Ift stm- An- ielt. dteil ersn Slick weit lunz So}- jeni ftlo» \ii Krscheivt Wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Aertag der �«lr»»uchhaa»l««g Hotttnge«- Zürich. VojtskUdllllgkN franko gegen franko Bewihnliche Briese »»ch der K ch w e i t kosten Doppelporto. Der ZoMliieMkrat .entrat-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie. Kvonnements «erden bei allen schwei,erischm Postbureaur. sowie beim Verlag und dessen dekannten Agenten entgegengenommen, und jwar zum voraus»ahlbar»« Viertelsahripreii von? Fr 2— für dieEchwetziitreuiband) M> S— sllr Deutschland tlloudertf st. I.TO für Oesterreich(Counert) Fr. 2 50 sllr alle übrigen Länder d«I Weltpostverein« lKreujband). Inserate die dretgesvaltene Petitzeile 25 Et«.= 20 Pfg- Jts 24. Donnerstag, 11. Juni t88S Jltrfs an die Abonnenten und Aorrelpondenten des„SoziatdemoKrat.� Da der.eoiialdemokrat- sowohl in Deutschland al« auch in Oesterreich verboten ist, be,w versolgt wird und die dortigen behbrden fich alle M�he geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern mäglichst»u erschweren, rejp Briese von dort an un» unsere Aeitung«. und sonstigen Speditionen nach dort abiusangen, so ist die Borstchi im Postverkehr no hwendig und �«f keine Vorfichtimahregel versäumt werden, die Briesmarder über den wahren Absender und Empfänger, �wi« den Inhal« � Eendungen ju täuschen und lehtere dadurch»u schützen Hauptersordernil ist hie>u ernerseit«, dag unsere Freunde so selten al« iniiglich an den.Sozialdemokrat' resp dessen Verlag selbst adressiren, sondern fich mäglichfi an irgend eine unverdächtig« Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreich» wenden, welche fich dann mit uni in Verbindung seht; anderseits aber, daß auch UN» iniglichst unverfängliche Zufiellungiadressen mitgetheilt werden- In zweifelhasten Fällen empfiehlt fich behuf» größer»« Sicherheit Retommandnung- Soviel an un» liegl werden wir gewiß weder Mähe noch Kosten scheuen um trotz aller enlgegene stehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemokrat' unseren Abonnenten möglichst regelmäßig zu liesern 'ie Zlllei zo/5 . Pik öhub -ff-ll lige» ■ Zlt de« Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Die Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter. s ©o- t befl bft- 5. S 14. : N ,-D.' ssnrch st- fo� lugül i.O» EntH Jun > sich t.- xl& lt.- thi? v. hft? Referat, gehalten aus dem Arbeiterkongreß zu Bern, Pfingsten 1885.) I. Soweit wir die Geschichte der Menschheit zurückverfolgen können, Und soweit unsere Kenntniß der Sitten und Gebräuche der unentwickelten, der sogenannten„wilden" Völkerschaften reicht, �%n wir mit verschwindenden Ausnahmen überall auf mehr u�er minder fest gegliederte Organisationen zur Erreichung gemeinsamer Ziele. Der„freie Wilde", wie er sich namentlich su den Werken der liberalen Aufklärungsliteratur vorfindet, 'Ü eine Schöpfung dichterischer Phantasie, ein natürlicher Reflex °tr Kämpfe des aufstrebenden modernen Bürgerthums gegen den Druck veralteter Zwangsorganisationen. In der Wirk- sichlest existirt er ebensowenig wie der Bewohner des glück- [icheu Eilandes„Utopia" oder der liebenswürdige Ikarier Cabet's. Auf den ersten Stufen gesellschaftlichen Zusammenlebens, U-o die ArbeitStheilnng noch eine durchaus untergeordnete Rolle sts ufpielt, ist es in der Regel Blutsverwandtschaft, welche die �eteis?uganisationseinheiten verbindet. Je mehr aber mit dem — R�bergmig von Fischfang und Jagd zu Viehzucht und Acker- Tlai�un, von t>em Nomadenleben zur dauernden Ansiedelung die isiMrbeitstheilung eine wachsende Bedeutung gewinnt und das h a-Znvateigenthum sich entwickelt, treten die Organisationen auf n d�siund der Blutsverwandtschaft zurück gegenüber den Organi- ((b c Klonen zur Wahrung gemeinsamer Klassen interessen, während " Aus als Zusammenfassung dieser neuen Gesellschaft der Staat ■ Kskutgegentritt. • Hsr würde zu weit führen, hier auf die Klassenkämpfe des . O�llterthums näher einzugehen. Erwähnt sei aber doch, daß wir :•"Wo» in Rom neben der politischen Organisation der Stände cbinjfk berufliche der Handwerker-Assoziationen finden. «sicii Mit der EntWickelung des städtischen Lebens steigt auch die Alsi-öedeutung des Handwerks, und mit der Bedeutung des Hand- näch�iverkH der Einfluß der Handwerkerverbindung. Mit dieser ist in'?ber das Register der Berufsverbindung in der alten Gesell- _ �aft erschöpft. Bei der bedeutenden Rolle, welche die Skia- �rei in derselben spielte, war, trotzdem die industrielle /lrbeststheilung bereits Wurzel gefaßt, eine Arbeiterbewegung L)"Ausgeschlossen. Statt dieser kennt die alte Gesellschaft die blu- ...iräen Sklaven-Aufstände. iZleL Die Gesellschaft des Mittelalters ist die Gesellschaft der �ach�erufsorganisation pur excslloncs. Heute noch ein i�ort darüber zu verlieren, welche hervorragende Rolle die S�pvrative Organisation, die Gliederung nach gemeinsamen _ Indischen und beruflichen Interessen im Mittelalter gespielt, ß, dMßt in der That Eulen nach Athen tragen. Die korporativen Organisationen bildeten die Stärke der Gesellschaft des Mittel- j�ters, nicht an diesen, nicht am Feudalismus ging dieselbe zu gründe, sondern der Feudalismus, das Zunft- und Jnnungs- gingen zu Grunde, weil die wirthschaftliche Entwickelung S Sprengung dieser, im Laufe der Zeit verknöcherten Jnsti- �kioncn nothwendig machte. k. In den Zünften hatte sich der Bürgerstand in großartigster jr�ise entwickelt, aber neben den in den Zünften organisirten i u ß. Handwerksmeistern nahm auch die Klasse der Handwerksgesellen Alluer mehr an Zahl zu, und das Bestreben, die günstige rJMition, die sie innehatten, zu behaupten, veranlaßte die ,, �Zunftmeister bald zu allerhand Repressivinaßregeln. Um sich ' �Ue schädliche Konkurrenz vom Halse zu halten, erschwerte man °'e Möglichkeit, Meister zu werden, und verschärfte so den siegensatz der Interessen. Schon das Mittelalter kennt seine iteo i�schukämpfe, und bei verschiedenen Gelegenheiten tritt der vms�egensatz zwischen Bürger- und Arbeiterinteressen in drastischer Weise zu Tage. Aber noch war die Arbeiterklasse zu l$wach und unentwickelt, um einen wesentlichen Einfluß ge- 'e.r �wuen zu können. Wo sie nur können, nehmen die Zünfte r�lilc Organisation des Unterstützungswesens der Arbeiter(Reise- Unterstützung, Einrichtung von Herbergen:c.) in die Hand, sisib setzen es außerdem durch, daß die Organisationen der Arbeiter behufs Erreichung besserer Arbeitsbedingungen mit l» flTOHen Strafen bedroht werden. * flefos die Zünfte Kampfesorganisationcn waren gegen den JSick von Oben, gegen die Anmaßungen der patrizischen -- �schlechter, gegen die Bedrückungen durch weltliche und geist- % �Herren", waren sie die Hochburgen deö Geistes der Unabhängigkeit, repräsentirten sk die vorwärtsstrebende Demo- . kratie ihrer Zeit. Einmal aber von Bekämpfern fremder Privilegien zu Hütern eigener Vorrechte herabgesunken, werden sie zu Tummelplätzen engherzigster Eifersüchtelei und kleinlich- sten Geschäftsneides, zu bewußten Hemmnissen des gesellschaft- lichen Fortschrittes. Der Name Spießbürger, ehedem mit be- rechtigtem Stolz geführt, wird zum Spottnamen, er bezeichnet nicht mehr den für seine Freiheit kämpfenden Bürgersmann, sondern den verknöcherten Philister, unterwürfig nach Oben, dünkelhast nach Unten. In ihrer besten Zeit verdienten die Zünfte die ihnen von ihren Verehrern beigelegte Bezeichnung als O r g a n i s a t i o- neu der Arbeit. Als aber im 15. und 16. Jahrhundert die Städtebevöl- kerung durch masseuhafte Zuwanderung entlassener oder ent- laufener Bauern und Dienstleute gewaltig anwuchs, konnten sie höchstens noch Anspruch machm aus den Titel: Organisa- üonen der Ausbeutung, und zwar der Ausbeutung in jeder Beziehung. Man klügelte die gehässigsten Chikanen aus, um die Meisterwerdung zu erschweren, dagegen den Zunft- meistern alle möglichen Vorrechte, ein faullenzerisches Dasein zu gewähren. Mit der Ausbeutung der Gesellen wuchs die Ausbeutung der Lehrlinge. Und nicht nur das. Die Zunft wurde der Hort des gewerblichen Schlendrians, die engherzigsten Vor- schriften wurden erlassen, um nur ja jede Neuerung im ge- werblichen Leben zu hintertreiben. Hinter dem Rücken der Zlinft oder im direkten Kampf mit derselben mußte sich der industrielle Fortschritt Bahn brechen. Aber der Widerstand gegen dse Zunft, von dem sich schon im 15. und 16. Jahrhundert deutlich zahlreiche Spuren auffinden, mußte sich naturgemäß bald-Fijeu alle gesellschaftlichen Einrichtungen wenden, welche mit dem Zunftwesen in Verbindung standen. Und so sehen wir denn, kaum daß das außerhalb der Znnftkreise entstandene moderne Bürgerthum eine namhafte Rolle zu spielen beginnt, dasselbe den Kampf gegen die mittel- alterliche Gesellschaftsordnung überhaupt aufnehmen und an die Stelle des feudalistischen Prinzips das Prinzip der freien Konkurrenz und mit ihm der politischen und wirthschaftlichen Freiheit überhaupt verkünden. Heute, wo wir auch die Mängel und Einseitigkeiten dieses Prinzipes, des bürgerlichen Liberalismus, kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, ist es sehr leicht, über dasselbe verächtlich den Stab zu brechen; das sogenannte Manchesterthum ist heute so in Verruf gekommen, daß es fast geboten erscheint, es der kleinbürgerlich- staatssozialistelndcn Anmaßung gegenüber in Schutz zu nehmen. Ja, es war ein großartiges, echt revolutionäres Prinzip, das nun seine Siegeslaufbahn über die zivilisirte Welt begann, alles Alte, Ueberkommene rücksichtslos zersetzte und auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens eine Fülle befruchtender Anregungen ausstreute. Die englische Revolution im 17. Jahr- hundert ebnete ihm den Weg. Die große französische Revo- lution des 18. Jahrhunderts besiegelte seine Herrschaft. Mit den Zünften waren auch die Arbeiterverbindungen in Verfall gerathen, die Zunftmeister selbst hatten ja dafür gesorgt, daß den Gesellenorganisationen die größten polizeilichen Schwie- rigkeiten in den Weg gelegt wurden, wo man sie nicht einfach verbot. Außerdem wirkte die aufkommende Manufaktur zer- setzend. Und daß das moderne Bürgerthum, welches das Prinzip der wirthschaftlichen Freiheit proklamirte, nicht an eine Wiederherstellung der Gesellenverbindungen denken konnte, ist selbstverständlich. Ja, dasselbe, siegreiche Bürgerthum, welches die unveräußerlichen Menschenrechte verkündete, Freiheit, Gleich- heit und Brüderlichkeit proklamirte, erläßt im zweiten Jahre seiner glorreichen Revolution ein Dekret, welches alle Arbeiter- koalitionen für ein„Attentat auf die Freiheit und die Erklä- rung der Menschenrechte" erklärt, strafbar mit 500 Livres nebst einjähriger Entziehung der aktive» Bürgerrechte.*) Aber kein Gesetzbuch der Welt ist im Stand, diejenigen Bestrebungen zu unterdrücken, welche in den materiellen Lebens- bedingungen der Gesellschaft wurzeln. Gegen die bestehenden Satzungen hatten sich seinerzeit die Handwerkerverbindungen organisirt, in heftigen, oft höchst blutigen Kämpfen sich Gel- tung und Anerkennung verschafft, gegen die bestehenden Gesetze *) Nichts ist charakteristischer als der Vorwand dieses bürgerlichen Staatsstreichs.„Obgleich", sagt Chapelier, der Berichterstatter,„es wün- schenswerth, daß der Arbeitslohn höher steige als er jetzt steht, damit der, der ihn empfängt, außerhalb der durch die Entbehrung der noth- wendigen Lebensmittel bedingten absoluten Abhängigkeit sei, welche sast die Abhängigkeit der Sklaverei ist", dürfen dennoch die Arbeiter sich nicht über ihr« Interessen verständigen, gemeinsam handeln und dadurch ihre „absolute Abhängigkeit, welche fast Sklaverei ist", mäßigen, weil sie eben dadurch„die Freiheit ihrer oi-äovam waltrss, der jetzigen Unternehmer", verletzen(die Freiheit, die Arbeiter in der Sklaverei zu erhalten!), und weil eine Koalition gegen die Despotie der ehemaligen Meister der Kor- porationen— man rathe!— eine Herstellung der durch die französische Konstitution abgeschafften Korporationen ist! (K a r l M a r x, Das Kapital, 2. Aufl. S. 773.) sollten sich auch die Arbciterkoalitionen Geltung und Anerken- nung exkämpfen. Denn init der alten Zunft verschwand auch der alte, im Grund zunstmäßg gesinnte Handwerksgeselle, der stets noch von der deremstigen Meisterherrlichkeit träumte; die sich immer mächtiger entwickelnde moderne Industrie setzte an seine Stelle den modernen, aller Illusionen über seine gesell- schaftliche Stellung freien Proletarier, dem sich mit unerbitt- licher Logik die Erkenntniß aufdrängte: Vereinzelt bist Du nichts; nur im Verein mit Deinen Klassengenossen kann st Du etwas aus- richten! Die Revolution von Oben und der sogen. RechtSboden. (Eine zeitgemäße Reminiszenz.) Bismarcks neuestes Attentat auf das Legitimitätsprinzip hat in der deutschen Presse einen lustigen Federkrieg hervorgerufen. Die offiziöse Presse macht die krampfhaftesten Versuche, den Nachweis zu liefern, daß die Eskamotirung der Erbansprüche des Het;;ogs von Cumberland in keiner Weise mit dem„wohlverstandenen" Prinzip der Legitimität in Widerspruch stehe, und führt zur Bekräftigung dieser Behauptung eine Reihe von Präzedenzfällen an, die beweisen sollen, daß schon von jeher die Legitimität an dem„höheren Staatsinteresse" ihre Ergänzung ge- funden. Das ist natürlich nur eine faule Finte, denn gerade um dieses„höhere Staatsinteresse" waltet heute der Streit, und wenn in Bezug auf das- selbe die Legitimität, der sogenannte Rechtsboden, nicht mehr maß- gebend sein soll, dann wird ihm diejenige Basis entzogen, welches es— wenigstens in der Theorie— über das revolutionäre Recht oder das Recht der Revolution stellte. Daß in der Praxis das Legitimitätsprinzip oit genug von den eigenen Vertretern mit Füßen getreten wurde, braucht man uns nicht erst zu erzählen. Ist ja doch die ganze Legitimität nur eine vereinbart« Lüge, eine tadlo convonuo, wie die Franzosen sagen, ein fadenscheini- ger Mantel, der die Niederträchtigkeit von gestern durch die Niederträch- tigkeit von heute decken soll. Aber der Mantel ist einmal da, und wenn ihn diejenigen selbst zerreißen, die sich mit ihm brüsten, so kakin man ihnen nur mit Verrina zurufen: Wenn der Mantel fällt, muß auch der Herzog nach— Gewalt ist Gewalt, ob von Oben oder von Unten prak- tizirt, in jedem Fall ist sie ein revolutionäres Prinzip. Vortrefflich finden wir das ausgeführt in einer Rede, die Karl Marx am achten Februar 1849 vor den Assissen zu Köln gehalten. Marx war nebst Karl Schapper und dem Rechtsanwalt Schneider der„Ausreizung zur Rebellion" angeklagt, und zwar wegen des nachstehenden „Aufruf!») „Köln, 18. November 1848. Der rheinische Kreisausschuß der De- mokraten fordert alle demokratischen Vereine der Rheinprovinz auf, die Beschlußnahme und Durchführung folgender Maßregeln zu be- werkstelligen: 1) Nachdem die preußische National- Versammlung selbst die Steuerverweigerung beschlossen, ist ihre gewaltsame Eintrei- bung durch jede Art des Widerstandes zurückzuweisen. 2) Der Landsturm zur Abwehr des Feindes ist überall zu orga- nisiren. Für die Unbemittelten sind Waffen und Munition auf Gemeindekosten oder durch freiwillige Beiträge zu be- schaffen. 3) Die Behörden sind überall aufzufordern, fich öffentlich dar« über zu erklären, ob sie die Beschlüsse der National-Versamm« lung anerkennen und ausführen wollen. Im Weigerungsfalle sind Sicherheitsausschüsse zu ernennen, und zwar womöglich im Einverständnisse mit den Gemeinde- räthen. Der gesetzgebenden Versammlung widerstrebende Ge- meinderäthe sind durch allgemeine Volkswahl zu erneuern. Im Namen des rheinischen Kreisausschusses der Demokraten: Karl Marx. KarlSchapper. Schneider II. In dem kurzen Verhör erklären die Angeklagten, die Verfasser des inkriminirten Aufrufes zu sein und unter dem inneren Feind die bewaff- nete Regierungsgewalt verstanden zu haben. Nachdem der Staatsanwalt—„das öffentliche Ministerium", wie es im Code Napoleon heißt— die Anklage begründet, erhielt Marx das Wort. Wir würden die ganze Rede hier abdrucken, die, frei von allen rhetori- schen Künsten, ein wahres Muster einer politischen Vertheidigungsrede ist, aber mit Rücksicht auf den knappen Raum unseres Blattes beschränken wir uns auf diejenigen Stellen, welche direkt zu unserem Thema ge- hören. Marx charatterisirt zunächst die verschiedenen Handlungen der preußi- schen Regierung, welche dem Steuerverweigerungsbeschluß voraus- gegangen waren: die Verhängung des Belagerungszustandes, die BuS- einanderjagung der Nationalversammlung ic., und fährt dann fort: „Also, meine Herren, die Thatsache läßt sich nicht leugnen, kein späterer Geschichtschreiber wird sie leugnen: die Krone hat eine Revolution ge- macht, sie hat den bestehenden Rechtszustand über den Haufen geworfen, sie kann nicht an die Gesetze appelliren, die sie selbst so schändlich um- stoßen hat. Wenn man eine Revolution glücklich vollbringt, kann man seine Gegner hängen, aber nicht verurtheilen. Man kann sie als besiegte Feinde auS dem Wege räumen, man kann sie nicht als Verbrecher richten. Nach vollendeter Revolution oder Kontrerevolution kann man die umgestoßenen Gesetze gegen die Vertheidiger derselben Gesetze nicht in Anwen« dung bringen. Es ist dies eine feige Heuchelei der Gesetzlichkeit, die Sie, meine Herren, nicht durch Ihren Urtheilsspruch sanktioniren werden. Ich habe Ihnen gesagt, meine Herren, daß die Regierung das Urtheil des Volkes über„die rettende That der Krone" verfälscht hat. Und den- noch hat das Volk schon gegen die Krone entschieden für die Ratio« nalversammlung. Die Wahlen zur zweiten Kammer sind die einzig gesetz- lichen, weil sie allein auf Grundlage des Gesetzes vom 8. April IS4S *) Dieser Aufruf, sowie die nachfolgenden Auszüge sind entnommen dem ausführlichen Bericht der„Neuen Rheinischen Zeitung"(Nr. 22S und folgende). stattgesunden haben. Und sast alle Steuerverweigerer sind zur zweiten Kammer wiedergewählt worden, viele zwei-, dreimal. Mein Mitange- klagter selbst, Schneider II, ist Deputirter von Köln. Die Frage über das Recht der Nationalversammlung, die Steuerverweigerung zu be- schließen, ist also schon faltisch durch das Volk entschieden. Von diesem höchsten Urtheilsspruche abgesehen. Sie Alle werden mir zugeben, meine Herren, daß hier kein Verbrechen im gewöhnlichen Sinn vorliegt, daß hier überhaupt kein Konflikt mit dem Gesetze vorliegt, der vor Ihr Forum gehört. In gewöhnlichen Zuständen ist die öffentliche Gewalt die Vollzieherin der bestehenden Gesetze; Verbrecher ist, wer diese Gesetze bricht oder der öffentlichen Gewalt in Ausübung derselben gewaltsam entgegentritt. In unserem Falle hat die eine öffentliche Ge- walt das Gesetz gebrochen; die andere öffentliche Gewalt, gleichgiltig welche, hat es behauptet. Der Kampf zwischen zwei Staatsgewalten liegt weder im Bereiche des Privatrechtes, noch im Bereiche des Kriminal- rechtes. Die Frage, wer im Rechte war, die Krone oder die Nationalversamm- lung, sie ist eine geschichtliche Frage. Alle Jury's, alle Gerichte in Preußen zusammengenommen, können sie nicht entscheiden. Es gibt nur eine Macht, die sie lösen wird, die Geschichte. Ich begreife daher nicht, wie man uns auf Grund des Code penal(Strafgesetzbuch) auf die Anklagebank verweisen konnte. Daß es sich hier um einen Kampf zwischen zwei Gewalten handelte, und zwischen zwei Gewalten kann nur die Gewalt entscheiden, das, meine Herren, hat die revolutionäre und kontrerevolutionäre Presse gleichmäßig ausgesprochen. Ein Organ der Regierung selbst hat es kurz vor der Entscheidung des Kampfes proklamirt. Die„Reue Preußische Zeitung", das Organ des jetzigen Ministeriums, hatte das wohl erkannt. Einige Tage vor der Krise sagte sie ungefähr: Es kommt jetzt nicht mehr auf das Recht, son- dern auf die Gewalt an, und es wird sich zeigen, daß das alte gott- begnadete Königthum noch die Gewalt hat. Die„Reue Preußische Zeitung" hatte die Sachlage richtig aufgefaßt. Gewalt gegen Gewalt. Der Sieg mußte zwischen beiden entscheiden. Die Kontrerevolution hat gesiegt, aber nur der erste Akt des Dramas ist beendet. In England hat der Kampf über 20 Jahre gedauert. Karl I. war wiederholt Sieger, er bestieg schließlich das Schaffst. Und wer bürgt Ihnen dafür, meine Herren, daß nicht das jetzige Ministerium, daß nicht diese Beamte, die sich zu seinem Werkzeug machten und machen, als Hochverräther von der jetzigen Kammer verurtheilt werden oder von ihren Nachfolgern? Meine Herren, das öffentliche Ministerium hat seine Anklage auf die Gesetze vom K. und 8. April zu begründen gesucht. Ich war gezwungen, Ihnen nachzuweisen, daß eben diese Gesetze uns freisprechen. Aber ich verheimliche es Ihnen nicht, ich habe diese Gesetze nie aner- kannt, ich werde sie nie anerkennen. Sie hatten nie eine Geltung für die aus der Wahl des Volkes her- vorgegangenen Deputirten; noch weniger konnten sie der Revolution des Märzes ihre Bahn vor- schreiben. Wie sind die Gesetze vom 6. und 8. April entstanden? Durch Ver- einbarung der Regierung mit dem Vereinigten Landtage. Man wollte auf diesem Wege an den alten gesetzlichen Zustand anknüpfen und die Revolution vertünchen, welche eben diesen Zustand beseitigt hatte. Männer wie Camphausen u. dgl. hielten es für wichtig, den Schein des gesetzlichen Fortschritts zu retten. Und wie retteten sie diesen Schein? Durch eine Reihe augenfälliger und abgeschmackter Widersprüche. Bleiben Sie, meine Herren, einen Augenblick auf dem alten, gesetzlichen Standpunkt stehen! Das bloße Dasein des Ministers Camphausen, eines verantwortlichen Ministers, eines Ministers ohne Beamtenkarriöre, war es nicht eine Ungesetzlichkeit? Camphausen's, des verantwortlichenMinister- Präsidenten, Stellung war eine ungesetzliche. Dieser gesetzlich nicht existirende Beamte ruft den Vereinigten Landtag zusammen, um Gesetze durch ihn beschließen zu laffen, zu deren Beschlußnahme dieser selbe Landtag gesetzlich nicht befugt war. Und dies sich selbst auf- hebende und in's Gesicht schlagende Formenspiel nannte man gesetzlichen Fortschritt, Behauptung des Rechtsbodens. Aber sehen wir ab von dem Formellen, meine Herren! Was war der Vereinigte Landtag? Der Vertreter alter verkommener gesellschaftlicher Verhältniffe. Die Revolution, sie hatte eben stattgefunden gegen diese Verhältnisse. Und den Vertretern der besiegten Gesellschaft legt man organische Gesetze vor, welche die Revolution gegen diese alte Gesellschaft anerkennen, regeln, organisiren sollen? Welch' ein abgeschmackter Wider- fpruch! Der Landtag war gestürzt mit dem alten Königthum. Bei dieser Gelegenheit, meine Herren, sehen wir Aug' in Auge dem sogenannten R e ch t s b o d e n. Ich bin um so mehr gezwungen, auf diesen Punkt mich einzulassen, als wir mit Recht für Feinde des Rechts- bodens gelten, als die Gesetze vom 6. und 8. April blas der formellen Anerkennung des Rechtsbodens ihr Dasein verdanken. Der Landtag vertrat vor allem das große Grundeigenthum. Das große Grundeigenthum war wirklich die Grundlage der mittel- altrigen, der feudalen Gesellschaft. Die moderne bürgerliche Gesellschaft, unsere Gesell- schaft, beruht dagegen auf der Industrie und dem Handel. Das Grund- eigenthum selbst hat alle seine ehemaligen Existenzbedingungen verloren, es ist abhängig geworden von dem Handel und der Industrie. Die Agrikultur wird daher heutzutage industriell betrieben, und die alten Feudalherren sind herabgesunken zu Fabrikanten von Vieh, Wolle, Korn, Runkelrüben, Schnaps u. dgl., zu Leuten, die mit diesen Jndi-.striepro- dukten Handel treiben, wie jeder andere Handelsmann! So sehr sie an ihren alten Vorurtheilen festhalten mögen, in der Praxis verwandeln sie sich in Bürger, die zu wenigst möglichen Kosten möglichst viel produziren, die einkaufen, wo am billigsten einzukaufen, und verkaufen, wo am theuersten zu verkaufen ist. Die Lebens', die Pro- duktions-, die Erwerbsweise dieser Herren zeiht also schon ihre überkomme- nen hochtrabenden Einbildungen der Lüge. Das Grundeigenthum, als das herrschende gesellschaftliche Element, setzt die m i t t e l a l t r i g e P r o- duktions- und Verkehrsweise voraus. Der Vereinigte Land- tag vertrat diese mittelaltrige Produktions- und Verkehrsweise, die längst ausgehört hatte, zu existiren, und deren Repräsentanten, so sehr sie an den alten Privilegien festhalten, ebenso sehr die Vortheilc der neuen Gesellschaft mitgeniehen und ausbeuten. Die neue bürgerliche, auf ganz andern Grundlagen, aus einer veränderten Produktionsweise beruhende Gesellschaft, mußte auch die politische Macht an sich reißen; sie mußte sie den Händen entreißen, welche die Jntereffen der untergehenden Ge- sellschaft vertraten, ein« politische Macht, deren ganze Organisation aus ganz verschiedenen materiellen Gesellschaftsverhältniffen hervorgegangen war. Daher die Revolution. Die Revolution war daher ebenso sehr gegen das absolute Königthum gerichtet, den höchsten poli- tischen Ausdruck der alten Gesellschaft, als gegen die ständische Vertretung, die eine längst durch die moderne Industrie vernichtete gesellschaftliche Ordnung oder höchstens noch anmaßliche Trümmer der täglich mehr von der bürgerlichen Gesellschaft überflügelten, in den Hintergrund gedrängten aufgelösten Stände repräsentirte. Wie kam man also auf den Einfall, den Vereinigten Landtag, den Vertreter der alten Gesellschaft, der neuen, in der Revolution sich zu ihrem Rechte bringenden Gesellschaft Gesetze diktiren zu lassen? Angeblich, um den R e ch t s b o d e n zu behaupten. Aber, meine Her- ren, was verstehen Sie denn unter Behauptung des Rechtsbodens? Die Behauptung von Gesetzen, die einer vergangenen Gesellschafts- epoche angehören, die von Vertretern untergegangener oder untergehender gesellschaftlicher Interessen gemacht sind, also auch nur diese, im Wider- fpruch mit den allgemeinen Bedürfnissen befindliche Interessen zumG esetz erheben. Di« Gesellschaft beruht aber nicht auf dem Gesetze. Es ist das eine juristische Einbildung. Das Gesetz muß vielmehr auf der Gesellschaft beruhen, eS muß Aus- druck ihrer gemeinschaftlichen, aus der jedesmaligen materiellen Produk- tionsweise hervorgehenden Interessen und Bedürfniffen gegen die Willkür des einzelnen Individuums sein."') Hier, der Coäo Napoleon, den ich in der Hand habe, er hat nicht die moderne bürgerliche Gesellschaft erzeugt. Die im 18. Jahrhundert entstandene, im 19. fortentwickelte bürgerliche Gesellschaft findet vielmehr im Code nur einen gesetzlichen Ausdruck. Sobald er den gesellschaftlichen Verhältniffe» nicht mehr entspricht, ist er nur noch ein Ballen Papier. Sie können die alten Gesetze nicht zur Grundlage der neuen gesellschaft- lichen Entwicklung machen, so wenig als diese alten Gesetze die alten gesetzlichen Zustände gemacht. Aus diesen alten Zuständen sind sie hervorgegangen, mit ihnen müffen sie untergehen. Sie verändern sich nothwendig mit den wechselnden Lebensverhältnissen. Die Behauptung der alten Gesetze gegen die neuen Bedürfniffe und Ansprüche der gesellschaftlichen Entwicklung ist im Grund nichts anders als die scheinheilige Behauptung unzeitgemäßer Sonder- interessen gegen das zeitgemäße Gesammtinterefse. Diese Behauptung des Rechtsbodens will solche Sonder- intereffen als herrschende geltend machen, während sie n i ch t m e h r herrschen; sie will der Gesellschaft Gesetze aufdringen, die durch die Lebensverhältnisse dieser Gesellschaft, durch ihre Erwerbsweise, ihren Ver- kehr, ihre materielle Produktion selbst verurtheilt sind, sie will Gesetz- geber in Funktion halten, die nur noch Sonderintereffen verfolgen, sie will die Staatsmacht mißbrauchen, um gewaltsam die Interessen der Minorität den Interessen der Majorität überzuordnen. Sie tritt also jeden Augenblick in Widerspruch mit den vorhandenen Bedürfnissen, sie hemmt den Verkehr, die Industrie, sie bereitet gesellschaftliche Krisen vor, die in politischenRevolutionen zum Ausbruch kommen. Das ist der wahre Sinn der Anhänglichkeit an den Rechtsboden und der Behauptung des Rechtsbodens. Und auf diese Phrase vom Rechts- boden hin, die entweder auf bewußtem Betrug oder auf bewußtloser Selbsttäuschung beruht, stützte man die Zusammenberufung des Vereinig- ten Landtags, ließ man diesen Landtag organische Gesetze für die durch die Revolution nothwendig gewordene und durch sie erzeugte National- Versammlung fabriziren. Und nach diesen Gesetzen will man die National- Versammlung richten! Die Nationalversammlung repräsentirte die moderne bürgerliche Ge- sellschaft gegenüber der im Vereinigten Landtage vertretenen feudalen Gesellschaft. Sie war vom Volke gewählt, um selbständig eine Verfaffung festzusetzen, die den mit der bisherigen politischen Organisation und den bisherigen Gesetzen in Konflikt getretenen Lebensverhältniffen entspreche. Sie war daher von vorneherein souverän, konstiwirend. Wenn sie sich gleichwohl auf den Vereinbarerstandpunkt herablieh, so war das rein formelle Höflichkeit gegen die Krone, reine Zeremonie. Ich brauche hier nicht zu untersuchen, ob die Versammlung dem Volke gegenüber das Recht hatte, sich auf den Vereinbarungsstandpunkt zu stellen. Nach ihrer Mei- nung sollte die Kollision mit der Krone durch den guten Willen beider Theile verhindert werden. So viel aber steht fest: die mit dem Vereinigten Landtage vereinbar- ten Gesetze vom 6. und 8. April waren formell ungüllig. Sie haben materiell blos in insoweit Bedeutung, als sie die Bedingungen ausspre- chen und festsetzen, unter denen die Nationalversammlung wirklicher Aus- druck der Volkssouveränetät sein konnte. Die Vereinigte Landtagsgesetz- gebung war nur eine Form, die der Krone die Demüthigung ersparte, zu proklamiren: Ich bin besiegt!(Fortsetzung folgt.) Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 10. Juni 1885. — Der Reptilienfonds langt nicht mehr. Es muß für neue Korruptionsgelder gesorgt werden— denkt der biedere Otto und will den„schäbigen Rest" des Ottopfennigs, d. h. denjenigen Theil, wel chen er in einer, allerdings äußerst merkwürdigen Anwandlung von falscher Scham nicht in die große Bismarcktasche zu stecken wagte, nun zu einer Filiale des Reptilienfonds machen. Letzterer hat bekanntlich die „Mission", das Volk der Denker um seine Denkfähigkeit und sein Ehr- gefühl zu bringen, und den Empfänger des Ottopfennigs als den größten aller lebendigen und todten, vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Menschen, Götter und Halbgötter auszuposaunen. Seit nahezu 20 Jahren werden die Millionen des Reptilienfonds diesem edlen Zwecke gewidmet, und Niemand wird leugnen können, daß m puncto der Verdummung, Verrohung, Entsittlichung und Götzendienerei mit Hülfe des Reptilien- fonds Bedeutendes geleistet worden ist— jedenfalls weit Bedeutenderes als in irgend einem anderen Lande und unter irgend einer anderen Regierung, selbst die des letzten französischen Kaisers nicht ausgenommen. Für unseren Otto, der, wie seine Reptilien-Anbeter uns versichern, in Allem über das gewöhnliche menschliche Maß hinausgeht, reicht das noch nicht aus, und so hat er denn bestimmt, daß der nicht in seiner Tasche verschwundene Rest des zusammengebettelten Ottopsennigs, in runder Summe l'/t Millionen, als Stipendienfonds für— strebsame Lehrer höherer Schulen angelegt werden soll. Volks schullehrer zu unter- stützen, d. h. Menschen, die dem Volke der arbeitenden Sklaven in Land und Stadt etwas überflüffige, ja im Grund gemeingefährliche Bildung beibringen— das fällt unserem Otto natürlich nicht ein; trotz der blöd- sinnigen Mythe vom„Schulmeister, der bei Königsgrätz siegte", würde er sie am liebsten ganz abschaffen, und ä>a alter Fritz durch Unteroffi- ziere ersetzen,— schade nur, daß man doch gewiffe Rücksichten nehmen muß! Aber sich strebsame, streberhafte Lehrer heranziehen, welche die theilweise zum„Regieren" bestimmten Zöglinge der höheren Schulen zu guten Normal-Unterthanen und-Beamten herandrillen und mit Ehrfurcht und Bewunderung für den großen, gnadenspendenden Otto er- füllen— das verlohnt sich; das befriedigt die größenwahnsinnige Eitel- keit und bringt zu gleicher Zeit praktischen Nutzen. Und so hätte denn der gesam.nte Ottopfennig seine �richtige Bestim« mung: halb in die Tasche, halb zum Nutzen und Ruhm des biederen Otto. Wahrhastig, er versteht sich aufs Geschäft! Das muß ihm sein ärgster Feind lassen. Bleichröder hätte es nicht profitabler machen können!— *) In einem Artikel zur V e r t h e i d i g u n g der Bismarck'schen Aktion gegen den Herzog vom Cumberland meint die Berliner„Rationalztg.", „das Legitimitätsprinzip der Metternich'schen Aera, welches... einen Gegensatz zu der lebendigen Rechtsentwicklung einer Ration nach Maß- gäbe ihrer Bedürfniffe ausmacht", gelte nichts mehr in Europa. Wir — Woran die Presse nicht alles schuld ist. Hat da ein königlich preußischer Beamter, der Strasanstaltsdirektor Krell inHan- nover, eine Abhandlung geschrieben, betitelt:„Die Presse und das Ver- brechen", in welcher er den Nachweis zu führen sucht, daß die Zeitun- gen durch die Berichte, die sie oon Verbrechen geben, zur Begehung ähnlicher Verbrechen anreizen. Es sei also nothwendig, so folgert der Herr Strafanstaltsdirektor mit fei. et strafanstaltlichen Logik, daß die Presse unter Zensur gestellt werden müsse und über Verbrecher und Prozesse nur solche Berichte veröffentlichen dürfe, die den Interessen der Moral entsprechen. Wer darüber zu entscheiden hat, was die Interessen der Moral sind, das sagt der königlich preußische Strafanstaltsdirektor zwar nicht, aber er läßt es doch deutlich genug errathen: Anstaltspfaffen, Anstaltsdirektoren, Staatsanwälte und ähnliches Volk— sie sind die berufensten Moralrichter, und ihrer Zensur muß also die Presse unter- warfen werden. Wir würden die Sache gar nicht erwähnt haben, wüßten wir nicht durch zahlreiche Kundgebungen der offiziösen und selbst offiziellen Presse während der letzten Jahre, daß die Anschauungen des Strafanstalts- Direktors Krell von sehr einflußreichen Persönlichkeiten getheilt werden, und aller Wahrscheinlichkeit nach die Anschauungen unserer heutigen Gewalthaber sind. Wir haben es also nicht mit einer bloßen Privat- Meinung zu thun: der Krell'sche Erguß ist ein Programm, das man zu verwirklichen suchen wird. Unbestreitbar richttg ist, daß ohne die Zeitungsberichte gewisse Ver- brechen nicht in der Form vorkommen würden, in der sie begangen werden. Gerade bei Verbrechen und Verbrechern äußert sich der Nach- ahmungsttieb in ganz besonderer Stärke. Allein daran ist doch die Presse nicht schuld— das liegt in dem Wesen der menschlichen Natur, und es gehört ein hoher Grad von Beschränktheit dazu, die Presse hier- für verantwortlich zu machen. Die Frage, auf welche es ankommt, ist: was find die Ursachen der Verbrechen. Müssen wir auch zugestehen, daß Zeitungsberichte die Form von Verbrechen bestimmen können, so quittiren dieses Zugeständniß mit größtem Vergnügen. Es soll nicht vergessen werden. Anmerkung der Redaktw n. steht auf der anderen Seite doch fest, daß sie nicht die Ursachen Verbrechen sind. Wäre dies der Fall, so würde es, ehe es ZeihmA gab, keine Verbrechen gegeben haben. Und nur der krasseste Jgnor« kann das behaupten. ist eine notorische Thatsache, daß in der„guten alten Zeit", „die sechste Großmacht" der Presse noch nicht existirte, Verbrechen je� Art weit häufiger waren als heutzutage. Und es ist ei« weitere notorische Thatsache, daß mit den Fortschritten der mode' «- 00 «endnng Auch in »»ige S 'leine S In K a l lchinenf Gesuch an Kultur und der, gleichen Schritt haltenden Entwickelung der Presse d« Nutzen. A' Zahl der Verbrechen, verglichen mit der Zahl der Bevölkerung, ab n 0 m m e n hat. Wir wollen keineswegs behaupten, daß die Berichterstattung unser" Zeitungen eine mustergiltige sei— sie ist es ebensowenig, wie das Institut unserer Presse ein mustergiltiges ist und unter der heutige Bourgeoiswirthschaft sein kann—, wir wollen gern zugeben, daß iw1 die Berichterstattung der Presse vielfach korrumpirend wirkt, und dfl bei gewissen Verbrechen die Berichterstattung systematisch auf die fachung niederster Sinnlichkeit und gemeinster Triebe berechnet si»l' allein dasselbe kann auch in mündlichen Berichten geschehen, s ch i e h t mündlich in tausendmal größerem Umfang, und kann doch d" Presse nicht zur Last gelegt werden. Die Presse spiegelt nur die L«" gänge des Lebens ab; wenn grauenhafte Verbrechen vorkommen und d« Entsittlichung on gros betrieben wird, so sind daran nicht die Z el' t u n g e n schuld, sondern die Z u st ä n d e. Diese gilt es zu ände« und nicht sich deshalb an die Presse zu halten, was ebenso lächerli wäre, wie das Handeln jenes Naturburschen, der, weil es ihn fror, ds Thermometer zerschlug, das die Kälte anzeigte. Mit demselbem Rechte könnte man auch sagen, die Erde und die beförderten das Verbrechen, denn ohne Erde und Luft könnten die Bei brecher doch sicherlich keine Verbrechen begehen. Soll man deshalb und Luft unter polizeiliche Aufsicht stellen oder gar„abschaffen"? Nu" der Presse aus demselben Grunde zu Leibe gehen zu wollen, ist gen« ebenso widersinnig und genau ebenso— aussichtslos. Wir können üb" die Bornirtheit der strafanstaltlichen Logik also in voller Sicherheit lache» Neberall — s. Die Bäckerhatz, zu welcher Fürst Bismarck im_____,___„ gefordert, ist jetzt richtig losgegangen. Die Bäcker werden von der off' ziösen Preffe für die erhöhten Brodpreise verantwortlich gemacht, ui>' die Polizeibehörden von zwei preußischen Städten: Mülhausen in TH« fätttllichet — s.§ — er bleil leumdungei »ohlverdiei wch neuen 'st, daß d bettreter p '"st diejeni ""d andere Denn H »»> kennte wsse Berel «was Auff Partei nu: «Arbeiter" "och heute !»' schichte de die Taschen der reichen Herren Grundbesitzer und anderer Ausbeute! Wetter zu fließen, sie müssen in Gestatt von vertheuertem Brod und vertheuert� seiner Un sonstigen Lebensmitteln bis auf den letzten Pfennig von d e» präzisen i arbeitenden Volke bezahlt werden. Das können unse»-- man 1 Genossen nicht oft genug und nicht laut genug aussprechen!— stfolisherz drückte — Der a l t e W i l h e l m ist bekanntlich sehr legitimistisch gesin" g-nomme und hat jedenfalls heftige Gewissensbisse, wenn er gegen das legitiff»Us betrc stische Prinzip verstößt. Im Jahr 18KK weinte er Thränen, als'ÖOetlji Hannover und die übrigen Länder der Depoffedirten in die Tasche steck» Hugo'z v sollte— was ihn jedoeh nicht hinderte, sie in die Tasche zu stecken u» Von le in der Tasche zu behalten. Jetzt wiederholt sich bei Braunschwei Julttager dieselbe Prozedur.„Aber das widerstreitet doch dem legitimen Ree? dj« wenn der Herzog von Cumberland seines Erbes verlustig erklärt wirb- Jahr ig- soll er, ganz zerknirscht, zu Bismarck gesagt haben.—„Die Sicherh! stommun Deutschlands erheischt es, Majestät!"—„Ja, wenn Sie mir Ihr dag IhMpathisi falten- dedeutend PtfönUet d0 Jahre der, °n pH geben, daß die Sicherheit Deutschlands es erheischt, dann muß ich freilieh thun— im Interesse Deutschlands." So wird erzählt.„I enthüllt Interesse Deutschlands" wird er sich also auch Braunschweig in die Prumair> räumige Hohenzollerntasche stecken, die eine so gute Verdauungskraft h» auch h x, wie der sprichwörtliche Hohenzollernmagen, der freilich beim alten W« b Helm naehgerade in die Brüche gegangen ist. großer z Beiläufig ist es nicht das erstemal, daß dieser seinen Hausmeier au- Oh et als Gewissensverwalter betrachtet hat. Bei Gelegenheit der famos« dient wl Juni-Ordonnanzen des Jahres 1883 pasfirte eine ganz ähnlick nicht Geschichte. Wilhelm hatte Skrupel:„Die Ordonnanz scheint mir ab« Pexso doch gegen die Verfassung zu verstoßen!" Der angehende Hausmeiel Tobte „Wie hätte ich sie dann Ew. Majestät vorschlagen können?" Majestv Götzeudi „Ich muß die Verfassung respektiren, ich habe sie beschworen!" Ä" Genuc gehender Hausmeier, mit salbungsvollem Pathos:„Auch i ch und mei" f ch �( Kollegen haben sie beschworen, und Ew. Majestät werden uns doch nid die Hu zutrauen, daß wir Ihnen eine Versassungsverletzung anrathen?!" SlSj losen jestät, gerührt:„Sicherlich nicht. Nun— wenn Sie alle mir Jh' O die Hand geben, daß Ihrer Ueberzeugung nach die Ordonnanz Verfassung nicht abe mäßig ist, dann werde ich unterschreiben!" Der angehende Hausme'' Ties gab Wilhelm die Hand, die übrigen sieben Minister— es war vorg" Ministerrath gewesen und alle zur Hand— thaten desgleichen, u" Wilhelm unterschrieb. So wirds gemacht!— �'gliche UNg le Wiktor i Vichts waltn »er kein *«1 Fei Neber — Gewerkschaftliches aus Deutschland.*) In der Pst woche fanden in Deutschland eine ganze Reihe von Generalversam: hingen von Fachorganisationen und sachlichen Unterstützungsverbänt statt. So in Berlin die Generalversammlung des Unte> xtoa jtützungsvereins deutscher Buchdrucker, der über 70 Pl»«tietifehei zent der Berufskollegen repräsenttrt; in G 0 t h a die Generalversam» Dichter- lung des Unterstützungsvereins deutscher Schuhmacher; in Magd Nacht' bürg der zweite Handwerkertag deutscher Zimmerleute und' g b Frankfurt am Main die 7. Generalversammlung der Z e n t r a- � Kranken- und Sterbekasse der Tischler und anders gewerblicher Arbeiter. Diese letztere Organisation zählt bereit>t den über 72,000 Mitglieder, welche auf der Generalversammlung durch 1»! Delegirte vertreten waren. Fast alle diese Versammlungen galten der Erledigung geschäftlich« Angelegenheiten, insbesondere der Durchführung derjenigen Aenderung« welches «Men„ Und vo »er Ba vii»vt[ veK-'vv v w»|».. in Statuten ic., welche sich auf Grund der gemachten Erfahrungen«' 5. nothwendig herausgestellt.— Der Streik der Tischler Königsbergs dauert noch im«» fort. Die Streikenden harren, trotzdem sie fast auf ihre eigene Kr» angewiesen sind, muthig aus. Es ist dringend zu wünschen, daß W (3t)« *) Die als Ausbeuter nicht besser und nicht schlechter sind als ih' Kollegen in andern Erwerbszweigen. *) In voriger Nummer leider aus Versehen fortgeblieben. Jude »ls die des Di »orhebr S-leugn Frankr- Hugo r Aber l Genius : n°° Kollegen von nah und fern ihnen nachKräften zuHülfe kommen. tuncl« Sendungen an A. ArebS, Colwstr. 5, Königsberg i. Pr. , a..* � �"'"'~ I. � r-_ 1_ Ausstand.®t» l s Gasthaus, tf.'______ I_.______. J. V" VVMAV V V. a\ V l n WIV««4VV.41.4 w» �v�rkAeugsÄa� ' Ich t n e n f a b r i k von Brenner«dSchuhmacher. Hier geht das ..... ,®e(U(5 an die Metallarbeiter allerorts, ihre Kollegen zu unter- sse dt stutzen. Adresse: Karl Schuhmacher, Mülheimerstraße 6 in Kalk b/Köln. b g|! überall heißt es natürlich als Haupterforderniß: Zuzug fernhalten! mfe«1 gaä !utig< ß aul d' e En» sin» ich W e SBop ad d- Z« »der Herl« r. m efiul eH Erd NB qena> , üb- lach«- >g » o\ ,»i :%\ etnl njei — s. Herr Eugen Richter er bleibt immer Eugen Richter. !N st ieispl kann nicht aus seiner Haut hinaus ................. w»8v.. Kaum hat er sich mit seinen Ver- leumdunzen der parlamentarischen Thätigkeit unserer Abgeordneten eine wohlverdiente Züchtigung geholt, so ist er schon wieder auf der Suche d«' oach neuen Verleumdungen und einer neuen Züchtigung. Das Neueste P, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten, die sich als Arbeiter- bertreter par exosllouvs hinstellen, selbst gar keine Arbeiter seien, und »oß diejenigen unter ihnen, die Arbeiter waren, sich besten schämten, »nd andere Beschäftigungen und Titel angenommen hätten. Wenn Herr Eugen die Personalien unserer Abgeordneten nicht so ge- wsu kennte, würde man dieser höhnenden Bemerkung vielleicht eine ge- We Berechtigung nicht absprechen können. Denn es hat unzweifelhaft Auffallendes, daß unter 24 Abgeordneten der sozialdemokratstchen �rtei nur ein einziger ist, welcher in dem Parlamentsalmanach als «»rbeiter" auftritt, nämlich unser braver Meister aus Hannover, der heute einfacher Cigarrenmacher ist, und während der Zeit, die er sM im Reichstage zubringt, in seiner Fabrik gegen den üblichen Tage- whn arbeitet. Meister hat aber auch einen„Brodherrn", wie sie eben "wk sehr selten zu finden sind. Die übrigen sozialdemokratischen Abge- ordneten, die früher Lohnarbeiter waren, sind nicht so glücklich ge- Wesen, wie Meister— sie sind wegen ihrer Grundsätze aus Lohn und wrod gekommen, und hatten sämmtlich ein langes Martyrium zu be- y—i Arn. Und Herr Eugen Richter weiß das. Er weiß, daß es nur die .. Awachvollste Verfolgung war, was die Mehrzahl unserer Genosten im aw �«(hstag aus der Arbeiter Laufbahir herausgedrängt hat, und es gehört i'o ganze Gemeinheit der Natur eines Eugen Richter dazu, ihnen aus erlittenen Unrecht einen Vorwurf zu machen. Wenn ein fort- !?oitllicher Kreisrichter gemahregelt wird— jetzt kommts ja nicht mehr bor, früher jedoch war es häufig— dann schlägt Herr Eugen Richter �ossalen Lärm, die fortschrittliche Preste schreibt Jammerartikel über llaannerartikel, und appellirt pathetisch an die Humanität— und doch J®®»» diese fortschrittlichen„Märtyrer" fast ausnahmslos durch ihre iregelung nur gewonnen und nichts verloren. Zum Bei- {p'rl Herr Eugen Richter selbst, der heute ein zwanzigmal so großes Ein- owien hat, als er hätte, wenn er nicht gemaßregelt worden wäre, such» Uw® der auch unmittelbar nach seiner Maßregelung' herrlich und i 5. l>eu hat leben können. irutal auch- :m d> ährlb gut- oahr« i e sst npa� Mtzeist iKu-t her- m ...__________ Unseren Gemaßregelten ist es anders ge- gongen- und Herr Eugen Richter weiß das—; wegen ihrer politi- Hen Gesinnung und Thätigkeit gemaßregelt, mußten sie, Arbeit suchend. b°n Thüre zu Thüre wandern, und wurden überall abgewiesen. Dre Arbeitgeber— viele davon Parteigenossen des Herrn 5 u S e n Richter, und durch seine ehrlosen Hetzereien gegen die Sozial- «emokraten aufgestachelt— wetteiferten mit der Polizei, wer an den �glücklichen Gehetzten sein Müthchen am besten kühlen konnte. Wie „7« der Gehetzten sind nicht zu Grunde gegangen! Den Ueberlebenden ° bUg es, sich hier, da— in dem einen oder anveren Geschäftszweig, Ä- bescheidene Existenz zu schaffen, und ein Theil dieser Genoffen sitzt im Reichstag. Niemand kennt bester, als Herr Richter, die Leiden, ,e Kämpfe dieser Männer, und trotzdem wirft er ihnen ihr Unglück als brist«nen Vorwurf ins Gesicht. Pfui, Eugen! ihnei» ihm m u« Viktor Hugo betreffend, schreibt man uns aus D e u t s ch- eRost land: tise-st„Natürlich beschäftigt die deutsche Preffe sich seit Viktor Hugo's Tod >eckl>» viel mit Viktor Hugo und dem„Viktor Hugo-Kultus" in Frankreich. iehm-» Um von vornherein über unsere Auffassung keinen Zweifel zu lassen, . I�i gesagt daß wir Viktor Hugo's Fehler sehr gut kennen, daß sein etretst„Posiren", seine Eitelkeit, sein schwülstiges Pathos uns wahrhaftig nicht icht bst sympathisch anmuthen, daß wir ihn auch nicht für einen ernsten Politiker r t est- halten— daß dies uns aber nicht hindern kann, in Viktor Hugo einen '-deutenden Dichter und Schriftsteller und überhaupt eine bedeutende "7, Tv�önlichteit zu erblicken. Es kann nicht geleugnet werden, daß er seit u ,7 fahren eine Reihe von Werken geschaffen hat, die ihm in der Ge- hme' schichte der Literatur einen hervorragenden Platz sichern und es muß ibeul- weiter zugegeben werden, daß Viktor Hugo, trotz seiner Schwächen, trotz !Ut 4 Ie,üe.t Unfähigkeit praktischen und präzisen Denkens, praktischen und tt d.'v bvazisen Handelns, es doch verstanden hat, mit der Volksseele— nns-st tT Man verzeihe den viel mißbrauchten Ausdruck— zu fühlen, mit dem w Re- wirb- cher! r W ich �»lksherz zu empfinden, und daß' er stets auf Seiten der Unter- „ brückten und Verfolgten war. Das Verdienst kann ihm nicht benommen werden. Und wie hoch steht er, von diesem Gesichtspunkt igü'bst betrachtet, über so manchem anderen„Dichterfürsten", z. B. unserm m �bethe, den wir darum jedoch nicht als Dichter aus das Niveau i steckst Hugo'z verweisen wollen. en u» Von legitimistischen Anschauungen ausgehend, wurde Hugo in den uUIitagen des Jahres 1830 von dem Hauche der Revolution berührt— b'- Februarrevolution fand in ihm ihren glühenden Verehrer, und im jtohr 1871 war er einer der Wenigen, die den Muth hatten, für die Kommunarden einzutreten; und wie glühend er den Despotismus haßte, zeigt sein„Napoleon der Kleine"--- eine zornige Anklageschrift, b-ren phrasengeschwollenes Pathos freilich auch die Schwäche des Dichters bfthüllt, und die zu dem, das gleiche Thema behandelnden„Achtzehnten «rumaire" von Karl Marx, der aber nicht blos anklagt, sondern bstch hinrichtet, einen interessanten Gegensatz bildet. Wie dem sei— Viktor Hugo war ein bedeutender Mensch und ein bvoßer Dichter. Ob er das überschwängliche Lob und die überschwänglichen Ehren ver- b'ent, welche ihm nach seinem Tod gespendet werden, das soll uns hier ■' tU 27' beschäftigen. Wir sind prinzipielle Gegner, wie jedes, so auch des ar al» Personen- Kultus, nur daß wir für die abgöttische Verehrung eines Lobten immer noch eher eine Entschuldigung haben als für den -0« Götzendienst, der mit einem Lebenden getrieben wird. Genug— der Viktor Hugo-Kultus der Franzosen ist unseren d e u t- Ishen Chauvinisten gar nicht recht: sie rümpfen die Nase über bie„Hugolatrie"(Hugo- Anbetung) und meinen, nur die Fran- tosen seien eines solch' wahnsinnigen Personenkultus fähig. .0 die heilige Einfalt, welche den Splitter im fremden Auge sieht, "'cht aber den Balken im eignen! Was die Franzosen in Viktor Hugo-Anbetung leisten, ist nichts, b-vglichen mit dem, was die Deutschen in Bismarck-Anbet- 2>n 9 leisten. Und Viktor Hugo ist t o d t und Bismarck lebt. Und Wttor Hugo war ein Ritter vom Geist und ein Held des Vichts und der Freiheit, während Bismarck ein roher G e- waltmensch ist, der keine andere Triebfeder hat als S e l b st s u ch t, ber kein höheres Ziel kennt als Macht und Reichthum, und keinen größe- ben Feind als den freien M e n s ch e n g e i st. Neben dem Götzendienst, der in Deutschland mit diesem rohen Gewalt- r jt-.... i■<_____. t__ c. � � 4*«• �\ /-f\ rt fci-• 14- 1 V\ rt ä Kultus des Tag neben ■"j aieoen oem Goyenoienzi, ver-u um uicicm- , i w«nschen getrieben wird, erscheint uns der französische K'chters und FreihettSapostels Viktor Hugo wie T iagb Nacht," � iTva 60 bie Zuschrift. bete Wie schon aus unserer vorigen Nummer ersichtlich, stimmen wir . gereist wit dem hier Gesagten durchaus überein. Wenn wir in dem Ehrengeleit, rch 1« welches man den Resten des verstorbenen Dichters erwies, überhaupt rinen„Kultus" zu erblicken haben, dann ist es sicher ein unschuldiger äftlich- vor Allem unschädlicher Kultus. Derselbe hat nichts gemein mit enmflst et Bauchrutscherei vor den jeweiligen Machthabern und deren Kreaturen, aen«i bor den Glückspilzen der Politik und des Schlachtfeldes. Zudem ist es mit der„Hugolatti«" in Frankreich gar nicht so schlimm, h imast J18 bie deutschen Blätter es darstellen. Daß die persönlichen Freunde ie Kr«' 8 Dichters sowie seine engeren Parteigenossen in Bezug auf die Her- aß ih> borhebung seiner Verdienste vielfach des Guten zuviel gethan, soll nicht 9eleugnet werden, im Allgemeinen aber ist man sich auch in Frankreich der Schwächen sowohl des Dichters, als auch des Politikers als ih' Su90 wohl gewußt und hat es an Bewnung derselben nicht fehlen lassen. «ber bei der Abwägung der Vorzüge und der Fehler des Hugo'schen «enius blieb ein so bedeutendes Fazit zu seinen Gunsten, daß selbst seine schärfsten Kritiker ihm freudig den Tribut ihrer Hochachtung dar- brachten. Was nun die Betheiligung der Sozialisten und Revolutionäre an den Leichenseierlichketten zu Ehren Viktor Hugo's anbetrifft, so müssen wir unsere bezügliche Notiz in voriger Nummer dahin berichtigen, daß ein großer Theil der Sozialisten an denselben nicht teilgenommen hat. Die Einen, well sie Viktor Hugo verschiedene polittsche Vergehen— die noth- wendigen Folgen seiner verschwommenen Denkweise— z. B. seine An- griffe auf einzelne Kommunards, nicht vergeffen können, die Anderen wegen des offiziellen Charakters der Feierlichkeiten überhaupt, die durch das Verbot der rothen Fahne einen exklusiven Charakter erhielt.— Da an jenem Tage die ganze reaktionäre Meute aufgeboten war, so war jeder Versuch, die rothe Fahne trotz des Verbotes in würdiger Weise zur Geltung zu bringen, von vornherein als aussichtslos zu bettachten; in dieser Erwägung war man auf einer Delegirtenkonferenz der revolu- tionären und sozialistischen Gruppen zu dem Beschluffe gelangt, lieber auf die Entfaltung der rothen Fahne zu verzichten, als sie lächerlich zu machen. Wie berechttgt dieser Beschluß war, haben die Thatsachen bewiesen. Die Anarchisten, welche trotzdem mit der rothen Fahne aufmarschirten, haben dieselbe einer kläglichen Niederlage ausgesetzt. — Wer gehört auf die Anklagebank? In bayeri- schen Blättern finden wir folgende Notiz: „Die gegenwärtige Nothlage des kaufmännischenKomp- toir-Personals wurde kürzlich vor der Strafkammer des Bayreuth« Landgerichts recht drastisch illustrirt. Der 26jährige verheirathete Buchhalter Johann Pistor von Vohenstrauß hatte voriges Jahr bei dem Mühlbesitzer Ad. Schiller von der Röckleinsmühle bei Bayreuth eine Stelle als Buchhalter und Kassier gegen ein monatliches Salair von 10(zehn) Mark, freien Mittagstisch für seine Person, und 1'/, pCt. Provision von den Einnahmen der neu zugehenden Kunden gefunden. Daß bei einer solchen Bezahlung auch ein an die bescheidensten Ansprüche gewöhnter Mensch das zum Leben Nothwendigste nicht bestreiten kann, wußte Herr Schiller als erfahrener Geschäftsmann; daß sein Buchhalter brauchbar war, mußte er heute selbst zugeben, und dennoch eine solche karge Besoldung! Pistor gerieth denn auch auf die Bahn des Verbre- chens, indem er im Laufe eines Jahres zirka 420 M. seinem Prinzipal veruntreute und, um eine Unterschlagung von 100 M. zu verheimlichen, auch eine falsche Quittung anfertigte. Wegen eines fortgesetzten Ver- gehens der Unterschlagung im Zusammenfluß mit einem Verbrechen der Privaturkundenfälschung. diese verübt unter mildernden Umständen. wurde Pistor zu I Jahr Gefängniß verurtheilt." Damit wird Pistor ein„bestraftes Individuum", und es ist mehr als zweifelhaft, ob er es je wieder zu einer geachteten Stellung bringen wird. Gehörte nicht aber von Rechtswegen der schmutzige Ausbeuter auf die Anklagebank, der die Nothlage eines tüchtigen Arbeiters dazu benutzt, ihn mit einem Lohn abzufinden, bei welchem derselbe— wie selbst Bour- geoisblätter zugestehen— auf den Diebstahl angewiesen ist? O über unsere herrliche Gesellschaft des„freien wirthschastlichen Wettbetriebes". die den Proletarier zum Verbrechen zwingt! Der Kaufmannsgehülfe muß zum Spitzbuben werden, um ein„anständiges" Dasein fristen zu könne», die Arbeiterin, wie sich erst jüngst wieder in Berlin gezeigt, zur Prostituirten, und der Arbeiter zum Louis oder zum Ausbeuter seiner Kinder, und alles das zur größeren Ehre des Moloch Kapital, vor dem sie alle im Staube liegen, die Bismarck und die Richter, die Schäffle und die Stöcker! — Daß die Vorbereitung zum Hochverrath im deutschen Reiche strafbar ist, haben wir längst gewußt, dieser Tage sind wir aber belehrt worden, daß auch die Vorbereitung zur Beleidigung und Verleumdung nicht nur strafbar ist, sondern sogar ein ganz besonders schweres Vergehen. Der Delinquent, der sich deffelben schuldig gemacht, ist kein anderer als der Bismarck-Attentäter K u l l m a n n, der zur Zeit im Zuchthaus St. Georgen zu Bayreuth die ihm 1874 auf- erlegte 14jährige Strafhast verbüßt. Kullmann hatte aus Aerger über die Abweisung seiner Beschwerden über die Gefängnißkost ein Pamphlet versaßt, in welchem er verschiedene höhere Beamte entehrender Hand- lungen zeiht, und dieses Pamphlet eifiem Mitgefangenen übergeben, da- mit derselbe es zum Druck befördere. Das geschah aber nicht, der Be- treffende übergab das Schriftstück dem Gefängnißdirektor, und so stand Kullmann ain 4. Juni in Bayreuth vor Gericht, der Verleumdung und Beleidigung— nicht doch, der Vorbereitung zur Verleumdung und Beleidigung angeklagt. Und das Gericht oerurtheilte ihn nach kurzer Verhandlung„wegen 5 Vergehen der verleumderischen und 9 der ein- fachen Berufsbeleidigung" zu fünf Jahren Gesammtgefäng- n i ß st r a f e! Zur Zeit hat Kullmann 11 Jahre Zuchthaus verbüßt; mit den obigen 5 Jahren und einer Zusatzstrase von 2 Jahren wegen thätlichen Angriffs auf einen Beamten, ist seine Strafzeit bis zum Jahre 1895 verlängert worden. Wie der ihm sehr ungünstig gesinnte Berichterstatter des„Berl. Tagebl." schreibt, sieht der 32jährige Mensch bereits aus, als ob er„an der Grenze der fünfziger Jahre" stände.„Die fast über- standenen 12 Jahre Zuchthausleben haben sich seinen Gesichtszügen in hohem Grade eingeprägt." Somit ist kaum zu erwarten, daß der Bis- niarck- Attentäter das Zuchthaus verlassen wird. Ein todter Mann, ein stiller Mann! - Zünftlerische s. Wir lesen im„Sächsischen Wochenblatt": „Der Streik der(Dresdener) Tischler befindet sich im alten Stadium. Daß es zu keiner Einigung kommt, daran sind die I n n u n g s- m e i st e r schuld. Dieselben erlassen Erklärungen, schmutzig gefärbt und entstellt, um das Publikum zu täuschen, daß es etwas Anderes als Eigen- nutz ist, was diese Jnnungshelden verhindert, mit den Arbeitern sich zu einigen. Der Streik der Gesellen wird als aus Uebermuth hervorge- gangen bezeichnet. Die Prinzipale, welche auf die Forderungen der Ge- fellen eingegangen sind, werden verächtlich„Juden" genannt. Es ver- dient für alle deutschen Arbeiter konstatirt zu werden, daß die Feinde d« befferen Löhne der Arbeiter, die Feinde der Fachvereine, welche die Polizei gegen dieselben zu Hülfe rufen, verbissene Antisemiten sind. Bon einem dieser Tischlermeister rührt sogar der Ausdruck her, er würde jeden Tag einen Juden essen, wenn ihm diese nicht zu schmutzig wären. Wahrscheinlich will er auch die Gehülfen essen, wenn diese sich ruhig von der Innung einkochen lassen. Wenn die außerhalb der Innung stehenden Meister, ähnlich wie dies bei den Schuhmachern der Fall war, mit den Gesellen sich verständigten, so würde der wünschenswerthe Friede hergestellt. Das hiesige Organ der„Antisemiten" nennt Herrn Schid- lowsky, den Vorstand der Lohnkommiffion, einen Polen ic. Nun ist Herr Schidlowsky ein guter Deutscher aus der Elbinger Gegend. Der Vor- stand der Innung heißt Kascheck; dieser Name klingt auch gewaltig pol- nisch. Das Verhalten der Innung, der im„Anzeiger" auf die Gesellen schimpfenden Meister hat natürlich den Streit verbittert, hat aber auch den Streik der hiesigen Tischler zu einer allgemeinen Arbeitersache ge- macht. Im„Leipziger Tageblatt" hetzt der hiesige Korrespondent gegen die Gesellen und stellt in Aussicht, daß die Polizei die arbeitslosen Tisch- ler ausweisen werde, was die„Nachrichten" gläubig nachdruckten. Das geht nach uns«en Gesetzen nicht, auch trauen wir eine solche Absicht der Polizei gar nicht zu. sie ist für die öffentliche Sicherheit da und nicht für antisemitische Jnnungsmeister." Drastischer kann der Geist, der die braven Streiter für die Rückkehr zu„deutscher Art und Sitte" beseelt, allerdings nicht gekennzeichnet wer- den, als durch die hier mitgetheilten Thatsachen. Wenn sie über die Ausbeutung des Volkes durch die Juden schimpfen, so liegt ihnen nichts ferner, als die Bekämpfung des Ausbeutungssystems überhaupt,— sie wollen eben nur sich das Ausbeutungsprivilegium stchem. Und dieses edle Ziel genügt den edlen Jnnungsmeistern, um sich zu Handlangern der krassesten politischen Reaktion herzugeben, die Schlepp- ttäger der schlimmsten Volksfeinde zu spielen. — Der Schweizerische Bundesrath hat 21 angebliche Anarchisten aus der Schweiz ausgewiesen, und zwar, wie es in dem AuZweisungsdekret heißt,„in Betracht, daß gegen keines der vorgenannten 21 Individuen ein genügender Beweis dafür vorliegt, daß es an einem unter das Bundesstrafrecht fallenden Vergehen theilgenommen; daß aber alle an den Umtrieben der anarchistischen Gruppe, welche den gemalt- samen Umsturz d« bestehenden Ordnung bezweckt und Diebstahl, Brand- stiftung und Mord als erlaubte Mittel hiezu proklamirt, in thätig« Weise sich betheiligt haben";„daß diese 21 Ausländer denjenigen ihrer Genoffen, welche derartige Verbrechen begangen haben, hiefür Beifall zollten; daß sie Schriften verbreitet haben, durch welche solche Mörder belobt und als Vorbilder dargestellt wurden, sowie daß sie in den anar» chistischen Zusammenkünften zur Nachahmung aufreizten"; und daß schließlich„die öffentliche Sicherheit die Ausweisung dieser gefährlichen Individuen erheischt." Da der Bundesrath berechtigt ist, jeden Ausländer auszuweisen, durch den er die öffentliche Sicherheit gefährdet glaubt, so läßt sich über die formelle Seite des obigen Beschlusses nichts sagen. Ob aber that- sächlich die öffentliche Sicherheit in der Schweiz die Ausweisung der 21 „Anarchisten" erforderte, ist eine andere Frage; die Ansichten darüber, wer ein„gefährliches Individuum" ist und wer nicht, sind eben ver- schieden. So viel ist aber sicher, daß wenn die Proklamirung der Schinderhannes-Theorie nicht allgemeine Erbitterung in der Schweiz er- zeugt hätte, die öffentliche Meinung sich der Ausweisungsmaßregel gegen- über nicht so apathisch verhalten würde, als es jetzt der Fall. Denn sachlich betrachtet, isi es doch keine Kleinigkeit, daß 21 Arbeiter, zum Theil Familienväter, au konä wegen Theorien vom Boden der freien Schweiz verwiesen werden. — Aus dem Soldatenleben im Frieden, llnsre Artikel über dieses Thema haben uns eine ganze Reihe von Zuschriften zuge- zogen, in denen ehemalige Zöglinge der Moltke-Minnigerode'schen Bil- dungsanstalt die Mihbräuche schildern, deren Zeugen sie gewesen sind. Wichttger zwar als die Geißelung früherer Vorkommnisse ist die Kritik bestehender Mißbräuche, da indeß das„System" heute noch das gleiche ist wie vor 5, 10 und mehr Jahren, so halten wir uns umsomehr für verpflichtet, diesen Einsendungen Aufnahme zu gewähren, als die Schul- digen, welche darin zur Rechenschaft gezogen werden, meist noch in Amt und Würden sich befinden. Geben wir heute einem ehemaligen Soldaten des Hannöverischen Füst- lier-Regiments Nr. 73 das Wort: Im Jahre 1879, schreibt uns derselbe, befand sich unter der Mannschaft der zehnten Kompagnie ein Rekrut, der bei den Uebungen im Glied etwas nachkam. Der beaufsichtigende Offizier— Edwin Krause heißt der brutale Patron— herrschte ihn an, sich mehr zu beeilen, und als der Betreffende in seiner Angst die Uebung nicht gleich so ausführte, wie der Herr Lieutenant im Sinn hatte, bekam er von diesem einen Schlag auf das linke Ohr, daß ihm das Trommelfell platzte und ihm die Mütze vom Kopf fiel. Obendrein wurde er noch angebrüllt wie von einem wüthenden Hunde. Auf der Stube beklagte der Mißhandelte sich die ersten beiden Tage seinen Kameraden gegenüber über Ohrenschmerzen, und einige äußerten auch, daß sie die Mißhandlung mitangesehen, später jedoch, als es zur Zeugen-Aussage kam, wollten sie alle nichts gesehen haben— aus Furcht natürlich. Als der Verletzte sich beim Feldwebel zur Aufnahme ins Lazareth meldete, und denselben fragte, was er jetzt gegen den Lieute- nant machen solle, machte ihm dieser große Angst, er solle nur den Lieutenant nicht melden. Das Gleiche sagten die Unteroffiziere, an die er sich wandte. Erst im Lazareth sagte man ihm, wenn es der Lieute- nant gewesen sei, der ihn so zugerichtet, so solle er ihn nur melden; was denn auch geschah. Aber erst 14 Tage später wurde bei den Zeugen und bei ihm im Lazareth Protokoll aufgenommen, und so zog sich das Verhör bei ihm und den Aerzten 3 bis 4 Monate lang hin. Im fünf- ten Monat wurde das Ohr wieder besser, und als er aus die Frage, ob er vollständig taub sei, antwortete: nicht ganz, aber er höre nicht mehr so gut wie früher, da bekam er zum Bescheid, es werde sich wieder ma- chen, es sei eben„ein unglücklicher Schlag" gewesen, daß grade das Trommelfell habe platzen müssen. Mit diesem Tröste konnte der Mißhandelte wieder abgehen— von einer Strafe wurde nie etwas be- kannt. Der Lieutenant blieb bei der Kompagnie! Freilich erschoß sich der saubere Patron ein Jahr später in seiner Wohnung, aber aus an- deren Gründen,— die ganze Baarschaft, die man bei ihm vorfand, be- stand in 2, sage zwei Pfennigen! Der obenerwähnte Feldwebel heißt Ulrich. Derselbe wollte im Jahr 1880 den Rekruten Geld und Brod von ihrem Mitgebrachten abstehlen, wurde aber dabei von einem Unteroffizier der betreffenden Kompagnie abgefaßt und auf dessen Drängen gemeldet. Er bekam 1 4 Tage Arrest und wurde degradirt, bald daraus aber zur Belohnung für seine treuen Dienste In- spektor der Garnison-Waschanstalt. Dem Verdienste seine Kronen!" Derartige Vorkommnisse sind natürlich vortrefflich geeignet, die ver- nachlässigte Erziehung der heranwachsenden Generation zu ergänzen, in ihr den Sinn für Recht und Gerechtigkeit zu wecken. — Was ist Gotteslästerung? Diese Frage beantwortete kürzlich Robert Jngersoll, ein amerikanischer Freidenker, in einer Volks- Versammlung in Chicago u. A. folgendermaßen: „Gotteslästerung ist eine Frage geographischer Länge und Breite. Wenn man in New-Iork sagt, daß Mohamed und nicht Jesus ein Pro- phet Gottes war, so ist der Betreffende ein Gotteslästerer, und sagt man in Konstantinopel das Gegentheil, so ist man ebenfalls der Gottesläste- rung schuldig.(Heiterkeit.) Gotteslästerung besteht nicht darin, was Sie gesagt, sondern in der Frage, w 0 Sie Ihre respektive Aeußerung fallen gelassen haben. Gotteslästerung ist augenscheinlich eine rein lokale Frage. Viele unserer besten Mitbürger betrachten die Religion als eine Art Werkzeug zur Niederhaltung der Volksmassen in Unterwürfigkeit, zur „Ausrechterhaltung von Gesetz und Ordnung". Sie betrachten Gott als einen Polizisten, den Teufel als eine Art Exekutivbehörde und die Hölle als einen Kerker.(Laute Heiterkeit.) Sie sagen, ohne Religion würden die Menschen wilde Bestien sein. Sie vergeffen aber gleichzeitig, daß die Religion die allmöglichsten Verbrechen begangen und gesegnet hat. Sie heiligte den Dolch des Mörders, sie nahm Theil an der Beute der ab- scheulichsten Jmmoralititt und segnete die Peitsche und die Ketten der Sklaverei.(Beifall.) Lesen Sie die Geschichte der Religion, und Sie lesen die Geschichte der Verbrechen, der Thränm und der krainpfhaften Zuckungen der Welt." ...„Die Christen suchen uns zu überzeugen, daß die Bibel ein Werk Gottes sei, und wenn wir darin Unsinn finden, so haben wir kein Recht, denselben beim rechten Namen zu nennen.(Beifall.) Sagen Sie einem Menschen, daß vor 2000 Jahren die Blinden sehend gemacht wurden, und er wirlh Ihnen vielleicht glauben. Sagen Sie ihm aber, daß eine ähnliche Wünderthat gestern stattgefunden habe, und er wird ihnen ant- werten:„Für wen halten Sie mich?" „Wenn der christliche Missionär nach Indien kommt, so ist das Erste, was er thut, die Religion der Eingeborenen lächerlich zu machen. Ist es denn nicht sonderbar, daß die Gläubigen die Religion Anderer lächer- lich finden, die Schwächen ihrer eigenen Religion aber nicht einsehen können? Die Christen betrachten die griechische Mythologie als eine Schwärmerei, als eine poetische Dichtung, glauben aber, daß Josua die Sonne zum Stehen gebracht habe und daß Elias in einem feurigen Wagen gen Himmel gefahren sei. Dabei ließ er seinen Mantel herunter- fallen. Es war sehr vernünftig, denn wozu sollten auch Kleider in einer derartigen Kutsche nothwendig sein.(Heiterkeit.) „Gotteslästerung ist eine Art Brustwehr, hinter welcher sich auch Aber« glaube und religiöser Wahnwitz verstecken. Ein Spieler oder ein Gaukler hat es nicht gerne, wenn Jemand hinter seine versteckten Machinationen gelangt, einem Pfaffen ist nichts unangenehmer, als inS Kreuzverhör genommen zu werden.(Beifall.) Wo Leichtgläubigkeit eine Tugend ist, da ist das Forschen ein Verbrechen. Gott straft die ganze Gesellschaft, wo ein Angehöriger derselben ein Verbrechen beging. Der gnädige Herrgott hat kein Recht dazu. Er ist gnädig und allwissend. Er kennt das betreffende verbrecherische Individuum, das bestrasl werden muß. (Beifall.) Einen Gott, der die Unschuldigen für die V«brechen der Schuldigen straft, zu vertheidigen— das ist ein Verbrechen.(Beifall.) „Teller, Schüsseln, Tassen u. f. w. sind heilige Gegenstände, wenn st« in der Kirche stehen, und die Berührung derselben ist auch Gottesläste- rung. Die Bundeslade war eine kleine schmutzige Kiste, ab« viel hei- liger als Menschenfleisch. „Die Philist« eroberten dieselbe einst als Kriegstrophäe und mußten dafür sehr theuer bezahlen. Tausende von ihnen wurden abgeschlachtet. Als der Wagen mit der Lade dann zurück in den Besitz der Juden kam, wagte es ein« der Rechtgläubigen, sie anzurühren, um sie nicht von dem Wagen fallen zu lassen. Gott tödtete ihn dafür.... „Gott hat alle seine eigenen Vorschriften selbst übertreten, ausgenommen die eine:„Du sollst keinen andern Gott neben mir verehren."„Du sollst Niemand seine Frau entführen!" schrieb Gott den Menschen vor. Dabei ließ« seine Soldaten Frauen gefangen nehmm und vertheille diese unter st« und ttat sogar einige Frauenzimmer an sein« Priester ab. „Was würde man von einem Menschen denken, welcher angesichts deS Elends und der Armuth seiner Mitmenschen lachen würde? Gott, der gnädige Vater, sagte aber:„Ich werde lachen über ihre Heimsuchungen." Könnte es noch einen teuflischeren Menschen geben, dem das Unglück sei- ner Kinder Vergnügen machen würde. Ist es eine Gotteslästerung, einen solchen göttlichen Tyrannen an den Pranger zu stellen? „Ein herzloseres Buch alS das von Hiob gibt es nicht in der Welt. Dieses Buch ist von Gott geschrieben, und wer das nicht glaubt, ist ein Gotteslästerer. ...„Es ist eine Gotteslästerung, zu sagen, daß Gott etwas älter als Sein Sohn sei; es ist eine Gotteslästerung, an der absoluten Wahrheit !er Bibel zu zweifeln, für die Wahrheit einzutreten, nicht ein bauch- rutschender, schuftiger Heuchler zu sein. Es ist eine Gotteslästerung, zu Sagen, daß Gott gegen Sklaverei sei, daß er die Polygamie verwerfe, !aß er ehrlich sei und schuftige Bücher nicht geschrieben haben könne. (Beifall., „Die Menschen befanden sich Jahrtausende lang auf der Jagd nach Göttern, und doch waren sie außer Stande, den richtigen zu fangen. Die Götter änderten sich, wie sich die Geschichte der Menschheit änderte. „Die Götter wurden alt, schwach, Hirn- und zahnlos, und mußten von ihren allerhöchsten Thronen gestürzt werden. Der Mensch schuf die Götter, und da der Mensch sterblich ist, so konnte auch Gott nicht un- sterblich bleiben. „Wer sind die Gotteslästerer? Die Bibel sagt:„Du sollst nicht mor- den," und doch war es Gott, der Menschen, Frauen, geborene und un- geborene Kinder schlachtete. Wollen Sie die Thatsache, daß Gott ein Menschenschlächter und Massenmörder war, in Abrede stellen, so sind Sie — ein Gotteslästerer!"— Das ist etwas derbere Kost, als wir gesitteten Deutschen sie heutzu- tage gewohnt sind, sie kann aber in der Aera der Gotteslästerungs-, Majestäts- und Bismarckbeleidigungsprozesse nichts schaden. Um jedoch nicht einseitig zu sein, wollen wir an dieser Stelle kon- statiren, daß auch Leute, die sich für große Freidenker halten, das System der Pfaffen befolgen, unbequeme Angriffe als„Gotteslästerung" zu ver- dämmen. Ob dieser Gott irgend eine mythische Person ist, oder ihr liebes Ich, bleibt sich im Grunde ganz gleich. Nicht die Religion— das Augenverdrehen macht den Mucker. Und unter allen Muckern ist sicherlich derjenige der widerlichste, der für sich das Recht in Anspruch nimmt, über Alles zu schimpfen, alle Welt zu insultiren, der aber, wenn einmal der Spieß umgekehrt wird, in die tiefste„moralische Entrüstung" geräth. Wer wirklich frei denkt, muß auch das freie Wort zu schätzen wissen, was natürlich eine kräftige, freie Antwort auf dasselbe nicht ausschließt. In unser» Tagen, wo schon die Vertheidigung des freien Wortes ge< wissen Leuten als„unerhört" gilt, ist es nicht überflüssig, immer wieder an das Wort zu erinnern, welches Bodenstedt in seiner besseren Tagen allen Muckern zurief: Zu des Verstandes und Witzes Umgehung, Ist nichts geschickter als Augenverdrehung. r. Berlin, 4. Juni. In Nr. 20 des Parteiorgans habe ich einen Artikel der hiesigen„Volkszeitung" kritisirt und als Verfasser desselben Herrn F. Mehring angegeben. Darauf hat Herr Mehring berichtigt, daß er der Verfasser des betreffenden Artikels nicht sei. Ich glaube ihm dies, bin aber durchaus nicht in der Lage, meinen Jrrthum zu bereuen. Mir wurde einfach mitgetheilt, daß Herr Mehring der Verfasser jenes Artikels sei, und ich nehme gar keinen Anstand, angesichts der politischen Vergangenheit des Herrn dieser Mittheilung unbedingten Glauben zu schenken. Daran ändert auch gar nichts, daß Herr Mehring behauptet, der Verfasser der sozial wissenschaftlichen Aufsätze in den„Demokratischen Blättern" zu sein. Wenn dieselben auch„oft recht gut" sein mögen,— wer bürgt dafür, daß der Herr Verfasser in anderen Blättern sozial- wissenschaftliche Aufsätze schreibt, die wir für„oft sehr schlecht" erklären müssen? War doch Herr Mehring der Verfasser der Widerlegung Treitschke'scher Anschauungen— wir glauben, das Broschürchen hieß: „Treitsche, der Sozialistentödter"— und erklärte nicht bald darauf der- selbe Herr Mehring, daß seine ganze Hinneigung zum Sozialismus eine Jugendverirrung gewesen sei? Ist nicht Herr Mehring in den letzten Jahren Korrespondent der sozialistentödterischen„Weser-Zeitung" und sonstiger national-liberaler Bläster gewesen? Wahrlich, xoint man Zeit hätte, wenn serner Herr Mehring nicht Herr Mehring wäre, und wenn die Sache allgemeines Interesse hätte, so könnte man, ohne sich besonders anzustrengen, sehr leicht ein Broschürchen schreiben:„Mehring, der Sozialistentödter". Doch das geschieht ja aus den vorbenannten Gründen nicht und deshalb mag die— gekränkte Unschuld sich beruhigen.— Auf die redaktionellen Bemerkungen, welche an die„Erklärung" deS Herrn Mehring in Nr. 21 geknüpft worden sind, gehe ich nicht ein, obwohl ich in einigen Punkten dem Artikel der„Demokratischen Blätter" Recht geben muh. Mich interessirt heute eine andere Frage, nämlich die der preußi- schen Landtagswahlen. Ich entscheide mich unumwunden für die Be- theiligung an denselben seitens unserer Partei und zwar nicht aus„Par- lamentsspielerei", sondern lediglich aus agitatorischen Gründen. Daß der Parlamentarismus an sich die„soziale Frage" zur Zufriedenheit des Proletariats nicht lösen kann, davon sind wohl unsere Parteigenossen durchweg überzeugt, daß aber die Parlamentswahlen das geeignetste Feld abgeben, um unsere Ideen unter die Massen zu bringen— wer möchte das bezweifeln? Es kommt also gar nicht darauf an, ob die preußischen Landtagswahlen Aussicht aus Erfolg bieten. Daran zweifle ich auch. Aber trotzdem sind sie ein gutes Agitationsmittel nicht nur für die aus- zurüttelnden Massen, sondern auch für unsere Genossen selbst. Sie bringen neues Leben in die Bude, ste spornen zu erhöhter Thätigkeit an, und sie lassen im Kampfe gegen den gemeinsamen Feind kleine Diffe- renzen unter den Genossen selbst leicht vergessen. So möchte ich in der That unseren Genossen in Preußen empfehlen, nächsten Herbst überall, wo es eben mit nicht allzugroßen Schwierigkeiten verbunden ist, in den Landtagswahlkampf zu ziehen.(Von der Ansicht durchdrungen, daß jede an unsere Partei herantretende Frage nur durch unumwundene DiS- kussion die nothwendige Klärung erhält, haben wir hier einem Vorschlage das Wort gelassen, der eine wesentliche Aenderung der bisherigen Taktik unserer Partei bedeutet. Um der«ürschenswerthen Diskussion von Seiten der Genossen nicht vorzugreifen, halten wir mit unserer Meinung über den Vorschlag des Einsenders einstweilen noch zurück. Red. d.„S.") — Sie müssen das„Geschäft" doch brillant ver- standen haben, die edlen Vorfahren der erlauchten deutschen Fürsten- Häuser. Ihre Verschwendungssucht ist bekannt, der kleinste Fürst, d. h. der Fürst des kleinsten Landes, that es im vorigen Jahrhundert nicht ohne ein„Versailles" zu seinem Privatvergnügen, und doch erfreuen sich mit wenigen Ausnahmen ihre Nachkommen eines geradezu ver- blüffenden Reichthums. Da sind in diesen Tagen zwei deutsche Fürsten gestorben, der Fürst Anton von Hohenzollern und der Fürst Marimilian von Thurn und Taxis. Mit Bezug aus Erster«» lesen wir in der„Franks. Zeitung": „Das ungeheure Vermögen des Fürsten— man schätzt es in gut informirten Kreisen auf über 500 Millionen— — seine umfangreichen Besitzungen in Brandenburg, Pommern, Schle- Ken, Baden, Bayern, Württemberg, Böhmen, Holland und der Schweiz setzten den hochsinnigen und kunstliebenden Magnaten in den Stand, die interessantesten Kunstgegenstände, Alterthümer, Waffen ic. zu sammeln, unbemittelte Talente zu unterstützen, nach vielen Seiten hin Spenden, Arbeit und Verdienst zu gewähren." Ueber b00 Millionen!— das ganze Ländchen Hohenzollern hat keine 22 Ouadratmeilen Umfang und zählt etwa 70,000 Einwohner. Wie viel Schweiß und Blut armer Bauern und Bürger mag wohl an diesen „über 500 Millionen" kleben, wie viel Bauern von Haus und Hof ge- jagt, wieviel Bürger zum vollständigen Rum getrieben worden sein, um die Güter Derer von Hohenzollern„abzurunden"! Der verstorbene Fürst ist nach Ansicht der„Frankfurter Zeitung" ein„hochsinniger",„edier" Mann gewesen— wir wollen es dem demokratischen Blatt glauben, sintemalen es bei so kolossalem Reichthum nicht allzuschwer ist, sich den Beinamen: hochsinnig zu erwerben. Aber so edel, so„liberal" Fürst Anton auch gewesen sein mag, die Thatsache, daß er sein ungeheures Bermögen zu nicht edlen, zu gemeinschädlichen Zwecken verwenden konnte, fällt darum nicht minder schwer in's Gewicht. Betrachten wir z. B. den Fall des Fürsten von Thurn und Taxis. Ueber die Größe seines Nachlasses fehlen uns nähere Angaben, von seiner Bedeutung kann man sich aber eine annähernde Borstellung machen, wenn man in Betracht zieht, daß die Thurn und Taxis'schen Besitzungen in Deutschland und Oesterreich— zum großen Theil als Expropriation für das PostPrivilegium eingeheimst— ungefähr 34'/, Quadrat- m e i l e n umfassen. Fürst Maximilian oder seine Rathgeber— der Ver- storbene war noch sehr jung!- scheint nun„reichstreu" gewesen zu sein, kaum mündig geworden, hatte er seinerzeit den bisherigen ultra- montanen Verwalter seines Vermögens, den Zentrumsabgeordneten v. H u e n e, entlassen und einen Grasen Boos als Verwalter eingesetzt. Dagegen ist die Mutter des Fürsten eine bigott ultramontane Frau, und da sie, als Vormünderin des Erbnachfolgers auch die Disposition über das fürstliche Vermögen hat, so hat sie jetzt auch nichts Eiligeres zu thun, als dem Grafen Boos den Laufpaß zu geben, und binnen Kurzem wird ein ultramontaner Glaubensheld an seine Stelle rücken. Was von den kolossalen Mitteln für„hochsinnige" Zwecke„locker" gemacht werden kann, wird für das gute Werk der Volksverdummung verwendet werden— das fürstliche Vermögen wird zu einer Art Reptilien- fo nd für Pfaffen und Pfaffenknechte. Und daß alle die reichen Magnaten, ob ultramontan oder reichstreu, durch die Bank ihre Mittel dazu verwenden, die Freiheitsbestrebungen im Volke zu hintertreiben, daß sie korrumpiren, wo sie nur können, ist zu offenkundig, als daß wir darüber noch ein Wort verlieren sollten. Ob„hochsinnig" oder nicht, das ganze Geldprotzentbum ist eine Gefahr für die ge sunde Entwicklung des öffentlichen Lebens. Hoffentlich erleben wir es noch, daß„mit Rücksicht auf den inneren Frieden und die Sicherheit des deutschen Reiches" die Konfiskation dieser Riesenvermögen dekretirt wird.j — Kein König;» haben! In einem Land, und obendrein in einem deutschen Land, ist etwas Seltsames passirt: man brauchte einen König und es will Niemand König sein! Vorläufig handelt es sich aller- dings nur um die Krone eines Schützen königs— indeß interessant und— prophetisch ist das Ereigniß doch. Der glückliche Unglückliche, welcher auf dem Schützenfest den besten Schuß gethan hat und der Tra- dition gemäß also eigentlich König sein sollte, findet nämlich, daß sein Amt ihm Pflichten auferlegt(besonders in Gestalt schwerer Ausgaben), die mit der Ehre und den Vortheilen in keinem Verhältniß stehen. Und so hat er denn abgelehnt, zum großen Leidwesen seines Schützen- volles. Wir wollen den Namen der Stadt nicht nennen, können uns aber recht gut denken, daß eine Zeit kommen wird, in der auch andere Könige, durch die Schwere der Pflichten und die Schattenseiten ihres Amtes belehrt, an keiner Krone mehr Geschmack finden werden. Und, dann werden die Völker nicht betrübt sein. a. Richtigstellung. In der Londoner„I ü st i c e" finden wir nachträglich einen heftigen Angriff auf die sozialdemokratischen Abgeord- neten im deutschen Reichstag, weil diese nicht gegen den deutsch- russischen Auslieferungsvertrag protestirt hätten. Ueberhaupt verstünden die deutscheu Abgeordneten nichts von parlamen- tarischer Initiative: die zwei irischen Abgeordneten B i g g a r und H e a l y seien, was Initiative betreffe, allen 24 deutschen sozialistischen Abgeordneten zusammen überlegen. Nun, über letzteres wollen wir nicht streiten; das ist Geschmacksache. Jedenfalls haben die Sozialisten im deutschen Reichstag eine ganz andere Stellung und ganz andere Aufgaben, als die Jrländer im englischen Parlament. Doch darüber wollten wir nicht reden. Wir wollten der „Justice" blos bemerken, daß der deutsch-russische Vertrag im Reichs- tag gar nicht zur Debatte gekommen ist, und daß ein an- ständiges Blatt— und noch dazu gegen angebliche Genossen!— keine Beschuldigungen erhebt, ohne sich vorher des Sachverhaltes vergewissert zu haben. Wenn der erste englische Sozialist im Parlament sitzt, findet sich für die„Justice" vielleicht eine passende Gelegenheit, unseren deut- schen Abgeordneten eine Vorlesung über„parlamentarische Initiative" zu halten. KorresMldenzen. Magdeburg, 4. Juni. In unserer Provinz fand vor einigen Tagen eine größere Zusammenkunft von Genossen statt, die von etwa S0 Vertretern aus sieben Reichstagswahlkreisen besucht war. Unsere Genossen werden nicht wünschen, daß Ort und Zeit dieser Zusammenkunft näher angegeben werden. Das Eine aber können wir sagen, daß unbehelligt von der hohen Polizei die Genossen des Regierungsbezirks Magdeburg und der nebenliegenden Herzogs- und Fürstenthümer einen vollen Nach- mittag in voller Friedfertigkeit und vollem Ernste getagt haben. Es wurden jetzt ichon einige Vorbereitungen zu den nächsten Reichstags- wählen vereinbart, da man, abgesehen von den sonstigen eventuellen Vor- theilen für die Arbeiterklasse, die Wahlen zum Reichstage selbst für eines der besten Agitationsmittel der sozialistischen Bewegung erachtete. Zwei Reichstagsabgeordnete waren zugegen, die einzelne Rückblicke auf die ver- gangene Session warfen und zu dem Resultat kamen, daß wenn auch nicht Alles zu allgemeiner Zufriedenheit der Partei abgelaufen sei, man doch im Allgemeinen zufrieden sein könne. Dem stimmten die Versam- melten zu. Die Stimmung war eine gehobene, das Vertrauen in die Zukunft sprach sich in allen Reden aus, und mit der Ueberzeugung, den gemeinsamen Feind, Bourgeoisie nnd Reaktion, durch einheitliches Streben und Ringen allein wirksam bekämpfen zu können, trennten flch die Ge- »offen mit festem Händedruck. Chemnitz. Sonntag den 12. April wurde die Ehefrau unseres Ge- »offen Adolf Haase beerdigt. Da sich Haase einer gewissen Beliebt- heit erfreut, so war es natürlich, daß sich zu dieser Beerdigung, obwohl dieselbe früh V,S Uhr stattfand, eine größere Zahl Genossen sich einge- sunden, um der Verstorbenen das letzte Geleit zu geben. Haase ist Dissi- dent, und so war glücklicherweise ein Geistlicher nicht erschienen, doch auch uns war es nicht gestattet, am Grabe zu sprechen, und mußten wir uns darauf beschränken, daß einer unserer Genossen der Genossin Namens der Chemnitzer Sozialdemokraten ein„Ruhe sanft!" nachrief. War diese Angelegenheit ir aller Ruhe verlaufen, so sollte es den Sonntag darauf anders kommen. Am 19. April rief uns unsere Pflicht schon wieder auf, einem unserer Getreuen das Ehrengeleit zu geben. Der Tischler Richard Hertel, welcher am 16. April plötzlich am Gehirnschlag verstarb, hatte eine'angjährige Thätigkeit, namentlich auf dem Gebiete des Fachvereins- und Krankenkassenwesens, hinter sich, und hatte derselbe sich hierbei durch seine unermüdliche Thätigkeit die Achtung feiner Freunde und Genossen in-hohem Maße erworben. So kam es denn, daß am Tag« seiner Bestattung schon lange vor der angesetzten Zeit sich eine große Anzahl Parteigenossen von Chemnitz und Umgegend — wohl nahe an 600— eingefunden hatten. Vor dem Sarge wurden drei Kränze, zwei mit rothen, einer mit weißer Schleife, vorangettagen, erstere von Dresdener und Chemnitzer Parteigenossen, letzterer vom Tischlerfachverein gewidmet. Hertel, welcher sicher im Grunde seines Herzens Dissident, aber wohl deS lieben häuslichen Friedens willen nicht auS der Kirche ausgeschieden war, sollte nun auch unter allem üblichen Zeremoniell beerdigt werden. Aber— o Schreck! gar zu frei und lustig flatterten die rothen Schleifen der Lorbeerkränze, und brachten den ehr- würdigen Seelsorger(F r o m m h o l t ist der Name des Herrn) so aus der Fassung, daß derselbe eiligst davonlief und von der üblichen Beglei- tung sowie Grabrede in„christlicher" Weise— Motto: Liebet Euere Feinde u. s. w.— Abstand nahm. Wer nun aber vielleicht glaubte, die Sozialdemokraten härten ob ihrer Schandthat Reue empfunden, der würde sich sehr irren, es lief vielmehr eine freudige Genugthuung durch deren Reihen, daß sie nun das Gezeter des Pfaffen nicht anzuhören brauchten, und so wurden denn ohne allen weitere» Zwischenfall die verschiedenen Kränze auf da? Grab niedergelegt mit dem Gelöbniß, des Verstorbenen Wirken nicht zu vergessen, und auszuhalten in dem Kampf, der für die Enterbten geführt wird, um den Sieg der gerechten Sache herbeizuführen— trotz Bigotterie und Mummenschanz! Die Unverbesserlichen. denselben nunmehr öffentlich als„Anarchist" ic. in der lliß lichsten Weise weiter und zwar mit eigener Namensunterschrift in ein» liberal-konservativen Hetzorgan, welches i h n früher s e l b st als„deutsch» Sozialrevoluttonär" denunzirt hatte. In einem Stück Selbstbiozra») kennzeichnet er sich als besonders in„höheren Kreisen" erwerbskundizl Renommist, Künstler und Wissenschafter.—„Im Dienste(<' n e s Vaterlandes" richtet pp. Sallis-Salornon-Franke seine dächtigungen neuerdings im deutschen Polizeistyl gegen unsere Part' und spricht von„Mißbrauch des Asylrechts-- durch I wissenlose Wühler".— Bei Entlarvung des Spitzel Fried ema� von dem Vater des sälschlich denunzirten Studenten gethane AeußermC zitirt Sallis und erklärt als Zweck seiner Verbindung mit dem gen teten Redakteur des Hetzblattes, demselben„überall da nützli zu sein(!), wo die heiligen Interessen des Vaterlandes(!) dies erheische n."— Weiteres in der„schwarzen Liste!" Die Zürcher Vertrauensleute! w»> »«l nach Zürich. Der in Nr. 20 signalifirte Schauspieler G. S. Sallis (Salomon Franke) z. Z. in Sttaßdurg als„Student der Medizin" auf- tretend, ergänzt in Nr. IIS der„Züricher Post" die gegen ihn erlassene Warnung dahin, daß er thatsächlich Salomon geheißen, Seinen Namen mit„herzoglich anhaltischer" Bewilligung geändert, iem(nützlichen) Berufe eine« Friseurs, Heilgehülfen oder dergleichen aber niemals obgelegen habe. Die private Verleumdung eines Genossen gibt er nicht blos stillschweigend z u, sondern denunzirt A a ch r« f. plötzlich im besten Mannesalter einer Am 16. April starb tüchtigsten Genoffen: Richard Hertel, Tischler, am Gehirnschlag. Das Wohl seiner Mitmenschen war der leitende St» seines Lebens; fast die ganze, seinem Tod vorhergegangene Zeit hatte in diesem Sinne gewirkt. Daß die Arbeiterschaft ihre wahren Freu» sehr wohl zu ehren weiß, hat gewiß die Theilnahme bei der Beerdigu> Hertel's zur Genüge dargethan. Wir aber rufen unserem braven Mitkämpfer an dieser Stelle noch' aufrichtig gemeintes:„Ehre Deinem Andenken!" nach. Die Sozialisten von Chemnitz uns»» »«Hirt «vd», M i< 6i Briefkasten der Redaktion: Fr. O. in Ln.: Auf Frage 1 haben wir zu widern, daß uns zwar eine baldige Erledigung sehr erwünscht gewe! wäre, daß wir aber, nachdem die Entscheidung in diesem Punkt be: gefallen, uns bei dem betreffenden Beschluß bescheiden. Frage 2 und können wir nur mit einem doppelt unterstrichenen Ja beantwo Aber Sie sehen gewiß ein, daß das Organ nicht der Tummelplatz- sönlicher Angelegenheiten werden darf, auch nicht der Redaktio' — Rst. in M.: Wenn Jemand erklärt, daß Publikationen im Part» organ erst dadurch für ihn eine Bedeutung erhalten, daß gegneris? Blätter von ihnen Kenntniß nehmen, so können wir das nur so v» stehen, daß dem Betreffenden am Urtheil der Gegner mehr liegt als» Urtheil seiner eigenen Genossen. Nun, das sind Geschmackssachen, u« über solche läßt sich bekanntlich nicht streiten. Zu einer Polemik seh' wir uns also nicht veranlaßt.— S t u d. R. L. in Z.: Bei nochmalig Durchlesung der betr. Notiz werden Sie sich überzeugen, daß S. in d'- selben nicht als Spitzel bezeichnet worden ist, sondern als das, als u>! auch Sie ihn anerkennen, als Denunziant. Daß aber ein zwing» der Grund vorgelegen haben soll, zu denunziren, leuchtet uns nicht Der studentische Ehrenkodex ist zwar an Absonderlichkeiten nicht ar» indeß eine Rechtfertigung derartiger Kampfesmittel enthält er nicht. die persönliche Seite des Konfliktes S./K. uns einzumischen, Hab'' wir kein Recht. der Expedition: Dr. Nd. Zürich:„Ab und zu" bekommen Levt' unser Blatt sogar jahrelang„nicht zu Gesicht", wenn— Wl Zahlen nämlich solange hinausgeschoben wird. Ob Herr P. Z»� l i n g e r in Fkft. a/M. unter solcher Verschleppung„ab und leidet, kann uns hier ebensowenig interessiren, wie Sie als deutsch» Reporter. Es ist dies draußen allerorts„interne Angelegenheit der Besteller und Lieferanten. Danken für gütige Theilnahme.— Rot� darf: Mk. 6— ungebrauchtes Mahlgeld pr. Wfds. dkd. verwendet. Lasfalle: Mk. 54— k Cto. erh. Bfl. Weiteres. Frühere Quttg. so' erloschen.— W. Adfr. Bern: Fr. 3— für ges. Buch k Cto. quta« - PH. Bchl. Ggr: Fr.-60 f. Schst. erh.--d..- Mk. 15- für» „Fr." erh.— Rothe Schwefelbande: Mk. 4 40 ä Cto. Ab. pr. Ag. ei Weiteres von Ct. noch nicht.— Rother Peter: Mk. 300— k Cto. erh.— Alte Garde: Mk. 100— ä Cto. Ab. erh.— Gracchus in F' Mk. 200—k Cto. Ab. erh.— Verrina: Mk. 500 k Cto. Ab. u. M 8 70 Abon. Id. 1. u. 2. Qu. dir. pr. Frd. erh. Bfl. Weiteres.— Pw» tolus: Mk. 100— k Cto. erh. Bfl. Weiteres.— Nova: Mk. 800— p' Frd. ä Cto. Ab. w. u. Mk. 50— bfl. am 4/6. erh. Bf. erwartet. Kopenhagen Bz.: Von erhaltenen Fr. 28— laut Vorschrift Fr. 21-" Parteibeiträge 1. Qu., Fr. 2— vr. alte Rchng. u. Fr. 5— k Cto. Schft. verw. Weiteres nach Wunsch. Qttg. in Nr. 21 somit wiederhol Schwarzflaggen: Mk. 5—.ä Cto. Ab. erh. Bf. am 5/6. an Kr. beantw-" Dr. K. B'pest: öwfl. 5— ä Cto. Ab. erh.— Rothe Rose: Mk.— B1' pr. Ab. Mai erh.„Zur Probe" Gewünschtes folgt. Duft und Dor"- Muth und List, magst sie fleißig nützen, aber da Du weiblich bist hüte Dich vor„Fritzen"!— Nr. 631— Mk. 4 40 M. 2. O erh.— Rothwein Httg.: Fr. 2— u. Fr. 4— pr. Agfd. dkd. erh. Drickes ll.: Bs. v. 2/6. hier. Adr. notirt. 10— 12 Tage mindest enb — C. Gr. Port-Alegre: Am 9/3. pr. Bg- signalifirte Fr. 31— sin1 am 6/6. endlich hier zur Auszahlung gelangt. P.-K. v. 19/5. somit<■' ledigt.— Gonzenberg: Mk. 40— pr. 2 dir. Ab. 3. Qu. u. k Cto. erb Größere Zahlung unerläßlich. Adr. geordnet ab 24.— I. M. Eh» huahua Mexiko:(Doll. 5—) Fr. 25 30 erh. Abzgl. Abonn. bis End' 2. Qu. 86 Fr. 15 30 gutgeschr.— Matilde: Bf. v. 2. u. 6/6. erb Adr. nottrt. Expr. Sdg. fort. Bfl. Weiteres.— Feuerländer: Bf. v.$■ hier. Wk. in Nbg. erfragen.— G. P. Äst.: Bestellte 20 Expl. folge» ab Juni.— Roland II.: War in Früherem so notifizirt. Jetzt Mk. 73 2» Bfl. mehr.— Rothe Fahne: Adr. rc. laut Bf. v. 1/6. nottrt. B-n mißtes recherchirt.— Crucifix: Beide Bfe. erh. Antw. folgt.— Egoist Rheinland: Der zweite„Jos. Davids." nicht eingetroffen. Etwa drauße» kurirt? Ramponirtes vielleicht billiger zu verwenden?— Aesopius' Begründete Reklamationen werden durch uns st e t s promptest erledigt. Ihre Räubergeschichte glauben Sie doch selbst nicht!— O. Ä- öwfl. 5— f. Schft. erh. Sdg. ab.— Dr. Regiomontanus: A Inn sper richli C' nichr AI nachg All Im o. Steiße Hm fladt Solin S1 Nü R. M «. Sc 4—, Gutsii Schwk P..G. gesarn lFr.- Schttc 100- P.-G. Paris A. He 1V—, Nü Schle- bei M Flens 15 80 wawe: ®omti Karls Häven Chi 10 50. »euth (R« doch theilweise an den Betreffenden liegen. RegulirungSfrage dring l i ch. Weiteres beachtet.— Rother Hans: Ersatz ic. wird nach P.-K.» M Kate: 7/6.' besorgt.— Holl. Soz.O.: Fr. 1 25 f. Schft. u. Fr. 3 75 pr. Afdk dkd. erh. Sdg. ab.— Felix: Durch S. Alles besorgt.— Roland 11.' Bf. kreuzte mit Nachr. Bis 8/6. Alles hier.— Feuerblume u. Roth«! Fahne: Nachr. eingetroffen.-All rijfdtl— E. Weiland, Rio de Janeiro' Sdg. an V. ging stets prompt wie die Ihre. Adr. stimmt. Folge»! nunmehr 4 ab 24 an Sie.— Silesia: Bf. v. 7/6. erh. Zhlg. erw. S» lang ist doch zu lang!— St.: Bf. v. 7/6. hier. Verläge gutgebr. Weiteres.— Von einem Schriftstllr. in Vitznau: 20 Cts. pr. W pr. Agfd. dkd. erh.- Dtschr. Ver. Zürich: Fr. 34 40 f. d. Wahlfond der französischen Soz. dkd. erh. u. besorgt.— Rothe Spinne: Mk. 1 50 Ab. Juni u. Schft. erh. B. schuldet Mk. 1—. Ihr„Kunststück" koste! 40 Pf. Strafporto. Wozu solches, nachdem wir abgelehnt hatten? Bstllg- besorgt.— Fuchs: Mk. 200— k Cto. Ab. c. erh. Bstllg. u. Bf. folgt. — Grauer Staar: Mk. 1 1— pr. Ufds. dkd. erh.— AhaSveruS: Mk. 4— Ab. März bis Ende Sept. erh. Absdg. prompt besorgt. Weiteres schriftlich ausgerichtet. Beste Wünsche! A. H. Newyork: Remitt. i» prompt hier. Dank für Mrk. HierländischeS in Tausch zu Dienst. S- billiger unmöglich.— Bäff: Bf. v. 8/6. erh. Kostet 50 Cts. Straf' porto, da 25 Gramm, statt 15! Arbc folgt besta noch unsei A Bese Uebc Nlvdl diese nirte gesetz dadu T Wir empfehlen zum Massenbezug: La�s alle: Indirekte Steuern. proz Preis: 100 Expl. Mk. 25—(Fr. 31 25). Von 500 Expl. an je 100 Expl. Mk. 20— Fr. 25—). Die Genossen können durch Verbreitung dieser Schrift am besten klar- machen, wie groß der Raub ist, den die schutzzöllnerische Majorität des Reichstags durch Erhöhung der Zölle soeben am deutschen Volke be- gangen hat. Lchwititrische«enog-nschastSbuchdruckcr-i in Hottingin- Zürich. die, veru beite Nif, gegei Ges Arb. bis Gese