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Die Internationale Arbeiter-Konferenz in Paris. i. Die Internationale Arbeiter-Konferenz, welche vom 23. bis 29. August in Paris tagte, und über welche wir in der nächsten Nummer einen ausführlichen Spezial- bericht bringen werden, hat einen in mehrfacher Beziehung be- merkenswerthen Verlauf genommen. Anfangs schien es, als ob auch auf ihr, gleichwie auf der vor 3 Jahren in Paris abgehaltenen Konferenz, die Delegirten der englischen Gewerkvereine den Geist der Debatten und Beschlüsse in ihrem Sinn beeinflussen würden, und die Bour- geoispresse, voran der Pariser„Figaro", lobte bereits die „kluge und verständige Haltung" der Theilnehmer der Kon- ferenz. Aber die Freude war nur von kurzer Dauer. Nicht als ob im weiteren Verlaufe die Fabrikation von Dynamit und Bomben empfohlen und beschlossen worden wäre— daS hätte der Bourgeoisie wenig Kopfschmerzen gemacht—, aber die englischen Delegirten wurden ein gutes Stück nach vor- wärts gedrängt— vorwärts zum dreimal verrufenen So- zialismus. Es war vielleicht nicht ganz den Regeln der internationalen föflichkeit entsprechend, wenn in der zweiten Sitzung der onferenz der Vertreter unserer Partei, Genosse Grimpe, in seinen Bericht über Deutschland eine Antwort auf einige Bemerkungen des Vertreters der englischen Gewerkvereine und sogar einen Angriff auf einen der hervorragendsten Führer derselben, Herrn H. Bro ad hurst, einfließen ließ, und eS ist begreiflich, wenn die Engländer, meist persönliche Freunde de» Genannten, gegen die Angriffe auf ihn Verwahrung ein- legten. Aber es ging mit dieser„Taktlosigkeit", wie es die tugendhafte Presse nennt, wie mit den„goldenen Rücksichts- losigkeiten" Goethes, ihre Wirkung war, trotz des KrakehlS, den sie zuerst hervorrief, eine durchaus wohlthätige. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: In der ersten Sitzung hatte der Delegirte des National- Verbandes der englischen Gewerkvereine, Maudsley, in sei- nem Bericht die Erfolge- der Gewerkvereine gepriesen. Am zweiten Tage kam nun Grimpe zum Wort und gab einen sehr ausführlichen Bericht über die Lage der Arbeiter in Deutschland, über die Thütigkeit unserer Partei innerhalb und außerhalb des Parlaments zc.:c. und sagte mit Bezug auf die Maudsley'sche Rede(wir zitiren nach dem im„Proletariat" veröffentlichten Protokoll): „Maudsley habe gesagt, er habe keine sozialistischen Bezieh- ungen; er(Grimpe) fordere die englischen Delegirten auf, sich mit den englischen Sozialisten in Verbindung zu setzen. Er bedauere, daß die englischen Gewerkvereine nicht mit den Sozia- listen zusammengehen, welche die volle Emanzipation der Ar- beiter aller Kategorien erstrebten. Er wendet sich dann gegen eine andere Stelle des Berichtes des englischen Delegirten, wo eS heißt, daß diejenigen, die ihre Beiträge nicht regelmäßig bezahlen, als falsche Brüder bezeichnet werden, und sagt, man müsse nicht nur diese als falsche Brüder bezeichnen, sondern auch diejenigen, die, wie Nadaud und Tolain, ihre Versprech- ungen nicht halten, oder diejenigen, die, wie Broadhurst, für Ausnahmegesetze gegen die Sozialisten(soll heißen gegen die Jrländer) stimmen. Mögen die Engländer, setzte er hinzu, es machen wie die Franzosen, die sich von Tolain und Nadaud losgesagt haben, d. h. den falschen Bruder Broadhurst fallen lasseil und offen zuin Sozialismus übergehen. In der heftigen Debatte, welche diese Worte hervorriefen, erklärte Grimpe, er habe keineswegs die englischen Delegirten verletze», sondern lediglich die Aufmerksamkeit der Trades Unions ans die Haltung Broadhurst's lenken wollen. TagS darauf antwortete V urnett, Delegirter des Ge- werkvereiuö der vereinigten Maschinenbauer, auf Grimpe'S Ausführungen. Er nahm die englischen Gewerk- vereinler gegen den Vorwurf, Gegner des Sozialismus zu sein, in Schutz(sehr gut!) und erklärte es für eine Pflicht der Sozialisten, in die Gewerkvereine einzutreten, um sie auf die Bahn des Fortschritts zu leiten(welches Zugeständniß I). Er pries die Erfolge, welche die Gewerkvereine bisher errun- gen, und findet eö namentlich nicht paffend, daß ein Deutscher die Aktion der Gewerkvereine bemängele, während es doch gerade vorzugsweise deutsche Arbeiter sind, die in London den englischen Arbeitern eine erbitterte Konkurrenz machen. Was Broadhurst anbetrifft, so habe derselbe trotz Allem, was man gegen ihn vorgebracht, das Vertrauen der TradeS-Unionisten uicht eingebüßt, dieselben seien der Ansicht, daß dadurch, daß man ihn zum Mitglied der Regierung machte, man anerkennen wollte, daß die Arbeiter nicht blos das Recht hätten, zu stim- wen, sondern auch zu regieren... Solange Herr Broadhurst fortfahre, den Gewerkschaften beizustehen, gelte er ihnen nicht als Verräther, wie die von Grimpe genannten Personen u. s. w. Da Grimpe nicht zum zweitm Male das Wort ergreifen konnte, so replizirte R a ck o w auf den Theil der Burnett'schen Rede, der von der Lage der deutschen und englischen Arbeiter handelte. Auch Genosse Anseele(Belgien) griff zu Gunsten Grimpe'S in die Debatte ein und tadelte es insbesondere, daß die Stelle der Rede Burnett's, wo es heiße, daß die deutschen Arbeiter die Löhne drücken, applaudirt worden sei. Man er- innere� sich doch, rief er aus, daß die deutschen Sozialisten im Kampf für die Erhöhung der Löhne in das Gefängniß gewandert sind. Die Deutschen wünschen einfach, daß die Trades Unions sozialistischer werden, und wenn dieselben das nicht wollen, so beklage ich sie." Soviel für heute über diesen Zwischenfall. Was nun die der Konferenz zur Beschlußfassung vorgelegten Fragen anbetrifft, so ist wohl zur Zeit die wichtigste die der internationalen Fabrikgesetzgebung. Mit Bezug auf diese wurde in Abstimmung nach Nationen folgende Tagesordnung mit allen gegen die Stimmen der Engländer angenommen: „Die Arbeiter der verschiedenen Länder sollen ihre Regie- rungen auffordern, Unterhandlungen aufzunehmen behufs Ab- schließung internationaler Verträge und Vereinbarungen über die Arbeitsbedingungen. Die Konferenz empfiehlt in erster Reihe folgende Forde- rungen: 1) Verbot der Arbeit der Kinder unter 14 Jahren. 2) Schutzmaßregeln für jugendliche Arbeiter über 14 Jahren und für Frauen. 3) Festsetzung des achtstündigen Arbeitstages bei einem Ruhetag pro Woche. 4) Verbot der Nachtarbeit, außer in gesetzlich bestimmten Ausnahmefällen. 5) Obligatorische Einführung von Einrichtungen in den Werkstätten zum Schutze der Gesundheit. 6) Verbot gewisser Jndustriebranchen und gewisser Pro- duktionsmethoden, welche für die Gesundheit der Arbeiter besonders schädlich sind. 7) Zivil- und strafrechtliche Haftbarmachung der Unter- nehmer bei Unfällen. 8) Ueberwachung der Werkstätten, Fabriken, Werkplätze:c. durch von den Arbeitern gewählte Aufsichtsbeamte. Auf Vorhalten C. de Paepe's erklärten die englischen Delegirten, sie hätten nur deshalb nicht für die Resolution ge- stimmt, weil sie von ihren Mandatgebern keinen bestimmten Auftrag in diesem Sinn erhalten hätten, sie schlößen sich indeß den Entscheidungen der Konferenz an und wollten sie dem Nationalkongreß der Gewerkschaften vorlegen, der demnächst (den 7. September) in Hull zusammentrete. Gegen ihr Verhalten vor 3 Jahren ist das kein geringer Fortschritt. Es mag den guten Leuten bei dem Anpreisen ihrer Erfolge doch nicht so ganz leicht ums Herz gewesen sein, auch wird die Einmüthigkeit der übrigen Delegirten in der prin- zipiellen Auffassung der Dinge ihren Eindruck auf sie nicht verfehlt haben. „Arbeiterfreundlichkeit auf Irrwegen." Es gehört zu den Gemeinplätzen, die Jedem, der die sozialdemokra- tische Theorie auch nur ganz obenhin kennt, längst geläufig sind, daß die Verwohlseilung der Nahrungsmittel an und für sich für die Ver- befferung der Lage der arbeitenden Klaffen von keiner Bedeutung ist, weil das Lohngesetz den günstigen Wirkungen jener Verbilligung entgegen- wirkt und sie illusorisch macht. Es kann sich darum auch nur aus der Freude an Trivialitäten erklären, wenn in einer unter dem Titel: „Die Arbeiterfreundlichkeit auf Irrwegen. Von Dr. Hermann Mehner. Wien, Verlag der Deutschen Worte. 1885" erschienenen Schrift in übermäßig breit ausgesponnener Weise zwei Schrift- stellern gegenüber, die neuerdings wieder einmal durch Volksküche und verbefferte Koch- und Speiserezepte die soziale Frage lösen wollen, die Abgeschmacktheit derartiger Bemühungen nachzuweisen versucht wird. Wenn wir von der genannten Schrift hier Kenntniß nehmen, so ge- schieht es selbstverständlich nicht wegen jener Polemik gegen sozialpolitische Küchen und Köche, sondern weil der Verfaffer mit einem eigenen Vor- schlag hervortritt. Dieser Borschlag ist zwar auch nichts weniger als neu, aber da er in verbiffener Hartnäckigkeit von Zeit zu Zeit immer wieder von diesem oder jenem sozialpolitischen Wunderdoktor angepriesen wird, so mag er hier gelegentlich einmal beleuchtet werden. Nachdem Mehner mit der schwierigen Frage, was wohl Volksküchen und Fleischpulver-Rezepte als Sozialreform werth sein mögen, glücklich fertig geworden, enthüllt er uns endlich auf der letzten Seite seine Auffaffung von der sozialen Frage. Wie definirt er diese? ES ist„die einzig richtige Frage, sagt er S. 85, die soziale Frage: Wie erhöht man den Lohn?" In diesen Worten ist das sozialpolitische Programm der Schrift«nt- halten. Herr Mehner hatte zwar nicht die Freundlichkeit, uns näher auszu- führen, wie wir zur Realisirung deffelben gelangen können, indessen wollen wir von den praktischen Schwierigkeiten zunächst absehen und die theoretische Berechtigung des Vorschlags prüfen, indem wir denselben, um die Verständigung zu erleichtern, allein im Lichte jener Wissenschaft- lichen Theorien beleuchten, die der Verfasser selbst als giltig anerkennt. Der Preis der Maare Arbeitskraft, entwickelt uns Herr Mehner, ist wie der jeder anderen Maare bestimmt durch Nachfrage und Angebot. Den Arbeitern macht sich dieses Gesetz in der Meise fühlbar, daß einer- seits bei größerer Arbeiterzahl, als der Bedarf sie erheischt, die Kon- kurrenz die Arbeiter zwingt, sich gegenseitig in Hungerlöhnen zu unter- bieten, andererseits bei mangelndem Angebot von Arbeitern die Lohn- steigerung durch Einführung von Maschinen gehindert wird. Danach muß geschloffen werden, daß eine Lohnsteigerung dem Kapital nicht» weniger als erwünscht ist, woran wir Herrn Mehner deshalb erinnern, weil seine Schlußfolgerung zu der Annahme zwingt, daß er dies, trotz- dem seine Leser es oft genug zu hören bekommen, selbst vergessen zu haben scheint. Das bisher Gesagte würde allein schon genügen, den grellen Wider« spruch, in dem sich die Forderung des Verfassers bewegt, erkennen zu lassen. Es ergibt sich, daß der Lohn sich nur innerhalb ganz bestimmter Grenzen bewegen kann. Vermindert sich die Zahl der Ueberflüssigen in Folge steigender Nachfrage, so wird der Lohn steigen können; dieser Möglichkeit wird aber die Gewißheit einer Senkung des Lohne» gegenüberstehen, wenn in Folge verringerter Nachfrage die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte sich vermehrt. Für die beständige Erweiterung aber sorgt, wie man weiß, von der natürlichen Bevölkerungsvermehrung abgesehen, die Einsührung immer neuer Maschinerie, sowie„die weniger auffälligen Wirthschastsverbesserungen"(©. 10), die Verdrängung der Männer durch Frauen, der Erwachsenen durch Kinder und in gewissem Grad auch die Zentralisation des Betriebes. Damit verbindet sich theil» als Ursache, theils als Wirkung Ueberproduktion, Krisis, Stagnation, und wie die segensreichen Wirkungen der freien Konkurrenz sonst noch heißen mögen. All' dies bildet einen gesetzmäßigen Kreislauf, in den einzubrechen und dessen Bewegung an irgend einem beliebigen Punkt hemmen zu wollen, sich als eine ebenso fruchtlose wie unsinnige Bemühung er« weisen muß. Auch Herrn Mehner scheint die Erkenntniß dieser Erfolglosigkeit dunkel aufgedämmert zu sein. Denn wenn wir auch in seiner Broschüre öfter» Hinweisen auf eine ganz andere Lösung der sozialen Frage begegnen, wie z. B. S. 35:„wenn die Arbeiterfreundlichkeit ernstlich helfen will, ... muß sie das Monopol an den Arbeitsmitteln brechen", so können wir solche Aeußerungen doch nur als eine Dämmerung dieser Lösung bezeichnen, solange Herr Mehner es fertig bringt, in demselben Athem« zug zu sagen, daß diese Lösung doch nur auf dem, über gewisse eng« Grenzen hinaus unmöglichen Weg einer Lohnerhöhung zu suchen sei. Die Einsicht, daß in unserem Zustand fortwährend verbesserter Tech« nik und Wirthschast, infolge dieser Verbesserung, der Lohn unausgesetzt auf so niedrigem Stande erhalten wird, daß die nicht und wenig quali« fizirten Arbeiter nicht mehr davon leben können"(&■ 20), ist von sehr zweifelhaftem Werth, wenn sie zu solch' widerspruchsvollem Resultat« führt. Der Verfasser begeht obendrein den groben Jrrthum, zu behaup» ten, das eherne Lohngesetz gelte nur für einfache Arbeit, d. h. für jene, deren Ausführung keiner Uebung und Vorkenntnisse bedarf, nicht aber für die höher qualifizirte. Die UnHaltbarkeit dieser Behauptung ist leicht einzusehen. Höhere, qualifizirte Arbeit ist eben solche, deren Erzeugung»- und Erhaltung?« kosten der einfachen Arbeit gegenüber höhere sind. Ebenso wie bei dieser, wird das Lohngesetz die höhere Entlohnung, die der qualifizirteren Arbeit zu- fallen muß, auf ihr Minimum zu senken bestrebt sein. Es ist jedoch selbstverständlich, daß dieses Minimum aller in die Arbeitskraft über- Haupt eingegangenen Bildungskosten und des Lebensunterhaltes bei einem Steinklopser z. B. einen niedrigeren Werth darstellen wird als bei einem Mechaniker. Herr Mehner konstatirt die Thatsache, daß intensivere Arbeit nicht höher entlohnt wird als andere, und behauptet damit im Zusammen- hang, daß der höhere Lohn englischer Arbeiter das eherne Lohngesetz nicht umstoße,„denn er stützt es auch nicht"(©. 18). Die englischen Arbeiter unterliegen aber dem ehernen Lohngesetz ebenso wie alle andern Lohnarbeiter und„stützen" es darum ganz ebenso, wie z.B. die säch« sischen Weber. Wenn sie höheren Lohn erhalten als die Arbeiter der übrigen Nationen, so allerdings nicht in Folge erhöhter Intensität, sondern wegen der höheren, den Engländern gewohnten LebenSbedürs- nisse, das ist wegen der höheren Produktionskosten dieser Arbeiter. Das Verhältniß des Kapitalisten zum Arbeiter ist innerhalb des Produktions- Prozesses ein rein ökonomisches, geschäftliches. Der Kapitalist sucht, so- lange er sich als solcher bethätigt, fein Kapital möglichst zu verwerthen, möglichst hohen Gewinn zu erzielen; er muß es, wenn er nicht im Kon- kurrenzkampf untergehen will. Und daß niedriger Lohn dem Kapitalisten zu Gute kommt,„ist den Fabrikanten ohne alle nationalökonomische Beweisführung instinktiv bekannt"(S. 30). Dies scheint Herrn Mehner ziemlich klar zu sein, aber auch ihm mangelt„das theoretische Verständniß oder die praktische Fühlung, daß eine ernstliche Hilfe für die Arbeiter ein rentenschmälernder Frevel, so« mit als kapitalistisches Liebeswerk unmöglich wäre" sS. 3). Wir haben die eigenen Worte des Verfassers zitirt, um den krassen Widerspruch seiner Forderung mit all' dem, was er selbst kurz zuvor entwickelt hat, deutlich hervorzuheben. Fragen wir nun Herrn Mehner, welches die Mittel und Wege sind, die zu dem Ziel einer Lohnerhöhung führen. Wer ists, der seiner Mei» nung nach die helfende Hand dazu reichen kann und soll? Sind es ein« zelne Unternehmer? Daß diese, selbst ihren guten Willen vorausgesetzt, reformatorische Vorschläge nicht durchzusetzen vermöchten, welche die Ge- setze, nach denen die Bewegung unseres wirthschafilichen Organismus sich vollzieht, ganz umstoßen würden, dürfte der Verfasser zugeben. Oder vermöchte der Staat diese Aufgabe zu lösen? Wer ist denn dieser Staat, und worauf beruht seine Macht? Ob der Verfasser sich bei Abfassung seines„arbeiterfreundlichen" Vorschlags das wohl schon gefragt hat? Wir bezweifeln es, denn sonst würde er sich gesagt haben müssen, daß dieser Staat im Großen und Ganzen nichts Anderes ist als ein Aus- schuß eben dieser Kapitalistenklaffe, die vor Allem auf hohe Rente erpicht bleibt, daß dieser Staat auf nichts Anderem beruht, als auf der Macht der besitzenden Klaffe über die nichtbesitzende, und daß, gerade auf diesen Gegensatz gestützt, sie ihre Herrschaft zu befestigen und zu einer dauernden zu machen sucht. Läge ein„kapitalistisches Liebeswerk" irgendwie in der Absicht der Kapitalistenklasse, so wäre durchaus nicht einzusehen, warum eine ver- besserte Lage der Arbeiter nicht auf dem Wege der Verbilligung der Lebensmittel, wie das Herr Wolf z. B. in seinem„Volkskllchenland" erhofft, ebenso gut wie auf dem der Lohnerhöhung zu erzielen wäre. Die Kapitalisten würden sich im Gegentheil die Zumuthung, in solchem Falle den gleichen Geldlohn zu bewilligen, wenn überhaupt, bei weitem eher gefallen lassen, als die andere der Lohnerhöhung. Bei gleichem, ja sogar bis zu gewissem Grad sinkendem Geldlohn könnten dann sowohl die Arbeiter über einen größeren Konsumtionsfond verfügen und viel- leicht„sparen", als auch die Kapitalisten sich besser stellen. Der Unter« schied, ob die Lage der Arbeiter durch Verbilligung des Unterhalts oder Erhöhung des Lohns verbessert würde, ist unter dieser Voraussetzung ohne jeden Belang. Da dergleichen wohlwollende Bestrebungen aber überhaupt nicht im Sinne der Kapitalisten liegen, lassen diese sowohl das Eine wie daS Andere hübsch bleiben, drücken den Geldlohn„um soviel, daß derEach- lohn gleichbleibt"(S. 27) und machen sich über solche und ähnliche Vor- schlüge besten Falls lustig. Denn jeder unter ihnen weiß, daß„man", wie der Verfasser sagt,„nicht viel, sondern wenig an Werth r erbrauchen soll, und nicht zum Zwecke des Lebens, sondern zum Zwecke des Ar« beitenS".(S. 32.) Der Hinweis auf den fünfzigjährigen Kampf um den Normalarbeitstag in England sowie all die gleichen oder ähnlichen «Smpse, die sich täglich vor unsern Augen abspielen, sollte allein genügen, zu zeigen, daß Bestrebungen, die die Lage der Arbeiter zu verbessern suchen, in direktem Widerspruch mit den Forderungen des Kapitals stehen. Jeder derartige Fortschritt wird auf dem Wege eines stillen oder offenen Kampfes zwischen der Arbeiter- und der Kapitalistenklaffe errungen, und wird stets nur auf dem Weg dieses Klassenkampfes errungen werden können. Die Erhöhung des LohneS in Folge außerordentlich günstiger Um- stände kann, abgesehen von der Unmöglichkeit, jenen glücklichen Zustand als einen dauernden festzuhalten, nie jenen Punkt erreichen, der gleich- bedeutend wäre mit Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise. Das Kapitalverhältniß wird durch eine Lohnerhöhung nicht im mindesten geändert. Das Ziel aber, wonach wir steuern, ist eine Benderung jenes Verhältniffes. Wir wollen nicht gleich einem schlechten Gärtner unsere Kraft daran verschwenden, den leidenden Baum an Blättern und Blüthen zu hellen, während die Wurzel trank darniederliegt; wir werden wohl jene sorgsam pflegen, damit sie nicht weiter verderben, aber dieser wer- den wir unsere hauptsächlichsten Bemühungen zuwenden. Die Wurzel des UebelS in unserem Wirthschastsorganismus ist aber die Trennung von Arbeiter und Produktionsmittel. Da muß die Arbeiterfreundlichkeit sich bethätigen,„sie muß das Monopol an den Arbeitsmitteln, welches die Herrschaft über den Arbeitsertrag begründet, und damit die Macht brechen, welche die Arbeiter zwingt, in sreier Konkurrenz um die Arbeits- gelegenheit um den geringsten möglichen— für die Besitzenden mög- lich-n- Antheil(?) an der Frucht ihrer Anstrengung sich aufzureiben! Wenn sie dort nicht anfaßt, kann der Unterhalt noch so billig werden, es wird nur der Lohn ebenso billig werden. Und wenn es dahin käme, daß wir Eiweiß, Fett und Stärke und gleich allen Arbeiter-Unterhalt ganz umsonst in der Retorte machten, so würden nur die Arbeiter um eine Sache ohne Werth, ganz umsonst arbeiten! Denn arbeiten müßten sie. Die Retorte gehört ja den Kapitalisten!"(S. SS.) Dies die in der Hauptsache richtigen, wenn auch, wie die ganze Schrift, barbarisch styli- firten Worte des Versaffers; sie selbst richten ihn am schärfsten. Er steht, daß die sreie Konkurrenz,„der Ausschluß von den Pro» duktionsmitteln durch den davon erzeugten Wettbewerb um die Arbeits- stelle sie(die Arbeiter) zwingt, für einen Hungerlohn zu arbeiten," (6. 28) er sieht, daß die Entwicklung unserer Produktionsweise zu einer Verschärfung der Gegensätze treibt, und er verlangt— eine Lohnerhöhung. Wer wird eine Lohnerhöhung nicht wünschenswerth finden? Sie ist das ohne allen Zweifel, und die Arbeiter verdienen die allerenergischste Unterstützung, wenn sie alle Mittel, die ihnen die Klassenorganisation in die Hand gibt, zu diesem Zwecke gebrauchen, aber man darf, ohne in die schlimmste Kon- fusion zu verfallen, diesen Kampf um eine Lohnerhöhung, wie er auf dem Boden unserer Produktionsweise sich abspielt und allein ab- spielen kann,„nicht verwechseln mit dem Anstreben einer„L o h n- e r h S h u n g" als sozialreformatorisches Heilmittel zur g r u n d s ä tz- lichen Aenderung unserer wirthschastlichen Zustände. Diese„Lohn- erhöhung" ist alles Andere, nur nicht wünschenswerth. Wünschenswerth im sozialpolitischen Verstand kann doch nur sein, was zugleich möglich ist. Ist ein Ding unmöglich, so ist seine Verfolgung allem vernünftigen Wünschen entgegengesetzt, weil wir dadurch in eine verkehrte Richtung getrieben werden und unsere Kraft in phantastischen und utopischen Anstrengungen nutzlos vergeuden. Zu einer richtigen Einsicht über die ins Werk zu setzenden sozialpoli- tischen Mittel gelangen wir nur auf dem Wege eines Verständniffes der wirthschastlichen Vorgänge, der geschichtlichen Bedingungen für die wei- tere Entwicklung unseres gesellschaftlichen Systems. Diese Entwicklung aber drängt mit unerbittlicher Nothwendigkeit zu einer beständigen Sen- kung des Lohns. Jede Bemühung, den Gang der geschichtlichen Entwick- lung zu hemmen, wäre aber nicht nur ganz nutzlos, sondern sie sührt« uns überdies, wenn sie gelänge, weit ab von unferm Ziel. Dieses Ziel ist allerdings,„das geltende Lohngesetz brechen helfen,"(S. 3S) aber nicht durch„Erhöhung des Lohnes", wie der Verfasser es will,„das Elend nicht am Ende zu bekämpfen,- am Lohn,"„an dem bereits abge- meffenen Theile des Arbeitsertrages..., sondern am Anfang, an den Ursachen, welche diesen Antheil(?) bestimmen, am Besitz der Pro- duktions mittel."(S. 3b.) Die geschichtliche Entwicklung drängt zu diesem Ziel auf dem Wege eines immer intensiver geführten Klaffen- kampfes, der durch seine internationale Busdehnung den Arbeitern eine unüberwindliche Kraft verleiht und den Sieg verbürgt. Die immer wach- sende Anhäufung von Elend darf uns nicht irreführen, denn gerade die- ser Druck wird die Arbeiter antreiben, die Feffeln dieser Produktions- form zu sprengen, und alle Kämpfe und Wehen werden nur dazu dienen, ihre Energie zu stählen und den Prozeß der Umwandlung abzukürzen. Auf dem Wege einer„Lohnerhöhung" in seinem Sinn aber wird Herr Mehner ebenso wenig das geträumte Arbeiterglück zu sehen bekommen, wie Herr Wolf, den er so heftig bekämpft, durch Verdilligung der Lebens- mittel. Auch er muß ebenso wie jener zu den Leuten gerechnet werden, welche die Nationalökonomie nur„im Herzen haben"(S. 23), und der anspruchsvolle Titel seiner Schrift kehrt sich in bitterer Ironie gegen ihn selbst. C. S. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 31. August 1886. — DaS gute Gewissen unserer Machthaber äußert sich in immer lustigeren Sicherheitsmaßregeln— d. h. die Sicherheit oerbürgen sollenden Maßregeln. Ein„herrliches Heer" wie kein zweites in Europa, ein Armee von uniformirten und nicht uniforniirten Spitzeln, wie sie zahlreicher die Welt noch nicht gesehen, Korruptionsmittel aller Art in Hülle und Fülle stehen ihnen zur Verfügung, und doch genügt daS alles nicht, es muß immer noch mehr für die Ruhe und Sicherheit des Staates— will sagen, der Staatslenker, gesorgt werden.„Denn wenn auch das Heer eine nicht zu verachtende Schutzwehr ist, wer ver- bürgt uns die Treue des Heeres?" So oder ähnlich sprach eines Tages der tugendhafte Putty, setzte sich hin und tüftelte eine neue Verfügung aus, die in wahrhaft genialer Weise das Problem löst, wie man das Heer von dem bösen„Petroleum" »einhalten kann. Und„dem kleinen Veilchen gleich, das iin Verborgenen blüht," verzichtete er diesmal darauf, seine neueste Leistung aus dem Gebtete der höheren Staatsrelterei an die große Glocke zu hängen, sondern begnügte sich damit, das Gute um des Guten Willen zu thun. Wir ehren die Bescheidenheit Sr. Exzellenz, aber dem Verdienste seine Krone. Wenn er sein strahlendes Licht in zarter Zurückhaltung unter den Scheffel stellt, so kann das für uns kein Grnnd sein, ihm die verdiente Anerkennung vorzuenthalten. Kommen Sie hervor, Herr Reichs- Oberspitzelminister, und hören Sie, was uns einer der Unserigen, der in Ihrer unmittelbaren Nähe— wir möchten fast sagen, unter Ihren Augen— wirkt und Sie so zu bewundern reichliche Gelegenheit hat, zu Ihrem Lobe mitheilt. Es ist, wir können Sie deffen mit gutem Ge- wissen versichern, ein sehr znverlässiger Mann. Derselbe schreibt uns: „Geheim! Herr v. Puttkamer hat einen neuen Erlaß vom Stapel gelassen! Im Oktober v. I. hat er an seine getreuen Landräthe sowie an sämmtliche Minister der Kleinstaaten den strengen Geheim- Befehl erlaffen:„daß die Gensdarmerie angewiesen werde, ein strenges Auge über diejenigen zu haben, welche sozialdemokratische, Fachvereins- und Krankenkaffen-Versammlungen besuchen. Besonders"— hieß es in dem geheimen Erlaß weiter—„sollen diejenigen Personen scharf überwacht werden, welche im militärpflichtigen Alter stehen,"—„es ist dem Ministe- rium bekannt geworden, daß die Führer der Sozialdemokratie ihren Ge- noffen, welche zum Militärdienst ausgehoben werden, strenge anbefohlen haben, sich während ihrer Dienstzeit wacker zu halten, damit sie Unteroffi- ziere werden. Auf diese Art will sich die Sozialdemokratie des Unteroffiziers- korpS bemächtigen, um im Falle einer ausbrechenden Revolution das Militär auf ihrer Seite zu haben." Es heißt dann weiter, daß von derartigen Personen genaue Nachrichten über ihre Verhältniffe gesammelt werden sollen,„damit selbe streng überwacht und vom Avancement aus- geschlossen werden können." Dieser ministerielle Erlaß scheint nun nicht nach Puttkamers Wunsch überall stramm befolgt worden zu sein, denn Anfangs August ging wiederum ein geheimes Schreiben an die Landräthe ab, worin dieselben mit Strafen belegt werden, wenn sie nicht bis Ausgangs August daS verlangte Material einsenden. Herr v. Puttkamer will von seinen Trabanten, daß sie ihm„mit eigen- händigem geheimem Schreiben die gesammelten Nachrichten über diejenigen für den Militärdienst ausgehobenen Mannschaften vorlegen, welche bereits eine gewiffe Führerrolle innerhalb der sozialdemokratischen Partei eingenommen haben oder wenigstens als eifrige und zielbewußte Vertreter ihrer Lehren gelten." Die Landräthe werden ihres Herrn Wunsch befolgen. Aber damit die beiden Erlasse Puttkamers auch streng geheim bleiben und der schneidige Junker eine kleine Freude hat, sollen dieselben hiermit durch den„Sozialdemokrat" zur allgemeinen Kenntniß gelangen." Ein sozialdemokratischer Landrath. Was sagen Sie zu unserem Freunde, Exzellenz? Ein Prachtkerl, nicht wahr? Etwas indiskret zwar, aber in der besten Absicht, nur um Ihr Lob desto lauter ertönen zu hören. Und was uns anbetrifft, so kommen wir seinem Wunsche sehr gerne nach. Ruhm, Preis und Ehre dem Mann, der uns so schlau auf die Sprünge gekommen. Heil ihm, der den Umstürzlern den Todesstoß versetzt, indem er ihnen die Unterossiziere entzieht. Denn von nun an wird natürlich in der ganzen Armee kein einziger Sozialdemokrat als Unteroffizier mehr Unterschlupf finden, nun, wo der teuflische Plan, den Staat durch „wackeres Verhalten im Dienst" umzustoßen, in seiner abschreckenden Nacktheit blosgelegt ist. Wird der Erlaß getreulich befolgt, woran wir nicht zweifeln, so dürfen die guten Bürger endlich einmal beruhigt auf- athmen. Kein Mensch kann sie ihrer lieben Obrigkeit berauben, der Staat ist gerettet. Auf wie lange? — Die tolle« Neaktioussprüuge» die Junker Otto mit seinem Puttkamer und sonstigen Konsorten jetzt macht, erklären sich von selbst, wenn man einen Gesammtblick auf die innere und äußere Lage wirft. Eine despotische, auf Bereicherung ihrer Interessenten hinzielende Re> gierung ist immer gemüthlich, wenn die Geschäfte gut gehen und es ihr möglich ist, auf dem Gebiete der auswärtigen Politik wohlfeile, das Volk der Gedankenlosen aber blendende und berauschende Lorbeeren zu pflücken. Was der Baldrian für die Katzen, das ist der Lorbeer für unzählige Menschen, wohl leider noch für die Mehrzahl. Man betrachte sich nur die Geschichte des zweiten französischen Kaiser- reichs, deffen verschlechterte Ausgabe das Bismarck'sche Reich der Gottes- furcht und frommen Sitte ist. Solange die Dezemberbande ungestört und mit glänzendem Erfolg das Land ausrauben konnte— ähnlich wie unsere Regierungs-Agrarier solange der Börsen'chwindel florirte, wie er bei uns unter Bleichröder's und seiner Gönner Auspizien florirt hat; solange das Unkraut, genannt Lorbeer, so reichlich wucherte, daß jedem Liebhaber ein reiches Gericht vorgesetzt werden konnte, und das Volk der Gedankenlosen den Ruhm deS genialen Staatsmanns an der Spitze des Reichs in allen Tonarten sang— genau so wie es ein gutes Jahr- zehnt und länger bei uns der Fall war—, da konnte der Neffe des Onkels sich den Luxus eines behaglichen Liberalismus und einer gewissen Noblesse erlauben. Er spielte den Großmüthigen gegen seine Feinde und spreizte sich in dem wohlthuenden Gefühl, es werde ewig so fortgehen, und im Pantheon der Geschichte werde sein Name auf ewige Zeiten unter denen der großen Männer und unter denen der edelsten Mensch- heitswohlthäter prangen. Als jedoch die mageren Jahre anfingen, als Frankreich so ausgeraubt war, daß selbst die rasfinirten Räuber der Dezemberbande nicht mehr wußten, wo Millionen zu stehlen; und als der Bankrott der auswär- tigen Politik dem Bankrott der inneren Politik aus dem Fuße folgte, da wurde der„geniale Staatsmann" an der Spitze des französischen Kaiserreichs ungemüthlich, und er mußte sich wieder auf den Geschäfts- zweig verlegen, mit dem er begonnen hatte: nämlich auf die Staats- und Gesellschaftsretterei. Das„rothe Gespenst" wurde wieder herausgeputzt, die„weißen Blousen"— ins preußische Deutsch übersetzt heißen sie Mahlow- I h r i n g u. s. w.— traten in Requisition, und— bald kam dann der Todeskampf des französischen Kaiserreichs. In der Kopie wie im Original. Dieselben Ursachen wie dort haben jetzt den„genialen Staatsmann" an der Spitze des deutschen Kaiserreichs ungemüthlich gemacht. Die Bauern, aus die er— gleich seinen, französischen Vorbild— sich stützen wollte, sind— gleich den französischen Bauern— dahinter gekommen, daß nur eine gemeine Bauernfängerei mit ihnen qetrie. en worden; die Handwerker kommen dahinter, daß die famose Zunstmedizin eitel Schwin- del ist; die Arbeiter sind nicht aus den Leim der„Sozialreform" ge- gangen— dazu der Rückgang des Handels und der Industrie, der kom- plete Schisfbruch der Schutzzollpolitik— kurz, das vollständigste Fiasko, das man sich denken kann. Und in der auswärtigen Politik, deren Er- folge so oft für die Mißerfolge der inneren Politik enischädigen müssen, ist das Fiasko ebenso vollständig und gründlich wie in der inneren Politik. Das Platzen der Kolonialblase, die lächerliche Karolinengeschichte, die skandalöse Krakehlerei mit Frankreich, die skandalösere, an Olmütz erinnernde Bauchrutscherei vor Ruhland, dem jetzt sogar der arme Battenberger fchnöse geopfert ward— das gibt ein so klägliches En- semble, daß auch der bescheidenste Bierhauspolitiker sich nicht mehr an „nationaler Glorie" berauschen kann. Und um das Maß der Blamage und Schande noch zu häufen: der Fried« mit Rom, der schmachvolle Marsch durch das kaudinische Joch der Pfaffen! Es wird nicht leicht sein, eine Perlode der deutschen Geschichte zu finden, aus welche der sogenannte Nationalstolz mit ähnlichen Gesiihlen der Beschämung zu blicken hätte. Kurz— das Kaiserreich des Herrn Bismarck hat aufgehört, anziehend zu sei»; die Maske ist adgesallen, es steht in seiner ganzen abstoßenden Häßlichkeit vor dem Volk— die Diebesfinger werden durch keine Hand- schuhe verhüllt— was bleibt da dem„genialen Staatsmann" an der Spitze des Kaiserreichs anders übrig, als seine Krallen zu zeigen, jedes freie Wort zu unterdrücken, und seine Sache klipp und klar auf das Svidatenbajonnet und den Polizeisäbel zu stellen? Und es wird das nicht weniger natürlich durch den Umstand, daß die Bismarck'sche Politik zu Verwicklungen mit dem Ausland drängt, in denen nur die geeinte Krast der Nation den Sieg erringen kann. Was liegt diesem toll gewordenen Zäsarismus, dessen höchstes Ideal die russische Knute, an dem Ruine Deutschlands? Und die Zeiten sind vielleicht nicht fern, wo der internationale Sozialismus das Vaterland gegen die nationalen Verräther wird vertheidigen müssen. — Ein Beitrag zur Frage, wie die Siege Deutschlands auf dem Weltmarkt erfochten werden. Wir lesen in deutschen Zeitungen: „Nähere Angaben über die erste Schienenlieferung für eine chinesische Eisenbahn, welche von der„N. Fr. Pr." mit- getheilt werden, lassen den Werth dieses Geschäftes recht fraglich erschei- nen, wofern man nicht überhaupt einen Jnthum annehmen will. Es handelt sich zunächst um eine nach vielen Mühen beschlossene Eisenbahn zwischen den Kaipingkohlenwerken und dem Orte Lutai, eine Strecke von 26 englischen Meilen, und hat bei der Submission das deutscheSyn- dikat, an deffen Spitze Krupp steht, mit der b illi g sten Offerte den Zuschlag für die Lieferung von 1500 Tonnen Schienen erhalten. Fast unglaublich aber klingt es, daß dieses Resultat dadurch erzielt worden ist, daß das deutsche Syndikat, ohne selbst einen be- stimmten Preis zu nennen, 25 Sh.(25 Mark) unter der niedrigsten Offerte anbot; da die niedrigste englische Offerte auf 3 Lstrl. 5 Sh. per Tonne franko Shangai lautete, würde sich darnach der von den Deutschen geforderte Preis auf 2 Lstrl. reduziren. Wenn diese Angaben in der That dem Sachoerhalt genau entsprechen, würden sich nach diesem ersten Ergebniß die Aussichten auf das lohnende Ge- schäst, welche jetzt vielfach und in übertriebenster Weise an die Aufnahme deS Eisenbahnbaues in China geknüpft werden, außerordentlich trüben. Vor Kurzem hat Krupp bei der Schienen-Submission in Altona, wo eine englische Offerte all« deutschen Werke weit unterbot, schließlich doch den Zuschlag erhalten, indem er seine Forderung aus 117 M. pro Tonne ermäßigte. Der oben angegebene Preis würde sich dagegen, einschließlich der Transportkosten bis Shanghai, nur auf Markpro Tonne stellen, und wenn auch betreffs der speziellen Lieferungs-Bedingungen vielleicht-ine Vergleichung nicht ohne Weiteres möglich ist, so ist doch wohl bisher von einem solchen Schienenpreise noch niemals, auch nur annähernd, die Rede gewesen."....„Bei diesem Verzweiflungsverkauf, zu weichem die Ueberprodultion der europäischen Weltindustrieen drängt, muß man an den Ausgangspunkt dieser ganzen Entwicklung des internationalen Handels zurückdenken. Dieser aber ist in der Schienen- industrie kein anderer als die zuerst von den deutschen Schie- nenwerken geübte Praxis, durch Schleuderpreise im Auslände jede Konkurrenz zu schlagen und dafür im Inland« unter dem Schutze einer„nationalen" Zollpolitik sich durch hohe Preise von den Landsleuten bezahlt zu machen." Es hält schwer, einen Ausdruck zu finden, der scharf genug wäre, um diese niederträchtige„Praxis", die wie nichts anderes den deutschen Namen im Auslande verhaßt gemacht hat, gebührend zu brandmarken. Wir würden den vielen Tausenden Proletariern jüdischer Abstammung, die sich durch ihrer Hände Arbeit mühsam ernähren, bitter Unrecht thun, wenn wir den Ausdruck jüdisch wählen wollten. Nein, das ist ganz spezielle Geschäftsmacherei, die nur durch einen ganz spe- ziellen Ausdruck getroffen werden kann; das findet eine Analogie nur in dem famosen Ottopfennig, den man den Arbeitern auS der Tasche stahl, um ihn in die Tasche des Millionärs Bismarck und seiner Lakaien zu praktiziren. Die Arbeiter sind es, welche die Kosten dieser schmachvollen Unterbiewng zu tragen haben, die Arbeiter, denen man es mit Hilfe skandalöser Ausnahmegesetze unmöglich macht, sich ihrer Haut zu wehren. Ohne Sozialistengesetz und Puttkamer'sch« Streik- Ukase wären solche Vorgänge nicht möglich. Mehr als 33'/, Prozent unter dem niedrigsten englischen Angebot! Es ist ein Skandal, wie er ärger nicht gedacht werden kann. Auf der internationalen Konferenz in Paris haben sich die Vertreter der englischen Gewerkschaften bitter über die deutsche Konkurrenz be- schwert, welche unausgesetzt auf die Löhne drücke. Man braucht nicht alles zu unterschreiben, was die Leute vorbrachten,— es läuft sicher manche, auf irrige Voraussetzungen und mangelhafte? theoretische Ver- ständniß beruhende Uebertreibung mit unter, aber wenn man da? Vor- stehende liest, so kann man ihnen doch nicht ganz Unrecht geben— „Und möcht' ich sie zusammenschmeißen,' Könnt ich sie doch nicht Lügner heißen." Diese Schmach von dem deutschen Namen zu lösen, ist die Ehrenpflicht der deutschen Arbeiter. Nieder mit dem System der nationalen Schmutzkonkurrenz, das sich System des nationalen Schutzes nennt! Nieder mit der Knebelung der deutschen Arbeiter zum Vortheil der deutschen Ausbeuter! Nieder mit dem Regierungssystem, das solche Blüthen zeitigt l Nieder mit Bismarck, Puttkamer und Konsorten! — Die deutsche Polizeipresse ist sich der mangelhaften Begrün« dung des Freiberger Urtheils so wohl bewußt, daß sie die Hambur» ger Verhaftungen zu einer nachträglichen Rechtferti« gung auszuschlachten bemüht ist. Von diesem Gesichtspunkte auS sind alle Mittheilungen der betreffenden Blätter über jene Verhaftungen auf« zufassen. Der Beweis soll jetzt geliefert worden sein, daß eine geheim« Organisation auch im Sinne des§128 des Reichsstrafgesetzbuchs besteht, und zwar nicht blos für Hamburg und Umgebung, sondern auch für ganz Deutschland; zwei der Verurtheilten des Freiberger Prozesses solle» schwer kompromittirt sein, und der Staatsanwalt soll die nöthigen Unterlagen haben, um das Erlenntniß des 4. August als nicht weit genug gehend anzugreifen und eine Verurtheilung auf Grund der beiden Paragraphen(128 und I2S) zu erwirken— natürlich mit obligater Straferhöhung. Wir haben es hier mit unverschämtem Geflunker— mit einem Netz denunziatorischer Lügen zu thun. Erstens ist es gelogen, daß die Polizei die Fäden und den Mittel- punkt einer geheimen Organisation für das Hamburg-Altonaer Belage» rungszustandsgebiet entdeckt habe— das ist gelogen und der Lüg« ner heißt Engel, Polizeikommiffar von Altona, der den„Fang" ge- macht hat und nun die Gelegenheit zu seiner Selbstverherrlichung be- nutzen muß. Es ist ferner gelogen, daß Beweise für eine über ganz Deutsch- land sich erstreckende geheime Verbindung(im Sinne des Strafgesetz- buchs) entdeckt und insbesondere auch Belastungsmaterial gegen einige der Angeklagten des Freiberger Prozesses gefunden worden.— Das ist gelogen und der L ü g n e r heißt wiederum Engel, Polizeikommiffar von Altona. Die in Hamburg Verhafteten haben natürlich für ihre Handlungen einzustehen und die Folgen zu tragen. Was haben aber diese Handlungen mit dem Freiberger Prozeh zu thun? Wenn in Hamburg, wenn in jeder Stadt Deutschlands eine geheime Organisation im Sinne des deutschen Reichsstrasgesetzbuchs bestände, so wäre dies für den Freiberger Prozeß ohne alle und jegliche Bedeutung. Die Möglichkeit der Existenz solcher lokalen Geheim« organisationen ist von den Angeklagten ausdrücklich zugegeben und bei der absoluten Irrelevanz(Gleichgiltigkeit) der Thatsache ist auch von der Anklage gar kein Gewicht darauf gelegt worden. Aber einige der Angeklagten des Freiberger Prozesses sollen persön« lich kompromittirt sein— sagt der Lügen Engel. Persönlich kompromit- tirt— wodurch? Durch Briefe, in denen sie ihre Zugehörigkeit aus-! drücklich oder thatsächlich bekundeten? Oder wie sonst? Rur nicht gar zu dumm lügen, Sie Lügen-Engel! Jndeß, der Lügen-Engel lügt doch nicht so ganz dumm, wie eS aussteht. Er hat einen Geoanken, verfolgt einen Plan. Freilich einen Polizeigedanken und einen Polizeiplan. Der Lügen-Engel weiß noch (zum Theil aus eigener Erfahrung— denn er hat damals tapfer mitgeholfen), daß 1878 durch Polize.lüge, die für die Rettung bei verkrachten Bismarck nothwenvige ÄtlentatSstimmung erzeugt wurde— warum sollte sich nicht durch wohlorganisirte und wohlkol« portirte Lügen jetztStimmung gegen dieOpfer d«S Freiberger Prozesses und für das schmachoolleFreiber- ger U r t h e i l machen lassen? Wenn es möglich ist, dem Publikum die große Lüge aufzubinden, es sei dem großen Lügen-Engel nun end« lich gelungen, der Sozialdemokratie auf die Schlichs zu kommen und den Beweis zu liefern, daß sie wirklich eine Partei von Verschwörern ist— dann murrt kein Mensch mehr über das infame Freiberger Uc theil, dessen Infamie sogar den Polizeiseelen einleuchtet; und die„öffentliche Meinung" sagt sich: Haben die Freiberger Richter auch j u r i st i s ch noch so sehr gefehlt, thatsächlich aber haben sie Recht gehabt und ihr Urtheilsspruch hat Schuldig- getroffen! Und von diesem Gedanken geleitet, ging Lügen-Engel sammt seinen Helfern und Helfershelfern emsig ans Werk und ist fortwährend emsig am Werk. Zwar wird ja die Lüge bald an den Tag kommen, aber eine Zeillang hält sie doch vor, und inzwischen wird das Freiberger Urtheil vom Reichsgericht bestätigt— denkt unser Lügen-Engel, der. ähnlich seinen Lügen, nicht ganz so dumm ist, wie er aussieht. Nebenher versolgt er noch einen zweiten, nicht minder würdigen Zweck: nämlich die Verdächtigung der Fachvereine und Gewerkschaften. Man lese nur folgende Notiz, zu deren Veröffentlichung sich die„Mag- deburger Zeitung" hergegeben hat. und die jetzt von der gesammten Presse— natürlich auch der„Frankfurter Zeitung"— gemüthlich nach« gedruckt wird: „Die Untersuchung gegen die verhafteten Führer der So- zialdemokraten scheint großen Umfang anzunehmen. Man hat anscheinend jetzt die Fäden gesunden, mittelst welcher es voraussichtlich möglich sein wird, einen Einblick in die O r g a- nisation der Sozialdemokraten nicht blos in Deutsch- land, sondern auch außerhalb Deutschlands zu erlangen. So viel aus den sehr geheimnitzvoll geführten Vernehmungen an die Oeffent- lichkeit gedrungen ist, war Hamburg die Finanzstelle der sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland. Es hatten nicht weniger als 17 freie Kassen für die ver- schiedenen d e u t s ch e n A r b e i t e r z w e i g e ihren Sitz in Hamburg. Mit der Verwaltung der Kassen war eine weit- gehende Agitation in Deutschland verbunden; auch nach der Schweiz sollen namhafte Summen von Hamburg aus abgegangen sein. Im Zuwmmenhang mit der in Altona geführten Untersuchung gegen die Sozialistenführer soll sowohl die(schon gemeldete) Verhaftung deS Nagelschmieds Schltchting in Schleswig, als die dieser Tage in der Vorstadt St. Pauli vorgenommene Verhaftung von drei Cigarren- arbeitern stehen. Letztere wurden ebenfalls nach Altona gebracht, während der Führer der Sozialdemokraten in Schleswig vorläufig dort vernommen wird." „Führer der Sozialdemokraten",„anscheinend jetzt die Fäden gefun den",„Hamburg Finanzstelle der sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland",„nicht weniger als 17 freie Kassen"— o Spiegelberg, wir kennen Dich! Die„17 freien Kasten" sind's, was unserm Lügen- Engel in die Polizeinase sticht! Wenn man die„17 freien Kasten" mit einem kühnen Griff in die Polizeitaschen stecken und so das Puttkamer'sche Ideal verwirklichen könnte!! Nun— so leicht wird's doch wohl nicht gehen, denn Lügen-Engels Lügen sind nur Lügen-Engels fromme Wünsche, und selbst fromme Polizeiwünsche sind noch keine Erfüllung. — Der Staatsstreich in Bulgarien— wir sagen absichtlich Nicht der bulgarische Staatsstreich, weil Bulgaren nur eine untergeord- Nete Rolle dabei spielten diese von Väterchen angezettelt?„Revolu- tion" hat ein überraschend schnelles Ende genommen. Die„Verschwörer Sr. Majestät des Zaren" hatten den Handstreich sehr geschickt eingeleitet und den ersten Akt zur vollsten Zufriedenheit ihres Herrn und Gebieters durchgeführt— man arrangirte sogar eine„begeisterte Demonstration des befreiten Volkes", die einen Potemkin zu Thränen gerührt hätte— aber ehe noch mit dem zweiten Akt: Huldigungen im ganzen Lande nebst obligaten Dankadresten an den gnädigen Zaren, begonnen werden konnte, da zeigte es sich schon, daß die sauberen Intriganten die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und dieser Wirth heißt: das bulgarische Volk. Mit einer Entschloffenheit, die sowohl Väterchen an der Newa -als auch Bismarck in Franzensbad eingestandenermaßen im höchsten Grade überraschte, erhob sich dieses, kaum daß ihm die Sachlage klar geworden, in seltener Einmüthigkeit, und heute befinden sich die Staats- streichler bulgarischer Abkunft entweder hinter Schloß und Riegel oder puchtig im Ausland. Letzteren wird zum Glück Väterchen ein Asyl ge- währen, daß sich die Schweiz kläglich dagegen verkriechen muß— man wird in Zukunft nur noch von der russischen Asylfreiheit reden. Alexander von Battenberg aber, den die Gruew, Zankow und Konsorten wicht nur gestürzt was ja an sich nichts Unerhörtes gewesen wäre—, sondern auch mit beispielloser Gemeinheit an Rußland ausgeliefert hatten, ist ,etzt, nachdem Väterchen ihn im ersten Schreck sreigelaffen, unter der allseitigen Zustimmung der Bevölkerung nach Bulgarien zurück- gekehrt. Wir brauchen nicht erst besonders zu erklären, daß uns die Persön- lichkeit des Battenbergers durchaus gleichgültig ist, und daß wir, wenn das bulgarische Volk aus eigener Initiative sich seiner entledigt hätte, sür ihn höchstens genau daffelbe Mitleid empfunden haben würden, wie heute der Bourgeois für einen aus Lohn und Brod gejagten Prole- tarier. Im gegenwärtigen Moment aber verkörpert sich in ihm ein P r i n- sip: das der Unabhängigkeit Bulgariens von der ru fischen Oberhoheit, und es macht dem Freiheitssinn und dem politischen Instinkt des bulgarischen Volkes wirklich alle Ehre, daß es sich von den russischen Sirenengesängen nicht bethören ließ, sondern fest »u dem Repräsentanten seiner nationalen Selbständigkeit stand. Eine kläglichere Niederlage, als sie der„Besreier-Zar" in dieser Affäre erlitten, ist nicht denkbar. Er hat es nicht verhindern können, daß das bulgarische Volk seine Stimm« erhob, und trotz des Rubels aus Reisen fiel diese einstimmig gegen ihn und seine Leute aus. Wider Willen hat er der Welt den Beweis geliefert, daß das bulgarische Volk Bichls, absolut nichts von ihm wissen will, und so sich selbst den Vor- wand einer bewaffneten Intervention in Bulgarien unmöglich gemacht. Das ist ein Resultat, welches jeder freiheitlich denkende Mann freudig »u begrüßen alle Ursache hat. � Wir haben die erbärmliche Rolle, welche der Lenker der deutschen Po- Iltik bei der ganzen Affäre gespielt, schon in voriger Nummer gekenn- Zeichnet, und können heute zu unserer großen Genugthuung konstatiren, daß fast die gesammte öffentliche Meinung in Deutschland diesmal in fll« icher Weise wie wir geurtheilt hat. Es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen, daß zum ersten Male seit langen Jahren sich in Deutschland «>ne allgemeine Opposition auch gegen die auswärtige Politik des bisher als auf diesem Gebiet als unfehlbar angestaunten Kanzlers erhoben hat— das Ansehen Bismarcks als Diplomat hat in diesen Tagen einen Schlag erhalten, der nicht so schnell wieder weit gemacht, mindestens aber auf Viele eine sehr heilsame Wirkung ausüben wird. Das deutsche Volk hat sich bisher viel bieten lassen, aber eine Politik, die es zwingt, den berussmäßigen Handlanger des despotischen Rußland zu spielen, geht ihm doch wider den Strich. Rur die notorisch offiziösen Blätter haben den Versuch gewagt, Bis- tnarcks Verhalten zu beschönigen, und die Art, wie sie sich dieser Auf- gäbe zu entledigen suchten, zeigte erst recht, wie deutlich sie fühlten, daß sie für eine verlorene Sache eintraten. Sie verlegten sich auf das platteste Schimpfen und Verdächtigen; die brave„Kölnische Zeitung", dieses Or> gan des anständigen, gebildeten Bürgerthums, wußte sich so- gar keinen andern Rath, als zum Stöcker'schen Antisemitismus zu flüchten und die Entrüstung über die ehrlose Ruffenknechtschast als Sache von„Moses und Cohn" hinzustellen. Wer durch diese Art der Vertheidigung mehr gebrandmarkt wird, der, den man vertbeidigen will, oder der, dessen man sich dabei bedient, ist wirklich schwer zu entscheiden. Der Humor bei der Sache aber ist, daß zu den Blättern, die ihrem «erdruß über die unehrenhafte Haltung Deutschlands in der bulgarischen Angelegenheit unverholenen Ausdruck gegeben,— auch du, mein Sohn, bei Moses und Cohn?— der antisemitische„Reichsbote" gehört I Das sagt ganze Bände. — Nichts kennzeichnet die Rath- und Planlosigkeit des Herr- schenden Systems gegenüber der Arbeiterbewegung deutlicher, als die jetzigen Verfolgungen der Fachvereine und Ge- w e r k s ch a f t e n. Während der Hätz des Sttcntatsjahres 1878 wurden diese systematisch von Oben herab b e g ü n st i g t.„Es ist uns ferne, so sagten die Herren Sozialistentödter,„den Arbeitern irgendivie zu nahe treten zu wollen; unsere Absicht ist einzig, sie aus den Klauen der abscheulichen Demagogen zu befreien, welche die braven und ordnungsliebenden deutschen Arbeiter auf das politische Eis gelockt haben. Das, worauf «s dem Arbeiter ankommt, ist, daß er seine materielle Lage verbessere. In diesem Bestreben wollen wir ihn mit allen Kräften unterstützen. Mögen die Arbeiter sich über ihre Interessen klar werden, mögen sie dieselben in Versammlungen und Vereinen besprechen und fördern— wir wünschen nichts sehnlicher— nur von der bösen Politik sollen sie die Finger lassen. Denn von der Politik verstehen sie nichts. Die Politik ist nur für die großen Herren, welche die gütige Vorsehung an dre Spitze des gott- und sürstenbegnadeten deutschen Volkes gestellt hat." In zahllosen Reden, Leitartikeln, Flugschriften und Büchern wurde dieses Lied heruntergeleiert; und die deutsche Polizei gab den Kommen- tar dazu, indem sie alle politischen Arbeitervereine und Arbeiterorgani- sationen zerstörte, die Gründung unpolitischer aber gewähren ließ, sogar positiv begünstigte. Insbesondere die preußische Polizei, welche iwar nicht an der Spitze der Zivilisation, aber doch der deutschen Polizei warschirt, befolgte geflissentlich diese Taktik und ging damit den bundes- staatlichen„Kollegen" voran, die vielfach erst durch das Beispiel der preußischen„Chefs" belehrt werden mußten. Es ist eine Thatsache, daß nach dem Inkrafttreten des Sozialisten- gesetzes die Fachvereins- und Gewerkschaftsbewegung bald einen außerordentlichen Ausschwung nahm— die von politischen Zielen gewaltsam abgedrängten Emanzipationsbestrebungen der Arbeiter- klaffe machten sich theilweise aus dem gewerkschaftlichen Boden Luft. In Frankreich erlebten wir nach dem Juniausstand, dessen blutige Niederwerfung die politischen Hoffnungen des Proletariats auf Jahre hinaus vernichtete, genau daffelbe Schauspiel— der Strom der Arbeiter- bewegung wurde in das gewerkschaftliche Fahrwasser gedrängt.— Natürlich ließen die deutschen Arbeiter sich durch die heuchlerischen Liebeserklärungen der Urheber und Vollstrecker des Sozialistengesetzes leinen Augenblick täuschen. Sie wußten sehr genau, woran sie waren, und warfen sich in die gewerkschaftliche Bewegung, überzeugt, daß jede Arbeiterorganisation das Klassenbewußtsein der Arbeiter schärfen und dem Klassenkampf dienen müsse. Der„geniale" Nichtswisser Bismarck und sein gleich geist- und kennt- nißreicher Puttkamer hatten hiervon natürlich keine Ahnung, und als sie endlich dahinter kamen, wie grausam sie sich verrechnet hatten, da wußten sie in ihrem ohnmächtigen Zorn nicht, was sie alles thun sollten. Der famose Puttkamer'sche Streik Erlaß nebst dem ebenso famosen Versamm- lunqs-Ulas des nämlichen Individuums sind Ergüsse dieser kindischen Wuth, die in solch' grotesken Vorkommnissen, wie der Maßregelung und Verurtheilung des Maurers Pinkernell««inen praktischen Ausdruck gefunden haben. Dem Maurer Pinkernelle hatte, wie unsere Leser wissen, der Polizei- Präsident in Hannover die Frechheit zu sagen, er solle sich von der Agitation fernhalten, denn er verstehe nichts von Politik. Ein Vorwurf, der jedenfalls dem betreffenden Herrn Beamten mit zehnfacher Berech- tigung zurückgegeben werden kann. Der Mann versteht offenbar nichts von Politik, denn sonst würde er nicht die Unvorsichtigkeit begangen haben, einen Arbeiter, der bisher blos in der Fachvereinsbewe« gungthätig gewesen war, gerade durch seine Ver- urtheilung auf das politische Gebiet hinüberzu- drängen. Die mystische Grenzlinie, die nach der Phantasie der Puttkamer und Konsorten zwischen den reinen A r b e i t e r bestrebungen und poli- tischen Bestrebungen, mit anderen Worten: zwischen erlaubter und unerlaubter Arbeiterorganisation bestehen soll, besteht eben nur in den Schädeln der Puttkamer und Konsorten; jeder Versuch, diese Linie in Wirklichkeit zu ziehen, muß zur lächerlichsten Willkür werden. Und was ist das thatsächliche Ergebniß dieses neuesten Feldzugs gegen die Fachvereins- und Gewerkschaftsbewegung? Daß den Sunderltausenden von geistig weniger regsamen Arbeitern, welche die Nothwendigkeit des politischen Emanzipationskampfes noch nicht vollständig begriffen hatten, jetzt der Staar gründlich gestochen wird, und jeder Arbeiter, der seine Lage verbessern will— und welcher Ar- beiter will das heutzutage nicht?— in den politischen Kampf getrieben, das heißt der Sozialdemokratie zugeführt w i r d I Wir haben also alle Ursache, mit den verrückten Experimenten und Aengstesprüngen der Puttkamer und Konsorten recht zufrieden sein. Und so blöde die Herren auch für die Zeichen der Zeit sein mögen, sie werden wohl noch in emvsindlu,. Weise auf dieselben aufmerksam gemacht werden, daß ihnen'schließ'!''- doch ein Schimmer der Wahrheit aufdämmern dürfte. Meist heißt's dann freilich: zu spstt. —„Es ist bitter, wenn man sich bei Bekämpfung solcher Ruchlosigkeiten— die Sozialdemokratie ist gemeint— von Seines- gleichen, von Männern der gleichen Bildung, und des gleichen Standes das Leben muß sauer machen lassen" Mit diesen, nicht sehr korrekt zusammengestellten, aber treu wiedergegebenen Worten wandte sich bei einem der letzten Leipziger Sozialistenprozesse der Staatsanwalt H äntz- schel an einen der Bertheidiger, der sich die Freiheit genommen hatte, ihn und seine fadenscheinigen Staatsanwalts- Argumente aus den Sand zu setzen. Der naive AuSrus ist nach zwei Seiten hin interessant. Ein- mal insofern er zeigt, daß nach des braven Staatsanwalts Meinung „Seinesgleichen", d. h. die Mitglieder der herrschenden Klaffe, gegen die Arbeiter zusammenhalten müssen. Und zweitens sehen wir daraus, daß der Leipziger Herr Staatsanwalt es sür die Pflicht eines Verthei- digers hält, seinen Klienten an das staatsanwaltschaftliche Messer� zu lie- fern. Jedenfalls liegt in dieser interessanten Aeußerung das Geständniß, daß die heulige Klassenjustiz eine I u st i z f a r c e ist. Und sür dieses Geständniß sind wir Herrn Häntzschel recht dankbar. — Bei der Nachwahl im Kreiie Lauenburg haben erhalten: Berling(deulsch-freisinnig) 3510 Stimmen, Gras Bern st orff konservativ 2903 Stimmen und Molkenhuhr(Sozialdemokrat) 6(58 Stimmen. Gegen die Wahl von 1884 haben die Konservativen 1 885 Stimmen verloren, die Freisinnigen 7g t„„ die Sozialdemokraten 621„ gewonnen. Bei allgemeiner Abnahme der Wahlbetheiligung hat einzig und allein unsere Partei einen Stimmenzuwachs zu verzeichnen. Nur einmal, und zwar zur Zeit der Hochfluth der sozialistischen Agitation im Jahr 1877, hatte unsere Partei in jenem Kreise eine größere Stimmenzahl zu ver- zeichnen als diesmal,-nämlich 1710 Stimmen, die auf den verstorbenen Genoffen Geib entfielen. Aber schon 1878 sank die Stimmenzahl aus 347, 1881 wurden gar keine und 1834 nur 47 Stimmen für uns ab- gegeben, so daß das diesmal erreichte Resultat als ein erfreuliches Zeichen neuen Vormarsches begrüßt werden darf. Und diesmal stand uns, was im Johre 1877 nicht der Fall, ein Kandidat der äußersten bürgerlichen Opposition gegenüber— gar nicht zu reden von polt« zeilichen Chikanen ärgster Art, wie sie das Sozialistengesetz nur mit sich bringen kann! — Eine Lüge angenagelt. Wir lesen in„R e ch t v oor Allen", dem Organ unserer niederländischen Genossen: „In einer der deutschen Zeitungen stand bei Gelegenheit des Auf- ruhrs in Amsterdam ein Telegramm, das sozialistische Parteiorgan „Recht voor Allen" habe erklärt, daß die Sozialisten nicht ruhen werden, bis die Städte Hollands in Flammen aufgegangen. Stärker zu lügen ist wohl unmöglich. Von dieser Noti, gilt auch das bekannte:„Gelogen wie telegraphirt". Wer weiß, ob nicht Bismarck oder sein Adjutant Puttkamer, die vielleicht solche Nachrichten sabriziren lassen, um sich auf sie berufen zu können, in einiger Zeit im Reichstag von dieser Lüge Gebrauch machen. Man sei daher gewarnt und wisse, daß es eine schändliche Lüge ist." Ob bestellte Arbeit oder nicht, jedensalls war das betreffend« Telegramm Reptilienfabrikat, was natürlich nicht hindert, daß es auch von derjenigen Presse, die sich auf ihre'Unabhängigkeit etwas zu Gute thut, getreutichst kolportirt wurde. Wenn uns unser Gedächtniß nicht sehr täuscht, so begegneten wir ihm zum Beispiel auch in der „Frankfurter Zeitung". Immer wieder können wir Diejenigen, denen es mit der Bekämpfung des Bismarck- Putt- kamer'schen Systems Ernst ist, nicht dringend genug vor dem Unfug warnen, der heute mit Telegrammen und Korrespondenzen aus dem Auslande durch Stipendiat« des Reptilienfonds betrieben wird, und der um so gefährlicher ist, als er sich in die Form objektiver Bcrichterstat- tung hüllt. — Was im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte in Punkto Russenthum und BhzantiniSmuS heute alles geleistet wird, das grenzt nachgerade an's Fabelhaste. Man höre nur, was uns neuerdings aus Plauen im sächsischen Voigtland berichtet wird: Plauen, 26. August. Es wird immer schöner in unserm schönsten aller Vaterländer. Kommt da gestern der alte Albert, von Bismarcks Gnaden „König von Sachsen", nach Plauen, was den biedern Landeskindern es zur Pflicht machte, ihre übliche Begeisterung in der üblichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Auch unserm Genossen Christensen, der sich seit seiner Ausweisung aus Berlin hier niedergelassen hat, ward die Zu- muthung gestellt, die Fenster seines Zimmers zu illuminiren, was der- selbe jedoch unter Darlegung seiner Gründe schnöde ablehnte. Darob große Verlegenheit des Hausbesitzers, des Geldprotzen Ludwig Teuscher, ein Ultrareaktionär, wie er im Buche steht. In seiner Roth schickt dieser Biedermann, als richtiger Deutscher, nach der Polizei und fragt an, was er thun soll. Die heilige Hermandad ist natürlich bis ins Innerste empört und räth dem strebsamen Hausbesitzer, wenn Christensen durch- aus nicht Vernunft annehmen wolle, die Lichter von außen an der Mauer anbringen zu lassen. Und so geschah es denn auch. Der Markthelfer klettert mit Hilfe einer Leiter bis zu den Fenstern des Widerspenstigen empor und plazirte überall kleine Töpfe mit Talglichten, die angezündet einen ganz entsetzlichen Gestank verbreiten. Vier solcher Töpfe stellt er auch dem Genossen ins geöffnete Fenster, wogegen dieser selbstverständlich ganz entschieden pro- testirte. Aber der Markthelser erklärt, dazu beordert zu sein und weigert sich, die Töpfe zu entfernen. Genosse Christensen löscht darauf die Lichte aus und erklärt, daß er diesen Gestank nicht in der Stube haben wolle. Aber das Auge des Gesetzes wacht. Sofort besetzen zwei Schutzleute den einzigen Ausgang de» Hauses, zwei andere bereitstehende Schutzleute verhaften den Genoffen Christensen als staatsgefährlich und transportiren ihn nach der Wache, wobei der bereits in Nr. 4 dieses Jahr- gangs gekennzeichnete Schutzmann und Nothzüchter Hahn hinter ihm her schimpft:„Warte nur, Bürschchen, jetzt haben wir Dich endlich, jetzt wollen wir Dich bald aus Plauen hinaus haben!" Auf der Wache wird Christensen auf Betreiben des Schutzmann S ch m a l f u ß, nachdem ihm feine Tafchen in brutalster Weise durchsucht worden, in eine pech- finstere Verbrecherzelle gesperrt, da er nicht zu wissen brauche, waS in der Wachtstube paffirt. Herr Schmalfuß mag wohl seine Gründe dazu haben, das Treiben auf der Wachtstube vor fremde» Blicken zu bewahren. Nachdem Christensen ungefähr 3 Stunden gebrummt hatte, wurde er vor den wachthabenden Polizeiinspektor Schwarzkopf geführt, der ihm die lakonische Eröffnung machte: „Ich bin der Polizeiinspektor Schwarzkopf, ich habe Sie verhasten lassen, damit anläßlich desEinzuges unseres allverehrten Monarchen keine Störung der öffentlichen Ruhe und Orb» nung durch Sie eintrete. Jetzt ist der Aktus beendet, und Sie sind also entlassen." Als Christensen etwas erwiedern wollte, wurde er von einem Schutzmann hinausgeführt, denn— der Mann ist entlassen. Also vorsichtshalber aus seiner Wohnung herausgerissen, auf drei Stunden eingesperrt und wie ein gemeiner Verbrecher behandelt, bis der Aktus vorbei ist.— Es lebe der Rechtsstaat I Es lebe die sächsische Ge- mllthlichkeit! Hoch der Mordspatriotismus!" Es lebe der Rechtsstaat— allerdings. Nach§ 341 des Reichsstraf- gesetzbuchs ist ein Beamter, der jemand widerrechtlich seiner Freiheit be« raubt, mit Gefängniß nicht unter drei Monaten zu be» strafen,— Herr Schwarzkopf wird aber nicht bestraft werden, sondern einen Orden und Beförderung erhalten. In Preußen richtet man sich nach dem Jdealstaat Rußland, und in Sachsen— ist e s ebenso. — Die Gleichheit in der Bourgcoisgcsellschaft. Wie die Blätter berichten, ist der Wiederaufbau der großen Glas« s a b r i k v o n B a u d o u x, die bei den Märzunruhen in Belgien zer- stört worden war, fast vollständig beendet. Hinzugefügt wird, daß die 500 Arbeiter, die an den großen Oefen arbeiten, mehr als 600,000 Franken verloren haben. Herr Baudoux ist von der belgischen Regierung für die Vernichtung seiner Fabrik entschädigt worden.„Warum," fragt unser Bruderorgan„Recht voor Allen",„warum kriegen die 500 Mann nicht gleichfalls eine Entschädigung für den Lohn, den sie entbehren mußten? Bei gleicher Behandlung Aller vor dem Gesetz besteht kein einziger Grund, warum der Eine Entschädigung erhält und die Anderen nichh die Bourgeoisregierung aber entschädigt den Bourgeois und läßt die Arbeiter laufe». Beweist das nicht, daß wir in einem Klasscnstaat leben?" Ganz richtig. Wann hätte z. B. der heutige Staat, der den Bourgeois so reichliche Entschädigung für alle Verluste spendet, die ihnen durch staatliche Neuerungen erwachsen könnten, sich je dazu herbeigelassen, die Arbeiter, die doch durch staatliche Neu-Einrichtungen oft noch viel härter betroffen«erden, schadlos zu halten? Um sie kümmert sich kein Teufel, höchstens gibt man ihnen, wenn das Elend zu schreiend wird, ein Al» mosen— als generöse Unterstützung, beileibe nicht als Anerkennung eines Rechtsanspruches. Ein Recht zu fordern hat nur der Besitzende, der Bourgeois, der von Anderer Arbeit lebt; der Arbeiter hat höchstens das Recht zu bitten, aber auch das nur in Ausnahmesällen. Sonst— marsch, in's Loch! — Der Geiz der Hoheuzollern ist sprüchwörtlich, so daß es eigentlich Wasser in's Meer gießen heißt, zu den vielen Beispielen für diese Jdealtugend vorsündfluthlichen Spießbürgerthums neue zu registriren. Doch wollen wir heut einmal eine Ausnahme machen und eine sich mit diesem Thema beschäftigende Notiz der„Freisinnigen Zeitung" auch unfern Lesern mittheilen. Das Organ des Führers der liberal- demo- kratischen Opposition schreibt: „W ie haushälterisch Kaiser Wilhelm auch in den kleinsten Dingen ist, dafür sprechen zahlreiche kleine Züge aus seinem Privat- leben, die in die Oeffentlichkeit dringen. So ist es ziemlich bekannt, daß der Kaiser die Umschläge der an ihn gerichteten amtlichen Briefe zu seinen Briefen und Erlassen an die Ministe« rien oder an sein Kabinet nochmals verwendet. Wir hatte» dieser Tage, so schreibt die Bäckerzeitung„Konkordia", wieder Gelegen» b?it, ein solches Kouvert mit des Kaisers Handschrist zu sehen. Wie alle von den Ministerien und Reichsämtern direkt an den Kaiser gehen» den Schriftstücke, war auch das in dem Kouvert enthaltene nicht ge» brachen, sondern in vollen Bogen in ein Grohfoliokouvert gesteckt, welche? in der Mitte die Aufschrift trägt:„Seiner Majestät dem Kaiser und Könige." Links in der Ecke befindet sich in kleiner Schrift der Name des Absenders, also etwa„Auswärtiges Amt". Auf der Rückseite war das in Rede stehende Kouvert mit rothem Lacksiegel geschlossen. Bei der Oeffnung trennt der Kaiser den oberen dreieckigen Ueberschlag deS Kouverts unmittelbar neben dem Siegel mit kurzem Riß ab. Bei der Wiederbenützung schreibt der Monarch dann über die Worte„Sr. Majestät dem Kaiser und Könige" das W ö r t ch e n„Von" und unter die erwähnten Worte die Adresse; in dem uns bekannten gewordenen Falle hieß die letztere:„An den Geheimen Kabinetsrath v. W." Der Wiederverschluß des Kouverts er- folgt in der Weise, daß der Kaiser dasselbe an der oberen Seite nach rückwärts so weit umschlägt, daß das spitze Ende des durch den Riß losgelösten Dreiecks das ursprüngliche am Rande bedeckt, dann träufelt er auf und neben dasselbe eigenhändig Siegellack, um den Riß zu decken, und drückt schließlich seinen eine Königskrone zeigenden Ring darauf, der ihm als Petschaft dient. Die in diesen nebensächlichen Dingen sich kundgebende Sparsamkeit und haushälterische Sorgfalt gehört eben zu den Grundzügen unseres ehrwürdigen Kaisers." Man lasse sich durch die loyale Form nicht beirren, sie ist nur durch die Rücksicht aus den Staatsanwalt gewählt. Thatsächlich ist die Notiz eine versteckte Satyre, denn so wenig muthig Herr Eugen Richter auch stets da ist, wo es sich um das Hohenzollern'sche Kaiserhaus handelt, so erbärmlich servil ist er denn doch nicht, eine, gelinde gesagt, Mitleid erweckende Schwäche als Mittel der Reklame zu benutzen. — DaS Schelmenstück, welches die„drei Kaiser", das heißt die auserwählten Vertreter des Ordnungs- und Legitimitätsprinzips, soeben in Bulgarien ausgeführt haben, ist— so schreibt man uns— in noch weit höherem Maße als die Absetzung des Königs von Bayern geeignet, die Völker über das wahre Wesen des Monarchis» mus und der Monarchisten aufzuklären. Wie muß es um die„Mo» ral" dieser höchsten und allerhöchsten Vertreter des Legitimitätsgedan» kens bestellt sein, wenn sie zu Praktiken sich versteigen, die bisher nur von montenegrinischen Hammeldieben und griechi» schen Klephten geübt wurden! Und wie muß eS um das monarchistische Gefühl dieser obersten Vertreter des Legitimitäts« prinzips bestellt sein, wenn sie einen Fürsten, einen Ihres» gleichen, der ihnen nicht gefällt— vermuthlich weil er ein relativ anständiger Mensch ist— überfallen, sequestiren und entführen lassen, genau wie die griechischen Klephten einen Retsenden wegfangen, für den sie ein Lösegeld erheben wollen. Nun— die Moral wollen wir bei Seite lassen; wir möchten aber vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt aus an die Urheber jenes allerhöchsten Schelmenstücks die Frag- richten, ob sie bei den jetzigen schweren Zeitläuften es für klug halten, den Völkern so handgreiflich zu zeigen, wie man einen Fürsten loswerden kann? Was insbesondere die ruffischen Revolutionäre anbelangt, so werden sie über den praktischen Unterrichtskursus im Nihilismus, den„Väterchen" nebst seinen mitkaiserlichen Helfers- Helfern ihnen zu geben die Gewogenheit gehabt hat, nichl wenig.er- baut sein und— vielleicht gelegentlich beweisen, daß sie etwas ge- lernt haben. — Die Erkcnntniffe im Freiberger Prozeß werden den Verur- theilten gedruckt zugestellt— eine Prozedur, die bis jetzt vereinzelt dasteht. Uebrigens war am 20. August dem Genossen Auer sein Er» kenntniß noch nicht zugestellt worden. Die Freiberger Richter scheinen es vergessen zu haben, die Polizei, mit der sie ja sonst auf so gutem Fuße stehen, um sein- Adresse zu fragen. — Wie man im Lande der Niedertracht und Heuchelei der Jugend— Moral beibringt. Wir lesen in unserem Bruder. organ, dem Brünner„Volksfreund": „R- l i g i ö S- s i t t l i ch— so lautet die Devise unserer nach den Intentionen der Frommen„verbesserten" und noch weiter zu„verbessern- den" Schule. Welche sonderbare Nebenblüthen diese„fromme" Achtung zu Tage fördert, beweist unter Anderem-in. in den westlichen Vororten WienS in den Papierhandlungen zum Verkauf an Schulkinder aufliegendes Preßerzeugniß, unter dem vielverheißenden Titel„Beichtspiegel für Kinder".(Druck und Verlag von E. Fritz. Rudolssheim, Dreihaus. gasse 16.) Benannter„Beichtspiegel" ist oder soll ein Behelf sein zur Vorberei- tnnfl der„heiligen Beichte", eine Anleitung zu dem für Kinder so schweren Werke der„Gewissenserforschung". Zu diesem Behuie stellt unser„Beichtspiegel" nicht weniger als 99 Fragen an unsere liebe Cch iljugend. Nebst allen wögUchen und unmöglichen, zum Theil für Schulkinder unverständlichen Fragen folgen aber auch Fragen sehr bedenklicher Art. Für was für einen argen Sündenbock muß sich so ein Schulkind halten, wenn ihm 99 mögliche und unmögliche„Sünden" vorge—„spiegelt" werden? Was versteht beispielsweise ein Kind von Standespflichten, wie ein- darauf bezügliche Frage lautet:„Habe ich meine Standespflichten erfüllt?" Oder die sehr geistreiche Frag«:„Habe ich eine Lieblings- sünd«? Welche ist es?" klingt auch nicht übel. Wie überhaupt noch manches Sträußchen Unsinn dieses Genres zu binden wäre. Gl nz besonders dazu geeignet, das Ehrgefühl des Kindes vor sich selbst zu h>ben, erscheint folgende Frage:„War ich niederträchtig?"(!) Wie schon bemerkt, befinden sich in diesem sauberen Machwerk noch Fragen ganz bedenklicher Art. Es sind dies folgende fünf Fragen: „Habe ich an unreinen Gedanken Wohlgefallen gehabt? Wie oft?" „Habe ich solche eingewilligt? Wie oft?" „Habe ich unsittliche Worte gesprochen? Wie oft? Bor Anderen?" „Habe ich Schändliches gerne angesehen? Wie oft?" «Habe ich Unsittliches gethan?(!) Was?(!) Wie oft?(!!) Allein, oder mit Anderen?(!!!)" Daß derartige Fragen geradezu wie moralisches Gift auf das Gemüth des Kindes wirken müssen, wird jeder vernünftige Mensch einsehen. Und solch ein cckelhaftes Sudelding darf frei und unbehindert an Schulkinder verkauft werden. Aber freilich, es ist ja kein„gemein- gefährliches" sozialdemokratisches Preßerzeugniß— es ist ja ein gewisser- maßen, fast scheint es so,„freiwilliges" religiös-sittliches Erziehungs- mittel für das Volk— für dasselbe ist eben das Schlechteste gut genug. Es geht nichts über religiös-sittlich! — Richtigstellung. Wir erhalten von parteigenössischer Seite folgende Zuschrift: „Die Nr. 34 des„Sozialdemokrat" enthält eine Notiz:„Gewappelte Zeitungsschreiber", in welcher behauptet wird, die Münchener Journa- listen hätten auf eigenes Ersuchen polizeiliche Legitimationskarten er- hallen. Diese Behauptung ist eine durchaus unbegründete. Die Sache verhält sich vielmehr so, daß die Journalisten zum Zwecke der Unter- drückung des„Schweigegelder"-Unwesens ein Syndikat gebildet haben, welches den Berichterstattern von sich aus Legitimationskarten er- theilt. Die Polizeidirektion ist nur ersucht worden, ihre Organe zur Anerkennung dieser Legitimationskarten anzuweisen. Damit fallen auch die Schlußfolgerungen des Artikels. Man muß der Wahrheit die Ehre geben, und ich ersuche Sie um Berichtigung." Wir kommen diesem Gesuch gern nach und bemerken nur noch, daß die bemängelte Notiz uns von einer Seite zugegangen war, bei der wir genaue Kenrtniß des Sachverhaltes voraussehen zu dürfen glaubten. — Genosse Liebknecht tritt in diesen Tagen seine Reise nach Amerika an, um gemeinsam mit Dr. E d w. A v e l i n g auf Ein- lcdung der dortigen Genossen in den Hauptstädten der Union Vorträge über die sozialistische Bewegung rc. halten. Liebknecht fährt am 4. Sep- tember mit dem Dampfer„Servia" der Cunard-Linie von Liverpool fort und gedenkt bis zur letzten Woche des November drüben zu bleiben. Briese rc. für ihn sind von jetzt ab an Genosse W. L. Rosenberg, 2kl Ladt Tenth Street New Tork zu kouvertiren. City Korrespondenzen. Berlin, 24. August. Wie der heutige Polizeistaat die Bru- talität in jeder Weise züchtet, das zeigte sich wieder recht drastisch bei dem am 15. August stattgefundenen Begräbnisse eines unserer Parteigenossen, woselbst sich die modernen Ordnungsbengel in echt ban- ditenmoßiger Weis«, getreu der Weisung ihres pfiffigen Oberbanditen und Hauptmanns Richthofen, als Retter des Staates der Gottesfurcht und frommen Sitte ausspielten. Wie schon oben erwähnt, fand am 15. August das Leichenbegängniß eines unserer Genossen statt. Schon bevor die Leiche auf den Wagen gehoben war, und ehe noch sich der Zug in Bewegung setzte, stellten sich schon die Diener Seiner Heiligkeit des unfehlbaren— Polizeidirektors zur„Bedeckung", will sagen Bewachung, der Leiche und des Trauer- gefolges ein, inspizirten dann in üblicher Weise, als ob sie mit einer Abtheilung Rekruten nach dem Exerzierplatz auszurücken beabsichtigten, die Anzüge, damit ja nicht die revolutionäre Farbe, und sei es auch nur in Form von Blumen oder rothen Schleifen, sichtbar werde. Unter Begleitung dieser Tagediebe von Spitzeln bewegte sich der Zug bis zum nahegelegenen Schöneberg, wo wir von dortigen Gensdarmen und Polizisten empfangen wurden, die sich zu beiden Seiten postirten und uns bis auf den Kirchhof begleiteten. Anfangs blieb der Zug un- behelligt, trotz der rothen Blumen, die sich einige Genossen wieder an- gesteckt hatten. Als wir aber am Ende des Dorfes angelangt waren, traten auch die Schöneberger Säulen des geeinigten Deutschlands in staatsretterUche Aktion, indem sie zunächst dringend die Entfernung der Abzeichen verlangten, welchem Verlangen auch— da Widerstand zweck- loS— Folge gegeben wurde. Am Grabe angelangt, wurde im Gedränge heimlich eine rothe Schleife an dem einen Kranze befestigt; ein Mitglied des Arbeiterbezirksvereins, dem der Verstorbene angehört hatte, warf denselben mit den Worten in die Gruft:„Im Namen der Gestnnungs- genossen des Verstorbenen lege ich diesen Kran, nieder!"— schon bei den ersten Worten und kaum daß sie die rothe Schleife erblickten, ge- riethen unsere Polizeistiere in eine nicht gelinde Raserei und warfen stch in wilder Wuth auf den Attentäter. Zum Glück trennte sie das Grab von ihren Opfern, und durch die Menge wollten sie jedenfalls nicht hin- durch, da Kirchhofskrawalle anrüchig geworden. Wuthentbrannt mußten sie deshalb von ihrem Vorhaben ablassen. Erst nachdem noch einige Genoffen und Genossinnen dem Verstorbenen einen Nachruf gewidmet, verließ der Zug in imposanter Ruhe die Stätte der Pietät. Aber pro- vozirt sollte und mußte noch etwas werden; so ganz ohne ein Bischen Skandal durste die Feierlichkeit nicht verl.afen, auf daß man den Un- kundigen wenigstens sagen könne: Seht, so verworfen ist jene Klasse von Menschen. Wir waren, nachdem wir wieder in Schöneberg angelangt, in ein dortiges Lokal gegangen; Niemand nahm dort Anstoß daran, daß der oder jener von uns eine Rose oder Nelke im Knopfloch trug, die wir uns wieder anzustecken gestattet hatten. Aber auch hier schienen die Blumen„gemeingefährlich" zu wirken, denn plötzlich durfte kein Bier mehr verabfolgt werden, und„man" verlangte, die Blumen sollten entfernt werden, was natürlich einige Blumenfreunde nicht für so dringend nothwendig hielten. Sofort wurden drei Verhaftungen vorge- nommen. Die Verhafteten, denen man ihr Nationale und 15 Pfg.— Schlasgeld abgenommen, kamen erst anderntags mit blutunter- laufen«« Äugen und mit Spuren brutaler Mißhand- lung aus dem Rücken wieder frei. Man hatte auf der Wache gesäbelmeiert. Jedenfalls wird die Sache vor dem Strafrichter zur VerHand- lung kommen, aber was man von unseren Herren Richtern zu erwarten hat, zeigen uns die neuesten Vorgänge im deutschen Vaterland. Es be- darf wahrlich fast einer übermenschlichen Ruhe, um derartige Brutalitäten und Rohheiten mit anzusehen, wie sie in unserer Zeit byzan- tinischer Hundsfötterei und Speichelleckerei erfunden und vollführt wer- den. Das ganze System jenes ziegenbärtigen Staatshausknechtes, das jede freiheitliche Regung im Volke ersticken würde, wenn nicht schon ein anderer Hauch die Geister belebte, verkörpert sich in diesem proseffions- mäßigen Humbug der Polizei. Säbel meier in Frankfurt a/M. und Knüppel-aus-dem-Sack gegen wehrlose Gefangene losgelassen. Herunter vom Siegesschlot im Thiergarten mit„Lotten", fort mit dem Lorbeerkranz aus ihrer Hand und hinein mit dem Knüppel, dem einzig zutreffenden Symbol preußisch-deutscher Errungenschaften! Ein gemüthlicher Rother. «Aremberg, 24. August. Wie schon in Nr. 25 berichtet wurde, hat Spremberg in Folge des Singens der zur Stellung Eingezogenen einen Wechsel im Polizeidienst erfahren; Sergeant Schilling mußte um seine Pensionirung einkommen. Dies« Aenderung hat sich nun noch weiter ausgedehnt, auch der Sergeant Richter hat am 1. August seinen Dienst quittirt, ebenso der Fuß-Gensdarm Reuter t. Der brave H u b r i ch war namlich zum ersten Polizist avancirt, was sich Richter, der länger im Dienst war als Hubrich, nicht gefallen ließ. Hubrich hat Dank seiner glänzenden Leistungen als staatsrettender Krawall- provokant jetzt 24 Mark Gehalt mehr als früher. So lohnt das System Puttkamer sein« Helden. Wir kommen weiter unten nochmals auf Ehren- Hubrich zurück. Unsere Polzeiverwaltunz besteht augenblicklich aus: W i r t h, Bürger- Meister und Premierlieutenant der Kavallerie; Sommer, Polizeiwacht- meister(ist um seine Pensionirung eingekommen, von der Stadtvertre- tung jedoch zurückgewiesen worden); Hubrich, Vice-Wachtmeister der Kavallerie; Meier, Sergeant der Infanterie, hat sich aber schon wieder weiter gemeldet. Ebenso ist der Vize- Feldwebel Flieger, welcher zirka vier Wochen hier Dienst that, bereits wieder verschwunden. Inzwischen ist nun auch Herrn Hubrich der Boden unter den Füßen zu heiß gewor- den, derselbe kommt, wie verlautet, nach Aachen. Das sind doch ge- wiß nette Zustände. Und wir finden es wirklich begreiflich, daß kein Mensch, der noch einen Funken von Ehrgefühl besitzt, sich zu solchem Schergendienst, wie er hier verlangt wird, gutwillig hingibt. Während dieses ganzen Wechsels in den oberen Regionen schnüffeln die beiden Gensdarmen, welche hier lediglich die Ueberwachung der Sozialdemokraten zu besorgen haben, lustig weiter. Ueberall in der Stadt wie auf dey Dörfern, wo ein"paar Leutchen Vogelschießen oder sonst eine Lustbarkeit abhalten, ist auch so ein Gensdarm zur Stelle. Die Burschen stehen da wie die begossenen Hunde. Und hier möchten wir unsern Genossen von Spremberg zurufen: Würdigt diese traurigen Sub- jekte keines Blickes, geschweige denn eines Wortes. Es ist Gesindel, das dessen nicht werth ist. Nun wieder zurück zu unserm Hubrich. Dieser Puttkamer'sche Muster- beamte hat, seitdem er hier thätig ist, fortwährend auf dem Gerichte zu thun. Bei jeder Schöffengerichtesitzung hört man den Namen dieses Elenden. Oft haben schon Angeklagte behauptet, daß er falsch geschworen, jedoch fehlte es bisher immer an Zeugen, ihm das Handwerk zu legen. So war es auch wieder in einer hier vor kurzer Zeit verhandelten Affäre der Fall. Die Tuchmacher Friedrich Rößler und Wilhelm Friede! hatten eines Sonntags auf der Tuchmacher-Herberge einen Konflikt mit noch einigen Arbeitern, wobei die Leutchen sich schließlich in die Haare gerie- then. Doch muß der Lärm nicht zu gnß gewesen sein, denn querüber wohnt der Polizeiwachtmeister Sommer, und dieser hatte, trotzdem er zu Hause war, von dem angeblichen Skandal nichts gehört. Dennoch erschien Hubrich, machte der Behörde Anzeige, und Rößler sowie Friede! sollten wegen ruhestörenden Lärms während des Gottesdienstes 15 Mark Strafe bezahlen. Da sie aber keinen Lärm gemacht und am allerwenig- sten während des Gollesdienstes, so erhoben sie Widerspruch. Die An- gelegenheit beschäftigte das hiesige Schöffengericht, und Hubrich beschwor, daß er den Skandal schon von 109 Schritt weit gehört und dazu wäh- rend des Gottesdienstes. Infolge dessen bestätigte das Gericht die von der Polizei verfügte Strafe. Hiergegen legten die Verurtheilten Berufung ein, und die Sache wur�e dieser Tage vor dem Landgericht zu K o t t b u s verhandelt. Fünf Zeugen der Angeklagten beschworen, daß der Skandal nicht derart gewesen, daß er in 199 Schritt Entfernung hätte vernommen werden können, und daß die Geschichte überhaupt nicht während des Gottesdienstes, der hier schon seit mehr als 199 Jahren erst um 2 Uhr beginnt, sondern um'/«l Uhr vor sich gegangen sei. Daraufhin wurde Rößler und Friedel freigesprochen und Hubrich — läuft wieder in Spremberg als Diener der öffentlichen Ordnung herum. Herr Staatsanwalt Hauke, wo sind Sie?— Herr Staats- an w a lt!— Kein Mensch hört etwas. Herr Staatsanwalt!! Der Mann hat falsch geschworen! Hören Sie, Herr Staatsanwalt Hauke? Oder ist dies etwa' auch ein Stöcker-Eid? Wir fragen Sie, Herr Staatsanwalt, haben Sie keine Einsicht in die Akten genommen? Dann bitte, nehmen Sie dieselben sofort, aber nicht in Puttkamer'schem Sinne, zur Hand. Sie wollen nicht? Nun, so werden wir die öffentliche Meinung zu Zeugen aufrufen, ob der Hubrich nicht falsch geschworen hat. Wir werden uns in den Besitz deS Erkenntnisses setzen und die Aus- führungen desselben an dieser Stelle veröffentlichen, und bitten dann auch an dieser Stelle um das Urtheil der öffentlichen Meinung. Dieser Hubrich also ist Hauptbelastungszeuge gegen die vierzig wegen Aufruhr angeklagten Spremberger. Wird der Herr Staats- anwalt dieses Puttkamer-Subjekt noch ferner als solchen gelten lassen? Nun, wir werden sehen. Es sind doch in der That sehr traurige Zustände, wo so etwa« auch nur denkbar. Es ist eine Schmach und Schande für den deutschen Libe- ralismuS, daß solche Beugung der Rechtspflege, wie sie uns tagtäglich vorkommt, neuerdings wiederum möglich ist. AuS Hessen. Seit Veröffentlichung des„sekreten Erlasses" ist unser Ministerium„aus der Haut gefahren", und sofort nach dem Bekannt- werden der Veröffentlichung durch den„Sozialdemokrat" wurde ein neuer Erlaß an die Kreisämter und durch diese an die Bürgermeiste- reien des Landes losgelassen, in dem den Sozialdemokraten gegenüber wiederholte Spionage anempfohlen wird. Unter diesen Umständen war vorauszusehen, daß unser Puttkämerling. Minister Finger, Exzellenz,«in aalglatter, feinrasirter Streber mit häßlichster, kriechender Höflichkeit, darauf bedacht sein würde, sein per önliches Müthchen an den beiden sozialistischen Landtagsabgeordneten, den Genossen Jöst und Ulrich, zu kühlen. Exzellenz Finger hat einen wüthenden Hnß gegen Beide, weil ihm von Beiden in der Kammer schon wiederholt recht unangenehme Dinge gesagt wurden. Wie sollte er diesen Haß befriedigen? Gegen Genosse Jost war nicht» zu machen dessen Geschäft konnte man nicht zerstören, aber gegen den Genossen U> ch gings. Der hat eine Druckerei, in der ein harmloses Blatt, das„Ostenbacher Tageblatt", hergestellt wurde. Dies mußte fallen! Eine Weisung an den Offenbacher Amt- mann, Fuhr ist sein Name, genügte, und eine ganz harmlose Notiz mußte Veranlassung zum Ve bot geben. Das Sozialistengesetz leistete dazu die besten Dienste. Amtmcn' Fuhr berichtete erst nach Darmstadt, und von dort kam dann der Vef hl zu verhieten; zwei in derselben Druckerei hergestellt-, noch ha m osere Blätter wurden, das eine als „Fortsetzung", und das andere der.11 st inde" wegen ebenfalls verboten, doch immer erst einige Tage, nachd-m die ersten Nummern konfiszirt worden waren. Der Amtmann Fuhr arbeitete auf Befehl von Darm- stadt und ging so weit, zu erklären, so lange einer von den Genossen Ulrich oder Jahn, welche am„Tageblatt" betheiligt waren, in der Druckerei verblieben, so lange würde er jedes Blatt verbie-ten. Man kann sich denken, daß diese? russische Verfahren unter den Genossen einen tiefen Groll hervorgerufen hat. Sonst zeigen diese Vorgänge, wozu man das Ausnahmegesetz alles brauchen kann. Es dient der niedrigsten Rachsucht. Ein Minister, der sich den Borwurf der Unwahrhaftigkeit hat gefallen lassen müssen, rächt sich gegen den Abgeordneten, der den Vorwurf mit Recht gemacht, dadurch, daß er ihn geschäftlich ruinirt und eine Hätz gegen ihn inszenirt, die skandalös ist. Nun, noch ist nicht aller Tage Abend und die Abrechnung dürste möglichst bald erfolgen. Vergessen wird nichts werden. Osscnbach a 91t., Ende August. Der schärfere Wind hat auch bei uns Opfer gefordert! Was der Polizei nicht gelingen wollte und konnte, dazu gaben sich einige ehrlose Subjekte her, die sich in unverschämtester Weise als Sozialdemokraten aufzuspielen suchten. Sie denunzirten einen braven Genossen der Verbreitung des„Sozialdemokrat" und erreichten dessen Verhaftung. Die Denunzianten sind der ehemalige Berliner Aus- gewiesene Robert Marsch, vor dem wir schon früher gewarnt halten, der Portefeuiller Karl Hundt und der Schlossermeister Peter Heiles, der unsern Genossen Ulrich dadurch besonders hineinzureiten suchte, daß er vor Gericht auf seinen Eid erklärte, Ulrich habe Hetzreden gehalten und zu ungesetzlichen Handlunge» aufgefordert. Dieser saubere Patron wollte durch unsere Leute in den Stadtralh gewählt werden und war vor drei Jahren auch schon einmal aufgestellt. Er sucht- im Trüben zu fischen und wollte bei der im November bevorstehenden Wahl für unsern Stadtrath keine Sozialdemokraten, sondern Spießbürger aufge« stellt haben. Als er von einigen unserer Genossen zurechtgestutzt war, erklärte er sich für einen„gemäßigten Arbeiterfreund" und suchte Gimpel zu fangen, was ihm aber so übel bekam, daß er selbst sein Geschäft ein- stellte und jetzt überall mit Schimpf und Schande aus den Wirthschaften hinausgetrieben wird. Kein anständiger Mensch mag mehr mit ihm ver- kehren, und selbst seine ehemaligen Mitspießer ziehen sich MM......... von ihm zurück, so daß er seine Leibgesellschaft nur noch bei den Geheimpolizisten zu finden im Stande ist. Ein anderer Bursche, ein Portefeuille. Arbeiter Dieter, denunzirte seinen eigenen Schwager, brachte denselben 14 Tage in Untersuchungshaft und rühmte sich noch seiner Gemeinheit. Diesem vierblälterigen Kleeblatt stand als ganz besonderes Muster voraus ein Lacksieder Leonhard Schäfer. Der denunzirte gleich im großen Styl in einem eigens zur Bekämpfung unserer„Führer" gegründeten und von den Nationalliberalen unterstützten Blatt. Dieser Schäfer soll jetzt in der Nähe von Königsberg sein. Mögen sich die dortigen Genossen vor dem schuftigen Gesellen, der übrigens noch wegen Blutschande verfolgt wird, in Acht nehmen. Sonst steht es hier bei uns vorzüglich. Die Verfolgungen haben unsere Genossen nur gestählt, und besser als je werden wir den Wahlkampf zu schlagen im Stande sein. Auch das Frei- berzer Urtheil hat gut gewirkt! Gegen solche Verfolgungen gibt eS nur eine richtige Antwort: Sieg bei allen Wahlen! Für das Parteiarchiv werden zur Kompletirung gesucht: „Reichsbürger" 1879 Nr. 13. 19. 21—24. 29-29. 33. 43. 65-67. „ 1889 Nr. 24. 69. 52. 70. 73. 74. 79 und 80. „ 1881 Nr. 7. 19-23. 25. 26. 30. 31. 5« „StaatSsozialist." Berlin. Die kompleten Jahrgänze von 1873 und 1880. „ Jahrgang 1879 Rr. 1—13. 29. 23. 24. 80. 31—85. 39—41. 44. 47. „ Jahrgang 1331 Nr. 21. 27. 32. 42. 46. 49 und 50. „Proletarier." Augsburg-München. Nr. 1—47. „Neuer Sozial-Demokrat" 1871. 1. und 2. Quartal. Weiter der von Schweitzer herausgegeben«„Agitator", der Altonaer„Nordstern" und die„Rundschau". Auch Einzelnummern sind willkoinmen. Sendungen richte man an die Unterzeichnete Volksbuchhandlung Hottiugeu-Zürich. Inerte Postb und entge, » 5t. 2, JH. 3 «. 1,S 5t. 2, «d P- ® fercn einen derse Ui Immer wieder schärfen wir unseren Korrespondenten ein, unter Angabe deS Datums in jedem Brief u. s. w. stets deutlich anzugeben, welche Korreipow denzen, Sendungen»c. bis zu Abgang eingetroffen waren. Bei Adreß- änderungen, Adreßlöschungen u. dgl. ist unbedingt Vorkehrung zu treffen, etwa Laufendes in sichereHand zu leiten. Alle Adreßmeldunge» bitten wir in Deutsch- und Lateinschrift(behufs Kontrole) deutlich zu schreiben. Deckadressaten oder deren Angehörige sind zur Ablieferung sofort nach Empfangnahme strengstens anzuhalten. Weiterbeförderungen und Abholungen sind pünktlichst zu bewirken. Expedition des„Sozialdemokrat." Zur Beachtung. Der gesteigerten Auflage wegen wird unser Blatt jetzt einen Tag früher fertiggestellt. Redaktionsschluß: Dienstag Mittags. Di, 23.— lung grund gleite, , 3m ! ollte Eröffi gettof Gesän 3nteri begleii Nw such g war j »Natii bei de Chara Komit die ve »n de, Die l) Brieftasten der Redaktion: Einsendungen n. sind eingetroffen aus Hirsch- b e r g in Schlesien, S t e t t i n', H alle an der Saale, Ludwigs» Hafen. der Expedition: A. H. Newyork: Fr. 253 15& Cto. Ab. tc. erh Dank f. Bfmkn.— G. Scheele Melburne: Fr. 24 80 pr. Ab. u. Echft. erh. Adr. ic. geordnet. Bstllg. folgt. Bfl. Weitere«.— Dtschr. Verein Frauenfeld: Fr. 16 50 pr. Ab. 1. u. 2. Qu. erh. Von H. noch nichts Neues?— Verrina: Bf. v. 24/8. erh. P.-K. stets an dir. Adr. Betr. Reklamirtem k. bfl.— 33. R.: Mk. 5— pr. Ufb. dkd. erh.— Bukarest: Fr. 49 25 pr. Lb. 8. Qu. u. Fr. 10 89 f. P.-Beitr. 3. Qu. dkd. erh. Fr. 119 95 pr. Ufd. d. Opfern des Freiberger Justizmorde« u. Fr. 29— dem Aktionskomite de« Schwei,. ArbeitertageS dkd. zugew. Bstll folgt nach Wunsch.— Kilian: Mk. 73 69 in Baar i Cto. Ab. ,c. er Weiteres nach Vorschrift gutgebr.— Flensburg: Mk. 18— d. Dfd. dkd. zugewiesen— E. M. Z.! öwfl. 6—(Mk. 9 36) f. Schft. erh. XJJZ.; Beilage besorgt.— Hansen: Mk. 1 80 f. Schft. pr. Vbchhdlg. erh.— Jürgeln: Mk. 162 89 i Cto. Ab. tc. erh.— Rothe Taube! Mk. 60— 6 Cto. erh. Verschiedene Wege verschiedene Zeiten. Quittire» Gelder stets im Bfk., ebenso Bseingänge, dafern nicht sofort bfl. geant» wortet wird.— Minden i/W.: Mk. 40— pr. Ufb. dkd. erh.— Zopy» ron: Mk. 41 40 ä Cto Ab. tc. erh. Wir quittiren stets draußen einge« zahlte Marks. Weiteres bfl.— Meerane i. S.: Mk. 110— ,un> R.-T.-WahlfondS deS 17. Wahlkreises von Crimmitschau durch L. K. eingetroffen.— Hastedt: Mk. 20— pr. Dfd. dkd. erh.— Dir Rothen H.H.: Mk. 34— pr. Ab. und Echft. verw. Weiteres lt. Bor« schrift v. 27/8. geordn. Quttg. in 34 demnach zu berichtigen.— Klopf- stock: Mitthlg. betr. I. pr. A. erh. Nähere Daten für„schwarze Liste" ,c. umgehend erbeten.— Bruno: Mk. 543 90& Cto. Ab.»c. erh- Bfl. Weiteres.— Dr. R. U. G.: öwfl. 1 70 Ab. 4. Qu. u. öwfl. 8 SO f. d. Opfer deS Freiberger Prozeffes dkd. erh. Weitere« beachtet. Zürich: Fr. 50— f. die Opfer des Freiberger Prozesse«, Ueberschuß der Schutzenhausversammlung v. 24/8. dkd. erh.— T. v. R.: Mk. 290 ä Cto Ab. k. pr. Fr. G. Sch. erh.— E. P. D.: Rk. 20— k Cto Schft- pr. Sch. erh.— Felix l: Mk. 8 89 Ab. 3. u. 4. Qu. und Mk. 44-- Ab. 2. Qu. u. Schft. pr. F. II erh. Adr. geordnet. Bstllg. folgt,»vis notifizirt.— Dpi. B. G.(3599): Mk. 799— erh. u. nach Vorschrist gebucht.— B. I.-YI.; Rk. 400— i Cto Ab. tc. erh. Weiteres nach Wunsch.— Unverbesserlicher: Rk. 7 50 i Cto Schft. erh. Mehrbstvg- notirt Bfl. Weiteres.— 4) In unserem Verlage ist erschienen: Der Hlrsprung der Aamitie, des �rivateigenthums und des Staats. Von Fr. Engels. lsilUz;« Aasgabe. Diese bedeutend«, 148 Oktavseiten starke Schrift kostet bei Bezug von mindestens 5 Exemplaren Fr. 1—(80 Pfg.) netto pr. 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