ich be- tsr- ion md ind der Ne- Ber Krscheint Wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Dertag der »oirtbuch Handlung Hattingen-Zürich. NoSscudullgti» iranlo gegen franlo Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz losten Doppelporto. Der SoMMMkrat Jentrat-Krgan der deutschen Sozialdemokratie. Abonnements werden bei allen schweizerischen Postbureaur, sowie beim Verlag und dessen belannten Azente» entgegengenommen, und zwar zum voranS zahlbar«» Vierieljahrspreis von J?r 2— sllrdieSchwelzsKreuzband) Ml Z— für Deutschland(Couvcrt) st. l.7i> für Oesterreich Weltpostvereins lllreuzband). Zuserate die dcctgeipaltene Petitzeile 2S Cts. 2ll Pfg. sM 27. Aonnerjlag, 3. Juli. issa. Avis an die Abonnenten und Korrespondenten des„Sozialdemokrat." Da der Soiialdemolrat� sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten tst, bezw. verfolgt wird und dte dortigen »«Hörden fich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu JJJJ' v»d unsere ZeitungS. und sonstigen Speditionen nach dort abzusangen. so ist die Musterst- Borficht im Postv-rlehr�� darf leine VorfichtSmahreg-l versäumt werden. die Briefmarder überden wahren Abscnd-r und lkmpsang-r �e den Inhalt der Sendungen IU täulchen und lektere dadurch zu schützen Hauptersordernlst lst hiezu emers-lt», daß unsere Freunde so selten att möglich an d'n.Saztald-m-krat- resp. dessen Verlag selbst adresslren. sondern flch möglichst an Irgend eine unverdächtiae Adreste austerdalb Deutichlands und Oesterreichs niend-n m-t». n,<....-.... unorroaloiigr stehenden Schwierigleite» den.Sozialdemokra,- unsereil Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern Einladung)um Abonnement. „Der Sozialdemokrat," Zentral-Organ dar dtutsche» Sozialdemokrati«, ttlcheint wöchentlich einmal in Zürich. »Aus dem Wndener Kongreß zum offiziellen Organ der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland» erklärt, hat das Blatt eine Verbreitung gefunden, wie ste bei seiner ti.it dung kaum erhofft worden war. Auf dem Kongreß zu Kopenhagen konnte ""halb mit Genugthuung gesagt werden, daß die deutsche Sazialdemokrutie in ihrem türgan die mächtigste Waffe gegen da» über ste verhängte Ausnahmegesetz besttze. »n Abonnement auf das Blatt ist durch diese» Gesetz nicht verboten, sondern JJ? d>« Verbreitung, und zu letzterer haben fich fast allerort» energische und aus- -vserungSsähige Genoffcn genug gefundenem'. Kenoffen und Freunde allerwärt», erheb« den Sammel- und Werber»� longesetzt ausdauernden Arbeit, zum unbeugsamen Kampf, zum endlichen Sieg- 1 Mit sozialdemokratischem Gruß! «edaktion und»Spedition»«»„Gozialdemotrat--. Bildung und Freiheit. Im Grazer Anarchistcnprozeß sagte einer dee Angeklagten: «Der Unterschied zwischen den radikalen Sozialisten und den Gemäßigten besteht darin, daß Letztere durch Bildung zur Freiheit wollen und wir— die Radikalen— durch Frei> heit zur Bildung." Ob der erstere Satz je von den„Gemäßigten", d. h. von den Sozialdemokraten Oesterreichs, als Parole auSl gegeben wurde, möchten wir sehr bezweifeln; unS ist wenigstens kein„Gemäßigter" bekannt, der ihn unterschreiben möchte, keiner, der nicht wüßte, daß dieser Satz:„Durch Bildung zur Freiheit" weiter nichts als eine Phrase ist, fast ebenso nichtssagend wie die:„Durch Freiheit zur Bildung". Thatsächlich entstammen denn auch beide dem bürgerlichen Lager; die erstere gehört dem bürgerlichen Liberalismus, die zweite dem bürgerlichen Radikalismus an. Für die Bourgeoifle, deren politischen Bedürfnissen nun einmal eine mehr oder minder„freiheitliche" Verfassung am besten entspricht, ist eS allerdings eine höchst bedeutungsvolle Frage, ob Freiheit bildet oder Bildung freimacht, und wir wissen Alle aus der Geschichte, wie das radikale französische Bürgerthum dazu kam, die Freiheit voranzustellen, während der philisterhafte deutsche Bürger über den Mangel an Freiheit sich mit dem süßen Tröste hinwegsetzt, daß er doch eigentlich sehr„gebildet" und in Folge dessen der »wahrhaft freie" Mann sei. Denn die„wahre Freiheit" bestehe eben darin, sich über den Mangel politischer Freiheit philosophisch hinwegsetzen zu können. Da nun noch nicht alle Menschen so »gebildet" sind wie er, so ist cL klar, daß die große Masse weder für die wahre, noch für die ganz unphilosaphifche p o li. tische Freiheit reif sei. Wie steht nun der Sozialdemokrat dieser Streitfrage gegen- über? Wir werden unS das leicht klar machen können, wenn wir unS über den Sinn der Worte Freiheit und Bildung verständigt haben werden. Um mit dem letzteren zu beginnen, so wollen wir vorerst kon- statiren, daß heute zwar sehr viel von Bildung gesprochen wird, kein Mensch aber so recht sicher sagen kann, waS das Wort bedeutet. Wenn wir sagen, Bildung heißt Ausbildung deS Geistes, deS Verstandes, der Fertigkeiten, Bildung ist eine gewisse Höhe der Erkenntniß, ein gewisser Umfang des Wissens, ein gewisser Grad von Fertigkeit, so sind wir damit im Grunde noch wenig weiter. Denn welcher Grad, welcher Umfang, welche Höhe sind noth- wendig, um den Anspruch auf Bildung zu rechtfertigen? DaS ist die Frage. Ueber die Antwort hierauf sind sich die Gelehrten selbst noch nicht einig, und die klügsten von ihnen ziehen sich dadurch auS Affäre, daß sie sagen, man kann von Bildung nur in Beziehung auf einen bestimmten Zweck sprechen. Wir ständen also vor einer weiteren Frage: welche Bildung ist denn nun nothwendig zur Freiheit? Vielleicht kommen wir schneller zum Ziele, wenn wir uns an das Wort Freiheit machen. WaS ist Freiheit? Das Frei« Sein von jedem Zwang, von jeder Schranke, lautet die umfassendste Antwort. Der Begriff wäre damit vielleicht gekennzeichnet, leider aber weiß nun heute nachgerade jcdeS Kind, daß die Sache nirgends und zu keiner Zeit existirt hat. Die Freiheit ist immer nur ein negatives Prinzip, und absolute Freiheit ist daher, selbst von aller Erfahrung abgesehen, rein logisch ein Unding. Es kann sich immer nur um ein Freisein von bestimmten Schranken, von bestimmtem Zwange handeln. Wir wissen, daß unser Wille kein freier ist, sondern beeinflußt wird durch Faktoren, die zum Theil außer unS liegen: durch unsere Umgebung, unsere Erziehung; zum Theil allerdings in uns, über die wir aber keine oder doch nur geringe Macht haben, wie unsere Kon- stitution, unsere Nerven, unsere Gehirnbildung, unser Tempera- ment, unsere Leidenschaften. Wir wissen feri.er, daß aber auch unsere Willensäußerungen, seien sie nun freie oder nicht, von jeher durch äußere Faktoren eingeschränkt wurden— in erster Linie durch die Natur selbst, alSdann durch gesellschaftliche Eiw richtungen. Im Gegensatz zu den ersteren Schranken spricht man von „moralischer Freiheit", im Gegensatz zu dm Schranken, welche die gesellschaftlichen Einrichtungen uns auferlegen, von sozialer und politischer Freiheit. Was nun die moralische Freiheit anbetrifft, so ist ja klar, daß soweit wir überhaupt im Stande find, der Faktoren Herr zu werden, die unseren Willen beeinflussen, das nur erreicht werden kann durch wachsende Erkenntniß. In diesem Sinne hat also der Satz:„Durch Bildung zur Freiheit" seine gewisse Berechtigung. Vom pädagogisch-moralischen Standpunkt auS wird sich wenig gegen ihn einwenden lassen. Ein politisches Postulat ist er aber nicht. Die politische Freiheit steht mit der Bildung, wenn wir darunter den Unterricht verstehen, in fast gar keinem ursächlichen Zusammenhang. Wir finden Völker mit sehr entwickelter Freiheit und sehr niedriger Bildung, und das gebildete deutsche Volk zeigt uns am besten, wie man sehr gebildet und politisch sehr unfrei sein kann. Daß die politische Freiheit aber an sich noch nicht zur Bildung führt, sehen wir an dem Deutschland an politischer Frei heit sehr überlegenen Belgien, an Spanien, an verschiedenen „Republiken" Südamerikas:c. Man könnte uns nun sagen: ja dort herrscht zwar formell politische Freiheit, aber infolge ihrer Unwissenheit sind die Massen dort noch schlimmer daran als anderswo. Ganz recht, antworten wir, aber das wäre dann höchstens eine Bestätigung deS Satzes: Ohne Bildung bleibt Freiheit stets ein leerer Schall. Die, wenn wir uns so ausdrücken sollen, formale Freiheit hängt von der Bildung nicht ab, aber der unwissende Bürger des freiesteu Staates wird stets das blinde Werkzeug in der Hand deL Wissenden sein, der dessen Leidenschaften zu benutzen versteht. Bis hierher haben wir uns rein auf dem Boden des bürger- lichen Freiheitsgedankens bewegt; gehen wir nun aber einen Schritt weiter und schauen uns auf sozialem Gebiet um. Hier verliert der Satz:„Durch Bildung zur Freiheit" jeden Sinn. Mau kann in der heutigen bürgerlich- kapitalistischen Gesell- schaft mit der höchsten Bildung verhungern, und man kann mit der Bildung eines Fleischergesellen Millionär werden, wie an tausend Beispielen bewiesen, wie das stets wachsende geistige Pro« letarlat zeigt. Alles Wissen, alle Erkmntniß schützt den Bürger der kapitalistischen Gesellschaft nicht vor der sozialen Abhängigkeit; er mag geistig noch so„frei" sein, er mag, wie in Amerika, der politischen Recht« im vollsten Maße genießen, er bleibt doch Knecht, ein Unfreier, ein Sklave. Der schöne Klang, den da« Wort Freiheit für Viele hat, ver- liert sich sofort, wenn wir ihn auf da« soziale Gebiet übertragen. Da bedeutet er in der heutigen Gesellschaft Ausbeutung und Unterdrückung. Nur durch theilweisen Verzicht auf ihre persönliche Freiheit können sich die Arbeiter in Etwas gegen die Tyrannei des freien Kapitals wehren— in den Gewerkschaften. Dort ist nicht die Freiheit, sondern die Gleichheit, die Solidarität maßgebend. In der Freiheit des Kapitals liegt heute die Ursache der Knechtschaft des Arbeiters, des gebildeten wie de» ungebildeten. Die Kapitals- Freiheit zu stürzen, muß daher die Aufgabe der Arbeiterklasse sein. Zu diesem Zweck hat sie sich zu organisiren und sich alle die Waffen anzueignen, die ihr für diesen Kampf von Nutzen sind. Zu diesem Zweck hat ste sich politische Macht zu erkämpfen, und zur politischen Macht gelangt ste nicht allein durch politische Freiheit, sondern dazu bedarf sie auch der Erkennt- niß, wie diese Frecheit zu benutzen, wenn man also will: der Bildung. Es ist also unfinnig, Bildung und Freiheit zu trennen oder gar m einen Gegensatz zu einander bringen, und es heißt unsere Bestrebungen falsch darstellen, wenn man sie auf Postulate wie Bildung und Freiheit reduzirt. Unser Ziel ist die kommunistische Gesellschaft, die jedem Ein- zelnen nach Maßgabe der gesellschaftlichen Produktion die Befrie- digung seiner Bedürfnisse und damit den höchsten Grad von Frei- heit sichert, der in der menschlichen Gesellschaft überhaupt möglich ist, sowie die volle Ausbildung seiner geistigen und körperlichen Anlagen, die Theilnahme an allen Errungenschaften deS mensch- lichen Wissens,— Alles dies durch ihre Organisation auf Grund- läge der Gleichheit und der Solidarität. Die Kehrseite der Medaille. Wenn die große Masse der deutschen Bourgeoiswelt für Kolonien- Gründungen, Dampfersubventionen und ähnliche Projekte schwärmt, die darauf hinauslaufe», ihr neue Märkte zu verschaffen und so den Zusam- menbruch des kapitalistischen Systems hinauszuziehen, so ist das zu natürlich, als daß man sich darüber wundern sollte. Greift doch der Ertrinkende in seiner Todesangst begierig nach jedem Strohhalm, wenn er auch zehnmal weiß, daß derselbe seinen Untergang nicht verhindern kann. Die Arbeiterklasse aber hat, denken wir, alle Ursache, sich dem allgemeinen Geschrei gegenüber ihr ruhiges Urtheil zu bewahren und nüchtern zu prüfen, ob die goldenen Berge, von denen mau ihr heute vor- schwärmt, sich bei näherer Untersuchung nicht als luftige Einbildungen oder Schlimmeres herausstellen. Es ist das umsomehr geboten, als es heutztitage Sitte geworden ist, die Fürsorge für die Arbeiter als Etikette für jeden Schivindel herauszustecken. So wurde auch die neue Postdampfersubventionsvorlage als ein Stück Arbeiterfürsorge hingestellt. Wo die deutsche Flagge weht, hieß es, zieht stch auch der deutsche Handel hin; vermehrter Handel heißt vermehrter Absah von Produkten, vermehrter Absatz heißt vermehrte Produktion, vermehrte Produktion vermehrte Arbeitsgelegenheit— die schönste Ver- wirklichung des jüngst von höchster Stelle verkündeten„Rechtes auf A r b e i t." DaS klingt— ganz abgesehen von der letzten Phrase— sehr ver- sührerisch, und so haben wir uns gar nicht gewundert, auch in einem deutschen Arbeiterblatte einen Artikel zu finden, der sich im Prinzips für die Dampfersubvention aussprach. Da hieß es am Schluß: „Auf den Einwand, daß eine thatsächliche Förderung des Absatzes unserer Jndustrieerzeugnisse doch nur allein der Bourgeoisie zu Gute käine, die Arbeiter also wenig oder gar kein Interesse an der Frage hätten, haben wir Folgendes zu erwidern. „Richtig ist, daß der Kapitalisinus den Löwenantheil der Erträge der Produktion für sich beansprucht, die arbeitende Klasse dagegen nur einen verhältnißmäßig geringen Autheil erhält, aber die Arbeitsgelegenheit wird vermehrt, dadurch die Arbeitslosigkeit verringert und hierdurch wieder ein Sinken des Lohnes verhindert. Dieser Löwenantheil wird auch durch die Verstaatlichung der Verkehrswege allein nicht zu beseitigen sein; richtig ist es aber auch, daß der Staat die Pflicht hat, sich um die Regelung der Produktion und Konsumtion zu beküinniern. Wenn der Staat dabei die wunderlichsten Sprünge macht und statt des' Maxi- malarbeitstags die Subvention von Dampserlinien beantragt— in deren Hintergrund vielleicht die Verstaatlichung des Verkehrswesens überhaupt und die Kolonialfrage schlunimern mag— so ist das allerdings nicht besonders anmuthend, aber immerhin ist es ein Zeichen, daß der Lehrling anfängt, etwas zu lernen." Wir wollen uns bei dem„wunderlichen Sprung" von dem Staat, der Dampferlinien subventionirt, aus den„Lehrling, der anfängt, etwas zu lernen", nicht erst aufhalten, fondern gleich auf den Kernpunkt der Sache eingehen, wie es denn mit dem verinehrten Absatzgebiet in Wirklichkeit steht.— Die Hauptlinien, die projektirt sind, betreffen Ostasien— also vor- zugsweise China und A u st r a l i e n. In Australien ist nicht nur die Konkurrenz der übrigen Industriestaaten eine sehr große, es macht auch dort das Bestreben nach wirthschaftlicher Emanzipation sich immer inehr geltend, so daß an eine nennenswerthe Erweiterung des deutschen Absatz- gebietes kaum zu denken ist. Vorzugsweise aber ist es Chi» a, auf das unsere Welthandelsschwär- mer ihr Auge lenken. China, dieses Riesenland, eröffnet sich iminer mehr und mehr dem Verkehr,— da muß doch also noch sehr viel zu machen sein! Hören wir einen solchen Chinaschwärmer: In der Münchener„Allgemeinen Zeitung" vom 23. Juni läßt sich ein Herr Emil Deckert wie folgt vernehmen: „Daß China ein sehr reiches Wirthschaftsgebiet ist und daß es zahl- reiche und große aktuelle, und vielleicht noch zahlreichere und größere latente(d. h. bis jetzt noch»»entdeckte. Die Red.) Fähigkeiten für den Welthandel und Weltverkehr besitzt, ist zu allgemein bekannt, als daß wir nöthig hätten, hier anders als andeutungsweise davon zu reden. Wenn ein Land nahe an ein Drittel säinnitlicher Erdbeivohner in seine,« Grenzen einschließt und wenn es eine so kolossale Einwohnerzahl durch sich selbst nährt und erhält und zu einer hohen Zivilisation gelangen läßt, so muß dasselbe ja wohl eine gewaltige Produktionskraft und eine hohe' und vielseitige kulturgeographische Begabung besitzen. Da brauchen wir noch gar nicht daran zu denken, daß die Chinesen allein an T h e e und Seide— den beiden einzigen.Hauptstapel- artikeln des Landes, die sich bisher von den großen Strömungen des Welthandels erfassen ließen— sehr große Werthe für den Export er- zeugen(1880: nahe an 400 Millionen Mark). Da brauchen wir noch gar nicht daran zu denken, welche hohe Meinung der gründlichste Kenner China's— unser Richthofen— von dem großen ostasiatischen Lande hat, wenn er in seinem schönen Werke versichert, daffelbe sei„materiell das gesegnetste unter allen Ländern der Erde, eine scheinbar unerschöps- liche Schatzkammer, was die P r o d u k t e des Bodens und i n t e l l i- gente n« enschliche Arbeitskrast betrifft, ein Land von einer unberechenbar großen und wichtigen Zukunst, dessen gigantischer Handel mehr die Arena des Wettkampfes der Kulturvölker werden wird." Und da brauchen wir uns noch gar nicht mit irgendwelchen wirthschaftsgeo- graphischen Spezialfragen zu besassen. Aus dem bloßen Faktum der ungeheuren Volkszahl und Volksdichtigkeit China's erhellt seine nicht leicht zu überschätzende Wichtigkeit als P r o d u k t i o n s g e b i e t wie auch als Absatzgebiet. In beiden Beziehungen scheint es dazu bestimmt, ein Wirth- schastsgebiet und eine Welthandelsprovinz allerhöchsten Ranges zu bilden, ein Wirthschaftsgebiet, dem wir höchstens Gesammteuropa, Ztordamerika und Indien an die Seite stellen können. Hinsichtlich seiner u n g e h e u- ren Produktionskraft dürste es in dem Systeme der Weltver- kehrsströmungen eine ähnliche Rolle zu spielen bestimmt sein, wie sie in dem Systeme der Luftströinungen die großen Hauptgebiete maxinialen Barometerdrucks spielen: es dürfte jederzeit fähig und mehr und mehr auch geneigt sein, einen beträchtlichen Theil seiner U eberfülle an die anderen Erdräume abzugeben. Hinsichtlich seiner aktuelle» und latenten Konsumtionskraft aber dürfte es früher oder später ebenso auch noch einmal ähnlich wirken, wie bezüglich der Luftströmungen die großen Hauptgebiete minimalen Barometerdrucks, die großen Aspirationsräume Güter und Waaren dürften dereinst in riesigen Mengen nach ihm hin- strömen können, ohne daß daselbst irgendwelche Beschwerniß und irgend welch' lästiger Ueberfluh hervorgerufen würde." Wie man sieht, fast lauter Zukunftsmusik: alles Schöne, was da ver- heißen wird, soll„früher oder später" kommen. Vorläufig aber ist der Außenhandel Chinas in Wirklichkeit ein recht unbedeutender, und weit entfernt, ein so glänzendes Absatz gebiet für europäische Produkte zu sein, ist China vielmehr auf dem besten Wege, sich zum Konkurrenten für europäische Produkte auf außerchinesischen Märkten zu entwickeln— Dank seiner„ungeheurenProduktionskraf t". In Hinterindien verdrängt schon jetzt der„sehr intelligente" chinesische Kaufmann den Europäer, wie der chinesische Arbeiter— dessen„Rührigkeit und Bienen- fleiß" Herr D e ck e r t nicht genug rühmen kann— überall, wo er hin- kommt, den europäischen Arbeiter verdrängt. „Der größte Theil der europäischen Kaufmannshäuser in Ostasien", schreibt Herr E. Z ö l l e r, ein Berichterstatter der„Kölnischen Zeitung", „ist in den letzten Jahren der chinesischen Konkurrenz zum Opfer gefallen — darunter nicht wenige deutsche." Wie auf allen anderen Plätzen des Weltmarktes, so herrscht auch auf den ostasiatischen und australischen Märkten eine wahrhaft wahnsinnige Konkurrenz. Eine Nation strebt danach, die andere zu unterbieten, und dieser Unterbietungsprozeß soll durch die neuen subventionirten Dampferlinien deutscherseits noch gefördert werden. Aber man bilde sich nicht ein, daß damit etwa viel für die deutsche Industrie erreicht würde. Die konkurrirenden Nationen werden keines- falls ruhige Zuschauer bleiben; auch sie werden durch alle möglichen Manöver ihre Produkte noch billiger auf den Markt zu werfen suchen als bisher— und der Tanz kann von Neuem beginnen. Das Ende vom Liede heißt natürlich immer: Ueberproduktion — Lohnreduktion. Als Sozialisten sind wir sicherlich keine Gegner eines friedlichen Handelsverkehrs unter den verschiedenen Nationen und können es nur mit Freuden begrüßen, wenn sich die Völker durch lebhafteren Verkehr immer näher rücken; aber damit ist nicht gesagt, daß wir der wahnsin- nigen Art, wie heute der Tauschverkehr betrieben wird, der kolossalen Verschleuderung von Produkten, nur um zu tauschen, kritiklos zusehen, den Redensarten der interessirten Bourgeoiskreise unbesehen Glauben schenken sollen. Die Dampsersubvention, wie Bismarck sie vorgeschlagen, ist keineswegs dem Bestreben entsprungen, Produktion und Konsumtion in irgend einer Weise zu regeln. Warum sollen die Dampfer subventionirt werden? Damit sie auf Rückfracht leichter verzichten können, denn die Rückfracht von Indien und Australien heißt Wolle, Fleisch, Reis, Getreide— Alles Gegenstände, deren Import den preußischen Junkern nicht in den Kram paßt. Das ist der Kasus. Die Dampfersubvention steht im engen Kontakt zu der deutschen Schutzzollpolitik, ist gewissermaßen eine Ergänzung der- selben. Und gleich dieser wird sie, wie gesagt, wenn überhaupt, nur einen höchst ungesunden Einfluß auf die Vermehrung der Produktion ausüben, der ein um so stärkerer Rückschlag folgen muß. Es klingt sehr schön: Schutz und Beförderung der nationalen Arbeit. Aber die Kehrseite dieses„Schutzes" heißt Verschlechterung der Lage der internationalen Arbeit, und wie problematisch der Schutz auch sein mag, die Verschlechterung ist eingetreten, inner- und außerhalb des Walles der Schutzzölle. Darum noch einmal: wo die interessirte Bourgeoisie immer nur die glänzende Außenseite sieht, haben wir Sozialisten die Pflicht, auch die Kehrseite der Medaille in's Auge zu fassen. Aus Polen. Warschau, Mitte Juni 1884. Sie haben lange nichts über die sozialistische Bewegung in Polen oder besser unter den Polen gebracht, gestatten Sie mir daher, Ihnen einiges Wissenswerths über den Stand derselben mitzutheilen. Die polnische sozialistische Bewegung, welche seit dem Jahre 1878 datirt, trat— dies sei zunächst konstatirt— von vornherein mit einem durchaus internationalen Programm auf. Alle Versuche, sie mit nationalen Tendenzen zu verquicken, verunglückten; seit dem Frühjahr 1883 hat die internationale Richtung die Oberhand: eine Partei mit ge- heimer, stark zentralisirter Organisation, ein Zentralkomite an der Spitze, organisirt sich in W a r s ch a u, die Agitation nimmt einen kräftigen Aufschwung und ihr Einfluß dokumentirt sich durch eine lebhafte Bewe- gung in der arbeitenden Klasse. Eine geheiine Druckerei wird gegründet, aus der eine Reihe von Aufrufen, den Bedürfnissen des Augenblicks entsprechend, hervorgehen. Am 15. September 1883 erscheint die erste Nummer des Parteiorgans„Das Proletariat". Vergeblich wird die ganze Polizei aufgeboten, die geheime Druckerei zu ermitteln, vergeblich werden wiederholt Massenverhaftungen inszenirt, welche die Partei ihrer besten Kämpfer berauben— die gelichteten Reihen werden bald ergänzt, und ungeachtet aller Verfolgungen erscheint das Organ weiter. Jetzt liegt bereits die Nummer 5 des„Proletariat" vor, datirt vom vom 1/13. Mai 1884. Sie besteht aus 18 Seiten Groß-Quart-Format, ist für eine geheime Druckerei sehr sorgfältig gedruckt und hat folgenden Inhalt: Obenan nachstehende Erklärung des Zentralkomites: „Vor Kurzem wurden mehrere Personen verhastet unter der Anklage (national-) patriotischer Tendenzen. Die öffentliche Meinung verbindet die Verhaftung mit einer That verbrecherischen Charakters*) und gewisse Leute wollen die That in Beziehung zu der Thätigkeit des„Proletariat" gebracht sehen. „Wir achten unsere Fahne zu hoch, um nicht eine solche Beschuldigung energisch zurückzuweisen. „Wir erklären, daß unser Charakter als Kämpfer für die Arbeitersache in keiner Weise verträglich ist mit Konspirationen patriotischer Natur. „Wir erklären außerdem, daß unsererseits Gewaltakte nur als Akte der Bestrafung für Schädigungen der Volkssache, begangen von Feinden, die sich in offenem Kampfe mit uns befinden, ausgeführt werden. Das Zentralkomit e." Alsdann folgt ein Leitartikel; dann ein Artikel:„Die Regierung und wir", in welchem die Partei erklärt, daß sie in der Regierung nur den Ausdruck der gegenwärtigen Gesellschaftsorganisation erblickt; da indeß die Regierung auch gleichzeitig das organisirte Zentrum des ganzen sozialen Mechanismus ist, so kämpft die Partei gegen dieses Zentrum, um es zu desorganisiren.— Eine Chronik über die Lage der Arbeiter im Königreich Polen enthält eine Fülle von Mittheilungen über unsere Arbeitsverhältnisse. Die Chronik der Verfolgungen verzeichnet 37 Verhaftungen und zahl- reiche Haussuchungen. Den Schluß machen Korrespondenzen aus verschiedenen Ländern, dar- unter auch eine aus Deutschland. Gleichzeitig während das„Proletariat" im Lande selbst erscheint, besitzt die Partei zwei weitere Organe im Auslande. Eine Monatsrevue„Walka Klas"(Klassenkampf), deren erste Nummer im Mai erschienen ist. Die- selbe enthält u. A. Artikel über„die Organisation und die aus dem intellektuellen Proletariat rekrutirten revolutionären Elemente", über „Nationalität und Klassenkampf", über„die Entwickelung und den Cha- rakter der Bourgois-Oekonomie" von der Bürgerin Wojnarowska, und einen Artikel des ehemaligen KommunemitgliedeS Lefrangais, betitelt:„Versuch eines sozialen Buchführungssystems". Alsdann eine Rundschau, aus den drei Theilen Polens, sowie eine Chronik über die sozialistische Bewegung in Frankreich und Deutschland. Das zweite Organ der Partei im Auslande ist der„P r z e d s w i t" (Morgenröthe), der den Zweck hat, die Lehren des Sozialismus populär darzustellen. Des Weiteren sende ich Ihnen eine Proklamation, die in polnischer und deutscher Sprache(in Z g i e r z, einem industriellen Bezirke von Lodz, gibt es unter den Arbeitern viele Deutsche) abgefaßt ist und als Beitrag zur Charakteristik des Kampfes der Sozialisten in Russisch-Polen dienen mag. „In Ansicht dessen, daß das Zentralkomite untilgbare Beweise hat, daß Franz Helscher, Mitglied der Partei„Proletariat" in Zgierz (Russisch-Polen), ohne die geringsten Gründe zu haben, welche ihn ent- *) In P s k o w wurde letzten Winter eine alte, sehr reiche Wittwe ermordet und ausgeraubt. Die Polizei will in diesem Verbrechen die Aktion eines kleinen patriotischen Zirkels erblicken. schuldigen könnten, Denunziant wurde, beschloß das Zentralkomite am 28. Mai d. I.: 1) um Franz Helscher unschädlich für die Organisation zu machen, 2) um denselben für Verrath zu strafen: a) den genannten Franz Helscher zum Tode zu verurtheilen; b) mit der Vollstreckung des Urtheils das Arbeiterkomite in Zgierz zu beauftragen. Warschau, 28. Mai 1383. Dieses Urtheil wurde am 6. Juni d. I. vollstreckt. Das Zentralkomite. Proklamation: Genossen! Eine traurige Nachricht theilen wir Euch mit. Wir waren gezwungen, obgleich mit Ekel, uns mit dem Blute unseres Kameraden Franz Herschel, eines Mitgliedes der Organisation in Zgierz, zu beflecken, mit Ekel, wiederholen wir, denn wir sind noch nicht, wie die Regierung bei uns, an gräßliches Blutvergießen gewöhnt. Helscher besaß nicht genug moralische Kraft, um sich den verschiedenen Einflüssen zu widersetzen. Er stellte sein persönliches Interesse über das allgemeine Wohl; er bemühte sich, einige Arbeiter in's Gefängniß zu stürzen, und drohte, daß er noch Manchen hinter Schloß und Riegel setzen werde. Wir hatten also zu wählen: entweder einige Genossen zu verlieren oder Helscher unschädlich zu machen. Wir wählten das Letztere, und so ereilte Helscher der Tod, der jeden Verräther treffen soll und muß. Wer den Kampfplatz betritt, weiß recht gut, daß ihm jeden Augen- blick die Festung oder die schneebedeckten Flächen Sibiriens drohen. Wer nicht Kraft genug besitzt, um den Kampf auf Leben und Tod auszu- kämpfen, bleibe lieber bei Seite, denn besser ist es, wir seien schwächer an Zahl, als daß wir Verräther in unserer Mitte hegen. Mag also Jeder dessen eingedenk sein, daß den Verräther, welche Gründe auch immer ihn zum Verrath bewegen mögen, ob Angst oder persönliches Interesse, Verräther im Gefängniß oder in der Freiheit, unumgänglich der Tod erwartet. Das Zentralkomite." Ein Kommentar zu dieser Proklamation ist wohl unnöthig. Was dar- über zu sagen ist, steht darin. Es ist nicht Schuld der polnischen Sozia- listen, daß ihr Kamps eine solche Form zur Schau trägt. In meinem nächsten Briefe mehr. Mit sozialdemokrattschem Gruß! B. TV-i. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 2. Juli 1884. — Da der Unsug der Vielkandidaturen fortdauert — wie aus den Kandidatenlisten erhellt—, so werden die Parteigenossen nochmals auf den Kopenhagener Kongrehbeschluß hingewiesen, wonach bei Ausstellung von Kandidaten hauptsächlich lokale Kandidaten berücksichtigt und Vielkandidaturen möglichst vermieden werden sollen. Finden die Genossen keinen geeigneten Lokalkandidaten und wollen sie ihnen bekannte, auswärtige Genossen aufstellen, so ist es wünschenswerth, daß sie sich vor der endgiltigen Aufstellung mit der Parteiverttetung(nicht einem einzelnen Abgeordneten) in Verbindung setzen. Wir glauben aber, daß geeignete Personen in genügender Zahl zu finden sind und daß, außer in den seltensten Fällen, nirgends die Roth- wendigkeit obliegt, einem Genossen, der bereits eine aussichts- volle Kandidatur hat, andere Kandidaturen zu übertragen. — Ueber Elberfeld-Barmen schwebt der„Kleine"— so berichtet die in dieser Beziehung stets sehr freigebige nationalmiserable Presse. Die sozialdemokratische Agitation soll im W u p p e r t h a l e in letzter Zeit einen wahrhaft gefahrdrohenden Umfang angenommen haben — ein klassisches Zeugniß für die Tüchtigkeit unserer dortigen Genossen und die— Wirksamkeit des Sozialistengesetzes. Ob nun in den maßgebenden Kreisen die edle Absicht wirklich besteht oder ob die Notiz nur erst ein Fühler war, wird sich ja bald zeigen. Für erstere Lesart spricht die Dirigirung des bekannten Dynamitagenten nach Elberfeld, sowie die Provokation unserer dortigen Genossen durch die Elberfelder Polizei. Man will, wie es scheint, gerne einen kleinen „Aufruhr" haben. Anders läßt sich wenigstens das Verhalten der Polizei bei einem Ausflug unserer Genossen nach dem Langenhans bei Ronsdorf nicht erklären. Unsere Leser werden darüber aus der Tagespresse unter- richtet sein. Wir behalten uns vor, darauf zurückzukommen, konstatiren aber vorläufig, daß, wenn es am 22. Juni nicht zum Krawall kam— die Polizei hatte bereits bei den Lült ring hauser Kriechervercinen um Sukkurs requirirt!— dies nach den Berichten der unabhängigen Presse nur der ruhigen Haltung der Arbeiter zuzuschreiben ist. In welcher Weise die Polizei provozirte, dafür eine Stelle aus dem Bericht der Berliner„Volkszeitung": „Bei der Ankunft in Elberfeld kam es zu neuen stürmischen Auf- tritten. Die Polizei verlangte, daß die Theilnehmer an der Partie einzeln gehen sollten, welchem Begehren, da es ein Ding der Unmöglichkeit war— es waren gegen 1000 Personen!—. nicht Folge geleistet wurde. Die berittenen Schutzleute sprengten nun in die dichtesten Haufen hinein, wobei verschiedene Personen überritten wurden." In der That, es gehört eine starke Portion deutscher Geduld dazu, bei solchen Nichtswürdigkeiten nicht dreinzuschlagen. Furcht war es nicht, das haben unsere wackeren Genossen mehr als einmal bewiesen, und auch die Drohung mit dem„Kleinen" wird sie nicht zurückhalten, das zu thun, was sie sür recht und zweckmäßig erachten. Mit der Polizei werden sie abrechnen, wenn eS ihnen paßt; die Antwort auf den „Kleinen" aber wird dieselbe wie die unserer Hamburger Genossen sein: die Eroberung des Wahlkreises. — Fortschrittlich-volksparteiliche GesinnungS- t ü ch t i g k e i t. Die Herren Leopold Sonnemann und Eugen Richter sind sich zwar neuerdings recht hübsch in die Haare gerathen, allein das sind blas rein persönliche Differenzen— im Grunde des Herzens sind die beiden Herren nebst den hinter ihnen stehenden oder von ihnen angeführten„Parteien" e i n Herz und eine Seele, wo es gilt, jedem ernsthasten Versuch zur Bekämpfung des herrschenden Systems in den Weg zu treten. Das zeigte sich dieser Tage wieder recht deutlich. Unseren Lesern ist die A f f a i r e B u l y g i n bekannt; sie wissen, daß ein Russe, der auf deutschem Boden(in Freiburg in Baden) betroffen werden konnte, von den badischen Behörden an die russische Regierung ausgeliefert wurde. Um diesen Akt der Niedertracht, bei welchem der Freiburger Staats- anmalt von Berg eine hervorragende Rolle gespielt hat, gebührend zu kennzeichnen, dem beleidigten Rechtsgefühle die einzige noch mögliche Ge- nugthuung zu verschaffen und die Unschuld des deutschen Volkes an der Infamie einer deutschen Regierung zu beweisen, wollten die Abgeord- neten Liebknecht und V o l l m a r Namens der sozialdemokratischen Fraktion eine Interpellation, betreffend diesen schmachvollen Vor- gang, an die Reichsregierung richten. Zu einer Interpellation gehören aber nach der Geschäftsordnung des Reichstages dreißig Unterschriften. Um diese zu erlangen, wandte man sich an die Fortschrittspartei(die „Deutsch-Freisinnigen") und die Volkspartei, und unterbreitete folgenden Entwurf der Interpellation: „Im Laufe des Monats März d. I. wurde der russische Staats angehörige B u l y g i n in Freiburg im Breisgau unter der Anklag der Verbrettung verbotener Schriften verhaftet. Nach längerer Unter- suchungshaft wurde er vom zuständigen Landgericht außer Verfol- gung gesetzt. Unmittelbar darauf wurde Bulygin jedoch(im letzten Drittel des Monats Mai) im Geheimen und ohne daß weder an seine Frau noch auch selbst an seinen Rechtsanwalt Mittheilung erfolgt wäre, an die russische Regierung ausgeliefert. Diese Auslieferung erfolgte, trotzdem Baden keinen Auslieferungs- vertrag mit Rußland besitzt, und auf die einfache Angeberei eines russischen Beamten hin, daß Bulygin vor Jahren in Rußland ein Verbrechen begangen habe, welches indeß, auch nach den Angaben dieses Beamten, auf politische Beweggründe zuückzuführen ist. Die Identität des'Ausgelieferten mit dem Urheber jenes angeblichen Verbrechers wurde lediglich durch den russischen Ankläger festgestellt. Wir richten in Folge dessen an die Reichsregierung die Anfrage: 1) Hat dieselbe Kenntniß von diesen die Rechtssicherheit in Deuschland schwer schädigenden Vorgängen? 2) Hat sie bei diesen Vorgängen mitgewirkt? 3) Ist sie Willens, von der russischen Regierung die Wiederfrei- lassung des ihr zu Unrecht Ueberlieferten zu erwirken?" Dies der vorgeschlagene Wortlaut. Es wurde jedoch ausdrücklich mit- getheilt, daß die Antragsteller bereit seien, in redaktionelle und sonstige Aenderungen zu willigen, welche Wesen und Zweck der Interpellation nicht alterirten. Wohlan, nach verschiedenen Tagen des Hinhaltens kam sowohl von Seiten der„Deutsch-Freisinnigen" als der Volkspartei der Bescheid, st könnten zur Einbringung der Interpellation nicht behilflich sein. In der bezüglichen Fraktionssitzung der„Dentsch-Freisinnigen" war sogar der ausdrückliche Beschluß gefaßt worden, daß nicht nur die Fraktion als Ganzes die Unterstützung zu verweigern habe, sondern auch kein einzelnes Fraktionsmitglied seine Unterschrift hergeben dürfe. Dieses Verfahren charakterisirt und richtet sich selbst. Die spießbürgerliche Furcht, in den Verdacht„nihilistischer" Sympa- thien zu kommen, bildet— neben dem Haß gegen unsere Partei— die Triebfeder. Erwähnt sei nur noch, daß dieser ablehnende Bescheid hauptsächlich auf Betreiben der Herren Sonnemann und Eugen Richter erfolgt ist. Letzterer traktirte verschiedene seiner„Fraktionsgenossen", die sür die Interpellation eintraten, in der bekannten Hausknechtmanier (aktiv und passiv), an welche er sie nachgerade so gewöhnt hat, daß keiner zu mucksen wagte. Namentlich der Abgeordnete Munckel hatte zu Gunsten der Interpellation plädirt. So feig hat sich noch keine Oppositionspartei benommen. — Aus dem Reichstag. Man schreibt uns unterm 27. Juni: Die Tobten reiten schnell. Der sterbende Reichstag ebeilt sich, aus der Welt zu kommen, und das ist das Beste und Nützlichste, was er thun kann. Am vorigen Samstag wurde der Rest des Zlnfallgesetzes in zweiter Lesung erledigt— an die 100 Paragraphen in ein paar Stunden! Wä betheiligten uns nicht mehr an der Debatte, gegenüber der geschlossenen Majorität ist jedes Wort verlorene Mühe. Bei der dritten Lesung, dn heute stattfindet, wird Blos im Auftrag der Fraktion sagen, was noch gesagt werden muß. Am Montag wurde das A k t i e n g e s e tz in zweiter Lesung vorn Ansang bis zu Ende— mehrere hunderte Paragraphen!— durchgepeitscht Eine ernsthafte Debatte gab es nicht— die Herren Bourgeois waren unter sich— wir hatten keine Veranlassung, uns einzumischen. Der folgende Tag brachte die Entscheidung in Sachen der Leuschnerschen Wahl. Diese war bekanntlich im Februar vorigen Jahres vom Reichs tag beanstandet worden— die darauf hin angeordneten amtlichen Hebungen wurden in der üblichen Weise in die Länge gezogen," daß der Reichstag erst jetzt— nach mehr als fünf Viertel Jahren's zur Kassirung der Wahl gelangen konnte. Ueber das skandalöse(uw das ist noch ein milder Ausdruck) des herrschenden Wahlprüfungsven fahrens hat sich das Parteiorgan schon zur Genüge ausgesprochen, uw das Ergebniß der Debatte über die Leuschner'sche Wahl ist seiner WiV tigkeit wegen in einer besonderen Notiz(„Ad notam zu nehmen!") sprachen, so daß hier gar nichts weiter zu bemerken ist.— J Am Mittwoch wurde der famose„Ackermann'sche Antrag in dritter Lesung definitiv angenommen(mit eintt Majorität von 159 gegen 156 Sttmmen). Das Resultat wäre ein av' deres gewesen, wenn von den Herren Deutschfreisinnigen nicht so vieo gefehlt hätten. Mit Ausnahme Geiser's, der durch Erkrankung seist' Frau in Stuttgart zurückgehalten wurde, war unsere Fraktion vollzähst aus dem Posten und stimmte natürlich gegen den Antrag, obgleich e' — wie auch Bebel, der den Standpunkt der Fraktion zu vertteten holst in seiner Rede aussührte— unzweifelhaft von Vortheil ist, daß Schwindel-Rezepte unserer sozialen Kurpfuscher zur Anwendung gelange»- Nur durch die Praxis— das führten wir schon früher aus—'w1' die Schwindelhaftigkeit der Schwindelrezepte ad bowlool» demonstrirt. Am Donnerstag große Kolonialpolitik- Debatte! Hand Hand mit den reaktionären Zunft-Ntopistereien gehen die reaktionär«» Versuche, den„nationalen" Handel und die„nationale" Industrie dur<4 Gründung von Kolonien auf die Beine zu helfen. Statt durch eiw vernünftige Organisation der Arbeit eine gleichmäßige Ver- theilung des„Nationalreichthums" zu sichern und dafür zu sorgen, da? die arbeitenden Klassen, d. h. die Massen des Volkes, die Produkt« der„nationalen" Arbeit„konsumiren" können, behaupten die Herren Reaktionäre, die eine solche vernünftige, das ist s o z i a l i st i s ch«> Organisation der Arbeit nicht wollen, ja aus Sonderinteresse um jede» Preis verhindern müssen,— der im Inland mangelnde Ab- satz könne durch Absatz im Ausland ersetzt werden. Da versprich!| man die wunderbarsten Dinge. Die paar Tausend nackten oder halt' nackten Wilden, die irgendwo in einem afrikanischen oder sonsttgen von den Engländern, Amerikanern oder Franzosen als werthlos nicht be- setzten oder wieder aufgegebenen Küstenstrich wohnen, sollen so kolossal« Massen von deutschen National-Jndusttie-Produkten verbrauchen, da? dadurch der„Ueberproduktion" ab- und der deutschen Nationalindustti« für immer aufgeholfen wird. Nun— es gibt keine Dummheit, die nicht Gläubige fände, und so gibt es denn auch Leute, die an di« Wunderwirkungen der Kolonialpolittk glauben; und da Fürst Bismarck auf die Dummen spekulirt, so muß er natürlich in KolonialpoliW machen, und hoffte sogar, sich aus ihr ein gutes Wahlagitationsmttt« zu schmieden. Um das zu vereiteln, haben die Deutschfreisinnigen d,e Dampfer- subventtonsvorlage, welche die„nationale Kolonialpolitik" einleiten soll, in der Kommission begraben. Fürst Bismarck wußte es jedoch MÜ Hilfe seiner konservativen Handlanger zu Wege zu bringen, daß gestera (Donnerstag) bei Berachung einer ganz untergeordneten Vorlage eine„große' Debatte über Kolonialpolitik improvisirt wurde, welche ihm Gelegenheit gab, vor versammeltem Reichstagsvolk den— wohl nicht beabsichtigten Nachweis zu liefern, daß er selber nicht weiß, was die aus seinen Namen getaufte„Kolonialpolitik" ist. Die Debatte verlies vollständig im Sand, und Fürst Bismarck hat das erwünschte Wahlagitationsmittel nicht bekommen. Ein Versuch des Herrn W i n d t h o r st, die noch ausstehenden Bericht« der Wahlprüsungskommission durch Verschiebung der Tagesordnung nicht mehr zur Berathung gelangen zu lassen, wurde durch die Sozialdemo- kraten vereitelt, in derem Namen der Abgeordnete K a y s e r dagegen protestirte, daß die(nur bei Stimmeneinhelligkeit mögliche) Behandlung einiger neu eingelaufener Vorlagen vor Ablauf der geschäftsordnungs- mäßigen Frist stattfinde. Um die Abmachungen betreffs des noch in dieser Woche herbeizufüh- renden Schlusses der Session zu retten, mußte Herr Windthorst heut« in die Rückkehr zur ordentlichen Tagesordnung willigen, so daß di« Wahlprüfungen als erster Gegenstand zur Erledigung gelangten. Von Interesse sür uns ist nur die Wahl K u tz s ch b a ch s(im 22. sächsischen Wahlkreis, der früher Wiemer gewählt), bei der die in Sachsen üblichen„Unregelmäßigkeiten" und Beamtenwillkürlichkeiten verübt worden sind. Die Mehrheit der Wahlprüsungskommission hat die Un- gültigkeit beantragt, und diese wird auch von dem Reichstag gegen di« Stimmen der Konservativen und ihrer Schildknappen, der National- liberalen, beschlossen, obgleich sich der sächsische Gesandte von Nostiz- W a l l w i tz sehr stark anstrengte, um die sächsischen Behörden rein zu waschen. So weit es nöthig war, ihm heimzuleuchten, wurd« dies von Kayser besorgt. Nachschrift. Nach Erledigung der Wahlprüfungen— acht Wahlen bleiben ungeprüft!— begann die dritte Lesung des Unfallgesetzes. Zur Generaldebatte sprach verabredetermaßen in unserem Namen der Ab- geordnete Blos, und begründete unser ablehnendes Votum. Die Annahme des Gesetzes in der Fassung, welche ihm die Kommis« sion gegeben, ist sicher. Der Schluß der Session erfolgt morgen. — Ad notam zu nehmen! In der langen Session von 1382/3 beanstandete der Reichstag(am 13. Februar 1883) die Wahl des Abge« neten Leuschner für den 17. sächsischen Wahlkreis(Glauchau- M e e r a n e) und nahm bei dieser Gelegenheit auf Antrag der Wahl� Prüfungskommission fast einstimmig nachstehende Resolution an: iben D« chen eilt. lg-- in tev nit> tige non oon si- der der als nes PS- die lich er die ner Daß atte »Die Anmeldutig einer Wahlversanimlnng durch einen Sozial- demokraten kann an sich, auch selbst in Verbindung mit der An- kündigung, daß in der Wahlversammlung ein Sozialdemokrat als Redner austreten werde, nicht als Thatsache angesehen werden, welche gemäß§ 9 Absatz 2 des Gesetzes vom2l. Oktober 1878 die Annahme rechtfertigt, daß die Versammlung zur Förderung der im Absatz i a. a. O.(am angesührten Orte) bezeichneten Bestrebungen bestimmt ist." Wesentlich auf Grund des in dieser Resolution enthaltenen Prinzips >°urde vom Reichstag die Beanstandung ausgesprochen. Es dauerte fünfviertel Jahre, ehe der Reichstag in die Lage »M, die Angelegenheit endgiltig zu erledigen. Die vom Reichstag ge- loderten und daraufhin von der sächsischen Regierung angeordneten amt- Erhebungen zogen sich so in die Länge, daß die Wahlprüfungs- »Mmission erst um letzte Pfingsten von dem Resultat der amtlichen Er- Übungen in lienntmß gebracht ward und in Besitz des Aktenmaterials ®«. Da die in dem Wahlprotest behaupteten Thatsachen, die zur Beanstan- ung der Wahl geführt hatten,.durch die amtlichen Erhebungen in den Haupt- TOtten erwiesen wurden, so hatte die Wahlprüfungskommiffion dem wnum des Reichstags die Kassirung der Leuschner'schen Wahl so- die endgiltige Annahme der obigen Resolution vorzuschlagen. In Sitzung des 24. Juni gelangte die Materie zur Verhandlung, und M einer längeren Debatte, innerhalb deren Genosse Stolle, zum heil aus eigener Anschauung, das skandalöse Verfahren der sächsischen Jphorden schilderte, sprach der Reichstag mit großem Mehr die Ungil- gteit der Wahl aus und nahm auch endgiltig die fragliche Reso 'Unon an. Ohn INI' d« hu» eiter Wir ?ne» di- noch voi» tschl are» N Er< s- 'ann doch nicht geleugnet werden, daß dieselbe in das Sozia- ilesetz ein Loch reißt und den Sozialdemokraten während der Wahl- Rechtsschutz gewährt. ®oii is. �>�'lel, die Behörden haben einen viel bequemeren Weg, den hie M �okraten das Versammlungsrecht abzuschneiden: man veranlaßt �'rthe, ihre Lokale nicht für sozialdemokratische Versammlungen »o n—-c-1-ä if* Kötsssnrfi fnimlhpttrnfrntiirfit' Wabl- nicht ganz so Nament- (und jver- und Li» ) b- ai' einer ®v viele :iner ichlch h >attei die 'S» n»rd usni » Ü, ütO' mrch eint 0D�ne Bedeutung und Tragweite dieser Resolution überschätzen zu uc. n- kann doch nicht geleugnet werden, daß dieselbe in das Sozia- »esetz ein||-■■■-•— MM MM~ >nen Rei in Zweis üdemokri zugeben: kein Zweifel, es ist, falls dennoch sozialdemokratische Wahl rsianimlungen zu Stande kommen, den überwachenden Polizeibeamten Kleinigkeit, die Versammlungen wieder auszulösen und, zur Rettung Gesellschaft, etliche Verhafwngen oder sonstige Gewaltstreiche zu ver- ,°°N— allein immerhin ist es ein Vortheil, daß sozialdemokratische Ver- <>Ki!�lungen nicht von vorneherein verboten werden dürfen; die Wahl- J�rtion wird uns durch diesen Reichstagsbeschluß entschied»" nmA e. Behörden werden sich zusammennehmen müssen, P Ichamäßig verfahren können, wie während der letzten T—............. wird der Beschluß in Sachsen gut wirken, wo der scharfe Tadel, Alchen die skandalösen Wahlpraktiken im Reichstag gefunden haben, Kunden mit der kläglichen Haltung des von allen Seiten in die Enge »elNebenen und förmlich mit Spießruthen gestäupten sächsischen Regie- 'ungskommisiärs von R o st i z- W a l l w i tz, unter den Beamten einen 'suuien Schreck hervorgebracht hat. Herr von N o st i z- W a l I w i tz hat freilich— und zwar indem er möglichst ernstes Gesicht dazu machte— die kühne Behauptung °u gestellt, die sächsische Regierung sei diesen Unregelmäßigkeiten, er theils stillschweigend zugab, theils blos schwächlich leugnete, zuständig fremd; dem wurde aber mit allem Recht entgegengehalten, °°d die Lokalbehörden niemals gewagt haben würden, so zu handeln, ?eun sie„jchi hex Billigung der Regierung sicher gehalten hätten. Ebenfalls kannte die Regierung das Vorgehen der Beamten; gleich P°lM Beginn der Wahlkampagne kamen Willkürakte der krassesten Art und wurden zur Kenntniß der Regierung gebracht; allein die Regie- 'un9 ließ sie ruhig gewähren. Sie trägt also die volle moralische Ver- »Ntwortlichkeit, und auf ihren Rücken sind verdientermaßen die Hiebe »ftallen. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß unsere Genosien gut thun werden, Wahlflugblättern u. s. w. den oben mitgetheilten Beschluß des "kichstages zu veröffentlichen, sowie den anderen, in die Gewerbeord- ."ungsnovelle übe, gegangenen Beschluß, nach welchem Stimmzettel »Me Druckschriften im Sinne des Gesetzes sind, die Verbreitung von �kimmzetteln sonach Niemand untersagt werden kann, auch Denjenigen l'icht, welchen auf Grund des Sozialistengesetzes in der üblichen Manier er Schriftenvertrieb entzogen worden ist. ., Diese zwei Beschlüsse sind für die Wahlagitation ebenso wichtig, wie �se allgemeinen Gesetzesbestimmungen, welche die„Freiheit der Wahl" ver- °Urgen sollen. .— A m 2 4. Juni wurde vom Bundesrath der s ä ch s i s ch e A n- .Pag aus Verlängerung des Belagerungszustandes Jur Leipzig und Umgebung ohne Debatte angenommen. Ueber Thatsache ist kein Wort zu verlieren. Daß die sächsische Regierung diesen Antrag stellen würde, war ebenso selbstverständlich, wie daß der »mndesrath ihn mit Akklamation annehmen würde. Wozu haben wir denn das Sozialistengesetz? Blos aus etwas Bemerkenswerthes wollen d>ir hinweisen. Wie unseren Lesern bekannt, pflegte sich bisher der Polizei in Leipzig Ungefähr zwei Monate vor Ablauf des gesetzlichen Belagerungsjahres eine fieberhafte Unruhe zu bemächtigen; die H o h l s e l d und Genossen dul- dete es nicht mehr zu Hause oder in ihren Bureaux oder sonstigen nor- uiulen Thätigkeitskreisen: sie machten die extravagantesten Kreuz- und kSuerzüge, liefen in fremde Häuser hinein und übten Einbruchs-Diedstähle Und Hausftiedensbrüche aus und ein,— eine polizeiliche Sitte und Praxis, die schönsärberisch mit dem Namen Haussuchung bezeichnet wird,— kkzedirten systematisch gegen friedliche Bürger, indem sie dieselben ihrer persönlichen Freiheit beraubten und zu Zwangsspaziergängen und sonsti- 8en Zwangsvergnügungen gewaltsam nöthigten— kurz, sie trieben alle suöglichen Allotria, so daß jeder Mensch, der davon in den Zeitungen ms— denn die Polizei trug merkwürdigerweise selbst Sorge dafür, daß Me Streiche an die große Glocke gehängt wurden— mit Nothwendigkeit renken mußte, das Vaterland, oddr zum Mindesten die gute Seestadt I�PZig, sei in Gefahr und könne nur durch außerordentliche Maßregeln, Jute zum Beispiel die fortdauernde Verhängung des„Kleinen"„gerettet" werden. Diesmal hat die Leipziger Polizei sich eines viel gesetzteren Be- Uehmens befleißigt und von derartigen Allottien so ziemlich ferngehalten. Kun— fle hatte es nicht nöthig. Der Reichstag hat erst vor sechs Lochen die Verlängerung des Sozialistengesetzes bewilligt und damit uch im Voraus die Sanktion für die Prolongirung des„Kleinen" �geben. Wozu Extra-Anstrengungen und ausregende Extravaganzen, wenn man die„Prolongirung" in der Tasche hat? Der Wechsel war rechtsgilttg ausgestellt und brauchte blos eskompttrt zu werden. Das ist denn auch geschehen. , klnd so erklärt es sich sehr natürlich, warum, abgesehen von einigen fihüchternen Versuchen, den streikenden Maurern gegenüber Exzesse zu Uerüben und zu provoziren, und abgesehen von der Ausweisung des ujegen angeblicher Verbreitung des„Sozialdemokrat" verurtheilten Genossen süsser während der letzten Wochen nicht viele Polizei-Attentate in Leipzig vorgekommen sind. — Auf Grund des Sozialistengesetzes sind in der letzten Zeit wieder einige Verbote von Z e i t u n g e n erfolgt. Zunächst ist es me„New- Yorker Volkszeitung" und das Wochenblatt derselben, «eren Verbreitung im Bereiche der Bismarck'schen Polizeigewalt nun- Ukehr ein- für allemal unterfagt ist. Dieser Empfehlung unseres trefflich redigirten BruderorganS können wir uns nur anschließen, namentlich das umfangreiche Wochenblatt bürste vielen unserer Genossen im Reiche gute Dienste thun. Es gibt eme Chronik der wichtigsten Ereignisse in aller Herren Länder, und «rückt sich dabei mit einer Offenherzigkeit aus, die einem deutschen Nusterbürger Entsetzen einflößen könnte; deshalb auch das väterliche Berbot: die guten Unterthanen könnten verdorben werden. Aus den gleichen väterlichen Gründen hat der Regierungspräsi- dent von Königsberg das von Herrn Dr. Bruno Schönlank M München herausgegebene„Königsberger Volksblatt" auf Grund 8 11 des Sozialistengesetzes verboten. Die Motivirung ist ein wahres Monstrum patriarchalischer„Fürsorge". In seinem lobenswerthen Eifer, die Königsberger Arbeiter vor Aufreizung zu den„weit- gehend st en Forderungen" zu schützen, hat der Biedermann— Etudt ist sein Name— leider ganz übersehen, daß seine Regierung für dieses Verbot gar nicht die zuständige Behörde ist, sondern daß das Recht, dem in München verlegten Blatte den Lebensfaden abzuschneiden, der Regierung von Oberbayern zusteht. Diese hat sich nun in rührender Bescheidenheit schleunigst zu der Erklärung veranlaßt gesehen, daß sie die Rechtmäßigkeit des Verfahrens ihrer Königsberger Kollegin anerkenne— eine Liebenswürdigkeit, die zwar für die Rechtmäßigkeit des Verbotes gar nichts beweist, die aber ein neuer Beweis dafür ist, wie hochherzig in Deutschland alle partikularistischen Schwächen aufgegeben werden, wenn es gilt, die Arbeiter zu schützen vor dem bösen Feind, genannt Sozialdemokratie. — Auf den Hund gekommen ist der„Korrespondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer", Redakteur Richard Haertel in Leipzig. Dieses weitverbreitete Fachorgan zeichnet sich in der letzten Zeit durch eine„Gesinnungstüch- tizkeit" aus, die in der Arbeiterpresse ihres Gleichen sucht. Wir ver- stehen es, wenn ein spezifisch gewerkschaftliches Blatt heutzutage keine Politik treibt; wenn aber eine Zeitung, die angeblich ein Arbeiter- blatt ist, sich dazu hergibt, die arbeiterfeindliche Sozialreform desselben Bismarck zu beweihräuchern, der den freien Organisationen der Arbeiter Luft und Licht entzieht, so ist das ein Verrath an der Sache der Arbeiter. Man höre nur, wie der„Korrespondent" sich prostiwirt: In Nr.«1 vom 28. Mai d. I. heißt es in einem Artikel über deutsche Druckschrift: „Das ist doch wohl beachtenswerth in einer Zeit, in der die Fraktur in so argen Mißkredit gekommen, daß es der an der Spitze desdeutschenReiches stehende germanische Recke an der Zeit fand, ihr mit seinem Ansehen eine Stütze zu geben." In Nr. 71 vom 22. Juni heißt es in einem Leitgedicht:„Zum Johannisfest 1884: „Vierhundert Jahr' trug Gutenberg's erhabne Kunst des Lichtes Strahlen In Hütte und Palast und doch— wer wollte das Erstaunen malen, Das Vieler Herzen faßte, als ein großer Geist, der's durfte wagen, Jüngst frank und frei der Nation mit trock'nem Tone konnte sagen: „Dem Menschen soll, was ihm gebührt, ihm soll das Recht auf Arbeit werden!" Fürwahr, es schien, als fürchte man, nun stürz' der Himniel auf die Erden, Die Federn knirschten in's Papier, es rasselten die Druckerpressen Und tausend Stimmen zeichneten das Wort als Jrrlehr' und ver- messen I" Darauf gehört nur eine Antwort: Pfui Teufel! — Die Feigheit der Deutschs reisinnigen trat in der vom Zaun gebrochenen Debatte über die Kolonialpolitik der Reichs- regierung(26. Juni) wieder einmal recht deutlich zu Tage. Der Ab- geordnete Kapp, einst serviler Bismarckanbeter, behauptete, sein ehe- maliger Abgott, der jetzt dem Reichstag die planmäßige Verschleppung der Dampsersubventions-Vorlage zum Vorwurf macht, habe selber diese Vorlage, ehe er sie an den Reichstag gebracht, monatelang verschleppt. Bismarck erklärte diese Behauptung für unwahr, worauf Herr Kapp sie mit einigen Verklausulirungen zurückzog, was an sich schon eine Feig- hett war, da Behauptung der Behauptung gegenübersteht und die That- fachen im Widerspruch mit den Behauptungen Bismarck's sind. Trotz- dem genügte diese Zurückziehung und dieser Rückzug dem Herrn Reichs- kanzler nicht, der in eine unbeschreibliche Wuth gerieth und seinen Ex- anbeter mit beispielloser Heftigkeit anfuhr und herunterhunzte, wie ein frecher, roher Krautjunker in übler Laune seinen Hausknecht herunter- zuHunzen pflegt. Der Ton, das Gebahren war so insolent, so beleidigend, daß ein Atann mit einem Funken von Stolz und Ehrgefühl sich nicht hätte enthalten können, den frechen Angreifer, in Ermangelung einer andern, zum mindesten eine moralische Züchtigung angedeihen zu lassen. Der Ex-Bismarckanbeter Kapp dachte aber an nichts derartiges, er stand zitternd da wie ein geprügelter Pudel und stammelte— er der In- sultirte!— eine Entschuldigung, und nahm zitternd seine schon zurück- genommene Behauptung nochmals zurück! Kann man sich wundern, daß Bismarck für die Jämmerlinge Verachtung enipfindet und sie en canaille behandelt? Wie man sich behandeln läßt, wird man behandelt, sagt das Sprichwort. — In Stuttgart fand am 2S. Juni eine Nachwahl für den schwäbischen Landtag statt. Die muckerischen Reaktionäre hatten den Professor Wächter, die„aufgeklärten" Reaktionäre den Minister H ö l d e r, die Volksparteiler den Rechtsanwalt Tafel aufgestellt; von unserer Seite kandidirte unser bewährter Genosse G. Bronnen- mayer von Göppingen. Leider war das Resultat, bei allerdings sehr geringer Wahlbetheiligung, kein günstiges für die Sozialdemokratte. Bronnenmayer erhielt nur 1489 Stimmen, so daß der Volksparteiler mit 2710 Stimmen mit dem Mucker, der 3103 Stimmen erhielt, in Stichwahl kommt. Bei dieser wollen sich, wie wir aus einer Korrespondenz von dort, die wir in nächster Nummer zum Abdruck bringen werden, ersehen, unsere Genoffen der Stimmgabe enthalten. — Bourgeoislogik. Aus Nord- und Mtttel-Jtalien werden großartige ArbeitSein st ellungen von Seiten der L a n d- arbeiter gemeldet; die Zahl der Streikenden wird auf über 10,000 geschätzt. Aus Padua schreibt man der„Allgemeinen Zeitung" da- rüber: „Sicherlich gibt es kaum ein anderes Land, wo, wie in den venetta- nischen Provinzen, der Feldarbeiter so schlecht entlohnt wird; doch wie wie soll es anders sein? Im Allgemeinen wird für denselben ein Sack Polenta zu ungefähr 80 Kilogramm und 10 Lire(8 Mark) monatlich gerechnet nebst Wohnung und Holz: geht er im Winter in den Taglohn, erhält er 80 Centesimi, im Sommer eine Lire(80 Psg.), so daß die armen Colonen das Jahr über kaum drei- oder viermal Fleisch genießen, und auch dieses nur dann, wenn es ihnen zum Geschenk gemacht wird. Die Feld- und Schnitterarbeit ist die anstrengendste von allen Arbeiten, da sie, so zu sagen, unter kochendem Himmel vor sich geht; in Folge schlechter Ernährung schwinden die Kräfte immer mehr, und so ist der Wunfch einer Lohnerhöhung leicht erklärlich!" Soweit ist der Brief ganz vernünftig, nun passe man auf, wie der Bourgeois und der Bourgeois l o g i k e r zum Vorjchein kommt: „Dazu kommt nun noch sozialistische Aufhetzung"-- Als ob nicht die„Aufhetzung" hier die F o l g e und nicht di- Ur- fache wäre, als ob in dem„leicht erklärlichen Wunsch nach Lohnerhöhung" nicht die einzig richtige Erklärung für den Streik, die größte Rechtfertig. ung, die höchste Anerkennung für die etwaigen sozialistischen„Aushetzer" läge!— --„man fordert von dieser Seite aus die Feldarbeiter auf, die Felder zu verlassen, es ergeben sich Streitigkeiten und Reibereien mit den Carabinieri(Gensdarmen), und die Arbeitseinstellung hat bereits solche Dimensionen angenommen, daß man sich an manchen Orten ge- nöthigt fand, militärisch einzuschreiten. Aus unserer Stadt gingen be- reits ein Kavallerie-Regiment und zwei Linien-Bataillone ab, eines vom 9., das andere vom 10. Infanterieregiment; von Verona fuhr mit Extrazug ein Bataillon des 67. direkt nach Rovigo, weitere drei Batail- lone befinden sich bereits an den betreffenden Stellen mit Abtheilungen von Carabinieri und öffentlichen Sicherheitswächtern. Es kam zwischen den Widerspenstigsten und den Carabinieri da und dort schon zu Zu- sammenstößen, wobei es auf beiden Seiten mehr oder minder schwere Verwundungen gab. Ungefähr Sv Arretirungen von Hetzern(I!) fanden statt, an verschiedenen Orten vereinbarten sich die Schnitter, doch besteht da und dort noch eine hefttge Agitation; die Arbeitsein- steller berechnet man auf 10—12000. Die Prüsekten der drei Provinzen veröffenttichten zwei Manifeste, worin sie die Bevölkerung zur Wieder- aufnähme der Arbeit und zum Frieden ermahnen, in jeder Weise aber wird die Regierung alle Energie entfalten, um jene Ruhestörer zu bändigen, welche die wieder Arbeitenden daran zu hindern suchen.— Nicht wahr, echte Bourgeoislogik? Erst wird zugestanden, was ayer- dings nicht mehr geleugnet werden kann, wie hundsmiserabel es den armen Ackerproletariern geht; und hinterher mit wahrer Behaglichkeit gerühmt, wie die Regierung die Organisatoren der Bewegung— das sind nämlich die„Hetzer"!— verhaftet und die Arbeiter mit Waffen- gemalt in ihr altes Joch zurücktreibt! Daß die Arbeiter unzufrieden sind, leuchtet ihm noch ein, aber daß sie auch das Recht haben sollen, für bessere Bedingungen zu kämpfen, das geht nicht in sein Bourgeois- g-hirn. Wer dem Arbeiter hilft, sich zum nothwendig gewordenen Kampf für Verbesserung seiner Lage zu organisiren, ist ein Hetzer. ein Aufwiegler und gehört ins Gefängniß. — Reichstagskandidaturen. Folgende neue Kandidaturen sind zu verzeichnen: Posen(Stadt): Buchbinder Janiszewski, z. Z. Gefangener in Plötzensee; Essen an der Ruhr: V o l l m a r: Kassel: Pfannkuch. — Ein Zeichen der Zeit. Folgende Annonce stand jüngst im „Daily Telegraph", einem der verbreitetsten Blätter Londons: „Zu den bevorstehenden allgemeinen Wahlen: Gesucht ein Versammlungsredner mit guter Bildung und Stimme. Muß im Stande sein, speziell über das Recht des Eigenthums und die Wohnungsfrage zu sprechen." Wer hätte das vor wenigen Monaten noch für möglich gehalten? schreibt die Londoner„Justice", und setzt spottend hinzu, daß sie selbst em besserer Vermittler für diese Annonce gewesen wäre. Denn nach 23 Nummern, die von ihr erschienen, dürften viele ihrer Leser im Stande sein, über die Rechte des Eigenthums zu sprechen. Es geht vorwärts in England! — Oesterreich. Im G r a z e r Anarchistenprozeß wurden die Angeklagten von der Anklage des Hochverraths und der Ver« abredung eines Attentats auf Franz Josef freigesprochen, dagegen wurden 11 von ihnen wegen„Störung der öffentlichen Ruhe" und„Verbreitung aufrührerischer Schriften" von den Geschworenen schuldig gesprochen und daraufhin von dem Gerichtshof zu folgenden Strafen verurtheilt: Michael K a p p a u f zu 3'/, Jahren schweren, mit Fasten verschärfte» Kerkers, S ch r a n k zu 2'/, Jahren, K r a i n e r desgleichen, Schneider zu 2 Jahren, L i n d n e r zu 3 Jahren, Roggenbauer und H u b e r zu 18 Monaten, Ledinegg zu 15 Monaten, S l e ik zu 13 Monaten. Zweifelsohne haben die Herren Richter durch die Höhe der Strafen den Wahrspruch der Geschworenen„rektifiziren" wollen. Aus den Verhandlungen ist nur noch die Art hervorzuheben, in welcher der Vertheidiger,„Genosse" Ellbogen, für die Angeklagten eintreten zu müssen glaubte. „Sehen Sie sich den Angeklagten Kappaus an", rief er in seinem Plaidoyer aus,„diesen biederen, gutmüthigen, offenherzigen Menschen, dem die Thränen über das Gesicht laufen, wenn er hört, welcher uner- hörten Dinge man ihn beschuldigt" u. f. w. u. s. w. Wir würden uns bedanken, so vertheidigt zu werden, indeß das ist eben— Geschmackssache. Thatsächlich mögen wohl auch die meisten der Angeklagten sich erst vor Gericht über das wahre Gesicht des Anarchis« mus klar geworden sein. Besteht doch die ganze Taktik desselben darin, die Leute von jedem ruhigen Denken abzubringen, das Studium der thatsächlichen Verhältnisse zu verhöhnen und seine Gläubigen in aller- Hand Illusionen, in einem beständigen Rausch zu erhalten, auf den naturgemäß ein desto kläglicherer Katzenjammer folgen muß. Es liegt uns mehr daran, dies zu konstatiren, als auf die Opfer der Anarchisterei einen Stein zu werfen. Sie haben sich eben eingebildet, was ihnen so oft gepredigt wurde, daß man ohne nennenswerthen Rückhalt im Volke eine Revolution machen könne, und müssen jetzt für ihren Jrrthum büßen, zur größeren Ehre— Peukerts. Frankreich. Der Nationalrath der Arbeiterpartei (Roanner Programms), dessen Sitz nach dem Beschluß des Roubaixer Kongresses für das Jahr 1884/85 Reims ist, besteht aus den Genossen: Ch. Melin, korrespondirender Sekretär, E. Pedron, Schriftführer, L. Baudelot, Kassier, Lecrique und Mant. Die Adresse des Ersteren ist: Ch. Melin, 100 rue du Champ-de-Mars. — Aus Dänemark. Ueber den glänzenden Erfolg unserer dänischen Genossen bei den jüngsten Wahlen zum F o l k e t h i n g erhalten wir so lgende Zuschrift: „Die am 25. Juni in Kopenhagen stattgehabten Wahlen zum Folkething haben ein für die Sozialdemokratie unerwartet günstiges Resultat ergeben. Im ersten Wahlkreise hatte man sich entschlossen, für den mit der Partei engbesreundeten Kandidaten Trier zu stimmen, um den Wahl- kreis den Konservativen zu entreissen, deren Kandidat Rimestad 2039 Stimmen erzielte, während Trier 2141 erhielt. Im 5. Wahlkreis ist Genosse P. Holm, Schneider, mit 5385 Stim- men gegen Goos, Redakteur des„Dagbladet"(4493 St.), gewählt. Dieser Sieg ist um so erfreulicher, als Goos schurkisch genug war, in seinem Blatte wiederholt die strafrechtliche Verfolgung der Vertreter der Syndikatskammern zu verlangen, welche gelegentlich des letzten Streiks die den Beschlüssen des Streikkomites zuwiderhandelnden Arbeiter aus den Index gesetzt hatten. Genosse H o l st erhielt im 7. Wahlkreis 500 Stimmen gegen den Marineminister(1070). Im 9. Wahlkreis ward Genosse H ö r d u m, Administrator unseres Organs„Sozialdemokraten", das jetzt in täglicher Ausgabe in einer Auflage von 13,000 Exemplaren erscheint, mit 920 gegen 675 Stimmen für Capt. P a u l s e n gewählt. Endlich haben die Genossen in A a r h u s einen glänzenden Sieg davongetragen und zugleich einen kräftigen Protest erhoben gegen die bekannte Maßregelung unseres Freundes Dr. I. P i n g e l, der aus Kopenhagen verwiesen wurde, weil er Liebknecht gelegentlich deS deutschen Parteikongresses eingeladen hatte, im Studentenverein einen Vortrag zu halten. Mit 2,686 Stimmen wurde er auf's Schild erhoben gegen Jngerlew(2,129). Wie man sieht, sind die dänischen Genossen nicht unthätig gewesen; ein so gewaltiger Aufschwung kommt nicht unerwartet, ist aber um so erfreulicher. Im 5. Wahlkreise hatte Pio im Jahre 1872 nur 192 Stimmen erhalten, und noch geringere Stimmabgabe war in den übrigen Kreisen zu konstatiren; überhaupt war die Wahlbetheiligung eine weitaus regere gegenüber den letzten Wahlen von 1872, wo kaum 20 Proz. der Berechtigten ihre Stimmen abgaben, während jetzt von 37,300 Wahl- berechtigten 21,335 gestimmt haben, also 57 Proz." Soweit unser Korrespondent. Wie man uns aus Berlin schreibt, hat der Sieg unserer dänischen Genossen, der überall, wo Sozialdemokraten sind, mit Jubel begrüßt worden ist, unsere Reichstagsfraktion zur Absenkung eines warmen Glückwunschtelegramms an die dänischen Genossen und deren Erwählte veranlaßt. Dasselbe wurde von den Adressaten sofort mit einem Hoch aus die Sozialdemokratie aller Länder beantwortet. Selbstverständlich schließen wir uns dem Vorgehen unserer Vertreter im Reichstage von Herzen an und senden den wackeren Freunden, die durch ihre rastlose Thätigkeit die Fahne des Sozialismus in Dänemarck wieder zu Ehren gebracht, ein kräftiges Hoch! Soviel für heute; in nächster Nummer denken wir unfern Lesern einen eingehenderen Bericht vorlegen zu können. — AuS Amerika. Wie-8 bei d e n S ch n eid« rn N e w- Y o r k s, u g e h t. Die ,. N e w- Y o r k e r V o l k s, e i t u n g" hat in ihren Nummern vom 13. bis 13. Juni eine Reihe von hochinteressanten Berichten über di-VerhältnissedesSchneidergeschästesin Newyork gebracht. Es ist eine Art Enquete, die unser Bruderorgan hat anstellen lassen, und die Bilder von Roth und Elend enthüllt, welche die Wenigsten in der glücklichen Republik zu finden erwarten. Schändlich sind die Zustände, die in der Hausindustrie, in den sogenannten Tennement- Häusern ebenso wie in den Shops(Werkstätten) der„Kontraktoren jener zwischen Arbeiter und Verkäufer sich drängenden Zwischenliefe. ranten— herrschen. �,,,,.,. „Die Arbeitstheilung". heißt es in dem Bericht. si- in den Kontraktoren-Shops ausgebildet worden«st, hat eme solche Vervollkomm- nung erreicht, daß nahezu ein Jeder für diese Arbeit in kurzer Zeit an- gelernt werden kann.... Die Folge davon ist niedrigerer Lohn als je und Ausdehnung der Konkurrenz auf alle Arbeitslose. In den Shops findet man ehemalig« Bäcker, Goldarbeiter. Kausleute. Maschinisten, kurz Vertreter aller Arbeitsbranchen an der Nähmaschine, am Bügelbrett und aus dem Schneidertisch. Sie haben sämmtlich nur einige wenige Handgriff«»» machen. So wird z. B. ein Rock von sieben Personen hergestellt; d,e- selben sind: Der B a i st e r, welcher den zugeschnittenen Rock zusammen. heftet und das Futter hineinsetzt, so daß der Operator ihn aus der Maschine nähen kann, dann geht er zum Finish en(Fertigmachen), welches gewöhnlich von Frauen besorgt wird und in dem Besetzen und Einfassen der Nähte und Ränder besteht; hieraus bekommt der Knopf- l s ch III a ch e r den Nock, der Baistingpuller zieht die Hestfäden heraus, eine Arbeit, die gewöhnlich von Kindern verrichtet wird, und nachdem die Knöpfe von einer weiblichen Person angenäht sind, kommt das fertige Stück in die Hände des B ü g l e r s/ Von diesen sieben Personen ist nur die Arbeit des Baisters einiger- maßen schwierig und fast in allen Fällen ist der Baister ein gelernter Schneider. Das Verhältniß der Bezahlung läßt dies deutlich ersehen. So bekommt z. B. der Baister für die schlechteste Qualität Röcke 60 Cents, der Operator 30, die Finisherin 15, der Bügler 20, die Knopfannäherin 10, der Baistingpuller 2 und der Knopflochmacher 10—12 Cents. Der Reporter hat Hunderte von Shopschneidern in ihren Arbeitshöhlen aufgesucht, sie beobachtet, mit ihnen gesprochen, in ihre hohlen Augen geblickt, ihren rasselnden Husten gehört und sich entsetzt über eine Hoffnungslosigkeit, die hundedemüthige Ergebenheit in ihr schauerliches Schicksal, die ahnungslose Ruhe und das augenscheinliche Unbewußtsein, mit welchem sie seine Fragen beantworteten." Von den Berichten aus diesen Shops wollen wir nur zwei hierhersetzen: „Ein 30 Jahre alter Mann, der Frau und vier Kinder hat und eben- falls in Attorney-Str. an Rocken arbeitet, verdient höchstens 9 Dollar und muß dafür 18 Stunden arbeiten, wenn er so„viel" bekommen will. Sein Hauswirth ist grob, und für drei Zimmer bezahlt er 10 Dll. pro Monat. Er steht schwach und kränklich aus, hat fortwährend Rücken-, Kopf- und Gliederschmerzen und wird oft derart krank, daß er gar nicht in den Shop gehen kann. Zu Vergnügungen, Picnics k. ist er, seit er hier im Lande ist, noch niemals gewesen, und seine Kinder haben den Zentralpark noch nicht gesehen. Er meint zwar, daß die Arbeiter etwas ausrichten können, um ihre Lage zu verbessern, wenn sie einig wären, verzweifelt aber daran, daß dies jemals der Fall sein wird. Einen Streik hat der Mann noch nie mitgemacht."--- „Das Hintergebäude von Nr. 9 bis 13 Clinton Str. ist mit Aus- nähme des untersten Stockwerkes mit Schneidershops gefüllt. Das un- terste Stockwerk nämlich ist ein Pferdestall und Futterremise. Eine er- bärmliche schmale Holztreppe führt von Außen nach den oberen Stock- werken, in denen sämmtliche Treppen wacklich und von Holz angefertigt sind. Wenn in dem Stall einmal Feuer ausbricht, kann es ein furcht- bares Unglück geben. Während der guten Saison befinden sich 100 bis 200 Schneider in dieser Menschenfalle. Die Miethe für jede der sechs Werkstätten in dem Gebäude beläuft sich auf 18 bis 22 Doll. Die Kon- traktoren, welche die Lokale gemiethet haben, heißen: Al. Weinberger, Loüis Phillips, W. Rosenwafser, M. Solomon und S. Levy; sie be- klagen sich sämmtlich über die schlechte und gesährliche Lage ihre Lokale, behaupten aber froh zu sein, daß sie„noch so wenig Miethe" zu bezahlen brauchen; mehr können sie nicht erschwingen, weil sie von den Geschäfts- Häusern zu niedrige Preise erhalten. Es läßt sich kein Kontraktor in New-York auftreiben, der ein einigermaßen freundliches, gesundes, luftiges, Helles Arbeitslokal hat, und keiner von ihnen versäumt es, wenn man ihn darum befragt, über die Habgier und Erpressung der„Landlords" (Hauswirthe) kräftigst seine Meinung zu äußern. Fast alle Kontraktoren sagen:„Wir arbeiten nur noch für denLandlor d." Aber auch ein erfreuliches Bild bot sich dem Auge des Bericht erstatters der„Volkszeitg.", oas gleichfalls verdient, hier mitgetheilt zu werden. Es betrifft dies eine von organisirten Arbeitern ein- gerichtete Werkstatt. Bon derselben heißt es: „Und jetzt wollen wir„Die„R e p u b l i k" beschreiben, den größten, schönsten, am vernünftigsten eingerichteten Schneider- Shop Newyorks, Fortune, Jansen, Wilkeson und viele andere bekannte Schneider, die zur Kundenschneider-Union gehören, arbeiten dort. Robert Blissert gehörte auch früher zur„Republik". Fast mit Ehrfurcht und verlangenden Blickes sprechen die Schneider, deren Loos sie an das Haus oder an den Shop eines Kontraktors fesselt, von dieser Werkstatt, in welcher so recht das kommunistisch-demokratische Prinzip zur Geltung konimt. Die„Republik" befindet sich im vierten Stockwerk des Hauses Nr. 35 West 4. Str., Ecke von Greene Str., nur einen Block von den schattigen Bäumen und saftgrünen Rasenplätzen des Washington Park, in dem, wenn das Wetter schön ist, hunderte von Kindern spielen und saubere Kindsmägde mit einander und mit jungen Burschen schäkern. Die„Republik" hat nur den einen Nachtheil, daß die zu ihr führende Treppe wackelig, dunkel und steil ist. Die„Republik" selbst ist wenig- stens 80 Fuß lang und 25 Fuß breit. Die Decke ist hoch, die Fenster hell und lustig. Früher trieben Freimaurer darin ihren Unsinn— sie diente als Logensaal; an der Decke sieht man noch Goldleisten und andere Verzierungen. Vor den 13 nach Osten und Süden gelegenen Fenstern ist ein un gesähr 7 Fuß breiter, sich von einem zum andern Ende des Saales er- streckender Tisch angebracht, auf dem die Schneider sitzen und an dem sie bügeln. Auf kleinen, bequemen Stühlen, die ebenfalls auf dem Tische, dicht an dem Fenster stehen, sitzen die Gehilfinnen der Schneider, lauter gutgekleidete junge Mädchen. 40 bis 50 Schneider können zu gleicher Zeit hier arbeiten. Vor dem Tische steht eine lange Reihe von Nähmaschinen, parallel mit dem Tische und in der Mitte des Saales, sich an die westliche Wand anschließend, ist ein bis an die Decke reichender Verschlag an- gebracht, in welchem sich der mächtige Ofen befindet, auf dem 60 20-pfündige Bügeleisen zu gleicher Zeit gewärmt werden können. Der Verschlag ist mit guten Thüren versehen und seine Wände sind so dick, daß im Saale von der Hitze, die der große Ofen ausströmt, nichts zu verspüren ist. Am nördlichen Ende des Saales, kühl im Schatten, steht ein hoher Eiswasserbehälter, aus dem sich Jeder das ganze Jahr hiiv durch einen kühlenden Trunk bei der Arbeit zapfen kann. In die„Republik" wird nicht Jeder aufgenommen. Erstens richtet sich die Mitgliederzahl nach dem vorhandenen Raum und zweitens wird über jeden Applikanten, falls Raum vorhanden ist, abgestimmt. Ist die Ausnahme beschlossen, so muß der neue Bürger 3 Dollar Eintrittsgeld bezahlen, sowie 4 Dollar Monatsmiethe. Die Miethe für das ganze Lokal beträgt 900 Dollar und wird an eine Wittwe McKinslei, die Eigenthümerin des Hauses, bezahlt, welche den Hauszins während der letzten zwei Jahre von 600 aus 900 Dollar erhöhte. Alle drei Rtonate halten die Mitglieder der Republik eine Versammlung, in welcher sie ihre Haushaltsgeschäfte besprechen. Der Verwalter, welcher bei der letzten Wahl gewählt wurde, ist Thomas Bird; er kollektirt von den Mitgliedern die Beiträge und be sorgt alle Finanzgeschäfte, auch stellt er den Janitor an. welcher das Lokal reinigt, die Feuer anzündet und alle anderen nöthigen Arbeiten verrichtet. Die Gasrechnung der„Republik" beläuft sich monatlich, je nach der Jahreszeit, auf 2 bis 25 Dollar. Das Lokal wird Morgens früh um 6 Uhr geöffnet und um Mitternacht geschlossen. Die Mitglieder kommen und gehen, wenn's ihnen beliebt. Die Utensilien sind, mit Ausnahme der Nähmaschinen, welche den Mitgliedern individuell gehören, gemein� sames Eigenthum. Die Republik wurde 1851 von ungefähr einem Dutzend Schneidern gegründet, deren Leiter em gewiffer John Bond war. Es sollte das Bestreben aller Schneider sein, Werkstätten wie diese in allen Theilen der Stadt einzurichten und sich auf diese Weise von den Uebeln der Hausarbeit und der Tyrannei der Kontraktoren-Shops zu befreien?"— Das Letztere wird wohl frommer Wunsch bleiben, denn es sprechen bei den meisten Haus- und Shoparbeitern zu gewichtige Faktoren mit, denen sie sich nicht entziehen können— meist sitzen sie schon zu fest in den Klauen des Vampyrs, um sich ihm entreißen zu können. Jedenfalls aber liegt in der„Republik" ein Stück Selbsthilfe vor, das man sich schon gefallen lassen kann. Wir kommen auf den weiteren Inhalt der Berichte noch zurück. — Soziali st ischePresseundLiteratur. Aus Chicago geht uns die Probenummer eines neuen sozialistischen Wochenblattes: „Jllinoiser Volkszeitung" zu. Redakteur desselben ist Julius Vahlteich. Glückauf! Korrespondenzen. — Dresden, Mitte Juni. Am Dienstag stand Genosse A. Kaden vor der III. Strafkammer des Landgerichts Dresden, um sich wegen Vergehens gegen das Sozialistengesetz zu verantworten. Es war ihm nämlich von der Kreishauptmannschaft der Vertrieb von Druck schriften entzogen worden; gleichwohl hatte der Sünder alte Zeitungs- papiere in seinem Laden behufs Einpackens, was einige Spürnasen von Polizeischusten bei einer Haussuchung gesehen hatten. Um nun dem betreffenden Genoffen Eins auszuwischen, wurde schnell ein Prozeßchen fertig gemacht, und die Richter fanden sich bereit, ihn zu zwei Wochen Gefängniß zu verurtheilen, obwohl kein Beweis zu erbringen war, daß in Kaden's Laden Zeitungen gelesen worden sind. Charakteristisch ist folgender Ausspruch des Staatsanwalts: Sprechen Sie den Angeklagten schuldig nicht wegen des Erfolgs der Zeitungen, sondern wegen seiner Thätigkeit!— und die Richter beeilten sich, das Urtheil aus der Tasche zu ziehen. Am 8. Juni wurde im 4. sächsischen Wahlkreis ein offner Brief Liebknecht's an seine früheren Wähler vertheilt. fg-V N. N. — Leipzig. Der Romanschreiber Friedrich Friedrich kann sich nicht beruhigen. Er bestreitet die Richtigkeit meines Dementis und verlangt für den Fall, daß ich es aufrecht erhalte, die Namens- nennung der Fortschrittler, mit denen wir unterhandelt. Ersteres ist eine Unverschämtheit, die sich selbst brandmarkt— letzteres eine Albernheit, welche den Takt und das Anstandsgefühl des Roman- schreibers Friedrich Friedrich in ein ebenso glänzendes Licht stellt wie seine Psychologie. Genug— ich nehme von meinem ursprüglichen Bericht natürlich nicht ein Tüpfelchen über dem i zurück; ich kann der Wahrheit nicht in's Ge- ficht schlagen wie der Romanschreiber Friedrich Friedrich, der entweder ein frecher Lügner ist oder von den Verhältnissen seiner Partei soviel weiß wie weiland Maßmann vom Latein. Und damit fertig. —?lus dem 22. sächsischen Wahlkreis. Die zweite Hälfte des Monats Mai war für die Hauptorte unseres Kreises eine wirkliche Wonnezeit. Innerhalb neun Tagen, vom 17.—25. Mai, hatten wir zwei aufgelöste und eine verbotene Arbeiterversammlung mit ebensovielen Versammlungen in den Wäldern. Bei allen diesen Gelegenheiten haben sich die Reichenbacher Genoffen recht tapfer gezeigt und die Ehre unserer Partei gewahrt. Um die Fachvereinsbewegung in Reichenbach zu fördern, wurde daselbst am 17. Mai eine Arbeiterversammlung einberufen mit der Tagesordnung:„Die jetzige Arbeiterbewegung und die Ziele der Fachvereine." Als Referent war Genosse R. Müller aus Meerane bestellt. Der zur Ueberwachung anwesende Rathsregistrator F o r n e r verlangte zur angegebenen Zeit mit dem Glockenschlag den Beginn der Verhandlung, während die Einberufer noch 15 Minuten warten wollten. Als es zu einer Einigung nicht kam, wurde die Versammlung eröffnet und auf 15 Minuten vertagt. Dies ärgerte die Schreiberseele derart, daß sie in den Saal hineinrannte und' die Anwesenden zum Ausein- andergehen aufforderte, was schließlich zur Auflösung führte. Hieraus allgemeines Halloh und die Verabredung, am andern Morgen eine Versammlung im Walde abzuhalten. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, bislang und zum ersten Male, ein Gensdarm in Zivil als treuer Begleiter, der uns aber wenig genirte, da wir hier blos einen Katzensprung in's Reußenland haben, wo- selbst die„gemüthliche" sächsische Polizei„nix to seggen" hat. Die Brutalität des F o r n e r, dem der Hunger hinten und vorne herausguckt und der als Grobian und Polterfritz allgemein, als An- rempler der Handwerksburschen insbesondere bekannt ist, empörte die Reichenbacher Genoffen umsomehr, als derselbe schon oftmals als lieber wachender fungirte, ohne seine echte Natur zu zeigen, d. h. in der Regel nichts von sich hören ließ. Deshalb wurde in der Versammlung am 23. Mai von dem Genannten die gesetzliche Legitimation gefordert und als Ueberwachende nur die uniformirten Schutzmänner anerkannt. For- ner war darauf nicht gefaßt. Nach kurzer Auseinandersetzung proklamirte er die Auflösung. Die Versammlung lachte ihn aus und stampfte aus Leibeskräften, bis der anwesende Wachtmeister ihm zu Hilfe kam. Darauf ging es wieder in den reußischen Wald, wobei es an Geist und Feuer für unsere Sache nicht fehlte. Eine dritte Versammlung wurde aus 25. Mai einberufen, jedoch von der Polizei auf Grund von tz 9 des Sozialistengesetzes und§ 5 des sächsischen Vereinsgesetzes verboten. Ms Gründe galten: die Wahl des Themas, die Persönlichkeit des Einberufers und Referenten, das Versahren der Ordner und Leiter gegen die Beamten und das tumul- tuarische Verhalten der Versammlung. Aus erhobene Beschwerde gegen das Verfahren des F o r n e r betreffs Verweigerun der der Legitimation meintel der Stadtrath, daß es den Einberufern weniger um Herbeiziehung einer Legitimation, als um eine offene Verhöhnung des Beamten zu thun war. Dies ist richtig. Er hat blos geerntet, was er gesäet hat, und soll in Bedarfsfällen mehr bekommen. Ueber das Verbot der Versammlung ließen sich die Arbeiter keine grauen Haare wachsen. Zur bestinimten Zeit gingen sie zu einer„ge- selligen Unterhaltung" in das bezeichnete Lokal, welches mit über einem halben Dutzend Schutzmänner in Zivil gespickt war. Nach Verlauf einer Stunde wurde zu einer Prozession nach dem städtischen Begräbnißplatze angetreten, um das Vereins- und Versammlungsgesetz zu begraben. Die Leichenrede wurde in einem nahen Walde gehalten und die Polizei brav ausgelacht. Bei diesen Vorgängen hat sich die Lokalpresse sehr passiv und kritiklos verhalten. Ein Skribifax suchte unter„Eingesandt" den Glauben zu verbreiten, als seien bei diesen Vorfällen„Ungesetzlichkeiten" nur durch die anwesenden Polzeileute verhindert worden. Diesem wurde aber kräftig heimgeleuchtet. Auf die Arbeiterschaft wirkten diese Dinge belebend. Sie hatte bisher keine Veranlassung, die Polizei zu reizen; wenn diese aber selbst Lust verspürt, der Arbeiterbewegung in den Weg zu treten, soll sie ihren Mann finden, es komme, was da wolle. Die hiesigen Genossen haben die Schutzleute in den Versammlungen stets als überflüssiges Möbel betrachtet und nie deren Hilfe zur Wahrung der Gesetzlichkeit nöthig gehabt. Auch in diesen Tagen zeigte sich, daß die Polizei nütz- licher sein kann, als sie ist. In die Versammlung vom 25. Mai waren gleichfalls mehrere Schutzmänner befohlen, dortselbst in müssiger Weise das Maul aufzusperren, und zu gleicher Zeit schössen die braven, patrio- tischen Bürgerschützen einen Proletarierknaben todt, der über die Schutz- wehr geklettert und in die Schußlinie gekommen war. Konnten sie dort nicht Unglück verhüten? Doch— der Menich denkt und die Polizei lenkt! Ein R o t h e r. — Bern. Samstag den 8. Juni hielt der Abgeordnete V o l l m a r auf Ersuchen von befreundeter Seite einen Vortrag über die Sozial reform und die Sozialdemokratie in Deutschland. Der Saal des Cafe Rütli war bis auf den letzten Platz besetzt, so daß Viele die zu spät ge- kommen, wieder umkehren mußten. Das Bürgerthum, sowie die Beamten- und Gelehrtenwelt der Stadt Bern waren sehr zahlreich vertreten. muß erwähnt werden, daß an demselben Abend verschiedene Arbeiter- Versammlungen stattfanden, weil der Vortrag des Genossen Wollmar ganz unerwartet kam. Männer aller Stände, welche sonst wenig oder gar nie in sozialistische Versammlungen kommen, darunter Nationalräthe aus allen Theilen der Republik, lauschten mit großer Aufmerksamkeit dem höchst interessanten Vortrag. Mancher Anwesende bekam einen ganz anderen Begriff von der Sozialdemokratie, als wie sie von gewissenlosen Reaktionären ge- schildert wird. Aus die nähere Ausführung des Referats will ich hier nicht eingehen, da ähnliche Versammlungen den Lesern des„Sozialdemokrat" bekannt sind. In 1'/.stündiger Rede kennzeichnete Referent die Energielosigkeit des deutschen Bllrgerthums, welches er der Feigheit anklagte. Sticht besser ging es der Regierung, welche die vielgepriesenen sozialreforma- torischen Gesetzesvorschläge nicht im Interesse der arbeitenden Klasse, sondern nur, um sich einen arbeiterfreundlichen Anstrich zu geben, dem Reichstag vorgelegt hat, welcher seinerseits in jeder Session die Vorlage verschlechtert. Das sei wieder ein neuer Beweis der Unfähigkeit der herrschenden Bourgeoisie, für das Wohl des Arbeiterstandes etwas Nennenswerthes zu leisten. Alle Unterdrückungsmaßregeln seien am ziel bewußten Sinn der Arbeiter abgeprallt. Das Sozialistengesetz, so hart es für die Betroffenen auch ist, wird auch in Zukunft den Sozialismus nicht ausrotten können. Die Sozialdemokratie, als die einzige Partei mit festem Programni, wird streng an ihrer bisherigen Taktik festhalten. Sollte man das Wahlrecht, als den letzten Rest der politischen Rechte, noch nehmen, so wird man dann natürlich auch zu einer anderen Kampf- weise gezwungen sein. Hierauf forderte Herr Fürsprech Reichel zur Diskussion auf, allein keiner der anwesenden Gegner meldete sich. Die anständigen liberalen Schweizerblätter geben zu, daß es nach den Ausführungen Vollmar's begreislich sei, wenn die deutschen Arbeiter von solchen Reformen wü die Bismarckichs kein Heil erwarten. Am Schlüsse der Versammlung ging noch eine schöne Summe für die politischen Gemaßregelten ein, ohne daß eine besondere Bekanntmachung erfolgt wäre. WS, Zürich, 24. Juni. Die hiesige organisirte Arbeiterschaft hatte zu« 15. Juni ein allgemeines Volksfest veranstaltet, zu Gunsten des Reichstagswahlsonds der deutschen Sozialdemokratie; als Fest- redner war der Genosse Hasenclever eingeladen und auch erschienen. Leider aber regnete es an diesem Tage so stark, daß von einem Abhalten des Festes keine Rede sein konnte. Es wurde daher auf den folgenden Sonn- tag verlegt, und an Stelle der Festrede hielt Brgr. Hasenklever an die trotz strömenden Regens äußerst zahlreich erschienenen Genossen ein' eingehende, mit großem Beifall aufgenommene Ansprache über die Be- deutung der bevorstehenden Reichstagswahl. Vergangenen Sonntag nun zeigte sich das Wetter wesentlich freund- lchier, und so konnte auch der geplante Festzug vom Lokal des deutsche» Vereins aus— die rothe Fahne voran!— zum Festlokal, sowie der rein der Unterhaltung gewidmete Theil des Festprogramms und der finanzielle Zweck des Festes zu seinem Recht gelangen. Der Besuch des Festes ließ nichts zu wünschen übrig— wohl gegen 1500 Mensche» füllten am 22. Juni den Garten des Festlokals zur Bürgliterrasse, aus dessen Zinne eine mächtige rothe Fahne lustig im Winde flatterte. Sowohl in politischer wie in materieller Beziehung war das Fest ei» Erfolg für unsere Partei hier am Ort. Wir werden dem Wahlfond eine» Ueberschuß von gegen 300 Franken zuführen können. Erwähnt sei noch, daß die Genoffen der benachbarten Städte Winter- thur, Aarau— acht Tage vorher auch Baden und Frauenfeld— Dell- gationen mit Fahnen zur Bekrästigung der Solidarität entsendet hatte». Ihnen unsern herzlichsten Dank. Die Genossen im Reiche aber mögen auf's Neue die Versicherung hi»' nehmen, daß wir im Ausland nach wie vor unsere schönste Aufgab« darin suchen/sie in ihrem schweren Kampfe nach Kräften zu unterstütze»- »MI »rc nach J »ehirl »nd ur b»rf I- der Ce Pm Huittung. Für den nordböhmischen Weberstreik sind folgende Geld« eingegangen: Crimmitschau Mark 100—. Augsburg 2 50. Neumünster 50 Zwickau 15—. München 11 80. München 20—. Beuthen 12 40... furt 3—. München 10—. Bielefeld 19—. Großenhain 19 40. GroiW 10—. Limmer bei Hannover 30—. Gaggenau 25 05. Bochum 15 Frankfurt a/M. 50—. München 13—. L. L. Dresden 22 20. Elber- feld 10 43. Liegnitz 10—. Großenhain 23 75. Preuß. Minden 12 Leipzig 3 10. Leipzig 2—. Penig 2.—. Nowawes 15 50. N. Hardenberj 23—. Halle a/S. 10 30. München 36—. Leipzig 33 65. München 27 2» Haslau-Wilkau 6—. Limbach 10—. Kirchheimbolanden 9—. Zusammen: Mk. 662 28. Davon sind verwendet: Für die streikenden Weber in Böhmen Für die streikenden Maurer in Leipzig Summa: Mk. 662 28. Im Namen der Streikenden spricht hiemit den edlen Gebern den her!' lichsten Dank aus Dresden, im Juni 1834. Mk. 610— 52 28. A u g u st Kaden. Warnung. Ka eine s Nur wußte dieser Jnter diescll ein(5 soll i groß ichen daß i und i iu l Der Schuhmacher Friedrich Wetzel aus R i e d r i ch, Obera»b Urach �Württemberg), hat sich mit Hinterlaffung bedeutender, in u»- ehrenhaftester Weise kontrahirten Schulden an Genossen und an de» Deutschen Arbeiterverein in Winterthur von dort heimlich end fernt. Da er wahrscheinlich nach Deutschland gegangen ist und dov bei den Genossen dasselbe Spiel, das er in Winterthur getrieben, beginn« dürfte, so wird aus Wunsch der dortigen Genoffen hiermit vor ih* gewarnt. dtr c "«v Briefkasten der Redaktion: Raummangels halber mußten verschiedene Ko» respondenzen(Stuttgart, Heilbronn, Pirna k.) für nächst» Nummer zurückgelegt werden.— Liegnitz: Ihrem Wunsche wolle» wir nachkommen. der Expedition: Blgn: 40 Cts. f. Schft. erh.— H. si f-' Mk. 113— ä Cto. Ab.-Rest 83 erh. Adr. notirt. Bestllg. folgt. � I. St. St.: Mk. 4 30 Ab. 3. Qu. erh.— Bayreuth: Mk. 11 35» 10 Sozialisten pr. Usds. dkd erh.— W. Gbg. Alxdra,: Fr. 3— M 3. Qu. u. Schst. erh. Bstllg. fort.— Gg. B. Wich: Mk. 7— Ab.- u. 3. Qu. u. Schft. erh.— C. W. St. Wds.: Mk. 4 30 Ab. 3. 0» erh.— H. Rackow London: Fr. 126— für umgewechselte Mark« erh. Weiteres dkd. notifizirt. Woher stammt denn Blm.?— Rosa Best Mk. 50— ä Cto. Ab. 1. Qu. erh. Alles notirt.— Dr. G. A. Br- Mk. 4 30 Ab. 3. Qu. erh. Weiteres nach Wunsch.— E. B. L.: M 3— Ab. 3. Qu. erh. Bstllg. notirt.— Dr. W. A.: Mk. 6— 3. u. 4. Qu. erh., Mk. 4— pr. Usds. dkd. verw.— Rothe Erde Mk. 9— Ab. 2., 3. u. 4. Qu. erh. Nein. B. gut.— I. Z. St. Gall- Fr. 11 30 Ab. bis Ende Juni u. pr. Schft. am 11. /6. erh., desp Fr. 3— f. Schft. u. Fr. 2— p. Wfds. dkd. erh. durch U.— D« getreue M.: 40 Pfg. Strafporto erh.— W. A.B.: Fr. 1 70 f. Schst erh.— Michel Stieber: Mk. 160— ä Cto. Ab. u. s. w. erh. u. 3$' 3 20 v. W. Tp. gesandt vorläufig Ihrem Cto gutgebr.— A. H.: M. 5— Ab. 3. Qu. erh. Weiteres a. d. Red.— I. L. Zug- Fr. 12— Ab. 2. Qu. erh. Hbmr.i Rhrn.: Fr. 2— Ab. 3. Qu. erf — Veilchenstein: Mk. 60— pr. Ab.-Cto. erh. u. Weiteres nach Borsch-- gutgebr. u. vorgemerkt.— Hallunk: Mk. 190 ä Cto. Ab. 1. u. 2. Ost erh. Ggrchng. gutgebr. Pr. 3. Qu. Mk. 8 80 Euch gutkommend, da«>» Jrrthum iii der Aufstllg. Bfl. mehr.— Mannheim: Mk. 50—?st Dsds. u. Mk. 68 90 pr. Usds. dkd. verw.— Blanc: Bf. v. 28/6. erst Einrenkung tc. sofort veranlaßt. Dank f. Besorgung in S. Madai O. Gppg.: Mk 8 60 pr. Ab. 3. u. 4. Qu. u. Mk. 1. 40 ä Cto. 1. Ost 85 erh.— Agst.: Mk. 40 W ä Cto. Ab. erh. Bf. hoffentl. unterwegs — Frisch auf Lgtz.: Mk. 9— Ab. 3. Qu. erh. Adr. notirt Weiteres» Red. mitgetheilt.— Paul Spg.: Cto. geordnet. E. B. durch Zwischenhd verspätet. Bestllg. folgt.- A. W. D.: Mk. 3— Ab. 4. Qu. erh. v? nützte Adr. ist erloschen. Ersatz folgt.— H. Sch. O.: Mk. 4 30 A» 3. Qu. erh.— Blume: Mk. 5— Ab. 3. Qu. u. Schst. erh.„Wink e längst vergriffen. Weiteres demnächst. Fvytsf. Anwsg. v. 29/6. so» erst in 14 Tagen honorirt werden. P. i. S.: Adr. geordnet. Weiter«' nach Wunsch durch D.— Rothbart: Bse. v. 23. u. 26. am 26. u. 28/st beantw. Neuestes am 30 6. berichtet.— Stbrg.: Bf. v. 28/6. erh.- Bfl. Weiteres.— Rothe Faust: Adr. geordnet. Vers, stets genau W struirt. Quittg. v. Mk. 90— betr. Sie allerdings. Schft. folgen.— D« rothe Knopf: Mk. 3— Ab. 3. Qu. erh. Ins. nur in Parteisach-» zulässig. Bfl. mehr.- W. W. Ed.: Mk. 3- Ab. 3. Qu. erh. geordnet.— Cfld.: Mk. 40— Ggnrchng. ä Cto. Ab. gutgebracht. Ad» geordnet. «Nbes Jndil zut< rührt i>eni des l kam S: in de iichen Trur D densel also solche Ak welch nicht »Ma revc ßroße nngei gemc' tiv e ganz! welch offen die Z rimer Eleu, feine: jede Bekel ßanzi beste, Möch For könn wirk, Quittung. München. Mark 50— erhielten von Wenzel Swaddy zu« nächsten Feldzug ' M ü nchener Genossen. D i e Unser» Abonnenten in der Schweiz zur gef. Kenntniß, daß wir diejenigen bisherige� Abonnenten, welche die Annahme unseres Blattes seit Beginn dieses Quartals nicht ablehnten, auch für d laufende Quartal als Abonnenten vortragen und Nachnahme sofort nach Ausgabe von Nr. 28 erhebest werden, sofern die betreffenden Abonnementsbeträge nicht schon eingesandt wurden. alle Syst londc ein tion, durch sicher lnög, Elen die Acker tag« Eine mit. refor klarh Elen U alleii Aufg