AVouuements «erdni bei allen schweizerischen Pofidureaux, sowie beim Berlag «>» dessen belannten Agenten entgegengenommen, und zwar zum »»«oitS, ahlbaren LierteljahrZpreiS von: Ar. 2,— str die Schweiz(Kreuzband) BK. 8,— für Deutschland(Couvert) fl. 1,70 für Oesterreich(Couvert) Fr. 2,50 für alle übrigen Länder de» Weltpostverein-(Kreuzband) J-ser-te die dreigespaltene Petitzeile 25 St». 20 Psg. Der SoMemoknt Hrgan der Sozialdemokratie deutscher Junge. Krscheint Wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Aerkag der »«»»»»nchhanbl»«» Holling««-Zürich. Nostsellduugea franlo gegen sraui». Gewöhnliche Briefe nach der Schwei» lostm Doppelporto. M 8o Briese an die Redaliion und Elpedition de» in Deulschlaud und Oesterreich verbotenen.Sozialdemolrat'«olle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. Zn der Regel schicke mau uns die Briefe nicht direlt, sondern an die belannten Deckadressen. Zn zweifelhaften Fällen eingeschrieben. 18. Februar 1888. i I I Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten ;| und Gemaßregelten nicht! l Ein falsches Schlagwort. I Unsäglich oft schon haben unsere Gegner damit uns gegen- »| über einen ganz besonderen Trumpf auszuspielen geglaubt, ' daß sie unter Hinweis auf den Verlauf der großen französi- l schert Revolution die Behauptung aufstellten, bei allen revo- » lutionären Parteien und Bewegungen werde die gemäßigtere •; Richtung stets durch die radikalere und diese dann durch eine *:«och radikalere verschlungen, und das so fort, bis schließlich l die allgemeine Anarchie eintritt, die mit einem furchtbaren >. Blutbade und darauf folgender Säbelherrschaft abschließt. b! Auch bei den Reichstagsdebatten über die Puttkammer'schen £> Verschärfungen des Sozialistengesetzes hat dieses alte Clichö f. i wieder seine Dienste thun müssen— sowohl Herr von Putt- o kamer wie sein Standesgenosse von Kardorff haben ihre phä- uomenale Armuth an eigenen Gedanken durch dasselbe zu � decken gesucht. Der Erstere, um daraus den Beweis herzu- leiten, daß das Anwachsen der radikaleren,„einer gewaltsamen « Erreichung der sozialdemokratischen Ziele zugeneigten Richtung £ i innerhalb der sozialdemokratischen Partei" keine Folge des £| Ausnahmegesetzes und seiner Handhabung, sondern eine noth- t-.■ wendige Frucht der sozialdemokratischen„Sünden" sei: fc-„Die Revolutionen aller Zeiten", deklamirte der Jhring-Mahlow- und l-»; Raporra-Mann,„und auch unsere letzte Entwicklung haben gelehrt, daß innerhalb der Parteien, die sich einmal von dem korrekten Boden und td Standpunkt loslösen, die energische Strömung immer die milbige über- 81 holt. Da mögen Sie die Geschichte der französischen und anderer Reoo- lutionen studiren: das geht von der Gironde zu Robespierre, von Robes- pierre zu Marat und von Marat zu Babeuf. Das ist einfach diese Eni- — i wicklungskette. Genau so geht es mit den sozialdemokratischen Bestre- düngen." Der schlesische Junker Kardorff aber erzählte frei nach Taine, dem französischen Treitschke, daß Robespierre und seine Ge- »offen sich nur durch eine terroristische Bande von notorischen Verbrechern— Räuber, Mörder, Diebe, Fälscher— am Ruder erhalten konnten, und das habe sich bei der letzten Pariser Kommune wiederholt. „Bei der letzten Pariser Kommune sind vielleicht auch gewisse Herren gewesen, die von einem gewissen idealen Gesichtspunkt aus die Revolu- tion betrachtet haben; und doch haben sie nicht verhindern können, daß da? Lumpengefindel von ganz Paris sich an ihr« Fersen geheftet und die Unthaten begangen hat, die der Kommune mit Recht zur Last gelegt werden. ht»(Sehr richtig! rechts.) m« Also, meine Herren, wenn, was Gott verhüten möge, Deutschland je- ieO«als«s erleben sollte, daß die oberste Gewalt in die Hand von Herren h« übergehen sollte, wie die Herren Bebel und Singer, so mögen sie jetzt »och so sehr gegen die Anarchisten sich wenden und von ihnen lossagen, ste würden die ersten sein, die von den Anarchisten über Bord geworfen würden, und die Anarchisten würden dieselbe Rolle spielen, die ste zu allen Zeiten gespielt haben." „Das ist unsere Sache", rief Bebel hier dem Gründer der �aurahütte entgegen, worauf ihm derselbe die ungemein geist- volle Antwort gab:„Nein, das ist unsre Sache, denn unsere eigenen Köpfe haben wir auch etwas lieb". Mit Taine'S Tendenzlügen haben wir uns nicht zu beschäftigen, und über die Frage, wem die„Unthaten", die während der Kommune begangen sein sollen, zur Last fallen, streiten wir nicht mit � einem Manne, der in demselben Athemzuge, wo er die obige Berantwortungstheorie aufgestellt, den Puttkamer von jeder Ver- antwortung für die Schurkereien seiner bezahlten Agenten freisprach. Rassen wir daher den politischen Kommis des Herrn von Bleichröder und kehren wir zum Jhring-Mahlow- und Na- porra-Minister zurück. „Die Revolutionen aller Zeitm haben gelehrt":c., dozirt er, !» aber er läßt es hübsch bleiben, eine andere Revolution als die große französische anzuführen— das Schiefe der Schab- lone würde sich z. B. bei der englischen zu deutlich gezeigt haben. Aber auch mit der französischen Revolution hat die Sache ihren großen Hacken. Zunächst müssen wir Herrn Puttkamer die ihm zweifelsohne ß- aene aber darum doch feststehende Thatsache mittheilen, daß auf RobeSpierre Marat nicht gefolgt ist. Als Robespierre gestürzt wurde, war Marat schon über ein Jahr unter dem MO» Messer der Charlotte Corday gefallen. Thatsächlich folgte auf Robespierre da» Direktorium mit Carnot, BarraS, Rem- � bell tc., d. h. die Herrschaft der gemäßigten Republikaner. Babeuf hat einen maßgebenden Einfluß auf den Gang der Ereignisse überhaupt nicht ausgeübt, seine Verschwörung er- 0«f stand erst unter dem Direktorium, als Auflehnung gegen dessen Mißwirthschaft, es kann daher auch von keinem„Ueberholen" RobeSpierre's durch Babeuf die Rede sein. Herr von Putt- kamer thut gut, wenn er in Zukunft wieder einmal etwas ks? aus der Geschichte deduziren will, vorher erst die Nase in ein Geschichtsbuch zu stecken— Stöckcr'fche Reden und Leitartikel der Kreuzzeitung reichen dazu nicht aus. Weit eher als Babeuf, der in diese Reihe überhaupt nicht hineingehört, wäre Hebert hinter Marat, bezw. Robespierre zu nennen. Hebert kann, wenn auch nicht als Rivale, so doch als gefährlicher und radikalerer Widersacher RobeSpierre's gelten. Aber hier hinkt die Puttkamer'sche oder vielmehr von Puttkamer neu aufgetischte Weisheit erst recht, denn nicht Robespierre wurde von Hebert, sondern Hebert von Robes- pierre„überholt", d. h. wie man das damals machte, geköpft. An der ganzen Rederei ist nur soviel richtig, daß im Laufe der französischen Revolution verschiedene revolutionäre Par- teien, theils nach-, theils nebeneinander auftraten, daß die ein- flußreichsten dieser Parteien einander in der Herrschaft ab- lösten und daß dies bis Robespierre in der aufsteigenden Richtung der— bürgerlichen— Demokratie, bezw. des Ra- dikalismuS geschah. Die Entwickelung erklärt sich aus den besonderen Umständen, unter denen sich die große fran- zösische Revolution vollzog— so machten die landesverrätheri- scheu Konspirationen von König und Adel mit den auswär- tigen Mächten, das Eindringen der letzteren in Frankreich, ein immer stärkeres Hereinziehen der Menge in's politische Leben nothwendig und sicherten dadurch der Partei die Oberhand, welche für die Bedürfnisse derselben, speziell des Pariser Volks, das meiste Verständniß zeigte und gegenüber den Feinden des Vaterlandes die größte Thatkraft entfaltete. Das anmaßende Manifest des Herzogs von Braunschweig, der im Namen der Verbündeten die Franzosen anherrschte, sich bei Strafe der Behandlung als Rebellen den Befehlen derselben ruhig zu unterwerfen, führte zum 10. August(Sturm aus die Tuilerien), die Nachricht von der Einnahme Longwy's zu den September- Unruhen. Nach der Logik eines Puttkamer müßte man Mira- beau und Sieyes dafür verantwortlich machen, denn sie waren ja die Ersten, die sich von dem„korrekten Boden und Standpunkt" losgelöst. Aber auch unter den konservativsten Ge- schichtsschreibern findet sich keiner, der einen so bornirten Standpunkt zu vertreten wagte. Selbst ein so gemäßigter Mann wie Mignet erklärt den Sieg der Jakobiner als eine nothwendige Folge des Eindringens der Koa- litionsmächte.„Es war nicht gut möglich", schreibt er in seiner Geschichte der französischen Revolution,„daß oer Bürgerstand, der stark genug gewesen war, die alte Regierung und die bevorrechteten Stände niederzuwerfen, aber nach diesem Siege ausgeruht hatte, die Ausgewanderten und ganz Europa zurücktreiben konnte. Dazu war eine neue Erschütterung, ein neuer Glaube nöthig; dazu bedurfte es einer zahlreichen, feu- rigen, noch nicht ermüdeten Klasse." Wo dieser Druck des Auslandes nicht einwirkte, haben die Dinge meist einen ganz andern Verlauf genommen. Die eng- lische Revolutton im 17. Jahrhundert weist nichts von einer solchen Ablösung gemäßigter durch radikalere Elemente auf, in der Februar-Revolution des Jahres 1848 kann man viel- mehr die umgekehrte Entwickelung verfolgen. Die revo- lutionären Arbeiter, die die Republik erkämpft, werden von den kleinbürgerlichen Demokraten zurückgedrängt, diese später von den Bonrgeois-Republikanern, die ihrerseits dann den„Kon- stittrtionellen" weichen müssen, bis deren Herrschaft der Staats- streich des Louis Bonaparte ein Ende machte. Ebensowenig paßt die Schablone auf den Verlauf der Revolution in Deutschland. Noch weniger als auf die früheren Revolutionen stimmt das, was der Minister mit so vielem Applomb verkündete, auf die moderne proletarische Bewegung. Hier ist er jeden Beweis dafür schuldig geblieben, daß die sozialdemokratische Bewegung nothwendigerweise in den Anarchismus übergehe, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil überall die Thatsachen das Gegentheil beweisen. Der Beschützer des Jhring-Mahlow ver- wechselt seinen Wunsch mit der Wirklichkeit. Der Anarchis- mus ist eine Kinderkrankheit des Sozialismus, die derselbe überall mit Leichtigkeit überwindet, wo nicht rückläufige poli- tische Einrichtungen den natürlichen Entwicklungsprozeß hem- men oder Unterdrückungsgesetze Rückfälle hervorrufen. Das Land mit der freiesten Verfassung und der vorgeschrittensten Arbeitsgesetzgebung, die Schweiz, hat unter den eigenen Lau- desangehörigen kein Dutzend Anhänger des Anarchismus. In Deutschland war vor der Einführung deS Ausnahmegesetzes der Anarchismus ein exotisches Gewächs, die krampfhaften Versuche, die im Jahre 1877 gemacht wurden, ihn dort ein- zuführen, schlugen überall fehl— Reinsdorf, der, trotzdem er Militärflüchtling war, in Leipzig unter den Augen der Polizei in jeder Versammlung für die heilige Lehre Bakunins Propaganda machen durfte, gewann nur einen einzigen Jünger: Hödel, eine Acquisition, deren sich später auch— Stöcker rühmen durfte. Auch das ist nicht wahr, daß die deutsche Sozialdemokratie in den letzten Jahren vor Schaffung des Ausnahmegesetzes eine radikalere Haltung als früher eingenommen, gewaltthätiger geworden war. Das genaue Gegentheil ist der Fall. Man braucht nur die parlamentarischen Reden der Sozial- demokratie aus den Jahren 1877 und 1878 mit denen der früheren Jahre zu vergleichen, um sich davon zu überzeugen. Man weist so gerne darauf hin, daß Most, mit dem die So- zialdemokratie heute allerdings jede Zusammengehörigkeit ab- lehne, bis 1878 ein angesehener Führer der Partei gewesen sei, und es war Herr von Puttkamer oder irgend einer seiner Parteigenossen, der gelegentlich der Erwähnung dieser nie ge- leugneten Thatsache im Reichstage pathetisch ausrief: Erinnern Sie sich nur, meine Herren, welche blutgierige Reden wir damals hier im Hause zu hören bekamen. Es lohnt sich in der That der Mühe, diese„Blutreden" nachzulesen, die das Ausnahmegesetz angeblich nothwendig mach- ten. Aber da uns der Raum dazu fehlt, wollen wir wenig- stens die Gegenstände angeben, die sie behandeln. Nun denn, eine der letzten Reden, die Most im deutschen Reichstag ge- halten, befürwortet— schrecklich zu sagen— eine Reform des Wahlreglements, und eine andere— fast sträubt sich die Feder, es niederzuschreiben— die amtliche Feststel- lung des Feingehalts der Goldwaaren. Die Anarchie in höchster Potenz, nicht wahr, Herr von Kardorff? Nicht daß die Partei damals ihre weitergehenden Ziele auf- gegeben hätte. Aber sie hatte den Sektencharakter abgestreift und war eine wirkliche Volkspartei geworden, eine Partei der Propaganda und nicht der Revolutionsmacherei. Es ist nicht wahr, daß die Partei, welche die weitestgehen- den Theorien aufstellt, stets die größte Aussicht hat, die Massen für sich zu gewinnen. Nur unter abnormen Verhältnissen trifft dies zu. So dort, wo starker Druck die Geister überreizt hat, oder wo außergewöhnliche Noth und Unwissenheit das Urtheilsvermögen trüben. Je freier und aufgeklärter ein Volk, je mehr es am politischen Leben theilzunehmen gewohnt ist, um so schärfer wird es zwischen dem, was praktisch durch- führbar und dem, was luftige Spekulation ist, zu unterscheiden lernen. Je nach der Stellung der Klasse, deren Interessen sie vertreten, werden die Parteien mehr oder minder radikale Forderungen stellen, aber stets darauf bedacht sein, sie dem Stande der gesellschaftlichen Entwickelung— der wirthschaft- lichen wie der politischen:c.— anzupassen, wollen sie nicht auf die Mitwirkung der Massen verzichten. Das zeigt sich in der Schweiz, das zeigt sich in England, das zeigt sich auch in Amerika. Und wenn Herr Puttkamer mit salbungsvoller Miene nach Chicago verweist, so antworten wir ihm: Lesen Sie die Reden der verurtheilten Anarchisten, lesen Sie, wie zynisch die yerrschendelt Purteirn in Ehicazo da» Wahlrecht mit Füßen getreten, die Wahlstimmen des Arbeiterkandidaten einfach unter- schlagen haben, und Sie haben die Ursache, weshalb in Chi- cago der Anarchismus Boden finden mußte. Die Volksmasse ist von Natur aus eher konservativ als zu Umwälzungen aufgelegt.„Das Volk hat lange Ohren", singt der Dichter. Wenn irgendwo phantastisch- exaltirte Lehren in den Massen Boden gewinnen, seien sie politischer, religiöser oder welcher Art immer, dann ist das ein untrüglicher Be- weis, daß etwas faul ist im Staate Dänemark. DaS mag sich der hohe Gönner der ehrenwerthen Gesetz- lichkeits-Pädagogen Jhring-Mahlow und Naporra in's Album schreiben. Aus der Rede Bebels zum neuen Sozialistengesetz.*) (Laut dem amtlichen stenographischenBericht.) Meine Herren, als vor jetzt ungefähr sechs Wochen in der deutschen Presse bekannt wurde, daß die so wie so zu erwartend« Borlage für die Verlängerung des Sozialistengesetzes nicht bloß die einfache Berlängerunz desselben, sondern auch bedeutende Berschärfungen enthalten würde, da entstand in der gesammten Presse ohne Unterschied der Parteischattirung ein große» Erstaunen und eine allgemeine Ueberraschung. Alle Welt fragte sich, was denn eigentlich vorgefallen sei, daß man jetzt nach fast zehnjährigem Bestehen des Sozialistengesetzes sich veranlaßt sehe, zu Berschärfungen, und zwar zu Verschärfungen so außerordentlicher Art, zu greisen. Ran ging selbstverständlich von der Anficht au», daß, wenn so exorbitante Berschärfungen, wie die Jnternirung, die Expatriirung, die Verdoppelung und selbst Beroierfachung der bisher üblichen Strafen bei Uebertretung des Sozialistengesetzes eingeführt werden sollten, auch dann auf Seiten der verbündeten Regierungen entsprechende Begründungen vorhanden fein müßten. Die offiziöse Presse, von der man annimmt, daß fie in allen diesen Fragen besser al« die übrig« Presse unterrichtet ist, ließ auch keinen Zweifel, daß die verbündeten Regierungen und speziell Herr von Puttkamer, den man fich gewöhnt hat in allen solchm Fragen al» den eigentlichsten Repräsentanten der Bundesregierung zu betrachten, mit ganz bedeutendem und sehr gewichtigem Belastungsmaterial vor dem Reichstag erscheinen würde, und daß auch unzweifelhaft in den Mot ven des Gesetzentwurfs die entsprechenden Beweis« enthalte« sei« würden.... ... Sehen wir un» nun die Motive an und rufen wir u«S noch einmal die Reden in's Sedächtniß, welche die Herren vom Regierung»- tisch sowohl wie auS dem Haus«, die für diesen Gesetzentwurf gesprochen haben, entwickelten, so finden wir die allerschärfsten Wider« sprüche. Aus der einen Seite wird gesagt: da« Gesetz habe seinen Zweck erfüllt, die Störungen de« öffentlichen Friedens seien i» Folg« des Ausnahmegesetze« im Vergleich zu andern Ländern unterblieben, dasselbe habe ans die Oesfentlichkeit in Deutschland beruhigend gewirkt. Ja, nicht allein hat Herr von Puttkamer sich in einem ganz besonderen Lobe der Wirkungen diese« Gesetzes ergangen, er hat sich sogar zu der kühnen Behauptung verstiegen— die er freilich nicht bewiesen hat und nim- mer wird beweisen können, und die ihm bei nächster Gelegenheit» z. B. bei den allgemeinen Wahlen, in sehr drastischer Weise widerlegt werden *1 Bngefichts der außergewöhnlichen Länge und der Bedeutung der Bebel'lchen Rede ist es un« unmöglich, selbst die auszugsweise Wiedergab- in einer Nummer zu erledigen. Wir bringen daher heute nur solche Stellen zum Abdruck, die sich auf die Kritik der Handhabung der bestehenden und die Wirkung der geforderten Polizeibesugniffe beziehe«. d. S.-D.zD dürfte—, daß ihm Thatsachen bekannt seien, aus denen es fast un> zweifelhast hervorgehe, daß die Sozialdemokratie in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht habe, ja, daß in manchen Bezirken sie sogar in der Abnahme begriffen sei. Ja, meine Herren, wenn das die Wirkungen des Gesetzes waren, dann wird doch jeder Mensch, der halbwegs logisch denken kann, zugeben» daß dann zum allermindesten die Berschärfnnge« des Gesetzes vollständig überstüsstg sind. (Seht richtig! links.) Aber es ist hier dem Herrn von Puttkamer wie dem Herrn von Helldorff gegangen: Herr von Helldorff versucht« ebenfalls eine ganze Reihe von„wohllhätigen" Wirkungen dieses Gesetzes nachzuweisen; auf der andern Seite mußte er aber doch zugeben— und er behauptet, darin ganz persönliche Ersahrungen gemacht zu haben, namentlich in Bezug auf die THStigkeit der Ausgewiesenen aus den Belagerung«- zustandsbezirken—, daß nach dieser Richtung hin daS Gesetz. sogar ent- schieden schädlich gewirkt habe.... ).-- Nun will ich zunächst, um bei diesem Punkte einmal zu bleiben, Herrn von Helldorf zugeben, daß die Wirkungen, die er von den Aus- gewiesenen in seinen ländlichen Bezirken verspürt zu haben vermeint, wohl wahr, aber durchaus nicht neu sind. Sie sind eine ganz natürliche Folge davon, daß jetzt eine Reihe von Jahren hintereinander über alle größeren Städte und Jndustriebezirke der Belagerungszustand verhängt wurde. Ferner sind sie die natürliche Folge der Art und Weise, wie die Polizei in Deutschland mit den Ausgewiesenen umspringt. DaS ist ein so wichtiges Kapitel, daß ich dabei nothwendigerweise einen Augenblick verweilen muß. � jf Die Berliner Polizei, die ja gewiffermaßen alS Zentralpolizei in Deutschland fungirt— ich möchte sagen, der Berliner Polizeipräsident ist eigentlich und in Wahrheit so eine Art deutscher Polizeiminister, natürlich unter dem Kommando und der Oberaufsicht des Herrn von Puttkamer, weil bei ihm alle Berichte über die THStigkeit der Ausgewiesenen aus allen Enden und Ecken Deutschlands zusammenlaufen— die Berliner Polizei ist also über die Wirkungen der Ausweisungen längst unterrichtet; daher ist«S bei ihr bereits seit einer Reih- von Jahren Grundsatz, von der Ausweisung nur in den allerseltensten Fällen Gebrauch zu machen, ganz im Gegensatz zu den Behörden im Königreich Sachsen, wo bekanntlich der Belagerungszustand über Leipzig und Um- gegend verhängt ist, die mit wahrer Wollust die Maffenausweisung bis zum heutigen Tage betreiben und auch dafür sorgen, daß diese AuS- Weisungen sofort in der Preffe als eine große, staatSretterische That ausposaunt werden. Recht brasilisch ausgedrückt, was die Berliner Polizei in Bezug auf die Thätigkeit der Ausgewiesenen und ihre Wirkung im Lande denkt, hat vor Jahr und Tag einmal ein Polizeiwachtmeister hier in Berlin einem meiner Parteigenossen gegenüber geäußert. Bei diesem wurde eine Haussuchung veranstaltet. Die Polizei— die beiläufig bemerkt mit der Reichspost in den allerintimsten Beziehungen und Ber- bindungen steht und sehr genau unterrichtet ist von allen Sendungen, welche bekannte Sozialdemokraten durch die Post zugestellt bekommen— die Berliner Polizei wußte auch, daß an diesen Sozialdemokraten ein bestimmtes Packet Schristen geschickt war. Kaum hatte der Postbote da« betreffende Packet abgegeben, so erschienen etliche Kriminalschutzleute unter dem Kommando diese» Wachtmeisters, nahmen bei dem betreffenden Arbeiter die Haussuchung vor, belegten das eben angekommene Packet mit Beschlag und öffneten es. Da stellte sich heraus, daß dasselbe«ine Anzahl verbotener Schriften von ein und demselben Inhalt enthielt, so- daß gar kein Zweifel vorhanden sein konnte, daß diese Flugschriften zur Verbreitung bestimmt waren. Run sagte der betreffende Wachtmeister: «Ja sehen Sie, mein lieber Herr soundso, es ist ja unzweifelhaft, daß diese Schriften zur Berbrettung bestimmt sind; aber da wir Sie noch nicht bei der Verbreitung erwischt haben, so können wir natürlich jetzt bei den Gerichten gegen Sie nichts machen. Die Thatsache, daß Sie daS Packet bekommen haben, würde selbstverständlich vollständig genügen, um Sie auszuweisen; aber so dumm sind wir nicht mehr."— Hören Sie, meine Herren I„nicht mehr!"—„Wir haben die Er- fahrung gemacht, daß ihr, wenn wir euch ausweisen, draußen viel schlimmer seid und viel mehr schadet, al» in Berlin. Hier In Berlin steht ihr unter unserer Kontrole, hier haben wir eine geübte und zahl- reiche Polizei; wenn ihr aber hinaus in das Land kommt, agitirt ihr überall herum. Diese Erfahrungen haben wir sett langer Zeit gemacht,«usgewiesen werden Sie also nicht, aber scharf beobachtet werden Sie." Meine Herren, ich frage Sie alle, kann in drastischerer Weise, alS eS durch diese Aeußerung geschehen ist, die Schädlichkeit der AuStveisungeu selbst vom Standpunkt de» Sozialistengesetzes dargethan�werden?... ... Und nun, meine Herren, nicht allein da«; wie ist nun die Praxis der Polizeibeamten im Lande gegenüber diesen Au«- gewiesenen? Das ist in der That auch nothwendig festzustellen, weil auch hier wiederum Beweise vorliegen, wie diese Praiis in erhöhtem Grade dazu beitragen kann, die Wiikungen, welche die Urheber des Ausnahmegesetzes demselben zugeschrieben haben, gerade in das Gegen- theil zu verkehren. Wenn so ein unglücklicher Ausgewiesener in eine andere größere oder kleinere Stadt kommt, kann er tausend gegen eins wetten, daß am nächsten Morgur sein Aufenthalt bereits der betreffenden Polizeibehörde genau bekannt ist. Er wird nicht allein von der Herberge angemeldet, wie dies ja Vorschrift ist in allen Gemeinden, sondern es kommt für ihn noch hinzu, daß sein Name auch im„Polizeianzeiger" — dieser ist der Polizeibehörde zugängig, jeder Poliz�beamte führt die Liste der Ausgewiesenen beständig bei sich und weiß nun fosort, daß dies der und der von dort und dort Ausgewiesene ist. In vielen Fällen nun— und namentlich habe ich da in Dresden sehr reichliche Erfahrungen gemacht— passtrt folgendes. In der Regel wird der Mann auf die Polizei zitirt, dort werden ihm alle möglichen Fragen vorgelegt, er muß sich über seine Subststenzmittel ausweisen, ferner erklären, was er zu thun gedenke u. s. w. Aber man ist nicht allein damit zufrieden. Von dem Augenblicke an darf er sicher darauf rechnen, daß er auf Schritt undTritt von Polizeibe- amten verfolgt wird, daß er dann, wenn den Parteigenossen an dem betreffenden Orte es gelingt, ihm Arbeit zu verschaffen, es nur wenige Tage dauert, und die Polizei erscheint bei dem betreffenden Arbeitgeber deS armen Teufels und unterrichtet diesen über seine Person. Da kommt«S nun häufig vor, daß der Arbeitgeber, wenn die Polizei ins Haus kommt und sagt:„Hören Sie, da haben Sie einen g, fährlichen Wen>chen unter Ihren Arbeitern, der ist ein Wühler, der„Kerl" ist von da und da ausgewiesen auf Grund des Belagerung», ustandeS", daß der Unternehmer erschrickt und sich sagt: ich habe schon genug Sozial« demokraten und der kommt nun auch noch mir in die Werkstatt und noch gar die Polizei dazu, die mir aus so und soviel Gründen schaden kann. AlSdann entläßt er den Mann. Aber was ist die weitere Wir- kung? Di« auf Grund der Ausweisung aus seinem Wohnorte ohuehi« vorhandene furchtbare Erbitterung»»ird bei diesem Manne«och intensiver. Ich habe da« an mir selbst empfunden. Ich bin seit dem Jahre 1881 aus Leipzig, wo ich seit 20 Jahren gewohnt habe, Bürger war, mein Geschäft hatte, aus Grund des Belagerungszustandes ausgewiesen worden. Ich bm auf Grund dieser Ausweisung gezwungen worden, auS meinem Geschäft auszutreten, meine Existenz zum großen Theil preiszugeben u. s. w. Einer ganzen Reihe anderen Genoffen ist ähnliche« passtrt. Wir aber, die sogenannten Führer, sind gegenüber den Arbeitern ver- hältnißmäßig immer noch in günstigerer Position. Und doch, meine Herren, ich habe in den 2S Jahren, feit welcher Zeit ich im öffentlichen Leben stehe,— das werden alle diejenigen, die einigermaßen meine Thätigkett verfolgt haben, wissen,— sehr viel Verfolgungen, sehr viele Gesängnißstrafen erlitten; ich bin in den verschiedensten Arten verurthellt, gehetzt und verfolgt worden; aber das sage ich Ihnen: nie in meinem Leben habe ich einen so andauernden Gram, eine solche Erbitterung empfunden als damals, al« ich auf Grund de« Belagerungszustandes — ich möchte fast sagen— wie ein räudiger Hund von Haus und Hof, aus meinem Geschäft und von meiner Familie weggetrieben wurde, ohne daß ich im Geringsten in der Lage war, mir zu sagen: wie kannst du dich dagegen vertheidigen? Dem Richter gegenüber müssen Gründe, muß eine Verletzung de» Gesetzes da sein; wenn ich dem Richter gegenüber- gestellt werde, habe ich Gelegenheit, mich zu verantworten und zu ver- th eidigen, und, wenn die Gründe durchschlagend sind, Ausficht, frei- gesprochen zu werden. Der Polizei gegenüber nichts von alledem!„Du mußt gehen, weil es mein Wille ist, und mein Wille ist meine Willkür." So steht es in diesen Dingen. Also ich habe es an meiner eigenen Person erfahren, welch' furcht- barer Grimm, welcher Haß, welch' ungeheure Erbitterung Jeden beseelt, der von solchen Maßnahmen betroffen wird, und so begreise ich, meine Herren, daß diejenigen, die von diesen Maßnahmen betroffen werden, es gerade erst recht als ihre Pflicht betrachten, alles daran zu setzen, der Idee, wegen derer sie verfolgt werden, zur Ausbreitung zu ver- helfen.... .... Run, meine Herren, ist weiter in den Mottven ausgesprochen worden, daß man geglaubt habe, es würden die sozialreformatorischen Bestrebungen der Regierung wenigstens einigermaßen in der Sozial- demokratie Entgegenkommen finden, und so gewiffermaßen eine Art allmäliger Verständigung und AuSiöhnung zwischen der Regierung und den hinter ihr stehenden Parteien und der Sozialdemokratie oder wenig- stens einem Theile derselben möglich sein. Aber, sagt die Regierung, diese Hoffnungen haben sich leider nicht erfüllt, wir sehen keine Spur von einer sozialresormerischen Bewegung der Sozialdemokratie; eS ist unzweifelhaft, die Sozialdemokratie wandelt ihre alten revolutionären Bahnen; und da sie das thut, können wir nicht allein dabei bleiben, daß die bisherigm Machtmittel, die Sie uns gegeben haben, uns weiter gewährt werden, wir müssen sogar mit noch schärferen Repressionsmitteln gegen sie vorgehen. Meine Herren, au» keiner Rede ist mir das so klar hervorgegangen, wie aus der Rede des Herrn von Helldorff, wozu diese schärferen Repreffionsmittel benutzt werden sollen. Er erkannte an: heute ist die Sozialdemokratie scheinbar gegen früher eine ganz andere in ihrem Auftreten, sie Kitt viel ruhiger, gemäßigter, ich will einmal den Aus- druck gebrauchen,„anständiger" auf; alle die böien Auswüchse, die wir früher an ihr beklagt haben, sind durch das Gesetz besettigt. Run sollte Herr von Helldorf von diesem seinem Standpunkt sagen: Gut, behalten wir das Gesetz, so wie es ist, weiter. Rein, sagt er aber, das genügt mir nicht, wir müssen es verschärfen. Warum? Gerade dadurch, daß die Sozialdemokratie ein so gemäßigtes Gewand angenommen hat, so sachte, so genäßigt auftritt, dadurch ist sie erst recht gefährlich, dadurch gewinnt sie eine Anzahl Leute, die unter der früheren, rauheren Form sich nicht gewinnen ließen; wir müsse« also die Sozialdemokratie reizen, — das war der Sinn seiner Worte—, wir müssen Verschärfungen ein- führen, und wenn eS in Folge dieser Verschärfungen— das ist die Folge, die i ch daraus ziehe— zu Putschen, zu Gewaltthaten kommt, so ist die Flinte da, die schießt, und der Säbel, der haut---- ... Aber meine Herren, zu der Auffcffung von der Stellung der sozialdemokratischen Partei zu den Refoimbrstreckungen der Regierungen zurück! Mich hat der Satz, der da in den Motiven steht, aufrichttg ge- freut, nicht etwa, weil er etwas Neues sagt; denn daß die Sozialdemo- kratte eine Reformpartei im Sinne der Regierung werden würde oder werden könnte, den Gedanken habe ich nie gehabt, den hat kein Partei- genösse von mir in seinem Leben gehabt. Aber daß die Regierungen hier offen aussprechen, daß sie diese Hoffnung wirklich gehabt haben, daß sie gewissermaßen in der Rolle des Rattensängers von Hameln nur die Re- formflöte zu blasen brauchten (Große Heiterkeit), um zu erwarten, daß dann die Sozialdemokratie in größerer Zahl ihnen folgen würde, daß sie diese Hoffnung hatten, das amüfirt mich; und es amüsirt mich noch mehr, daß sie sich darin getäuscht haben. Ja, meine Herren, wenn Sie glaubten, daß die Sozialdemokraten Ihrem Lockruf folgen würden, dann müssen Sie vor Allem viel schönere Reformmelo- dien pfeifen, als Sie bis jetzt gepfiffen haben. (Heiterkeit.) Mein Parteigenosse Singer hat bereits hinlänglich darauf hingewiesen, wie eigentlich die Resormthätigkeit der Reichsregierung und insbesondere die Reformthäiigkeit des leitenden Ministers, de« Herrn von Puttkamer, in der Wirklichkeit sich gestattet hat. .... Freilich erleben wir— nnd baraul hat bereu« der Herr Ab- geordnete Dr. Bamberger neulich in seiner Rede hingewiesen— zugleich, während man die ganzen Reformbestrebungen eigentlich nur dahin zusammenfaßt, daß e« sich um eine bessere Gestaltung der Armenpflege handelt, daß diese kleinlichen Bestrebungen mit dem größten Aufwand von sozialistischen Schlagworten begründet und aufgebauscht werden. In der That, mein« Herren, wer die Motive zu den verschiedenen Gesetz- entwürfen gelesen hat, namentlich in den ersten Jahren, bei dem ersten Unsallgesetz, der wird erstaunt sein, in welcher Weise die Herren vom Bundesrathstisch sich in die Terminologie der Sozialdemokraten hinein- gearbeitet haben; man glaubt, gewisse Kapitel auS Karl Marx'„Kapital" zu lesen— wenigstens gewiffe Stellen—, wenn man dieselben durch- sieht, und wir haben ja gehört, wie Herr von Puttkamer mit der Pose, die ihn immer so schön kleidet, von der kapilalistischen Pro- duktionsweise gesprochen hat, von dem Klaffeninterefle der Arbeiter, vom Klaffenkampf, vom Klassengegensatz— und alle diese Ausdrücke und Schlagworte in einem den«rbeiterbestrebungen gewiffermaßen günstigen Sinne anwandte. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Seine Art zu reden über diese Dinge deckt sich in der Ausdrucksweise genau mit der Ausdrucksweise der Sozialdemokratie in ihren wiffenschaft- lichen und Agitationsschriften. Nun, meine Herren, hat mein Parteigenosse Singer bereits aufmerk- sam gemacht auf den Streikerlaß, den Herr v. Puttkamer an die preu- ßischen Behörden gerichtet hat.... ... Heute ist thatsächlich das «oatttio«»recht der Arbeiter in ganz Deutschland vottständig illusorisch. (Widerspruch rechts. Zuruf: Maurerstreik!) — Herr von Kardorff macht Miene, die Hände über dem Kops zusam« menzuschlagen. (Heiterkeit.) — Der Maurerstteik! Also weil eS trotz der Schwierigkeiten noch mög- lich ist,-inen Maurerstreik zu inszeniren, ist in Deutschland das Koali- tionsrecht frei? Eine merkwürdige Logik, Herr von Kardorff! Sie wissen ja gar nicht, wie viel andere Bestrebungen der Arbeiter unmöglich ge- macht find, ferner, daß heute solche Besttebungen eben nur noch möglich sind in einer Großstadt wie Berlin, bei dem ungemein festen Zusammen- halt der Arbeiter, wie er in Berlin existirt, wo eine jahrzehntelange Schulung vorhanden ist. Wir erleben allüberall in Deutschland, in Sachsen ,. B., wie man gegen die Arbeiterkomites, gegen die Lohnkommiffionen auf Grund der in der ärgsten Reaktionszeit erlassenen V-retnszesetz« in einer Weise vor- geht, die drei Jahrzehnte lang sür unmöglich gehalten wurde. Ueberall werden die Lohnkommiffionen als Vereine bettachtet, welche Statuten einzureichen hätten u. s. w.... ...Wetter, meine Herren: die Regierung kommt jetzt mit der Altersversicherung. Run. wir wiffen alle, daß in Deuffchland bereits eine Anzahl von Organisationen bestehen, die freiwillig, aus der eigenen Initiative der Arbeiter heraus, solche Kassen gegründet haben. Vor einigen Tagen ist hier im Hause bei einer Debatte eine derarttg« Kaff« des Buchdruckerverbandes erwähnt worden, eine Kaffe, die 14.000 Mitglieder zählt. Auf die Beschwerde meines Freundes Gnllenberger, daß die preußische Regierung verlangt habe, daß dieser Verein, welcher jahrzehntelang als bloßer Unterstützungsverein angesehen wurde, jetzt mit einem Mal unter das preußische Gesetz über das Versicherungswesen gestellt werden sollte und den Bestimmungen desselben sich anzupassen habe, und daß dennoch daS bezügliche Gesuch bei der Regierung zu Han- nover einfach abgewiesen wurde, hat Herr von Bötticher erklärt: ja, es habe sich herausgestellt, daß dieser Verein, daß diese Kasse bankerott sei. Diese Kasse hat jetzt darauf eine öffentliche Erlläiung in den Blättern erlassen, die genau das GegeMhett beweift. Diese zeigt, daß die Kasse, die bisher ihren Mttgliedern genau das Dreisache dessen zahlt, was in den Srundzügen der Invalidenversicherung in Aussicht steht, daß diese Kasse glänzend prosperirt, daß sie im letzten Jahre von Quartal zu Quartal ganz bedeutende Ueberschüsse gehabt hat, daß also gar kein Ge- danke daran ist, daß diese Kasse dem Bankrott verfallen könnte. Ja, meine Herren, um Alles in die Reichsschablone zu bringen, und zwar in einem Maße, daß die gesammten Arbetter in Deutschland— und das ist, was wir an dieser Sozialresorm auf das Entschiedenste bekämpfen — vollständig unter die Botmäßigkeit der Unternehmer, der Arbeitgeber auf Grund dieser Organisation gebracht werden, geht man jetzt syste- matisch darauf aus, die viel besseren freien Institutionen der Arbeiter zn Grunde zu richten und ihnen den Lebensfaden zu unterbinden. (Sehr richtig! links.) ... Und nun weiter, meine Herren: während auf diese Weise die Arbeiterbestrebungen allüberall unterdrückt, chikanirt, überall todt zu machen gesucht werden, auch dort, wo sie auf dem Boden der heutige» Gesellschaftsordnung irgend etwa« leistungs- und lebensfähiges aufzu- richten suchen, sehen wir, daß die Unternehmer sich einer nahezu schran- kenlosen Freiheit für ihre Bestrebungen auf diesem Boden erfreuen. Gegenwärtig strengt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen die Lohn- kommission der Berliner Maurer einen Prozeß an auf Grund des preußi- fchen Vereinsgesetzes— die Kommisston soll nämlich als polttischer Verein mit anderen polttischen Bereinen ähnlicher Art Verbindungen aw geknüpft haben, was nach dem Vereinsgesetz in Preußen verboten ist— und hat acht Monate Arbeit gebraucht, um das Belastungsmaterial zu- sammenzubringen zu einem Prozeß, in dem im ungünstigsten Fall, wen» die Richter im Sinne der Staatsanwaltschaft entscheiden, für die ein« zelnen Betheiligten ein paar Wochen Gesängniß herauskommen. Wie sehen Sie aber dieselben Behörden verfahren gegenüber den Arbeitgeber» instituttonen? Wir sehen die Arbeitgeber über ganz Deutschland zu Zen- ttalvereinen, Verbänden organisirt, wie sie auf die Gesetzgebung«in- wirken, wie sie Wahlorganisatton betreiben; wir sehen, wie überall die Innungen zusammentteten, um für die polttischen Wahlen zu wirke», ganz offen vor den Augen der Polizei, unterstützt von den öffentliche» Behörden, in direktem schreiendem Widerspruch mtt den bestehende« Verein«- und Versammlungsgesetzen. Keine Staatsanwaltschaft verfolgt sie, ruhig läßt man diese Herren gewähren. Wir haben es bei den letz- ten Wahlen erlebt, daß Vereine, die entschieden keine politischen Vereine sind, die Militärvereine, sich zusammengethan haben, sich politisch bei de» Wahlen betheiligt haben; wir haben erlebt, daß im vorigen Jahre im Juli auf dem MilitärverbandStage in Ratibor sogar ein Staatsanwalt, ein Wächter der Gesetze, al« Redner aufgetreten ist und die Militär- vereine aufgefordert hat, doch ja mehr den Verbänden beizutreten, well sie dann bei der Wahlagitatton wirksamer eintreten könnten. So die Beamten, die dazu da sind, die Gesetze zu achten und dort, wo sie vor ihren Augen überketen werden, die Ueberketer zu verfolgen,— dies« werfen sich selbst zu Verletzern der Gesetze auf, reizen gerade dazu an, geben daS Beispiel. Und glanben Sie den«, unsere Arbeiter seien Idioten, daß sie dies« schreiend ungleich« Behandlung, die ihnen im Vergleich zu den Unternehmern zu Theil wird, nicht gewahr werden?! .... Nun werde ich genöthigt sein, auf die seitens der verbündete» Regierungen in dem Gesetz beantragten Verschärfungen«inzugehe«. Es ist zwar wahr, daß nach der Erklärung, die Herr von Marquardsen NamenS seiner politischen Freunde abgegeben hat, dies eigentlich al» überflüssig erscheint, insofern nämlich, als er ja sagt: ww werden nur für die alt« Fassung des Gesetzes und nur auf zwei Jahre stimmen,— und es ist auch sicher, daß ohne die Zustimmung der nattonalliberale» Partei das veränderte Gesetz nicht durchführbar ist; aber, meine Her» ren, ich habe trotzdem verschiedene Gründe, Ihnen doch hier in Kürze diese AbänderungSanträge und ihre wahre Bedeutung klarzustellen, und zwar sind das folgende. Einmal bin ich nicht ganz sicher, und zwar auf Grund alter Ersah« rung, daß die Herren von der nationalliberalen Partei eine Erklärung, die sie in der ersten Lesung abgeben, auch wirklich in der dritten noch aufrecht erhalten. (Zuruf seitens der Nationalliberalen: Abwarten!) Dann erscheint mir sehr wichttg, daß Sie die wahre Natur dieser An- trüg« ntthcr kennen lernen. Und dann, meine Herren,— da» ist die Hauptsache— will ich beweisen, ich will nur sagen, mit welcher Leicht- Herzigkeit— um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen— man im Bundeöraih zu Verschärfungen kommt, zu denen in der That auf Grund deS bestehenden ZustandeS gar keine Nothwendigkeit existirt; und zwar nicht etwa«ine Noihwendigkeit, weil die Gerichte nicht hoch genug Strafen ausgesprochen haben, sondern weil eine ganze Reihe von Straffällen und Bergehen in diesem Para» graphen genannt werden, und die Verschärfung der Strafe dafür beantragt wird, auf die bis zum Heu» tigen Tag noch kein Gericht in Deutschland hat er» kennen können, weil diese»ergehen auch nicht einmal vorgekommen find. (Hört! hört! link».) ... Im§ IS heißt es: Wer ein« verbotene Druckschrift(Z§ ll, 12) oder wer eine von der vorläufigen Beschlagnahme betroffene Druckschrift<§ IS) ver- brettet, fortsetzt oder wieder abdruckt, wird mit Geldstrafe bis zu eintausend Mark oder Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft. Bisher konnte nur bis zu sechS Monaten bestraft werden.— Nun will ich hier gleich ausdrücklich bemeiken, daß biS jetzt im deutschen Reich in den neun Jahren, seitdem das Sozialistengesetz existirt, zwar sehr viel- fach— das ist wahr— Verbreitung verbotener Druckschriften stattgefunden hat und darauf verurtheilt wurde; aber es ist a u ch n i ch t ein einziger Fall vorgekommen, daß eine Bestrafung aus- gesprochen werden konnte, weil erne verbotene Druckschrist fortgefetzt, oder eine verbotene Druckschrift wieder abgedruckt wurde. Die deutschen Gerichte haben nicht ein einziges Wal sich mit einem solchen Fall zu beschäftigen gehabt— und kotzdem dea»- tragt man die Verdoppelung der Skafe sür diesen Fall---- ... Die allermeisten von Ihnen haben gewiß gar keine Ahnung, ob etwas verboten ist. Ich mache mich anheischig, unter Sie S00 verschiedene Blätter und Broschüren zu vertheilen, von denen kein einziger unter Ihnen weiß, daß sie verboten find, und von denen Sie, wenn Sie sie gelesen haben— und da« ist das Schönste dabei— sagen werden: die konnten gar nicht verboten werden. Und doch sind sie verbotm! Da», meine Herren, ist eben daS Charakteristische an diesem Gesetze. Genau so geht eS mit den anderen Paragraphen, in denen eine Ver- schärfung der bisherigen Straf« beanttagt ist. Da heißt e» jetzt im tz 17: Bis zu drei Monaten wird bestraft, wer an einer verbotene» Vereinigung theilnimmt. Wer aber als Vorsteher, Leiter, Ordner» Agent, Kassirer eines verbotenen Vereins oder einer verbotenen Versammlung sich bethAigt, erhält Gefängniß von einem Monat bi« zu einem Jahr. Meine Herren, kraft meiner Stellung als einer der sogenannten Führer der Sozialdemokratie und als Mitglied dieses HauseS verfolge ich sehr genau all« auf Grund des Sozialistengesetzes vorkommenden gerichilichen Ui theile im deutschen Reich. BiS zu diesem Augenblick ist, so wett ich weiß, im ganzen deutschen Reich also seit mehr alS neun Jahren nicht eine einzige Verurtheilung vorgekommen auf Grund dieses Paragraphen, sei es wegen eines verbotenen Ver» eins, der fortgesetzt wurde, oder wegen einer verbotenen Versammlung, die abgehalten wurde. Und trotzdem wird auch hier eine ganz bedeutende Verschärfung der Strafbestimmungen jetzt verlangt. Ich habe bisher immer geglaubt, daß, wenn man Strafverschärfungm vorschlägt, eS doch nothwendig sei, nachzuweisen, daß die Fälle von Ver- gehen in einer solchen Unzahl sich häusien, daß in der That daran« zu schließen sei, die Strafe wirk- nicht mehr. Da« ist. so viel ich weiß, einer der einfachsten juristischen Grundsätze,— und Herr Dr. Mar» quardsen nickt mir zustimmend zu. Sie sehen nun, wie die Herren vom BundesrothStische, und darunter einer der ersten Juristen des König» reich« Sachsen— Geheimrath Dr. Held— dem ganz entgegengesetzt geradezu sür juristische Ungeheuerlichkeiten m diesem Gesetze mit Eifer eingeketen sind.... *... Namentlich ist auch die Behauptung,»elche sowohl in den Mo- ttven steht, alS hier am Bundeirathsttsch gemacht worden ist: daß die sünf dmck Heber wüth alle den! auf I sreirr drei »st«i daru Werl all- volle fünf Mif R. hinw tinsd biese de» «Ol ienu diese tpäte Wied fährt in di Nicht denk« 13 horck low ungen nSet« mS zu w-iß, Mar- i vom König« Elfer Zticht-r niemals das höchste Strafmaß, und zwar auch nicht in wieder- ! holten Fällen der Verbreitung, überschritten oder nicht überschreiten iiönnten auf Grund des§ lg. eine gan, und gar unrichtige, sie ist auf Erund der Thatsachen direkt unwahr. Ich bin in der Lag«, diese» direkt zu beweisen. Wenn ich nur zwei Fälle anführe, so genügt das sicher vollauf, um die vollständige Unrichtigkeit der Behauptung des Bundesraths, daß die Richter in der That über das angedrohte höchste Maß auch bei vielfachen Uebertretungsfällen, wie sie vorgekommen seien, nicht hinausgehen könnten, darzulegen. Meine Herren, eS sind noch nicht zwei Jahre, da kam in Altona ein Prozeß vor wider einen meiner Parteigenosien, einen gewissen Zigarren- «beiter Kükelhahn. Dem wurde nachgewiesen, daß er in 26 Fällen den »Sozialdemokrat" und zwar jedesmal in ziemlichen Masten, verbreitet Sie. Nach der Meinung des Bundesraths und der Motivirung hier in Borlage hätte also der Mann über sechs Monate nicht bestraft wer- den können. Wie hat nun der Alionaer Staatsanwalt deduzirt und wie hat das Altonaer Gericht entschieden? Der Staatsanwalt deduzirte: der Angeklagte hat nachgewiesenermaßen 26 Male den„Sozialdemokrat", und zwar in Masten verbreitet. Für jede dieser Mastenverbreitung verdient der Angeklagte mit dem höchsten Strafmaß von sechs Monaten belegt >u werden; 26 hat er begangen, ergo gebührt ihm ein Strafmaß von lS Jahren; aber ich will mit dem armen Sünder gnädig sein, ich will dicht 13 Jahre, ich will nur sechs Jahre beantragen. (Hört! hört! links.) Sa» Altonaer Gericht hat nun zwar nicht auf 6 Jahre, aber auf 3'/, Jahre Gefäugniß wegen einfacher Verbreitung des„Sozialdemokrat" dl 26 Fällen erkannt. (Hört! link».) Hier ist also der schlagende Beweis gegeben, auf wie hohlem Boden die zanze Darstellung des Bundesraths in dieser Beziehung ruht.... Und nun eine weitere Ungeheuerlichkeit in der Borlage. Diejenigen, welche sich die Förderung der Bestrebungen, die das Sozialistengesetz als verbotene kennzeichnet, zum Geschäft machen, sollen im Fall einer Zu« widerHandlung gegen die ß§ 17 bis 20 mit Gefängniß von mindestens Zwei Jahren bestraft«erden. Wenn ich also eine ganz harmlose Bro- schüre, m der nichts Gesetzwidriges enthalten ist, über die nur irgend eine Polizeibehörde entschieden hat: sie ist zu verbieten, weiterverbreite, so werde ich al» einer derjenigen, die nach Austastung des Richters sich dies zum Geschäft machen, mit mindestens zwei Jahren bestraft, und der Richter wird, da er nicht darunter gehen kann, diese Strafe als Minimum erkennen, auch wenn er sich selbst sagt, daß in der Broschüre eigentlich >ar nichts Schlimmes enthalten sei;— aber das Gesetz droht wenigstens zwei Jahre an. Also eine einfache Polizeiübertretung, die in jedem anderen Falle nach dem Strafgesetzbuch bis höchstens mit sechs Wochen Hast bestraft werden kann, wird in einem solchen Falle mit einem Minimum von zwei Jahren belegt, und in solchem Falle wird auch die Jnternirung oder die Expatriirung ausgesprochen. Das klingt Sanz mittelalterlich; da ist wahrhastig die peinliche Halsgerichtsordnung loifet Karls Y. ein Muster von Milde gegen das, was j-tzt der Bun- desrath beantragt. Man sagt auch nicht gleich: wir wollen diesen Ren- schen ausweisen, wir wollen ihn im deutschen Baterlande nicht mehr daben; nein, erst steckt man ihn miudesteuS zwei Jahre ins Gefäng- niß, ruinirt feine Existenz, seine Familie, ruinirt ihn vielleicht körperlich und geistig, und wenn er so recht »uinirt und in jeder Richtung auf den Hund gekommen ist, dann schickt Man ihn ins Ausland, und überläßt es dem Ausland, weuschlich zu sein und den um ein Nichts auS seinem Vaterlande vertriebenen aufzunehmen. (Schluß folgt.) Sozialpolittsche Rundschau. Zürich, 14. Februar 1888. — Die Verlängerung der Legislaturperioden von drei auf fünf Jahre ist im Reichstag wie im preußischen Landtage mit Hurrah durchgepeitscht worden— um das„Ansehen der Volksvertretung zu heben." Nicht etwa der Regierung gegenüber, wie das naive Ge- Müther in einer Zeit sür nothwendig halten könnten, wo die Regierung alle Beschlüsie der Volksvertretung, die ihr nicht konveniren, einfach in den Papierkorb wirft, sondern dem Volk gegenüber. Vor der Regierung auf dem Bauche zu kriechen und ihr das. was sie wünscht und braucht, freiwillig zu apportiren, das ist ja, wie F'gura zeigt, die höchste Ehre sür eine rechte Bolksvertretung. Aber alle drei Jahre den Wählern Rechenschast ablegen zu müssen für sein parlamentarisches Wirken, alle 1 drei Jahre die öffentliche Kritik über sich ergehen laffen zu müffen, das ist eine Zumuthung, der sich kein„Ehrenmann" gerne unterzieht. Und darum verlängert man die Legislaturperiode und thut noch ein gutes Werk dabei, denn der arme vielgeplagte Staatsbürger braucht jetzt statt alle drei Jahre nur alle fünf Jahre seinen Kopf mit den verhängniß- «ollen Fragen abzuplagen: wem gebe ich meine Stimme. Er hat jetzt lünf Jahre lang seine Ruhe, dieses köstliche Gut des deutschen Normal- Philisters. Rein, die Sache ist zu schändlich, um mit schlechten Witzen darüber j hinwexzutänzeln. Wenn ein Reichstag nicht befugt war, in einer so umschneidenden Frage des BolksrechtS Beschlüsie zu fasien, so war eS dieser, unter dem falschen Kriegsgeschrei nur für die Bewilligung des Septennats gewählte. Aber was fragen die Herren nach Moralischem Recht oder Unrecht! Sie haben die Macht, und sie benutzen sie in ihrem Sinne oder vielmehr im Sinne deffen, dem sie diese Macht verdanken. Und wenn es noch ein Beschluß wäre, den ein späterer Reichstag, den das Volk durch die Wahl anderer Vertreter Mieder umstoßen könnte. Aber das ist nicht der Fall. Sind die fünf- jährigen Legislaturperioden Gesetz, so kann kein späterer Reichstag sie in dreijährige zurückverwandeln, wenn die Regierungen, d. h. Preußen, Nicht Ja und Amen dazu sagen. Daran ist aber natürlich gar nicht zu denken, denn gerade die Reichsregierung hat ein großes Jntereffe an mngen Legislaturperioden. Sie stärken ihre Macht in jeder Beziehung. mekommt sie einmal einen Reichstag, der ihr nicht auf Kommando ge- horcht, nun, so löst sie ihn bei passender Gelegenheit, wenn sich eine zugkräftige Wahlparole darbietet, auf, und dann hat sie wieder auf fünf Jahre„ihre Ruhe". Ein Abgeordneter, der auf fünf Jahre gewählt ist, kann natürlich auch während dieser Frist viel leichter be— lehrt wer- ben, als einer, der schon nach drei Jahren seinen Wählern Rechenschaft schuldet. Mit einem Wort, alle Bortheile der Verlängerung liegen auf Seiten der Regierung, alle R a ch t h e i l e auf Seiten de» Volkes, derjenigen VolkSklaffe, die außer in den Parlamenten ihre Forderungen nirgends zur Gellung bringen kann, der Arbeiter. «iese„Korrektur" des allgemeinen Wahlrechts ist eine Waffe mehr zur politischen und ökonomischen Knebelung des Volkes, und wenn me Herren Nationalliberalen, Dank denen dieselbe geschmiedet werden konnte, sich etwa, um ihren Liberalismus in ein glänzendes Licht zu stellen, sich darauf berufen sollten, daß sie ja die Puttkamer'schen Ber- schärfungen des Ausnahmegesetzes abgelehnt, so wird man ihnen ant- Marten: Ihr habt mit der Annahme dieses Gesetzes dem Volksrecht eine Mindestens ebenso tiefe Wunde geschlagen als eS PutlkamerS brutale AechtungSparagraphen gethan hätten. Hingestellt, des Volkes Rechte zu schützen, habt Ihr de» Volkes Recht verrathen und verkauft— Mir danken für einen solchen Liberalismus! Die Annahme der Verlängerung der Legislaturperioden erklärt die Seelenruhe, mit der der Todfeind der Arbeiterbewegung die Ablehnung »er Verschärfungen des Sozialistengesetzes hinnahm— hier hatte er Er- satz dafür. Es ist der erste Schritt zur Einführung der Bestre- «ungen de» gemeingesährlichen Gesetzes ins gemeine Recht. n Mo-— Jhring- Mahlow und Raporra haben richtig«inen Orden be- >aß die kommen— daS„allgemeine Ehrenzeichen", wie das Ding heißt.— Herr Puttkamer hat Wort gehalten. Die Arbeiter aber, welche die Schufte Schröder und Haupt entlarvt, sind„Strolche", nach den Worten und Begriffen deffelben Herrn von Puttkamer. Das ist wieder einmal ein glänzendes Beispiel der umgestülpten Moral, die heute herrscht. Das Recht wird unterdrückt, das Unrecht wacht die Gesetze und erklärt die Niedertracht für Tugend, die Strolche für Männer, hochverdient um das Vaterland. Die Orden, welche die Herren Jhring-Mahlow und Naporra erhalten haben, find für uns agitatorisch werthvoller als tausende von sozialdemo- kratischen Flugschriften, die jede in taufenden von Exemplaren verbreitet worden. Der Puttkamer hat zum Glück„dreifaches Erz" um die schmale Junkerstirn— sonst würde er un« nicht so werthvolle Dienste leisten.— Uebrigens hat der Puttkamer den Trost, einen Bewunderer gefunden zu haben. Natürlich ist's ein deutscher Professor. Es gibt ja, wie schon der alte Ernst August von Hannover meinte, keine Infamie, für die nicht ein deutscher Proseffor zu haben wäre. In diesem Fall heißt er Thudichum, lehrt an der Universität Tübingen, und hat in die„Tübinger Ehronik" einen Artikel geschrieben, in welchem er daS Spitzelthum als fine fleur— feinste Blüthe— des Patriotismus und den Puttkamer als ritterlichen Staats- und GesellschaftSretter verherrlicht. Sehr treffend schreibt in Bezug auf die Ordensverleihung die Wiener „Gleichheit": „Die beiden Herren werden gewiß in den Reihen der bereits„Aus- gezeichneten" und„Dekorirten" mit Jubel aufgenommen werden und wir zweifeln nicht, daß sie da in eine würdige Gesellschaft hineinkommen, welche vollständig zu ihnen paßt.-- Vielleicht aber wird irgendwo ein alter, invalider Beamter, der, nach- dem er sich vierzig Jahre um einen Hungerlohn geschunden, endlich mit einer Bettelpenston und diesem„Ehrenzeichen" entlassen wurde— viel- leicht werden hie und da so einem harmlosen und loyalen dummen Teufel die Augen aufgehen und er reißt sich das„Ehrenzeichen" von der Brust und tritt es mit Füßen vor Scham und Wuth— das ist dann allerdings Einer, der in die Gesellschaft der„Pflichtgetteuen" nicht mehr paßt! O, Puttkamer versteht sich auch aus Agitation! — Aus Deutschland, 10. Februar, schreibt man uns: „Die Galavorstellung im deutscheu Reichstag", wie ein Kor- respondent der„Frankfurter Zeitung" das politische Schaustück des vorigen Montags(6. ds. Mts.) genannt hat, war zu dem doppelten Zweck inszenirt: 1) die furchtbare Niederlage der deutschen Regierung in der Sozialistengesetz-Debatte vergessen zu machen, und: 2) diePersonBismarck's wieder populär zu machen und in den Vordergrund zu schieben. Einen kläglicheren Anblick, als die deutsche Regierung in der Person des Puttkamer in der letzten Sozialistenges-tzdebatte, hat niemals eine Regierung dargeboten. Ertappt bei den niedrigsten Praktiken in flagranti — mit der Hand auf dem Lockspitzel Dynamit— stand sie gebrandmarkt vor der zivilisirten Welt, und der fast lächerliche Mißerfolg, den sie im Kampf mit der Sozialdemokratie davon ietragen, konnte vor ihrer Stärke und Macht wahrhastig keinen Respekt einflößen. Bismarck sah, daß hier nichts zu retten war— er ließ seinen„herein- gefallenen" Vetter in der Patsche(aber auch im Amt) und— ordnete die„Galavorstellung" an, xour donner le change, um der öffentlichen Meinung„den Wechsel zu geben", d. h. um die Aufmerksamkeit von den Herren Naporra, Jhring Mahlow, Haupt, Schröder, Puttkamer u. s. w. abzulenken. Bor noch nicht ganz Jahresfrist— an der gourvöo des dupes— dem Tag der Geprellten— am denkwürdigen 21. Februar hatte das KriegSgespenst seine Lebenskraft bei den Wahlen zum Reichstag be> wiesen— warum sollte es nicht nochmals wirksam verwendet werden können? Natürlich nicht mehr in der alten Weise, denn Michel ist nach dem Riesenbetrug des 21. Februar doch etwas mißtrauisch geworden. Also keine rothbeklecksten Kriegskarten— keine geschändeten Weiber— keine „letzte Kuh auS dem Stall". Umgekehrt— nicht zu erschrecken galt es, sondern, wenig- stens scheinbar, zu beruhigen, bedingungsweise zu beruhigen. In neuer Rolle zeigte der geniale Hexenmeister von Staatsmann sich dem staunenden Volk— in der Rolle des F r i e d e n s e n g e l s, der daS grauenhafte, haarsträubende Kriegsgespenst vor versammeltem Publi- kum zähmt, wie«in Zirkuskünstler seine Löwen und Tiger— der dann am Schlüsse der Vorstellung sich stolz vor seinem Publikum ver- neigt, mit einer Miene, welche da sagt: „Macht eS mir nach! Wer es versucht, dem wird es allerdings schlecht ergehen! Daskannnurich! DaS kau« nur ich! Nur Ich kann das Kriegsgespenst bannen! Wehe Dem, der mir das Kunststück nachmachen wollte! Wehe aber auch, wenn ich— von meinem Posten entfernt und da» Kriegs. gespenst, das ich allein bannen kann, Fleisch und Blut gewin- nen würde!-- Vor jeder derartigen Vorstellung müssen die Bestien gut gesüitert werden, einmal damit sie sich leichter behandeln laffen, und zweitens damit sie hübsch laut brüllen können. Das Kriegsgespenst wurde hübsch gesüttert. Schon vor Weih- nachten war die neue Heeresvorlage gekommen, die Deutschlands Heer um 800.000 Soldaten, das heißt fast eine Million, vermehrt. Ein solider Bissen für die hungerige Bestie von Gespenst. Und wer da noch nicht an die Körperlichkeit und Echtheit des Ge- spensteS glauben wollte, dem wurden seine Zweifel beseitigt durch die 2 81 Millionen, die vor 3 Wochen gefordert wurden. Jndeß das reichte noch nicht. An neue Soldaten, neue Steuern und neue Schulden ist der deutsche Michel so gewöhnt, wie der Aal an das Geschundenwerden— Michel merkt's kaum. Und so bedurfte es noch eines ganz besonderen Stachels der Reklame für die„Exlra-Vorstellung": der deutsch-österrei- ch i s ch e Bündnißvertrag wurde am vorigen Sonnabend(den 4. Februar) veröffentlicht und gleichzeitig angekündigt, daß der unver- gleichliche— Friedensspender am darauffolgenden Montag seine„Gala- Vorstellung" zu geben beschlossen habe. Daß ein Bündnißverttag, der neunthalb Jahre geheim gehalten wor- den, plötzlich, ohne-jede erkennbare Veranlassung, der Oeffentlichkeit über- geben wird, ist ein so ungewöhnliches Versahren, daß nothwendig die Neugierde gereizt und dunkle Befürchtungen erregt wer- der müssen. Wozu das? Welchen Zweck hat die Veröffentlichung? Bedeutet sie Krieg, bedeutet sie Frieden? Das waren die Fragen, die in jedem Munde lagen.— Natürlich hüllt« der Künstler sich in geheimnißvolles, undurchdring- liches Schweigen. Nächsten Montag ist ja Galavorstellung, da wird die Sphinx reden, von deren Zunge Krieg oder Frieden auf die Erde herabträufeln wird. Und— das Publikum war in der richtigen Stimmung. Sonnabend und Sonntag vergingen in scharssinnigen Spekulationen über die Veröffentlichung de» mystisch mythischen Vertrages; und daS Resultat aller dieser Spekulationen war:ein vernünftiger Grund kann nicht entdeckt werden. Und die Leute hatten— Unrecht. Am Montag fand die Extra. Lorstellung statt, und daS war doch ein genügender Grund. Zu einer solchen Vorstellung muß die Neu- gier de gehörig angestachelt werden. Der Montag kam. Die Galavorstellung kam. Der Künstler trat vor — zufriedenen Blicks, denn er sah, daß sein Publikum in der richtigen Stimmung war.— Den Rest weiß der Leser. Krieg, Krieg— Fried«, Friede. Wenn— aber— gefährliche Lage—vortreffliche A b si ch t en— N ie- mand will Krieg— wir find unser ganzes Leben lang grimmige Friedensfreunde gewesen und haben durch drei Kriege bereit« unsere Friedensliebe bewährt. Wie kann da noch Jemand an unserer Friedens- ttebe zweifeln? Auch Frankreich will den Frieden. Und Rußland erst recht. Also braucht Niemand sich zu ängstigen. Allein, aber, indessen, die Bestie ist doch eine ganz gefährliche Bestie. Da» Kriegsgespenst ist zwar augenblicklich so zahm wie ein Nationalliberaler — hat aber den Schalk hinter ihm und den Teufel im Leibe. Man muß es zu behandeln wissen und— mit einer stolzen Verbeugung— Ich bin der Man n y— der einzig wahre— Retter und Friedens- bringer. Und— das war nach San Remo gesprochen. -- DaS Publikum klatschte Beifall. Es war entzückt. Nie hat die Welt einen grandioseren Triumph erlebt. Und erst als die Beisallssalve verklungen war, fragten die Entzückten sich: WaS hat ER aber eigentlich gesagt? Und Keiner weiß es bis aus den heutigen Tag, und Keiner wird'S wissen, es sei denn bei der nächsten— Galavorstellung. — Selbst einem so gemäßigten Blatte wie die„Neue Zürcher Ztg." entlockte das neue, mit Hurrah durchgepeitschte Wehrgesetz seinerzeit folgenden Stoßseufzer: „Sind einmal diese Ausgaben(die nahezu 300 Millionen für die Ausrüstung rc. der zweiten Landwehr) gemacht, dann werden die Fachleute bald genug ihre Erörterungen darüber beginnen, ob eS angeht, den dritten Theil der Armee lediglich auf dem Papier zu führen und zu keinerlei Uebungen heranzuziehen. In Deutschland und namentlich in Preußen existirt eine entschiedene Abneigung, sich auf militärische Einrichtungen zu verlassen, deren Zuverlässigkeit nicht unzweifelhaft fest- steht, und diese Zuverlässigkeit kann eben im vorliegenden Falle nur bei Uebungen festgestellt werden. Die Schweiz hat in dieser Beziehung mit der Landwehreinrichtung bereits ihre Erfahrungen gemacht, und wenn wir auch gerne glauben, daß Deutschland der zweiten Landwehr nur das Nothwendigste zumuthen will, so werden die ältern Landwehrleute schließlich doch alle paar Jahre für ettiche Tage in de» Königs Rock schlüpfen müssen. Darum ist die Errichtung der zweiten Landwehr jedenfalls der wich- tigste Theil der neuen deutschen Militärvorlage. Die Umgestaltung der Ersatzreserve, welche die Vorlage anregt, die Ausdehnung der Landsturm- pflicht bis zum 45. Altersjahr(sie reicht jetzt bis zum 42. Altersjahr), die Eintheilung des Landsturmes in zwei Ausgebote sind Dinge von weniger Belang. So wachsen die Heere der großen Staaten ins Ungeheuerliche, si« werden zu Riesenungethümen, wie die Welt sie nie zuvor gesehen hat. Und wenn diese Kolosse aufeinanderstoßen, werden sie in kurzen Wochen die Früchte langjähriger Kulturarbeit zerstören und zertreten, und de» Blutvergießens, der Thränen und des Jammers wird kein Ende sein. Unter solchen Umständen treiben wir dem letzten Jahrzehnt deS Jahr- Hunderts entgegen, dessen anderthalb erste Dezennien dem Welteroberer fluchtm." Welch eine Verurtheilung des Systems und derjenigen, die es in'S Leben gerufen und mit allen Mitteln aufrechthalten! Welch eine Recht- ferttgung Derjenigen, die es grundsätzlich bekämpfen und durch Pro- klamirung des SelbstbefiimmungsrechtS der Völker ein friedliches Neben- einanderleben derselben ermöglichen wollen! — Die Kraftphrase„Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt", mit der Bismarck seine grrroße Rede über daS Wehrgesetz und verschiedenes andere schloß, wird vom Berner„Bund" wie folgt glossirt: „Es ist nicht Marcel in den„Hugenotten", der sich dies« Opernphrase leistet, sondern Fürst Bismarck wagte so etwaS dem Reichstage zu bie« ten. Er wird doch alt, der große Mann! Und, wenn auch die Schach- züge seiner Politik noch die richtigen sein mögen, wie wir einstweilm glauben wollen, in solchen einzelnen Wendungen der Rede tritt ein merklicher Mangel an Geist zu Tage. Denn was kann eine solche Phrase bedeuten? Kann nicht der Engländer sie mit demselben Recht« ausspre- chen? Gibt es überhaupt ein Volk Europas, deffen Selbstgefühl nicht in ähnlichen Worten der Verherrlichung seines Manneemuthes auf- flammte— wohlgemerkt auf der Tribüne eines Volksfestes, aber doch nicht im ernsten Berathungssaale?!„Wenn wir angegriffen werden, dann wird der kuror toutouious entflammen, mit dem eS Niemand auf« nehmen kann". Das ist auch so eine Opernphrase derselben Rede BiS- marcks. Ost genug haben e» andere Nationen mit dem»kuror ton- tonicus" aufgenommen und sind Sieger geblieben. Wenn übrigen« die Deutschen„Gott und sonst nichts auf der Welt fürchten", so mögen sie das Lockspitzelthum abschaffen, daS sehr nach Menschenfurcht, d. h. Anar- chistensurcht und keinesfalls nach Gottesfurcht schmeckt." Der„Bund" ist durchaus kein radikales oder gar sozialdemokrattscheS, sondern ein gemäßigt- liberales Blatt, von dem es heißt, daß es Fühlung mit höchststehenden Beamten der Eidgenossenschaft habe. Man kann dar- nach bemessen, welche Stimmung Puttkamers Auftreten selbst in diesen Kreisen des Schweizervolks hervorgerufen. — Die Kommisfio« zur Berathung des Sozialistengesetze« hat all« Verschärfungen mit großer Majorität abgelehnt; Prinz Karolath, von der„deutschen Reichspartei" meinte, wer mit Gewalt Parteien und Meinungen unterdrücken wolle, habe aus der Geschichte nichts gelernt, wozu Hr. Puttkamer ein etwas verdutztes Gesicht machte. Für die Ver- schärfungen stimmten blos die Stockkonservativen. Puttkamer, von dem nationalliberale Grünlinge erwartet hatten, er werde mit dem„Material" kommen, welches er in den ihm so verhängnißvoll gewordenen Reichs« tagSsitzungen nicht gehabt, hatte natürlich wieder nichts. Woher nehmen und nicht stehlen, nachdem daS„Material" so schnöde in die Brüche gegangen? Also vorläufig ist eS nichts mit den„Verschärfungen". Falls sich aber die schlechten Nachrichten aus St. Nemo bestätigen und der Stöcker und fem„lieber Freund" wieder obenauskommen sollten, dann werden auch die Verschärfungen gelegenttich wieder emportauchen. Auf- geschoben ist nicht aufgehoben! Die einstimmige Annahme der neuen Riesenanleihe für Militärzwecke hat Verwunderung erregt, well doch wenigstens Seitens der sozialdemokratischen Vertreter Widerspruch zu erwarten gewesen wäre. Wie uns mitgetheüt wird, fand am Montag, wo Bismarck das Kunst- stück fertig brachte, anderthalb Stunden zu sprechen, ohne ein Wort zu sagen, eine geschickt inszenirt« Ueb errump el ung statt. Die Herren Kartellbrüder behielten es ganz unter sich, daß sie die oodloo-A n n a h m e der betreffenden Gesetzesvorlage beantragen würden und— als unsere Genossen von dem Plane erfuhren, war es leider zu spät. Jedenfalls wäre es sehr thöricht, aus der Thatsache, daß kein sozial« demokratischer Abgeordneter gegen diese» volksfeindliche Gesetz und System seine Stimme erhoben, auf eine veränderte Haltung der deut- schen Sozialdemokratie zu schließen. — Aus der Zeit des„paradiesische« ZustandcS politischer Unschuld". Als Genosse Smger im deutschen Reichstage Herrn Putt- kamer das berühmte Reskript des preußischen Ministers Kirch eisen aus dem Jahre 1822 gegen das Spitzelthum unter die Nase rieb, da antwortete ihm die„Tugend-Exzellenz: „Ja, meine Herren, sehr richtig; das waren andere Zeiten, das waren die Zeiten, in denen wir die Hydra der Sozialdemokratte, die uns die Waffen in die Hand zwingt, noch nicht kannten. Wir leben jetzt in ganz anderen Verhältnissen und nicht in jenem para- diesischen Zustande politischer Unschuld wie damals. Da konnte sich ein preußischer Minister gestatten, zu sagen: ich werde mich nur der« jenigen Mittel bedienen, die nur auf der großen Heerstraße deS öffentlichen Rechts offen und breit liegen. Heute sind wir dazu nicht mehr in der Lage, und ich nehme gern die Verantwortlichkeit dafür auf mich, wenn Herr Singer eine unliebsame Parallele zwi« schen dem verewigten Minister Kircheisen und mir zieht. Die Rechte im Reichstage fand das»sehr richttg", und auch Herr von Marquardsen wandte sich später dagegen, die arme deutsche Jugend, deren „Bestrebungen in den sogenannten demagogischen Verfolgungen(dema- gogische Verfolgungen statt Demagogenverfolgungen ist kein übler Lapsu«) allerdings in tyrannischer und hartherziger Weise ihre Bestrafung finden sollten, auf eine Linie zu stellen mtt der Sozialdemokratie"(S. 184 de» stenographischen Berichts). Es fällt uns natürlich nicht ein, die— wenn der Ausdruck gestattet ist— geschichtliche Harmlosigkeit der Burschenschafllerei zu leugnen, ihrem Gibahren nach war dieselbe aber sür ihre Zett in keiner Weis« friedlicher und gesetzlicher, als es heute die Sozialdemokratie ist. Im Gegentheil, die Krastgenies der Burschenschaftsbewegung ließen es, waS aufreizende Sprache, Verherrlichung von Gewaltthättgkeiten anbetrifft, an nichts fehlen. Zieht man von ihren„Freiheits"gedichten die religiösen Verschwommenheiten ab, so befriedigen sie jeden— Anarchisten.� Die Gebrüder F o l l e n werden von fast allen Historikern als die eigentlichen Vertreter des Geistes der deutschen Burschenschast hingestellt. Nun, von dem einen dieser Fallen» existirt unter Anderem ein Gedicht:„Neujahrslied freier Christen". D a heißt ei: „FreiheitSmefser gezückt! Hurrah, den Dolch durch die Kehle gedrückt! Mit Purpurgewiindern, Mt Kronen und Bändern Zum Rachealtar steht daS Opfer geschmückt!" Purpurgewänder und Kronen stnd die Jnsignien der F ü r st e n." ES ist klar, wer mit dem Opfer gemeint ist, dem das Fr�iheitSmeffer„durch die Kehle gedrückt" werden soll! Merkwürdige politische Unschuld l Hören wir ein anderes Burschenschaftslied: „Brüder, fo kann's nicht gehen, Laßt uns zusammenstehen, Duldet's nicht mehr! Freiheit, dein Baum fällt ab, Jeder vom Bettelstab Beißt bald in's Hungergrab, Volk ins Gewehr! Brüder in Gold und Seid', Brüder im Bauernkleid, Reicht Euch die Hand! Allen ruft Deutschlands Roth, Allen des Herrn Gebot: Schlagt Eure Plager todt, Rettet daS Land! Dann wird's, dann bleibt'S nur gut, Wenn Du an Tut und Blut Wagst Blut und Gut, Wenn Du Gewehr und Axt, Schlachtbeil und Sense packst, Zwingherrn den Kopf abhackst! Brenn', alter Muth!«* „Fellen... entwickelte", heißt es irgendwo, auS dem Kultus der persönlichen„Ueberzeugung", der unter der Jugend blühte, mit schnell- fertiger Logik das System eines krassen Subjektivismus, der schlechthin jede objektive Regel im Menschenleben leugnete. Dem Gerechten gilt kein Gesetz, hieß eS kurzab. Was die Vernunft für wahr erkennt, muß durch den sittlichen Willen verwirklicht werden, sofort, unbedingt, ohne jede Rückficht, bis zur Vernichtung aller An- dersdenkenden"; von einer Kollision der Pflichten kann hier nicht gesprochen werden, da die Verwirklichung der Vernunft eine sittliche Nothwendigkeit ist. Dieser Satz wurde schlechtweg als„der Grundsatz" bezeichnet, und nach ihm nannten sich Follens Bertraute,„die Unbeding- ten". Für die Vo l k S fr ei h e it schien dieser Sekte alles erlaubt, die Lüge, der Mord, jedeS Verbrechen, da ja Niemand ein Recht habe, die Freiheit demVolke vorzuenthalten." So wörtlich zu lesen in Heinrich von TreischkeS„Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert"— und der preußische Hof Historiograph ist doch sicher für Herrn Puttkamer ein zuverlässiger Ge> währsmann. Im besagten Buche mag Herr Puttkamer dann weiter nachlesen, wie der junge Sand diese Grundsäge aufnahm und nach Mannheim zog, den russischen Spion Kotzebue zu erdolchen, wie die Zeit- genoffen seine That beurtheilten und wie der nasiauische Apotheker Löning sie in Wiesbaden gegen den Präsidenten Jbell zu wieder holen versuchte." Setzt man in der Maxime, die Sand als Ziel für sein Leben be> zeichnete: „aus eigener Ueberzeugung, in eigener Art leben wollen m i t u n bedingtem Willen, im Volke den reinen Rechtszustand, d. i. den einzig giltigen, den Gott gesetzt hat, gegen alle Menschensatzung mit Leben und Tod zu vertheidigen" statt„Gott" die Natur, so hat man die Grundlehre des heutigen Anarchis- muS. Und eine Zeit, wo diese und ähnliche Theorien die Gemüther der Jugend erfüllten und zu Thaten wie die Sands führten, nennt der Minister der Ordnung eine Zeit des„paradiesilchen Zustan- des politischer Unschuld"! Und das in einem Moment, wo er die Sozialdemokratie fälschlich gleicher Tendenzen beschuldigt, um über sie ein Ausnahmegesetz zu verhängen, das selbst den Widerspruch eines Theils der preußischen Konservativen herausgefordert hat! Aber freilich, damals waren es I) die Gebildeten, welche solche Theorien hegten, und herrschte 2) noch der alte Absolutismus mit Adel und Bureaukratie als Bollwerke der geheiligten Ordnung; von einer politischen Bethätigung des Volkes keine Spur. Und dieser letztere Umstand muß allerdings einem Puttkamer jene Zeit als p a r a- dies i s ch erscheinen lassen. Auf eine Handvoll anarchistischer Schwär- mer kommt eS dem Junkerthum ja auch heute nicht an. — Die StaatSretterei treibt wunderb itre Blüthen. In Wien hat die in der StaatSretterei mit ihrer Berliner Kollegin weit- eifernde Polizei die Entdeckung gemacht, daß nichts staatsgefährlicher sei alS— Gesetzeskunde.„Der Arbeiterbildungsverein in Wien", lesen wir in der„Gleichheit",„hat schon wieder gegen daS Gesetz gefrevelt. Er glaubte sich Herrn Dr. Berg sogar zu Dank ver- pflichtet, der seit einigen Wochen einen Unterrichtskurs abhielt, in wel- chem den Mitgliedern das für sie Wichtigste aus dem Gewerbegefetz, den Gesetzen über Vereins- und Versammlungsrecht tc. mitgetheilt wurde. Der Kurs war sehr gut besucht und die Zuhörer folgten ihm mit Auf- merksamkeit. Aber unier Vereinsausschuß denkt, die Polizei aber, welche den Kurs über„Gesetzeskunde" offenbar nicht gehört hat,— lenkt. Am letzten Montag wurde der Obmann zur Polizei vorgeladen und ihm be- deutet, der Unterrichtskurs über Gesetzeskunde sei—„statuten- w i d r i g". Wenn Vorträge darüber gehalten würden, so seien sie jedes- mal der Behörde anzuzeigen, damit sie einen Polizeikommiffär hinschicken könne. Der Obmann Gen. Z i n r a m machte zwar geltend, daß der Z 2 der Statuten auch Unterrichte in Länder- und Völkerkunde umfasse und daß Gesetzes- und Verfassungskunde wohl doch dazu gehöre, aber— unser beschränkter Unterthanenverfland mußte wieder der höheren Polizei- einsicht weichen. Entweder fühlt die Polizei dos Bedürfniß, ihre Organe an diesem Unterricht Theil nehmen zu lassen und meint, etwas Gesetzes- künde könnte ihnen wohl thun(wir sind zu höflich, um zu widersprechen), oder sie glaubt, man könne über österreichische Gesetze überhaupt nicht sprechen, ohne dabei eine„Störung der öffentlichen Ruhe" oder minde- fiens eine„Aufwiegelung" zu begehen. Oder grng sie von der Ansicht auS, daß Gesetzesunterricht bei uns einfach— überflüsstg sei? Das BiSchen Gewerbegefetz wird nicht gehandhabt. die bürgerlichen Rechte existiren für die Arbeiter nicht und das A u L n a h m S g e f e tz, was sie allein angeht, bedarf erst keines„Kurfes", wird ihnen übrigens praktisch eingetrichtert!" — Der Boykott in die Schweiz importirt. Allerdings nicht der böse, der von Verfolgten gegen ihre schlimmsten Bedränger, von aus- gepreßten Pächtern gegen hartherzige LandlordS, sondern der gute Boykott, der honnette Boykott— der von Polizei und Behörden gegen mißliebige Elemente praktizirte Boykott. Unter dem Titel:„Herr von Putikamer in Basel" ichreibt der„BaSler Arbeiterfreund": „Seine Exzellenz, der königliche preußische Minister des Innern, von Puttkamer, scheinen für passend zu erachten, auch in der s ch w e i z e- rischen Stadt Basel den Kampf gegen die bösen Sozialdemokralen ausnehmen zu lassen. Vorläufig sollen hiebet allem Anschein nach Harm- los aussehende Mittelchen zur Anwendung gelangen. Man höre nur, welche köstliche Blüthe das puttkämerliche System in Basel einstweilen getrieben hat. Einem hier wohnenden, älieren, sehr achtbaren, aus Deutschland gebürtigen Arbeiter, Familienvater, ging von einem in der Nähe des hiesigen badischen Bahnhois domijilirten Wirth, dessen Wirthschaft dieser Arbeiter hier und da besucht hatte, folgendes Schreiben zu: „Basel, Zt. Januar 1888. Herr........ Leider sehe ich mich veranlaßt, Ihnen den Besuch meiner Wirthschaft für die Zukunft zu untersagen, in- dem Ihnen von der deutschen Polizei sozialistische Umtriebe zugeschrieben werden und deshalb den Bahnbeamten den Besuch meiner Wirthschaft verboten hat. Ich hoffe, Sie werden von Obigem Notiz nehmen, indem ich wegen Wahrung meiner Interessen nicht anders handeln kann. Achtungsvoll (Unterschrift)." Geschehen im Jahre des Heils 1888 nach Christi Geburt auf dem Gebiet der schweizerischen Republik! Kommentar über- stüffig." Wenn die Aera Puttkamer noch lange andauert, dann können wir auch noch die Wiedererweckung des alten, vormärzlichen Polizeierlasses erleben, der den deutschen Arbeitern überhaupt den Besuch der Schweiz verbietet. Denn ist nicht die ganze Schweiz mit ihrem freien Versammlungsrecht, ihrer Fabrikgesetzgebung, im höchsten Grade „sozialistischer Umtriebe" verdächtig? — Die anarchistische„Revolte" fand es seinerzeit gar nicht recht, daß die Zürcher Sozialdemokraten, anstatt den Verräther Schröder selbst abzuthun(au liou d'ou finir eux meines ayec le traitre) ihn„als echte Sozialdemokraten" der schweizerischen Polizei überlieferten. Die „Revolte" wird sich inzwischen überzeugt haben, daß dieser— mit dem anarchistischen Katechismus, der alle Behörden a priori verdammt, allerding» unverträgliche— Schritt dem System Puttkamer zehntausendmal weher gethan hat, al» wenn nach dem anarchistischen Rezept gehandelt worden wäre. Im Gegentheil, hätten die betreffenden Genossen an Schröder Lynch- justiz geübt, so hätten sie dem Spitzelthum gar keinen, der eigenen Sache aber wahrscheinlich großen Schaden zugefügt. Niemand würde sich mehr darüber gefreut haben, als die eigenen Auftraggeber des Schröder. Wie sie in Wirklichkeit über ihn denken, geht aus Puttkamers Rede deutlich genug hervor— fie hätten dem„R i ch t- G e n t l e m a n" keine Thräne nachgeweint. Aber Lärm geschlagen hätten sie, und durch ihre Sold- schreiber in der Schweiz die öffenttiche Meinung aufregen lassen gegen die„Strolche" von Sozialisten, die das Asylrecht zu solchen Schand- thaten mißbrauchen. Jetzt aber sind sie in schimpflicher Weise bloßge- stellt und ist Schröder da getroffen, wo die Wunde ihn mindestens an« dauernder schmerzt, als die kräftigste Tracht Prügel. Das am radikalsten scheinende Mittel ist durchaus nicht stet? das am radikalsten wirkende, das mögen die Herren von der„Revolte" bei dieser Gelegenheit lernen. Und ferner, daß eS unter allen Umständen besser ist. das Spitzelthum mit„gemäßigten" Waffen zu treffen, als ihm die fürchterlichsten Dinge anzudrohen und es schließlich doch frei herum- laufen zu lassen.— Der Kuriosität halber sei bei dieser Gelegenheit noch erwähnt, daß Herr GilleS die Entdeckung gemacht hat, daß die„Arbeiterbewegung" als solche, als Ganzes, der Spitzelei kühl und uninteressirt gegenüberstehe. Der Spitzel könne höchstens Einzelne oder Gemeinschaften von Einzelnen an das Messer der Bourgeoisjustiz liefern, dadurch schaffe er aber Märtyrer und nütze im Grunde unserer Sache. Man habe da- her einen Spitzel, wo man ihn erwischt, dem tödtenden Fluche der Lächerlichkeit preiszugeben. Die systematische Bekämpfung des SpitzetthumS dagegen„korrumpirt" die Partei. Das ist auch eine Ansicht, und„daS ist ganz meine Anficht", würde Schröder zweifelsohne erklärt haben, wenn ihm die Zürcher„Clique" nicht das Handwerk gelegt hätte. Denn auch Schröder war ein„Sozialist im allumfassenden Sinn des Wortes", er machte keinen Unterschied zwi- scheu Anarchisten und Sozialdemokraten, er verkaufte.sie alle beide— aus Toleranz. Korrespondenzen. 2) ») Senf.(Zur Steuer der Wahrheit.) In der heutigen Sitzung des Deutschen Arbeitervereins Genf waren die Enthüllun- gen im deutschen Reichstag anläßlich der Debatte über das Sozialisten- gesetz: die Entlarvungen der Spitzel Haupt und Schröder im All- gemeinen und die Aeußerungen de« Ministers Puttkamer im Besondern Gegenstand der Diskussion. Der preußische Minister des Innern und der Polizei(wir zitiren nach der„Köln. Zeitung", die gewiß die Rede genau wiedergibt) hat sich be wogen gefunden, zu behaupten, daß„eine Bande von Strol- ch e n" die Spitzel Haupt und Schröder in ihren resp. Wohnungen überfallen, sie behaussucht und durch Drohungen zu Geständnissen ge- zwungen haben. Was Haupt anb-Kifft— über die Angelegenheit Schröder mit- zureden, sind wir nicht kompetent—, so beruht diese Behauptung von A bis Z auf Unwahrheit. Derselbe hat, al» ihm in Gegenwart der Vertrauensmänner gesagt wurde:„Wir haben die Beweise, daß Du ein bezahlter Polizeispitzel bist", Alles gestanden, was unsere Genossen Bebel und Singer im Reichstag vorgebracht haben, sowie das weiter unten Folgende und Anderes mehr. Ferner geschah der Borhalt gar nicht in Haupt'S Wohnung mithin kann von einem Ueberfall oder von Drohungen gar keine Rede fein. Nicht durch uns ist bei Haupt gehauSsucht worden, sondern durch die schweizerische Polizei. Nachdem sich mehrere Mttglieder energisch gegen die h o ch z i v i l i- sirte Titulatur:„Eine Bande von Strolchen", von der Tribüne des deutschen Reichstag herab gebraucht, verwahrten, wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: I) Die heute versammelten Mttglieder de» deutschen Arbeitervereins Genf weisen hiermit die oben zitirte Aeußerung des Ministers Puttkamer in Betreff des Schurken Haupt zurück. Haben wir diejenige Kulturstufe, welche voraussetzt, daß wir ein solche» Subjekt, nachdem es uns seine Schändlichkeiten gestanden, noch als„Gentleman" in unserer Mitte achten sollen, al» schlichte Arbeiter noch nicht erreicht. Im Hinblick auf die Thatsache, daß dieser entlarvte Musterbürger (nach der Aeußerung des Ministers Puttkamer können heutzutage die Regierungen nicht mehr ohne Spitzel bestehen) seine Thätig- keit als Spitzel 1881 in Paris damit begann, daß er über eine von Liebknecht abg.haltene Versammlung, in der er(Haupt) gar nicht anwesend war, einen Bericht nach Berlin sandte, kon- statiren wir, daß Haupt auf unsere Frage, was er denn da be- richtet, geantwortet hat:„Ich stellte so Kombinatio- neu zusammen, was Liebknecht gesprochen haben könnte." Alio für aus der Luft gegriffene Lüge« erhielt Haupt seine ersten 100 Mark! 4) Erklären wir, daß da», was im Reichstage zur Sprache kam, nur ein Theil seines Geständnisses ist. So hat Haupt außer über Polen, Russen und Deutsche auch über schweizerische Personen, Einrichtungen, Vereine:e. berichiet. Desgleichen hat Haupt auch bekannt, in Frankreich Militärspionage betrieben zu haben. S) Schließlich erklären wir Mttglieder des deutschen Arbeitervereins Genf, daß wir keine Ursache haben, die Oeffentlichkeit zu scheuen. Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, daß wir uns durch solche bezahlte Strolche nicht verleiten lassen. Wir sind uns, als Fremde, jederzeit unserer Stellung und Pflichten gegenüber den Gesetzen der Schwei, und dem Asylrecht bewußt. Di- langjährige Thätigkeit unseres Verein» zeigt aber zur Genüge, daß hier keine „Baute von Strolchen" existirt, sondern Arbeiter, die ihr Brod sauer verdienen, ohne von der Polizei bezahlt zu fein, wie der Ehrenmann Haupt. Nachtrag. Bei der allgemeinen Verurtheilung, welche die gesammte unabhängige Piesse des In- und Auslands den Aeußirungen des Ministers Pult- kamer hat zu Theil werden lassen, nehmen wir davon Abstand, Herrn Puttkamer gerichtlich belangen zu lassen. Wir können jedoch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß es nach unserer Ansichi eine Bande von Strolchen war, die den verdienten Vorkämpfer für unsere Sache, Eduard Saluz in St. Gallen, ermordete!j �_, Mörder, bezahlte Tagediebe, Spitzel, Agent» Provokateurs und der- gleichen Ungeziefer find Strolche, weil sie der Menschheit gefährlich find. Dies unsere Anficht über Strolche. Für den Lokalauifchuß der deutschen Sozialisten in Genf: Der Sekretär. Warnung. Der mehrjährige Leiter der Berliner Maurerbeweguu» und Reichstagskandidat bei der letzten Wahl im Görlitzer Wahlkreis» Maurer R. Eonrad, der seit seiner Ausweisung auS Berlin in Breslau wohnt, steht im Dienste der BreSlauer und Berliner Polizei« Wir warnen Jedermann und besonders feine Kollegen, die Maurer, nachdrücklichst vor demselben. Conrad hat hauptsächlich den letzten BreSlauer Geheim- bundsprozeß auf dem Gewissen. Er wurde zum Schein mitangeklagt, vom Gericht aber unter den nichtigsten Scheingründen freigesprochen. ES ist nachgewiesen, daß Conrad schon fett Jahr und Tag in intimen Beziehungen zur BreSlauer Polizei steht.— RanhalteallerwärtsdieAugenauf-, es sind noch eine ganze Anzahl solcher„GeheimbundS-Organifatoren" im Dienste der Berliner Polizei thätig. Selbstverständlich suchte Conrad„rechtzeitig", aber»er- g e b e n s, für seine Auftraggeber auch„m i t Z ü r i ch" in Verbindung zu treten. Der Former «ngust Müller hielt sich bis vor Kurzem in Berlin auf und hat sich daselbst grober Betrügereien und wetterer Dinge schuldig gemacht, die ihn al» ein der Partei in jeder Beziehung gefährliche» Subjekt kennzeichnen. Er soll sich jetzt im Ausland— angeblich in Kopenhagen oder Stockholm— aufhatten. Müller ist 26-23 Jahre alt, Statur über Mittelgröße; Ha« dunkelbraun, leichtes Schnurrbärichen und braune Augen. Hüte man sich vor diesem Schurken allerwärts! Berlin, im Februar 1883. Spreewacht. Wir sehen uns genöthigt, eine dringende Warnung an die Arbeiter von Köln und Umgegend ergehen zu lassen vor dem Redakteur, resp. Reporter der„Kölnischen Zeitung" Lieutenant außer Dienst Schmitz. Derselbe oenunzirte einen hiesigen Genossen, ebenso in öffent« licher Gerichtssitzung eine Gesellschaft von Arbeitern alS Theilnehmer an einer„geheimen sozialdemokratischen Versammlung". Schmitz verkehrt außerdem ständig mit Kriminalbeamten. Signalement: Größe 1,63 Rtr, Statur kräftig; trägt blonden gewichsten Schnurrbart, hat abgelebte Gesichtszüge, kleidet sich elegant und spricht Kölner Dialekt. Köln, im Februar 1833. Der Beauftragte. Briefkasten der Redaktion: Briefe und Einsendungen:c. stnd eingetroffen Berlin(Gedicht), Kiel, Syrakuse, Warnsdorf. Für die Denkschrift erhalten: Einsendungen aus Burg« städt, Flurlingen, Hohenstein-Ernstthal, Provinz Schleswig-Holstein. der Expedition: Möros: Nachr. dkd. erh. Jawohl. Aber ge« drängte Angaben der verschiedenen Strafen>e.— Raimund: öwfi. 2— Ab. 1. Qu. u. Strafporto erh. Bestelltes schon seit 14 Tagen fort. Lasen Sie denn unsere Bfe. nicht, worin Abg. meldeten u. fofor- tigeS Empfangs-AviS erbaten? Auch sonst ist Ihr Schweigen unbegreif« lich.— B. M. Z.: Fr. 2— Ab. 1. Qu. erh.— Rothe Landwehr: Nk. 200— a Cto Ab. tc. erh. Adr. nottrt u. Weitere» veranlaßt.— Bon dem allezeit Getreuen: Mk. 25— pr. Ufds. dkd. erh.— T. v. R.: Mk. 4— Ab. 1. Qu. erh. Wettere» unterwegs u. bfl.— N. S. R. K.: Rk. 10— für den H a f e n e le v e r fo n d u. Mk. 5— pr. Nfds. dkd. erh. Adr. k. notirt. Dank für Bericht.— Der atte Rothe: Rk. 5S— ä Cto Ab.»c. erh. Mk. 9 10 pr. Ggrchng. gutgebr. Liegt offenbar an dortigem Postmarder.— Alte Tannen: Rk. 10 25 Ab. 1. Qu. u. u. Sch't. erh. Mk. 1 76 d. Ufd. dkd.»ugew.— Moritz: Mk. 6 40 Ab. 1. Qu. u. Schft. erh. Bstllg.»e. nottrt.— Morgenroth 91.: Mk. 7 61 & Cto. erh.— Neckarschleimer: Rk. 28 30 a Cto Ab. att baar u. Rk. 6 20 pr. Ggr. erh Bfl. Weiteres am 11. dS.— Dr. Grhlm.: Mk. 15— pr. Portovergütung bis Ende 1888 erh. Davon Rk. 2 80 a Cto 89 Euch gutkommend. Gruß.— Kopenhagen: Fr. 30— ä Cto u. 50 Cent, für Strafporto erh. Bstllg. abg.— v. S. N.: Mk. 10 30 durch Schn. pr. Ufd. dkd. erh.— Ldk. C. a. Rh.: Mk. 200— a Cto Ab.»c. erh.— Rother Apostel: Mk. 61 45 pr. Ggrch. gutgebr. Bfl. Weiteres am 14/2. — Miemück: Mk. 187 50 ä Cto Ab. ,e. erh. Adr. notirt. Bfl. mehr. — Rother Geldsack: Rk. 155910 a Cto Ab.»c. erh. Sch. besorgt. Bfl. Weiteres.— Distelfink: Mk. 40 29 a Cto Ab. ic. erh. Adr. geordn.— M. P. Rbg.: Mk. 19 44 a Cto. Ab. ic. erh.— F. W. Ofld.: Fr. 2— Ab. 1. Qu. erh.— Bern: Fr. 34 70 k Cto Ab. JC. erh.— Mttglschft. dtschr. Soz. in Zürich: Fr. 50— f. d. Hafencleverfond dkd. erh.— F. W. Roma: Fr. 5— f. Schft. erh. Sdg. folgt.— G. K. Fkbg. i.«ch.: Mk. 3— f. d. Hafencleverfond dkd. erh.— E. K. Bkhn.: Mk. 2 50 f. Schst. erh.— Roth- Fahne: Rk. 18— i Cto Ab. jc. erh.— Lio« nel: Mk. 600— a Cto Ab. ic. erh. Bf. folgt.— Raßkrug: Beide Mitthlgn. erh. u. Adr. nottrt. Ldb. unterwegs. S. unbekannt. Näheres, sobald Recherchen erhob-n. vi« dahin unbedingt ablehnend bleiben. — Clara: Rott, v. 7/2. beachtet.— Attache:»vi« o. 12. ,c. erh. P. sehr abweichend.— Rother Sisenwurm: Bf. v. 12/2. erh. und Adr. geordnet.— Fritz: Adr. nach Borschr. v. 13/2. geordn. Mk. 38— pr. Ggrch. gutgebr. WettereS veranlaßt.— Claus Sroth: Mk. 15 75 pr. Lrlge. gutgebr. Bstllg. u. Adr. nottrt. Fehler in Zwisch-nhand monirt n. für 90 Gramm„Jubiläumsmaterial" Mk. 1 60 Strafporto zu Ihren Lasten gebucht. Je 15 Gr. kosten 20 Pf.— Joh. Schwarz: Avis v. 13/2. erh. Gruß! Im Berlag der Mttgliedschaft deutscher Sozialisten Zürich erschien«ck ist durch Unterzeichnet« zu beziehen: I.cht Opfer des Älassenhasses. Lebe« und Sterbe« der vernrtheitteu ßhicagoer Arbeiterführer. Preis:»0 Pf.- 40 Cts. Diese Broschüre enthält eine Darstellung der amerikanischen«cht« stnndenbewegung, der Henmarktversammlnug mit dem V»«» benwurf. des Pr-zesse», der Hinrichtung und des«egrSbutsse» der Chicagoer Ardeiter führ er, sowie die Biographie sämmllicher Berurtheilten. Bestellungen werden baldigst erbeten. * BoltsbuchhandluAg. von gut, sich I sinn