Abonnements tottbtn bei allen schweilerischen Postburean;, sowie beim Verlag unb besten belannien Agenten . entgegengenommen, unb zwar zum voraus zahlbare« BierteljahrSpreiS von: � Kr. 2,— sürbieSchweizsitreuzbanb) 'n Ml. 3,- sllr Teutschlanb(Couverts st. 1,70 sllr Oesterreich(Couvert) - Kr. 2,S0 sllr alle llbrigen Llnber bei Weltpostvereins(ltreuzbaubs Der oMemckrat Erscheint Juserate bie breigespaltene Petitzeile 25 Cts.= 20 Psg. Jentrat-Krgan der deutschen Sozialdemokratie. wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Mertag ber Volksbuchhandlung Hottinge»-Zürich. Noüstlldllllgtll sranlo gegen franko. Gewbhnliche Briefe nach ber Schweiz losten Doppelporto. t JV. 24. >-—_ Briefe au die Siedaktion und Erpedition deS in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sozialdemokrat' wolle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lasten. In der Regel schicke man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadresten. In zweifelhaften Fällen eingeschrieben. 10. Juni 1886. * Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten Z und Gemaßregelten nicht! 4 im tu rh- l/J ch-- 13. og-i ,i\ lil lN!! Sl> vi« tl. ei> irb. ««■ itt- rg- .00 dr- an icht irt. reil ltf Äfl. ;tM h- ilch tet, R- 's» rb( ml Sit HM >0) im iff' iok »e« ■eo Aus Amerika. Die Zeitungen, welche uns von drüben zugehen, bestätigen durchgängig das, was wir in unseren frühern Nummern über die Achtstundenbewcgnng und den Charakter der Chi- cagoer und Milwaukee'er Ereignisse geschrieben. Nur in einer Hinsicht haben wir uns zu berichtigen, und wir thun es wit großem Vergnügen. So rasend toll sich die gesammte kapitalistische Presse Ame- rikas geberdet, so unverschämt brutal sich die Polizei vielfach benimmt, so hat sich doch die organisirte Arbeiterschaft, ein- ielne wenige Ausnahmen abgerechnet, dadurch nicht irremachen lassen, sondern den begonnenen Kampf muthig und entschlossen weitergeführt und, so auch nach dem 6. Mai, noch gute Erfolge srrungen. Selbst in Chuago, wo eine Art weißer Schrecken inszenirt worden war, haben beispielsweise nicht nur die Möbelschreiner ihren Streik siegreich durchgefochten, sondern auch die Schneider haben einen Generalausschtuß, den die Meister in dem Glauben arrangirt, jetzt werden die Arbeiter furchtsam zu Kreuze kriechen, glänzend abgeschlagen. Die„Central Labor Union"(Zentral-Arbeiter-Bund) von Chicago beschloß, laut„Newyorker Volkszeitung", in ihrer Sitzung vom 9. Mai, an Stelle der unterdrückten„Arbeiter- Zeitung" ein neues Blatt als Organ der Arbeiter herauszu- geben. Ferner nahm die Union, heißt es weiter,„Beschlüsse an, in denen erklärt wird, die große Achtstundenbewegung sei burch das Werfen der Bombe in keiner Weise geschädigt wor- den, auch habe die Bombe Niemand verletzt, als die Polizisten, bie natürlichen Feinde der Arbeiter." Aus dieser Sprache geht hervor, daß, was immer die Bourgeoispresse geschrieben, gerade in den intelligenteren Ar- beiterkreisen die Erbitterung gegen die Raufbolde der Polizei überaus heftig gewesen ist. Die Chicagoer Polizei nimmt noch fortgesetzt Verhaftungen »an Anarchisten oder von als solchen Verdächtigten vor, denn bie Denunziationen blühen natürlich drüben jetzt ebenso wie Anderwärts, wo die Polizei die erste Rolle spielt. Das Be- Weismaterial scheint dagegen in umgekehrtem Verhältniß zur Zahl der Verhaftungen zu stehen. Die in Untersuchungshaft befindlichen Gefangenen dürfen von ihren Bekannten keinerlei Gesuche empfangen, dafür werden sie aber fast täglich von neu- Aierigez, Zeitungsschreibern, denen die Polizei willig Zutritt gewährt, ausgefragt(„interviewt", wie der Kunstausdruck lautet). Ueber das Datum der Prozeßverhandlung ist noch nichts bekannt. Die Untersuchungsbehörden bewahren über das Er- Üfbniß ihrer Nachforschungen das tiefste Geheimniß, was aber wcht verhindert, daß die Zeitungen ihre Leser aufs Genaueste Uber den Stand derselben orientiren. � Beben den Chicagoer Behörden haben sich insbesondere die �Hörden von Milwaukee, Cincinnati, Davcnport:c. durch �stalx Willkür ausgezeichnet. - Den Ausgang des Prozesses Most werden die Leser bereits urch die Tagespresse erfahren haben. Most wurde wegen uuer Rede, die er am 23. April im Germania-Garten zu sswyork gehalten und in der er zur Bewaffnung, Ausrüstung •wt Dynamit k. aufgefordert hatte und damit zu Gewaltthä- Weiten aufgefordert haben soll, zum Maximum des Strafe: . Jahr Strafgefängniß und 500 Dollars Geldbuße oder für * Mi Dollar einen weiteren Tag Strafgefängniß verurtheilt. �ine� Mitangeklagten, der Schreiner Braunschweig und er Schriftsetzer Schenk, welch' letzterm die Geschworenen � Milde des Gerichtshofes empfahlen, wurden jeder zu neun kvnaten Strafgefängniß, Braunschweig außerdem zu 250 Doll. Abbüße verurtheilt.*) t» Bach einem ausführlichen Kabeltelegramm apostrophirte der .schier Smyth bei der Verkündigung des UrtheilS Most lt folgenden Worten: bedaure aufrichtig, daß das Gesetz mir nicht erlaubt, Ihnen eine Q'"- Strafe zuzudiktiren, als ich jetzt im Begriff- stehe, zu thun. Sie bnt�.ßerathen zu Mord, Brandstiftung und Vergiftung und haben vor sjlfchenden Ausländern Reden gehalten, in denen Sie denselben an- «in>u Mord und Brandstiftung Zuflucht zu nehmen. Sie haben " Buch veröffentlicht, in dem Sie die weiblichen Dienstboten lehren, � Man Gifte bereitet, um die Mitglieder der Familien, in denen sie sJsMi, zu ermorden. Auf der ganzen Erde gibt es keinen vollendeteren Jwrken als Sie. Es ist unnöthig, Worte an einen solchen Menschen iW• 6 iu verschwenden. Das Uttheil des Gerichts ist, daß Sie ein Zv»'m Zuchthaus eingesperrt werden, daß Sie eine Strafe von S00 Iw-, Zahlen und in Haft bleiben, bis die Strafe abbezahlt ist, und die weitere Haft nicht mehr als einen Tag für jeden Dollar '�duße betragen." heißt es alsdann, umklammerte daS Gitter vor der Anklage- tx'1 feine Augen rollten und sein Gesicht färbte sich vor Zorn. Als Vb das Gefängniß abgeführt wurde, rief er in deutscher Sprache aus: � das nennt sich Gerechtigkeit!" ' schenk hatte der betreffenden Versammlung präsidirt, Braunschweig eiselben ebenfalls zur Bewaffnung aufgefordert. Wie immer man über den Wortführer des Anarchismus denken mag, und wir sind gewiß vor dem Verdacht geschützt, für ihn irgendwie zu schwärmen, so muß doch Jeder, der den Prozeß aufmerksam verfolgt, den zitirten Ausruf Most's als nicht unberechtigt anerkennen. DaS war keine Gerechtigkeit,, die aus dem Richter sprach, das war krasse Partei- und Klassenjustiz! Erstens durfte, wenn die elementarsten Grundsätze der Ge- rechtigkeit beobachtet worden wären,„Recorder" Smyth überhaupt nicht in diesem Prozeß als Richter fungiren. Er, der schon beim Prozeß Willmund augekündigt hatte, daß er jeden Anarchisten, der ihm unter die Finger kommen würde, verurtheilen werde, und den Most dafür aufs Heftigste ange- griffen hatte, war am wenigsten dazu geeignet, ein unpar- teiisches Urtheil zu fällen. Dann aber stand Most nicht wegen dessen, was er früher und anderswo geschrieben und gesprochen, sondern wegen einer ganz bestimmten Rede vor Gericht und durfte auch nur insoweit verurtheilt werden, als diese Rede ein Bergehen oder ein Verbrechen in sich schloß. Statt dessen motivirt der Richter die Höhe des Strafmaßes damit, was Most bei anderen Gelegenheiten gethan. Und wenn sein allge- meines Urtheil über Most noch so berechtigt wäre, kann es die Begründung des speziellen Urtheils keineswegs ersetzen. Und schließlich ist die Ansehung der Geldstrafe, mit dem Zusatz, daß schon für jeden Dollar die Haft um einen Tag verlängert werden soll, wo fast jeder Arbeiter in Newhork mehr als 2 Dollars pro Tag verdient, nichts als ein offen- kundiger Kniff, das Gesetz, das eine Maximalstrafe festgesetzt, zu umgehen. Dadurch allein schon erweist sich der Prozeß als ein Tendenzprozeß, als das Gegentheil der Ge- rechtigkeit. Der Richter, der als Vertreter der organisirten Gesellschaft Recht sprechen soll, Hot Handlungen zu beurtheilen, nichts weiter. Gesinnungen, und mögen sie ihm noch so unsympathisch sein, gehen ihn nichts au. Will er mit diesen abrechnen, so ziehe er seinen Richterrock aus. Gerade dadurcki hat. die orgau'sirte Gesellschaft ihre Berech- tiguug zu erweisen, daß sie auch dem letzten Verbrecher gegen- über streng nach den Gesetzen verfährt. Thut sie oder thun ihre Vertreter das nicht, so proklamiren sie gerade das, was Richter Smyth ausrotten wollte: die Anarchie.-- Wenden wir uns nunmehr wieder zur allgemeinen Arbeiter- Bewegung. In den großartigen Lohnkämpfen der letzten Monate treten uns im Wesentlichen zwei Arten von Organisationen entgegen: Die(nationalen und internationalen) Gewerkschaften und die„Ritter der Arbeit." Der Zahl ihrer Anhänger nach ist die letztere Organisation die stärkere, aber, infolge der Ber- schwommenheit ihres Programms, im Kampf selbst die schwä- chere. Während die Gewerkschaften, allerdings unter dem Einfluß der sozialistischen Agitation, ein festes Ziel in's Auge gefaßt haben und entschlossenen Schrittes unbeirrt auf das- selbe losmarschircn, schwanken die„Ritter der Arbeit" bestän- dig hin und her, lassen sie sich, in der Person ihres„Groß- Meisters" Powderley, von dem geriebenen Börsengauner Jay Gould an der Nase herumführen, versichern sie, als die Anarchistenhetz losgeht, sofort, daß sie weder mit Anar- chisten, noch mit Kommunisten, noch mit Sozialisten etwas zu thun habe» und die rothe Fahne verabscheuen, und kriegen doch, wo sie Streiks auszukämpfen haben, von den Polizisten die schönsten Prügel. Nicht die„Ritter der Arbeit", die Gewerkschaften haben in der Achtstundenbewegung die größten Erfolge erzielt. Davon die bestorganisirten fast ohne jeden Kampf. So stark hat sich drüben die Gewerkschaftsbewegung entwickelt, daß wir in den Reihen derselben Branchen vertreten sehen, die im alten Europa entweder fast gar nicht zu organisiren sind oder sich von der eigentlichen Arbeiterbewegung aristokratisch fernhalten: Bäcker, Fleischer, Kellner zc. auf der einen, Musiker, Bildhauer, Architekten-Gehülfen, chirurgische Jnstrumentenmacher, Lehrer, Schauspieler:c. auf der andern Seite. Die Zahl der Arbeiter, die verkürzte Arbeitszeit durchgesetzt haben, dürste sich im Ganzen auf 250,000 belaufen. Nicht alle, aber die Mehrzahl derselben arbeiten jetzt nur noch acht Stunden pro Tag. Was das heißen will, wird Einem erst recht klar, wenn man die genaue Eintheilung der Arbeitsstunden.liest, z. B.: „Die Möbelarbeiter der Firma Smith& Sons arbeiten von Montag ab von 7'/, Uhr Morgens bis 4'/, Uhr Nachmit- tagS, bei einer Stunde Mittagszeit." Um 7,5 Uhr Abends frei für Familie, Studium, Vergnügen— da bckottNnt man doch einen Begriff, was leben heißt! Ob die Arbeiter diese Errungenschaft werden aufrechterhalten können, ist eine andere Frage. Es ist schließlich immerhin nur eine Minderheit, die sie durchzusetzen vermochte, und in ihrer Kurzsichtigkeit und Profitwuth werden die kapitalistischen Aus- beuter den ersten günstigen Augenblick schon zu benutzen suchen, die betreffenden Organisationen zu sprengen und die„Freiheit der Arbeit" wiederherzustellen. Jndeß, selbst wenn sie dabei von Erfolg gekrönt sein sollten, so würden sie schon Mühe genug haben, das Verhältniß, wie es bis jetzt bestand, wieder- herzustellen, und so hätte die heutige Bewegung mindestens den Vortheil, einer weiteren Entnervung der Arbeiterklasse auf lange Zeit kräftigst entgegengewirkt zu haben. Und das ist kein geringer Bortheil. Es wird auch drüben die Zeit nicht ausbleiben, wo die Chancen für Erfolge auf dem Gebiete des gewerkschaftlichen Kampfes immer geringere werden, wo selbst die bessergestellten Arbeiter in die Defensive gedrängt werden, wo es heißen wird: Alles oder nichts, die volle Emanzipation oder Sklaverei. Da ist es von unendlichem Vortheil, wenn die Arbeiterklasse über eine kräftige Avantgarde gebietet, die dem Gros vorangeht im Kampf für die politische Macht, diesen gewaltigen Hebel der endgiltigen sozialen Befreiung Aller. Ermittlungen über die Lage der arbeitenden Klassen und über die Arbeit der Kinder in Belgien. (Eine Ferien-Studie von I. K.) II. Man begreift— setzt die Enquete-Kommiffion diesem Bericht hinzu— was für Gattinen und Mütter in solch' trauriger Schule gebildet wer- den muffen, und man kann sich nicht wundern, daß die Handelskammer von Möns darauf besteht, daß Frauen und Mädchen von der Gruben« arbeit entfernt werden. In dem Handelskammerberichte von C h a r l e r o i heißt es:„Alle Berichte stimmen bezüglich der Demoralisation überein, welche die Be« schäftigung von Frauen und Mädchen mit sich bringt. Die Arbeiterinen führen gern indezente Reden und haben nicht immer weibliches Scham- gefühl. Eine große Anzahl von ihnen wird Mutter und schwanger, ehe sie heirathet." Im Jahre 1843 waren im Bergbezirk Hennegau 30,000 Berg- arbeiter beschäftigt, wovon 24,300 unter und 5700 über Tage, darunter weibliche 4300, davon unter Tage 2700. Von den 30,000 Arbeitern konnten 20,00« weder lesen noch schreiben, obgleich 6000 der- selben unter 16 Jahren alt waren! Im ersten Kreise dieses Bezirkes bezifferte sich die Arbeiterzahl auf 22,157; 17,837 waren unter Tage beschäftigt. An diesen Ziffern waren 2212 erwachsene und 1174 noch nicht 16 Jahre alte Frauenspersonen betheiligt, wovon 611 unter Tage beschästigt wurden. Im stärksten Bergrevier(Borinage) herrschte mehr Geschlechtsstttlichkeit unter den Arbeitern, als unter denen der Fabrik- Industrie, trotz der großen Zahl der unter Tage beschäftigten Frauen (1731 von 19,642 Arbeitern überhaupt), indem„ihre Arbeit, anhaltend und ermüdend, ihrer Einbildungskraft nicht so viel Freiheit läßt, wie bei den übrigen Arbeiterinen, deren Beschäftigung weniger Aufmerksam- keit verlangt. Indessen sei es vom Standpunkt der Sittlichkeit und für das Wohl der künstigen weiblichen Generation rathsam, die Frauenarbeit gänzlich zu verbieten." Ein solches Verbot möge auf den ersten Blick Schwierigkeiten in der Ausführung bereiten; doch bei genauer Prüfung verhalte es sich nicht so. Die Zahl der Weiber lasse sich leicht ersetzen durch Männer, da mit Arbeitsbüchern versehene Bergleute mehr vorhanden als beschäftigt seien. Die Beschäftigung der Frauen konzentrire sich auf verhältnißmäßig wenig Familien und lasse ebensoviel in Dürftigkeit, während ihre Aus- schließung von der Grubenarbeit eine ihrer Zahl nach gleichkommende Anzahl von Männern und jungen Leuten, die gegenwärtig feierten, und deren Familien im Elend säßen, zu Erwerb bringen würde. So würden gewisse Familien weniger gewinnen, aber andere, die nichts gewinnen, würden aus ihrer Roth befreit werden.„Wäre die Verbotsmaßregel eingeführt, so wäre sie leicht aufrecht zu erhalten, und das hätte außer dem Vortheil, der Sittenverderbniß, einer nothwendigen Folge der ge- meinschaftlichen Männer- und Weiberarbeit unter Tage, Einhalt zu thun, noch den Nutzen, dem üblen Einfluß dieser Arbeit auf die schwächste Hälfte der Arbeiterbevölkerung des Kreises ein Ziel zu setzen. Man müsse wohl beachten, daß, wenn die angestrengte Grubenarbeit die Gesundheit und selbst die ganze Lebenskonstitution des Einzelnen angreife, die Fol- gen dieser Anstrengung mehr, als man glauben möchte, sich an der ganzen Generation rächten." „Im Interesse der Sittlichkeit und der künftigen Generationen" wurde auch in anderen belgischen Grubenbezirken die Ausschließung der weiblichen Arbeiter von der Grubenarbeit unter Tage verlangt. Auch die Medizinalkommission vom Hennegau berichtete schon zu jener Zeit Folgendes: „Unter 16,000 Grubenarbeitern unter Tage zählte man 2800 weibliche im Alter von 12 bis 40 Jahren, in der Regel unverheirathet, obgleich oft schon Mütter. Menstruations-Stockung, wie sie unter diesen Frauen gewöhnlich ist, vermehrt die Krankheiten, denen sie durch ihre Berufs- arbeit ausgesetzt sind. Die Entsittlichung und das Aergernitz, wozu die Beschäftigung der Mädchen in den Kohlengruben unter Tage Anlaß gibt, sind unsäglich, wenigstens in gewissen Gegenden des Bezirks Borinage. — Im Interesse der Moral, im Interesse dieser Unglücklichen selbst, so- wie der Kinder, deren Mutter sie sind oder werden, ist die Einfahrt von Frauenspersonen in die Kohlengruben unbedingt zu verbieten. ES ist dies ein schmachvoller und unter keinen Umständen zu rechtfer- tigender Mißbrauch." In dem Bericht vom Jahre 1868, gerichtet an die medizinische Aka- demie zu Brüssel, wird die Zahl der in Belgien zur Kohlenförderung verwendeten Arbeiter auf 86,721 angegeben, darunter 12,524 Frauen und Mädchen, wovon 9122 unter Tage beschäftigt wurden. Die Dauer der Schicht wechselt zwischen 8 und 12 Stunden. Die Schicht beginnt um 4, 5 und 6 Uhr des Morgens. Den Tagarbeitern folgen sofort die Nachtarbeiter. In dem Bericht von 1843 läßt sich die Handelskammer von Char- l e r o i wie folgt vernehmen: „Die so p-invollen Arbeiten der Gruben veranlassen eine sehr un« gleichmäßige Entwicklung der verschiedenen Körpertheile, die Vorzugs- weise angestrengten Organe erlangen eine übermäßige Entwicklung, die übrigen bleiben schwach und verkrüppelt. Brust und Schultern stärken sich auf Kosten der Beine; Verbiegungen der Wirbelsäule stellen sich ein; die Leibesgröß; bleibt unter dem Maße außerhalb der Gruben. DaS letztere Uebel zeigt sich nur in den Gruben mit zu niedrigen Gale- rien, wo sich der Arbeiter beständig gekrümmt halten muß. Die Arbeit uuter Tage wirkt auf die ganze Konstitution; oft werden die Glieder gelähmt. In einem Alter, wo sie bei anderem Gewerbe noch arbeiiS- fähig geblieben wären, verlieren die Arbeiter die Muskelkraft und werden inva lide. Diese Arbeit ist für sie die Quelle von Leiden und oft tödtlichen Krankheiten, zu denen sie den Keim in ihrer Jugend gelegt, von Krankheiten, die sich langsam verschlimmern, im Alter von 30 und 40 Jahren einen schlimmen Charakter annehmen und gewöhnlich im Alter von 50 Jahren den Tod nach sich ziehen. Eine traurige Folge der Grubenarbeit ist auch die außerordentliche Verspätung der Geschlechtsreife. Die Arbeit der Kinder in den Kohlengruben hemmt ihr Wachsthum, verlängert somit das Kindesalter, kürzt wiederum das Mannesalter ab, indem sie vom Jüng- lingsalter ab ernstliche Erkrankung, Schwächung der Konstitution, Er- schöpfung der Lebenskraft bewirkt. Viele Grubenarbeiter sind mit 40 Jahren Greise und sterben weit früher als andere Arbeiter. Die Grubenarbeit an sich ist nicht zu verwerfen und zu verdammen, wohl aber die Art und Weise ihrer Uebung, der Mangel der nöthigen Fürsorge der Gruben- besttzer, die unsittliche Mischung beider Geschlechter. Es sind dies Ar- betten, welche die Kraft des Kindes übersteigen, sein Wachsthum ver- hindern, seinen Körper verunstalten, seine Gesundheit ruiniren, selbst seine Geisteskräfte schwächen." Aber die Handelskammer schließt sich dem Verbot der Grubenarbeit der Frauen keineswegs an! Das würde nach ihrer Ansicht eine Steige- rung der Arbeitslöhne und folglich eine Erhöhung der Produktenpreise bewirken. Ueber diese Erwägung kommt aber ihre Philanthropie nicht hinweg I Bei den Frauen, die in Gruben arbeiten, kommt, wie die 1868er Kommission berichtet, auf 6 Geburten eine Schwergeburt, bei anderen Frauen erst eine auf zwanzig. JmVerhältniß hierzustehen die Todt- geburten. Entbindungen nach ö oder 6 Monaten sind gewöhnlich, die Kinder sterben früh ab, noch im Mutterleibe. Das ist auch bei den Arbeiterinnen über Tage der Fall, fast nie bei den wirklichen Haus- frauen.„Mißbildungen des Beckens, äußerst häufig bei den Gruben- mädchen, sind Folgen von Rachitismus(englischer Krankheit) in der Kindheit, aber häufiger, je nachdem sie in zu frühem Alter in die Grube gefahren." Dieses Kapitel wird in dem Bericht noch weiter ausgeführt, der uns ein wahrhast entsetzenerregendes Bild gibt von den Leiden, welche die armen Grubenarbeiterinnen im Kindbett durchmachen. Folgen wir nun der Frau in das Familienleben. Hier treffen wir sie als Gattin, Mutter, Tochter, Schwester. Ihre Geschichte begreift die ihres ganzen Geschlechts. Die Glocke hat das Zeichen gegeben, die Fahrt hält an im Aufsteigen, sie entleert sich einer Gruppe von Arbeitern, deren Schicht zu Ende. Andere ersetzen sie. Einige begeben sich zu ihrer Wohnung. Treten wir mit diesen hier ein in den Theil der Kohlengrube, den man Gemächlich- keit nennt. Es ist ein Schlafzimmer, worin ein Kohlenfeuer glüht, denn es ist frisch draußen. Da lagern gemischt Männer, Frauen, Burschen, Mädchen, Kinder, die zu Hause weder heißes Waffer, noch Feuer, noch Kaffee finden würden; sie warten auf die Stunde, wo man zu Hause sich betten wird. Sie erheben sich endlich und entfernen sich gruppen- weise. Sie wandern lustig dahin, ihren Marsch mit Liedern und Späßen belebend. Alle Freiheiten, alle Vertraulichkeiten sind erlaubt. Während dieser Heimkehr im Dämmerlicht geht das Grubenmädchen oft ein wenig seitab, um ohne Scheu und Scham, fast unter den Augen seiner Arbeits- genossen, sich hinzugeben. Endlich betritt sie ihre Schlafstelle, steigt hinauf in ihre enge Kammer. Sie sucht hier eine Matratze, wo sich ein leerer Platz findet. Da ist eine, die eben ein anderer verlaffen hat, um zur Schicht zu gehen. Wer liegt auf der andern? Ihr Bruder, ihr Vaier, ihr Vetter, vielleicht auch ein Fremder! Hat sie Zeit, sich darüber Gedanken hinzugeben? Sie ist ermüdet. Sie nimmt den ersten besten Platz, ohne daß ihre Mutter sich darüber beunruhigt, welche Folgen daraus entstehen können. Aufgestan- den. macht sie Toilette und thut, als wäre sie allein; dicht bei ihr waschen sich Männer, halb entblößt wie sie. Warum sollte sie erröthen? Ihre Schwestern sind bei ihr, die eS ebenso machen; sie thut nur, was allgemein der Brauch. Ihre Mutter, die die Pfanne hält, in der ein Stück Speck bratet, ist auch da, einfach bekleidet mit einem Hemde und einem Unterrock, den Busen entblößt! Die Mahlzeit ist beendet, es ist 1 Uhr. Die Mutter hat keine Strümpfe an den Füßen, die Strümpfe der Kinder sind zerriffen; die Jacke des Vaters wäre zuflicken, aber dazu muß man stricken, stopfen, nähen gelernt haben. Die Frau versteht das nicht, weil sie es als Mädchen nicht ge< lernt. Ihre Tochter, ebenso unwiffend wie sie, wartet müssig, mit Unge- duld, auf die Stunden, wo es zur Arbeit geht— sie würde früher gehen, wenn sie könnte, denn Sonntag ist Kirm-ß, und eine doppelte Schicht würde ihr gestatten, eine Mütze mit Band und Schleifen, einen Rock, weiße Strümpfe zu kaufen und—„zu Balle" zu gehen. Nun, hat man noch nicht Geld genug, kann man den Krämer ja am Lohntage bezahlen. — Doch da gibt's Schreien und Fluchen, Schläge rechts und links, der Mann kommt von der Arbeit und findet den Topf nicht am Feuer..Die Kinder weinen, flüchten, die Mutter macht es ebenso, läuft auf die Straße, wo sie kaum einige Nachbarn versammelt findet, ste sind ja dergleichen Szenen schon gewöhnt. Ist dann der Vater müde, Stühle, Töpfe, Schüffeln zu zerschlagen, so nimmt er einige Pfennige aus dem Kasten und läuft in die Schenke, um mehr„Komfort" zu suchen und seinen Aerger zu ersäufen. „Dies traurige Sittengemälde", fügt der Bericht hinzu,„ist nicht etwa gewöhnlich und alltäglich nur im Becken von Lüttich, zu Seraing; kaum einige kleine Orte finden wir, wo die Grubenarbeiter nüchterner, anständiger, friedlicher sind." Polemik. Der Verfasser der in Nr. 16—19 des„Sozialdemokrat" veröffentlich- ten Briefe„Aus England" sendet uns, als Erwiderung auf unsere wenigen Randnoten, eine längere Zuschrift, die wir, um den Disput nickt über Gebühr auszudehnen, hiermit, unter Hinweglaffung alles Nebeniächlichen, im Auszug folgen lassen: Zuni Ersten bestreitet der Verfasser, daß die englischen Zeitungen keine Bemerkungen zu den Einsendungen aus dem Publikum zu machen pflegen. Einige mögen es unterlassen, andere aber thäten es,»nd oft recht maliiiös. Zum Zweiten beantwortet er unsere Bemerkung, er hätte dem„Echo" eine Antwort auf die besprochene Einsendung zuschicken sollen, mit dem Hinweis, daß auch englische Redaktionen einen großen Papierkorb für Alles, was ihnen nicht paßt, zu haben pflegen, und daß seine Antwort dem„Echo" sicher nicht gepaßt hätte.') Zum Dritten polemisirt er gegen unsere Bemerkung, wir stimmten nicht mit ihm darin überein, daß die jungen deutschen Kaufleute in London das Profitmachen nicht lernen könnten, und meint, daß die Engländer viel mehr von den Ausländern gelernt haben, als die Aus- länder von ihnen. Als Beweis, daß selbst ehrliche Engländer dies zu- geben, zitirt er einen Artikel eines Engländers, in welchem unter Bezug- nähme auf W. Siemen«, W. Herschel sc. sc. darauf hingewiesen wird, welch' große Verdienste sich Ausländer um die Industrie, Kunst und Wissenschaft Englands erworben.') Zum Vierten behauptet er, daß wir, und nicht er, auf Abwege ge- riethen, wenn wir uns bei der Frage der Clerks aus Einzelheiten einließen.(Wir hatten bemerkt, daß wir es bei der Verdrängung des englischen Clerks(Kommis) durch deutsche Volontärs nicht mit dem Clerk als Konsumenten, sondern mit dem Clerk als Arbeiter zu thun haben.)') Zum Fünften behauptet er, bei Besprechung der englischen Arbeiter- Verhältnisse keineswegs, wie wir angedeutet, nach lokalen Beobachtungen geurlheilt, sondern gerade die allgemeinen Verhältnisse in's Auge gefaßt zu haben, sonst wäre sein Bild wohl besser ausgefallen. Er habe ausdrücklich den Durchschnitt genommen, d. h. die Verhältnisse geschildert, unter denen die große Mehrheit der englischen Arbeiter leben. Es heißt dann wörtlich: „Sie kommen nun mit Ihrem Zuckerkonsum, und das soll quasi ein Trumpf sein, ich muß sagen, ein sehr schwacher. Haben Sie denn meine Tabelle so wenig gelesen, daß Sie übersehen haben sollten, daß ich dem hiesigen Arbeiter„für Kaffee, Thee oder Bier" 20 Pfg. pro Tag mehr erlaube wie dem deutschen? Glauben Sie nicht, daß diese 20 Pfg. mehr wie den Zucker decken? Ich bin davon so sehr überzeugt, daß ich noch 10 Psg. abziehen möchte, denn das Pfund Zucker kostet hier nur 15-20 Psg. Demnach könnte jeder Engländer täglich 1 Pfund Zucker schlecken, denn der Thee, sein Rationalgetränk, ist noch billiger wie in Deutschland. Sie werden nun wohl zugeben, daß Ihre Zuckertheorie zerschmilzt wie Zucker. Ich habe gerade mein„Mehr" von 20 Pfg. gegeben wegen des Zuckers; denn die andern Artikel, Kaffee, Thee und selbst Bier, sind hier nicht theurer wie in Deutschland, Thee ist billiger, Kaffee ebenso, und das Bier mag einen Bruchtheil theurer sein. Nun sollen aber meine Resultate mit der Statistik sehr schlecht übereinstimmen; das ist aber doch eine gewagte Be- hauptung, und Sie werden gleich sehen, daß meine Resultate leider nur zu sehr mit der Statistik stimmen.... Ich nehme die Zahlen, wie sie uns L e o n i L e v p gegeben hat, und ich nehme da für meinen Zweck gerade keinen günstigen Zeugen, denn erstlich ist Levy Bourgeois-Oekonom, und zweitens hat er seine Zahlen aufgemacht für die„British Associatton", also wieder eine Bourgeois- Gesellschaft. Leoni Levy hatte gewiß also keine Ursache, allzu schwarz zu färben, und doch stimmen seine Zahlen mit meinem Resultat. Also nach Leoni Levy beträgt das Jahres-Einkommen der englischen Arbeiter 436,000,000 Pfd. St., uno er schätzt die Arbetterbevölkerung Englands auf 27,000,000 Köpfe. Theilen wir nun diese 27,000,000 Arbeiter durch die Zahl 4, so werden wir wohl annähernd die wirkliche Zahl Arbeiter erhalten, zirka 7,000,000. Nun denn, 7 Millionen Arbeiter verdienen 436 Millionen Pfd. St., macht für jeden Arberter pro Jahr Pfd. St. 62 5 0 oder pro Woche zirka 23 Sh. 6 P.(23'/, Mark). Sehen Sie nun, wie lehr ich mit der Statistik übereinstimme? Und dabei lasse ich noch unberücksichtigt, daß die Zahl der wirklich arbeiten- den Bevölkerung jedenfalls noch größer ist als wie 7 Millionen, da ich bei dieser Rechnung nur die männlichen Arbeiter im Auge habe. Die jugendlichen Arbeiter, sowie Frauen und Kinder hinzugerechnet, wird der auf jeden Arbeiter entfallende Arbeitslohntheil noch viel geringer, und ich bin gewiß nicht von der Wirklichkeit weit entfernt, wenn ich den Durchschnittslohn pro Woche auf 21 Sh. 6 P. angebe. Ja, ich bin dabei noch viel günstiger verfahren wie Andere, denn erst vorige Woche gab ein Engländer den Durchschnittslohn auf 15 Sh. pro Woche an, und ich glaube, daß, scharf genommen, dies richtig ist. Ich habe in meiner Aufstellung den Durchschnittslohn für hier und Deutschland festgestellt und dessen Kaufkraft zu ermitteln versucht, und da stimme ich genau überein mit der Statistik, trotz Ihrer gegen- theiligen Behauptung. Was verschlagen nun diesen 7 oder acht Millionen Arbeitern gegen- über die vielleicht eine halbe Million Köpfe zählenden Gewerkschaftler mit ihrem höheren Einkommen oder die vielleicht 1 Million Köpfe starke „unterste Stufe" mit ihrem niedrigsten Einkommen? Gar nichts, denn ca. 6 Millionen leben unter den von mir gekennzeichneten Durchschnitts- Verhältnissen. Dabei habe ich bei meiner Aufstellung nur den Lohn einer e i n z e l- nen Person genommen und angenommen, daß diese einzelne Person auch denselben für sich allein verwenden kann. Wenn man aber bedenkt, daß von dem angegebenen Lohne häufig Familien leben müssen, so werden Sie wohl oder übel zugeben müssen, daß es mit dem„Standard of life" hier sehr windig ist. Es ist hier so miserabel wie anderswo. Nur keinen Unterschied machen."') So die Zuschrift. Wir können in unserer Replik sehr kurz sein. Xi') meinen wir, daß es doch mindestens des Versuches gelohnt hätte. .A-ck') Der Einsender verwechselt hier zunächst das kaufmännische mit dem technischen Studium. Daß für das Erstere England und speziell London, der Riesenstapelplatz, „Wo vier Welten ihre Schätze tauschen", den jungen Leuten noch heute sehr viel zu lernen bietet, was sie in in Deutschland bisher zu lernen keine Gelegenheit hatten, wird er wohl selbst nicht leugnen. Und was die Technik anbetrifft, so ist es weit- bekannt, daß deutsche Ingenieure bis in die neueste Zeit schaarenweise nach England gingen, nicht nur um dort zu lernen, sondern um ihre Erfindungen dort zu verwerthen, für die sie in Deutschland keine Käufer fanden. Daß Deutsche sich um die Entwicklung der Wissenschast sc. Eng- lands sehr verdient gemacht, hat Niemand bestritten, aus diesen Gebieten hat jede Nation der andern Kräfte geliefert. .Atl') Hier erinnern wir daran, daß sich die ganze Streitfrage um die Konkurrenz der Deutschen auf dem englischen Arbeits markte handelte. Das Verkehrte der Abschließung der Grenzen gegen fremde Arbeiter läßt sich durch bessere Argumente nachweisen als durch den Hinweis auf die Konsumenteneigenschaft der Fremden. Ad') Aber auch keinen wegleugnen. Die ganze vorhergehende Aus« führung beweist nur, daß ein solcher bis jetzt doch besteht. Der Ein- sender gibt das Durchschnittseinkommen eines englischen Arbeiters auf 21 V, Mark per Woche an. Es ist uns nicht eingefallen, behaupten zu wollen, daß das zu niedrig gegriffen sei, wir sind vielmehr mit ihm der Ansicht, daß diese Zahl eher zu hoch angesetzt ist. Was wir bezweifelt haben und noch bezweifeln, ist vielmehr die Richtigkeit seiner Gegenüber- stellung der Lebensweise der englischen und der deutschen Arbeiter— immer den Durchschnitt genommen. Unseres Wissens sind, das Fleisch ausgenommen, fast alle Lebensmittel in England ebenso billig, eine ganze Reihe derselben noch billiger, als in Deutschland. Wie aber steht es in Deutschland mit den L ö h n e n? In Preußen allein haben über sieben Millionen zur Klassensteuer eingeschätzte Personen ein Jahreseinkommen von noch nicht 420 Mark, d. h. von noch nicht 8MarkproWoche. Und in den übrigen Theilen Deutschlands steht es nicht viel besser. Wozu das in Abrede stellen? Weil englische Chauvinisten auf die„be- dürfnißlosen Deutschen" geschimpft haben? Uns leuchtet die Nothwendig- keit solcher Art der Polemik nicht ein. Man kann den Herren ruhig zugeben, daß die deut chen Arbeiter im Großen und Ganzen schlechter gestellt sind als die englischen, und ihnen doch, wenn nöthig, gehörig heimleuchten. Uebrigens kann der Einsender ganz ähnliche Klagen, wie die der Engländer über die deutsche Konkurrenz, in deutschen Blättern, und zwar Arbeiter blättern, über die Konkurren; der slavischen, ita- lienischen sc. Arbeiter lesen. Es handelt sich da nicht um eine lokale, sondern in fast allen Ländern der modernen Industrie zu Tage tretende Erscheinung, die ihre Erklärung in den Verhältnissen des gegenwärtigen Standes der internationalen Konkurrenz findet. Diese, und die aus derselben sich ergebenden Konsequenzen gilt es, den Arbeitern aller Länder klar zu machen, jede andere Art der Polemik führt nur auf Abwege. Den Einsender z. B. hat seine Polemik dahin geführt, den deutschen Bourgeois die besten Argumente gegen die For- derungen der Arbeiter zu liefern. Sie brauchen nur auf seine Artikel zu verweisen, wo der Nachweis schwarz auf weiß geliefert ist, daß die englischen Arbeiter auch nicht besser leben als die deutschen, diese also alle Ursache haben, sich bei ihren Hungerlöhnen zu bescheiden. Wir aber halten es für unsere Aufgabe, den deutschen Arbeitern zu zeigen, worin ihre Brüder im Ausland es besser haben als ste— sei es auf p oli- t i s ch e m, sei es auf w i r t h s ch a f t l i ch e m Gebiet— um sie zum Kampf gegen die schlechten Verhältnisse in der Heimat aufzumuntern, und daran werden wir festhalten, selbst auf die Gefahr hin, der„Aus- landsschwärmerei" bezichtigt zu werden. «■AA/XBAyW— Sozialpolitische Rundschau. 13 fit ich, 9. Juni 1886. —„Nur keine sentimentale Kopfhängerei!" ruft die„Kreuz- zeitung" dem Puttkamer und seiner Polizei zu.„Der revolutionären Wühlerei muß unter allen Umständen ein Ende gemacht werden; mit starker, wenn es nicht anders geht, mit schonungsloser Hand muß ihr entgegengetreten und mit der Ausweisung der eigentlichen Macher rück- sichtslos vorgegangen werden. Bei der Ausführung werden sich ja wohl Fehler nicht vermeiden lassen. Fehler, vielleicht große Fehler werden begangen werden— wenn aber nur die Grundlinie im Ganzen und Großen eingehalten wird, sind sie zu ertragen und müssen ohne sentimentale Kopfhängerei und allzu ätzende Kritik hingenommen werden." Bravo, liebe„Kreuzzeitung"! Wer unter den„eigentlichen Machern" verstanden ist, wird durch«inen Wink mit dem Zaunpfahl angedeutet:„Leute, die sich durch ihr Mandat geschützt glauben." Das gilt zunächst dem Abgeordneten Singer; aber �orte K nicht bloß ihm. Es gilt allen denjenigen sozialdemokratischen Abgeord- M unt> neten, die sich in irgend einer größeren Stadt aufhalten. nnfe«® Und es soll heißen, daß in allen solchen größeren Städten, wo er noch �ie ni nicht besteht, der Belagerungszustand proklamirt werde»"ahme, t soll. iu könne Bloh in den größeren? Nein! Auch in den kleineren. Sprem-{.eme Kü berg war der Anfang einer neuen Praxis in xunoto der An- J"bung wendung des Belagerungszustandsparagraphen.-Nationen Die„Kreuzzeitung" wird nicht tauben Ohren predigen. Der Putt- Selb kamer hat ja schon im Reichstag ausgeplaudert, daß er nur auf die''%n, Gelegenheit wartet, um eine Anzahl„gemästeter Agitatoren"„am Sckops l*®®,000 zu nehmen."'»trichter Und die Gelegenheit ist da, sobald der Reichstag auseinandergeht, i'hen zu Denn es ist seltsam, daß dieses Junkerpack, das den Parlamentarismus j. Gegen: so haßt, doch einen heiligen Respekt vor dem im Parlament gesprochenen sol Worte— ähnlich wie der Teufel vor dem Drudenfuß oder Pento- rem �et gramm. J'm der An dieser— wie sollen wir es nennen?— Schwäche erkennen r.1' n n wir, daß unsere Feinde das Bewußtsein haben, für eine schlechte h'�nach Sache zu wirken, sonst würden sie die Kritik und das freie Wort nicht �'urer s scheuen. Es sind keine Fanatiker, die Puttkamer, Jhring-Mahlow,?""an Bismarck— es sind berechnende Bursche, die blos ihren persönlichen �mzen Vortheil und ihr Standesinteresse im Auge haben. Jetzt schweben sie°as Zen in Gefahr. Der dünne Lebensfaden eines 90jährigen Greises, an den ste sich parasttenhaft angeklammert haben, kann jeden Augenblick reißen, es gilt mit fieberhafter Hast den Moment auszunützen und Zustände zu schaffen, die einen System- und Personenwechsel möglichst erschweren. Gelingt es den sauberen Patronen, durch ihre Maßregeln und Werk« zeuge Attentate und Putsche herbeizuführen, dann sind ste wenigstens auf ein paar Jahre gesichert. Die amerikanischen Vorkommnisse haben die Nützlichkeit der Schieß- Politik bei gehöriger„Fruktifirung" wieder recht deutlich gezeigt. Die Jhring-Mahlows verstehen sich auf das Bomben- und Attentat« Bon i wollten iur g e n •18 ihne ich-N No Jnterefli der I 1) der 2) de, Anc uctucycu|iu/ uu| uu» kduihvch*«uü'.-• machen, und— was schadet es schließlich, wenn auch ein paar Dutzend°"»o Polizisten bei einer Schieß- oder Bomben-Affäre zu Grunde gehen? „Nur keine sentimentale Kopfhängerei!" Frisch und*""fe fröhlich an's Werk! Sind die Bomben geplatzt, haben ein paar Arbeiter»! unter der unbekannten Führung einiger Spitzel in wildem Ingrimm eine That nur zu gerechtgefertigter Rache und Verzweiflung gethan, dann kann Messias� Puttkamer, flankirt von Ehren-Jhring-Mahlow auf der rechten und Ehren-Bismarck auf der linken Seite, das Triumphlied seines Vorgängers Eulenburg singen: „Die Flinte schießt, der Säbel haut!" Nach trums(! finnige> "•gietmi wartend! tteistnnii lder Poi Nun— wir kennen das Lied, wir kennen den Text, wir kennen die � Herren Verfasser, wir kennen auch all' ihre Schleichwege. Die deutsche� � T ffipe, sauen "annten •armen ueberwl Sozialdemokratie wacht! Ihr Auge ist auf den saubere»!�-- Attentatspolitikern. Wie schon gesagt, wir üben Polizei gegen die Herr-' schenden Polizei-Anarchisten. Mögen sie wüthen, mögen si''»otabeni rasen— je mehr, desto besser. Sie sollen ihre ganze Bestialität zeigen...' So v Ihnen gehört nur der Moment. Uns die Zukunft. Wir ver-,� oe lieren keinen Augenblick, brauchen uns aber auch nicht zu übereilen. Der Gunst Tag wird kommen, da wir das Volk der Puttkamer, Jhring-Mahloo sx � und Bismarck an das Wort erinnern werden: fionserv> „Nur keine sentimentale Kopfhängerei!" Derß — In dem„Christlich-sozialen Korrespondenzblatt", dieser � Bedientenstube der biederen„Kceuzzeitung", wo man sich durch keinerlei Rücksichten genirt fühlt, richtet Herr Puttkamer die dringend« Bitte an sich, doch ja mit dem unbequemen„Juden" Singer aufzu- räumen, gegen den alles Verdächtigen und Verläumden nichts hilft. „In Berlin," bauchrednert der Tugendminister,„liegen, wie man j« weiß, die sämmtlichen Fäden der sozialdemokratischen Bewegung sammt ihren vielfach noch bedeutsameren Seitenverzweigungen zur Zeit in de« Nian siä Händen des Herrn Singer, so zwar, daß Arbeiterführer(ä In Jhring- jede Fa Mahlow), die sich materiell und in ihrer politischen Richtung unabhängig sog«,„ halten wollen, von dem Korybantenchor dieses jüdisch-sozialdemokratisch- riß tz�n kapitalistischen Parteiführers vollständig an die Wand gedrückt werden, schließin Der kleine Belagerungszustand, der über Berlin schwebt, hat schon man- die Pol chen Mann, der nicht weiß, was er morgen in die Suppe brocken soll, zugehen, zum Abmarsch genöthigt; der„Bourgeois- Sozialdemokrat" Singer aber worden erfreut sich jeder nur wünschenswerthen Bequemlichkeit in der Heran- Gelegen bildung eines neuen Generalstabes behufs Unterwühlung unseres christ' ganz er! lichen und monarchischen Staatswesens. Wie lange wird dieser Krug tiefei noch zum Brunnen gehen?"'iefe, Exzellenz Puttkamer müßte ja ein stiller Verbündeter der„Unter-! Haftung wühler unseres christlichen und monarchischen Staatswesens" sein, wen« Eo k er eine so dringende Mahnung nicht in die„gewissenhafteste Erwägung" Umsicht zöge. Wir dürfen also für deninächst das erhabene Schauspiel gewärtigen, Bersami daß die schreiende Ungerechtigkeit der Ausweisung armer Proletarier, ihren F die nicht wissen, was sie morgen in die Suppe brocke« inüßto, sollen— Dank, Christ, daß du uns dieses Wort gelehrt!— dadurch Aeise i ausgeglichen wird, daß auch der„Bourgeois-Sozialdemokrat" ausgewic �rdnun sen, d. h. nach besten Kräften in seiner Existenz geschädigt wird. So nur erf praktizirt man in unserm„christlichen und monarchischen Staat«- �xzellen wesen" den schönen Grundsatz der ausgleichenden Gerechtig- keit. T � Wir aber müßten Thoren sein, wenn wir nicht vom Gegner lernten,~ ijn? und über unsere Angriffe auf den elenden Lakaientroß der Stöcker, putsch; Aschenbrenner und Konsorten den Mann vergäßen, in dessen Händen,""ue G wie man ja weiß, die sämmtlichen Fäden des nichtswürdige«"•N un; Spionir- und Denunziantenwesens sammt ihren„vielfach noch bedeut- Wurden, sameren Seitenverschlingungen" zusammenlaufen. Nein, Exzellenz Putt- �uten, kamer, zu einer so infamen Handlung, die Maßregel der Ausweisung P9® ist zu fordern, hatte sich bisher noch keiner Ihrer Hetzlakaien verstiegen,, so schamlos würde sich keiner dieser scheinheiligen Demagogen bloßstellen, 1 wenn sie nicht von oben den Befehl dazu erhalten hätten. Ehre dei« L" sich Ehre gebührt. Dem feilen Knecht die verdiente Verachtung, dem heim- 5"kst r tückischen Herrn das verdiente Brandmal.'"»hw . Der — Rix zu schachern? Rix zu handeln? Das war dieser Tag' P* l>um die Parole in der sehr erlauchten S ch n a p s k o in m i s s i o n de«?!!" fre deutschen Reichstags. Man schreibt uns darüber: Awerei ch.„Zur Berathung der Regierungsvorlage der Brannt-'%geri weinsteuer(wonach der Liter Branntwein um mindestens eo Pfg- In S versteuert werden sollte, und zwar in d er Weise, daß die Großbrenn«' einen Preis von etwa'/, über den gegenwärtigen Durch'?°'ste. schnittspreis erhalten, die Wirthe und Kleinverkäufer aber unte« 9» S besondere st e u e r- p o l i z e i l i ch e Aufsicht gestellt werde« �"nbzu sollten), hatte der Reichstag eine Kommission von 28 Mitgliedern ernannt- Urt. Diese Kommission war nun nach der Stärke der Parteien im Reichstag Wstui so zusammengesetzt, daß 6 Konservative, 2 Freikonservative, 4 National"•"t d! liberale, 1 Pole, also 13 Abgeordnete die Schnaps-Regierungspartei""nschl ausmachen, während anderseits 8 Zentrumsleute eine unsichere, 5 Deutsch""lerika freisinnige eine bestimmtere, also wieder 13 Mitglieder die Opposition gege'°""llckv> das Gesetz bilden, während die beiden Sozialdemokraten bei 13 gegen 1? Wie für die Opposition die Entscheidung bringen. Mitglieder dieser Kou« N"? vi Mission sind unserseits die Genossen K a y s e r und Heine. �-Rev Heine erklärte gleich zu Anfang, daß der Regierungsantrag für unsett«> abe Partei unannehmbar sei, da er eine neueBelastung desVolkei M e zu Gunsten einiger Großfabrikanten bilde; ja, dies'°>> 18 Schnapssteuer sei in seinen Augen schlimmer als eine Steuer auf Kor« �»Wr und Salz, indem diese doch wenigstens noch zum Theil von den Reiche« Marian mitgetragen würde, während die Branntweinsteuer der nothleidend> f9«er, Arbeiter allein tragen müßte; auch würden durch das Gesetz die G« �«stüs schäftsleute und insbesondere Gastwirthe der Willkür der Beamten no« 9" irg, mehr als heute unterworfen. Kays er hingegen erklärt-, daß w e n'' 9 n g, eine volksthümliche Regierung vorhanden, wenn die Einnahmen des �olke i Steuer z um Wo h l e derArbeiter(AlterSversorgungskasse u. s. u>- J9" die Vernymdung finden und diese Verwendung v e r f a s s u n g s m ä ß' l vie garantirt würde, oder andere drückendere Steuern wi'"«� Petroleum-, Salz- und Korn-Steuer-------------- würden, so wäre er prinzipiell nicht gegen eine Branntwei«») z steuer. Die Deutschfreisinnigen erklärten sich entschieden gegen die Steu«' den,) vorlag« und verlangten zuerst Aufklärung, wozu die Einnahmen derselb«' einer I Verwendung finden sollten. � l'pie Der Minister Scholz und die Reptilienblätter haben nun obig er Kaysers so auszulegen versucht, als wenn unsere Partei der Vor- c» �ge unter gewissen, heute möglichen Voraussetzungen zustimmen würde. n. Unsere Genossen ersehen, daß dieses die reine Flunlerei ist, selbst Kayser ch wollte nur ausdrücken, daß er nicht die schroffe Stellung Heine's ein- >« nähme, der unter keinen Umständen einer Branntweinsteuer zustimmen iu können erklärte, und dem Minister den Rath gab, wenn der Staat leme Kulturaufgaben erfüllen wolle, so solle er die Mittel durch An- m nrebung eines Weltschiedsgerichts, bei gegenseitiger Abrüstung der Nationen, Einführung einer nach oben stark steigenden Einkommenssteuer & wit Selbstabschätzung zu erlangen suchen; sollte auch das noch nicht zu- te! wichen, so solle jeder Bürger von dem Vermögen, welches er über ps iOO.OOO Mark besitze, einen entsprechenden Theil als einmaligen Beitrag entrichten. Der Finanzminister erklärte, auf diese Vorschläge nicht ein- lt. jüchen zu können. ig Gegenüber dem Regierungs-Entwurf legten nun die Konservativen m �nen solchen von ihnen ausgearbeiteten Entwurf vor, welcher sich von at wm der Regierung dadurch vortheilhaft unterschied, daß er die Einnah- wen der Steuer in erster Reihe den bedrängten Branntwein- >n Zennern zu Gute kommen laffen wollte. Der Branntwein sollte [t hiernach um 30 Psz. per Liter, nämlich 60 Pfg. per Liter Alkohol, Dt iheurer werden, außerdem ein Brennermonopol unter Staats- garantie(nur nicht blöde!) geschaffen werden. Die Nationalliberalen m fingen 40 Pfg. per Liter Trinkbranntwein(80 Pfg. per Liter Alkohol), ie Zentrum 12'/, Psg.(2S Psg. per Liter Alkohol) vor. m«,�6 der Schacherei hinter den Kouliffen, die sich dabei unter den n, wihnapssteuerfreunden entwickelte, macht man sich keinen Begriff. Erst >u wollten die Krautjunker des Zentrums mit den konservativen Agrariern >Ur gemeinsamen Ausbeutung der Volksmasse Hand in Hand gehen, -k-i, ihnen Windthorst das Handwerk legte, dann ging das Feilschen zwi- uf Ben Nationalliberalen und Konservativen an, scheiterte aber an der Jntereffenfrage, und schließlich scheiterte die ganze Schnapssteuervorlage ß-»N der Unlösbarkeit des Problems: » s nd""k dabei doch ,;I b) den Konsumenten in den Städten, aus die Zentrum und Rational- "berale Rücksicht nehmen müssen, nicht zu große Opser zuzumuthen. er, Offiziell verlief die Sache so: ,M. Nach Ablehnung aller andern Anträge wurde der Antrag des Zen- nn �wis(25 Pfg. per Liter Alkohol) angenommen(dagegen Deutschfrei- ,er So ze und Sozialdemokraten). Der Antrag ber Deutschsreistnnigen, die iei Regierung um Aufklärung über die beabsichtigte Verwendung der zu er- wartenden Beträge zu ersuchen, wurde mit den Stimmen der Deutsch- Weisinnigen, Zentrum und Sozialdemokraten, 13 gegen 11 Stimmen die Pole scheint sich der Abstimmung enthalten zu haben) angenommen * e JJwd endlich wurden zum Schluß der ersten Lesung alle Vorlagen abgelehnt, �en» Uebriggebliebene der Borlage keiner Partei, mit Ausnahme der Nationalliberalen, welche um jeden Preis etwas zu Stande bringen wollen— genügt. . Es wird also der Schacher in zweiter Lesung aufs Neue beginnen, ' wotabene wenn es in dieser Seffion noch zu einer solchen kommt. '■■"j So viel steht aber schon jetzt fest: der Branntwein(d. h. die Brannt- >, wein verzehrende arbeitende Volksklaffe) muß noch sehr bluten— zu 'i �unsten der Rittergutsbesitzer uud nothleidenden selbständigen Gutsbezirke,„welche(nach Aussage der konservativen) an den Schullasten zu Grunde gehe n." Der Geiz und die Habgier dieser gottes fürchtigen Gesellschaft übertrifft Wst noch ihre Rohheit. rch— Die Ordnungöhelden an der Arbeit. In Grünau und :de« i p« n i k bei Berlin hat am Himmelsahrtstag der Säbel ge- zu- hauen. Einige hundert Maurer hauen eine Landpartie nach erstge- Ist. banntem Ort gemacht und trafen daselbst auch sofort eine Anzahl Gens- ja wttmen un, die ihnen auf Schritl und Tritt folgten. Daß diese infame Überwachung den Unmuth der Arbeiter auf's Aeußerste reizte, kann zei> Wan sich denken, sie müßten wahre Schafsnaturen haben, wenn sich nicht ny lebe Faser in ihnen gegen solche Gemeinheit empörte. Als schließlich gig sogar noch berittene Gensdarmerie von Köpenik hinzukam, sch- Nß den Arbeitern die Geduld, es kam zu heftigem Wortwechsel und en. schließlich zu Handgreiflichkeiten. Ob dabei die Arbeiter angefangen, wie aN-bie Polizeiblätter schreiben, darüber wird uns wohl noch Spezialbericht oll, zugehen, jedenfalls steht so viel fest, daß sie in brutalster Weise provozirt ber worden waren, und daß die Lecker der Gensdarmen nur zu gern die an- Gelegenheit benutzten, dreinzuhauen. Eine Anzahl Arbeiter haben äst- ganz erhebliche Wunden davongetragen, so erhielt einer derselben einen ruzäiefen Säbelhieb über den Kopf, einem andern wurde der U n t e r- siefer gespalten zc. tc. Natürlich wurden auch verschiedene Ver- [et- Haftungen vorgenommen. en« So kann sich denn Puttkamer froh die Hände reiben, seine weisen und ag Einsichtigen Maßregeln bewähren sich vortrefflich. Man verbietet alle lein Versammlungen, man löst alle Vereine auf, trennt die Arbeiter von ier, ihren Führern, provozirt sie durch schimpfliche Bespionirung, und es ! es wüßte mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht so auf die einfachste irq Weise in die Lage versetzt würde, jederzeit nach Bedarf„Ruhe und vie- Ordnung" wiederherzustellen. Von diesem Gesichtspunkt aus war Köpenik S» Nur erst eine kleine Probe, die aber herrlich gelungen ist. Nicht wahr, als- Exzellenz? ig' — Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: te».. Än Amerika grassirt jetzt dasselbe Attentatsfieber, wie 1878 in cked �utschland. Die Chicagoer Bomben sind in ihren Wirkungen das ge- oeit"lue Gegenstück der Hödel-Nobiling'schen Schüsse. Daß diese Schüsse ige« Jw" unzurechnungsfähigen Menschen ohne politischen Zweck abgefeuert eut- wurden, die Chicagoer Bomben dagegen nach Plan und Methode, von utt- �uten, die damit ihr politisches Programm zur Ausführung brachten*)— UNS M ist für die Wirkung vollkommen gleichgültig, denn die gewiffen- zen, wsen Feinde der Volkssache fragen nicht nach den Motiven und dem [«ujT�ikn der Handlung, sondern nur nach ier nackten Thatsache, und ob zei«!5 sich gut fruktisiziren läßt. Das Spießbürgerthum, in seiner iiw' Awgst um das bischen Eigenthum und Leben, läßt sich aber aus jedem Strohwisch einen Wauwau und ein G-fpenst vormachen. Der Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland 'M'!" puncto des Attentats- und Schießfiebers ist bloß der, daß dort, bei >e»°er freien Verfassung des Landes, eine politische Ausbeutung Awerer möglich ist, und in Folge der höheren politischen Bildung des n t- ürgerthums das Angstfieber sich rascher verliert. sifü' In Deutschland waren es Bismarck und seine hungrigen Junker, »»iwelche die Attentatssrüchte einheimsten— in Amerika ist es die Bour- .ch-ueoiste. gn Deutschland wurde unter dem Einfluß des Attentatsfiebers telwis Sozialistengesetz, d. h. die Polizeiallmacht, proklamirt, und der rde» Raubzug gegen das arbeitende Volk, Wirthschaftsreform genannt, orga- nnt-wsirt. In Amerika wurde unter dem Eindruck des Bombenschrecks die ztaZ?chtstundenbewegung für den Moment möglichst verdorben. Hier wie nals wwt die gleiche Gewissenlosigkeit in Ausbeutung der zwei niedersten irtei wenschtichen Leidenschaften: Furcht und Habsucht. Wenn man die lisch Amerikanischen Blätter heute liest, glaubt man sich in das Jahr 1878 ege<»brückversetzt. , 1? Wie epidemisch„drüben" das Angstfieber ist, erhellt daraus, daß sonst Eont1 Piz vernünftige Leute davon angesteckt sind, z. B. der bekannte badische �'Revolutionär, General F r a n z S i g e l, der zwar kein Kirchenlicht ,ser>"-aber doch im Grunde ein ganz anständiger Mensch. kei In einer Festrede zur„Stiftung des Vereins der deutschen Patrioten diesi 0N 1848 und 1849" sagte Herr S i g e l: kor« �»Wir wollten ein einiges Vaterland, ein geeinigtes Volk, ein iche« Parlament, um dieses Volk zu vertreten, die Last der stehenden Heere enb< iu vermindern, ein öffentliches Gerichtsversahren und Schwurgerichte, . M Freizügigkeit, d. h. das Recht, sich im großen, allgemeinen Vaterlande not an irgend einer Stelle anzusiedeln, das Recht der freien Versamm- en�Ung, der freien Rede und Anderes mehr. Dazu wollten wir dem des Polke verhelfen, um es zu besähigen, sich einmal selbst zu regieren. Und s.w. tur diese Freihecken und dafür, daß wir das Volk von der Herrschast ß i!°rr vierunddreißig Fürsten befreien wollten, griffen wir zu den Waffen wilUnd zogen inS Feld. Wir haben das nie bereut! Wir thaten das, wie be'-- veii«») Die Pflicht unparteiischer Berichterstattung gebietet uns, zu erwäh- leu«' den.'——■--......—■— Die Redaktion des„Sozialdemokrat." man hier zu sagen pflegt, offen und aufrichtig,„in a fair Nicht heimlich und tückisch mit D y n a m i t, mit dem Dolch oder der. Brandfackel, sondern offen und ehrlich mit Mitteln, die das Völker-\ recht anerkennt. Wer seinem Gegner auf offenem Felde gegenübertritt, der geht recht und ehrlich zu Werke. Weil wir hier auf amerikanischem Boden das finden, was wir im alten Vaterland angestrebt haben, des- halb können wir, die alten Freiheitskämpfer von 1348—49, diesen Mörder- und Dynamit- Banden, die jetzt hier versuchen, ihr Unwesen zu treiben, kein Recht geben. Deshalb müffen wir der konser- vativen Bevölkerung der Ver. Staaten, zu welcher ja auch jeder Deutsch- Amerikaner gehört, helfen, diese Mörderbanden in ihre Grenzen zurück- zuweisen. Glücklicherweise gibt es noch Richter, die das ohne Zagen thun werden. Dem Fanatismus, den falschen, anarchistischen Doktrinen muß man in den Weg treten, ehe dieselben emporwuchern und großen Schaden anrichten können. Es ist die Pflicht eines jeden guten Bürgers, sich nicht durch die falschen Doktrinen irreführen, sich nicht durch die Bom- ben- und Dynamit-Argumente einschüchtern zu laffen, sondern mit allen Kräften für die Rechte und Freiheiten dieses Landes einzustehen." Das Sigel'sche Pathos zu kritisiren, überlassen wir den Lesern— wenn wir es hier mittheilten, geschah es nur um seiner symptoma- tischen Bedeutung willen. Wie groß muß das Angstfieber sein, wenn es einen Mann wie Sigel, der auf manchem Schlachtfelde den Beweis geliefert hat, daß er kein Hasenherz ist, zu solch' kläglicher Jeremiade veranlaßt! Und wohlgemerkt: Herr Sigel hielt seine Festrede am 21. Mai, und am 4. Mai, also 17 Tage vorher, waren die zwei— nach Anderen war es blos eine— Chicagoer Bomben geworfen worden. Das Dyna- mit ist doch ein wunderbares Ding! Und als P u t t k a m e r sich neulich von semem Jhring-Mah- l o w verabschiedete, der auf eine Mission nach Frankfurt a/M. geschickt ward, mögen in seinen Polizeigedanken und Polizeigefühlen die Chicagoer Bomben keine ganz unterordnete Rolle gespielt haben. Cctsrurn ceneeo; Aufgepaßt auf Puttkamer und die Puttkämer- linge! Die Lorbeeren der Chicagoer Anarchisten lassen sie nicht schlafen. — Doppelt abgebrannt. ER hat seit einiger Zeit Pech, nachdem CR so lange Glück gehabt. Nicht blos politisches Pech(Kulturkampf, Karolinenblamage, Fiasko auf der Balkanhalbinsel, mit der Kolonial- Politik u. s. w.), sondern auch privates, oder wirthschaftliches. Neulich hatten wir zu melden, daß IHM SEINE Schneidemühle abge- brannt. Jetzt erfahren wir, daß IHM dieser Tage auch SEINE Papiermühle abgebrannt ist. Es ist das dieselbe berühmte oder „historische" Papiermühle, welche das Telegrammen- und sonstiges Papier für das Reich liefert. Ein Reichskanzler als Lieferant für das Reich — das ist allerdings etwas Neues, und in punkto der Geschäftlich- keit ist ER unzweifelhaft original und auch genial. Item, ER ist doppelt abgebrannt, und wird Schwierigkeiten haben, die einträglichen Lieserungen rechtzeitig zu effektuiren. Jndeß ER ist ja Reichskanzler und kann SEINE Lieferungsfristen zur Roth verlängern. Es ist etwas gar so hübsches, wenn man ein guter Geschäftsmann ist, und dabei die „Klinke der Gesetzgebung" und das Heft der Gewalt in der Hand hat. Uebrigens„sind selbstverständlich Gebäude, Maschinen und Papiervorräthe versichert"— schreiben die Blätter. Wir brauchen also für den doppelt Abgebrannten vorläufig noch nicht sammeln zu lassen. — Gesetzeswächter— Gesetzesverächter. In Berlin sind in der vorigen Woche zwei Versammlungen genau in dem Momente auf- gelöst worden, als Genosse Kayser das Wort nahm. Auf eine gegen die erste dieser Auflösungen— sie traf eine Versammlung des Vereins für Rechtsschutz und Justizreform— eingelegte Beschwerde antwortete der Polizeipräsident von Berlin, Herr von Richthofen, die Auflösung sei auf seinen persönlichen direkten Befehl erfolgt. Mit andern Worten: Der Lieutenant hatte Auftrag, Genosse Kayser unter keinen Umständen sprechen zu laffen. Was Puttkamer im Reichstag Bebel an- kündigte, was sächsisch- Behörden gegen Vollmar, bayerisch- gegen Lieb- knecht praktizirt, scheint danach allmälig auf alle sozialistischen Abge- ordneten ausgedehnt zu werden: lokale, provinzielle oder über das ganze Reich ausgedehnte Sprechverbote. Daß diese Maßregel ein frecher Willkürakt ist, ein Hohn auf alle Ge- setze— die Ausnahme gesetze, welche die Herren für sich gemacht, inbegriffen—, braucht nicht erst betont zu werden. Wann hätte das politische Abenteurerthum je nach Recht und Gesetz gefragt? Sie machen von ihren Machtmitteln den Gebrauch, der ihnen gerade in den Kram paßt. Heute heucheln sie Gesetzlichkeit, und morgen moquiren sie sich über alle Gesetze. Bei Bebel, Liebknecht und Vollmar konnten sie noch auf deren revolutionäre Reden und Erklärungen im Reichs- und Landtage hinweisen, aber nun die Maßregel auch Kayser trifft, zieht dieser Vor- wand nicht mehr, vie Maske fällt, und hinter ihr steht nichts als der nackte, brutale Klassenegoismus. Gut so. Die Arbeiter werden sich die Lehre merken und zur gegebenen Zeit die Konsequenzen aus derselben zu ziehen wissen. Und ferner sei bei dieser Gelegenheit konstatirt, welch' eine willfährige Kreatur des Herrn Puttkamer der neugebackene Berliner Polizeipräsident ist, von dem selbst liberale Blätter seinerzeit wissen wollten, er sei das Muster eines ehrenhaften Beamten. Nette Ehrenhaftigkeit, die sich zu solchen unsauberen Maßregeln hergibt. Wir werden diesen Herrn von Richthofen etwas genauer in Augen- schein nehmen. — Die Alten und die Jungen. Der Sohn des Philosophen Schilling ist Unterstaalssekretär und eine Säule der protestantischen Orthodoxie, der Sohn des Philosophen Hegel ist Oberkirchenrath und eine Säule der protestantischen Orthodoxie, und der Sohn deS kürzlich verstorbenen Geschichtsschreibers Ranke, bisher Pfarrer am Militär- waisenhause zu Potsdam, wird jetzt als Konsistorialrath nach Berlin berufen, nachdem er seine Qualifikation bewiesen als Säule der protestantischen Orthodoxie. Man mag über die philosophischen und histo- rischen Theorien der Väter denken wie man will, man wird allen dreien nicht bestreiten können, daß sie Denker und Forscher waren. Aber die Söhne? Streber, Streber und wiederum Streber. Dunkelmänner in des Wortes vollster Bedeutung. Jndeß sie haben ihre Zeit begriffen, sie wiffen, daß die Tage dahin sind, wo die Bourgeoisie nach Licht und Aufklärung verlangte. Sie sind die Bahnbrecher der neuen Generation des Bürgerthums, das nur einen Wunsch hat: in seiner Ruhe nicht gestört zu werden, und dessen Augen das Licht des Tages so wenig vertragen können als seine Handlungen. Dämpfen ist heute die Parole. Gedämpfte Farben in der Politik, ge- dämpftes Licht in der Religionsfrage. Im Dunkeln ist gut munkeln. — Königlich Preußische Sozialreform. In Berlin wurden im Monat Mai 47 Versammlungen polizeilich verboten gegen 3 im Monat April. Vom Verbote wurden, nach der Richter'schen „Freisinnigen Zeitung", betroffen:„30 gewerkschaftliche Ver- sammlungen, 11 Arbeiter-Bezirksvereins-Bersamm- lungen, 5 Arbeiterinnen-Versammlungen und 1 ge- werbliche Versammlung. Außerdem wurden ll Versammln n- gen polizeilich aufgelöst gegen 1 5 im Monat April und zwar: 6 Arbeiter-Bezirksvereins- und 2 gewerkschaftliche Versammlungen, 1 Volks-, I Mäntelnäherinnen, und eine A r b e i t e r i n n e n-Versammlung. Dafür erfolgte aber im Monat Mai die polizeiliche Schließung des Fachvereins der Maurer, der Preßkommission der„Bauhandwerke r", des Vereins zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen, des Vereins der Arbeiterinnen Berlins, des Fachvereins der Mäntelnäherinnen." Da der Puttkamer'sche Erlaß in unparteilichster Weise Arbeiter und Unternehmer betrifft, so scheint uns auch eine Statistik der ver- b o t e n e n und aufgelösten Unternehme rversammlungen und der polizeilich geschlossenen Unternehmervereine am Platze. Sie würde zu den lehrreichsten Vergleichen Gelegenheit bieten. Ist vielleicht einer unserer Leser in der Lage, uns aus Unternehmer- kreisen Jemand zu bezeichnen, der eine solche Statistik aufmachen würde? Besondere Kenntnisse sind nicht erforderlich. Wenn der Betreffende bis drei zählen kann, fo ist das mehr wie genug. — Die Polizeifinger und das Eigcnthum. Wie berechtigt unsere Mahnung in Nr. 22 war, das Arbeitereigenthum vor den langen Fingern der Polizei sicher zu stellen, zeigt eine vor kurzem in Halle a/S. passirte Geschichte. Ein dortiger Arbeiter, Mitglied eines Fachvereins, war behaussucht worden. Der Mann ist Abonnent des„Sozialdemokrat" und hatte die einzelnen Nummern unsers Blattes der Reihenfolge nach aufgezogen an der Wand hängen. Im Uebrigen fand die Polizei nichts Verbotenes, mußte also unverrichteter Sache abziehen. Doch nein— etwas hatte sie doch erreicht. Sie verlangte nun von dem Betreffenden, er solle ihr an- geben, von wem er das Blatt beziehe. Natürlich weigerte er sich, und wird nun wegen Zeugnißverweigerung zu 150 Mark Geldstrafe verurtheilt. Arbeiter pflegen heutzutage keine Kapitalien auf der Bank zu haben, und so ging es auch unserm Delinquenten. Er konnte nicht zahlen und hätte somit brummen müffen. Doch die Polizei hat eine feine Witterung. Sie behaussuchte ihn noch einmal und fand richtig 90 Mark bei ihm.„Aber die gehören nicht mir, die gehören dem Fachverein!" wendet der Arbeiter ein.„Ach was, Fachverein," ist die Antwort,„der geht uns nichts an." Sprachen's, strichen das Geld ein, und was die Polizei einmal hat, gibt sie nicht wieder heraus. Und auf dem Gericht werden, trotz seines Einspruchs, die 90 Mark ihm ver- rechnet— Justiz und Polizei verstehen sich, wie der„Schlepper" und der Spieler beim Bauernfang. So heiligt man von Amtswegen das Eigenthum— notabene, wenn es mühsam erarbeitete Arbeiter- groschen sind. Darum noch einmal, weg von den Polizeifingern! — Das Denunziantengefindel, an dem es in despotischen Staaten nie fehlt, ist im„Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte" ganz besonders zahlreich, und zwar rekrutirt es sich hauptsächlich inner- halb des nationalliberalen Mast-, Spieß- und Angstbürgerthums. Run, da das Pack durch die„straffere Handhabung" des Sozialistengesetzes wieder Oberwasser bekommen hat, wagt es sich wieder ans Tageslicht— ganz wie im Jahr der Attentatsschande. Ein klassisches Beispiel erfahren wir aus Offenbach, wo die nationalliberale Sippe von dem berüch- tigten Fritz Dernburg, der jetzt in der Berliner„Nattonalzeitung" sein Wesen treibt, in allen Künsten der politischen Gesinnungslosigkeit und Niedertracht erzogen worden ist. Unter den gelehrigsten Schülern des Fritz Dernburg befindet sich ein gewisser P i r a z z i, feines Zeichens Dichter, Kaufmann und Hanswurst. Eine unendlich komische Figur, der auch unendlich viel Komisches paffirt ist, und die ganz harmlos durch das Leben gewandert wäre, wenn sie sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, unter des biedern Fritz Dernburg Führung ein ernsthafter und zwar nationalliberaler Politiker zu werden. Und da bildeten sich denn, unter des biederen Fritz Dernburg Führung, in dem von Haus aus so harm- losen Dichter, Kaufmann und Hanswurst Pirazzi(Emil ist er getauft) allerhand ganz ungeahnte Fähigkeiten aus, namentlich das nationallibe- rale Haupttalent des Verdächtigens und Denunzirens. Herr Pirazzi, Emil, hat schon verschiedene Proben seines Denunziationstalents abgelegt: allein was er dieser Tage, wohl inspirirt durch die Sittlich- keitstiraden und Tugendbildereien des geschmackvollen Puttkämerlein— was er dieser Tage geleistet, das ragt thurmhoch über all seine frühern Leistungen auf diesem Gebiet. Bekanntlich erscheint in Offenbach ein tägliches Arbeiterblatt, das Offenbacher Tageblatt", geleitet von dem sozialdemokratischen Landtags- abgeordneten Ulrich. Es würde schwer sein zu entscheiden, was den Offenbacher Nationalliberalen im Allgemeinen, und dem Dichter, Kauf- mann und Hanswurst Pirazzi im Besondern der größere Dorn im Auge ist: Ulrich oder das„Offenbacher Tageblatt". Und es muß auch zuge- geben werden, Ulrich und das„Offenbacher Tageblatt" haben den Offen- bacher Nationalliberalen und speziell dem Dichter, Kaufmann und HanS- wurst Pirazzi schon manchen redlichen Aerger bereitet. Jedoch der Grimm der nationalliberalen Seelen macht sich wenigstens in nichts Schlimmerem Luft, als in rohen Schimpfereien und in der Anzettelung kleiner Skan- dale. Dann und wann gabs auch ein Denunziatiönchen, indeß sie waren relativ unschuldiger Natur. Diesmal genügte das aber nicht unserem Dichter, Kaufmann und Hanswurst mit dem italienischen Namen und dem„deutschen Herzen"(dessen Echtheit er selbst bescheinigt hat). Er erhob sich in die höchsten Regionen nationalliberaler Staatsmännischkeit: er wnrde Denunziant im„großen Stil", und gleich sein erstes Stück nar ein Meisterstück. Anknüpfend an eine Debatte im hessischen Land- tag, bei welcher Ulrich sehr heftig mit dem Staatsminister Finger hinter- einander gerathen war— nicht zu des Letzteren Vortheil— schrieb unser Dichter, Kaufmann und Hanswurst Pirazzi eine Korrespondenz an das nationalliberale Reptilblatt„Frankfurter Journal", und sagte darin unter Anderm: „Wenn aber der Herr Staatsminister Finger aus der täglichen Lektüre des Ulrich'schen Blattes den Eindruck der unerhörtesten Schürung des Klassenhasses gewonnen, so verstehen wir nicht, inwiefern dies Blatt, welches nun schon so viele Jahre lang Tag für Tag unter gleicher Flagge segelt, nicht auch unter das Sozialistengesetz fällt, wie so viele seines Gleichen schon in Deutschland, ja im Lande Hessen selbst, nämlich in Mainz? Diese Frage haben sich schon sehr Viele vorgelegt, ohne bis jetzt die richtige Antwort darauf gefunden oder erhalten zu haben?" Nicht wahr, ein hübsches Denunziatiönchen? Unmöglich, es besser zu machen. Herr P i n d t e r von der„Norddeutschen Allgemeinen", des biederen Otto Vertrauensmann, Hausknecht und Doppelgänger, wird vor Neid bersten. Was die Schürung des Klassenhasses betrifft, welch- dem„Offenbacher Tageblatt" in die Schuhe geschoben wird, so ist das eitles Gefasel. Und so wenig unser Denunzant von sozialen, politischen und auch unpoliti- scheu Dingen versteht, das weiß er doch, d a ß es eitles Gefasel ist. Denn wenn irgend ein Arbeiterblatt in Deutschland sich vorsichtig von Allem ferngehalten hat, was der allmächtigen Polizei als ein Verstoß gegen das Sozialistengesetz erscheinen konnte, so ist es das„Offenbacher Tageblatt". Aber es hat auf die nationalliberalen Jämmerlinge loSge- hauen wie kein zweites Blatt in Deutschland, und auch der„große" (von seiner Frau und einem kleinen Kreis von„Freunden", die er da- für manchmal„traktirt", läßt er sich als„großen Mann" tituliren) Dichter, Kaufmann und Hanswurst Emil Pirazzi hat manchen kräftigen Hieb— meist freilich nur mit der Pritsche, wie es einem Hanswursten ziemt, abbekommen. Und sintemalen der Dichter, Kaufmann und Hans- wurst Emil Pirazzi eine sehr hohe Meinung von sich selbst hat, ist es ja nur zu natürlich, daß er sein geniales(denn er hält sich für ein Genie) Persönchen mit„Staat und Gesellschaft" identifizirt, und, stolzer noch als Ludwig der Vierzehnte, der„Sonnenkönig", der blos den Staat verkörpern wollte, von sich denkt: der Staat und die Gesellschaft bin ich, der große Emil,— und wer mich, den großen Emil, angreift oder nicht mit dem gebührenden Respekt behandelt, macht sich einer Majestätsbeleidigunz, einer Aufreizung zum Klaffenhaß, eines Attentats auf die Staats- und Gesellschaftsord- nung, oder irgend einer ähnlichen Enormität schuldig. Wir wissen nicht, ob es in den leitenden Regionen des Darmhessen- lands Naive gibt, die den großen Emil für ernst nehmen— heutzutage ist alles möglich— jedenfalls soll der Dichter, Kaufmann und HanS- wurst Emil Pirazzi aus Offenbach a/M., mit sammt seiner Denunziation, die wir ihm fein säuberlich auf die Brust kleben, an den Schand- pfähl gestellt sein. od. Die berühmte Parteilosigkeit der preußischen Staatsan- wälte und Gerichte haben außer den bösen Sozialdemokraten auch die Mitglieder anderer Parteien, welche bei dem Oberherrn dieser Gesellschaft nicht gut angeschrieben sind, manchmal zu bewundern Ge- legenheit.z Der deutschfreisinntge Reichstagsabgeordnete für den Kreis Nord- Hausen, Gerichtsrath Lerche, hatte bei einem Beleidigungsprozesse des deutschfreistnnigen Wahlkomites gegen das Nordhäuser Reptilienblatt „Nordh. Courier" einen Zeugeneid geleistet. In einem Artikel der Berliner„Staatsbürger-Zeitung"(Reptil der schmierigsten Sorte) wurde darauf Lerche beschuldigt, mit diesem Eid einen Meineid geschworen zu haben. Verfasser dieses Artikels war der Redakteur des„Nordh. Cour.", ein gewisser von Schlieben, welcher, bevor er diesen Vertrauensposten der konservativen Partei bekleidete, sich wegen Postdiebstahl im Amt 6 Monate Gesängniß zugezogen, und auch sonst noch verschieden« Diebereien und Schwindeleien begangen hatte. Dieser Mensch hatte nun sein verleumderisches Machwerk auch an daS „Aschersleber Tageblatt gerichtet, welches Blatt jedoch diese Original- einsendung dem Abgeordneten Lerche zusandte. Lerche stellte nunmehr gegen v. Schlieben und den Redakteur der Berliner„Staatsbürg-Ztg." Strafantrag und sandte an die Berliner Staatsanwaltschaft als Beweis- mittel das von der Frau des Schlieben für das„Aschersleber Tagebl." geschriebene und von Schlieben selbst unterzeichnete Originalmanuspript ein. Nicht wenig war aber Herr Lerche erstaunt, als er 10 Tage, nachdem er seinen Brief fortgeschickt, vom I. Staatsanwalt in Berlin die Nach- richt erhielt, er habe wohl den Brief des Lerche erhalten, das a n g e- kündigte Originalmanuskript sei aber nicht im Briefe enthalten gewesen. Und trotz aller bestimmten Bersiche- rungen des Lerche blieb es dabei. Das Originalmanuskript blieb verschwunden und Schlieben— pardon, Herr von Schlieben, der konservative Redakteur, blieb von Strafe be- wahrt. Nur der Redakteur der„Staatsbürgerztg.", die den Artikel ver- öffentlicht, erhielt eine Geldbuße. Natürlich zweifelt kein Mensch daran, daß der Staatsanwalt auch gegen Schlieben Anklage erhoben hätte, wenn das unglückliche Manu- skript nicht auf so unerklärliche Weise verloren gegangen wäre. Denn, wie gesagt, die Unparteilichkeit des Staatsanwalts ist über allen Zweifel »haben. — Eine Preisaufgabe. Wir lesen im Pariser„Socialiste" fol« gende lustige Persisflage: „Die katholischen Fabrikanten Lyons haben sich entschlossen, für ihre Seidenwaaren, die heute, wo Italien, Oesterreich, England, Amerika ,c. die ganze Erde mit diesem Fabrikat versorgen, mit jedem Tag mehr anhäufen, Absatz im Himmel zu suchen. Aber dazu heißt es den Ort entdecken, wo sich der Himmel, der Aufenthatt Gottes und seiner Seli- gen, befindet. Zur Zeit des griechischen Heidenthums gab man den Gipfel des Berges Olymp dafür an, die Christen jedoch, denen dieser Himmel u sehr einer Erkletterung seitens der Menschen ausgesetzt schien, wie sie >ie Titanen bereits versucht, verlegten ihn jenseits der Wolken. Nun haben seitdem die Astronomen mit ihren langen Augengläsern dermaßen den interplanetaren Weltraum durchmustert, daß sie das Reich Gottes unbedingt hätten entdecken müssen, wenn es fich in dieser Region be< fände, und unsere heutigen Christen sind daher in vollständiger Unkenntniß davon, in welchem Winkel des Weltalls eigentlich der Himmel ein- quartirt ist. „So hat denn die katholische Gesellschaft von Lyon, in der sich soviel Fabrikanten befinden, sich die Erforschung des Himmels zur Aufgabe gemacht und dem, der ihn entdecken sollte, 150 Franken Belohnung ver- sprochen. Sie find nicht gerade sehr spendabel, die Katholiken! Die Entdeckung des Kongo hat den Stanley und De Brazza ganz andere Profite eingetragen. „Während sie aber dabei sind, das Paradies zu ermitteln, bereiten die frommen Fabrikanten von Lyon inzwischen ihren Lohnsklaven die Hölle in der Fabrik." Paßt auch an die Adresse unserer braven deutschen Kolonisations- wütheriche. Wie schwärmten sie nicht, als Stanley ihnen von den Mil- lionen Negern erzählte, die noch keine Socken und Unterhosen tragen! Aber nun erst die Myriaden von Cherubim und Seraphim mit seide- nen Nastüchern und baumwollenen Nachtmützen versehen zu dürfen, das wäre ein Geschäft! Da könnte man wirklich die Finger nach lecken. Vielleicht liegt in der Ahnung solch zukünftigen Glückes die Erklärung dafür, daß seit einiger Zeit die ganze Fabrikantenwelt anfängt, fromm zu rogchen. — Die; politische Moral unserer Gegner. Es gibt politische Aussprüche, die man als charakteristisch für Parteien und Zustände fest- nageln muh, damit sie das Volk sich fest einprägt. Einem solchen Aus- spruch begegnen wir in der„N a t i o n a l l i b e r a l e n K o r r e s p o n- den z". Das Organ der nationalliberalen Partei schreibt in seinem Aerger über die Haltung des Zentrums in der Branntweinsteuerkom- Mission:„D erKnochen desKirchengesetzes wäreumsonst hingeworfe n." Das heißt mit andern Worten: Das Kirchengesetz, welches alle Hoheitsrechte des Staates der Kirche gegenüber preisgibt, war nur ein„Knoche n", um den Ultramontanen eine hohe Schnaps- steuer abzulocken. Anders Leute haben nun freilich nie daran gezweifelt, daß es sich beim Kirchengesetz wie überhaupt bei der Gesetzgebung der letzte» Jahre, um nichts als gemeinen Schacher gehandelt hat, aber es von so unzweifelhaften Regierungsanhängern bestätigen zu hören, ist trotzdem etwas werth. Beiläufig. Vor einigen Jahren wurde ein Genosse*) angeklagt und, unseres Wissens, auch verurtheilt, weil er das Sozialistengesetz infam genannt. Die Staatsanwaltschaft sah darin eine Kanzler- und Majestäts- beleidigung, da das Sozialistengesetz vom Kanzler eingebracht und vom Kaiser unterzeichnet worden war. Nun, auch das Kirchengesetz ist vom Kanzler verfaßt und vom Kaiser vollzogen worden. In der Bezeichnung desselben als eines Knochen, hingeworfen, um eine Schnapssteuer zu ergattern, liegt daher nach dieser Logik eine Kanzler- und Maje- st ä t s b e l e i d i g u n g, wie sie schärfer nicht gedacht werden kann. Also zugegrissen, Staatsanwälte, eine so schöne Gelegenheit gibt es so bald nicht wieder. Arme nationalliberale Köter, wir begreifen Euern Aerger über die Füchse des Zentrums! Ihr würdet für den„Knochen" alles apportirt haben. — Zur Beförderung empfohlen. Unsere Genossen werden in voriger Nummer in der Korrespondenz aus Halle a/d. Saale über die Verhaftung des Schneidermeisters Seidel gelesen haben. Seidel soll verbotene Schriften verbreitet haben, wofür die Polizei jetzt nach Be- weisen sucht. Da hat nun, wie man uns neuerdings schreibt, bei der Vernehmung eines Kollegen des Seidel der Geheimpolizist Später folgenden charakteristischen Ausspuch gethan: „Dynamitbomben müßte man in die Fachvereine werfen!" Man sieht, welch großes Verständniß Puttkamers Garde der von ihrem Herrn und Gebieter ausgegebenen Parole entgegenbringt. Die Ermun- terung vom Ministertisch aus hat diesen Lümmeln von Polizisten grade noch gefehlt, die ohnedies stets bei der Hand sind, Arbeitervereine oder Arbeiterversammlungen, die sich nicht ihrer speziellen Gunst erfreuen, „im Namen des Gesetzes" aufzulösen. Im Namen des Gesetzes! Selten ist wohl noch ein Wort so skandalös mißbraucht worden, als dieses heut- zutage dem Arbeiter auf Schritt und Tritt entgegengeheulle: Im Namen des Gesetzes. Gesetze, die ohnehin nur der Ausdruck der krassesten Klassen- Herrschaft sind, werden in schnödester Weise ausgelegt, statt ein Schutz gegen Willkür zu sein, sind sie nichts mehr als ein Deckmantel für die frechste Willkür, die es je gegeben. Und was zur vollständigen Blos- legung dieses elenden Lügensystems noch gefehlt, das hat die Phantasie des Hallensischen Polizisten ergänzt:„Dynamitbomben im Namen des Gesetze s." Der Bursche ist gut, Exzellenz, den können wir Ihnen zur Beförde- rung bestens empfehlen, der weiß, wo Barthel den Most holt. Dynamit, das ist heute die Losung. Dynamit hier, Dynamit da, nirgends so große Verehrer dieses wunderbaren Zerstörungsstoffes als in den Reihen der „Pflichtgetreuen Beamten" Sr. Exzellenz des Ministers Puttkamer. — Warum ist Puttkamer ganz besonders rigoros gegen die Maurer? fragt uns ein Genosse. Die Antwort liegt auf der Hand. Bekanntlich ist der Vizepräsident des preußischen StaatSministe- riums obdachlos. Er bekommt blos 9000 Mark Miethsentschävigung, und dafür kann man in Berlin bei dem besten Willen keine Wohnung austreiben. So ist denn der Herr Vizepräsident— leider— gezwungen, um nicht„pennen" zu müssen, in dem Hotel des preußischen Ministers des Innern, Unter den Linden, zu logiren. Dieser fatale Zustand der Dinge würde durch einen Maurerstreik natürlich noch verlängert werden, und so der Herr Vizepräsident, auf wer weiß wie lange Zeit, gezwungen sein, die 9000 Mark in die Tasche zu stecken. Dagegen aber sträubt sich das tugendhafte Gemüth des Jhring-Mahlow-Mannes, all sein Sinnen und Trachten geht dahin, dieser„wohnungslosen, der schrecklichen Zett" ein Ende zu machen, und deshalb sein nur zu gerechter Zorn gegen die Maurer. Honnx seit qui mal y pense. — Aufgepaßt! In Frankenthal(Pfalz) streiken die Arbeiter der dortigen Schnellpressenfabrik von Albert& Cie. Polizei sekundirt den Fabrikanten. Zuzug fernhalten. Unterstützungen zu senden an A. O p p m a n n, Dreher, Wormserstrahe. Belgien. Genosse Ed. Anseele in Gent ist wegen„Aufreizung zum Ungehorsam gegen die Gesetze" zu sechs Monaten Gefängniß ver- urtheilt worden. Er hatte, gelegentlich der Streiks in Charleroi, in einem Artikel im„Vooruit" die Frauen und Mütter der Soldaten auf- gefordert, an ihre Männer zu schreiben und sie aufzufordern, nicht auf das Volk zu schießen. Da das Gesetz den Soldaten blinden Gehör- sam befiehlt, so erblickten Staatsanwalt und Gerichtshof in diesem Ar- tikel ein Verbrechen, das selbst im Lande der Preßfreiheit nicht unge- sühnt bleiben durste. Von der zweiten Anklage, sich einer M a j e st äts- beleidigung dadurch schuldig gemacht zu haben, daß er König Leo- pold in einer öffentlichen Versammlung„Volksmörder" genannt, wurde Anseele freigesprochen, nachdem durch eine Reihe von Zeugen (u. And. auch von Berichterstattern der gegnerischen Presse) festgestellt worden, daß er das Wort in der Aufregung über ein während der Versammlung eingetroffenes Telegramm gebraucht, welches die Erschießung eines Arbeiters durch Gensdarmen meldete. Als Vertheidiger standen Anseele die Führer der belgischen Radikalen I a n s o n und Victor Arnould zur Seite. Die Tribüne des Gerichtshofes war übersüllt und vor dem Gerichtsgebäude harrte eine große Menschenmenge, die dem beliebten Vorkämpfer der Genter Arbeiterschaft bei seinem Heraustreten eine großarttge Ovation bereitete. Tags zuvor ward in Brüssel AlfredDefuisseaux, der Verfasser des vielgenannten„Volkskatechismus", wegen„Aufreizung zu Gewalt- thaten, Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze, Aufwiegelung gegen die Einrichtungen des Landes" zu einem Jahr Gefängniß und 600 Franken Geldbuße vertheilt. Wenn man berücksichtigt, daß in dem Katechismus das allgemeine Wahlrecht als das geeignetste Mittel geschildert wird, allen politischen und sozialen Mißständen abzu- helfen, so kann man nicht umhin, in diesem Verdikt des Gerichtshofes einen Akt skandalösester Klassenjustiz zu erblicken. Die Bourgeoisie des Brüsseler Gerichtshofs— der Quadrat-Korrespondent der Münchener „Allgemeinen" hat den Muth, die aus der Elite der„satten Leute" ausgewählten Geschwornen als„Volksgericht" zu bezeichnen— haben nur ihrem Klaffenhaß Ausdruck gegeben gegenüber dem Mann, der so viel beigetragen zu der tiefgehenden Volksbewegung gegen ihr heiliges Privilegium: das Zensuswahlrech t.*) Uebrigens ist auch das Urtheil im Prozeß Anseele ein charakteristischer Ausdruck der Bourgeoisgesinnung der Geschwornen. Da in Belgien die Bourgeoisie herrscht und im König lediglich ihren Kommis sieht, der von ihr abhängt, so denkt sie über Majestätsbeleidigungen ziemlich gleich- gültig; das Königthum ist ein Luxus, den man sich leistet, weil es Mode ist und man es zahlen kann, wie man sich der Mode halber eine Fasa- nerie hält. Aber sich ereifern, weil jemand den Fasanenhahn ärgert? Unsinn! Etwas ganz anders ist es mit der Armee, die unser Eigen- t h u m, unser Ausbeutungsrecht zu beschützen hat. Dieser ihre Zusammengehörigkeit mit dem Volke predigen, heißt ihren Geist vergiften, und jeder dahingehende Versuch ist auss strengste zu ahnden. Nun, Anseele hat beim Verhör im Voraus die richtige Antwort auf das Urtheil gegeben. Er sagte: „Hätten wir zu den Soldaten sprechen wollen, so würden wir den Muth gehabt haben, uns vor die Kasernen zu stellen, wie wir in den Straßen Gents mit dem„Vooruit" stehen. Ich habe unter dem Ein- fluß meiner Jugendeindrücke geschrieben. Ich erinnere mich noch daran, als mein Vater sich im Streik befand und gesagt wurde, daß es zum Ausstand gekommen, wie sehr meine Mutter damals bebte, wenn mein Vater aus dem Haus ging. Wenn ich für diesen Artikel verurtheilt werde, so nehme ich die Strafe gern auf mich." Wir gratuliren unserm Genossen zu dieser männlichen Sprache. *) Um Stimmung gegen Defuisseaux zu machen, werden in der deutschen Presse allerhand Geschichten über das Vorleben desselben kolportirt. Da- nach soll er Millionär sein, wegen Meineids bestraft, einer Wittwe die Summe von 5000 Franken veruntreut haben tc. ic. Wir wissen nicht, ob an diesen Geschichten etwas Wahres ist und wie viel, aber daß sie sich nicht so verhalten, wie die Blätter schreiben, davon sind wir fest überzeugt. Korrespondenzen. Berlin, 26. Mai. Ein fideles Begräbniß. Heute hatten wir hier das„herr"lichste Begräbniß, das man sich nur denken kann. Schusterjungen, einige Weiber, Kinder, Straßenbummler und zufällig Vorübergehende bildeten ein dünnes Spalier in der Sophienstraße, in der sich der Leichenzug für den Geschichtsschreiber Leopold von Ranke aufgestellt hatte. Die Berliner Studenten, die künftigen Stützen der bürgerlichen Ordnung, waren mit allem mittelalterlichen Firlefanz, ihren Bannern, bunten Schärpen und ähnlichen Symbolen der Chinesenhaftig- keit aufmarschirt. Ihnen folgten, als der Zug fich in Bewegung setzte, fünf akademische Stützen der Ordnung, von welchen die drei mittelsten auf weißseidenen Kissen die Orden Ranke's trugen, mit denen die ver- schiedenen gekrönten Häupter geglaubt hatten, den Vertreter der Wissen- schast auszeichnen zu müssen, der es so vortrefflich verstanden hat, ihnen ungefährlich zu bleiben. Alle fünf hatten so dumme, nichtssagende, semmel- blonde Gesichter, daß es wirklich schien, als habe man sich dieselben, als am besten geeignet zu Trägern des Ordensunsinns, ganz besonders aus- gesucht. Der von Lorbeerkränzen bedeckte und von vier schwarzbehanznen Pferden gezogene Leichenwagen schloß sich ihnen an, dann kamen die bunten Galawagen des Kaisers, des Kronprinzen und der Kronprinzessin, die Wagen der Leidtragenden, und wieder Studenten mit bunten Fahnen, die mit den grünen Blättern vermischt lustig im Winde flatterten. Es war der reine Mummenschanz, der Allen auaenscheinlich das lebhafteste Vergnügen machte. Man sah k e i n e e i n z i g e T h r ä n e. Die Leid- tragenden selbst schienen Mühe zu haben, feierliche Gesichter zu machen, hatten aber wenigstens weiße Taschentücher in den Händen. Am trau- rigsten sahen noch die Pferde des Leichenwagens aus, denn ihre Gesichter waren schwarz verhüllt, wer weiß aber, ob nicht selbst diese von dem allgemeinen Vergnügen angesteckt waren, man konnte es nur nicht sehen. So begräbt die Bourgeoisie ihre gefeierten Todten! Wenn einer von unfern Genossen in der Blüthe des Lebens durch Uebermaß von Arbeit und vielleicht mit Hülfe polizeilicher Quälereien dahingerafft wird, dann wird sein Leichenbegängniß verboten. Die Kameraden dürfen ihrem Schmerz und ihrer Liebe keinen äußeren Ausdruck geben. Aber wahrlich, wenn nur ein einziges blasses Gesicht sich über die Arbeit beugt, die sich bei dem Gedanken, daß in diesem Augenblicke ein langjähriger treuer Freund und Mitkämpfer in aller Stille zu Grabe getragen wird, von Thränen feuchtet, dann ist der zu Tode Gehetzte mit mehr Ehren zur Ruhe ge- bettet worden als der berühmte Leopold von Ranke. G. ♦) Wenn wir nicht irren, Bebel. Bolkmarsdorf(Leipziger Landkreis).„Vincit veritas", so denken und hoffen auch wir, ob früher oder später:„die Wahrheit siegt". Der morsche Bau der heutigen Gesellschaft, dessen Druck sich allerwärts namentlich bei der A r b e i t e r w e l t fühlbar macht, ist auch hier in starkem Wanken begriffen; man hat in unserem Arbeiterdorf von 13,000 Einwohnern schon längst begriffen, daß nur eine vollständige Umgestal- tung der Gesellschaft durch den Sozialismus das arbeitende Volk aus dem Elend der Jetztzeit erretten kann. Möge für die heutige Unord- nung, genannt Ordnung, lieber ein Ende mit Schrecken kommen als ein Schrecken ohne Ende, das Schiller'sche Wort sich bald bewahrheiten: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen." Arbeiten wir vorläufig weiter an der großen Sache, an der Eman- zipation der Arbeiter, suchen wir uns zu vervollkommnen in der Agita- tion u. s. w.. sorgen wir, daß die nächste Reichstagswahl in unserem Ort eine noch größere Majorität als 1000 Stimmen über unsere Geg- ner für uns mit sich bringt. Auch die nächste Landtagswahl muß gut werden, und vor allen Dingen, bewahren wir in allen Wahlen, niögen sie auch Gemeinderathswahlen heißen, unfern prinzipiellen Standpunkt! Nur durch Reinhalten des Prinzips kann der Sache genützt werden. Uebe man auch Kritik an den Gewählten, denn nur Kritik ist die beste Garantie für eine dauernde Gesinnungsfestigkeit derselben; sorgen wir mit einein Wort dafür, unsere gute Sache vollständig intakt zu erhalten. Der(prinzipielle Sinn der hiesigen Genossen will es nun, daß hier im Parteiorgan ein krittsches Sezirmesser angesetzt wird, und zwar an etlichen hiesigen Tugendbolden und Gegnern der Arbeiterpartei. Schon im Laufe des März fanden wir es für nöthig, an die Straßenecken de Ortschaften der Umgegend solgendes Plakat anzuheften:„Arbeiter! De im hiesigen Kirchweg ein Barbiergeschäft betreibende Karl G ö p« hat vor kurzer Zeit eine gemeine Denunziation verübt,« läßlich einer Sammlung für die nothleidende Arbeiterbevölkerung> Meerane. Von was lebt dieser Göpel? Von den Groschen der Arbeits Dafür denunzirt er sie in schmutziger Art. Arbeiter, unterstützt dies» Helden ferner nicht mehr. Denken die Arbeiter mit uns:„Der gröst Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant!" Die W«H der sozialdemokratischen Partei." Das Plakat hat seine Wirkung geth« Der pp. Göpel wehrte sich durch ein Fluglatt, worauf ihm noch eis andere Abfertigung zu Theil wurde. Wie man hört, will derselbe d» Ort verlassen; sehen die Genossen allerorts sich diesen Patron, wenn» erscheinen sollte, genau an, und machen sie ihm den Boden der Existe» nicht zum Paradies. Solche Lumpe müssen geboycottet werden. B Göpel auch sonst in moralischer Beziehung beschaffen ist, bedarf na! alledem keiner näheren Charakterisirung. Ein anderer von dieser netten Sorte ist ein Hausbesitzer im hiesig» Rabet(?), der wegen eines gemeinen Meineids bestrafte„Pantoffel' Reiß. Dieser Mensch, kenntlich an seinem kupferrothen Gesicht, ch maliges Gemeinderathsmitglied, hat vor Jahresfrist einen Genosse» welcher Flugblätter vertheilte, denunzirt, so daß derselbe bestraft wurd» möge auch diesem Ehrenmann der verdiente Lohn nicht ausbleiben. Der hiesige Polizeiapparat zeichnet sich namentlich durch eine Zierd aus: Korporal Lehmann, ein Held, der, nach berühmtem Must« kaum nüchtern wird. Er möchte uns am liebsten ausrotten, kann ui» aber wenig schaden. Bezeichnend ist nur, daß derartige schwankende Gest» ten im Dienst bleiben; wahrscheinlich deshalb, um wahrheitsliebende us anständige Einwohner ungestraft beschimpfen zu können. Dieser Lehmas» hat auch eine sehr moralische Vergangenheit, Wilhelmsstraße selig» Andenkens. Zu diesen Gegnern„seligen Andenkens" gehört auch der frühere Schul mann, jetziger Exekutor Schmidt. Man kolportirte vor Jahr» folgendes offene Geheimniß: Schutzmann Schmidt griff ein Frauenzimms auf, welches der Demimonde angehört, und übertrat dabei selbst di Gebote der Sittlichkeit. Noch andere Fälle dieser Art sind bekannt; ab» wo bleibt die verdiente Strafe? Schmidt ist Exekutor geworden und d solcher hat er mehr Verdienst gegenüber seiner früheren Stellung. In hiesiger Schule ist nicht immer gut sein. Die Prügelpädagog» sind auch hier nicht dünn gesäet; unter Andern hat sich ein gewiss» Hilfslehrer Rübner in dieser Beziehung vorgethan. Hoffentlich wi» sich der Bursche ändern. Für heute sei es mit diesen Tugendbolden genug; wir könnten zw» noch mehr an den Pranger nageln, namentlich aus früherer Perio» Gemeindevorstand Kuhn, doch sei hier nur kurz erklärt: Hüten sich d» Nachfolger dieser verblichenen Größe, in die Fußflapfen derselben» treten, und hüte man sich, Achselttäger zu sein! Diese Mahnung so- genügend. Für uns aber, Genossen, gilt es, auf dem Posten zu sein und All» daran zu setzen, damit die sozialistische Gesellschaft errichtet und all» Unbill und Niedertracht vollfländig der Garaus gemacht wird. Die rothe Wacht.! »>erd«i Postb» und mtgeg v« Fr. 2, VU. 3, ft. 1,7 5t. 2,: W- bi( P �chi gebetet»Verden? Adr. geordn.— Dr. Clemm: Hatte Verspätung. Hofs- Und niß gegeben. Liegt nicht an uns.— Felix I.: Mk. 15: Rest v. Sdr- anto pr. 23/5. Cto. E. bezahlt erh.— Heiligs— links schwenkt!: Ist Sach» J», der F. V., also dahin alles Diesbezügl. Gruß!— Ehemaliger Reichs«! 9. Maulwurf C.: Mk. 52 91 5 Cto. Schft. ic. erh. Weiteres am 27/5. p» � P. K. erledigt.- Rotherbusch: Mk. 20- ä Cto pr. H. erh. Bfl."'ß u Weiteres.— H. S. I.: Mk. 20— ä Cto. Ab. tc. erh. Bstllg. notirt- gesggj Unserseits Alles prompt. Weiteres nach Abkommen.— E. G. Rwld.! Mk. 4— f. Schst. erh. Sdg. nach Vorschrift.— Blaue Taube: Mk-«v 20— Ab. und Slbkt. erb. Natürliib 1 n Nets hetter Mhr„nstw- � 1 Ab. und Schft. erh. Natürlich f o stets besser. Adr. nottrt.-, L. I.-TI.; Mk. 300— k Cto Ab. ic. erh.- Basel: Fr. 34 50«b-"�rdi 2. Qu. erh.— XIZ.: Nachlfg. notifizirt. erh. u. besorgt.- Mpn Därmig: Mk. 110— k Cto. Ab. k. erh.' ct. Weiteres folgt rechtzeitig.— Altenburg S. A.: Mk. 10—; � Decazeville dkd. erh. u. besorgt.- O. Lck. R.: Mk. 10 20 Ab. 2. u. 3. Qu. erh. Adr. geord« net.— Claudius: Mk. 52 k Cto. Ab.»c. erh. Haben Sie denn Qttg- hler i in 14 und 16 nicht gelesen?— Mönus: Mk. 45— Ab. 3. Qu. erh- Ueberschuß verkaufen. Bstllg. folgt.— A. R. N. Hdf.; Mk. 4 40 Ab- 3. Qu. erh.— Adolf o Gk. Rosario: Fr. 10— Ab. 3. u. 4. Qu. u-., Schft. erh. Bstllg. folgt. Dortige Marken verweigern Banken und Kon« sulate, umzutauschen.„Was also thun?" Starker Vorrath von mgt, Ihnen und V. Gruß!— ö Soeben erschien und ist durch Unterzeichnete zu beziehen: '-ocvo -Zur(5 �ier Sozialdemokratische Bibliothek. Heft VI. Die fchlefische Milliarde. Von Wilhelm Wo lff. Mit einem Vorwort von Fr. Engels: Wolff's Biographie, Zur Geschichte der preußischen Bauern. P r e i s: 35 Pfg. 40 Cts. Volksbuchhandlung und Eipeditiou des„Sozialdemokrat" Hottingen-Zürich. Ne futer m x Ute 3; �blid TOgef SoMtistisches Kauptquartier in Wewyork. Freie Lesehalle mit Bibliothek 143 Achte Str. Täglich, inclusive Sonntags, geöffnet von 9 Uhr Morgens bis 10 Uhr Abends. Gaben an Schriften und Büchern dankbar entgegenommen.— Adresse:?roo Nooialist I-ibrary, 148 Eigth St. Xew-York. U. S.(4-3) «chweiztrstch«»iii->IIt»I»afti-Bu>Sdru!leret hoMngeil-Zortch. bar I ftnen �tar, Do �iickt. vchsii Wim •Won