Kösnttements MKk ia rt« ttwtiMcha» Pißbureauz, sowie beim Verlaz und dessen besannien Agenien «MSikingend«Mln> und i«ar zum vvsauS zahldadt« SieeieijohrZpreiS ddN! Jsft Jfit dieSchweiz(fttnizlohd) ÜU, S.- fHt DeuMand(Coudni) H. l.?d s«r vesteneich(Coudety Ikr. L.Sv siir»lle übrigen Lände» de» Welipof, Vereins z«ser«tt Ue dteigespaltene Peliizeitt W»». > so Pfg. Der ZoMeiiuiKrat Argan der Sozialdemokratie deutscher Zunge. KksDiM «sch»«tlr»(ftrmh >« Altich(SchWeY, M-rksA »er Dalttbuchha«,»ler«� H-eewgett-Zürlch. jl-stseudmieil sranko gegen fruntifc Gewöhnliche Briefe «ach»er Schwei, ttßW Doppelport». ........i— iwi 2. Juni 1888. 4¥23» Briefe«n die Kedoltion und Tipedition de» in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sozialdemokrat'«olle man unier Beobachwng äußerster Borsicht abgehen lassen. In der iftegel schicke man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadresten. In zweifelhäften Fällen elngischrieben. tw- Pärteigenossen! Vergeßt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht"! Die bürgerliche Gesellschaft und die Prostitution. i- Die Pariser Akadmie der Medizin hat sich vor einiger Zeit im Anschluß an die Debatten über die Ursachen der BevöUerungs- abnähme in Frankreich auch mit der Frage beschäftigt, welche weiteren vorbeugenden Maßregeln gegen die Verbreitung der Syphilis ergriffen werden könnten, deren verheerender Ein- st&ß auf die Sterblichkeit der Kinder und damit die Bevölker« migöbewegung allgemein bekannt ist. Die Frage der Typhi- litz aber ist untrennbar von der Frage der Prostitution, und so erstreckte sich die Untersuchung naturgemäß auch auf dieses Thema. Selbstverständlich lag den gelehrten Herren nichts ferner als der Gedanke, sich ernsthaft auf die Frage der Beseiti- Mn g der Prostitution einzulassen. Aus der bürgerlichen Klckffe hervorgegangen, durch ihre gesellschaftliche Stellung an der Erhaltung der bürgerlichen Institutionen interessirt und infolge dessen mit allen bürgerlichen Vorurtheilen behaftet, Wien sie im Gegentheil ihre Aufgabe lediglich dahin auf, zu »Mersuchen, wie kann man die Prostitution erhalten ohne ihre nachtheiligen Folgen, und wie kann dieses Resultat am besten erreicht werden ohne Unbeqemlichkeiten für die Herren Bourgeois? DaS ist bekanntlich allerorts der leitende Gesichtspunkt bei der sogenannten Bekämpfung der Prostitution. Die bürger- loche Gesellschaft kann auf die Prostitution nicht verzichten, dieselbe ist die nothwendige Ergänzung der bürgerlichen Ehe. Die bürgerliche Ehe ist ein Vertrags bei. dem neben vkonomi- schen und sozialen Interessen meist— nickst immer— auch das geschlechtliche Moment eine Rolle, aber nur in sehr seltenen Fällen die ausschlaggebende Rolle spielt. In der bürgerlichen Gesellschaft schließt man die Ehe nicht, wenn die geschlecht- bichen Voraussetzungen einer solchen gegeben, sondern wenn ihre ökonomischen»c. Bedingungen erfüllt sind. Eine Ehe, bei der das Elftere, aber nicht das Zweite der Fall, gilt als unstatthaft, stößt auf allgemeine Verurtheilung; umgekehrt M kein Mensch nach den geschlechtlichen Voraussetzungen, die ökonomischen und sozialen in bester Ordnung sind. macht sich aber beim Menschen der Geschlechtstrieb in >Lel früherem Alter geltend, als der Angehörige der honetten Gesellschaft hcirathsfähig ist, d. h. eine„Position" hat. Er rtknmt also seine Zuflucht zur Prostitution. Und heirathet er später, so heißt eS gar bald:„Und was ich als Ritter tz>. h. Junggeselle) gepflegt und gethan, nicht will ich's als �Herrscher" entbehren." Auf diese Weise erwirbt die Prosti- ürtivn ihre, wenn der Ausdruck gestattet ist, gesellschaftliche Legitimität. So weit wäre nun alles in bester Ordnung, wenn nicht ein störender Faktor dazwischen käme: die öffentliche„Moral". ÄJie das Werthgesetz der bürgerlichen kapitalistischen Gesell- schuft sich nur durch seine Verletzungen verwirklicht, so auch die politischen, sozialen Einrichtungen und mit ihnen die M o- derselben. Die bürgerliche Moral verdammt Ausbeutung, ULbervortheilung, überhaupt jede Ungleichheit, aber die bürger- liche Gesellschaft kann ohne Ausbeutung, Uebervortheilung, Klassenunterschiede nicht bestehen. Sie hilft sich über diesen Gegensatz hinweg, indem sie die unbequemen Dinge möglichst ignorirt, ihr öffentliches Zutagetreten nach Kräften verhindert. Das geht aber leider bei der Prostitution nicht an. Sie selbst könnte man allenfalls wegläugnen, wie die Ausbeutung, oder iflnoriren wie den Schwindel in der Konkurrenz, aber die Syphilis! Die läßt sich leider weder ignoriren noch verläugnen. So befinden sich denn alle Bourgeois-Philantropen und -Sozialheilbeflissenen gegenüber der Prostitution in dem Di- lemma: Entweder der Syphilis und ihren Verheerungen freien Tauf zu lassen oder die Prostitution unumwunden als sozialen Faktor anzuerkennen und nach Möglichkeit zu„reguliren", denn darauf laufen die Maßregeln gegen die Verbreitung der Syphilis durch die Prostitution hinaus. Gegen die Erstere spricht das Interesse, gegen das Letztere die„Moral" der bürgerlichen Gesellschaft. Wie über dies Dilemma hinweg- kommen? Nun, die Sache ist sehr einfach. Man„regulirt" die Prostitution in einer Weise, die einer Bekämpfung zwar nicht gleichkommt, aber doch gleichsieht. Dann ist der„Mo- ral" und dem Interesse der Gesellschaft Genüge geschehen. Die Kosten tragen die Opfer der schönen Institution— die Prostituirten. In einem Artikel in der„Revue socialiste" gibt daS ehemalige radikale Pariser Gemeinderathsmitglied Dr. Fiaux sehr interessante Zahlen über die Resultate dieses Systems, daS seit Jahren in Frankreich im Schwünge ist. Kein Mensch, der die französischen und speziell die Pariser Verhältnisse kennt, wird behaupten wollen, daß die Prostitution in Frankreich zu- rückgeht, was aber in wahrhaft erstaunlichem Grade zurückgeht, das sind die Zahlen der offiziell anerkannten Prostituirten. Seit nahezu fünfzig Jahren geht die Zahl der bei der Pariser Polizeipräfektur eingeschriebenen Prostituirten und der„geduldeten" öffentlichen Häuser(d. h. Bordelle) unauS- gesetzt zurück. Die Bordelle sind in den Augen der Sitten- Polizei das„kleinere Uebel". Sehen wir, wie es mit ihnen steht: Paris hatte im Jahre: 1848 235 öffentliche Häuser mit zusammen 1450 Jnsaffen 1852 21«„„„„ 1637„ 1855 204„ n„„ 1852„ 1860 194„..„„ 1929„ 1865 172„„„„ 1519„ 1870 152„„„„ 1066„ 1876 134..„„„ 1149„ 1880 133„ nun 1041„ 1883 94„„„„ 1030„ 1884 91„ n n n 361„ 1885 81 ii n„ m 918„ 1886(?) n n ii ii �32„ Was hier neben der allgemeinen Abnahme der Bordellinsassen ins Auge fällt, ist die zunehmende Konzentration derselben in einzelnen Häusern. 1843 kamen auf ein öffentliches Haus noch nicht 7, 1860 nicht ganz 9, 1885 aber über 11 Insassen. Man kann daraus, ohne sich der Uebertreibung schuldig zu machen, den Schluß ziehen, daß auch auf diesem Gebiet die„Gesetze des Kapitalismus" sich geltend machen. Die Bourgeoisie stellt immer größere Ansprüche an Komfort, und diesen kann nur da entsprochen werden, wo der größere Ab- satz vorhanden. Die Abnahme der offiziellen Bordelle erklärt sich wohl am besten durch die Zunahme der Tanzlokale und sonstigen Etablissements, in denen die„freie Prostitution" blüht. Im„Eden"-Theater, und wie die paradiesischen Jnsti- tute sonst noch heißen, findet der Besucher eine weit größere Auswahl von käuflichen oder richtiger verkäuflichen— denn sie sind auch nur Waaren in der Hand bestimmter Unterneh- mer— Schönheiten als in den reichstausgestatteten Bordells. Nur herrschen die Gesetze von Angebot und Nachfrage freier. Sehen wir uns nuu die Zahl der eingeschriebenen Prostitu- irten in ihrer Gesammtheit(„freie" wd in Bordellen lebende) an: Paris hatte im Jahre: 1340 bei 935,000 Einwohnern 3327 eingeschriebene Prostituirte 1869„ 1,825,000„ 3731„„ 1880„ 2,200,000„ 8582„„ Man sieht, trotz wachsender Bevölkerung beständige Ab- nähme. Bis zum Jahre 1884 war die Zahl der eingeschrie- denen Prostituirten sogar auf 2917 gesunken. Man sollte meinen, die Pariser Bevölkerung, die reichen Russen, Spanier, Griechen, Amerikaner, die nach Paris gehen, um den Schweiß der heimischen Arbeitssklaven zu verjubeln, seien die wahren Tugendengel geworden. Daß dem nicht so ist, weiß, wie gesagt, alle Welt. Wie aber erklärt sich der obige Rückgang? Ganz einfach dadurch, daß die Zahl der„Verlorenen" zunimmt. Alljährlich„ver- liert" nämlich die Sittenpolizei die„Spuren" einer Anzahl von Prostituirten, die sie in ihre Bücher einschreibt. Und die Zahl der Mädchen, die sich auf irgend eine Weise,(wahr- scheinlich mit Hilfe eines„Lösegelds") der polizeilichen Kon- trole entziehen, wächst von Jahr zu Jahr. Von 1854 bis 1872 stieg die Zahl der„Verschwundenen" in beständiger Steigerung von 344 auf 813. 1873 betrug sie 1129, 1879 bereits 1751 und 1885 war sie auf 2112 angewachsen. Daß aber die betreffenden Individuen nicht aus den Reihen des Lasters in die der Tugend zurückverschwunden sind, zeigt die erschreckende Zunahme der Syphilis. Die Syphilis ist das böse Gewissen der Bourgeoisie, kein metaphysisches, das man mit frommen Sprüchlein zur Ruhe bringt, sondern ein sehr greifbares, das stürmisch Gehör verlangt, und wo es ihm vorenthalten wird, erzwingt. Und was thut die Akademie der Medizin? Nachdem sie das Uebel und die Unwirksamkeit der bisherigen Mittel kon- statirt hat, einigt sie sich auf Vorschläge, welche nichts sind als Verstärkungen des bis jetzt herrschenden Systems. Sie verlangt eine schärfere Ueberwachung der Prostituirten und empfiehlt ein Reglement, nach welchem schon die„An- reizung" als Vergehen bestraft werden soll. Schade, daß sie nicht hinzugefügt hat, was alles unter diesen Begriff fällt. Die praktische Wirkung dieses Vorschlages wäre natürlich nur eine weitere Versklavung der Opfer der heutigen gesell- schaftlichen Schandwirthschaft, größere Abhängigkeit derselben von der Gnade der einzelnen Polizisten. Von Maßregeln gegen die Männer, welche die Syphilis verschleppen, keine Silbe. Und doch ist jede allgemeine Bekämpfung der Syphilis ohne diese, wie jeder Mediziner weiß, zur Unwirksamkeit ver- urtheilt. Aber freilich, die Herren der Schöpfung reglementiren, das hieße die persönliche Freiheft beeimrächtigen, eine unerhörte Tyrannei ausüben. Reglementiren, Kontroliren, Jnfamiren ist nur gegen Die erlaubt, die durch ihre soziale Lage gezwungen sind, sich zu verkaufen— ihre Arbeitskraft, ihren Körper. So tragt denn auch die Konsequenzen Euerer Halbheit und Verlogenhett, bis der Krug bis zum Rande voll ist. Der Zusammenbruch des Systems wird dann um so vollständiger sein. Wie entsteht Kapital? (AuS dem„St. Louis Tageblat t".) Leute, die„zu GiwaS gekommen", pflegen gewöhnlich zu sagen, daß sie sich daS Ihrige„erspart" oder„zusammengespart" haben; daß, wer nicht„spart", auch zu nichts kommen kann. Richtig ist nur das Eine, daß Biele die ersten paar Thaler, welche die G r u n d l a g e zu ihrem späteren Kapital gebildet haben, „ersparten", unrichtig ist aber, daß reiche Leute ihr„Kapital"„er- spart" haben. Wenn du von 1000 Thlr. jährlichen Einkommens 200 Thlr. zurück- legst, so sind die 200 Thlr.» als Depositum in der Bank, oder in Börsenpapieren angelegt, wohl ein Ersparniß, aber kein Kapital; und selbst wenn du jedes Jahr 200 Thlr. zu deinen ersten Ersparnissen hinzulegst und die Summe durch Zins und ZinseszinS in etlichen Jahren auf 2000 Thlr. steigt, so ist dein Geld immer noch kein„Kapital". Kaufst du aber von den erstersparten 200 Thlr. vier ArbeitS-Jnstru« mente, sagen wir, vier Näh-Maschinen und stellst an jede Maschin« einen Mann hin, um in deinem Auftrage gegen Lohn zu arbeiten, so haben sich deine 200 Thlr. plötzlich in Kapital verwandelt, welchem die Eigenschaft innewohnt, Kapital wieder zu erzeugen. Wie geht das zu? Die von dir beschäftigten Leute haben dir für den ausbedungenen Lohn(gleichviel ob Tag- oder Stücklohn) ein gewiffeS Quantum Arbeit zu liefern. Wenn dieses Quantum Arbeit nur so viel werth wäre, wie der ausbedungene Lohn, hättest du kein Interesse, die Leute zu beschäfti- gen; Jeder also, der von dir einen Thaler täglichen Arbeitslohn erhält, muß dir Arbeit liefern, welche mehr als ein Thaler werth ist. Du legst z. B. deinem Arbeiter einen Stoff hin, den er verarbeiten soll; Der Stoff habe 2 Thaler gekostet; für die Zuthaten, incl. Benutzung und Abnutzung der Maschine auf einen Tag rechnest du Thlr., für Miethe und Licht ebenfalls'/- Thlr. Das wären 3 Thlr.) nun kommt der Arbeitslohn von 1 Thlr. hinzu; so daß dich das fertige Stück Maare 4 Thlr. kosten würde. Wenn du nun dasselbe bald für 5 Thlr. verkaufst, so ist die Differenz(der Unterschied) zwischen den Herstellung«- kosten(Produktionskosten) und dem Verkaufswerth(Marktwerth) 1 Thlr. Dieser i Thlr., den wir„ M e h r w e r t h" der Arbeit über den ge- zahlten Arbeitslohn nennen, bildet die Grundlage de» späteren Reichthums, wenn du jene Operation fortsetzest und vervielfachst, statt vier Arbeiter vierzig und mehr beschäftigst. An dem l Thlr., den du am ersten Tage deines Etablissement» durch die Arbeit eine» Einzigen verdient hast, bist du zwar nicht reich ge- worden, jener l Thlr. hat dir aber einen Wink gegeben, au» der 1 ein 100 zu machen, sobald die Umstände ei gestatten, nämlich statt eines Arbeiters womöglich hundert zu beschäftigen. Das ist daS ganze Gsbeimnih der Kapitalbildung. DaS Kapital ent- steht, wie wir sehen, nicht durch die ausschließliche Arbeit, oder gar da» Genie deS Kapitalisten, sondern durch die von ihm bezahlte fremde Arbeit. I« mehr fremde Arbeit der Kapitalist tn seine Dienste zieht, desto größer ist der„Mehrwerth", den er auS der gemietheten oder gekauften Arbeitskraft herausschlägt. Der Kapitalist mag unter Um- ständen„mitarbeiten" oder mag einen Geschäftsführer miethen oder kaufen, daS ändert an dem Resultat und dessen Entstehung nichts. Die Hauptsache ist, daß der Arbeitgeber die Waare nicht ohne fremde Arbeit herstellen kann, und daß lediglich diese Arbeit Anderer die Rohprodukte in eine Marktwaare verwandelt, welche einen höheren Marltwerth hat, alS da« Rohprodukt und der ArbeiSlohn zusammen ausmachen. Der Arbeiter, welcher 1 Thlr. den Tag erhält, liefert nicht für 1 Thlr. Arbeit, sondern viel mehr al» das, und diese über- s ch ü s s i g e Arbeit bildet die Quelle de« ReichthumS für den Kapita- listen, d. h. den Arbeitgeber. Wenn nun der durch fremde Arbeit Reichgewordene sagt, er habe „gespart" und„gesammelt", so ist da« wohl in gewisser, aber nicht in jeder Beziehung richtig. Cr hat„gespart" und„gesammelt", waS Andere erarbeitet haben. DaS ist kein Kunststück. Sozialpolitische Rundschcm. Zürich, 80. Mai 1888. — Unsere Berliner Genossen beschweren sich, daß einer unserer deutschen Genossen in Rr. 21 in seinem„Brief aus Deutschland" vom 13. Mai daS letzte Berliner Flugblatt als daS Machwerk eines„Nicht-Gentleman, der ans dem Molkenmarkt au«- und eingeht", charakterisirt hat. Run hatten wir, wie in der ange« fügten Note ausdrücklich beigefügt, das Flugblatt nicht zu Gesicht be- kommen, konnten also darüber nicht urtheilen. Alle unS, namentlich in auswärtigen Parteiblättern, bekannt gewordenen Zitate sprachen aber für die Meinung unseres Korrespondenten; so z. B. brachte«in amerikanisches Parteiorgan aus dem Flugblatt als wörtliche» Zitat unter Anführungszeichen(„") den Satz, daß die Hand, diedas Eisen zu Stahl schmieden könne, vielleicht auch schon den Dolch geschliffen habe, der die deutsche Arbeiter- schaft vor dem schmachvollen Regiment des Mädchen- schänderischenKronprinzenWilhelm bewahren werde, und was dergleichen hirnlose Phrasen mehr waren. Nachdem un« aber nunmehr das betreffende Flugblatt übersandt wor- den, können wir nur die Meinung eines anderen Genoffen in Deutsch- land theilen, die wir an der Spitze unserer Rundschau in letzter Nummer abdruckten, daß nämlich obige Anschauung, das Flugblatt sei da« Werk eines Polizeispitzels, durchaus falsch sei, daß aber auch alle» Andere zutrifft, wa« in voriger Rummer über die ungeschickte Sprache de« Flugblatte» u. s. w. von unserem deutschen Genoffen gesagt ist. Bei dieser Gelegenheit möchten wir unsere Genoffen in Deutsibland um Zweierlei bitten: Erstens von allen Flugblättern, die sie verbreiten, jeweilen auch an den„Sozialdemokrat" einige Exemplare zusenden; dann kann dieser der systema- tischen Fälschung und Verhetzung der Regierung»« und BourgeoiSpreffe von vornherein entgegentreten und ihr die Spitze abbrechen. Und zwei« ten», davon abzustehen, unter ihre Flugblätter unsere Druckfirma anzubringe«. Auch die zweite Bitte werden unsere Genossen in Deutschland in de» Erfahrungen der letzten Tage begründet finden. - Allerlei an» de«..«eiche der««tt-»f»rcht««d fromme« Sitte". In letzter Rummer ward an einigen drastischen Beispielen dar« gethan, wie die Hätz gegen die vozialdemokratte und die polizeilich« Ber« solgung der berechtigtsten Arbeiterbestrebungen im deutschen Reiche ihren ungestörten Fortgang nimmt. Aber nicht blas die p oliz eilich e Verfol- gung. Mährend die P o l i z e i, heißt eS in diesem Briefe aus Deutschland weiter, eisrigst im Sinne des Herrn von Puttkamer die Streik- bewegung lahm zu legen sucht und mit ihren brutalen Maß- regeln bei den politisch indifferentesten Arbeitern die Milch der frommen Denkungsart in gährend Drachengift verwandelt, sie also mit Gewalt inS sozialdemokratische Lager treibt, streben die U n t e r n e h m e r in den Unfallversicherungsgenoffenschaften darnach, dem letzten Rest von Sym< pathie für die offizielle„Sozialreform" den GarauS zu machen. Vor einiger Zeit versuchten die Crimmitschauer Fabrikanten von ihren Arbeitern Unterschristen zu erpreffen, wonach sie bei gewiffen Un- fällen keine Unfallentschädigung zu zahlen verpflichtet sein sollen. Ein ganz und gar ungesetzliches Vorgehen von Leuten, die gewöhnlich nur in den Sozialdemokraten die personifizirten GesetzeSvsrächter erblicken. Wer nicht unterschreibe, solle entlassen werden, und solche Fälle sind einge» treten. Die Crimmitschauer Arbeiterschinder werden seinerzeit erfahren, daß die erpreßte Unterschrift ihrer Arbeiter sie von den gesetzlichen UnfaUeistungen nicht befreit. Nach einer andern Richtung versuchen die Unfallversicherungen sich ihre Verpflichtungen dadurch möglichst zu erleichtern, natürlich auf Kosten der Arbeiter, daß sie die Einführung einer Kostentaxe für die Appellation an das Reichsversicherungsamt be« fürworten. Letzterem muß man das Zeugniß ausstellen, daß eS die ungerechten Urtheile auf Entschädigung an Verunglückte auf erfolgte Be« rufung in vielen Fällen aufhob und zu Gunsten der Arbeiter entschied. DaS wurmt die offiziell so sozialreformerisch sich geberdenden Ausbeuter, und sie möchten die Berufung durch Einführung einer möglichst hohen Taxe erschweren. Ferner ist in einer Versammlung von Vertretern der Unfallversicherungen in Köln angeregt worden, eine Art Lehranstalt für solche bei Unfällen Verunglückte zu gründen, die noch im Ge< brauch ihrer gesunden Arme sind, um ihnen die Erlernung einer Hand- fertigkelt zu ermöglichen und den dadurch möglich gemachten Verdienst an der Unfallentschädigung zu sparen. Alle diese Vorschläge zeigen, daß schon jetzt die Unternehmerschaft die ihr durch die neuere Sozialgesetzgebung auferlegten Verpflichtungen herz- lich satt hat. Wie wird's erst werden, wenn noch die„Krönung deS Gebäudes", die AlterSpensions- und Jnvalidenkaffe, der Wurm, der nicht zum Leben kommen will, in Kraft tritt? Man darf sich da auf recht nette Dinge gefaßt machen.— In der letzten Woche ist endlich die gerichtliche Verfolgung in Sachen der vorjährigen Grünauer Lassalle-Feier zum erst- tnstanzlichen AuStrag gekommen. Sämmtliche Angeklagte wurden verurtheilt, und zwar 10 Mann zu Gefängniß in der Höhe von 2 Monaten bis zu 10 Tagen und 2 Frauen zu 2 und 2 Wochen Ge- fängniß. Der Gerichtshof nahm an, daß sämmtliche Angeklagte wußten oder wissen hätten können, daß die Polizei jene Laffalle-Feier verboten hatte und sonach in jener Maffenzusammenkunft eine Verletzung des sozialistengesetzlich erlassenen Verbots vorliege. Wenn der Gerichtshof zu der Auffassung kam, daß der§ 9 deS Sozialistengesetzes durch die Grünauer Zusammenkunft verletzt wurde, warum bestraft man da nur jene Zwölf und läßt die übrigen Tausende leer ausgehen? Es hätte sich recht nett gemacht, wenn 3- oder 4000 Angeklagte die Anklagebank zierten, aber das Sozialistengesetz wäre alSdann wieder einmal ins rechte Licht gesetzt worden. DaS Letztere geschah übrigens durch einen andern Akt deS Berliner Landgerichts. Im Februar diese« Jahres war der Schriststeller B a a k e und seine Ehefrau unter dem Verdacht, verbotene Schriften vertheilt zu haben, verhaftet worden. Nach achtzigtägiger Unter- suchungshaft wurde kürzlich das Ehepaar au« der Hast entlassen, um laut Entscheidung der Strafkammer des Landgerichts I vom ib. Mai zu erfahren, daß die eingeleitete Untersuchung auf Berufung deS§ lg des Sozialistengesetzes und der§Z 128 und 129 deS Strafgesetzes keinerlei Anhalt für die Einleitung der Strafverfolgung ergeben habe. Die Beiden haben also achzig Tage unschuldig gesessen und von diesen achzig Tage» mußte die hochschwangere Frau Baake drei Wochen in der Ub- thettuug für Syphilitische verbringen!*) Der ganze Vorgang wirft daS schärfste Streiflicht aus unsere Rechtspflege, die in diesem Falle wieder einmal stark an russische Zustände erinnert. Weiter wurden in der verflossenen Woche in Berlin der Schlosser Joh. Starke zu 2 Monaten, der Former Kampfhenkel zu S Wochen Gefängniß und des Letzteren Ehefrau zu 30 Mark Geldstrafe wegen der Verbreitung anarchistischer Schriften verurtheilt. Der Einrede der Angeklagten, daß die Schriften ihnen von Unbekannten zu- getragen worden seien(Frau Kampfhenkel behauptete geradezu, ein v e r- kappter Polizist Hab« sie gebracht) schenkte der Gerichtshof keinen Glauben.-- Eine wichtige Entscheidung fällte die sechste Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Dieselbe entschied, daß die Einlegung von Schriften in die Korridore nach vorherigem Klingeln nicht als eine Verbreitung an öffentliiben Orten angesehen werden könne. Die erste Instanz �Schöffengericht) hatte anders entschieden. Es handelte sich um Verletzung der in Berlin erlassenen polizeilichen Vorschrift, wonach für die Verbreitung von Druckschristen an öffentlichen Orten die vorherig« polizeiliche Genehmigung nothwendtg fei.-- In Köln und EberSwalde wurden sozialistische Flugblätter verbreitet und wurden dabei einige der Verbreiter polizeilich dingfest gemacht.--- Nach der Zahl der Haussuchungen zu urtheilen, die seit einigen Wochen die Elberfelder Polizei und Staatsanwalt- f ch a f t in der Expedition der Elberfelder„Freien Presse" vornimmt, scheint das Anklagematerial gegen unsere dort schon seit über sechs Wochen verhafteten Genossen sehr dürftig zu sein. Eine solche Haus- suchung fand bisher jede Woche statt. Mit der Dauer der llntersuchungs- Haft korrespondirt die Härte derselben. Um eine Beschwerdeschrift vor Gericht zu unterzeichnen, wurden die Verhafteten geschlossen vor- geführt. Wiederum echt ruffisch.*)-- Die deutschen Buchdruckerprinzipale organisiren sich, um geschlossen den Tarif der Schriftsetzer, der am 1. Oktober 188« ins Leben trat, zu kündigen, selbstredend um einen niedrigeren Tarif einzu- führen. Di« Sehlllfen ihrerseits sammeln Mittel, um gegebenen Falles den angebotenen Kampf mit allem Nachdruck führen zu können. Kommt eS zum Kampf, so darf man auf den Ausgang gespannt sein, aber wie immer die Würfel fallen, die sozialistische Bewegung hat den Vortheil davon. Siegen die Gehülfen, dann erst nach ungeheuren Opfern, die dem Blödesten klar machen werden, daß die Harmonie zwischen Kapital und Arbeit Schwindel ist. Unterliegen die Gehülfen, so wird diese Er- kenntniß ihnen noch eindringlicher gepredigt. Vielleicht kommt die Ma- jorität der Gehülfen in diesem Kampf auch zur Einsicht, daß faule Köpfe ä la Richard Härtel(der Redakteur des GehülsenorganS„Eorrespon- dent und früher ein großer Sozialdemokrat) an der Spitze d-S Verbands vom Uebel sind. Mit Ducken und Kriechen vor Oben erreichen die Arbeiter nichts. ä. - Biel Jrrthum und ein Künkchen Wahrheit. Die„Reue Zürcher Zeitung", die nach langem Zögern endlich auch in der« u S- weifungsfrage„ihr Herz entveckt", oder richtiger w i e d e r g e- f u n d e n hat—-S war ihr anfangs au» Schreck über die Wirkung ihrer Hetzereien irgend wohin verloren gegangen— beschäftigte sich jüngst in einem Artikel„Die Schweiz und die sozialistische Propaganda", mit der Widerlegung des Vorwurfs, die Schweiz sei, weil sie unsere vier Genossen ausgewiesen, ihres Ursprungs unwürdig ge- worden, nicht mehr ein Hort der Freiheit, wie zu der Bäter Zeiten. SS verlohnt sich, auf diesen Artikel mit einigen Worten einzugehen. „Ein Grundirrthum ist es", schreibt das Organ der Zürcher Liberal- Konservativen,„anzunehmen, al» ob die Männer aus dem Rütli und *) WaS meint« wohl der schweizerlsch« BundeSrath, wenn wir gegen solche Zustände„aufreizten" und gegen die elenden Beamten, welche diese skandalösen Vorgänge veranlaßt haben, eine„beleidigende Sprache" führten? Und würden die unteren Beamten solche Nichts- Würdigkeiten wagen, wenn sie nicht der Straflosigkeit, ja der Belohnung von Obe n sicher wären?«ed. d.„S.-D." die Gründer unserer politischen Freiheit Überhaupt politisch« Schwärmer gewesen, die sich mit großen welterlösenden Plänen ge- tragen. Es waren vielmehr äußerst ruhige und praktische Leute, die nur daS Nächstliegende, Erreichbare im Auge hatten und die auch von einem gesunden Egoismus beseelt waren. Sie wollten nicht« Neues gründen, sie wollten nur das neue Joch, das ihnen Oesterreich auferlegen wollte, nicht ertragen, sie wollten bleiben, was sie bisher waren, freie Glieder dei Reichs und nur dem Kaiser unterthan. „Dem Kaiser bleibe, wa« de» Kaisers ist, wer einen Herrn hat, dien' ihm pflichtgemäß." „Die Männer im Rütli gründeten ihren Bund, um das Neue abzu- wehren und das Alte festzuhalten. Und dies gelang ihnen und mit der Zeit noch mehr. Der Bund erweitert- sich, aber erst nach heftigen Kämpfen, nicht blos gegen die äußeren Feinde, sondern auch der einzel- nen Glieder unter sich, von denen die Einen in engen Grenzen sich halten wollten und sich darum mit aller Entschiedenheit gegen die AuS- dehnung des Bunde» wehrten. So wenig war den alten Schweizern die Idee der demokrattsch-republikanischen Propaganda zu eigen. Und diejenigen, welche die Erweiterung de» Bundes durchsetzten und ihr eigenes Gebiet vergrößerten, dachten wahrlich einzig nur an den Machtzuwachs, der dadurch der Eigenossenschaft und den herrschenden Geschlechtern zufiel, keineswegs aber an eine Ausdehnung des Rechts der Selbstbestimmung auf die neu ge- wonnenen Landschaften. Man mag e« bedauern, daß unsere Altvordern des demokratischen Bewußtseins mangelten. Sie uns also in dieser Hinsicht al» Ideal hinstellen, von dem wir abgewichen feien, daS ist geradezu widersinnig." Bis hierher ganz richtig, und eS wäre nur zu wünschen, daß man auch anderwärts, z. B. bei Festreden, der historischen Wahrheit gegenüber der Legende zu ihrem Rechte zu verhelfen und diese letztere nicht blos da zerstören wollte, wo fie der Redaktion unbequem ist, sondern auch da, wo sie von ihr heute noch mißbraucht wird. Die Gründer der Eidgenossenschaft waren durchaus keine Schiller'schen Schwärmer, sondern recht nüchterne Realpolitiker, wie man heute sagen würde. Aber damit, mit diesem Fünkchen Wahr- heit, ist auch die Weisheit der„Neuen Zürcher Zeitung" erschöpft, die Anwendung, die sie aus ihm zieht, ist total versthlt. Es ist nämlich keinem vernünftigen Menschen eingefallen, die Männer auf dem Rütli als demokratische Republikaner im modemen Sinne deS Wortes hinzustellen. Wo auf sie exemplifizirt wurde, geschah eS mit Beziehung auf ihren Widerstand gegen entwürdigende Zumuthungen von nichtschweizerischer Seite. Hier ist der entscheidende Punkt, um den die„Neue Zürcher Zeitung" trotz aller historischen Seitensprünge nicht herumkommt. Die Gegenstände, um die es sich zu den verschiedenen Zellen gehandelt, sind Nebensache, Hauptsache ist: wie wurde die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft gewahrt? Und solange die„Neue Zürcher Zeitung" den Nachweis schuldig bleibt, daß die Ausweisung nicht auf Verlangen der deutschen Reichsregierung und nicht im Widerspruche mit der h- u t e in der Schweiz herrschen- den republikanischen Prinzipien erfolgt sei, solange hilft ihr der Hinweis aus den„gesunden EgoiSmuS" der Urschweizer keinen Deut. Der Egoismus, der zur Aufgabe der errungenen Selbst- st ä n d i g k e i t führt, ist eben kein gesunder Egoismus. Welcher Art die Motive waren, denen die Eidgenossenschaft ursprüng- lich ihre Entstehung verdankt, ist unwesentlich gegenüber der Thatsache, daß die Unabhängigkeit der Eidgenossenschast auf dem Wege der Rebellion, des Aufstandes gegen despotisch« Unterdrückung errungen wurde. AuS ihr hat das Schweizervolk feit Jahrhunderten die moralische Kraft, die Begeisterung gesogen, deren es bedurfte, die Eidgenossenschaft aufrecht zu erhalten und zu einem wirklich freien Gemeinwesen umzugestalten. Ohne diese Freiheitstradition wäre sie längst zerfallen. Zerfallen an dem, was die„Neue Zürcher Zeitung" den„gesunden Egoismus" der Urschweizer nennt. Solange die bevorrechteten Geschlechter die natür« lichen und anerkannten Vertreter der Nation waren, konnte ihr Klassen- egoismus ein Faktor der nationalen Freiheit werden. Seitdem das auf- gehört hat, seitdem daS Volk die Herrschait der Geschlechter abgeschüttelt, ist das Umgekehrte der Fall. Der EgoiSmuS der Besitzenden — und den hat ja doch die„Neue Zürcher Zellung" im Auge— ist die größte Gefahr für dt« Unabhängigkeit der Völker. Welche Rolle er aber in der AuSweisungSfrage gespielt, da- rüber ein andermal. — Worte eines Republikaners. Auch in unferm Blatt mögen die trefflichen Worte eine Stätte finden, welche der Landamann B l u, mer von Glarus jüngst in seiner Eröffnungsrede an der Glarner Landsgemeinde gesprochen. Sie enthalten einen nicht mißzuverstehenden Protest gegen die Tendenz, die Schweiz zum Handlanger der Polizeistaaten herabzuwürdigen.„Es wird den Bund der Eidgenossen", sagte Herr Blumer,„nicht schwächin, sondern mächtig fördern, wenn sich die Gesetzgebung in der Eidgenossenschaft in einer ähnlichen Richtung bewegt, wie in unferm kantonalen Gemeinwesen, wenn ebenfalls die Sorge für diejenigen, welche die Hülfe zumeist be- dürfen, in vorderste Linie gestellt wird, und wenn derselbe U n a b- hängigkeitSsinn herrscht, wie er in unserm Landsgemeindekanton Gott sei Dank noch unversehrt erhalten worden ist. Wenn wir den schönsten und werthvollsten Schmuck unsereSLandes, die Prinzipien eines freien republikanischen, nicht mehr rein zu erhalten wagen würden, so hätte unser Staat keine Existenz- berechtigung mehr, rasch müßte sein Niedergang, sein Zerfall eintreten, wie denn noch alle Republiken ruhmlos zu Grunde gegangen sind, in welchen der stolze repu- blikanifche Geist bei Volk und Behörden geschwächt oder erstorben war. In einer Zeit, wo allerorts die Reaktion ihr Haupt wieder erhebt, gilt es mehr als je, den freisinnigen Traditionen unsere» Landes, den Grundsätzen der Ver- fassung treu zu bleiben, die Ausdehnung der Gesetzgebung zu Gunsten der tieferen Volksschichten zu fördern und die Fahne ächt eid- genösfischer Gesinnung unentwegt hoch zu halten. Dann wird unser kleines Land«in geachtetes, freies und glückliches Land bleiben, daS die geschichtliche Aufgabe, die ihm beschieden, ehrenvoll erfüllen wird." Bravo. Und diese Worte haben in einer demokratischen Republik einen wirklichen Sinn, denn es sind keine Versprechungen, die hinterher nicht gehalten werden, sondern Aufforderungen zur That. — Eine gute Dressur haben die deutschen Staatsanwälte — das muß man ihnen zur Ehre nachsagen. Unter Bonaparte dem Kleinen wurde auch drüben in Frankreich Großes in der Dressur der Staatsanwälte geleistet— allein, sei es nun daS lebendige französisch- Naturell, welches im Wege stand, oder was sonst für ein Grund es gewesen sein mag— genug, dann und wann hieb irgend ein Prokureur über die Schnur, die schöne mechanisch�militärische Uniformität des Den- kenS und Handelns war gestört, und der Effekt ging verloren. Wie ganz anders bei uns im Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte! Welche großartige Leistungen I Der Z i r k u s R e n z ist in Schatten gestellt. Das best duffirte Schulpferd reicht nicht entfernt an unsere Staats» anwälte heran. Wir loben nicht ohne Grund. Wir haben auch das gute Sprüchwort wohl im Gedächtniß:„Man darf den Tag nicht vor dem Abend loben." Unsere Staatsanwälte sind kein« bloßen Paradepferde, die auf dem Ex er» z i e r p l a tz ihr- Sache vortrefflich machen, dann aber im Feuer den Kopf verlieren und dressurwidrige Seitensprünge machen. Sie haben die Probe bestanden. Und waS für eine Probe! Als der fatale Zwischenfall, daß der alte Wilhelm gegen alle Verabredung etwa» zu früh starb, das programmwidrig« Interregnum herbeigeführt hatte, und al» der Haus« meier mit seinen Myrmidonen den„Kamps umS Dasein" gegen seinen rebellisch gewordenen Souverän beginnen mußte, und die gesammte, den Befehlen des Hausmeier» unterstehende Reptilien- und Kartellpresse von direkten und indirekten Majestätsbeleidigungen strotzte— da war der große Moment gekommen. Da hatte die Dressur ihr« Feuerprobe zu bestehen. Sollten die Staatsanwälte, dem Gebote der juristischen Pflicht folgend, zugreifen und die Majestätsbeleidiger hinter Schloß und Riegel bringen? Oder sollten sie, dem Gebot der politischen Pflicht folgend, die juristischen Augen zudrücken und, nach der erhabenen Regel: der Zweck heiligt daS Mittel, die Berechtigung, die Heilsamkett, ja die Heilig- kett dieser staatsmännischen und staatsr-ttend-n Mai-stätsbeleidigiingen anerkennen und die Flulh der Majestätslekeidigungen sich ungehemmt weiter ergießen lassen? DaS war die Frage. Und stehe da! Mit Ausnahme eines einzigen, offenbar fortschrittlich angekränkelten Staatsanwalts in Wittenberg oder Mittenberg, der so philisterhast und unstaatsmännisch war, der trockenen juristischen Pflicht den Vorrang einzuräumen, hat nicht ein einziger deutscher Staat»- anwalt sich nicht aus der Höhe der Situation gezeigt.„DaS Wohl deS Reich» ist daS oberste Gesetz"— dachten dies« antik römi- schen Charaktere— das Wohl d«S Reichs aber ist das Wohl deS großen Manne», der das Reich g e s ch a f f« n hat; und wenn das Wohl de» großen Manne», d. h. feine Stellung als Hausmeier der Hohenzollern, in Frage kommt, dann haben die saftigsten Majeftätsbelei digungen— und prasselten sie wie ein Hagelwetter hernieder, nicht das Mindeste zu bedeuten. ER hat es so gewollt, SEIN Wille und SEIN Wohl sind das oberste Gesetz! Und wie gesagt, nur«in einziger Staatsanwalt, der die Probe nicht bestand. Welcher Triumph der Dressur! Hänge Dich, Renz, mit Dein« Vierfüßlern hast Du solche Rssultate auch nicht annähernd erreicht! Und— o Triumph des Triumphs!— o Bravster der Braven!— Jetzt erfahren wir die wundersame Mähr, daß ein Staatsanwalt das Kunststück fertig gebracht hat, einen MajestätsbeleidigungSprozeß gegen ein Oppositionsblatt anzustrengen, das die polizeiwidrige Naivität gehabt, die Nicht anstrengung von Majestätsbeleidigungsprozessen ver- wunderlich zu finden. Um seine Verwunderung zu erklären, hatte der betreffende Zeitungsredakteur einen der Majestätsbeleidigungs-Srtikel abgedruckt. Für diesen Abdruck hat er nun sich selbst al» Majestät»- beleidiger zu verantworten, denn die hochpolittschen Gründe, welche dem Hausmeier und seinen Leuten die Majefiätsbeleidigungen erlauben, ja zur staatsmännisch. patriotischen Pflicht machen, sind für einen staat». feindlichen Oppositionsmann natürlich nicht vorhanden. Und außer« dem hat der Mann noch eine Anklage wegen Bismarckbeleidigung, Be- amtenbeleidigung(weil er sich gewundert, daß der von ihm abgedruckte Artikel keinen Staatsanwalt zu einer Anklage bewogen hat) und der Himmel weiß, wegen noch wie viel anderer Beleidigungen und sonstige» Delikte erhalten. Und da sage man noch, daß unsere Staatsanwälte kein„schneidige»' Pflichtgefühl hätten— und auch, unter Umständen, nicht dann und man» einmal einen guten Witz— auf Kommando— zu machm verstände» Zum Schluß ein Wort: Wa» wir hier erzählt, ist keine Schnurre Es entspricht aufs Genaueste den T h a t f a ch e n. Das Opposition»- blatt, an welchem die staatsanwaltschastliche Dressur ihr höchstes Meister- stück geleistet hat, ist die„Neuruppiner Zeitung", erscheinend in Neu- ruppin.(Inzwischen ist noch gegen mehrere Opposittonsblätter, die den- selben Artikel abgedruckt, das Strafverfahren eingeleitet worden, so daß wir demnächst das Schauspiel eines Wolkenbruchs von Majestät»- beleidigungsprozessen erleben könnten, dem die— oppositionellen Tadlet der Majestätsbeleidigungen zum Opfer fallen. Es fehlte das blo» noch, um auch den Blödsichtigsten aä oeulog zu demonstriren, wie vollständig in Deutschland all« R-chtsb-griff- aus den Kopf gestellt worden sind— und zwar von unserer lieben Justiz. Den schweizerischen Bismarck- Anbetern empsehlen wir, sich die Sache etwas genauer anzusehen. Red. de»„S.ffv.") — Fortschritte ans dem Gebiete der„Rechtspflege". Ma« fen: g hat in letzter Zeit eine nicht unbedeutende„Be- schreibt uns aus Sachsen „Die Stadt Leipzi rühmtheit" durch ihre Sozialisten-, Landesverraths- und Anarchisten- Prozesse erlangt, worin sie sämmtliche andere Städte überflügelt hat. In erster Linie sorgt da« Reichsgericht durch seine„brillanten" Gesetz- und Rechtsauslegungen schon mehr al» reichlich dafür, daß Leipzig in der Weltgeschichte einen unvergänglichen Ruhm und Namen habe» wird; und wenn einstens TiberiuS, welcher stets das Gegenthsil von dem sagte, waS er dachte, vergessen sein wird, so wird das Reichs' gericht noch im Munde der Menschen leben und Erinnerungen a» Deutschlands tiefste Schmach und Verkommenheit wachrufen. Nächst dem Reichsgericht gebührt Staatsanwalt Häntzschel, mit dem Jhring-Mahlows-Orden, die Palme aus dem Gebiete der„Recht» pflege". Dieser Mann führt jeden Sozialistenprozeß au» Neigung. O« dabei seine Ferien verloren gehen oder nicht, ist ihm gleich, wenn er nu> diele„Bande" verkrachen kann. Bei der Untersuchung legt er eine Roh heit an den Tag, um die ein russischer Nntersuch-masrichter ihn beneide» könnte. Wer noch nicht unversöhnlicher Sozialist ist, wird e» durch die Behandlung des Staatsanwalt» Häntzschel. Bei dem geringste» Vergehen gegen das Sozialistengesetz wird Untersuchungshast verhängt Bei jedem Prozesse tritt, auf Befehl, der Polizeidiener Förstenberl al» Zeug« auf und beschwört:„daß der Angeklagte zu den hervor ragendsten Agitatoren gehört." Kein Untersuchungigefangener wir> nach der Verhandlung enttassen, während in Berlin da» sogenannt« Zentralkomite schon vor der Verhandlung auf freiem Fuß gelass« wurde. Die Stttlichkeitsverbrecher Straßberger ui>> Richter, welche 2'/, Jahre Zuchthaus bekamen, wurden g> Kaution auf freiem Fuße gelassen und einer konnte in Folge' — ausrücken. Gegewärttg sitzen wieder 26 Familienväter zwei Monaten in Untersuchung, weil sie ein F l u g b l a t t ver breiteten, oder verbreitet haben sollen. Die Aufsichtiräth» de> Leipziger Kreditbank dagegen, welche den Millionendiebe» Jerusalem und Wtnkelmann zur Flucht verhalfen, könn» heute noch vergnügt in Auerbachs-Keller bei Austern und Champagn» sitzen. Solche Verbrecher werden nicht in Untersuchungshaft genomme» obgleich sie eingestandenermaßen drei Tage lang den Diebstahl ver schwiegen, und dadurch erwiesenermaßen die glückliche Flucht ermögli� haben. Hätte aber ein Arbeiter, wie seiner Zelt Genosse Schuh mann, der auch bei der Verhandlung freigesprochen wurde, eine» Freund ein Packet mittragen helfen, der Arbeiter würde sofort ver haftet und nach Umständen ein Vierteljahr in Untersuchung behalt» werden. Aber Aussichtsräthe, die zum Theil Freunde dei Her» Häntzschel sind— solche Verbrecher werden nicht verhaftet. Während in Berlin die Mitglieder dei sogenannten Zentralkomit zwei bi» drei Monate Strafe erhielten, bekommen in Leipzi! Genoffen wegen einfacher Verbreitung von Schriften acht bi»>eh> Monate Gefängniß. Kurzum, himmelschreiende Urtheile, welch« de» ...�.-n empören müssen. Zn Berlin weist man seit einem Jahre fast Niemanden mep aus, wenn er sozialisteng-s-tzlich verurtheilt ist. Dagegen in Leipzi Jeden, auch wenn er blos 14 Tage Strafe erhalten hat. In Berlik hat man wahrgenommen, daß Ausweisungen nur schaden; in Leipzi ist man natürlich derartigen Gedanken nicht zugänglich. Leipzig weis zehnmal mehr aus als Berlin.-- Im Bunde der Dritte ist die Polizei, welche kein andere» Blatt' Leipzig duldet als den„S o z i a l d e m o k r a t". Wird in Leipzig d Blatt herausgegeben, wie das in Berlin seit 10 Jahren ohne Vor! geschehen ist, so wird es sofort verboten. Kein Wunder, daß vo! „Sozialdemokrat", nach Angabe der Regierung, 1000 Exemplar in Leipzig allein gelesen werden. DaS ist, wieder nach Angabe Regierung, ein Zwölftel der g-sammten Auflage. Und da» Gleiche wir! wohl auch von den übrigen verbotemn Schriften gelten. Vergegenwärttgt man sich dieses ganze Treiben, so könnte man fa? zu dem Schlüsse kommen, die Leipziger Gerichte, Polizei und Sil anwälte seien geheime Sozialisten, welche mit aller Ge> Haß und Rache einerseits, Abscheu und Ekel bei allen anständigen Menschen and«rseitS hervorrufen wollen, damit sie mit dl so Gemißhandelten sympathisiren und schließlich sich der Partd anschließen. Viele Gegner sind empört über die maßlosen Be» urtheilungen der Sozialisten, und viele lassen ihnen in Folge dess» Unterstützungen zu Theil werden, wa» früher nicht geschah. Herr Häntzschel will, nach eigenem Geständniß, den Herren i< Zürich einen Damm entgegensetzen; fortwährend baut» mühsam seinen Damm auf, und fortwährend wird der HSntzschel'sih Damm durch die Sozialistenfluth wieder weggespült. Wie lang« wird» sich noch dem edlen Gedanken hingeben: die Sozialisten zu vernichten Mtt jedem neuen Prozesse steigt die Abonn-nt-nzahl de»„Sozialdeml krat", und die Unterstützungen fließen reichlicher. Herr Häntzsch»> dafür besten Dank!" Die» die Korrespondenz. Der Verfasser kennt Herrn Häntzschel seh genau, und wa» er schreibt, ist die Wahrheit.«Aber warum so persö» lich sein?" Je nun, weil man den polttrschen Kamps nicht führen kan« ohne die P e r s o n e n der Feinde, die un» persönlich angreife» auch persönlich amKragen zupacken und papjftnttch zu züchtige» „Aber nur nicht diese heftig« Sprache l" Nun, die zimperlichen Leute, die sich über die„heftige Sprache" der ldemokraten und über ihr„maßloses Geschimpfe" nicht genug ent« können, sprechen der Regel nach v o n den Sozialdemokraten gar anders als in Schimpfwörtern. Thatfachs ist, daß e» in Deutsch- — und zum Theil trifft das auch für die Schweiz zu— kein tegnerisches Blatt gibt, welches die Forderungen und das Handeln •x Sozialdemokraten in fachlicher, anständiger Weife diskuttrt. Wüstes Geschimpfe wechselt ad mit schamlosen Denunziationen und ge- radezu tollen Lügen. Wenn irgend«in Vorgang erzählt wird, bei wel- che« Sozialdemokraten betheiligt waren, so kann man sicher sein, daß in SS von 1l>0 Fällen die Thatfachen in der gehässigsten Weise ent- stellt find. Und die pöbelhafte Sprache!„VaterlandsloseS Gesindel",„Aufrei- zungen zu Gewaltthat",„Verbrecher",„Gelichter",„Erziehung und An- ftachlung zum Verbrechen",„gemeingefährliche Umstürzler",„Lug und Trug",„die Agitatoren, welche sich vom Schweiß der Arbeiter mästen"— und so weiter. Kurz, wer die Sozialdemokraten nur aus den Schilde- rungen der Gegner kennt, muß jeden Sozialdemokraten für einen Verbrecher und Lump halten, der bloS durch die gemeinsten Beweggründe und zur Befriedigung der gemeinsten Triebe und Leidenschaften in die Reihen der Sozialdemokratie gelangt ist. Die Sozialdemokraten sind, trotz der nichtswürdigen Praxis und Taktik, die gegen sie befolgt werden, niemals soweit gegangen, ihren politischen Gegnern in Bausch und Bogen die Ehre und Ehrenhaftigkeit abzusprechen. Sie trennen stets die Personen von dem System— wie das beiläufig in dem Wesen und der Weltanschauung der Sozial- Demokratie liegt. Sie laffen sich aber auch das Recht nicht verkümmern, gemeine Gegner so zu behandeln, wie dieselben es verdienen. Daß hier und da in der Hitze des Gefechts ein Ausdruck nicht auf die Gold- «aage gelegt wird, ist richtig, und daß hier und da in der Polemik unserer Genoffen das Persönlich««wen zu breiten Spielraum hat— das zu leugnen fällt unS nicht ein; und wir fragen bloS, ob es denn anders möglich ist? Das aber behaupten wir— und vertreten eS gegen Jedermann— daß, trotz der wfamen Art und Weise, wie man uns bekämpft und verfolgt, die Polemik seitens der Sozialdemokraten tau- fendmal anständiger und sachlicher geführt wird, »lS seitens unserer Gegner. Und was die sogenannte„Maßlosigkeit der Ausdrücke" betrifft, so wiederholen wir, was wir schon oft erklärt haben, daß es eine alberne Ungerechtigkeit ist, von dem Verfolgten zu verlangen, er solle sewen Verfolger mit Gefühlen der christlichen Liebe betrachten. Der imger z cht Verfolgte soll seinen Verfolger Haffen, der Haß ist sein gute» Recht und seine gute Pflicht, und er soll seinem Haß Ausdruck geben. Wenn«in heuchlerischer, verlogener Pfaffe, wie der Stöcker, BiSmarck'S zukünftiger Kultusminister, mit zum Himmel erhobenen Augen km Namen Gottes und der Nächstenliebe die barbarischste Hetzjagd auf Menschen predigt und sich in den rohesten Schimpfereien ergeht, so ist das allerdings ein ekelerregendes Schauspiel, das freilich von den »eisten der Anstandsdamen beider Geschlechter, die den Sozialdemokraten ihre„maßlose Sprache" vorwerfen, durchaus nicht mißbilligt wird. Wenn jedoch ein Arbeiter, dem seine Aussauger und Unterdrücker eine menschenwürdige Erziehung vorenthalten haben, sich gegen seine Peiniger auflehnt und in flammenden Worten die Niedertracht seiner feigen Ver- folzer geißelt, dann fühlen wir uns nicht berechtigt» den hei« kigen ManneSzorn zu entmannen— wir erkennen dem Unterdrückten daS volle Recht zu, seinen Unterdrücker zu züchtigen und >u brandmarken— und statt gegen daS Opfer richtet sich unsere Ent- rüstung gegen den Frevler. Und wer hat den Muth, unS ehrlich in'S Gesicht zu sagen, daß wir Anrecht haben?— In dem Schreiben„aus Sachsen", das uns zu dieser— an die Adresse der Gegner gehenden— Auseinandersetzung veranlaßt hat, ist übri- genS nach keiner Richtung hin zu viel gesagt. Im Gegentheil— wir wiffen durch anderweitige Mitthellungen, daß unser Korrespondent sich streng innerhalb der Schranken striktester Wahrheit gehalten hat. Herr Häntzschel w Leipzig gehört zu jenen niedrigen und gehässigen Naturen, die das Ideale und Edle nicht zu ersaffen vermögen, und, die übrigen Menschen nach sich selbst beurtheilend, jedem Anderen die eigene Niedrigkeit und Gemeinheit unterschieben. Die Jagd auf die Sozialdemokraten wird von diesem Individuum als Sport behandelt— au einem armen Teufel, den er in der Gewalt hat, fein Müthchen zu tühlm, daS ist ihm höchster Genuß, und jedesmal, wenn er einen Sozial- demokraten oder gar ihrer mehrere— ans Messer geliefert hat, pflegt ihm sew Abind-„Töpfchen" ganz besonders zu munden, wie nach einem glücklich vollbrachten schweren Tagewerk. Schwer ist daS Tagewerk übrigens gar nicht. Mit den Herren Richtern steht er sich vortrefflich— mit den meisten auf Du und Du— und da bedarf es keiner Kunst, die Verurtheilung zu erlangen.— — vom Feinde soll man lernen, sagt ein lateinisches Sprüch- wort. Und in der That können wir unS in sehr vielen Dingen an un- seren Feinden ein Beispiel nehmen. Wo immer die Arbeiterklasse bisher zeitweilig Einfluß aus die Gesetzgebung und Verwaltung hatte, da hat sie sich, weit entfernt, die Redensart von den„begehrlichen Arbeitern" wahr z« machen, überall in der Verfolgung ihrer materiellen Interessen von«wer Schüchternheit und Zurückhaltung erwiesen, die im umgekehrten Verhältniß zu ihrem guten Reckt standen. Da sind unsere Gegner, die privilegirten Ausbeuter in Stadt und Land, ganz anders Kerle. Sie kennen, wo eS sich um ihre Klaffeninteressen handelt, gar keine Rück- stchten alS die auf die jeweiligen Macht Verhältnisse. Sind diese ihnen günstig, so werden sie bis zur äußersten Konsequenz ausgenutzt— ohne Rücksicht auf daS, was beschränkte Leute politische Moral zu nennen Pflegen. Wahrhaft Musterhaftes leisten in dieser Beziehung die christ- lich, konservativen Landprotzen im heiligen Preußen. So viel sie in der Aera Bismarck-Puttkamer für ihre privilegirte Stellung und ihren Geldsack auch bereits durchgesetzt, es ist ihnen immer noch nicht genug. Immer wieder kommen sie mtt neuen unverschämten An- svrderungen, so daß daS Volk vor der Abwehr derselben gar nicht dazu kommt, den berechtigten Kampf gegen die bestehenden Privilegien dieser Erben von Strauchrittern und ähnlichem Gesindel zu führen. Jetzt ist ihnen wieder ihre Vertretung in den Kreistagen nicht vortheilhaft genug. Die preußische Kreisverfaffung, der Stolz des Erzjunkers Putt- ramer, ist ihnen noch zu„liberal". Sie erfüllt zwar ihren Zweck, die privilegirt« Stellung, welche die Herren Landjunker einst als„Stand" besaßen, auf die Klasse der Landjunker zu übertragen, so gut, daß Ehren-Puttkamer von ihr sagen konnte, er habe sich mit ihrer Durch- führung„ein Denkmal" gesetzt,„dauernder als von Erz," aber sie hat doch den Fehler, daß sie zur Vertretung auf den ländlichen Kreistagen auch Elemente zuläßt, welche andere Interessen haben als die Feudaljunker. Sie macht nämlich die Zugehörigkeit zum Wahlverband, d.h. die Wahlberechtigung zu den Kreistagen, abhängig von der Zahlung von 22b Mark an Grund- und Gebäudesteuern. Das ist den Herren unbequem. Gebäudesteuern haben auch Leute zu zahlen, die für das eigentliche Junker-Jntereffe nicht da» richtige Verständniß zeigen, die allenfalls dabei sind, wenn eS gilt, daS Volk zu schinden, die aber sich dagegen auflehnen könnten, daß die ausschließliche Beute oder doch der Löwenantheil an derselben von Gotte» und Rechte» wegen den Landprotzen gebührt. Darum heraus mit ihnen aus den Kreistagen. Und so haben die Herren in diesen Tagen im preußischen Abgeordneten- hause, wo sie zur Zeit obenauf sind, den Antrag eingebracht, den de- treffenden Paragraph der preußischen KreiSordnung dahin abzuändem, daß nur die Zahlung von 225 Mark an Grundsteuern die Wahlberechtigung zu den ländlichen Kreistagen ver» leiht, d. h. die Herren Großgrundbesitzer die Entscheidung über die Anlage neuer Straßen, die Veranlagung zu dm Kreissteuern»e. in der Hand haben. SS ist da» nur ein Beispiel aus vielen, aber es zeigt, wie unver- fror« diese ohnehin mit allen Vorrechtm des Besitzes ausgestatteten Patrone darauf au» sind, sich neue Vortheile zu sichern. Mögen die deutschen Arbeiter das beherzigen, und wenn sie, in hoffentlich nicht all- zulanger Ferne, die Klinke der Gesetzgebung und Verwaltung in die Hand bekommen, in der Durchführung ihrer gerechten Forderungen hinter dem Borbild nicht zurückstehm, welches ihnm die christlich-konseroattven Herren Bon gegeben habm und noch geben. Proletarier, lernt von Surm tndent — Wie die Zeitungen melden, hat nun auch da» Komite der demnächst stattfindenden Jnteruationale« Kunstausstellung tu München da» Bild Aors lmpsrator von Hermine von Preuschen als„zur Aufnahme nicht geeignet" befunden. Die Herren Künstler in der bayerischen Residenz wollten ihren Kollegen in der boruffischen Hauptstadt in Punkto Loyalität nicht nachstehen. Sehr be« greiflich, so daß es uns gar nicht einfiele, der Sache noch einmal zu erwähnen, wenn nicht gerade jetzt im Bedientenland die dem Bilde zu Grunde liegende Idee ihre gewissermaßen offizielle Bestätigung erhalten hätte, ölors Imperator— der Tod der höchste Herrscher— seit Monaten studirt der gutgesinnte Deutsche nichts eifriger als die Bs- richte aus dem Krankenzimmer Friedrichs III., beschäftigt ihn nichts leb- hafter als die Frage, wie bald der Tod als Sieger in dasselbe einziehen werde. Was hängt für ihn nicht Alles von dieser Frage ab? Wenn des Kaisers Wort die Geschicke des Landes bestimmt, wenn er bestimmt, was gut und was schlecht, was recht und wa» unrecht sei; wenn nicht deS Volkes, sondern sein Wille über die Lebensfragen der Natton entscheidet — und daS ist heut die herrschende Anschauung in Deutschland— nun, dann ist in der That mors— der Tod, der höchste Herrscher, denn er entscheidet, wer Kaiser, wessen Wille maßgebend sein soll. Der Hexensabbath, genannt Streit der Aerzte, hinter dem sich aber der Streit ihrer Hintermänner— man kann kaum sagen, versteckte, dieser Hexen- sabbath war nur das Gegenstück zu dem„Stillleben" der Hermine von Preuschen. Die Thatsachen haben der Malerin Recht gegeben, die Aka- demie weist ihr Bild, trotzdem sie die technische Ausführung nicht be- Mängeln kann, zurück. Sie hat gut daran gethan, denn es hätte sich als eine schneidende Satire auf die Geschichte der letzten drei Monate aus- genommen. Unsere zartbesaitete Epoche verträgt keine Satire. — So erzieht man die Jugend zur— Heuchelei. Dem „Berliner Volksblatt" ist aus seinem Leserkreise ein Traktätchen zuge- gangen, daS die Berliner Stadtmifston an die Schüler verschiedener Schul- und Altersklassen eines Berliner Gymnasiums vertheilen ließ, und da» nach den vom„Volksblatt" mitgetheilten Proben ein wahrer Hohn ist auf alle Grundsätze einer gesunden Pädagogik, genau wie die Moral der Leiter dieses protestantischen Jesuitenordens das genaue Gegentheil wirklicher Moral ist. Man höre nur(wir lassen zuerst daS „Volksblatt" reden): „Es(daS Flugblatt) ist bezeichnenderweise überschrieben:„Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt", und frommer Ermahnungen voll. Aber nicht blas frommer Ermahnun- gen voll, sondern gleichzeitig gespickt mit soviel Schmutz, daß wir un» erstaunt fragen, wie man es wagen kann, ahnungslosen Knaben der- gleichen in die Hand zu spielen. So sehr es uns auch widerstrebt, zur Kennzeichnung dieser Art von Erbauungsschriften für Kinder müssen wir doch wenigstens aus dem Traktat mitthellen:„Lasset Euch nicht verführen; weder die Hur er, noch die Abgöttischen(Un« gläubige), noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge(Ver- derber ihrer selbst, Unzüchtige), noch die Knabenschänder, noch die Diebe, noch die Geizigen(Habsüchtigen), noch die Trunkenbolde, noch die Lästerer, noch die Räuber werden das Reich Gottes erben..." Die einzelnen starken Bezeichnungen sind im Original gefperrt gedruckt. Abgesehen von der Schamlosigkeit, das Kindern zu bieten, ist besonders interessant die Zusammenwerfung Ungläubiger (also Andersgläubiger) mit Räubern, Dieben und Sittlichkeitsverbrechern. Wegen der Ankündigung, daß auch die„Lästerer" das Reich Gottes nicht erben werden, mögen sich gewisse Hetzapostel mit der Traktatgesell- fchast abfinden. Weiter findet sich in dem Machwerk folgende Reimerei: „Weh' Dir Mann, dess' schnöde Brunst Iungfrau'ntugend schlachtet! Deine Lust verrauch' in Dunst! Von Dir selbst verachtet. Oualenreich, Teufeln gleich, Muß Dein Geist zu Teufeln hingeh'n und verzweifeln.— Weh' Dir, Weib, das frech geschmückt JünglingSunschuld stürzet, Ihn der Heil'gung Pfad entrückt, Ihm sein Leben kürzet! Solchem Mord wird einst dort Gott das Urtheil sprechen, Furchtbar streng ihn rächen."— So geht eS fort mit Grazie.— Und derarttges Zeug wird Gymnasiasten in die Hand gedrückt im Namen und zur Ehre christlicher Sitte und tugendsamer Erbauung." So daS Berliner Arbeiterblatt. Seine Enttüstung ist nur zu gerecht- fertigt. Das ist das Muckerthum der Reaktionszeit der vierziger Jahre in seiner ganzen augenverdrehenden Lüsternheit. Das ist die niederträchtige, zelotische und zotische Sprache�wieder, die schon damals den Protest aller unabhängig Gesinnten hervorrief. Und dieser Spuck taucht heute wieder auf, unterstützt nicht nur von den Spitzen der feu- dalen Aristokratie, sondern von Leuten, die die Frechheit haben, sich liberal zu nennen. Selbstverständlich mit derselben Wirkung oder Wirkungslosigkeit— wenigstens im Sinne seiner Veranstalter—, aber er tritt doch auf, er macht sich breit, und wenn er auch, wie gesagt, feinen Zweck, das heranwachsende Geschlecht zu entmannen, nicht erfüllen wird, so ist und bleibt er doch eine Schande für unser Zeit« alter. — Die Familie Bismarck ist sich wieder einmal treu geblieben. Des großen Kanzlers Jüngster, dem zur diplomatischen Karriere trotz des VaterS genialer Rücksichtslosigkeit in der Praktizirung des Oxen- stierna'fchen Wortes der Spiritus fehlt, und der sich daher dem idyllischen Verwaltungsdienst gewidmet, soll— natürlich mit U-berfpringung ver- schieden« Mittelsproffen— befördert werden. Bisher war Wilhelm Bismarck Landrath in Hanau; der Posten eines Regierungsprä- stdenten bedeutet mehr und wird— nicht zu vergessen!— höher bezahlt. Da sich ein Regierungspräsidium nicht so einfach neu schaffen läßt, wie die bekannte zwanzigtaustge„zweite Sekretärstelle", so„will" der Regierungspräsident von Hannover demissioniren und Graf Bill soll an dessen Stelle treten. Und seine Verdienste, um diese rasche Karriere zu erklären? Man weiß zwar außer dem, daß er der Sohn seine« Vaters ist, wenig, immerhin hat er sich auch als Landrath durch zwei Maßregeln ausgezeichnet, die in der Aera Puitkanier zu diesem raschen Avancement vollauf berechtigen. Einmal dadurch, daß er durch eine Verfügung den Lehrern seines Bezirkes im Interesse der„höhern Sittlichkeit und Moral" ein ganz unschuldiges Kartenspiel verbot, und dann, daß er in Gesellschaft lustiger Kumpane in später Nacht sich dadurch Eingang in ein Nestau- rant verschaffte, daß er, weil die HauSthüre bereits geschlossen war, die Altane im ersten Stockwerke erkletterte und von da aus das Haus alar- mirte. Für den Herrn Landrath gibt es eben keine Polizeistunde. AlS Regierungspräsident wird Bill übrigens seinem Vater Otto und seinem Better Putty alle Ehre machen. Er hat das schon vor Jahren versprochen, als er in Berlin in einer von den Stöckerianern arrangirten „Volksversammlung" auftrat und bei dieser Gelegenheit das zynisch-fteche Junkerwort fallen ließ, daß für die Berliner die Hundesperre «ine belästigender« Maßregel sei, als der kleine Be- lagerungS,»stand. Ein«»wette Versammlung hielt Graf Bill wohlweislich nicht mehr ab; daß er die erste mit gesunden Knochen verlassen konnte, verdankt er nur dem Umstand«, daß die Berliner sozial- demokratischen Arbeiter sich für zu gut halten, um Stöcker'sche Versamm- lungen, in denen BiSmarck'S Söhne reden, zu besuchen. Im Uebrigen ist eS eigentlich schade, daß der Kanzler ein so abgesagter Gegner des„Weiberregiments" ist. Sein Aeltester ist Kanzler in sps, preußischer Minister des Auswärtigen ,c., sein Jüngster RegierungSprä- fident; fein Schwiegersohn— von der weitern Verwandtschaft hier nicht zu reden— Gesandter in München— e» fehlt nur noch ein Staats- posten für die Tochter— dann wären für die nächsten paar Genera- tionen die Familie und der preußische Staat— versorgt. WerS erlebt, kanns sehen; was nicht ist, kann noch werden. — Gin Diätenprozeß i« Sicht.??? Dem Bruder unsere» Puttkamer, Herrn Puttkamer-Plauth, sowie einem andern stock- konservativen Abgeordneten ist, auf einstimmigen Beschluß der Wahl- Prüfungskommission de» preußischen Abgeordnetenhauses, das Mandat aberkannt worden, weil dasselbe durch ftandalös«„Unregelmäßigkeiten" widerrechtlich erschlichen worden war. Drei volle Jahre lang— bis un- mittelbar vor Ablauf der Mandatsperiode— hat Herr Puttkamer nebst seinem ehrenwerthen Kollegen daS falsche und gefälschte Mandat ausgeübt, und auf Grund des falschen und gefälschten Mandats sich während der drei Sessionen täglich is Mark Diäten auszahlen lassen— zusammen für jeden der beiden konservativen Ehrenmänner in runder Summe«7SV Mark. Ein Spaßvogel sprengte die Nachricht aus, die beiden Ehrenmänner hätten die Diäten freiwillig dem Fiskus zurückerstattet. Da» wurde aber sofort widerrufen. Jetzt heißt ei, der F i s l u i habe«inen Diäten- Prozeß gegen die zwei Herren angestrengt. Dazu machen jedoch meh- rere Blätter«in Fragezeichen. Und wir machen auch«mS. Und»warein recht großes.? Wir kennen die deutsche„Gleichheit vor de« Gesetz". — Herr Schurz hat über seinen Besuch bei Bismarck allerhand fartcatcherische Berichte verbreitet. Nun— was die zwei großen Männer gegessen, getrunken und geschwatzt haben, ist uns höchst gleichgültig. Und daß Schurz kapabel war, zu Bismarck zu gehen, das wußten wir von vornherein, denn wir kennen ihn ja seit 40 J ihren— und bei ihm hat das Alter in der That die Versprechungen der Jugend gehalten. Ein eitler, schönrednerischer, streberischer Flachkopf war er schon 1848 und 1849— und was er war, ist er noch heute. Wir wollen bei dieser Gelegenheit nur an das famose Bismarck'sche Wort erinnern:„Anständige Leute schreiben nicht für mich." Und Jemanden, für den man anständigerweise nicht schreiben kann, kann man doch auch anständigerweise nicht b e- suchen. Und wir wissen es zufällig aus authentischer Quelle, daß Kanzler Eisenstirn seine nicht standesgenössischen Besucher auch nicht für anständige Leute hält. Als z. B. B u ch e r, der sich gar nicht verkaufen wollte, im Jahr 1883 durch die Gräfin Hatzfeldt zu einem Besuch bei Bismarck verleitet ward, und diesen um eine— beiläufig ganz unverfängliche— Gefälligkeit ersuchte, meint- der Zukunftskanzler: „Lieber Herr Bucher, ich brauche Ihre politische Unter- stützung, ich brauche Sie ganz, und Sie gehören mir jetzt. Indem Sie zu mir kamen, haben Sie sich unrett- bar kompromtttirt. Treten Sie nicht in meine Dienste, so steht morgen in allen Zeitungen, daß Sie bei mir waren, und dann sind Sie ein todter Mann." Bucher wand sich und drehte sich— allein zuletzt„stieg er in den Pott". Und seitdem ist Mancher ihm nachgestiegen. Aber nach Bismarck'» eigenem Urtheil sind sie moralisch t 0 d t. Und Bucher war von besserem Stoff als Schurz. — Beinahe als„Anstifter" zur Verbreitung ver» botener Schriften— aufgestiebert. Wie wir der„Fränkischen Tagespost" entnehmen, ist der in Nürnberg wohnhafte Genosse Dr. B. S ch ö n l a n k mit knapper Roth der Gefahr entgangen, als„An- stifter" zur Verbreitung des„Sozialdemokrat", wenn auch einstwelle« noch nicht gespießt und gerädert, so doch vorläufig wiederum auf etliche Monate in Numero Sicher gebracht zu werden. Schönlank soll sich, heißt eS im genannten Blatt, des Verbrechens dadurch fchuldtg gemacht haben, daß er„angeblich öfter» den Züricher„Sozialdemokrat" unter Kreuzband erhielt. In die Hände der Staatsanwaltschaft waren diverse Nummern des auf diese Weise expedirten Blattes durch die Freund- lichkeit deS hiesigen OberPostamtS gelangt, dessen Beamte, wie eS scheint, in den zugänglichen Postsachen Schönlank's ein wenig herumgestöbert haben, obwohl sie im Allgemeinen nicht viel übrig« Zeit haben. Nach der ersten Vernehmung durch den Untersuchungsrichter, in welcher der Beschuldigte aussagte, daß er nicht Abonnent de» Blattes sei, sondern dasselbe wie Blätter der verschiedensten Richtungen aus allen Herren Länder, einfach öfters zugeschickt bekomme, aber unter Kouvert und nicht in offenem Kreuzband, weshalb er diese letzter« Art Sendung für eine Falle eines Lockspitzels halte, und die kom- missarische Vernehmung des Expedienten des„Sozialdemokrat" beantragt hatte, hielt«S Herr I. Staatsanwalt Schmidt für angezeigt, die Untersuchung einzustellen." Wir sind der unmaßgeblichen Meinung, schließt die Notiz, daß es aus verschiedenen Gründen besser wäre, der- artig« Untersuchungen gar nicht einzuleiten." Stimmt! Aber wer kann den Uebereifer strebsamer ThemiSjllnger zügeln, wo daS Reichsgericht mit so gutem Beispiel vorangegangen? Im besagten Fall- war die Einleitung des Verfahrens übrigens wenig« stens in einer Hinsicht gut: sie zeigt die deutsche Reichspost wieder«in- mal auf den alten, bekannten Stieberpfaden. Ein schöne» Kulturbild, diese Durchschnüffelung von Postsachen durch Postbeamte, und dieser Versuch, aus dem bloßen Empfang einer verbotenen Druckschrift eine Anklage herauszudrechseln. Halt! Da fällt un» ein, daß wir oben Schönlank als Genosse bezeichnet haben. Wie unvorsichtig! Das ist ja nach Freiberger Muster schon Material zu einem Geheimbundsprozeß I Lassen sie den Straf« antraz liegen, Herr Untersuchungsrichter. Wir nehmen das Wort zu« rück und schreiben dafür„der wegen verschiedener politischer Vergehen bereits wiederholt bestrafte p. p. Schönlank." So, nun ist hoffentlich ver Vorschrift des Gesetzes Genüge geleistet und die Ruhe des Staate« ge- sichert. O Schilda, mein Vaterland. — Zur Erheiterung. Irgend einer der journalistischen Spitzel veröffentlicht nachstehende Notiz, welche die Runde durch die deutsch« Kartellpresse macht: „Zwischen den englischen, unter Führung Hyndman'S stehenden Sozialisten und den deutschen Sozialrevolu- tionären ist ein heftiger Streit ausgebrochen, der sich von Tag zu Tag verschärft und die Betheiligten dauernd zu trennen droht. Di« Engländer, welche wegen der rohen Sprache, deren sich die deutschen Revolutionäre befleißigen, schon seit längerer Zeit eine Abneigung gegen die Letzteren hatten, haben ihnen jetzt die Freundschaft vollends ge- kündigt; sie wollen die Deutschen von dem allgemeinen Arbeiterkongreß ausschließen. Eine besondere Abneigung scheint namentlich Hyndman gegen die deutschen Sozialrevoluttonäre zu hegen, denn er benutzt jede Gelegenheit, um sein Mißfallen über die deutschen Gesinnungsgenossen »u äußern, von denen er behauptet, daß es ihnen weniger auf politische Reformen alS auf eine allgemeine Revolution ankomme, welche ihnen Gelegenheit zur Beftiedigung der niedrigsten menschlichen Leidenschaften, der Habgier und Rache, bieten solle." Wer die deutschen„Sozialrevoluttonäre" sind, von denen der journa- listische Spitzel spricht, wissen wir nicht, wir wissen nur, daß Hyndnm« wiederholt die deutschen Sozialdemokraten angegriffen hat, well sie ihm zu„parlamentarisch" waren. — Die Hetzerei gegen Frankreich wird von der BiSmarck'fchen Reptilpresse wieder mit verdoppeltem Eiser betrieben. Wir wollen unS diesmal nicht auf Details einlassen. Das Thema ist alt und schon wiederholt von unS behandelt worden. Es ist nur nöthig, daß wir von Zeit zu Zeit auf da» schmähliche Spiel hinweisen. DaS in Deutschland herrschend« Junkerthum will mit Gewalt das deutsche Volk dem franzö- fischen feindselig stimmen, und darum wird seit über anderthalb Jahr- zehnten die Verhetzung gegen Frankreich systemattsch im Großen betrieben■ und so raffinirt, daß wir nicht leicht ein Seitenstück finden werden. Zum Glück durchschauen die Franzosen daS Bismarck'sche Spiel— sie lassen sich nicht provoziren und beobachten eine durchaus korrekt« Hol- tung— wodurch freilich der Zorn der deutschen Krautjunker nur noch mehr gereizt wird. An den deutschen Arbeitern werden diese Verhetzungsversuche übrigen» kläglich zu Schanden. Wie die sozialdemokratischen deutschen Arbeiter der Judenhaß die Spitze abgebrochen haben, so auch der Franzosen- hatz. Die Sozialdemokraten sind eben dem Herrn Bismarck auf allen Gebieten— im Weg, und üben ihm gegenüber eine kräftige Wohl- fahrt?- und Sicherheitspolizei. Freilich ärgert ihn da» sehr, tndeß sein Zorn kann nur ein« Aufmunterung sein, hübsch fort- zufahren. — Sonderbare Schmeichler und Schmeicheleien. Kartell, brüderliche Zeitungen veröffentlichten neulich eine Anekdote, welche b« weisen sollte, wa» für eines enormen Ansehens sich Kanzler Eisenstiru im Ausland zu erfreuen habe. Und worin bestand der Beweis? Daß ein Beduinenknabe-wem deutschen Reisenden gegenüber— dem er ver, muthlich den Kartellbruder ansah— seinen„besten Esel" all BiSmarck-Esel bezeichnete. Wer im Inland sich beikommev ließe, Bismarck alS den besten und größten Esel zu bezeichnen, würde unbedingt eines der famosen«lagmandate auf sich herabziehen. Einer ähnlichen Schmeichelei macht sich ein gwisser Türk auS Reudnitz bei Leipzig schuldig(ä propos, sollte„Türk" kein bescheidene» Pseudonym für Spar ig sein, der ja sehr entschieden zu den„Kümmek, Türken" gehört?). Besagter Herr hat ein- Schrift über„da« Wesen deS Genie«" geschrieben, in welcher Schrift folgende Genialitäten geschrieben oder gedruckt zu lesen sind: „Das Gute kann nur realifirt werden mit der Hilfe deS Bösen... Auch wo da» Genie sich unreiner Mittel bedient, steht e» doch imme> ftber seinem eigenen Thun und Lassen,«eil e« Nie au» persönlichen I Motiven handelt, sondern sich nur darum der bösen Kräfte bedient, weil «S sonst, wie die Welt ist, überhaupt auf ein Wirken verzichten müßte. Fast alle Menschen handeln aus persönlichen Motiven, also unfrei, und Sb daher nicht im Stande, die Nothwendigkeit einer großen Idee zu sen, weil eine solche immer aus die Allgemeinheit geht, also nur einem selbstlosen und freien Geist- entspringen kann. Der geniale Mensch wird daher vollständig verlassen bleiben, wenn er eS nicht versteht, die Menschen bei ihren persönlichen Interessen zu fassen, also den Teufel zu Hilfe nehmen. um seine Idee realistren zu können. Wer ein Beispiel braucht, kann sich den FürstenBismarckund sein- Art. zu handeln, näher ansehen, er wird alsdann darin die beste Illustration zu obigen Worten finden. Auch Fürst Bismarck wird niemals, wenn er eine große, der Gesammt- heit dienliche Idee gefaßt hat, sür diese ohne weiteres die Menschen zu iuteressiren suchen. Er weiß, daß es verlorene Mühe ist. Die Menschen haben ihre persönlichen, ihre Partei-, Standes- und Familien- interessen: von einem freien und großen Blick ist nicht die Rede. Da heißt eS denn, mit allen Mitteln dem einmal erschauten Ziele zustreben und die Menschen dazu bringen, das als ihr persönliches, Partei- oder Standesinteresse anzusehen, was eigentlich nur im Interesse der Ge- sammtheit liegt. So wird mit Zuhilfenahme des Egoismus der Menschen, also mit Unterstützung des Teufels, da« Gute realistrt, das sonst einfach nur Idee bliebe, denn die übergroße Mehrzahl der Menschen ist unedel und vermag sich nicht über das eigene enge Ich und den nächsten Umkreis desselben zu erheben." So schreibt dieser wunderliche Heilige. Also Bismarck bedient sich »unreiner Mittel". Jedoch dem Reinen und dem Genie ist alles rein. Der Reine und das Genie dürfen lügen, stehlen, rauben, morden— fie haben ein Recht dazu. Unsere Borfahren pflegten den Gedanken etwas anders auszudrücken — sie hatten keinen Respekt vor dem„Genie", und kannten nur den Erfolg. Darum sagten fle: Die großen Spitzbuben läßt man laufen, und die kleinen hängt man. 4reilich— ein, übrigens nicht wesentlicher, Unterschied ist doch chen uns und unfern Vorfahren: wir lassen die großen Spitzbuben nicht laufen, sondern behalten sie hübsch im Amt. — Es geschehen Zeichen und Wunder. Der„kleine" Be. lagerungszustand über Spremberg, der am 23. Mai ab- gelaufen ist, wurde nicht verlängert. Unsere Leser entsinnen sich, auf welch frivole„Gründe" hin derselbe vor zwei Jahren verhängt wor- den ist. Bei der Frühjahrsrekrutirung 1886 hatten einige junge Rekruten est» Taschentuch an einen Stock gebunden und waren singend durch die Straßen gezogen. Ein brutaler Polizist, der später sogar zur Strafe für seine Provokationen versetzt wurde— und das will in Preußen doch viel heißen— rempelte die etwas angeheiterten jungen Leute an, pro- vozirte einen Auflaus— und deutsche Richter fanden sich natürlich auch für exorbitante Strafen. Puttkamer-Bismarck benutzten dies zur Ver- hängung des kleinen Belagerungszustandes, den der Bundesrath mit affenartiger Geschwindigkeit apportirte, und der Reichstag nahm den Rechenschaftsbericht beidemal mit gewohntem Schweigen und Kopf- nicken an. Run liest man in deutschen Blättern, dieser„Kleine" sei nicht mehr »erlängcrt worden. Soll Puttkamer ein Gefühl der Scham über die Frivolität dieser harten und völlig unbegründeten Maßregel empfunden haben? Aber über alle anderen Städte, über Berlin, Hamburg, Leipzig, Frankfurt, Stettin jc. wurde er auf eben so nichtige und nichtswürdige „Gründe" hin verhängt! Ja, sogar ohne die bei Spremberg gegebene „direkte Veranlassung"! Und hebt man ihn in Spremberg auf, warum nicht auch in den anderen Städten? Dumme Frage! Die Verhängung war ein Willkürakt, die Aufhebung ist's desgleichen. Wo sür die Verhängung die Gründe fehlten, müssen sie auch sür die Aushebung fehlen. Wir erleben's vielleicht in den näch- sie« Tagen schon, daß diese Aufhebung deS„Kleinen" einfach die Folge einer Vergeßlichkeit war— in dieser widerspruchsvollen Zeit de« „Interregnums" eben nur zu sehr begreiflich! —„Einen großen Raubzug gegen das konsumirende Publikum und in erster Linie gegen die Arbeiter plant man gegenwärtig wieder in Deutschland. Trotz der unverschämten Getreide, olle," schreibt man der Wiener„Gleichheit" aus Norddeutschland,„welche voriges Jahr ein- geführt wurden, ifl den adeligen und fürstlichen Großgrundbesitzern der Prei« des Roggens ,c. noch nicht hoch genug, und so kündigen uns denn die Offiziösen an, daß der Bundesrath von einer ihm zustehenden Be- fugniß Gebrauch machen und gegen russische Einfuhrsartikel eine SOprozentige Erhöhung de» Zolltarifs in Kraft treten lassen werde. Es würde dann der Doppelzentner russischen Roggens einen Zoll von M. 7.60 zu tragen haben, was einer Belastung von zirka 80 Prozent des Werthes gleich käme. Da Roggenbrod nebst Kartoffeln der Haupt- bestandtheil der Nahrung der im Nordosten Deutschlands lebenden Ar- deiter ist, so wären es natürlich diese Aermsten, welche unter der un- verschämten Branntweinsteuer so schon schwer leiden, welche auch diese neuest« Belastung hauptsächlich tragen müßten. Der Nordosten liefert das Menschenmaterial zu den„Kernregimentern" der preußischen Armee. Wollen wir hoffen, daß es der Bismarck'schen Staatskunfl, deren Busfluß ja Maßregeln der vorgedachten Art find, gelingt, auch in diesen Gegenden den Proletariern etwas mehr Licht aufzustecken." — Die patriotische Drehkrankheit, die sich gegenwärtig im deutschen Bürgerthum in einer Kaiser-Wühelm-Denkmal-Wuth äußert, R natürlich den wohlgesinnten Bourgeois wieder willkommen« Gelegen- sich als die Erbpächter des Patriotismus hinzustellen. Seit sie nach 1848 auf ihre politische Selbständigkeit verzichtet, war ja für sie Patrio- tismus und hündisches Kriechen vor den Fürsien und deren Günstlingen stets ein gleichbedeutender Begriff. Es ist, als hätten die deutschen Städte ei« förmliche« Wettkriechen ihrer Behörden veranstaltet, denn jeder Bürgermeister und jedes Stadtverordnetenkollegium möchte gar zu gern inrmer mehr Geld als die andern auf Kosten der Steuerzahler hinaus- werfen, mögen darüber auch die dringendsten sanitären Pflichten ver- nachlässigt werden. So kam jüngster Tage dieser Mode-Patriotismus auch im Mannheimer Stadtverordnetenkollegium zur Sprache; nur ivar der Stadtralh so schlau, vorderhand blos 10,000 Mark sür das Wilhelm-Denkmal zu fordern, in der stillen Hoffnung wahrscheinlich, diese Summe ohne Opposition durchzudrücken; al» diese Hoffnung zu Schanden wurde, gestand der Bürgermeister auch ganz offen zu, daß noch weitere Forderungen nachfolgen«erden. Natürlich entstand große Entrüstung, als, ein sozialdemokratischer Hecht in diesem„patriotischen" Karpfenteich, Genosse Dreesbach, sich gegen diese Bewilligung aus- sprach. Es sei hier nicht der Platz, gegen da« Denkmal zu sprechen. Wenn man ein Denkmal bauen wolle, solle dies aus freiwilligen Beiträgen geschehen; man solle aber Niemanden dazu zwingen, etwas zu dem Denkmal zu leisten. Stadtverordneter Diffenö(wohl der kartell- brüderliche Kandidat bei den letzten Reichstagswahlen) schlug nun natür- lich die patriotisch« Rührtrommel:„Es ist sehr traurig, wenn man Jemanden, der den Namen Deutscher führt, erst zwingen muß, sein Scherflein zu dem Denkmal für den verstorbenen Kaiser beizutragen; serad« Herr Dreesbach und dessen Genossen hätten volle Nr- fache, dem entseelten Kaiser dankbar zu sein. Ich will hier nicht darauf eingehen, was Kaiser Wilhelm vollbracht und gethan, wenn aber je Jemand ein Denkmal verdient hat, so war er eS. Ich hatte nicht geglaubt, daß nur eine einzige Stimme sich gegen den Antrag erheben würde. Nicht als ob ich befürchte, daß die Stimme des Herrn DreeLbach gewichtig genug wäre, an der einmüthigen Bewilligung dieser Summe etwas zu ändern, ich habe da« Vertrauen zu diesem Kollegium, daß«S in dieser Frage eine» Sinnes ist." Und dieses Vertrauen de« Herrn Dissens, der seine Pappenheimer kannte, wurde auch nicht getäuscht, mit allen gegen 2 Stimmen wurden die ersten 10,000 Mark bewilligt, nachdem Dreesbach dem Kartellbruder noch folgendermaßen heimgezündet:„Wenn mein Vorredner sagte, daß «S traurig sei, wenn ein Mann, der den Namen Deutscher führt, ersi dazu gezwungen werden müffe, sür da» Denkmal etwas beizusteuern, so läßt mich da« sehr kalt. Auch i ch habe«in Gedächtniß für Man« ?« s, was der verstorbene Kaiser gethan. Er hat sich ein blei- ««des Denkmal gesetzt in denHerzen der vielen Tau« send«, die durch ihn hetmathlos geworden sind." Und dieses Denkmal wird auch dann noch bestehen, wenn alle von «rz und Stet« verschwunden sein werden. — Der im Herbst in London stattfindende internationale Ge- Werkschaftskongreß wird von Seiten der deutschen Arbeiterpartei nicht beschickt werden. Die englischen Einberufer konnten sich nicht entschließen, den Anforderungen der deutschen Arbeitersührer, welche diese in Rücksicht auf die hier zu Lande bestehende« gesetzlichen Schwierig- leiten zu stellen gezwungen waren, entgegenzukommen, und so sahen sich denn Letzteren genöthigt, auf ihrem ablehnenden Standpunkte zu ver- harren. Vom Standpunkte der Solidarität der Arbeiter aller Länder aus mag dieser Ausgang zu bedauern sein, anderseits aber ist doch auch zu er- wägen, ob ein Zusammenwirken mit Männern, welchen ersichtlich jedes Verständniß für die Verhältniffe, unter denen das Gros der kontinen- talen Arbeiter lebt, fehlt, überhaupt von irgend welchem praktischen Erfolg hätte begleitet sein können. Die deutsche Arbeiterpartei aber wird sich ihrer internationalen Verpflichtungen unter allen Umständen bewußt bleiben, darin wird sie sich weder durch die philisterhafte Be- schränktheit einzelner sogenannter Arbeitersührer, noch durch die Scham- lostgkeit und Niedertracht der Regierungen irre machen lassen. — Amerika. Die Lohnbewegung geht gegenwärtig in den Ver- einigten Staaten in hohen Wogen. Am meisten Interesse beansprucht der Streik der B r a u e r e i- A r b e i t e r, der von den vereinigten Brauereibesitzern in den verschiedensten Städten gegen die Organi- sation der Arbeiter in Gestalt eines allgemeinen Aus- schl usseS der Unions. Mitglieder vor sich geht. Der über die organi- sirten Newyorker Brauarbeiter verhängte„Lockout", schreibt der Newyorker„Sozialist", geht jetzt in die fünfte Woche, und noch immer ist ein Ende nicht abzusehen. Dieses Sondergefecht in dem großen Kampfe zwischen Kapital und Arbeit ist für den gegenwärtigen Charakter dieses Kampfes durchaus typisch. Wir sehen da auf der-inen Seite Arbeiter, welche noch vor zwei Jahren dem Gedanken der Organisatton fast unzugänglich waren, gleich im ersten heftigen Feuer sich im Großen und Ganzen wirklich musterhast halten, zum Theil, weil sie gelernt haben, das Arbeiterklasseninteresse zu verstehen und nach seiner Richtschnur zu handeln, zum Theil, weil fie sich getragen fühlen durch die stramme Solidarität der übrigen, insgesammt zu ihnen haltenden Arbeiter. Auf der anderen Seite haben wir echte Vollblutkapitalisten vor uns, welche die extremsten kapitalistischen Tendenzen verfolgen: Vernichtung der Arbeilerorganisatton um jeden Preis, um— wie in der„guten alten" Zeit— den Arbeitssilaven Lohn und Arbeit nach Gutdünken vorzu- schreiben, Zersiörung deS kleinen Braubetriebs und Versuch, auch die gesammten Wirthshausbesitzer nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen, und zur Festigung des Ganzen: Bildung eines Großbrauer-Trusts, um den gesammten Markt nach Belieben zu beherrschen. Beide Parteien kämpfen anscheinend mit vollem Bewußtsein: die Arbeiter alles dessen, was sie zu verlieren haben von dem bisherigen Halt, den ihre stramme Organi- sation ihnen bot; die Kapitalisten in der vollen Erkenntniß, daß selbst die größten Opfer ihnen im Falle ihres Sieges zehnfach wieder zurück- fließen würden. Es ist immer noch«ine offene Frage, welche von den beiden unmittelbar im Konflikte stehenden Parteien— den Brau- ereibesttzern und ihren Arbeitern— diesmal den Erfolg auf ihrer Seite haben wird. Aber gleichviel, wie die Sache auch zu Ende gehen mag — es wäre ja möglich, daß die Arbeiter durch den Hunger schließlich genöthigt werden, nachzugeben oder einen Kompromiß einzugehen— die vrganisirte Gesammtarbeiterschast Newyorks, welche die Sache der Brau- arbeiter zu der ihrigen gemacht hat, darf sich ihrerseits auf keinen Kompromiß einlassen. Für sie heißt es, mit der ihr zu Gebote stehen- den Waffe des BoycottS den Kampf fortführen mit unerbittlicher Rück- flchtslostgkeit. Ihnen darf der Brauereikonflikt nicht für erledigt gelten, ehe nicht die Brauereibesitz;r sich unterworfen haben. Solange das nicht geschehen ist, muß die Boycottpeitsche weiter geschwungen, solange sollte überhaupt der ganze Brauerkonflikt wegen seines vorewähnten typischen Charakters als Angelpunkt, als Boden sür eine schneidige Agi- tation gegen den gesammten Kapitalismus und seine Tendenzen gründ« lich ausgenützt werden. Korrest)ondenzeu. Reumünster in Holstein,«Äe Mai. Heut« habe ich über ein Er- eigniß an hiesigem Orte zu berichten, das nicht blos unser Loialtntereffe, sondern auch das der gesammten Arbeiterschaft und Partei in Anspruch nehmen dürfte. Bekanntlich ist die T u ch m a ch e r e i hier der Haupt- Industriezweig. Am 16. Mai legten nun über 600 Mann die Ar- beit nieder, nachdem ihre Forderung auf Verlängerung der Mittags- pause von 1 auf 1'/, Stunden von den Fabrikanten abgeschlagen worden. Schon fest Ende April steht diese Frage hier auf der Tagesordnung. Am 26. April fand eine erste Versammlung statt; die zur Anbringung dieser Forderung beim Fabrikantenverein gewählt« Arbeiterkommission wurde abschlägig beschieden, und der Sprecher der Versammlung durch Entlassung gemahregelt. In einer späteren gemeinschaftlichen Sitzung wollten die Fabrikanten sür Montag und Samstag die Verlan« gerung der Mittagspause um eine halbe Stunde gewähren; wenn die Arbeiter sie auch an den andern Tagen wollten, so müßten sie eben früh oder Abends länger schaffen. Die Arbeiter ermäßigten ihre Forde« rung auf 20 Minuten, die Fabrikanten schlugen auch dies ab und kündigten andern Tags sofort allen auf sesten Lohn angestellten Arbei- tern. Daraufhin erfolgte seitens der ArbeUer die allgemeineArbeitS- niederlegung mit Ausnahm« der kündigungspflichtigen Lohnarbeiter, zirka 400 Mann, die nach Ablauf dieser Frist ebenfalls streiken werden. Damit stehen dann alle Fabriken der Textilbranche still. Hier ifl die ganz« Arbeiterbewegung am Streik betheiligt. Wir haben eS mit einem geschloflenen Fabrikantenverein zu thun, der es rundweg ablehnte, mit dem Fachverein zu unterhandeln. Das erschwert uns zwar den Kampf, unser Sieg ist aber dann auch ein um so schwererer Schlag für den Fabrikantenverein. Einzelne kleinere Fabrikanten haben dem vtreikkomite gegenüber erklärt, die Arbeiter könnten die halbe Stunde zwar gerne bekommen, aber hier handle«S sich um ein« Macht frage, die Fabrikanten könnten sich von den Arbettern keine Vorschriften machen lassen. Diese Machtfrage muh nun ausgekämpft werden. Dazu gehört aber vor Allem, daß die Streikenden unterstützt werden können. Neu- Münster hat sich in der Arbeiterbewegung die letzten Jahre sehr gehoben, und ist sür die Provinz der ausschlaggebend« Ort. Wir müssen daher Alles ausbieten, die Streikenden einigermaßen zu unterstützen. Es gilt die Verkürzung der Arbeitszeit; kommen wir damit durch, so ist der erste Schritt zum Normalarbeitstag gethan, der gerade für unsere Textilbranche um so nothwendiger ist, als bekanntlich darin noch die längste Arbeits- zeit herrscht. Arbeiter, Genossen, helft uns in diesem Kampfe! Schnell« Hilfe ifl doppelte Hilfe. Alle Gelder und Brief« find ,« senden an: Kran» Schneider, Haart 28, Renmünster t/H. Sprechsaal. «n die Redaktion de»„Sozialdemokrat" in Zürich. Sine am 8. März in BuenoS-Aire« abgehaltene öffentliche Versammlung von deutschen Landsleuten hat nach allseitiger Diskussion über die letzte Soiialtstendebatte im Reichstag folgende Resolution gefaßt: „Die Versammlung spricht den sozialdemokratische« Abgeordneten des deutschen Reichstags für die Aufdeckung und akteagemäß« Dar- legung de» von der Reichsregierung im In- und Ausland« gehand- habten Spionagesystems ihr« voll« Anerkennung au», ebenso all«, denjenigen Beamten und Privatpersonen in der Schweiz, welch« in wirksamer Weise zur Erreichung dieses Zweckes mitgeholfen haben. „Ueber diese, von der deutschen Reichsregierung im Kampfe gegen die Arbeiterpartei durch erwähntes System in Anwendung gebrachten, allen Rechts» und Billigkeitsbegriffen widersprechenden Maßregeln- spricht die Versammlung ihre Mißbilligung und Verachtung aus." Buenos-Aires, 4. März 1833. Im Auftrage der Versammlung-: Der Präside n-t. Zur allgemeine» Beachtung. Wir machen unsere Genossen allerorts darauf aufmerksam, daß«ü» bloße Mitgliedskarte der Organisation der deutschen SogialW«» in der Schweiz, sei fie in Zürich oder anderswo ausgestellt, keinerlei Empfehlung für den Inhaber bei den Parteigenossen in sich schließt. Unsere Organisafion ist eine öffentliche, der Zutritt steht Jedew. mann frei, der unser Programm anzuerkennen erklärt, und gegen den keine Gründe für Nichtaufnahme vorliegen. Die Vertrauensleute in Zürich. Brieflasten der Redaktion: Briefe Münster, Ehingen und Einsendung«« erhalten aus: Rbw Für die Denkschrift erhalten: Einsendungen aus Görlitz, P. betr. Nofiz genommen. der Expedition:-d: P.-K. v. 28/6. hier. Adr. gelöscht. Lst. mehr.— Bierbauch: Nchr. v. 24/6. hier. Bfl. mehr. Gruß.— Bgll Rmlo. Obrß.: 2 Fr. Ab. ab Juni bis Ende Aug.«rh.— Die rothen Calenberger: Fr. 22—(Mk. 17 26) ä Cto Ab. erh.— Attache: Bs. v. 2416. hier. Adr. notifizirt. Betreffend Abrechnung demnächst Nähere», wie auch über E. Aber mit dem Anderen in Zukunft nur nicht so lange stille halten, wenn Avistrtes nicht pünktlich einttifft. Von hier, stets pünktlichst abg. Auch Nachr. v. 28. sowie überhaupt Alle» hier. Also nun endlich.— Claus Groth: Bf. v. 24/6. hier. Redaktt besorgt.— G. I.: Adr. notifizirt. Red. Übergeb.— Grachus: P.-K. o, 25/6. hier. Erwarten sofort Näheres. Von uns ging an S. nichts» Bfl. Weiteres.— Bbch: Alle» eing. Weiteres bfl.- Gruß u. Dank.— Steineiche: Bf. vom 26/6. erh. Rsklam. u. Adr. notirt. Bstllg. folgst- „Wahre Gest", vergriffen.— Rother Geldsack: Bf. u. K. v. 26/6. hierz- Angeregtes erledigt. Adr. notifizirt.— Raimund:(öwf. 13.66) F*. 27 10 ä Cto Ab. u. Fr. 1— Strafporto erh. Adr. nottrt.— Neckar«- spitze: P.-K. erh. u. notirt.—„R.": Avis«rh.— I. P. C.t Bf. v. 24/5. erh. Gewünschtes notirt.— C. S. in B.: Bf. erh. Adr. geänderst — Muth und Kraft: Bf. v. 27/6. hier. Adr. notirt. Weiteres bfl.— U. F. G.: Mk. 200— ä Cto. Ab. u. Mk. 100— pr. Hasencleverfdist dkd.«rh. Adr. notirt.— Rothbart: Bf. v. 27/6. erh. Adr. nottrt. Ab» rchg. folgt. Weiteres bfl. Bon den Mkn. fehlt Verschiedenes.— Ofen» thür: Bf. v. 27. erh. Bstllg. notirt. Rekl. unterwegs,«visirtes erw.— Die Rothe Ott: Bf. v. 26/5. erh. Bstllg. u. Adr. notirt. Weiteres bfl., Commerzienrath: Bf. v. 23/6. erh. Von Eisernen Fäusten Mk. 11---» Akkordarbetter u. seinem Bakelus Mk. 3—, Auf einer Glesscher-Pfingflp tour im Schwarzwald beim guten Wein gesammelt Rk. 4—, zus. Wlst 13— pr. Ufd.dkd. gutgbr.— Goldstein: Ab. gelöscht.— I. L. TavanneST Fr. 4— Ab. 2. u. 3. Qu.«rh.— I. M. Stßbg.: Fr. 8— Ab. R«» 2. Qu., Ab. 3. Qu. erh. Ihnen gutkomm«nd pr. 4. Qu. 90 Pfg.— Pickest Haube: Fr. 202 66 a Cto. erh. Bstllg. notirt. Weiteres brieflich.— Für'« Archiv Sdg. von Roderich dkd. erh. Au» Cincinnati Fr. 100«ingegangen. Von wem? Wofür? Volkiduchhandlung, Anzeigen. Zürich Samstag, den 2. Juni, Abend» 8'/, Uhr, im großem Saal«(8 Treppen hoch) des Schwanen(Stadt):" Heffeutttche Kersammknng der deutsche» Sozialisten. Tagesordnung: Pro duktivgeuosseuschasteu und Staatsbetrieb» Referent: Bgr. Man». Zu zahlreichem Erscheinen ladet freundlichst ein Der Lokalausschuß. Jedermann hat gutritt. Zur Beachtung. Allen Genossen, welche nach««erika(Rewyork) reffen,«er. in ihrem eigenen Interesse ersucht, sich sofort nach ihrer Ankunft n dem Hauptquartier der Sozialistischen Arbeiterpartei: Rr. 26 Ost 4. Street. zu begeben. Ferner diene Allen, welche gezwungen sind, um Unterstützung- nachzusuchen, zur Nachricht, daß solche nur gegen Vorzeigung vow Legifimationen neueren Datums, unterzeichnet von bekannte» Vertrauenspersonen, gewährt werden kann.„» Berufung aus Genossen, welche schon längere Zeit hier im Lande finist kann nicht berückstchttgt werden. Das Unterstützungs Komite der S.«. P» stSXl Sektion New York. '■""l"'■—.-IL.IJJP- Soeben erschien und ist durch uns zu beziehen: Sozialdemokratische Bibliothek. Heft ttch. Wissen ist Macht- Macht ist Wisse«. Von kWM �' Liebknecht. Preis: 80 Pfg.- 40 Et». Heft XXIII. Meine«nfsStze. Von F. Lassalle. Preis: 30 Et».(40 Pf.) Porto und«ersandtspese» außer der Schwei» koMst» M Last«, der Besteller. «f die„Sozialdemokrafische Bibliothek" werde» Die Heft» werde» auch einzeln abgegeben» und ■woslBioii-Xftrlob. Schivtst-»«»ßeaßoafttbuchdrmkre! und»ollibuchhandlung»»n L. Hübsch«.