Krscheint WS ch entlich stnmal in Zürich(Schweiz). Derlag d«r V»lk«buchhandlung Hot»ing««>Zürich. poSseudullzea sronko gegen franko SefcShnllche Briefe nach der Schweif losten Toppelporto Der SoMldemckmt >entrat'Argan der deuilchen Sozialdemokratie. Küonnemettts werden tei allen schweizerischen Postdurrauz sowie beim Verlag und dejfen b-lannien A,enten «nigegengenommen, und>war zum varau» zastibaren Bierteljahriprei» von Fr Z— für di, Schweiz illreujbandf Ml 3— sllr Deutschland>gouvert> fl. I.W sllr Oesterreich«louvert) Fr.!»o sllr alle llbrtgen Lilnder de» Weltpostverein« Z-srrate die dreigespaltene Petitzell« 35 Et«.=-- 20 Psg. JiS AK AonnerAag, 18. Tczrmbcr 1884. mmmmmsmmm Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Die Religion der Armen. Zum WeihnachtSfest. Euch ist heute der Heiland geboren! So predigt man am WeihnachtLtage in allen Kirchen dem gläubigen Volke. Aus dem heidnischen Freudenfeste der Wintersonnenwende: aus dem egyptischen GeburtSfeste deS Sonnenkindes, den römischm Saturnalien, dem nordischen Julfest ist das GeburtSfest deS Er- löserS geworden. Des Erlösers—— Millionen sprechen das Mort gedankenlos nach, Millionen beten«u ihrem Erlöser und ahnen nicht, welcher Hohn in dem Worte liegt. Der Erlöser! Wen hat er erlöst? Man hat daS Christenthum die Religion der Armen genannt. Und fürwahr, es ist sehr geschickt für die Armen zugeschnitten. Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!— ruft eS den Armen, den AuSgestoße- nen zu. Und zu den Reichen: Wehe euch, denn ihr habt euren Trost dahin I DaS sind Sähe, die zu allen Zeiten in den Herzen der ge- Plagten Masten flammenden Widerhall finden mußten. Wo immer das Chustenthum entstanden ist, ob in Palästina, wie die Evangelien berichten, ob in Rom, wo es zuerst Bedeu- tung gewann, unzweifelhaft waren eS Arme und Elende, freie Proletarier und entlaufene Sklaven, die sich im Anfang begeistert um fein Banner schaarten. Freilich, das Christenthum von damals sah ander? aus als da« Christenthum von heute. Sind doch fast alle Glanbenssähe des letzleren erst auf den verschiedenen Konzilien vereinbart w irden, weiß man doch von vierundfünfzig Evangelien, von denen später nur vier von der Kirche anerkannt worden sind. Nicht daß eS etwa ursprünglich idealer gewesen wäre, weniger Aberglauben enthalten hätte. Im Gigentheil. Wie sollten die armen, unwissenden Sklaven frei gewesen sein von überschwänglichen Visionen, von kindlichen Naturvorstellungen, wo ihre aufgeklärten Herren nicht frei davon waren? AuS allen Weltgcgenden nach Rom geschleppt, brachten sie ihre heimischen Naturanschauungen mit und gaben sie nur allmälig auf. Wie sollten sie, die Unterdrückten, nur zu dem Zwecke heimlich zusam- mengekommen sein, ein„ideales'' Moralgebäude zu errichten I Nein, will man daS Christenthum kennen lernen, wie eS in der erste» Zeit ausgesehen hat, dann lese man die sogenannte Offenbarung Johannis. Verworrene Prophezeiungen und ein wüster Fanatismus kennzeichnen eS. Erst später ward eS von seinen. Ueberschwenglichkeiten" gereinigt, mit Morallchren, welche den damaligen Mode-Philosophen abgeschrieben wurden, durchsetzt. So wurde eS falon- und hoffähig. Nur der Form nach blieb eS die Religion der Armen und Enterbten, aber nicht die Religion ihrer Befreiung, sondern die Religion ihrer Unterdrückung. Die Religion der Unterdrückten konnte nur auf die Piokla- miiung von Freiheit und Gleichheit hinauslaufen, aber sie wurde zur moralische», d. h. eingebildeten Freiheit und zur Gleichheit vor Gott und feinem irdischen Stellver- t r e t e r. Tie ersten Christen warm unzweifelhaft Rebellen; erst unter der Wirkung der fortgesetzten Verfolgungen, die sich im religiös indif- ferentm Rom nur durch den revolutionären Charakter der ersten Christensekten erklären lassen, wurden sie Schwärmer und Märtyrer. Von allen damals bestehenden Religionen hatte da« Christen- thum allmälig Elemente in sich aufgenommen, sie gewissermaßen gegen einander abgeschliffen, ihre Exklustvität. beseitigt. ES predigte nicht mehr daS Recht, sondern die Gnade, nicht mehr die Auflehnung, sondern die Unterwerfung. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist. Seid unlerthan der Obrigkeit, denn sie ist von Gott. E« predigte nicht die Empörung wider die schlechten Einrich- tungen in Staat und Gesellschaft, sondern die Beschäftigung mit dem inneren Menschm, die Selbsteinkehr, die Sünd- haftigkeit der menschlichen Natur. Diese Seite verdankt eS den Ueberläufern auS den herrschen- den Klassen des alten Rom, die, übersättigt und angeekelt von den Genüssm dieser Erde, in der Kastciung und Abtödtung de» Fleische« eine moralische Neugeburt suchten. Und auch die Selbsteinkehr genügt noch nicht. Es bedarf auch noch des Sühnopfers, das den meisten alten Religionen eigen war. Und diese« Sühnopfer, welches die beleidigte Gottheit versöhnte, ward gefunden: Christus, der Sohn Gotte«, war gekommen, sich für die Sünden der Menschheit kreuzigen zu lassen. Er repräsentirt die leidende, die duldende Menschheil. Srweit gediehen, war das C�risienthum reif, die Staats- religion des römischen Weltreichs, die W eltrel i g i o n zu werden. ES entsprach den Bedürfnissen aller damaligen Gesellschafts- klassen. Die Zäsar en konnten sich keine günstigere Religion wünschen, als diese, alle Menschen vor Gott und seinem Stellvertreter nivcllirende. Tie besitzenden Klassen waren entnervt und gaben sich mit einer Religion zufrieden, welche die niederen Klassen in Unter- würfigkeit hielt. Den Proletariern zeigte das Christenthum ein doppeltes Gesicht. Es verdammte die Reichen und prie» die Armen, Christus und seine Apostel gehö-en den ärmeren Klassen an, sind schlichte Handwerk r. Es verheißt ihnen Genugthuung, Ausgleich- ung, aber im— Jenseits. Und damit sie im TieSseiiS nicht auf's Reue die Geduld ver- lieren, entwickelt es die, wiederum von den alten Religionen über» nommenen. Wohlthätig�eitS—„Liebes"-— Einritziungen. Der Reiche kauft sich los, durch Spenden an die Kirche sichert er sich seinen Platz im Jenseil«— der Arme wird durch Almosen gebändigt. DaS ist das Geheim»iß. warum da« Christenthum die Welt eroberte. Selbst Produkt von Kompromissen, ist es die Religion der Kompromisse. Es besttzt eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit. Zu welchen Grausamkeiten, zu wel- che» Gräuelthaten hat eS nicht den Vorwand abgegeben? Und wo findet man wiederum erhabenere Giundsätze niedergelegt als im Ch'istenthum? Alle Kulturfortschrit e, welche man ihm zuschreibt: die(ideelle) Befreiung der Fiau, die Abschaffung der Sklaverei u. s. w., sind im Gegentheil von ihm bekämpft, gegen den Willen seiner Ver- treter durchgeführt worden. Aber jeven durchgeführten Fortschritt schiieb es sich gern auf's Conto! Tie?Ibschaffung der Sklaverei ein Werk deS Christenthums I DaS Gegeniheil ist der Fall. Tie Kirche heiligte die Skla- verei. Vordem waren die Sklaven Unterworfene, sie fügten sich der Gewalt— die Kirche beschönigte die Gewalt durch den Hin- weis auf Gottes Willm. Römische Philoiophen hrtten schon die Gleichberechtigung der Sklaven gevredigt, als Paulus, der ehemalige Teppich- weder, lehrte: „Sklaven, gehorcht euren H.rren nach dem Fleisch, mit Furcht und Zittern in der Einfalt eures Herzens, wie ihr ChnstuS gehorcht. Die Sk>aven seien ihren Herren unterthan in allen Dingen, ihnen zu Gefallen handelnd, nicht ihnen widersprechend, nicht sie täuschend, sondern ihnen den Beweis der besten Treue gebend, damit sie in Allem zieren die Lehren des Erlösers, un fers GotteS." Und der heilige Antonius ruft in seinem„GotteSstaat" au«: „ChristuS hat nicht Sklaven aus freien Menschen gemacht, sondern auS schlechten Sklaven gute Sklaven. Wie sehr sind die Reichen nicht ChristuS verpflichtet, der gute Ordnung in ihre Häuser bringt!" Die Lehre von der Sünde muß herhalten, um die Sklaverei zu beschönigen. Der Sklave ist von Gott verflucht wegen irgend welcher Sünde, und wer ihn befreien will, versündigt sich gegen Gottes Willen. Bis in« 19. Jahrhunderte hinein haben christliche Prediger mit der Bibel in der Hand die Sklaverei vertheidigt. Nie» mand stemmte sich eibiiterter gegen die Aushebung der Leibeigen- schaff und der Hörigkeit in Deutschand als die geistlichen Herren. In der That, die Reichen sind Christus sehr verpflichtet! Scheinbar Vertreter der Unterdrückten, ist daS Cyristenthum thatsächlich der Anwalt der Herrschenden. So sehen wir auch im Laufe der Geschichte jede Klasse, die nach Befreiung ringt, gezwungen, das Christ- ihum zu b-kä p'en, und die henschendcn Klassen sich jedesmal, wenn sie sich bedroh, fühlen, mit natürlichem Instinkt der Kirche in die Arme werfen. So im Mittelalter der Adel, so in neuerer Zeil die Bourgeoisie. Aber ihr Kampf konnte immer nur ein halber sein, denn da stand ja hinter ihnen noch die große Masse der Proletarier, die im Zaume gehalten werden mußten. So wurden die kühnen Denker, welche die theoretischen Kons qaenzen deS Kampfes zogen, bisher stet« von der eigenen Klasse desavouirt. Seinem Berufe, die niederen Klaffen im Zaume zu halten, verdankt das Christenlhum seinen 1.89t)- jährigen B esta nd. Und so sehen wir e« heute wiederum, wo sich die Enterbten der Gesellschaft, die Klasse der bcstylosen Proletarier, regen, ihre wirthschaflliche und politische Emanz panon zu eikä»pfen, für die Interessen der Unterdrücker in die Schranken treten. Den Arbeitern gegenüber kommt den Wortführern dcS Christenthums dessen D opp elnatur vortrefflich zu statten. Um sie zu fangen, wird das Urchristenthum inS Feld geführt, da ist ChristuS wieder der ZimmermannSsohn aus Nazareth, da müssen die schönen Lehren herhalten, die der„erste Sozialist" gegeben, und das Christenthum wird auf einmal sozial. Frei- lich, ein eigenthümlicher Sozialismus. Er wendet sich gegen Alle und Niemand. Er donnert gegen die Ausbeutung, will aber nichts von einem Kampf gegen die Ausbeuter wissen, er will die Auibeuier bessern. Dazu ist aber nöthig, daß die Arbeiter, die ja auch sündhafte Menschen sind, sich zuerst bessern, mit gutem Beispiel vorangehen,— bescheidener werden, neint eS Herr Siöcker. Außerdem wird das Christenthum auch praktisch; eS erinnert sich, daß eS ja die Religion der Liebe ist, und orga- nisirt Liebeswerke für die„armen Arbeiter", auf daß die- selben gerührt werden und in sich gehen. Aber die A'beiter von heute sind aus anderem Holz geschnitzt alS die Sklaven des römischen Reiches. Sie sind keine Unter» warfen c, sondern fühlen sich alS Gleichberechtigte, sie verlangen keine Gnade, sondern ihr Recht. Sie sind sich ihrer Bedeutung in der modernen Gesellschaft bewußt, während der antike Sklave thatsächlich ein willenloses W.rk- zeug war. Der römische Sklave konnte sich nur befreien, indem er die römische Kultur, die auf der Sklaverei beruhte, zerstörte, er wußte nicht, was an ihre Stelle zu setzen; der moderne Lohn- arbeiier ab'r weiß, daß mit dem AuSbeutungSiystem keineswegs die moderne Kultur fällt, daß dieselbe im Gegentheil durch die heutigen EigenthumSvei Hältnisse beieitS in ihrer Entwicklung auf- geHallen wird. Er hat daS Bewußtsein, daß er mit seiner Be- freiung den gesellschaftlichen Fortschritt erkämpft. Selbstbewußte Proletarier ober lassen sich nicht durch Almosen bändigen, noch durch hochtönende Phrasen hinter'« Licht führen. Deshalb ist die Arbeiterklasse, ob bewußt oder unbewußt, natur- »olhwendig antichristlich. Sie kann keinen Erlöser brauchen, der nichts erlöst, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Wenn die herrschenden Klassen reu'g zur Kirche zurückkehren, wenn sie durch den Mund ihres modernen Zäiaren die Parole ausgeben:„die Religion muß dem Volk erhalten bleiben," so ist das nur eine heuchl-rische Umschreibung von: daS Volk muß in Knecht- schaft erhalten bleiben. Denn welchen philosophischen Sinn gew sse Allerweltsvermittler auch dem Worte Religion unterlegen mögen, wir haben es mit der Sache zu thun, mit Klerus un!) Dogma, und diese Religion heißt Knechtschaft. Sie erhebt nicht den Menschen über die Jämmerlichkeiten der Zeit, sie sucht ihn über dieselben zu täuschen. Ja, sie ist die Religion der Armen— aber der um Almosen bettelnden Armen. Den sein Recht fordernden Pro- letarier v e rfe hmt sie. Läutet nur eure Festglocken, verkündet nur auf den Kanzeln die so sorgsam gehütete Legende vom ZimmermannSsohn, der die Sünden der Welt auf sich genommen und den Kreuzestod er- litten, predigt ganze Bände voll schöner Redensarten über die tiefsinnige Bedeutung diese« Evangeliums, ihr kommt über die T h a t s a ch e nicht hinweg, daß euer Erlöser just die nicht erlöst hat, die zu erlösen er angeblich gekommen. »Euch ist heute der Heiland geboren! Das ist ...„das alte Entsagungslied, Das Eiapopeia vom Himmel, Womit man einlullt, wenn es greint, Das Volk, den großen Lümmel." Aber der„große Lümmel" ist zum Mann geworden, der nicht mehr greint, sondern mit grollender Stimme auSrust: „Ein Fluch dem Götzen, zu dem wir gebeten, In Winterskälte und Hungersnöthen: Wir haben vergebens gehofft und geharrt, Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt I" Er wartet auf keinen Heiland, er weiß, daß er von Niemand Erlösung zu erwarten hat alS von seiner eigenen Kraft. Zur Lage der Arbeiter im westfälischen Kohlenrevier. Münster i/W., im Dezember. Die letzten Reichstagswahlen haben Zeugniß dafür abgelegt, wie die westsälifchen Kohlenarbeiter unter dem Joche der nationalliberalen Tyran- nen schmachten. Es würde zu weit führen, alle Details anzugeben, wie man die Ar- beiter hier beeinflußt hat; nur einen Fall wollen wir hier konstatiren, aber dieser eine Fall verdient, als Charakteristikum in das Register der Wahibeeinfluffungen geschrieben zu werden. Wie Verbrecher zur Richtbank, wurden die Arbeiter zur Wahlurne ge- führt; dort wurden ihnen von ihren Vorgesetzten Stimmzettel in die Hand gedrückt, und man besaß noch die Infamie, die Wähler bis in's Wahllokal zu begleiten, um sich zu vergewissern, daß keine anderen als die den Arbeitern in die Hände gegebenen Stiinmzettel in die Urne geworfen würden. Wenn man sich nun angesichts dieser Thatsache srägt, wie es möglich ist, daß ein Schurke von Kapitalprotz das geheime Wahlrecht aus eine solch' nichtswürdige Weise verletzen kann, so kann Schreiber dieses, der mit den einschlägigen Verhältnissen benannter Distrikte genau bekannt ist, die Antwort daraus geben. Es herrscht nämlich in diesem Kohlenrevier die gute Sitte, daß wenn eine Zeche Arbeiter entläßt, man die übrigen Zechen davor warnt, den von elfterer entlassenen Arbeitern Arbeit zu geben. Wie mag da das Herz so manchen Arbeiters geblutet haben, als er sich vor die Wahl gestellt sah, entweder einem Kandidaten bismärckischer Färbung seine Stimme zu geben oder— entlassen zu werden! In Gelsenkirchen haben sogar einige Bürger zu Gunsten einiger Arbeiter, welche bei der Bochumer Wahl für den ultramontanen Kandi- daten Schorlemer Stimmzettel vertheilt hatten und darauf von ihrem „Brotherrn"— selbstredend ein Bismärcker!— entlassen worden sind, einen Aufruf erlassen. So springt dies Kapitalistengesindel mit dem Proletariat um, so achten diese Schurken das geheime Wahlrecht! Warum nun genannte Zentren für die Sozialdemokratie vorderhand noch verschlossen bleiben, darüber wollen wir hier auch Ausschluß geben. Man hat dort fast überall christlich soziale und katholische Arbeitervereine gegründet, in welchen entweder ein Pfaffe den Vorsitz führt oder doch auf die betreffenden Vereine einen großen Einfluß ausübt. Wenn aber erst jenes infamste aller Gesetze, das Sozialistengesetz, über den Haufen geworfen ist und in jenen beiden Wahlkreisen, Bochum und Dort- m u n d, und ebenso in Essen, eine wirksame und energische Agitation entfaltet wird, dann kann es nicht fehlen, daß trotz aller Schurkereien der Trabanten Bismarck' s diese Kreise der Sozialdemokratie zufallen. Bochum ist, nebenbei gesagt, der zweitbevölkertste Kreis Deutschlands. Was nun die materielle Lage der Arbeiter im westfälischen Kohlenrevier anbelangt, so läßt solche, wie ja auch nicht anders zu er- warten ist, sehr viel zu wünschen übrig. Der Verdienst beläust sich auf Mk. 2 bis 2,5i) pro Schicht bei achtstündiger Arbeitszeit, wenn es hoch- kommt, auf 3 Mk. Wenn man nun die anstrengende und gefahrvolle Arbeit eines Bergmannes erwägt, dann klingt ein Taglohn von 2 bis Z Mk. fast unglaublich. Das ist aber noch nicht Alles. Im Sommer, wo der Absatz der Kohlen nicht so groß ist wie in der jetzigen Jahreszeit, müssen auf den meisten Zechen die Arbeiter im Durchschnitt wöchentlich eine Schicht feiern, und endlich— dieses Thema ist in den letzten Tagen von Blättern verschiedener Parteischattirungen vielfach besprochen worden— die einheimischen Arbeiter werden durch die Konkurrenz der fremdländischen eingewanderten oder auch importirten sehr gedrückt. AIS Exempel nennen wir nur die P o l e n, welche im Kreise Bochum allein in einer Anzahl von mehreren Tausenden vertreten sind. Wenn man sich die Lebensart dieser Leute, welche schon nicht mehr menschlich genannt werden kann, betrachtet, dann wundert man sich wahrlich nicht, daß dieselben billiger arbeiten können und den einheimi- sch-n Arbeitern somit eine ganz empfindliche Konkurrenz machen. Die Lebensart der Polen aber erklärt sich aus dem ökonomischen Verhältnisse des polnischen Proletariats dem polnischen Krautjunkerthum gegenüber. Unsere Sozialresormer thäten daher sehr wohl daran, einmal einen Blick in genannte Kreise zu werfen, sich das große Elend, das dort in den Arbeiterhütten herrscht, anzusehen, um die Ueberzeugung nach Hause zu nehmen, daß weder ein Krankenkassen-, noch ein Unfallvcrsicherungs- gesetz diesen wie überhaupt den Arbeitern einen Nutzen bringt, sondern nur eine auf sozialistischem Boden durchgeführte Staatshilfe, und daß die Männer, welche vorgeben, den Arbeitern Helsen zu wollen, deren Gesicht aber— um mit Bismarck zu reden—„in den Schleier des Propheten gehüllt ist", alle Ursache haben, dafür zu sorgen, daß die Funken, welche bereits hie und da auffliegen, nicht zu lodernden Flam- men angefacht werden. Jedoch diese Leute wollen nicht sehen, sie sind in der That die „ewig Blinden", von denen der Dichter spricht. Gr. Demokratisch! Eine Mahnung zur Massenagitation. II.') Das Verfahren zur Belehrung der Massen wollte ich er- läutern. Jetzt kommt also das Universalheilmittel! Eine geniale, noch nie da- gewesene Idee! Eine wunderbare Schöpfung eines erleuchteten Geistes! D a s ist es nicht. Es ist eine uralte Sache, das Rezept aller revolutionären Gesell- schaften, die es je gegeben— welches auch schon bei uns vorgeschlagen, aber noch nicht zur Aussührung gekommen ist: Zehner- oder Fünfer- oder noch kleinere Gruppen bilden, welche mit einander nur durch je ein Mitglied in Verbindung stehen. Als das Sozialistengesetz zum ersten Male im Reichstag berathen wurde, sagte Bebel in einer Rede zu den Reaktionären ungefähr: „Bilden Sie sich doch nicht etwa ein, daß Ihnen Ihre Versammlungs- und Preßverbote das Allermindeste nützen. Eher schaden. Jetzt agitirt Der und Jener. Unter Ihrem infamen Gesetze agitirt Jeder. D>s „Hetzrede", die jetzt in der Versammlung Hunderte hören, wird das Zwiegespräch von Tausenden sein. Jede Kinderschule wird Versammlungsraum. Mit Ihrem Gesetze wird die Bewegung unwiderstehlich." sSo wenigstens dem Sinn nach.) Ich las die Prophezeiung mit Begeisterung. Natürlich, wir mußten reißende Fortschritts machen in der Zahl der Anhänger. Wenn ich Jedem die ganze unglaublich lange Zeit von einem Jahre laffe, um nur einen einzigen Anhänger zu gewinnen, so haben wir: im ersten Jahr „ zweiten„ „ dritten„ „ vierten„ „ fünften„ d. h. unsere Wählerzahl. Dann sind wir ja heute in Deutschland nicht nur die Herren, sondern auch über den Sozialismus einig. Es kommt nur auf eine Multiplikation an.") Was ist bis heute davon wahr geworden? Es findet eine Art geheimer Agitation statt. Wie sie ist, läßt sich nicht aus der Beobachtung beschreiben, denn der Einzelne kennt sie grundsätzlich nicht; aber schließen läßt sich, daß sie vom Ideal sehr weit entfernt sein muh. Man verwendet viel weniger Mühe darauf, neue 500,000 1,000,000 2,000,000 4,000,000 8,000,000 ') Wir verweisen auf die Anmerkung zu I. ") Bei der aber gewöhnlich vergessen wird, daß unsere Bewegung auf bestimmte Elemente der Bevölkerung angewiesen ist— Ausnahmen zählen nicht— und in gewissem Sinne auch örllich gebunden ist. Uns »st z. B. ein Jndustriestädlchen bekannt, in welchem seit 10 Jahren der sozialistische Kandidat regelmäßig bei jeder Wahl zwei Drittel aller Stimmen erhält, während das dritte Drittel sich auf die Ordnungs- Parteien vertheilt. Eine Steigerung zu unseren Gunsten ist nicht möglich, weil das Stimmenverhältniß dem Verhältniß der Bevölkerungsklassen zu einander entspricht. Unter sich haben die Arbeiter gar keine Veran- laffung zur Agitation— höchstens zur Festigung. Nun sind die Eifrigsten unter ihnen wiederholt an Sonntagen aus Agitation in die Umgegend gewandert, aber auf den D ö r f e r n hört die so plausible Multiplikation vollends aus. Da wird es einem vielmehr plötzlich klar, daß es mit den so verführerisch wirkenden Laffalle'schen Zahlen eben auch sein Häckchen hat. Wir wollen damit natürlich nicht sagen, daß der Verfasser, dem diese Dinge zweifelsohne auch bekannt sind, etwa Unrecht habe, wenn er meint, daß in der Agitation noch viel mehr geleistet, viel zweckmäßiger verfahren werden könne, sondern haben diese Gelegenheit nur benutzt, um den obenerwähnten Umstand klarzulegen, der vielfach in unseren Reihen außer Acht gelassen wird, während, wenn man ihn gebührend ins Auge faßt, man sowohl vor Illusionen als auch vor kleinmüthiger Verzagtheit,„weil die Sache nicht so schnell vorwärts geht", ge- schützt ist. Die Frage der Flugblätterverbreitung wird dadurch natür- lich nicht beeinflußt. Die Redaktion. Anhänger zu schaffen, als eine, stellenweise nicht sehr glückliche Verbin- bindung herzustellen zur Ermöglichung des Verkehrs unter unseren besten Kräften. Das kann zunächst nicht anders sein. Die überzeugende, klare Entwicklung der sozialistischen Lehren, das Halten der„Hetzreden" ist eine qualifizirte Arbeit. Die kann nicht Jeder leisten. Erst recht nicht in der unparlamentarischen Unordnung des Zwiegesprächs. Das erfordert eine geistige Beweglichkeit, Schlagfer- tigkeit und Selbstständigkeit, zu welcher unsere jämmerlichen Schulen die Massen nicht entfernt bringen. Es kann also nicht„Jeder Agitator sein" in dieser Weise. Er kann es aber sehr gut sein, wenn man nur eine rein mechanische Thätigkeit von ihm verlangt. Man muß ihm die Aufgabe stellen, ein Flugblatt zu verbreiten. Aber verbreiten nicht in dem Sinne, daß er Hunderte austheilt. Das ist unmöglich. Man heiße und erlaube dem Einzelnen, nur 2—3 Exemplare an den Mann zu bringen, aber un- mittelbar. Das ist das Höchste, was billigerweise heute von ihm verlangt werden kann, und ist auch völlig genug; wenn er regeluiäßig geschickte Flugblätter vertheilt, empfängt und verbreitet er eine Bildung, die für unser Ziel der wcrthschaftlichen Ausklärung vollkommen genügt, aber nimmermehr durch mündliche Mcttheilung erzielt werden kann. Die Flugblätter müssen ihm von einer Stelle geliefert werden, welche selbst nur 2—3 derartige Verbreiter bedient. Diese erhält ihre zirka>0 Stücke wieder von einer derartigen Stelle, welche etwa 30 Stück, aber nur in 3 Theilen, vertheilt u. s. w. Auf diese Weise werden mehrere große Vortheile erzielt: 1) D i e Agitation bekommt einen bestimmten, eng- begrenzten Zweck. Daß bisher das Ziel der Gruppen ein zu großes, zu unbestimmtes, allgemeines war, hat in vielen Fällen ihre Auslösung bewirkt, ihre Gründung im Allgemeinen verhindert. Wie sollen die Leule zusammen- kommen, um den„sozialen Staat" zu gründen oder„die sozmle Revo- lution vorzubereiten"? Bei diesem Programm haben sehr Viele schon Furcht; wenn aber Leute ernstlich daraufhin sich versammeln, können sie nichts machen, als die Zeit mit chikanöser Kassenlon.role verplem- pern und immer neue Organisations- und Agitattonsanträge aushecken. Zur einfachsten regelmäßigen Lektüre, etwa einer Laffalle'schen Schrist, kann es schon wegen der vielen räumlichen, zeitlichen und pekuniären Hindernisse nicht kommen. 2) Die Betheiligung an der Organisation wird völlig gefahrlos. Jeder gibt seine Blätter, sei es einzeln, sei es in Paketen, nur an solche Leute ab, welche ihn aus persönlichen Gründen nicht verrathen. Die allgemeine Ehrenhastigkert oder Parteitreue braucht gar nicht angerufen zu werden. Zwei oder drei solcher Leute hat aber Jeder. Wenn man jetzt oft klagen hört:„Man kann sich aus Keinen mehr verlaffen",„es ist keinem Einzigen mehr zu trauen", und man geht von dem allgemeinen Urtheil aus die besonderen bitteren Ersahrun- gen, die traurigen Thalsachen zurück, aus denen es gezogen wurde, so zeigt sich, daß der verstiininte Psffiinist sein Vertrauen nicht blos auf feine intimsten Freunde, sondern allgemein aus seine Kameraden ausgedehnt hat, etwa auf die Genossen seiner Werkstatt. Soweit darf man bei unseren verdorbenen sozialen Zuständen freilich nicht damit gehen. Die Gesahr des Verrathes ist bei dem vorgeschlagenen Verfuhren auch deshalb sehr gering, weil die mcisten Empfänger von Flugblättern zugleich Verbreiter sind und also sich selbst angeben würden, wenn sie denunzirten. Wenn ich rund 00,000 Flugdlätter verbreiten will, durch wiederholte Theilung der Pakete in drei Theile, so muß ich die- selben durch 10 Hände gehen lassen(gäbe genau 58,863). Es haben dann von den 60,000 möglichen Verräthern etwa 30,000 die Miffethat selber begangen. Wenn ich 60,000 so, wie jetzt deliebt wird, vertheile, daß jeder Vertheiler schließlich Material für ein paar Häuser hat(>agen wir 100 Blätter), so sind unter den 60,000 Empfängern, die Verrath üben könnten, höchstens 700 Verbreiter. Es ließe sich die Sicherheit vor Verfolgung durch die Polizei noch weiter behandeln. Ich will aber davon abbrechen und in einem dritten Abschnitt noch zwe» andere wesentliche Vortheile meines Borschlages erörlen. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 17. Dezember 1884. — Mahnende Vorzeichen. Man hat den Deutschen oft spöt- tisch nachgesagt, daß sie mit einem Polizeistock aus die Welt kämen, und in der That wird den Bewohnern des Reiches der Gottesfurcht und srommen Sitte von frühester Jugend auf ein so heiliger Respekt vor der Polizei eingeflößt, daß sich ein eingefleischter deutscher Normal- spießbürger gar nicht vorstellen kann, wie es in einem Lande zugeht, wo die Polizei nicht allmächtig, allwiffend und allgegenwärtig— letzteres wenigstens da, wo sie nicht hingehört— ist. Nur wenn man den kolossalcn Einfluß der Polizei in Deutschland kennt, begreift man es, warum die sozialistischen Arbeiter die Niederträchligkeiten derselben ver- hältnißmäßig ruhig über sich ergehen ließen; angesichts seiner ist vielmehr schon der Umstand, daß sie sich von der Polizei nicht in's Bockshorn jagen lassen, vie Art, wie sie sie hin er'S iiicht zu führen verstehen, ihrer Wirk- samkeit spotten, ihr jeden Tag beweisen, daß sie im Grunde nichts kann, wenn man ihr nicht gehorchen will, höchst anerkennenswerth. Neuerdings aber sind an mehreren Orten Anzeichen zu Tage getreten, welche erkennen laffen, daß die Arbeiter anfangen, die Geduld vollends zu verlieren, und Lust verspüren, der Poli-ei mehr zu zeigen als ihre geistige Ueberlegenheit. Die Erbitterung über die ohne jeden halb- wegs tristigen Grund beliebten Versainmlungsauflösungen und Verhaf- tungen ist nachgerade aus einen solchen Grad gestiegen, daß ein Hoch auf ihre so mit Füßen getretene Partei den Arbeitern keine Genug- thuung mehr gewährt. In Barmen, in Hannover, in Berlin haben in neuerer Zeit die Arbeiter aus die frechen Provokationen der Polizei mit mehr oder minder direktem Wider st and geantwortet. In Barmen(vgl. unsere heutige Korrespondenz) mußte die Polizei einen Verhasteten herausgeben; in Hannover beantworteten am 6. Dezember die Arbeiter eine Versammlungsauflösung mit Drohungen wider den auflösenden Beamten, einige eröffneten sogar ein Bombarde- ment mit Bicrgläsern auf denselben, und wichen erst vom Platze, als die bewaffnete Gewalt intervenirte. In Berlin wurde am 9. De- zember eine Versammlung im sechste:: Wahlkreis gerade in dem Moment ausgelöst, als der Vorsitzende unserm Genossen K a y i e r das Wort er- theilt hatte. Betäubende Hochrufe, schreibt die„Volkszeitung", waren die Antwort. „An ein Verlaffen des Saales war nicht zu denken, da die Außen- stehenden(die Versammlung war überfüllt!) jetzt mit aller Macht den Eingang zu gewinnen suchten. In dem nun entstehenden engen Gedränge, in das auch beide Beamte mit hineingerathen waren, legte plötzlich der Wachtmeister Hand an e»nen der Anwesenden, um ihn zu verhasten. Kaum war dies geschehen, als sich auch schon die Menge w ü t h e n d dazwischen warf. Ein wildes Ringen, Drängen und Stoßen entstand, in formlosem Knäuel wälzte sich die Maffe im Saale umher, die beiden Beamten machtlos mit sich reißend. Die Besonnenen, einen schlimmen Ausgang befürchtend, rissen die Fenster auf und suchten durch diese einen Weg in's Freie, während der Polizeilieutenant sich gewaltsam Bahn brach und den Saal verließ. Da erscholl plötzlich der Ruf„Raus!" und mit wunderbarer Schnelligkeit wurde der Wachtmeister zum Lokale hinausgedrängt. Jetzt wurde auch der Nothausgang ge- öffnet und langsam entleerte sich nun der Saal." Noch ern st haster gestaltete sich der Kampf am Abend des 12. Dezember in einer behufs Verkündigung des Wahlresultates einbe- rusenen Versammlung. Natürlich war der Saal(der Norddeutschen Brauerei) übersüllt. Hier löste der Polizist die Versammlung auf, als Auer zur Geschäftsordnung das Wort erhielt.„Ein furcht- barer Tumult, schreibt die„Volkszeitung", erhob sich,. der wohl zehn Minuten dauerte, während welcher Zeit Niemand den Saal verließ. (In einem andern Bericht heißt es:„Wie das grollende Rollen des Donners hörten sich die minutenlangen Hochrufe aus Psannkuch und die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten an. Niemand rührte sich von der Stelle.") Da wurde plötzlich unter großem Halloh die Tribüne gestürmt und beide Polizeibeamten hinabgeworsen, welche sich vor der Wuth der Menge in eine angrenzende Lokalität flüchten mußten, deren Ausgang nunmehr durch Tische und Stühle verbarrikadirt wurde. Bei der schließlichen Räumung des Saals durch Schutzmänner kam es zu ernsten Kämpfen zwischen diesen und der im Garten tobenden Menge, in welche die Schutzleute mit der blanken Waffe hineinhieben. Ein Bom- bardement von Stühlen, Bierseideln k. folgte, welche nicht minder wie die Polizeibeamten auch die großen Fenster und Glasthüren des Saales trafen und zertrümmerten. Unter Gesang und Hochrufen zog man nun aus die Straße, wo die Demonstrationen fortgesetzt wurden. Als die Polizei mehrere Verhaftungen vornahm, kam es zu erneuten Kämpfen. Wiederum machten die Schutzleute von der blanken Waffe Gebrauch, doch gelang es endlich der ausgebotenen Polizeimacht, die erregte Menge zu zerstreuen. Roch lange aber ertönten in der ganzen Gegend die Hochrufe auf Psannkuch." Nach einer andern Lesart hätten erst unsere in der Versanimlung anwesen- den Abgeordneten(Auer, Frohme, Hasenclever, Heine) die Menge zum Verlassen des Saales bewegen können. Wohl möglich. Wird aber so fortgewirthschastet, so läßt sich mit mathematischer Sicherheit der Zeit- punkt voraussagen, wo sich die Arbeiter auch von ihren Füh- rern nicht mehr beruhigen lassen und über diese hin- weg ihrem beleidigten Rechtsgefühl Genugthuung zu verschassen suchen. Vielleicht käme so eine kleine Revolte den preußisch deutschen Staats- lenkern ganz erwünscht, da sie mit der Weisheit des Sozialistengesetzes ohnehin am Ende ihres Lateins sind, vielleicht ersehen sie mit Inbrunst den Moment herbei, da„die Flinte schießt und der Säbel haut". Nun, die Herren mögen thun, was sie nicht lassen können. Wir hal- ten es zwar für gewissenlos, die Arbeiter zu Revolten zu provoziren, fühlen uns aber diesem System des zum Narren Haltens gegen- über auch nicht veranlaßt, abzuwiegeln. Wer durch solch nieder- trächtige Gewaltakte das Rechtsgesühl des Volkes herausfordert, der hat auch die Verantwortung zu tragen für alle Folgen, die ein solch systematisches Säen von Haß und Erbitterung nach sich zieht. Lange genug haben die Arbeiter sich diese übermüthigen Versamm- lungsauflösungen gefallen laffen, und noch immer macht man keine Miene, das Sozialistengesetz, das sie unier eine so entwürdigende Vor- mundschast stellt, fallen zu lassen. Wenn der deutlich ausgesprochene Protest von 600,000 Wählern noch nicht genügt, was soll dann noch geschehen, bis man sich entschließt, den Arbeitern ihr elementarstes Recht zurückzugeben? Nein, wir wiegeln nicht ab. Auf euer Haupt die Verantwortung, ihr Herren, wenn den deutschen Arbeitern endlich die Geduld reißt. Tre-bt sie nur mit euren Chikanen zum Aeußersten, ihr, die ihr ja ein herrliches Heer zur Versügung habt, mit dem ihr sie n i e d e r k a r- t ä t s ch e n könnt, wenn sie absolut nicht Ordre pariren wollen! Aber seid ihr auch ganz sicher, daß dieses Heer unter allen Umständen Ordre pariren wird? Ihr seht, welche Wirkungen euer System erzielt, ihr könnt nicht sagen, daß es an warnenden Vorzeichen gefehlt I Treibt's so weiter, wenn ihr entschlossen seid, die Verantwortung für die Folgen auf euch zu nehmen. — Die„Sozialresorm" ist ganz in's Stocken gekommen. Von dem, mehr und mehr in's Gebiet der Sage gerathenden I n v a- liden- und Altersversorgungsgesetz hört man jetzt kein Wort, und kleinlaut wird von den Reptilschreibern zugegeben, daß,„in Anbetracht der großen Schwierigkeiten," die Reichsregierung nicht daran denken könne, dem Reichstag einen bezüglichen Gesetzentwurf noch in der gegenwärtigen Session vorzulegen. Und sogar von dem Reichs- Versicherungsgesetz, welches die Verstaatlichung des gesammten Versicherungswesens bezweckt und seinerzeit auch als ein Stück„Sozial- reform" angepriesen ward, verlautet kein Sterbenswörtchen mehr. Die „sozialresormatorischen" Aufgaben, welche sich„der Oedipus des 19. Jahr- Hunderts" für die laufende Session gestellt hat, sind äußerst bescheidener Natur; sie beschränken sich darauf, einige der skandalösesten Fehler und Lücken des unglücklichen Unsalloersicherungsgesetzes zu beseitigen, oder wenigstens zu mildern. Das heißt:„man" will die im Transport- gewerbe, in der Landwirthschaft und im Forstbetriebe beschäftigten Ar- beiter dem Versicherungszwange unterwerfen und damit einen T h e i l der in Bezug auf die Ausdehnung des Gesetzes von den Sozialdemo- traten gestellten Forderungen zögernd erfüllen. Und ferner ist„man" nicht abgeneigt, auch in Bezug aus die Einsührungssrist gewisse Erleich- terungen zu gewäyren, d. h. wenigstens den in Folge verzögerter Sta- tutenprüfung und-Genehmigung in die Zwangskassen getriebenen Mit- gliedern der freien Kassen den Austritt aus den Zwangskaffen zu erleichtern— allein das ist auch blutwenig, und wahrhaftig keines Dankes werth. Wenn die Reichsregierung in Bezug auf die Einfüh- rungssrist sich einigermaßen tolerant zeigt, so ist das sicherlich nicht auf Sympathie für die freien Hülsskassen zurückzuführen. Der Staatssekretär Herr von Bötticher behauptete zwar am Freitag, gelegentlich der Debatte über den Antrag Grillenberger-Kayser, der Reichsregi-rung liege jede feindliche oder übelwollende Absicht gegen die freien Hülss- lassen fern, allein T h a t e n wiegen inehr als Worte: jede Zeile deS Krankenversicherungsgesetzes athmet Feindschaft und Uebelwollen gegen die freien Hülfskaffen, und das Krankenversicherungsgesetz wäre überhaupt gar nicht da ohne diesen Haß gegen die freien Äülss- lassen, durch den es in's Leben gerufen worden ist. Was die Reichs- regierung zu ihrer etwas toleranten Haltung veranlaßt, das sind die schlechten Erfahrungen, die sie selber mit ihrem Gesetze gemacht hat. Es leidet nämlich, abgesehen von seiner reaktionären Tendenz, in tech- n i s ch e r und rein formeller Beziehung an so zahlreichen und grobe» Mängeln, daß sich der praktischen Ein- und Durchführung außer- ordentliche, von den Behörden bisher nicht zu bewältigende Schwierig- leiten in den Weg gestellt haben. Da ist es denn sehr begreiflich, daß die Regierung in punkto der Durchführung zu einigen Konzessionen ge- neigt ist. Wie lange diese Geneigtheit vorhalten wird, bleibt abzuwarten. Was die geplante Ausdehnung des Versicherungszwanges anbelangt, so ist sie auf ein W a h l m a n ö v e r zurückzuführen. Bekanntlich kün- dete die Reichsregierung ihren Entschluß, eine solche Ausdehnung vor- zunehmen, wenige Tage vor dem 28. Oktober: dem Tage der all- gemeinen Reichstagswahl, an, und zwar in jener, die deutsche Reichsregierung auszeichnenden marktschreierischen Manier, welche die Absicht der Bauern- und Arbeitersängerei deutlich bekundet. Die Regierung hatte sich nämlich während des Verlaufs der Wahl- bewegung, sehr zu iyrem Aerger, davon überzeugen müssen, daß unter den Arbeitern, deren Stimmen durch die„Sozialresorm" hätten gefangen werden sollen, das Krankenversicherungsgesetz, sowie das Unfallgesetz— kurz die gesammte Bettelsuppe der„Sozialresorm" mit absoluter Ein- müthigkeit verurtheilt wurde, daß also der Zweck der„Sozial- resorm" total verfehlt war. Da entschloß sie sich denn, um wo möglich noch auf den Ausfall der Wahlen einzuwirken, zu jener Konzession, und gab dadurch einen neuen Beweis für die Richtigkeit unserer Auffassung, daß die„Sozialreform" dem Fürsten Bismarck nur Mittel zum Zweck ist, und daß er sie blos als Machtsrage im Sinne und zur Förderung seines perjön- lichen Regiments betrachtet. — S. Im Reichstag sind unsere Genoffen thätig, im Plenum sowohl als in den Kommissionen. Der Antrag G r i l l e n b e r- ger-Kayser betreffend die Einsührungssrist des Krankenkassen- g e s e tz e s:c. gab beiden Antragstellern Gelegenheit, das Versayren der Behörden, sowie das Krankenkaffengesetz selbst, einer scharfen Kriiik zu unterwerfen und an der Hand eines erdrückenden Beweisinaterials den Nachweis zu liefern, daß dieses erzreaktionäre Gesetz zur Untergrabung und allmätlgen Vernichtung der freien Kassen benutzt werden soll. Der Antrag wurde vor eine Kommission verwiesen, in welche die sozialdemo- kratische Fraktion K a y s e r als ihren Vertreter hineinwählte. Die Kommcssion war in einer Sitzung mit ihren Arbeiten fertig: sie einigte sich unter Zustimmung der anwesenden Regierungsvertreter dahin, denjenigen Mitgliedern der freien Kassen, die, we:l deren Statuten nicht rechtzeitig(vor dem 1. Dezember) sanltionirt waren, in die Zwangskaffen eintreten mußten, für den Fall der Sanktioniruag den ungehinderten Rücktritt bis zum 1. Juli 1885 zu gewähren. Das ist wenig, aber immerhin etwas. Das Wahlprüfungswesen beschäftigte den jungen Reichstag in seiner Sitzung vom 10. d. M. Um der bisherigen Verschleppung— soweit der Reichstag es in seiner Macht hat— ein Ziel zu setzen, war von der Wah.prüiungskommission, in der jetzt bekanntlich auch zwei Sozialdemokraten sitzen, der Antrag gestellt worden, die Zahl der ttom- missionsmltgtieder von 14 aus 7 herabzumindern, dasür aber die Rese- tale und Prüfungen der Wahlakten durch der Kommission nicht ange- Wige Mitglieder des Hauses besorgen zu lassen, so daß die Wahl- mifungs- Kommission gewissermaßen als ein W a h l g e r i ch t s h o f Wittiomrte. | Dieser Antrag ist von der Geschäftsordnungskommission, vor die er �nviesen worden war, nicht angenommen und durch einen ande- Antrag ersetzt worden, der im Wesentlichen Alles beim Alten läßt, «nd der Wahlprüfungskommission blos 7 Hilfsarbeiter aus dem Hause �ftweift. Die Neuerung ist zunächst blos für eine Session, und die Frage •5>rd von den sozialdemokratischen Mitgliedern gelegentlich wieder zur «erHandlung gebracht werden. Hasenc l e v e r und Liebknecht, welche den Standpunkt der ffWktion vertraten, wiesen darauf hin, daß an eine gründliche Besse- kung nur dann zu denken sei, wenn der Reichstag sich die Gericht s> »arkeit in seinen eigenen Angelegenheiten erkämpft, und selber 01t nöthigen Erhebungen und Untersuchungen vornimmt. Und vas ist, ®>e Liebknecht ausführte, eine M a ch t s r a g e. Der Reichstag mag sich ,°rehen und wenden, wie er will— er befindet sich stets vor der Macht- frsg«, die aus die eine oder auf die andere Weise entschieden werden ß. In den Debatten über den M i l i t ä r e t a t besprach V o l l m a r die wndalösen Zustände der Militärjustiz; die Soldatenmißhandlungen und "oldatenjeldstmorde und kam bei dieser Gelegenheit auch des Näheren �>f den haarsträubenden Fall der drei sächsischen Landwehr- Männer zu reden, die vom Militärgericht zu vieljähriger Zuchthaus- hrafe verurtheilt worden sind, weil sie nicht in einem„Viehwagen" »ansportirt sein wollten und sich in ihrer kindlichen Einfalt um ihr sttmeintliches Recht an den Obersten Kiiegsherrn, Seine Majestät den jWdengreis und Soldatenvater Kaiser Wilhelm I. von Deutschland ver- ®auensvoU bittend gewendet hatten. Natürlich fand der Herr Kriegsminister Alles in bester Ordnung, und ®er.,i deutsche Soldaten wegen geringfügiger Dinge in's Zuchthaus und °urch Mißhandlungen in den Tod getrieben werden, so ist das ihre ®ache. Der heilige Militarismus wird dadurch, daß ihm so viele Exi- «nzen geopfert werden, nur noch heiliger. In der Dampfersubventionskommission geht es sehr «bhaft zu. Auf welchen Standpunkt man auch sich stellen mag— das ®uß auch von den Freunden der Regierungsvorlage zugegeben werden, �>ß durchschlagende Gründe s ü r dieselbe bisher nicht vorgebracht wor- sind. Mancher, der ursprünglich der Vorlage geneigt war, weil er J�n der Tampjersubvention einen Vortheil für den deutschen Export- Handel erwartete, ist deshalb auch schwankend geworden, und unter diesen Umständen läßt sich das Schicksal der Vorlage nicht voraussagen. jedenfalls werden die beiden Vertreter unserer Partei in der Kommisson dach jirästen dahin wirken, daß die Interessen des Volkes gewahrt werden. �„Ein Wunder hat sich ereignet"— so verkündigt man ans—„in Berlin hat sich eine demokratische Partei" kon- Mtuirt. Nun, die Zeiten der Wunder sind vorbei, und das„Wunder", welches sich soeben in Berlin vollzogen hat, ist während der letzte» Jahre Won mehrmals dagewesen, nur nicht in Berlin, sondern in Sachsen. «eil Erlaß des Sozialistengesetzes, unter de„en schützender Aegide die Volltischen Querlöpse verschiedener Art sich außerorventlich wohl fühlen Und außerordentlich gut gedeihen, sind in Sachsen zu wiederholten Malen Querlöpse aufgetaucht, welche die„wahre demokratisch- Partei" gründen wollten. Es war aber immer eine klägliche Fehlgeburt, und es kainen Nicht einmal genug Querköpfe zusammen, um eine«ekte zu bilden, Sejchweige denn eine Partei. In Berlin wird es genau ebenso '»gehen. Rur mit dem Unterschied, daß die Querköpfe hier in dem fort- lchrittlichen Sumpf viel Lärm ,, Witzen und den Herren Richter und Kon- Ivrten ernig« Schwulitäten bereiten können,— wie denn ja auch die "astan'jche Attate mit der Gründung der neuen demokratischen Partei iusammenhängt. Auch ein P r o g r a m m hat die neue demokratische Partei aufge- stellt. Es sind alte Phrasen kaleidoskopisch zusammengeworfen. Trotzdem wll's eine Schwergeburt gewesen sein, da jeder der Querköpfe, die dabei withalsen, seine eigenen Liedlingsphrasen bevorzugt wünschte. Wer an den alten Programmladenhütern aus der Zeit zwischen Mitte der vier- Kg-r und Mitte der fechsziger Jahr- Vergnügen findet, der möge das Programm der neuen Partei durchlesen. Es ist eine ziemlich vollständige Kollektion. Für uns hat sich diese„demokratische Partei" dadurch ihr Urtheil ge- jProchen, daß sie eingestandenermaßen sich das edle Ziel gesetzt hat, dem Anwachsen der Sozialdemokratie nach Kräften Abbruch zu thun. Sie will die Leute, weiche mit dem deutschen„Freisinn" gebrochen haben, weil ihnen derselbe nicht radikal genug ist, davor retten, der Sozial- ««mokratie zum Opfer zu fallen. W>r wünschen ihr viel Glück zu dieser Don Quixoterie. Im Uebrigen verweisen wir auf unsere heutige Korrespondenz aus A a i n z. Der dort genannte D r. P h i l i p p s ist einer der Haupt- grünber dieser neuen demokratischen Partei. — Die Nachwahl in Berlin hat in der Stärke der Parteien keine Verschiebung ergeben. Den fünften Wahlkreis haben die Liberalen, den sechsten die Sozialdemokraten behauptet. Im sünsten Wahlkreis erhielt unser Kandidat diesmal gerade ICK) stimmen mehr, als am 28. Oktober aus den Kandidaten der Sozial- demokratie gefallen waren(2529 gegen 2429), während Liberale und konservative einen mäßigen Rückgang zu verzeichnen haben. Im sechsten Wahlkreis war die Betheiligung am 12. Dezember eine dedeutend geringere als am 28. Oktober, was sich durch verschieden« Umstände erklären läßt. Immerhin hat die Sozialdemokratie, die dort Numerisch stärkste Partei, nicht nur verhältnißmäßig, sondern auch ab- 1 o l u t den geringsten Verlust zu verzeichnen. Es erhielten Stimmen: am 26. Cltobtt am 12. Dezember Sozialdemokraten: 24,»OS 20,327 also weniger 3,978— 160/o Deusch-Freisinnige: 13,881 7,613 also weniger 6,868---- 46% Konservative: 12,776 7,014 also weniger 5,762---- 45% Genosse Pfannluch ist demnach mit einer Mehr von 5,924 Stim- wen über seine beiden Gegner gewählt. Die demokratisch-fortschrittliche Arberterkandidatur ist kläglich verunglückt. — Die Hungerpeitsche.„Einer der von der kaiserlichen Werstverwaltung zu Unrecht gemaßregelten Arbeiter, schreibt man dem„Norddeutschen Wochenblatt" aus Wilhelmshaven, hat ein Gesuch um Untersuchung der betreffenden Angelegenheit an den Chef der Admiralität, Herrn v. Caprivi, gerichtet und daraus nach- stehendes Antwortschreiben erhalten, welches wir zur Illustration des ganzen Bersahrens hiermit veröffentlichen. Das Schreiben lautet: „Ihre unterm 18. November d. I. hier eingegangene Vorstellung wegen der Ihnen gewordenen Kündigung der Werstarbeit habe ich der Werst zu Wilhelmshaven zum Bericht zugesertigt. Der jetzt ein- gegangene Bericht gedachter Werst ergibt, daß Sie nach amtlicher Meldung des Aussichtsbeamten der Werft in Bant und einer pro- tolollarischen Erklärung de» in Bant stationirten Gendarmen, sowie nach amtlicher Mittheilung des Großherzoglich Oldenburgischen Amtes Jever bei der Reichstagswahl am 28. Okiober d. I. Stimm- zettel für den sozialdemokratischen Kandidaten Oehme vertheilt haben. Hiernach habe ich keine Veranlassung, an den von der Kaiserlichen Werft zu Wilhelmshaven getroffenen Maßnahmen etwas zu ändern. v. C a p r i v i." Die Antwort des Marineministers bedarf weiter keines Kommentars." Allerdings nicht, denn sie ist selbst der drastischste Kommentar zum Thema von der Arbeitersreundlichkeit der deutschen Regierung. Kusch' dich, Kanaille, wenn wir dir gestatten sollen, für schlech:en Lohn hart zu arbeiten,— das ist das Motto, nach welchem die hohen Herren durch die Bank verfahren. � Beiläufig scheint die Angabe, auf welche der Herr Admirat seine Ab. Weisung stützt, nicht einmal auf Wahrheit zu beruhen, denn im Nordd Wochenblatt" heißt es weiter: „Wir möchten aber behaupten, daß die Antwort anders ausgefallen wäre, wenn die hiesige Werst-Direktion den von dem Gemaßregelten beigebrachten E n t l a st u n g s b e w e i s an die Admiralität eingesandt hätte. Ferner, wie will man die Anklage der Stimmzettel-Berbreitung gegen den gemaßregelten Drechsler aufrechterhalten, der ein Dutzend Zeugen seiner Unschuld stellen kann? Wir wollen noch einmal anführen, daß der in Belsort staiionirte oldenburgische Gensdarm dem Betreffenden das Zeugniß gegeben hat, daß er keine Stimmzettel verbreitet habe „denn wenn es derselbe gethan hätte, hätte er, der Gensdarm, es sehen müsse n." Nun, was jeder Mensch mit fünf gesunden Sinnen einsteht, daß nicht Jemand gleichzeitig Angeklagter und Richter sein kann, das leuchtet dem k. k. Admiral Caprivi natürlich nicht ein. Er sendet eine Beschwerde wider eine Verfügung der Werftdirektion an diese Werstdirektion selbst zur Untersuchung. Da hat das Sprichwort, daß man den Teufel nicht bei seiner Großmutter verklagen soll, wieder einmal glänzende Bestäti- gung gesunden. Natürlich sind jetzt alle Werstarbeiter von ihren sozialdemokratischen Gesinnungen geheilt. Keiner von ihnen will noch etwas von dem Kamps für politische und soziale Emanzipation des Proletariats wissen— auch nicht ein Einziger! — Staatssozialismus im Ausbeuter st aat. Um ihre Hundssöttischen Arbeiterentlassungen zu beschönigen, hat die Wilhelms- havener Werstdirektion am 12. Dezember eine Publikation erlassen, in welcher es heißt: „Entlassen sind nur diejenigen Arbeiter, welche sozialdemokratische Stimmzettel ober Flugschnfun nach amtlicher Feststellung vertheilt haben. Dadurch haben diese Leute öffentlich für die Partei gewirkt, deren Ziele auf den Umsturz von Thron und Altar gerichtet sind, und die unser Vaterland in unsagbare» Unglück stürzen würbe, wenn sie zur Herrschast käme; und sie haben ferner ihre Mitarbeiter zu verleiten gesucht, ebenfalls für diese Partei zu stimmen. Von den entlassenen Arbeitern hat serner nur einer eine fiskalische Wohnung innegehabt. Dieselbe ist ihm, den Bestimmungen des Mietysoer- träges entsprechend, am 18. November gekündigt worden und soll - gleichfalls nach Maßgabe des Miethsvertrages— am I.Januar geräumt werden.— Es ist also hier, wie stets, genau den Bestim- mutigen gemäß verfahren worden. Eine besondere Berücksichtigung, welche die Oberwerstdirektion sonst gern eintreten läßt, hat der Mann nicht verdient, der sich nicht gescheut hat, während er das Brod des Reiches ißt, den Bestand des Reiches unter- graben zu helfen." Die sich demokratisch nennnende„Frankfurter Zeitung" weiß zu diesem Erlaß weiter nichts zu bemerken als folgende Geistrelchigkeit: „Also doch?! Die armen Sozialdemokraten! Vor den Stichwahlen warme, jetzt kalte Wasserstrahlen.— Da sollen sie nicht verschnupft werden!" Das Organ des Herrn Sonnemann thut so, als ob wir auch nur einen Augenblick darüber im Unklaren gewesen wären oder uns unklar gestellt hätte», was von den arbeilersreundliche» Redensarten der Regierung zu hallen ist. Mit dieser pikant sein sollenden Redensart jetzt es sich über die unangenehme Pflicht hinweg, das Verfahren der Werst- direkiion zu kennzeichnen,— unangenehm nach dem bekannte» Sprichwort: „Wer in einem Glashaus sitzt" tc. „Bei schnupft" sind wir durch den Erlaß der k. k. Werftdirektion durchaus nicht, denn ver k. k. preußische Staatssozialismus hat uns stets kühl gelassen. Wir sahen in ihm nur eine neue Bestätigung alles dessen, was wir wiederholt zur Kritik des Letzteren gesagt.„Während er das Brod de» Reiches ißt"— nach echter Bourgeoisart stellt die biedere Werftdirektion die Sache so hin, als ob der Arbeiter, der um einen Jammerlohn für das„Reich" produktiv thätig ist, das Brod eben dieses Reiches esse, während umgekehrt dieses Reich nur von dem Brod lebt, welches es den Arbeitern— natürlich in gesetzlicher Form— vom Munde wegnimmt. Wie bei solcher Denkweise in den maßgebenden Regionen Leute, welche es ausiichtig mit der Arbeitersache meinen, für die Blsmarck'jchen Ver- staatlichungspläne schwärmen können, ist uns geradezu unbegreiflich. Der Staalssozialismus im Ausbeuterstaat laust aus nichis Anderes hinaus, als aus Befestigung der Ausdeute rwirthschaft. — In Leipzig hat am Montag vor dem Reichsgericht der Hochverraths- rc. Prozeß gegen„Reinsdorf und Genossen" be- gönnen. Es handelt sich um ein im September dieses Jahres versuchtes Dynamit-Attentat im W i l l e m s e n'schen Restaurant>n Elberfeld und um das verunglückte Attentat bei Gelegenheit der Enthüllung des Niederwalddenkmals. Angeklagt sind im Ganzen acht Per sonen: Fr. Aug» st Reinsdorf, Emil Küchler sSchriftsetzer), Franz Reinhold Rupsch sSattler), Karl Bach mann(Weber), Karl Holzhauer(Schuhmacher), Fritz Soehngen(Färber), Karl Rheinbach(Bandwirker), August Toellner(Knops- arbeiler). Bis jetzt läßt sich nur soviel sagen, daß die sieben„Genoffen" nicht gerade den Eindruck von Revolutions-Fanatikern mache», während Reins- dorf sich wieder einmal, gelinde gesagt, als ein überaus— sürsichtiger Held bewährt zu haben scheint. Ein endgültiges Urtheil läßt sich natür- lich noch nicht abgeben. — Die Mohrenwäsche in Sachen der d e u t s ch- s r e i s i n- »igen Mogelei bei der Abstimmung über das S o z i a I i st e n- g e s e tz ist in vollem Gang. Nachdem Herr P a r i s i u s durch allerhand Wortspielereien und Kniffe zu entschlüpfen versucht hat, ist weiteren Ausflüchten durch den Vorschlag des Anklägers, Dr. K a st a n, den sauberen Handel einem Ehren- und Schiedsgericht zu unterbreiten, ein Ziel gesetzt und die Angelegenheit der Entscheidung näher geführt wor- den. Wie es scheint, und wie es ja auch sehr natürlich ist, wollen Herr Parisius und sein Hintermann, der edle Ritter E u g e n i u s, von dem Schieds- und Ehrengerichte nichts wissen— indeß, eine Weigerung würde nur als S ch u l d b e k e nn t n i ß gelten können, und also auch thalsächlich eine Entscheidung bringen. Daß seitens der deutsch-freisinnigen Parteileitung, insbesondere des Herrn Richter,„abkommandirt" und auch aus sonstige Weise die Annahme der Verlängerung des Sozialistengesetzes hinter den Koulissen vorbereitet worden ist, während Herr Eugen Richter vor der Oeffentlichkeit die Ablehnung mit journalistischem Trom- petengeschmetter als vollendete Thalsache vorausverkündigte— das wird von Niemand mehr bezweifelt und kann nicht mehr bezweifelt wer- den. Unklar sind nur noch einige Einzelheiten. So scheint es z. B. in der That, daß Herr Parisius diesmal nicht die ausführende Hand war, sondern daß die samosen Briefe von einem anderen Freunde des Herrn Eugen Richter, dessen Namen auch in Abgeordnetenkreisen genannt wird,*) geschrieben worden sind. Ferner ist nicht blos„abkommandrrt", es sind auch einzelne Abgeord- neke direlt„ a n kommandirt" worden. Genug— die Leitung der deutsch freisinnigen Partei hat sich eines Jesuitenstreichs und Bubenstücks schuldig gemacht, wie in der Geschichte der Parteien kaum Schlimmeres zu finden sein dürste. Und dieser bübische Jesuitenstreich war zu gleicher Zeit ein sehr dummer Streich, denn ihm ist ganz wesentlich die schimpfliche Wahlniederlage zu verdanken, welche die deutjch-sreisinnige Partei erlitten hat. — Volksparteiliche Selb st schau. Wenn die Parteien, mit welchen wir zu kämpfen haben, Einkehr halten und zur Erkenntniß ihrer Fehler gelangen, so kann uns das nur freuen; und in der manches Richtige enthaltenden Kritik, welcher die„Demokratische Korrespondenz" in einem'„Die Volkspartei und die Wahlen" betitelten Artikel die eigene Partei unterwirft, erblicken wir deshalb einen Schritt zur Besserung Leider laborirt aber die Kritik an bedenklichen Mängeln, die auf eine, unter den obwaltenden Umständen allerdings schwer zu erkürende Eitelkeit und Selbstüberhebung zurückzusühren sind. So heißt es in dem fraglichen Artikel z. B.: Die Volkspartei war vor dem diesmaligen Wahlkamps viel zu sieges- gewiß. Sie verließ sich zu viel aus ihr prinziptreues Verhalten in- und außerhalb des Parlaments, aus ihr-korrekte Stellung, u allen schwebe»den Tages- f �Au/wollen der„Demokratischen Korrespondenz", unter Hinweis aus den sprichwörtlichen Charakter des Eigenlobs, hier nur die Frage vor- *) Nach der„Harzer Post" wäre Herr Hermes— nomon ost ornen!— der Götterbote gewesen. legen, ob das„prinziptreue Verhalten" sich darin geäußert hat, daß die Mitglieder der Volkspartei in verschiedenen Prinzip- fragen gegeneinander stimmten? Und ob mit der„kor- reiten Stellung" wohl die Abstimmung zu Gunsten der polizeiluh-bureaukratischen„Sozialreformgesetze"(Kranken- und Unfall- Versicherung) Bismarck'» gemeint ist? Noch komischer klingt eine andere Tirade des fraglichen Artikels: „Daß unser Wahlprogramm diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen hat, dies hat der Ä u s g a n g d e r W a h l e n denn doch gezeigt.(!!) Arn d e u t l i ch st e n ist dies daraus ersichtlich, daß sowohl Sozialdemokraten als Deutsch- Freisinnige im Laufe der Wahlbewegung zum guten Theil unsere Pro- grammsorderungen sich angeeignet habe n." Wir hatten bisher immer geglaubt, die„Volkspartei" hätte bei den letzten Wahlen eine Niederlage erlitten. Wir erfahren jetzt von dem„amtlichen" Organ der Volkspartei selbst, daß sie, im Gegentheil, einen Triumph erfochten. Nun— der Jrrthum ist vielleicht nicht so groß, als es auf den ersten Blick scheint: wir haben geglaubt, die„Volts- partei" sei„aus den Kopf getroffen worden"— nach der„Demokra- tischen Korrespondenz" ist es blos ein„Nagel", der„auf den Kopf getroffen ward." Aber daß w i r einen Theil des volksparteilichen Programms gestohlen haben sollen, ist doch zu arg.„Umgekehrt wird ein Schuh daraus." Wir hatten bisher immer geglaubt, die Volkspartei habe bei der Sozialdemokratie Programmanleihen gemacht; und— vorläufig glauben wir es auch noch so lange, als uns von der„Demokratischen Korrespondenz" nicht der Beweis geliefert ist, daß das volksparleiliche Programm nicht nach dem sozialdemokratischen(Eisenacher) Programm von l 869 ausgestellt, und bis aus die sozialen Forderungen fast wörtlich von diesem abgeschrieben ist. Soviel im Scherz. Im E r n st aber bemerken wir der„Demokratischen Korrespondenz", daß die sozialdemokratische Partei bei der vorigen Reichstagswahl auf dem Boden ihres eigenen, des sozialdemokratischen, Programmes gestanden und gekämpft und nach keiner Richtung hin Gelegenheit gehabt hat, von der deutschen Volkspartei oder s o n st einer anderen Partei irgend eine„Forderung" oder auch nur irgend eine„Lehre" zu entnehmen. Die Herren Volksparteiler haben wahrhaftig nichts, was uns begehrens« werth sein könnte. — Natürlich! Als Antwort auf den durch die unmotivirte Ver- sammlungsauflösung bewirkten Tumult hat Herr Madai— nicht etwa den betreffenden Pulizeilieutenant gerüffelt, sondern den B o r si tz e nd en der Versammlung, den Stadtverordnelen Ewald, Knall und Fall auS Berlin ausgewiesen. Am 13. Dezember, Mittags halb 12 Uhr, bekam Ewald die Auswei- sungSordre, die dafin lautete, daß er bis Nachmittags s ü n f U h r Berlin zu verlassen habe. Erst aus die Vorstellung, daß er bis dahin nicht einmal Zeit habe, seine Familie zu sehen, wurde ihm gnädigst gestattet, noch bis zum letzten Adenozuge in Berlin zu bleiben. Wir sind begierig, welche Antwort die Berliner Aroeiter auf diesen Fußtritt ertheilen werden. — Die französische Regierung hat den ruffischen Sozialisten Fr. Stackelberg wegen„revolutionärer Agitationen" aus Frankreich ausgewiesen. Stackelberg, der in Nizza lebte, scheint den teuflischen Plan gehegt zu haben, diesen Vergnügungsort der höheren Demimonoe zu revolutioniren. — Ausweisungen überall. Wahrscheinlich auf Grund desselben Gesetzes, auf welches hin der Russe Stackelberg Nizza verlassen mußte, hat Herr v. M a n t e u f f e l, wie man uns aus Mülhausen i m Elsaß schreibt, den Genossen D w o r z a k, Maschinenschlosser, aus dem ganzen Gebiet des Reichslandes ausweisen lassen. Es sei wegen der Wahlen, sagte man ihm auf der Polizei, und zitirte einen Paragraphen aus einem Gesetz von 1 8 4 9! Die Ordre lautete, Dworzak habe binnen 24 Stunden das Reichsland zu verlassen. Tags darauf kamen die Polizisten punkt 1 Uhr, um ihn abzuholen. Er halte es jedoch vorgezogen, u n g e l e i t e t seiner Wege zu gehen, und schon Morgens zu Fuß die Stadt verlassen. Genosse Schmidt in Dornach(unser Reichstagskandidat) bekam eine Verwarnung, weil er den Kindern des Mittags zu essen gegeben. Dieser Familie darf man nichts geben, hieß es. Der bekannte Aogeord- nete Winter er, Pfarrer seines Zeichens, lief aus die Kunde von der Ausweisung Dworzak's sosort zu dessen Frau und fragte nach, ob die Kinder auch— getauft seien! Noch ein Kuriosum. Als die Polizisten, welche Dworzak abholen sollten, erfuhren, daß der- selbe schon ausgeflogen, meinte einer derselben ganz naio: „Na, der hat sich halt gedacht: im A— könnt ihr mich---, ihr Schwöb«»." Schlaumeier! — Soziales aus Thüringen. Nichts würde geeigneter sein, schreibt man der„Fr. Ztg.", ein helles Licht aus die w i r t h s ch a f t- liche Lage unserer Arbeiterbevölkerung zu werfen, als eine genaue, amtlich festgestellte L o h n st a t i st i k. Denn das, was man jetzt über die Höhe der Löhne in den Berichten der thüringischen Fabrikin'pektoren findet, bietet sür eine richtige Beurtheilung durchaus keinen sicheren Maßstab. Wenn z. B. Altenburger Blätter nach dem amtlichen Berichte des Fabrikinsxektors, Bergrath Wohlsarth, mittheilen, daß der W o ch e n v e r d i e n st der Männer in Dampsziegeleien 22 Mk. bis 7 Mk. 8 Pfg. beträgt, der der Frauen 8, 5—6 Mk., daß in Porzellanfabriken Männer 30—3,5 Mk. verdienen, Frauen 9—3 Mk., in Steinnußknopf-Fabriken 30 Mk. bis 4 Mk. u. s. w., und wenn der Fabrikinspektor dazu bemerkt, daß die Lebens- mittelpreise dem Durchschnittsverdienste angemessen seien, so muß man doch immer fragen, wie hoch ist der Lohn der Mehrzahl der Arbeiter. Daß Einzelne 30 und 35 Mk. wöchentlich verdienen, z. B. Vorschneider in der Handschuhbranche, ist immer der Fall gewesen. Die Hauptsache ist die, zu erfahren, wie viel verdient das Gros der Arbeiter, und dies kann nur durch eine ganz genaue Lohnstatistik der einzelnen Gruppen resp. der einzelnen Arbeiter in den verschiedenen Fabrikationszweigen sestgestellt werden. Der Herr Fabrikinspektor für das Herzvgthum Alten- bürg scheint dies auch zu fühlen, denn er fügt seiner Angabe über das Verhältniß der Lebensmittelpreise zu den Durchschnittslöhnen folgende charakteristische Bemerkung bei:„Es lasse sich dies zwar nicht mit Zahlen beweisen(daß der Durchjchnittsverdienst den Lebensmittel- preisen angemessen sei), wohl aber mit der Wahrnehmung, daß in den meisten Arbeiterkreisen eine freundliche, zufriedene Stimmung herrsche, und daß allgemeine Klagen über Nothstände nicht bekannt geworden." Nun wir meinen, daß die Tausende von sozialdemokratischen Stimmgn (darunter auch gegen 1700 in Alten bürg), welche in Thüringen abgegeben wurden, diese Stimmung sehr charakterifirten! Erklärung. Nach dem durch die Presse gehenden Bericht des„dr.»-Reporter hat Herr August Reinsdorf in der ReichSgerichtvverhandlung vom 15. Dezember in Bezug aus seine im Jahr 1880 erfolgte Verhaftung folgender- maßen ausgesagt: „Ich ging nunmehr wiederum nach Berlin, woselbst ich auch sehr bald in einer Zeitungsdruckerei Arbeit erhielt. Aus Grund einer Notiz in dem in Zürich erscheinenden„Sozialdemokrat", welcher wörtlich schrieb: „Der Anarchist Reinsdorf ist nach Berlin gegangen, um ein Attentat auszuführen," wurde ich sehr bald verhaftet..." Diese Behauptung des Herrn Reinsdorf ist eine freche Lüge, auS- geheckt, um sich als Opfer des Hasses der Sozialdemokraten hinstellen zu können. Die Notiz in unserm Blatt, auf welche Herr Reinsdorf hier anspielt, steht in der Nr. 47 des„Sozialdemokrat" vom 21. November 1880. Herr Reinsdorf ist aber bereits im Oktober 1880 verhaftet worden, und zwar, w i e e r sehr wohl weiß, aus Denunziation des ehe- maligen Expedienten der„Freiheit", R e u m a n n, hin, der eben in dieser Notiz des„Sozialdemokrat" als P o l i z e i s p i o n entlarvt worden ist. Als Reinsdorf verhastet wurde, reiste er unler dem Namen Gseller. Wie sollte der„Sozialdemokrat" von diesem Umstände unterrichtet sein, der doch nur Herrn Reinsdorf und seinem Intimus Most bekannt war? Die Notiz selbst, ioweit sie sich auf Reinsdorf dezieht, lautete: „Jndeß alle bösen Erfahrungen, die bisher Herr Most mit seinen Freunden gemacht, sind nicht im Stande, ihn vor neuen Dummheiten zu bewahren. Zu den guten Freunden des Herrn Most gehören ein gewisser Reinsdorf, alias Bernstein, ein Mensch, rer sich früher schon in Deutschland durch verrückte und radiale Redensarten hervor- gethan hat, und der schon neulich gekennzeichnete Fleron alias Petersen. Dieses dreiblättrige Kleeblatt verfaßte falsche Nachrichten, in denen der Name des bekannten russischen Flüchtlings Hartmann eine hervorragende Rolle spielte, und diese mußte Fleron sder von Most zu diesem Zweck eine Visitenkarte Hartmann's erhielt! Die Red.) in die englischen Zeitungen bringen. Das damit erworbene Geld, zirka 30 Pfund, sollte als Reisegeld für Reinsdorf und Fleron dienen, um in Deutschland ein Attentat in Szene zu setzen, das nach dem Aus- spruche des Herrn Most„der deutschen Partei den Garaus machen sollte". „Das Attentat sollte im Oktober dieses Jahres stattfinden; da aber die Herren, die mit der Ausführung dieses sauberen Planes zu thun hatten, augenscheinlich nicht die Kourage, ja wahrscheinlich nicht einmal die ernstliche Absicht besassen, so scheint man sich mit Drohbriefen an gewisse Persönlichkeiten begnügt zu haben, worauf theilweise die Verhängung des kleinen Belagerungs- z u st a n d e s über Friedrichsruh, Hamburg, Altona und Umgegend sowie die Untersuchung des Bismarck'schen Eisenbahn- reisewagens in Berlin nach Dynamitpatronen zurückzuführen sind. Solche Streiche führen Buben und Narren aus oder auch— Agents Provokateurs." So die Notiz, welcher Herr Reinsdorf die Verantwortung für seine Verhaftung zuschieben will. Mit welchem Recht, ersieht man aus fol- aender Notiz in der Nummer 47 der„Freiheit" vom 80. November salso der gleichzeitig mit der obenerwähnten Nummer des„Sozial- demokrat" erschienenen): „Berlin. Vor längerer Zeit war in der„Freiheit" zu lesen, daß Hierselbst ein Genosse von der Straße weg verhostet worden sei."... „Die Sache ist nämlich die: der Verhaftete nannte sich Gfeller, i st aber der Genosse Reinsdorf. Dies wurde mit Hülfe der Polizei von Freiburg in der Schweiz(!) festgestellt." Deshalb soll nun gegen Reinsdorf wegen Führung eines falschen Namens u. s. w.— ein neuer Prozeß angestrengt werden." Man bemesse danach die Unverschämtheit, die dazu gehört, zu sagen: ich bin auf eine Notiz des Züricher„Sozialdemokrat" hin ver- haftet worden. Selbstverständlich hätte der„Sozialdemokrat" bei Kennzeichnung des famosen Attentatsplans, der übrigens im Most'schen Klub Jedem erzählt wurde, der es hören wollte, den Namen Reinsdoif's nicht genannt, wenn die Redaktion damals gewußt hätte, daß Reinsdorf sich im Gefängniß befand. Zudem ist die Sache so dargestellt, daß absolut keine Handhabe für Erhebung einer Anklage gegeben war, was ja auch die Erfahrung bestätigt hat. Das saubere Komplott zu kennzeichnen, dazu war der„Sozialdemokrat" aber nicht nur berechtigt, sondern auch v e r p s l i ch t e t. Thatsächlich war es weit weniger gegen Bismarck, als gegen die deutsche So- zialdemokratie gerichtet. Diese sollte vor Allem geschädigt, ver- n i ch t e t werden, um freie Bahn für die anarchistisch-jozialrevolutio- nären Pläne des Herrn Most zu schaffen. Das ist in Versammlungen in London offen, in der„Freiheit" ver- blümt ausgesprochen worden. „Weitere Beweise von meiner Lebendigkeit sollen die Herren von der Couleur Nr. 56 bald deutlicher geliefert bekommen, als ihnen lieb sein dürfte,"— schrieb Herr M o st am l l. September in eineni„offenen Brief" an die Delegirten des Wydener Kongresses. Das war um die Zeit, da der Plan ausgeheckt wurde. Auf die Nachricht von der bevorstehenden Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Hamburg ic. schrieb er am 9. Oktober in der„Freiheit": „Vielleicht macht solch' ein Schubwesen den deutschen Michel endlich munter. Zeit wär's." Und als der Belagerungszustand verhängt ward, wurde in London beschlossen, daß das Sammeln für Unterstützungen reaktionär sei! Wir denken, das genügt. Wir haben zwar noch Manches auf dem Kerbholz, aber Alles zu seiner Zeit. Für heute habe» wir es nur mit Herrn Reinsdorf zu thun, und auch in Bezug aus ihn haben wir, od- wohl provozirt, uns darauf beschränkt, eine Seite seiner Thätigkeit her vorzuheben, die ihm in den Augen des Reichsgerichtes sicherlich nicht schaden wird. Die Redaktioir des„Sozialdemokra t." Korrespondenzen. Barmen, 10. Dezember. Daß die Polizei es meisterhaft versteht, ohne jede Veranlassung Skandale zu provoziren, ist bekannt. Wir erinnern in dieser Beziehung nur an die Vorkommnisse am Langen- Haus bei Ronsdorf, wo die Polizei bis an die Zähne bewaffnet unter eine friedliche, Bier trinkende und Kegel schiebende Gesellschaft trat. Daß aber de» patentirten Ordnungs- und Sittenwächtern selbst die Ruhe- stätte der Todten, der„Gottesacker", wie die Frommen sie nennen, nicht einmal so viel Respekt einflößt, um die angeborene oder vielmehr in Moltke's Bildungsanstalt anerzogene Rüpelhaftigkeit einigermaßen zu zügeln, davon haben wir in Barmen vor einigen Tagen wieder ein Beispiel erlebt. Tie Barmer Genossen trugen an, Sonntag den 30. November einen ihrer treuesten und besten Mitstreiter, den Zinngießer Hermann Schmidt, zu Grabe. Das Leichengefolge bestand aus etwa 1000 Per- sonen, natürlich fehlt« auch die heilige Hermandad nicht. Wir wollen hier von den unbedeutenderen Geniestreichen der Polizei, als da sind: Befehl, die rothen Schleifen der Kränze mit Taschentüchern zu bedecken u. s. w. nicht sprechen, sondern uns nur mit den Vorgängen am offenen Grabe und aus dem Kirchhose beschästigen. Genosse K l i n k a u warf zunächst den von den hiesigen Parteigenossen gespendeten, mit mächtigen rothen Schleisen gezierten Kranz in die offene Gruft. Die Widmungs- worte:„Im Namen der sozialdeniokratischen Arbeiterpartei Barmens!" erregten schon den Zorn des Herrn Kommissars, er fuhr dazwischen und erklärte, daß er jedes fernere Wort verbiete. Das verhindeite jedoch nicht, daß die meisten Anwesenden bei den üblichen drei Schaufeln Erde einige Worte sprachen. Daß soweit Alles ruhig verlies, schien dem Polizeirüppel aber nicht zu passen, er lauerte aus eine günstige Gelegen- heit, die Feier zu stören, und als nun ein Genosse die genannte Zere- monie mit den Worten:„Dem Kämpfer für Freiheit, Gleichheit und Bruderlichk-it" vollzog, war es vorbei, der Kommissar setzte mit kühnem Sprunge über das Grab, und erklärte den Staatsverbrecher«ür verhastet. Eine ungeheure Empörung bemächtigte sich der Menge. Der Friedhof wurde zum Kampsplatz, man verlangte stürmisch die Freilassung des Gefangenen. Der Tumult wälzte sich über die Gräber hinweg bis vor das Thor des Kirchhofs, wo die Erregung der Menge einen so bedenk- lichen Grad annahm, daß es Herr Burkardt für gerathener hielt, den Verhasteten nach Feststellung seines Namens freizugeben. Die Empörung über dieses polizeiliche Bravourstück ist eine tiefgehende, fast sämmtliche Zeitungen verurtheilen das Vorgehen der Polizei. Die„Volks- zeitung für Berg und Marl" meint, daß mehr Sozialdemokraten vom Kirchhos gekommen, wie hingegangen seien. Der Meinung sind wir auch. Ich erwähnte oben die Langenhaus Affaire. Dieselbe kam am Dienstag den 9. dies am Schöffengericht in Lennep zur Verhandlung. Die preußisch- deutsche Justiz hat dabei wieder bewiesen, daß sie in rabulistischer Ver- drehung von Aussagen Angeklagter das denkbar Möglichste zu leisten im Stande ist. Die Mehrzahl der Angeklagten hatte zugegeben, daß sie am „Langenhaus" gewesen, aber dem Ausflug entschieden den Charakter einer politischen Versammlung abgesprochen. Was thut nun das biedere Lenneper Amtsgericht? Es bezeichnet auf den betreffenden Strafmandaten als Beweismittel„Geständniß". Ooer sollte das Lenneper Amtsgericht an diesem Kniff unschuldig und der Barmer Amtsrichter Endemann, der eigens aus die Sozialistenhatz dressirt zu sein scheint, der geniale Erfinder sein? Wir sind begierig, Genaues darüber zu erfahren. Die Verhandlung wird Freitag den 12. dies zu Ende geführt werden. Mainz, 10. Dezember. In der Notiz in Nr. 46 des„Sozialdemo- krat":„Für wen die Nationalliberalen Alles stimmen" heißt es unter Anderm:„In Hessen aber schloffen sie mit den Ultramontanen emen Kompromiß, dahingehend, daß sie in Mainz für diese gegen die Sozial- demokraten stimmen würden, wogegen die Ultramontanen ihnen Helsen sollten, Schlohmacher in Offenbach gegen Liebknecht durchnibringen." Das ist nun allerdings ganz richtig; was aber Mainz anbelangt, so haben sie uns wenig geschadet, denn hier sind sie so nationalmiserabel h-runtergekommen, daß sie es in der Stadt nicht einmal auf einige Tausend Stimmen brachten, und auch von diesen haben sich Viele bei der Stichwahl enthalten, während sich ihre Leute im Kreise Oppen- heim an einzelnen Orten stärker betheiligten. Desto mehr aber thaten die Herren Demokraten, welche diesmal unter der Firma„Freisinnig" austraten, ihre Schuldigkeit, re'p. zeigten ihre ganze Schustigkeit wider uns, denn diese gingen ganz geschlossen, Mann für Mann, mit den Schwarzen. Es war ekelhast mitanzuiehen, wie Leute, die bei jeder Gelegenheit wie wüthend über das Pfaffenthum und den Ultra- montanismus hersallen und schimpfen, in wahrer Hundedemuth sür den Kandidaten der Schwarzen stimmten und mit denselben k o k e t t i r- t e n, und bei diesem Treiben ging ihnen ihr Herr und Mei er, Dr. Adolph Philipps, wacker voran. Vor drei Jahren sagte der große Demokrat in seiner Kandidatenrede:„Der Ultramontanismus ist der Geist der Schlechtigkeit und der Lüge," und dieses Jahr bei der Stichwahl schrieb er seinen Wählern, sie sollten für den Ultra- montanen stimmen! Selbstverständlich machten die Schwarzen diesen Brief auf's Vielseitigste bekannt. Im ersten Augenblick glaubte man, es sei eins von den plumpen Wahlmanövern, aber es war in Wirklichkeit so. Und warum hat der saubere Dr. Philipps das gethan? Weil in Frankfurt am Main die Schwar- zen seinem Herrgott Sonnemann helfen sollten! Man sieht also, die Herren Demokraten sind ebenso schuftig, wie die Nationalliberalen, und dabei wollen sie uns noch weiß machen, wir seien ihnen die nächststehende Partei. Diejenigen aber, die ihnen das noch so halb und halb glaubten, sind jetzt gründlich geheilt. Der Streich von Philipps ist schuld daran, daß wir nicht siegten; aber der ehren- werthe„Demokrat" soll sich nur wieder einmal unterstehen, in Mainz öffentlich anszutreten, dann!ann er etwas erleben; wir werden ihm seinen schuftigen Kompromiß gehörig unter die Nase reiben. Die Kampfes- weise, welche die Schwarzen wider uns beobachteten, will ich nicht weiter erwähnen, die war mit einem Wort schlecht und niederträchtig. Und was ist bei allem dem herausgekommen? Ein lumpiger Sieg von 93 Stimmen Mehrheit, und das von drei Ordnungsparteien. Wir sind nicht unterlegen, sondern als starke, muthige und zielbewußte Partei aus der Kampagne hervorgegangen, denn die 7883 Stimmen, die wir erhielten, wiegen mehr als der gestohlene Sieg der Schwarzen. M. M. Dittersbach in Schlesien, 26. November. Aus unserm Wahlkreise sW a l d e n b u r g) haben wir zu melden, daß der bisher„erbangesessene Vertreter" desselben, Fürst Pl eß, diesmal herausgeschmissen worden ist; freiUch wird er noch nicht durch einen der Unirigen ersetzt, sondern durch einen Deut'ch Feigsinnigen. Bei der Hauptwahl erhielt dieser, ein Herr von Winkelmann, 7841 Stimmen, Fürst Pl. ß 7082. der Kandidat der Schwarzen, Raabe, 1191, und unser Kandidat 1241 Stimmen. Bei der Stichwahl dagegen brachte es Winkelmann auf 9573, Fürst Pleß auf 7714 Stimmen 1623 Stimmen wurden für ungültig erklärt. iWahrscheinlich Winkelmann'scbe Stimmen, weil zwischen Haupt- und Stichwahl der Landrath plötzlich entdeckte, daß Herr Winkelmann gar nicht berechtigt sei, den AMstitel zu führen-, und in der That scheint es mit dem Adel des Herrn eine etwas eigenthümliche Bewandtniß zu haben, was zwar an sich sehr Wurst ist, aber dessen Freisinn in ganz besonderem Licht erscheinen läßt. Red. des„Soz. Dem") Die Konservativen hatten das berühmte antisozialdemokra- tische.Leipziger Flugblatt„Mehrere Arbeiter" unter den Be'gleuten ver- theilt, bei den„Anrüchigen" fanden zahlreiche Haussuchungen statt; man fahndete aus unser Flugblatt, doch fielen den Herrschasten von der ganzen Sendung nur 200 Exemplare in die Hände, der Rest blieb bis zum Tage vor der Wahl in guter B wahrung wo wir es alsdann gehörig im Kreste verbreiteten. Tie Vertheilung gelang ausgezeichnet, die oberschlaue Waldenburger Kreispolizei hatte das Nachsehen. Die guten Leute müssen eben früher ausstehen, wenn sie uns unterkriegen wollen. Sprechsaal. Den nachfolgenden Aufruf empfehlen wir Allen, die in der Lage sind, den Wünlchen unserer österreichischen Genoffen entsprechen zu können, auf's Dringendste! Die Redaktion des„Sozialdemokra t". Genossen! Der Wahlsieg der deutschen Sozialdemokratie ist nicht nur epoche- machend sür das Proletariat Deutschlands, sondern für die Proletarier aller Länder. Ar>ch die Arbeiter Oesterreichs sind aufgerüttelt worden durch die riesenhafte Krastäußerung ihrer benachbarten Brüder, auch sür sie verspricht der 28. Oktober der Beginn einer neuen Rera zu sein, wenn der jetzige Moment rasch und energisch ausgenutzt wird. Einer raschen und energischen Aktion stellen sich jedoch in Oesterreich die mannigfaltigsten Hindernisse entgegen. Unser Proletariat ist unentwickelt und vielfach noch in dem Jdeenkreiie des Kleinbürqerihums be- fangen; es seht ihm j-de Gelegenheit zu politischer Thätigkeit, jede Ge- legenheit der Bcthätigung der politischen Seite des Klassenkampfes. Ohne Wahlrecht, ohne freie Presse, ohne Vereins- und Versammlungsfreiheit. ohne Möglichkeit einer Organisation der Massen zu zielbewußtem Vor- gehen im Interesse des Klassenkampfes, haben wir noch mit eigenartigen Hindernissen zu kämpfen, die in anderen Ländern gar nicht oder in viel geringerem Maße vorhanden sind. Der Nationalitätenkampf lenkt einen großen Theil der arbeitenden Klaffe von ihrer Aufgabe ab. läßt sie Krast und Zeit in Kämpfen verschwen-en, roeitfie nichts sind als Familienzwiste im Schooße der herrschenden Klassen. Dazu kommt aber, daß die österreichische Re- gierung, den bisherigen Traditionen entsprechend, immer und immer wieder von Neuem versucht, die Arbeiterbewegung zu kor- r u m p i r e n, die zu ersticken ihr nicht gelingen will. Sie hat den Anarchismus gehätschelt und großgezogen und keine Kosten qe- scheut, um mit seiner Hilke die Sozialdemokratie niederzuhalten. Dann, als er ihr über den Kopf zu wachst» drohte, hat sie den ehemaligen Bundesgenossen aus das Brutalste niedergetreten und sich einen unge- sährliche, en Alliirten aesucht: den Antisemitismus, den jetzt ein Theil derselben Agitatoren predigt, die früher den Anarchismus geschürt hatten. Gleichceitig sucht man eine im Solde der Reqierung stehende Arbeiterpresse zu gründen. Bereits sind Versuche gemacht worden, einen Theil unserer Vertrauensmänner zu kaufen, damit sie ihre Namen und ihren Einfluß sür die offiziöse Arbeiterpreffe hergeben. Diese Versuche sind freilich gescheitert. Das ist die Situation, in der uns der Wahlsieg der deutschen Sozial- demokratie trifft. Ter Anarchismus, der dem kämpfenden Proletariat Oesterreichs in den Rücken fiel, hat unsere Oraanisationen ausaelöst, die Parteidiszivlin gelockert, die Klarheit über unstre Ziele getrübt: in die offenen Reihen drängt sich jetzt der Antisemitismus, und eine von der Reqierung unter- stützte„Arbeiterpresse" schickt sich an, im Trüben»u fischen. Es ist ein kritischer Moment Wir werfen nicht die Flinte ins Korn, unverdrossen und unverzagt kämpfen wir weiter, denn wir wissen, daß die moderne Entwickelung früher oder später mit Naturnothwen- d i g k e i t die Bedingungen bringen muß, die uns einen erfolgreichen Kampf ermöglichen. Aber es handelt sich darum, die Defensive aufzugeben. Der Wahlsieg in Deutschland muß das Signal sein zum Angriff auf der ganzen Linie des kämpfenden Proletariats. Und zu diesem BeHufe wenden wir uns an Euch, Proletarier aller Länder. Allem sind wir zu schwach, in solcher Situation agressiv vorz- gehen, den Kamps gleichzeitig aufzuneh- men gegen den Anarchismus und Antisemitismus im Rücken, gegen die Unklarbeit in den eigenen Reihen, gegen die herrschenden Klassen und deren Schergen in der Front. Wohl aber können wir den Kampf erfolg- reich zum Ziele führen mit Eurer Hilfe. Mit Eurer Hilfe wird es uns gelingen, die Massen aufzuklären und von Neuem zu organisiren; es wird uns gelingen, die kleinbürgerlich-brutalen Auswüchse auszumerzen; es wird uns gelingen, eine Posi:ion zu erringen, in der die herrschenden Klassen mit uns rechnen müssen. Dies ist aber nicht gleichgiltig für die sozialistischen Parteien anderer Länder. Das Erstarken des Anarchismus in Oesterreich diente nicht nur der Regierung Oesterreichs; es wurde ausgebeutet von den reaktionären Parteien aller Länder. Und Diejenigen, welche der systematischen Kor- rumpirung durch die österreichische Polizei erlegen sind, sie wirken jetzt als korrumpirende Elemente an allen Orten. So ist es auch nicht gleich- giltig, ob die Arbeiter Oesterreichs sich für die staatssozialistischen Spiegelfechtereien gewinnen lassen oder nicht. Darum appelliren wir an die internationale Solidarität der Prole- tarier, darum rufen wir die Proletarier aller Länder auf, uns zu unter- stützen in unserem Kampfe, vor Allem uns beizustehen zur Erhal- tung und Ausdehnung unserer Presse. Die Internationale ist todt, aber der Geist, der sie beseelte, lebt fort. Der Wahlkampf unserer deutschen Brüder hat es bewiesen: er wurde geführt mit der Unterstützung des internationalen Proletariats. Der Sieg der deutschen Sozialdemokratie ist auch unser Sieg: unser Sieg wird auch Euer Sieg sein! Unterstützung kann unserer Sache werden durch Abonnement auf die sozialdemokratischen Blätter, den„Volksfreund" in Brünn, Josefstadt 39, und die„Wahrheit" in Wien, TI Gumpendorfer- Straße 123, durch Einsendung von literarischen Beiträgen, Korrespon- denzen an dieselben u. s. w. Endlich durch Veranstaltung von Geld- sammlungen für unseren P r e ß f o n d. Die Expedition des„Sozialdemokrat" ist bereit, die Gelder entgegen- zunehmen und ihrer Bestimmung zuzuführen. Ihr wird auch Rechnung über die Verwendung der Gelder gelegt werden. Die Vertrauensmänner der österreichischen sozialdemokraischen Partei. IlB. Die Namen der Unterzeichner sind der Redaktion und Expedition des„Sozialdemokrat" bekannt, sie können jedoch aus naheliegenden Gründen nicht veröffentlicht werden. Wir bitten die sozialdemokratische Presse des Auslandes, von diesem Aufruf Notiz zu nehmen. Nachruf. Verspätet eingegangen. Am 26. November d. I. verschied nach langem Leiden einer unserer besten und treuesten Genoffen, Hermann Schmidt, Zinngießer, an der Schwindsucht, jener tückischen Krankheit, die ihre Opfer Vorzugs- weise aus den Reihen der Arbeiter holt. Der Verstorbene war vor einigen Jahren noch Vorstandsmitglied des „Jünglings Vereins"; die in demselben getriebene Heuchelei paßte aber nicht ,u seinem offenen, geraden Wesen, er trat aus und schloß sich der Sozialdemokratie an, der er von da ab, trotz seines siechen Körpers, treu und aufopfernd gedient hat. Ueber Berg und Thal ist er mit uns gezogen, oft von zwei Genossen unterstützt, wenn wir, gezwungen durch die elenden politischen Verhältnisse, die Berathung unserer Angelegen- Helten an abgelegenen Orten vornehmen mußten. Sein letzter Gang ins Freie war ain 6. November zur Wahlurne, um seine Stimme für den Arbeiterkandidaten abzugeben. Auf seinem Schmerzenslager war es ihm eine Erquickung, wenn er von einem sozialdemokratischen Siege erfuhr. Sein letzter Wunsch war, von Parteigenossen zu Grabe getragen zu werden; die ihn besuchenden Parteigenossen beauftragte er, jeden pfäffischen Besuch abzuweisen, wenn ihm selbst die Kraft dazu fehle. Ehre seinem Andenken! Barmen, 10. Dezember 1884. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei von Barmen. Briefkasten der Redaktion: Rothbart: Für diese Nummer leider zu spät, daher erst in nächster.— N o v a: Wir sind zwar sonst nicht für's Belletristische, es wird aber wohl einmal eine Ausnahme gestattet sein! der Expedition: P. Sch. Brlu.; Mk. 3— Ab. erh.— Rother Teufel: Warum wird Felix so unpünktlich versorgt!? Will bis 3./l2. erst 43 erh. haben. Da hört ja Alles auf!— G. D. P: 35 Cts. Nchlbg. erh.— Bergedorf: 90 Cts. f. S.-D. erh.— Frauenfeld: Fr. 9— Ab. 4. Qu. erh.— Neckarspitze: Mk. 1— pr. Agfds. dkd. verwendet. P. K. erh. Weiteres erwartet.— Mathilde: Bstllg. unterwegs, auch Neuestes.— E. G. Ron.: Mk. 11— Ab. 1. Qu. 85 u. Schft. erh. Weiteres bfl. Sdg. fort.— O. S. Hövik: Fr. 7 28 f. Schft. u. Bs. v. 8./12. erh. Sdg. war schon fort.— G. E. M.: Fr. I 25 f. Schft. u. Fr. 10— pr. Wfds. dkd. erh.— 7/9-27: Diesmal pr. Porto 83 u. 84(2 I.) verwendet. Früheres(1'/, I.) komplet den Fds. zugewiesen. Gruß!— Vesuvstock: P. K. erh. Ersatz abgg. mit 51.— Felix: Am I6./12. Bf. abgg. Mk. 45— ä Cto. gutgebr. E. hat sich allerdings vortrefflich ge- halten. Warum also Einspännern!?— A. F. Thgn.: Mk. 10— Ab. 4. Qu. 84, 1. Qu. 85 u. Schft. erh.— Moritz: Mk. 18— Ab. 4. Qu. erh. u. Adr. geordn.— Feuerländer: Mk. 53— i Cto. erh. Schft. unterwegs. Mehrbstllg. ic. notirt.— Nova: Bf. mit Fllt. kostet 20 Pfg. Strafporto, da nur mit 30 Pfg. frankirt. Je 15 Gr. kosten 20 Pfg. Bk. wog 24 Gr.. kostete also 40 Pfg.— P. Fl. B.: Mk. 6— Ab. 1. Qu- erh.— Gracchus F.: Warum Cbs. separat?— Bruno: Bstllg., wenn's klappt, noch vor Weihnachten dort. Adr. für dir. erwartet.— X. 3: Bf. v. 14./I2. hier. Adr. ic. besorgt.— G. M. W.: Bztg. steht auf eigenen Füßen. W's. persönliche Vornahmen berühren seine Beziehungen zur„zahmen" B. nicht.— G. W. W.: öwfl. 2— ä Cto. erh. Natürlich, denn 13 Briefe mit Doppelporto kosten doch Mk. 1 30 pr. Qu. mehr.— Verrina: Mk. 6— 4. Qu. Kdn. und 3. Qu. Kz. Ihnen qutgebracht. da längst belastet. 4. Qu. Kz. auch.— G. Stetzsch. Springfild: Fr. 5 12 Ab. 1. u. 2. Qu. 85 erh. Adr. geänd. — Michel Gehret: Mk. 24— lt. Qttg. pr. Kk. u. Mk. 5 75 Abon. ab 1. Dez.-Ende März 85 erh. 25 Pfg. Rest d. Agfds. dkd. zugewiesen. — F. W. Frzsche. Philad.: Fr. 50— ü Cto. Ab. am l5./l2. einge- troffen. Am 10. 5. zahlte uns die Post nur Fr. 49 86, nicht 50, aus. Jrrthum berichtigt. Mehrbstllg. folgt. Gruß!— Kopenhagen:<100 Kronen) Fr. 133 33 v. d. Gen. pr. Wfds. dkd. erh.— Spg. Gz.: Fr. 1 pr. Ins. erh.— R. Sch. Hgn.: Mk. 4— Ab. ab 1. Dez.— Ende März 85 erh.— G. E. M.: Fr. 27 50 für Flgbl., Schft. u. S.-D. kompl. erh.— Fvy.: Mk. 5 30 Ab. 1. Qu. u. Schft. erh. Sdg. nach Wunsch mit 51 fort.— Rother Voigtländer: Mk. 32 40 Ab. 4 Qu. erh. Adr. geordnet.— Johannes B.: Mitunter unfreiwilliger Aufenthalt verursacht Pausen. Doppelbrief hierher wog 127 Gramm, war frankirt mit nur 40 Psg.(statt mit Mk. 1 80). Jede 15 Gramm und jeder Bruchtheil über 15 für volle 15 gerechnet, kosten 20 Pfg. Mußten deshalb Fr. 3 50 Strafporto zahlen, womit Sie belasten. Gruß u. Dank für Sdg.— Der Bekannte: Nachr. hier: Z. wird kapirt haben, daß er der„Blaue" ist.— Postillon Lehmann l: Es bleibt da- bei wie bfl.— Ferd.: Brief v. 10.-rh.— Tdn. Delst.: Fr. 30— f. Schft erh.— C. A. B. V. London:(2 Pf. St.) Fr. 50 40(worunter 10 Fr. für H. W. durch S.) pr. Wfds. dkd. erh.— Liöge: Fr. 6— erh. Bf. erwartet. C)«tv«<4\ Samstag, 20. Dezember, Abends 81/, Uhr, im Kafe �)UNly Keßler: beschlösse«« ISersammlung der deutsche« Kozialissen. Zahlreiches Erscheinen erwartet Der Loialausschuß. Schweizerisch« B-n<>ss-nschafi».Buchdru