Abonnements •»rtm beim Verlag und bessen bekannten Agenten entgegen» genammen, und zwar zum dura»» zahldaren Vlerteljahrlprel» von: Nk> i.-iO für Deutichland ftirtll per vrtes-Eonvertl iwsl. 2,7b für Oesterreichvv die Gefahr des Verlustes materiellen Wohlbehagens mit im Anzüge zu �Hierauf�aber sentimental gefärbte Rücksscht nehmen, hieße sich selbst die Schlafmütze über die Ohren ziehen und Alles beim Sllten laffm. Gilt es doch bei unserer sozialdemokratischen, sich von allen politischeii und religiösen Ncbclgcbildcn mittelalterliche» Andenkens frei zu hatten- den Bewegung zuerst den inneren, im eigenen Kopfe und Herzen walten den Tyrannen kurzsichtiger Selbstsucht auszujagen, das Joch anei.ogcnen und selbstgcpflogencn Wahnwitzes abzuschütteln, die Freiheit de« Willens, das Recht der Selbstbestimmung und die unverkürzte Menschenwürde zu erringen gilt es jede, brüderliches Zusammenwirken der Menschen hmder- liche Schranken niederzureißen, um allgemeiner, naturgemäßer und menschenmöglicher Wohlfahrt die Bahn zu brechen. Wenn ich nun, wie schon in der„Vorandacht" erwähnt, nach Einschlagung meines inneren Emanzipationsweges das Bewußtsein gewonnen, bei Wegwersung all *) Vornehmer Pöbel. der herrlichen und liebholden Phantasiqaeblirten von Gottvater, Gott- söhn und Gottheiligergeist, sämmt all' den schönen Siebensachen des Christikindchens, hart und schonungslos gegen meine bisweiligen Gefühle und trauniseligcu Gesinnungen verfahren zu sein, so habe ich damit ge- wiß und zwar nicht blos das Recht erworben, sondern auch die Pflicht erhalten, als Heilkundiger mit einzuschreiten, und auch � den noch im Fmstern wandelnden Mitmenschen in ihre bis zum Wohlbehagen ange- wöhnte Eiterbeule falschen Wahnes bis auf das Blut zu stechen, um sie nach überstandeneu Schmerzen das wahre Weltheil erkennen und genießeil zu. Hassen. Ganz ähnltch sprach sich auch ein jmiger Freund in Deutsch- land über die Tendenz meiner Andachtsstunden aus, indem er mir unter Anderem Folgendes darüber schrieb:„Ich bin überzeugt, daß deine Psalmen, für unser Volk, das für Dicht- und Reimart eine gewisse Vorliebe, hat, ein mächtiges Aazjationsmittel abgeben für dein Streben: djc Punkte des Zweifels und damit des Nachdenkens und des Suchens nach Wahrheit in das eingelullte Hirn zu werfen. Doch wirst du manche bittere Stunde bereiten und manchen harten Kampf in.den Herzen ver- schulden.— Aber um so besser!" Indessen ziette ich ja nicht blos darauf hin, Blindgläubigen das rechte Licht auzuzünden, sondern auch Denjenigen, welchen es längst mehr oder weniger geleuchtet, kräftige Anregung zu verleihen, demselben auch ohne Rücksicht auf irgend, welche Sondcrinteressen durch alle Lebenspfade offen und muthig zu folgen. Da aber Niemand, außer Lumpen, sich gerne auslachen läßt, diese jedoch nur eine Ausnahme von der Regel machen, so darf man füglich abwarten, daß sich die große Mehrheit der Schein- heiligen durch die Peitsche' der Satyre lieber in die Hallen der Wahrheit ttciben, als durch sie auf offenem Martte lautem Spott- und Hohn- gelächtcr preisgeben läßt. Eine sonst sehr urtheilssicherc Freundin hat daher meine Absicht noch nicht richtig Nach dem Erscheinen der ersten Lieferungen dieser Schrift verstanden, als sie mir zurief:„Deine„An- dachteii" beschlagen ja, namentlich in Bezug auf religiöse Dinge, einen von der Wissenschaft längst überwundenen Standpunkt."„Allerdings", antwortete ich,„ein von der. Wissenschaft— Theorie— aber nicht vom Leben— Praxis— überwundener Standpunkt; die Wissenschast ist noch lange nicht Gemeingut; sondern die willige Dienstmagd der in Staat und Gesellschaft herrschenden Elemente, die sie nach Belieben miß- brauchen und prostituiren und im Ucbrigen nur ein solches Maß von Licht leuchten lassen wollen, als es ihnen zur, für ihre bevorrechtete Stellung bedürftige Beschränkung ersprießlich erscheint." Ein moderner Staat und eine moderne Gesellschaft, die ihrem ganzen Wesen nach rein weltlich sein sollten, mit der überivcltltchcn, phantasmagorischen Glaubens- posse nicht das Geringste zu schaffen haben, bestehen eben bisher nur in der Theorie und so lange nicht in der Praxis, als sie mittel- alterliches gottbegnadigtes Monarchenthum und mittelalterliche Rechts- Verhältnisse in sich bergen." Wir können ihm in seinen weiteren Darlegungen hier nicht folgen, so trefflich auch die moderne Gesellschaft darin gegeißelt wird. Hier entfernt sich Becker nicht vom sozialistischen Programm. Aber in dem vorher Gegebenen steckt ein Stück der eignen Lebensphilosophie des alten Revolutionärs, mid diese soll heute das Wort haben. Lassen wir darum der Prosa des Vater Becker zum Schluß lieber ein Stück aus seiner Poesie— das Schlußwort seiner„Psalmen" folgen: Und wer es noch ertragen mag Beim Deutsch-Geduldigsein, Erträgt die Qual vom Sisyphus, Des Täntalusscs Pein. Und wer schon Sllles durchgemacht, Auf Alles ist gefaßt, Der weiß, daß er im„schwarzen Buch" Zur„rothen Baude" paßt. Und wer es noch ertragen kann Bei rothcr Reaktion, Den rührt der Schlag, wenn niederstürzt Der letzte Königsthron. Und wer schon Alles durchgemacht, Zu Allem ist bereit, Ter fürchtet keine«ugclspritz Und keine Säbelschneid'. D'rnm>ver nicht mehr ertragenmag Das alte Mißgeschick, Der reich' die Hand dem Arbettsstand Zur rqthcn Republik! Zur Frage der Viettandidaturen wird uns mit Bezug auf den Arttkel in unserer vorigen Nummer ge- schrieben: „Mit dem Verfasser der in Nro. 10 abgedruckten Einsendung stimme ich insofern i'tbercin, als ich gleich ihm die Biclkandidaturen verurtheile. Ich halte die Frage moulciitan sogar für weit brennender als der Ein- sendcr, weil ich überzeugt bin, daß die nächste Reichstagswahl noch im Laufe dieses Jahres stattfinden wird. Im Jrrthum ist der Verfasser des Eingesandt, wenn er meint, die Kandidatur Vollmar's für Rtagdeburg habe„die Zustimmung der Fraktion erhalten". Die Fraktion ist gar nicht in der Lage ge- Wesen, ihre Zustimmung oder ihre Nicht zustimmung auszusprechen, denn sie hat uiit der Angelegenheit überhaupt nichts zu thun ge- habt. Ob die Fraktion, im Fall sie um ihre Zustimmung angegangen worden wäre, diese ertheilt hätte oder nicht, das kaim ich natürlich nichr ivissen. So weit ich aber die Verhältnisse kenne, herrscht in der Frak- tion der Grundsatz, den Wählern der einzelnen Wahlkreise die Wahl ihrer Kandidaten zu überlassen und sich nur auf ausdrückliches Ver- langen, oder einen förmlichen Antrag hin einzumischen. Allerdings ist die Fraktion mit Ausführung der K o n g r e ß- B e- s ch l ü s s e bettaut und sie hat selbstverständlich auch„u ach Vi ö g- lichkeit" dafür zu sorgen, daß der Beschluß des Kongresses gegen die Vielkandidaturen zur AuSfnhnmg gelangt. Aber ivie ivcit reicht denn die„Möglichkeit"? Die Fraktion hat in dem bekannten Zirkular, welches zur Inangriffnahme der Wahlarbeiten auffordert, auf den Kon- grcßbeschluß gegen die Vielkandidaturen aufmerksam gemacht und den sozialdemokratischen Wählern die Beobachtung des Beschlusses eindring- lich ans Herz gelegt— was konnte sie mehr thun? Mittel zu einer Partei-E x e k u t i o n hat sie nicht. Und es muß auch zugegeben werden, daß die sozialdemokratischen Wähler in weitaus den meisten Wahlkreisen sich Vielkandidaturen ab- geneigt gezeigt haben und sich eigene, besondere Kandidaten, auf die sie unter allen Umständen rechnen können, gesucht haben oder noch suchen. Dies zur Richttgstellung, und mm ein paar Bemerkungen über die Aufstellung der Kandidaturen! Daß die Kongreßbeschlüsse gegen die Vielkandidaturen bisher so unvollkommen beobachtet worden sind, liegt zwar t h e i l w c i s e in dem leidigen Personenkultus, der indeß zum Glück in unseren Zieihen niehr und mehr aus- stirbt, anderseits in persönlicher Eitelkeit, die ein Dutzend oder gar ein Schock Kandidaturen mit ähnlichem Stolz zur Schau ttägt, wie ein Indianer die Skalps seiner erlegten Feinde— allein es läßt sich nicht leugnen, daß. auch von diesen zwei Faktoren abgesehen, der radikalen Ausführung des betreffenden Kongreßbeschlusses große Schwierigkeiten und ernste Bedenken im Wege stehen. So lange die Aufstellung der Kandidaten, wie das letzt der Fall, Sache der einzelnen Wahlkreise ist, kann es nicht vermieden werden, daß dieser und jener Genosse, dessen Anwesenheit im Reichstag sehr wünschenswcrth ist, in zweifelhaften Wahlkreisen kandidirt, während ein anderer Genosse, der im Reichstag weit eher entbehrt iverden könnte, vielleicht einen„sicheren" Wahlkreis hat. Indem ich hier von einem Unterschied in der parlamentarischen Tüchtigkeit(nicht Begabung) rede, verletze ich das demokratische Gleichheitsprinzip keineswegs und spreche nitt einen Gedanken aus, den kein vernünftiger Sozialdemokrat miß- t billigen wird. Nun liegt es aber im Interesse der Gesummt- Partei, daß die parlamentarisch tüchtigsten Kräfte auch in den Reichs- tag kommen; und da Vollinar unzweifelhaft zu denjenigen Genossen gehört, deren Anwesenheit im Reichstag für die Partei wünschenswerth st, und da er seinen Münchener Wahlkreis für keinen„sicheren" hält, so ist es ihm nicht zu verdenken, daß er eine zweite aussichtsvolle Kandi- datur nicht zurückweist. Eine andere Frage ist, ob das Kandidiren einer und derselben Person in zwei Wahlkreisen, die b e i d e aussichtsvoll, aber nicht sicher sind, im Interesse der Partei liegt, llnd diese Frage muß ich allerdings entschieden v c r n e i n e n. Wird Wollmar, was keineswegs unwahr- scheinlich, in Magdeburg und in München gewählt, so ist, nach den bisherigen Erfahrungen bei Doppelwahlcn, der eine der-beiden Wahl- kreise für die Dauer der nächsten Lcgislawrperiode verloren, und zwar wird dies voraussichtlich Magdeburg sein, da mit ziemlicher Be- stimmtheit zu erwarten ist, daß Wollmar dann das Münchencr Mandat annehmen wird. Diese llnzuträglichkeit würde jedoch nicht bestehen, wenn Magdeburg, daS heißt der Wahlkreis, in welchem Wollmar kandidirt, um für den Fall seiner Nicht wähl in München doch ein Mandat zu erlangen, ein sicherer Wahlkreis wäre— ich meine so fest, daß derselbe eine Ablehnung des Mandats und eine zweite Wahl nicht zu fürchten hätte. Solche Wahlkreise sind freilich dünn gesät und augenblicklich ist wohl ?einer frei. Was meines Erachtens Roth thut, ist, daß der nächste Parteitag statt einen allgemeinen Beschluß gegen die Vielkandidaturen zu fassen, der durch den Znsatz„nach Möglichkeit" von vornherein einen Kautschuk-Eharakter besitzt, die Fälle, in denen eine Doppel- oder Vielkandidatur unter allcn Umständen verwerflich und zu inhidiren ist, genau präzisirt. Das ist der einzige Ausweg, den ich sehe. Der gesunde Sinn der Genossen und das ivachscnde Selbstgefühl der Wähler muß den Rest thun. Doch ja, es gibt noch einen anderen Weg, allein er würde den vollständigen Bruch mit der bisherigen Praxis bedeuten: nämlich, daß durch einen Delegirtentag, durch einen Ausschuß, durch die Fraktion— kurz auf irgend eine Weise, die sich ja sinden würde, über die Köpfe der einzelnen Wahlkreise hin- weg, wenn auch selbstverständlich mit Berücksichtigung ihrer Wünsche und Vorschläge, im Namen d e r G e s a m m t p a r t e i die Kandidaten für die einzelnen Wahlkreise bestimmt würden. Dem demokratischen Prinzip würde eine derartige Praxis ebensowenig zuwiderlaufen, wie die bisherige. Und die Ausführung wäre leicht, wenn die Partei sich einmal dazu entschlossen ha� Sozialpolitische Raudschaa. London, 13. März 1889. — Auch eine Marz-Erinnerung. Wenn Bismarck seine allergehor- samstcnKucchtc— vulgo siatlcllbrübcr— um sich hat, dann schwillt ihm der Kamm, und je mehr des braunen oder auch gelben Saftes E r vertilgt, um so genialer beginnt Er zu rcnommiren, wie das schon des würdigen Ritter John Falstaff's Gepflogenheit mar. DaS ist auch auf einein der letzten parlamentarifchen Abfütterungsabende wieder geschehen, und nach dem 12.— nach anderen Quellen dem 15. Glas— kam der tapfere Otto mich auf die Märzrcvolution zu sprechen. Wenn damals die Sache für die Edelsten und Allcrcdels'cn der Nation schief ging, so ist daran nur der bedauerliche Umstand Schuld, daß Er, der tapfere Otto, noch nicht das entscheidende Wort führte: „Erbärmliche Feiglinge, die damaligen Rathgeber der Krone, vcr- standen nichts davon, wie man mit der bürgerlichen Kanaille umgehen muß. Sie tragen alle Schuld, daß der erhabene.Herrscher sich zur Nachgiebigkeit entschloß. Wäre Ich, der tapfere Otto, der Rathgeber des damaligen Königs gewesen, wie Ich der Freund und Nathgeber des jetzigen Königs bin, die Schmach der Beugung vor der Kanaille wäre den Hohenzollcrn erspart geblieben." Sprach's, leerte ein neues Glas, wischte sich den Mund und fuhr fort(wir folgen jetzt den Zeitungsberichten):„Insbesondere bemerkte «r, daß der Befehl zur Zurückziehung der Truppen(am Morgen des 19. März), wie er sicher wisse, von Bodelschwingh veranlaßt worden sei. Bodelschingh habe den Erlaß der Proklamation durch- gesetzt und sei dann mit derselben zu General von Prittwitz herunter- gegangen und chabc diesen Angesichts des Inhalts derselben zum Rück- zugc veranlaßt. Erst als die letzten Bajonette über die Schloßbrücke abgezogen seien, habe der König Kenntniß von dem Rückzüge erhalten. Prittwitz sei einige Tage darauf bei Bismarck gewesen und habe ihn gefragt, wie er sich in dieser Lage verhalten haben würde, und Bismarck habe geantwortet, man komme ja klüger vom Rathhaus zurück, als man hingegangen sei; aber er würde an Stelle des Herrn von Prittwitz sicherlich einen: Unteroffizier befohlen haben, den Zivilisten (Bodelschwingh) so lange in Verwahrung zu nehmen, bis er seine militärischen Maßnahmen durchgeführt haben werde." Sehr hübsch, nicht wahr? Namentlich dann sehr hübsch, wenn man bedenkt, wie große A n g st ein gewisser Jemand vor dem Volk und wie große Vorliebe ebenderselbe Jemand für den Militarismus hat. Die„Erhöhung" des preußischen Ministers Scholz zum S e k o n d e- l i e u t e n a n t ist für diese Lorliebe der beste Gradmesser. Die Anek- dote ist ganz famos ad utura delpLini— auf deutsch: für den aller- höchsten Gebrauch. Aber leider kommt der hinkende Bote hinterher. Der tapfere Otto hatte geglaubt, ungestraft aus Kosten des Ntinistcrs Bodelschwingh renommiren zu können— der Mann ist ja todt, und wenn man ihm die Verantwortung dafür aufhängt, daß 1848 die Dinge so schief ge- gangen, was schadet's? Jndeß, Herr von Bodtlsd)wingh hat«inen Sohn hinterlassen, der zwar ein wahrhaft„reichstreucr" Mann, aber doch noch nicht auf den Geffken jun. gekommen ist und sid) kräftig für seinen Vater zur Wehre setzt. Zwar zur Wehre fetzt gegen den Vor- Wurf,. dasjenige gcthan zuhaben, was daumls absolut uoth-w endig war, um die Hohcuzollern vor einer nod) größeren Katastrophe zu rct- ten, aber in den Kreisen der„Köiiigölreucli" darf ja nidst zugegeben werden, daß am Abend des 18. März das Volk siegreich und die Truppen absolut demoralisirt waren, eine Fortsetzung des Kampfes also die Niederlage komplett gemacht hätte. Und darum liegt in der Behauptung, Bodelschwingh hatte die Zurückziehung der Truppen veranlaßt, ein Vorwurf gegen diesen und eine Reinwasch- ung der Hohenzollern. Nicht der König, sondern der Minister sei der „S ch w a ch e" gewesen. Hören wir nun aus der Erklärung Bodelschwinghs jun., wie es da- mals im Berliner Schlosse wirklich stand: „Im März 1848 war id) Abiturient des Friedrich- Wilhelm- Gym- nasiums; ich wohnte im elterlichen.Hause, war also gewissermaßen Augenzeuge der politischen Ereignisse, deren ich mich so genau, als ob sie sich gestern begeben hätten, entsinne. Am 18. März 1848 hatte der verstorbene Vater mit Zustimmung des Königs sein Ministerium de- finitiv in die Hände des Grafen Arnim gelegt. In der Dämmerung kam er vom Sdsiosse nach Hause; er blieb im Kreise seiner Familie und begab sich dann zur Ruhe. Am anderen Morgen(19. März) theilte er mit, daß er i n f r ü h e r M o r g e n st u n d e durch einen Lakaien des Königs von diesem eine Proklamation,„Au meine lieben Berliner" übcrsdiriebcn, mit dem Auftrage erhalten habe, dieselbe sofort drucken und verbreiten zu lassen, falls er dieselbe gut fände und keinen Stach- theil davon erwarte. Auch habe der König Aeudcrungen an- heim gestellt. Der Vater habe den Befehl ausgeführt, obgleich der Inhalt der Proklamation nidst seinem Gefühl entsprochen, aber er habe doch audi nicht die Verantwortung aus sich nehmen wollen, Druck und Verbreitung zu unterlassen— und wer hätte das thun wollen? Er habe dann den Hofbuchdrucker Decker selbst mis dem Schlaf geweckt und Satz und Druck veranlaßt, sogar bei dem Satz geholfen, weil Decker in der ersten Zeit. ohne Hilfe gewesen sei. Ob der Vater die llebermittelung von Druckcxemplarcn an den Obcrbürgernicister direkt veranlaßt, oder gar selbst Exemplare angeklebt hat, darüber habe ich nichts gehört. Gegen 9 Uhr begab sich der Vater abermals auf's Schloß. Er hatte dort sich nicht wieder sehen lassen wollen, aber d i e Königin hatte flehentlich bitten lassen, er möge doch sie und den König nicht verlassen. Gegen Mittag kam der Vater aufgeregt zurück. Tie Truppen rückten ab(in der That war der Theil derselben, welcher den Panier Platz besetzt hatte, bereits außerhalb des Brandenburger Thores), im Schlosse herrschte eine un- g l a u b l i dz e Unordnung; Personen, weldie man früher niemals in den königlichen Gemächern gesehen, liefen darin schreiend und befehlend hin und her u. s. w. Wer den Befehl zum Ausmarsch der Truppen gegeben habe, das wisse keinMeusd,. Er habe den Grafen Arnim gefragt, ob er glaube, unter diesen Umständen die Ord- mmg wieder herstellen und aufrecht erhalten zu können ohne Rückhalt an deu Truppen, und da Graf Arnim mit einem bestimmten„ja" ent- gegnet habe, sei er— der Vater— gegangen mit den Worten:„Dann habe ich hier nidsts mehr zu thun." Und das Unheil ging seinen Gang. — Am andern Mittag ritt der Vater nad) Potsdam und wartete die ganze Nacht hindurch auf das Königspaar, weld)es in der Nacht Berlin verlassen sollte— vergebens. Um Mittag fuhr er mit der Bahn in Begleitung seiner Familie nach Westphalen. Das ist die politische Rolle des Ministers Bodelschwingh am 18. und 19. März 1848, soweit ich davon unmittelbar Kenntniß nehmen konnte." So Herr Ober-Forstmeistcr v. Bodelschwing in der„Köln. Ztg." Immer- hin ist, was er sagt, gleichfalls p c r s ö n l i ch c Ucberlicfcrung, aber es liegen auch amtliche Dokumente vor, die feine Lesart bestätigen und beweisen, daß Bismarck„in der ihm eignen geistreichen Weise"— wie die„Franks. Ztg." sich auszudrücken beliebt— unverschämt g e- flunkert hat. In einem, von dem damaligen Bürgermeister von Berlin, N a u n y n, herrührenden Berichte(Amtliche Berichte und Mittheilimgen über die berliner Barrikadenkämpfe. S. 37) über die Audienz, welche er als Führer einer Anzahl von berliner Bürgern(unter welchen sich u. A. auch der Stadtrath Duncker befand) am Morgen des 19. März bei dem König Friedrich Wilhelm IV. hatte:„Vor Sr. Majestät erlangte der Bürgermeister Naunyn die unbedingte Gewährung seiner Bitte. Ein General, wenn wir nicht irren, Herr von Prittwitz, erhielt von Sr. Majestät dem Könige selbst den Befehl, dem Bürger- mcister Naunyn, dem Dr. Sticber und Stadtrath Duncker die crsorder- lid>en Adjutanten mit dem Befehl zum Zurückziehen der Truppen zuzuweisen. Auf den inneren Sdstoßhof zurückgekehrt, trat der General von Prittwitz mit den Herren von der Stadt in den Kreis der versammelten Stabsoffiziere. Der Bürgermeister wiederholte den Befehl des Königs mit den von Sr. Majestät ausgesprochenen Worten, der General bestätigte dieselben und veranlaßtc sofort die Ausführung der Befehle." Mit einem Wort, wer z u r ü ck w i ch, das war der H o h e n z o l l e r, und es war nicht da? Dümmste, was er in seinem Leben gcthan. So nebensächlich die Frage im Grunde auch ist, so ist es doch nöthig, die Wahrheil festzustellen, und dem bramabasirenden Hofgcsindcl, das sich heut mausiger macht als je, jedesmal, wenn es dies auf Kosten des Volkes thüt, die historische Wahrheit um die Ohren zu schlagen. — Als Bismarck im schönen Monat Mai 1878 nach Empfang der frohen Botschaft vom Hödel'sdien Sackpuffer-Attcntat die famose Depesche nach Berlin schickte:„Ausnahmegesetz gegen die Sozial- demokraten", da ahnte er nicht, welche Äerlegcnheiten ihm dieses „Ausnahmegesetz" bereiten würde. So nützlid) ihm der„Rothe Schrecken" war, den er aus dem Sackpuffcr des Stöckeriancrs Hödel und später aus der Schrotflinte des Benningsenianers Nobiling, wie aus neuen Pandorabüchsen hervorsteigcn und den deutschen Angstphilistcrn in die christlich-germanisdien Glieder hineinführen ließ, so viele Ilnan- nehmlichkeiten hat ihm das Sozialistengesetz gebracht. Es zeigte jedem dcnkfähigen Menschen, daß der„geniale Staatsmaim" ein miserabler Stümper ist, der von der wichtigsten Bewegung seiner eigenen Zeit nidst die blasseste Ahnung hat und kein anderes„Genie" als das gemeinste Polizeigenic besitzt. Es zeigte serner die ganze Ohnmacht dieses vermeintlichen Wunder- mannes, der sich einbildete, die Weltgeschichte überlisten und die Sozial- demokratie in seine Dienste zicb-n oder vernichten zu könne». Zehn Jahre und sechs Monate lang hat er es mit deni Sozialisten- gesetz probirt und kein Tag ist vergangen, der ihm nicht eine Enttäuschung, eine Blamage, eine neue Niederlage gebracht, ihm nicht eine wiidstige Last des bestvcrdicnten Hohns und Hasses auf seinen Kahlschädel geladen hätte. Auch nicht den bescheidensten Erfolg hat er in dieser Zeit zu verzeichnen gehabt. Das Glück, welches ihm bisher so unwandelbar treu gewesen, hat ihn von dem Momente an geflohen, wo er vor aller Welt durch Erlaß des Sozialistengesetzes das Geständniß ablegte:„Ich kann nur mit Hilfe des Polizeibüttels und des Belagerungszustandes regieren." Wie hat aber Eavour gesagt, der auch einer von der sauberen Zunft war, die das Tageslicht nicht verttägt, und zwar einer der geriebensten und folglich ein„klassischer" Zeuge?„Mit dem Be- lagcrungszustand kann jeder Esel regieren." Wenigstens eine Zeit lang, so lange es eben geht, wie Bismarck be- wiesen hat. Und nun geht's nicht mehr, durchaus nicht mehr. Nachdem das Sozialistengesetz zehn und ein halbes Jahr lang das herrschende System und dessen Hauptvertrcter auf's Aeußerste konipromittirt hat, ist es nach- gerade eine Quelle so großer Verlegenheiten geworden, daß man es sich vom Halse zu schassen wünscht. Doch das ist leichter gedacht als gethan. Der etatn» quo ist skandalös und unerträglich— darin sind Alle einig. Die Frage ist bloß, nach welcher Richtung hin und wie soll ihm ein Ende gemacht werden? Verschärfung oder Abschaffung? Milderung oder E t n- verleibung in das gemeine Strafgesetzbuch? An die einfache Abschaffung hat bis jetzt wohl noch Niemand gedacht— das würde einen Systemwechsel bedeuteu, an den vor- läusig noch nicht zu denken ist. Dagegen war eine Zeit lang die Verschärfung sehr fest in'S Sluge gefaßt! Nach dem Fall des Expatriirungsgescbcs warnten wir vor sanguinischer Auffassung der Situation— wir legten dar, daß die Nationalliberalen blas im Hinblick auf den damals— um die Jahres- wende 1887/88— nnmittelbar bevorstehenden Negicrungswedssel und der Thronbesteigung des vor dem Bergmannfchen Messer sid) sträubenden „liberalen Kronprinzen" gegen die Expatriirung sid» erklärt hätten, daß aber mit dem bald zu erwartenden Tod des krebskranken Kronprinzen oder Kaisers das Motiv wegfallen werde, welches die National- liberalen in die Opposition gcttieben. In Wirklichkeit ist auch der Expattiirungsplan damals keineswegs aufgegeben worden— er wurde von seinen Urhebern nur auf günstigere Zeiten verschoben und nach dem Tode des programmwidrigen Zwischen- kaisers Friedrich III. tauchte die Expattiirung wieder auf und zwar in verbesserter Gestalt:„Der Expatriirung, die einstweilen in Er- mangelung von geeigneten Deportations-Kolonicn als Aufenthalts besdiränkung und Jnternirung auftreten soll, will man zur Ergänzung— wohlgcmcrtt nicht als E r s a tz— die den Richtern zu ertheilende Befugniß beifügen, im Fall der llcbcr- trctung gewisser Gcsetzesparagraphen das aktive und passive Wahlrecht abzuerkennen. Dieser Plan besteht bei einem Theil der Regicrungspersönlichkeiten noch heute; und es ist sehr wahrscheinlich, daß die„Rückkehr zum gemeinen Recht", von der uns jetzt so viel vorgeredet wird, auf die EinführungderartigerBe st im mungen hinausläuft. Jedenfalls lasse man sich d»rd> Phrasen von„gemeinem Recht" nicht täuschen. Wir wissen aus langjähriger Erfahrung— oder sollten es doch wissen—, daß jedesmal, wenn irgend ein wohl- und anständig klingendes Schlagwort auftaucht, etwas recht Niederträchtiges dahintersteckt. Einstweilen quälen die Herren Staatsjuristen sich mit dem famosen tz 130 herum, den schon der biedere Fortschrittsprofessor Hähnel im Jahr 1878 zum Ausgangspunkt seiner rückschrittlichen Staatsrettunßs- kampagnc gemacht hatte. Was herauskommen wird, läßt sich noch nicht fagen; das Ideal unserer Politiker haben wir enthüllt— läßt es sid) nidft erreichen, so werden die Herren auch mit einer tüchtigen Ab- fchlagszahlung zufrieden sein, welche der Reichstag ihnen gerne bewilligen wird. Freilich, alle diese Aendernngen kosten viel Zeit und Mühe— und es sollte uns nicht wundern, wenn schließlich Alles beim Alten gelassen würde— nur mit einer Abänderung, die dann sidicr wäre— nämlich, daß die Verlängerung des Sozialistengesetzes auf unbestimmte, mindestens aus längere Zeit— etwa 10 Jahre— erfolgen soll, damit man der häßlichen Debatten lcdig ist, die jetzt alle drei bis vier Jahre wiederzukehren pflegen. Wird außerdem noch etwa die Bestimmung, daß die Denkschriften über den kleinen Belagerungszustand dem Reichs- tag alljährlich vorzulegen sind, ans dem Sozialistengesetz gestrichen, dann kann es endlich einmal heißen:„Lieb Vaterland" magst ruhig sein! Vor den bösen Debatten,„welche das Volksleben vergiften", ist es den Herren schon jetzt Angst, llnd niit Redst. Die„Denkschriften", welche in der ersten Sivung nad> der Pause— am 13.ds. Alts.— zur Debatte gelangen sollen, biete» die Möglichkeit zu einer exemplarischen Züchtigung der Träger des herrsdicnden Systems und das neue Sozialistengesetz— oder auch das alte— weldi-s nad) Ostern dem Reichstag vorgelegt werden soll, wird zu einer Reihe recht erbaulicher Enthüllungen den gewünschten Anlaß geben— und nod, zu anderen erwünschten Dingen.— Jnzwisdicn dauern die K ä in p f c in den oberen und odersten Regionen mit ungeschwädstcn Kräften fort. Bismarck fühlt sich bereits so schwach und ersdsiittcrt, daß er die Gerüchte, er stehe nickst mehr fest, von seinen Reptilien formell demcntiren läßt und— ein Bismarck-Museum anlegen will. Hoffentlich stellt er sich selbst darin auf. Nebenan kann ja ein T y r a s- Museum erridstet werden —. was dem Einen Recht ist, ist dem anderen billig— oder: wie der Herr so der Hund. Apropos: der alte Wilhelm soll heilig gesprochen werden; man will allen Ernstes seinen Todestag znni Nationalfeiertag machen. Warum nicht zum National festlag? Dieses bizantinischc Hundepack merkt gar nicht, wie dumm es ist. — Der Segen der öffentlichen Stimmabgabe hat sich neulich wieder in Berlin bei einer N a di w a h l zur Stadtvcrtretung gezeigt. Es standen sid> ein Liberaler und ein konservativer Antisemit gegenüber. Während für den Erstercn folgende Wählerkatcgoricn mit Mehrheit stimmten: Arbeiter k., Koniniis, Handelsleute, Kaufleute, Lehrer, Handwerker, Schriftsteller und Rentner, hat der Konfervative nur bei den Handwerksmeistern(Zünftler), bei den von der Polizei abhängigen S ch a n k lv i r t h e n und bei den Beamten die Mehrheit. Die ziinftlerischen Handwerksmeister hätten ihn vor der Niederlage nicht gerettet, denn ihren 105 Stimmen standen die von 93 Nidstziinftlcrn gegenüber. Ebensowenig die S ch a n k w i r t h e, denn ihre Zahl fällt nicht ins Gewidst. Trotz beiden Kategorien hätte der Liderale seinen reaktionären Gegner mit 847 gegen 572 Stiinmen gc- schlagen. Aber eS gicbt zum Glück für die gute Sache noch eine Wähler- kategorie: die Beamten. Und diese rücken mit 394 Stimmen für den Konservativen und 5t>, sage und schreibe im Ganzen 59 Stimmen (die natürlich von Beamten der Stadt herrühren) für den Liberalen an. Das niadst des Ersteren Register auf 933 Stimmen ansdsivellen und der Liberale muß mit 903 Stimmen beschämt abziehen, der christlid)- konservative Staat ist gerettet. Auch unter den 572 Stimmen aus den übrigen Wählerkatcgoricn, die der Konservative erhalten, sind zweifellos viele von abhängigen Lcilten, die nicht wählten, wie sie dachten, sondern wie sie mußten. Aber die 394 Beamten, das„fluscht", wie man in Pommern sagt. Und das Bcamtenheer in Preußen schwillt von Jahr zu Jahr mehr an. Wer da noch an der Nützlichkeit, Nothwcndigkcit und Moralität— denn nichts ohne Moral heutzutage— der ö f f e n t l i ck) e n Stimm- abgäbe zweifelt, der ist wirklich schwer zu befriedigen. — Folgende hübsche Plauderei entnehmen wir dem Brünner„Volks- freund". Unter dem Titel„objektive Betrachtungen" sd>rcibt ein witziger Genosse, der sid)„Veit" zeidinet, anknüpfend an die That- sad)e, daß vor etlichen Wochen der deutsdie Kaiser„gestürzt" ist— glücklicherweise ohne sich zu besd,ädigen: „Meine jüngsten wehniüthigcn Betrachtungen über den kaiserlichen Piirzelbanm in Berlin gipfelten in der schmerzlid,cn Vermuthung, daß die materielle Roth den II. Wilhelm so hinfällig gemadst habe. Jeder von uns gewöhnlichen Menschen kennt mehr oder weniger die Roth, den bitteren Mangel an Kleingeld, wer aber vermag zu ermessen, wie fürchterlich dem Unglücklichen erst zu Muthc sein muß, dem die Millionen zu wenig werden! Zu wenig Millionen— ein entsetz- lichcr Gedanke! Zu wenig Millionen, das ist tauscndfad>e, ist millionciifache Roth, gegen diese Millionennoth sd)rumpft die armselige Noth des Proletariers zusammen, sie ist fast»idsts, sie ist ein Pfeffcrkörnchen gegen den Chim- borasso. Und die allerhöchste Roth sdicint thatsächlich vorhanden zu feilt, denn der deutsche Kaiser hat sich, wie Telegramme bcridstctcn, bei Bismarck zu Tische geladen, notabene sich selbst geladen. Würde Wilhelm dies gethan habe», wenn in seiner Hofkllche nicht Sd>malhans Küchenmeister wäre? Man ladet sich nicht selbst bei einem Andern zu Tische, wenn man zu Hanse genug zu beißen hat; mindestens pflegt man anstandshalber abzuwarten, bis man eingeladen wird. Die Proletarier warten auch auf eine Einladniig, die aber nie kommen will; die Tafel ist nod> immer nicht gedeckt. Sic hatten jedock) bisher so viel Anstand, sich nicht selbst einzuladen. Sic verschmähten eine Bettelsnppe. Kaiser Wilhelm verschmähte es nicht, bei seinem Kanzler z» dinircn, wie sauer auch Otto's Pisage geworden sein mochte, als er sein karges Mittagsbrod mit seinem Herrn thcilcn mußte. Die 3'/, Millionen Zubuße zur Zivilliste konnten wahrscheinlich nid>t rasch genug flüssig gemacht werden, deshalb gerieth Wilhelm so arg in die Klemme. Einen Vorschuß sich geben zu lassen, genirte er sich viel- leicht, und so bat er Otto um einen Löffel Grütze. Kanzler Eiscnstirn mag sich wohl gedacht haben: Wenn das öfter gc- schieht, wird mich der Junge noch arm essen, und ich muß nochmals einen Ottopfennig im Reiche eintreiben lassen. Um für die natürlich bereits bewilligten 3'/- Millionen Mark nod) etwas zu bieten, wurde verlautbar, daß der II. Wilhelm geruhen werde, Fabriken zu tnfpiziren und zwar ganz unvermuthct. Diese«„Unvermuthct" kennt ja jedes Kind. Tie betreffenden Fabriks- lokalitäten müssen, bevor sie mit dem hohen Besuch beehrt werden, sorg- fältig gereinigt und gescheuert sein, die Slrbeiter müssen ihre Feiertags- kleider anziehen und niöglichst viele Blumenguirlandcn sind herzuridsten, nicht zu vergessen der unvermeidlichen Triumphpforten. Wenn sodann Alles in der schönsten Ordnung ist, erfolgt die ganz„unvermuthcte" Inspektion. Jedenfalls ein etwas thcurcr Fabriksinspcktor, zumal derselbe eigentlich mehr auf Kasernen-Jnspizirungcn abgerichtet ist. Im Grunde bleibt Jnspizirung doch Jnspizirung, da« lltesultat wird and) in Fabriken das nämliche, sehr erfreuliche sein: Id, bin mit der Haltung der Mannschaften sehr zufrieden!"— — Erheiterndes. Ein Leser sendet uns eine Nummer der libe- ralen„Weser Zeitung", ä.<1. 23. Fcbrnar, in wcldicr der Pariser Korrespondent dieses Blattes sein Gift gegen die französischen Sozialisten ausspritzt und seiner Freude über die reaktionären Maßregeln des neuen opportunistischen Ministeriums ungebniideiien Ausdruck gicbt. Die Aus- lassungcn des literarisdicn Schmocks, der seine Informationen Zweifels- ohne aus der deutschen Gesandtschaft bezieht, sind zu abgcsdiniackt, um einer ernsthaften Widerlegung zu bedürfen, aber als Stick, probe, was für blöd-reaktionäres Gewäsch liberale dcntschc Zeitungen ihren Lesern zu bieten wagen, und zur Erheiterung in ernster Zeit mögen einige auf die Pariser Sozialisten beziiglidic stellen der Korrespondenz hier folgen: „...„Blanqnlsten" und„Marxisten" hoffen nämlich den„Possibi- listen" die Wählerschaft abzujagen, welche dieser relativ gemäßigten Handwerksburschenpartei(welch charakteristischer Ausdruck!) bis jetzt hauptsächlich folgte. Die Parteileitung der„Possibilistcn" befindet sich nun seit längerer Zeit schon in finanzieller Abhängig- k c i t vom Ministerium des Innern. Die„Blanquisten" und„Marxisten" erhalten andererseits Unterstützung aus der Loulangerkasse. Man mag daraus ersehen, worauf der ganze Spektakel hinauslief. Die Volksniasscn stehen dem Treiben der sozialistifcheu Eoiidotticri und ihrer Landsknechts- banden völlig fern. Die Pariser Arbeiterschaft ini Großen n»d Ganzen will von den Veranstaltern der Petition nichts wissen. Die Gcwerk- vereine, welche in den Registern dieser Fraktion verzeichnet stehen, haben eine Durchschnittszahl von 5 bis K Mitgliedern; viele bestehen sogar nur ans dem Papier. Die Marxistische Partei— die beiläufig ihre Wahlagitation mit deutschen Arbcitcrgroschen zu betreiben pflegt,— zählt im Ganzen ein oder anderthalb Dutzend Vertreter. Man kann die ganze Gruppe, die in der Presse so viel Lärm macht, am Abend in einer Weinkneipe der Rue Jcan-JaqueS Nousseau beisammcnschcn, wie sie den Ertrag ihres Agitationsgemerbes durch die Gurgel jagt.(Merkwürdig, trotzdem sie„gar keinen Anhang haben".) Im Laufe des Winters hatten die Marxisten und die nicht viel zahlreicheren Blanquisten einen söge- nannten Partcikongreß in Trohes veranstaltet, bei welchem die„Possi- bilistcn"(Lüge) ausgeschlossen und die zum Theil gegen sie gerichteten Vcschlüsse gcfaszt wurden, eine Agitation im große» Stil zu unternehmen und die Behörden zunächst durch Delegationen bestimmen zu lassen. An Geld fehlt es ja nicht. ... Eonstans, der neue Minister des Innern, erklärte gestern sofort in einem offenen Brief an den Polizeipräfekten, daß er die Delcgirtcn, die ihre Antwort holen wollten, nicht empfangen werde. Er gab streu- gen Befehl, jede Kundgebung auf der Straße zu verhindern, und tvieS die Prafektcn der Departements an, die Sozialdemokraten gleichfalls nicht vorzulassen. Das machte im Publikum(lies: Ausbeutcrthnm) einen vortrefflichen Eindruck. Die Bürgerschaften, oder doch ihre Organe, die republikanischen Zeittmgen, lobten Eonstans als einen „fauststarken Minister"(ministre ii poigne). Frankreich ist ja nach anarchischen Zeiten jedesmal hoch beglückt, sich ausnahmsweise„regiert zu fühlen". Kurzum, Herr Eonstans that zum Beginn seiner Regierung einen glücklichen Griff, bei dem er im Uebrigen nichts r i s- k i r t e(daher wohl auch die„starke Faust"), denn vor den drei Dutzend Sozialdemagogen des Kongresses von Trohes braucht Ricinand zu zit- kern. Einen wesentlichen Gefallen ertvics der Minister auch der stärkere» Fraktion der Sozialdemokraten, d e n„P o s s i b i l i st e n", welche die Konkurrenz der„Blanquisten" und„Marxisten" fürchteten. Er hatte alle Parteien für sich, selbst den Pariser Gemeinderath, der sich weigerte, dem bonlangistischen Genossen Boulö beizustehen...." Genug. Wo der Bursche nicht hundertmal widerlegte Lügen auf- tischt, kompromittirt er niemand mehr als Diejenigen, die er loben will. Wir werden ihm also nicht die Ehre erweisen, unsere Pariser Freunde gegen seine Begeiferungen zu vertheidigen. — Ein Umstürzler.„Die Zahl der Stunden, welche ein gcsetz- licheS Tagewerk bilden sollen, ist eine Frage, ivclchc gegenwärtig fast alle Arbeiter- Organisationen in der zivilisirten Welt beschäftigt. Tie organisirtcn Arbeiter fordern mit Nachdruck eine Reduktion der Arbeits- zeit, und für die u n o r g a n i s i r t e n Arbeiter ist dies noch viel nothwendiger. Die Unverschämtheit, mit der gewisse Ar- bcitcr von Korporationen und Individuen gezwungen werden, täglich 15, 18 oder gar 20 Stunden lang zu arbeiten, ist eine Verhöhnung der Unabhängigkcits-Erklärung, tvelchc besagt, daß alle Menschen„frei und gleich geboren seien, mit gewissen unveräußerlichen Rechten, darunter Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück." Der Mann, der Zwei- drittel des Tages arbeiten muß, bekommt die Schönheit des Lebens, der Freiheit oder des Glückes nie zu kosten. Er ist für seine Familie ein Fremde r, für feinen Arbeitgeber ein Sklave und als„freier" amerikanischer Bürger ein bedauernswcrthes Geschöpf. Daß die Ar- beitszeit schließlich reduzirt werden muß, ist klar." So schreibt der kalifoniische Arbeitskommisffär Tobin in seinem neuesten Jahresbericht nutcr der Rubrik„Löhne und Arbeitszeit". Wenn das ein preußischer Gewerberath wagte! Zum Glück ist solches nicht zu befürchten. — Kascrncnwitzc sind heute ein sehr beliebter Artikel der Witzblätter— bei den Meisten derselben ist gewöhnlich der Titel der einzige>v i r k l i ch e Witz, den sie enthalten— sind voll von ihnen, und wenn sie auch mit wenigen Ausnahmen recht plump sind, so haben sie doch dafür den Vorzug, erfunden zu sein. Wir sind dagegen in der glücklichen Lage, unseren Lesern einen Kaserneniviy erzählen zu können, der wirklich in der Kaserne gemacht worden ist, in einer wirk- lichen Instruktionsstunde von eincni wirklichen vcritablen Lieutenant. Wir wollen ihn so mittheilcn, wie ihn einer der beglückten Rekruten in einem uns zur Verfügung gestellten Briefe an einen Freund erzählt. „Vergangenes Jahr kam in der Instruktionsstunde auch das König- lichc Haus an die Reihe; den Unterricht ertheilte Lieutenant S ch e y k. Als er einen der Soldaten nach dem Todesjahr Friedrich Wilhelm HI. fragte, und der Gefragte antwortete,„er ist im Jahre 1840 gestorben," stürzte Schenk wüthend vor, wollte ihn in's Gesicht schlagen und brüllte alsdann: „Wenn Ihr einmal krepirt seid, dann kann man allenfalls sage», Ihr seid gestorben, bei so hochgestellten Personen sagt man aber, sie sind verstorbe n." Nicht wahr, ein fanioscr Lieutcnantswitz. Er erfüllt alle Ansprüche, die man an einen solchen zu stellen berechtigt ist: dumm, unverschämt roh. Und national ist er auch, es ist u n m ö g l i ch, ihn in eine andere Sprache zu übersetzen. Solch subtiler Unterscheidungen ist nur die deutsche Sprache fähig, die ja auch wie keine zweite, reich an Aus- drücken und Wendungen für Bediente ist. Alle Menschen müssen sterben, Könige und der hohe Adel aber v er- sterben. Sehr gut, Herr Lieutant Schenk vom 20. Infanterie- Regiment, Wittenberg. Sic werde» Karriere machen. Die Rekruten aber lverden sich Ihre Instruktion merken. Das„ge-" für den Plebs, das„ver-" für das Königliche Haus und den hohen Adel. In Zukunft werden sie den Unterschied festhalten und nie außer Acht lassen. Zum Beispiel: Geivöhnlichc Menschen rathcn, Könige?c. vcrrathcn; getvöhnliche Menschen trinken, Könige:c. vertrinken n. s. w., u. s. w. — Ein„Edelster und Bester" im Zuchthause. Der wegen infamer Schwindeleien, Unterschlagungen jc. zu Zuchthaus verurtheilte.Hauptmann, Freiherr von Schleinitz, genießt im Zellcngefängniß zu Berlin, wo er seine Strafe absitzt, den Vorzug, für eine Berliner Verlagsbuchhandlung französische Uebersetzungen anfertigen zu dürfe». Wir wissen nicht, wie viel Personen gegenwärtig in Deutschlands Gesängnissen sitzen, deren einziges Vergehen darin besteht, für die Partei der Armen und Enterbten in hingebendster Weise eine Thätigkcit entfaltet zu haben, die, nach dem gemeinen Recht durchaus unverfänglich, nur mit dem Ausnahmegesetz kollidirt. Ihre Zahl dürfte, niedrig gerechnet, in die Hunderte gehen. Und diese werden, trotz der Ehren- haftigkcit ihrer Motive, wie gemeine Verbrecher behandelt und auch beschäftigt. Hier der adelige Lump— dort der proletarische Ehrenniann. Dieser darf im Zuchthaus Arbeiten verrichten, die ihn zerstreuen, jener muß im(tzefängniß Tüten kleben oder ähnliche geisttödtcnde Arbeiten verrichten. Und das nennt man in Preußen': Gleichheit vor dem Gesetz!, — Die Nicht-Geutlcmen sind sich doch überall gleich. Der britische Spion Beach-Le Caron, der jüngst vor der Parnell- Kommission gestand, daß er während 20 Jahren unter den Irisch- Amerikanern hcrnmgespitzelt, hat, wie das„St. Louis Tageblatt" schreibt, während des Streiks der Eisenbahnangestellten der dem Iah Gould gehörigen Missoun-Pazifik Bahn ebenfalls versucht, den L o ck- S P i y e l zu machen. Herr P o w d e r l e y von den Arbeitsrittcrn veröffentlicht jetzt folgenden Brief, den er damals von Le Earon empfangen: „St. Louis, Southern Hotel, 8. April 1880. In einer Feit wie dieser sind vielleicht einige Worte des Rothes und der Aufmunterung von Nutzen für Sie und vielleicht geeignet, das schwierige Problem, das so plötzlich vor Sie hingetreten, zu löse». Ein friedlicher, gesetzmäßiger Strike wird niemals eine Macht er- langen wie die ist. der Sie gegenüberjtehen. Mor-tlischc Ueberrcdung ist gut bei Kleinigkeiten, hat aber keinen Zweck einem„Goldhcrz"- Teufel, wie Jay Gould, gegenüber. An den ivendct sich uberzcnglmgs- volle Ucbcrredungskunst, Beweiskraft und GcfühlSappcll vergebens' auch wenn man in Donnerstimine zu ihni spricht, schlägt der schall an ein bleiernes Ohr. Am Geldbeutel müssen Sie ihn greifen; sie müssen Gewalt mit Gewalt erwidern. Oeffentlich können Sie thun als ob Sic die Gewaltakte n i ch t u n t e r st ü tz e n; kommt ein Gelvaltakt vor, so„wissen Sic nichts davon." Geben Sie mir nur die Na m en einiger Ihrer Vertrauten an der Missouri Pazi- fkk-Bahn und i ch besorge Alles. Nennen Sie mir Leute, in die Sic unbedingtes Vertrauen setzen, und ich übergebe denselben einen Stoff, der, wenn richtig gebraucht, alle Brücken zerstört. Ich habe die Explosivstoffe zu meinem speziellen Sttidinm gemacht und kann Ihnen ein unfehlbares Mittel zur Redrcssirung der Ucbel, über welche sich Ihre Mitglieder beschweren, geben. Returniren Sie mir diesen Brief und schreiben Sic nur die bewußten Namen auf die leere Seite; es ist nicht nöthig, daß Sie Ihren Namen unterzeichnen. Was geschehen soll, muß bald geschehen. Ich kenne Sie von Ruf seit Jahren und weiß, daß ich Ihnen vcrtrancn darf. Ich verlange nur Ihr Vertrauen und ich verspreche Ihnen dafür die befriedigendsten Resultate." Powderly antwortete Lc Caron nicht, sondern warnte die Knights von Missourc vor Lc Caron, falls dieser ihnen nahen sollte; auch schickte er eine Abschrist von Le Caron's Brief an Michael Davitt, um diesen ebenfalls zu warnen." Sehr vernünftig! — Tie Fiirstcnskandale hören nicht auf. Der dicke Milan von Serbien hat abdanken müssen, weil er sich bei Ausübung der „ftcien Liebe" und sonstigen Gepflogenheiten der„guten Gesellschaft" hat erwischen lassen, und weil die Serben von der„Zivilisation", an deren Spitze„wir Deutsche" bekanntlich marschiren, noch nicht auf die Höhe der Weltanschauung gelangt sind, welche in einem Fürsten unter allen Umständen ein gottähnliches oder göttliches Wesen erblickt, auch wenn er die größten Infamien und Schweinereien getrieben hat oder treibt— ja dann erst recht. Denn>vie der Leipziger Gottesgnaden- thums-Apostel Dr. O e r t e l seiner Zeit nachgewiesen hat: einen guten Fürsten als Heiligen verehren, das ist kein Kunststück,— das monarchistische Kunststück ist, einen schlechten als Heiligen zu ver- ehren— je schlechter, desto größer das Kunststück und die Heiligkeit.— Apropos, die„Tante Voß" nennt den alten Wilhelm am 1. Jahrestag seines Hinscheidens einen„großen Todten". Die Berliner„Volksztg." ist das einzige bürgerliche Blatt, das den Miith hat, die Wahrheit über den neuesten Heiligen zu sagen. — Die preußischen Reptile geberdcn sich sehr tugendhaft entrüstet. daß der Battenberger, nachdem man ihm in Berlin den Sttihl vor die Thür gesetzt und alle Hoffnung auf die Hand der Viktoria von Preußen gcnomnicn, sich mit der Sängerin Loisingcr, der Tochter eines Wiener Kammerdieners, eingelassen. Ja, wcnn's eine Potsdamer Bäckerstochter gewesen wäre! — Immer voran. Bei der Nachwahl im 14. hannoverschen Wahlkreise(Celle- Gifhorn) erhielt unser Genosse Zimmermann W a r n ck e 1790 Stimmen. Das bedeutet gegen 1887 einen Zuwachs von 732 Stimmen, gegen 1884 mehr als eine Verdoppelung der sozialistischen Stimmen. Es geht also tüchtig vorwärts, und den Genossen, die so wacker imd unverdrossen dort an der Arbeit sind, gebührt ein kräftiges: Bravo! Das Gcsammttesultat ergibt einen erheblichen Zuwachs der„reichskeind- lichen"(Welsen, Sozialisten, Freisinn) und einen bedenklichen Rückgang der.Kartellstimmcn. Es ist Stichwahl zwischen dem Welsen und dem Kartcllbrnder nothwcndig, bei der wahrscheinlich der Erstere siegen wird. Damit wäre dem Kartell das achte erschwindelte Mandat entrissen. Immer voran! — I. G. Eccarius, Verfasser von„Der Kampf des großen nnd kleinen Kapitals" und„Eines Arbeiters Widerlegung der ökonomischen Lehren John Stuart Mills", ist in diesen Tagen in London g e st o r b e n. Ehedem ciftiger Sozialist und Mitglied des Generalraths der„Jnter- nationale", hatte er sich in den letzten Iahren von der Bewegung zurück- gezogen. — Wie wir hören, haben die Possibilisten die Vorschläge der Hanger Konferenz abgelehnt. Sie bestehen auf ihrem Schein und wollen namentlich nichts davon wissen, daß über die Giltigkcit oder Ilngilttgkcit der Mandate der Kongreß das entscheidende Wort spricht. Dadurch verrathen die Herren, worauf es ihnen in Wahrheit ankommt: sie wollen sich die Macht sichern, ihnen unbequeme französische Delegirtc vom Kongreß auszuschließen. Da der Kongreß in Paris tagen soll, wo sie ihre Hauptstärke haben, werden sie voraussichtlich, so geht die Rechnung, unter den Franzosen die Mehrheit bilden, nnd sind dann auf Grund ihrer Bestimmung,„jede Nation entscheidet über die Gil- tigkeit ihrer Mandate selbst," souverän. Der Ring- und Kliqucnwirthschaft ist damit Thür und Thor geöffnet. Wäre z. B. im letzten Jahre in London nach diesem Grundsatz verfahren worden, so hätten dieBroad- hurste k. eine ganze Zahl sozialistischer Delegirter vom Kongreß ausgeschlossen. Was man in London bekämpfte, daran klammert nian sich in Paris mit Leibeskräften. Das ist in der That echt p o s- sibilistisch. Genug für heute. Wir kommen mif die Sache noch zurück und werden dann vielleicht auch den sittenstrengen Londoner Freunden der Possibilisten auf ihre Ermahnungen antworten. Korrespondenzen. Wilhelmshaven, 3. März.?7ol«lo88o oWigc— Adel verpflichtet! Wozu? Zu Allem, nur nicht zur chAichcu Arbeit._ Hat man un8_ da einen heruntergekommenen Adligen, den Sprossen eines der„edelsten nnd besten" Geschlechter, als Polizeivoigt hergeschickt, weil sein väter- liches Vermögen tvahrschcinlich verjubelt war und nun fiir den armen Teufel eine standesgemäße Existenz geschafft werden mußte. � Seit za. fünf Jahren amtirt hier der Kammcrherr Graf v. Lüttichau als Landrathsgeselle oder Hülfsbcamter, wie man es nennt, ein wahrer Ausbund von Beschränktheit, Mucker durch und durch, Krcnzzeitungs- mann und blasirtcr Aristokrat. Für den Grad seiner Befähigung spricht die Thatsachc, daß er bereits nahezu fünfzig Jahre alt ist, während sein Vorgesetzter, der Landrath, erst einige dreißig Jahre zählt. An- fangs suchte er sich durch Gründung von Innungen berühmt zu machen. Als er damit Fiasko machte, suchte er durch allerlei kauderwälschc Ver- fügungcn die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und da auch das ihm keine Lorbeeren eintrug, versucht er es mit der„Vcrnichtting" der Sozialdemokratie. So erließ er z. B., als er von Strciksammlungen der Maurer hörte, eine Bekanntmachung, laut welcher er alle Samm- lungen zu„sozialdemokratischen Umsturzzwecken" verbot und mit Konsis- kation der gesammelten Gelder drohte. Natürlich wurde er einfach ausgelacht. Dann verbot er eine öffentliche Vcrsanimlung und ver- anläßte, als an Stelle der verbotenen eine andere Versammlung auf oldcnburgischem Gebiet abgehalten wurde, daß dem betreffenden Wirth der M i l i t ä r b e s u ch entzogen wurde. Der Wirth wandte sich, um die Zurücknahme des Verbots zu bewirken, direkt an den Kammer- Herrn und LandrathSgcsellcn Graf v. Lüttichau, nnd bei dieser Gelegen- hcit machte der edle Graf den Versuch, denselben zum Spitzel, zum Nichtgentl einen zu dingen. Er versprach ihm die Zurück- nähme des Militärverbots, wenn er ihm Mittheilungen über die Sozialdemokraten und ihre Führer mache, die in den oldcnbnrgischen Geineindcn hauptsächlich ihre Brutstätten hätten. Der Wirth könne ja auf ihn, den Landrathsgcscllen, schimpfen, so viel als er wolle, um sich unverdächtig zu machen, und brauche, um die Sache weniger auffällig zu machen auch nicht persönlich mit ihm. sondern schriftlich unter seiner Privatadresse zu verkehren. Zur größten Ilcberraschung des Grafen kam aber die ganze Geschichte an's Tageslicht, und der Mann des höheren Ehrgefühls, der sich ob seiner eingebildeten Schlauheit schon beglückwünscht hatte, spielt letzt die denkbar traurigste Figur. Auf die Anzapfungen des hiesigen Arbeiter- organs in dieser Sache hat er bis heute noch nicht geannvortet. In seiner Wuth versuchte er es dagegen mit Denunziationen aller Art bei den oldenburgischen Behörden, ist aber überall abgelaufen. Ilm sich nun ob den verschiedenen Ohrfeigen zu trösten— auch ein von ihm erlassenes Versammluiigsverbot, welchem Landrath und Regierung zugesttmmt hatten, ist vom Minister auf erhobene Beschwerde für nicht gerecht- fertigt erklärt worden— hat er jetzt einen„Verein christlicher Männer und Jünglinge" gegründet, in welchem er Anekdoten aus der„Kreuz- zeitung" vorliest und Vorttäge über die„Kunst", Landrathsgeselle zu lverden, hält. Leider sind die christlichen Jünglinge nicht in der Lage» diese Kunst zu üben, da es ihnen an dem nöthigen väterlichen Ver- mögen zum Durchdringen und Verjubeln fehlt und weil viele von ihnen nicht die genügende Portion Bornirtheit besitzen. Hoffen lvir indeß, daß er in diesen Kreisen mehr Glück hat, als mit den Sozialdemokraten und mit seiner Spitzele!. Die rothe Strandwacht. Cinciimati, den 11. Februar 1389. Es ist wohl nicht nothwendig� lange Abhandlungen über die Arbeiterbelvegung von Amerika im All- gemeinen zu schreiben, das hierher Gehörige ersehen Sie ja aus der sozialistischen Presse unsres Landes. Ich will hier nur anführen, daß die nun endlich erschienene englische Ausgabe von Karl Marx„Kapital" uns von größtem Nutzen ist. Ich habe hier in Cincinnati in zwei Wochen acht Exemplare an hier gebornc Arbcitcragitatorcn ver- kauft, zwei haben mir dieser Tage erklärt, daß sie jetzt erst uns deutsche Sozialiften begreifen gelernt. Der Zersctznngsprozcß der Mittelklassen ist auch bei uns jetzt so weit gediehen, daß die kleinen Geschäftsleute bei der Gesetzgebung der ver- fchicdcnen Staaten Schutz suchen. Das Geschrei gegen die Einwanderung ist weiter nichts als die Bankrott-Erklärung der bürgerlich-kapttalistischen Produktion; wenn früher der Kapitalismus kosmopolittsche Politik trieb, treibt er jetzt Kirchthurms-Politik, und das Ist sein Untergang. Dahin- gegen gestalten sich die Arbeiterorganisattonen immer mehr kosniopolittsch und darin liegt ihre Zukunft. Ich kann hier nicht umhin, den schweizerischen Spießbürgern meinen Dank auszusprechen, überhaupt allen denen, die dazu beigetragen haben, daß der„Sozialdemokrat" nach London ziehen mußte— die Schweiz hat ja nun ihre eigene sozialdemokratische Partei, England wird eine solche bald haben und das ist von größter Wichtigkeit für Amerika. Es ist Thatsache, daß der englisch sprechende Amerikaner im Allgemeinen von uns Deutschen nichts lernen will. Wenn in Irland oder England irgend eine Rauferei oder ähnliches los ist, das wird hier in der eng- lisch-amerikanischcn Presse breit getreten, Deutschland dagegen wird sehr stiefmütterlich behandelt. Eine starke sozialistische Agitatwn in England ist gleichbedeutend nüt einer starken sozialistischen Agitation unter den englisch sprechenden Amerikanern, und es liegt in der Natur der Sache, daß eine politische sozialistische Ärbciter-Partei, solange ihre Agitatoren Deutsche sind, auf die Dauer keinen politischen Einfluß haben kann, der Heiland Sozialismus muß ftir uns aus England kommen, das ist meint in fünfzehn Jahren in Amerika gesammelte Erfahrung. Ob ich richtig urtheilc, inuß ich der Zukunft anheimstellen. Mit Gniß und Handschlag an die Wackeren in Deutschland. Karl Schumann, früher Pcnig, Königreich Sachsen. X.L. Vor Auswanderung, wenn nicht dringende Gründe vorliegen, warne ich jeden. Briefkasten der Expedition:= Th. Stjnff. Bern: Fr. 2 25 Abon. I.Qu: crh.— F. Schlgr. Asihl.: Fr. 2— Ab. Glchht. 2. Qu. erh.— H. Sipe. Zrch.: Fr. 10— Rest-Saldo«rh.— K. Zmrmn. Genf: Fr. 54— Ab. 4. Qu. erh.—„Rother Postmeister" M. 2 15 f. Schrft. erh.— A. Hnz. St. Gallen: Fr. 42 55 f. Schrst. u. Abon. erh.— Lindwurm: Rcklamirtes ging mit 10. Ausz. lag bei.— Enrico: 10'/- Pce. f. Schft. erh.— R. Trautschy, Caltowie: Pfd. 1 15— erh. a Eto. Ab. jc. u. 5 Sich. p. Wfd. dkd. erh. Auszug u. Bstllg. folgt.— W. Hffm. London: Sch. 1— f. Schft. erh.~ E. E. Richmond: Mehrbcst. besorgt mit Nr. 10. Sdg.„N.Z." unterwegs. Auszug am 25/1. bfl. abgesandt. — N. N. New-Aork: 1 Expl. Nr. 40 dkd. erh.— Merlin: Bf. mit Adr. v. 10/3. hier. Was hat der Betr. für Gründe, Ausnahme zu ver- langen? 500 M. soeben eingctr. Bfl, Näh.— Arabi Pascha: Bf. betr. F. P.-Adr. 2C. erh. War falsch adressirt.'Näheres bfl.— Lionel: Bstllg. v. 9/3. erh. Ueber W. bfl. mehr.. Adr. geordn.— Armer Konrad: M. 40— a Eto. Ab. it. erh. Bestllg. u. Adr. nottrt.— I. Hchs. Newyork: Rmttd. mit Nr. 40 erh. u. gutgebr. Sind jetzt mit 40 ge- nügend versorgt. Dank l— A. Lanfrm. Chicago: Bestg. am 12/3. abgg. Etebunden nichts mehr davon da.— A. H. Newyork: Rmttd. erh. u. gutgebr. Bitten dringend um Feststellung einer konstanteren Durch- schnittsziffcr.— Sam Mrc. Lond.: Sch. 3 02 f. Schft. erh.— I. M. B.: M. 3 55 f. Schft. erh.— G. G. Sch. Lond.: 5 Pce. f. Bldr. erh.— W. Lang». Chicago: Pfd. 2.1.02 a Eto. Ab. jc. mit Beilg. u. 5 Pce. Strafporto erh., da Doppelgew. Bstllg. jc. notirt. Alles flgt. u. bfl. Weiteres.— Jgnaz Puchner, Chicago:(1 Doll.) 4 Sch. per lisda. dkd. erh.— Donnersbery: M. 100 a Cto. Ab. jc. erh., bfl. Weiteres.— Fuchs: M. 500— baar u. M. 4— p. Athlsch. a Cto. Ab. jc. erh. und nach Vorschrift gebucht. Bstllg. u. Adressen notirt. Beilage ohne Hausnummer schwerlich zu bestellen. Bfl. mehr.— P. C. Dijon: Fr. 2 55 Ab. ab 1/3—31/5. erh. 9 u. 10 am 12/3. abgesandt.— C. Herbst'Newyork: Ihr Postmaster berechnet Ihnen Doll. 10.00 zu Pfd. St. 1.3.10, irrt sich also um. 17 Sch. zu Ihrem Schaden. Money-Order deshalb am 12/3. zur Richtigstellung zurückgesandt. Bfl. mehr.— A. Thierfldr. Newyork: Lassen Ihnen etwas per Kreuzbd. zugehen, das zweckentsprechend sein wird. Gruß.— Utopia: War nichts unterwegs. Beachten Sic, daß die engl. Post Sonntags keine Bse. austrägt und- richten Sie thunlichst Absdg. darnach.— Rthr. Kämpfer: M. 40 90 a Cto. Ab. jc. Sdg. v. 31/1. endl. erh. Lesen Sie doch am Kopf des S.-D. Nr. 3„zur Beachtung" Gegebenes. Für Gr. n. Br. per Ende Febr. Avisirtes ist noch nicht da.—.Klara: Nachr. vom 10/3, erh. — Rothe Schwefelbande: Bstllg. u. Cto. folgen. Beil. besorgt.— Sei- denwurm: Qitg. erh. Hoffentlich beeilen Sie das Wettere als dring- lichst.— Heinrich: Adr. jc. notirt. Betr. Reklamirtem werden recher- chiren. Haben Sie Empfänger schon beftagt? Weiteres erwartet u. vor- gemerkt.— Lorley: Bestllg. notirt. Sie wundern sich noch uud haben doch kürzlich selbst Weiteres ins Unbestimmte verwiesen! Adr. u. Bestg. notirt. Bfl. Weiteres.— Claus Groth: M. 10.50 pr. Ggr. gutgebr. Bf. vom 9. am 12/3. beantw.— Fernandez: Nachr. v. 7. am 13/3. beantw. Adr. geord.— Spreequell: Betr. Bestllg. ist unterwegs. Neue notirt.— Beelzebub: Schrftsdg. vom 11/3 und P.-K. erh.— Ami- Hitze: Besorgt. Warum nichts Näheres? Bei uns ist zu haben: Lodert Sl«m und seine Zeit. Von Wilhelm Liebknecht. In 6 Lieferungen, je 4 Bogen stark, zu 35 Cts., komplet gebunden Fr. 2.50. In der Schlußlieferung wird besonders die 48cr Revolution in in- teressanter Weise beleuchtet. Die Schristen-Fitiale der Arbeiterftim«? Zähringerstraße 12, Zürich. Durch Unterzeichnete zu beziehen: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. Preis: Fr.— 40. Mk.— 35. Sh.— 4. German Cooperative Publishing Co. 114 Kentish Town Road, London fi. W. *- Bei unserer Abreise nach Amerika allen Freunden ein herzliches Lebewohl! London, 15. März 1889. H. Schlüter und Fran. Prlnted for proprietors by the Oerman Cooperative Publishing Co, 114 Kontiah Towb Road London W,