iltfame r Pro- Zrgani- -samm- t, das nsche." unser« ».dsätze chr. im Streetz nt uns lisation ?fe für »che: Krscheint wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Aerkag der �»llöbuchhandlung Hottingen-Zürich. NoAsendaugeu franko gegen franko Gewöhnliche Briefe »ach der Schweiz kosten Doppelporto. Ver AoMldemKrat .entrat-Argan der deutschen Sozialdemokratie. Abonnements werden bei allen schweizerischen Postbureaux, sowie beim Verlag und dessen bekannten Agenten entgegengenommen, und zwar zum voraus z ahlbaren Vierteljahrspreis von Fr 2— silr dieSchweiz(Kreuzband) Mk 3— für Deutschland(Couvert) fl. 1.70 für Oesterreich(Couvert) Fr. 2 50 für alle übrigen Länder deS Weltpostvereins(Kreuzband). ?» ser a t e die dceigeipallene Peiiizeilt 25(£18.= 20 Psg. f. h-t nokrat rat. Mies seit sols scheheNi wäre» in.mer» .a.a.a.i lg: M l. ZS !97 p-k eubacke' Sollair. _ M 3. DU .u. und 40 Slb F. 11251 ir. SBfi' erh. §?!- nmt." M. 3' erh. � Liögei jon de» 50 Zlb - A.5 «f.6- 1»-1 ZtlMNUl tt. 8- Wahl- Teufell (: Wi« »usflu? bt's b- t's erß 3ä. Aonnerstag, 21. August. 1884. Avis an die Abonnenten und Korrespondenten des„Soziakdemostrat." �hölo-n sich—— ,.-------— M möglich an den.Sozialdemokrat-«(t). dessen Verlag selbst adressiren, sondern stch möglichst an Irgend eine unoerdstchtia« Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche stch dann mit uns in Verbindung setzt I anderseits aber daß unverfänglich. Zust.tlungiadr.ssen mitgeih.ilt werden. In, weiselhaften Fällen empfiehlt sich behufs größerer Sicherheit Rekommandlrung. Soviel an uns liegt werden wir gewiß weder Ällhe nach kosten scheuen um trotz all« entgegm. stehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemakrat- unseren Abonnenien möglichst regelmäßig ,n liefern"" Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! ls sou� lles be- Frans' a durch rh. Bs� Zu den Wahlen. Wie die Dinge liegen, können die Neuwahlen für den Reichs- �3 zwar keineswegs vor Oktober stattfinden, allein jeden Augen- �lick kann die Auflösung des gegenwärtigen Reichslages erfolgen »nd der Termin zur Wahl des neuen anberaumt werden. Dann itflinnt die eigentliche Wahlkampagne. Wie bei allen anderen Kampagnen, so hat auch bei dieser Der 'k meisten Chancen, der seine Vorbereitungen am besten getroffen w. Nicht in der Kampagne, nicht während der Schlacht dird der Regel nach der Ausgang der Kampagnen und Schlachten �schieden, sondern vorher, durch die getroffenen Vorberei- '"iigen. Alle Parteien sind darum auch jetzt mit den Wahlvorbereitungen �schäftigt, und wir würden ungerecht sein, wollten wir unserer Partei da» Zeugniß versagen, daß sie an Rührigkeit und Plan- Süßigkeit des Vorgehens hinter keiner anderen Partei zurücksteht, alle übertroffcn hat und übertrifft. Das kann uns jedoch nicht hindern, auf Grund genauester �enntniß der Dinge zu erklären, daß noch weit mehr hätte geschehen können und sollen, als geschehen ist. Unsere Partei befindet sich eben in einer AuSnahmestel« 'ung. Nicht nur daß sie unter einem Ausnahmegesetz steht "nd durch Entziehung der meisten gesetzlichen AgitationSmitiel in jfroßen Nachtheil gegenüber allen anderen Parteien gebracht war- ist, hat unsere Partei noch insofern eine Ausnahmestellung, Usi fU, m Folge ihres weitgehenden, die Exlstenz-Grundlage aller schiene» Wölk. enve«! igrath, sch-" en. rltsver- "brigen Parteien nicht nur, sondern auch deS heutigen Staates "nd der Heuligen Gesellschaft in Frage stellenden Programm?, "lle übrigen Parteien und sämmtliche Machtfak- 'oren des Staates und der Gesellschaft zu Fein» den hat und nach keiner Seite hin auf ehrliche, ernst- Znneinte Unterstützung rechnen kann. Dazu kommt, daß unsere Partei, wie sich das bei ihrer soeben gekennzeichneten Ausnahmestellung von selbst ergibt, nur wirklich itprobte, wetterfeste Mitglieder haben kann, deren Zahl aber "iit Nothwenbigkeit immer eine beschränkte ist. Für die Kandi- datur eines Fortschrittlers, eines Zentrums- oder RegierungS- "lanneS einzutreten, kann unter Umständen materiell sehr vor- 'heilhaft sein, für die Kandidatur eines Sozialdemokraten einzu- 'reten, kann unter keinen Umständen Vortheile, unter sehr vielen Anständen sehr große Nachtheile bringen. Wir haben also weniger äußere Kampfmittel und eine geringere «nzahl von Kämpfern als unsere Feinde. Hieraus folgt, daß wir, um zu siegen, von unseren beschränkten Machtmitteln den möglichst ausgedehnten und zweck- ">äßigsten Gebrauch machen, und daß die Mitglieder der Partei durch Jntensivität ihrer Thätigkeit die nume- Zische Inferiorität(Schwäche) ausgleichen müssen. Schon vor der Aera des Sozialistengesetzes erinnerten wir Unsere Parteigenossen daran, daß wir, im Gegensatz zu allen übrigen Parteien, unsere Schlachten nicht durch ein stehen« jles Heer, d. h. einen dazu bestimmten Theil der Partei, oder nmmnS durch eine M ieth t ruppe schlagen lassen, sondern nur durch die 'evöo on massö: das Massenaufgebot, die Theilnahm e Älter am Kampfe, uns den Sieg sichern können. In wie viel höherem Maße ist das heute richtig, unier der Herrschaft des Sozialistengesetzes. Leider haben die Genossen dies noch nicht überall begriffen; "nd leider sind deshalb die Wahlvorbereitungen in manchen Dreisen nicht so weit gediehen, wie es der Fall sein sollte und bei allgemein regem Pflichtgefühl auch möglich wäre. Namentlicb— wir nehmen kein Blatt vor den Mund und derrathen damit ja auch kein Geheimniß— namentlich hapert (8 da und dort noch mit den Kandidaturen. Und das ist boch der Punkt, der zuerst erledigt werden sollte I Je früher die Person deS Kandidaten im Wahlkreise bekannt ist, desto besser. Jeder verlorene Tgg mindert die Chancen des Steges. Von einer„Kandidatennoth" kann doch bei unserer Partei Nicht die Rede sein. Wenn die liberalen Parteien Mühe haben, Männer zu finden, die sich für sie in die Bresche stellen, so begreift sich das— Niemand hat Lust, sich einer bankerotten Sache zu widmen. In unseren Reihen ist die SiegeSgewißheit allgemein, und an tauglichen Persönlichkeiten ist kein Mangel. Hat man sich trotzdem ba und dort noch nicht über einen Kandidaten einigen können oder in der Wahl der Kandidaten(durch Doppel- und Massen- kandidaturen) Mißgriffe begangen, so liegt der Grund in zwei ihrer Natur nach einander entgegengesetzten Triebfedern: der Übertriebenen Bescheidenheit tüchtiger Genossen, und Mär- beziehe» Keßleki büß. dem Personenkultus, dem Respekt vor-parlamentarischen Größen", der in unseren Reihen noch immer nicht ganz auS- gestorben ist. Begreife man doch endlich, daß jeder tüchtige Genosse auch ein tüchtiger Kandidat ist; daß jede Doppel- kandidatur vom Uebel, und die Massenkandida- turen eine positive Blamage für unsere Partei sind— ein trauriges Armuthszeugniß. ssls. Zur Naturgeschichte des bürgerlichen Radikalismus. Wir hatten vor einiger Zeit Gelegenheit, an einem Vortrage des volksparteilichen Abgeordneten Köhl über die L a n d f r a g e den Nach- weis zu liefern, wie dieser bürgerliche Demokrat, entsprechend der Klasse, auf die er sich stützen muß, in wirthschastlich sozialer Beziehung geradezu reaktionären Tendenzen huldigt, daß die Maßregeln, für die ei eintrat, nur aus eine Befestigung des statu» guo, des heutigen Standes der Dinge, hinauslaufen. Ein eigenthümliches Seitenstück zu der damaligen Rede des Herrn Köhl sind die Auslassungen, welche in der letzten Sitzung des Kon- grosses der französischen Nationalversammliing Herr Clemenceau, unzweifelhaft der bedeutendste Vertreter des französischen Radikalismus, gelegentlich seiner Rede gegen die beschränkte Revision der Verfassung über die soziale Frage zum Besten gab. Der schneidige Redner der äußersten Linken begründete nämlich seine Forderung, auch den Senat auf Grund des allgemeinen Stimmrechts zu konstituiren, schließlich mit einem Hinweis auf die wirthschastlichen Fragen der Zeit. Seine diesbezüglichen Ausführungen lauten nach dem von der„Justice" abgedruckten stenographischen Bericht: „Aber viele andere Fragen als die der Revision beschäftigen heute die Geister. Sie wissen, daß die wirthschastlichen Fragen die Aufinerk- samkeit Aller auf sich zieben, daß sie in ganz Europa vorhanden sind, daß sie gerade in unserem Lande in sehr zugespitzter Form austreten. Sie wissen, daß die ganze Welt nur noch ein großer Markt ist, und daß jede wirthschastliche Veränderung, die sich in irgend einem Lande vollzieht, sofort auf die anderen Märkte zurückwirkt." (Ein Mitglied im Zentrum: Sehr wahr!) Clemenceau:„Sie wissen, daß wenn Sie eine Steuer verändern, wenn Sie den Preis der menschlichen Arbeitskraft erhöhen, die Folgen zum Schaden unserer Industrie nicht lange auf sich warten lassen. Sie haben derartige Beispiele jüngst gesehen." (Zustimmung ans verschiedenen Bänken.) „Sie wissen, daß die soziale Frage überall gestellt ist, daß in England Herr Gladstone, ein Regierungsleiter in einer Monarchie, das große Wort verkündet hat:„Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Arbeiter." Sie wissen, daß sich in England die Staatsmänner aller Parteien dem Studium der sozialen Frage widmen, ihre Lösung suchen und es offen aussprechen. Sie wissen, daß eine Arbeiterkommission neben dem Haus der Gemeinen tagt, ihm Angaben macht und sich Gehör ver- schafft, welches auch die politische Farbe der Mehrheit des Parlaments sei. Als ich jüngst mit einem Führer der englischen Arbeiterbewegung zusammen war, fragte ich ihn: Haben Sie über das Parlament zu klagen? Rein, antwortete er mir, alle Gesetze, welche wir bis jetzt verlangten, haben wir auch erhalten.(!) Ich fragte ihn weiter: Und wer hat diesen Ihren Wünschen entsprochen, die liberale Partei oder die der Tones? Und er antwortete mir: Wir haben uns nicht über die Tory- Partei zu beklagen, die Gesetze, welche wir verlangt haben, sind uns bewilligt worden." (Unterbrechungen auf verschiedenen Bänken rechts. Martin R a d a u d: Sie haben Recht.) Clemenceau: Es hat dies auch seinen Grund: In England wird die einschränkende Gewalt durch das Haus der Lords repräsentirt, eine Landaristokratie, die gerne bereit ist, den Arbeiter gegen den Bourgeois, seinen Prinzipal, zu beschützen. Die soziale Frage in der Werkstatt geht somit ihrer friedlichen und gesetzlichen Lösung entgegen(!), während die soziale Frage auf dem Lande sich in ihrer furchtbarsten Gestalt entwickelt. Bei uns stellt sich die Sache anders, denn hier ist hauptsächlich das industrielle Interesse vertreten, und die Einschränkung wird von einer Bourgeois-Aristokratie geübt, die ihre Interessen oft sehr schlecht versteht, während sich eine eigentlich soziale Frage auf dem Lande nicht geltend macht." (Ein Mitglied rechts: Die beiden Fragen halten einander.) Clemenceau:„Ganz gewiß, die beiden Fragen halten einander. Nicht das ist es, worüber ich spreche, ich möchte Ihnen nur die Roth- wendigkeit nachweisen, bei den französischen Arbeitern die Denkweise zu erzielen, die ich bei den englischen konstatirt habe, und dazu gelangen Sie nur durch Thaten. Blicken Sie hinüber jenseits der Vogesen. Dort sehen Sie einen Politiker, den ich nicht beurtheilen will, auf dieser Tribüne nicht beur- theilen kann, diese Frage mit einer Kühnheit ohne Gleichen erörtern. Sie sehen. wie er derselben auf den Leib rückt, sie aus seine Art zu lösen versucht, Klassen gegen Klassen reizt, wie er ungeachtet aller Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat, auf Grund seines Ein- flusses in seinein Lande eine wirthschastliche Lage zu schaffen sucht. Und wenn es in den größten Ländern Europas derart zugeht, glauben Sie, daß Frankreich, dieses Land, welches der große Säemann der Ideen in Europa war, welches so viele Fragen aufgestellt, Alles in Bewegung gesetzt und jetzt nichts gelöst hat, meinen Sie, daß Frankreich, wo diese Fragen noch keineswegs sich in den Bahnen einer gesetzlichen und fried- lichen Lösung befinden, sich der großen Bewegung werde entziehen können, die unser Jahrhundert charakterisirt? Ich richte somit die Frage an Sie: wollen Sie das allgemeine Stimmrecht geben?"---- So Herr Clemenceau. Wenn der Mann keine besseren Argumente gegen den französischen Senat in seiner jetzigen Zusammensetzung vorgebracht hätte, als die hier dargelegten, so wäre wirklich die Frage berechtigt: wozu der Lärm? Die Abschweifung aus das Gebiet der sozialen Frage, weit entfernt, der Gipfelpunkt seiner Rede zu sein, ist thatsächlich ihr schwächster Theil, und das ist auch ganz natürlich. Zunächst, auf welche Länder exemplifizirte Herr Clemenceau? Auf England und Deutschland. In England aber besteht das allgemeine Stimmrecht nicht einmal für das Haus der Gemeinen, das eigentliche Parlament, geschweige denn für das Haus der Lords. Wenn also Herr Clemenceau die französischen Arbeiter so gerne zu der Ausfassung der Engländer erzogen sehen möchte, so muß er logischerweise die Mittel dazu ganz anderswo suchen als in der Zusammensetzung der Volksvertretung. Und Deutschland! Deutschland hat allerdings das allgemeine Stimmrecht zum Reichstag, aber ein Stimmrecht ohne Preßfreiheit, ohne Versamm- lungsrecht, unter dem Henkerbeil der Polizei, der Wahlbeeinflussung, wie sie anderswo unerhört ist. Und diesem Reichstag steht im Bundes- rath— vom Reichskanzler gar nicht zu reden—, eine Macht gegenüber, welche seine Beschlüsse kurzerhand in den Papierkorb werfen kann, ohne daß der Reichstag sich auch nur mucksen darf. Zum eigentlichen Thema der Verfassungsrevision passen diese beiden Beispiele wie die Faust auf's Auge. Lassen wir aber die formelle Veranlassung bei Seite und beschäftigen wir uns mit den Ausführungen des Herrn Clemenceau über die soziale Frage selbst. Was finden wir da? Eine Verherrlichung der Sozialpolitik Bismarck's und der englischen Staatsmänner. Run besteht die Sozial- Politik Bismarck's— und von einem Manne wie Clemenceau kann man wohl verlangen, daß er das weiß— in der möglichsten Mundtod t- m a ch u n g der Arbeiterklasse durch direkte Polizeigesetze, wie das So- zialistengesetz, oder durch Bevormundungs gesetze, wie das durch das Unfallversicherungsgesetz„ergänzte" Krankenkassengesetz. Ob Herr Clemenceau diese Gesetze gemeint hat, wissen wir nicht, und wir wollen es ihm deshalb nicht unterstellen; was ihm aber zweifelsohne an Bis- marck so imponirt, ist, wie gesagt, das Bestreben, die Arbeiterfrage „staatsmännisch zu lösen." Wie das gemeint ist, geht aus seinen Bemerkungen über England hervor, das Clemenceau aus eigener Anschauung kennt, das er— ein zweiter Max Hirsch— zum Studium der Arbeiterfrage bereist hat. Bezeichnenderweise brauchte er nicht mehr Zeit dazu, eher noch weniger, als sein deutsches Vorbild, und brachte er fast dasselbe Resultat mit: die Mähr von einer wunderbaren Harmonie. „Wir haben keinen Grund, zu klagen, weder über die Liberalen, noch über die Tories", sagt ihm ein Arbeiter— nicht doch, ein Arbeiter- Führer,„wir haben alle Gesetze erhalten, die wir gefordert." Ein netter Arbeiterführer das, in der That! Wahrscheinlich Herr Broadhurst oder einer seiner Kollegen vom „parlamentarischen Komite" der Trabes- Unions, die allerdings allen Grund haben dürften, mit den maßgebenden Personen iin Staate zu« frieden zu sein. Stopft Bismarck in Deutschland den Arbeitern durch Polizeigesetze den Mund, so wissen die englischen Staatsmänner mit den Arbeitern auf anderem Wege fertig zu werden. Die Führer werden einer nach dem ai.dern gekauft, und den Massen wird Sand in die Augen gestreut. Man resormirt nach homöopathischen Grundsätzen. Alle 2—3 Jahre ein„Amendement": das ermöglicht die Führer, von Erfolgen zu reden, und beruhigt die Massen, denen das Lied vom Wohl- wollen der Regierung und des Parlaments in allen Tonarten gesungen wird, wieder für eine Weile. Für die Unzufriedenen ist ja die Aus- Wanderung da! Und dieses System, das bisher zwar seinen Zweck erfüllte, aber der wirthschastlichen Entwicklung gegenüber aus die Dauer nicht Stand halten kann und für den Sehenden bereits heute in allen seinen Fugen wankt, dieses System des R i ch t s t h u n s unter dem Scheine sortgesetzter Thätigkeit, dieses System entlockt dein Führer der sranzösischen Radi- kalen, dem Mann, der mit so großer Emphase auf die Traditionen der großen sranzösischen Revolution verweist, den begeisterten Ruf:„So geht die soziale Frage in der Werkstatt ihrer gesetzlichen und friedlichen Lösung entgegen." Bewußt oder unbewußt hat hier Herr Clemenceau die ganze wirth- schastliche Weisheit des bürgerlichen Radikalismus zum Besten gegeben. Nicht in einer wirklichen Emanzipation der Arbeiter, denn zu einer solchen würden selbstverständlich auch die Tories nie zu haben sein(wenn überhaupt eine Emanzipation der Industriearbeiter ohne die der Land- arbeiter möglich wäre), nicht in einer Befreiung der Arbeiter vom System der Ausbeutung sucht er die Lösung, sondern in der Beruht- g u n g, in der A b s i n d u n g der Arbeiter: die herrschenden Klassen in Frankreich sollen sich so verhalten, daß die Arbeiter zufrieden sind mit dem, was sie bekommen, daß sie nicht mehr gegen das System der Ausbeutung r e v o l t i r e n, sondern, gleich den englischen Arbeitern, a n ihm h e r u ni f l i ck e n. Das System selbst soll bleiben, soll aus diese Art konservirt werden. Ein anderes Ziel kann sich der bürgerliche Radikalismus auch gar nicht stecken; stützt er sich doch aus dasjenige Bevölkerungselement, daS im Grunde das konservativste ist, das Kleinbürgerthum. Man darf sich da durch das politische Gebahren nicht beirren lassen. Die soziale Frage leugnet heute kein vernünftiger Mensch mehr; der Streit dreht sich heute nur noch um das Wie der Stellungnahme zu ihr. Und in dieser Beziehung gibt es zwei charakteristische Strömungen, denen gegenüber alle übrigen mehr und mehr zurücktreten: die sozialistisch- revolutionäre, die auf Umwälzung der Produktionsweise und mit ihr der ganzen Gesellschaftsorganisation gerichtet ist, und die zweite, die darauf hinausläuft, durch Schassung bestimmter Einrichtungen, durch eine be- sondere Gesetzgebung das bestehende Verhättniß zwischen Arbeit und Kapital zu einem dauernden zu machen, wir möchten sagen zu f e u d a- l i s i r e n. Es sind nicht blos die sogenannten Feudalen, die hierher gehören, sondern auch viele Leute, die sich für sehr freisinnig halten, ja dieses Lager ist die schließliche Zuflucht aller Derer, die sich der ersten Strömung anzuschließen fürchten, überhaupt aller Sozialreformer, die nicht auf dem Standpunkt des Klassenkampfes stehen. Hier ist das unterscheidende Merkmal, und wenn die Sprache nicht blos dazu da ist, die Gedanken zu verbergen, so gehören Herr Clemenceau und seine ihn mit dreifacher Beifallssalve empfangenden Freunde dahin, wohin auch Herr Köhl und seine Fraktion gehört: in's Lager der— wirthschastlich Kon- s e r v a t i v e n. Darüber dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben, wie immer wir uns in den politischen Käinpfen des Tages zur bürgerlichen Demokratie, zum politischen Radikalismus stellen. Sozialpolitische Rundschau- Zürich, 20. August 1884. — Am 31. August sind es 20 Jahre, seit Ferdinand L a s s a l l e, durch die Kugel Janko's von Rakowitza verwundet, aus dem Leben schied. Die letzten Worte, die er an die deutschen Arbeiter, gleichsam als ob er sein nahendes Ende bereits ahnte, gerichtet, lauten: „Möge mit meiner Person diese gewaltige Kulturbewegung nicht zu Grunde gehen, sondern die Feuersbrunst, die ich entzündet, weiter und weiter fressen, so lange ein Einziger von Euch noch athmet." Dieser Wunsch des scheidenden Agitators ist im vollen Sinne des Wortes in Erfüllung gegangen. Die deutsche sozialistische Arbeiter- bewegung hat seit ihrem Erwachen im Anfang der sechsziger Jahre immer weiter um sich gegriffen, an Umfang, Kraft und— wir dürfen es sagen— an innerer Ausbildung stetig zugenommen. Wohl mag Manchem von uns, der mitten im heißen Kampf steht, die Zeit unend- lich lang scheinen, welche der Emanzipationskampf des Proletariats in Anspruch nimmt, wohl mag es Manchem vorkommen, als wolle trotz aller Anstrengungen die Sache nicht vorwärts, als seien alle Opfer, alle Mühen umsonst, aber wenn er einen Augenblick rastet und sein Auge zurück richtet aus das, was vor 20 Jahren war, und dann einen Ver- gleich anstellt mit dem, was heute ist, wenn er vergleicht, wie winzig die Erfolge von damals gegenüber den Riesenanstrengungen eines Agi- tators wie Lassalle, dann wird er mit innerer Genugthuung sicher sagen dürfen: Ja, unsere Vorkämpfer haben nicht umsonst gelebt und gewirkt, was dem Auge des von Tage zu Tage Lebenden entgeht, das zeigt sich deutlich dem, der den Blick über weitere Epochen hinschweifen läßt,— sie bewegt sich doch! Ja, die deutsche Arbeiterbewegung hat sich mächtig weiter entwickelt seit jener Zeit, da das kleine Häuflein Sozialisten, welches als Arbeiter- partei in die Arena trat, allerorts Spott und Hohn erntete. Wer wagt es heute noch, die Sozialdemokratie zu verhöhnen? Man greift uns an, man beschimpft uns, man ächtet uns, aber Niemand wagt es, unserer zu spotten— vom mächtigen, in einem eigenen„Sozialismus" machenden Reichskanzler bis zum bissigen Führer der bürgerlichen Opposition. Das ist ein Erfolg, auf den wir stolz sein können. Aber freilich nur in dem Sinne, daß er uns zur ständigen Weiterarbeit auf dem betretenen Wege anspornt— zur Weiterarbeit in jeder Beziehung.„Wie ich be- harre, bin ich Knecht"— dieses Wort des Faust muß das Motto der deutschen Arbeiterbewegung, das Motto jedes einzelnen ihrer Kämpfer sein. Rüstig vorwärts gearbeitet auf dem Gebiete der Agitation, der Organisation und, was nicht zu vergessen ist, der Erkenntniß. Auch in geistiger Beziehung hat der Wirkungskreis unserer Bewegung an Ausdehnung gewonnen, auch unsere Literatur ist nicht auf dem Punkte stehen geblieben, wo sie vor 20 Jahren sich befand, auch sie hat sich erweitert, und es wäre schlimm, wenn es anders wäre. Wohl gibt es heute Elemente in der Arbeiterbewegung, welche die Leidenschaft, deren Bedeutung für den Emanzipationskampf des Proletariats kein Sozialist verkennt, als den allein berechtigten Faktor hinstellen möchten; aber die große Masse der sozialistischen Arbeiter hat sich von ihnen nicht beirren lassen, sie ergreift begierig jede Gelegenheit, ihren geistigen Horizont, ihr Verständniß für die gesellschaftlichen Zustünde zu entwickeln, denn die Arbeiter wissen, daß je klarer sie die Verhältnisse übersehen, um desto sicherer auch ihr Sieg, vor Allem um desto g es i ch e r t e r er ihnen sein wird. Es ist hier nicht der Ort, in Einzelheiten einzugehen, es genügt, auf das G e s a m m t b i l d hingewiesen zu haben, welches die deutsche Arbeiter- bewegung heute darstellt. Mögen sich die Genossen, welche den Gedächtniß. tag Lassalle's in diesem Jahre feiern, desselben freuen, mögen sie aber auch mit um so größerem Eifer in den Kampf ziehen, der uns gerade in den nächsten Tagen bevorsteht. Sie haben nicht blos einem Lassalle, sondern einer ganzen Armee wackerer Kämpfer Genüge zu leisten. Die ganze Schaar der bisher im Kampfe Gefallenen ruft ihnen heute die Worte zu, mit denen Lassalle seine letzte Rede schloß: Exomrs aliquia noatria ex ossibus ultor! Möge aus unseren Gebeinen uns ein Rächer er- stehen! Seid dessen eingedenk, deutsche Arbeiter! — Schönheitender modernen Produkttonsweise. Der neueste deutsche Konsulatsbericht aus H a b a n a berichtet u. A.: „Der Zuckerbau ist hier so unrentabel geworden, daß, wie be- stimmt versichert wird, eine große Anzahl von Plantagenbesitzern die Bebauung ihrer Felder für die nächste Kampagne einstellen wollen oder müssen. Sie sind heute außer Stande, die erforder- lichen Geldvorschllsse für die Arbeit zu erhalten, wie dies bisher zum Ruin zahlreicher Kapitalisten der Fall gewesen. Danach ver- muthet man für die nächste Session einen erheblichen Aussall für die Zuckerproduktion— ein Umstand, der, so verhängnißvoll er für Euba wird, für Deutschland als ein Vortheil zu bezeichnen ist, wenn, wie zu hoffen, Nordamerika als Käufer auf dem deutschen Markte auftritt." Das alte Lied! Der Ruin des Einen, der Vortheil des Andern. Nun muß man sich aber nicht der Illusion hingeben, daß dieser Vor- theil für„Deutschland" etwa ein Vortheil für das deutsche Volk sein wird. Im Gegentheil. Die deutschen Industriellen erhalten bekanntlich bei der Ausfuhr von Zucker die Jnlandssteuer auf Rüben zurückvergütet, und zwar auf Grund einer Berechnung, die früher einmal paßte, die heute aber, wo infolge eines verbesserten Verfahrens bedeutend mehr Zucker aus der Rübe gewonnen wird als damals, zur Folge hat, daß die Herren Exporteure bedeutend mehr vergütet bekommen, als sie ursprünglich bezahlt; mit anderen Worten: die Masse der Steuerzahler gibt den Her- ren Zuckerexporteuren noch Geld drauf. Daher die fetten Profite dieser Herren und die Gründungswuth in diesem süßen Artikel. Immer mehr greift der Rübenbau um sich, natürlich auf Kosten des Körnerbaues. Und für das Korn planen die Herren Agrarier, die sich gegen jede durchgreifende Aenderung im Systeme der Zuckersteuer sträuben, neuer- dings eine erhebliche Erhöhung des Einfuhrzolles— so erheblich, daß sie unter allen Umständen den Preis des Getreides, der B r o d f r u ch t, erhöht. Auf diese Art dem Volke gesetzlich die Haut über die Ohren zu ziehen, das nennt man chri st lich- konservative Wirthschafts- Politik! Die Herren wissen, warum sie gegen das„Manchesterthum", gegen die freie Konkurrenz zu Felde ziehen. Sie wollen noch Schlimmeres als die freie Konkurrenz, sie wollen Monopol und Privilegium. — Ueberproduktion, Ueberproduktion, Ueberpro- duktion— das ist das Lied, das uns von allen Himmelsrichtungen her entgegentönt. Ueberproduktion in England, Ueberproduktion in Frankreich, Ueberproduktion in Deutschland, Ueberproduktion im fernen Amerika und Ueberproduktion in Rußland. In einem volkswirth- schaftlichen Brief der Münchener„Allgemeinen Zeitung" aus St. Petersburg, in welchem Eingangs über den erfreulichen Auf- schwung der Petroleum- und Naphta-Jndustrie in den Provinzen am Äaspischen Meer ein Jubelhymnus angestimmt wird, heißt es gleich hinterher: „Ich habe in Vorstehendem Gelegenheit gehabt, ein Lichtbild des wirth- schaftlichen Lebens Rußlands vorzuführen. Leider bietet das Letztere auch leine Schattenseiten, und zwar so erhebliche, daß sie das erstere schon recht verdunkeln. Namentlich sind es die Katkow'schen„Mosk. Med.", denen man im Auslande, wenn auch mit Unrecht, einen offi- ziellen Charakter beilegt, welche uns ein düsteres Bild über die gegen- wärtige Lage des Handels und der Industrie Rußlands entwerfen, und hierbei in recht grellen Farben die furchtbare Krisis zeichnen, die wir durchzumachen haben, und deren Ende, ihren Ansichten nach, gar nicht abzusehen ist, indem sich diese Krisis von Tag zu Tag noch verschärft. Sie wird nach dem Moskauer Organ durch die vielen Bankerotte gekennzeichnet, die täglich selbst über solche Firmen hereinbrechen, an deren Zahlungsfähigkeit bis zur letzten Minute Niemand zweifelte.„Jeder Tag bringt schlechte Nachrichten, und es ist sogar keine Hoffnung vorhanden auf baldige Erlösung aus dieser trau- rigen Lage, in der sich jetzt unsere ganze landwirthschastliche und unsere übrige Produktion befindet. Unsere Märkte sind mit Maaren überschüttet, die Händler machen nicht nur keine neuen Einkäufe, sondern können sogar ihre früheren Einkäufe nicht losschlagen, wodurch neue Bankerotte in Aussicht stehen." Es sind eben die schlimmen Folgen der industriellen Ueberproduktion, welche heute zu Tage treten, und der auch der Finanzminister in sei- nem Budgetbericht an den Kaiser Anfangs dieses Jahres schon Erwäh- nung gethan. Vollständig Recht mutz dem„Mosk. Wed." darin gegeben werden, daß sich so lange keine Aussicht bietet, die überfüllten Waaren- lager unserer Industriellen zu leeren, bis ein st die Getreide- preise wieder eine solche Höhe erreicht haben, daß sie die Kosten der Produktion decken und das Landvolk dadurch wiederum in die Lage versetzt wird, die Produkte der Gewerbe-Ctablissements und Fabriken in größeren Massen einzukaufen. Heute stehen in dieser Be- ziehung die Chancen nicht sehr günstig, ja geradezu un- günstig. Die reiche amerikanische Weizenernte wird ihren Druck auf den russischen Weizenexport üben und den letzteren beschränken. In den letzten Tagen wird wieder stark über einen gänzlichen Mangel an Getreideexport geklagt." Bestätigt dieser Bericht nicht Alles, worauf wir seit Jahren hinge- wiesen? Die verhängnißvolle Rückwirkung der überseeischen, insbesondere der amerikanischen Getreidekonkurrenz auf die Länder, welche wie Rußland, Ungarn zc. bisher Europa mit Korn versorgten, und in denen die Lage der ländlichen Bevölkerung infolge des Sinkens der Getreide- preise am Ort und des mangelnden Absatzes eine von Jahr zu Jahr prekärere wird, ruft Nothstände hervor, die schließlich zu Massen- Erhebungen der nothleidenden Klassen führen müssen, die eine viel tief- gehendere Revolution im Gefolge haben als die revolutionärsten Brand- schriften zu bewirken vermöchten, umsomehr als sich die Lage des städti- schen Proletariats, der Industriearbeiter zc. gleichfalls von Jahr zu Jahr verschlechtert. Und kann es denn anders sein angesichts so wahnsinniger Zustände, wie sie die heute herrschende, anarchische Produktionsweise zeitigt? Millionen hungern, und die Getreidemagazine sind mit Brod- flüchten überfüllt, Atillionen entbehren der nothwendigsten Gegenstände für Kleidung, Behausung zc. und der Markt strotzt von Jndustriepro- dukten aller Art. Ist eine Gesellschaft, die solch widersinnige Zustünde zeitigt, nicht werth, daß sie zu Grunde geht, muß sie nicht zu Grunde gehen an ihren eigenen Widersprüchen? Die oben gekennzeichneten Widersprüche sind ja nur die hervorsprin- gendsten, aber bei weitem nicht die einzigen in unserer herrlichen bürger- lich-kapitalistischen Gesellschaft. Auf Schritt und Tritt stoßen wir auf solche. Man höre z. B. nur die Fortsetzung des obigen Briefes: „Dagegen blüht wenigstens an der St. Petersburger Börse das Börsen- spiel wie kaum zuvor. Hunderttausende werden an einem Tage ge- wonnen und selbstverständlich auch verloren. Diese Erscheinung ist aller- dings in der Zeit einer wirthschaftlichen Krisis auffallend, erklärt sich aber einestheils durch die in Rußland im Allgemeinen herrschende Spiel- lust, dann aber auch durch den Umstand, daß eben in Rußland noch freie Kapitalien vorhanden sind, die bei der herrschenden Krisis im soliden Geschäft keine Verwendung finden, und deren Besitzer sich nun in gewagte Börsenspekulationen einlassen. Besonders in Eisen- bahnaktien wird gegenwärtig stark spekulirt. Veranlassung bietet das in Folge der von mir früher erwähnten Untersuchung der Lage der Großen russischen Eisenbahngesellschast eingetretene erhebliche Sinken der Aktien derselben, welche man gegen Aktien anderer russischer Eisenbahnen ein- zutauschen sucht, was wiederum ein starkes Steigen von mehreren dieser letzteren zur Folge hat— eine Steigerung, die sich momentan auch auf andere Eisenbahnakrien ausdehnt. Grund genug, in Eisenbahnpapieren zu spekuliren." Das Spielen und Spekuliren, weil„freie Kapitalien vorhanden sind, die bei der herrschenden Krisis im soliden Geschäft keine Verwendung finden", ist keineswegs auf Rußland beschränkt, in der ganzen sogenann- ten Kulturwelt zeigt sich dieselbe Erscheinung. Nie herrschte ein solcher Uebersluß an Kapitalien als heutzutage, und wenn Diejenigen Recht hätten, welche in der Herabsetzung des Zinsfußes die Rettung aus dem Elend erblicken, so müßte das goldene Zeitalter vor der Thüre stehen, denn der Zinsfuß sinkt von Tag zu Tag. Was aber nicht sinkt, son- dern stetig zunimmt, ist die Nothlage der arbeitenden Klassen, die allgemeine Arbeitslosigkeit. Kapital ist im Uebersluß da, aber nicht für die, welche es bedürfen, es findet ini soliden Geschäft keine Verwendung, denn überall stößt es auf— U e b e r p r o d u k t i o n. Die ökonomi- schen Machtmittel wachsen der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft über den Kopf, sie droht im Fett zu ersticken, wenn nicht bald eine energische Entfettungskur vorgenommen wird. Die aber wird kein Bis- marck und kein Schweninger zustande bringen; dafür gibt es nur Einen Arzt, und der heißt soziale Revolution! — Fortschritt und Polizei. Damit soll nicht gesagt sein, daß unsere deutsche Polizei Fortschritte mache, das hieße der Wahrheit schnöde in's Gesicht schlagen. Notorisch ist das Gegentheil der Fall: als Kriminal- und Sicherheits polizei hat sie, wie seinerseits der Prozeß Dickhoff klar zeigte, sehr bedeutende Rückschritte gemacht, und als „politische", d.h. Spitzelpolizei, zeichnet sie sich bis auf den heuti- gen Tag nur durch negative Erfolge und Leistungen aus. Nein, wir meinten das immer zärtlicher werdende Liebesverhältniß zwischen Polizei und Fortschritt, nImb Fortschrittspartei. Daß der Fort- schritt gerne nach Polizei ruft, ist eine altbekannte Thatsache. So offen und eifrig wie in der neuesten Zeit hat er es aber noch niemals gethan. Höchst bedenklich war schon die Art und Weise, wie die„milde" Hand- habung des Sozialistengesetzes in Berlin während der letzten Gemeinde- wahl-Agitation von den parlamentarischen Vertretern der Fortschritts- partei im Reichstag behandelt wurde. Die Herren versicherten zwar mit Emphase, es sei nicht so gemeint gewesen, sie hätten nur für eine gleichmäßige Handhabung des Sozialistengesetzes plädirt. Es ist indeß immerhin mehr als verdächtig, daß es nicht die ,, st r a m m e sondern umgekehrt die„laxe" Handhabung des Sozialistengesetzes war, welche die Galle der Fortfchrittler erregt hat. Jetzt fängt man schon an, an, die Maske fallen zu lassen. Die Berliner Fortschrittsorgane, namentlich die mit Vorliebe in Radi- kalismus machende„Berliner Zeitung", befolgt seit Wochen die Taktik, jede Volksversammlung der„Arbeiterpartei" ausdrücklich als eine sozialdemokratische zu bezeichnen. Nun haben allerdings die Wortführer der„Arbeiterpartei" niemals ihre Zugehörigkeit zur Sozial- demokratie verleugnet, ja bei vielen Gelegenheiten dieselbe ausdrücklich betont. Wenn sie aber ihren Versammlungen nicht den offiziellen Stempel der Sozialdemokratie aufdrücken, so haben sie jedenfalls dazu ihre guten Gründe, die für jeden denkfähigen Menschen, der Augen hat, zu sehen, und Ohren zu hören, wahrhaftig mit Händen zu greifen sind. Ganz abgesehen von dem Sozialistengesetz sind die Versammlungen, um die es sich hier handelt, überhaupt auch gar keine s o z i a I d e m o- k r a t i s ch e Versammlungen, insofern die g e s a m m t e Bürger- und Wählerschaft zu ihnen eingeladen ist. Schon ehe das Sozialistengesetz bestand, pflegten derartige Versammlungen, die nicht ausschließlich für Mitglieder der sozialdemokratischen Partei bestimmt waren, nicht als sozialdemokratische angekündigt zu werden. Und nun heute, wo die Sozialdemokratie durch ein niedriges Ausnahmegesetz außerhalb des Gesetzes gestellt ist, so daß die bloße Erwähnung des Wortes Sozial- demokratie oft hinreicht, den überwachenden Polizisten die Auflösung der Versammlung aussprechen zu lassen! Genug— unter den obwaltenden Umständen kann man sich über die Motive und die Natur dieses Manövers der„Berliner Zeitung" und anderer Fortschrittsorgane nicht dem leisesten Zweifel hingeben. Nähert auf der einen Seite die Fortschrittspartei fich der Polizei und ruft deren Hilfe an, so läßt es auf der anderen Seite auch die Polizei nicht an Gegenliebe fehlen. Einen klassischen Beleg hierfür hat soeben die D a n z i g e r Polizei geliefert. In Danzig ist bekanntlich Herr R i ck e r t gewählt, gegen welchen in der„Politischen Wochenschrift" durch einen mit seinen Privatverhältnisfen genau vertrauten Verwandten schwere und ehrenrührige Beschuldigungen erhoben worden sind. Rickert wurde bei der Wahl vor drei Jahren von den Behörden auf's Heftigste bekämpft, und auch die Polizei ging ihn«, auf Kommando von Oben, nach Kräften zu Leibe. Die„Politische Wochenschrist" hat in Danzig eine geringe Verbreitung und war nie mit der Polizei in irgend welchen Konflikt gerathen. Wohlan, die Danziger Polizei hat auf einmal ihre Abneigung gegen Herrn Rickert vergessen und sich zu dem rührenden Freundschaftsdienste entschlossen, das Blatt, welches dem Exfeind wehe gethan hat„ zu konfisziren! Ob die Konfiskation juristisch oder auch nur sozialistengesetzlich aufrecht zu erhalten ist, damit wollen wir uns nicht beschäftigen— die Handlungen der Polizei entziehen sich ebenso den juristischen Regeln wie den Regeln der Logik. Grundlage des polizeilichen Handelns ist die Willkür, die sich ihren, Wesen nach weder mit den Gesetzen des Denkens noch mit denen der juristischen Gesetzbücher verträgt. Was uns interessirt, ist die zu Tage liegende Polizeifreundschaft für eines der Häupter der Fort- schrittspartei. Es erhellt daraus, daß die Polizei, wenn es sich um Bekämpfung der Sozialdemokratie handelt— und die„Politische Wochen- schrist" gilt ja, freilich sehr mit Unrecht, für ein Organ der Sozial- demokratie—, in des Herzens Grund mit der Fortschrittspartei ein Herz und eine Seele ist, sich gewissermaßen mit ihr solidarisch fühlt. Und das ist auch ganz in der Ordnung. Vertritt doch die Polizei den heutigen Klassenstaat, zu dessen Hauptstützen die Fortschrittler gehören, und mit dem sie nur deshalb hadern, weil er ihnen noch nicht K las sei staat genug ist. — Ein liebliches Argument zur Rechtfertigung d» Massenausweisung von russischen Staatsangehörigen bringt die„Nord deutsche Allgemeine" auf dem Umwege über Leipzig, wo ein Reptil i« nationalliberalen„Tageblatt" die arme angegriffene preußisch« Negierung vertheidigt. Es heißt da: „Es gilt zudem im völkerrechtlichen Verkehr als eine Beleidigung de: anderen Nation, wenn ohne Grund deren Angehörige ausgewiesen wer den. Wäre dieß also der Fall, so würden wir sicher auch bereits einer formellen Beschwerde des russischen Botschafters gehört Habel, Daß eine solche nicht vorliegt, dürfte allein(?) schon zum Beweise diene». daß die preußische Regierung sehr wohl in der Lage ist, ihre Maßregel» zu motiviren." Reizend! Weil die russische Regierung, deren Liebenswürdigkeil gegen ihre Staatsangehörigen weltbekannt ist, sich nicht beschwert hol, darum sind die brutalen Ausweisungen gerechtfertigt— diese Aus- Weisungen, von denen ein großer Theil auf Wunsch der russische» Regierung erfolgt ist. Als ob ein Mensch über den liebedienerische» Charakter der ganzen Maßregel im Zweifel gewesen wäre! So naiv- unverschämt kann wirklich nur ein preußisches Reptil sein. Nach Polizeiarbeit duftet auch das Zusammenwerfen der politisch„M rüchigen" mit Spitzbuben, Betrügern:c. Schließlich wird nämlich das Schweigen der preußischen Regiert über die Gründe der Maßregel folgendermaßen gerechtfertigt:„Die? Gründe liegen bei einer großen Zahl der Ausgewiesenen vor Alle» Augen: Mittellosigkeit und Unterstützungsbedürstigkeit in Verbindu»! mit verschiedenen Konflikten mit dem Strafgesetz. Notorisch sind Diebt Hehler und dergleichen unsaubere Subjekte ausgewiesen worden. Sodaus aber habe eben die Regierung bei anderen von der Ausweisung Betro? fenen ihre guten Gründe— die Gründe für die Maßregel noch ni?s zu veröffentlichen. Auch im Falle Kraszewski seien die Gründe später offenkundig geworden: die Zukunft werde die preußische Regi» rung auch diesmal glänzend rechtfertigen." Pfiffikus, der das geschrieben! Hat sich wahrscheinlich eine Konduite»- liste der Ausgewiesenen angelegt. — Von unserem wiedergewonnenen Freunde" damit ist natürlich Niemand anders als Rußland gemeint, dejst» Regierung mit der preußisch-deutschen jetzt ein Herz und eine Seele i? — dringt eine herzerquickende Kunde an unser Ohr. Ein alle»- höchster Ukas vom 17/29. Juli 1884 verbietet, wie die„Allgemein-' Zeitung", eine gewiß unverdächtige Quelle, berichtet, die VerabfolguÄ der Werke von 125 verschiedenen Autoren, russischen und ausländische»- und die Verabfolgung folgender Journale in den Bibliotheken und öffew« lichen Lesehallen:„Ssowremenik",„Russkoje Sslowo",„Snajie- „Sslowo",„Russkaja Myssl",„Otetschestwennyja Sapiski",„Djelo> „Ustoi". Die Inhaber von Bibliotheken haben sich schriftlich verpflichte» diese Zeitschriften und Bücher nicht zu verabsolgen. Von russischen Schriftstellern, die diesem Verbote unterworfen wurde»- werden genannt: Dobroljubow, Pissarew, Michailow K., A., K. Slate- wratski, Blagoweschtschentski, Bibikow, Shukowski,(I. G.), Sessodimsb- Lewitow, Ljesskow, Mirtow(Lawrow), Mershejewski, Michailowski, Mo» dowzew, Nefednw, Pomjalowski, Portugalow, Priklonski, Reschetniko» Sslepzow, Ssuworin(Herausgeber der„Nowoje Wremja"), Ssetschenoi»> Flerowski, Zebrikowa, Tschernyschewsky, Schelgunow, Schtschapo»- Isländer(Herzen). Von nichtrussischen: A g a s s i z, Büchner, Vermorel, H u x l e y, Zol» Debai, Quetelet, Clarus, Colli«, Lassalle, Lubbock, Lek?- Louis Blanc, Lewis, Lyell. Marx, Mill M.(„Historische Briese"!- Moleschott, Proudhon, Pfeiffer, Rochefort, El. Röclus, Adas» Smith, Spencer, Vogt(Karl), Foucault, Zimmermann(„D" Welt vor der Schöpfung des Menschen"), Schweitzer, Scherr. Die obengenannten Zeitschristen erschienen oder erscheinen noch unt� den Augen der russischen Regierung; ebenso sind auch die Werke de» russischen Autoren(mit Ausnahme von Herzen) in Rußland gedru» und offen verkauft worden. Auch die meisten Werke der genannten au» ländischen Autoren sind in Rußland bis jetzt erlaubt gewesen, viele d«- von sogar in's Russische übersetzt und unbehindert verkauft worden." � Man beachte die— von uns— unterstrichenen Namen. Alles Le»u die einen Weltruf als Männer der Wissenschast haben, deren Werke zu» Theil epochemachend sind oder waren— von Adam S mit! und Quetelet bis zu Lyell und A g a s s i z, den berühmten Ge» logen. Hier kann von Staatsgefährlichkeit im gewöhnlich� Sinne des Wortes gar keine Rede sein, denn die meisten der>» Rede stehenden Schriftsteller haben sich um Politik gar nicht gekümme» — dieser Ukas zeugt lediglich von Haß gegen die modern- Wissenschaft überhaupt. Der halbasiatische Despot, der a» Rußlands Thron sitzt, bildet sich ein, er könne der Wissenschaft und d» wachsenden Erkenntniß der Menschheit Einhalt gebieten, und wenn«' zu einem so verbrecherischen Beginnen nicht die Macht hat— an d» edlen Absicht fehlt es ihm nicht! Er will Herrscher über Sklaven sein! Und daß ein solcher Idiot, ein solcher Vandale über da» Schicksal von 80 Millionen Menschen nach Willkür verfahren darf, v das nicht ein Verbrechen an der Menschheit— viel größ»» als irgend ein anderes?! — Was für ein Despot der„unglückliche" Ale- x a n d e r II. war, davon zeugt eine Anekdote, welche die von.-öerl» Bodenstedt begründete„Tägliche Rundschau" unter dem Titel„Ein Ko» zert mit Hindernissen" mittheilt. Natürlich ohne Kommentar, denn ,, Politik verdirbt den Charakter", d. h. des Sykophanten: „Der berühmte polnische Geiger Henri Wieniawski, so erzö die„Tägliche Rundschau", erhielt einst gelegentlich eines Aufenthaltes>» St. Petersburg die Aufforderung, vor dem Zaren Alexander II. zu spiele» Er fand sich zur festgesetzten Stunde im Winterpalais ein und wurd« in ein prächtiges Gemach geführt, in dem bald darauf auch der Kais»» mit seinem riesigen Neufundländer erschien. Als der Künstler sein Kol» zert begann, erhob sich das Thier, welches sich zu den Füßen seine» Herrn niedergelassen, wieder und schritt langsam auf Wieniawski z» Dieser geigte, in der Befürchtung, daß sich der Neufundländer geitiÄ den Gepflogenheiten seiner Raffe anschicke, das Akkompagnement zu de» Spiele mit einem Geheul aus Leibeskräften zu übernehmen, etwas u»' behaglich weiter, aber es kam anders. Der Hund richtet sich, dicht v»' dem Virtuosen angelangt, plötzlich in die Höhe und legte seine breite» Tatzen auf dessen Schenkel. Daß eine derartige Situation dem künff lerifchen Vortrage nicht gerade förderlich ist, läßt sich begreifen, trotzdei» fuhr Wieniawski, nach Kräften seinen Gleichmuth bewahrend, in de» Konzerte fort. Allein der Neufundländer beruhigte sich noch immer nich» Weiter und weiter rückte er mit seinen Tatzen hinauf, und seine riesig? Schnauze folgte jeder Armbewegung des Geigers Diesem begann b» dem Gedanken: ein Zuschnappen, und mit der Ausübung Deiner Kung ist es zeitlebens vorbei, der Schweiß auf die Stirn zu treten. Mehr um mehr bedrängte die Schnauze des Hundes feinen Arm, so daß er, u» sie nicht zu berühren, immer kürzere Bogenstriche zu machen gezwunge» war. Endlich hatte der Kaiser, der bis dahin schmunzeln» dem Vorgange gefolgt war, Mitleid mit dem Künstler um fragte:„Wieniawski, genirt Dich der Hund?"—„Majestät," murmelt» der Künstler erschöpft,„ich fürchte, ich genire ihn." Alexander lacht» laut aus und rief das Thier zu sich, worauf der Geiger erleichtert sei» Konzert fortsetzen und beenden konnte." Wie human von dem Kaiser, daß er endlich Mitleid hatte und nicht weiter„schmunzelte", bis der Hund den Künstler gebissen! Oder viel- mehr, wie gut von dem H u n d, daß er nicht schneller zuschnappte! Nichts kennzeichnet die Tyrannennatur mehr als das Behagen a» der Angst seiner Mitmenschen, als das Umgeben mit Thieren, die fü» jeden Andern als ihren Herrn eine beständige Gefahr sind. Es ist kei» Zufall, daß auch Bismarck so großes Gefallen an seinem Tyras findet! — Das Neueste von Angra Pequena ist der folgen! Brief, den ein Beamter der dortigen Firma L ü d e r i tz an seine Eltei geschickt, und der jetzt zu Reklamezwecken durch die Press' wandert. „Das Land, in dem wir jetzt augenblicklich leben, ist eine voll st ä n d i g e W ü st e. So weit das Auge reicht, sieht es nichts«»' Felsen und Sand und wir müssen jeden Tropfen Trinkwasser von K-. stadt beziehen. Es regnet hier höchstens jährlich einma> d» und von wirklicher Vegetation kann daher auch nirgends die Rede sein. Nur einige dürre Sträucher und Cactus fristen hier ein kümmerliches Dasein. Es sieht wirklich so aus, als wenn der Fluch des Herrn auf diesem Lande laste. Das Klima ist jedoch schön, die Lust stets trocken und klar, aber nach Sonnenuntergang tritt hier stets ein großer Temperaturwechsel ein, und während das Thermometer am Tage jetzt gewöhnlich dreißig Grad zeigt, haben wir Nachts selten mehr als tv Grad. Unsere Arbeiter sind alle Namaquas, Hottentoten und Nav- nambas, sämmtlich von nußbrauner Farbe, über alle Begriffe faul und dickfellig, und sie müssen öfters mit dem Chambuck sviereckiger Streifen getrockneter Rhinozeroshaut) aufgemuntert werden; doch halten sie das für ganz natürlich �natürlich!) und werden nie den Versuch machen, sich gegen einen Weißen ZU widersetzen. Diese Menschen führen ein über alle Begriffe armseliges und elendes Leben. Nur mit wenigen Lumpen oder gar nicht bekleidet, Ziehen sie an der Küste entlang, vielfach nur von Muscheln und anderen Thieren, die todt ans Land getrieben werden, lebend. Ihr ganzer Reich- thum besteht gewöhnlich nur in zwei oder drei halbzerbrochenen Koch- topfen, und derjenige gilt als wahrer Krösus, der eine alte Flinte oder Büchse sein eigen nennt." „Etwa 130 Kilometer von der Küste ist es jedoch ganz anders. Das Land ist dort fruchtbar und frisches Waffer reichlich vorhanden und die dort wohnenden Stämme besitzen Tausend von Rindern und Pferden. Geld ist als Werthfaktor noch wenig hier bekannt. Kauft man etwas für baar, so muß man ebensoviel, wenn nicht mehr dafür bezahlen wie in einem zivilisirten Lande; dagegen kann man durch Tauschhandel labelhafte Geschäfte(Profitches!> machen. So z. B. erhielt Herr Bogelsang auf seiner Reise in's Innere für ein Pfund Kaffee einen Bündel Straußenfedern im Werths von 2S Pfd. Sterling(500 Mark) Und ein prachtvolles Löwenfell für ein kleines altes Taschenmesser. Eine Handels station ist schon in Bethanien, einer Missionsstation(Hast du gesehen!), etwa 249 km. von hier, errichtet worden, und ich werde nach vielleicht acht Tagen mit dem Chef zusammen von hier ausbrechen, um erst drei bis vier Monate im Lande herumzureisen, mit den Häuptlingen Berbindungen anzuknüpfen und Kontrakte abzuschließen, und dann die Handels- und Hauptvieh station, auf welcher bereits ein Haus für mich gebaut wird, zu übernehmen. Dort bin ich dann Admini- strator oder vielmehr unumschränkter Gebieter über 70 bis sv gkm. Land, und ich werde, wenn Alles nach Wunsch geht, nach einem Jahre 2-3000 Stück Rindvieh und Pferde da haben, die dann später über Land nach Kapstadt zum Verkauf geschickt werden ollen." Welches Eldorado! Eine arme Bevölkerung, die es ganz natürlich hält, wenn sie mit Peitschen von Rhinozeroshaut zur Arbeit„aufgemun- te r t" wird. Das ist das rechte Arbeitermaterial für die Kupfer- 2C. Minen, die jenen Flecken Landes, auf dem der„Fluch des Herrn" zu lasten scheint, zu einem so begehrenswerthen Artikel für jeden frommen Ehristenmenschen— denn zweifelsohne ist der Briefschreiber ein from- Her Mann— machen. Das ist eine Kolonie nach dem Herzen jedes echten Bourgeois. Da läßt sich noch ein anständiger Profit heraus- schlagen! Und nun erst das Innere des Landes! Es klingt allerdings fabelhaft. „Dort bin ich dann unumschränkter Gebieter über 70 bis so Quadratkilometer Land", und„ich werde.... nach einem Jahre 2—3000 Stück Rindvieh und Pferde da haben." Wie geht das Zu? Nun, man verkauft den Negern Dinge, von deren wirklichem Werth sie keine Vorstellung haben, für einen Preis, für den der Ausdruck I ü d i s ch eine Beschönigung wäre, man benutzt ihre Unwissenheit und ihren Mangel an Verständniß für Privateigenthum an Grund und Boden, ihnen denselben für irgend eine Lappalie abzukaufen,— aber wehe ihnen, wenn sie hinterher bewußt werden, was sie für einen„Vertrag" eingegangen, und etwa Miene machen, das ihnen Abgeschwindelte Zurückzunehmen! Da wird sehr kurzer Prozeß gemacht— man erinnere sich der„Mission" der Korvette„Leipzig"!—, und rauchende Häuser, verwüstete Kulturen, gebleichte Menschenknochen verkünden davon, daß gebildete Europäer Gericht gehalten haben— im Namen des Christenthums und der Humanität! Das sind die Kolonien, nach denen unsere Bourgeoisie lechzt. — Nette Volksfreunde sind die Herren Konservativen, das ist nicht zu leugnen. Man muß sie nur aus der Nähe betrachten, da, wo sie ihre„Freundschaft" für das arme Volk praktisch bethätigen. In ihren Reden und Schriften spielen sich die Herren stets als die be- rusenen Vertreter des armen Landvolkes, des Bauern st andes auf, denn die Getreidezölle und die vielen sonstigen Unterstützungen, welche sie für die Landwirthschaft fordern, liegen ja in ihrem Interesse, wie bekannt, weit mehr als in dem der kleinen Leute! Wo aber in Wirklich- keit die kleinen Leute andere Interessen haben als die großen Herren, wo eine Lebensfrage derselben dem Vergnügen der Herren Landjunker und Konsorten gegenübersteht, wie da sich die Freundschaft dieser besten Freunde bewährt, das zeigt sich recht deutlich in der Behandlung der Frage des Wildschadens in der agrarisch-konservativen Presse. So schreibt man der fortschrittlichen Berliner„Volkszeitung": „Vor einiger Zeit brachte auch die„Volkszeitung" die Nachricht, daß an der Eise! und in Westfalen das Schwarzwild großen Scha- d e n an der Ernte angerichtet habe, so daß einige kleine Bauern schier von Verzweiflung erfaßt worden seien. Nunmehr wird vom Harz von größeren Wildschäden berichtet, welche das R o t h w i l d verursacht hat. Man sieht daraus, daß unsere Gesetze durchaus nicht ausreichen, um der- artige Schäden zu verhüten. Die Konservativen, welche immer auch für den kleinen Bauern zu sorgen vorgeben, haben in dieser Fürsorge vor der Wildschadengesetzgebung Halt gemacht. Um so bezeich- nender ist das Gejammer in der konservativen Presse über die„Wild- d i e b s p l a g e", die zu„den verbreitetsten Uebelständen in unserem wald- und jagdreichen Vaterland" gehöre. Es wird weiter geklagt, daß die gesetzlichen Bestimmungen gegen die Wilddieberei nicht ausreichten— nun, wir meinen doch, daß die Strafen schwer genug sind; selbst die bürgerlichen Ehrenrechte können aberkannt werden! Darauf wird ein Mittel zur Abhülfe angegeben, welches von der be- kannten Liebe der Konservativen zu den„Armen und Enterbten" ein glänzendes Zeugniß abgibt. Die vielen Fußwege, welche die Wild- schutzbezirke, die Forsten und Felder durchschneiden, sollen von den Be- sitzern kassirt(aufgehoben) oder das Betreten derselben durch Warnungstafeln untersagt werden. Die Erlaubniß der Behörden resp. der Wegepolizei würde in den meisten Fällen leicht zu erlangen sein.— Es ist bekannt, daß die meisten Fußwege den armen Leuten zur Abkürzung der auf dem Lande übermäßig weiten Entfernungen dienen, daß die Arbeiter dadurch Ersparniß an Zeit und Geld erzielen, während der Gutsbesitzer in seiner Equipage die Chausseen und breiteren Land- wege benutzen kann und der Fußwege weniger bedürftig ist. Von den Behörden ist allerdings zu erwarten, daß sie nicht so leicht(?) auf der- artige, die Einziehung von Fußwegen betreffenden Anträge eingehen werden, da die armen Leute alte angestainmte Rechte nicht so leicht ver- schmerzen würden, doch der Vorschlag allein, den wir in mehreren kon- servativen Zeitungen finden, zeugt von einer Hartherzigkeit, die ihres Gleichen sucht. Wenn's nichts kostet, sind sie arbeiterfreundlich, aber schon um den Genuß einer einzigen Rehkeule geht die ganze Arbeiter. freundlichkeit zum Henker." Nicht wahr, nette Volksfreunde das? Und dieser konservative Hülseschrei für die armen Landbarone, in dem nicht nur die Beseitigung der Privatwege, sondern auch die der„un- nöthigen" öffentlichen Wege, welche die Forsten der Großgrund- besitzer durchschneiden, empfohlen wird, macht ohne jeden Komnientar— das heißt hier also mit Z u st i m m u n g— die Runde auch durch die nationalliberale Presse. Wahrlich, Herr von K ö I l e r hatte Recht, als er in seiner jüngsten Kandidatenrede im vierten Berliner Wahlkreis behauptete, zwischen den Deutschkonservativen und den National- liberalen bestehe eine Verschiedenheit der Ansichten nur noch in der— Handwerkerfrage! Mit andern Worten, die Herren National- liberalen machen Alles mit, jede Niederträchtigkeit, nur aus den gröb st e n S ch w i n d e l zögern sie noch, sich einzulassen. Nun, auch hier werden sie ihr Damaskus schon noch finden. Eine saubere Gesellschaft, das I Hoffentlich werden sie bei den Wahlen allerorts, wo sie um die Stimmen der Arbeiter buhlen, gebührender maßen heimgeschickt werden. — Deutsche Gelehrte im Ausland. Man kann gerade nicht sagen, daß die deutschen Gelehrten dazu beitragen, den deutschen Namen im Auslande beliebt zu machen. Alle Achtung vor dem Wissen mancher dieser Herren, aber um so abstoßender wirkt ihr spezifisch deutscher Gelehrtenstolz und ihre abgeschmackte Manier, den Deutschen, und zwar den deutschen Spießbürger als den Normalmenschen zu betrachten und die gesammte übrige Menschheit an diesem Ur- oder Vor- bild abzuschätzen. Gerade ihre geistige Ueberlegenheit sollte sie vor solcher Albernheit schützen. So hat, wie der„Louisviller Anzeiger" auf Grund eines von Herrn F r. S ch ü tz in der„Rundschau" erstatteten Berichtes mittheilt, auch Dr. A l f r e d B r e h m sich jüngst zu Aeußerungen veranlaßt gefühlt, die das deutsch- amerikanische Blatt zu der Bemerkung veranlassen, daß auch der berühmte Zoologe„zu den braven deutschen Landsleuten zu zählen ist, welche sich tn Amerika von allen Seiten fetiren lassen, nassauern, wo zu nassauern ist, von der Presse und dem Publikum alle möglichen Gefälligkeiten annehmen, soviel Geld zusammenscharren, wie nur möglich, und dann nach Deutschland zurückkehren, um— gehörig zu schimpfen!" Herrn Brehm's Aeußerungen werden so wiedergegeben: „Alles ist in Deutschland besser wie in Amerika, sagt der Doktor, nur drei Dinge sind in Amerika besser. Erstlich können die Amerikaner ihren Präsidenten einen Schasskopf schimpfen. Das können wir in Deutschland nicht unserem Kaiser gegenüber, sagt der Doktor, aber wir sind auch zu gebildet dazu! Zweitens können die Amerikaner täglich dreimal Fleisch essen— dafür haben sie aber auch meist die Dyspepsie! Drittens brauchen sie nicht als Soldaten zu dienen— dafür sind sie auch um so ungeschliffener!" Und viertens, setzt die„Newyorker Volkszeitung" hinzu, können die Amerikaner selbst einen so berühmten Professor einen Schafskopf nennen, nn er außer dem Bereich seiner Spezialiät über Dinge spricht, von denen er soviel versteht, als die Kuh vom Sonntag. — Der Engel von Altona hat seine Aufschneiderei ganz kleinlaut zurücknehmen müssen. Die vier„außergewöhnlich gefähr- lichen" Anarchisten haben sich als harmlose Matrosen entpuppt, die sich, wie das Matrosen manchmal thun, durch Schmuggel einen Zuschuß zu ihrem Lohn verdienen wollten; die Bomben aber, das Dynamit und was sie sonst noch für fürchterliches Sprengmaterial mit sich führen sollten, sind in eitel Luft aufgegangen, oder vielmehr haben sich als blauer D u n st herausgestellt. — Weitherziger Chauvinismus. Unter der Ueberschrist: „Weitherzige Humanität" veröffentlichen zahlreiche Blätter die Nachricht, daß zu Haida in Böhmen, wo 1866 im„Bruderkrieg" eine Anzahl preußischer Soldaten das Leben verloren hat, deren bisher ver- nachlässigtes Grab von den deutschen Einwohnern mit einem Denkstein versehen worden sei, auf dem folgende Verse zu lesen: „Der Tod versöhnt den Grimm der Leidenschast, Drum ruhet hier an diesem Ort! Schlaft sanft und süß in Eurer Zelle Kraft(!?), Denn deutsch ist's hier wie Eure Heimath dort!" Die Verse sind entsetzlich;„der Zelle Kraft", welche das Grab bedeuten soll, würde keinem Quartaner verziehen würden. Doch das mag hin- gehen. Was aber nicht ohne Protest hingehen darf, das ist die„weit- herzige Humanität", die von gedankenlosen Zeitungsschreibern in diese Verse hineingelegt wird. Das Grab feindlicher Krieger zu schmücken, die nicht aus eigenem Antrieb als Feinde in's Land gekommen waren, er- scheint an sich schön und lobenswerth; aber durch den Schlußvers ist die„weitherzige Humanität" als„weitherziger" C h a u v i n i s- m u s gekennzeichnet worden—„weitherzig", weil er über die öfter- reichischen Grenzpfähle hinausschweist, nichtsdestoweniger jedoch durchaus beschränkt, wie jeder Chauvinismus, weil in den Tobten nicht die Menschen, sondern die deutschen Stammesgenossen gefeiert wer- den. Wären die gesallenenKrieger nicht zufällig deutsche gewesen, so hätte die„weitherzige Humanität" das Grab nicht geschmückt und keine Verse verbrochen. Die Handlung der H a i d a e r Bürger ist bei Lichte betrachtet nur eine jener Kundgebungen bornirten Nationalitätsdusels, in welchem sich die deutsch-österreichischen Philister seit einiger Zeit ge- fallen. Unfähig, sich zur Humanität und Demokratie zu erheben, weit- eifern diese Kulturmichel mit den übrigen Nationalitäten Oesterreichs in albernem Chauvinismus, und entblöden sich nicht, für denselben„beut- schen" Krautjunker Bismarck zu schwärmen, der 1866 Deutsch-Oesterreich aus Deutschland„hinauswarf." Traurige Gesellen! — Die Knechtsnatur können sie doch nirgends verleugnen, unsere biederen deutschen Bourgeois! Da machte jüngst der H e i d e l- berger Liederkranz— natürlich eine aus privilegirten Nichts- thuern bestehende Gesellschaft— eine Reise nach Tirol. Die Herren ließen sich in Innsbruck, wohin sie sich zunächst gewendet, von den dortigen Sanges- und Stammes-— sagen wir richtiger Klassen- genossen gehörig feiern, und—„mit wahrer Herzensfreude" können die „Jnnsbrucker Nachrichten" vom 13. August mittheilen, daß„der Heidel- berger Liederkranz zur Mittagszeit nachstehendes Telegramm an Se. Maj. den Kaiser Franz Josef abgehen ließ: „Der zum Besuche der Jnnsbrucker Liedertafel hier anwesende Heidelberger Liederkranz legt Eurer Majestät seine ehrerbietig st e Huldigung zu Füßen." Pfui über solche Jammerburschen! Nicht zufrieden, vor ihrem eigenen„allergnädigsten Herrn" auf dem Bauche rutschen zu dürfen, winseln sie auch noch, wo sie nur können, frenide„Majestäten" an, ganz gleich, ob dieselben noch so große Schurken sind, wenn's eben nur gekrönte sind. Das sind dieselben Patrone, die einst vor Napoleon schweifwedelten, dieselben Subjekte, die hinterher sich geberdeten, als ob sie den Patriotismus gepachtet hätten, die Jeden niederbrüllten, der nicht aus das französische Volk schimpfen mochte. Da jammern sie mit ihren Kumpanen über das„bedrohte Deutschthum" in Oesterreich, kaum aber betreten sie den Boden dieses Landes, so legen sie dem Manne„ihre ehrerbietigste Huldigung zu Füßen", dessen Regie- rung gerade das Deutschthum— wenigstens nach ihrer Darstellung— gegenwärtig bedroht. Pfui über solche Bedientenseelen! O hätte ihnen doch Mutter Natur den richtigen Schwanz zum Wedeln verliehen, diesen— um mit S allst zu reden— echtdeutschen Hunden! — Daß die Nationalitätenfrage in Oe st erreich fast ausschließlich eine Frage der herrschenden Klassen ist, haben wir schon wiederholt betont, und es zeigt sich deutlich an dem Verhalten der be- wußten Elemente der Arbeiterschaft hüben wie drüben. So wird aus Krakau, wohin jüngst tschechische Turner einen slavischen Demonstra- tionszug gemacht, berichtet, daß der Enthusiasmus, mit dem die slavi- schen Brüder ausgenommen wurden, groß sei, aber—„die untern Schichten der Bevölkerung verhalten sich passiv, und nur die Intelligenz, will sagen der Geld sack, namentlich die Damen, nahm an dem Empfange Theil". Natürlich, was haben auch die Arbeiter mit diesen Nationalitäten- Hetzern gemein, die über der sogenannten Nationalität stets des Volks zu vergessen pflegen, die um das Linsengericht eines nationalen Privi- legiums ein Recht des Volkes nach dem andern verschachern— denn das nationale Privilegium kommt ja niemand anders zu gut als ihnen, den herrschenden Klassen. Man höre nur, wie ein Blatt dieser Festzügler Franz Joseph und seine Regierung verherrlicht: „Das Verbrüderungsfest in Krakau trifft mit der Feier des Geburts- tages unsers Kaisers und Königs zusammen. Da muß sich den in Kra- kau versammelten Böhmen und Polen unwillkürlich die Erwägung auf- drängen, wie wir fast alles dasjenige, was in neuester Zeit bezüglich der Befriedigung unserer nationalen Lebensbedürfnisse geschehen ist, der Einsicht und dem gerechtenSinne des Monarchen verdanken. Der Ausgleich mit Ungarn, jene Verordnungen, denen Galizien die Wiedereinführung der polnischen Amtssprache, die nationalen Umversi täten und Schulen verdankt, wie auch die Beseitigung der deutsch-zen- traten Parteiherrschaft in Böhmen: alle diese gewaltigen Schritte auf dem Wege zur Reorganisirung des Reiches auf der erprobten Grundlage des historischen und natürlichen Rechtes sind auf die persönliche Initiative des Rionarchen zurückzuführen." Man sieht, die guten Tschechen machen den Deutschen in Speichelleckerei eine erhebliche Konkurrenz. Freilich, sie wissen wenigstens, warum! — Kapital! st ische Geständnisse.„Solange das heutige Ausbeutungssystem herrscht, ist der Friede nicht gesichert, immer wird es Streit geben um die Beute, immer Händel um Ausbeutungsobjekte" so schloffen wir eine Rundschaunotiz in voriger Nummer. Eine treffende Jllustrirung dieses Satzes liefert ein kapitalistischer Mitarbeiter der Münchener„Allgemeinen", der in Nr. 224 dieses Blattes über„Eng- land und Deutschland" leitartikelt. Da heißt es: „Es ist ein Gemeinplatz, daß Handel und Friede eng verbunden sind. Man sagt dann weiter, daß Handelsleute den Krieg nicht lieben, daß nur die feudale Aristokratie, die einen militärischen Ur- sprung besitzt, den Krieg liebe und alle Kriege ihrem Einfluß ent- springen. Die gesammte Geschichte Englands beweist aber das Gegen' theil, beweist, daß a priori(von vorneherein) gezogene Schlüsse in der Politik oft ganz falsch sein können. Die Eroberung Indiens war die direkte Folge des Handels mit Indien und des Wunsches englischerseits, den Handel auszudehnen, neue Märkte für den eng- tischen„Kattun" zu gewinnen. Im 17. und 18. Jahrhundert hingen Handel und Krieg so eng zusammen, daß man sagen kann, der Handel habe im natürlichen Wege zum Kriege geführt, der Krieg den Handel befördert. In diesen zwei Jahrhunderten erwuchs Eng- land zu einer großen Handelsmacht, aber es war auch eine große Kriegsmacht, die an allen kontinentalen Kriegen theilnahm, zumeist im Interesse ihres Handels. Man braucht nur die Friedensschlüsse sich in Erinnerung zu bringen. Jeder derselben vermehrt den Kolo- nialbesitz Englands und erweitert den Markt für die Produkte Englands." Man muß nun nicht etwa glauben, daß der gute Mann, der natürlich die Engländer gehörig herunterputzt, von dem Kriegsühren im Interesse des Handels überhaupt nichts wissen will. O nein, er würde im Roth- falle einen Krieg mit England um Angra Pequenna oder sonst ein „preiswerthes" Handelsgebiet gar nicht so ungerne sehen, wenn nur nicht — der Kanal da wäre. So begnügt er sich denn mit der folgenden charakteristischen melancholisch- protzigen Frage: „Ob die Sprache(eines T h e i l s s!s der englischen Presse) die- selbe herausfordernde, kurz angebundene wäre, wenn ein wohlthäti- ger Meeresarm nicht zwischen England und dem Kontinent liegen und nahezu unmöglich machen würde, daß das stolze Albion in nähere Bekanntschaft mit der deutschen Heeresformation und dem deutschen Schnellfeuer trete? Man sieht, am liebsten wäre es unserem guten Mann, wenn der „wohlthätige Meeresarm" nicht vorhanden wäre und das stolze Albion „deutsches Schnellfeuer" kennen lernen würde. Wir haben natürlich keine Ursache, für die englischen„Jingoes", für das englische Großprotzenthum einzutreten,— nichts kann uns ferner liegen als das. Aber wir wissen und wollen es ausdrücklich konstatiren, daß die deutschen Ausbeuter um kein Haar besser sind als jene und gleich ihnen vor keinem Menschenopfer zurückschrecken, wenn es die Interessen des Gottes„Profit" erheischen. Unsere Kolonialschwärmer würden einen Handelskrieg mit einem wahren Jubelgeschrei be- grüßen, und es ist die höchste Utopie, zu glauben, daß die Kriege auf- hören werden, solange die kapitalistische Produktionsweise besteht. — In Schlesien grassirt wieder d e r F l e ck t y p h u s, oder richtiger, er ist wieder einmal eingestanden worden, denn in Schlesien wie in anderen Theilen Deutschlands hört der Flecktyphus bekanntlich gar nicht auf. Was ist der Flecktyphus? Aehnlich wie die italienische Pellagra ist er eine Hungerkrankheit, man kann sagen: d i e Hungerkrankheit par sxcolloiicg, erzeugt durch mangelhafte Ernährung und ungesunde Luft, mit anderen Worten durch menschen- unwürdige Zustände. In Schlesien, wie schon gesagt, ist die Hunger- krankheit in Permanenz, weil der Hunger in Perma- nenz ist. Seit Jahrzehnten weiß das die Regierung— und was hat sie gethan? Zu Anfang der sechsziger Jahre, als es galt, die damals etwas gefährliche Fortschrittspartei durch den proletarischen„Acheron" in's Bockshorn zu jagen, wurde die famose schlesische Weberdeputation in Szene gesetzt und das ebenso famose„königliche Versprechen" vom Stapel gelassen. Was ist aus dem„königlichen Versprechen" und den übrigen goldenen Borgen geworden, die damals den hungernden Arbeitern Schlesiens vorgezaubert wurden? Ein jämmerliches, verkrüppeltes, ver- hunztes Diminutiv- Affoziatiönchen— die reine Karrikatur einer Asso- ziation, die natürlich sehr bald an ihrer Jämmerlichkeit untergehen muhte — sonst nichts, buchstäblich nichts. Jetzt hat Fürst Bismarck es wieder nöthig, den Arbeiterfreundlichen zu spielen, er hat sich als„Anwalt des armen Mannes" aufgespielt, das „Patrimonium der Enterbten" als Fata morgana auf die Kouliffen zu seiner sozialpolitischen Komödie klecksen lassen— die Sozialreform ist proklamirt, auf das„königliche Versprechen" von 1863 die„kaiserliche Botschaft" von 1882 gepfropft. Und die praktische Frucht der so großen Worte? Hungertyphus— sonst nichts. Nein, noch etwas: das Kranken- und Unfallgesetz, die noch weni- ger sind als nichts. — Produktivität der Arbeit. Folgende von der Pig Jron Trade Assoziation Englands gelieferte und vom brittischen Ministerium fast ganz bestätigte Tabelle beweist an einem lehrreichen Beispiele, schreibt die„Newyorker Volkszeitung", wie mit der Größe des Anlagekapitals die Erzeugungskraft der einzelnen Fabrik zunimmt, die des einzelnen Arbeiters also mit ihr, während die Produktionskosten und die Zahl der Fabriken und Arbeiter abnehmen. In 14 Jahren also nahm die Tonnenzahl produzirten Roheisens um 44 Prozent zu, in jedem einzelnen Hochofen aber um 7 S Prozent. Die Zahl der Hochöfen verminderte sich in den zwei Jahren mangelhaften Absatzes 1878 und 1879 um mehr als ein Viertel, während die übrigbleibenden größeren Fabriken trotzdem an Produktionsleistung zunahmen. Sie nahm nach 1879 rasch wieder zu, um sich bis 1883 rasch zu vermindern, gegen 1870 um zwei Elftel. Auf 100 Tonnen Eisen kamen 1870 300 Tonnen Kohlen, 1882 aber nur 207— was ein volles Drittel weniger kostete. Der Gesammt- verbrauch an Kohlen wuchs nicht, obgleich die Eisenproduktton stark zunahm. Die technischen Verbesserungen vermehren also nicht nur die Erzeugung von Jndustrieprodukten, sie vermindern auch die Kosten des Rohmate- rials und beschleunigen mit der Ueberproduktion die Krisen, indem sie zugleich die Anzahl der Arbeiter vermindern, welche beschäftigt und da- durch auch befähigt werden, einen Theil ihrer eignen Produkte zurück- zukaufen. — Pech. Niemand hat bekanntlich mehr auf die Sonntags-Extrazüge geschimpft, als die Pfaffen des„christlichen Sozialismus", denn dieselben geben ja den Arbeitern der Großstädte Gelegenheit, anstatt in den Kirchen Buhe für ihre im Verlauf der Woche gegen Gott und ihre Fabrikanten begangenen Sünden zu thun, hinaus in die freie Natur zu fahren und dort sündhafter Lust zu pflegen. Es wird daher jeder gute Ehrist ein- sehen, daß die Sonntags-Extrazüge ein Werk des Teufels sind! Aber ach, die Macht des Antichrist ist gar groß! Und so kam es denn, daß eines schönen Sonntags im Monat August des Heilsjahres 1884 ca. 150 männliche und 20 weibliche Schäflein aus der frommen Heerde des guten Pastors Stöcker per Extrazug nach Dresden fuhren, ihre dortigen Mitschafe zu besuchen,— es waren leider in der gottlosen Reichshauptstadt nicht genug Theilnehmer an diesem Ausflug auszutreiben gewesen, um einen eigenen Extrazug miethen zu können, der dann, der ganzen Judenschast zum Aerger, am Schabbes hätte fahren können. Das wäre, sollte man meinen, schon des Peches genug für eine so gottvolle Gesellschaft. Aber es sollte noch ärger kommen. Laut Festprogramm wollten die frommen Schafs sofort nach ihrer Ankunft in Dresden in den Hofft—, pardon, in die Hoskirche traben, vermuthlich, um für die sündhafte Fahrt Abbitte zu leisten. Aber auch dies wußte der Antichrist zu verhindern. „Bei der Ankunft in Dresden", erzählt das„Christlich-soziale Kor- respondenzblatt",„wurden dieselben sdie Vergnügungszügler) von Mit- gliedern des Dresdener christlich-sozialen Vereins am Bahnhof empfangen und zunächst nach dem bekannten H e l b i g' s ch e n Etablissement an der Elbe geleitet. Der beabsichte Kirchenbesuch mußte leider(!) unter- bleiben, weil der Hauptgottesdienst in der evangelischen Hoskirche, in welcher an diesem Tage Herr Pastor Seidel predigte, schon um 9 Uhr beginnt und die Berliner Ausflügler erst um V,10 Uhr in Dresden anlangten, überdies durch die herrschende schwüle Temperatur auch etwas ermattet und restaurationsbedürstig waren." Die armen, armen Christlich-Sozialen! Statt den Seidel in der Hof- kirche zu hören, mußten sie die Seidel bei Helbigs— wo es est. vor- zllgliches Lagerbier gibt— leeren. Es wird ihnen entsetzlich schwer wiVs Herz dabei gewesen sein. Jeder Schluck ein Zentnergewicht auf ihr Gewissen! Entsetzliches Jahrhundert des Materialismus! So fromme Schafe und laufen Statt in die Kirche zur Tränke— Man denke! — Die Moral der„besseren" Kreise. Aus Barmen schreibt man uns: Durch die hiesigen Blätter geht gegenwärtig ein Steck- brief gegen einen Lehrer an einer höheren Töchterschule, Dr. T o m b o. Herr Tombo, Vorstandsmitglied des nationalliberalen Wahlvereins, hat die Fürsorge um das Wohl seiner Schülerinen, namentlich der älteren, so ernst genommen, daß er sogar vor sehr ausgedehnten körperlichen Untersuchungen derselben nicht zurückschreckte, d. h. im Steckbrief-Jargon: er nahm„unzüchtige Handlungen" vor. Da Tombo, wie gesagt, Vorstands- Mitglied der Nationalliberalen und außerdem mit sämmtlichen„anstän- digen" Familien eng befreundet ist, so erachtet es die gesinnungstüchtige Wupperthaler Presse, von der pietistischen„Post" und den ultramon- tanen„Volksblättern" bis zu dem demokratisch sich geberdenden Skandal- blatt„Neueste Nachrichten", für ihre Pflicht, den Fall todtzuschweigen: Außer dem vom ersten Staatsanwalt L ü tz e l e r, der sich durch die E'genthümlichkeit, alle großen Spitzbuben laufen zu lassen, auffällig ge- macht hat, unterzeichneten Steckbrief war nirgends eine Zeile zu lesen, trotzdem an verschiedene Zeitungen Berichte gesandt wurden. Diesem Mangel sei hiermit abgeholfen, vielleicht nimmt Herr v. Puttkamer Veranlassung, Vorstehendes seiner Zitatensammlung einzuverleiben. — Sozialistische Reichstagskandidaturen. Reichen- bach-Neurode: Schneidermeister August Kühn in Langen- bielau; Waldenbuurg in Schlesien: Gutsbesitzer Hein- rich Müller in Altweiseritz bei Habelschwerdt.— Hamburg: Die Genossen des l. Hamburgischen Wahlkreises haben A. Bebel, die Genossen des II. Hamburgischen Wahlkreises I. H. W. Dietz, die Genossen des lll. Hamburgischen Wahlkreises St. Heintzel in K i e l, die Genossen im 6. und 8. holsteinischen Wahlkreis Carl F r o h m e als Reichstagskandidaten aufgestellt. — Irland. Herr B i g g a r, einer der Führer der irischen Ratio- nalisten, hat, wie die Londoner„Justice" schreibt, sich geweigebt, auf einem Meeting zu reden, auf welchem auch Michael Davitt sprechen sollte. „Diese stolze Exklusivität hat," fährt„Justice" fort,„einen Brief von dem einzigen irischen Führer, der für Nationalisirung des Grund und Bodens eintritt, zur Folge gehabt. Der Brief ist von Denen, die alle Zeichen von Spaltung im Lager der Nationalisten willkommen heißen, zur allgemeinsten Kcnntniß gebracht worden und in solchen Ausdrücken gefaßt, daß die Sache schwerlich damit zu Ende sein kann. Davitt's Verbrechen in den Augen der Irischen Partei im Parlament(Biggar ist Parlamentsmitglied) bestehen darin, daß er eine Klasse nicht zum Vor- theil einer andern, sondern der ganzen Nation expropriiren wollte, und daß er die Jrländer gern zu Freunden des englischen Volkes haben möchte, soweit dasselbe die englische Regierung auf beiden Jnselreichen bekämpft. Es ist gut, daß der Konflikt von Seiten der Parlamentarier begonnen wurde, und wir beglückwünschen sowohl das irische wie das englische Volk, daß der Befürworter ihrer Verbindung gezwungen worden ist, aus seiner halben Zurückgezogenheit herauszutreten, in welche ihn sein Wunsch, nicht„die Partei zu spalten", getrieben." Diesem Glückwunsch, der durchaus dem entspricht, was wir stets über die irische Frage geschrieben, können wir uns nur anschließen. Korrespondenzen. Hamburg, l. Aug.(Verspätet.) Heute prangt die Grabstätte unsers verstorbenen August Geib in festlichem Schmuck. Kein Wunder, daß die Genossen wie alljährlich auch heute, fünf Jahre nach seinem Tode, ihm ihre Anerkennung für das so uneigennützige Wirken und Schaffen in der langen Zeit seines Lebens durch Spenden von Blumen und Schleifen mit entsprechender Inschrift beweisen und damit gleichzeitig bekunden, daß sie gewillt sind, in seine Fußstapfen zu treten, um das so hohe Ziel: die Befreiung des arbeitenden Volkes vom Joche der Lohnsklaverei, gleichbedeutend mit einer menschenwürdigen Existenz für Alle, zu er- reichen. Bemühen sich nun auch unsere Gegner, mit dem größten Schein der Redlichkeit, uns Halbwege todt zu schweigen, so wollen wir nicht unter- lassen, Euch Genossen in Nah und Ferne an das Grad unseres Freundes zu führen, um selbst zu sehen und zu hören, was die Arbeiter Haniburgs durch die so reichliche Blumenspende zu ihren theuren Todten, zu aller Welt sprechen. Es sind achtzehn Kränze, wie Ihr sehet. Der große Kranz hier im Vordergrund, aus rothcn Rosen gewunden, ist der eigentliche, von der Partei gespendete Kranz; seine breite, Hellrothe Schleife trägt die In- schrift:„Gewidmet von den Genossen Hamburgs, Altona's und Um- gegend." Den großen Lorbeerkranz im Hintergrund haben die Bau- arbeitcr an dem neuen kaiserlichen Postgebäude gespendet, die große, rothe Schleife ziert die Widmung in goldenen Buchstaben:„Seinen Glauben an die Fleischwerdung des Sozialismus, gestützt auf die tiefste Wissenschaft, hat ihm kein feiges Vorurtheil zerstört; noch heute klingt sein Wort in unfern Ohren fort und zieht uns hin zu seinem Glauben, ob auch die kühle Erde decket seinen Leib." Denkt Euch, die Bauarbeiter an dem neuen kaiserlichen Postgebüude sind Sozialdemokraten und nach dem Ausspruch des Bauraths sowohl als auch eines Uebernehmers sind es die besten Arbeiter. Ein treffliches Bild! Ihr unterlaßt es mir wohl, Freunde, Euch Alles zu erklären; nur Einiges will ich Euch noch sagen. Der Kranz dort unten ist von den Frankfurter Genossen, der Lorbeer- kränz hier links von den Genossen im III. Hamburger Wahlkreise; ge- radezu der Rosenkranz von den Genossen in den Bezirken 74, 7ö und 77, dieser Kranz hier ist von den Korbmachern gespendet, und jener Kranz kömmt vom„runden Stammtisch". Lest noch den Spruch auf der Schleife von den Freunden an de Waterkant:„Wat uns het leert August Geib, is gohn to hatten uns, wie vergeet dat nie!" Es ist dieses das Bekenntnis! eines ehrlichen Hamburger Arbeiters, er hat die Lehre der Sozialdemokratie in sich aufgenommen, wie sie ihm durch den Mund Geib's verkündigt, er wird sie nie vergessen,— und wir glauben hinzufügen zu können— auch für die weiteste Verbreitung derselben Sorge tragen. Versprecht auch Ihr es, Genossen, was die Hamburger hier am Grabe ihres großen Todten geloben? Ruft nicht ja, sondern gebt mit der That zu den bevorstehenden Wahlen Eure Antwort. Eins muß ich noch bemerken und zwar zur Ehre der hiesigen Polizei: sie hat uns ruhig gewähren lassen, obgleich mehrere Vertreter derselben den ganzen Tag den Kirchhos belagerten. R-t-t. Gera. In den Reihen unserer Gegner gibt man sich vielfach sehr gerne der barmherzigen Brüder-Vorstellung von der durch das Sozialisten- Hatz-Gesetz verfolgten und geängstigten Sozialdemokratie hin, eine Vor- stellung, die ein würdiges Pendant in der von den deutsch-freisinnigen Redehelden vertretenen Ansicht findet, daß man den gebundenen Gegner nicht im Ernste bekämpfen— aber desto srecher beschimpfen dürfe. Um so erregender wirken aber auf die Lachmuskeln der„Unterdrückten" die Bockstänze von unsinnigen Maßregeln und Verordnungen, welche die Unterdrücker im Namen des„Rechts" und der„Ordnung" aufführen, und jetzt besonders doch nur aufführen, weil sie, die tyrannischen Ver- ächter der Freiheit und der Menschenwürde, sich fürchten, daß die Unter- drückten bei der nächsten Reichsta-zswahl durch die ganze Mauer der Unterdrllckungsmahregeln wie durch Papierscheiben zum Siege schreiten könnten. Jetzt vergeht hier selten eine Woche, in der nicht uns auf den Leib geschnittene Verordnungen, Strafbefehle, Anklagen oder Verbote gegen uns erlassen, sogar ganz hirnverbrannte Untersuchungen vorge- nommen werden, die so kurz vor der Wahl sich einfach als Wahlmanöver, als Mißbrauch der Amtsgewalt darstellen. Wir wollen deshalb den Machern dieser Manöver den Spiegel einmal dicht vor ihre hochgetragenen Nasen rücken. Gera war Jahre lang ein ergiebiges Feld für fortschrittliche Rein- kulturen, und das hiesige Konservatorium Richter'scher Reichsfreund- Artikel, das„Geraische Tageblatt", belobhudelte einst in seinem Unfehl- barkeitsdünkel unser Regentenhaus als„traditionell tolerant gegen Andersdenkende", hatte aber in diesem byzantinischen Eifer nicht über- legt, daß die..traditionelle Toleranz" sich sehr bald als durchlöcherte Pauke erweisen könnte. Die vermaledeite Reichstagswahl vernichtet im Herannahen immer wieder die farbenreichste Fenstermalerei von edlen Grundsätzen, und so werden wir sehen, daß aus den„Feisinnigen" heute die besten Reservetruppen der Nationalliberalen geworden sind. Vor zwei Jahren unternahmen sie unter ihrem Anführer, dem Schneider Bräutigam, einen Waffenzug gegen den renitenten Polizei-Jnspektor Rüge, einen Mann der ausgezeichnetsten Unselbständigkeit. Rüge sollte abgesetzt und durch einen ächten Fortschrittler ersetzt werden, weil er ihnen das Skandaliren in der Kneipe während des Sonntagsgottesdiensts verboten hatte. Verfügten sie doch über die Majorität im Gemeinderathe, die Gevatter Schneider-, Bäcker- und Buchbindermeister; die Wände des Rathhaussaales hallten wieder von den großen Reden in dieser klein- lichen Sache, und obgleich diese Pfiffikusse auch einen ächten Fortschrittler zum Oberbürgermeister gemacht hatten, der willig Alles befolgte, was Herr Wartenburg und Konsorten inner- und außerhalb des Rathhauses anordneten, und demgemäß auch ein Gegner Rüge's war, konnten sie trotzdem ihre eklatanteste Niederlage nicht verhindern. Bräutigam wurde angeklagt, und Rüge wegen„Krankheit" beurlaubt, so lange die Unter- suchung dauerte. Letzterer besuchte täglich den Renegaten Brätter, der in seinem„Beobachter" fest für Rüge und liberales Geld gegen die Fortschrittler das Sezirmesser schwang; Bräutigam wurde verurtheilt und Rüge erschien wieder als Polizei-Jnspektor, die fortschrittlichen Festungsmauern aber barsten an allen Enden, mit einem Ntale hatte sich das Bild verändert, und wenige Wochen später bei der Wahl zogen die Nationalliberalen durch die offenen Breschen in den Gemeinderath ein. Bei dieser Gelegenheit entpuppten sich die fortschrittlichen Führer wieder einmal als Gesinnungslumpen, indem sie selbst vier national- liberale Hauptmacher zur Wahl empfahlen. Einer der Macher im Ge- meinderathe ist jetzt der unlängst vom Staatsanwalt zum Landgerichts- direktor avancirte von Hagen, unter dessen Vorsitz kürzlich ein Skandalprozeß verhandelt wurde, in welchem etliche von den hiesigen „angesehenen Bürgern" verwickelt und eingesperrt waren, weil sie mit einem Schulmädchen die Freuden der Liebe getheilt hatten. Der„hohe" Gerichtshof sprach die Angeklagten frei, und verdonnerte nur einen alten Arbeiter, der sein Verbrechen eingestanden hatte. Das Erkenntniß rief große Entrüstung hervor, etliche der Angeklagten selber haben im Publi- k»m ihre Thaten erzählt, und gehört dasselbe deshalb in's kulturhisto- rische Archiv. Das Mädchen sei sittlich verkommen und daher des „Schutzes unwürdig"; ihre Angaben seien unwahrscheinlich und unglaub- würdig, die Angeklagten, soweit sie leugneten, daher„freizusprechen". Ein Mädchen von 12—13 Jahren erklären diese„Richter" für sittlich verkommen, ihre bestialischen Liebhaber jedoch, die zum Theil bekannte Ordmmgsstlltzen sind, für unschuldig. Nun, diese„Lämmchen weiß wie Schnee" kennt hier jeder Einwohner zur Genüg? und ihre Frei- sprechung verdanken dieselben einzig dem höchst bedenklichen Umstände, daß noch andere„hohe Herren", auch oberpsarrerliche, für Nummer Sicher reif sind, auch ohne Zweifel dahin gekommen wären, wenn man nicht noch rechtzeitig entdeckt hätte, daß daS Mädchen„unglaubwürdig" ist. Wie der edle Lanogerichtsdirektor und seine Kumpane dazu kommen, dein klaren Wortlaut des Strafgesetzbuchs zuwider das Mädchen für des „Schutzes nicht würdig" zu erklären und darauf ganz unzuverlässiger- weise die Freisprechung zu basiren, ist unerfindlich. Wenn der„hohe Gerichtshof" aus ebenso korrumpirten Weibern bestanden hätte, wäre das Resultat vermuthlich das entgegengesetzte gewesen. Wie schneidig war dieser Esknmoteur hingegen als Staatsanwalt im Prozeß gegen unfern Genossen Fink, für den er durch ebenso lächer- liche Verdrehung des Sozialistengesetzes 4 Wochen Gefängniß erwirkte, die jedoch das Reichsgericht— dem Hagen zwar leider nicht auferlegte— aber doch dem Fink wieder abnahm. Aus der Vertheidigungsrede Finks hatte dieser Streber aber doch noch eine Beleidigung Seiner Eminenz herausgeklaubt, wofür Fink wirklich 14 Tage sitzen mußte. Solche Pro- zesse sind dann jedesmal von einer merkwürdig langen Voruntersuchung begleitet, die nichts ist als gewöhnliche Koulissenschieberei im Namen des „toleranten Fürsten" und zur Täuschung des Publikums. Herr„von" Hagen segelte mit der nationalliberalen Hochfluth auch in den reußischen Landtag hinein, wo seine bisher einzige Rede seiner eignen Gehalts- aufbesserung gegolten hat. Der eigentliche Prinzipal dieser Sorte von Beamten ist der als„Vor- sehung über Stadt und Land thronende Großfabrikant, Handelskammer- präsioent, Landtagsabgeordnete, Kommerzienrath Meyer, der redlich be- müht ist, Alles dem Ausbeuterniveau unterzuordnen. Der politische Kompagnon des Vorgenannten aber ist der Kommerzienrath F e r b e r, ebenfalls so ein Gesetzgeber und großer Wohlthäter. Die Zeitungen be- richten ohne Unterlaß von den Geldgeschenken, die er bei allen möglichen Gelegenheiten an„seine" Arbeiter gibt. Der oberste seiner Hausknechte, Direktor betitelt, erläßt dann jedesmal eine öffentliche Danksagung„im Namen sämmtlicher Arbeiter", damit die Sache an die große Glocke kommt. Eine Erkundigung bei den Arbeitern ergibt aber, daß sie vor- her dem Herrn nicht nur Geschenke in einer Höhe, die der Direktor be- stimmt, machen inußten, sondern daß ihnen auch für die nichtigsten Fehler an der Arbeit hohe Strafgelder in Abzug gebracht werden, Abzüge, die sich bei jedem Stück wiederholen und den armen Familien- vater oft zur Verzweiflung treiben, dem Herrn Kommerzienrath aber Tausende jährlich einbringen und nichts als genieine Betrügereien sind. Das so erworbene Geld findet dann häufig passende Verwendung zur Ausstattung von Dienstmädchen des Herrn Kommerzienrath, die wegen „andrer Umstände" aus dem Hause müssen. Der oben genannte Meyer hält sich einen Handlanger in dem Stadtrath Schneider. Beide stehen an der Spitze eines Fabrikanten-Konsortiums, welches die„Geraer Zei- tung" herausgibt. Schneider inspirirt den Rüge durch Artikel in der Zeitung, wie er gegen die Sozialdemokraten vorzugehen habe. Dieser ist folgsam und droht jeder Fachvemnsversaminlung mit Auflösung, in welcher ein bekannter Sozialdemokrat Vortrag halten will. Ruik und der Küchenschürzen-Minister Beulwitz bestätigen dann diese Rechtsbrüche bereitwilligst. So lange diese Gesellschaft mit den Fortschrittlern zu thun und selbst Mühe hatte, sich zu behaupten, genossen wir mehr Spielraum. Die Ersteren sind fest umsponnen, besonders auch durch ihr Organ, welches ebenfalls einen Großfabrikanten zuin Eigenthümer hat, der nur nach seinem Belieben Manuskripte passiren läßt. Da Hirsch keine Aussicht hat, hier wieder gewählt zu werden, scheint ihnen nur noch von sozial- demokratischer Seite Gefahr zu drohen. Und mit gutem Gewissen wür- den diese Rechtsbeuger die Arbeiterbewegung, welche ihnen als ein ver- haßter Ausdruck des Rechtsbewußtseins ini Volke erscheint, stranguliren— aber hier beseht Euch dieses Blatt, Eure Heldenthaten kommen hier regel- mäßig zur Aufzeichnung, wenn Ihr fortfahrt, der Sozialdemokratie mit unehrlichen Waffen und mit Gewaltthaten entgegenzutreten! Et cetera? Planen i. B., 27. Juli. Ich bin jetzt in der Lage, den Ausgang des Prozesses unserer inhaftirten Genoffen Hasse und Schenk mit- zutheilen. Schenk mußte nach dreiwöchentlicher Untersuchungshast wegen Mangel an Beweisen entlassen werden, Hasse-wurde am vergangenen Dienstag nach achtwöchentlicher Untersuchungshaft zu drei Monaten Gefängniß verdonnert. Mit einer gewissen Scheu betrat Hasse den Verhandlungssaal; ich glaube nicht, daß er Einen von uns bemerkt hat, da er sich gar nicht um das Publikum bekümmerte. Nach Eröffnung der Verhandlung wurde sofort beschlossen, dieselbe geheim zu führen, worauf das Publikum den Saal verlassen mußte. Zeugen habe ich nicht gesehen, bei der Urtheils- Verkündigung wurde der Saal wieder geöffnet und vom Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Kurz, der Wahrspruch des Gerichtshofes mitgetheilt. Er hob unter Anderm hervor, daß Hasse auf Grund seines eignen Geständnisses sowie der Aussage des Zeugen Güter Exemplare des „Sozialdemokrat" durch Kinder an verschiedene Personen in Mühltroff sowie vier Nummern nach Reichenbach verschickt habe, daß Hasse sich als Mitglied der sozialdemokratischen Partei bekannt habe, was auch zur Ge- nüge aus den bei ihm gefundenen Schriften sowie aus der Korrespon- denz mit bekannten Sozialdemokraten hervorgehe; daß er schon zweimal bestraft sei: das erste Mal wegen Widerstand mit drei Monaten, das zweite Mal wegen Hehlerei mit zwei Monaten. Ein Antrag des Ver- theidigers, Rechtsanwalt von Einser, die Untersuchungshaft von der Strafe in Abrechnung zu bringen, wurde abgelehnt, und zwar weil die Untersuchungshaft nicht über die gesetzliche Zeit gedauert haben soll,-- sowie wegen Verhaltens des Angeklagten in der Boruntersuchung. Aus der ganzen Verhandlung ging unzweideuttg hervor, daß man nur wegen der Vertheidigungsrede» des Angeklagten sowie des Vertheidigers die Oessentlichkeit fürchtete; ein anderer Grund kann nicht vorgelegen haben. Bei einem Messerheld, der hinterher verhandelt wurde— der- selbe hatte einem Arbeiter auf offener Straße vier Stiche beigebracht— hat der Gerichtshof es nicht für nöthig befunden, die Oessentlichkeit aus- zuschließen! Kommentar überflüssig. D. r. V. Nürnberg. Der als Renegat und Judas Jschariot bekannte Draht- arbeiter Meyer, Bärenschanze Nr. 37 hier wohnhaft, dessen Eigenschaften durch vorstehende ihm vom Volksmuude—„Volkes Stimme, Gottes Stimme"— zuerkannte Ehrentitel, ebenso auch durch den tteffenden Beinamen„der Stänker" hinreichend gekennzeichnet sind, scheint sich mit der Nürnberger Polizei ausgezeichnet zu stehen. Man höre: Der„Stänker" verübt unter Assistenz seiner biedern Ehe- Hälfte mit einer Rotte Spießgesellen einen Ueberfall gegen die K.'schen Eheleute im genannten Hause— 9 Banditen gegen eine wehrlose Frau und einen schwachen Mann— und wird von den K.'s sofort wegen Hausfriedensbruch bei der Polizei angezeigt. Das ganze Haus athmet auf, daß endlich einmal das friedenstörende Gesindel von der Gerechtigkeit gepackt werden wird. Doch was geschieht? Das Ehepaar wird wegen Hausfriedensbruch unter Anklage gestellt, und Stänker Meyer und Genoffen sind die triumphirenden„Zeugen". Was Wunder, daß die ganze Nachbarschaft sich die Sache so erklärt: Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, oder mit andern Worten:„Anarchist" Meyer ist Polizeispitzel, offenbarer Polizeispitzel und wird als solcher freund- schaftlich geschont. Wohl bekomm' ihm dieses Amt, die Gerechtigkeit wird ihn doch noch erreichen! Brieftasten Anzeigen. der Expedition: Ferd.: Nachr. v. 17/8. erh. Aus B.Nichts.— Rothbart: Mk. 100— ä Cto. Ab. erh.— Gänseleber: Mk. 50— ä Cto. Ab. k. gnt-geb. Bstllg. kommt.— Hannibal; Mk. 40— ä Cto. Ab. k. erh. Ggrchg. gutgeb.— C. D. Bbg.: Mk.— 85 f. Schft. erh.— n-li.: Mk. 150— Ab. 2. Qu. ic. und Ggr. gutgeb. Bfl. Weiteres.— N. N. Salzstadt: Mk. 2— f. Schft. erh. Erst Lsg. 1 versandtfertig. Ftstzg. später. Adr. abwechselnd genügen vollauf. Dank für Archivalien.— P. Pf. Mg.: Mk. 6— Ab. pr. Aug. erh. Gewünschtes besorgt.— New-Haven: Fr. 50 65(Doll. 10—) f. d. Wfd. in Deutschland gesammelt von I. Bollensänger dkd. erh.— Bukarest: Fr. 25 50 Ab. 3. Qu. erh. und nunmehr nach neuerer Bestimmung Fr. 94 50 pr. Wfd. dkd. verw. Bfl. mehr.— Oncel; Mk. 30 50 ä Cto. Ab. 2. Qu. gutgeb. Rechg. mit 33 fort. Weiteres geeigneten Ortes vorgelegt. Adr. geordn.— St. Gallen: Fr. 105— vom Zentralkomite des Grütlivereins f.„N. W." erh.— Fuchs: Mk. 200— ä Cto. Abon. zc. erh. Wink beachtet und weitergegeben.— G. H. W. Gz.: Mk. 5 20 Ab:-Rest bis Ende 1884 erh.— Kilian: Mk. 43 55 Ab. 2. Qu. erh. Bstllg. rc. folgt.— Flens- bürg: Mk. 25— P.-Beiträge pr. Agfd. dkd. erh.— Nieder: Mk. I 70 pr. Afds. dkd. erh.— A. Schndr. Glasgow: Mk. 26— Ab. 3. Qu. erh. Bstllg. folgt.— Alloa: Mk. 16— v. d. dtschn. Gen. zum Whlsd. dkd. erh.— A. F. Ktschr.: Mk. 2— f. Schft. erh.— Pickelhaube: Fr. 15180(Doll. 30—) ä Cto. Ab. ic. erh. Bstllg folgt. Pto. f. Re< mittenden rc. bitten zu melden.— X. 0. Bgdf.: Fr. 2— Ab. 3. Qu. erh. Fr. 3— a. Wpp. besorgt.— Blanc: Kommt nach Vorschft.— Ruprecht: Mk. 29 30 Ab. 2. Qu. und Mk. 8 Ggrchg. gutgeb. Quittung über Mk. 30 somit richtiggestellt. Einverstanden.— B. Meier: Beides erhalten. Gewünschtes bfl. Lsg. am 19. u. 21. fort.— fff hnrnnel--: Nunmehr nach Vorschrift gebucht.— Rothe Fahne: Adr. geordn. Nota folgt. Erfragtes bfl.— Wilhelmus: Gut. Bstllg. folgt.— Gracchus F.: Alles beachtet. Liegt an d. Zwischenhand.— Verrina:„O Herr, halt' ein mit Deinem Segen." Einsp. dürfen nicht zur Regel werden. Nur Eigenes folgt. Sonstigs dkd. beachtet.— Hellmuth Windsbraut: Warum so Dringliches nicht rascher berichtet?— Roland: Bist Du klingenscheu? — HsiM.: Adr. gel. Warum kein Ersatz?— X. 3: Hats brav gemacht. Adr. geordnet.— Rother Becker: Was an uns liegt, geschieht stets.— Ahasverus: Mk. 45 60 Ab. 1 Sch., 2. u. 3 div. erh. Weit, nach Vor- läge.— Brüssel: Fr. 15— ä Cto. Ab. erh.(nicht Fr. 20—, wie P.-K. meldete.)— R. Liege: Fr. 10 50 ä Cto. Ab. 2. u 3. Qu. erh. N. W. wird pränumerirt. Bstllg. folgt.— Cöln a/RH.: Mk. 150— pr. Ufds. dkd. erh.— Dr. R. K. Bpst.: öwfl. 2 20 ä Cto. erh. Sch. hier, grüßt mit uns bestens.— Catilina: 10 Cts. f. Schft. erh.— Rother Hans: Mk. 28 20 Ab. Juni erh. Nachlaß bewilligt. 1 Hierdurch meinen Freunden die Mittheilung, daß meine Frau Clara, geb. George, heute von einem gesunden Jungen glücklich entbunden worden ist. Halle, den 16. August 1884. Wilhelm Hasenclever. Durch uns ist zu beziehen: Das Kommunistische Manifest. Preis: 20 Pf.(35 Cts.) Expedition des Soziakdcmokrat. Aotflsbuchhandkung. Kottinge«-Zäri ch. Qitvtrft Samstag, 23. August, Abends 8'/, Uhr, im großen (O N*- 4*V Saale des„alten Schützenhauses": Hcffeutliche Versammlung der deutscheu Sozialiste». Tagesordnung: i) Sozialismus und Anarchismus. Referent: Bgr. K a u t s k y. 2) Die Verleumdungen der Sozialisten in dem liberalen Wahlaufruf und in der liberalen Presse. Referent: Bgr. Fischer. Jedermann hat Zutritt.— Der Vor st and des liberalen Bezirksvereins ist speziell eingelad en. Zahlreiches Erscheinen erwartet Der Lokalausschuß. GchwMeris-te Sen»sienschastSbuchdru