Kr scheint WSch«ntltch einmal in Zürich(Schweiz). Aertag der Aalltbnchhandlnns Hattingen-Zürich. Koftseudullgell frank» gegen franko Gewöhnliche Briefe nach der E ch w e t z kosten Toppclporto Der SoMeWkrilt ientrat-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie. Abonnements werden bei allen schwcijerische» Postbureaur. sowie beim Verlag und dessen bekannten Agenten entgegengenommen, und zwar zum vor« u«» ahl bar«« Vierteljahrdprei» bont Fr 2—für die Schweiz ikreuzband) Mk S- fllr Deutschland(Coudert) st. l.70 siir Oesterreich Fr. 2 SS für alle übrigen Linder de» Weltpostvereins. Inserate die dceigeipaltene Petitzeil« 25 St».=- 20 Psg. � III Aonnerjlag, 2. April 188S Avis an die Abonnenten nn» Korrespondenten des„Soziatdemokrat." Da der.Sozialdemokrat- sowohl IN Deutschlaad ali auch in vestemi« verboten>«, bezw verfolgt wird und die dort gen Behörden stch alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp Briese von dort an an» >«d unser« Zeiwng». und sonstigen Speditionen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorstcht Im Postverlehr nothwendig and barf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Bricsmarder über den wahren Absender und Smpsänger, sowie den Zntalt der Sendungen ,u täuschen, und letztere dadurch zu schützen Hauptersorderntß ist hi-zn einerlei, i, daß unsere Freund- so Ilten al» möglich an den.Sozialdemokrat-, resp dessen Verlag selbst adressiren, sondern stch möglichst an irgend eine unverdächtig« Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreich» wenden. welche stch dann mit un» In Verbindung setzt! anderseit» aber, daß auch UN» möglichst unverfängliche Znstellungiadresten mitgetheilt werden. In zwciselhaften Fällen empfiehlt stch behus» größerer Sicherheit Dielommandirung, Soviel an un» liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen um trotz aller entgegen» stehenden Schwierigleiten den.kozialdemolrat- unseren Abonnenten möglichst regelmäßig zu liesern Parteigenossen! Vergeßtder Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Erklärung. In der letzten Zeit, namentlich im Monat Januar d. I., waren im nEozialdemokrat" mehrfach offene und versteckte Angriffe gegen die sozialdemokratische Fraktion des deutschen Reichstags zu lesen. Diese Angriffe gingen theils von der Redaktion, theils von Korrespon- d-nten des Blattes aus. Sie bezogen sich vorzugsweise auf das Verhalten der sozialdemokra- tische: Reichstagsmitglieder in der Frage der Dampfersubvention. Auch ist eine Resolution der Züricher Genossen, die sich gegen die Haltung der Fraktionsmehrheit in dieser Frage aussprach, nicht blos im Partei- organ veröffentlicht, sondern auch in Einzelabzügen in Deutschland ver- breitet worden, offenbar in der Absicht, eine Art„Entrüstungsbewegung" Segen die Fraktionsbeschlüffe hervorzurufen. Wenngleich die sozialdemokratische Reichstagsfraktion weiß, daß durch derartige Angriffe ihre Stellung nicht erschüttert werden kann, so be- trachtet sie doch ein solches Verfahren für durchaus ungehörig- Sie bestreitet der Redaktion und den Korrespondenten des Partei- organs keineswegs das Recht einer selbständigen Kritik; sie erachtet es ober für eine schwere Schädigung der Parteiinteressen, wenn die Be- schlüsse der Abgeordneten in einer Weise besprochen werden, welche ge- «gnet ist, die Fraktion in den Augen der fernerstehenden Parteigenossen herabzusetzen. Das Parteigefühl unserer Genossen, an welches wir appelliren, muß ihnen sagen, daß ein solches Verfahren geeignet ist, die Aktionsfähigkeit der Partei zu vermindern und in wichtigen Momenten gar zu lähmen. Statt den gewählten Vertretern der Arbeitersache auf solche Weise den schwierigen Kampf gegen übermächtige Feinde noch zu erschweren, sollte jeder Parteigenosse bestrebt sein, den Keim der Zwietracht zu ersticken und das Band der Eintracht fester und fester zu knüpfen. Insbesondere ist es Pflicht der Redaktion des„Sozialdemokrat", in diesem Geiste zu wirken und nie zu vergessen, daß das Parteiorgan unter keinen Umständen in Gegnerschaft zur Fraktion treten darf, welche die moralische Verantwortlichkeit für den Inhalt desselben trägt. Nicht das Blatt ist es, welches die Haltung der Fraktion zu bestim- Men, sondern die Fraktion ist es, welche die Haltung des Blattes zu kontroliren hat. Die Fraktion erwartet demgemäß, daß derartige Angriffe in Zukunft unterbleiben, und daß die Redaktion Alles vermeide, was dem Geiste »biger Erkärung zuwiderläuft. Berlin, den 20. März 1885. Die s o zi ald e mo kr a ti s ch e F r a kti o n des deutschen Reichstags. Klassenjustiz. Rechtsprechung durch das Volk ist eine sehr schöne Sache, und mit Recht steht diese Forderung auf dem Programm unserer Partei. Dadurch daß das Volk selbst zur Rechtsprechung berufen wird, soll das lebendige, im Laufe der Zeit sich stets Modifizirende, stets in Fluß befindliche öffentliche Rechtsbewußtsein der verkörperten formalen Rechtstradition gegenüber gestellt wer- den, das entscheidende Wort sprechen. Angeblich sind nun die heutigen Geschworenengerichte ein Schritt zu dieser Demokratisirung des Rechts, wie man es schon genannt hat. Wie aber in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, mag fie der Form nach noch so demokratisch organistrt sein, fich alle öffentlichen Einrichtungen infolge der ökonomischen Uebermacht der Klaffe der Besitzenden über die der Nichtbesitzenden in ihr direktes Gegentheil umwandeln, auch hier Vernunft Unsinn, Wohlthat Plage wird, so namentlich mit der Einrichtung der Schwurgerichte. Nicht aus der Masse des Volkes, sondern aus einer Klaffe des Volkes, aus der Klasse der wohlsituirten Minderheit, werden die Geschworenen genommen, und das angeb- liche Volksgericht wird zum Klassengericht. So prägen fich denn auch in den Erkenntnissen der Schwurgerichte die Vor» urthetle der befitzenden, bürgerlichm Klasse gewöhnlich in so aus» gesprochener Weise auS, daß ihnen gegenüber die Ungeheuerlich- leiten deS formalen Rechtes als das bei Weitem geringere Uebel erscheinen. Geradezu unerträglich aber wird dieses angebliche Volksgericht, wenn die Herren Bourgeoisgeschworenen in einem Konflikt eines ihrer eigenen Klassengenossen gegen ein Mitglied der nichtbesttzen- dm Klasse, des Proletariat», zu entscheiden haben. Da wird nicht nur Vernuft Unsinn, da wird die brutale Gewalt als Recht sanktionirt, da spricht der tugendhafte Bürgersmann, der da» geringste Vergehm gegen da» Eigenthum nicht streng genug zu ahnden weiß, leichten Herzens den Mörder frei, wenn dieser Mörder sein Klassengenosse und da» Opfer desselben so ein »Lump" ist, der nichts hat. Beispiele dafür liegen in großer Zahl vor— wir erinnern beispielsweise nur an die Freisprechung des Gutsbesitzers Ramin, der seinen Taglöhner erschossen hatte—, man braucht nur die Annale» der Schwurgerichte zu studiren. Die meisten derartigen Fälle werden eben in weiteren Kreisen nicht bekannt, mit einem Bericht in den Lokalblättern ist die Sache meist abgethan. Es muß schon ein sehr p i k a r t sr Fall sein, wenn die übrige Presse von ihm Notiz nehmen soll. „Pikant" mag der„Fall-', der uns zu dielen Bemerkungen veranlasste, nicht gerade siin aber er ist so charakteristisch für die heutige Klassenjustiz,, so schreiend, daß wir unS, als Organ des Proletariats, d erps licht et fühlen, ihn hier zur allgemeinen Kmntniß zu bringen. Ein Genosse sendet unS au? Königsberg die Nummer 69 der dortigen„Hartung'schen Zeitung" vom 21. März d. I., in der wir unter der Rubrik:„GVste Schwurgerichtsperiod e 188 5" folgenden Bericht finden: „Fünfter Fall. Unter se fr großer Betheiligung des Publikums verschiedener Stände wird solgendtzc Fall verhandelt, der besonders wegen des Ausfalls, den der Strafprozeß genommen, von Bedeutung ist. Der Angeklagte ist der Gutsbesitzer Lehr baß aus Glücks- Höfen, 26 Jahre alt. Derselbf wird beschuldigt, am 11. September v. I. den Scharwerker Hoper, einen 60jährigen Mann, vorsätzlich derartig rnißlzandelt zu haben, daß der Tod des- selben verursacht wurde. Hoyer xitte, trotz dos Verbotes seines Brod- Herrn, die Nacht zum 11. Septetiber v. I. bei einem andern Besitzer Gras gemäht und war morgens Lunken nach Hause gekommen und hatte sich, statt in die Arbeit bei HernÄ-Lehrbaß zu gehen, zur Ruhe begeben. Als er Nachmittags auswachte, istachte er mit seine» Stubengenossen, einem Schwiegersohn und seinen eeiden Töchtern, Skandql, er zog gegen den Ersteren sogar ein Meffer; infolge dessen begab sich der Schwieger- söhn zum Herrn Lehrbaß, um gegm ieinen Schwiegervater Klage zu füh- ren, ja, er verlangte sogar von dtzisem sein Abzugsattest, denn er wollte nicht länger mit dem Alten zusaiiünenbleiben. Gegen Abend begab sich Herr L. nach dem Jnsthause, in>em die Familie wohnte, er ließ den Alten hinausrufen, gab ihm eine Ohrfeige und mehrere schlüge, daß er zu Boden fiel. Als ihn Herr L.-lbst vom Boden aufhob und nach dem Zimmer führte, klagte Hoyer so sott über Schmerzen in der rechten Seite und wurde zu Bett gebracht, aus dem er sich nicht mehr erhob und in der Nacht zum 14. September ver'tarb er. Angeklagter bestreitet nicht, den Höver geschlagen zu haben,«hin», w-ll-er h««t»..-.'cht r»zugebe!! wiffen, va er bei dem Vorsalle sehr ausgeregt gewesen sei. In der Vor Untersuchung hat sich derselbe dahin geäußert: Als ich dem H. eine Ohr. feige gab, sagte derselbe, was, auch noch schlagen, da kam mir der Gedanke ein, H. könne vielleicht mit einem Messer stechen und ich hieb auf ihn ein. Daß er den H. mit der Faust in die rechte Seite gestoßen, hat Angeklagter dem Dr. Lux, den er zur Behandlung des H. aufs Gut hinauskommen ließ, wie dieser bezeugte, ausdrücklich zu- g e st a n d e n. Bei der Sektion der Leiche des H., die der Kreisphysikus Herr Dr. Klammroth vornahm, fand er vier Rippen von oben nach unten gebrochen, und sein Gutachten, das er heute wieder- holt, geht dahin, daß Hoyer an Lungenentzündung verstorben ist, die hervorgerufen wurde durch die Einwirkung eines stum- pfen Gegen st andes; ferner wurde begutachtet, daß ein Fauststoß solche Verletzungen wie die vorgefundenen wohl hervorzurufen geeignet war. Allerdings, fügt Herr Dr. Klammroth diesem Gutachten hinzu, seien verschiedene unglückliche Momente dazu gekommen: eininal das hohe Alter des H., die infolge dessen eingetretene hochgradige Brüchigkeit der Knochen desselben, dann, daß derselbe ein Säuser war, und endlich ein Herzklappenfehler, der bei der Sektion vorgefunden wurde. Es ist an- zunehmen, daß ein Mensch, der nicht an solchen Krankheitszuständen leidet, wohl die Mißhandlung ausgehalten hätte, ohne das Leben einzubüßen. Die königliche Staatsanwaltschaft hält nach solcher Sachlage ihre An- klage äusrecht, umsomehr, als Angeklagter ein Mensch ist, von dem man sich solcher That wie der zur Sprache gebrachten wohl versehen könne, denn, wie der Herr Vorsitzende festgestellt, hat Angeklagter einstens im Gasthause zum Kronprinz in Labiau, ohne Veranlassung, einem Apothekergehülfen ein Bierseidel an den Kopf geworfen, welcher Einfall infolge einer Einigung geschlichtet wurde. Die Annahme mildernder Umstände stellt der Staatsanwalt den Geschworenen anHeim. Herr Justizrath Hagen als Vertheidiger spricht sich dahin aus, daß die Ge- schworenen nicht mit voller Bestimmtheit den ursächlichen Zusammenhang zwischen der Körperverletzung und dem Tode des Hoyer als erwiesen annehmen könnten, jedenfalls aber ständen dem Angeklagten mildernde Umstände zur Seite. Aus Veranlassung des Staatsanwalts war die Schuldfrage dahin gestellt, ob Angeklagter schuldig sei, a> den H. mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung vorsätzlich gemißhandelt zu haben; b) daß dadurch der Tod des H. verursacht wurde. Die Ge- schworenen sprachen den Angeklagten der vorsätzlichen Mißhandlung schul- dig, nahmen aber nicht für erwiesen an, daß dieselbe in einer das Leben gefährdenden Weise verübt und durch sie der Tod des Verstorbenen ver- ursacht worden ist. Demgemäß mußte der Gerichtshof den Angeklagten freisprechen, da es zu der Bestrafung wegen einfacher Mißhandlung des Strafantraqs des Verletzten bedar f." Kommentar überflüssig, könnten wir eigentlich hier sagen, denn was wäre diesem Bericht wohl noch beizufügen? Ein brutaler Raufbold mißhandelt einen alten Arbeiter derart, daß derselbe zusammenbricht und drei Tage darauf stirbt— und die Herren Geschworenen nehmen für„nicht erwiesen" an, daß diese Mißhandlung in„einer das Leben gefährdenden Weise" verübt worden sei— natürlich! dem Lehrbaß war ja ganz unbe- kannt, daß Hoyer ein LOjähriger hinfälliger Mann war, so un- bekannt, daß er bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit, Hoyer könnte sich zur Wehr setzen, wie ein Besessener auf ihn losschlug. Da mußte ja Freisprechung erfolgen. WaS sollte auS der bestehenden göttlichen Weltordnung werden, wenn der Gutsbesitzer nicht mehr das Recht hat, seinen Taglöhner wie einen Hund zu prügeln? Ja, wenn der 60 Jahre alte Mann, statt empört auszurufen:„Was, auch noch schlagen?" stch dem 26jährigen Patron gegenüber wirklich zur Wehre gesetzt und ihn durch irgend einen Zufall lebensgefährlich verletzt hätte, j a B a u e r, das wäre ganz etwas Anderes! Beiläufig: welchen Einblick gewährt dieser Prozeß in die Lage unseres Landproletariats! Warum hat Lehrbaß den Hoyer zu Tode geprügelt? Weil derselbe Streit mit seinen Töchtern hatte? Schwerlich. Hoyer hatU' das„Verbrechen" begangen, Nachts für einen anderen Besitzer Gras zu mähen— eine Arbeit, die ein alter Mann, der den Tag über gearbeitet hat, schwerlich über- nimmt, wenn ihn nicht die Roth dazu treibt.„Hoyer war ein Säuser," heißt eS sodann. Nun, man weiß, weshalb diese ost- preußischen Tagelöhner gezwungen sind, im Schnapsgenuß Ersatz für die verausgabte Arbeitskraft zu suchen, im SchnapSgenuß, dem ihre edlen Herren, die nicht auf ihn angewiesen sind, keineswegs abhold sein sollen. Und wenn ein 60jähriger Mann, der eine Septembernacht— die bekanntlich schon recht kalt sind— hindurch gearbeitet hat, gegen Morgen trunken nach Hause kommt, e» braucht wahrlich nicht viel Alkohol, um diese Wirkung her- vorzurufen. Nein, hier gibt's keine Beschönigung, hier liegt ein Todt- schlag vor, ein ganz gemeiner Todtschlag. Wer nicht durch die Brille der Klassenvorurtheile sieht, für den gibt es darüber gar keinen Zweifel. Ja, die Vertreter deS formalen Rechts, die Mit- glieder des Gerichtshofes, scheinen, obwohl doch auch Klassen» genossen des Lehrbach, es nicht über ihr juristisches Gewissen gebracht zu haben, sich über daS Skandalöse dieses Urlheils, hin- wegzusetzen. Einige Tage später finden wir nämlich in den Königs» berger Blättern folgende Notiz: „Heute verkündete der SchwnrgerichtSprSstdent, Herr Land- gerichtSdirektor Bartsch, den Schluß der ersten diesjährigen Schwurgerichtsperiode, wobei er Veranlassung nahm, den Geschworenen Dank auszusprechen für die Pflichttreue und Auf- merksamkeit, mit der sie ihres Amtes gewaltet haben. Er könne konstatiren, daß eben diese Pflichttreue wesentlich dazu beigetragen habe, die Geschäfte zu erleichtern, und daß ihre Sprüche im Großen und Ganzen mit der Ueberzeugung des Gerichtshofes übereingestimmt habe»— bis aus einen Fall, der nicht weiter zu erörtern ist." Nun, die Gründe, welche nicht nur den Präsidenten, sondern auch die Königsberger Bourgeoispresse veranlassen, den„Fall nicht weiter zu erörtern", kann man sich leicht vorstellen,— von so etwaS spricht man nicht gern. Die gelehrten Richter haben ihre juristische Ehre gewahrt, und damit ist die Sache abgethan. Der Proletarier ist todt und sein Mörder frei — ein angesehener Mann. DaL ist und bleibt das Fazit der modernen Klassenjustiz. Die Fortsetzung des Artikels:„Die Unbesiegbarkeit der Sozialdemokratie" folgt in nächster Nummer. Soziales aus Amerika. Meinem Versprechen und der Aufforderung Seitens einiger Genossen, Etwas über die hiesigen Verhältnisse zu berichten, will ich hiemit nach- kommen. Ein Theil dessen, ivas ich sagen werde, ist freilich schon zu verschiedenen Malen an das Partei-Organ berichtet worden, wird aber immer noch von den Genossen nicht genug beachtet,(was ich aus eigener Erfahrung weiß). Denn wenn vor dem Ausivandern abgerathen wird, heißt es gewöhnlich: Schlechter wie hier, kann es mir da drüben auch nicht gehen; oder: Wenn es mir nicht gefällt, so gehe ich einfach wieder! Schöner Gedanke, aber es kommt meistens anders, da es hier Manchem schlechter geht wie draußen, und das Fortgehen auch leichter gesagt wie gethan ist. Die Dampfschiffs-Gesellschaften befördern Niemand umsonst, zu Fuß kann man auch nicht gehen, da bis jetzt noch keine Brücke über den Ozean gebaut ist. Nun zur Sache selbst. Für den Deutschen, der hier ankommt, ist das erste Hinderniß die Unkenntniß des Englischen. Es ist em gar merkwürdiges Gefühl, wenn man angesprochen wird und kein Wort versteht, auch keine Antwort geben kann. Es gibt zwar in allen Städten eine ziemlich große Anzahl Deutscher; doch ist englisch die Hauptsprache. In den Städten sind immer mehr Arbeiter als ver- langt werden; ich wandte mich daher ins Land, wo das Angebot nicht so groß ist, da nicht jeder ins Land gehen mag. Ich will deshalb auch hauptsächlich über die Verhältnisse im Lande berichten, und extra darauf aufmerksam inachen, wo die Städte auch mitgemeint sind. Seit einem Jahre bin ich jetzt hier in Palmyra, habe aber schon in drei anderen Orten gearbeitet. Ich wechselte stets um mich zu verbessern, indeß vergeblich, denn ich könnte eben so gut noch an meinen ersten Platze sein. Palmyra ist etwa 350 englische Meilen nordwestlich von New-Aork ent- fernt. Das Klima ist wohl nicht zu den gesündesten zu zählen, denn der Witte- rungswechsel geht hier zu schnell vor sich. Heute ist es sehr wann, um am nächsten Tage schon ganz empfindlich kalt zu sein. Verkehrswege hat eS hier genug: Eisenbahnen und Kanäle durchkreuzen das Land kreuz und quer. Mehrere gehen sogar ein und denselben Weg. Da ist z. B. die N.-I.-Central-Bahn, welche von Osten nach Westen führt, dieselbe hat vier Geleise,(die einzige Bahn in der Welt mit vier Geleisen). Auf einem Geleise gehen die Personen-Züg« nach Westen, auf dem andern nach Osten, so daß kein Zug auf den andern zu warten braucht, wie dies bei einspurigen Bahnen der Fall ist. Auf den zwei anderen Ge- leisen wird die Fracht befördert, und zwar nach gleichem ModuS wie die Personen-Züge. Mit dieser Bahn parallel geht eine zweite Bahn, und den gleichen Weg führt noch auf eine zweite Strecke von 350 Meilen ein Kanal, aus welchem viel Getreide, Kohlen u. s. w. befördert werden; doch nimmt der Verkehr auf den Kanälen mit jedem Jahre ab, da ja auch nur im Sommer gefahren werden kann. Der in Rede stehende Kanal hat zirka 185,000,000 Mark gekostet. Das Reisen ist hier, abge- ehen vom Fahrpreis, ziemlich kostspielig, wenn man auf Hotels ange- wiesen ist, denn da ist der Durchschnittspreis 8 Mark pro Tag. Zwischen den Orten mit 2—5000 Einwohnern hier und denen gleicher Größe in Deutschland ist ein großer Unterschied. Dieselben haben hier ein freundlicheres Ansehen und zeigen mehr Geschäftsleben. Das richtige Ge- schäftsviertel umfaßt hier nur eine oder zwei Straßen, wo sich die Läden, Hotels, Banken, kurz alle Geschäftslokale, eins neben dem andern befinden. Um diese Straßen gruppiren sich die Wohnungsquartiere— mit Bäumen angepflanzte Straßen. Die Häuser, meistens zweistöckig, sind gewöhnlich von Holz und werden nur von einer Familie bewohnt. Bei jedem Hause ist ein Garten, was ersterein ein freundliches Aussehen gibt. Ein Ort mit einigen Tausend Einwohnern nimmt infolge der vielen Gärten daher einen großen Flächenraum ein. An Wochentagen ist es in den Straßen ziemlich lebhaft, um so einsamer ist es am Sonntag, da dann alle Geschäfte geschlossen sind, selbst die Wirthschaften, infolge des Sonntags-Gesetzei und der Agitation der Wassersimpel(Temperenzler). Trotz alledem sieht man auch Sonntags Betrunkene, da die Wirthschaften hinten geöffnet sind, und dann bei verhängten Fenstern gekneipt wird. Dieselbe Ruhe herrscht Sonntags in den Städten, denn dort ist die Polizei noch schlimmer. Die meisten Leute gehen Sonntags zur Kirche, an denen hier kein Mangel ist, der kleinste Ort hat gewöhnlich 5—6 solcher Verdummungs-Anstalten auszuweisen. Auffallend ist, daß jeder kleine Ort einen Skating-rink(Rollschuh-Bahn) hat, wo sich männlich und weiblich täglich stundenlang herum tummelt. Sonst gibt es hier kein Vergnügen, als dann und wann einmal eine Theater- Vorstellung von emer wandernden Truppe. In den hiesigen Wirthschaften ist von einem Tisch oder Stuhl keine Spur, das Getränk wird an der Bar (Schenktisch) im Stehen getrunken,— von einem gemüthlichen Beisam- mensein kann also auch hier nicht die Rede sein. Hier ist nur Geld die Loosung, gleichviel wie es erworben wird. Wenn ein Ladenbesitzer, der seine 150,000 Mark werth ist,(wieder Amerikaner sagt) eigenhändig seinen Laden oder Straße segt, so küm- merl sich Niemand darum, Arbeit schändet hier nicht.„Ein Jeder kann es hier zu etwas bringen", wenn er smart(klug) ist, sagt der Amerikaner, aber auch von Deutschen habe ich diesen Unsinn schon gehört. Der Amerikaner ist überhaupt stolz auf sein Land. Er sagt: Es ist das beste und reichste Land der Welt". Freilich das Land ist schon recht, aber die heutige Gesellschasts-Ordnung ist nichts nutz. Was den Verdienst anbetrifft, so erhält ein Knecht bei einem Land- wirth 50—75 Mark monatlich, nebst Kost und Logis, dafür muß er aber sein Geschäft verstehen und hart arbeiten, wie überhaupt hier von Arbeiter mehr verlangt wird als in Deutschland. Ferner wird er nicht für's ganze Jahr engagirt, sondern auf 4—8 Monate, die übrige Zeit muß er für wenig Geld oder nur Kost und Logis arbeiten. Auch bekommt er bei seiner harten Arbeit nur drei Mal per Tag zu essen, und nicht wie draußen fünf Mal. Eine Magd erhält 6—8 Mark per Woche nebst Kost und Logis. Klempner, Hufschmide, Stellmacher erhalten 3—7 Mark pro Tag. In letzteren Geschäften, wie noch in verschiedenen anderen, wird aber ganz anders gearbeitet wie draußen, so daß ein Deutscher von vorne zu lernen anfangen muß. In der Schneiderei werden hier mehr Frauen als Männer beschäftigt, da dieselben selbstver- ständlich billiger arbeiten. Ein Schneider erhält durchschnittlich 32—40 Mark, Frauen oder Mädchen 12—20 Mark per Woche, wobei man sich nur wundern muß, wie letztere von solchem Verdienst leben können. Eisenbahnarbeiter erhalten für ihre schwere Arbeit, wobei sie noch jedweder Witterung ausgesetzt sind 4—5 Mark pro Tag. Ich könnte noch andere Geschäfte anführen, doch wird das Gesagte genügen. — Die Ausgaben, welche ein lediger Mann hat, sind Kost und Logis 16—20 Mark per Woche. Hemd zum Waschen 40 Pfg., Kragen L Psg., Taschentuch 6 Pfg., Socken 20 Pfg. u. s. w. Ein Gläs- chen Bier 20 Pfg., eine gewöhnliche Cigarre, 20 Pfg.— Ich glaube ein verheiratheter Mann kann billiger leben als ein lediger, vorausge- setzt, daß er eine tüchtige Frau hat. Einige seiner Ausgaben will ich hier anführen: Miethe 20—24 Mark per Monat, Holz, ein Cord— 3.624 Kubikmeter 20 Mark, Kohlen 1 Mark 26 Pfg. per Ztr., Schweinefleisch 44 Pfg. per Pfund., Rindfleisch 40—64 Pfg., Schmalz 48 Pfg., Butter 80—100 Pfg., Kartoffeln 120—160 Pfg. per Bushel— 35'/t Liter, Mehl 12—16 Pfg. per Pfund, Eier 64—120 Pfg. per Dutzend. Ein Herren- Anzug nach Maß kostet, wenn er einigermaßen sein soll, 100 Mark, Stiesel 28—40 Mark.— Fertige Kleider. Schuhe, Hemden u. s. w. sind fast ebenso billig wie draußen. Was nun die Geschäftslage im Allgemeinen anbetrifft, so sieht es schlecht aus im ganzen Land. Die Geschäfte gingen wohl noch nie so schlecht wie augenblicklich. In jeder Stadt sind Tausende von Arbeitslosen. Da heißt es denn gewöhnlich:„Von Zeit zu Zeit muß eine solche Krisis kommen." Oder:„Das Geschäft geht jedesmal im Jahre der Präsidenten- Wahl schlecht." Doch das sind alles nur Ausreden, denn wir Sozialisten kennen die Krankheit Keffer, wir wissen aber auch die Arznei dafür. Leider liegt unsere Partei hier noch in den Windeln; im Lande haben die Wenigsten vom Sozialismus auch nur etwas gehört, von einem Begreifen des- selben gar nicht zu sprechen. Dann und wann trifft man Einen, der einmal davon etwas hat läuten hören und dann die längst vergeffen« Redensart vorbringt: Ja die Sozialisten wollen theilen und alles er- morden. Freilich, wie können sie Belehrung finden, wenn die Zeitungen, welche diese Leute lesen, um kein Haar besser sind als die Reptilien- Blätter draußen? Wenn sie etwas vom Sozialismus berichten, so sind es Beschimpfungen oder Verleumdungen; aber wie der Heldengreis ge- schlafen hat und ob er guten Appetit hat, dies wird alles getreulich be- richtet, so daß man glauben könnte, in einer Monarchie zu leben und nicht in einer Republik, welche auf ihre Freiheit so stolz ist. Worin be- steht denn hier die Freiheit? Daß man vielleicht seine„Majestät im Frack" einen Esel heißen kann, oder daß wir bis jetzt noch kein Sozia- listen-Gesetz haben? Das ist so ziemlich die ganze Freiheit; denn öko- nomisch ist der Arbeiter mitunter noch abhängiger wie draußen. Bei einem Streike kommen Polizei und Soldaten dem Kapitalisten sofort zur Hülfe. Die Freiheit zu verhungern hat man auch, und davon wird leider täglich Gebrauch gemacht, und dies in einem Lande, welches so srucht- dar ist, soviel hervor bringt, daß die Bauern im Westen daS Getreide zu Feuerung benutzen, da es billiger als Kohle ist. Auch die Freiheit, sich selbst das Leben zu nehmen, hat man hier, vorausgesetzt daß man es vollbringt, denn wenn man nicht erfolgreich ist und sein Vorhaben nicht ganz ausführen kann, so wird man nachher bestrast. Das Gerichtswesen ist überhaupt gerade wie im Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte: die kleinen Diebe hängt man, die Großen läßt man lausen. Oft überkommt einem der Zorn, wenn man von diesen willkürlichen Verur- theilungen liest: hat einer aus Roth eine Kleinigkeit gestohlen, so er- hält er eine hohe Strafe; aber die großen Spitzbube», welche Millionen gestohlen haben, läßt man erst ruhig nach Canada gehen, bevor man zum Scheine gegen sie vorgeht. Alles dieses zu ändern ist die Aufgabe der Sozialisten, nur der Sozalismus kann hier Besserung schaffen. Dazu ge- hört aber eine tüchtige Agitation, und fehlt es hiezu namentlich an einem englischen Partei-Organ. Seit dem 1. Januar haben wir jetzt ein deutsches Central Organ für die Partei:„der Sozialist", dasselbe wird uns gute Dienste thun. In Deutschland wohnen auf einer Quadratmeile 216.62 Menschen, in Belgien 481.71, und in dem reichen Lande, welches alles selbst er- zeugt, was es braucht, in den Vereinigten Staaten 13.92. Bei dieser Zahl ist freilich der Westen in Betracht zu ziehen, welcher bis jetzt noch außerordentlich dünn bevölkert ist. Trotzdem hat es hier, wie ich schon anführte, eine schrecklich große Zahl Arbeitsloser. Ich könnte noch vieles schreiben, doch ist der Raum des Partei Organs zu beschränkt, deshalb will ich schließen. Ich habe alles geschildert, wie es ist, nichts beschönigt, aber auch nichts dunkler gemalt, als es sich in Wirklichkeit zeigt, und diejenigen Genossen welche mich kennen, werden von der Wahrheit meiner Angaben überzeugt sein. Sollte jemand speziell über etwas Auskunft haben wollen, so bin ich gerne bereit, seine Fragen, soweit ich da- zu im Stande bin, zu beantworten. Um nun zum Schluß noch einmal alles zusammen zu fassen, so kann ich nur sagen, daß ich Niemand zur Auswanderung rathen kann. Wer noch einigermaßen sein Auskommen hat, der bleibe lieber draußen, denn da weiß er was er hat; er weiß aber nicht, waS seiner hier wartet. Mit sozialistischem Gruß August HeimS, Palmyra, N.-I. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 31. März 1885 — Nun haben die Franzosen inTonkin eine ebenso heil- same Lektion empfangen als die öngländer im Sudan— wie dort die Araber, so haben hier die Chinesen den Vertretern der europäischen Zivilisation eine Schlappe beigebracht, wn der sie sich sobald nicht erholen dürften. Was wir über den Fall Chittum's schrieben, das könnten wir mit wenigen Modifikationen mit Bezug auf die Niederlage von Langson wiederholen, d. h. mit Modifikationen, bei denen die siegreichen„Bar- baren" nur gewinnen, die geklopften Vertreter Europas nur verlieren können. In Tonkin handelt es sich thctsächlich nur um einen Raubzug der beutegierigen französischen Bourgsiisie, es gibt auch nicht eine Entschuldigung für den mit— wir wollen nicht sagen beispielloser, denn die Geschichte der Bourgeoisie weist nm zuviele solcher Beispiele auf,— mit schamloser Ungenirtheit vom Zaum gebrochenen Krieg. Und doppelt zu gönnen ist der französischen Bourgeciste diese Niederlage, wenn inan sich erinnert, mit welcher Schadenfreude sie die Engländer nach dem Fall von Chartum verhöhnte. Zunächst freilich hat sie sich an der Mann gehalten, dem sie vor wenigen Tagen noch zujubelte: anFerry. Das Ministerium Ferry ist ge- stürzt— die Kammer, die ihm zwei Tage vorher ein Vertrauensvotum ertheilte, hat es ihm am Montag mit erdrückender Mehrheit verweigert. Hat sich Herr Ferry in den zwei Tagm verändert, ist seine Politik eine andere geworden? Mit Nichten. Die Größe unserer modernen Staats- männer wird auf den Schlachtfeldern entschieden— wir leben nicht um- sonst im Zeitalter des Militarismus. Hätte Oberst Herbinger vor Kilua gesiegt, so läge die französische— nicht doch, die ganze europäische Bour- geoisie vor Herrn Ferry auf dem Barch, kein Mensch würde es wagen dürfen, sein staatsmännisches Genie arzuzweifeln, bei Strafe, sich lächer- lich zu machen.— Heute steht sein� linfähigkeit für den letzten Spieß- bürger so fest wie Bismarcks Unfehlbrrkeit. Nun, Herr Ferry hat seinen Sturz verdient, er war nicht der einzige Sünder, aber er hat den Ruhm tiefes„glorreichen Feldzuges" ein- heimsen wollen, mag er jetzt daher seine Schande tragen. Aber noch einmal, er ist nicht schuldiger als die, welche ihn stürzten. Die Herren Bourgeois in der Kammer wußten so g»t wie er, welches Loos der französi- schen Soldaten wartete, die nach dem lonkin geschickt wurden, und wenn sie es nicht wußten und doch leichten Herzens für den Krieg stimmten, welchen Vorwurf können sie ihm dann machen? Nicht allwissend ge- wesen zu sein? Sie waren so gut wie er gewarnt, aber sie wollten nicht hören; und deshalb haben uitfer! französischen Genossen recht, wenn sie sich nicht mit dem Ruf der Radikilen: Nieder mit Ferry! begnügen, sondern ihn zu dem Ruf erweitern: Nieder mit der Kammer, das heißt mit der Bourgeoisie! Für Deutschland dürften die jüngsten Erfahrungen der Engländer und Franzosen die wohlthätige Wirkung eines abkühlenden Sturzbades für unsere Kolonialschwärmer haben;(m ein Kurieren dieser Leute ist allerdings vorderhand nicht zu denken. Jnveß: Hirtenknabe, Hirtenknabe, dir auch singt man dort einmal. — Zwischen England und Rußland scheint es nun doch in Zentral-Asien zum Klappen kommen zu sollen, die Betheuerun- gen der friedfertigen Gesinnung nehmen aus beiden Seiten kein Ende, und mittlerweile werden die Rüstungen mit fieberhafter Eile betrieben. Der Ausgang des Krieges kann für beide Länder, ja für die politischen Verhältnisse ganz Europas von verhängnißvoller Bedeutung sein. Eine Niederlage Englands ist nicht denkbar ohne die Revolution in Irland und großartige Aufstände in Indien, die zum Mindesten die englische Herrschaft in Indien bedeutend schwächen, zur Losreißung ganzer Pro- vinzen führen können. Damit wäre aber ein gewaltiges Absatzgebiet für Englands Jndustrieprodukte unterbunden und die Arbeiterfrage würde in England selbst zu einer Bedeutung sich entwickeln wie nie zuvor— der Bankrott der Gewerkoereinsvolitik wäre unvermeidlich, und durch die Gewalt der Dinge würden die englischen Arbeiter dem Sozialismus, der sozialen Revolution in die Arme getrieben. Eine Niederlage Rußlands aber hieße eine Niederlage des Zarismus, de« autokratif ch,e n Zar-n«giments, eine Konstitution wäre das Geringste, was der besiegte Zar zu bewilligen hätte, und Konstitution heißt für Rußland Revolution. In beiden Fällen wäre eine Rückwirkung auf das übrige Europa um so wahrscheinlicher, als die Verhältnisse überall so gespannt als möglich sind, die Arbeitslosigkeit überall zunimmt. Insofern« also können wir Sozialisten den Ereignissen durchaus neutral entgegensehen, wir haben in beiden Fällen nur zu gewinnen. Ja, es bedarf nicht einmal einer entscheidenden Niederlage. Nichts schwächt bekanntlich heutzutage die Regierungen mehr als ein langwieriger Krieg. Wir sagten: neutral den Ereignissen. Mit Vorbedacht. Den Regierungen, besonders der russischen, gegenüber gibt es für uns keine Neutralität, und namentlich haben wir Sozialisten nichts mit der neutralen Haltung gemein, die Bismarck beobachtet, und die einer moralischen Unterstützung Rußlands so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. — Wieder ein furchtbares„Grubenunglück" in Oesterreich— ganz in der Nähe der Grube, wo erst neulich die mörderische Explosion statt hatte. Wenn wir die S a a r b r ü ck e n e r „Katastrophe" mitrechnen, das dritte große„Grubenunglück" binnen we- »igen Wochen im Bereich der ehemaligen deutschen Bundesstaaten. Die „Ursachen" werden natürlich nie genau ermittelt werden— solche Dinge vertuscht man systematisch, und die Untersuchungen, welche pro korma veranstaltet werden, haben nur den einzigen Zweck, die Aufmerksamkeit von der wahren Ursache abzulenken. Diese liegt, wie von unserer Partei schon hundertmal ausgesprochen worden ist, in dem gegen- wärtigen Ausbeutungssystem. Es ist erfahrungsgemäß fest- gestellt und wissenschaftlich nachgewiesen, daß die G r u b e n- E x p l o- sionen unfehlbar verhütet werden können. Diese Ex- plosionen entstehen entweder durch gewisse entzündliche Gase(die söge- nannten„schlagenden Wetter") oder durch massenhaft in den Schächten und Stollen herumfliegenden K o h l e n st a u b, der sehr rasch verbrennt und dabei Explosionen herbeiführt. Weder die„schlagenden Wetter" noch die Kohlenstäubchen können sich aber in gefährlicher Menge ansammeln, wenn eine genügende Ventilation vorhanden ist. Das ist von den ersten Autoritäten Englands, auf welche Liebknecht im sächsischen Landtag anläßlich der Brückenberg-Schacht-Katastrophe Bezug nahm, festgestellt worden. Also die Möglichkeit derVerhütung, der vollständigen Verhinderung liegt vor. Unglücklicher- weise sind jedoch die Ventilationsvorrichtungen kostspielig, und da die kapitalistische Produktion nicht das Wohl der Menschen, sondern ihre Ausbeutung bezweckt, so fällt es den Herren Grubenbesitzern nicht ein, sich in die nöthigen Kosten zu stecken. Das Arbeiterleben hat keinen Werth— neue Arbeitskräfte sind stets„billig" zu beschaffen, und so läßt man's denn darauf ankommen. Findet eine Explosion statt — je nun, das ist eben ein„Unglück"— die todten Arbeiter werden durch frische Kräfte ersetzt, und wird in der Grube selbst Schaden ange richtet, so ist der Schaden schon im Voraus von den todten Aus gebeuteten bezahlt— und, wenn nicht, dann wird er nachträglich von den neuen lebenden Ausgebeuteten bezahlt. Das ist der Lauf der kapitalistischen Produktion, und in ihrem Wesen begründet. Und weil es in ihrem Wesen begründet ist, werden diese Menschen-Heka t o m b e n sortdauern, so lange die kapitalisttsche Produktion und Aus- beutung besteht.— — In Bielefeld ist Ende voriger Woche der Staat wieder einmal gerettet worden, und zwar in großartigster Weise. Po- lizei und Militär allein thaten es nicht, es wurde auch obendrein der Belagerungszustand proklainirt. Natürlich waren es die Ar- b e i t e r, vor denen der Staat„gerettet" werden mußte, die Arbeiter, die ja eigentlich die besonderen Schützlinge dieses Staates sind. Aber Undank ist nun einmal der Welt Lohn, und ganz besonders scheint dies in Bezug aus die Arbeiterklasse zuzutreffen. Man höre nur. Seit mehreren Wochen hatten in Bielefeld die Arbeiter mehrerer dortiger Nähmaschinenfabriken Lohnkonflikte durchzukämpfen, in einigen Fabriken hatte man sich geeinigt, absolut hartnäckig verhielt sich den Arbeitern gegenüber die Firma F. W. K o ch& E i e. Ali alle Versuche, eine namhafte Anzahl der Streikenden durch die Hunger- peitsche zur Wiederaufnahme der Arbeit zu zwingen, fehlschlugen, der Zuzug fremder Arbeiter auch zu wünschen übrig ließ, da wandten sich die ehrenwerthen Herrn an den Vorstand der nahe gelegenen„Arbetter- kolonie" Wilhelmsdors, Herrn Pastor Bodelschwingh. siehe da, der große Arbeiterfreund, der sich in allen konservativen Llij! tern als Wohlthäter der arbeitenden Klassen ausposaunen läfl hatte nichts Eiligeres zu thun, als soviel Arbeiter als nur möglich � Wilhelmsdorf nach Bielefeld zu entsenden— richtiger zu verschicken,"■ te in der dortigen Herberge zur Heimath untergebracht und den Herr Koch behufs Unterdrückung ihrer Arbeiter zur Verfügung gestellt wurde» Das war den Arbeitern Bielefelds denn doch zu arg, und nun gannen die„Unruhen". Den Anfang derselben kennt man aus unzL ligen Beispielen. Die Arbeiter versuchen ihre eingesangenen KameralZ zu überreden, von dem selbstverrätherischen Beginnen abzustehen, es fi" hier und da ein hartes Wort, und sofort ist die Polizei da, konstat» „Bedrohung" und nimmt Verhaftungen vor. So wird die Stimm« immer mehr gereizt, und bei der allgemeinen Sympathie der Gesam» arbeiterschaft Bielefelds war der Tumult, der„Aufruhr" da, w- wußte nicht wie. Das war dem Herrn Koch natürlich gerade«i denn sobald die Militärgewalt Ursache findet, einzuschreiten, haben> Unternehmer fast gewonnen Spiel. Der Belagerungszustand proklann heißt jede Verständigung unter den Streikenden unmöglich gemacht, h« sie auf Gnade und Ungnade den Fabrikanten überliefern. Das ist die Hilfe, welche der heutige Klassenstaat de« Arbeitern Theil werden läßt, dies ist die Unterstützung, die sie von ihm zu warten haben. Man bemesse danach den Undank der Arbeiter, wenn ich gegen diesen Staat auflehnen, der sie so gut beschützt, wie Bisrf die Kamerun-Neger. Auch diese waren bekanntlich undankbar ge" den preußisch-deutschen„Schutz" abschütteln zu wollen. Und undankbar, maßlos undankbar erweisen sich die deutschen beiter, wenn sie sich nach so glänzenden Proben nicht von nörgeln! Zweiflern zu begeisterten Verehrern der famosen„ArbeiterkolonU bekehren. Jetzt werden sie doch hoffentlich begreifen, warum die R« sirung dieser großartigen Ideen von allen Fraktionen der besitze»! Klasse, in liberalen wie konservativen Kreisen, mit Eifer in die genommen wurde, warum an allen Ecken und Enden Arbeiterkolob entstehen. Denn Arbeitersreunde sind diese Herren alle, alle. Mögen also die Arbeiter allerorts aus den Bielefelder Vorkommni die nöthigen Konsequenzen ziehen und ihre Freunde gründlich erkeib lernen! — Der Herr hat's gegeben— nämlich das Kommando „sammeln"— der Herr hat's genommen— nämlich das 1 sein Kommando„gesammelte" Geld— der Name des Herrn gelobt— nämlich der Name des Herrn Otto Bismarck— so bl jetzt in byzantinistischer Loyalitäts-Verzuckung der Chorus der Natu» servilen in Deutschland, nachdem selbst die Servilsten der Servilen ei Moment stutzig gewesen waren ob der affenartigen Geschwindigkeit, welcher„Er"— der große Nationalgötze— den Ertrag des O Pfennigs" und das„alte Familienstammschloß derer von Bismarck� seine wohl dotirten Taschen gesteckt hat— Verzeihung!— hat st« lassen. War das eine Ueberraschung, als es plötzlich hieß, das„natio> Geschenk", die famose„Ehrenspende", die irgend einem„erhabenen n» nalen Ziele" zugedacht war, auf Grund der Vorspiegelung$ solch„erhabenen nationalen Zieles" erschnorrt, erbettelt und eiq» worden ist, sei„i m E i n v e r st ä n d n i ß" mit dem großen Ratio götzen dazu verwandt worden, dessen riesiges, während seiner Amts rung„erworbenes" und vom„Staate"(der er selbst ist), gesche» Vermögen noch um 1'/, Millionen zu vermehren. Sie standen da, niedergedonnert, die Herren Nationalservilen. Welche Enttäusch» Welche gigantische Blamage für sie, uno für den„Gefeierten", der Spender des„Ottopsennigs" so hübsch in den April geschickt hat. n1 Ansehe» des Reichskanzlers ist gefährdet,"„sein Ruf ist kompromitti „das ist der schwerste Schlag, der ihm je zugefügt worden ist,"—» lich dem Helden des 1. April— so jammerten sie, die Nationallibes — allein die vollendete Thatsache war geschaffen, die„Entrüstung" w» für patriotischere Gelegenheiten auf Flaschen gezogen, und nun tö>» in bier- und weingekräftigtem Jubelchor: Der Herr hat's genom» der Name des Herrn sei gelobt! Und„der Herr" macht ein wonnestrahlendes Gesicht— was ist J sehen", was ist„Ruf", was schiert ihn die spießbürgerliche Moral? steht über der Moral, wie er über der Nationalökonomie und ü i der Logik steht— und die Katze, die Katz' ist gerettet, das alte Sta» gut der Bismarck glücklich in den Familienbesitz der Dynastie Bis« gebracht, ohne daß der hartleibige Otto einen Pfennig zu berappen h! Wahrhaftig, die Politik ist ein gutes Geschäft— wenn man sich va» versteht. Und mit dem Stammgut wird's noch gar nicht gethan sein—[ die noch übrige Million des„Ottopfenitigs" wird sich auch noch praktische Verwendung finden lassen, das heißt eine Verweil!» welche dem„praktischen Sinne" des nationalen Aprilhelden entsp Wer sucht, der wird finden, sagt die Bibel.— — Wozu die Steuern erhöht werden müssen.: preußischen Landtag wird demnächst ein Antrag vorgelegt werden Gewährung einer immerwährenden Rente von jähr- 3 00,000 Mark an das„herzogliche Haus von Schleswig-Holsi� Diese Rente soll angeblich das Versöhnungswerk zwischen! Augustenburgern und den Hohenzollern, die den Ersteren 1866 best lich die Herzogthümer wegschnappten, besiegeln,— den Anfang n? die Ehe zwischen dem Prinzen Wilhelm von Preußen und der A des Herzogs Friedrich. Eine Versöhnung ist nun gewiß etwas Schönes, wie kommen aber die preußischen Steuerzahler dazu-, Kosten dieser Versöhnung zu zahlen? Wird ihnen durch diese V6 nung irgend eine Unannehmlichkeit, gar ein böser Krieg erspart? Nichten. Kein Mensch spricht mehr von den Ansprüchen der Aug» burger, der verstorbene Herzog hat zudem feierlich auf seine Ans?- auf die Herzogthümer verzichtet, mit einem Wort, es handelt ff selbst wenn man sich auf den Boden der gegebenen Thatsachen stellt � eine reine Privatangelegenheit der Hohenzollern, um ein Gesck an ihre, allerdings in ziemlich knappen Verhältnissen lebenden f Verwandten; denn„versöhnt" sind die Herrschaften längst. Abi- lieben Vettern brauchen Geld, und bei der sprichwörtlichen Freigeb der Hohenzollern sind es die beglückten Unterthanen derselben,» den Spaß aus ihrer Tasche bezahlen müssen, denn daß das AbZ- netenhaus die Summe nicht verweigern würde, wer konnte bei Preußen-Deutschland grassirenden Hyper-Loyalität daran zweifeln? etwas kommt höchstens bei den„krämerhaften" Engländern oder K „verkommenen" Franzosen vor, welch letztere pietätlos genug sin! für derartige Stipendiaten des Volkssäckels das höchst respektff Wort budgetivores(Budgetschlucker) haben. — Ueberaus ergötzlich ist es, zu sehen, wie sich die Wi» nationalservilen Bismärcker über die mit ihren hochtrabenden Sst arten in so schauderhafter Weise konttastirende Verwendung des Pfennigs Luft macht. In ihrer Verzweiflung hauen sie auf die Juden im Berliner Bismarckkomite los, als ob diese den Anka? Gutes Schönhausen angeordnet hätten, und nicht Er, der Große, erhabene in höchsteigener Person. Nie hat die deutsche Presse s- Bismarckbeleidigungen ungestraft verübt, als in den' Wochen, denn all die Liebenswürdigkeiten, welche der servile Chor» Berliner Komite an den Hals warf, fielen auf den»piritue rootoi selben, und dieser ist kein anderer als der große Otto. Noch mehr. Wo die ungestrafte Bismarckbeleidigung blüht, seh! türlich auch die unge st raste Majestätsbeleidigung Der alte Wilhelm hat bekanntlich die Verwendung des Ottopfenni Bismarckischen Sinne allerhöchst genehmigt. Es hat also auch er fl nationalen Geist„versündigt". So finden wir z. B. in dem Wutt der servilen„Dresdener Nachrichten" folgende köstliche Perle s „Fürst Bismarck erlebt an diesem Falle, wie sehr ihn die Zudri? keit von Leuten wie Davidsohn und Mendelssohn in schiefe Lage t Wenn nun erzählt wird, daß der Kaiser diesen Verwendungsplan g« habe, so beweist das nur, daß man verstanden hat, die Sache dem Herrn so darzustellen, daß dieser in Gottes Namen Ja gesagt hat. was läßt sich schon arrangiren. Das Reizendste wär« wenn Fürst Bismarck an seinem Geburtstage sich für die ihm zug< Erhöhung seines Privatvermögens bestens bedankte, dem Deichhau?! Gärtner ein anständiges Abstandsquantum auszahlen ließe und im gen die Gelder zu einer großen nationalen Stiftung ungetheilt best Dann wäre die Liebedienerei und das aufdringliche Schmarotze' das auf seinen Privatvortheil ausgeht, eS aber unter ersterbend stifsenheit zu verstecken weiß, an Bismarcks Geburtstag gründlich in den «?ril geschickt!" Also„so was läßt sich schon arrangiren"? Das heißt mit andern Worten, der Kaiser ist unzurechnungssählg, er weih nicht mehr, was er thut. Deutschlands Schirmherr, der Held aus dem Throne, »or dem sie Alle auf dem Bauch liegen, schrumpft plötzlich zur w rtl en- losen Marionette zusammen,— wehe dem oppositionellen Blatte, das auch nur eine Andeutung in diesem Sinne gemacht, es hätte diese „Frechheit" mindestens mit mehrmonatlichem Gesangnip zu büßen gehabr. Natürlich sind weder Herr Mendelssohn noch Herr Davidsohn im Ber- liner Komite maßgebend— Letzterer spielt da nur die Rolle des gedul- deten Reporter,— sondern die Herren Gneist, Miquel, Stumm, der „Konig", Köller, Dietze, Herr Wedelll Pillsdorf, der Herzog von Ratibor u. s. w., u. f. w. Diese Ehrensäulen der staatserhaltenden Parteien gehören also auch zum„ausdringlichen Schmarotzerthum". Run, uns tanns recht sein, das aus konservativem Munde zu hören. Daß aber nicht diese„Liebediener", sondern ganz andere vom selbst- losen Reichskanzler auf die„reizendste Meise" in den April geschickt worden sind, das ist der Humor davon. —„Landesverrath" und Preßfreiheit. Am 24. Februar fand in London ein großes Meeting in Memorial-Hall statt, einbe- wsen von der Friedensgesellschaft behufs Protest gegen den Krieg im E u d a n. Der Saal war überfüllt, die Anwesenden rekrutirten sich fast ausschließlich aus dem Arbeiterstande; Borsitzender war Thomas 8urt, der Abgeordnete und GewerkvereinsfUhrer. Die Veranstalter der Versammlung, schreibt„Commonweal", drückten ßch in chren Reden sehr zurückhaltend aus, sie schienen Angst davor zu haben, etwas zu sagen, was die Regierung verletzen könnte, während Man die Jobber, welche den Krieg angezettelt, frei lausen ließ. Da die vorgeschlagene Resolution sehr schwach und unsicher geHallen war, schlug ein anwesendes Mitglied der sozialistischen Liga folgende vor:„Die heutige, hauptsächlich aus Arbeitern bestehende Versammlung ist über- ifugt, daß der Krieg im Sudan von der Kapitalistenklafse angestlslet sil, um ihr Ausbeutungsgebiet zu erweitern. Und wir stimmen der An- slcht bei, daß der von den Sudanesen gewonnene Sieg ein Triumph des Rechtes über das Unrecht ist, errungen von einem Volke, das für seine Freiheit kämpft." Der Antragsteller forderte die Versammlung auf, von allen nationalen Unterschieden abzusehen und ihr Augenmerk uur auf die Klassen unterschiede zu richten, und erklärte unter Beifall- rufen, daß das englische Volk dem Sieg der Sudanesen zujubeln sollte, well er von einem Volt gewonnen sei, das gleich uns em Opfer kapi- talistischer Räuber ist. Die Ausführungen wurden mit Begeisterung unterstützt und die Re- svlution angenommen. Die gleiche Resolution ward am 4. März in einer Versammlung im Westminster-Town-Hall, in einer Versammlung des radllalen Vereins von C r o y d o n und in einer Versammlung in Whilechapel ange- Kommen. Welch' ein„vaterlandsloses Gesindel" sind doch diese englischen So- zialisten! Man denke nur: England führt Krieg gegen die Völker des Sudans, und diese Leute nehmen eine Resolution an, daß sie den Sieg �rr Feinde mit Freuden begrüßen! Ist so etwas erhört? Und noch Eins I Man nehme einmal an, die Geschichte wäre in Deutschland passtrt, deutsche Sozialisten hätten es gewagt, eine solche Resolution zu fassen. Welch' ein Eeschrei würde sich gegen sie erheben! Hochoerratg, Landesverrath— so wurde es von allen Seiten erlönen. Man würoe die Missethäter sofort einstecken, jede Versammlung auslösen, in welchen auch nur ein Wort in diesem Smne fiele, jedes Blatt konstsziren, das folch„landesverrätherischem" Vorgehen das Wort zu reden wagte. In Enzland nichts von AUedem. Es fällt keinem Menschen ei», daran An- stoß zu nehmen, daß tieute ihre Weinung frei heraussagen, selbst wenn sie den Leitern der englischen Politik noch so unliebsam ist. Wir halten eS umf'omehr für zeitgemäß, folche Betspiele dafür, was man in anderen Ländern unter Preß- und Redefreiheit versteht, zu bringen, weil man in Deutschland, Dank der tnsamen Blsmarck'schen Polizeipraxis, nachgerade jeden Waßstab dafür zu verlieren scheint— nicht nur in den Kreisen der Regierungstreuen. Was würde in Deutschland z. B. für em Geschrei entstehen— von allem gerichtlichem Einschreilen abgesehen wenn ein Blau eS wagen wollte, etwa Folgendes zu schreiben: „Unser allergnädlgster König, Herr Zollern, hat sich nothgedrungen herbeigelassen, 3ÜÜU Mark zu Gunsten ber verunglückten Bergleute zu spenden. Herr Zollern bezieht jährlich eine Zivillisre von 12 Millionen Mark, macht pro Tag ca. äii,000 Mark. Man berechne danach, wie viel Stunden der Herr Zollern schlafen mußte, um diese Summe zu ver- dienen." Nicht wahr, eine gräßliche Majestätsbeleidigung? Nun, man setze statt Herr Zollern Herr Koburg, statt verunglückte Bergleute Arbeitslose, verändere die Zahlen ein wenig, und man hat den Wortlaut einer Notiz, die vor wenigen Wochen>n der Brüsseler „Voix de l'Ouvrier" stand, ohne daß sich die Hand eines Staatsanwaltes auch nur gerührt hätte. Es kommt wenig darauf an, ob man solche Aeußerungen schön findet oder nicht, es handelt sich um eine Frage des Rechts. Uno wer uns mit der Redensart kommt, daß Preßfreiyeit zur„Verrohung ber Prsste" führt, dem geben wir den Rath, die Berliner Presse mit der Londoner, Brüsfeler, Pariser ic. Presse zu vergleichen und uns dann zu sagen, w o die größere Rohheu zu finden ist. m. Abkommandirt! Bei der entscheidenden Abstimmung über die Dampsersudventionsvorlage(am 27. März) siegte die Samoa- Zweiglinie und schließlich die ganze Vorlage mit einer Mehrheit von nur wenigen Stimnien. Die Sozialdemokraten waren, mit Ausnahme der wegen Krankheit oder dringender Geschäfte beurlaubten Mitglieder(6) vollzählig erschienen; und ihre 18 Stimmen würden, wenn das Zentrum uno die Deutsch-Freisinnigen in gleicher Stärke erschienen wären, und ebenso gestimmt hätten wie acht Tage vorher bei der zweiten Lesung, den Ausschlag gegen die Dampfersubvention gegeben und das Gesetz zum Falle gebracht haben. Diese Voraussetzung traf aber nicht zu. Nämlich sowohl das Zentrum als die d e u t s ch> f r e i s i n n i g e Fraktion hatten eine beträchtliche Anzahl ihrer Mitglieder„ab- t o m m a n d i r t", weil sie die Abstimmung der zweiten Lesung nicht in Frage stellen wollten. Vom Zentrum kann das nicht Wunder nehmen und es ist ihm auch nicht üoel zu nehmen: das Zentrum steht der Dampfersubvention nicht prinzipiell feindlich gegenüber, und es darf aus taktischen IÄ runden in seinem Kampf mit der Reichsregie- ' rung nicht über gewiste, durch fein Interesse vorgeschriebene Grenzen hinausgehen— wie denn auch die Regierung in ihrem Kampf mit dem Zentrum solche Grenzen hat. Anders liegt die Sache mit der deutsch- freisinnigen Partei. Als Vertreterin des Manchesterthums steht sie der Dampfersubvention prinzipiell feindlich gegenüber, und ist, kraft ihres Prinzipes, verpflichtet, sie mit allen chren Kräften zu bekämpfen. Trotz- dem tommandirle Herr Richter gut die Hälfte seiner Untergebenen ab, um die Subvention durchzubringen! Aus welchen Motiven? Nun, der Grund ist ein sehr einfacher: die Dampfersubvention ist dem biederen Eugen höchst fatal, allem noch weit fataler ist ihm die Aussicht auf eine Auflösung des Reichstags. Und wenn auch Fürst Bismarck ausdrücklich erklärt hat, er werde wegen Verwerfung der Dampfersubvention nicht auflösen, so weiß Herr Eugen Richter doch, daß Fürst Bismarck die Dampfersubvention wünscht und durch Verwerfung derselben in eine gereizte Stimmung versetzt würde. Und einmal in gereizter Stimmung, könnte er, trotz seiner Erklärung, vielleicht doch auflöfen. Der tapfere Eugen aber hält gleich seinem unparlamentari- fchen Vorbild, dem großen F a l st a f f, die Vorsicht für den besseren Theil des Muths; und da hat er denn fürsorglich„abkommandirt". Es erfcheint daS um fo hübscher, wenn man bedenkt, daß der brave Eugen acht Tage vorher unniotioirter und unsinniger Weise unserer Fraktion den Vorwurf gemacht hatte, s i e habe in der Dampferfubventlons frage„abkommandirt". DaS kennzeichnet so recht den Mann. — Ein alter Bekannter. Mr lesen in der Münchener„Allge- meinen": „Ueber die Person des Gouverneurs von Kamerun scheint eine end- giltige Entscheidung noch nicht getrosten zu sein. In einigen Blättern wird gemeldet, daß der älteste Sohn des Ministers von Puttkamer für einen Posten in Kamerun in Aussicht genommen sein." Sieh' da, Jesko! Der Junge hat wirklich einen guten Geschmack. In den Kolonien, da ist noch etwas zu machen. Wen man daheim nicht verwenden kann, den bringt man in den Kolonien an— das hat die englische Aristokratie schon längst so gemacht, warum soll es ihr die deutsche nicht nachmachen? Der deutsche Steuerzahler hat so wenigstens die tröstliche Gewißheit, daß, wenn die Sache in den Kolonien auch sonst schief gehen sollte, wenigstens gewiste zärtliche Väter der Sorge um ihre theuren Söhne enthoben sind. Unseren Glückwunsch, Exzellenz Puttkamer! r.„Demokratisches Ble ch." Die Herren Lenzmann und Kompagnie scheinen unfähig, die greifbarsten Thatsachen zu begreifen. Welche Thatsacye könnte z. B. greifbarer sein, als das Fiasko der„neuen" ächten uno einz>g wahren„demokratischen Partei"? Und doch fahren die Herren Lenzmann und Kompagnie init unverwüstlicher Köhlergläubigkeit fort— denn Verstellung können wir bei ihnen nicht annehmen— die„neue" Partei als wirklich«orhanden zu betrachten nnd auszuposau- nen oder auszutrommeln— denn etwas Klappern gehört zum Hand- werk: zu Parteigründungen wie zu anderen Gründungen. Auf die so unverwüstliche Köhlergläubigkeit ist eS auch zurückzuführen, daß die Herren Lenzmann und Kompagnie soeben ein zweites Organ in das Leben gerufen haben(soweit da von von Leben die Rede sein kann), obgleich das erste:„Die demokratischen Blätter" notorisch an Abonnentenschwind- sucht leidet, und— wenn nicht Sozialdemokraten das oft recht gute Artikel bringende Blatt hielten— kein Dutzend Abonnenten hätte. Das gehört aber ebenfalls zu den Thatsachen, welche zu begreifen die Herren Lenzmann und Kompagnie unfähig sind— und so haben sie denn ein zweites Organ i» die Welt gesetzt:„Die Rheinisch-Westphäli- schen Blätter". Und die„Rheinisch-We�phälischen Blätter" erscheinen in Elberfeld— was wiederum sehr charakteristisch ist. In Elberfeld ist nämlich in Folge der starken Entwicklung der Sozialdemokratie so wenig Boden für die„neue" Partei, daß von den paar Mann, welche Herr Lenzmann dort fich zusammengesucht und in einen sogenannten „Ausschuß vereinigt hatte, die meisten, als sie das mit Händen greifbare Fiasko sahen, am hellen, lichten Tag mit Sack und Pack in das fort- schrittliche Lager zurückliefen. Jndeß auch diese greisbare Thatsache vermochten die Herren Lenzmann und Kompagnie nicht zu begreifen, uno — ber Sitz des zweiten Parteiorgans wurde nach Elberfeld verlegt. Da das zweite Organ unzweisetyaft denselben Erfolg haben und dem- selben Schicksale verfallen wird, wie das erste, würden wir der harm- losen Gründung gar nicht Erwähnung gethan haben, wäre uns nicht der Programmartikel zu Gesicht gekommen, in dem sich ein seltsamer Passus über die sozialdemokratische Partei befindet, so seltsam, daß wir ihn durch Abdruck der Vergessenheit entreißen müssen. Nicht als ob etwas 'Neues darin stünde. Bewahre! Aber daß es im Programmartikel eines „demokratischen" Organs steht— das ist seltsam oder vielleicht auch nicht. Es heißt hier nämlich: „Von den Sozialdemokraten unterscheiden wir(reine Demokraten) uns auf wirthschaftlichem Gebiete dadurch, daß wir den privaten Erwerbs- betrieb erhallen und stärken wollen, während jene alles Heil allein von der sozialistischen Produktionsweise erwarten, d. h. den ganzen Staat in eme einzige große Werkstälte verwandeln wollen, in welcher Alle gleiche Rechte uno gleiche Pflichten in einer Weise haben sollen, daß für die persönliche Tüchtigkeit des Einzelnen kein Raum mehr übrig bleibt, es also auch kernen Antrieb, sich vor Andern auszuzeichnen, mehr geben kann. Letzterer Umstand aber würde den Rückgang der ganzen menschlichen Gesellschaft herbeiführen; denn wo die einzelnen Glieder sich auf das Allernothwendigste beschränken, da thut dies eben dadurch auch die aus den Einzelnen sich bildende Gesammtheit, womit die Menschheit immer mehr auf den sozialen Standpunkt derThierheit zurücksinken müßte." Ei, ei, ei! Der Leser wird jetzt wissen, warum wir diesen Passus des demokratischen Programmartlkels der Vergessenheit entrissen und ange- nagelt haben. Die braven Herren Lenzmann und Konipagnie sind ge- nau m den gleichen bormrten Anschauungen betreffs unserer Partei be- fangen wie die Herren Eugen Richter und Genossen. Der Sporn und „Antrieb" fällt weg, sobald der„Kampf um's Dasein" geregell und die Existenz eines Jeden garantirt wird— und die Menschheit verfällt in Barbarei und schließlich in„Thierheit". Ei, ei, ei! sagen wir noch ein- mal. Die Herren Lenzniann und Kompagnie entpuppen sich mit dieser Kundgebung als vollblütig« Freihändler, o>e wahrhastig keinen Grund gehabt hätten, sich von der Fortschrittspartei loszulösen. Vielleicht be- antwortet Herr Lenzmann uns gelegentlich die Frage, ob die S ch i t l e r, G ö t y e,«Shakespeare u. s. w. durch den„Antrieb, sich vor An- deren auszuzeichnen", zu dem gemacht worden sind, was sie waren und sind. B es ch e td en e Menschen wurden nach dieser famosen Theorie gar nichts leisten, und die Eitelsten das Höchste, während eS in Wirk- lichkeit bekanntlich gerade umgekehrt ist. lind was heißt überhaupt„Antrieb, sich vor Andern auszuzeichnen"? So weit darunter der allen edlen Naturen eigene Trieb, mit dem Ge- leisteten nie zufrieden zu sein, sondern immer höher und vorwärts zu streben, verstanden ist, wird er sich in der sozialistischen Gesellschaft eben so gut geltend machen können, wie m der heuligen Gesellschast— nur mit deni einzigen Unterschied, dag, in Folge der befleren Erziehung und der einem Jede» gegebenen Möglichkeit der Ausbildung, die Zahl derer, die durch diesen Trieb vorangedrängt werden, hundert- und tausendmal so groß sein wird als heute, wo die ungeheuere Mehrzahl ber Menschen nicht die Riöglichkeit har, sich auszubilden, und nicht die Gelegenheit, „sich vor Anderen auszuzeichnen". Damit genug. Dem Perrn Lenzmann, der ein ganz braver Mensch aber sehr schlechter Musitant ist, rathen wir, etwas zu lernen und ein Bisch-n nachzudenken, dann wird er uns init solchem Blech künstig ver- schonen.— �— Der gereinigte Kriegerverein. Wie der Phönix aus seiner Asche, so hat sich aus den Trümmern des aufgelösten Braun- schweizer Landweyrvereins ein neuer. Verein aufgeschwungen— so reinlich und so zweifelsohne, wie kein zweiter in deutschen Landen zu finden. Er führt daher auch den hehren'Namen Kriegerverein„Wilhelm", lieber eine Sitzung dieses Mustertindes lesen wir folgenden hübschen Bericht der regierungstreuen„Braunschweigijchen LandeS-Zeitung": „Der Kriegerverein„Wilhelm" hielt am Sonnavend seine zweite Ver- sammlung ab, an welcher etwa 1W Kameraven theilnahmen. Der zweite Präsident, Rechlsanwatl Nessig, hieß die Anwesenden willkommen und erössnete mit einem Hoch aus Se. Majestät die Versammlung. Genannter Herr hielt es für seine Pflicht, diejenigen Kameraden, welche bis zur Austosung des KreislandwehrvereinS noch Mitglieder desselben gewesen, ausmerksain zu machen, dag diese vor Ablauf von drei Monaten dem neuen Vereine nicht bettreten könnten, um die Achtung vor dem Gesetze zu wahren. Daraus wurden die Statuten eingehend verlesen. Der Vor- sitzende bittet jeden Kameraden, sich ernstlich zu sragen, ob er die Satz- ungen unterschreiben könne. Dann zirlulirte ein Schrlststück folgenden Wortlautes:„Ich verpflichte mich auf mein Ehrenwort, mein Leben sowohl innerhalb als außerhalb des Vereins den Satzungen desselben gemäß einzurichten und bekräftige dieses durch meine Unterschrrf t." Nachdem über die Unterschriebenen einzeln adgestimmt, war die Zahl ber Mitglieder des neuen Vereins bis auf 8ii gestiegen. Für die Folge wird der Vorstand, erweitert durch eine Aufnahinekommission, aus fünf Mitgliedern bestehend, über die Ausnahme angemeldeter Kameraden ent- scheioen. Um zu bezeugen, daß es hauptsächlich darauf ankomme, einen Krngerverein im wahren Sinne des Wortes zu gründen, dem alle ma- tenellen Vortheile'Nebensache sind, wurde von der Gründung einer Sterbetasse vorläufig Abstand genommen. Kaisers Geburtstag wird in Danne's Restaurant sestlich begangen werden, und es sind die Kameraden damit beauslragt, für Unterhaltung des Abends zu sorgen. Auch wurde in Rücksicht aus die Kasse beschlosten, daß jeder Theilnehmer ein Entree zu bezahlen habe. Damit war die Tagesoronung erledigt.— Möge der junge Verein immer mehr gedeihen, die Wurzel echt patriotischen Geistes immer fester Boden fassen und das Werk ein gesegnetes sein." Amen! — Solidarität. Wir erhalten folgende Zuschrift aus Paris: „Werthe Genofien! Wir senden Euch in diesem Briefe die Summe von Fr. 108 80, den Ertrag der von der Föderation des Zentrums veranstalteten Sammlung zu Gunsten des Wahlsonds der deutschen Sozialdemokratie. „Der Betrag ist nur ein geringer und kommt sehr spät, aber wir haben die Sammlung leider zu spät in die Hand genommen, um sie rechtzeitig senden zu können. Es ist das erste Mal, daß eine derartige Sammlung versucht wurde, und Ihr könnt Euch denken, wie sehr sie den Zorn unserer Bourgeoisie im klassischen Lande des Chauvinismus erregen mußte. Ganz anders war dagegen die Wirkung auf unsere Arbeiterklasse; bei keiner Gelegenheit, in keiner Versammlung unterließ sie es, ihre Sympathie mit ihren Brüdern jenseits des Rheines auszudrücken. Das wüthende Gekläff unsere Bourgeoispresse, als die französischen Arbeiter bei der Beerdigung Balles' dem Kranz der deutschen Sozialisten Respekt verschafften, fand keinen Widerhall. Der erste Schritt zur Wiederherstel- lung der internationalen sozialistischen Partei ist geschehen; in kürzester Frist werden wir mit unserem Programm, welches auch das Eure ist, in den Kampf ziehen, und können wir nur wünschen, daß es, wenn auch nicht so großartig wie seitens des arbeitenden Deutschlands— unsere Mittel und unsere Organisation find noch zu unbedeutend dazu — doch glänzender aus ihr hervorgehen möge als bisher. In der Hoffnung, daß wir Euch bei einer anderen Gelegenheit unser Solidaritsgesühl auf eine wirksamere Art werden beweisen können, senden wir Euch unseren brüderlichen Gruß. Euch und der Revolution ergeben! Für die sozialistische Föderation des Zentrums der sramösischen Arbeiterpartei; Der Sekretär: L. Alexandr e." Wir begrüßen dieses Zeichen der Solidarität unserer französischen Genoffen mit lebhafter Genugthuung. Ob der Betrag groß oder gering, das kommt in diesem Falle wenig in Betracht. Ein Jeder gibt nach Maßgabe seiner Mittel— unbedingt aber ist diese Beisteuer zu dem Wahlsond unserer Partei ein Beweis, daß es den Spendern ernst ist mit der Versicherung ihrer Solidarität, daß sie es sich nicht bei der Phrase begnügen laffen wollen; und das ist die Hauptsache. Im obigen Briefe wird Frankreich das klassische Land des Chauvinis- mus genannt. Nun ja, der Name stammt von dort her, was aber die Sache: den Nationaldünkel, anbetrifft, so dürfte das heutige offizielle Deutschland Frankreich hierin nicht zurückstehen. Ja, wenn man gewisse Erscheinungen beobachtet, so möchte man zu dem Schluß kommen, daß die deutschen Chauvinisten den französischen heute um ein gutes Stück„über" sind. Soviel ist jedenfalls sicher, daß die Opposition gegen den Chauvinismus zu keiner Zeit in Francreich größer war als gerade heute, was man von Deutschland leider nicht behaupten kann. — Staatssozialismus im Klassen st aat. Wir lesen in der Hamburger„Bürgerzeitung": „In der staatlichen Zigarrensabrik zu Stein wurden im Jahre 1884 von 360 Arbeiterinnen, welche das ganze Jahr als Puppenmacherinnen und Spinnerinnen beschäftigt waren, 32 773 000 Stück Zigarren ver- fertigt, für welche der Betrag von 66 623 fl. 16 kr. als Arbeitslohn ausbezahlt wurde. Nach den einzelnen Sorten stellte sich der Verdienst folgenderweise. Es wurden produzirt: Arbeitslohn per 500 Stück Summe . fl. 1.40 fl. 2 360.40 Havanna...„ 1.32„ 285.12 Kuba zu 5 kr..„1.16„ 3 603.92 Kuba zu 4 kr..„ 1.09„ 16 345.64 Portoriko...„1.03„ 3 024.08 Kurze zu 2 kr..„ 1.00„ 34 522.00 __ Lange zu 1'/, kr..„ 0.97„ 7 835.66 32 773 000 Stück Zigarren. Gesammtsumme fl. 67 382.82 Hiervon Abzug 2 pCt. für die Krankenkaffe„ I 359.66 bleibt für 360 Personen per Jahr fl. 66 623.16 Hiernach entfällt also auf die einzelne Arbeiterin ein Lohn von zirka 185 fl.-=- Mk. 310 jährlich, von 15 fl. 42 kr.--- Mk. 25 70 monatlich, und von 3 fl. 55 kr.— Mk. 5 wöchentlich. Das praktische Christenthum" scheint demnach bei der Verwaltung monopolisirter Industrie- zweige nicht immer sehr wirksam zu sein." Natürlich. Denn wo der Klaffenstaat„Sozialismus" treibt, da thut er es im Interesse seines Geldbeutels, und nicht im Interesse seiner Arbeiter, weshalb wir uns auch gegen diesen Staatssozialismus von je- her sehr skeptisch verhalten haben. — Die Dynamiterei wird nachgerade zum Kinderspott. So schreibt man aus Königsberg: Hier spuckt die Anarchisterei oder besser gesagt die Dynamitattentaterei. Unsere Polizei treibt sich bei Tag und Nacht vor dem Bankgebäude herum; am 2t. März wurde ein Laufbursch, welcher ahnungslos mit einem Paket getrollt kam und sich am Bankgebäude ausruhen wollte, verhaftet und auf Dynamit unter- sucht.— Der Blödsinn treibt köstliche Blüthen, kein Mensch mit Aus- nähme der Polizei nimmt die Sache hier ernst. — Ein praktischer Kniff. Der Kreistaxator Huber in Gumbinnen, schreibt man uns von dort, gibt Leuten, welche nach- weisen, daß sie konservativ sind, eine Bescheinigung, aus welche sie die reptilistische„Litthauische Zeitung" für— zwei Mark— erhalten. Die konservative Politik hält fest an dem famosesten ihrer Pro- grammpunkte— eine Hand wäscht dieandere, natürlich so lange bis es gelegentlich an's Kopfwaschen geht. — Frankreich. In Bezug auf die neulichen Ausweisungen wird uns geschrieben: Ihre Notiz in Nr. 22 läßt es zweifelhaft erscheinen, welcher Partei der Ausgewiesene Ostermann angehört, es sei daher konstatirt, daß derselbe Gesinnungsgenosse ist. Es wurden an jenem Tage acht Personen„per Schub" aus Frank- reich befördert, und zwar drei Jrländer: C. Davis, JameS Stephens und Mortimer Leroy; drei Deutsche: Heß, Schuhmacher, Sigismund Folze und Julius Ost ermann, Schreiner; ein Pole: I. Besedowski und ein Italiener, Namens Mateucci, seinerzeit Redakteur des„Popolo". Heß und Folze hatten sich bis dahin niemals an irgend einem politischen Verein betheiligt, noch je eine politische Versammlung besucht — hoffentlich bringt sie die jetzige Erfahrung zur Einsicht! Wenn Sie schließlich meinen, daß die Gründe zu Ostermann's k. Ausweisung„die Götter" wissen, so will ich an diesem Ausdruck nicht mäkeln, doch bitte ich Sie, hinzusetzen, daß wir diese„Götter", welche schon vor zwei Jahren den Genossen Blum und Scheuermann zur Ausweisung verhalfen, noch zur Verantwortung zu ziehen gedenken. Beiläufig wurde zweien der Ausgewiesenen erst an der Grenze mitgetheilt, sie seien ausgewiesen worden, weil sie sich an einer Demonstration betheiligt hätten. Kommentar überflüssig. 843 000 Stück Britannica 108 000 1 556 000 7 438 000 1 168 000 17 261 000 4 039 00» Korrespondenzen. p-n. Königsberg i. Pr., Anfang März.(Verspätet.) Am letzten Mitt» woch im Februar veranstalteten die hiesigen Genossen eine Demonstra- tion gegen die infame Jnteressenpolitik, die sich jetzt in dem Bismarckschen Marionettentheater, genannt Reichstag, breit macht. Sie hatten eine Versammlung zur Besprechung der Getreidezölle einberufen. Der große Saal der hiesigen Bürgerreffource war dicht besetzt. Genosse H e r b i g reserirte unter vielem Beifall der Anwesenden, gab ein BUd der Grund- besitzoerhälwisse in Deutschland und zeigte, wie nur die Großgrundbesitzer von dieser neuen„Sozialreform" Vortheil, dagegen städtische und länd» liche Arbeiter Nachtheil hätten. Nach ihm sprach Genosse Godau, der heiser war und dies damit erklärte und entschuldigte, daß er eben ein« „Vergnügungsreise auf Staatskosten" gemacht habe; er hatte nämlich den sünfwöchentlichen Rest einer Strafhaft wegen„Majestätsbeleidigung" abgebüßt. Als er erklärte, daß die Majorität im Reichstage die Gesetz- gedung benutzt habe, um ihre Interessen zu fördern, löste Oberkommiffar Böttcher— unser alter Bekannter aus der Wahlzeit— die Versamm- lung auf. Die Wuth und Erbitterung über diefe brutale Vergewaltigung war eine grenzenlose; nur langsam leerte sich der Saal, und der Poli- zist bekam einige Liebeserklärungen zu hören, an die er nicht gerne zurück« denken wird. Auf der Straße kam es noch zu einigen Reibereien; ein Bourgeoislümmel, der einen Arbeiter wegen Hochrufens auf die Sozial« demokratie denunzirte, erhielt seine wohlverdienten Prügel. Die alten Weiber beiderlei Geschlechts sahen erschreckt aus den Fenstern, sie fürch- teten wahrscheinlich schon, daß es„losgehe". Die Genossen formirten sich schließlich und mit dem Gesang der Marseillaise zogen sie vor G o- d a u's Wohnung, wo sie diesem ein dreimaliges Hoch ausbrachten. Wie gefällt Ihnen diese„radikale Bourgeoispartei", Herr von Putt- kamer? Sie meinten ja, daß mit Hülse Ihrer„erzieherischen Wunder- für" die Sozialdemokratie sich dazu entwickeln werde. Auf dem besten Wege dazu scheint sie uns nicht zu sein, und wir wissen darum auch nicht, worüber wir uns mehr wundern sollen, über die Naivetät oder die Unverfrorenheit, die sich in jenem Ausspruch zeigt. Ein Preisausschreiben zur Entscheidung dieser Frage wäre vielleicht am Platze.„Naiv" ist der Ausspruch, denn der Reichspolizeiminister zeigt dadurch, welche kolossale Unkenntniß der Geschichte er besitzt; die Zeit der Bourgeoisie ist vorbei, und der„Sozialdemokrat", der radikaler Bourgeois sein würde, könnte für sich allein eine Partei bilden; bei keinem Arbeiter fände er Boden, denn der heutige klassenbewußte Proletarier ist(hu, hu, Herr„Reichs- minister") ein Revolutionär! Unverfroren ist diese Aeußerung aber auch, denn sie zeigt, wie die Regierung darauf ausgeht, durch ihre„Sozial- reform" und ähnlichen Humbug die kraftvolle Proletarierbewegung zu korrump'ren und in die Geleise der Färb- und Charakterlosigkeit zu bringen. Korrumpiren sollen die bekannten Liebeserklärungen des „großen" Otto, die Bebel sehr gut als reinen Hohn bezeichnete. Doch der intelligente Proletarier läßt sich nicht korrumpiren, und die Regierung kann sich freuen, daß dem so ist. Hätte sie mit ihren schuftigen Machi- Nationen Erfolg, so hätte sie auch den Nihilismus, weil dann nur noch ein Verzweiflungskampf der nicht Verdorbenen möglich wäre. Der Pro- letarier ballt offen und ingrimmig die Faust gegen die heutige Schand- wirthschaft, und wenn er sich auch heut, wie weiland Jesus aus Naza- reth, sagt:„Meine Stunde ist noch nicht kommen," so weiß er doch, daß sie kommen wird und kommen muß! Der Proletarier wird nicht die Revolution verleugnen, wie Puttkamer es will, denn der ist ein schlechter Sohn, der seine Mutter verleugnet. Er weiß auch, daß er rettungslos verloren ist, wenn er gegen diese Gesellschaft nicht Krieg, Krieg und nochmals Krieg führt. Der Appetit kommt mit dem Essen: hätte er erst einmal erklärt, daß er kein Revolutionär sei, so würde die Regierung immer mehr verlangen, bis sie eines Tages vielleicht das Sozialistengesetz aufheben zu wollen verspräche, wenn wir— nicht nur unsere revolutionäre Vergangenheit ableugnen, sondern uns selbst den Strick um den Hals legen wollten, an dem sie uns hängen kann. Ah, vortrefflich, daß die Schacherpolitik bei den Getreidezöllen wieder einmal der herrschenden Klasse ganze Gemeinheit gezeigt. Wir freuen uns dessen, und werden darum weiter arbeiten und untergraben, bis man von Neuem, wie an jenem Abend im Februar, aber voraussichtlich mit etwas mehr Nachdruck wird singen hören: Marsch, marsch! Marsch, marsch! Und wär's zum Tod! Denn unsre Fahn' ist roth. Hamburg, l 5. März. Die Abstimmung im deutschen Reichstag über die 20 000 Mark und die Haltung der 2l„freisinnigen" Jasager hat die hiesigen„Fortschrittler" doch etwas verschnupft, denn man merkt's an ihren Zeitungen, in denen sie, wenn auch nur verhüllt, ihrem Un- muth Ausdruck geben. Allein dessenungeachtet gibt es doch einen großen Bruchtheil„Fortschrittler" hier, die das Verhalten der„Jasager" gut- heißt, und just diese sind die Einflußreichsten. In einer neulich abgehaltenen Mitgliederversammlung der„freisinnigen Partei" äußerte sich der„große Fortschrittsheld des Nordens", Dr. Gieschen, folgender- maßen:„Meine Herren, wir müssen versuchen, alle liberalen Elemente Hamburgs zu vereinigen, um mit Erfolg gegen den gemeinsamen Feind, die Sozialdemokratie, Front machen zu können,"— mit andern Worten: wir müssen bei der nächsten Wahl nur Mischmaschkandidalen aufstellen, Leute, die für Alles stimmen, auch wie im vorliegenden Falle für die völlige Unterwerfung des Reichstags unter den Willen Bismarcks, und diese Ansicht fand großen Beifall. Wenn auch der Wunsch Dr. Gieschens insofern in Erfüllung geht, daß die hiesigen liberalen Elemente sich eini- gen, so werden sie die hiesige Sozialdemokratie doch nimmermehr besiegen; der Liberalismus hat sich hier einfach abgewirthschaftet. Poestneck in Sachsen-Meiningen. Nachdem die Wahlkampagne hinter uns liegt, ist es wohl an der Zeit, wenn auch wir im Parteiorgan etwas von uns hören lassen. Für diesmal ist es uns noch nicht gelungen, unsern Genossen Vi ex eck durchzudringen; es ließ übrigens die Agita- tion auch viel zu wünschen übrig. Viereck hatte seine ganze Zeit dem Leipziger Stadt- und Landkreise gewidmet, und in Folge dessen hatten wir in unserm 2. Meininger Wahlkreise nur 4 Versammlungen; Viereck sprach in Sonneberg, Saalfeld und Poeßneck, Kühn fGera) in Poeßneck. Die Städte Camburg, Kranichfeld, Gräfenthal, Lehesten, Schalkau, sowie der industriereiche Lauscha- und Hüttengrund und das ganze Sonneberger Hinterland waren leer ausgegangen. Der„norvus rerum" fehlte gänzlich, das Ausstellen eines Tellers bei den Volksversammlungen, welches uns früher immer zur Deckung der Unkosten verhalf, wurde uns dies- mal vom Ministerium verboten; und somit war es noch als ein gün- stiges Zeichen zu betrachten, daß wir unsere Stimmenzahl vom Frühjahr nicht nur erhielten, sondern noch verstärkten; trotzdem Witte und I e r u s a l e m,*) Elfterer mit Hülfe der Sonneberger Fabrikanten und Letzterer unterstützt durch Amtsrichter Trinks-Saalfeld, jedes Dorf mit ihrer Gegenwart beehrten und ihren Kohl abluden. Diesmal ist der Sozialistengesetzverlängerer Witte noch mit Hülfe der Arbeiter durchgekommen, doch wird dies wohl dai letzte Mal sein, ar- beiten uns doch freisinnige und national-servile Fabrikanten förmlich in die Hände. Eine der größten Ausbeuterfirmen in Poeßneck ist die Por- zellansabrik von Conta& Böhme. Diese nette Gesellschaft schindet aus ihren nach Hunderten zählenden Arbeitern alljährlich Riesensummen heraus, da die Arbeiter alles Material: als Farben, Pinsel, Gold u. s.w., von der Firma entnehmen müssen, wobei diese sauberen Herren stets 33—50 Prozent Profit nehmen; den weiblichen Arbeitern werden auch noch obendrein 5 Psg. von der Mark als Zählgeld abgezogen. An einem Loth Goldsarbe verdienen diese Blutsauger in Menschengestalt 4 Mark, und oftmals braucht ein Maler den Monat 2—3 Loth. Die Arbeitslöhne werden von Jahr zu Jahr schlechter, denn der Hof— meister Christian Lindner(ein verdorbener Schauspieler, dessen Herr Papa auf dem meiningen'schen Zuchthause Maßfeld geendet) sucht auf alle Art und Weise den Arbeitern das Geld aus der Tasche zu stehlen; hoffentlich erhält dieser Erzlump auch noch den gnädigen Fußtritt. Als Kuriosum sei erwähnt, daß bei Gelegenheit eines fünfzigjährigen Arbeiter-Jubiläums der Jubilar, ein Porzellanmaler Namens Haubold, eine— silberne Zuckerzange erhielt. Eine silberne Zuckerzange! Welche Ironie. Ostmals hätte der alte 80jährige Mann zu beißen, wenn ihm die Arbeiter nicht freiwillig aus ihrer Kran- kenkasse eine Jnvalidenunterstützung bewilligt hätten; aber er hat ja eine silberne Zuckerzange, und das— genügt! Ein Arbeiter, Kallenbach, welcher 56 Jahre in der Fabrik gearbeitet, wurde, da er das nicht mehr leisten konnte, was der Lindner von ihm forderte, auf die Straße geworfen und starb über'm Steineklopfen am Hungertyphus! Das vereinigte Maler-, Dreher- und Formerpersonal dieser Fabrik gründete vor zirka 75 Jahren eine Krankenkasse; die Steuern wurden von der Firma allmonatlich vom Lohne abgezogen, und die Kasse durch die„Herren" ver— waltet. Nachdem nun das Krankenkassengesetz, die geniale Idee des großen Varzinesen, in Kraft getreten, gründeten die Arbeiter eine freie Hülfskasse und beschloffen, ihr erspartes Geld, zirka 9000 Mark, zu vertheilen, gleichwie es alle Fabrikkassen gethan; doch die edlen„freisinnigen Arbeitgeber" weigern sich, das ersparte Geld der Ar- beiter herauszuzahlen; wer es fordert, erhält„Feierabend". Mit der Hungerpeitsche sollen die Arbeiter gezüchtigt werden. Manchem Familien- vater wäre geholfen, wenn er jetzt, wo der strenge Winter vorbei ist und die Kassen leer geworden, 70—80 Mark Krankenkassengeld erhielt. Ob sich nur diese nette Clique nicht schämt, wenn sie darüber nachdenkt, wer ihnen die Fabriken, die Grundstücke, die Forsten und Rittergüter erworben hat: der verdorbene Schauspieler Chr. Lindner oder die übri- gen langjährigen Arbeiter?! Die schlimmsten von der Firma Conta& Böhme, sind die Herren Hermann und Robert Conta. Ersterer ist ein Erzknauser und Geizhals seinen Arbeitern gegenüber, und Letzterer sucht das Geld,«el- ches er als ehemaliger Lieutenant bei den rheinhessischen Dragonern in Darmstadt mit feilen Dirnen im Champagner verjubelt, aus dem armen Arbeitspersonale herauszuschinden. Daß diese„herrlichen Zustände" uns die Arbeiter ou masss in die Arme treiben, liegt klar auf der Hand. Aber der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht.— i— Mülhausen im Elsaß, 16. März. Wir hätten noch Einiges zur Kenntniß der Genossen zu bringen, betreffend das Nachspiel der Wahlkampagne. Es wurden nämlich zwei Flugblatt-Vertheiler ertappt, und nach- dem sich die Behörden alle Mühe gegeben hatten, zu ermitteln, von wem die Aufruse eigentlich herrührten, wurde der Eine, Jacques Buegg, am 5. Januar zu 3 Tagen Gefängniß und 40 Mk. Geldstrafe(eventuell (8 Tage Hast) verurtheilt. Angeklagter berief sich auf§ 43 Abf. 3—4 der Gewerbeordnung, und las die betreffenden Paragraphen dem Gerichte vor. Dasselbe verwarf aber seine Berufung und fällte das Nrtheil nach französischen Preßgesetz vom Mai 1849, mit dem Bemerken des Vorsitzenden, daß Angeklagter sich aus ein Gesetz berufe, welches im Elsaß keine Geltung habe. Der andere„Verbreiter", Adolf Schenk, wurde am 16. Februar zur nämlichen Strafe wie Buegg verurtheilt, obschon er nicht auf der That ertappt worden war, sondern auf die bloße Aussage eines Polizei- Schurken, Bentz(Elsässer), hin, welcher einen Eid schwur, er habe ge- sehen, wie Schenk die Wahlausrufe in die Gärtchen warf, obschon sämmt- liche noch verpackt waren, als ihn der obengenannte Polizeilump arretirte. Wenn wir nun hier auch weit schwieriger zu kämpfen haben als die Genossen im übrigen Deutschland, so gehen wir doch vorwärts— trotz Z a h n*) und Diktatur. Mit Gruß! D. l. Br. i. E. *) Früherer Kriminalkommissar, jetziger Polizei-Jnspektor, Nachfolger Kaltenbach's. Sprechsaal. Würz bürg, 19. März. Es wird Jedem die geringe Stimmenzahl aufgefallen sein, welche bei der letzten Wahl hier auf den sozialistischen Kandidaten fiel. Die der- maligen volksparteilichen Söldlinge Rick, Herbig und K r a p f arbeiteten im Auftrag ihres Brodgebers für den verschwömme- nen nichtssagenden Köhl stets gegen die Arbeiterpartei. Am 28. Oktober v. I. wurden die Genannten deshalb für unwürdig erklärt, ferner als Parteigenossen betrachtet zu werden, und zwar aus folgenden Gründen: Stefan Herbig, Schneider, weil er die ParteiJnstitute an allen Orten anschwindelt und betrügt, anvertraute Gelder gewohn- heitsmäßig unterschlägt, die Partei ausbeutet und durch D e n u n- z i a t i o n in jeder Art und Weise zu schaden sucht. (Ist auch anderseits wegen Unterschlagung anvertrauter Parteigelder für die„Schwarze Liste" angemeldet. Expedition des„Soz.") R i ck, Schneider, weil er bei allen öffentlichen volksparteilichen Versammlungen zustimmende rc. Erklärungen Namens unserer Partei abgab und, ohne hiezu von den hiesigen Genossen autorisirt gewesen zu sein, es besonders als Parteisache pro- klamirte, die Wahl Köhl's zu unterstützen. Rick hatte nie einer Wahlbesprechung unserseits beigewohnt, fälschte also die gegebenen Zustimmungserklärungen und bewegte sich stets im volks- parteilichen Lager. Er scheint die Wahrnehmung gemacht zu haben, daß bei der Arbeiterpartei für ihn nichts mehr zu holen sei. K r a p f, weil er allen öffentlichen Inseraten seinen Namen lieh, die von Verleumdungen gegen unsere Partei strotzten und von denen er wußte, daß sie absolut unwahr seien. Der Antrag auf Ausschluß der drei Renegaten aus der Partei wurde von sämmtlichen anwesenden hiesigen Genossen ohne Debatte e i n st i m m i g angenommen. Die Veröffentlichung im Parteiorgan erfolgt verspätet, weil wir zuvor die Ausgeschlossenen vollends ganz im Stillen abwirthschaften lassen wollten. Appellirt haben sie unseres Wissens gegen ihre Ausschließung hier nirgends und wir warnen hiermit öffentlich vor denselben. 'Als hier der Wahlverein gegründet war, wurde in dem arbeiter- freundlich fein wollenden„Würzburger Journal" derselbe als ein„sozialdemokratisches Machwerk" denunzirt, die Gründer mit Namen bezeichnet und gesagt, daß dies dieselben seien, die bei der letzten Wahl die Kandidatur Bebel poussirten, sowie daß es Thatsache sei. daß der Verein sich in dem Lokale des Schreinersach- Vereins konstituirt habe. Die Polizei war infolgedessen eiligst bei der Hand. Der Denunziant, dreifache Renegat und Reichsreptil Anton M e m m i n g e r und der Wirth, der in Erfahrung gebracht, wo die Versammlung stattgefunden hatte, wurden vernommen. Man möchte sie gerne zu einer„geheimen Versammlung" stempeln, aber es scheint nicht gehen zu wollen. Um nun aber doch Furcht zu verbreiten und einzuschüchtern, hat unsere wohllöbliche Polizei von sämmt- lichen Wahlvereinsmitgliedern Führungsatteste aus der Heimath gefordert und zugleich den Arbeitgebern mitgetheilt, daß sie Sozialdemokraten beschästigen; sie ist aber bei einigen schief angekommen. Man kann sich denken, daß durch diese elenden Polizeichikanen die Angehörigen der Betreffenden vielfach in Sorgen und Bestürzung ge- trieben wurden. Einer der auf diese Weise„Gebrandmarkten" ist bei Nacht und Nebel fort(es war ein Aengstlicher), weil er von daheim einen Brief bekam, „er möge gestehen, was er begangen Hab e."(!) Wenn durch eine solche niederträchtige und nichtswürdige Manipulation diese Ordnungsbanditen glauben, Verwirrung und Furcht in unsere Reihen bringen zu können, dann täuschen sie sich. Das ist für uns die beste Reklame. Die Rüpelhaftigkeit der hiesigen Oberpolizisten ist sattsam bekannt; gegen die geknebelte Arbeiterschaft hat man Kourage, aber gegen die korrumpirte Bourgeoisie— ja, da heißt es: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Für die künftige Reichstaqswahl, event. Auflösung ist man hier ge- sonnen, den Tünchermei st erRöttinger von Heidingsfeld aufzustellen, womit wir die Parteileitung einverstanden halten. Mit sozialdemokratischem Gruße! Im Auftrag der hiesigen Parteigenossen: . Flammberg. Partei-Archiv. *) Dieser Herr spielte bekanntlich im Jahre 1875 mit der Ehefrau des Hauptmanns von Heidebrenk in Hildesheim Adam und Eva. Für das Partei-Archiv gingen ein: Von Sch. in Gumbinnen durch I. R.. O b e r st r a ß: Diverse Rum- mern der„Berliner Freie Presse",„Leipziger Volkszeitung", „Seeschlange",„Braunschweiger Volksfreund",„Freie Glocken" und„Menschenthum". „ Batist, Anors: 1 1-T. Ferson, Idöahe. 1 L. Blanc, Le Centenaire de J. J. Rousseau. 2 B. Malon, Le Noureau Parti. 1 Emile öautier, Le Darwinisme Social. 1 B. Malon, Manuel d'economie sociale. 4 diverse Broschüren, Um weitere Einsendungen ersucht Die Archivverwaltung. Brieffastm der Expedition: Pater Placd. Br.: öwfl. 2 78 Ab. 2. Qu. pr. W. erh.— E. G. Rdvw.: Mk. 4 50 Ab. 2. Qu. u. 50 Pf. pr. Ufd. dkd. erh.— Sch. B. O.: Mk. 4 40 Ab. 2. Qu. erh.- A. T. Rkhsn.: Mk. 3- Ab. 2. Qu. erh.- A. Sch. Altg.: 80 Pfg. f. d. Ins. erh. — Oncel: Mk. 20 20 h Cto. Ab. erh. Ebenso je Mk. 4 30 D.& Du., G. u. L. Ab. 2. Qu. Wir protestiren abermals gegen I» beHaltung der Schft.-Gelder durch D. Unterstützungsansprüche mag bei der Partei geltend machen.— H. K. Schg.: Mk. 12 60 Ab. 2. C- erh.— Gamunelia: Mk. 2 50 pr. Ufd. dkd erh.— Viroflay: Mk. Ijl Ab. 2. Qu. u. Rest I. Qu. Dn. erh.— A. Lgr. Fbg.: Mk. 4 30 l 2. Qu. erh.— G. Z. M. i. W.: Mk. 18— Ab. 2. Qu. erh. Bre zur Verdoppelung.— Dtschr. Verein Neuchatel: Fr. 5— gesammelt � der Märzfeier pr. Ufd. dkd. erh.— Münster, Wefif.: Mk. 2- pr.ll v. d. P.-Gen. dkd. erh.— Rebus: Mk. 12— Ab. Jan. u. Febr.« Adr. vervollständigt.— D. P. Nvgs.: Fr. 5 45 Ab. 2. Qu. u. St erh.— Liöge H.: Fr. 15— Ab. 2. Qu. erh.— A. P. Z.: Fr. 1 Ab. 2. Qu. erh.— P. Schk. Glckstdt.: Mk. 4 80 Abon. 1. u. 2. l u. Mk. 1 20 pr. Dfd. dkd. erh.— Nova: Mk. 4 30 Ab. 2. Qu. Bstllg. u. Bf. folgt.— H. Nitzsche, N.-York:(10 Doll.) Fr. 50 1 ü Cto. Ab. ic. erh.— Dr. H. B. G.: Mk. 3— Ab. 1. Qu. erh. Frisch auf Lgtz.: Mk. 18— Ab. 2. Qu. erh. Bravo! Bstllg. folgt. Schneekoppe: Mk. 14 40 Ab. 2. Qu. erh. Bstllg. notirt.- Trnz i Fr- 2— Ab. 2. Qu. erh.--- Schft.-Verkauf z. Märzfeier Zürich: Fr. 5 (wovon 4 20 vou Dmth.), Fr. 915 v. Rbld. u. Blli erh.— Slbdzk.:? — 75 f. Schft. erh.— Karl Werner jr.: Mk. 200— ä Cto. erh. St folgen. Beil. besorgt.— G. R. Harly St. 9: Fr. 2 50 Ab. 2. Qu.« � I- Lz. Zug: Fr. 10 50 Ab. 1. Qu. erh.— E. L. Nbg.: Mk. 4 Ab. 2. Qu. erh.- G. Stß. Mz.: Mk. 3— Ab. 2. Qu. erh.- A St. Gallen: Fr. 4 50 Ab. I. Qu. erh.— Paris, Föderation du Centt Fr- 108 80 Sammlung der französischen Genossen zum Wahlkamps 1 deutschen Soz. dkd. erh.— Guill.& EU. Paris: Fr. 2 50 Ab. 1. F«t bis 1. Mai erh.— Preßburg: öwfl. 7— Ab. 2. Qu. erh. Alles be-l tet.— G. Sch. Grsch.: Fr. 5— Ab. 3. u. 4. Qu. 84 und 1. Qu. erh. Bs. fort.— H. O. Paris: Fr. 6— Ab. 2. Qu. u. Schft. erh. C. Pp. B.: Mk. 3— Ab. 2. Qu. erh.- A. G. H. a/Neck.: Mk. � Ab. 2. Qu. erh.— R. H. 4: Mk. 4 30 Ab. 2. Qu. erh. Wird besorS — Nero; Alle Bfe. pünktl. fort. Adr. notirt. Beilage besorgt.— »I« Züi »«»»« «« (tan «i »«« t •M 5'Jbrtm »»sn {•»1 lehn Pan Danksagung. Allen Freunden und Parteigenossen von nah und fern für ü Glückwünsche zu meinem 77. Geburtstag(19. März) meinen herzlich? Dank. Joh. PH. Becker, Maison, d'Ecofe, Eaux Viyes, G e n 5 v °lS da! bruch über a! Ein Bergolder-Gehülfe, 24 Jahre alt, welcher selbständl � arbeitet und zugleich in Bildereinrahmungen perfekt ist, s«i, dauernde Stellung, am liebsten bei Genossen. Adressen erbeten an'"° 0 9 [80] Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich allerdin weg Missi. or Unser« Abonnenten in der Schweiz � zur gef. Kenntniß, daß wir diejenigen bisherig? üatistik Abonnenten, welche die Annahme unseres Blattes st> � ei, Beginn dieses Quartals nicht ablehnten, auch für d« laufende Quartal als Abonnenten vortragen u? dt eä Nachnahme sofort nach Ausgabe von Nr. 15 erheb? Verzicht werden, sofern die betreffenden Abonnementsbeträj Zahl u nicht schon eingesandt wurden. begnüg �bonnvmsnts aut den„Sozialdemokrat" Wen werden ausser beim Yerlag und dessen bekannten Agenten—? sstringe wohl auf einzelne Monate als ganze Quartale— jederzeit entgeg�fan er genommen bei folgenden Filialen und Verkaufsstellen: Haldem am B >väre d Sozial! Erstere! tung z, Zürich Tolksbnchhandlang, Casinostrasse 3, Hottingen. Winterthur Deutscher Arbeiterverein, Haidenstrasse. Aaran E. Sennert, Ziegelrain 705. Basel C. Pinkert, Hardstrasse 99. Bern Restaurant Schmuti, Aarburgerstrasse 52.. Deutscher Verein.«"9 Chnr F. Pflaum, Buchdruckerei Conzett. j. Znzx J. Lanz, im Allgem. Arbeiterverein. bucht, L-nzern W. Wagner, Hofstrasse 41 a. 11 aus Benf Deutscher Verein. Franenfeld Deutscher Verein. utettet' I-ansanne Arbeiter- Leseklnb,„Cafö Vaudois", Place de'--Se Riponne. Jttfireu: St. Imier Deutscher Verein. Herd o Biel Rob. Kohl, Deutscher Verein. ttttttr Schaffhansen L. Vogler, zum goldenen Schwanen.. �a6 Paris A. Vogel, Passage Rochebrune 8., hatsac Andrs Sondag, 13 nie d, Atlas(Villette).?irvorb J. Finkelmeyer, chez Mr. Rheingans, 3 nie Keller.>v erden. Kopenhagen K C. Hördum, Römersgade 22 Stuen. Kunstti; Brüssel(bei bekannten Adressen). �Usitien litäge Cafe des quatre Hatlons, rue Chapelle des Cleres. gewerbi Tervlers Charles Plcreaux, 20 rue de Lnxembonrg, Andrimotqg he, Amsterdam Cafd Cosmopolite, Dykstr. 33.. der kgp Antwerpen Ph. Goenen, rue Dambrugge 11. Dag H. Rackow, 35 Charlotte Street Pitzroy Square VT. Lichts, Mr. Schweitzer. 38 Church Lane, Court Road. bustriez! liOndon Mr. H. Schackwitz, Friseur, 10 Featherstone Str., Ci(�tn g Mr. Taube, Edward Street, Soho. J. W. Doedbloed, Tobacoonist, 29 Poley Stre�0�"1 Cleveland Street."Udeich Castleford bei Torkshlre Theobald VSlkel, l Dentontenas�u gc Glasgow A. Schneider, 97 Parlamentary Street. ot Bukarest Carl Bindan, Strada Catun 14. eutung John Heinrichs, 175 Orohard Street. � H. Iltzsche, 548, 9. Avenue, City. Auch ~„ V__1, Jos. Strauss, 356 East. 19 Street. fapitali) IVew-worK � H5Jine, care of„New-Torker Volkszeitungbug. cq 184 William Street. teirri;* Jean Gross, 176 Ost 3. Street. jR"u<9 W. F. Schmidt, Nr. 613 CallowhiU Str-�/mel care of Philad. Tageblatt."'tfer p lowhill Street. Philadelphia F. W. Frltzsche, 325 Callowhill Street. Die Chicago Jll. A lanformann, 349 Divisionsstreet.|m Ab- W. Langner, 8. W. Alport Str. 692, Sticht Cinclnnati, O. C, Schumann, 16 Mercer Street. fciefe i 8t. Eionls, Mo. Gebr. Herminghans, 1805 Franklin Avenueiichen S Lawrence, Mass. E. Dick, 118 Essex Street. Schzstp Buenos- Air es Aug. Latzky, CaUe de Montevideo 89. tätigt San Francisco, Cal. C. Blass, Natoma Street 611. Wn Ko Die Expedition des„Sozialdemokrat"."1� be