Abouuements d irden bei allen schweijerischen vastbureauz, sowie beim Verlag »Nd dessen bekannten Agenten flttgegengenommem und zwar zum voraus»ahlbaran VirrteljahrSpreiS von: ssir. 2,— filrdieSchweiz(Kreuzband) Olk. 3,— für Teutschland(llouvert) II' 1,70 für Oesterreich(Couveri) Kr, 2, SO für alle übrige» Länder deS Weltpostvereins(Kreuzband) Zusliitt die dreigespaltene Petiizeile 2S m.= 20 Psg. Der So)mli>emckmt Argan der Sozialdemokratie deutscher Zunge. Erscheint wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Merkag der »altöbuchhandlnreg Hotllngen- Zürich. l>ostscnduiigeil franko gegen frank». Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Toppelporto. M 21» Briefe an die lliedaition und lkrpedition de« In Deutschland und Oesterreich veirotenen.Sozialdemokrat' wolle man unter Beobachtung ausser si er Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schicke man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Teckadressen. In zweifelhaften Fällen eingeschrieben. ----- 19. Mai 1888. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! An derAbschiedsfeier unserer Ausgewiesenen dw vorletzten Samstag im Casino Holtingen stattfand, hielt unser schweizerischer Genosse Statthalter« Adjunkt Otto Lang eine Rede, die wir nachstehend im Auszug zum Abdruck brin- gen, nicht blos wegen der frischen, lebendigen Gedanken, welche die Versammlung in Begeisterung versetzten, sondern auch um unseren deutschen Lesern zu zeigen, wie in der Schweizer Re- publik ein junger Beamter im Gegensatz und gegen seine oberste Landesbehörde vor Arbeitern zu sprechen wagt und trotz allen Gekläffs liberaler und konservativer Zeitungsmamelnken sprechen darf. „Man kann sich von dem Kulturzustand eines solchen Landes nur schwer eine Borstellung machen", deklamirte Herr Minister � Puttkamer, als er— erdrückt von der auf ihn gewälzten Schmach des preußischen Lockspitzelunwesens in der Schweiz— seiner Verblüffung und moralischen Exekution durch rohes Geschimpfe ans die Schweiz und Schweizer Beamte Ausdruck verlieh. Wir sind überzeugt, diese seine Iunkerauschauung er- hält durch den Abdruck der Lang'schen Ausführungen neue Nahrung. Unfern Genossen zur Freude, der Schweiz zu Ehren und Herrn von Puttkamer zu Nutzen lassen wir diese Rede in ge- drängter Form folgen: „ES ist noch nicht mehr als ein Monat verflossen", beganir der Redner,„seit wir uns hier in diesem Saale versammelt haben, um das Andenken der Kämpfer und Helden des Jahres 1848 zu feiern, um uns unserer Verpflichtungen zu erinnern, vir wir, wie die Männer joh 1840 auch, gegenüber der be- stehenden Macht ein besseres Recht zur Geltung bringen wollen. Wir haben uns damals wieder das Versprechen gegeben, mit demselben Opfermuth zu känipfen wie jene; unser Bestes zu thun, um den Sieg an unsere Fahnen zu knüpfen, und kein Opfer zu scheuen, das der Tag von uns verlangt. Die Kämpfe von 48 liegen nun bald um ein halbes Jahr- hundert zurück— neue Helden und Kämpfer sind erstanden, neue Op-wurden gebrackit."b»- der alte Feind lebt noch; und er holt i-''' aus seiner Rüstkam- wer und immer neue ejnstrenguugen macht er, um die ver- lorenen Grenzen seines Reiches zurückzuerobern. Und wer ist der Feind? Er tritt uns zwar in verschiedenem Gewände entgegen: gestern sahen wir ihn im Königsornat, heute bekleidet ihn Frack u»d Zylinderhut, und morgen ist es Einer im Pfaffenrock, dem Unr einen Tritt zu geben wünschen— aber immer ist es das nämliche Geschwisterpaar, das dahinter sitzt: die Dummheit »nd der Egoismus. Wir haben es immer nur mit der Bor- nirtheit und der Selbstsucht einer privilegirten Klasse zu thun, die neben der einen Erfahrung, daß Rheinwein und Gänse- braten gut schmecken, nur noch die andere in guten Ehren hält: baß es Reiche und Arme geben müsse. In Deutschland lesen wir über amtlichen Erlassen:„Im Namen des Königs"; die schweizerische Bundesverfassung beginnt mit den Worten:„Im Namen Gottes". Wir aber bringen diese beiden Größen unter ihren gemeinschaftlichen Namen, wenn wir sagen:„Im Namen des Geldsacks." Das ist der wahre Feind, und er ist immer gleich gefähr- lich, wie und wo er sich zeigt: er nistet überm Rheine in Deutschland, er nistet aber auch in unfern Bergen. Und wieder hat der Kampf gegen dies nette Geschwisterpaar, die Dummheit und die Selbsucht, seine Opfer verlangt: der schweizerische Bundesrath hat vier unserer gesinnungStreuesten Und verdientesten Genossen des Landes verwiesen... Als die Kunde dieser Maßregel zuerst unser Land durch- eilte, hat uns Erstaunen und Entrüstung erfaßt. Ich will es hier betont wissen, daß die Flammen der Entrüstung nicht im ersten Moment am höchsten geschlagen haben; nein, unser Unmuth wuchs, je mehr wir über dieS Ereigniß nachdachten Und je mehr unsere Gegner sich Mühe gaben, diese Maßregel ju rechtfertigen. Wenn es erlaubt ist, in der Presse ein Abbild der Stim- Niung des ganzen Volkes zu suchen, dann dürfen wir mit Recht baran. zweifeln, daß der größere Theil unserer Landsleute mit der über die vier Ausgewiesenen verhängten Maßregel einver- standen sei/ Dann aber trifft unsere BundeSräthe der größte Borwurf, der sie als solche überhaupt treffen kann: der eines nicht nur willkürlichen, sondern eines bureauk ratischen Handelns, das auch einen schmählichen Mißbrauch der ihnen Augenblicklich zustehenden Macht in sich schließt. Das ist ja der Sinn einer Demokratie— und dem entsprechen auch ihre politischen Institutionen und ihre Verfassung— baß im Sinne und in der Anschaumigsweise des Volkes und 'n beständiger Fühlung mit demselben regiert werde. Die Ncgierung soll eine volksthümliche, ja sie soll das Organ des Volks willens sein, den wir mittelbar oder unmittel- bar in sie hinein tragen. Die Regierung soll nicht Ideen ver- treten, die mit dem politischen und sozialen Glauben des Volkes im Kampfe liegen, sondern in diesem selbst sollen unsere Be- amten die Richtschnur für ihr Thun und Lassen suchen. Nicht daß ich aus des Volkes Stimme Gottes Stimme heraushörte! Nicht daß ich der Meinung wäre, der Wunsch der Masse liege immer und unter allen Umständen in der Richtung des wirklich Zuträglichen, und ihr Instinkt, der so oft das Beste herausfühlt, während der bewußt rechnende Verstand vom Wahren abirrt, verlasse sie nie. Das Volk war nicht immer ein gerechter Richter, und die Volksabstim- mung gilt mir nicht als die beste Probe auf die absolute Richtigkeit und Zweckmäßigkeit eines Gesetzes. Aber wie wir Menschen einmal beschaffen sind, so leben wir auch nicht nur vom Rechten und Zweckmäßigen; unvermischt vertragen wir diese Speise gar nicht; wir brauchen immer ein gut Stück Tollheit und Unverstand darunter gemengt, wenn es uns schmecken soll. Das wäre ein fadeS und trostloses Leben, wenn der dumme Verstand immer und allein das Ruder führte!— Nun erscheint mir die Demokratie entfernt nicht deshalb als die beste Staatsform, weil in ihr die Gewähr für die beste Regierung liegen soll. Ihre Berechtigung leite ich aus einer ganz andern Richtung her. Ich meine, daß ein Volk nicht erzogen werden, sondern daß es sich selbst erziehen soll. Und die Demokratie — vernünftige soziale Einrichtungen vorausgesetzt— ist die einzige Staatsform, die eine w a h r h a f t e S e l b st e r z i e h u n g ermöglicht. Das Volk soll seinen Willen haben, die Folgen seiner Fehler und Jrrthümer an sich selbst verspüren und da- bei wissen, daß es die Verantwortung selbst zu tragen hat und nicht auf die Regierenden abwälzen kann. Wir wollen nicht jenen billigen, aufgeklärten, nie irrenden Verstand, wie er so üppig im Bureau, am grünen Tisch gedeiht, auf dem Throne sehen. Wir wollen nicht jene Unheimlich weise Regierung, die über dem Volke steht, und de« Unverstand des Volkes cinzu- dämmen und zu korrigiren sucht. Sondern das Volk soll sein eigener Herr sein, nur dann ist ihm bei vernünftigen gesell- schaftlichen Einrichtungen eine vernünftige Entwicklung gesichert. Und die Geschichte gibt uns keinen Grund, daran zu zweifeln, daß auch die Völker durch Schaden klug werden und das Richtige vom Falschen unterscheiden lernen. Und dieses Selbst- bestimniungsrecht hat der Bundesrath verletzt: nicht in einem Falle, wo es sich nur um geschichtlich und politisch wichtige Dinge handelte, sondern wo auch— und das möchte ich grade an dieser Abschiedsfeier hervorgehoben wissen— wo auch unser Gefühl und unsere Ehre mit in Betracht kamen: der Bundesrath hat in unserm eigenen schönen Hause unsere Freunde verletzt und beleidigt; er hat Denen die Thüre ge- wiesen, mit denen wir uns durch gleichen Haß und gleiche Hoffnung verbunden fühlen und Denen eine Heimat gewähren zu dürfen, uns bisher stolz machte. Der Bundesrath hat den guten Ruf unseres Hauses ge- fährdet— im Namen des Geldsacks. Wären die Schweizer von dem Geiste beseelt, den man— Gott mag wissen weshalb— den S ch w e i z e r g e i st nennt, dann, meine Freunde, wäre die Ausweisung auch nicht möglich gewesen. Das Schweizervolk rühmt sich, daß es im harten Kampf gegen seine Unterdrücker seine Kindheit verlebt habe und er- stärkt sei, daß es die Freiheit darum so hoch und heilig halte, weil das Blut seiner besten Söhne für dieselbe geflossen ist; es habe eine reiche Schule geschichtlicher Erfahrungen durch- gemacht, in der es sich einen historischen Blick und den Sinn für eine freie Entwicklung angeeignet habe. Darum ermögliche seine Verfassung die freie Mitwirkung aller Bürger an Gesetz- gebung und Rechtsprechung, und darum werde immer ein Thürchen offen gehalten, durch das neue zeitgemäße Ideen in unsere Nathssääle ihren Einzug halten können; es sei politisch wohl geschult und wisse den wahren und guten Kern einer Sache j)on der Form zu unterscheiden und zu würdigen.— O Schweizer Volk, wie schlecht hast du die Probe auf Deinen Schweizersinn bestanden! Daß der Sozialismus eine berechtigte Erscheinung ist, daß, wenn man ihn ganz unterdücken wollte, er nur in gefährlichen Auswüchsen wieder an den Tag treten würde; daß nur in freier Diskussion eine Abklärung und Verständigung, ein natnr- gemäßer Uebergang möglich wird, und daß die Unterdrückung die Gegensätze so weit verschärfen würde, bis die Spannung in wilder Explosion sich lösen muß— das sind ja Wahrheiten, die nachgerade zu Gemeinplätzen geworden sind. Aber bei dieser theoretischen Anerkennung wird ein verstän- diger und konsequenter Mann nicht stehen bleiben dürfen; und in diesem Punkte hätten auch die BundeSräthe nicht stehen bleiben dürfen, wenn sie sich als schweizerische BundeSräthe gefühlt hätten. Wie wird ein solcher Kampf sich gestalten, in dem alle In- teressen einer Zeit im Streite liegen, der jeden ernsthaft ge- sinnten Mann zwingt, Stellung zu nehmen? Wird er im Frack und in Glacehandschuhen und in glatten parlamentarischen Formen geführt werden? Das konnte doch nur der Unverstand erwarten. Man muß doch billig sein und nicht vom Menschen erwarten, daß er grade in dieser leidenschaftlich bewegten Zeit anfange, ein Engel zu werden. Es ist ja gar nicht anders denkbar, als daß dieser Kampf um die Neugestaltung der ganzen Gesellschaft mit Hef- tigkeit geführt werden, und daß hier wie dort eine gewisse ein- seitige Ausfassung Platz greifen wird. Und besonders wird man es uns nicht zum Vorwurfe anrechnen, wenn wir den dummen Glauben des Volks an die Selbstverständlichkeit des Bestehenden zu erschüttern suchen und von dem verschleierten Bilde die trügerische Hülle wegreißen und dem Volke zeige», was eS bislang angebetet hat. Es ist in der Weltgeschichte noch jedesmal etwas laut hergegangen, wenn große Dinge im Werden waren. Das Völkerglück ist keine Frucht, die im Sonnenschein gedieh; nein, in Sturm und Wetter ist sie gereift. Und das hätte das ganze Schweizervolk sich sagen müssen, wenn es ein politisch reifes Volk wäre, wenn es jenen genialen Blick besäße für den Werth neu auftauchender Ideen, wenn es beseelt wäre vom Schweizerg eist. Aber diese Denkungs- weise lag ihm und den Herren BundeSräthe» fern. Dagegen bringen es diese zu Stande, in vorwurfsvollem Tone vom „Sozialdemokrat" zu sagen: er sei ja ein Kampforgan! O Bundesrath!„Deines Geistes Hab' ich keinen Hauch verspürt!"— Werthe Freunde, es ist ein schwerer Schlag, der die Zürcher Mitgliedschaft, der uns getroffen hat, und wir werden alle unsere Kräfte einsetzen müssen, wenn die sozialistische Bewegung ihn nicht allzustark fühlen soll. Aber muthlos sind wir nicht. Wir scheiden von unser» Freunden— aber nicht für immer. Bor 10 Jahren war unsere Schaar in der Schweiz noch schwach; jetzt sind wir schon ein gerüstetes Heer. Lassen wir wieder 10 Jahre ins Land gehen und wir werden noch anders als heute dastehen. Wir sagen unfern Freunden Lebewohl— aber nicht für immer, nein, auf Wiedersehen, in unserm freien Land, auf Wiedersehen!" Geftändniß eines Anarchisten. Die Chicagoer„Arbeiterzeitung" veröffentlicht- jüngst eine Zuschrift eines gerrissen Frank Hirt h, der bis vor einiger Zeit einer der eifrigsten Anarchisten war, und auch jetzt noch im anarchistischen Ideen» kreise lebt, den aber das Nachdenken über die Ereignisse der letzten Jahre zu bem-rkenSwerthen Geständnissen über den Werth der anar« chistifchen Taktik veranlaßt, die auch für unsere Leser von Interesse sein dürsten. Er schreibt: „Mein stch stetig vergrößernder Eifer, zur Hebung der sozialen Uebel« stände beizutragen, hat mich seit zwei Jahren zu einem tieferen Nach» denken veranlaßt, als je zuvcr: er hat meinen Gesichtskreis erweitert und meine Handlungen von allem unnützen Bleigewicht der Patent» Systemmacherei befreit. Das Resultat ist. daß ich meine ganze Energie direkt aus den Kernpunkt der Sache: nämlich auf das Niederwersen dcS unsozialen gegenwärtigen Gebäudes und aus das Ausbauen einer freien kommuniflischtn Gesellschaft wende. Der unnütze Streit mit bloßen Hypothesen, ob„Staat" oder„Nicht-Staat", ist schon längst zu einer heillosen Wortklauberei heruntergesunke», und das trotz der wiederholten Ei klärungen seitens der bedeutendsten sr zialistifchen Blätter, daß auch st« den„Staat" in heutiger Form gänzlich verwerfen. Was nützt es unS ferner, zu streiten ob„Gesetz" oder„Nicht» Gesetz" die ZukunstSgesellschast leiten soll; jedenfalls wird dieselbe geleitet durch das, was st« sich jetzt selbst„setzt". Daß das, was man für sich selbst aus bestimmte oder unbestimmt« Zeit festsetzt, etwas„Ge- s e tz t e s"— oder ein„Gesetz" ist, sollte doch Jedem klar sein, daß man nicht Anarchist sein und Gruppen oder Kommunen verbieten kann, ihre, sich selbst gesetzten Abkommen zu B-rufungszw.cken niederzuschreiben, möchte auch wohl Jedem leicht einleuchten. UebrigenS hat taS Gesetz auf die Handlungen der Menschen wenig oder gar keinen Einfluß; der Mensch wird vielmehr durch die zwingen- den Umstände seiner sozialen oder Privatverhältnisse, unter denen er lebt, zu seinen Handlungen veranlaßt. So haben wir z. B. die Trauer« posse erlebt, daß eine Anzahl unserer Genossen durch einen eisernen Ge- setzes-Staat eine solche Dosts„Gesetzlostgkeit" erhielt, daß fünf der Besten daran erstickten, währenddem ein durch und durch Äesetzregierender, l äu lich Most, dem Redakteur des„Bor böte" mit dem strengen Autor!- tätS>Gesetzes«Prügel gedroht hat.*) Wir brauchen uns deshalb um der- artig fernliegende Einzelheiten gar nicht zu kümmern; sind die Menschen erst ökonomisch frei, so werden sie sich ebensowenig regieren und verge- setzen lassen, als jetzt die Monopolisten es thun. Ihre einzigen Gesetze, denen sie folgen werden, sind ihre freien Uebereinkomincn bei Bildung ihrer„Trusts". Nennt die Vereinigung der Lokalgewerkschaft und die größere Ver- einu ung der Nationalgewerlschast, und die noch größere Vereinigung der„American Federation of Labor", welche die beiden Anderen in sich schließt, nennt diese meinetwegen einen Gewerkschaftsstaat oder einen Änarchistenbund; der Name soll mir gleich sein, solange jede dieser Ver- einigungen frei ihre Abkommen schließt und ihr« eigenen Funktionäre einsetzt. Was die Mittel zur Erreichung unserer Hauptziele, nämlich der kom» munistischen Gesellschaft, anbetrifft, so habe auch ich d i e W a h l e n ver» worsen. Ersten» hielt ich nichts von Palliativmitteln, und zweiten» glaubte ich, daß die Wahlen die Bewegung in den Sumpf der Kompro- misse lei versenken könnten. Di- Ereignisse der letzten zwei Jahre jedoch haben mich vollkommen überzeugt, daß es durchaus keine Palliativmittel mehr gibt, und daß der Zusammenstur, der heutigen Schandwirthschast zu nahe ist, um eine Versumpfung der Ar berter Parteien eintreten zu lassen. Dcs wilde Wüthen der Monopolorgan« gegen ganz konservativ« Wahl» Parteien, im Gegensatz zu ihrem früheren Hinweisen auf den Stimm» *) Most ist nämlich von den guten Vorsätzen, die er beim Herauk« treten auS der Hölle von Blockwell Island äußerte, wieder zurückge» kommen, und donnert in seinem Blatt in der alten Weis« gegen ver» schieden« Leute, die sich erkühnen, andrer Meinung zu sein alS er. u. A. gegen Christensen. kastin, zeugt, daß auch der Feind seine Taktik geändert hat. Dieses scheint nun untrüglich darauf hinzuweisen, daß eine separate Arbeiter- wähl nebst den Streiks und BoycottS das beste Herausforderungsmittel ist. Nicht also, was dieWahl für uns, sondern was die- selbe für denFeind bedeutet, muß inBetracht gezoaen werden. Zudem kann der Wahn, welchen noch die Massen besitzen, Erleichterung durch den Slimmkasten zu hoffen, am ivirkjamsten durch die eigene Ueberzeuzunz beseitigt werden. Die Sozialisten könnten zwar wohl über etwaige Arbeitergesetze lachen, indem in letzter Instanz nicht der Kongreß oder Senat, sondern die U. S. Supreme Court(das Bundesobergericht) regiert, und ein einziger Wink würde sofort jedes unliebsame Gesetz für unkonstitutionell erklären, wenn dieselben nicht schon durch Privatkontrakte der Fabrikanten mit ihren Arbeitern illufo- rifch gemacht worden wären. Aber die Kapitalisten fürchten das öftere Ausheben ihrer Maske. Die Anarchisten haben für die Bewaffnung der Ar- beiter agitirt; sind bewaffnet vor sie hingetreten, und der ganze Erfolg dieser Taktik bestand im leeren Zujubeln in den Bersammlnnge«. N-chr nur, daß man unserem B-ispiele nicht gefolgt ist, trotzdem betnahe in jedem Hause«in Schießeisen sich befand, sondern die ganze organisirte Arbeiterschaft der Arbeitsritter, etwa Zehn- tausend stark, erschien nach der ersten ausregenden Szene in den Mai- tagen 1886 mit blauen Bändchen in den Knopflöchern auf der Straße, um für Gesetz und Ordnung ihr Leben zu opfern. Die Difiric! Affembly der ArbeitSritter und sogar einige Gewerkschas- ien stelllen den Behörden der Stadt ihre ganze Meute als Spezulpoli- zist-n zur Verfügung. Es war erst, al« die Reaktionäres ah en, welche Stütze sie in den Arbeitermassen haben, daß divers« Verhaftungen vorgenommen wurden. Ungeachtet des gesetzlichen Verbots des Waffentragens besteht die feste, starre Thatsache: daß das Proletariat sich nun einmal„nicht bew äff- nen will". Das Proletariat thut es nicht.„Was nun?" Dieses starre Faktum scheint ein noch nicht ganz verstandene» Natur- gesetz zu sein, welches Beachtung erzwingt, auch ohne Zuchthaus und ohne Galgen. Nicht das„S t r a f g e s e tz", sondern daL stramme„Natu r< gesetz" ist eS, welches uns Anarchisten zu einer andern Taktik zwingen muß, insofern wir der Sache treu bleiben und den männlichen Muth besitzen wollen, unfern früheren Jrrthum zuzugeben. Wie können wir der Sache dienen, wenn wir rathlos im Schmoll- winkel sitzen bleiben und fortwährend krächzen:„Nieder mit dem Stimm- kästen?" und dafür nichts Anderes zu bieten wiffen??... Wem es daher in erster Linie am Herzen liegt, den Klassenkampf so zuzuspitzen, daß endlich dem ganzen Hangen und Bangen ein Ende ge- macht werden kann, und wer seine gedachte großherrliche Unfehlbarkeit ein wenig hintansetzen kann, der greife zu den Mitteln, die zu Gebote stehen. Wer es mit der Sache ernst meint, wird gewiß gerne bereit sein, etwaige Rechthab-rei und bloße Sucht nach prophetischer Autorität einem großen, welterlösenden Prinzip zu opfern. Wer die unnütze bisherige Kraftvergeudung einsieht, der begrabe jeden Zank um die detaillirten Ein- richtungen einer ökonomisch frei gewordenen Menschheit. Nennt euch Sozialisten oder Anarchisten, so viel ist gewiß, daß wer immer kleinmüthig genug ist, um sein eigenes Eoange- lium fortwährend in Wort und That in den Koth zu ziehen, indem er Genoffen anderer Ueberzeugung und taktischer Anschauungsweise feine„Autorität" aufdrängen will, daß ein solcher niemals im Stande fein wird, einem weltbewegenden Prinzip die nöthige Kraft zu widmen." So weit H i r t h. Man sieht, der Mann lebt noch fast ganz im anarchistischen Gedankenkreise, sein Kops ist noch voll von sprunghaft- „revolutionären" Ideen; immerhin zeigen seine Ausführungen, daß er das Fehlerhaste der anarchistischen Taktik, deren Fehlschlagen wir voraus- sahen und voraussagten, erkannt hat und gewillt ist, die daraus sich ergebenden Lehren zu ziehen und zu bethätizen Uud er steht mit dieser Erkenntniß nicht allein, sie erobert täglitz weitere Kreise, und j ne Ar. beiterelemente Amerikas, die noch vor Kurzem unier dem Banne der anarchistischen Schiagworie standen, sieht man heute einem Läuterungs- prozeß unterworfen, der einzelne pessimistisch anzekränkelte Personen aus der Kampslinie überhaupt drängt, die Maffe aber wieder um die sozialistische Fahne des Ztlafs nlampfes und der Ardeiteremanzipation schaart, zum großen Schrecken der Ausbeuterparteien, die aus dem Bankerott der anarchistischen Taktik den Untergang der Arbeiterbewegung erhofften. Briefe aus Deutschland. Deutschland, 11. Mai. Zwei Monate find jetzt ergänzen, seit der neue Kaiser nach Deutsch- land gefahren, um sich seine Krone zu holen— und was ist aus den Hoffnungen geworden, welche namentlich seitens der Fortschrittspartei— aber, wir dürs-n es uns nicht verhehlen, auch in viel weitern Kreisen— an den Thronwechsel geknüpft wurden? Das kann, gegenüber dem ver- logenen Kultus, der mit dem sogenannten„Heldengreis" getrieben wird, guten Gewiffens gesagt werden: Millionen athmeten erleichtert auf, als die Nachricht vom Tode Wilhelms I. kam, denn sein Regiment war für Millionen ein Regiment beispielloser Unterdrückung und Verfolgung Feuilleton. Z>ie Logik des Sumpfes. Der geistige Versall, welcher Perioden der gesellschaftlichen und politischen Fäulniß zu begleiten pflegt, tritt jetzt in Deutschland mit einer wahrhast abschreckenden Deutlichkeit zu Tage. Und nirgends zeigt sich das so deutlich als auf dem Gebiet der Poesie, die ja dem Gedankeninhalt einer Zeit in künstlerischer Form Ausdruck verleiht. Hält man Umschau, was in dieser Hinsicht in den letzten Jahren geleistet worden ist, so schreckt man entsetzt zurück vor der grauenhaften Verflachung, die uns da— von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen— entgezenstarrt. Und nirgends wiederum ist die Verflachung allgemeiner als aus dem Gebiet der p o l i t i.s ch e n Lyrik. Eine bis zur Albernheit getriebene Naivetät, die um so abstoßender wirkt, als man ihr die Absichtlichkeit, das Raffinement aus den ersten Blick an- merkt— grade wie den Besucherinnen gewiffer Tanzlokale, die sich in Kinderkostüme kleiden— wechselt ab mit einem schwülstigen Pathos, das nicht minder den Eindruck des Unwahren, Unempfundenen macht. Wir wollen hier nur einige Musterstückchen dieser Lyrik aus jüngster Z-it mittheilen— wobei wir selbstverständlich nicht die gewöhnliche Schundwaare berücksichtigen, sondern nur solche Ergüsse auswählen, die als Los fleur der neuesten„patriotischen" Dichtkunst zu gelten haben. Unterm S. März d. Jahres schmierte der Dichter des spirituosen Teutschthums, der„berühmt- vaterländische Gelehrte und Sänger" Felix Dahn ein IS Strophen langes, halb deutsches und halb lateinisches Gedicht(das bekannte Hallenser Apotheker-Latein) Triumpbator l Lebe wohl nun, Kaiser Wilhelm! I. L-be wohl nun, Imperator, Barbablanca Triumphator, Der da frischen Lorbeer wand Um die Krone der Germanen, Wittwe längst des Ruhms der Ahnen Und uns schuf ein Vaterland. Dem Leser, der daS nicht verstehen sollte, bemerken wir zur Erklärung, daß mit der„Wittwe" die„Krone der Germanen" gemeint ist. Frei- lich, verständlicher wird eS so auch nicht. Doch weiter: II. mit dem Titel V»Io Es beginnt wie solzt: Weil sie's lang nicht mehr gekostet. Galt das deutsche Schwert verrostet, In das Spinnweb-Eck gestellt: Hei, wie hell es plötzlich blitzte, Dort wo Alfens Schaumfluth spritzte, Durch die überrasch'« Welt. gewesen— und es liegt nun einmal in der Mentchennatur, daß wir von der Veränderung eine Verbesserung erhoffen— wie ofl auch die Hoffnungen getäuscht worden sind „Der Mensch hofft immer auf Befferung." Daß in dem vorliegenden Fall die Hoffnungen nicht ganz unbegründet waren, und daß der thatsächlich vorhandene Gegensatz zwischen dem neuen Kaiser und Bismarck— unter normalen Verhältnissen— wenn auch nicht zu dem Siurz des System», doch zu einer wesentlichen Modifika- tion desselben geführt hätte, das kann und soll nicht bestritten werden. Allein die Verhältnisse sind eben nicht normal— und die famose „Kraftprobe" d. h. die Rebellion des Vasallen Bismarck gegen seinen todtkranken Souverän mußte in der Niederlage des letztern enden. Und wenn eS anders gekommen wäre, wenn der Kaiser nicht krank wäre und die Kraft gehabt hätte, sich des übermächtigen Hausmeiers zu entledigen? Was dann? Hätten wir Vortheile gehabt? Vortheil« für einzelne Personen— unzweifelhaft. Vortheile für unsere Partei— nimmermehr! Ein paar Hundert unserer Genossen hätten den Kerker verlassen können, oder drohende Gefängnißstrafen nicht anzutreten brauchen— die Aus- Weisungen auf Grund des kleinen Belagerungszustandes würden zum Theil nicht erneuert worden sein, überhaupt wäre wohl«ine„mildere Praxis" beliebt worden— und wahrschemlich hätte man das Sozialisten- gesetz abgeschafft und dafür eine Anzahl von drakonischen Kautschukpara- graphen in daS Strafgesetzbuch eingefügt, durch welche es ermöglicht worden wäre, die Aechtung unserer Partei auf dem Boden des ge- meinen Rechts zu vollstrecken. Gewonnen hätten wir als Partei nichts— wohl aber würden un- sere Waffen an Schärfe verloren haben. Denn das dürfen wir keinen Moment aus den Augen verlieren: den mächtigen Ausschwuw!, welchen die deutsche Sozialdemokratie genommen hat, verdanken wir ganz wesentlich den Verfolgungen, deren Zielscheibe wir sind, und dem Unbehagen, welches die nervöse, Alles auflösende Experimentalpolitik des Junkers Bismarck in den breitesten Bevölkerungsschichten heroor- gerufen hat. Verlieren wir diese beiden Quellen der Kraft, so kann selbstverständlich das Wachsthum unserer Partei sich nicht in demselben schnellen Tempo vollziehen, wie bisher. Und gibt es etwa eine andere Partei, welch- einen wirklichen Systemwechsel herbeiführen könnte? Halten wir Umschau. Die Kartell- Parteien, die dem herrschenden System und dessen Vertretern blind anhängen, kommen natürlich nicht in Frage. Ebenso wenig daS Zentrum, das ein politisches Programm gar nicht hat, und auch nie eins haben wird, weil es aus den verschiedenartigsten, die verschiedenartigsten Ziele versolgenden Elementen besteht. Bleibt von den Parteien der alten Gesellschaft nur die Fort- schrittspartei übrig. Sie ist Oppositionspartei, das können wir nicht leugnen— sie ist's—„aber srazt mich nur nicht wie". Di- a b s o- lute Unfähigkeit der Fortschriitspartei hat sich in den letzten zwei Monaten so deuilich, so handgreiflich bekundet, daß auch der mildeste Kritiker den letzien Rst von Vertrauen in diese„Revolutionäre in Schlafrock und Pantoff.ln" verlieren mußte. Statt kühn den Moment zu benutzen und dem Hausmeier der Hohenzollern, der keineswegs fest im Sattel saß, keck den Fehdehandschuh hinzuwerfm und dem lichtscheuen Gesindel, aus dem sich B.smarck eine politische Prätorianergarde heran- gebildet hat, unbarmherzig zu Leibe zu gehen— stellten diese traurigen Gesellen mit ihren Gegn-rn ein Wettkriechen der Servilität an— erhoben den alten Wilhelm in den Himmel, uno trieben mit dem neuen Kaiser einen Fttischdienst, der jeden frei denkenden Menschen mit Ekel erfüllen mußte. Sie haben ihren Lohn. Es ist Alles beim Alten geblieben. Die Ge- legenheit, das System Bismarck wenn auch nicht zu stürzen, doch in der Person seines Trägers vor aller Welt moralisch zu vernichten, ist feige verpaßt worden. Nun— wir wundem uns nicht. Wir entrüsten unS noch viel weniger. Wir kennen unsere Pappenheimer und hatten nie etwas anderes erwartet. Aber es war nothwendig, daß die Erbärmlichkeit dieser impotenten Sippe, die sich noch immer gern mausig macht, so klar aä oealos demonstrirt wurde, wie dies in den letzten acht Wochen geschehen ist. Es gibt heutzutage nur noch ein« Oppositionspartei— und das ist die Sozialdemokratie. Si<.all in hat den Kampf gegen die vereinigten Reaktionsp..rteien zu fiihmi. Und sie allein kann ihn führen. Die Jämmerlichkeit der Fortschrittspartei entspricht nur der Jämmerlich- keit des Bürgerthums, aus welchem sie hervorgegangen ist. Der deutsch- Bürger ist ein so entsetzlicher Hasensuß, daß er das Opfer jeder W a u< w a u- P o l i t i k wird und— als Klasse— sich niemals zu einer idealen That aufzuraffen vermag. Auf den deutschen Arbeitern ruht die Zukunft Deutschlands. Der Sinn für R.cht und Ehre, die Liebe zur Freihett, die Begeisterung für das Ideale— das sind Eigenschaften, die unseren besitzmden Klassen abhanden gekommen sind und nur noch in der Arbeiterklasse leben. Das haben wir jetzt wieder so recht beobachten können. Freilich— eine gewaltige Uebermacht steht uns gegenüber. Jndeß— das Krästeverhältniß gleicht sich allmälig aus— unsere Macht vermehrt sich rascher als die unserer Feinde, und der Moment läßt sich berechnen, wo wir stark genug sein werden, die Feinde zu überwinden. Also lustig vorwärts I Aus Deutschland, 13. Mai. m. „Weil sie'S lang nicht mehr gekostet"—„sie" kann nur die Wittwe sein. Das ist das einzige Wort, worauf es sich beziehen kann. Der Sinn ist demnach: weil die„Wtttwe", das heißt die„Krone der Germanen", das deutsche Schwert l.ng nicht mehr gekostet, galt es für verrostet. Wie die„Wittwe", alias„Krone der Germanen", das Schwert hätte kosten sollen, ist freilich das Geheimniß des Spirituosen Felix Dahn. m Diesen Greis, dem auf dem Throne Schöner als die goldne Krone Stand des Weißhaars Silberband, Traf der Mordschuß! Und zur Rache Schloß er sich in's Herz die Sache Aller Darbenden im Land! Ob das S o z i a l i st e n g e s e tz zu dieser Sache gehört«, hat Herr Spirituosus zu„dichten" vergessen. VIII. Und der Held in jeder Ader, Der die stolzen Stahlgeschwader Frankreichs in den Staub gefällt— Ihn, den nie besiegten Fechter. Als des Friedens Hort und Wächter, Pries ihn, dankentzückt, die Welt, und legte sich, aus lauter Vertrauen in diesen merkwürdigen„Sieges- Hort" drei bis vier Millionen neue Soldaten zu. Doch genug deS grausamen Spiels. Der Blödsinn ist in jedem Vers aller IS Strophen gleich haarsträubend, und die l a t e i ni s ch e n Verse sind genau so hölzern und so blödsinnig wie die deutschen— und ungefähr ebenso gut deutsch. Und dieses Produkt nationaler Hirnerweichung hat die vornehmste, wissenschaftlichste deutsche �Z itung, die Münchener„All- gemeine Zeitung", in ihrer Nummer vom 22. Mi März abgedruckt. Ein anderes Beispiel. Die„Leipziger Z itung", das amtliche Organ der sächsischen Regie- rung, das sich auf seine Vornehmheit sehr viel zu gut thut, bringt(in seiner Nummer vom IS. April) mehrer« Gedichte des„berühmten" Dich- ters Max M o l t k e(der beiläufig beinah- so geschwätzig isi, wie sein, zum Scherz„großer Schweiger" genannter Namensv.tter). Es sind zwei Sonnete. Vom ersten mögen Titel, Motto und die zwei ersten Strophen hier folgen: Der»aiserblick. Auftritt vor dem Charlottenburger Schloß am 18. April 1 888. (,, Seine Majestät hat sich gestern dem vor Freude und Trauer weinenden, laut schluchzenden Publikum gezeigt� Die Ausweisung unserer vier Genossen aus der Schweiz be- schästigt noch immer die deutsche Press i. Ein Tyeil derselben, der mit der Reichsregierung durch Dick und Dünn geht, ist natürlich mit dieser Maß- regel sehr zufrieden und lobt den Berner Bundes: ath ob seiner„staatS- männifchen Einsicht und Haltung". Die unabhängige Presse ist ebenso einstimmig in der Verurtheilung der M>ßregel und bekommt der Berner Bundesrath von ihr wegen seiner schwächlichen Haltung und Nachgiebig- keit scharf den Text gelesen. In den Regierungskreisen lacht man sich ins Fäustchen, daß die„tapferen Republikaner" in Bern so bereitwillig vor den Kürassierstiefeln Bismarcks zu Kreuze gekrochen find, und hofft auf weitere Erfolge in der gleichen Richtung. Jede Demüthigung einer republikanischen Regierung trä,t zur Diskredttirung der demokratischen Staatsform bei, darauf hat es das preußische Junkerthum, als dessen erster Repräsentant Bismarck gellen muß, abgesehen, und dazu leistet ihm der Berner Bundesrath, wahrscheinlich wider Willen, hülsreiche Hand. Vielleicht glaubte man in Bern, indem man dem Drängen Bismarcks durch Ausweisung unserer vier Genossen nachgab— denn daß dies ohne Drängen von Seiten der deutsch n Reichsregierung geschehen sein sollte, wie in Bern behauptet wird, glaubt in Deutschland kein urtheilsfähiger Mensch—, sich vor weiteren Anforderungen R che zu verschaffen und den Zorn Bismarcks zu beschwichtigen. Allem darin irrt man. Bismarck gibt sich nicht mit halben Maßregeln und Konzessionen zufrieden, und eine halbe Maßregel ist in seinen Augen die Ausweisung der Vier. Sein Ziel geht weiter: Er will das Asylrecht überhaupt aus- gehoben wissen und den politisch Verfolgten jede Ruhestätte in Europa genommen sehen. Das ist daS Ziel seines Strebens, und darauf hin arbeitet er mit der an ihm ge- wohnten Rücksichtslosigkeit und Zähigkeit. Das sind die beiden Eigen- schaften, denen er hauptsächlich seine Erfolge verdankt. Leider hat sich bis jetzt in ganz Europa, seit mehr als zwanzig Jahren, nicht«in Staats- mann gefunden, weder in einer Republik, noch in einer Monarchie, der ihm hierin gleich kommt und seine Anmaßungen zurückweist. Das macht ihn immer selbstbewußter und kühner. Sein Streben geht dahin, wie er in Deutschland nahezu unumschränkt regiert, der Monarch nur ein Werk- zeug in seiner Hand ist, so auch ganz Europa seinen Willen zu diktrren und den Geist deS preußischen Junkerthums zum herrschenden in Europa zu machen. Ein Blick in die offiziöse Presse zeigt, wie in diesem Sinne zunächst gegen die Schweiz weiter gearbeitet wird. Zu verschiedenen Malen hat bereits die„Kreuzzeitung" nachdrücklich erklärt, daß es mit den Aus- Weisungen der Vier nicht genug sei, die Schweiz müsse den „Sozialdemokrat" unterdrücken und gleichzeitig verhüten, daß die in Deutschland verbotenen Druckschriften über die Schweizer Grenze nach Deutschland geschmuggelt werden. Ein solche? Verlangen ist zwar sehr unverschä nt, es steht aber auf der Höhe der politischen Anschauung preußischen Junker-Hochmuthes und entspricht dem Geiste des in Deutschland herrschenden Systems. Ein solches Verlangen bedeutet, daß der sremde Staat sich in der Behandlung der Gewerbe- und Preß- freiheit den Doktrinen des sich benachthciligt fühlenden Nachbarstaates knechtisch zu fügen habe, daß seine eigenen Gesetze, sobald sie internationale Beziehungen berühren, keine Gü.tigkeit haben. Von anderer offiziöser Seite wird ein neues, noch weiter gehmdes Ansinnen an die Schweiz vorbereitet Der„Hamb. Korrespondent", früher ein unabhängiges und hochanständiges konservatives Blatt, aber seit einigen Jahren Kostgänger des Reptiliensonds und dienstwilliger Apporteur der Bismarck'schen Wünsche, bringt einen Leitartikel über das A f y l r e ch t, worin er nachzuweisen sucht, und zwar wesentlich gestützt auf die neueste bezügliche Denkschrift des Berner Bundesraths, daß die Anschauungen über das Asylrecht in neuerer Zeit sich wesentlich geändert hätten und zwar im Sinne einer größeren Einschränkung desselben, und daß namentlich der letzte Fall, die Ausweisung der V.er, die Hoffnung rechtfertige,„daß sich weitere Folgen und entsprechende Vereinbarungen der Kultur st aaten an diesen Fall knüpfen würden." D-.e„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gibt diesen Art kel wieder und knüpft ihrerseits daran die Bemerkung,„daß der erhebliche Wechsel, der sich in der«i'.schauung über daS Asylrecht vollzogen habe, bereits theil- weise die Vorbedingungen für die Neuregelung der Angelegenheit gebe.' Dergleichen sagt das offiziöse Blatt nicht ohne Zweck, und so wird be> erster passender Gelegenheit die Schweiz die Erfahrung machen, daß Bismarck zu einer internationalen Kodifikation des«jylrechts Vorschläge macht, für die er die Motive der Handlungsweise des B-rner Bandes- raths silbst entnimmt, die, wenn sie maßgebend werde« sollen, das Asylrecht vollkommen ausheben. Da heute ein großer Thttl der oppositionellen Elemente, welche voa> Asylrecht Gebrauch zu machen gezwungen find, aus Sozialisten besteht diese aber der Bourgeoisie in allen europäischen Staaten tief verhaß! sind, so darf angenommen«erden, daß die Bourgeoisie sich für die Aus- rechterhaltung des Asylrechts nicht sonderlich begeistert. Einst war sü allerdings eine eifrige Verthsidigerin desselben, so lange sie selbst not revolutionär war. Damals vertheidigte sie auch den Fürstenmord, de« „Tyrannenmord", wie sie ihn nannte, denn jeder absolute Fürst war i« ihren Augen ein Tyrann. Ihre Dichter verherrlichten diesen Mord — siehe Schiller in seinem„Tell"— und ihre Schriftsteller rechtfertig- ten ihn, worüber der„Sozialdemokrat" noch in aller,, euester Zeit recht drastische Proben abdruckte. Aber heute, wo die Bourgeoisie mit zu' Herr »ehö and« »erfi wen, Inn wen, «ach D *0.0 Snh, weh, Se, die We «in den in$ Neue die! noffe wie l D Arbe rung Etre Kch 1 «ge au!, bukt h-it, D, in de besch, tische ha: i leide, Nomr Mit j veriü >u v, IvNen chen En wurd «-faß 12 si Poli, Fiugl Wege, des{ seine, hielte Staa bestell Di Verdi lonse, über ßendf ihr Z I am Fenster."— 19. April 1888.) Am Tage der erstürmten Düppler Schanzen, O Kaiser Friedrich, sieh, welch Volksgedräng« So gerne Deinen Anblick sich erräoge, Der jedes Antlitz wü-.de freudumglanzen! Postkarte aus Charlottenburg vo« Noch eines Blicks Vergißmeinnicht zu pflanzen In jede Brust, o zeige Dich der Menge, Du Held der Waffen- wie der Martergänge, Als kranker Held noch einer von den ganzen! Der deutsch- Kaiser als Gärtnerbursche, der Vergißmeinnicht« pflanz — das ist das einzige Bttd, das diesem großen Patrioten beim Anblii eines Mannes einfällt, dessen Schicksal wahrhastig tragisch genug ist, de> prächtigsten Stoff sür einen Dichter zu liefern. Doch wo sollten die Dichter, die Säuger des Hohen, Schöne« und Edlen in diesem öden NationalzuchthauS herkommen? Halt, Einen hätten wir fast vergessen. Den„Klassischsten" d« Modernen, den gewaltigen Sänger des neuen Reichs, den Dichter, Min' sterialsekretär und Reserveoffizier Ernst von Wildenbruch. De« selbe schrieb das Festgedicht zur Einweihung des deutschen Buch Händlerhauses in Leipzig, welches Fest am 2g. April d. I. stati fand. Der Stoff war nicht Übel. Herr von Wildenbruch brachte es au' glücklich zu 25 vierzeiligen Strophen, von denen die letzte, in der si der Geist des Ganzen konzentrtrt, also lautet: „Jeder beuge sich dem Wort und leiste Huldigung ihm, daS uns zusammenhält; Wer dem Buche dient, der dient Wer dem Geiste dient, der dient Schade, daß Herr von Wildenbruch vergessen hat, zu sagen, welche' Wort wir uns beugen sollen. Wohl dem der Herren Puttkamer u« Bismarck? llnd welches„Buch" er wohl meint? Wohl das Vir« gesetzbuch? Halt— noch eine Strophe, die von den Wundern der Buchdrufle« kunst handelt, müssen wir dem Leser noch vorsetzen. Sie lautet: „Vor dem Morgen, der zu allen Thoren Jauchzend einbrach, wichen Nacht und Fluch, Und es war die neue Welt geboren, Und die n e u e W e l t, sie hieß d a S 89 u ch." Wir halten bisher geglaubt, die neue Welt hieße Amerika, u« der Morgen„bräche" nicht durch die Thor« ein, sondern durch Fenster. Jndeß bei diesen Dichtern des p a tr iotischen Hirnschwund� darf man es nicht so genau nehmen. Fort mit dem häßlichen Spuck! dem Geiste, der Welt.' her k, «inen den 5 eines 'Wühl Drse Unt 6 er t sän, Vew w o r kon für.1 H°i bla> fäli 6-fSh selner lchast Eesel �yst- Di titel Wurd thum Und I «< �stei feeff, Won, wit War du� eröff fern aber Eonr ,*) IPtetf ffiesi, Ergö fei; Und »Ute xho s°,i« 1>»N Und Hit sihle be» der zß- itS- nso :\n »8' sich lliz offt ner hen ssen stet ich« rckS hne llte. lger den arck und »ein uf« -d« da« 9e' »en- sich atS- der >acht « er !erk> iren copa ächst hat !lui> den Uen, ei, er ngen sch-n - bei utet, Zreß' >ateS >nale ndet -nt-, aber lliger : da? stätzt ß die ndect und aung n de s al! r und der theib lebt." rd bei daß chläg- .ndes» de« vow -st-Ä rhaÄ -Aus »r su no< . de' aar i« Mord serti r» t, vo« pflan» lnbl« d- S ne> « d-' Min' Der Z u ch statd ■.& au' -t s» herrschenden Jtlafje geworden ist, wo sie zu den Satten und Zufriedenen gehört, ihre Gegner mit Ausnahmegesetzen trattirt, steht sie auf einem andern Standpunkt, heute verurtheilt sie, wiS sie einst verherrlichte, und »erfolgt, was sie einst selbst gethan. So dürfte man sich nicht wundern, wenn über kurz oder lang auch in der Frage des Asylrechts die deutschen Iunkerbestrebungerf siegen und ganz Europa zu einem Zuchthaus wird, wenn— die arbeitenden Klassen nicht einen Strich durch die Rechnung Aachen.— Die Berliner Polizei hat einen guten Fang gemacht, sie hat 40,000 Flugblätter vor ihrer Berbreitunz konfiezirt. Nachdem wir den Inhalt eines solchen Flugblatts kennen lernten, wundern wir uns nicht «ehr über den Fang. Wir wetten Hundert gegen Eins, daß der Verfasser einer der bekannten Nichtgentlemen ist, bie auf dem Molkenmarkt aus- und eingehen und ihr Werk so rechtzeitig anmeldeten, daß der Fang von «in paar Dutzend Genossen, diewieder einmal auf den Leim gingen, gelingen mußte.*) Gewisie hohe Personen m Berlin brauchten Material, um für ihre erschütterte Stellung eine Neue Stütz- zu finden und die Nothwendigkeit der Verfolgungen gegen die Partei darzuthun; das hat man ihnen von Leuten, die sich„Ge> Nossen" nennen, geliefert. Der Staat ist wieder einmal gerettet. Auf N>ie lange?— Der große Berliner Schuhmacherstreik ist zu Ende. Die Arbeiter haben 15-20 Prozent Lohnerhöhung erlangt; auf die Forde- Nmg verkürzter Arbeitszeit mußten sie verzichten, sollte nicht der ganze streik ins Wasser fallen. Die Schuhmacherei ist eins der unter der Eroßsabrikatio r am härtesten leidenden Gewerbe, die Arbeiter befinden sich dem entsprechend in einer sehr prekären Lage. In Berlin wird diese Lage insbesondere noch dadurch verschlimmert, daß die kleinen Städte °u' viele Meilen im Umkreis zu unglaublich niedrigen Preisen ihr Pro- bukt auf den Berliner Marli werfen. Es war also ein Akt der Klug- heil, das Gewiffe dem Unzewissen vorzuziehen.— , Den 28. Mai beginnt in Berlin der große Maurer-Prozeß, >n dem 40 Angeklagte die Anklagebank zieren werden. Dieselben sind beschuldigt, wider das preußische Vereinsgesetz, das die Verbindung poli- iischer Vereine bei Strafe untersagt, verstoßen zu haben. Die Anklage M ihre Opfer mit großer Unparteilichkeit aus beiden Lagern, in welche "idtr augenblicklich die deutsche Maurergewerksbewegung getheilt ist, ent- »o armen. Kommt es zu einer Verurtheilung, so wird das Gericht auch wit gleicher Unparteilichkeit seine Strafen über die Anhänger beider Lager «erkünden. Vielleicht wird das ein Grund mehr, die feindlichen Brüder >u versöhnen. Die Hauptdisserenz besteht in dem Streit um gewisse Per- Ionen; aus dem gleichen Grunde glauben auch unsere Genossen an man- che» Orten sich den Luxus einer Spaltung erlauben zu dürfen.— Ein Prozeß anderer Art steht wieder einmal in Altona bevor. Dort wurden anläßlich einer Fluzbläitervertheilung im März 4Z Personen ab- hkfaßt. 31 wurden nach vierwöchentlicher Untersuchungshaft entlassen, 12 sitz-n heute noch. Gegen die 31 soll Anklag- wegen Uebertretung der Polizeiverordnung, welch- die Genehmigung bei der Austragung von Flugblättern verlangt, erhoben werden, den übrigen 12 soll ein Prozeß Wege» geheimer Verbindung bevorstehen. Daß auf den Inhalt «es Flugblatts keine Anklage erhoben wird, zeigt wieder einmal, wie seiner Zeit die Kartellpresse log, als sie behauptete, das Flugblatt ent- hielte die heftigsten Angriffe gegen den Kaiser und die bestehenden Etaats-inrichtungen. Dergleichen mußte die Polizei sich erst in Berlin bestellen.— «Die„Freisinnige Zeitung" des Herrn Eugen Richter hal das Verdienst, einen jener Ehrenmänner entlarvt zu haben, die zu Ehren der konservativen und kartellbrüderlichen Sipp es sich zur Aufgabe machen, über den deutschen Kaiser und seine Frau die ungünstigsten und b-leidi- lsindsten Gerüchte zu verbreiten. Diese Leute arbeiten damit zwar für ihr Th il mit an der Untergrabung der bestehenden Staatsordnung, und bis können wir uns gefallen lassen; es ist nur eigenthümlich, daß bis- her kein Staatsanwalt sich fand, der für diese Art Umsturzbestrebunzen einen Strafantrag bereit hat. ES scheint hiernach das Wühlen gegen den Kaiser gesetzlich erlaubt zu sein, vorausgesetzt daß man zu Gunsten «meS konservativen Nachfolgers wühlt. Der Ehrenmann, der diese Art Wühlerei geschäftsmäßig betreibt, ist ein Herr von Schließen. D rfelbe ist als Postbeamter und Telegraphist wegen wiederholter Unterschlagung von Geldern und Sachen vom Kreis- Bericht zu Crossen 1867 z u anderthalb Jahren Ge- yingniß und Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher »emter auf die Dauer von zwei Jahren verurtheilt worden. Dieser adelige Lump wurde nachdem Redakteur verschiedener konservativer Blätter, war und ist noch zumTheil Korrespondent si>r die„Norddeutsche Allgemeine Zeitun g",„K r e u z- Leitung",„Deutsches Tageblatt",„Leipziger Tage- « l a t t",„Staatsbürger-Zeitung" und Rheinisch-West- kälische Zeitung". Außerdem steht dieser Erzlump noch mit un- flefähr 100 kleineren Kreis» und Lokalblättern in Verbindung, die er mit luven hektographirten Sendungen p elotisch füttert. Die Kartellbrader- whast hat also alle Ursache, auf diese Stütze der heutigen Staats- und jMellschastsordnung stolz zu sein. Zar Kennzeichnung des herrschenden �hstems sei dieser Ehrenmann hiermit angenagelt.— .. Die Zeitunzen berichten, Bismarck habe den ihm zugedachten Herzog- k"kl abgelehnt, weil ihm die Mittel zu dieser Stellung fehlten. Warum wurde dem vierzigfachen Millionär nicht auch noch der Rest des Herzog- >hums Lauenburg als Dotation angeboten? Der Skrupel war dann gelöst üüd beseitigt.- Bekanntlich mußte der Abgeordnete Kräcker unmittelbar nach J-mern,«IS sich zeigte, daß sein Vergehen von der Amnestie nicht be- "«ssen wurde, aus Ansuchen der Staatsanwaitschast sofort seine sieben- wonatliche Gefängnißstrafe antreten. Jetzt verlautet, daß acht gleichzeitig w't ihm Verurtheilt« sich noch bis heute auf freiem Fuß befinden. wtorum gegen Kräcker diese Strenge? . Der Maurer Conrad, dessen politische und geschü iliche Stellung «urch die Denunziation als Spitzel im„Sozialdemokrat" vernichtet wurde, ««iffnet eine Restauration in Breslau. Die Arbeiter werden ihr wohl kern bleiben. Einige zwanzig Haussuchungen, die kürzlich dort vorkamen, «ber sämmtlich resultatlos verliefen, werden von den Betroffenen Herrn Conrad aus'« Konto geschrieben.- r'ch� >undl >uck! I Wenn diese Ansicht zutrifft, und alle Gründe der W ihrscheinlichkeit sprechen dafür— wir selbst haben kein Ex-mplar dieses Flugblattes zu Besicht bekommen— so findet sie heute schon wieder eine recht nette Ergänzung in folgender Nachricht auS Breslau: „Eine schlau angelegte Falle. Der Z-itungsverlege« W. Kuhnert erhielt am gestrigen Tage au« Zürich eine Sendung von Exemplaren de« in Deutschland verbotenen„Zürcher Sozial- demokrat" nebst der in der Schweiz erscheinenden„Arbeiterstimme", sowie ein Exemplar eines die deutschen Staats-Einrichtungen und die Ministerien beschimpfenden Gedichte« in seine Privatwohnung übersandt. Gleichzeitig war ein M-morandum beigefügt, worin die Exoedition deS„Sozialdemokrat" über den letzten Abonnement«- Beitrag dankend quittirt, und beigefügt, daß künftigen Sonntag die nächste Nummer deS„Sozialdemokrat" nachfolgen würde. Da Herr Kuhnert mit oer sozialistischen Partei in gar keiner Beziehung Mehr steht, so oermutheie er eine Falle sogenannter guter Freunde, welche ihm gern zu einer Anklage auf Grund des Sozialistengesetzes verhelfen möchten. Er üb-rgab daher die qu. Zeitungen, sowie das Gedicht und das Memorandum der königlichen Staatsanwaltschaft »ur weiteren Veranlassung."(Die natürlich nichts finden wird.) ..B)ir haben selbstverständlich nicht nöthig, ausdrücklich zu betonen, daß «'sse Sendung Polizeimache ist, fintemalen ein solches Gedicht uns UN- „ k«nnt und ein solches„Memorandum der Expedition" gar nicht existirt Nie existirt hat. Aber die Berliner Polizei will für ihre Zwecke üter allen Umständen den Glauben aufrecht erhalten, daß in der "Hottinger Druckerei" zweierlei Literatur Hergestell: werde, unsere Walistische, hier öffentlich verbreitete, und eine heimliche polizei-rrrevolu- ''«näre, wie Putty, Krüger und Genossen für ihre Zweck- fie wünschen «nd brauchen. Eigenthümlich— bisher mußten wir un« immer «gegen zu wehren suchen, daß die Polizei unsere Druckschriften stehle, dagegen, daß fie unter unserer Firma ihre Waare ver- styeudert. Red. des„S.-D." In Dresden wurde in der Nacht zum 3. Mai über die ungefähr 20 Meter hohen Telezraphendrähte am Wettiner Gymnasium eine mäch- tige rothe Fahne angebracht zur Erinnerung an den Maiausstand 1»t3� Die Polizei hatte Mühe, das ominöse Erinnerungszeichen zu entfernen.— Dieses Frühjahr zeigt Deutschland ein erfreuliches Bild von dem er- wachten Klassenbewußtsein der Arbeiter. Die Kämp'e um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen stehen in ganz Deutschland, insbeson- der« bei den Bauhandwerkern, auf der Tagesordnung. Es gibt fast keine Stadt, in welcher nichteine oder mehrere Arbeitergruppen mit ihren For- derungen an die Unternehmer herantreten, und in einer Reihe von Fällen die- selben schon ganz oder theilweise durchsetzten. Die Situation ist günstig. Die Bausaison, einmal durch d n langen Winter künstlich zurückgehalten, dann aber auch ungewöhnlich lebhaft geworden, steigert die Nachfrage nach Arbeitern und erleichtert letzteren den Kampf. Die Unternehmer in einer Anzahl sächsischer Städte suchen sich der Gewährung ihnen unbequemer Forderungen dadurch zu entziehen, daß sie ausländisch- Arbeiter, nament- lich Böhmen, massenweise einführen. Das geschieht von den Erbpächtern des Patriotismus, die sonst den Arbeitern ihre internationale Gesinnung als schwerstes Verbrechen anrechnen. Dem Geldsack ist alles erlaubt, er darf Moral, Ehe- und Familienglück, Religion und Patriotismus, alles Dinge, vor welchen der Musterbourgeois für gewöhnlich große Achtung heuchelt, mit Füßen treten, es wird ihm v-rziehen, sobald dieses zu Ehren des UnternehmergewinneS, in Anbetung des goldenen Kalbes geschieht. Der Kapitalismus ist der wahre und einzige Gott der bürgerlichen Ge- sell'chaft, der Baal des 19. Jahrhunderts, dem die Arbeiterklasse zum Heile und zum Wohle der Bourgeoisie freudig ihr Blut, ihr Fleisch, ihre Knochen opfern soll. Wann wird die Arbeiterklasse diesem modernen Baal- und Molochsdienst ein Ende machen, und ihn, wie es dem Baal- und Molochsdienst der Babylonier und Phönizier geschah, in die histo- rische Rumpelkammer werfen? 6. sozialpolitische Rundschau. Zürich, 16. Mai 1888. — Unsere vier ausgewiesenen Genossen haben letzten Sonn- tag, den 13. d.M. Zürich und die Schweiz verlassen. Bis Mitte Mai hatten sie zur Regelung ihrer Angelegenheiten Frist erhalten, das Verlangen Tauscher's, bis Ende Mai zur Ordnung der geschäftlichen Verhältnisse bleiben zu können, wurde abgeschlagen. Die zürcherische Arbeiterschaft ließ auch diesen letzten Anlaß nicht vorübergehen, ohne den ausgewiesenen Genossen nochmals ihre Sympathie und ihre Solidarität bekundet zu haben. Trotz der kurzen Vordereitungszeit— erst Freitags ward Tag und Stunde der Abreise bestimmt— und trotz der ungünstigen Tageszeit hatte sich Mittags gegen',,1 Uhr ein Zug von 700 Mmn am Tonhalleplatz geordnet, um unter Borantritt der großen rothen Fahne, der Grütlivereinssahne und der des deutschen Arbeitervereins unter Trommelwirbel zum Bahnhof zu ziehen, und dort den scheidenden Ge- nossen den letzten Gruß darzubringen. Am Bahnhof wuchs die Schaar wohl gegen 2000 Personen an. Genosse Merk, Präsident des Zentral- ausschusseS d-r zürcherischen Arbeiter- und Grütlivereine, sprach nochmals seine Entrüstung über die Ausweisungen aus, welche wohl einzelne Ge- nossen schädigen, die Arbeiter aber nur zu erneutem Kampf und tieferer und festerer Verbrüderung im sozialdemokratischen Gedanken aufrühren könne, und rief den Genossen im Namen der Gesammtarbeiterschaft ein „Lebewohl! Ans Wiedersehen!" zu. Ihm dankte in kurzen, feurigen Worten T a u s ch e r und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die freie, unabhängige Republik! Im überfüllten Wartesaal trugen die Sänger des deutschen Arbeitervereins noch ein herrliches Abschiedslied vor, und dann gaben zahlreiche Genossen den Scheidenden zu den nächsten Stationen das Geleite. Eines mag und darf die Ausgewiesenen in ihrem Exil, um der Sache willen, in deren Kimpf sie gefallen, mit freudigem Stolze erfüllen: ihr jahrelanges Wirken in Zürich und der Schweiz war von mächtigem Er- folg begleitet und der e-amen, den sie au-v streut, versprich: eine reiche Ernte. Smt der Stunde ihrer Ausweisung bi« heute, hat die Ver- brüderung der Arbeiter und die Verbreitung der sozialdemokratischen Prinzipien jeden Tag glänzende Beweise abgelegt, und die schweizerische klassenbewußte Arbeiterschaft rief ihnen allerorts ein hoffnungssreudiges: „Auf Wiedersehen" nach! — Ein charakteristisches Zusammentreffen ist-s, daß um die gleiche Zeit, da unsere Genossen zum Dank für die Spitzelenthüllungen die Schweiz verlass n mußten, der Lockspitzel Schröder nach fünf- monatlicher Untersuchungshaft aus dem Gesängniß entlassen— und die Untersuchung niedergeschlagen wurde. Gegen die Spionage ist kein schwei- zerisches Gesetz vorhanden, und direkte Aufforderung zu Verbrechen scheint die Untersuchunzsbehörde nicht gefunden zu haben. Wir kommen auf die interessante und in der Oeffentlichkeit noch lange nicht vollstäidtg bekannte Angelegenheit zurück, heute können wir nur konstatiren, daß die zürcherische Arbeiterschaft— denn auf ihr Ehren- konto darf man es wohl setzen— ihrer Verachtung gegen Schröder und sein elendes Treiben bereit« passenden Ausdruck verliehen hat. In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag waren allenthalben in der Nähe von Schröder'« Wohnung sowie an dessen Hause selbst rothe PI,- kate angeschlagen, die mit großer Hand hinwiesen:„UM" Dort wohnt Spitzel Schröder!" Die Plakate waren so gut angeklebt, daß noch am Mittag trotz aller Vernichtungsversuche eine ziemliche Anzahl die Wohnung des solchermaßen Geächteten anzeigten. Kann Schröder also auf gesetzlichem Wege nicht bestraft werden, da die Gesetzgeber an die Möglichkeit dieser modernen Polizeischurkereien nicht gedacht haben, so wird ihn doch wohl die allgemeine Verachtung und die unverholene und kräftig« Aeußerung d-rselben seitens der Ar- beiterschaft von seinem bisherigen Operationsfelde verdrängen. Es wäre auch in der That zu bunt, wenn ein Schröder oder Heinrich da ihr elendes Handwerk wieder aufnehmen könnten, von wo auf den bekannten Druck hin unsere Genossen vertrieben wurden, weil sie diesen sauberen„N-cht-GenUemen" die Spitzelmaske vom Gesicht rissen. Die Gentlemen werden ausgewiesen, die„Nicht Gentlemen" bleiben- schrieb treffend die„Zürcher Post". Woll:- man auf Kosten der Wahr- heit malitiös sein, min könnte in Bezug hierauf Pattka ner's Aeußerung über den„Kalturzustand" zitiren und ein treffliches Wort aus der jüng- fien Zeit anwenden: Die Propaganda der T h a t ist vorbei, es beginnt die Propaganda der M i s s e t h a t. — Unter der Rubrik: Die„unerschöpfliche Quelle unserer Vaterlandsliebe" richtet der«Schweizerische Sozialdemokrat" an die so zahlreichen und wohlfeilen Maulpatrioten folgende treffenden Worte: „Ein Herr F. S. verübte vor einiger Zeit im„Jntellizenzblatt der Stadt Bern" eine leider von Hunderttausenden gedankenlos hingenommene Phrase:....„die Tage der Gründung der alten Eidgenossenschaft, auf die wir immer und immer zurückkommen, als der unerschöpf- lichen Quelle der Vaterlandslieb«." „Diese Quelle ist zwar durch gewissenhafte Historiker, welch- Wahrheit von Dichtung geschieden haben, schon ziemlich getrübt worden; aber immerhin wollen wir zugeben, daß sie sich nicht ganz im Sande ver lausen hat. Allein sie ist denn doch für die I tztlebenden eine allzu billige Bezuz«q-elle der Vaterlandsliebe, als daß man ihrem Erzeugnisse großen Werth Leimeffen könnte. Wenn der Schweizer seinen Pitriotis- mus daher beziehen muß, dann steht es schlimm um unser Land. Aus der Gegenwart sollen wir unsere Vaterlandsliebe und Vaterlands- begeisterung schöpfen können und schöpfen, aus unserer gegenwärtigen Freiheit vor allen Völkern; sonst sind wir nur Chauvinisten, Patrioten guanä mömo, Patrioten um jeden Prei«, auch um den der Wahrhaftig- kett und unserer besten sittlichen Gefühle. Das wäre allerding« manchen Philistern, welche in der Polizeistaaterei ihre Sicherheit und ihre Rech- nung finden, ganz rech:. Wir aber sagen: Di« Schweiz soll ein freies Land sein, oder sie soll nicht sein; denn oh ie Freiheit wäre sie nicht mehr existenzberechtigt, ob sie auch eine noch so freiheitliche Ver- gangenheit hinter stch hätte. Und wenn der Tag kommt, wo die andern Völker ebenso frei sein werden wie wir: wer möchte dann noch engherzig an den trennenden nationalen Schranken stehen bleiben und nicht die Hand bieten zur Völkerverbrüderung!" — DaS internationale AuSbenterthum entwickelt gegenwärtig in Deutschland eine fieberhafte Thätigkeit— es gilt die wirth- schaftliche Unterjochung der Arbeiter. Nachdem die p o l i t i s ch- polizeiliche Knebelung mißlungen ist und auch da« Sozia« listengesetz mitsammt dem Puttkamer'schen Streik-Erlaß nicht vermocht hat, die Widerstandskraft der Arbeiter zu brechen, soll nun das Uebel bei der Wurzel angepack! und das Proletariat durch Hunger zur U-bergabe gezwungen werden.„Die Löhne sind in Deutschland zu hoch! Es geht den Arbeitern zu gut! Der Brotkorb muß ihnen höher gehängt werden!" Und das soll in der gründlichsten, umfassendsten Weise geschehen— durch Masseneinfuhr billiger Arbeit aus Polen, Böhmen und Italien. Auch früher wurde aus den genannten Ländern schon Arbeit importirt, aber das waren vereinzelte Spekulationen ohne System und Methode. Jetzt wird nach einem gemeinsamen Plane gehandelt— in Sachsen allein sind innerhalb de? Monats April über 2000 bömische, polnische und italienische Bauarbeiter„eingeführt" worden. Der Steinmetz- streik in Leipzig ist an dieser„Einfuhr" gescheitert, und der Druck auf die Löhne macht sich überall bemerklich. Und wie in Sachsen, so steht eS in andern Theilen Deutschlands. ES fällt uns natürlich nicht ein, gegen die ausländischen Arbeiter hetz-, zu wollen. Dieselben wissen nicht, daß die Versprechungen, ver- mittelst deren sie nach Deutschland gezogen werden, von B bis Z freche Lügen sind, und daß die Einwanderer nur zur Unterjochung ihrer deutschen Genossen dienen sollen. Unsere Genossen werden sie als Brüder betrachten und behandeln. Und auch für diese ausländischen Arbeiter wird, sobald sie die deutschen Arbeiter kennen gelernt, die Sonne des Sozialismus ausgehen. Die Thatsache, welche wir hier zur Sprache gebracht, beweist aber auf's Neue, daß der Emanzipations-Kampf deS Proletariats, um erfolgreich zu sein, international sein muß. Und serner zeigt sie die krasse Heuchelei des Ausbeuterthums, das stch seiner nationalen Gesinnung rühmt, und ausländische Arbeiter in's Land lockt, um die Arbeiter der eigenen Nation in Ketten zu legen oder auS dem Land zu treiben. — In Sachen der Angelegenheit Kafianz schreibt man uns: Die sächsische Regierung hal doch die Schmach nicht auf sich laden wollen, einen, selbst nach deutschen Polizeibezriffen ganz unschuldigen Renschen an die Handlanger des Zaren auszuliefern, die ihn entweder zu Tode geknutet oder nach Sibirien auf die trock ne Guillotine geschickt hätten. Daß eine deutsche Regierung einmal— ich will nicht sagen anständig, denn das wäre zu viel, wo das Gegentheil infam ist— also: einmal nicht dem Recht und der Humanität in'S Gesicht schlägt, ist ein so seltenes Ereigniß, daß es verzeichnet werden muß. Vor einigen Jahren lag bekanntlich in Deutschland ein ähnlicher Fall vor. Damals war, in Folge der schuftigen Denunziation eines Frei- burger Hotel-Kellners, der Russe Deutsch von den badischen Polt- zisten verhaftet und dem berüchtigten Staatsanwalt Berg überliefert worden, der natürlich nichts Eiligeres zu thun hatte, als die Photo- graphie des Gefangenen an die Berliner und Petersburger Polizei zu schicken. Dies hatte auch den gewünschten Erfolg: Die„dritte Ab- theilung" erkannte Deutsch und verlangte seine Auslieferung. Und, obgleich Baden durch keinen Auslieferungsvertrag ge- Kunden ist, so wurde auch— nachdem die vizepreußische Regierung von Baden in Berlin angefragt hatte— dem Verlangen der russischen Polizei Folge gegeben und D e u t s ch ist jetzt seit 5 Jahren in den Händen der russischen Henker und Folterknechte. In Deutschland wurden damal? verschiedene Versuch: gemacht, die Auslieferung zu verhindern. U.ter Anderem wollte Liebknecht die Sache im Reichstag zur Sprache bringen und stellte mit seinen Parteigenossen einen diesbezüglichen Antrag, für den jedoch die sozialdemokratische Fraktion nicht die genügende Anzahl von Unterschristen(15) aus sich heraus schassen konnte. Man mußte sich also an andere Fraktionen wenden. Allein allesammt verweigerten sie ihre Unterstützung, und namentlich Hr. Eugen Richter gerieth förmlich in Aufregung da« rüber, daß man ihm die Unvorsichtigkeit zutrauen tonnte, sich für einen russischen Staatsoerbrecher, der vermulhlich„Nihilist" war, zu ver- wenden und dadurch ein- gewisse Solidarität zu bekunden! Folgende Zusammenstellung über die Lauf- ' i s m a r ck' s macht jetzt die Runde durch die — Ein Genie. bahn Herbert S deutsche Presse: Bismarcks Aeltesier trat im Jahre 1874, 24 Jahre alt, in den Staatsdienst ein. Er hatte weder die Prüfung für den höheren BertvaltuugSdieust, noch die Prüfung für den Justizdienst gemacht, sondern nur das sogenannte diplomatische Examen abgelegt. DaS genügt, und so ward Herbertchen: 1874: Gesandtschaftsattache in München, 1881: Legationsrath im Auswärtigen Amt in Berlin, 1883: Erster Botschaftssekretär in London, 1884: Gesandter im Haag, 1885: Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, 1836. Staatssekretär des Auswärtigen, 1888: Mitglied des preußischen Staiitsministeriums. Eine Laufbahn, die an Fixigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Jüngere Minister als Herbertchen hat es in Preußen etliche Male schon gegeben, aber daß Vater und Sohn Ein Ministerium zieren, da« war weder in Preußen noch sonst irgendwo da. Fügt man hinzu, daß auch noch„Vetter" Putty in diesem Ministerium sitzt, so erhält man ein idyllisches Familienbild, wie eS— ergreifender nicht gedacht werden kann, Aber bleiben wir bei Herbert. Etliche Opposiiionsblätter scheinen sich über die schnelle Carriere und die nicht abgelegten Examen aufhalten zu wollen. Lächerlich. Als ob es bei einem Genie Examen brauchte. Und hat nicht Herbert mehr alS ausreichend bewiesen, daß er ein Genie ist? Wir erinnern blos an den großartigen Erfolg seiner Mission in— S ü d i t a l i e n. Und wenn es wahr ist, was verschiedentlich über die„geniale" Art und Weise erzählt wird, mit der er jüngst die Reklamation des schweizerischen Gesandten über daS Treiben der deutschen Lockspitzel„beantwortete",— wer wollte sich dann noch an der werth- losen Lappelei aushalten, daß der geniale Junge des alten GenieS mit Umgehung des Examens in die höchsten und bestdotirten StaatSstellen sich eingeschwungen hat? Nebenbei: Ist daS Königthum von GotteL Gnaden erblich, ohne Rück- ficht auf Ehre und Verstand des Erben— warum denn nicht auch da« „HruSmeierthum"! Wer die Monarchie will, muß auch in der Be- amtenhierarchie die Günstlingswirthschaft woll n. Und wo daS Gottes- gnaden-Syüem auf die Spitz? gelrieben wird, ist auch das Nepoten- thum in vollster Blüthe. Bayern mit seinem verrückten Ludwig II. lieferte seinerzeit einen klassischen Bewei« dafür,—(und heute wird dort sogar jene Zeit dadurch überboten, daß der Prinzregent seinen Sohn zum KciegSminister macht!)— und Preußen soll Hinte rm Bayern- land zurückstehen! Nein, Herbertchm wird weiter avanciren, und das deutsche Bürgerthum wird vor dem Jungen bauchrutschen wie vor dem Alten — ihm ist der Servilismus und die Urtheilslosigkeit Bedürsniß. - Wenn der Spießbürger wild wird. Wir finden im „Philad. Tageblatt" folgende Notiz: „Sollte dieser Vorschlag zum Gesetz gemacht werden, dann rathen wir den Händlern mit Revolvern und R e p e t ir g e w e h r e n. sich einen guten Vorrath einzulegen, sowie ebenfalls P u l v er und B l e i. Es wird nach Annahme eines so verrückten Gesetzes, wie das vorgeschlagene, nach solchen Waarm große Nachfrage sein, weil jeder Familienvater sich mit dem Röthigen versehen wird, um die Seinen gegen die Rohheit von Schergen, Henkersknechten und Gurgelabschneidern zu schützen." Diese Wuthschnaub.rei steht in der Most'schen„Freiheit"— so mochte man sich vielleicht einbilden. Aber weit gefehlt: die Notiz ist einem toll gewordenen deutschen Spießbürger-Blatt, der„I-wa T'.ibüne", ent- nommen, welche in Burlington erscheint. Und wie man sich denken kann, war es eine Prohibitionisten-Maßregel, welche den Verüber jenes Blattes zur Raserei brachte. Im Uebrigen wird flott auf die Anarchisten weiter geschimpft." Es ist die alte Geschichte, wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht da?» selbe. Wenn der Spießbürger wüthend wird, so schlägt er am Liebste« mit Bomben und Kraraten drein, und im he dem, der daS nicht in der „Ordnung" findet oder gar für den Arbelter das„gleiche Recht" bean« spruchen wellte. — Maßlos soll die Sprache des„Sozialdemokrat" gegenüber den deutschen Behörden, namentlich gegenüber deutschen Richtern und Staats- anwälten sein— das wird unS auch in der Schweiz mitunter von„ord- nungSliebenden" Leuten vorgeworfen. Nun— der„Sozialdemokrat" hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit zu sagen, das Recht zu vertheidigen, und die Uebelttäter jeglichen Stands und Rangs, nament- lich die Äussauger und Untcrdiücker des BolkS zu züchtigen. Wenn un- sere Geißel besonders häufig und kräftig auf den Rücken deutscher Richter und Staatsanwälte niedergesaust ist und auch sürderhin noch niedersausen wird, so ist das nicht unsere Schuld, sondern die der deutschen Richter und Staatsanwälte. Und kein Mensch, der Rechtsgesühl hat und die politischen Prozesse kennt, welche dem Sumpfboden des jetzt herrschenden Systems als widerliche Giftpflanzen entsproffen sind, wird es bestreiten, daß unser Zorn ein wohlbegründeter ist und daß für solchen Frevel und solche Frevler keine Züchtigung zu scharf sein kann. Wir wollen nur auf die schmachvollen Rechtsbeugungen der Chemnitz- FreibergerProzesse und der Diäten-Prozesse hinweisen, und auf die ehrlose Praxis deS R e i ch s g e r i ch t S, in Hochverraths- Prozessen den Angeklagten die bürgerliche Ehre abzuerkennen und Zuchthausstrafe zu verhängen. Die lange Reihe der typischen Sozialistenprozesse mit ihren typischen Verurtheilungen nach Willkür und Parteisucht wollen wir hier gar nicht vorführen— der Leser hat die meisten sicherlich im GedSchtnih— bloß einen neuen Fall, der eine gewisse Originalität besitzt, wollen wir den zahllosen frühern Fällen beifügen. Der Schauplatz ist Leipzig, und der Urheber natürlich Herr H ä n tz s ch e l, den die Lorbeeren Tessendorf'S nicht ruhen lassen, und der gleich seinem Musterbild Reichsanwalt werden will. Denn die Ober- staatsanwaltswürde, die sein streberhafter Eifer ihm vor Kurzem einge- bracht hat, genügt nicht dem krankhaften Ehrgeiz dieses Herrn. Denn Herrn Häntzschel ist es glücklich gelungen— wie wir bereits meldeten— aus der Verbreitung deS— wiederholt erwähnten— Flugblatts zum Andenken an den l 8. März einen großen politischen Prozeß, und zwar, der Abwechslung halber, keinen GeheimbundSprozeß, sondern einen Prozeß auf Grund deS tz 131 anzufertigen. Paragraph 1 31 ist der berüchtigte Aufretzungs Paragraph, welcher für olle möglichen und unmöglichen Dinge, die ihm unterstellt w.rdcn können— und was könnte ein findiger, orden- und ordnungs- liebender Staatsanwalt ihm nicht unterstellen?— GesängnißbiS zu zwei Jahren ausspricht. Die„Aufreizung" soll darin liegen, daß im fraglichen Flugblatt neue Märztage gefordert werden.„Urd da die Märztage Tage der Revolu- tion, der gew altthätigen Revolution, und des Umsturzes, des blutigen Umsturzes waren," so kann— argumentirt der staats- anwaltliche Scharfsinn— unter der Forderung„neuer Märztage" nur die Anreizung zu gewaltsamer Revolution und blu- tigem Umsturz oerstanden sein. Daß die Märzrevolution nichts weniger als revolutionär war und daß sie sogar von den meisten deutschen Fürsten anerkannt worden ist, das ist ein Hinderniß, über welches ein großer staatsanwaltlicher Geist, wie unser Häntzschel es ist, mit der Behendigkeit eines stockspringenden PudelS oder Nationalliberalen hinwegturnt. Es fällt unS nicht ein, mit dem Herrn Häntzschel langen Prozeß zu machen— der Herr Häntzschel sitzt nicht zum erstenmal auf unsrer Arme- sünderbank, und wird ste auch noch öfters zieren— er ist an den Pranger gestellt und hat seine Züchtigung ab. Um ihm die Strafe etwas zu ver- schärsen und dem unparteiischen Publikum an einem schlagenden Beispiel zu zeigen, wie schamlos die Justiz in Teutschland mit zweierlei Maß mißt, wollen wir nur noch auf das letzte Berliner Flugblatt des Stöcker hinweisen, in dem die Arbeiter mit dürren Worten zu Gewalt th ät i g- leiten gegen die Juden und jüdischen Ausbeuter(nicht- stöckersschen Glaubensbekenntnisses) ausgefordert werden, und das mit den Worten schließt: Arbeiter, brecht Eure Ketten! Dieses Flugblatt, das tausendmal aufreizender ist als das Leipziger, ist mit polizeilicher Genehmigung verbreitet worden, und keine Staatsanwaltschaft hat Anstoß daran genommen. Da» nennt man in Deuischland: Gleichheit vor dem Gesetz. — Eine alte Klage unserer Gegner über„Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit" u. dgl. ertönt bei jedem Streik wieder, wenn die Arbeiter versuchen, Zugereiste oder Weiterarbeitende durch Zureden und Darlegung des Sachverhaltes zur Abreise, bez. Niederlegung der Arbeit zu bewegen. In der Schweiz, wo gegenwärtig seitens der Bundes- regierung eine„politische Polizei" geschaffen wird, die selbstversändlich mit der Zeit naturnothwendig Spitzel und Lockspitzel züchten wird, ent- gegnet man auf den Widerstand der demokratischen und Arbeiter-Ele- mente gegen politische Spionage und die Anwendung von brutaler Polizeigewalt im Kampfe der Meinungen mit ähnlichen blöden Argu- mer ten. Genosse Steck fertigt im„Schw. S.-D." einen dieser naiven Sophisten folgendermaßen ab: „Uu heilige Einfalt. Das„Jntelligenzblatt" meint, weil im Schreiner- streik seitens dir Streikenden durch die Maßregeln, behufs Auffangen des Zuzug« und durch die Abschiebung Zugereister auch Polizei geübt und Wegweisungen vorgenommen worden seien, hätten wir nun nicht das Recht, uns so sehr über die politische Polizei und die Sozialisten- ausweisungen zu beklagen. Wir sollen vielmehr zuerst vor unserer Thüre wischen! Wir geben aber dem verehrten Kollegen daS volle Recht, die Sozial- demokraten aufzusuchen, abzufassen, mit ihnen zu reden und ste, wenn möglich zum Abfall zu bringen, nur das verbitten wir uns, daß hiesür die Staatsgewalt sich von ihm gebrauchen lasse, mit den ihr vom Volke anverlrautin Macht- und Zwangsmitteln. Also, Herr Kollege, nur fröhlich drauf los polizeiert und„ausge- wiesen"!" Leider wird sich das Bürgerthum zu solchem Kampfe nicht ver- stehen wollen. Em Puttkamer'scher Streikerlaß und ein tüchtiger Polizei- knüppel ist dieser Sorte von Republikanern ein Jdealmittcl bei allen Streik? und daS beweiskräftigste Argument. England, lieber eine sehr bemerkenswerthe Par- l a m e n t S w a h l, die vor Kurzem in Glamorganshire(Wales) stattgefunden, und die scheinbar mit einem moralischen Sieg der Reaktion, thatsächlich aber mit einem Sieg der Arb eitersache endete, wird der Wiener„Gleichheil" von ihrem englischen Korrespondenten geschrieben: „Der Wahlbezirk(Govcr) ist ein voi wiegend industrieller: die Mehr- zahl der Wähl.r besteht aus Arbeitern. Bisher halten diese den Schwanz der liberalen Partei gebildet und deren gehorsames Stimmvieh abgegeben. AI« Ieo") starb, sandten die liberalen Drathzieher in London, ohne die Arbeiter des Bezirk« weiter zu fragen, einfach einen Streber aus ihrer Mitte, Sir Horace Davey, als Kandidaten der liberalen Partei nach Eower. Aber sie hatten diesmal die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Sie hatten übersehen, daß die englische Arbeiterklasse zu erwachen be- ginnt, daß sie zum Bewußtsein ihrer Kroft kommt und die Nothwendig- keit einer selbstär digen Politik immer klarer einsieht. Die Arbeiter von Gower wiesen Sir Horace zurück und stellten einen eigenen Kandidaten aus. Die liberale Parteileitung in London stand vor der Wahl, ent- weder nachzugeben und den Arbeiterkandidaten zu akzeptiren, oder den Kampf gegen die Arteiter aufzunehmen, was ihre eigene Schwäche im Wahlkreis an den Tag bringen, die Arbeiter erbittern und ihre Lok- lösung von der liberalen Partei beschleunigen mußte. Sir Horace Davey spielte daher den Großmüthigen und zog seine Kandidatur zurück. Ran- dall wurde der Kandidat der liberalen Partei. „Aber wenn auch die Londcner Parteileitung nachgab, so nicht die Bourgeoiiliberalen an Ort und Stell«. In der That, dieser Randoll war nicht nur Kandidat der Arbeiter— obwohl selbst kein Arbeiter, sondern ein Advokat—; er hat sich nicht nur als Organisator und An- walt um die Arbeitersache verdient gemacht, er trat auch offen mit ewem Programm auf, daS wir ein sozialdemokratisches nennen kön- nen, da es die Nationalistrung nicht blas deS Grund und BodenS, son- dern sämmtlicher Produktionsmittel verlangt. „Der Kloflenhaß überwog die Parteidisziplin. Obwohl die Bourgeois- Liberalen überall, wo die Arbeiter selbständige Kandidaten aufzustellen *) Der bisherig« Vertreter de« Bezirk«. oersuchen, über Verrath schreien, da den Tories gegenüber alle Dif« ferenzen schwinden müßten, haben sie doch in Gower am 27. März gegen den von ihrer Partei akzeptirten Kandidaten und für den Tory gestimmt. Es ist ihnen dadurch gelungen, die Majorität de» „Liberalen" von 3400 auf 600 herabzubringen, die Wahl hat aber auch gezeigt, daß in einem industriellen Bezirk die Arbeiter bei energischem Vorgehen den Tories sammt den Bourgeoisliberalen gewachsen sind. „... Ich habe oben das Wort Sozialdemokrat gebraucht. Damit meine ich nur, daß der Mann ein Programm vertritt, das dem sozialdemo- kratischen entspricht, nicht etwa, daß er einer bestimmten sozialdemokra- tischen Partei in dem Sinne, wie man in Deutschland das Wort ge- braucht, angehört. Man muß sich überhaupt hüten, aus ausländische Verhältnisse deutsche Vorstellungen zu übertragen und zu glauben, daß überall die Entwicklung auf dieselbe Weise vor sich gehen müsse, wie in Deutschland. Es ist dies in England ebensowenig der Fall, als in Frankreich oder Amerika. „Bemerkenswerth ist es, daß die ersten sozialistischen Parlament Smit- glieder Englands nicht von London entsandt wurden. Es sind die In- dustrie- und Minenbezirke im Norden Englands, in Schottland und Wales, wo die Empörung der Arbeiterklasse gegen den bürgerlichen Li- beralismus die raschesten Fortschritte macht." — Aus London wird uns unterm 10. Mai geschrieben: Letzten Samstag wurde in Trafalgar Square eine neue Art Bersamm- lung abgehalten. Einige radikale Parlamentsmitglieder, darunter Cun« ningham-Graham und Conybeare, trafen sich dort, um zu sehen, ob eS noch möglich sei, daß sich Leute auf diesem Platz begegnen und mit ein- ander sprechen können, nachdem bekanntlich von der Toryregierung und dem Londoner Poliziichef Warren die Abhaltung öffentlicher Versamm- lung seit den letzten„Unruhen" dort verboten worden. Die Anzeige, daß die Abgeordneten sich dort treffen wollten, bezweckte natürlich, daß da» Volk erscheinen und sich die Begegnung ansehen solle. Der ganze Vorgang war einigermaßen drollig, aber Jedermann wußte, daß etwas Ernstliches nicht geplant war, da eine bloße Begegnung und Besprechung auf dem Platze— welcher ein öffentlicher Verkehrsweg ist— das Recht der öffentlichen Versammlung nicht im Mindesten berührt. Gegen 4 Uhr befanden sich etwa 2000 Personen auf und um den Square herum, während die Abgeordneten und einige bekannte Radikale, gefolgt von kleinen Trupps Zuhörern, durch die Polizei langsam in Bewegung gehalten wurden. Dies dauert« zirka anderthalb Stunden, während dessen ewer unserer Genossen. T. M a l k e r, den Versuch machte, die Menge anzureden. Ein Polizist ging sofort auf ihn zu, konnte ihn aber nicht verhaften, da einige Freunde ihn umringten und rasch fortzogen. Nach- dem die Abgeordneten weg waren, begann die Polizei den Platz zu säu- bern, was ohne große Mühe geschehen konnte, da die Leute, müde dieser Farce, bald verschwanden. Doch wurden unter dem Vorwande„unordent- lichen Benehmens" vier Verhaftungen vorgenommen, darunter die un- seres Genossen Power, welcher am Nachmittag fleißig unser Organ „Justice" verkauft hatte, und eben, nachdem er ausverkauft hatte, den Plctz verlassen wollte. Am letzten Montag wurde er jedoch wieder ent- laffen,«eil kein Zeuge gegen ihn vorgeführt werden konnte. Am vergangenen Sonntag hatten wir einen prächtigen Erfolg. Kolonel Charles Warren, der Chef der Londoner Polizei, der sich durch die bru- tale Art, mit welcher er sein« Mannschaft friedliche Versammlungen aus- einander sprengen ließ,„einen Namen gemacht," wollte in der Oxford Mustc Hall eine Vorlesung über Palästina halten. Die Versammlung war gleichfalls öffentlich— etwas Neues bei Warren, da zu seinen bisherigen Vorlesungen nur mittelst Karten Zutritt zu erlangen war. Die Music Hall war überfüllt und kaum begann der Polizeichef zu sprechen, als er von einem wahren Sturm von Heulen, Pfeifen und Zischen überschüttet wurde. Vergebens versuchte er sich Gehör zu verschaffen, das Publikum war entschlossen, ihn nicht sprechen zu lassen. Der Vor sitzende erhob sich und bat um Ruhe, die auch für einige Zeit eintrat; aber im Augenblick, wo Sir Charles Warren seine Anrede wieder beginnen wollte, ging der Tanz von Neuem los. Die herbeigeholte Polizei versuchte Diejenigen hinauSzubringen, welche man sür die Anführer hielt, aber die Sozialisten waren in einer solchen Anzahl anwesend, daß man davon abstehen und die Polizei selbst das Lokal verlassen mußte. Warren machte«inen neuen Versuch, stellte ihn jedoch bald ein und verließ die Halle unter höhnischem Applaus der Sozialdemokraten. ErwShnenswerth sür Ihre Leser ist auch die glänzende Demonstration, welche am Sonntag von unfern Lancashirer Genossen in Blackstone Edge, dem Grenzpunkt der beiden großen Nordgrafschaflen Lar cashire und York- shire, veranstaltet wurde. Blcckstone Edge ist ein historischer Ort. Die letzte große Versammlung der revolutionären Periode von 1848 fand dort statt und der bekannte Chartistenführer Ernest Jones war der Hauptredner. Seit der Zeit wurde dort keine Versammlung mehr abge- halten. Unser Meeting am Sonntag, welches von 20,000 begeisterten Menschen besucht war, wird nicht verfehlen, die Erinrnrung an jene bewegte Zeit zurückzurufen und den alten revolutionären Geist von 1848 wieder zu beleben. M. Lee, Sekretär der Sozialdemokr. Federation. Korrespondenzen. München.(Nachruf). Am 11- April haben wir einen unserer ältesten und b>sten Genossen begraben, den Schuhmacher Sanftl«, der im Alter von 34 Jahren nach langem und schweren Leiden der Proletarierkrankheit erlegen ist. 11-1200 Genossen gaben ihm das I.tzte Geleite. Selbst der amtirend« Geistliche(der wahrscheinlich von der Schwester des Verstorbenen herbeigerufen war) mußte mit den wenigen Worten, die er zu sagen wußte, selbst zugestehen, daß„da» Leben des Tobten ein Leben voller Leiden" war, verursacht von stetem Hungerleiden. ES ist ja überhaupt ein Wunder, wenn die hiefigen Schuhmacher bei einem wöchentlichen Verdienst von 12-15 Mark und 14—16 stündig-r Arbeitszeit noch 34 Jahr« alt werden!„Der Herr möge ihm gnädig sein", meinte der Pfaffe weiter; wir konnten aber Nicht begreifen für waS! Der heutigen GesellschaftS-Ordnung möge der „Herr" gnädig fein, die es mit sich bringt, daß Tausende und Aber- tausende gesund und normal angelegter Menschen de« langsamen Hunger. tobe» sterben müssen. Halte der Pfaffe nicht schon durch das ganz« Auftreten der anwesenden Genoffen gemerkt, mit wem er es bei seinen Zuhörern zu thun hatte, so wurde ihm dieses bei dem„üblichen Gebete" klar. Außer 3—4 alten Weibern und den„Gesellen" deS„geistlichen Herrn" fikundirte ihm kein einziger Mensch, selbst die massenhaft an- wesenden Polizisten beteten nicht mit. Von dieser Sorte Menschen war natürlich der Friedhof geradezu belagert; nicht weniger al« 3 Kommissäre standen am Grabe. Gin Genosse legte„im Namen der Sozialdemokrati- sch-n Partei in München"-inen prachtvollen Kran, auf daS Grab nieder, und gleichfalls von den hiesigen Genossen wurde auch eine mächtige rothe Schleife in'« Grab gelegt,„zum Danke für sein brave« Aushalten im Kampfe für die Befreiung des Proletariat»". Sanftle war, zunächst den hiesigen Schuhmachern, ein wackeres Vor- bild. Mögen All-, Alle seinem Beispiele folgen und sich betheiligen am Kampfe für die Befreiung der arbeilenden Klaffe. Ein andere« Mittel zur Besserung ihrer sozialen Lage gibt es sür die Arbeiter aller Beruf« nicht. dl-lc-g. Aus Norwegen. Bergen, 4. Mai. Auch die norwegisch« Arbeiter« bewegung hat einen ihrer tüchtigsten Männer durch den Tod verloren. Genosse Sophu» Pihl starb, erst 48 Jahre alt, an der Hunger- krankheit. Denn da« war der Hauptgr und, Lungenentzündung war Neben- fache. Als der wockre Genosse 10 Tage auf dem Krankenlager lag, kon- statirt« der Arzt eine Wendung zum Bessern; da dem Kranken aber die Kräfte fehlten, d. h. da er schon vor der Krankheit ungenügend ernährt war, so mußte er ein Opfer unserer verrückten Gesellschafts- „Ordnung werden." Pihl war ein Kopenhagener, kam viel in der Welt herum und hört« 1863 Lassall« in Frankfurt a/M. Aus dem internationalen Kongreß zu Haag, 1872, vertrat er die dänischen Genossen und hatte Gelegenheil, Marx, Longue, Dombrowi'y und Andere kennen zu lernen und von ihnen zu lernen. Al» er 1872 in Kopenhagen vor 50,000 Arbeitern sprach, und das nicht„zahm", wurde er in einen Prozeß verwickelt und zu 11 Monaten Gesängniß verurlheilt. Die dänische Regierung maß- regelte ihn; er wanderte nach Südafrika aus. Dort war er 7 Jahre, ka« dann nach Bergen, wo er den„Arveiterfreund" redigirte und herausgab, bis er all sein Geld dafür verausgabt hatte. Er stiftete den hiesigen „demokratischen Arbeiterverein", der seinen Lehrer, da dieser völlig um bemittelt starb, beerdigen ließ. Ein großer einfacher Kranz mit mächtiger rother Schleife und der Inschrift: „Dem hehren und allzeit unerschrockenen Vorkämpfer für Freiheit und Recht, seinem Stifter, Lehrer und Leiter Der demokratische Arbeiterverein." war der letzte Gruß, den die Bergen'schen Arbeiter ihm sandten. Pihl war«in mächtiger Redner, den Feinden furchtbar, den Freunden lieb. Wir wollen rhn nimmer vergessen! A. Rüben. Zur allgemeinen Beachtung. Wir machen unsere Genossen allerorts darauf aufmerksam, daß eine bloße Mitgliedskarte der vrgauisatio« der deutsche« Tozialiste« in der Schweiz» sei sie in Zürich oder anderswo ausgestellt, keinerlei Empfehlung für den Inhaber bei den Parteigenossen in fich schließt. Unsere Organisation ist eine öffentliche, der Zutritt steht Jeder- mann frei, der unser Programm anzuerkennen erklärt, und gegen de» keine Gründe für Nichtaufnahme vorliegen. Die Vertrauensleute in Zürich. Briefkasten Für die Denkschrift erhalten: Einsendungen aus Limbach. der Expedition: Philo: Fr. 4— ä Cto Ab. 2. Qu. u. Schfi erh. Bstllg. folgt. Beil. besorgt.— E. G. Aarau: Fr. g— Ab. 2. Qu. erh. Bstllg. besorgt.— Verein Vorwärts Melbourne: Fr. 50— für Schft. erh. Adr. geordn. Sdg. folgt.— Oncel: Mk. 1 2 40 ä Ct» Ab. 2. Qu. erh. Adr. vorgem. Bfl. mehr.— Mitgldfchft. Basel: 50 Fr. f. Schft. erh.—„Karl Schwarz": Mk. 65 61 Ab. I. Qu. ,c. erh. Mk. 13 65 pr. Ggr. gutgebr. Bstllg. folgt.— X 3: Mk. 30— u Cto Ab. rc. erh. Bstllg. notirt. Reklamirtes vergriffen.— Rother Zaun: Ml 6.— Ab.» Rest 1. Qu. u. a Cto 2. Qu. erh. Adr. geordn. Bfl. Weiteres — Rother Lulu: Quttg. in Nr. 16 ändert sich auf Mk. 24 80, d« Weiterr s für M. war.— Carbonaro: Mk. 40— a Cto Ab. rc. erh. am 4/4. Bfl. Weiteres.— G. L. Trogen: Fr. 2 10 Ab. 2. Qu. pr. N. N. v. 10. 5. erh.- R. Vß. Zch.: Fr. 2 10 Ab. 2. Qu. pr. N. N. v. 7. S. erh.— E. I. Unterseen: Fr. 2 10 Ab. 2. Qu. pr. N. N. v. 5. 5. erh- — C. D lf. Basel: Fr. 3 10 Ab. pr. 83 N. N. v. 5. 5. erh.— RthP Hlldr.: Mk. 3— Ab. 2. Q». erh. Weiteres beachtet. Seien Sie unb» sorgt und bestens gegrüßt.— Rother Geldsack: Mk. 801 10 ä Cto rc. u. Mk. 33— pr. Ggrch. gutgebr. Bfl. mehr.— Barba: Fr. 2 40 Ab. Mai u. Juni erh.— Schippe: Mk. 100— a Cto. Ab. ,c. erh Adr. geordn. Beigabe besorgt u. Weiteres vorgemerkt.— Der Altt Lgz.: Adr. erh. Bstllg. nach Wunsch geordn.— B. u. M. Luzern: Fr 2— pr. Ufd. dkd. erh. Adr. geordn.— Rother Blutfink a. V.R.: Ml. 12 64& Cto Ab. rc. erh.— C. Hbst. Htg.: Mk. 3 20 a Cto Hg. erh.- Rother Exekutor: Mk. 80— 4 Cto Ab rc. u. P. K. erh. Bfl.'Näheres� k j,"c --------—- c_ r. i'a) I vnd- «»stb errtge, vi »r. 2, «l. 3 «. 1/ §*•2, Oi Po blik Mit ker s °ug, syster mach und von ihnen dieser ruft: Mein noch ansss erbli Einfi JJM1 Muss Bäte! es vi daß Et — L. W. D. V. Z.: Fr. 30- Ab. I. Qu. erh.— H. P. Stg.: Mk., 50— a Cto Ab. rc. erh. Adr. geordn. Bstllg. folgt. Bfl. Weiteres.—"Uder Rother Hahn: Mk. 43 10 Ab. 1. Qu. u. Schft. erh. Bf. unterwegs."aufs Bierbauch; Bf. v. 10. 5. hier. Mk. 7 30 Portoverlg. gutgebr. Lptm Ui scheint ein sauler Zauberer zu sein.— 7/9—27 Dblng.: öwfl. 10---Uivfr (Fr. 19 94) erh. Fr. 13— pr. Porto 88 gutgebr. u. Fr. 6 34 d. Ufd. dkd- ir1'1 »ugew. Verzögerung durch Zwischenhand, sonst wird gehalten wie bis-°une her.— Jütländer: Bf. v. 12. 5. hier, r äher« Aufschlüsse unterwegsi ßerad Adr. u. Bstllg. notirt.— Rothe Fahne: Bf. v. 10. 5. hier. Gewünscht notirt.— Der alte Rothe: P.-K. v. 10. 5. notirt. Mihsn. besorgt. Rufus: Bf. v. 12.5. erh. Es ist vollbracht. Besten Dank für Jh Wünsche, Sie weiden schon wieder von denselben hören. Nun aber am mal wieder los u. gezeigt, daß Sie noch leben.— Lionel: Bf. v. 10.3 erh. Adr. notirt.«v>sirtes erw.— W. A. Meiringen: Fr. 17— a EU Schft. u. Fr. 3- pr. llsd. dkd. erh. Bstllg. folgt.- U. F. G. Fst.i Bs. v. 13. 5. hier. Reklamirte» in Zwischenhand verzögert, haben monirt Mk. 400— ä Cto Ab. ic. erh. Weiteres bfl.— Hemelingen: Mk. 49 3> 4 Cto Schft. u. Ab. erh.— Klemm: Bf. v. 13. 5. erh. Bstllg notirt.— Gracchus: Bf. v. II. 6. u. Mk. 50— a Cto erh. Amsir!« von Ap. erw. Fehlendes v. Okt. werden ersetzen. Bfl. Weiteres. Linz a/D.:(öwfl. 2—) Fr. 3 95 Ab. per Mai, Juni und Juli erh Bestelltes folgt.— E. F. Wlznhsn: N. N. war leider schon abgeg. 2. Fr nach Vorschrift verwendet.— Württemberg: Mk. 16 60(Fr. 26 49) Ab 2. Ou. u. 4 Cto erh. Bestelltes folgt, Nr. 13 in Zwischenhand vev hauen, Ersatz folgt.— Feldhauptm.: Mk. 4 40 Ab. 2. Qu. erh. Adr vorlfg. noch intakt.— Prß. Rcklghn: Brief v. 15/5. u. 20 Pss Porto erh. Adr. folgt.— Wuth u. Kraft: Mk. 32 90(Fr. 114 68j 4 Cto Ab. u. Schr'ln. erh. Brf. folgt.— Hexenthurm: Mk. 18 öl (Fr. 23) per 2. Qu. u. 4 Cto erh. Ersatz 13 folgt. Weiteres notiri Rother Vogtldr.: Bf. v. 14/5. u. Mk. 61— 4 Cto Ab. rc. eri Mk. 17 89 Portoverlg. gu'gebr. Bstlg. notirt. Weiteres bfl. dem Mitt W Mem keit> Mir Uatür wird nomi T. von Mach Morfi eine der j � urbei Anzeigen. Zürich «amstag, den 19. Mai, Abend« 8'/, Uhr, im große« Saale(3 Treppen hoch) des Schwanen(Stadt): Heschtosseue Aersammkung der deutsche« Aoziattste». Tagesordnung: Wichtige Parteiangelegenheiten. Zu zahlreichem Erscheinen ladet freundlichst ein Ause sonst jkaria vhr. Mahr Mall Anscl dieser Arbe seiner That ßeisti I Der Lokalauischuß. Nur StellttNgs-Gesuch. 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