Avonnements Werden bei allen schweizerischen Wostburraur, sowie beim verlaz und dessen bekannten Agenten »ntgegmgenomm-n. und zwar zum voraus»ahlbaren vierteljahrlprei» von: W«. t,— fiir dieSchweizsitreuiband) TO. 8,- pir Deutschland(«ouvert» st. 1,70 für Oesterreich sSouvert) Fr. 2.50 sstr alle übrigen Linder de» Weltpostverein»(«reu, band). Zllferite dl« dreigespalten« Petitieil« 2b St». 20 Pfg. Der SoMenutat Krgan der Sozialdemokratie deutscher Zunge. Krscheittt «öch entli« einmal in Zürich(Schweiz). Aertag »er «-l»«buch,an»luw> Hottiugeu- gürich. V-Sseuduugtll frank» gegen franko. Gewöhnliche«riefe «ach der Schwei, kost«, Doppelp»«». .«36. «riefe an die»tedaktion und Grpedltion de» in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Soiialdemokrat'«olle«tan unter«eobachtung Suherster Vorsicht abgehen lassen. In der Siegel schicke man uni die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadressen. In jweisel�asten Fällen eingeschrieben. 1. September 1888. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Die Wahlerfolge Boulanger's und die jüngsten Streiks in Frankreich. Die Nachwahlen, welche letzten Sonntag in drei französischen Departements stattfanden, haben sämmtlich mit dem Siege Boulanger'S geendet. Der Plebiszit-General ist im Departe- Ment der Nieder-Charente, dem der Somme und dem des Nordens mit großer Majorität gegen seine opportunistischen, bezw. radikalen Gegenkandidaten zum Deputirten gewähtt wor- den, im letztgenannten Departement, wo zwei Mandate erledigt waren, außer ihm noch ein zweiter Anhänger deS Plebiszits, Herr Köchlin-Schwarz. Wir gehören nicht zu denen, welche in diesem Wahlausgang bereits das Ende der Republik erblicken, wir halten es aber für ebenso falsch, sich zu verheimlichen oder in Abrede zu stellen, daß er eine Schlappe für die Republik bedeutet, und zwar eine keineswegs unverschuldete und darum auch durchaus nicht un- bedenkliche Schlappe. Die Republik ist heute die gesetzliche Staatsform in Frankreich und hat daher bei den Wahlen alle Bortheile auf ihrer Seite, welche das bei der großen Masse vorherrschende politische Beharrungsvermögen mit sich bringt. Zieht sie trotzdem den Kürzeren, so ist das ein untrüglicher Beweis, daß etwas faul ist im Staate Dänemark. Es heißt die Sache etwas zu leicht nehmen, wenn man sagt, wie es jetzt die französischen Republikaner thun, die drei De- partements seien ja auch bei der letzten Wahl schon den Mon- archisten in die Hände gefallen, die republikanische Mehrheit im Parlament erleide also keine Verminderung. Die so redm, vergessen erstens, daß bei den Wahlen des Jahres 1885 die Republikaner so viel Sitze an die Monarchisten verloren hatten, daß sie überhaupt keinen Grund haben, mit ihrer Mehrheit groß zu thun, und zweitens, daß unter solchen Umständen Stillstand für die Republik thatsächlich einen Rückschritt be- deutet. Gelingt es der Republik nicht, das Terrain zurück- zuerobern, was sie 1885 verloren, als die Gemüther unter der Wirkung der Wunden, welche das Tonkin-Abmteuer dem Lande geschlagen, noch erhitzt waren, so ist daS geradezu eine Ermuthigung für monarchistische Abenteurer, ist ihr Bestand Überhaupt ein sehr prekärer. Sie muß erobern, was sie noch nicht besaß, darf aber nichts von dem verlieren, was sie be- Veits besessen. Nun kann man freilich sagen, Boulanger ist ja gar nicht als Feind der Republik aufgetreten, die Monarchisten haben allerdings für ihn gestimmt, um sich seiner als Mauerbrecher gegen die Republik zu bedienen, er selbst aber bezeichnet sich als Republikaner, und es steht fest, daß zum mindesten ein Theil der republikanisch gesinnten Wählerschaft ihm seine Stimme gegeben, um seine Unzufriedenheit mit der gegenwär- tigen Leitung der Republik, insbesondere dem Arbeiten der Tesetzgebungsmaschinerie, zu bezeugen. DaS Letztere ist richtig und läßt sich sogar ziffernmäßig Nachweisen. Aber es beweist das nicht, wofür man eS in's Feld zu führen sucht. Uebcr Boulanger'S Verhältniß zu den Monarchisten ist heut alle Welt im Klaren. Einerseits haben die bonapartistischen zc. Schreier selbst dafür gesorgt, dem Publikum darüber reinen Wein einzuschenken, anderseits haben eS die Republikaner an nichts fehlen lassen, die Doppelrolle zu kenuzeichnen, die der »brave General" spielt. In dieser Beziehung kann man ihnen keinen Vorwurf machen, daß sie es an Eifer fehlen gelassen. Äber gerade deshalb fallen die Stimmen, die er von bisherigen Republikanern erhalten, um so schwerer in's Gewicht. Sie beweisen, daß die betreffenden Volkselemente zum mindesten indifferent werden gegen den Bestand der Republik. Da« Register derjenigen Parteien, die auf dem Boden der Republik stehen, ist weit genug, jeder politischen und wirthschaftlichen Reformströmung Unterkunft zu bieten, wer sich von ihnen allen ab- und dem Abenteurer-General zuwendet, der ist für die Republik so ziemlich verloren. Gerade die republikanischen Stimmen, die er auf sich vereinigt, nicht aber die von Mon- archisten für ihn abgegebenen, find, wie die Dinge jetzt liegen, Maßgebend für dm Grad seiner„Gefährlichkeit" für die Re- publik oder, um die Sache nicht zu übertreiben, seiner Gefähr- lichkeit für die Entwicklung der Republik. Es heißt daher nach unserer Ansicht, Vogelstraußen-Politik treiben, sich mit den obenerwähnten Argumenten über die That- fache hinwegzusetzen, daß ein Mann, der weder besondere Ver- bienste, noch besondere Begabung aufweist, dessen politisches Programm ein rein negatives ist, der sich nach verschiedenm Richtungen hin in seinem Auftreten große Blößen gegeben, baß dieser Mann in drei Departements über eine Viertel- Million Stimmen auf sich vereinigen konnte, darunter minde- ftens dreißigtausend, die von bisherigen Parteigängern der Republikanischen Parteien herrühren. Nein, hier gilt eS, der Sache auf den Grund zu gehen und zu fragm, was ist eS, das die Wählermassen einem Bou- langer in die Arme— oder wenn man will in die Netze treibt? Sind wirklich die Wähler so blind, daß sie den pomp- haften Versprechungen deS politischen Glücksritters Glauben schenken? Wir wollen die Intelligenz des französischen Durch- schnittswählerS nicht zu hoch anschlagen, aber soviel Witz darf man ihm nach den vielm Parteikämpfen, deren Schauplatz daS heutige Frankreich gewesen, schon zutrauen, daß er auf solchen Leim nicht geht. Grade die Thatsache, daß das eigentliche politische Programm Boulanger'S rein negativ ist, veranlaßt die Wähler, ihm ihre Stimmen zu geben. Der Stimmzettel, der für Boulanger in die Urne geworfen wird, läßt lauter als jeder andre das Nein des Wählers gegenüber dem gegen- wärtigen Parlament und der gegenwärtigen Verwaltung er- tönen, gibt seiner Unzufriedenheit den entschiedensten Ausdruck, darum stimmt nicht nur der Wähler, der bisher streng monarchisch wählte, für den General, der seinen Aufruf mit Hoch die Republik! schließt, sondern auch der Wähler, der bisher republikanisch, extrem radikal oder auch sozialistisch wählte, für den stillen Verbündeten der Bonapartisten. Woher diese gesteigerte Unzufriedenheit? Die republikanische Bourgeoisiepresse und die aus dieser ihre Informationen beziehenden Korrespondenten der deutschen Presse(ob reptilisches Weltblatt oder demokratisirmdes Handels- blatt ist hier ein und dasselbe) sind mit ihrer Antwort schnell bei der Hand. Bestechung, Aufreizung, Unruhestiftung. Sind doch die letzten Pariser Streiks notorisch von Boulangisten in Szene gesetzt und geschürt worden. Beweis: Der Erd- arbeiterstreik nahm plötzlich ein Ende, als die Wahlagitation für Boulanger abgeschlossen war. DaS Streikkomite hat in einem boulangistischen Redaktionsbureau seine Sitzungen ab- gehalten:c. zc. Und hier sind wir— da es mit dem Bestechen wohl hüben wie drüben zugegangen sein dürste, höchstens in ver- schiedenen Formen— bei einem Thema angelangt, das in der That der Untersuchung werth ist. Ja, auch wir sind der Ansicht, daß die Pariser Streiks ganz erheblich mit auf den Ausfall der erwähnten Wahlen eingewirkt, Herrn Bou- langer eine ganze Anzahl Stimmen zugeführt haben. Nur meinen wir, daß das keine Entschuldigung, sondern eine An- klage gegen die heute in der Regierung, im Parlament und in der Presse maßgebenden Herren Republikaner bedeutet. Sie haben, von rechts und von links, vortrefflich dahin ge- arbeitet, die Wähler der Republik zu enssremden und Herrn Boulanger zuzutreiben. Jetzt möchten sie die Schuld auf andre schieben, und benutzen mit Vergnügen die Dienste des allzeit bereiten Possibilistenblattes„Parti Ouvrier", um die Leiter des Erdarbeiterstreiks, insbesondere den unermüdlichen Boulö als boulangistische Agenten zu verdächtigen. Als ob Boulanger bessere Agenten hätte wünschen können als die un- entschlossene zweideutige Haltung des„radikalen Ministeriums Floquet" einerseits und die Hetz- und Heul-Artikel des„Temps", des„Siecke", des„Paris" und des ganzen Klans der Oppor- tunistenblätter anderseits. Wenn bei einem Streik die Ursachen seines Entstehens klar zu Tage liegen, so bei dem der Pariser Erdarbeiter. Er steht in direktem Zusammenhang mit den sehr vernünftigen Beschlüssen deS Pariser Gemeinderathes in Bezug auf die Ar- beitsbedingungen bei städtischen und von der Stadt zu ver- gebenden Arbeiten. Warum nicht den Gemeinderath boulan- gistischer Umtriebe beschuldigen? Er ist auf seine Spitze ge- trieben worden durch die hartnäckige Weigerung der Unter- nehmer, mit dem Komite der Arbeiter in Verhandlung zu treten, durch die Ablehnung des von den Arbeitern akzeptirten Schiedsgericht«, kurz durch das herrisch-brutale Auftreten der AuSbeuterklique. Warum nicht diese der stillen Mitarbeiter- schaft mit Herrn Boulanger anklagen? Er ist zusammenge- brachen, nachdem die Polizei in jeder Weise die streikenden Arbeiter eingeschüchtert. Lokale von Wirthen, die zur Sache der Arbeiter hielten, geschlossen, den Streikenden die Ver- sammlungen im Lokal der Arbeitsbörse unmöglich gemacht und die Presse die öffentliche Meinung in jeder Weise gegen die Streikenden aufgehetzt Halle, und als die Arbeiter, aller Unter- stützungen entblößt, durch den Hunger gezwungen wurden, die Arbeit zu den altm Bedingungen wieder aufzunehmen? Warum nicht Presse, Polizei und den Hunger als die bou- langistischen Agenten bezeichnen, die dafür gesorgt, daß der Streik nicht länger dauerte als die Wahlkämpfe, die sich etliche hundert Kilometer abseits von Paris abspielten? Es ist nichts abgeschmackter als diese Sucht, alle und jede Erscheinung, die einem unangenehm oder unbequem, künstlichen Machinationen zuzuschreiben. Gewiß, auch wir halten es für sehr gut möglich und sogar bei der Natur der Boulangisterei für sehr wahrscheinlich, daß boulangistische Agenten während des Streiks unter den Arbeitern geschürt und gehetzt. Aber sie haben den Streik nicht gemacht, und haben auf seinen Verlauf keinen Einfluß geübt. Und eö gab zudem ein vortreffliches Mittel, ihren Manövern ent- gegenzuwirken, sie unschädlich zu machen,— man brauchte nur den Arbeitern etwas Entgegenkommen zu zeigen, die Regierung brauchte nur statt den Arbeitern Steine in den Weg zu legen, ihren Einfluß einmal auf die Unternehmer geltend zu machen, und es hätte sich bald gezeigt, wer die bloßen Hetzer und wer die wirklichen Sachwalter der Arbeiter waren. Jndeß das wäre ja gegen alles geheiligte Herkommen gewesen. Und sorgte die Regierung dafür, nachdem sie anfangs den Arbeitern ihre Neutralität verbürgt, sie hinterher durch Brechen derselben dop- pelt zu erbittern, und die Presse, den Philistern in der Provinz Gruseldinge zu erzählen, von den Unthaten, die die„Kommu- nisten" in Paris begehen. Die Bourgeoispresse, die ja in der Provinz dominirt, schrie nach einer starken Regierung, welche die„Ordnung" besser zu wahren weiß als die am Ruder be- findliche, und sie fand in diesem Punkt in der Provinz nur zu empfänglichen Boden. Wenn'S gegen die Arbeiter geht, ist dem Spießbürger keine Regierung stark, keine Partei brutal genug. In solcher Atmosphäre gedeihen alsdann solche Sumpf- pflanzen wie der Boulangismus. Die klassenbewußten Arbeiter erbittert, die geängsteten Philister unzuftieden. Die Einen, von der Unmöglichkait durchdrungen, sich selbst Genugthuung z« verschaffen, lassen in ihrem Widerstand gegen den Feind ihrer Feinde nach, die Andern, im Vollgefühl ihrer polillschen Im- Potenz, werfen sich dem ersten Besten in die Arme, der den bedrohten Staat zu„retten" verspricht. Das alte Lied, aber es wird sich immer wiederholen, so lange der Klassenstaat besteht. Nicht Boulanger selbst, wohl aber die Zustände, die sein Aufkommen begünstigt haben, sind der wunde Punkt, von dem der Republik Gefahr droht. Hier gilt es, die Entscheidung z« treffen. Die Demagogie ist nur erfolgreich zu bekämpfen, wenn man rechtzeitig zu denjenigen Reformen die Hand bietet, welche die Zeit erheischt, wenn man den Muth hat, mit veralteten Regierungsgrundsätzen radikal zu brechen. Erweisen sich die Staatsmänner unter den französischen Republikanern dazu un- fähig, sei eS aus bösem Willen oder aus Mangel an That« kraft, nun, so wird die Republik vielleicht, Dank dem Zu- sammenwirken einer Reihe von Umständen, dem Ansturm des Herrn Boulanger Widerstand leisten, aber im günstigsten Falle sich sagen müssen: den Boulanger bin ich los, die Boulanger sind geblieben. X. x. x. Auf der Strecke. } „Lieber wollen wir unsere gesammten 18 Armeekorps und 42 f Millionen Einwohner auf der Strecke liegen laffen, als daß wir einen einzigen Stein von dem, was wir errungen haben, abtreten." Also sprach der neueste deutsche Kaiser und preußische König, Wilhelm der Zweite von Hohenzollern, bei einem Festessen zu Frankfurt an der Oder, welches anläßlich der Enthüllung eines Denkmals für Prinz Friedrich Karl abgehalten wurde. Der Telegraph blitzte die Wort« durch ganz Deutschland und durch die ganze Welt. Und Jeder, der die Wort- las, fragte sich erstaunt: Ist da« möglich? Ist eS möglich, daß ein Fürst» und habe er noch so tiefe Verachtung für daS Volk und für die Menschen—„seine Unterthanen" und„seine Armee" mit gejagtem Wild vergleichen kann, da» von Jägern erlegt und niedergestreckt„zur Streck« gebracht" wird? Ist eS möglich, daß«in Monarch, und sei er noch so sehr von fürst« lichem Größenwahn durchseucht, einen Stein für werthvoller hatten kann, als das Leben von anderh alb Millionen Soldaten und zwei und vierzig Millionen bürgerlichen Kanaillen— Frauen und Kinder mit eingerechnet? Es gibt gewiss« Worte, sdie sich in die Brust der Zuhörer einsenken wie blanke Dolche— Worte, die nie vergessen werden können, und die dem, der sie gesprochen, zu tödtlichen Schicksalsworten werden. Das freche Wort jenes französischen Junkers und Finanzmannes:„W e n» da» Volk kein Brot mehr hat, soll es Heu fressen!" war das Todesurtheil dessen, der e» gesprochen, und Tausender seiner Genossen: und es hat mehr zum Sturze de» lumion regime— de» feudalen Königthum»— beigetragen, al» alle Reden, Bücher, Pamphlete und Zeitungsartikel der Revolutionäre. „Achtzehn Armeekorps und 42 Millionen Einwohner auf der Strecke"— niedergeschossen wie Hasen und Wildsauen. Daneben verblaßt das geniale Wort Bill Bismarck'» von dem Sozialistengesetz, da» dem Publikum nicht so lästig sei wie die Hundesperre. „Lieber achtzehn Armeekorps und 42 Millionen Einwohner auf der Strecke, als ein Stein abgetreten l" Betrachten wir das Bild etwas näher, blicken wir in die Seele de» Sprechers. Er, der Sprecher, Er ist es, der die 18 Armeekorps und die 42 Millionen Einwohner in den Kampf um den einen Stein hinewtreivt, und der den letzten Mann, das letzt« Weib, das letzte Kind niederschießen lassen will, wie Hasen und Wildsaue» von junkerlichen Sportsmen niedergeschoffen werden, ehe er daran denkt, einen Stein abzutreten! Und wer sind die Jäger, welche die Hasen und Wildsauen— wir wollten sagen die 18 Armeekorps und die 42 Millionen Einwohner „zur Strecke bringen"? Das ist der Feind! Das find die Russen und Franzosen. Vermnthlich hat der Sprecher nur an die Franzosen gedacht. Und nun bewundere man die G e s ch m a ck l o s i g k e i t de» Au»- druckes, die nur von seiner Rohheit erreicht wird. Die Fr an- zosen sind die Jäger, die 18 deutschen Armeekorps und die 42 Rillionen deutschen Einwohner sinddieHasen und Wildsauen, welche in der Phantasie des neuesten deutschen Kaiser»„zur Strecke gebracht" werden. Ist e» möglich, die Geschmacklosigkeit weiter zu treiben? Hat jemal» ein Monarch ein ähnliches Wort gesprochen, eine gleiche Verachtung für „seine" Soldaten und„Unterthanen" bekundet? rj(ljeir,, Wir suchen vergebens nach einem Seitenstück. Aber eine geschichtliche Handlung fällt uns ein, die aus dem Sumpfboden ähnlicher An« schauungen hervorgewachsen ist. Wir meinen die Geburtstags« f e i e r de» ruffischen Zaren Alexander des Zweiten vor P l e w n a. Die Nlederlaze. welche die Russen dort im letzten Türkenkrieg vor den hastig aufgeworfenen Erdwerken erlitten hatten, sollte gesühnt und der Geburtstag deS«aisers durch einen glänzenden Sieg, der ihm das Türkenreich zu Füßen legte, gefeiert werden. Also hatte der Zar beschloffen, und was der Zar will, das muß geschehen, denn der Zar ist allmächtig. Wie weiland X e r x e s beim Marsch seiner Hör- den über den Hellespont, ließ er sich an angemessener Stell« ein hohe? Gerüst bauen, mit einer herrlich geschmückten Loge, aus der er die Schlacht und den Sieg sich bequem ansehen konnte, wie im Theater, wie eine Theatervorstellung. Und seine Truppen— eS waren wohl an die 200,000 zusammengerafft worden— zogen an ihm vorbei und begrüßten ihn mit Hurrah», so stürmisch und begeistert, wie der Schnaps und die Knut« sie nur machen konnten, Caesar. Morituri te salutant. Sei gegrüßt! Zar aller Neuffen l Und freue dich des Schauspiels. Und die Truppen marschiren voran, wie auf dem Exerzierplatz, in gleichem Schritt und Tritt. Die Augen des Zars leuchten. Da Plötz- lich Kanonendonner, Flintengeknatter. Die Erdwerke haben sich belebt: die Schlacht hat begonnen. Das Unerhörte geschieht: die Türken weichen nicht zurück vor den steMtzenden Blicken des Zars. Und das Unerhörtere geschieht: die Russen wenden sich zur Flucht. Die Augen des ZarS sprühen Zorn- feuer. Neue Regimenter vor! Die alten wieder in die Schlacht getrie- den! Der Zar hat Geburtstag, und der Geburtstag muß durch einen Sieg gefeiert werden. Frische Zehntausende werden vor die türkischen Soldaten und Kanonen getrieben, wie Hasen und Wildsauen vor die Flinten der Jäger. Tausende und Zehntausende werden von den tür- kischen Kugeln„zur Strecke" gebracht. Und die Anderen weichen. Das Auge des Zaren umdüstert sich. Bin ich nicht allmächtig? Habe ich den Sieg nicht befohlen? Ist nicht heute mein Geburtstag? »orwärt»! Alle Reserven heran! Der letzte Mann in'» Treffen! Treibt die Flüchtlmge mit Bajonneten und Revolvern zurück in den Kampf! Und nochmals wird gestürmt in dichten schwarzen Kolonnen. Vor- wärts! Vorwärts l Doch die Türken weichen keinen Zoll breit zurück. Ihre Kugeln und Säbel lichten und mähen die Reihen der Russen. Vorwärts! Vorwärts! brüllt der Zar. „Vorwärts? Sollen wir unS dem Zar zu lieb alle todt- schießen lassen?" fragen sich die russischen Soldaten» als Zehntausende der Ihrigen„auf der Strecke" lagen, und jede Sekunde Hunderte neuer Opfer den alten zugesellte, und die Türken, statt ent- muthigt zu werden, immer wilder heranstürmten. Und die Frage enthielt schon die Antwort. Rette sich, wer kann! Und du, Zar, lauf für dein Leben! Gleich einer Lawine wälzten die geschlagenen Russen sich die Hügel von Plewna abwärts, der Geburtstagsloge des fluchenden Zaren zu— Alles mit sich fortreißend. Zuletzt auch den halberstarrten Zaren, der noch glücklich ein Pferd bekam und bald auf der Flucht der erst« war. Er hielt nicht eher still, als bis die Donau zwischen ihm und den Türken lag. Der Zar war körperlich gesund und wohl, die Haut war ihm nicht geritzt— nur die Geburtstagsfreude verdorben. „Auf der Strecke" vor Plewna aber lagen achtunddreißigtausend Russen zur Feier des Geburtstag«. Und es grauste der Welt. Pah! was war doch die Welt damals so dumm und so kleinlich! Achtunddreißigtausend Russen auf der Strecke— Kinderei! Achtzehn Armeekorp s und zw e iund vierzig Rillionen Einwohner müssen„aus der Strecke" liegen— sagt Wilhelm der Zweite von Hohenzollern in seiner Tischrede.-- Er hat nicht an Plewna gedacht. Er hat nicht daran gedacht, daß sogar russische Soldaten e» verweigert, sich von ihrem Zar„aus die Strecke legen" zu lassen. E r hat nicht an die bestialische Rohheit des Ausdruck» gedacht. Er hat nicht an die beispiellose Lächerlichkeit des Gleichnisses gedacht, da» den Deutschen, an deren Chauvinismus Er appelliren will, die Rolle von H a s e n und W i l d s a u e n, den„ver- kommenen" Franzosen die der glücklichen Jilger znwelst. Gr hat nicht dedacht, daß Deutschlands Einwohner, seit E r in der Schule Geographie gelernt, von 42 Millionen auf 46 Millionen gestiegen sind— daß Er also 4 Millionen des Vergnügens beraubt hat, für Ihn„auf der Strecke" liegen zu dürfen. Das und noch so manches Andere hat Er nicht bedacht. Doch Andere haben daran gedacht. Der Hausmeier und Hofmeister soll außer sich gewesen sein über die— Taktlosigkeit seines Schülers, der nur zu gut gelernt hat. Stolz auf die gardelieutnantliche „Schneidigkeit" des Streckengleichnisses hatte dieser die sofortige Veröffent- ltchung der Festrede befohlen— und die Veröffentlichung erfolgte auch in allen Zeitungen— und überall mit der gleichen Wirkung, überall empörend. Allein der Hausmeier und Hofmeister verbot den Abdruck im„R e i ch S a n z e i g e r" und korrigirte und redigirte an den schlimm- Pen Sätzen und Ausdrücken herum— die„Strecke" wurde zur „Wahlstatt". Und die Korrektur hat ja auch ohne Zweifel ihre Berechtigung, denn Wilhelm dem Zweiten von Hohenzollern zu lieb werden die 43 deutschen Armeekorps sich ebensowenig„auf die Strecke legen" lassen, wie weiland die russischen füns Armeekorps dem Zar Alexander dem Zweiten zu Liebe. Von den 42 Millionen Einwohnern gar nicht zu reden. Da» Wort Wilhelm»- des Zweiten von Hohenzollern aber bleibt un- vergessen, und wenn einst das Hau» der Hohenzollern mit Allem was drum und dran hängt, glücklich„auf der Strecke" liegt, wird das Urtheil der erlösten Völker lauten:„Ihr habt es so gewollt! Ihr wart Eueres Schicksal« Schmiede!" Und unter den tödtlichsten Hammerschlägen wird man jenes kaiserliche„Königswort" auf- zählen von den„achtzehn Armeekorps und den zweiund- vierzig Millionen Einwohner n", die der dritte deutsche Kaiser zur Rettung eines einzigen Steines„auf der Strecke" assen wol lt«. SozialpoUttsche Rundschau. Zürich, 2». August 1888. — Di«„Edelsten und Beste« der Ration". Wilhelm II. hat schon wieder einmal geredet— Kein Tag ohne«ine große Rede, Keine Rede ohne eine große— Genialität. Der„Jugendliche" wird wirklich unbezahlbar. Jetzt hat er in Sonnen- bürg, allwohin er gefahren war, um sich al« Protektor deS JohannUer- Ordens«inkleiden zu lassen, in einer Antwort auf die übliche Anhochung folgenden Satz vom Stapel gelassen: „Zur Hebung, zur moralischen sowie religiösen Kräftigung und Ent- Wicklung de« Volke« brauche ich die Unterstützung der Edelsten de»- selben, meine» A d e l I,s und die sehe ich im Orden Sankt Jo- hanniS in stattlicher Zahl vereint." Also die Edelsten de» Volkes sind— der Adel. Diese Ohrfeige hat dem deutschen«ürgerthum noch gefehll. Darum also hat es sich in patriotischer Unterwürfigkeit und Opferwilligkett überboten, um mit dürren Worten erklärt zu hören: Ihr seid nur Schundwaare, wai nicht zum Adel gehört, ist nicht edel. Und diese Erklärung hat eine sehr materielle Tragwefte: was besonders edel ist, hat natürlich auch Anspruch auf be« sondere Rücksichten. Die höchsten Stellen im Staat, das Fett im Staats- suppentopf bleibt den„Edelsten und Besten" vorbehalten. Die„Edelsten" wären natürlich dumm, wenn sie sich das nicht zu Nutze machten. In dieser Beziehung haben sie nie einen Zweifel an ihrem praktischen Sinn auflommen lassen. Ueber ihre Verdienste um das Bater- land, namentlich in kritischen Zeiten, gehen die Meinungen weit auSein- «nder— man lese nur die recht& propos erschienene Reu-Auflage der „Rordspattioten"— über ihre Verdienste a m Baterland herrscht indeß nur eine Stimme. Das„Wie" hat ihnen nie Sorg« gemacht. Heute durch Bauernlegen, morgen durch Bauernfang, gemeinsam mit den Rittern der Finanz. Immer verstanden e» die„Edelsten", ihre Sonderstellung im Staat nutzbringend zu verwerthen. Und wenn der Schnapsadel be- rufen wird, das Volk sittlich zu„heben", so können wir unbesorgt sein, er wird sich dafür gehörig bezahlen lassen. Wohl bekomm'», Reichsphilister. — Ein znkSnftiger MnsterstaatSanwalt. Vor dem Schöffen- gericht Dresden spiette sich am 17. August ein Prozeß ab, dessen Verhandlungen den Geist, der die moderne Rechtsschul« in Deutschland beseelt, in seinem vollen Glänze zum Ausdruck brachten. Angeklagt war der Gutspächter Heinrich Oskar Fehrmann aus Gohlis bei Cossebauda und zwar der vorsätzlichen Körperverletzung, begangen an seinem Knecht Gommlich. Nach den Zeugenaussagen war (wir folgen dem Bericht de?„Sächs. Wochenblattes") der Hergang fol- gender: „Am 12. oder 18. Juni d. I. ließ Fehrmann auf seinem Felde Rüben pflanzen; der damals bei ihm bedienstete, etwas stumpfsinnige Knecht Gommlich hatte mit Geschirr Wasser herbeizufahren, bewerkstelligte dies aber nach der Behauptung des Angeklagten nicht so rasch, als er sollte. Fehrmann übertrug aus diesem Grunde das Herbeischassen deS Wassers dem in der Nähe beschäftigten Knecht Sabbath, während er Gommlich befahl, andere Arbeit zu verrichten. Gommlich widersetzte sich dieser An- ordnung keineswegs, weigerte sich indessen, die in seinen Händen befind- liche, ihm eigenthümlich gehörige Peitsche auszuliefern, ob- gleich Fehrmann widerrechtlich darauf bestand. Hierauf suchte Fehrmann dem Gommlich die Peitsche zu entteißen— allerdings ver- gebens. Bei dem Ringen zerbrach der Stiel der Peitsche und nun schlug Fehrmann dem G. mit dem dicken Ende des Stieles wiederholt nach de» Beinen, versetzte ihm auch einige Stöße, so daß Gomm- lich zu Boden fiel. Al» sich Letzterer wieder erhoben hatte, erhielt er vom Angeklagten mittelst einer kleinen langstieligen Feld- hacke zwei bis drei wuchtige Schläge an das linke Ohr, wodurch das obere Ohrläppchen gespalten und die Haut hinter dem Ohr stark verletzt wurde. Diese schmerzhaften Verletzungen verursachten bedeutende Blutung und machten, als Gommlich am folgenden Tage einen Arzt in Kötzschenbroda konsultirte, zwei Räthe nothwendig. Gommlich behauptete, die Schläge seien mit dem eisernen Theil der Hacke geführt worden, während der Angeklagte nur mit dem höl,ernen Stiel derselben geschlagen haben will, waS von dem Zeugen Sabbath bestätigt wurde. Der Angeklagte leugnete ferner, daß die Spaltung des Ohrläppchens von den Schlägen herrühre; er sei, als Gommlich niederfiel, ihm beim Aufstehen behülflich gewesen, und dabei habe er ihn allerdings am Ohrläppchen gesaßt(!!!), wodurch die Verletzung entstanden sein könne; übrigen? sei Gommlich schon vorher am Ohr verletzt gewesen und nur die Kruste Hab« sich bei dem Vorfall abgelöst. Diese Behauptungen des Angeklagten wurden durch die Zeugen völlig widerlegt; Gommlich hat sich ohne Zu- thun des Angeklagten vom Boden erhoben und im nächsten Augenblick die Schläge an das Ohr empfangen. Ebenso hinfällig waren die Aus- führungen des Angeklagten, daß Gommlich ihn bedroht und ihm den Daumen gebrochen habe; den Daumen hat sich der Angeklagte allerdings verletzt, aber nicht durch die Schuld Gommlich's, sondern infolge deS Ringens um die Peitsche." Nach beendetem Zeugenverhör erhebt sich der Vertreter der Staatsanwaltschaft, dessen hehr« Aufgabe es ist, Alles ohne Ansehen der Person zu thun, waS erforderlich erscheint, dem verletzten Recht Genugthuung zu verschaffen, und führt aus, nach seiner An- ficht habe sich der Angeklagte keiner vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht, zumal die in Frage kommende, dem Gerichtshofe vorliegende Hacke kein gefährliches Werkzeug sei.(Wir müssen an dieser Stelle bemerken, schreibt dazu daS„Sächsische Wochenblatt", daß in der vorher- gehenden Verhandlung gegen zwei Striesener Arbeiter ein Spazier- stock und sogar ein Regenschirm als gefährliche Werk- zeugeangesehenwurden!) Aber selbst für den Fall, daß der Gerichtshof die betreffende Hacke für ein gefährliche» Werkzeug halten sollt«, könnte doch nur von einer leichten körperlichen Mißhandlung, nicht von einer Körperverletzung die Red- sein: diese körperliche Mißhandlung werde jedoch fast bedeutungslos, da man sehr wohl annehmen dürfe, daß die Verletzung(Spaltung l) des Ohrläppchens durch das Niederfallen Gommlich's, also nicht durch die Schläge de? Angeklagten, entstanden sei. Man könne nach Lage der Dinge die Handlungsweise des Angeklagten unbedenklich als ein« nothwendig« körperliche Züchtigung betrachten, zu wel- cher er nach der sächsischen Gesindeordnung berechtigt gewesen sei(die schöne Gesindeordnung Sachsens!). Die Staatsanwaltschaft glaubte, daß der Gerichtshof zu keinem verurtheilenden Erkennwiß kommen werde." Ein Prachtkerl, dieser Vertteter der Staatsanwaltschaft, nicht wahr? Schade, daß der Name deS strebsamen JünglingS nicht hinzugefügt ist. Der hat einmal das Reskript der Herrn von Held, daß es nicht die Auf- gäbe des Staatsanwalt« sei, unter allen Umständen eine Verurtheilung zu erzielen, in seiner rechten Bedeutung erfaßt. Heutzutage, wo die Gesetze um der vielen Schlechten willen so scharf gefaßt werden, wäre es ja auch wirklich schade, wenn einmal ein Guter, d. h. einer aus der besseren Gesellschaft, in ihren Maschen hängen bliebe. Und so ward der Staatsanwalt zum Vertheidiger, handelte es sich doch darum, einen brutalen Knecht für die an seinem armen Herrn— nicht doch, einen brutalen Patron für die an seinem armen Knecht verübten Bruta- litäten zur Rechenschaft zu ziehen. Und der Hüter des Rechts ward zum Vertheidiger des Mißhandelten?— nein, des Mißhandlers. Natürlich brauchte nach solcher Glanzleistung staatsanwaltlicher Rechts- auSlegung der Vertheidiger des Fehrmann sich nur den Ausführungen feines„ausgezeichneten" Vorredners anzuschließen. Aber leider verfehlte diese rührende Uebereinstimmung diesmal ihre Wirkung auf den Gerichts- Hof. Die Schöffen zeigten, daß sie noch nicht da» richttge Verständniß für solche feine Jurisprudenz hatten, und Herr Fehrmann ward der vorsätzlichen Körperverletzung, begangen mit einem gefähr- lichen Instrument, für schuldig erklärt und zu 75 Mark Geldbuße(noch zu billig), eventuell 14 Tagen Gefängniß, und Tragung der Kosten ver- urtheilt. Hoffentlich kommt der Brave um Begnadigung ein, der Unterstützung der Staatianwaltschast ist er gewiß. Ali besonders auffallend bezeichnet daS„Sächsische Wochenblatt" noch, daß„der Angeklagte Fehrmann vom Richter wie vom Staat», anmalt stets mit dem Prädikat„Herr" bezeichnet wurde, während sowohl die in dieser Verhandlung austretenden Zeugen, als auch die in den übrigen Verhandlungen erscheinenden Angeklagten sich einer derartigen Anrede nicht zu erfreuen hatten. DaS„Sächsische Wochenblatt" vergißt aber, daß Richter und Staat»« anwalt die Verfassung, nach der alle Sachsen vor dem Gesetze gleich sind, „so wahr ihnen Gott helfe" beschworen haben, daß sie gute, rechtgläubig- Christen, daß Dame Justitia eine Heidin und blind ist. Rein-Eid ist mir heilig, sagt Stöcker. — Im WahNreise Ansbach-Schwabach findet demnächst eine Nachwahl zum Reichstage statt. Ali Kandidat unserer Partei wurde Genosse Dr. Bruno Schönlank in Nürnberg aufgestellt. Von den Demokraten, welche den Wahlkreis früher schon besessen, da» letztemal aber ihn an die Kartellbrüder verloren hatten, wird der be- kannte Demokrat Kräder aus München portirt. — Die Arbeiter und da» Meisterthnm. Auf den verschiedenen Jnnungs-, Handwerker->c. Tagen, welche während der letzten Wochen in den verschiedenen Städten Deutschlands stattgehabt, haben die biedern Zopsmeister ihrem Haß gegen die Arbeiterschaft und die polttische Vertreterin derselben, die Sozialdemokratie, wieder so recht unverholen Ausdruck gegeben. Am klassischsten hat die» auf dem „Allgemeinen deutschen und bayerischen Handwerkertag", der in dem bier« seligen München sein« welterschütternden Resoluttonen zusammenbraute, der JnnungS-„Bruder" Heinz« aus Hannover gethan.„Mit dem Humanitälsdusel kommt man nicht weit," rief er emphatisch auS,„gegen die Sozialdemokratie muß man radikal vorgehen und das Sozialisten- gesetz möglichst verschärfen. Ich sehe in Jedem, der die Beseitigung de» Sozialistengesetze» wünscht» einen Feind de» Handwerks." Sehr gut gesagt. Mit anderen Worten heißt da»: Das„Handwerk", will sagen die Handwerksmeisterherrlichkett, ist nur aufrecht zu erhalten durch brutale Ausnahmegesetze, wenn hinter jedem Arbeiter ein Polizist steht, der ihm mft der Peitsche Gehorsam gegen den gestrengen Herrn Meister eintränkt. Jeder Versuch einer Organisation der Arbetter ist al« eine Auflehnung gegen die von Gott gewollte Gesellschaftsordnung an den„Rädelsführern" mit E x p a t r i i r u n g, an den Theilnehmern mit mehrjähriger Zuchthausstrafe zu ahnden. Die Arbeiter solle« fleißig schassen, solange als es dem Meister gefällt, und in ihren Feier« stunden beten und Gott danken, daß er den Herrn Meister nach seinem Ebenbild« erschaffen. Erst dann, wenn dieses Ideal erreicht ist, wird der Handwerksmeister wieder seines Lebens sroh werden, und nicht mehr schon am frühen Morgen in der Schenke im Schweiße seines Angesichts auf die Unbotmäßigkeit und Begehrlichkeit der Arbeiter zu schimpfen brauchen, anstatt sich ungestört der Arbett— des Kartenspiels zu widmen. Wie berechttgt die liebenswürdigen Forderungen der Handwerksmeister. zeigt sich sofort, wenn man die Lage der Arbeiter im Handwerksbetrieb« mit der Lage derjenigen Arbeiter vergleicht, welche im Großbetrieb be- schäftigt sind. Wir sind gewiß nicht geneigt, den Großkapitalisteu da» Wort zu reden, sie beuten die Arbeitskrast ihrer Arbeiter nach Möglich« keit aus, aber eine so kleinliche Abrackerung und Ausmergelung, wie sie beim Handwerk stattfindet, gehört bei ihm zu den Ausnahmen. Man vergleiche z. B. die nachstehende Statistik der Lohnverhält« nisse der Tischler inBraunschweig für dasJahr 1887, die jüngst in einer allgemeinen Tischlerversammlung in der genannten Stadt zur Verlesung kam. Danach werden in Braunschweig(von der Tischlereiwerkstätte auf dem Staatsbahnhofe abgesehen) beschäftigt: in 16 Großbetrieben 363 Tischler, in 64 Kleinbetrieben 368 Tischler. Der Durchschnittslohn betrug pro Stunde: im Kleinbetrieb 29 Pfennige, im Großbetrieb 31 Psennige, und zwar bewegten sich die Löhne: im Kleinbetrieb von 24 Pfg. bis 35 Pfg. pro Stunde, im Großbettieb von 2» Psg. bis 37 Pfg. pro Stunde, wobei noch zu bemerken ist, daß im Großbetrieb der niedrigste Lohn von 25 Pfg. und der darauf folgende von 27 Pfg. die Stunde zusammen auf 14 Personen entfallen, während im Kleinbetrieb e» schon 74 Per« sonen sind, die sich mit 27 Pfg. und darunter pro Stunde bescheiden mußten. Umgekehrt entfallen die höchsten Löhne des Klein» betriebs 33 Pfg. und 35 Pfg. pro Stunde auf im Ganzen 24 Ar« better, während im Großbetrieb 92 Arbeiter 33 Pfg. bez. 37 Pf?. erhielten(den letzteren, im Kleinbettieb gar nicht erzielten Lohn erhielten 37 Arbeiter). Ueber die Länge des Arbeitstages fehlen die Angaben, doch ist al» sicher anzunehmen, daß im Großbetrieb nicht länger gearbeitet wurde als im Kleinbettieb. Jntereffant und charakteristisch sind aber wieder die nachstehenden Zahlen über die Altersverhältnisse der beschäftigte» Arbeiter. Es betrug daS Durchschnittsalter der Beschäftigten: im Kleinbetriebe 29�/, Jahre, im Großbetriebe 34'/, Jahre. Der Kleinbettieb weist(Lehrlinge ausgenommen!) die größte Zahl der jugendlichen, 238 gegen 136, und die geringste der bejahrteren(über 40 Jahre alten) Arbeiter, 44 gegen 105, auf. Also auch hier das Verhält- niß beim Kleinbetrieb wesentlich ungünstiger für die Arbeiter als beim Großbettieb. Man sieht, die Herren Handwerksnieister wissen, warum sie aus die Arbetter und deren Organisationen schimpfen, ihr Haß hat seinen sehr wohlmotivirten Grund: man haßt immer den am tiefsten, dem man am meisten Unrecht zugefügt. Es ist das„gute Gewissen", das den Herren ihre Flüche gegen die neuzeitliche Entwicklung und die Sman« zipationsbestrebungen der Arbeiter auspreßt, und will man ihre menschen« freundlichen Bestrebungen im rechten Sinne erfassen, dann belehrt uni ein anderer Zunftheiliger auf dem, vorletzte Woche in Schwerin abgehaltenen Schuhmacher-Jnnungstag: „Die praktische Nächstenliebe sängt stets bei der eigenen Person an." Man sollte diesen Spruch in Gold fassen. Er kennzeichnet besser al» bändereiche Abhandlungen das gesannnt«„prattische Christen« t h u m"— denn gute Christen sind die Herren alle, alle— des neu« deutschen Kaiserreichs. — Unerbittlich vollzieht die Nemesis ihr Amt als Rächerin. Erst jüngst ist der Mörder Lieske's, Staatsanwalt Frehse in Frankfurt, in die qualvolle Nacht des Wahnsinns versunken, der sozialistenfresserische Staatsanwalt Bartsch in München war schon vor ihm vom selben Geschick ereill— einer der wüthendsten Kommunehenker, Hauptmann G a r c i n, ward ebenfalls vom Berfogungswahnfinn befallen, und jetzt melden soeben die Blätter, daß auch der Vsrräiher Ducatel, der den Bersaillern Truppen den Weg nach Paris gezeigt, in«in Irrenhaus gebracht werden mußte. Ob de» Mitglieder der ReichsgalgenkommissioN nicht ein geheimes Grauen überfällt, wenn sie so einen nach dem ander« ihrer Vorgänger und Mitverbrecher auf daS Schaffst des geistigen Lebens und des körperlichen Zerfalles steigen sehen? Und während wir dies schreiben, bringt die amerikanische Post folgende Nachricht, die— wir gestehen es offen— uns und, wir hoffen, jeden rechttich denkenden Menschen mit jener Genugthuung erfüllt, welch« die Sühne eines begangenen Verbrechens erzeugt: „Richter Gary von Chicago, der einstmals hervorragende Jurist, welcher die Chicagoer Anarchisten zum Gehenktwerden verurthetttt, ging gestern Abend um 8 Uhr LLgMinuten mit dem Ueberland-Schnell« zug der Union Pa zifik nach dem Westen. Er war von einem Chica- goer Arzt begleitet, welcher den Richter zum Besten semer Gesundheit nach der Pa zifikküste nimmt. Ein Berichterstatter deS„Herald" sah den einst berühmten Richter und war überrascht, in ihm ein geistig«? und physische» Wrack zu finden, welches durch einen Wärter i« der Person des jungen ärztlichen Begleiters sorgsam bewacht werden mußte. Sein Leben, sowett es von Nutzen sein kann, scheint b e e n d e t und von jetzt an wird sein Dasein wahrscheinlich ein elende» sein.« Dazu bemerkt der„Vorbote": „O, Nemesi»! Göttin der Vergeltung, olympische Vertreterin des Lynchrechtes, du bist doch noch nicht«nttrohnt! Du waltest und haltest ein strenge» Gericht. Die Dienerinnen der Göttin schlafen nicht, und wie sie den alten; Nachahmer de« blutigen Jeffrey» zur Strafe gebracht haben, so werden sie früher oder später auch dessen Mitschuldige niederhetzen!— Wem sollte es nicht begreiflich erscheinen, daß das Schweige« eines August Spies dem, welcher ihn morden half, furchtbarer ist, als es die Rede deS begeisterten Apostels der Freiheit dem verhärteten Mam« monSknecht zu sein vermochte?— Sollte e» ihm nicht im Schlafe er- schienen sein, daS bleiche, schwermüthige Gesicht Michel Schwab'», des „Zuchthäusler»"? Sollte nicht der Schatten Reta Reebe's, der vor Herzeleid und Gram vorzettig in da» Grab gesunkenen Gatttn de» frei- müthigen Organisators, wie ein Alp auf ihm gelastet haben? Was mag wohl der Geist Parson'S dem Richter zugeraunt haben, Parfon's Geist, welcher sich verttauensselig den Bluthunden stellt, die seine Spur verloren hatten? Gary ist geistig und körperlich ein Wrack! W« kann es Wunder nehmen?" Und wer möchte e» bedauern? fügen wir noch hinzu. —„Wer sich schämt,»vird«icht reich," sagte einst der kürzlich verstorbene ungarische Kultusminister Trefort, als von irgmd einem»u Ehren und Millionen gelangten Streber die Rede war. Herr Trefort hat da ein wahre» Wort gesagt, und an sich selber die Wahrhett des« selben erprobt. Denn weil er sich schämte, d. h. Scham- und Ehrgett. besaß, und eS nicht machte, wie seine Stande?« und Klaffen-Genossen« brachte er es auch zu Nichts und starb arm wie eine Kirchenmaus. Der Mann sprach sicherlich mehr au« persönlicher Anschauung als au» wissen- schastlicher Kenntniß der ökonomischen Verhältnisse, denen die Millionäre ihren Ursprung verdanken. Er wußte wohl schwerlich, daß da» sogenannte Eigenthum aller Millionär« zusammengestohlenes und zusammenverdtentes Eigenthum anderer Menschen ist, also daS Produkt direkten oder indirekten Diebstahl»— die Geheimnisse des„MehrwerthS" hatten sich ihm wohl schwerlich erschlossm, allein die Gesellschaft, in welcher er sich bewegte, bestand ja zum großen Thefle au» Millionären, und die Börsen« geschäste, Spekulationen,„Trinkgelder", Lieserungen und sonstigen noble« Praktiken, aus denen die Millionen herausspringen, waren ihm sicherlich bekannt. Jedenfalls hat er Recht gehabt mit seinem geflügelten Wort! Wer sich schämt, wird nicht reich. — Et« Muckerblättchen des Wupperthal», dai sich„Bor- wärt»" nennt,«eil es die Arbeiter zu stumpffinnigem Arbeitsvieh zurück- „bilden" möchte, hatte jüngst die Unverschämtheit, folgend» Briefkasten- Notiz vom Stapel zu laffen: „Dem früheren Sozialdemokrat. Da» offizielle Organ der Sozialdemo- kraten ist der Züricher„Sozialdemokrat". Es ist Thatsache, daß derselbe l) da» Dasein Gottes leugnet, den Menschen also zu einer Höheren Stufe «we» Thiere» degradirt. 2) Er fordert zu polttischem Meineid auf, die Helligkeit des Eides ist natürlich für Leute nicht da, die an keinen Gott und an kein ewiges Leben und keine Vergelwug glauben. 3) Er pro- klamirt die„freie Liebe", die Heiligkeit der Ehe kennt er nicht. Wenn also einem Sozialdemokraten die Frau nicht mehr gefällt, so kann er fie nach sozialdemokratischer Lehr« wegjagen, eine andere nehmen, nach einigen Wochen diese wieder wegjagen u. f. f. SM« man es wirklich für mög- lich halten, daß hier im Wupperthal und den angrenzenden Kreisen Arbeiter sich finden, die einer solchen Partei angehören? Und doch ist eS fo, daher Pflicht eines Jeden, diese Arbeiter aufzuklären. Wir glauben »ficht, daß viele Arbeiter das wollen, was eigentlich die Sozialdemokraten imstreben. Berbreitet daher den„Vorwärts"." ES verlohnt sich zwar eigentlich nicht der Mühe, dem Sudelblatt, an deffen Spitze natürlich ein P f a r r e r steht— wahrscheinlich um seinem frechen Lügen die höhere Weihe zu geben— noch eine Antwort zu geben, indeß einmal heißt nicht immer, und so sei dem„Vorwärts" hiermit erwidert: l) Ist e» nicht Thatsache, daß der„Sozialdemokrat" das Dasein Gottes„leugnet". Was er leugnet, ist nur, daß die„Beweise" der Gläubigen für da» Dasein Gotte» wirkliche Beweiskraft haben. Sn Uebrigen ist er mit allen Gläubigen darin einig, daß da» Wesen ottes— unbegreiflich ist. Ob ei eine„Degradirung" fei, wenn man im Menschen ein höheres Thier erblickt, darüber wollen wir mit Leuten nicht strei- ten, die das Evangelium von der„Erbsünde" predigen. 2) Ist eS nicht nur n i ch t T h a t f a ch e, sondern«ine schamlos« Berleumdung, daß der„Sozialdemokrat" je»um polittschen Meineid aufgefordert. Er hat vielmehr stets vor diesem bei Gottes- anadenthümlern, Hofpsaffen, Spitzeln und Spitzelmeistern so beliebten Auskunftsmittel gewarnt. 3) Ist es nicht Thatsache, daß der„Sozialdemokrat" die„freie Liebe", wie fie z. B. R i l a n, von GotteSgnaden König von Serbien, Und die Mehrzahl seiner gekrönten Vettern, wie sie der fromme Sohn Herbert des frommen Reichskanzlers des deutschen Reiches, wie sie Etöcker's Mtbruder in Christo, H a p k«, und noch viele andere Große und Gläubige vor dem Herrn kulttvirt haben und noch kultiviren, je proklamirt hat. Er hat die Arbeiter nie aufgefordert, sich diese Herr- schatten zum Muster zu nehmen, und wir glauben auch nicht, daß viele Arbeiter des Wupperthals und der angrenzenden Kreise da» wollen. Daher halten wir es für unsere Pflicht, fie über die Grundlagen eines würdigeren Verkehr» der Geschlechter aufzuklären. AuS allen diesen Gründen lesen die Arbeiter de« Wupperthals ,c. den „Sozialdemokrat", halten fie stramm zur Sozialdemokratie und nehmen p« den„Vorwärts" für das, was er werth ist— nämlich nichts. — Sine jeuer nichtswürdige« Berleumdunge« der rufst- scheu Revolutionäre, wie sie daS verlogene„Neue Wiener Tage« blatt" von Zeit zu Zeit aus Sensations-Bedürfniß auszubrüten pflegt, wacht wieder einmal die Runde durch die deutsche Presse. Danach hätten die„Rihllisten" die reiche Hausbesitzerin Mathilde Rosenfeld in Moskau, welche mit ihnen häufig verkehrt und sie sogar(!) in ihrem haus« in der Soldatskajegasse beherbergt haben soll, fo daß st« infolge dessen bestraft und unter polizeiliche Aufsicht gestellt worden sei,« r« Word et und beraubt. Sie wurde, heißt es, am ll.dieS in ihrem Keller, auf einem Haufen Ei» liegend, ermordet aufgefunden. Da die Ermordete in der letzten Zeit der Moskauer Polizei drei ihrer nihi» listischen Freunde verrathen hatte, vermuthet man, daß der Mord von Rihllisten aus Rache verübt wurde. Aus der Wohnung der Ermordeten waren alle ihre Privatkorrespondenzen und 30,000 Rubel in baarem Geld« verschwunden. Wenn der Rott» überhaupt eine wahre Begebenheit zu Grunde liegt, dai heißt, wenn«ine Frau jene» Ramens wirklich ermordet und ve- Kohlen wurde, so haben Nihilisten— das heißt Leute, die man als solch« bezeichnet— gewiß nicht» damit zu thun. Die russischen Revolu- tionäre haben wiederholt, und erst in der neuesten Zeit wieder, sich auf daS Entschiedenste dagegen verwahrt, daß sie den Raub an Privatpersonen gutheißen oder gar üben, und es ist ihnen auch noch nicht in einem Falle dergleichen nachgewiesen worden. Wer in Rußland stiehlt, mit schamloser Frechhett fast am hellen, lichten Tag« stiehlt, das ist die„von Gott" eingesetzte Obrigkeit. daS hohe und nie- der« Beamtenthum, und die Polizei macht da keine Ausnahme. Den Revolutionären andichten, was die in Amt und Würden sich breitmachende vpitzbubengesellschast tagtäglich thut und treibt, und was die„Nihilisten" gerade ausrotten wollen, heißt die Sache des Fortschritts und der Frei- heit verleumden. Eine Aufgabe, würdig eines„demokratischen" Blattes, und darum heckt gerade daS„Reue Wiener Tageblatt" diese Art Notizen aus und die gesammte liberale und demokratische Tage»presse beeilt fich, fie ihm nachzudrucken. Gedankenlosigkeit, Prin- iipienverrath- dein Name heißt Journalistik. Beiläufig sind«S dies« Art Sensationsnot», en Wiener Fabrik gewesen. die erst in Westeuropa den Boden vorberettet, dem die vtellmache« beten ,c. entsprungen sind. — Ej« Festdichter««ter allen Umstände«. Wir lesen in deutschen Zeitungen: „Aus Krefeld, 19. August. Zur 7Sjährigen Jubelfeier der Er« richtung des vierten westfälischen Infanterieregiment» Rr. 17, an wel- (her General von Woyna und eine Deputation deS Regiments, sowie tzahlreiche frühere Angehörige deS Regiments theilnahmen, fand heute U»U«r Mitwirkung der Regimentsmusik und des Sängerbundes ein fest- licher«» in der Stadthall- statt. Nach einer von dem Landrath von Bönninghausen gehaltenen Ansprache hieß der Oberbürgermeister Küper die Festtheilnehmer Ramens der Stadt willkommen, darauf brachte Gmeral von Woiina in begeisterten Worten ein Hoch auf den«aiser ■M. Schließlich trug der Dichter Emil Rittershaus ein Fest. g e d i ch t v o r." Hoffentlich nicht mit dem Refrain: �, „Daß ein Geschlecht der Teil« wächst für jeden Se?« (et, der noch lebt." —«rbetter, di« Richter i««uklagezustand versetze«— daS ist die neueste Kunde, die von jenseits des OzeanS einläuft, und die «inen gesitteten Bürger der Monarchie schier vor Entsetzen erstarren »Nachen könnte. Was soll auS der Achtung vor der Autorität, dieser Grundlage aller staatlichen Ordnung, werden, wenn der Richterstand von der Masse deS Volkes nicht mehr al» ein Blümchen rühr' mich nicht an betrachtet wird? DaS ist ja der leibhastige Umsturz. Nun. wir wollen nicht leugnen, daß sich da» Unternehmen der orga- uisirten Arbeiter von San Franziska, die dortigen Lundesrichter wegen willkürhafter Auslegung der Gesetze in»nklagezustand zu versetzen und ihre Amt». entsetzung herbeizuführen, mit der Iustijversassung und den Grund- »ätzen der Rechtspflege des heiligen preußischen Reiche» deutscher Nation schwer vereinbaren läßt, aber wir sind leider so verkommen, anzunehmen, daß es dem deutschen Richte rstanv durchaus nicht» schaden könnte, wenn Im so wäre. An Ansehen kann er, nach einem bekannten Ausspruch. «ficht viel verlieren, würde also nur die Wirkung bleiben, daß gewisse Leute ihr««uSlegungSgelaste etwas einschränken dürften. Doch lassen wir diese Nutzanwendung auf da» Land, dessen Richter- Sand wegen seiner Unabhängigkeit berühmt— war. und vernehmen wir. worum e» sich in San Franziska h-ndett. Es ist die«uslegung der Habeat-Korpus-Atte. d. h. der zum Schutz der persönlichen Freihett erlassenen Gesetze, feiten» der Bundesrichter de» Staate» Kalifornien in tnem, der ChinefewEinwanderung oder richtiger Einführung gün- «gen Sinne, der die dortigen Arbeiter zu dem oben angeführten»«. chiuß geführt hat. Heber die betreffende Versammlung, die am 25. Juli iattfand, berichtet die San Franzi«-„Abendpost"; „Die Massenversammlung, die von der hiesigen Zigarrenmacher-Union «inberufen und von den anderen Arbeiterorganisationen indossirt(zu der ihrigen gemacht) worden war, ist ganz so abgelaufen, wie im Interesse der Sache gewünscht werden konnte. Keine schwülstigen, herausfordernden und dabei unpraktischen Deklamattonen gewerbsmäßiger Demagogen, keine unausführbaren Drohungen, sondern lediglich sachliche Darlegungen de? neuen Uebelstandes und sofortige Anbahnung geeigneter Schritte, um demselben abzuhelfen— dies ist der übersichtliche Inhalt dieser im- posanten Demonstratton, an welcher sich gegen 5000 Bürger auS allen Ständen, aber meist Arbeiter, betheiligten. „Die neueste Beschwerde ist bekanntlich die, daß die hiesigen Bundes- richter das Habeas-Korpus-Recht in einer Weis« auslegen und anwenden, die der Chinesen-Einwanderung Thor und Thür öffnet und die bestehenden Gesetze zur Beschränkung derselben geradezu nutzlos macht. „Die Hauptenergie der Versammlung war daher auch sehr zweckmäßig gegen die beiden anstößigen Bundesrichter Sawyer und Sabin gerichtet, deren Anklage und Absetzung in einer Denkschrift an den Kongreß verlangt wird. Um jedoch mittlerweile den Folgen ihres Verfahrens, d. h. dem massenweisen Einströmen unberech- ttgter Chinesen entgegenzutreten, wurde ebenfalls sofort ein Bürgerkomite ernannt, dem die Organisation des Widerstandes mit allen gesetzlichen Mitteln aufgetragen ist. Und gleichzeitig wurde auch der nsrrus rerum gerendarum nicht vergessen, der durch allgemeine Subskriptton, ins- besondere zur Bezahlung tüchtiger Advokaten, aufgebracht werden soll. „Die besonnene, durchaus prakttsche Haltung der neuesten hiesigen Maf'enkundgebung gegen die Chinesen-Einwanderung kann nicht verfehlen, im Osten einen tiefen und imposanten Eindruck zu machen. Die bekann- ten gewerbsmäßigen Schreier glänzten diesmal durch ihre Abwesenheit." Soweit der Bericht. Ob die Arbeiter ihr Vorhaben durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. Zunächst müßten sie es dahin bringen, daß das Repräsentantenhaus(die eigentliche Volksvertretung) einen Antrag in ihrem Sinne stellt und dann bedarf es zu seiner Annahm« einer Zwei« drittel-Mehrheit des Senats für denselben, deren Gewinnung zum mindesten zweifelhaft ist. Aber da die Arbeiter in der Chinesenfrage einen namhaften Thetl des Kleinbürgerthums für sich haben, so ist wenigstens so viel wahrscheinlich, daß sie indirekt zu ihrem Ziel gelangen. Es kommt ihnen das Vorurtheil einer beschränkten Menge zu Gute» und dieses ist — leider— heute meist ein viel wirksamerer Bundesgenosse alS das lauterste Recht, die unwiderlegbare Güte der verfochtenen Sache. Hüben wie drüben, in der Monarchie wie in der kapitalistischen Repu- blik ist eben Macht— Recht. Zur Agitation für de« internationalen«rbeiterschutz. Nachdem die schweizerischen Räthe beschlossen haben, auf's Neue bei den verschiedenen Regierungen die Frage des internattonalen ArbeiterschutzeS anzuregen, ist es ganz besonders Pflicht der Arbeiter derjenigen Länder, deren Regierungen sich bisher zu der Frage gleichgültig oder ablehnend verhalten, sich kräftig zu regen, damit die Sache diesmal nicht wieder im Sande verlaufe. Dafür, daß dies in der nordamerikanischen Union geschieht, hat das„Philadelphia Tageblatt", wie wir in einem Leitartikel derselben lesen, einen recht praktischen Schritt unternommen, den wir unfern Genossen in andern Ländern zur Nachahmung bestens empfehlen können. Die„amerikanischen Arbeiter", heißt e» da,„suchen heute den Mit« bewerb der europäischen durch die Zollgesetzgebung zu bekämpfen; die Einen, wahrscheinlich die große Mehrheit, indem sie auf die Bei« beHaltung hoher Zölle dringen; die Anderen, indem sie die sog. Rohstoffe, meistens land- und forstwirthschaftliche Erzeugnisse, billig und daher zollfrei haben möchten, in der Hoffnung, sodann die auLwärttge Industrie auf dem Weltmarkt unterbieten zu können. DaS sind beides falsche Bestrebungen, welche die Arbeiter keinen Schritt weiter vorwärts bringen. Der Schutzzoll fördert allerdings die Entwicklung einer noch schwachen Industrie, aber darum handelt es sich hier nicht mehr. Aber er erhöht nicht den Lohn, Ausnahmen abgerechnet, denn innerhalb des Schutzzoll-Gebietes kann und wird die Zahl der Ar- beiter beliebig vermehrt, so daß ihr Mitbewerb schon daS Steigen deS Lohnes verhindert. Was aber die„Eroberung des Weltmarktes" anbelangt, so muß man um denselben in doppelter Hinsicht kämpfen. Einmal mit Kanonen, wie England, mit denen man sich fremde Länder erschließt und unter- jocht. Sodann mit dem Herzblut der Arbeiterschaft, welche billig, immer billiger werden muß, damit mau die fremden Konkurrenten be- siegen kann. Und schließlich, wa» jetzt noch an neutralen Märkten zu erobern ist, das ist wirklich der Mühe nicht werth. Es handelt sich also darum, die amerikanischen Arbeiter von diesen zwecklosen Bestrebungen abzubringen und sie auf die Frage der inter- nationalen Fabrikgesetzgebung zu leiten, worin wirklich ihr Schutz besteht. Diese Frage muß daher zur Tagesfrage in der Arbeiter-Be« wegung gemacht werden. Die amerikanischen Arbeiter wissen aber nichts von den Bestrebungen der Schweiz. Die englische TageSpresse hütet sich wohl, sie darüber aufzuklären, weiß wahrscheinlich auch selbst nicht viel. Wir Eingewanderte müssen ihnen also den Sachverhalt darlegen. Thue darin Jeder, was er kann. Der Redakteur des„Tageblatt" hat die Häupter dergroßenArbeiter-Verbindungen schrift« lich aufgefordert, die Frage vor ihre Organisa« tionen zu bringen und bei dem Staatssekretär, Mr. Bapard, Vorstellungen zu Gunsten des Ein« gehenS auf die Anträge der Schweiz zu erheben. Das ist natürlich nicht genügend. Die Vertreter der deutschen Ge- werkschaften in den verschiedenen Zentral Körpern müssen daselbst daS Thema auswerfen und mcht ruhen, bi» es zur Geltung gelangt. Es sollte in Zuschriften an die englisch« Arbeiterpresse erörtert werden; eine knappgefaßte Darstellung der seitherigen Bemühungen der Schweiz und de« Nutzens der internattonalen Fabrikgesetzgebung speziell für dieses Land, sollt« in Pamphletform publizirt und massenhaft verbreitet werden. Und, wir wiederholen, die Sache hat Eile, da daS Zirkular der Schweiz wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen wird." Wir können nur wünschen, daß diese Anregung Erfolg hat, und, wie gesagt, daS Beispiel zur Nachahmung besten» empfehlen. — Sollte man e» für möglich halten? Auch über Ueberproduktion an Pfaffen wird bereits in Deutschland geklagt. Wir sehen da- bei selbstverständlich bereit» von jenen frivolen Spöttern ab, di« da meinen, an Pfaffen könne«» überhaupt keine andere als Ueber» Produktion geben, sondern halten uns an das, wa» aus den ureigensten Kreisen der GotteSmänner verlautet. Diese selbst sind e«, denen vor dem Zuwachs, den ihnen die Universitäten alljährlich in Hülle und Fülle spenden, Angst und bang- wird. Im Jahre 187S, lesen wir in einer davon handelnden Rottz, zählten die 17 evangelischen Fakultäten in Deutschland 1595 Theologen. 187S bereit» 1945, 1882 schon 3097, bi» sie im Jahre 1886 das Maximum von 4837 erreichten. Bon 1595 bis auf 48S7 in zehn Jahren!„Svoo genügten", seufzt die„Christliche Welt", ein Pfaffenblatt, zu dieser Stattstik. Ja, die Bourgeoisie braucht nicht nur Pfaffen zur Bekehrung ihrer Arbeiter, sie braucht auch Pfaffenposten zur Unterbringung ihrer Söhne. Ein Bedürfniß ist immer stärker wie das andre. Beide sind zwar sehr naturalistischer Natur, aber den Gerechten gereichen alle Dinge zum Guten, und so kommt da» Land zu immer mehr Kirchen, auf dem Wege der„Wechselwirkung". — Vom kanfmännische« Proletariat. In Kohlfurt (Schlesien) warf sich, wie die Zeitungen berichten, vor einigen Tagen ein junger Mann unter di« Räder eine» Zuge» und wurde überfahren. „In den Kleidern deS Selbstmörders fand man einen Brief, aus welchem man ersah, daß derselbe Reisender für eine Kunstbutter« f a b r i k in Breslau war. In dem Brief theitte der junge Mann mtt, daß er von seinem Prinzipal nur 50 Mark Monatsgehalt er» halten und mtt dieser Summe nicht habe auskommen können. Er habe in Folge deffen verschiedene Gelder, die er für da» Geschäft eingezogen, für sich verbraucht und müsse deshalb, um der Schande zu entgehen, sich da» Leben nehmen." Fünfzig Mark Monatsgehalt für einen Reismden! So etwa» ist auch nur im Land der systematischen Lohndrückern möglich. Aber ei ist nicht logisch, daß nach dem Jndustrieproletariat nun auch da» kauf« männische Proletariat an die Reihe kommt. Schon beginnt«S in seinen Reihen zu tagen, und je mehr da» durch nichts, absolut nicht» mehr gerechtfertigte Standesvorurtheil dahinschwindet, um so größer wird der Zuwachs few, den es der sozialen Befreiungsarmee stellt. Und die aus den Rethen der bisher privUegirten Klaffen dem kämpfenden Proletariat zugetriebenen, verbürgen nicht nur durch die n u m e r i f ch e Verstärkung- die sie ihm bringen, den politischen Sieg desselben, sondern auch durch die technischen Hlllfskräfte, die fie darstellen, seine endgültig« wirthschaftllch« Befreiung. —«nch znm Thema vom gleichen Recht gehört folgender Vorgang, der sich inHamburg abgespielt. Dort hatte die Schlosser« Innung während des Streiks der Schlsssergesellen eine Liste anfertigen laffen, in welcher diejenigen Gesellen, welche di« Arbeit niedergelegt hatten, verzeichnet waren. Die Meister waren aufgefordert, diese Se« sellen nicht wieder in Arbeit zu nehmen. Mehrere Gesellen, welche in der Liste verzeichnet waren, wandten sich an die Staatsanwalt« f ch a f t um Bestrafung des Vorstandes der Innung, da ihr Vorgehen durch da» Gewerbegesetz verboten sei. Die Staatsanwaltschaft hat jedoch dem Ansuchen der Gesellen keine Folge gegeben, weil die Anfertigung der Listen nicht alS strafbare Handlung angesehen werden könne. „Natürlich! Umgekehrt aber würde ein Schuh darau»"— bemerkt dazu ein deutsches Arbeiterblatt. Es hätte auch sagen können,«in Strick. Aber freilich, das hätte es nicht sagen dürfen. — Recht barbarische Zustände herrschen doch noch in Mexiko. Man höre nur, was amerikanische Zeitungen von dort zu berichten wissen: „Auf der mexikanischen Zentralbahn waren fett einiger Zeit fortgesetzt Diebstähle an Frachtgütern bemerkt worden, ohne daß es gelingen wollte, die Schuldigen herauszufinden. Die meisten Diebstähle wurden so kühn und geschickt ausgeführt, daß sie von den gewöhnlichen mexikanische» Arbeitern nicht verübt sein konnten; man hatte daher die amerikanischen Angestellten im Verdacht. Nun ließ der Geschäftsführer sich einen er« probten„Pinkerton" kommen und stellte ihn als Bremser«Uf einem der wichtigsten Frachtzüge an. Der Verdacht desselben lenkte sich auf zwei Schaffner, denen er sich denn auch bald mit dem Vorschlag zu einem gemeinsamen großen Diebstahl nähert«. Die Schaffner merkten aber die Absicht, baten sich Bedenkzett au» und machten unterdessen dem Polizeihauptmann der Stadt, wo der Zug ge« rade lag, Mittheilung. Dieser empfahl ihnen scheinbar Einwilligung und als sie Nachts mit dem„Pinkerton" eben an der Arbeit warwz tauchte der Polizeihauptmann nebst mehreren Polizisten auf und ver« haftete alle drei. Die Sache kam vor da» Kriminalgericht und der Lockspitzel wurde z« IZjähriger Zwangsarbeit in einep Strafansiedelung auf Uucatan verurtheilt. Der Eisenbahnsuperintendent Mackenzie eilte zwar herbei und setzte de» Richi tern von Silao den ganzen Zusammenhang auseinander, da» half ab« nichts. Der Geheimpolizist, meinten sie, habe versucht, zwei unschuldige Männer ins Unglück zu stürzen und daran ändere der ganze Plan zur Entdeckung der Diebe nichts. Ja, sie ließen ganz deutlich durchblicken, daß e» eigentlich ihre Pflicht wäre, auch Herrn Mackenzie als Veranstalter de» Ganzen in ihre Obhut zu nehmen und nach Pucatan zu schicken. Jeden» falls werde das im Wiederholungsversuche geschehen. Der„Pinkerton" soll schon auf dem Wege nach Ducatan sein; die Bahnverwaltung ab« ist im Begriff, den Präfidenten um seine Begnadigung anzugehen." „Daß Ruiz Dia»", bemerkt dazu der Chicagoer„Vorbote",„fich de« Herrn Eisenbahnsuperintendenten zugänglicher zeigen wird als die Richtqi, ist sehr fraglich." Der Lockspitzel wird also dreizehn Jahre Zeit Hab« darüber nachzudenken, ein wie schönes Ding e» doch ist um die höher« Kultur— im Osten. In den Vereinigten Staaten hätte er für seine „Findigkeit" eine fette Dotation, im Reich der Gottesfurcht und fromme» Sitte für seine„Pflichttreue" eine eklatante G e n u g t h u u»g erhalten. Und jetzt 13 Jahre Zwangsarbeit— o welch' barbmttsch» Sitten! — Und wer de« Papst znm Vetter hat... Unser Freund JeSko von Puttkamer ist nicht mehr Kanzler von Kamerun. Gr ist zum Reichskommissär im Togo-Gebiet vorgerückt, was eine Erhöhung feine» Gehalts von 12,000 Mark auf 18,000 Mark bedeutet. Man sieht, auch wenn man bei noch so viel Examen— vorbeigeht, kann man es zu etwas in der Welt bringen. Man muß nur guten G e s ch m a ck in der W a h l seiner Eltern an den Tag legen. — Zum Kapitel:„Moral". Unser nordamerikanische» Brüte» organ, der New-Aorker„Sozialist", hatte vor einigen Wochen z« Kennzeichnung der Moral der„Anständigen" einige Lieder veröffentlich� die auf einem Fest der New-Dorker Turner auS den Kreisen der Baun geoisie alS ein Theil des Festprogramme» gesungen worden waren und die fich ausschließlich auf dem Gebiete der niedrigsten Zote bewege» Diesem Bilde auS einer im Verkommen begriffenen Gesellschaftsklasse di«) an keine Ideale mehr glaubt, hat der„Sozialist" di« aufstrebende die Zukunft der Menschheit verkörpernde Arbeiterklaffe entgegengehalten. Ob er in dieser Hinficht des Guten etwa» zu viel gethan, wollen wir nicht nachträglich untersuchen— genug, der in Detroit erscheinende „Arme Teufel" nahm an einigen Sätzen deS„Sozialist" Anstoß uub schrieb u. A.: „Wenn aber der„Sozialist" bei dieser Gelegenheit auf Koste» der Prominenten"') und der Bourgeoisie die Moralität der Arbeit« herausstreicht, fo ist er leider auf dem Holzweg. Gerade solche Schweinigeleien werden auch bei den Arbeitern bisweilen gesungen und mit großem Gusto aufgenommen. Immerhin kann«S bei Ar» beiterfesten nicht vorkommen, daß man di« gedruckt« und ausgear, beitete Zote mit in'S Programm nimmt; und während der gt» wohnliche Geldphilist« gegen da» wahrhaft Schöne stumpf bleibt� zieht der Arbeiter im Großen und Ganzen das Schöne und Gr» haben«, wenn es ihm nur gereicht wird, immer dem Gemeinen vorF Darauf erwidert der„Sozialist" in sein« neuesten Nummer, n»h wir können ihm nur beipflichten: „Wir haben dieser Notiz, di« ähnlich auch in andern Arbeiterblätter» zu finden war, nur hinzuzufügen, daß wir durchaus nicht daran denkest, die Moralität der Arbeiter herauszustreichen. Im Gegentheil, wir steh« ganz auf dem Standpunkt, welchen die alten Griechen eingenomm« haben: Wir lachen auch über ei»„naturwüchsige» Zötlein" im früh» lichen Zecherkreise. Niemand wird di« kernigen Schnadahüpferl unserer allen Heimatb aber in«inen Topf mit den Programmliedern der Herren„Zentralen" werfen können, und wenn'in Arbeiterkreisen„am Schlüsse" ei«tz Kneiperei hin und wieder anklingende Lieder gesungen werden, htz dürfen wir nie aus den Augen lassen, daß der Arbeiter im gewöhnliches Leben überhaupt in Opposttton zur moralistischen Heuchelet bei dmz Prominenten sowohl, als auch zu der wahnsinnigen antifleischlichp« Tendenz des Christenthum» steht. Die bodenlose Verkommenhett unserer Prominenten kennzeichnet stch eben dadurch, daß die Schweinigeleien im steigenden Maßstabe den ganze» Inhalt eine» vorher bestimmten Programmes ausmachen; eine» Pro« grammes, welchem fich lebende Bild« derselben Tendenz würdig an» schließen. Die Verkommenhett unser« Prominenten kennzeichnet sich ferner dadurch, daß„diese" Programme jährlich wiederkehren. Wir wissen, daß diese Geschöpfe mit ihren Janusgesichtern Produkte te wahnsinnigen„göttlichen" Gesellschaftsordnung sind. Die natürlichey Triebe des Menschen sind durch den„Moralismus",» Untuge«, den gestempelt. Die kapitalistische, die Moral-Ehe, sie muß derartige Auswüchse zeitigen, denn sie hat die Unbefriedigtheit hint« sich, und was darin«inen Ursprung nicht findet, daS hat denselben in der Uebep sättigung--" — Deutsche Blätter machen sich über eine Annonce im„Leipzig« Tageblatt« lustig, in der„Ein Sachse" die Forderung erhebt, DreSde» zur Reichsfestung ersten Range» zu erheben, um„nn ostlrche» Mitteldeutschland einen festen Hall zu haben und-venwell da» beten tende EisenbahntranSportmaterial gegen den etwa eindringenden Feind sichern zu können"..' Ob hinter diesem besorgten„Badriotm" nicht«in sehr industriekb» Hofrath steht? Die Zeiten sind schlecht, di« Seele des guten Bürg«, schreck nach einem christlichen Profit, und so ein Bau- und Srundsw» Handel mit dem Fiskus, da» zieht. Davon weiß man gerade inDvift*» ein nettes Lied zu singen, und darum aufgepaßt! ♦) Die sog.„Spitzen der Gesellschaft". — Di« Sioux— der letzte übrig gebliebene Indianer« stamm von einiger Bedeutung— wollenden neuen Vertrag, wonach ihnen andere Reservationen(Gebiete, die ihnen mit bestimmten Zusicherungen als freie Jagdgründe überwiesen werden) als die bis- herigen angewiesen werden, nicht unterzeichnen. Und sie geben für ihre Weigerung Gründe an, welche allcrvings für„zivilistrte" Weiße kaum stichhaltig, aber immerhin der Erwähnung«erth find. Einer ihrer Sprecher wies nämlich auf die früheren Verträge hin, die sämmt- lich von den Weißen gebrochen wurden und fragte, weshalb neue Verträge unterzeichnet werden sollten, ehe die Bedingungen der alten erfüllt seien. „Wir verstehen Euch nicht,"— fuhr er wörtlich fort,—„Ihr habt zwei Papiere, ein schwarzes, für uns zu zeichnen mit„Ja", und ein rothes, für unS zu zeichnen mit„Nein''. Wir«ollen keine« von beiden zeichnen." Ach, wie unschuldig ist doch der wilde„rothe Wann". Er weiß noch nicht, daß unsere ganze hochgepriesene Gesellschaftsordnung daraus beruht, daß wir„Ja" und„Nein" sagen, ohne weder das Sine noch da? Andere zu halten.(Chieagoer„Vorbote".) — Krankreich, lieber den«»Stritt der Poffibilisten au« der„Gesellschaft der Menschenrechte" schreibt unser Pariser Korrespondent noch: Auch die poffibilistischen Führer hatten— noblsees odligs— beim Ausbruch des Erdarbeiterstreiks ein Meeting zu Gunsten der Streikenden einberufen. Der relativ schwache Besuch deffelbm und noch mehr der Ver- lauf der Versammlung zeigte deutlich, welcher Gegensatz zwischen der Masse der Poffibilisten und den maßgebenden Führern derselben fich herausgebildet, und daß der unter dem Deckmantel der boulangistischen Gefahr erfolgte Beitritt zur„Gesellschaft der Menschen« und Bürger- recht«" eine Spaltung herbeizuführen drohte. Der Streik gab Anlaß, die von Lrouffe, Allemane, Joffrin eingeschlagene Taktik einer scharfen tftiti» zu unterziehen, die Unnatur, da» Prinzipienlose eines Kompro- Misses mit den bürgerlichen Parteien hervorzuheben. Die poffibilistischen Stadträthe Röties und Faillet, welche sich von Anfang an von der bürgerlich-sozialistischen Koalition, als einem Verstoß gegen das Partei- Programm, ferngehalten, griffen dieselbe scharf an, und ihre Ausführungen wurden durch lebhasten Beifall, durch beistimmende Zwischenrufe unter« stützt. So offen trat die Gefahr, welche verschiedene poffibllistische Führer liefen, ihren Einfluß zu verlieren, zu Tage, daß etliche Tage darauf die Zeitungen den Austritt der Poffibilisten aus dem Clömenceau-Ranc- Ioffrin'schen Wahlkartell meldeten. Die betreffenden Mitglieder motiviren ihren Austritt damit, daß die boulangistische Gefahr nicht mehr bestehe. Wer indeß den„?arti Ourrier" verfolgt hat und daselbst noch bis zur letzten Stunde die Existenz dieser Gefahr behauptet fand; wer weiß, daß kaum acht Tage zuvor, als die Gefahr weder größer noch kleiner war, Allemane stch zum Generalsekretär der„Gesellschaft der Menschen- und Bürgerrechte" wählen ließ, Und das Amt eine» Berichterstatters über eine zu erörternde Frag« annahm, für den liegt es auf der Hand, daß die poffibilistischen Führer bei ihrem Austritt dem Druck der Partei- Meinung von unten nachgeben mußten. Der„Temps" bemerkt hierzu ebenso boshaft wie richtig:„Die Führer folgen wieder einmal dem Heere, um den Anschein zu haben, daffelb« zu kommandiren." Gerüchtweise ver- lautet, daß eine Reihe von zur Partei gehörigen Gewerkschaften, Studien- zirkeln»c. den Austritt aus der Gesellschaft zur conditio eine qua non ihrer Parteiangehörigkeit machten, und daß sich die Führer vor der un- angenehmen Alternative sahen, sich zu„unterwerfen oder abzudanken". Die Maffe der poffibilistischen Partei hat durch diesen Druck«inen Le- weis ihres demokratischen Geistes, ihres Klassenbewußtseins geliefert, in dem die Bürgschaft liegt, daß sie sich trotz aller Hinderniffe allmälig zur flöllen Klarheit durcharbeiten wird.-- On. — Da die Verdächtigungen, welche der Pariser„Parti Ouvrier11 gegen den Kollektivisten B o u l ö wegen seiner Thätigkeit während des Erd- arbcÜcrstreilS geschleudert, auch in deutschen Arbeiterblättern abgedruckt forden find, so halten wir es für nicht mehr als recht und billig, hier auch die Antwort folgen zu lasten, welche das Komit« der Erdarbeiter auf die„indiskrete Frage" des Poffibilistenblattes diesem hat zugehen lasten, die aber von den BourgeoiSblättern hübsch todtgeschwiegen wurde. Dl« gegen Boulö ausgestreute Verdächtigung, boulangistischer Agent z» sein, stützt fich daraus, daß er die letzten Sitzungen„seines" Streik- AuSschuffeS in den Bureaux eines boulangistischen Blattes abgehalten, daß er von Rochefort Geld erhalten habe, um die Frau eines ausge« wiesenen belgischen Streikenden über die Grenze zu schaffen; daß er bei Gelegenhett des Begräbniffes des Generals Eudes der Streikkaffe so Fr. entnommen und dafür«inen Kranz von rothen Nelken gekauft und den- selben auf den Leichenwagen niedergelegt habe. Darauf antwortet da« Komite(wir lassen die nebensächlichen Stellen seines Schreibens fort): „Run, wir erklären, I) Daß Boulä keinen Schritt gethan hat ohne Vorwiffen des Komite. 2) Daß das Anerbieten der Frau Severine, die dem Streiikomite das Redaktionszimmer des„Cri du Peuple" für seine Sitzungen zur Ver- fügung stellte, ganz ohne sein Zuthun erfolgt ist. ») Daß es absolut unwahr ist, daß Boulö die Blumen für den Kranz bestimmt hat, den die streikenden Erdarbetter bei der Beerdigung des Bürger Eudes getragen. Ebenso ist es unwahr, daß der Kranz au« der Streikkaffe bezahlt worden ist. Er ist aus der Kaff« der Syndikatskammer bezahlt und von einem Vorstandsmitglied derselben gekaust worden. Bürger Boulö hat allerdings vom Streikkomite den Auftrag erhalten, Ut nöthigen Schritte zu thun, um den Familien der Ausgewiesenen Unterstützungen zu verschaffen und die Frauen in den Stand zu setzen, ihren Männern zu folgen. Mehr noch, er hat den Auftrag erhalten, sich um Beschaffung von Mitteln für die Unterstützung deS Streiks zu bemühen, unter der Be- dingung, daß diese Mittel nicht aus den geheimen Konds kommen. Für das Streikkomite. (Folgen die Unterschriften.) Um dies« Auseinandersetzung zu verstehen, muß man wiffen, daß in Pari« in der Regel«ine ganze Anzahl Blätter in einer und derselben Dvuckerei hergestellt werden und infolge deffen die RedaktionSräume oft dicht bei einander liegen. Das ist nun wohl beim„Crt du Peuple" und „Eoearde" der Fall, von denen der erster« der Frau Severine, die letz- ter« dem mit derselben eng liirten Georges de Labruydre gehört, genau so wie das„Parti Ouvrier" aus dem gleichen Lokal mit einer ganzen Wazahl»ourg-oisblätt-r hervorgeht. Wir können durchaus nicht sagen, oaß wir das Verhältniß schön finden, e» ist die Ursache einer ganzen Peihe von Mißständen in der Pariser Journalistik, aber eS besteht einmal, und darum ist eS höchst unsauber gehandelt, daraufhin in einem einzelnen Falle ein« Verdächtigung aufzubauen. Doppelt unsauber von Leuten, die einer weniger rühmlichen als schlauen Ausnutzung derselben ein guteS Theil ihrer politischen Karridre verdanken und die, als JuleS Guesd« und seine Freunde gerade um des erwähnten de Labruydr« Ällen auS der Redaktion des„Cri du Peuple" hinausgedrängelt wur- den, so prompt den Weg in dieselbe fanden. Frau Severine ist heut dieselbe, die sie damals war, und wenn das Streikkomite in dem Augen- blick, da ei durch die Schließung der Arbeitsbörs« obdachlos wurde, ihr Anerbieten annahm, war das vielleicht nicht klug gehandelt, aber nur kSser Wille oder ein schlechtes Gewiffen kann darau» eine Anklage auf boulangistische Umtriebe herleiten. Wir können unsere Freunde in Deutschland nicht genug vor den Pa- eiser Berichten der BourgeoiS.Presse warnen. Wie in der Pariser Preffe selbst, herrscht auch bei ihnen die Schablone vor, sie schachteln Alles in die Begriff« Boulangisten und Anti-Boulangisten ein, und kommen da- durch oft zu sehr falschen Schlüffen. Etz gibt in Frankreich«ine ganze Anzahl von Sozialisten, und dar- unter solche von hoher Intelligenz und bewährtem Charakter, die zwar über den persönlichen Werth oder Unwerth deS Helden Boulanger durch- «,» im Klaren find und keinen Finger für ihn rühren würden, die über«S für ebenso verkehrt halten, stch auf die sehr gemischt- Gesellschaft etnzuschwören. die fich als Antt-Boulangisten aufspielen. Sie find der Ueberzeugung, daß in dem Augenblick, da Boulanger am Boden liegt, der Opportunismus mit Ferry und Konsorten wieder das Heft in die Kind bekommt, da» heißt die Partei des Stillstand«« oder der Rück- SärtS-Revifion, während sie Boulanger selbst für ungefährlich, seine vatgen Diktaturgelüste für aussichtslos hallen. Bon dieser Auffaffung ', mit der wir unS übrigen« nicht identtfizirt haben wollen, gewinnt Mpständlich Las Verhalten Rocheforfs, der nie«in konsequenter Sozialist und Rerolutionär, sondern stetS nur ein witziger Tagespolitiker, ein anderes Aussehen als in den Augen der Opportunisten und ihrer mehr oder minder düpirten Handlanger. Wenn wir daher heute in den Blättern lese», daß Rochefort den Blanquisten die Mittel vorgeschoffen haben soll, den„Sri du Peuple" anzukaufen, und daß dieser fortan unter der Redavion Ed. Vaillant's erscheinen soll, so halten wir daS für durchaus glaubhast. Der Name Vaillant's aber bürgt un» für die un- abhängige Haltung de» Blattes.-d. — England. Da» nachfolgende Schriftstück geht unS mit der Bitte um Beröffenttichung zu: „Internationale Disziplin. Mr lenken die Aufmerksamkeit der Sozialisten aller Länder auf fol- genden Beschluß, welcher auf dem Kongreß der Sozialöemokraiischen F-deration, der letzten Rontag abgehalten wurde, ohne Widerspruch gefaßt wurde: Die Sozialdemokrattsch« Federation Englands in öffentlicher Versammlung wünscht ihre Brüder auf dem Festland zu dem wachsenden Fort- schritt und der immer mehr erstarkenden Organisatton und Disziplin der sozialdemokratischen Parteien in Europa zu beglückwünschen, und erachtet eS für unbedingt noihwendig, daß eine lebhaftere Verbindung und ein besseres Zusammenarbeiten der Sozialisten der verschiedenen Nationen miteinander stattfände. Zu diesem Ende und um Verwirrungen vorzubeugen, fordert der Kon- greß der Sozialdemokrattschen Federation Englands die sozialdemokra- tischen Verbindungen auf dem Festland auf, sich über die Grundbefiim« münzen, welche den internationalen Verkehr und daS Zusammenarbeiten leiten sollten, in Einvernehmen zu setzen. Diese Grundsätze sollten, der Meinung der englischen sozialdemokrati- schen Partei nach, zur Grundlage haben da« Recht jeder nationalen Ver- bindung; das Ziel und die Taktik zu verfolgen, welche sie selbst am rich- tigsten erachtet, da Diejenigen, die am Platze selbst leben, die Dinge dort am besten zu beurtheflen fähig sind; Ausländer sollten fich beim Zusammen- arbetten der Führung der nationalen Partei, welche sie zu unterstützen suchen und mit welcher sie zu arbeiten wünschen, unterwerfen. Indem wir so einerseits verlangen, daß die ausländischen Sozialisten und die ausländischen sozialdemokrattschen Parteien sich unserer Disziplin unterwerfen sollen, und in all' dem, was stch auf die Thätigkett und Propaganda in England bezieht, unserer Führung folgen, halten wir eS ebenso für unsere Pflicht und sind durchaus gewillt, den Messungen buchstäblich Folg« zu leisten, welche wir von ausländischen sozialdemo- kratischen Parteien erhalten, in Bezug auf jeden Antheil, den wir für die Ausbreitung der sozialistischen Sache in jedem anderen Land« außer unserem eigenen zu leisten sähig sind. H. W. L e e, Sekretär der Sozialdemokratischen Federation. Korrespondenzen. Leipzig, Ende August. Ueber dem Kampfe gegen unser» Unter- drücker auf politischem Gebiete wollen wir auch unsere ökonomischen Ausbeuter nicht außer Acht lassen, sondern jede Gelegenheit benützen, den uns noch fernstehenden Arbeitern über den Charakter unserer heutigen Arbeitsweise die Augen zu öffnen. Zu der Frage, nie der Profit der Herren Fabrikanten entsteht und gesteigert wird, und wie die Siege der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt nur auf Kosten der Arbeiter, durch die elenden Hungerlöhne, erzielt werden, können wir heute ein lehrreiche« Beispiel liefern. Die Leipziger Wollkäm- m e r e i ist das größte Etablissement Deutschlands in dieser Branche; in dieser Fabrik, die der„genialen" Leitung des famosen Herrn Offer- mann untersteht, find gegen 2000 Frauen, bez. Mädchen und nur zirka 300 Männer beschäftigt, die Tag und Nacht abwechselnd arbeiten, mit Ausnahme der«rbetter, die nicht an der Maschine beschäftigt sind. Die Lohnverhältnisse sind geradezu entsetzliche; bei einer täglichen Arbeitszeit von 12 Stunden erhalten die Frauen 7—9 Mark, die jugend- lichen Arbeiterinnen nur S— 6 Mark, die männlichen Arbeiter 1 3,50 bis 18 Mark pro Woche. Außerdem arbeiten gegen 70 Mann, die Sorttrer, auf Stück. Hier herrscht nun das System der Ausbeutung in vollendet- stsr Blüthe. Der Lohn wird erst gemacht, n a ch d e m die Sorttrer eine Woche gearbeitet haben; e» weiß daher keiner von den Arbeitem, was er verdient hat. Mit dem Gewicht steht es genau so. Sagt ein Lager- arbeiter dem Sorttrer, wieviel die Ballen wiegen, so wird er bestraft, und wenn eS öfters vorkommt, wird ihm der Abschied ertheilt. Die Sortirer müssen absolut zuftieden sein mit dem, wa« sie ins Buch ge- schrieben erhalten. Ein Sorttrer muß, wenn er in der Woche 20 Mark verdienen will, mindestens 40 Zentner Wolle sorttren. Macht nun ein Sorttrer etwaS mehr, daS heißt geht er einmal über sein« Kräfte hinaus (was für die Dauer gar nicht auszuhalten ist), so wird ganz einfach der Lohnsatz herabgesetzt, denn sonst wäre es auch nicht möglich, daß diese Biedermänner jährlich außer ihren Zinsen 25°/„ Dividende ein- heimsen könnten. Auf diese Weise kommt es vor, daß ältere Arbeiter, die nicht mehr recht mit fortkommen können, blos 7—12 Mark«erdienen. Beschweren fich nun die Arbeiter, daß es zu wenig ist, so wird denselben ganz einfach die Thüre gewiesen, und hierin ist besonders ein Genie RamenS Gunnel aus Reichenbach thätig, welcher, nebenbei bemerkt, bei Kartoffelschalen und Heringssauce aufgewachsen ist, also auS eigener Er- fahrung das Elend dieser Hungerlöhne kennen sollte. Außer diesen Sor- tirern sind noch einmal soviel Mädchen beschäftigt, welche dieselbe Arbeit sogar noch 33— 50-/0 billiger machen müssen. Wie dann die Löhne dieser ärmsten aller Opfer dieser Ausbeutung sich gestalten, das bedarf wohl keiner weitern Ausführung. Wie ganz anders nehmen sich gegen die Hungerlöhne der Arbeiter die Gehälter der Beamten aus. Der Direktor allein bezieht jährlich L0,000 Mark, der Prokurist 12,000 Mark, der Obermeister 3000, resp. 5000 Mark, daS übrige Komptoirpersonal zusammen zirka 18,000 Mark. Rech- net man die Meister und Vorarbeiter hinzu, die zirka 7b— 30,000 Mark bekommen, sowie die kolossalen Gratifikationen, welche dies Heer der Ausbeuter verschluckt, so steht unzweifelhaft fest, daß die Beamten und Meister mehr Gehalt beziehen, als die s ä m m t I i ch e n Arbeiter. Sollten diese Gegensätze zwischen den Löhnen der Arbeiter und den Gehältern der sog. Beamten und Leiter, namentlich de» völlig über- flüssigen Direktors, nicht auch dem Indifferentesten die Augen öffnen über den Wahnsinn und die Ungerechtigkett solcher Produktionsverhält- nisse, die einem langsamen Hinmorden der Arbeiter gleichkommen! Ein anderes, nicht minder bezeichnendes Beispiel aus der Ausbeuter- Praxis kann ich aus B r« i t e n f e l d(bei Leipzig) melden. Ein Rüster- Oekonom Namens Bach, ein keuscher Junggeselle, dem bei der Ordnung der Wirthschaft ein Fräulein hilfreich zur Seite steht, beschäftigt fast ausschließlich polnische Arietter, denn mit dem, was Bach„Essen" nennt, kann sich ein deutscher Arbeiter, schon aus Gründen der Reinlich- keit, nicht begnügen. Seit 4'/, Jahren beschäftigte dieser Muster-Patriot, der für den Schutz der„natwualen Arbeit" schwärmt, einen 60jShrigen Mann, Namens Pfeiffer, der bei Wind und Wetter, Frost und Hitze in dem völlig ungedeckten Wagen täglich die Milch nach Leipzig fuhr, und Alle», was man ihm auftrug, pünktlich und gewissenhaft ausführt«. Daß der alte Mann schließlich den Unbilden des Wetters und der Schwere seines Dienstes erlag, ist kein Wunder. Vorigen Winter mußte er den Posten aufgeben und lag den ganzen Winter durch krank zu Bette. Bach hatte nun aber den alten Pfeiffer in keiner Krankenkasse versichert und gab ihm nur sechs Wochen hindurch eine kleine Unterstützung, so daß der kranke, alte Mann natürlich den letzten der paar ersparten Pfennige aufbrauchte. Als er einigermaßen genesen war, ging er auf daS Gut, wo er nur da»„Fräulein" traf. Auf rhre Frage, wie es ihm gehe, antwortete Pfeiffer, es ginge schon, wenn er nur Etwas zu beißen hätte, waS ihm wieder zu Kräften verhelfen würde. Und was geschah? Ohne ihm auch nur ein Stückchen Brod zu verabreichen, wurde er wieder fortgeschickt! Als er später wieder kam, um ein Zeug- niß sich ausstellen zu lassen, beschuldigte ihn Bach ganz unverfroren deS Diebstahls, und das nahm sich der alte Mann so zu Herzen, daß er unter der Schmach, auf seine alten Tage noch des Diebstahls bezich- tigt zu werden, zusammenbrach und in'S Grab stink. Und fragen wir, warum der edle Herr Bach diesen infamen Vorwurf erhob, so die Antwort nahe. Um den finanziellen Folgen in Bezug auf die Nicht- anmeldung bei einer Krankenkasse zu entgehen, suchte er Pfeiffer auf diese Weise einzuschüchtern! Um der paar lumpigen Mark willen! Das that der Mann, der in allen Kreisveremen daS groß« Wort führt, der, wenn er andere Ausbeuter bei sich als Gäste empfängt, es nicht cheuer und„nobel" genug geben kann, der die Worte Religion und Moral stetSfort im Munde führt! Ich denke, diese zwei Bilder aus Stadt und Land sollten auch de» Leichtgläubigsten zum Rachdenken veranlassen, wie e« eigentlich mtt der Harmonie zwischen Kapital und Arbett, und mtt dem Ehristenthum dies« Leute beschaffen ist. D e r r 0 t h e A l t e. Sprechsaal. ArKläritttg. Die letzte Nummer der„Autonomie" enthält einen ge« flissentlich falschen Bericht über eine rohe Vergewaltigung, welcher ich am Samstag, den 11. d. M., in dem Lokale der gleichnamigen anarchistischen Gruppe ausgesetzt gewesen bin. Indem ich das konstatire, erkläre ich zugleich, daß ich es verschmähe, mich mtt Leuten& 1s Rinke, Gundersen, Wübbeler und den übrigen Bertraute» eines Peukert, die meuchlings und verrätherisch-seiger Weise zu einigen Dutzenden und zum Theil mtt faustdicken Knüppeln über ew« einzelnen, wehrlosen Menschen hersallen, in eine öffentlich« Diskusfio« einzulassen. London, 2«. August 1888. Ferdinand Gilles. Für Unterstützungszwecke dankend Huittttttg. erhalten von Gregor Mk. »00- quittirt Leipzig. _ iiS-m Briefkasten der Redaktion: Briefe und Einsendungen k. find eingetroffen aus Leipzig, Breitenfeld. der Expedition: E. A. B. V. Lndn.: Fr. 125—(Pfd. Stlg. 5—> 4 Cto Ab. u. Schst. erh.— Die Gemüthlichen in Ottensen: Mk. 2— pr. Ufd. dkd. erh.— Die rothe Vechme.: Mk. 140— 4 Cto Ab.»c. gutgebr. Bstllg. notirt. Adr. der Reihe nach geordn. Wettere» bfl.-z- Rother Wenzel: Bstllg. u. Adr. notirt.— Kommerz.: Nachr. v. 22» ambulant hier.— Zeisig: Nachr. v. 21. hier. Zehnmal übertrieben.— Lasse: Schftbstllg. nottrt. Folgt später.— Fr. Kr. Wien: Fr. 5 1t (öwfl. 2 50) 4 Cto Ab. erh.- I. V. B. Basel: Fr. 45— Ab. 2. Olm erh.— Mönus: Mk. 70—4 Cto Ab. k. erh. Bstllg. notirt.— Rother Voigtländer: Mk. 65—4 Cto Ab. rc. erh. Adr. geändert u. gelöscht. Weitere» bfl.— Spitzelnest: AlleS erh. Mk. 300— 4 Stö Ab. ,c. gutgebr. Wetteres bfl.- Rübezahl: Mk. 28 80 Ab. 3. Qu. erh. Adr. geordnet.— Rsgr. W'thr.: Fr. 30- Ab. 2. u. 3. QÜ. erh.—„Vorwärts", Melbourne: Bf. v. 17/7. a. 24/8. erh. Avistrtes erw.— Dreyfus i. L.: Adr. gelöscht.— Mühler Cincinnatt: Dkschst. Sch. betr. abg. Bstllg. nottrt. Fr. 10 15 schon in voriger Nr. quttttrH — C. G., Antwrpn.: Bf. erh. Bstllg. notirt. Gewünschtes folgt. Bfk. mehr.— Heimich», N. Dork: Bstllg. notirt. Heft 1—13 bildet P. Band, Heft 14—24 den 2.— Lionel: Abrchg. hier. Mk. 402 36 Cto Ab. ic. erh. Bstllg. nottrt. Bett, abgegeben.— Lasse: Aus! dkd. erh. Bfl. mehr.— Arabi Pascha: Bstllg. notirt. Da« immer noch übernatürlich.— Raimund: P.-K. erh. Wird befori Auch Bf. v. 23. hier. Alles notirt. Werden unser Möglichstes chu« — Rentier: P.-K. erh.— Blanc: Adr. gelöscht. Bstllg. notirt.-* Siebenter: Adr. geordnet.— Clara:»flllg. nottrt. Mt. 230—» 5$ Ab. jc. erh.— Kernpunkt: Nachr. v. 24, hier. Dank für Besorgung — Stichling: Bf. u. Abrechg. erh. Stimmt nicht.— Mucki: Nachr.» 25. erh. Kostete 25 Cts. Strafporto! Bstllg notirt.— Lösch« u. Ci«., Rom.: Fr. 5— Ab. 3. u. 4. Qu. erh.— F. H»i. Bsl.» Fr. 2— f. Schst. erh.— Langner, Chicago: Bstllg. u. Rechg. folgt! Mrhfr., Genöve: 50 Cts. f. Photogr. erh.— Dwld. Portobellot Natürlich bedarf die» keiner Richtigstellung. Der Bf. richtet fich selbst! — Brachwitz, Brüssel: Mldg. erh. Bstllg. nottrt. Wetteres bst.— Hz. St. Gall.: Fr. 60—(ges. i. der Verslg. v. 25.) pr. Ufd. dkdc- erh.— Dante: Mk. 100—4 Cto Ab. sc. erh. Spärlich genug, unh- Fortsetzung demnächst erw., sonst--. Und warum keine Silbe dazu bemerkt?—®. Gnrt., Aarau: Fr. 9 45 f. Ab. u.| Schst. erh. U. F. G.: Adr. geordnet.— Lederstrumpf: Reisenott, erh.— Roth«; Exekutor: Fr. 62 20(Mk. ö0 40) 4 Cto Ab. sc. erh. Weitere« bfl.-4* Herbert: Adr. u. weitere» nottrt. Auf das„Endlich" folgt jetzt hoffen» lich rascheste Fortsetzung! Bfl. mehr.— d. dr.: Adr. nottrt. Weiteres geschehen.— Rother Spitz: Mk. 1 50 Ab. 3. Qu. erh. Werden Rai sorschung anstellen.— Die Rothen i. H. H.: Bstllg. nottrt. Adr. gelöß AvisirteS erw. Ihren Wunsch theilen auch wir, aber mithelfen l— Für die Denkschrift eingegangen: Einsendungen au« Zeitz, Leipzig-Vtadt, Cincinnati. Anzeigen. Bei unS erschienen und durch uns zu beziehen: U. Bebel, Die Frau in der Bergangenhett, Segenwart und Zukunst 2. 50 — Der deutsche Bauernkrieg 2.— Kr. Engels, Herrn Dühring« Umwälzung d« Wissen« schast 2.«0 — Di« Entwicklung de» Sozialismus von der Utopie zur Wissenschast—. 40 K. Lassa lle, Basttat- Schulze von Delitzsch 1. 25 Der Leipziger HochverrathSprozeß 1372 gegen Bebel, Liebknecht und Hepner 3. 75 tk.«. Schramm» Grundzüge der Nationalökonomie—. 65—. E. Sack, Unsere Schulen im Dienste gegen die Freihett Mk.—. — Betträge zur Schul« im Dienste für die Freiheit„ 1. Porto und Bersandtfpesen außer der Schweiz kommen Lasten d« vesteller. Zahlreichen Bestellungen sehen entgegen ?«Ul»il»chha«dl>»i»»d«kpkditisu de»„SajiuUevilmü" Hottingen-Zürich. 80 2.— -> A» 1.- 3.— zu Zur Beachtung. All« Genossen, welche nach Amerika(New- Jork) reisen» wrrde» in ihrem eigenen Interesse ersucht, sich sofort nach ihr« Ankunft nach dem Hauptquartier der Sozialistischen Ardeiterpartei: Rr. 25 Ost 4. Street, zu begebe«. Ferner diene Allen, welche gezwungen sind, um Unterstützung! nachzusuchen, zur Nachricht, daß solche nur gegen Vorzeigung von Legittmationen neueren Datums, unterzeichnet von bekamt«» Bertrauenspersonen, gewährt werden kann. Berufung auf Genossen, welche schon längere Zeit hier im Lande fische ann nicht berücksichtigt«erden. Das llnterstiitz«»g»-«omite der S. A.-P. [2X] Sektion New-Jork. Schwel,. Senolsensch-stibuchdruckerri und«»Mbuchhandlunq»»« L. Häbsche».