Abonnements tottbtn bei allen schweizerischen Postbureaux, sowie beim Verlag I nnb dessen belannten Agenten ) nngegengenommen. und zwar zum bor a uS zohlbeeran LierteljahrSpreiZ von: { l S1- 2,— für dieCchweiz lKreuzband) Ml. 8,— sür Deutschland �, Fr. 2,5g f jit Ulli übrigen Länder de» WelchostvereinSband> Der ozialliemokrat .i il !'■ Ii .» _( .i .« Inf träte bU dreigespaltene Petitzeile 25 Cti.= 20 Pfg. entral-Argan der deutschen Sozialdemokratie. Hrscheint nxtchentltet» einmal in Zürich(Schweiz). Zrertag der Bolrtdnchhandlnng Hottingen-Zürich. pokstudungtll sranko gegen sranio. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz losten Doppelporto. M 14. Bliese an die Redaltion und Erpedition de» in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sozialdemokrat' wolle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. An der Regel schicke man und die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadressen. In zweifelhasten Fällen eingeschrieben. 1. April 1886. Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! -i g> 8' 2" .» . I .8 Allgemeiner Unterstützungs-Fonds. Sw Januar 1886 gingen weiter bei uns ein: Rother Holländer Mk. 1 46. Spitzberg und Gen. 14 49. Mainzer «ozmllsten 10—, Sozdern. Frauen Frankfurt a/M. 80—. E.K. durch R. m Zürich(Fr. 6—) 4 80. Bamberg 8 80. G. T. London 2—. �tsch. A.-B.-Ver. Chur(6—) 4 80. Soz.-dem. Leseverein Paris(180—) �0—. 2}0n einem Menschenfreund 2—. Jg. Bchr. St. Gallen(Fr. �-)~ 80. Im Februar gingen weiter bei uns ein: A. Heims Palmyra(Fr. 2 70) Mk. 2 16. Zürich, vom rothen Deser- /et v � rA.<_•/____ /tj___ ix__ et a cm L. — ftuu»'4ju;myiu lyv« � w... � «Ut(2_) 1 60. Von einer heiteren Gevatterschaft Z. in Cr. 4—. M. ui �«Igh. 6 10. Forst R.-L. 100—. Sorau 10—.' Neckarspitze 2 20. - t Im März gingen weiter bei uns ein: - Deutscher Berein Horgen(Fr. 4 80) Mk. 3 60. Lotteriegesellschaft N. 2; urch Sch. Köln a/Rhein 3—. Deutsch-dem. Ver. Chauxdefonds(8—) . I1 8 40. H. B. Hamburg. 2—. I. Schy. Horgen(1—)— 80. Zusammen Mk. 2601 68. - sj Diäten-Fonds. 3 Im Januar 1886 gingen weiter bei uns ein: Kellinghusen Mk. 20—. Exzelsior(Fr. 4 20) 3 36. Rother Holländer � 1—. K. H. Riesbach(128) 1—. Cottbus 30—. Antwerpen(10—) ) 2°• Stadt Köln a/Rh. 200—. Bingermann(2—) 1 60. Aachen 30—. "»®on einem Wittmann 1—. Von 4 lustigen Cegospielern— 70. Rostock ', 73 80. P..G. Bukarest(87-) 48 60. Im Februar gingen weiter bei uns ein: Von den Arbeitern der Schneidergeschäfte Leon Strauß(10 Doll. .> ut- 49—), H. A. Schmidt(8 Doll. Fr. 39—), Kifsack und Seemann .)(8 Doll. Fr. 28—), ges. durch Wenzel Swatv in St. Louis, in Summa (Fr. 113—) Mk. 90 40, evenwell für den Chemnitzer Prozeß. Aachen von einem Anti- Bismärcker 10—. Die Alten Groß-Auheim 12—. . Rother Kaplan— 98. Lübeck 30—. M. L. Bsgh. 28—. Sorau 10-. Pvstlllon Lehmann 1. 1—. -- Im März ging-n weiter bei uns ein: 4 � Newyork von 2 Formstechern durch Mögging(Doll. 2—) Mk. 3 09. Die Getreuen in Rio de Janeiro(Fr. 33—) 26 40. Nordhausen 8—. 1 Zi Brüssel(6—) 4 80. Frautzschky Caltowie(8—) 6 40. 1 Zusammen: Mk. 3100 97. lt Allgem. Wahl-, Agitations- ic.-Fonds. Im Januar 1886 gingen weiter bei uns ein: Gockelbastian Mk. 1 08. Skat bei Kaspar Hauser(Fr.— 98)— 76. I. Sch. Sch.-G.— 60. Dr. H. B. B.— 60. I. R. Samaden(3 38) „ 2 68. Antwerpen(— 90)— 72. Borne 1 28. Frohburg 2—. Lunzenau 2' 1 50. I. B. Bukarest(3 38) 2 68. Manchester, von K. M. und Sch. ''»H. 16 32. S Im Februar gingen weiter bei uns ein: , g G. K. Fkbg. i/Schl. Mk. 168. Groitzsch 10—. New-Haven, gesamm. , 6 �rch I. Bollensänger(19 Doll.) 76 96. Zürich, vom Landesausschuß der deutschen Soz. zur Flensburger Wahl(Fr. 80—) 40—, zur Stall- _ gs berger Wahl(80—) 40—. Hiezu(1—)— 80 Uebrrschuß von einer , �Kegelpartie. Desgl. von R. M. Fratte d. S.(10—) 8—. Wiesloch 2 �3~- Königsberg i/Pr. v. G. durch Außersihl(10—) 8—. Kopenhagen . �P.'Beitr. 3. u. 4. Qu. 83(40 70) 32 86. Zürich vom„Dynamit-Heiri" gl für die Stollberger Wahl(38—) 28—. Union Hill u. West-Hoboken, ..vereiniate Seidenarbeiter(2 Doll.) 8 10. Vom Deutsch. Verein Gens sür gsdie Stollberger Wahl(18— 12—. Von Max und Bodo in Paris für zsden 28. Vertreter(12—) 9 60. Mitgl. dtsch. Sozialisten in Paris(80—) 40—. Mainzer Gen. 20—. X. 3). Z. 2 60 pr. E. Neckarspitze 2 20 ztf- d. Stollberger Wahl. Im März gingen weiter bei uns ein: Für die Stollberger Wahl von der violetten Bude in C.(Fr 2 80) j �Rk. 2—. P. G. in Höviks(6 28) 8—. Dtscher. Verein Winterthur . 6l(8 10) 4 08. Mitgliedschaft dtscher. Soz. in Locle(6 70) 8 36. Achim - 8(2—. Newpork, ein Hoch den l. Cegospielern v. M.(1 28) 1—. H. D. t �Exlieutenant 4—. Brüssel(6—) 4 80. L. Sch. D.—60. Aussauger Heinz 4—. Die rothen Maulwürfe C. a. S. 10—. Schoote Sp. H. 60. Dr. H. B. B. 1 80. Zusammen: Mk. 798 87. i � l 4C rer get acb' 'olgl er« be- ien). und■ xen- Antheilfonds-Quittung. Rannheim Mk. 28—. Erfurt 4—. Jnsgesammt quittirt in Nr. 13: 14: Mk. 8074 90. 1488 32. Summa: Mk. 6883 22. Der Aufstand in Belgien. Es wird wohl noch ärger kommen müssen— �schrieben wir in voriger Nummer bei Besprechung der Vor- � gange, die sich am 18. März in Lüttich abgespielt, mit Bezug Huf die Verstocktheit der belgischen Ausbeuterklasse. Und es ' st ärger gekommen. Mit Blitzesschnelle und elementarer Ge- tvalt hat die Bewegung um sich gegriffen, der Funke hat ge- Zündet, und der Flammenschein brennender Schlösser und Fa- briken hat ein grelles Licht geworfen auf die grauenhaften Zustände, welche die schrankenlose Kapitalsherrschast im Lande b- �cr konstitutionellen Freiheiten gezeitigt. Von Lüttich bis zur französischen Grenze ist das Wallonen- land in Aufruhr, eine neue Jacquerie hat sich erhoben, nur daß statt der Heloten des Feldes es diesmal die Sklaven der Grube sind, welche das Banner der Empörung entfaltet haben. Aber wie beim Jacques Bonhomme des 14. Jahrhunderts, drängt auch bei den aufständischen Grubenarbeitern von heute ein Gefühl alle anderen in den" Hintergrund: der Durst nach Rache! Sie haben sich Genugthuung geholt für alle Qual und alles Elend, welches der Uebermuth und die Habgier ihrer Aus- beuter über sie verhängte. Eine sehr kurzsichtige, brutale Art von Genugthuung, das ist richtig. Aber es fällt uns nicht ein, deshalb einen Stein auf sie zu werfen. Alle Verantwortung fällt auf Diejenigen, welche die Saat gesäet, die in diesen Tagen so herrlich aufgegangen. Wer hat die Arbeiterbevölkernng des Borinage, von Char- leroi, von Seraing seit jeher als lebende Maschinen behandelt, nur dazu gut, Profite aus ihnen herauszupressen? Wer hat sie in Elend und Unwissenheit aufwachsen lassen, wer ihnen im Namen der„Freiheit" den Unterricht entzogen, damit er sie schon im zartesten Kindesalter in den Dienst der Industrie spannen könne? Wer hat von Jahr zu Jahr ihre Löhne rednzirt, sie zu immer schlechterer Lebenshaltung gcnöthigt, sie dazu vernrtheilt, im Schnaps Ersatz für die verbrauchte Kraft zu suchen? Wer hat ihnen das durch die Verfassung, die heilige, un- übertreffliche belgische Verfassung gewährleistete Recht der Ver- einignng unmöglich gemacht, wer jeden Versuch, durch die Macht der Organisation Besserung ihrer Lage zu erzielen, durch drakonische Strafmaßregeln hintertrieben? Wer hat jedesmal, wenn sie sich gegen Lohnreduktionen oder sonstige Verschlechterung ihrer Lage durch Arbeitseinstellung zu erwehren suchten, Gewaltthätigkeiten provozirt, um sie dann bequemer desto durch Militär zur„Raison" bringen zu können? Wer hat so jeden Versuch einer legalen Geltendmachung ihrer Forderungen von vornherein zur Aussichtslosigkeit ver- öanimt? Wer ihnen jede Hoffnung benommen, auf dem Wege fried- licher Verständigung Verbesserungen ihrer sozialen Lage zu erlangen? Auf alle diese Fragen gibt es nur eine Antwort: Die Ausbeuter im Bunde mit der Regierung. Sie sind die Schuldigen, sie die wahren Anstifter der grauenhaften Szenen, über welche ihre Lohnschreiber jetzt in alle Welt hinaus Ach und Wehe rufen. Es ist lächerlich, von sozialistischen und anarchistischen Auf- Hetzereien zu reden. Die Handvoll Anarchisten, die nicht einmal ein elendes Wochenblättchen über Wasser halten können, sollen hunderttausend, über drei Provinzen zerstreut wohnende Berg- leute auf einen Schlag in Bewegung setzen können! Die bel- zischen Sozialisten, die trotz aller Anstrengungen in den Kohlen- distrikten nie festen Boden fassen konnten, und zwar gerade Dank der Machinationen der Grubendirektionen, sie sollen jetzt Schuld haben an der plötzlichen Erhebung einer ganzen Armee von Bergarbeitern! Nein, ihr Herren, das macht gefälligst anderen Leuten weiß. Im günstigsten Falle können die Sozialisten und Anarchisten nur den Anstoß gegeben haben, der die Bombe zur Explosion brachte, den Zündstoff aber, die Explosionsmasse, die habt ihr Machthaber selbst zusammengetragen. Ihr habt die Unzufrieden- heit, den Haß, die leidenschaftliche Erbitterung geschürt, ihr selbst und Niemand anders. Und wenn sich nun die Erbitterung der Arbeiter in einer rasenden Vernichtungswuth Luft machte, sie veranlaßte, nicht nur die Paläste ihrer Bedrücker, sondern auch die Grubenanlagen, die Hochö.sen und Fabriken zu zer- stören, so ist da« der beste Bepeis, daß— leider!— die sozialistische Agitation noch nicht zu ihnen vorgedrungen. Nur nichtsozialistische, nur geflissentlich in Unwissenheit über die gesellschaftlichen Zusammenhänge gelassene Arbeiter können so widersinnig handeln. Unsere Gegner sollten uns auf den Knieen dafür danken, daß wir das Licht sozialistischer Erkenntniß in den Köpfen verbreiten. Nicht daß der sozialistisch- aufgeklärte Arbeiter das gute Kind wäre, das sich geduldig Alles gefallen ließe— im Gegentheil, er mag und er soll im Bewußtsein seines Rechts ungeberdig sein, sich nichts gefallen lassen, aber nie wird der sozialistische Arbeiter zerstören, blos um zu zerstören, nie wird er in blinder Wuth unterschiedslos dreinschlagen, sondern stets sich dessen bewußt sein, daß er nicht gegen Dinge, sondern gegen Zustände, gegen Einrichtun- gen und deren Träger Krieg fiihrt. Der Krieg ist unvermeidlich, das haben grade die Ereignisse der letzten Tage auf's Neue bewiesen. Unsere Gegner haben nur die Wahl zwischen dem planmäßig geführten Kampf auf dem Boden der politisch-sozialen Organisation oder dem sporadisch, aber mit elementarer Gewalt geführten Verzweiflungs- und Rachekrieg. Das aber sollen sie sich nicht einbilden, daß sie die Arbeiter ewig zu willenlosen Lastthieren degradiren können. Was heute in Belgien möglich war, kann morgen auch in Deutschland passiren. Auch Deutschland hat große Industrie- Distrikte, wo die Allmacht der Kapitalisten jede Organisation zu hintertreiben, das sozialistische„Gift" möglichst zu paraly- siren weiß. Wenn es heute in gewissen Distrikten am Nieder- Rhein und in Westfalen, in der Provinz Sachsen oder Schlesien u. s. w. zum Klappen kommt, dann werden viele Leute zu ihrer nicht sehr angenehmen Ueberraschung inne werden, daß nicht nur die romanischen Länder, sondern auch Deutschland noch seine„Vandalen" hat, und zwar am meisten in den frömmsten, königstreuesten Gegenden. Der in diesen Tagen vielgenannte Anarchist Wagner war, wie Stellmacher, kgl. preußischer Unteroffizier! Was die belgische Regierung nur an Truppen aufbieten konnte, hat sie in die aufständischen Distrikte geworfen und unter das Oberkommando des Generals V andersmissen gestellt, der mit der Bevölkerung wie im Feindesland verfährt, ohne Gnade niederkartätschen läßt, was nicht willenlos und unverzüglich den Anordnungen des Militärs sich unterwirst. Ob es diesen drakonischen Maßregeln gelingen wird, die Ruhe wiederzustellen, oder ob der Aufstand weiter um sich greifen, immer neue Landestheile sich ihm anschließen werden, läßt sich im Augenblick nicht übersehen. Bei der Wuth der Bevölke- rung gegen die klerikale Regierung ist die letztere Eventualität wenigstens nicht ausgeschlossen. In diesem Falle würde die Proklamirung der Republik und das allgemeine Stimmrecht in Belgien bevorstehen.. Aber auch wenn der Aufstand niedergeworfen werden, die „Ruhe" wiederhergestellt werden sollte, werden erhebliche Re- formen nicht ausbleiben. Zu deutlich haben sich die Mißstände des bisherigen Systems gezeigt, als daß der alte Schlendrian fortdauern könnte! So wird auf jeden Fall das belgische Volk im Ganzen, und das ist grade gewissen Heulmeiern gegenüber zu konstatiren, doch ans der Bewegung Nutzen ziehen. Es ist nicht wahr, daß verunglückte Erhebungen nothwen- digerweise die Volkssache schädigen müssen. Sie können unter Umständen von ganz bedeutendem Vortheile sein. Es kommt nur darauf an, daß sie überhaupt Boden im Volke haben, nicht von Parteien, sondern vom Volk selbst ausgehen. Dann wird selbst eine siegreiche Regierung nicht im Stand sein, über sie einfach zur Tagesordnung überzugehen. Freilich fehlt es in Belgien nicht au Leuten, die mit den Worten: Mehr Soldaten! Alles gesagt zu haben glauben, was sich nach Lage der Dinge als nothwendig herausgestellt. Jndeß, wem nicht zu rathen, ist auch nicht zu helfen. Diese weisen Gesellschaftsretter sind die wirksamsten Vertheidiger der Greuel- szenen", welche die Opfer einer brutalen Unterdrückungspolitik in ihrer Erbitterung verübt. Sollten sie wider Erwarten auch diesmal in den maßgebenden Kreisen den Ausschlag geben— je nun, so würden die belgischen Arbeiter nothgedrungen zu dem Schluß kommen, daß das Licht, welches den herrschenden Klassen in der ersten Woche des Germmal aufgesteckt worden, noch nicht stark genug gewesen, daß die Flamme noch ganz anders lodern muß, um diesen„ewig Blinden" die Augen zu öffnen. Die soziale Revolution des 19. Jahrhunderts vollzieht sich mit eherner Rothwendigkeit. Wer sie auf dem Wege der ge- waltsamen Repression niederzuhalten sucht, den wird sie eines Tages mit brutaler Rücksichtslosigkeit unter ihren Tritten zermalmen. Das gilt nicht blos für Belgien, das gilt für alle Länder. Lernt, ihr seid gemahnt! Aus Süd-Australien. Wenn Australien von der Mehrzahl der Einwanderer als Goldland betrachtet wird, wo die gebratenen Tauben nur so in der Luft herum fliegen, so hat das seinen Grund darin, daß die europäischen Zeitungen und Agenten die Arbeiterverhältnisse immer beffer schildern, als sie in Wirklichkeit sind. Ich habe in letzter Zeit mehrere neue Ankömmlinge gesprochen, aber einer wie der andere wünscht sich wieder zurück. Die Zustände find jetzt auch danach, daß Jedem die Lust zum Hierbleiben vergeht; leider fehlt eS aber meist an Reisegeld, um die Retourfahrt zu bezahlen. Das Loos, welches der Einwanderer hier harrt, ist gewöhnlich ein schlechteres als das in der alten Heimath. Die Geschäfte stocken alle, die Ernte, von der ja in den Kolonien Alles abhängt, war durchschnittlich so schlecht, wie wohl nie zuvor. Hunderte von Farmern haben weder Brod, noch Wasser oder Samenkorn, um es für daS nächste Jahr noch- mals zu versuchen. Die Regierung ist gezwungen, für die brodlosen Arbeiter auf alle mögliche Art Arbeit zu schaffen. Man baut Eisenbahnen, Wasserdämme, läßt Steine klopfen, Bäume fällen u. s. w. Das Geld wird oder ist schon in London geborgt. Die Löhne betragen 8 Sh. 6 Pence bis 6 Sh. 6 Penc« per Tag; wer eine Familie zu ernähren hat, hat seine liebe Roth, um damit aus- zukommen. In Deutschland scheint ein Lohn von Mk. 8 60 per Tag viel, sind doch genug fleißige Arbeiter, welche die ganze Woche über nicht mehr verdienen, aber hier, an den Preisen der nothwendigen Unterhaltskosten gerechnet, ist es blutwenig, und obendrein erfordert das Klima eine ganz andere Kost als Kartoffeln, in erwärmtes Schafstalg getunkt, seligen Thüringer Angedenkens. Welcher Arbeiter sehnt sich nicht mit seiner Familie in ein Land, von dem in Broschüren geschrieben wird(wie ich mich noch erinnere), daß Apfelsinen z. B. eine gewöhnliche Speise deL armen Mannes find? Ganz gewiß, wenn er fie nämlich bezahlen kann. Dazu braucht er aber nicht erst hierher zu kommen, für Geld kann er selbige auch dort haben. Ebenso ist es, wenn geschrieben wird, in den heißen Mittagstunden wird nicht gearbeitet, in der Farmen sei gewöhnlich die härteste Arbeit, Vieh zu tränken. Farmer können jetzt genug Arbeit bekommen für 10 Sh.; es gibt aber noch Leute, welche behaupten, die Bummler(loakor) wollten nicht arbeiten. Es mögen ja auch solche Fälle vorkommen, aber stcher nicht in dem Maße, wie behauptet wird. Die Regierung macht heute, wo ich dies schreibe, bekannt, daß sie blos noch verheirathete Männer einstelle. Auch ein Beweis, daß es nicht an Arbeitslust, sondern an Arbeitsgelegenheit mangelt. Vorigen Monat waren in Adelaide sämmtliche Schuhmacher, 382 an Zahl, im Streik; die Fabrikanten erklärten, ohne eine Lohnreduktion von IS Prozent nicht mehr existiren zu können. Die Herren logen, was Zeug hielt, wie viel die Arbeiter verdienten. 2 Pfd. 10 Sh. die Woche war der niedrigste Lohn. Die Arbeiter behaupteten aber, 35 Sh. sei der Durchschnitt, was ich auch glaube. Der Streik dauerte 4 Wochen, ich habe aber nicht mit Gewißheit erfahren können, wer als Sieger aus dem Lohnkampf hervorgegangen, ich glaube, es hat ein Vergleich statt- gefunden. Augenblick lich ist«in R i e s e n- S t r e i k in Melbourne im Gange, der größte, welcher wohl je in Australien stattgefunden. Sämmtliche dorttge Hafenarbeiter haben die Arbeit niedergelegt. Die Arbeits- noth i n Süd-Australien wird dazu benutzt, um mit den hier geworbenen Arbeitern die Organisation der Streikenden zu sprengen; bei ihrer Ankunft in Melbourne wurden aber die Adelaider Arbeiter mit einem solch' furchtbaren Gejohle, Zischen und Schreien empfangen, daß, wäre so etwas in Deutschland passirt, die Polizei sich die Gelegenheit gewiß nicht hätte entgehen lassen, nach Herzenslust dreinzuhauen. Nach hiesigen Zeitungen sollen sich an 10, 000 Personen bei Ankunft des Arbeiter- schiffes versammelt haben. Wie der Streik enden wird, ist noch nicht abzusehen; in Sydney drohen die vereinigten Seeleute, die Arbeit einzu- stellen, wenn Melbourne unterliegt. Die Polen-Ausweisungen aus Preußen haben auch hier viel Staub aufgewirbelt. Die englische Presse fällt bei der geringsten Gelegen- heit mit einer Wuth ohne Gleichen über Bismarck und Deutschland her, so auch bei der Polen-Ausweisung. Die Schmeichelnamen, die Bismarck da erhielt, würden in Deutschland jeden Einsender oder Redakteur min- Kestens auf Jahre hinter Schloß und Riegel bringen. Die ganze Wuth scheint mir von Neu-Guinea und jetzt den Samoa-Jnseln herzurühren. Mehrere Deutsche versuchten, Bismarck reinzuwaschen; er ward da als ganz armer Mann geschildert, welcher das Deutsche Reich gegründet und nichts dafür bekommen habe; durch die Polenausweisungen wolle ER Deutschland von einer Landplage befreien. Es freut mich, in der letzten Nummer des„Sozialdemokrat zu lesen, daß die sozialistischen Abgeord- neten die Ausweisungen zur Sprache bringen werden; es wurde von einem englischen Zeitungsreporter behauptet, im Reichstag hätte sich noch keine Sttmme des Protestes erhoben. Für mich ist es eine wahre Herzens- erquickung, wenn der„Sozialdemokrat" die Speichelleckereien der bezahlten und nicht bezahlten„Patrioten" gehörig abkanzelt. Wir sind hier bereits soweit, daß Derjenige, welcher nicht in die offizielle Melodie einstimmt, gar nicht als Deutscher betrachtet wird. Wie mir zu Ohren gekommen, soll in A d e l a i d e ein sozialdemo- kratischer Verein gegründet werden. O weh, welche Angst im patrio- tischen Lager, wenn sich dieses vaterlandslose rothe Gesindel, wie mir schon vorgeworfen wurde, auch hier festsetzt! Dann fängt das heilige Eigenthum auch schon zu wanken an. Henry George hat bereits Aufregung genug im frommen Lager hervorgerufen, und jetzt kommen noch gar die Rothen, das ist das Ende der Welt! Mir wurde einmal allen Ernstes versichert, der liebe Gott strafe Australien blos deshalb mit schlechten Ernten, weil so viele junge gottlose Deutsche herüberkommen. Bekom- men wir nun gar noch einen Verein, so ist der Staat in seinen Grundfesten erschüttert. Ernten schickt uns dann der liebe Herrgott wohl gar nicht mehr. Diese frommen Brüder liegen sich zwar gewöhnlich auch in den Haa- ren und klopfen sich die brüderliche Liebe mit Fangfosten(?) aus(Brod- neid der Pfaffen), aber wenn es auf das„gottlose Gesindel" losgeht, ist der Friede sofort wieder da. Der beste Beweis dafür war der S t ö ck e r- P r o z e ß. Die Lobgesänge, welche aus diesen augenver- drehenden Heuchler angestimmt wurden, waren wirklich ergötzlich zu hören. Diese frommen Helden versuchen sich auch auf sozialem Gebiet und behaupten, die gedrückte Lage der Arbeiter beruhe im Achtstunden- System, es werde nicht genug gearbeitet! Es kommt aber diesen Herren dabei nicht auf diese Thatsache an, daß die Geschäfte blos noch 4—6 Stunden per Tag arbeiten lassen. Ich habe schon oft von Arbeitgebern erklären hören, daß hier in acht Stunden ebensoviel Arbeit geliefert wird als in Deutschland in zwölf Stunden. Der Körper ist frischer, somit auch die Leistungsfähigkeit stärker. Mag das Achtstunden- System noch so begeifert werden, die hie- sigen Arbeiter lassen es sich gewiß nicht wieder nehmen. Diese Sorte von Menschen aber können und wollen nicht begreifen, daß die Ursache des Uebels darin liegt, daß die Kaufkraft des Volkes hinter der Steigerung der Produktion zurückgeblieben ist, sowie in der Produittonsanarchie, der Folge des heutigen kapitalistischen Systems. Mit sozialdemokratischem Gruß! R. F. Australia. Sozialp Mische Rundschau. Zürich. 31. März 1886. — Ueber den Aufstand in Belgien haben wir uns, was die allgemeine Seite deflelben betrifft, bereits im Leitartikel geäußert; es mögen an dieser Stelle noch einige Detailmittheilungen folgen. Im klerikalen„Echo der Gegenwart" schildert ein Korrespondent deffelben, der„vielfach Augenzeuge" gewesen sein will, die Vorgänge, die sich in und um Charleroi am Donnerstag den 25. und Freitag den 26. März abspielten. Danach stellten am Donnerstag die Arbeiter der Bergwerke F l e u r u s(Provinz Hennegau, 4000 Einwohner, mit viele» Gruben) die Arbeit ein und begaben sich nach Chatelineau(8000 Einw., gleichfalls Gruben), Chatelet(7500 Einw., mit M-ffer-, Nägel-, Tuch- und Baumwollfabriken) und G i l l y(2000 Einw.) Dort brachten sie durch Einschüchterungen und Drohungen es zu Werke, daß die Arbeiter der Hochösen und Kohlenbergwerke ebenfalls die Arbeit ein- stellten. In den Etabliffements daselbst wurde nun Vieles zerschlagen und verwüstet, und damit die Wiederaufnahme der Arbeit für den an- dern Tag unmöglich gemacht. Freitag Morgen um 6 Uhr begaben sich die Streikenden, etwa 1000 Mann stark, und alle mit Knütteln, Haken, Schaufeln und Eisenstangen, theilweise auch mit Revolvern bewaffnet, nach M o n t i g n y(3000 Einw., mit Gruben), M a r ch i e n n e(>1,000 Einw., mit Kohlengruben und Hammerwerken), Couillet(l10v Einw., mit Hochöfen und Eisenwerken) und zu den umliegenden Fabriken, ver- wüsteten sie und zwangen auch dort die Arbeiter, sich ihnen anzuschließen. In den Bergwerken hatten die Arbeiter kaum Zeit, herauszukommen, da die tobende Masse oben fortgesetzt drohte, die Seile abzuschneiden. In Charleroi, dem Kreishauptort, wurden sie von der Bürger- wehr zurückgeschlagen und wandten sich dann nach Lodelinsart, wo sie die Glashütten D o r l o d o t und Mondreu total Vernich- t- t e n. Von da ging es nach I u m e t(20,000 Einw.), wo erst die Verwüstung im größten Stile vor sich gehen sollte.„Man hörte das Toben und Lärmen schon von Weitem; es hörte sich an wie ein her- annahender brausender Sturm." Hier wurden die Glashütten der „Vorrenoo nationales" und der Firma Baudoux zerstört und dar- auf das Schloß des Herrn Baudoux, gegen den sich der stärkste Haß des Volkes gerichtet hatte, niedergebrannt. Es heißt darüber: „Mittlerweile war auch das Schloß in Brand gesteckt worden, bald stand es in hellen Flammen und— entsetzlicher Anblick!— oben auf der ersten Etage tanzten die Rasenden und sangen die„Carmagnole", und unter ihnen, hinter ihnen, von allen Seiten ein Flammenmeer: Nichts konnte die Wüthenden retten, sie verbrannten in dem von ihnen selbst angezündeten Feuer! Die Zahl derselben ist noch nicht festgestellt, doch ist sie nicht gering. Die Feuerwehr langte am Brandorte an, sie wurde jedoch von der Menge zurückschlagen. Seit L Uhr wüthet der Brand; es ist jetzt 10 Uhr Abends; vier Stunden im Umfange sieht man die Flammen hoch gegen den Himmel schlagen, und weithin ist Alles ein Greuel der Verwüstung." Der Bericht schließt mit folgenden Worten:„Der heutige Tag hat nach ungefährer, von Beamten gemachter Schätzung allein im Arrondiffe- ment Charleroi gekostet: Baudoux.... Verreriss nationales Dorlodot.... andere Etabliffements Fr. 3,000,000 „ 1,000,000 „ 600,000 „ 5.000.000 Fr. 9,600,000 Diese Verwüstungen haben 6000 Mann in 12 Stunden Zell zu Stande gebracht. Durch mein Fenster sehe ich noch das Flammenmeer des Etabliffements Baudoux und höre den Lärm der rasenden Teufel." Dazu bemerkt die„Frankfurter Zeitung":„Die neuesten belgischen Blätter bestätigen diese Nachrichten durchaus; sie entwerfen alle ein düsteres Bild der Zerstörung, die in der Nacht von Freitag auf Samstag und den ganzen Samstag über fortgesetzt wurde. Erst als genügendes Militär ankam, ward es in der nächsten Nähe von Charleroi ruhiger. Aber das Zerstörungswerk hörte darum nicht auf. Unter«nderm wurde das Kloster von Soleilmontant geplündert und zerstört; die Nonnen konnten sich vorher mit ihren Zöglingen über die Felder retten. Die Zahl der bei den verschiedenen Zusammenstößen mit den Truppen getödteten Bergleute beläuft sich auf gegen 100, die der verwundeten auf über 200. Uebrigens ist es wiederholt vorgekommen, daß Soldaten sich geweigert haben, auf die Streikenden zu schießen. Selbst O f f i- ziere der Bürgergarde haben erklärt, daß sie sich zu einem solchen Akt nicht hergeben wollen. Ueberhaupt sind die Sympathien des belgischen Volkes für die Aufrührer viel stärker, als die Ordnungspreffe glauben macht. Die Entrüstungsversammlungen— nicht Entrüstung über die„Greuelthaten" der„schwarzen Teufel", sondern über die Maßregeln der Regierung— häufen sich. Di- G-nter Sozialisten haben am 29� ds. auf einem Meeting beschloffen, 5000 Arode aus ihrer Genoffenschasts- Bäckerei an die Familien der verhafteten Bergleute zu senden. Ein Bravo den wackeren Genossen! Die Zahl der Dummheiten, welche die Ordnungspreffe bei dieser Gelegenheit wieder zu Tage gefördert hat, ist Legion. Der Korrespondent des Kölner Weltblattes erklärt die Zerstörung der Baudoux'schen Glas- bläserei als„die Anwendung des sozialistischen(!!) Einwandes gegen den Gebrauch der Maschine."— Esel! Der„Frankfurter Zeitung" telegraphirt ein Korrespondent, daß Defuisseaux und V o l d e r s— zwei bekannte belgische Sozialisten, der erste sogar ein höchst gemäßigter!— eine anarchistische Ver- sammlung in La Louviöre abgehalten hätten! Ueberhaupt muß das Wort anarchistisch bei jeder Gelegenheit herhalten. Defuiffeaux'„rother" „Katechismus des Volks" wird als anarchistische Brandschrift geschildert thatsächlich ist er nichts als eine populäre Flugschrift für das— allgemeine Stimmrecht, das freilich in den Augen der belgischen Bourgeoisie den hellen Anarchismus bedeutet. Spaßeshalber sei hier eine Stelle aus dem fürchterlichen Katechismus angeführt: „Frage: Durch welches Mittel kann der Arbeiter diesen(heutigen) Zustand der Dinge bekämpfen? Antwort: Durch die Vereinigung. Alle Arbeiter müssen sich der Arbeiterpartei anschließen. Am Tag, wo sie vereinigt sein wer- den, werden sie die Herren sein. Frage: Gibt es kein anderes Mittel für sie, Herren der Situation zu werden? Antwort: O ja, das allgemeine Stimmrecht wird ihnen die Macht in der Gesetzgebung verschaffen. Ihre Vertreter werden dann Gesetze machen, welche die Arbeit und den Lohn regeln!" Schreckliche Brandschrift! Ueberhaupt rathen wir unseren Lesern, alle Berichte der gegnerischen Presse nur mit äußerster Vorsicht aufzunehmen. Es wird furchtbar viel geflunkert. Ob z. B. Baudoux, der Besitzer der zerstörten Glasfabrik, wirklich ein so großer Menschen- und Arbeiterfreund gewesen, als die Berichterstatter der Bourgeoisblätter behaupten, wissen wir nicht, haben aber alle Ursache es zu bezweifeln, da der mit ihm im gleichen Athem- zuge als Arbeiterfreund genannte Eudore Pirmez uns als Gegner aller Arbeiterforderungen bekannt ist, der noch vor Kurzem behauptete, die Lage der Arbeiter sei heute in Belgien besser als je. Man kann dar- nus auf die Arbeiterfreundlichkeit dieser Herren schließen. — Bismarck soll, wie die„Freisinnige Zeitung" mittheilt, bei ver- schiedenen Rechtsgelehrten— Herr G n e i st ist jedenfalls darunter- sich Raths erholt haben, ob es nlchkuföglich sei, das allgemeine Stimm- recht abzuschaffen, und zwar ohne vorherige Genehmi- gung des Reichstags. Offen gestanden, wir halten die Nachricht nicht für richtig. Nicht, daß wir an dem Wunsche Bismarck's, das allgemeine Wahlrecht loszuwerden, irgendwie zweifelten— das wäre Thorheit. Aber wir halten Bismarck nicht für so dumm, daß er in einer solchen Angelegenheit sich erst an „Rechtsgelehrte" wendet. Daß eine Aenderung des Wahlgesetzes ver- fassungsmäßig nicht ohne de« Reichstag bewerk st el- ligt werden kann, ist so klar, daß nicht einmal Herr Gneist es bestreiten kann. Eine Aenderung ohne den Reichstag und gegen den Willen des Reichstags ist nur möglich durch einen Staats st reich; und ein Staatsstreich ist— falls er gelingt, bis zum Moment des Ge- lingens— Hochverrath, und laut Strafgesetzbuch ist„auch der Versuch" des Hochverraths strafbar, und sogar die Vorbereitung des Versuchs. Wäre die Notiz der„Freisinnigen Zeitung" zutreffend, so wäre Bismarck unzweifelhaft des versuchten oder wenigstens vorbereiteten Hochverrathes schuldig. Daß Bismarck unter Umständen vor einem Staatsstreich und vor Hochverrath nicht zurückschrecken würde, steht freilich für uns fest, aber liegt denn— ganz abgesehen von der momentan ungünstigen Kon- junktur— die Sache so, daß Bismarck, wenn er das allgemeine Wahl- recht durchaus los sein will, einen Staatsstreich begehen muß? Ist der gegenwärtige Reichstag unsterblich? Ist die Möglichkeit ausge- schloffen, eine andere Majorität als die gegenwärtige zusammenzubringen? An die Wahrscheinlichkeit glauben wir nicht, die Möglich- keit kann nicht geleugnet werden. Und von Bismarck ist bekannt, daß er diese Möglichkeit schon sehr oft ins Auge gefaßt, und einmal bereits sie mit Glück praktisch verwerthet hat. Doch sei dem, wie ihm wolle— das allgemeine Stimmrecht ist Bis- marck und seinen Helfern und Helfershelfern ein Dorn im Auge, und auf die eins oder andere Art wird man demselben zu Leibe zu gehen suchen. Jndeß wozu uns im Voraus ereifern? Jedem Attentate auf das allgemeine Wahlrecht wird die deutsche Sozialdemokratie mit allen Kräften entgegentreten, das versteht sich von selbst. Und wenn das Attentat ge- lingt, was dann? Je nun, der Zukunft können wir nicht vorgreifen— so viel aber ist unter allen Umstände» gewiß, daß die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts für die Sozialdemokratie nur eine verän- derte Taktik bedeuten würde: Wir würden unsere p a r l a- mentarischeThätigkeit aufzugeben haben. Dabei hätten wir nichts zu verlieren und unsere Feinde sicherlich nichts zu gewinnen. — Die Doppelrolle,— so schreibt man uns aus Berlin— welche Herr von Puttkamer in der Komödie, betitelt:„Verlängerung des Sozialistengesetzes" zu spielen hat, wurde wiederholt von uns ge- schildert und gekennzeichnet. Mit dem einen Gesicht muß er zu den Bieder meiern, mit dem andern zu den Angst meiern sprechen, jenen das Sozialistengesetz als ein ganz gemüthliches, die Sozialdemo- kraten in ihren„vernünftigen Bewegungen" gar nicht hinderndes Ding darstellend, diesen als eine scharfe, aber nothwendige Waffe gegen das entsetzliche, blutdürstige Ungeheuer der Anarchie, das wie ein brüllender Löwe umherzieht, um den Staat und die Gesellschaft zu zerreißen und die guten Staatsbürger, die Herren Angstmeier natürlich in erster Linie, zu verschlingen. Wie klug und weise Herr Puttkamer in letzterer Zeit die erste Rolle gespielt hat, wurde bereits des Nähern von uns beschrieben. Seitdem hat es nun einen kleinen Zwischenfall gegeben, der zu komisch ist, als daß wir ihn unseren Lesern vorenthalten könnten. Herr Puttkamer ist bekanntlich ein eifriger Leser deS„Sozialdemokrat" — so eifrig, daß er sich ihn durch einen seiner Agenten in Zürich all- wöchentlich ohne Verzug mittelst Eilbriefs zuschicken läßt. Auf dies« Weise gelangt er spätestens Freitag Abend in den Besitz seines Exem- plarS. Das war auch Freitag, den 19. März d. I., der Fall. Herr Puttkamer fand in jener Nummer die auf seine„milde Praxis" in puncto der Versammlungen bezügliche Notiz und ärgerte sich so sehr über dieselbe, daß er eklatante Rache zu nehmen, und zugleich dem Artikel- schreiber ein schlagendes Dementi zu geben beschloß. Das Glück war ihf günstig. Für jenen Abend war eine Volksversammlung angesetzt, für d« Bebel als Redner angekündigt war.„Diese Versammlung muß au: gelöst werden!" Leuchtender Gedanke! Em Druck auf den Klingelknopf „Rufen Sie mir den X. 3). her." X. Y. erscheint:„Der R-ichstazSabz- ordnete Bebel spricht heute Abend in einer Versammlung; es werda viel Menschen zusammenströmen. Die Gemüther werden erregt sein" sorgen Sie dafür, daß die überwachenden Beamten mit äußerste' Umsicht vorgehen und auch nicht die leiseste Aufreizunj dulden!" Das war deutlich. T. D. verstand. Die betreffenden Beamten wurdo instruirt. Und— Sluflösung der Versammlung, Entrüstung der A"1 gelösten. Stauung von Menschen— kurz, Alles verlief programmmäßiz Nur Eines nicht: die Sozialdemokraten merkten die Absicht und wurde« zwar nicht verstimmt, ließen sich aber auch nicht verstimmen, sondeck lachten die Polizei aus, lachten Herrn Puttkamer aus und es gab keine« Krawall! Armer Puttkamer! Er wollte zwei Fliegen mit einer Klapp schlagen: den„Sozialdemokrat" dementiren und ein kleines Krawallch" proooziren; und er hat weder das Eine noch das Andere erreicht. � hat die Auffassung des„Sozialdemokrat" blos bestätigt und obe» drein uns für die zweite Lesung des Sozialistengesetzes sehr schätzbar«! Material geliefert. Der„Sozialdemokrat" aber kann sich zu seinem Eit stuß gratuliren: er lenkt von Zürich aus den würdigen Minister unser" Polizei und unsere würdige Polizei.„Mein Liebchen, was willst A noch mehr?" Die Versammlung des 19. März führt uns geradewegs zur Grusä Politik in usnm der Angstmeier. Herr Puttkamer und feine Leute Hab» das„Rothe Gespenst" seit den Londoner Krawallen nicht zur Ruhe ko» men lassen. Eingedenk des Wortes ihres wahrheitsliebenden„Chefs" „Gelogen wie telegraphirt", manipuliren sie hauptsächlich mit Hilfe d«! Telegraphen. Der Telegraphendraht setzt den Polizei-Automats» welcher als Rothes Gespenst herhalten muß, in Bewegung, läßt ihn d« gräßlichsten Grimassen, die drohendsten Bewegungen machen.„Ana» chistisch-sozialistische Krawalle in London".„Anarchistisch. sozialistisch Plünderungen in London."„England am Vorabend einer ana» chistisch-sozialistischen Revolution."„Anarchistischer Aufstand in D e c az« ville. Mord, Totschlag, Plünderung!"„Frankreich am Borabeiü einer anarchistisch sozialistischen Revolution."„Anarchistisch-sozialistisch" Aufstand in L ü t t i ch. Mord, Todtschlag, Plünderung."„ B e l g i e> am Vorabend der anarchistisch sozialistischen Revolution." Natürlich gelogen von AbisZ; die Hungerkrawalle von 18� sind ebensowenig anarchistisch oder sozialistisch wie weiland die Hunge» krawalle von 1846 und 1847— obgleich sie, wie diese den AusbrM des Jahres 1848 vorarbeiteten, unzweifelhaft zur Unterminirung d«« herrschenden Staats- und Gesellschaftssystems beitragen. Allein sozio' l i st i s ch sind sie nicht, und auch nicht anarchistisch— die Herr«« „Anarchisten" müßten denn per Luftballon vom Monde gekommen sei» England, Frankreich, Belgien— Etappen der anarchistisch-sozi» listischen Revolution. Zittere, biederer Angstmeier!„Der Weg v»« Lüttich zur deutschen Grenze ist nicht wei t." Hu! hu! Aber fürchtet Euch nicht, ihr staatserhaltenden Angstmeier' Unsere starke Regierung wacht. Sie hat in ihrer himmlischen Vorsicht d« Waffe des Sozialistengesetzes geschmiedet, und diese Waffe genügt gege> den dösen Feind. Oder wäre irgend ein Angstmeier thöricht genug,„fltf die Wohlthat des Sozialistengesetzes zu verzichten?" So zischt das Reptiliengesindel. Und wenn am 19. März, in Folge der Puttkamersch-n Versammlung» Auflösung, einer der provozirenden Polizisten von einem, ob der schmach vollen Willkür und Brutalität Zürnenden am Kragen gepackt word«« wäre— aufgereizt wurde über und über genug—, dann war de> Schritt von Lüttich bis Berlin gethan, das„Roth' Gespenst" stand mitten unter uns, und Puttkam"' war aus allen Schwulitäten. Behüt' Dich Gott, lieb' Puttkämerlein, es wär' zu schön gewesen, Behüt' Dich Gott, lieb' Puttkämerlein, es hat nicht sollen sein!" — Der politische Nerv scheint in Deutschland abgestorben zu sein, ltagte vor einigen Monaten die freihändlerische„Nation" übrigens ein sehr gut redigirtes und lesenswerthes Blatt. Unter de«" „politischen Nerv" verstand die„Nation" das politische Empfindung»' vermögen, das Gefühl für Recht und Unrecht, Ehr- und Schamzesiihl Bis zu einem gewiffen Punkts hat das freihändlerische Blatt unzweise!' Haft Recht. In den letzten Jahrzehnten, hauptsächlich unter den Auspizie« des schnapsbrennenden Junkers, den„seine Leute" der Welt als„große« Staatsmann" auflügen wollen, sind bei uns, in„der frommen Kinde» stube", Dinge vorgekommen, die weder in Frankreich noch in Engla» möglich gewesen wären— so wenig wir sonst die Zustände der beide« genannten Länder sür musterhafte ansehen können. Wenn es eine» Gladstone, Disraeli, Thiers eingefallen wäre, die kecksten, selbst der at gebrühtesten Börsenmoral nicht ganz„koscher" erscheinenden Geldspek» lationen zu machen, und sich, natürlich auf Kosten des Volks, Million!-' und Millionen in die Taschen zu stecken, so würden sie n i ch t in M und Würden haben verbleiben können. Die„leitenden Gesellschaftskreise — obgleich keineswegs heikel— würden es nicht geduldet haben. M>» doch in England, nach einem alten und wiederholt zur Anwendung a' kommenen Gesetz, jedes Parlamentsmitglied(und die Minister müff«« dort dem Unterhaus angehören), das vom Staate durch Lieferungen od» auf anderem Wege pekuniären Vortheil zieht, und überhaupt sein Ma» dat zu Zwecken der persönlichen Bereicherung ausnutzt, unnachsichtli» seines Mandats verlustig erklärt werden. Welche Maffenabschlachtung hätte in Deutschland vorgenomme> werden müssen, wenn dieses englische Gesetz für uns z.B. im Jahr 18?! gegolten hätte, wo anläßlich der L a s k e r' schen Tugendkampagne d" damalige Handelsminister Jtzenplitz, der in die moralische Schuf linie gerathen war, vor versammeltem Kriegsvolk verzweifelt den den> würdigen Schmerzensschrei ausstieß: „Und ich bin der einzige Minister, der keine Aktie« h a t." (Beiläufig war es damals nicht ganz klar, ob er sich bedauer« oder entschuldigen wolltt.) Wir behaupten, daß eine ähnliche Vertuschung eines so gigantisch� Skandals— der bekanntlich in der famosen„königlichen Kommiffion' begraben ward— weder in Frankreich noch in England möglich gewese» wäre— nicht einmal in dem Frankreich des zweiten Kaiserreichs. Und die„ D o t a t i o n e n", mit denen der„leitende Staatsmann' sich beschenken ließ oder richtiger sich selbst beschenkte— der Otto' Pfennig, den er für sich zusammenbetteln ließ; die Versetzung de« erbettelten Schlosses von Schönhausen in eine niedrigere Steuerstufe, durch D-klarirung desselben zu einem Speicher; die Schwenniv ger-Schmutzgeschichte— ist es denkbar, daß ein Thiers, ei» Gladstone, ein Disraeli der öffentlichen Meinung, dem öffentlichen An stand, solch' zyklopische Steine ungestraft an den Kopf hätte werfen kö» nen? Niemand, der die englische und französische Geschichte kennt, wirf die Frage bejahen. Wir erinnern nur daran, mit welcher Entschiedenheil Disraeli nach Abschluß des für ihn und England entschieden höch? „ruhmreichen" Friedens von Berlin jede Dotation und Rangerhöhun! ablehnte, und wie er seinerzeit zur Annahme des Titels Beaconsfiel! nur durch das persönliche Drängen der Königin, die er nicht beleidige« wollte, bewogen werden konnte. Also was die„Nation" von dem„Absterben des politischen Nervs' sagt, ist nicht ohne Begründung. Nur hätte sie die schwere Anklage nich« so allgemein erheben dürfen. Den herrschenden Klassen i» Deutschland ist der„politische Nerv" allerdings abgestorben. Sie habe» kein Ehr- und kein Schamgefühl mehr. Sie plündern und stehlen in hellen Tageslicht; sie tragen mit frechem Bedientenstolz die Livree de« Gewalthaber und schütteln prahlerisch ihre Ketten, als wären es Ehren zeichen. � Der parlamentarische Raubzug der vorigen Session hat seines Gleiche» nicht in der modernen Geschichte— in den Annale» der englischen um sranzißsischen Parlamente suchen wir vergebens nach einem Seitenstüa Nicht daß in England oder Frankreich weniger geplündert worden wäre Das Plündern liegt im Wesen des Klassenstaats— dazu ist er ja da das ist seine Bestimmung. Aber die englische, die französische Bourgeois idealisirte wenigstens ihren Egoismus, sie erhob ihre Sonder Forderungen zu Forderungen der Nation, und proklamirte nicht de« Diebstahl, den offenen nackten Diebstahl als ihr politisches Programi«« ijt wie wir das in der vorigen Session des deutschen Reichstags erlebt di haben, wo eine Gruppe von Interessenten nach der anderen hervortrat tu: und, ohne Feigenblatt, ohne Phrase, ohne jeglichen Beschönigungsversuch, 'V ihren Äntheil an der Beute verlangte— einfach auf Grund des demo- ig» iratischen Spitzbubenrechtes, welches die Gleichheit, die Gleich- da berechtigung aller Spitzbuben bei der Beutevertheilung fordert. - Lage man nicht:„aber die englischen, die französischen Spitzbuben :t' sind nur größere Heuchler, und die Heuchelei ist schon an sich n! ein Laster". Das ist Sophisterei. Wohl ist die Heuchelei ein Laster, ein widerliches d» Laster, allein wahr ist auch das Wort des Franzosen: D i e H e u ch e> [ut l e i ist der Tribut, welchen das Laster der Tugend jij Zahlt. Die Tugend in diesem Fall, das ist der„politische N e r v". Der tfl„politische Nerv" ist den herrschenden Klaffen in Frankreich, in England 1,1„•'0 vollständig abhanden gekommen, wie das in Deutschland der psi»all ist. Auf die Gründe können wir jetzt nicht näher eingehen. Ange< ¥ �Utet sei nur, daß sie mit dem gesammten politischen Entwicklungsgang ® �wtschlands zusammenhängen, welcher dem deutschen Bürgerthum eine "Ü reeta')et politischen Herrschast und des politischen Glanzes versagte. :H tötn Bürgerthum, das ein 1789 ober 1648 hinter sich hat, kann nimmer- tili mehr in jene Tiefe der Niedertracht herabsinken, die unser deutsches, nur von Traditionen der Knechtschaft und Versunkenheit genährtes T- Bürgerthum erreicht. . lind da nehmen wir den Begriff des Bürgerthums in seinem weitesten sä«mn, und vergessen auch nicht, daß unser schnapsbrennendes Junker- b« tyum durch und durch verbürgerlicht ist— gleich unserem Bürgerthum, politischer Ideale blas noch den„heiligen Hunger nach Gold" Zum Glück ist jedoch nicht in allen Schichten unseres Volkes der l-it„politische Nerv» ertödtet. Was Disraeli in seinem großen sozialen D««»man„Sybil" vor länger als 40 Jahren von England sagte, das lOf gm auch von Deutschland— wie von jedem modernen Klaffenstaat— w 1* Erhält zwei Nationen— die Nation der Herrschenden und ,a! ausbeutenden und die Nation der Unterdrückten. Nur die Nation '! r*1 herrschenden und Ausbeutenden hat den„ p o l i t i- eir iHenNerv" verloren. In der Nation der Unterdrückten ¥* 4! lebendig und stark. �llt uns nicht ein, den arbeitenden Klaffen eine ideale Vollkom- �euheit zuschreiben zu wollen, die sie nicht besitzen. Wir wissen sehr zßi wohl— und die Gegner, von denen wir beschuldigt werden, den Ar- -- keltern zu schmeicheln und jeden einzelnen derselben als einen Ausbund tut ouer Tugenden hinzustellen, mögen sich das merken— wir wissen sehr d� wohl, daß die unnatürlichen und unsittlichen Gesellschaftsverhältniffe, ir bereu Opfer die Arbeiter sind, ihnen auch den Stempel ihrer Unnatur re> und Unsittlichkeit aufgedrückt haben; wir wissen, daß Neid, Eifersucht, est mgennutz unter den Arbeitern ebensogut vorkommen, wie unter den zi» Mitgliedern der höheren Klaffen, und häufig noch in kleinlicherer, ab- o> stoßenderer Form(weil die Lebensbedingungen kleinlichere sind)— das »ndert indeß nichts an der Thatsache, daß das Rechts- und Gerechtig- es kertsgesühl, welches daK natürliche Kind der Unterdrückung ist, in der d« Masse des arbeitenden Volkes lebt und mit einem leben- !ge! digen Ehrgefühl verbunden ist. In den Kreisen der Arbeiter werden ati jene obenerwähnten Handlungen des gemeinsten Eigennutzes und nieder- trächtiger Gesinnung auf das Schärsste verurtheilt. Und in den Kreisen ber Arbeiter empfindet man auf das Lebhasteste das Schmachvolle, lg> das Ehrlose der gegenwärtigen Zustände, und hat e s ach pon Anfang asn empfunden. re �urz— der„politische Nerv" ist in unserem Volk nicht ertödtet. Er ist wohl den herrschenden Klaffen abhanden gekommen, gerade den- �hi lenigen Klassen, die sich als die Alleinbesitzer des„pdint d'honneur"— i«l meser Karrikatur des echten Ehrgefühls— auszuspielen lieben,— in dein arbeitenden Volk aber lebt er in ungeschwächter, in zunehmender «rast, und dem arbeitenden Volk gehört schon ein tüchtiges Stück der Gegenwart und die ganze Zukunft. — Betrogene Betrüger. Die stupide Verehrung, mit der der National gesinnte deutsche Philister zu dem allweisen Kanzler emporblickt, >e» immer Recht hat, mit der er jeder, von seinem Abgott ausgegebenen � Parole blindlings folgt, heute weiß für schwarz und morgen schwarz für Iii weiß erklärt, wenn Bismarck es ihm vorgemacht, ist jetzt eines der Lieb- .ni-. Iingsthemata der deutschfreisinnigen politischen Satire. Erst neulich wieder ließ der weiland erznationalliberale Herr Bamberger einen Ar- >sel tikel über dieses Thema vom Stapel, und niemand war schneller bei >iek der Hand, ihn abzudrucken, als die„Freisinnige Zeitung" des Herrn ße« Eugen Richter. der Wir hätten selbstverständlich gegen eine schneidige Bekämpfung eines -ai>! von jeher von uns gerügten politischen Uebelstandes nichts einzuwenden, idei wenn wir nicht immer wieder Zeuge sein müßten, wie ebendieselbe Presse, „e» welche wider den verdummenden Kanzlerkultus zu Felde zieht, ihrer- dt Isits einen Kultus zu züchten bestrebt ist, der mindestens ebenso schäd- et» Pch. wenn nicht noch viel schädlicher für die politische Entwickelung des m«! deutschen Volkes ist als jener. Wir meinen die gefliffentlich zur Schau AiH getragene Kaiserverehrung, in Verbindung mit der nichtswürdi- -ist' ßen monarchisch-konstitutionellen Lüge. UJiii Kein Blatt, das es in dieser Beziehung ärger treibt als die eben ge- g' nannte„Freisinnige Zeitung". Was das Organ des tapfern Eugen ifst dichter in byzantinischer Anwinselung des Kaiserhauses leistet, wird von od4'einem der offiziellen Bedientenblätter übertroffen, deren Haltung doch !iai> wenigstens auch sonst mit dem hundemäßigen Bauchrutschen vor dem tlst allergnädigsten Kaiser und König überinstimmt. Man lese nur den Ar- ukel, den das Organ des Führers der bürgerlichen Opposition seinen mei Lesern zu„Kaisers Geburtstag" vorgesetzt hat. Man weiß nicht, was Man mehr bewundern soll, die kurzsichtige Bornirtheit oder die Charakterlosigkeit, die aus demselben herausschaut. hus..„U n s e r K a i s e r hat morgen" ec.— so beginnt das Elaborat. !en! U"?6* Kaiser, wie patriarchalisch das klingt! Schade nur, daß das patriarchalische Verhältniß das von Herr zu Knecht oder von Knecht zu j e> H�r ist, also im strikten Widerspruch zu dem politischen Rechtsverhält- viß steht, wie eS die freisinnige Partei auf ihre Fahne geschrieben. ,(| Schon in dem ersten Wort liegt eine grobe Unwahrheit, ganz abgesehen von der Geschmacklosigkeit einer solchen Ausdrucksweise. -chp Es folgt dann eine Schilderung des„köstlichen" Lebens und Lebens- otsi vbends„unsers Kaisers", die einer Kinderfibel alle Ehre machen würde, ese> woraus ein Rückblick erfolgt auf die„bösen Tage" in Kaiser Wilhelms „köstlichem Leben". Zu diesen„bösen Tagen" gehören auch die Zeiten NN'„ budgetlosen Regiments(wo Kaiser Wilhelm und seine Minister die i v 1 Berfaffung brachen, die sie zu halten beschworen,„so wahr mir Gott dei'") und die„schweren inneren Kämpfe, welche seit bald sechs Jahren uff me ganze Nation entzweien, und von denen noch kein Ende abzusehen ja'st"(weil Kaiser Wilhelms„köstlicher Lebensabend" so verflucht lange ei« dauert). Ai»..„Aber," fährt der Byzantiner der„Freisinnigen Zeitung" fort,„alle kö» die taufende und hunderttausende Bürger, die mannhaft und unentwegt vir>"n scharfen politischen Kampfe gegen den Kanzler und die andern Mi- (heii visier verharren,— das Volk, das gesammte Volk— dem Kaiser Wil- öchs he>m steht es„in unverbrüchlicher Treue" zur Seite. Er steht hoch »un- Erhaben über allen Parteien des Landes; ihn macht fiel! Mcviand auch nur mit einem Gedanken verantwortlich für ige«-P'rthiimer und Fehler seiner Rathgeber und Beamten......" fi-i« s*? Da haben wir die konstitutionelle Lüge in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. -vs' �wwand hat sie schroffer desavouirt als„unser Kaiser" höchstselbst, er iiichi?'ll verantwortlich sein für die Politik seiner Beamten, er will keine , i« Institutionelle Pagode sein, und er ist auch keine, wenigstens keine kon- „bei ststutionelle. Wenn es einen Sinn hat, ihn von der Verantwortung für , die herrschende Politik frei zu sprechen, so höchstens vom medizinisch-physio- d«i logischen, nimmermehr aber vom politischen Stgndpunkt aus. Es heißt wen Thatsachen fälschen, den Geist des Volkes irresühren, wenn man ihm immer und immer wieder vorredet, der König stehe in Preußen ichek i> b e r den Parteien. Grade in Preußen, wo die elementarsten Ver- unt sassungsfragen noch nicht gelöst sind, ist der König Partei und bildet er stück Partei. Niemand weiß das besser als Herr Richter. Aber wo bliebe äre sonst Seiner Majestät allergetreueste Opposition, wenn man nicht sich pd Und dem Volk vorredete, man habe es nicht mit dem Dalai Lama selbst, oisii sondern nur mit seinen bösen Rathgebern zu thun? Und so betrügt man er- s'ch und das Volk um einer Einbildung willen, so wird das politische per Leben entmannt— nicht für die Dauer eines Menschenlebens, son- mii>®ettt» wenns möglich wäre, auf Generationen hinaus, während der> ; nationalliberale Spießbürger doch nur dem Bismarck, an den er nun einmal glaubt, das Opfer seines Intellekts schenkt. Da ist man wirk- lich befugt, vom Splitter und Balken zu reden. Aber, stolz lieb' ich den Stiefelputzer! Einem Amtsblatt, daS sich in Wahrung berechtigter Interessen(Bauchrutschprivilegium) über den„Fest- artikel" der„Freisinnigen Zeitung" lustig gemacht, antwortet diese hoch- müthig:„Was versteht auch dergleichen Bedientenvolk von den Hoff- nungen und Gefühlen freier Männer beim Geburtstagsfest des Monar- chen!" Bedientenvolk stimmt. Aber die freien Männer sind ganz anderswo zu suchen alS unter denen, die mit Bedienten um den Preis der Knechts- seligkeit wetteifern. — Der sozialdemokratische Antrag auf Abschaffung des Dynamitgesetzes wurde in der Reichstagssitzung des 24. März vom Genossen Viereck in längerer Rede begründet. Bei dieser Gelegen- heit beleuchtete er verschiedene der neueren Dynamit-Altentate, u. A. auch daS sogenannte Niederwald-Attentat in einer Weise, die der Rechten und dem Zentrum höchst unangenehm war, und dem Herrn Windthorst, der einen Antrag auf einfachen Uebergang zur Tagesordnung stellte, eine Fluth augenverdreherischer Phrasen über die sündhafte Welt im Allgemeinen und den sündhaften Anarchis- mus im Besonderen entlockte. Natürlich ging der Windthorst'sche Artrag mit überwältigender Majo- rität durch. Sogar die Herren Fortschrittlsr stimmten dafür, nachdem Herr Professor H ä n e l in„persönlicher Bemerkung" (er war nämlich von einem Vorredner genannt worden) erklärt hatte, daß ein auf einfache Abschaffung eines bestehenden Gesetzes hinzielender Gesetzentwurs entweder einfach angenommen oder durch Uebergang zur Tagesordnung einfach aus der Welt geschafft werden müsse— eine Argumentation, die Herr Hänel sich hoffentlich patentiren läßt. Eines kann schon jetzt mit Bestimmtheit vorausgesagt werden: daß Herr Windt- Horst und seine schwarzen Gesellen aus unserem Dynamitantrag Kapital für ihre Gesinnungslosigkeit zu Gunsten der Verlängerung des Sozia- listengesetzes schlagen werden. Wäre es dieser Antrag nicht gewesen, so hätte etwas Anderes her- halten müssen. Vorwände sind billig wie Brombeeren— sagte schon Falstaff. — Ans einer Kandidatenrede.„Für die Wohlfahrt der arbei- tenden Klassen einzutreten, hält er(Redner) für eine der wichtigsten Aufgaben der Volksvertretung. Sehr gut war seine Verurtheilung des Schulze-Delitz'schen Sparsystems.... Er führte aus, daß das Sparkassen- und Genossenschaftswesen, wie es bisher den Arbeitern empfohlen wor- den, in jeder Hinsicht unzureichend sei, und zwar mit den Worten: Wenn zehn Arbeiter, die nichts haben, ihr Vermögen zusammenlegen, dann haben sie eben zehnmal nichts." Welcher Partei mag der Redner wohl angehören, von dem Obiges berichtet wird? Kein Zweifel, der sozialdemokratischen, hören wir den einen oder den andern unsrer Leser ausrufen. Aber fehlgeschossen, ihr guten Leute, kein böser Sozialdemokrat war es, der mit dem Rezept des armen Schulze aus Delitzsch so unbarmherzig umsprang, sondern der sehr gelehrte Herr Dr. Kruse, Kandidat der nationalliberalen Partei im zweiten hannoverschen Wahlkreise(vgl.„Norddeutsches Wochen- blatt" vom 28. März d. I., Korrespondenz aus Wilhelmshaven). Man sieht, wenn es die W a h l d e m a g o g i e mit sich bringt, ver- stehen sich die Herren ganz vortresslich auf die Nationalökonomie. Hinter- her folgt dann natürlich den wuchtigen Worten das Gegentheil von wuchtigen Thaten. Auf den Fußtritt gegen den todten Schulze der Fußsall vor dem lebenden Bismarck. Der König im sozialen Reich ist todt, es lebe der König aller Sozialreformer! Und abermals in einem Dutzend Jahren Woll'n wir desselbigen Weges fahren. — Aus unser« Brnderorganeu. Mit Bezug auf das bevor- stehende österreichische Sozialistengesetz schreibt der Brünner „Volkssreund" in einem„Einigung" überschriebenen Leitartikel: „Das Sozialistengesetz wird erlassen werden, darüber herrscht kein Zweifel. Mit dieser Thatsache haben wir zu rechnen, wenn wir uns fragen: Was soll nun geschehen? Und die Antwort hierauf ist klar. Zunächst müssen w,r ein'gsein. So einig die bürgerlichen Parteien sich bei Erlassung des Ausnahmegesetzes zeigen, so einig müssen künftighin auch die Arbeiter sein. Das zu erreichen kann nicht schwer sein, und es wird auch erreicht werden. Ist doch das Ziel aller Pro- letarier, aller sozialistischen Parteien das gleiche: die politische und die soziale Freiheit! Und wenn einmal das Endziel als ein gemeinsames anerkannt wird, dann ergibt sich von selbst daraus die Nothwendigkeit einer gemeinsamen Aktion. Wir wollen nicht„radikal" und nicht„ge- mäßigt" sein, sondern sozialdemokratisch; wir wollen das Interesse des arbeitenden Volkes schützen, wo immer es bedroht wird; wir wollenden Fortschritt und werden daher kämpfen gegen den Liberalismus, der kon- servativ, und gegen den Konservatismus, der reaktionär ist; wir wollen das Klassenbewußtsein der arbeitenden Bevölkerung heben, wir wollen sie über die heutigen Zustände ausklären und auf ihre wahren Interessen aufmerksam machen; wir wollen die Organisation der Arbeiter im Kampfe um das Arbeitsverhältniß, um den Lohn und um die Arbeits- zeit; wir wollen, daß jeder Arbeiter menschenwürdig lebe und daß nicht derjenige hungere, welcher nach A-.beit begehrt; wir wollen endlich eine totale Aenderung jener Wirthschaftsverhältnisse, nach welchen der fleißige ArbeitSmann das geringste und der müßige Rentner das höchste Ein- kommen bezieht. Welcher Arbeiter wollte diesem Programm Punkt für Punkt nicht beistimmen? Wer könnte leugnen, daß eine Einigung auf Grund desselben nicht nur denkbar, sondern sogar nothwendig sei? Ist die Einigkeit erst erzielt, dann kann uns ein Ausnahmegesetz nichts mehr anhaben. Unter der Herrschaft eines solchen ist die deutsche Sozialdemo- kratie herangewachsen, ist groß und mächtig geworden, und empfindet heute das Joch ebensowenig wie der Löwe den Stich einer Mücke.„Wir pfeifen auf das Sozialistengesetz!" rief der verstorbene Bracke höhnend der deutschen Reichstagsmajorität zu. Er konnte das mit Recht sagen, denn kein Gesetz der Welt vermag Ideen zu unterdrücken, die von 500,000 Wählern als die richtigen anerkannt werden. „Die Offiziösen äußern sich vielfach, daß die„bere l-tigten Bestrebungen der Arbeiter" durch das Gesetz nicht berührt werden, nur die sozial- demokratiichen, die Umsturz-Jdeen, die sollen in Acht gethan werden. Für derartige Bemerkungen haben wir nur ein ironisches Lächeln. Die wirklichen„berechtigten Bestrebungen" der Arbeiter, das sind aber die sozialdemokratischen. Jede Maßnahme, die dem Arbeiter nutz- lich ist. findet sich in dem sozialdemokratischen Programm genannt; was nicht genannt ist, wie z. B. katholische Gesellenvereine, Zünstlereien, Spar- und Vorschußoereine u. s. w., kurz die sogenannten„berechtigten Bestrebungen", die sind auch keinen Pfifferling werth."--- Im österreichischen Reichsrath bietet zur Zeit die Budgetdebatte den verschiedenen Parteien Gelegenheit, einander und. je nach ihrer Stellung, auch der Regierung allerhand Schmutz in's Gesicht zu werfen. Jnsbe- sondere sind es die N a t i o n a l i t ä t s p a r t e i e n, die in dieser Bs- ziehung ihre Forsche suchen, und es ist schwer zu sagen, welcher von ihnen man den Preis im pharisäerhaften Schimpfen zuerkennen soll. Alle diese deutschen, tschechischen, slovenischen ic. Abgeordneten klagen über Unterdrückung, und dabei gehören die Herren sammt und sonders selbst der unterdrückenden Klasse an, und streiten sich nur um das Privi- legium der Unterdrückung. Aber je fauler die Sache, um so tönender die Phrase. Alle sprechen im höchsten Pathos, als handle es sich um die heiligsten Menschenrechte, und doch handelt es sich um die schmutzig- sten Sonderinteressen. Erbärmliches Land, erbärmliche Zustände. — Wieder ein Stück sozialer Frage„gelöst". Aus Biele- selb berichten ordnungspurteiliche Blätter: „Arbeiterheim. Auf Anregung des Herrn Pastors v. Bodel- schwingh hat sich hier unter dem Namen„Arbeiterheim" ein Verein ge- bildet, welcher bezweckt, den Arbeitern behülflich zu sein, einen eigenen Herd auf eigener Scholle zu begründen. Derselbe hat bereits in der Verlängerung des Bürgerwegs Hierselbst ein Terrain von zwanzig Mar- gen gekaust und beabsichtigt dort allmälig dreißig Arbeiterhäuser zu er- richten(in diesem Jahre zwölf bis sechszehn). Der Verein glaubt die Wohnungen billiger osseriren zu können, da durch den gemeinsamen An- kauf eines größeren Terrain« das Grundstück für die einzelne Wohnung nicht so theuer wird, und auch die Herstellung gesunder, zweckmäßiger Wohnungen im Großen um ein Viertel billiger als im Einzelnen be- i werkstelligt werden kann. Durch allmälige, nicht drückende Abzahlungen; soll der Bewohner die Aussicht erhalten, in nicht zu langer Zeit voll- ; ständiger Eigenthümer des Hauses zu werden.— Die Wohlthätigkeit soll bei dem Unternehmen nicht mitspielen, es soll damit vielmehr ganz geschäftsmäßig verfahren werden. Wer in ein Haus einzuziehen wünscht, muß wenigstens dieMiethe für ein Jahr voraus- bezahlen: er kann dann alle ferneren Ersparnisse dem Vereine über- geben, der dieselben mit 3'/, pCt. verzinst, bis der Kaufpreis ganz be- zahlt ist, und der Bewohner Eigenthümer wird. Gemeinsame Ausgaben für Beleuchtung, Wasserleitung ic. werden auf den Preis der einzelnen Häuser vertheilt. Es wird zugleich ein Reservefonds von Vj pCt. des Werthes für unvorhergesehene Ausgaben gesammelt. Größere Verluste können nicht entstehen, da der Bewohner, wel- cher ein halbes Jahr mit der Miethe im Rückstände bleibt, die Kündigung erfährt. Eine Klippe, an der ähn- liche Unternehmungen häufig gescheitert sind, ist die Einmischung der Spekulation. Die Bewohner, welche die Häuser billig erworben haben, verkaufen dieselben an Spekulanten, welche dann auf der Stelle große Ardeiterkasernen errichten. Um dieser Gefahr zu entgehen, behält sich der Verein bei jedem einzelnen Hause das Vorkaufsrecht zu einem bestimmten Preise vor.— Der Hauptoerein hat sich bereits über viele Städte unsers Vaterlandes ausgebreitet; seinen Sitz hat er in Bielefeld. Die Vorarbeiten, namentlich die Anfertigung praktischer Baupläne und Miethskontrakte, sind hier für die Lokalvereine unentgeltlich besorgt. Wir wünschen vem Verein, der sich so s ch ö n e Z i e l e vorgesteckt hat, den besten Erfolg." Dieser liebevolle Wunsch ist sehr begreiflich, da die Geschichte erstens nichts kostet, sondern nur einbringt, und zweitens, wenn durchgeführt, lediglich eine Anzahl Arbeiter an die Scholle fesseln und dadurch den Kapitalisten noch willfähriger machen würde als zuvor. Uebrigens glau- ben wir kaum, daß viel Arbeiter auf den Schwindel hineinfallen werden, da die Bedingungen nichts weniger als verführerisch sind, auch von den wenigsten Arbeitern erfüllt werden können. Die Miethe aus ein Jahr vorauszubezahlen, das ist schneller gesagt wie gethan. Herr Pastor Bodelschwingh scheint ein merkwürdiges Talent zu besitzen, sozialistische Karrikaturen zu schaffen. So seine Arbeiterkolonien, so sein „Arbeiterheim".„Zu schaffen" ist vielleicht nicht der richtige Aus- druck, denn im Grunde handelt es sich nur um Kopien englischer Vor- bilder, denen das Schicksal ihrer Originale nicht erspart bleiben wird. — Ein Sozialistenfresser, der das„Theileu" gründlich verstanden, scheint der biedere Gschwindt zu sein, dessen Verhaftung wir bereits gemeldet. Aus Frankenthal schreibt man der„Franks. Zeitung" über diesen Biedermann: „Bezüglich des in Ihrem Blatte bereits mehrfach erwähnten, zur Zeit hier in Untersuchungshaft befindlichen Polizeikommissärs G s ch w i n d t in Ludwigshafen munkelt man Mancherlei, und es sollen ihm noch weit schwerere Dienstvergehen zur Last gelegt werden als die Unterschlagung von Hundesteuergeldern. Die Untersuchung wird natürlich sehr geheim betrieben, aber es ist bemerkenswerth, daß der Stadtrach von Ludwigshasen die mit 3000 Mk. dotirte Polizeikommissar- Stelle ausschreibt, ohne das Resultat der Untersuchung abzuwarten. Wenn es wahr ist, wie man sich erzählt, daß die dem hiesigen Gericht angebotene, aber von der Staatsanwaltschaft rundweg abgelehnte Kaution die Summe von 80,000 Mark betragen h a b e n s o l l, so dürfte der„Fall Gschwindt" wohl zu den interessan- teren" gehören." Ja, das„Gesellschaftsretten" ist keine billige Sache. — Guten Morgen, Herr Fischer! Ais vor einigen Tagen die Abgeordneten Singer, Bebel und Liebknecht in Sachen des Diätenprozesses: Fiskus wider Kräcker zur Zeugnißabgabe vor das Berliner Amtsgericht vorgeladen waren, passirte es dem Gerichts- diener, daß er den schlechtgeschriebenen fremdländischen FiskuS in einen urdeutschen Fischer verwandelte, so daß die Geladenen den Termin verpaßt hätten, wenn sie nicht schließlich noch durch den Namen Kräcker aufmerksam gemacht worden wären. Da der„Fiskus"-Fischer oder Fischer-„Fiskus" bei seinem Diäten- Fischzug kein Glück haben und unzweifelhaft— sei der j u r i sti s ch e Ausgang, welcher er wolle— mit seinen Fischerei-Versuchen erbärmlich abblitzen wird, so rathen wir, das geflügelte Wort:„Guten Morgen, Herr Fischer!» zeitgemäß umzuwandeln und in Zukunft zu sagen: „Guten Morgen, Herr Fiskus I" — Ein Wunder. Nationalservile Blätter erzählen als ganz beson- decs bemerkenswerth, daß der Kaiser an seinem Geburtstage in der Unterhaltung eine„staunenswerthe Kenntniß aller im Vordergrund stehenden politischen Fragen bis in ihre Einzelheiten an den Tag ge- legt" habe. Von dem Manne, der über die Geschicke des deutschen Volkes ent- scheidet, in der That wunderbar. So etwas paffirt sicher nicht alle Tage, sonst würden eS so königstreue Blätter nicht als etwas Außer- ordentliches erwähnen. — Sehr wahr. In seiner, übrigens recht matten Rede zur zweiten Lesung der Schnaps Monopolvorlage sagte Bismarck: s„Die Bestrebungen, die deutsche Einheit herzustellen, im Jahre 1848, sind hauptsächlich durch Mißachtung der Realitäten in Deutschland gescheitert. Dazu gehören die Regierungen und die Dynastien." Ganz unsre Ansicht. — Frankreich. Die Arbeitergruppe im Parlament hat ein Mani- fest erlassen, in welchem sie ihre leitenden Grundsätze und die praktischen Forderungen, für welche sie zunächst zu wirken gedenkt, entwickelt. Die Letztern bewegen sich im Großen und Ganzen auf dem Boden der Ar- beiterschutzgesetzgebung, d. h. derjenigen Reformen, die auf dem Boden der heutigen Gesellschaft bei einigem guten Willen möglich und durch- führbar sind. Daß dieses Programm den Beifall derer nicht finden würde, welche den Weg des gewaltsamen Umsturzes als den allein zum Ziel führenden betrachten, war vorauszusehen, wunderbarerweise ist es aber auch von Leuten ziemlich abfällig b-urtheilt worden, die sich sonst auf ihr„gemäßigtes" Vorgehen etwas zu Gute thun. So haben in Frankreich die Leute vom„Arbeiterverband" unter der Leitung des Herrn Brouffe, der noch vor wenigen Jahren die Aera der Politik des Erreichbaren tpolitigus des possib'ilites) für eröffnet erklärte, was ihm und seinen Freunden den Beinamen Possibilisten eintrug, in gehässigster Weise gegen die Gruppe Stellung genommen. Von prinzipiellen Mei- nungsverschiedenheiten kann gar nicht die Rede sein, da das Programm kein ausschließliches ist, nur persönliche Rivalitäten und Rankünen dürs- ten den Ausschlag gegeben haben, und so hat sich Herr Brouffe aus'« Neue den Dank der Bourgeois vom„Temps" verdient, die nicht wüthend genug auf die„pflichtvergessenen" Abgeordneten Basly, Camölinat k. lospauken können. AlS Dritte im trauten Bunde gesellen sich zu ihnen die Anarchisten, die in ihrem Organ eine Sammlung eröffnet haben zum Ankauf eines Strickes, an dem Camölinat aufgehängt werden soll. Nun, alle diese lleinlichen Machinationen verhindern nicht, daß die durch den Streik von Decazeoille hervorgerufene Bewegung immer größere Wellen schlägt und die sozialistische Agiiation mit jedem Tage neue Fort- schritte macht. Die Sammlung des„Cri du Peuple» für die Berg- arbeiter von Decazeville beläuft sich bereits auf 26,000 Franken. Die Haltung der Streikenden ist Dank der umsichtigen Leitung durch Basly eine vortreffliche, die Niederlage der Direktion, wenn nicht gesichert, so doch wahrscheinlich. Wir folgen verschiedenen aus parteigenössischen Kreisen an uns gerichteten Anregungen und Auf- forderungen, indem wir hiermit den Wunsch aussprechen, daß der Streik von Decazeville seitens der deutschen Arbeiterklasse Unterstützung finden möge. Ueber die Bedeutung dieser Arbeitseinstellung haben wir uns zur Genüge ausgesprochen. Wir wiederholen, daß es sich um einen Klassen- kämpf von ungewöhnlicher Tragweite handelt, und daß der Sieg der Bergleute von Decazeville im Interesse der ge- sammten Arbeiterwelt liegt. Aus unsere internatio- nalen Verpflichtungen brauchen wir unsere deutschen Genossen nicht hinzuweisen; sie haben zur Genüge durch die That bewiesen, daß sie allen ihren Verpflichtungen eingedenk sind. Wenn der Gedanke einer materiellen Unterstützung in diesem Falle noch nicht in weitern Kreisen bei uns Ausdruck gefunden hat, so ist dies einzig und allein dem Um- stände zuzuschreiben, daß die französischen Genossen es versäumt haben, sich direkt an die bekannten Vertreter der deutschen Arbeiter zu wenden, um ihrem Rufe ausdrücklich die r a s ch e st e Wirkung zu sichern. Wer an diesem Versäumniß die Schuld trägt, wissen wir nicht, wir mußten indeß die Thatsache feststellen, deren Kenntniß unsere Genossen allerwärts zu verdoppelter Eile und Energie im Sammeln von Hilfsmitteln anspornen wird. Genug; in Decazeville braucht man Hilfe; die Bergleute von Decaze- ville haben an die Arbeiter aller Länder appellirt; die deutschen Arbeiter werden dem Ruf ihrer französi» schen Brüder ihr Ohr nicht verschließen, dessen sind wir sicher. Man adressire alle Eingänge außerhalb Deutschlands direkt- an die Administration des„Lri du Peuple", 142 Rue Montmartre, in Paris, sonstwie hierher an die bekannten Adressen. „Proletarier aller Länder, oereinigt Euch!"— mit diesem Sammel« und Werberuf glauben wir der gemeinschaftlichen Pflicht- «rfüllung gute Wege enschlossen zu haben. Glück auf für Decazeville! — Italien. Den besten Beweis von dem Fortschreiten der ita« lienischen Arbeiterpartei liefert das Verhalten der Behörden ihr gegenüber. Bisher wahrten sie wenigstens den Schein der Unpartei- lichkeit und ließen die Agitation, soweit sie sich im Rahmen der Gesetze bewegte, unangefochten, neuerdings aber scheint man sich eines Besseren besonnen zu haben und ist zur Taktik der Chikanirung übergegangen. So hat die Mailänder Polizeipräsektur sich bemüssigt gesehen, der dortigen Organisation der Arbeiterpartei die öffentliche Feier ihrer Fahnen- weihe im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung zu untersagen. DaS ganze Programm des Festes wurde gestrichen. Weder die öffent- liche Einweihung der Fahne, noch das Spielen und Singen der Arbeiter- Hymne, noch der offizielle Empfang der als Theilnehmer angemeldeten Vereine, noch der Zug durch die Stadt, noch das öffentliche Bankett fanden Gnade vor den Augen des Präfekten. „Belagerungszustand, als ob es sich um Banditen handle", schreibt das„Fascio Operajo." Unser Bruderorgan sieht in diesem Verfahren eine Kriegserklä- r u n g der herrschenden Bourgeoisie gegen die Arbeiterpartei.„Die Behörde," schreibt es,„hat alle Rücksicht auf Recht, Gesetz und Sitte mit Füßen getreten und durch Drohungen und Einschüchterungen ihre Stärke und Allmacht beweisen wollen." Sie habe der Partei den Handschuh hingeworfen, und wenn ihn diese nicht sofort aufnehme und es auf einen Kampf mit den Schergen der Gewalt ankommen lasse, so deshalb, weil sie vorläufig noch Wichtigeres zu thun habe. Aber„die Zeit des Kampfes wird kommen: die Sache der Arbeiteremanzipation wird durch das Verbot einer Fahnenweihe nicht aufgehalten, es wird der Augenblick des großen Eintretens für die Existenz der Arbeiter kommen, der gewaltige wirthschaftliche Kampf wird uns auf das Schlachtfeld rufen, und dann werden die Söhne der Arbeit mit Herz und Hand bereit sein und den Krieg mit allen seinen Kon- sequenzen. aufnehmen". Bis dahin aber bleibe die Kriegserklärung eine „stupide Großsprecherei der Behörde". Der Artikel, dem wir diese Stellen entnehmen, wurde sofort mit Be- schlag belegt. Aber damit noch nicht genug. Es sollte nunmehr das angesagte Ban- kett als Privatfest stattfinden, aber siehe da, in der letzten Minute schrieb der Leiter des dazu bestimniten Lokals, er müsse seine Zusage zurück- ziehen, nachdem er erfahren, welche scheußliche Ideen die Organisation vertrete. Man sieht, ganz wie im herrlichen deutschen Reich, und wie lange wird es dauern, so hat Italien auch sein Sozialistengesetz. In R o m hat eine großartige Arbeiterdemonstration stattgefunden. Vier Maurer waren bei einem Bau verunglückt, weil die Unternehmer in ihrer Habgier die primitivsten Schutzmaßregeln unterlassen hatten. An dem Begräbniß dieser Opfer der Arbeit, richtiger der A u s b e u- t n n g, betheiligten sich gegen 20, 000 Arbeiter, deren Entrüstung sich in energischen Reden am Grabe der gefallenen Kameraden Luft machte. Korrespondenzen. Eschwege, im März. Auch wir kühlen uns verpflichtet, einmal den Raum unsers Parteiorgans etwas in Anspruch zu nehmen. So unbe- kannt unser Ort in weiteren Parteikreisen auch wohl ist, wenigstens jetzt noch, so darf man doch versichert fein, daß auch in unserm finstern Reste die Morgenröthe der Wahrheit aufgegangen, zum großen Aerger und Mißfallen der hiesigen Ordnungsgesellschaft. Den hiesigen Philister über- kommt natürlich bei jedem Blick in die Strahlen der neuen Sonne ein namen- loses Gruseln, ein ganz gewaltiges Bangen vor der„fürchterlichen" Zu- kunft, jedoch es hilft alles nichts, die bösen Sozialdemokraten haben ihre Flagge aufgehißt, sie halten dem arbeitenden Volke den Spiegel der Er- kenntniß vor, und, o weh I das Schrecklichste ist: das Volk begehrt und will es so. Darum wird jetzt seitens unserer Ordnungsbanditen recht fleißig im Trüben gefischt; jedoch bei jedem Auswurf der Angel nach den verwünschten Hechten quacken alle Frösche, und unsre dienstbeflissenen Ordnungsstützen gehen mißvergnügt und mit leerer Angel heim, jedes- mal fest entschlossen, es künstig besser zu machen. Sind wir da vor nicht langer Zeit mit einem neuen Polizisten be- glückt worden— der Name dieses Edlen ist Grunert, er kam von Remscheid hierher und vielleicht können sich unsere Remscheider Ge- nossen seiner noch erinnern— der gern in Sozialistenfresserei niacht. Er wollte, wie er sich einmal recht begeistert ausdrückte, die verhaßten Sozialdemokraten sammt und sonders aus der Stadt hin- ausfegen, und wenn es bei der Rothwildjagd auf die Einbildung dieses Patrons allein ankäme, so hätte er es auch wohl fertig gebracht. Indessen, Herr Grunert, möchten wir Ihnen empfehlen, Ihre Klugheit und Ihren Scharfsinn auf einem andern Gebiet, wo diese geschätzten Artikel besser gewürdigt werden, zu bethätigen, mit den Sozialisten ist schlecht fertig werden. Ein Bravourstück dieses Grunert sei hier erwähnt. Vor einigen Wochen war ein Gipsfigurenhändler Namens Riemschneider aus Altmorschen in der Nacht in betrunkenem Zustande auf der Wache untergebracht worden, und unser Freund Grunert hatte in der Nacht die Wache. Am frühen Morgen nun entließ er die Nachtwächter, begab sich in die Arrestzelle, fiel mit einem wahren Heldenmuth über den be- trunkenen, im tiefsten Schlafe liegenden Arrestanten her und bearbeitete ihn mit Händen und Füßen. Jedoch einer der Nachtwächter kam zu- fällig(?) zurück, wurde Augenzeuge dieser heroischen That und erzählte den Vorfall auch andern Orts, aber nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit, denn er hatte gleich darauf Bedacht genommen, gegen die Zusicherung einer etwas anständigeren Behandlung, als sie ansäng- lich seitens dieses säubern Wachtkommandanten üblich war, denselben aus dieser Kalamität wieder herauszulügen, das heißt nichts gesehen zu haben. Und wie gedacht, so geschehen: die Nachtwächter beklagen sich nicht mehr über GrunertS Brutalität. Dies sind nur einige Federn des Vogels; eine vollständige Schilderung desselben würde zuviel des kost- baren Raumes unsers Parteiorgans in Anspruch nehmen. Da hätte ich also nur noch zu sagen, den Vogel haben wir an seinen Federn erkannt. Aber solche Staatsretter haben wir hier noch mehr. Da haben wir einen neuen Pfarrer bekommen, der die bösen Sozialdemokraten von der Kanzel herab geißelte, daß es eine wahre Lust war für die frommen Lämmer seiner Gemeinde. Er erzählte unter Andcrm, daß früher den kleinen Kindern gelehrt worden wäre:„Ich bin klein, mein Herzchen ist rein, soll Niemand drin wohnen, als Jesus allein." Aber» Schreck, was beten heute die Kinder der Arbeiter?„Ich bin klein, mein Herz- chen ist rein, soll Niemand drin wohnen, als Lassalle allein." Somit erzählte unser eifrige Herr Pastor seinen frommen Lämmern Dinge, von denen sie nie eine Ahnung hatten, und wir fühlen uns verpflichtet, die- fem Herrn— Both ist sein werther Name— unfern ganz besondern Dank auszusprechen, mit dem Ersuchen, in diesem Sinne noch mehr zu predigen. Es freut uns sehr, wenn die frommen Lämmer des Herrn Pastor auf sein Anregen hin von uns Erklärung über das wahre Wesen der Sozialdemokratie verlangen. Die Räthsel, die der Herr Pastor gibt, lösen wir gern. Unsre Lokalblätter leisten auch sehr Großes in der Staatßretterei. Da wird auf Kommando der Offiziösen ganz gehörig geschweiswedelt, auch im Lügen sind sie unverwüstlich. Allen vorauf marschirt auf die- fem Gebiete der Chefredakteur des hiesigen Kreisblattes, auch ein ehemaliger Psaffenkandidat, d. h. aber durchgefallener— Roßbach ist sein Name. Ihm würdig zur Seite stellt sich seit einiger Zeit der Eigen- thümer der„E s ch w e g e r Z e i t u n g", Herr Sterz. Da hat sich jüngst ein Anhänger der durchaus makelfreien, strengsrommen, hiesigen konservativen Partei in seinem wahren Lichte gezeigt. Derselbe hat sich nicht gescheut, einem hochbetagten Mann, einen der ältesten Arbeiter feines Geschäfts(Sohlledergerberei), erst mit Ohr- feigen von links und rechts zu traktiren, dann, als der Mann stch bückte, um seine bei diesem Akt christlicher Nächstenliebe weggeflogene Mütze wieder aufzunehmen, mit Fußtritten derart gegen den hintern Körper- theil zu bearbeiten, daß der Mann seit der Zeit, es sind so etwa S- 0 Wochen her, schwer krank darnieder liegt, und man allgemein an seinem Aufkommen zweifelt. Dieser Mann hat in dem betr. Geschäft 27 Jahre gearbeitet, und zum Danke dafür bekam er nun vsn diesem rohen, ungeschliffenen Sohne seines Herrn, der, als dieser Arbeiter in das Ge- schüft kam, die Welt mit seinem Erscheinen noch nicht beglückt hatte, 0°*n geschilderte liebevolle Behandlung, die ihm höchst wahrschein- I'ch �och den Tod einbringt. Wäre diese erbärmliche Handlungsweise an einem Thiers ausgeführt worden, hätte sie wohl den T h i e r s ch u tz- zum Handeln veranlaßt, aber es war ja blos einem Men- c n � l>assirt, und noch dazu einem so einfachen, armen Arbeiter, daher hörte man nichts von einem Vorgehen seitens des Gericht«. W'ten sich nun eine Anzahl Arbeiter, meistens Berufsgenossen des Mißhandelten, veranlaßt, ihrer gerechten Entrüstung Busdruck zu geben. Sie Mgxschjeten am 1. März Abends von einer Gastwirthschast aus in corpore nach der Wohnung dieses Unthiers— pardon, wollte sagen Unmenschen, und brachte demsewen so eine Art Katzenmusik. Darauf natursjch große Entrüstung über die— Ruhestörer; es wurden aller- Hand Recherchen angestellt, um den Urheber dieses Krawalls ausfindig zu machen, denn man hätte hierfür gar zu gern die Sozialdemokraten verantwortlich gemacht. Aber— w nns nur gegangen wäre! Nein, Ihr Herren Ordnungshelden, wir verurteilen die betreffenden Arbeiter zwar nicht, wollen Euch aber hiermit sagen, daß sich die Anhänger der Sozial- demokratie mit solchem Firleiam, wie wir den Auftritt bezw. die Katzen- musik nennen wollen, nicht befaflen. Es waren auch, so viel wir wissen, fast ausschließlich Leute, welche sich sonst um ihre soziale Lage leider gar nicht kümmern; der Auftritt war lediglich ein Erzeugniß gerechter Ent- rüstung. Und wie naiv! Man wollte hier Urheber suchen. Wahr- lich, Ihr Herren Ordnungshelden, wäre Euch darum Ernst gewesen, Ihr hättet ihn gefunden in der Person dieses edlen Menschenfreundes. dem der Auftritt galt. Merkwürdigerweise hat sich der Herr Roßbach fEschweger Kreisblatt) über diele Angelegenheit gründlich ausgeschwiegen. Warum hat er denn diesen braven Mann nicht in Schutz genommen, als sich die öffentliche Meinung über ihn so mißliebig äußerte? Er ist doch einer seiner Lieblinge, seiner Pärteigenoflen, deren rechte Hand zu sein er es sich zur besondern Ehre anrechnet. Hats ihm vielleicht an seinen sonst so honigsüßen, salbungsvollen Worten gefehlt? Da müssen wir seinem würdigen Kollegen, Herrn Sterz, dem Inhaber der„Elch- weger Zeitung", ein wohlverdientes Lob zollen. Dieser Ehrenmann that den so arg bedrängten Herrschaften, wohl Dank seiner„Freisinnigkeit", den Gefallen, den stattgehabten Krawall als einen Auswuchs der Sozialdemokratie zu bezeichnen, mit dem Bemerken, daß es Pflicht der Polizei sei, solche Vorkommnisse in der Zukunft zu verhüten. Und nun konnte doch wenigstens die Hochwohllöbliche ihre volle Segel- kraft entfalten. Allen, die sich für die Sozialdemokraten interessiren, sei zum Schluß nur noch gesagt, daß wir unsere Kräfte zu Hestern Zwecken sparen. Wir werden Euch in gegebener Stunde anders dienen, Ihr Herren Ordnungsl— ungerer! Mit einer Katzenmusik dürfte es dann wohl schwerlich abg-than sein, und ein derzeitiger Gerichtshof dürfte dann auch wohl den Begriff Gleichheit vor dem Gesetz besser zu würdigen wissen. Allen gerechtigkeitsliebenden Mitbürgern unserer Stadt rufen wir aber zu: Tretet ein in die Reihen der Kämpfer für Freiheit und Recht, auf daß wir der Stunde der Vergeltung näher rück«-«. Dann wehe allen Tyrannen! DieRothenausdemWerrathal. Hohenstein-Ernstthal(17. sächsischer Wahlkreis), im Januar. Nach längerer Pause gestatten wir uns. dem Parteiorgan Einiges über die hiesigen Verhältnisse zu berichten. Am 12. Dezember vorigen Jahres fand hier im Gasthaus zur Zeche eine Volksversammlung statt, in welcher unser Abgeordneter I. Auer Bericht erstattete über die Thätigkeit der Fraktion im Reichstage. Redner erläuterte in sachlich trefflicher Weise sein Programm, beleuchtete in scharfen Worten die verkrachten Kolonialbestrebungen und zerpflückte unter ungemeiner Heiterkeit der Anwesenden ein geistiges Produkt des erzreaktionären Redakteurs des Hohensteiner Wochenblättchens, das eine Kritik des Arbeiterschutzqesetzes sein sollte. Einer Aufforderung zur Ver- theidigung seines idiotischen Artikels kam der Herr Verfasser natürlich nicht nach— wer schweigt, gibt zu— denn mit offenem Visir zu käm- vfen ist bezahlten Leuten dieses Genres nicht angenehm. Die Versamm- lung war eine gut besuchte, die Haltung eine Respekt einflößende. Jün- ger der heiligen Hermandad waren in Personenzahl nicht weniger als acht vertreten, unter Assistenz Brigadier Frenzels vulgo„Hugo Schenk", welcher mit beutegierigen Augen suchte, wen er verschlinge, im Uebrigen ober jeden Winkes des„v e r s a m m l u n g s l e i t e n d e n" amtshaupt- mannschaftlichen Funktionärs gewärtig. Eine Resolution, welche das volle Einverständniß mit den Ausführungen des Redners bekundete, wurde einstimmig angenommen. Die unvermeidlichen Kosten der Versammlung wurden, da eine offizielle Sammlung stereotyp seitens der Hüter der„ordentlichen Oeffnung" sofort unterdrückt wird, auf ander- weite Art reichlich gedeckt und somit die weise Fürsorge des Herrn Staatsretters, von dem ich nicht die Behauptung aufzustellen wage, daß gegen die Dummheit selbst Götter sich vergeblich bemühen, vereitelt. „Greift nur hinein ins volle Menschenleben, und wo Jhr's packt, da ists interessant." Ja, interessant ist e«, aber leider nicht im edlen Sinne, sondern als trauriges Gegenstück. Zwei Arbeiter-Vampyre, die noblen Herren Gebrüder Säuberlich liefern den Stoff zu einem Genrebild h la Zola, welches den Vorzug hat, wahr zu sein. Zur Charakteristik der Erwähnten sei in erster Linie Folgendes hervorgehoben: Die Herren brauchten zur Ausbeutung respektive Vergrößerung und Jnstallirung einer mechanischen Weberei Fabrikgebäude— besser eine Arbeiter-Schindungs- Anstalt, denn eine solche ist es im wahren Sinne des Wortes. Dem Prinzip entsprechend, welchem olle diese Ordnungshelden und Tugend- bolde huldigen: nur möglichst billig zu bauen, wurde ein schon halb in- solventer Chemnitzer Baumeister hinzugezogen, da die hiesigen Hohen- steiner Bauherren nicht im Stande waren, das projektirte Gebäude für den geforderten Lumpenpreis herzustellen. Gut, Herr L e m p k e, der Chemnitzer Baumeister, führte den Bau aus. Während dieser Zeit nun war L e m p k e dos leuchtende Gestirn am Säuberlich'ichen Himmel. (Natürlich!) Sie besuchten gemeinsam, theilweise mit dem eignen Gespann Lempke's, Sonntags das nah- gelegene Bad und wurden infolge des mit aller Liebenswürdigkeit gepflogenen Verkehrs Duzfreunde.„Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten." So auch hier. Die Krists brach aus, noch ehe der Bau vollendet; die Bauhand- werker Hohensteins, welche sür Rechnung Lempke's geliefert, fielen hin- ein, die Herren Säuberlich(eigentlich Schmutzerlich) aber hatten ein billiges Fabrikgebäude, und der erst so intime Freund und Vertraute wurde durch eigenen erhabenen Ausspruch Schmutzerlich' s zum Lump degradirt. In Bezug auf Arbeiter- Ausbeutung belieben die Herren nach dem Satz? zu handeln:„Was gemacht werden kann, wird gemacht" zur höhern Ehre des herrschenden Truasystems. In strenger Kälte bei mäßig ge- heizten Fabrikräumen(die Heizungs-Anlagen gehen nur„zum Staat" durch die Räume, die Meisten können vor Kälte kaum arbeiten) arbeitet man da von Morgens 0 bis Abends 7 Uhr für den Hungerlohn von 3 bis 6 Mark proWoche. Aber so sind diese Repräsentanten der heutigen noblen Gesellschaft. Die Arbeiter, dasjenige Element, welchem doch zum großen Theil diese Leute ihr Vermögen mit zu verdanken haben, mögen zu Grunde gehen, menschliches Mitgefühl ist hier zur leeren Phrase geworden zu Gunsten und Vortheil des unersättlichen Geldbeutels. Noch sei erwähnt, daß?he stch diese Fanatiker des Geldbeutels als politische Größen auszuspielen belieben, sie doch die Gewogenheit haben möchten, sich um das eigene geschäftliche Ressort bester zu kümmern, damit Unterschlagungen in einem, mit so großer „kaufmännischer Weisheit" geführten Geschäfte zur Unmöglichkeit gemacht werden. Leider haben wir noch die traurige Pflicht zu erfüllen, über das Ab- leben eines unserer besten Genossen und unerschrockenen Mitkämpfers, des Webers Wilhelm Müller, Mittheilung zu machen. Derselbe ist im Alter von 35 Jahren der Proletarierkrankheit erlegen. Bei sein« Beerdigung, an welcher sich eine ziemliche Anzahl Genoffen betheiligten, zeichnete sich der Seelenretter Zimmermann, ein Mensch mit aristo- kratischen Manieren und Streber vom reinsten Wasser, welcher jeden- falls durch Intervention des alten Vaters das Begräbniß„Eia popeia" zelebrirte, als Mensch und Christ aus. Derselbe suchte die Genossen, die mit r o t h e n Abzeichen sowie mit zwei prachtvollen Kränzen, mit r o t h e r Schleife und sinnreicher Inschrift versehen, oberhalb des Grabes Aufstellung genommen, durch Redensarten zu provoziren, scheiterte ab« damit an der Kaltblütigkeit der Genossen. Man weiß ja zu gut, daß die geringste Aeußerung gegen einen dieser Seelsorger im Ornate, unter den jetzigen reaktionären Verhältnissen, zu den schwersten Verfolgungen benutzt würde. Beim Fortgehen erlaubte sich dieser„göttlich- Kobold" noch, einem der Genossen unter thätlichem Angriff zu bemerken, er solle beim Beiwohnen eines Begräbnisses sich seines rothen Shawltuchei künftig entledigen. An Farbenblindheit scheint also dieser biedere Seel- sorger nicht zu leiden. Ob er sich eine etwaige Himmelfahrt fromm« Seelen unter bengalischer Beleuchtung von nur blauen Dünsten vorstellt? Wie es in dem Hirn eines solchen mit dogmatisch-theologisch« Fachwissenschaft ausstaffirten Schädels wohl aussehen mag? Müller hinterläßt eine Frau mit vier Kindern. Ehre seinem Andenken! Nachträglich ersuchen wir die Genossen, sich vor einem Fritz Müller in Acht zu nehmen, sowie vor dem Buchbinder Hüttenrauch Selbige stehen im Dienste der Polizei. Beide find aus Hohenstein. Ein vorurtheilsloser„Reich streu er". Danksagung. Für die freundlichen Glückwünsche und sinnvollen Andenken, welch« mir von Nah und Fern viele Genossen auf meinen 78. Geburtstag! (19. März) gewidmet, sage ich hiermit meinen herzlichsten Dank. Genf, Ende März 1880. I o h. PH. B e ck e r. j Brieftasten der Redaktion: St. in Davos-Platz: Ihre interessante Zu- schrift kommt mit einigen Kürzungen in nächster Nummer zum Abdruck. E. Gennert in Aarau: Der Bericht ist eine Zusammenstellung des Inhalts der„Narodnaja Wolja", der auch die von Ihnen bemän- gelte Stelle entnommen ist. Möglicherweise liegt ein Uebersetzungsfehl« vor, und handelt es sich nicht um zur Ausführung gelangte Brände, sondern um Brandstiftungen.— Einsendungen eingetroffen aus Lon> don, Elbing, Leipzig. und und K. der Expedition: A. Lgr. Fkbg.: Mk. 440 Ab. 2. Qu. und 0» Pf. pr. Afds. dkd. erh. Weiteres besorgt.— Waldemar D.: Mk. 02 20 ä Cto. Ab. ic. erh. H. besorgt. Bstllg. folgt.— Fuchs: Mk. 200— i Cto. Ab. w. erh. Verl. sc. notirt.. Weiteres abgegeben u. besorgt.— Frtschy. Caltowie: Fr. 8— pr. Dfd. d. Vbchdlg. dkd. erh.— D. rothen Calenberger: Mk. 30— ä Cto Ab. sc. gutgebr. Adr. u. Bstllg. notirt. Bfl. Weiteres.— Brille: öwfl. 4 40 Ab. 4. Qu. S. u. U. erh.«0 kr. nach Wunsch gutgebr.— Chicago N. Fr. Pr.: Fr. 5— Ab. 2. u. 3. Qu. erh.— S. G. Mg.: Mk. 5— Ab. 2. Qu. erh. 60 Pf. gutgebr. pr. 8.— A. K. N.-A.: Mk. 6— Ab. 2. u. 3. Qu. erh. Adr. notirt. — Deutsch.-Dem. Verein Chauxdefonds: Fr. 8— pr. Ufds. dkd. erh. — Spengler-Fachverein Zürich: Fr. 2— Ab. 2. Qu. erh.— Chr. B- C. a. S.: Mk. 19— ä Cto. erh. Bf. erw.— Claudus: Mk. ä Cto Ab. sc. erh.— Babeuf: 80 kr. Rest pr. Ab. 2. Qu. erh. Adr. geord». - H. 33.: Mk. 8 80 Ab. 2. Qu. L. u. B. u. Mk. 2— pr. Dfv. dkd. erh.- E. G. Rvw.: Mk. 5- Ab. 2. Qu. erh.— H. P. Hh.: Ml- 4 40 Ab. 4. Qu. erh.— A. D. Dhst.: Mk. 17 95 Ab. 1. Qu. sc. Schft. erh. Bestellung flgt.— Aussauger Heinz: Mk. 0— Ab. 3. 4. Qu. u. Mk. 4— pr. Afd. dkd. erh. Weiteres vorgem.— Lidge: Fr. 3 75 f. Schft. erh.— Temesvar: öwfl. 1 70 erhalten. Gewünschtes folgt.- E. Sch. A. B-G.: Mk. 4 40 Ab. 2. Qu. erh. Adr. geordn.— Ahlemann: Mk. 7 92 ä Cto gutgebr. Bstllg. und Adr. not. Bfl. Weiteres.— G. W. Dg.: Mk. 4 40 Ab. 2. Qu. erh. Adr. geordn. — Ad. Gnauck, Rosario Oriental: Fr. 2 50 Ab. 2. Qu. erb. Also wurd» Ihnen ab 47 Alles gestohlen. Ab hier wurde wöchentlich Alles prompt expedirt. Ersatz folgt eingeschrieben.— Paul Sp.: Mk. 3— Ab. 2. Qu- B. erh. Adr. geordnet. A. H. haben wir nicht. Bstllg. folgt.— Dr. Clemm: Mk. 4 40 Ab. 2. Qu. u. Mk. 1 30 f. Schft. erh. Adr. einge- renkt. Weiteres folgt.— M. G. Bern: Fr. 2— Ab. 2. Qu. erh.— W. Gfbg. Bkst.: Fr. 3 50 f. Schft. erh. Sdg. abg.— Mönus: Mk. 35 Ab. 1. Qu. u. Schft. erh. Bfl. Weiteres- Sauhirt: Mk. 27 40 Ab. 4. Qu. erh. Weiteres i. S. B. bfl. Bstllg. notirt.— Oncel: Mk. 11 80 Ab. pr. Ende Juni erh. Bstllg. folgt.— Schiffchen: Mk. 38— per Ab. 2. Qu. sc. erh. Noch 00 Pfennige einschließlich Porto.— Elbg.: Mk. 4— Ab. 2. Qu. u. Schft. erh. Weiteres besorgt.— W. E. Char- lestown: Fr. 1012 Ab. 2. Qu. und Schr. erh. und hiervon Fr. 3 95 pr. Ufd. dkd. verw.— B. L. Lp.: Mk. 3— Ab. 2. Qu. erh. (Fortsetzung in Nr. IS.) Ausforderung. Der Klempner Robert Morgen wird höflichst ersucht, Erbschaftsregulirung seine Adresse an mich gelangen zu lassen. Robert Bufe, Cottbus. behufS Ein Parteigenosse(strebsamer und solider Kaufmann mit Prim a< Referenzen) wünscht bei mäßiger Anzahlung von einem Genossen ei» kleines rentables Zigarrengeschäft z« übernehmen. Anerbietungen nimmt die Exped. des„Sozialdem." entgegen. fMk.— 80j In unterzeichnetem Verlag ist erschienen und durch die Volksbuch« Handlung und Expedition des„Sozialdemokrat" in Hottingen« Zürich zu beziehen: Die Verhandlungen der II. Kammer deS sächsischen Landtages über den Antrag der sozialdemokra- tischen Abgeordneten auf Aufhebung des Schulgeld« und u n e n tg e l t li ch e G e w äh r u n g der Lehrmittel in den Volksschulen.(Sitzung vom 3. Januar 1886.) Nach den offiziellen stenographischen Berichten. 4 Bogen(04 S.) stark Preis: 20 Pf.-- 25 CtS. Kolporteuren und Wiederverkäufern Rabatt! Schoenfeldt& Harnisch. Buchdruckerei und Verlags gefchäft, Dresden, Annenstr. 47. Unser» Abonnenten in der Schweiz zur gef. Kenntniß, daß wir diejenigen bisherigen Abonnenten, welche die Annahme unseres Blattes seit Beginn dieses Quartals nicht ablehnten, auch für daS laufende Quartal als Abonnenten vortragen und Nachnahme sofort nach Ausgabe von Nr. 14 erheben werden, sofern die betreffenden Abonnementsbeträge nicht schon eingesandt wurden. eqwtiznisch« Genoffenschastl-Buliidruckeret vottingen-ZIrta. MI fl. 8t. D *