Krscheivt wich«ntltch»tnmal w Zürich(Schweiz). Aertag d« wolttbuchhandl««» Hottingen» Zürich. floflsendnugeu fronlo gegen franko Gewihnliche Briese »ach der Schweiz kosten Doppelporto. Der Zo)mli>emckrat >entral-Argan der deutschen Sozialdemokratie. Avonnemcnts werden bei allen schweizerische« Postbureaux. sowie beim Verlag und dessen bekannten Agenten entgegengenommen, und zwar zum voran» zahlbaren Vierteljahripreii von: Fr S-für die Schweiz lKreuzbands Mk Z— siir Teutschland(Couvertf st. 1.70 für Oesterreich(Souoert) Fr. 2 SO für alle übrigen Länder de» Weltpostvereins(Kreuzbands. Zilserate die dreigespaltene Petitzeile 25 Ct».= 20 Pfg. JK 12. Donnerstag, 19. März 1883. HC Avis an die Abonnenten und Korrespondenten des„SoziatdemoKrot.""MW Da der.Sozialdemokrat' sowohl in Deutschland-l» auch in Oesterreich verboten ist, bezw verfolgt wird und die dortigen. als möglich an den.Sozialdemokrat', resp besten Verlag selbst adreffiren, sondern fich möglichst an irgend eine unverdächtig« «Hörden fich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp Briese von dort an UN»; Adresse austerhalb Deutschland» und Oesterreich» wenden. welche fich dann mit UN» in Verbindung seht! anderseit» aber. dast »Od unsere Zeitung», und sonstigen Speditionen nach dort abzufangen, so ist die äusterste Borstcht Im Postverkehr nothwendig und auch UN» möglichst unversängliche Zustellungiadresten mitgetheilt werden. In zweiselhasten Fällen empfiehlt fich behuf» grösterer darf keine Vorsichtimastregel versäumt werden, die Briefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt � Sicherheit Retoinmandirung. Soviel an UN» liegt, werden wir gewist weder Mühe noch Kosten scheuen um trotz aller entgegen- wr Sendungen zu täuschen und letztere dadurch zu schützen Hauptersordernist ist hiezu einerseit», dast unsere Freunde I» selten< stehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemokrat' unseren Abonnenten möglichst regelmästig zu liefern Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Die Unbesiegbarkeit der Sozialdemokratie. m. Was Herr Schäffle zu Gunsten der Verewigung bir kapitalistischen Produktionsweise zu sagen weiß. Wir haben uns im zweiten Artikel deshalb mit dem Gegen- satz zwischen der Stellung Schäffle'S und der der Sozialdemo- kratie zur Religion beschäftigt, weil er typisch ist für alle Fragen, die Herr Schäffle in seiner Schrift aufwirft. Ob es sich um die Frage des Grundbesitzes, um die Frage der Familie und Ehe, um das stehende Heer oder um die Frage der VolkSerzieh- ung handelt, überall finden wir Herrn Schäffle als den Mann des Kompromisses, aber nicht des nothgedrungenen, als Ueber- gangzstadium, wenn auch selbst nur in seiner Einbildung, n o th- tvendigen Kompromisses, sondern deL Kompromisses be- Hufs Erhaltung des Bestehenden, der Preisgabe des Neuen an das Alte, das Ucberkommene. Wie er die Wissenschaft an die Religion, oder genauer: die Forschung an den Wun- derglauben vcrräth, so ist er überall bereit auf den Fort- schritt zu verzichten, sobald derselbe den Bestand des Alten zu gefährden' droht; sein ganze« Buch scheint von dem Wunsche diktirt, da« Proletariat an die besitzenden Klassen, zu verrathen, und sollte von Rechtswegen den Titel führen:»Rezept, den Kampf der Sozialdemokratie auSfichtsloS zu gestalten." Da uns die Person des Herrn Schäffle sehr gietchgiltig ist, so brauchen wir ihm dabei nicht einmal Unehrlichkeit vorzuwerfen. ES kommt wenig darauf an, ob er das, was er schreibt, auS voller Ueberzeugung oder im Hinblick auf irgend einen Minister- Posten schreibt, die Hauptsache ist, festzustellen, worauf sein Buch in Wirklichkeit hinausläuft. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, haben wir auch auf daS billige Vergnügen verzichtet, Herrn Schäffle aus seinen früheren Schriften zu schlagen, obwohl daS, wie gesagt, so leicht wäre wie nur sonst etwas, und gewiß auch seine volle Berechtigung hätte. Herr Schäffle will, und er spricht daS wiederholt auS, die kapitalistische Produktionsweise reinigen, um fic zu ver- ewigen. Warum will er fic verewigen? Wovon will er fie reinigen? Für ErfiereL führt er einen ganzen Haufen Argumente in« Feld. Ter von der Sozialdemokratie erstrebte Kollektivismus ist ihm keineswegs eine Garantie für die versprochene Steigerung des Ertrags der Gesammtproduktion, weil„die höchste Jnter- essirung der Leitenden und Ausführenden mitmateriellen und ideellen Vortheilen", die„mit dem Prinzip der Freiheit und Gleichheit unvereinbar" sei, fehle, ohne fie aber„auch nicht ent- fernt jenes Maß von Produktivität der Nationalarbeit zu erwarten ist, welches die kapitalistische Produktion dem Kapitalprostt, dem Riflko und der Lohnskala zu entlocken weiß"(S. 27). Ohne Profite und Prämim ist nach ihm überhaupt keine Steigerung der Produktivität zu erwarten, dagegen ist die Aussaugung keines- weg» nothwendig mit der kapitalistischen Produktion verbundm (S. 32), ja„der Marx'sche Kapitalist-„Vampyr" dürfte wahr- scheinlich eine sehr respektable Figur gegen die— zukünftigen— sozialdemokratischen Schmarotzer, Volksbetrüger und MajoritätS» faullwzer sein"(S. 33). In dieser ganzm Argmnmtirung dokummtirt fich so recht prägnant die metaphysische Dmkweise de« Herrn Schäffle. Ihm ist der Mensch der heutigen bürgerlich kapitalistischm Gesell- schaft, der Mmsch der Gesellschaft de« Privateigenthum« und de« Kampfes Aller gegm Alle, der Mensch schlechtweg, der Mmsch zu allm Zeitm. Weil heute der Profit eine so mächtige Triebfeder in dem WirthschaftLlebm ist, so wird da» immer so bleibm. Die Menschennatur ist nicht da» Produkt einer bestimmtm Ent- Wicklung, sondern ein für allemal gegeben, der Mensch wird ewig eine Profitbesti« sein. War er e» ewig? AngefichtS der Forschungen der vergleichendm Völkerkunde wird Hr. Schäffle daS nicht behauptm wollen. Wie kommt er also dazu, jede Entwicklung für die Zukunft zu leugnw? Auf der anderm Seite ist e» ein grobe», für einm Mann, der al» wissenschaftlicher Forscher gelten will, geradezu unver. zeihliche« Mißverständniß de» Sozialismus, wmn man ihm die kindlich« Anschauung unterstellt, e» werde die kommunistische Pro« duktion mit ihrm Konsequenzen sofort in aller Vollkommmheit wie Minerva au« dem Haupte de» Jupiter in» Leben treten, fie werde nicht auch, und mit ihr die mtsprechendm gesellschaftlichen Einrichtungm wie die Jndividum, der Entwicklung bedürsm. Wir können Herrn Schäffle'"euhig zugeben, daß es dabei nicht immer„gemüihlich" zugehen, daß eS an Unzuträglichkeitm nicht fehlm wird, aber würde das das Geringste gegen unsere Bestre- bungcn beweisen? Mit Nichten. Das Wesentliche deS SozialiS- muS liegt gar nicht in irgend einem bestimmtm VertheilungS- modus, auch nicht in der Proklamirung der absoluten Frei- heit und Gleichheit, wie Herr Schäffle unS unterstellt, sondern in der Anerkennung deS gesellschaftlichen Cha- rakterS der Produktion, in der Beherrschung der Pro- duktion durch die organistrte Gesellschaft, während heute die Ge- sellschaft von ihren Produktm abhängig ist. Die bessere Ver- theilung wird erst die Folge der zweckmäßiger geleiteten Pro- duktion sein; daß sie von vornherein eine absolut gleiche sein muß, ist noch keinem Sozialisten zu behaupten eingefallen. Eine ziemlich weit verbreitete Anschauung geht dahin, daß sich sehr bald die etwaige Prämiirung besserer Leistungen als überflüssig herausstellen werde, indeß ist diese Anschauung durchaus kein Parteidogma. Wir überlassen das der Zukunft zu bestimmen; die Erfahrung wird zeigen, bei welchem VertheilungsmoduS die Ge- sammlhsit am besten fährt. Herr Schäffle kann sich so wenig über den Horizont der heu- tigen Bourgeoisgesellschaft erheben, daß er die„Schmarotzer, Volksbetrüger, MajoritätSfaullenzer" derselben auch ohne Weiteres in die sozialistische Gesellschaft überträgt. Die gegentheilige An- nähme, daß nämlich mit dem Aufhören derjenigen gesellschaftlichm Einrichtungm, welche das Schmarotzerthum und den Schwindel bis zu ihrer heutigen Höhe entwickelt habm, diese selbst allmälig verschwinden werden, ist ihm„maßloser Optimismus in der Ethik" (Sittenlehre). Dem bibelgläubigen Herrn Schäffle ist ja der Mensch von Hause auS schlecht. Aber selbst wenn dem so wäre, so muß doch Jeder einsehen, daß in einer Gesellschaft, welch Katvgoriettz so geringe Vortheile bietet, wie jede gleichwie immer organistrte sozialistische, die dagegen jedem ihrer Mitglieder ein gewisses Existenzminimum garantirt— und darin dürfte Fourier vielleicht Recht behalten, daß die nächste Phase der gesellschaftlichen Ent« Wicklung eine Art GarantiSmuS sein wird—, daß in einer solchm Gesellschaft der Anreiz zum Schwindeln und Schmarotzen ein viel geringerer sein muß als heute. Schon dann liegt ein Grund, dieses Schreckgespmst nicht zu fürchten. Dann aber bietet ja gerade die gesellschaftliche Leitung der Produktion die beste Kontrole gegen schmarotzerhafte Ausbeutung der„Fleißigen durch die Faulm" ic.-c. In der modernen mechanischen Fabrik hört heute schon jeder Unterschied zwischen faulen und fleißigen Arbeitern auf. Sie verträgt e« nicht, daß der Peter um 7 und der Paul erst um 8 Uhr anfängt, die Arbeit de» Peter ist von der des Paul abhängig und umgekehrt. Die Leistungen jedes Einzelnen werden von seinen Mitarbeitern kontrolirt. Und die Gesellschaft wird durch Sachverständige min- destm« ebensogut als heute der einzelne Unternehmer im Stand« sein, zu bemessen, welche Arbeitsleistung der Einzelne in einer be- stimmten Zeit durchschnittlich zu vollziehen vermag, und etwaige Jrrthümer sehr schnell zu korrigiren. ES ist also gar nicht abzusehen, womit Herr Schäffle die obige Behauptung beweisen will, da sein einzige« Beweis- mittel, die Schlechtigkeit der menschlichen Natur, ihn so schnöde im Stiche läßt. Beiläufig ficht der Marx'sche Kapitalist-, Vampyr", wie fich Herr Schäffle auszudrücken beliebt, bei Marx selbst auch ganz ander« au», al« e« nach dem von Herrn Schäffle beliebten Au»- druck den Anschein hat. Und Niemand sollte daL besser wissen, als Herr Schäffle. der in seiner„Quintessenz" auf Seite 15 schrieb: „Weniger al» jeder Andere"— sagt Marx wörtlich—„kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesell- schaftSformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den Einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er fich auch subjektiv über fie er- heben mag."*) Marx und mit ihm die Sozialisten nehmm sogar den heuti- gen kapitalistischen Ausbeuter al« ein Produkt einer bestimmten gesellschaftlichm Entwicklung, und ziehm ihn nur soweit subjektiv zur Verantwortung, al« er darüber hinau« die Ausbeutung praktizirt, woraus Herr Schäffle den Schluß ziehen mag, daß fie in ihrem„maßlosm Optimismus" wenigsten» konsequenter find al» er in seinem maßvollen Pessimismus, der fich Vorzug»- weife gegm die Arbeiter wendet. Da wir der sozialistischen Produktion keinerlei Vorschristm machen, wie fie im Einzelnm zu organifiren ist, so könnten wir über die Behauptung, daß fie„auch nicht entfernt das Maß von Produktivität der Nationalarbeit verspreche, welche» die kapita- listische Produktion dem Kapitalprofit, dem Risiko und der Lohn- skala zu mtlockm weiß", stillschweigend hinweggehen, da dieselbe ja auf der Voraussetzung von Vorschriften beruht, die wir oben *) Kapital, Borred«, S..XI. bereit« al» nicht maßgeblich bezeichneten. Wir müssm aber der in diesen Worten liegenden Ueb erschätzun g der kapitalistischm Produktion entgegentreten. Dieselbe ist mit ihren schönen Elnrich- tungm keineswegs eine Gewähr für die Realisirung der höchstmöglichen Produktivität der Arbeit. Die moderne Technik hat die ProduktionSkräfte in einer Weise entwickelt, daß die kapitalistische Gesellschaft sie gar nicht mehr bewältigen kann und fich vielmehr als ein Hemm niß der weiteren Entwicklung der Pro« duktivität der Arbeit darstellt. Eine Unmasse von Arbeiten werdm heute statt mit Maschinen, die längst erfunden find, mit unvoll- kommcnen Werkzeugen ausgeführt, weil das kapitalistische AuS- beutungSsystem den Preis der Menschenarbeit so niedrig hält, daß die Anschaffung der besseren Maschine nicht rentirt. Die Lohnskala, Herr Schäffle, steigert die AuSbeutungLrate, nicht aber die Produktivität der Arbeit, deren Entwicklung fie vielmehr aufhält. Es gehört in der That viel Math dazu, in der heutigen Zeit, wo die GeschäftSkrisiS anfängt, chronisch zu werden, d. h. Tag für Tag den Bankrott der kapitalistischen Produktion predigt, dieser einen solchen Hymnus zu fingen. Rein, Herr Schäffle, die schönen Dinge, welche Sie der kapi- talistischen Produktion nachsagen, existiren nicht oder nicht mehr. Der Lobgesang, den Sie ihr zu Ehren auf S. 52 und 53 Ihrer Schrift anstimmen, mag vor 20 Jahren vielleicht noch seine Berechtigung gehabt haben, heute ist er in jeder Beziehung veraltet.„Das Kapital" nimmt dem Gemeinwesen nicht „die Organisation und Leitung der ProduktionSanstalten ab"; wenn eS nach Ihrer Ansicht„unter eigener und ausschließender Verantworlichkeit mit seiner ganzen materiellen Existenz die Wurth- schaftlichkeit der Produktion und de« Umlaufs der Güter ver« bürgt", so ist daS sehr hochherzig von ihm, wir haben aber ge- sehen, wie eS diesen Wechsel immer weniger einzulösen vermag; wa» speziell„dm Umlauf der Güter" anbetrifft, so verweisen wir Sie auf S. 94 Ihrer eigenen Schrift, wo Sie gegen diese„Wirth- schaftlichkeit"—.Schutzmaßregeln vorschlagen. DaS Kapital sinnt freilich„auf die möglichst wohlfeile Güterhervorbringung"— die aber durchaus nicht immer die wirth schaftlichste ist—; die „höchst gebrauchSwerthe Güterhervorbringung" ist ihm aber durchaus gleichgiltig, wie gerade die Industrie der Massenartikel zeigt.— Für die genannten und noch einige ähnliche„Sozialfunktionen" bezieht das Kapital nach Herrn Schäffle„mit vollem Recht" den Kapitalprofit,„wenn es geschickt und glücklich im Dienste de» Ganzen operirt." Wofür eS ihn aber bezieht, wenn eS ge- schickt und glücklich zum Nachtheil des Ganzm operirt, da» verschweigt er unS leider. Hat ihn das„strahlende Licht deS kapitalistischen Betriebe«" geblendet? Vielleicht erhalten wir Antwort auf diese Frage, wmn wir die Mittel, durch welche Herr Schäffle die Produktion„reinigen" will, etwa» näher ansehen. Die Maske herunter! »Jetzt zeigt Ihr Euer wahres Gesicht, bisher war'S nur die Larve"— so kann man in der That dem großen Sozial- reformer Bismarck nach seinen neuesten Leistungen bei der Dampfer- subventionsdebatte im Reichstage zurufen. Noch bei keiner Gelegenheit hat sich der„Anwalt des armen Mannes" so unmrbüllt als das gezeigt, was er in Wirklichkeit ist: als der An w al: der Millio- näre. Wenn noch ein Zweifel daran bestand, daß eS fich bei der Dampf«- fudvention um Staatshilse für Kolonialgründungen, und bei diesen um Ausbeutungskolonien handelt, so ist derselbe durch die Reden Bismarck'» am 13. und 14. März vollständig beseitigt worden. Namentlich am 13. März plauderte der große Staatsmann in der Hitze deS Gefechtes mit einer Offenherzigkeit aus der Schule, für die wir ihm so dankbar find, daß es uns beinahe schwer fällt, sein Eintreten um Staatshilfe für Die, die da haben, mit dem gebührenden Ausdruck: schamlos zu brand- marken. Man hört nur(wir zitiren nach der hpperloyalen„Allgemeinen"): „Ich halte für die aussichtsreichsten Kolonien diejenigen, die hier alS „Gründungen" qualifizirt werden, weil die Namen Hansemann, Bleichröder darunter stehen, die in Neuguinea. Nach Allem, was ich von dort gehört habe, gibt es große, fruchtbare und der Kultur leicht zugängliche Gegenden, die jetzt mit steppenartigem, mannshohem Grase bewachsen find, unter dem Aequator liegen, sich also für Kultur von Kaffee, Baumwolle und dergleichen tropische Pro- d u k t e vorzüglich eignen. Nun sagt der H«r Borredner: Das kommt doch nur einigen reichen Geschäftshäusern zu Gute, die ohnehin reich ge- nug sind. Ja, meine Herren, diese reichen Kaufleute sind doch, so zu sagen, auchMenschen, ja sogar Deutsche (Heiterkeit), die auf unseren Schutz f»r ihren Reich- thum und nach Maßgabe ihrer Unternehmungen denselben Anspruch haben, den der reiche Engländer von seiner Regierung beansprucht. Wenn es in England nicht eine erheblich größere Anzahl Millionäre gäbe als bei uns, so würde es dort auch nicht einen erheblich reicheren Mittelstand geben als bei uns. Das hängt eng zusammen. Schaffen Sie uns nur viele! Wir haben jetzt wenig reiche Häuser, das ist wahr; aber ich hoffe, wünsche und strebe auf jede Weise, durch die es zu erreichen ist, daß wir mehr solche reiche Häus« ins Land bekommen. Sie erinnern oft an altpreußische Maximen: die Herren namentlich, welche die altpreußische Zollgeschichte gar nicht kennen, haben mir die wunderlichsten Belehrungen darüber ertheilt. Aber ich erinnere Sie daran, wie viel Friedrich dem Großen, wie viel Friedrich Wilhelm I., dem großen Hausvater seines Landes, daran lag, reiche Leute ins Land zu ziehen, im Lande zu erhalten, reiche Leute zu machen. Ich wollte, wir könnten sofort ein paar hundert Millionäre im Lande mehr schaffen; sie würden ihr Geld im Lande ausgeben, und diese Ausgaben würden befruchtend auf den Arbeitsverkehr wirken nach allen Seiten hin. Die Leute können ja doch ihr Geld nicht selbst effen, sondern sie müssen die Zinsen davon an Andere wieder ausgeben; also freuen Sie sich doch, wenn Leute bei uns reich werden: da sällt immer für die Gesammtheit etwas ab und nicht blos für den Steuerfiskus."... ....„Die Kolonien, wie Euba, wie Portorico, wie die westindischen und alle die äquatorialen Kolonien, sind vom Mutterlande stets in ihrem Geldwerthe sehr hoch geschätzt. Deshalb ist dahin aber noch keine große Auswanderung gegangen; man hat nicht darauf gerechnet, daß dort Wei- zen oder Wolle produzirt werde, welche nachher zum Schrecken des Herrn Vorredners zollfrei bei uns eingelassen werden sollten; sondern es sind eben tropische Produkte, die bei uns nicht wachsen. Das ist gerade die Hauptsache, dort Plantagen anzulegen, Deutsche des gebildeten und halb- gebildeten Standes auf diesen Plantagen zu beschäftigen." ...„Wir werden jedes Mittel anwenden, um Sie dahin zu bringen, daß Sie carts sur table(Satten auf dem Tisch) spielen und Farbe be< kennen müssen vor Ihren Wählern und dem Publikum, ob Sie Kalo- nialpolitik wollen oder nicht wollen(Bravo! rechts), ob Sie Kolonien wollen oder nicht wollen. Wir werden von Ihnen das Fragenstellen lernen, wie es in der Kommission geschehen ist, und wir werden Sie mit Vorlagen und Fragen in die Enge treiben, daß Sie Farbe bekennen müssen."... ...„Ich habe über die Qualität unserer Kolonien gesprochen und, glaube ich, die Bedenken des Herrn Vorredners bezüglich der Gefahren, die ihnen drohe», widerlegt und ausgeführt, daß sie diejenigen Ansprüche, die der Herr Vorredner an die Kolonien zu machen schien, zu realifiren überhaupt nicht be- stimmt sind. Nach meiner Ueberzeugung ist, wie gesagt, auf die tropischen Kolonien hauptsächlich Werth zu legen; auf Angra Pequena insoweit, als die Untersuchungen, die über den dortigen Metallreichthum angestellt waren, ein Resultat liesern; nach Allem, was wir hören, ist das des Versuches immer werth, und doch macht es Ihnen eine gewisse Freude, wenn Sie recht geringschätzig von dieser Sandbüchse sprechen können. Sie sollten, meine ich, lieber mit uns die Hoffnung theilen, daß die deutschen Bergleute einmal dort ihren lohnenden Erwerb werden finden können und uns die Hand dazu bieten, zu ermitteln, ob das nicht der Fall sein könnte."... Mit diesen Zitaten mag es genug sein. Um sie ihrem vollen Werth« nach zu würdigen, müssen wir jedoch noch die Worte des Abgeordneten R i n t e l e n zitiren, der vor Bismarck sprach, und auf die sich der von uns unterstrichene Passus im letzten Absatz bezieht. Sie lauten: ...„Herr Grad hat hier kürzlich gesagt, die Kolonien sollten die überzählige deutsche Bevölkerung aufnehmen. Aehnlich hat sich Herr Woermann geäußert. Wie denken sich denn die Herren eine Kolonie, wo die überzählige deutsche Bevölkerung unter sich ist? Die germanische Race kann dort nicht existiren, sie geht zu Grunde... Für die zweite Frage, die des Exports, kommt nun zunächst die Konsumtionsfähigkeit der Kolonien in Betracht. Diese Fähigkeit dürfte nun in Bezug auf europäische Artikel nur sehr gering sein; der Abgeordnete für Dresden !at uns zwar von den Buntpapier� Fabrikanten berichtet(große Heiter- eit); auch für den Export von Glasperlen zur Bekleidung der Wilden soll große Aussicht sein— das ist einstweilen Alles. Drittens kommt der Import der Kolonialprodukte in das Mutterland in Frage. Für diese hat man von verschievenen Seiten Zollfreiheit beim Eingang ver- langt, weil die Kolonien ein Theil des Mutterlandes seien. Wie ver- lautet, ist das aber nicht die Absicht der Reichsregierung, die Gegenstände sollen vielmehr mit einem Eingangszoll belegt werden. Nun könnten derartige Produkte, wenn sie nur in den Kolonien erzeugt werden, wohl zollfrei eingehen, die übrigen aber würden ja nur unserer eigenen Pro- duktion Konkurrenz machen, so z. B. Weizen und Wolle.(Ruf rechts: Wolle ist zollfrei!) Der Wollzoll kommt dann ganz von selbst.(Heiter- keit.) Wenn die Produkte aber zollpflichtig sind, dann macht es doch gar keinen Unterschied, ob ich sie aus Kolonien selbst beziehe oder auS anderen Ländern, mit denen wir Handelsverträge abgeschlossen haben. Den Vortheil von den Kolonien haben nur die wenigen großen Handels- Häuser, welche sich dort niedergelassen haben. Die Erhöhung der Steuer- kraft dieser sehr wenigen großen Handelshäuser nützt der Gesammtheit der deutschen Steuerzahler ganz und gar nichts. Haben denn nicht nach Ausweis de« letzten Weißbuches gerade die Herren von Hansemann und Bleichröder Dampsersubventionen verlangt? Und wem sollen die Sub- ventionen für die afrikanische Linie zu gute kommen? Den Herren Woermann und Lüderitz, weiter Niemandem." Man vergleiche Bismarck's Ausführungen mit denen des Herrn Rintelen und man wird sehen, daß in der That die Kolonien weiter nichts sollen, als einige reiche Leute noch mehr bereichern— Millionäre züchten. Die Redensart von den deutschen Bergleuten, die in Angra Pequena„lohnenden Erwerb" finden sollen, ist gar zu fadenscheinig, um näher darauf einzugehen— sie stimmt überdies schlecht zu der kurz vor- her vom Kanzler gemachten Bemerkung, daß„auch schon Angra Pequena in einem sehr heißen Klima lieg t." Es handelt sich nicht um deutsche Arbeiter— obwohl wir gar nicht daran zweifeln, daß man es mit Freuden begiüßen würde, wenn man Kolonien fände, wo- hin man gelegentlich deutsche Arbeiter profitbringend exportiren könnte — es handelt sich um deutsche Spekulanten. Und wie diese grade über Angra Pequena denken, haben sie erst dieser Tage gezeigt, als es galt, die nöthigen Fonds zur Gründung von„Lüderitzland" zu zeichnen — da waren die Herren nicht zu Hause. Ihre nationale Begeisterung reichte nur dazu hm, Subventionen von der Nation zu verlangen, im Uebrigen waren sie nicht zu sprechen. Die Anschauung, daß dt« reichen Leute, welche man plötzlich mit aller Gewalt ins Land ziehen, am liebsten aus der Erde stampfen möchte, ein so großer Segen für das Land seien, mag in der That altpreußisch sein, uns erscheint sie wenigstens recht altmodisch. Ein Blick auf die Länder, welche sich eines anerkannten Reichthums an Reichen erfreuen, zeigt uns, daß dieser Segen ein sehr prekärer ist— er hält nicht Sttch. Er verhindert nicht die Verelendung der Massen, er befördert sie. Er vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Hand voll Leute, denen solche Nabobs Erwerb verschaffen, verschwindet gegenüber der großen Masse der Bevölkerung, denen dieselben das Leben oertheuern. Zudem ist es ein starte« Stück, heute noch von der Nothwendigkeit zu reden, Kapttalisten in's Land zu schaffen, wo das Geld geradezu auf der Straße liegt— für den allerdings, der es nicht braucht. Die ganze Kolonialpolttik hat heute nur noch den Zweck, Kapital vortheilhaft unter- zubringen, und wenn die Hansemann, Bleichröder ic. ein Interesse daran haben, so mögen st« die Kosten dafür selber zahlen. Daß Bismarck das Fadenscheinige seiner Aussührungen selbst einsah, beweist übrigens der Schluß seiner obenerwähnten Rede. Derselbe erin- nert lebhast an den Spruch Mirza Schaffy's: „Zu des Verstandes und Witzes Umgehung, Ist nicht« geschickler als Augenverdrehung." Der Schluß war ein pathetischer Appell an das Nationalgefühl, die nationale Ehre und wie die schönen Ding« alle heißen, die immer dann hervorgeholt werden, wenn der Verstand der Nation umnebelt werden soll. Die alte Sage vom Lichtgott Baldur und dem bösen Loki mußte herhalten— der Lichtgolt ist natürlich er, der große Kanzler, und svin herrliches Werk, das einige Deutschland, mit seinem halben Schock Re- gierungen, und Loki, das ist der Parteigeist, soweit er nicht auf Bis- marck schwört, der täppische Hödur aber, der den guten Baldur auf den Rath des bösen Loki erschlug, ist der„Urwähler"— der fortschrittliche Wähler, wie der Kanzler sich Tags daraus verbesserte. Ueber diesen ge- lungenen Vergleich waren die Bisinärcker im Haufe und die„Geheimen" auf der Gallerte so entzückt, daß sie wie rasend Beifall klatschten. Zu denen, welche dem Panegyritus aus Bleichröder, Hansemann und Konsorten am begeistertsten applaudirlen, gehörte auch— Herr Stöcker. O über die Verjudung Deutschlands! Ha, welche Lust, Soldat zu sein! Herrn Bronsart v. Schellendors in's Stammbuch. Wir erhalten aus Berlin von einem Soldaten folgende Zuschrift, die so recht das harmonische Verhältniß beleuchtet, das nach des pommer'schen Landraths v. Köller Behauptung zwischen Soldaten und Offizieren besteht. Dieses Schreiben lautet: „Die Beschwerde des Herrn Bebel in der ReichStagssttzung am 5. dieses Monats*) halte ich für vollstänoiz gerechtfertigt, und erlaube mir. Ihnen einige Mißbräuche, die ich selbst als Soldat erlebt habe, anzuführen. Daß Soldaten mit Eifer sich als Treiber für Jagden und überhaupt zum Arbeitsdienst melden, ist Thatfache, jedoch werden die Mannschaften darum nicht gefragt, sondern einfach kommandirt. Wenn die Herren Vorgesetzten„Wünsche" äußern, wissen die Leute gar zu gut, daß wer nicht gern den Wunsch eines seiner Herren Vorgesetzten erfüllt, dafür während seiner ganzen Dienstzeit sehr bitter zu leiden hat, denn die Herren Vorgesetzten haben ja genügend Mittel dazu in Händen. Es werden sehr häusig Soldaten beurlaubt, d. h. zur Arbeit geschickt, denn es melden stcy häufig Meister ode � Prinzipale in der Garnison, welche Gesellen aus dem Militärstande wünschen, da dieselben stets billiger arbeiten als Andere, jedoch werden nur Günstlinge beurlaubt, da die Herren Vorgesetzten vom Feldwebel(Wachtmeister) abwärts ihr Gutes dadurch haben. Während meiner Dienstzeit war es gebräuchlich, daß der dritte Theil eines solchen Verdienstes in die Kasse der Kam- pagnie floß. Was das Gemüthliche anbelangt, darüber ist der Herr Kriegsminister sehr im Jrrtyam; es wurden zu meiner Zeit öfter Putzer für die Vorgesetzten(Feldwebel und Unteroffiziere) k o m m a n- d i r t, welche das vollständige Putzzeug gegen eine kleine Vergütigung zu stellen hatten, jedoch wurden die Kommandirten nicht immer benutzt, da die Herren am liebsten Putzer halten, welche keine Entschädigung für Putzzeug beanspruchen. Daß Soldaten bei den verheirathelen Unterossi- zieren als Mädchen für Alles verwendet werden, ist allgemeine Thatsache, die Gemahlinnen der Herren Unteroffiziere lassen sich gern nach allen Seiten hin bedienen, wie denn apch die Herren Offiziere und Unteroffi ziere sich untereinander und zu vren Frauen nicht anders ausdrücken als:„Es sind ja Kcrls�enug da." Der Hauptzweck meines Schreibens ist eigentlich dex, Ihnen noch Eini- ges über unsere Verpflegung zu schreiben. Ich habe meine drei- jährige Dienstzeit beim 7. brandenburgischen Infanterieregiment Nr. 60 absolvirt. Um uns, die wir in weiter Ferne dienten, kümmerte sich, was unsere Verpflegung und Behandlung anbetraf, Niemand. Es ge- schah Vieles, was hier in Berlin und in anderen großen Garnisonen, wenn es bekannt geworden wäre, unter dem Publikum gewiß Entrüstung hervorgerufen hätte. Im Hochsommer sind die Kartoffeln überall schlecht, in unserer Garnison waren dieselben wirklich ungenießbar. Es gav bei uns sehr häufig Kartoffelsuppe, und, so wahr ich die Feder in der Hand habe, das roch nicht auS dem Topf, sondern das st a n k, aber für die„Kerls" war es lange gut. Sobald die Menage nicht mehr auf dem Feuer stand, und Jeder seine Portion in seinem Napf hatte, wurde die- ser Fraß schwarz; leider mußte'die Mehrzahl, weil sie nichts Anderes zu essen sich beschaffen konnte, diese schöne Kost mit wahrem Eckel ver- zehren. Erbsen gab es häufig, aber lebende Erbsen; dieselben ent- hielten in ihrer Hülse durchweg kleine schwarze Käfer, aber sie mußten gefressen werden. Auch Milchreis mit Zucker(Mehl) und Zimmt gab es häufig, welcher als„blauer Heinrich" seiner blauschwarzen Farbe wegen so genannt wurde. Als Fleischersatz gab es dazu ein Stück un genieß. bare Wurst. Da Beschwerden nicht berücksichtigt, überhaupt nicht ange- nommen wurden, dekorirten wir mit den Wurststücken die Kasernen- fenster, und zwar wurden diese Stück an Stück zusammengebunden als Ketten vor die Fenster gehängt, um bei den Herren Offizieren wenigstens in dieser Weise unsere Beschwerden anzubringen, aber natürlich vergeb- lich. Kartoffeln mit Speck gab es auch sehr häufig. Da aber immer das Billigste gekaust wurde, war der Speck immer ranzig. Der aus dem Speck gebratene Thran, welcher als Sauce diente, bestand schon meistentheils aus Wasser und Thrqn; dazu gab es einen Salzhärinz, richtiger Stank häring, weiß ich doch, daß nicht ein Einziger seinen Häring genießen konnte.' Dieselben wurden zu Zweien zusammengebun- den und auf die Zweige der Bäume, welche den Kasernenhof schmückten, gehängt, auch ward der Kasernenhof damit dekorirt. Unser Hauptmann, welcher Präses der Menagekommission war, antwortete uns auz unsere Beschwerde:„Hätt' ich nur immer solches Essen gehabt." (Der arme Hauptmann, er entstammte wohl sicher einer armen verhun- gerten Adelsfamilie!) Wir versuchten es dann bei unserem Bataillons- kommandeur>mt ei.ter"BeschWeWb)uäa kameck wir ab-.-- schön an, da hieß es gleich:„Die Kerls haben zu wenig Dien st." Hier in Berlin ist es eine Freude, Soldaten in ihrer Uniform zu sehen, da dieselben immer saubere Sachen tragen; dagegen hatten wir nur einen Rock zur Verfügung, und zwar den gewöhnlichen Dienstrock, außerdem waren noch schlechtere Röcke vorhanden, welche zum Arbeits- dienst benutzt wurden, und zwar in der Kompagnie je«in Rockaus 3 oder 4 Mann, welcher aus einer Hand zur andern ging. Die Sonntags- fachen gab es nur bei schönem Wetter; dieselben mußten aber Abends 6 Uhr wieder abgegeben werden. Betreffs der Menage will ich noch erwähnen, daß jede Kompagnie einen Mann zur Menagekominission zu stellen hat; dieselben sollen eigent- lich von den Mannschasten gewählt werden, aber das geschieht nicht, sie bekommen gar nicht zu wissen, wer zur Kommission kommandirt wird. So werden als Komiüissionsmltglieber Leute bestimmt, welche es niemals wagen würden, das Essen als schiecht zu befinden. Mit Hochachtung Ein ehemaliger Musketier des 7. brandenburzischen Infanterieregiments Nr. 60. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 18. März 1S85 — Der Parlamentarismus ist die Regierungsform der Bourgeoisie; das Kind des bürgerlichen Liberalismus, hat das parla- mentarische Regiment zu allen Zeiten, seit es in England erfunden wurde, gewissermaßen als das politische Ideal der Bourgeoisie gegolten, als das Allheilmittel für alle politischen Leiden und Schmerzen, als das Palladium der Freiheit, und zugleich— doch. das sagte man nicht— als das unfehlbare Mittel, die Klasseninteressen der Bourgeoisie in Staat und Gesellschast zur Geltung zu bringen. Aber mit dem parlamentarischen Regiment ist es gegangen wie mit den anderen Idealen der Bourgeoisie: es ist der nüchternen Realität schnöde geopfert worden. In keinem Land zynischer und realistischer als in unserem„idealen" Deutschland, wohingegen in England und Frank- reich die Bourgeoisie wenigstens noch aus Tradition und Anstandsgefühl den Schein zu wahren sucht. Ein recht krasses Beispiel für dieses zynische Preisgeben de« Parla- mentarismus bieten uns die Verhandlungen der Geschäftsord- nungs-Kom Mission des deutschen Reichstags über die bekannten KielerVerhastungen. � Diese parlamentarische Seeschlange, von der man lange, lange kein Sterbenswörtchen mehr gehört und die man allgemein schon für todt gehalten hatte, ist plötzlich wieder lebendig geworden. Sie beschäftigte die Geschäftsordnungs-Koinmission des Reichstags während m-yrerer Abende, und sie wird nächstens wieder das Plenum des Reichstages beschäftigen. Die Thatsachen sind bekannt. Mehrtre sozialdemokratische Abgeordnete wurden bei der Heimkehr vom Kopenhagener Kongresse, Anfangs April des Jahres 1883, auf deutschem Bosen verhaftet oder„sistirt" Einer, noch ehe die„Vertagung" zu Ende war, di« Anderen, als die Sitzungen schon wieder begonnen hatten. Es war dies eine flagrante Verletzung der durch die Reichsverfassung(Artikel 3) gewährleisteten Immunität(Unverletzlichieit) der A b g e o r d» e te n.;-?? i'V. K ay ser und Liebknecht brachten demgemäß gleich nach der Tshat einen Antrag ein, welcher Untersuchung der Sache und Bestrafung der schuldigen B e a m t e n forderte. Der Antrag wurde vor die GeschästSordnungskommission verwiesen, die denn auch sehr gründ- lich ans Werk ging und einen sehr gründlichen Bericht ausarbeitete. Einen sehr gründlichen Bericht— freilich ebenso unlogisch als gründlich. Jndeß da in Folge des bald darauf eintretenden Sessions s ch l u s s e s die Angelegenheit nicht mehr zum Austrage kam und der sehr gründ- liche und sehr unlogische Bericht in den Papierkorb wanderte, so wollen ») Vgl. unser? Rundschaunotiz„Soldatenleben im Frieden". wir uns mtt dieser parlamentarischen Makulatur auch nicht weiter t» fassen. Genug— die sozialdemokratischen Abgeordneten ließen die Sache niP ruhen, der Antrag wurde von Liebknecht und Volkmar erneuer!, und da man auch in der vorigen Reichstagssession keine Zeit zur Erle-! digung fand, in der laufenden Session, und um jede Möglichkeit da weiteren Verschleppung abzuschneiden, gleich in den ersten Tagen zu» dritten Male eingebracht. Diesmal mußte der Reichstag in den sauren Apfel beißen. D« Antrag wurde— zum zweiten Mal— in die Geschäftsordnungskoi» Mission verwiesen, und die Geschäftsordnungskommission ist richtig a» Ende ihrer Arbett— wir hätten fast gesagt: am Ende ihres Lateins- gelangt. Daß die Verhaftung eine ungesetzliche Handlung war, daß sie gege« die Reichsverfassung verstößt— das wurde von der Kommission mit sehr großer Mehrheit anerkannt. Und die Verletzung der Reichsverfassung isi doch eine strafbare Handlung? Ganz gewiß. Das wird auch gar niih! bestritten. Aber— demonstrirt da Papa Windthorft— es ist kei» Organ da, um die strasbaren Beamten zu bestrasen, der Reichstag hat- keine Machtmittel zu seiner Verfügung. Und weil der Reichstag nicht die Macht hat, zu strafen, muß der sozialdemokratische Antrag au!� Bestrafung der Schuldigen abgelehnt werden, und hade der Reichs«! tag sich einfach daraus zu beschränken, sein Recht durch eine R e s o l u f tion zu wahren. Und so geschah es in der Kommission. Eine papierne Resolution die Antwort des Reichstags auf einen Faust« schlag! Des Reichstags! Denn der Reichstag wird unzweifelhaft' die Anträge der Geschäflsordnungs-Kommission annehmen. Eine kläglichere Bankrott-Erklärung des Parlamentarismus läßt filh nicht denken und— können wir ihm nicht wünschen. G daß d Alles Juger deutsä Etöcki denter die G Da f- F Kl, nik Wir, komm von e sind k viandi nicht l noch, Kiet De, richtet Und z, Platze die K, «n ai von 3 fäimp b-rus Kr„| — Der Reichstag machte in den letzten Tagen wieder viel in �Ulnjr sozialer Frage. Erst empsahl Herr K a r d o r s j die Doppel«! Mr» Währung als Unioersalmittel zur Heilung aller soziale»�«rt h Schäden, dann tutete Herr Ackermann in das Nachtwächterhorn dei �acha Zünstelei. Und nachdem die sozialen Kurpfuscher zwei Sitzungen hindurlh«esich das Wort gehabt— gegen den Ackermann hielt Genosse Harm sein« j&itzlof Jungfernrede—, kam am Mittwoch das Arbeiter schutzgeseh �fteh! ver fozialdemokratischen Fraktion zur Verhandlung. Die gegnerische»"»ch Parteien hatten sich dahin geeinigt, uns möglichst Monologe reden z» �r, lassen. Außer Grillenberger und Bebel, vor denen der Erster« ,�«lsi den Entwarf in anderthalbstündiger Rede begründete und letzterer dal Schlußwort hatte, sprach nur der konservative und christlich-sozial-mucke« tische Staatsanwalt H a r t m a n n, welcher die Verweisung unseres Ent» wurfes an die Kommisston über die Hertling'schen Anträge beantragt«, was auch angenommen wurde. „Das Schweigen der Völker ist die. Lehre der Könige", lautet ein b» kanntes Wort. Mit einer kleinen Modifikation können wir sagen: D a s S ch w e i gen des Reichstags ist die Lehre des Volkes. Der Reichstag kann nxcht mehr, wie das früher anging, eine Debatte über die soziale Frage verhindern, indem er die Sozialdemokraten nicht zu Worte kommen läßt; in dieser Verlegenheit hilft er sich durch ein« �ftte Verschwörung des Stillschweigens— oouspiration de»�«g schast ft Was liche lh ä n Ober, IchiSne tv«ie Da vas ii silenoe. Ueber soziale Kurpfuscherei kann der Reichstag dreitägige De« batten führen— über wirkliche Sozialreforin ist ihm ein« und � grade diese Sitzung zu viel!*) »eidli — Das skandalöse Vorgehen der Reichstagsmajorität bei Behandlung des sozialdemokratischen Arbeiterschutzgesetz-Ent» wurfes ist selbst der durch und durch bourgeoisistijchen und man« chesterlichen„Vossischen Zeitung" zu arg gewesen. Sie nennt es„wenig koulant" u. s. w. Nun, wir kennen Ausdrücke, die weit passender wären, indeß wir wollen sie ungeschrieben lassen,— nicht um der„parlamentarischen" Form willen, auf die wir von jeher„gepfiffen«« haben, sondern weil"»r d uns das Vorgehen der Majorität so natürlich erscheint, daß wir uns kum E oarübec nicht ausregen lönnen- Wett entfernt, uns zu ärgern oder gar iinser, zu entrüsten, freuen wir uns eher, weil unsere Gegner ihr wahres"us a Welen in aründlicb verratben und die»eucklermaske io unaeilbickt babeN«Uienn Phras, Da deren schas, lebhaf, Äa, deatti, Wesen so gründlich verrathen und die Heuchlermaske so ungeschickt haben fallen lassen. Bei Dutzenden von Gelegenheiten: bei Besprechung des Antrages.~7 Hertling, iiz der Belagerungszustandsdebatte u. s. w., war es von �ulig den Gegnern der Sozialdemokratie als ein außerordentlicher„Fortschritt" �"itve bezeichnet worden, daß sich die Sozialdemokraten durch Ausarbeitung eines"�n| umfassenden Arbeiterschutzgejetzes an der gesetzgeberischen Lösung der 8«»»« sozialen Frage belheiligten. Daß diese Art der Betheiligung schon so„Di alt war, wie überhaupt die Thätigkeit der Sozialdemokratie in dem dre,� Reichstag, das hinderte die Herren nicht, ihre Entdeckung der„neuen D,« Bahnen««, die wir plötzlich sollten eingeschlagen haben, in die Welt zu lUnge, posaunen. e Es gibt gewisse Lügen, die einfach nicht todtzuschlagen sind, und die!*l(htui aus ihren sprichwörtlich„kurzen Beinen«« bis zum S,. Ztimmerleinstag!em(4 der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung herumlausen werden. Uno dn d, zu diesen unsterblichen Lügen gehört die, daß unser neuestes Arbeiter- i«e» g, schutzgesetz die„et)te gesetzgeberische Leistung der Sozialdemokratie" sei. feente: Hundertmal widerlegt, in oer positivsten, unwiderleglichsten Weise von!K»tur der Tribüne des Reichstags und in der Presse widerlegt,— durch die Äiirh Thatsachen widerlegt, welche mit Händen zu greifen sind, wuchert diese«o» g konventionelle Lüge lustig fort und ist nachgerade ein organisches Stück bihe(i unserer konventionellen Lüge von Zeitgeschichte geworden. Doch wie dem nun sei— genug, sämmtliche gegnerische Parteien er- klärten durch ihre Vertreter im Reichstag und durch den Mund chrer!__ Presse sich höchlich erfreut über das sozialdemokratische Arbeiterschutzgejetz,«t�ne erkläiien sich mir vielen Fdrdecungen dessetbe» einverstanden, versprachen w,. dem Entwurf die freunvschaftlichfte Behandlung mit wärmsten Herzen. E» versteht sich vop selbst, daß Keiner der Unserigen diese Liebesdetheue- ryngen sür ernst izahm. Jndeß konnte der Eine oder Ander« doch glau- foj ben, daß das gleiche Interesse, welches unsere Gegner zur Anlegung der � j, sozialreforinatorischen Heuchlermaske bestimmt hatte, sie auch dazu be- 1 stimmen würde, die Maske hübsch vor dem Gesichle zu behalten. �lu Es kam anders, und es ist gut, daß es anders gekommen ist. Jllu- 1«- stonen sind gefährlich im Paitelkampf. Der« Pieg�zu politischen Nieder- � lagen ist mit Illusionen gepflastert, wie der Weg zur Hölle mit guten'üb Vorsätzen. Die Trümmer zerstörter«Illusionen pflastern aber den Weg zum Sieg. Im Moment, wo das Volk feine Illusionen verloren hat und seine Feind« kennt, hat es gesiegt.!_ Und das Benehmen der Reichstagsmajorttät gegenüber dem sozialdemo- krytischen Arbeiterschutzgesetz hat auf das Eklatanieste bewiesen, daß die befitzenden Klasseti d,«So zialreformnicht wollen.*., W i r wußten es längst; jetzt weiß es I e d e r. der es noch nicht � de gewußt.°°vdei Uno das ist gut. Ellies kboni «iviach! — b. Die Dampfersubvention ist Donnerstag, den 12. di., in zweiteip.Lesstng vor den Reichstag gekommen. Die bekannten, seitens dep. spzialhemokratischen Fraktion gestellten Anträge wurden von D i« tz und Hasenclever begründet und deren Annahme als ovo dltio»ine qua nöa bezeichnet- Natürlich wurde der zuerst zur Verhandlung kommende Antrag auf Einstellung neuer und unter gleichen Bedingungen und hei gleicher Lelstungsjähigkeit auf deutschen Wersten zu erbauenden Schiffe von der Majorität abgelehnt, io daß sofort jeder Zweifel bezüglich der Schlußabsti'mmung der Fraktion beseitigt wurde, was nur erwüfischr sein konnte.-« Was das Schicksal der Regierungsvorlage anbelangt, so läßt es sich im Moment, wo wir dies schreiben, noch nicht absehen. Uns kann es übrigens auch gleichgittig sein. «dpa! »inen ü>atio w Die ftival 'illen °«Itel 'en\ -gen. pende licht t '->—> Moderne Jugend.„Was mich ermuthtgt, das sind die Zeichen an unserer heranwachsenden Generation««— verkündete Bismarck am 14. März unter dem Beifall der Rechten im Reichstag; und in der That, die Herren haben Recht: die„heranwachsende Generation" der bbsitzenden Klaffen, und diese, die„studirende Jugend", ist gemeint, zeigt sich in jeder Beziehung auf der Höhe der Servilität und Gemeinheit. Und das ist nicht nur in Deutschland so, wo diese Jugend unter dem fynuz Ii d,e »ring »ho "«NN' ♦) Gleich nach der Rede Hartmann's wurde der Schluß angenommen. -m„ «aß tzaz Bürgerthum nichts Wesentliches mehr zu erkämpfen, dagegen iuhU»lies nach links hin zu vertheidigen hat. Nur gebührt der deutschen Erle»! Jugend der Ruhm, in Punkio Rohheit obenan zu stehen. Der„ideale" t d««eiusche Student jubelt nicht nur den antisemitischen Hetzreden eines Stocker zu— natürlich keineswegs aus Brodneid gegen den jüvischen Stu- beuten— er ist überall zu haben, wo es gilt, das Privilegium gegen die Gerechtigkeit, die Gewalt gegen das Recht zu vertreten. Da liegt vor uns ein Blatt, betitelt„Kliniker Bier-Zeitung, Zürich «8. Februar 1885", und bestimmt, den Frühjahrs-Konimers der die Kliniken besuchenden Studenten der Universität Zürich zu verherrlichen. Wir müssen gestehen, daß uns selten ein„Witzblatt" vor die Augen ge- kommen ist, oas so witzlos ist als dieses— der ganze Inhalt desteht, uon einigen Karrikaturen abgesehen, aus Zoten und Gemeinheiten. Wir sind keine Splilterrichter uns würden über die Ersteren, die ja Nie- Nsandem näher liegen als dem Mediziner, kein Wort verlieren, wenn nicht auch aus den Zoten— ein Gebiet, aus dem ja selbst der Dümmste noch witzig zu sein pflegt— uns eine Gesinnung entgegenträte, die an "iedertracht nichts zu wünschen übrig läßt. , Der ganze Witz, oder vielmehr das, was Witz sein soll, des Blättchens «ichtet sich gegen die Studentinnen der Medizin an der Universität Zürich, Und zwar in so brutal-flegelhaster Manier, daß nur ein Wort dafür am Platze iil; bübisch. Wir begreifen es ja, daß den Herren Studenten bie Konkurrenz von Seiten der Frauen sehr zuwider ist, aber es gehört em außergewöhnlicher Mangel an Takt und ein ungewöhnlich hoher Grad «on Dünkel dazu, in so persönlich-gehässiger Weise die Frauen zu de- Ichunpsen, welche oas Monopol der Männer auf Ausübung des ärztlichen «Milses anzutasten wagen. Unser Blatt ist leider für Arbeiter und nicht lur„gebildete Leute" geschrieben, wir verzichten daher darauf, Proben bor Unfliuhereien abzudrucken, in welchen sich der Aerger der Herren Kliniker Luft macht; als Eharakteristitum für den Geist derselben sühren , e l>®lt nur an, daß sie eS sogar nicht verschmähen, die Studentinnen nach Att beschränkter Spießbürger als Bier saufende und Cigarren rauchende «achantinneii darzustellen, d. h. der offenkundigen Wahrheit direkt in'S ....«esicht � schlagen, gleichzeitig aber als besonderen Gegenstand ihrer seini nutzlosen Spöttereien eine Dame zu wählen, deren Verbrechen eben darin isesl besteht, den Herren Kollegen nicht jung und schön genug zu sein. Und ische«"ach all' diesen Rüpeleien fehlt zum Schluß nicht die üvliche Bieder- » z» bieierxj.„Verloren gegangen: das ewig Weibliche im Anatonnesaal".— cster! Also das ewig Weibliche, ihr Herren? Aber wo ist denn die Eigen- dai Mst geblieben, welche als das Korrellat des„ewig Weiblichen" zu gelten iucke> Wgt: männlicher Ernst und Anstand? Habt Ihr das Recht, vom„ewig Weiblichen" zureden, die Ihr die Rohheit so geflissentlich kultioirt? agt«, Was versteht Ihr überhaupt unter dem„ewig Weiblichen"? DaS weib- "che Zartgefühl? O nein! Die Unwissenheit, die Unter. » n l g t e> t der Frau dem Manne gegenüber. Der große Dichter bd-r, dem Ihr das Wort entlehnt, hat Euch in den„Geständnissen einer ichonen Seele" gezeigt, daß wissenschaftliches Studium selbst der Ana- kvmie die edle Weiblichkeit keineswegs ausjchtteßt. batU. Das„ewig Weibliche" verloren! Aber wenn das jung« Mädchen heute nichl sl95 chr anerzogene Schamgesühl überwinden und sich einem männlichen eint*"ite anvertrauen muß— wo bleibt denn da das von Euch gepriesene a de»owig Weibliche"? Und ist es Euch ganz unbekannt, daß heule Tausenve "W) Aberlausende von Mädchen und Frauen langsam hinsiechen, weil sie De- l�ade in Eurem Sinne weiblich-schamhaft denken? Wäre es Euch um i n«„ewige Weiblichkeit" ernst, Ihr müßtet mit Feuereifer für die Eidlichen Mediziner eintreten, aber sie ist in Eurem Munde nur hohle Phrase, nur elende Heuchelei. Das ist ein Beispiel unter Vielen, und obendrein aus einer Fakultät, boren Angehörige noch die fortgeschrittensten Elemente der Studenten- "hast unter sich zählen; wie es in den andern Fakultäten, insbesondere venig, r juristischen und theologischen, steht, kann man sich nach dieser Probe 'Whaft vorstellen. l wir Ja, die heranwachsende Generation ist mit wenigen Ausnahmen stock- chen* r-aitlonär, servil nach oben und brutal nach unten— aber das trifft weil"ur die Jugend der besitzenden Klassen. Reben ihr gibt es jedoch uns iUin Glüa noch eine heranwachsende Generation: die Jugend : gar u-iserer Ardeiter, und die, Ihr Bisnmrck, Stöcker und Konsorten, ist ihres«us anderem Holze geschnitzt, an der werdet Ihr noch Mancherlei erleben, >aben"bonn auch nicht grade Dinge, die Euch Freude verursachen werde». z u» D« ikoiw ; a« leg« seh' g>ß nicht kei» l h-t >staj ; aus -ichs- lu ausi-s lhast! : sich i i» iale» i der durch a be- o e» t b-> :nt> man- rages von »ritt" eines der »n so dem leuen lt zu d die rStag Uno eiter- ' sei. von h die diese Stück n er- ihrer lejetz, achen rzen. heue- glau- ; der i be- Jllu- >«r- züten den leren emo- ; die nicht .d«.. nten, von ooa auf •icher i der lich nrde, > sich n es - die narck i der der geigt iheit. dem inen. — Ehre, dem Ehre gebührt. Unser obiges Urtheil über die heutige akademische Jugend scheint aus die belgischen Studenten keine Anwendung zu sinden, was wir— der Wahrheit die Ehre!— hier gern konstatiren. Wir lesen nämlich in verschiedenen Tagesblältern jol- «ende Rott): „Die Behörden der staatlichen Universitäten Belgiens hatten vor ztei Jahren beschlossen, Studentinnen zum Universitätsstudium zuzulassen. ~le letzt hierüber erstatteten Berichte besagen, daß„die Zulassung der lUNgen Mädchen zu leiner Klage irgend einer Art Veranlassung gegeven, büß es die Studirenden für ihre Ehrenpflicht gehalten haben,»hnen "'hluiig und Entgegenkommen zu bekunde», so daß inan setvst von die- sem Gesichtspunkte aus sich zu dieser Steuerung beglückwünschen kann." ?U der Lutticher Universität studiren 19 Studentinnen, die sich meist R atuvw is s ens ch ä st e n und der Pharmaci« widmen; an der �nter Universität b Stubentinnen, von denen zwei Pharinacie und drei Aaturwissenjchasten studiren, eine hat das Examen trefflich bestanden. "uch an der Brüsseter Universität besinden sich einige Studentinnen, . ü denen je eine das medizinische, das philosophische und Wissenschaft- "che Examen„mit Auszeichnung" bestanden haben." Freilich hat Belgien keinen„glorreichen" Krieg hinter sich. � Immer vorwärts! Zwei gute Wahlnachrichten kennen wir heute melden. In Mainz haben am 12. dieses unsere Ge- "offen bei der Wahl zuin Heffischen Landtag einen glänzenden Sieg über ,e Ultramontanen und Rationalliberalen davon getragen. Aon 622 �"mmen bei der Hauptwahl sind unsere Stimmen aus 1242 gestiegen. i®oinit: werden zum ersten Male zwei Sozialbernotrate», die Genossen « b st und Ulrich, Einzug in den hessischen Landtag halten. Auch die Nachwahl im ersten Oldenburgischen Wahlkreise weist mi erhebliches Wachsthum der soziatistischen Stimmen aus. Genosse Schwarz erhielt diesmal 593 Stimmen gegen 195, welche wir am 28. Oktober v. I. erhalten hatten. Das ist ein Fortschritt, mit dem wir "°hk zufrieden sein dürfen. .— Der O t t o p f e n n i g spuckt fortwährend in Deutschland herum; kllles was streberhaft ist und knechtselig,— was Freude hat an einem «Ganderlen Knopstoch und am„unterthänigst in Hundedemuth Ersterben" --Macht" aus Leibeskräften in Sammlungen, oder richtiger Erpressungen >ur den Cstiopsemug. Trotzdem ist bis dato nur sehr wenig erschnorrt forden— nicht über eine halbe Million Mark, was in Anbetracht der �sigen Anstrengungen und der rücksichtslos und im weitesten Uinsange "'gewandten amtlichen und nichtamtlichen Pressionsmittel eine wahre koppalie ist. Immerhin dürste bis zum 1. April, wo der biedere Otto "den dem deutschen Volk so theuern Geburtstag feiert, und wo das �»tionale Ehrengeschenk" dargereicht werden soll, etwa eine Million "iark' zusammengevetielt seist. Die Frage ist nun: Was soll mtt dieser Summe geschehen? In seine sirivatlasche kann Otto den„Dttopsennig" anständiger Weise beim besten P'llen nicht stecken— es inuß irgend eine Form gefunden werden, den "tttel in irgend einer„gemeinnützigen", zum Mindesten so scheinen- 'en Form zum Besten des unvermeidlichen„armen Mannes" anzu- kgem Von verschiedenen Setten wird eine„Stiftung" ü la„Wilhelms- tzende" geplant. Und das erinnert uns daran, daß der„Oltopsennig" "cht der erste Schwindel dieser Art ist. Die Kaiser Wilhelms. Spende "Ng seiner Zeit aus gleich schmutzigen Motiven hervor, wurde mit gleich ch'nutzigen Mitteln betrieben, und— was ist au« der famosen„Stif> «Ng" für den„armen Mann" geworden? Der letzte Berwalwngsbericht " dieser Tage erschienen:„Der Arbeiterstand hat sich leider nur in sehr 'ringsügigem Maße an der Stiftung becheiligt, die Mitglieder k hören fast ausschließlich dem Mittel stände a n." Aüi heißt der Bourgeoisie, den wohlhabenderen Klassen. Den„armen «»nn" hat man als Aushängeschild benutzt, und dem„reichen »nn" hat man„geholfen"— wie das jetzt Mode ist. Und mit "'n„Oltopsennig" wud's grade so gehen. (R a ch s ch r i s t. Aus der„Stiftung" wird nichts. Der„Oltopsennig" "» direkt für Otto verwandt werden, das heißt für eine fette Guts- arrondirung in Schönhausen. Otto ist's zufrieden, sagt man— und wir glauben's.) — m. Kameele schlucken undMücken feigen— das ist die Maxime unserer herrschenden Moral aus politischem und auf anderen Gebieten. Wahlfreiheit! Unerbittliches Vorgehen gegen jeden Versuch zur Fälschung des Volkswillens! Das ist urplötzlich das Stichwort königlich preußischer Staatsanwälte geworden. Natürlich, wenn königlich preußische Staatsanwälte oder Landräthe jauch Regierunzsräthe, Minister und Kanzler) für irgend ein demokratisches Prinzip eintreten, dann weiß jeder nicht ganz auf den Kopf Gefallene sofort, daß dieser Liberalismus oder Demokratismus„den Schalk hinter ihm" hat, wie weiland das Interim., Und so hat es auch mit dem jetzigen Feldzug gegen die„Verfälscher des Voltswillens" seine eigene Bewandtniß. Daß ein Landrath in seinem Kreise herumzieht, den Leuten Wege und Eisenbahnen verspricht, falls sie„gut" wählen, ihnen die schlimmsten Dinge androht, falls sie „schlecht"— d. h. oppositionell— wählen, das ist kein Eingriff in die Wahlfreiheit, keine Verfälschung des Volkswillens. Das ist väterliche Belehrung, freundliche Fürsorge, oder wie sonst die patriarcha- tischen Ausdrücke sonst lauten mögen. Wenn die Bevölkerung ganzer Landstriche wie ein Trupp Soldaten an die Wahlurne„kominandirt", wie eine Schafheerde vom gutsherr- lichen oder landräthlichen Leithammel an die Wahlurne geführt wird, wobei jeder souveräne Wähler den vom Landrath oder Gutsherr ihm mit väterlicher Liebe geschenkten Stimmzettel„in der hoch erhobenen Hand" zu tragen hat, damit unterwegs keine boshafte Verwechslung vor sich gehen kann, so ist das ganz in der Ordnung, eine nicht blos verzeihliche, sondern durchaus berechtigte, ja pflichtgemäße Ausübung der volkssreundlichen Autorität. Wenn aber ein paar Dutzend. Ausländer", die Jahrzehnte lang in Deutschland gelebt und, weil ste das deutsche Gemeindebürgerrecht ungenirt ausüben, sich in den Glauben hineingedacht haben, sie könnten bei einer deutschen Reichstagswahl mitwählen, und wenn sie— dies gehört wesenilich dazu— dann den Frevel begehen, für einen Fortschritt- l e r oder Sozialdemokraten zu stimmen, so ist das eine„Fäl- schung des Wahlresultats", und die Unglücklichen werden vom Staats- anwalt in A n k l a g e z u st a n d oersetzt— wie das soeben in Danzig geschehen ist. Eine größere Farce ist nie aufgeführt worden! Die armen Teufel von Rickerl-Wählern, denen jetzt der Prozeß gemacht wird, sind Ver- brecher geworben und wissen selber nicht, wie. Sie haben sich nicht auf die Wählerlisten setzen lassen— sie sind ohne ihr Zuthun darauf gesetzt worden. Rtan weiß ja, wie die Wählerlisten angeserttgt werden. Meist sind es die Hauswirthe, von denen das Geschäft besorgt wird: in die ihnen zugesandten Listen tragen sie die Namen der Miether ein, von welchen sie annehmen, daß sie Wähler seien— das ist die gewöhnliche Prozedur. Da laufen denn mancherlei Fehler initunter— allerhand Be- gehungssünden und maffenyafte Unterlassung« fänden, die in der Mehrzahl der Fälle den Betroffnen unbekannt bleiben. Und so war es auch hier. Von den.angeklagten Danziger„Wahlsälscherst" wußten die meisten bis zum Tag der Wahl gar nicht, daß sie aus der Wählerliste standen, sie erfuhren dies erst, als sie vom fortschrittlichen Wahlkomite, das die Namen in der Liste sano, geholt wurden; und jedenfalls hat keiner von ihnen eine Ahnung von dem Verbrechen gehabt, wegen dessen er nun in Anklagezustand versetzt ist. Der Staatsanwalt aber ist ein Ehrenmann, der für die Wahlfreiheit schwärmt und am Tage des Gerichts, im Namen der politischen Rtoral und der Voltssouoeränetät, ohne in auzurenhastes Lachen auszubrechen, vor Gericht wider die verruchten„Wahlsälscher" losdonnern wird, die so unmoralisch gewesen sind, einem Opposition« manne ihre Stimine zu geben. Ja, wenn es für Bill Bismarck oder einen anderen der Sorte ge wesen wäre, dann war es„etwas anders". O diese Spaßlöpse von Staatsanwälten! Und diese spaßige Staatsmoral! — Ein patriotischer Fäorikant. Der im Reichstag von Bebel zur Sprache gebrachte Fall Epner in Landeshut inSchle- s i e n hat uns folgende Zuschrift eingebracht: „Köln a Rh. Es besteht hier in Köln ein Militärlieferungsgeschäft Karstädt& T h e w a I d t, das dem Kommerzienralh Rud. Epner in Landeshut in Schlesien gehört, in Berlin besteht ein solches unter der Firma C. Epner«omor, das demselben Herrn früher gehört haben soll, heute aber noch alle Leinenwaaren von ihm bezieht. Nun stellt sich zwischen diesen beioen Gejchästen folgendes auffällige Faktum heraus: Handelt es silh um Lieferungen für die Garde- und einige andere Regi- menter hier, dann ist E. Epner senior immer der preiswürdigste Bewerber, und haben Karstädt& Thewaldt immer hohe Preise und geringe Proben ein- gereicht. Handelt es sich dagegen um Lieserungen für andere Regimenter, z. B. um das 55. oder 56. Infanterieregiment, die 8. Fußartillerie w., dann hat E. Epner oon. die hohen Preise und geringwerthigen Proben und Karstädt-S. Thewaldt sind die richtigen Leute. Wie immer also das Geschäst ausfällt, Kommerzienrath Rud. Epner hat in letzter Instanz die Fabrikation der Bestellung auf alle Fälle. Das heißt man den Rummel verstehen und ein Geschästchen machen! Herr Rud. Epner schindet dann seine armen Weber bis auss Blut, bestiehlt und betrügt sie gleich dem schlinunsten Gauner, zählt aber im Uebrigen sortgesetzt zu den guten Patrioten und f r o in m e n L e u t e n, die mit ihrem Patriotismus und ihrem Christenthum überall glänzen!" Da wir bisher den Fall Epner noch nicht erwähnt, so sei hier nur kurz nachgetragen, daß genannter Biedermann im Oktober vorigen Jahres anordnen ließ, in seiner in Landeshut in Schlesien belegenen Tuchfabrik die Ketten 6, 7 und 8 Meter länger zu scheeren, ohne den Arbeitern hiervon Mittheilung zu inachen, welche vielmehr die längeren Ketten zu dein alten Lohn anfertigen sollten.-Natürlich merkten die Ar- deiler den Schwindel bald, halten ab-r anfangs nicht den Mulh, sich dagegen aujzulehnen. Erst als sie die Schädigung, welche sie durch diesen infamen Betrug erlitten, in ihrer vollen Tragweite erkannt, wand- ten sie sich beschwerdeführend an den Herrn Kommerzienrath, erhielten aber die Antwort, sie>ollien durch eine Deputation ihre Beschwerde vor- bringen. Sie wählten vier Mann, dieselben gingen zum Herrn Kommer- zienrath, stellten ihm die Verhältnisse dar und— wurden als Rädels- sührer entlassen! Das war den Arveckern doch zu bunt, sie stellten ihre Arbeit ein, und da auch die öffentliche Meinung für sie Partei ergriff, mußte Herr Epner nach etlichen oberfaulen Ausfiüchlen— als Sündenbock wurde ein Buchhalter entlassen!— klein deigeven. Bebel hob in obenerwähnter Sitzung hervor, daß Herr Epner Militär- lieferant sei, und verlangte, daß die Mililärverwaltung bei Vergebung ihrer Arbeiten sich mehr darum küminere, baß solche Betrüger nicht be- vorzugt weroen, anstatt nach der Gesinnung der Arbeiter der betreffenden Unternehmer zu schnüffeln. � Alles im Interesse der Religion und Moral! Vor Kurzem spielte sich ein Prozeß in Deutschland ab, der ein höchst charakteristisches Schlaglicht wirst sowohl auf den Geisteszustand als auch dieSittlichkeitsbegriffe gewisser Kreise der„gebildeten Klassen". Angeklagt war ein Taubsluinmenanstaltsdirektor R ö ß l e r, und zwar des Vergehens gegen die Sittlichkeit, verübt an Kindern. „Der Angeklagte," heißt es in dem uns vorliegenden Bericht,„blieb sich vor Gericht stets gleich. Dieselbe Ruhe und Würde, dieselbe Sicherheit und scheinbare Ueberzeugungssestigkett. Rößler war angeklagt, in 17 Fällen m Osnabrück und Hildesheim seit dem Jahre 1874 an Mädchen vor und nach der Konfirmation unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Etwa 40 Zeugen, zumeist junge Mädchen, ehemalige Schülerinnen der Anstalten, mußten vernommen werden. Die Thalsache an sich, d. h. die Vornahme von Handlungen, welche die Anklage als unsittliche be- zeichnete, leugnete Rößler nicht; er bestritt aber mit aller Entschiedenheit bie böse Absicht. Er betonte, daß es absolut unmöglich sei, vielen taub- stummen Kindern bei der Erklärung des 6. Gebots allein durch Worte bestimmte Begriffe klar zu machen, ohne daß man zu drastischen Demonstrationen greifen müsse. Bei taub- stummen Mädchen sei die Gefahr außerordentlich groß, da sie ohne jede Kenntniß jener Begriffe im Leben der Unsittlichkett verfallen und zu Grunde gehen könnten. Der Direktor, der den Religionsunter- richt aus der Oderstufe ertheile, habe die Pflicht, bei Mädchen, bei denen er oft Vater und Mutter vertrete, auf die G e s a h r e n, die ihnen im Leben drohen, aufmerksam zu machen, sie durch dra st ische De- I monstrationen unter entsprechender ernster Ermahnung und War- nung auf die Gefährdung direkt hinzuweisen. Etwas anderes habe er nicht gethan, und er habe sich dabei von den besten Absichten leiten laffen. Er sei sich niemals etwas Unrechtes bewußt gewesen; oder glaube man, daß er seine geachtete Stellung, sein Familienglück, das Wohl seiner Kinder so leichtfertig geopfert hätte, wenn er nur hätte ahnen können, daß das, was er in bester Absicht gethan, ihn mit dem Gesetz in Kon- flikt bringen könne? Diese Theorie des Angeklagten fand in dem Gut- achten eines Sachverständigen in der Schweiz, Schiebel, eine direkte Vertheidigung und Unterstützung. Die übrigen Sachver« ständigen verwarfen die Theorie des Angeklagten als unsittlich und als eine der christlichen Moral Hohn sprechende. Die königliche Staatsanwaltschaft beantragte eine fünfjährige Zuchthausstrafe. DaS Urtheil erkannte Rößler in fünf Fällen schuldig und lautete, wie schon gemeldet, unter Annahme mildernder Umstände, auf l'/4 Jahre Ge- fängniß." Also um seine Zöglinge vor der Gefahr der Unsittlichkett zu schützen, unternimmt ein gebildeter Mann Handlungen mit ihnen, welche das Schamgefühl ertödten müssen, und die Neugierde, um nicht mehr zu sagen, erst reizen. Es wird Einem wirklich schwer, an die Möglichkeit einer solch wahnsinnigen Auffassung von Moral zu glauben, und doch findet sich ein„Sachverständiger", der sie unterstützt, und die Richter bewilli- gen denn auch dem Angeklagten„mildernde Umstände". Ist keinem der Herren eingefallen, daß wenn es dem Rößler wirklich ernst war um die Bewahrung der Unschuld seiner Zöglinge, sich dann wohl eine Frau in der Anstalt gesunden hätte, die diesen Zweig des Unterrichts leiten konnte. Aber was soll man sich über solche Dinge noch wundern, in einer Gesellschaft, welche in Bezug auf die geschlechtlichen Berhältniffe die lächerlichsten Inkonsequenzen als Regel statmrt; wo man Frauen und Töchter männlichen Aerzten anvertraut, und doch die Schamhaftigkeit als die höchste weibliche Tugend preist! Da ist der Fall Rößler schließ- lich auch nur eine„irrthümliche Auffassung"— denn„ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode!" — Die Unverfrorenheit, mit der Bismarck jetzt in fast jeder Sitzung des Reichstags seinen eigenen Ruhm in die Welt hinausposaunt, übersteigt nachgerade Alles, was auf dem Gebiete der Selbstbeweihräuche- rung bisher geleistet worden ist, ist aber angesichts der Nähe des ersten April nur zu begreiflich. Trotz aller Agitation scheint das deutsche Volk keineswegs sehr dazu geneigt zu sein, die Bismarckseier als ein Natio- nalfest ersten Ranges zu betrachten, und da führt ihm denn der Held deffelben in höchsteigener Person vor Augen, was für ein täppisches, undankbares Volk es sein würde, wenn eS Ihm, dem großen Kanzler, nicht eine Ovation bereitete, wie sie die Welt vorher nicht gesehen. Da- bei kommt es ihm aber auf eine Handvoll saustgrober Unwahrheiten nicht an. So behauptete er am 14. März frischweg, er habe zwar die Verhandlungen mit England glänzend geführt, aber er würde ein noch viel glänzenderes Resultat erzielt haben, wenn ihm Eugen Richter durch eine Rede, in der er auf die verwandtschastlichen Beziehungen zwischen der englischen und deutschen Dynastie Hingew w�n, die Verhandlungen nicht erschwert hätte. Darauf mußte er sich folgende Antwort von dem Bismarck der Fortschrittspartei gefallen lassen: „Die Behauptung des Reichskanzlers ist vollkommen aus der Luft ge- griffen, daß meine Rede bei der Position„Konsulat Apia" störend in die Verhandlungen mit England eingegriffen habe. Als ich diese Rede hielt, die übrigens vom Reichskanzler vollkommen falsch aufgefaßt worden ist— denn ich wies ja die provokatorischen Bemerkungen des Abgeord- neten Kalle gegen England energisch zurück— war die Vereinbarung mit England ja bereits perfekt. Ferner ist eine weitere Behauptung des Fürsten Reichskanzlers ebenfalls au« der Luft gegriffen. Ich soll nämlich aus dem stenographischen Bericht über jene meine Rede das Wort„dynastisch" gestrichen haben. Das Wort„dyna- stisch" befindet sich in genau demselben Zusammenhange, in dem ich es damals gesprochen, im stenographischen Bericht.(S. 1578. Red. d. S. D.) Es zeigt das, wie wenig man den Behauptungen des Reichskanzlers Glauben beimessen darf, selbst wenn ste mit der allergrößten Bestimmt- heit ausgesprochen werden." Das ist so deutlich gesprochen, wie man es nur wünschen kann. Aber trotzdem bleibt Bismarck ver große Staatsmann, der aus alle Künste der alten Diplomatie verzichtet und amtlich noch nie gelogen hat! Wer's nicht glaubt, zahlt drei Mark zum Ottopfennig. — Aus dem Soldatenleben im Frieden. In der Reichs- tagssitzung vom 5. März brachte Bebel auch die seiner Zeit von uns be- richtete K a sseler Treibjagd- Affäre zur Sprache, und polemisirte namentlich scharf gegen die angeblich auf Freiwilligkeit beruhende, thatsäch- lich aber vielfach durch moralischen Druck erzwungene Verwendung von Soldaten als Treiber oder überhaupt zu außerdienstlichen Hülfsleistungen für ihre Vorgesetzten. Natürlich erhielt er zur Antwort, daß die Sol- baten alle solche Arbeiten sehr gerne thun, und daß das Verhältniß zwi- schen den Offizieren und der Mannschaft ein so liebenswürdiges sei, daß man es gat nicht besser wünschen könne— ein wahres Idyll. Neben dem Kriegsminister Bronsart v. Schellendors und dem Parlamentsklown Köller hielt sich auch Herr Windlhorst für verpflichtet, Genosse Bebel entgegenzutreten. Nach ihm gibt es kein schöneres Vergnügen,-als Trei- ber zu spielen, er selbst habe von seinem achten Jahre an als Treiber auf der Jagd mitgeholfen und erinnere sich noch heute mit Vergnügen daran; und wenn die Soldaten die Hausknechte der Offiziers- und Unter- offiziersfrauen spielen müffen, so ist das für Herrn Windthorst„Erzie- hung von der Seite des Gemüthslebens". Hier zeigt der Führer des Zentrums wieder einmal so recht den reak- tionären Bourgeois. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, daß was v ihm als Jungen Vergnügen gemacht hat, deshalb noch keineswegs jedem erwachsenen Menschen Vergnügen machen muß, zumal wenn derselbe zu diesem Vergnügen indirekt kommandirt wir». Tanzen ist auch ein -uergnügen für viele Leute— aber nur so lange, als sie nicht auf K o m- m a n d o tanzen. Mit der Argumentirung des Herrn Windthorst sind aber gewöhnlich unsere Bourgeois bei der Hand, wenn es gilt, irgend- welche Ausbeuterprattiken zu beschönigen. Noch kindischer ist aber die Redensart von der Erziehung des„Gemüths". Wer diese dem Soldaten gönnt, der mag dasür sorgen, daß derselbe so bald wie möglich der Fa- milie, dem„Zivil" zurückgegeben werde; durch die Thätigkeit als Offi- ziersbursche tc. wird beim Soldat meist ganz etwas anderes erzogen als die Gemüths seite. Uebrigens hört in solchen Dingen, wo es sich um eine Frage de« Abhängigkeitsverhältnisses handelt, für uns die Gemüth- lichkeit auf. Auch zwischen dem Sklavenhalter und seinen Sklaven herrschte oft ei» viel gemüthlichereS Verhältniß als zwischen dem heutigen Kapitalisten und seinen Arbeitern, aber trotzdem sich allerhand Windthorst« fanden, dieses„gemüthliche" Verhältniß zu preisen und zu be- singen, hat die Sklaverei doch weichen müssen, und an Stelle des Gemüths tritt das Gesetz, das dem Unternehmer verbietet, seine Ar- beiter in aller Gemüthsruhe bis aufs Blut zu schinden. So soll es wenigstens sein und so wird es sein, beim Zivil und beim Militär— bis die Käpitalistenherrlichkeit überhaupt ein Ende hat, und mit ihr der heilige Militarismus. —„ M a c e d o n i s ch e G r ä u e l ," so betitelt sich«in Artikel des Herrn Emile de Laveleye, der kürzlich in verschiedenen Blättern erschien und die ganze Christenheit ausrief, den bedrängten Brüdern in Mace- donien beizustehen— mit andern Worten, dem Czaren zu erlauben, die „Befreiung" des Balkans fortzusetzen. In der Pariser„cjuostioo nocialo« wird dieser SchmerzenSschrei von P. Argyriades folgendermaßen abge- fertigt: „Während sich die Völker bemühen, eine Verständigung anzubahnen, und die Raufereien zu vermeiden, die ihren mörderischen Haß verewigen und nur ihren gemeinsamen Unterdrückern nützen, unterhalten die an dem„Th»ilen, umzu h e rr s ch e n" intereffiilen Regierungen Agent s Provokateurs, die den Austrag haben, den brudermörderijchen Haß der- selben beständig zu schüren. Und das geschieht zur Zeit in Macedonien. Im gleichen Moment, wo die einsichtigen Männer der verschiedenen Na- tionalitäten der B a l k a n h a l b i n s e l der Bildung einer Konsöderation aller der kleinen Staaten das Wort reden, die einst das ottoinanische Reich bildeten, hat sich ein Bourgeoisgelehrter— ein O e k o n o m, wen n's beliebt!— gefunden, um sich in den Dienst Rußlands oder Oesterreichs zu stellen, von denen das Eine aus Konstantinopel, das Andere auf Saloniki sein Auge geworfen, und die nur nach einem Vorwand suchen, um einzuschreiten. Dieser Oekonom, nicht zu- frieden damit, Unfrieden zwischen Griechen und Bulgaren zu säen, hetzt Letztere fortgesetzt gegen Erster« auf, und vi« Folgen sind blutige Zu« ammenstöße zur großen Freude Rußlands.*) Uebrigens ist es nicht das erste Mal, daß der traurige Patron, der auf den Namen Emile de La- veleye hört, uns das Schauspiel seiner Käuflichkeit gibt, erst jüngst hat sein Weihwassersozialismus die belgische Universitätsjugend getäuscht, die ihn zum internationalen Studentenkongreß eingeladen hatte. Seine Ant- wort an die Organisatoren des Kongresses war ebenso zynisch als un- verschämt. Er sagte ihnen beinahe wörtlich, daß wenn er auch in der Theorie Sozialist sei, er es doch in der Praxis lukrativer finde, auf Seiten des Stieles sd. h. der Machthaber) zu stehen." Herr de Laveleye hat diese Lektion reichlich verdient. Seitdem er sich durch sein Buch über das„Ureigenthum" einen Namen gemacht, hat er diesen Namen dadurch zu verwerthen gesucht, daß er von Jahr zu Jahr dicke Bücher zusammensudelte, denn von schreiben kann da keine Rede sein, und unter hochklingendem Titel auf den Markt warf. Daß sein Schmerzensruf zu Gunsten der unterdrückten macedonischen Bulgaren bestellte Arbeit ist, unterliegt kaum einem Zweifel. Wenn Herr de La- veleye so weichen Gemüthes ist, so kann er die Gräuel skandalöser Unter- drückung viel näher haben als in Macedonien! — Vom Schlachtfelde der Arbeit häufen sich seit einiger Zeit die Unglücksbotschasten in erschreckender Weise. Die erschütterndste derselben ist die Nachricht von der Grubenkatastrophe zu Kar- win in Mähren, bei der 104— nach anderen Berichten 123 Ar- beiter ihr Leben einbüßten. Ob hier nur ein„Unglück", wie die Blätter es nennen, vorliegt, oder nicht wiederum ein V e r b r e ch e n an den Arbeitern, vermögen wir nach den vorliegenden Berichten nicht zu entscheiden, versprechen uns auch in dieser Beziehung wenig von der angeordneten Untersuchung. Unglück und„Unglück" ist eben zweierlei. Das aber ist unsere feste Ueberzeugung, daß wenn die Besitzer, Verwal- tungsräthe, Direktoren ic. von Bergwerken gesetzlich dazu angehalten würden, wenigstens durch e i n Mitglied stets während der Arbeit in den Gruben vertreten zu sein, dann diese„Unglücksfälle" sich mindestens um die Hälfte vermindern würden. — Heber die aus Paris gemeldeten Massenausweisungen deutscher Soziali st en fehlt uns bis zur Stunde noch jede ge- nauere Mittheilung. Es scheint, daß die Blätter in dieser Beziehung viel geflunkert haben. Bisher ist nur ein ausgewiesener Deutscher nam- hast aeniacht: der Schreiner O st e r m a n n. Äußer ihm sind noch meh- rere Jrländer und ein polnischer Sozialist, Besedowski, aus Frankreich ausgewiesen worden. Die Jrländer scheinen ihre Ausweisung der genialen Korrespondenz an»en„Figaro" über den Verschwörerkongreß in Paris zu verdanken; woraus die beiden andern Ausweisungen zurückzuführen sind, wissen die Götter. — Aus Rußland geht uns die Nummer einer Zeitung zu, die den Titel:„Der Arbeiter, Zeitung der Partei der russischen So- zialisten" führt. Das Blatt ist in einer geheimen Druckerei hergestellt und recht gut ausgestattet. Aus dem Inhalt verzeichnen wir nur folgende Artikel: Was fehlt dem Arbeiter?— Die Arbeiter und die Regierung. — Die letzten Arbeiterunruhen bei Moskau.— Das Programm der Partei., *) Nach einer Konstantinopeler Korrespondenz der„Frankfurter Ztg." ck. ä. 4. März hat die von Major Trotter im Austrage der englischen Regierung angestellte Untersuchung ergeben, daß„die an mehreren Orten gegen Bulgaren verübten Ausschreitungen nachweislich von ihren eigenen Lands leuten verübt worden sind, und daß die von Herrn de Laveleye gemachten Angaben sich als übertrieben und in einigen Fällen als ganz unbegründet ergeben haben." Major Trotter, heißt es dann, konstatirt serner, daß die gemeldeten Missethaten der Briganten hauptsächlich von Albanesen im Distrikt Debren verübt wurden, die niemals von der Türkei vollständig unter- jocht worden sind, und sowohl türkische wie bulgarische Dörfer plündern. Der Bericht besagt ferner, daß die bulgarischen und r u m e l i- s ch e n Behörden nicht denselben Beistand zur Unterdrückung des Räuber- wesens leisten, als die griechischen Beamten. Was wird Herr de Laveleye jetzt vorbringen? Korrespondenzen. Reichenbach in Sachsen, 22. Wahlkreis. Wir wollen den kostbaren Raum unserer Parteipresse nicht durch lange Wahlschlachtberichte in An- spruch nehmen. Es sei blos konstatirt, daß wir mit Hülfe vieler Kräste von Außen unfern Kreis wiedererlangten, den zu erhalten unsere hei- ligste Pflicht sein soll. Wir werden kein Mittel unversucht lassen, die alten Genossen im Schritt zu hallen, und neue zu gewinnen. Wären die Verdienstverhältniye nicht so traurig, so könnte allerdings agitatorisch mehr geschehen. Bei schlechtem Verdien st und schlechter Nahrung schwindet die Energie und Widerstands- kraft, die unbedingt erforderlich ist, um erfolgreich für unsere Sache einzutreten. Die besten Genossen im Kreise haben sich durch jahrelange schwere Opfer sehr aufgerieben und müssen als verfehmt meistens die schlechtlohnendste Arbeit verrichten. Der Sieg aber hat einen gewaltigen, erhebenden Eindruck auf die Proletariermassen ausgeübt, so daß wir für die Zukunst daS Beste hosten. Die Bourgeois sind etwas abgekühlt mit ihrem Papierfabrikant Niethammer nach Hause geschickt worden, und haben nun Zeit darüber zu entscheiden, ob sie später wie- der als nationalmiserable Prahlhänse oder in anderer Weise austreten sollen. In fast allen Wahlversammlungen hatten diese Esel nichts Röthi- geres zu thun, als Kaiser und Reich hochleben zu lasten. Damit wollten sie die Arbeiter beschämen. Doch diese blieben bei solchem Ge- gröhle stumm wie die Fische oder demonstrirten für ihren M. K a y s e r. Die Bismarck-Komödie florirt auch hier, wird aber wie vielerorts nicht die besten Geschäfte machen. «US dem«. sächsische« Wahlkreise. Die Wahlschlacht ist ge- schlagen; der Stockreaktionär vulgo Arbeiterfeind Ackermann hat noch einmal„gesiegt". Aber welch' ein trauriger Sieg! Wie ich in meinem neulichen Bericht voraussagte, so ist es eingetroffen: der ganze Polizeiapparat, die ganze reaktionäre Bande— vom„Staatsminister" bis herab zum gemeinen Polizeibüttel und Nachtwächter— muhte aufgeboten werden, die nichtswürdigsten Schurkereien zu begehen, um die„weiße Weste" noch einmal nach Berlin zu schicken. Auf wie lange, das wird allerdings von der Wahlprüfungskommission des Reichstages abhängen, denn nicht weniger als ein Viertelhundert Wablproteste liegen aus un- serem Kreise gegen die Wahl Ackermann's vor. Ja, wir haben der Bande das Handwerk schwer gemacht, unser Beobachtungskorps hat, so weit es uns zur Verfügung stand, seine Schuldigkeit gethan; und was den Aus fall der Wahl betrifft, so dürfen wir mit dem Resultate zufrieden sein, während sich die Partei Ackermann bedenklich hinter den langen Ohren kratzt. Sie empfindet nur zu gut, daß sie diesmal vollständig von der Gnade der Herren„Deutsch-Freisinnigen" abhing, und in der That waren es diese, die den Herrn Ackermann in den Reichstag gesendet haben. Diese Ordnungsmeier konnten<-S nicht über sich ge- Winnen, im Ernste einen Kandidaten im 6. Wahlkreise aufzustellen, weil sich die Führer sagten, daß wenn sie ihren Besitzstand von 1881 behiel ten, der Sozialvemokrat in Stichwahl mit Ackermann kommen mußte. Nachstehendes Exempel mag dies zeigen. Bei der Reichstagswahl 1881 erhielt Ackermann(konservativ) 7307 Stimmen, Vellmar(sozialoemokra- tisch) 378S Stimmen, und Oberlehrer Dr. Herrmann(Fortschritt) 1807 Stimmen. Bei der Wahl 1884 erhielt Ackermann 8093, Genoffe Horn 8214, und Profestor Virchow 288 Stimmen. Professor Virchow wurde nämlich erst acht Tage vor der Wahl in's Feld geführt. Ursprünglich war an Stelle Dr. Herrmann's der Arzt Dr. Schuhmann aus Dresden von den„Deutsch-Freisinnigen" proklamirt worden, was Herrn Ackermann veranlaßt«, zu erklären, er wolle auf die Kandidatur im 4. Wahlkreise verzichten. Zweifelsohne haben zwischen der„freisinni- gen" und der konservativen Partei Verhandlungen in dieser Angelegen- heit stattgesunden, denn„erst aus vieles Zureden" ließ sich Herr Acker- mann bewegen, nochmals die Kandidatur anzunehmen,— nämlich nach- dem Dr. Schuhmann in Meißen-Großenhain aufgestellt worden war und die Kandidatur im sechsten Wahlkreise zurückgezogen hatte. Nichtsdestoweniger ließ-n die„Freisinnigen" ein wahres Sündenregister gegen die Konservativen los, welches sie aber erst zwei Tage vor der Wahl verbreiteten, und ungeachtet dessen sie für den Konservativen stimm- ten. Das läßt sich am einfachsten mit Zahlen beweisen; wenn man die Wahlresultate der einzelnen Orte von 1881 und 1884 vergleicht, so wird man finden, daß überall da, wo vor drei Jahren Dr. Herrmann eine ansehnliche Stimmenzahl erhielt, die Stimmen Ackermann's damals um so viel zurückgegangen waren, während bei der Wahl 1884 in diesen Orten Virchow nur einige Stimmen erhielt, die übrigen Stimmen dagegen Ackermann zufielen; im Allgemeinen aber die Stimmenzahl für Acker- mann in allen Orten des Kreises zurückging. Sogar in A ltenb er q. Geising, Dippoldiswalde, Wilsdruff, den Hochburgen des Konservatismus, hat Ackermann bedeutend an Stimmen verloren, -in Zeichen, daß sein„Stern" im Erlöschen ist, während wir in allen diesen Orten einen bedeutenden Zuwachs erhielten. Und wie kämpften unsere Konservativen! Der erste Akt bestand darin. daß das Wahlflugblatt unseres Kandidaten Horn— zwar nur theilweise— beschlagnahmt und nachträglich verboten wurde. Beschlagnahmt wurde es vom Amtsrichter in Altenburg und die Verbreiter arretirt, weshalb es in jener Gegend nicht mehr verbreitet werden konnte. Besonders haben sich wieder die Beamten der königlichen und Burgker Bergwerke des Plauen'schen Grundes hervorgethan,„ihre Arbeiter"'zu beeinflussen. Auch die Gemeindevorstände, Bürgermeister und ion'Iige Polizeibllttel haben ihr Möglichstes geliefert, uns den Sieg zu entreißen. Ein trau- riger Sieg! Wenn der Reichstag die Wahl Ackermann's beanstanden, und es zu einer Neuwahl kommen sollte,*) dann ist die Niederlage Acker- mann's gewiß, und sollten die„Freisinnigen" mit Mann und Maus für ihn ins Zeug gehen. Denn nachdem die von den Konservativen soviel gepriesene„Sozialreform" unseres Herrn und Meisters, des Weltheilandes Otto Bismarck, ihre Wunder thut— nämlich solche, daß dem armen Mann 'n Zukunft nichts anderes bleibt, als noch tiefer in die Tasche zu grei- fen, um den„Staat" zu retten, der niemals sicher war, ist die Stimmuna für unsere Sache noch viel günstiger geworden, als sie vor der Wahl gewesen»st. Wir können alio mit guter Hoffnung den nächsten Wahlen entgegensehen; wir werden aber auch nicht Unterlasten, bis dahin das Feld gehörig zu bearbeiten und den Samen in guten Bvden auszu- streuen. Als günstiges Zeichen für die zukünftigen Wahlen dürfen auch unsere Wahlen in die Vertretungskörper der Gemeinden gelten. Ueberall, wo wir nur mit Kandidaten offen hervortraten, hatten wir den Erfolg auf unserer Seite. Eine Ausnahme machen Plauen bei Dresden und Potschappel. In Plauen traten die Genossen nicht recht- zeitig und nicht offen genug hervor; sie erzielten dennoch eine bedeutende Stimmenzahl, und nur wenige Stimmen fehlten, so hätten sie aesiegt. Hoffentlich sind sie dadurch belehrt worden, daß beute nur die Parole gelten darf: Mit offenem Visir kämpfen! Daß in Potschappel kein Sozialdemokrat in den Gemeinderath gewählt wurde, daran trugen einige „Genossen" selbst Schuld. Das sind in erster Linie die Herren Adler und Naake. Herr Naake war in öffentlicher Versammlung mit großer Stimmen- Mehrheit als Kandidat proklamirt worden und nahm die Kandidatur an. Kurz vor dem Wahltage aber trat er zurück und stellte eigenmächtig einen gewissen Herrn Truöl auf. welcher Blätterfobrikant ist, und welcher der„deutsch-freisinnigen" Partei angehört. Dieser Herr war unserem Kandidaten noch nach der Wahl zum Reichstag in öffentlicher Versammlung entgegengetteten und hatte die Fabrikkrankenkassen, namentlich die von ihm gegründete, v°rtheidiqt. Und dennoch diese Allianz! Diese wurde aber dadurch vereitelt, daß einige Genossen noch rechtzeitig im„Glückaus" zu Potschappel die Erklärung abgaben, daß sie mit der eigenmächtigen Handlung des Herrn Naake nicht einverstanden feien und deshalb Stimmenthaltung empfahlen. Das Resultat war denn auch, daß der„Kompromiß-Kandidat" geschlagen wurde, und zwar von einem Konservativen. Darüber sind nun zwar einige„Genossen", oder wenigstens solche Leute, die sich als Genossen d e r s o z i a l- demokratischen Arbeiterpartei ausgeben, in volle Ertase gerathen, und erklären, daß sie keinen Pfennig mehr für die Partei geben wollen, und was der Liebenswürdigkeiten mehr sind. Dieselben Herren erklärten auch, daß sie sich in dergleichen Angelegenheiten, wie bei Gemeinderathswahlen, keine Vorschriften machen lassen, denn diese gingen die Partei nichts an. Nun, wenn die Herren Adler, Naake und Genossen solche Erklärungen abgeben, so zeugt dies entweder von ihrer politischen Unreife, oder sie sind noch nie Sozialdemokraten gewesen, und sind es auch jetzt noch nicht. Die Sozialdemokraten bilden in Potschavvel zu den Gemeinde- Landtags- und Reichstagswahlen die Majoritä-, und haben zufolge dessen diirchaus nicht nöthig. Kompromisse mit andern Parteien einzugehen. Einen Gegner zu wählen, wo wir mit einem Zuge das Feld behaupten können, das ist eine Schmach für unsere Partei. Und das Feld bei den Gemeinderathswahlen zu erobern und zu b e- h a u p t e n, das ist keine der geringsten Forderungen unserer Partei. denn von der praktischen Anwendung der Thätigkeit unserer Genoffen im Gemeinderaihe hängt die Kräftigung unserer Partei ab. So üben wir unser» Einfluß vom Gemeinderaihe auf die Landesgesetzgebung und im Allgemeinen auf die Reichsgesetzgebung aus. Dies mögen sich na- mentlich diejenigen Genossen in Potschappel merken, die sich bei ber diesjährigen Gemeinderathswahl von ihren sogenannten„Führern" haben düpiren lassen. Im Allgemeinen gilt dieser Satz für alle Genossen, die bei dergleichen Wahlen in Frage koinmen. Wenn ferner die werthen Herren erklären, keinen Pfennig mehr geben zu wollen, so ist das ihre Sache. Wir müssen aber erklären, daß es wohl sehr viele gibt, die trotzdem gute Sozialdemokraten sind, obwohl sie pekuniär nichts zur Partei beitragen können, weil s i e z u a r m sind; sie nützen aber der Partei um so mehr, insofern sie bei allen Gelegenheiten mit dem richtigen Berständniß und Ausdauer für die Interessen der Sozialdemo- kratie eintreten. Wer aber materielle Opfer bringen kann und dies nicht thut, und obendrein noch die Interessen der Partei zu schädi- gen sucht, die müssen wir nicht als unsere Genossen, sondern als un- sere Feinde betrachten. Und diese auszumerzen, ist jedes Genoffen Pflicht. Mit Gruß! Vorwärts. Karlsruhe, Anfang März. Wie verschiedenartig ein und dasselbe Vergehen von den verschiedenen Gerichten be- und verurtheilt wird, da- von liefert unser Baden ein hübsches Beispiel. Auf Grund des K 3 des Preßgesetzes wurden hier 3 Personen zu je 50 Mark oder 14 Tage Hast verurtheilt, in Rastatt und Gaggenau wurde dasselbe Vergehen mit 20 M., in Pforzheim mit 10, in Baden-Baden mit 5 M. geahndet. Die Rechts- gleichheit kann drastischer nicht illustrirt werden. Noch nachträglich eine kleine Episode aus dem Wahlkampf. In einer Wahlversammlung in Spök vertheidigte der Pfarrer Peter das Aus- nahmegesetz mit den Worten:„Die Sozialdemokraten sind wilde Bestien, welche in eiserne Bande gefesselt gehören." Dieser Pfarrer Peter ist ein sehr frommer Mann, und da macht sich ein solches Wort aus dem Munde eines Dieners der christlichen Kirche, die angeblich den Grundsatz aufstellt:„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," doppelt schön. Andern predigen und selbst darnach handeln, ist eben zweierlei. ») Ist nicht geschehen. Anm. der Red. Partei-Archiv. Für daS Partei-Archiv gingen ein: Durch Vermittlung von Joh. Philipp Becker erhielten wir für daS Parteiarchiv nachstehende Schriften von X. in W.: zu 1 Leipziger Hochverrathsprozeß. 1 Bericht über die Verhandlungen des 1.» 2. und 3.7 Vereinstages deutscher Arbeitervereine. 1 Hofstetten:„Mein Verhältniß zu Herrn v. Schweitzer." 1 Protokoll über die Sitzungen des Gewerkschafts- Kongresses Erfurt 1872. 1 Bernhard Becker:„Nationalökonomische Raketen." 1 Beckendahl: Aktenstücke betr. die Auflösung der Mitgliedschaft der Sozialdemokrattschen Arbeiterpartei zu Fürth. 1 Schauer: Festrede am Gründungstage der Metallarbeitergewerk- schaft zu Dresden 1872. I I-es pröteudues scissiong dang l'Internationalc. 7 diverse Broschüren. 27 diverse Flugblätter, Statuten, Aufrufe, Gedichte zc. Um weitere Einsendungen ersucht Die Archiv Verwaltung. Warnung. Wir sind gezwungen, vor dem Schneider Euhn aus Mannheim zu warnen. Derselbe ist ein ganz verkommenes Subjekt, welches sit auf Parteikosten durchbettelt. Unter anderen Berufungen zeigte er auch eine Empfehlung von Genosse Dreesbach in Mannheim vor. Ein« hier erhaltene Unterstützung hat Euhn sofort in Schnaps vertrunken Ein Genosse borgte ihm einen Rock, damit er sich Arbeit suchen könne, welchen er aber bis heute nicht wiederbrachte. Mit Lumven dieser Art darf die Partei keine Nachsicht üben, viil warnen deshalb rechtzeittg. Dortmund, 14. März. Die Dortmunder Genossen. Briefkasten der Redaktion: E. A. in London: Mußte für nächste Nu» mer zurückgestellt werden. der Expedition: H. S-F. Cal.:(2 Doll.) Fr. 1012 Ab. Ende Febr. 88(1 Jahr) erb.— Rothbart: Mk. 500— ä Eto. erb Bstllq. folgt. Bettssds. vr. Dppb. war Nchlfrg. Gesch. d. C. schon so: — Durch H. K.; Mk. 2— von einem Gutgesinnten vr. Ufd. dkd. — Panzerschiff: Mk. 50—& Eto. erh. Bf. erw.— R. H. 4: Mitt! pr. Utr. erh.—'Bruno: Mk. 120— h Eto. Ab. ic. gutgeb. Adr. notirt. Gewünschtes bfl. fort.— Wichel Stieber: Mk. 180— nach N schritt pr. 1. O-u. u. Schtt. gebucht. Bstllq. folgt. Adr. zc. bestens U notam genommen. Dank für Recherchen. Personalbeschreibung und Ai» zedentien v. H. erbeten.— Bürger Sanftmuth: Mk. 80— ä Eto.?! w. erh. Adr. nottrt.— Rother Hahn I.: Mk. 30 80 Ab. 1. Qu. er! Adr. nottrt.— Hoch lebe die S.: Mk. 5 20 Ab. 1. Qu. u. Porto tA So begeistert und dennoch auch uns gegenüber so gänzlich namenlot! — Itzehoe: Mk. 13 40 v. d. P.-Gen. dkd. erh.— Catilina: Fr. 2 n für Ppr. erh.— Gracchus F.: Mk. 300—& Eto. Ab. sc. nebst Geg«» rchg. giitgebr. Adr. notirt.— Gänseleber: Mk. 50— ä Eto. Ab. 4. v« erh. Betr. Dsz. hat R. nicht berichtet. Bstllg. folgt. Weiteres ad noi genommen. Gegr. gebucht.— Ctts.: Mk. 82— ä Eto. Ab. erh. Bf. wartet.— Ahasve'rus: Mk. 32— 2. Qu., Mk. 23— 3. Qu. und 24—4 Qu. 84 pr. Frd. erh. u. gutgebr.— Rother Peter: Mk. 300- ä Eto. gutgebr.— Veilchenstein: Mk. 34 40 Ab. 1. Qu. vr. 8 dir. — Stbrg.: Mk. 35— ä Eto. erh. vr. Fd.— Sign.: Mk. 4 30 Ab. Qu. erh.— Pt. Basel: Fr. 16— Ab. pr. 1. Qu. sc. erh. u. gutg« — Dtschr. Verein Frauenseld: Fr. 3— Ab. 1. Qu. erh.— X. in® Freundlichen Dank und herzliche Grüße Dir und den Deiniqen!' General B u m b u m: Sonst vegetarisch, jetzt carnivornarisch, dras anarchesisch und beinah' chinesisch, ward er, weil nirgends der„wahr« Genuß, endlich Dein— Tantalu s. Nomen estomen: des durst'g« Majores Auge, kaum traf's Euch, erhabenen Ohres letzt' und ergötzt ß! an Eurem Erguß aginna tertius. An unsere Korrespondenten. Wir bitten m jedem Brief u. s. w. stets deutlich anzugeben, we! Briefe, Sendungen u. s. w. bis zu Abgang eingetroffen war Bei Adreßänderungen, Adreßlöschungen und dergleichen ist unbcdü Vorkehrung zu treffen, etwa Laufendes in sichere Hand leiten. Alle Adreßmeldungen bitten wir in Deutsch- u« Lateinschrift(behufs Kontrole) deutlichst zu schreiben.' Deckadressaten oder deren Angehörige sind zur«blieferu« sofort nach Empfangnahme strengstens anzuhalten. Sipediti«« de» Sizialdemskrat. Den Bestellern der Winke«ud Rathschläge zur Agitation hiermit zur Nachricht, daß N e u a u f l a g e erst bewirkt werden km» wenn eine bestimmte größere Anzahl fest bestellt ist. Wir bitten deshalb zur Beschleunigung um allseits umgehend Bestellung. Die Expedition des„Sozialdemokrat." Durch uns ist zu beziehen: Porträts von Marr und Lassalle. Pendants.— Größe 34/44 Centtmeter. Oelfarbeudruck. Vorzüglichste AuSführnug.' Preis: Per Stück Mk. 2-(Fr. 2 50). Bei Bezug von 1 Dutzend an 15 Proz. Rabatt. „..»5 Stück an 25.. Zahreichen Bestellungen sehen entgegen: Oipeditto« de, Soziatdemotrat. MokKaSu-Lhandkung. Kotti«ge«-ASrich. Zu tausen gesucht: Fr. EngelS: Lage der arbeitenden Klassen in England. K. Marx: Zur Krittk der polittschen Oekonomie. Berlin 1853. Revue der„Reuen Rheinischen Zeitung". Komplet 0» Einzelhefte. „Nordstern." Komplet oder Einzelnummern. „Der Agitator", herausgegeben von I. B. v. S ch w e i'tz e r. Offerten werden erbeten von der TolkRbnchliaiidliiiiK Hotilngeia» Zfirieh- Achtung! Adolf Bunfe, Ifrüher angestellt beim Wafferwerk in Iserlohn und Bildhauer Bürger, früher in Hornberg(Baden), werden ersucht, ihre Adreffen umgehend zu melden an die R e d a k t i „Recht auf Arbeit",«lenzestraße 75, München. Dringlich- Mittheilungen liegen vor. Man«olle die Genannten a» merksam machen oder, wo bekannt, deren Adreffen an Suchend« meld? __; Die für Parteigenossen zur Bewerbung ausgeschriebene Gießermetfter-Stelle ist b e s e tz t, was den betr. Bewerbern zur gefl. Rotiznahme Hierdur mitgetheilt wird. Sqiallstische Arbeiterpartei Amerika. Sektion Rew-York. Sitzung des gentralkomite» jeden Freitag»tend» S 0 in Lincoln Hall, Ecke Allen und Houston Street. Jeden Samstag finden B-rsammlunge» statt. Rähere» sW „New-Yorker Volkszeitung", besonders Freitags und Samstags. Schweizerische GenosienschaftSbuchdrnckerei in Hottingen-Zürich.