Aöonnements, «»den Seim Verlag und dessen belannlen Agenten entgegen- genommen, und zwar zum vo ra«»» ahl dar«« VieMeljahripreiz ton: Ml. 4.40 für Deutschland(Mrelt per Bries-Couvert) i»fl. 2,?S slir Oeslerreich ldirekt per»rief-Coutert) Eh!ll. 2,— fllr alle übrigen Länder de» Weltpostverein» tttrouzband). Zllseritt die dreigespaltene Petitzeile ZPence 2» Psg. 30 Ct». Krgan der Sozialdemokratie deutscher Junge. Krscheittt wich««tllch einmal in Lottdott. Mkrtag der öerraan Cooperat ire Pabliahing Co. E. Bernstein& Co., London N. W. 114 Kentish Town RoaJ. PgssftlldllllZtll sranlo gegen frank». Eewbhnliche Briese »ach England kosten Doppelporto. M 12. Briese an die Bedaktion und kkrpedidion de» in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sozialdemokrat'«olle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schicke man uns die Briese nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadressen. In zweiselhasten Fällen eingeschrieben. 23. März 1889. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemahregelten nicht! Zur rechtzeitigen Kenntnihnahme. B«i Quartals chluß müssen sämmtliche Briefabonnements vorausbezahlt sein. Belastungen auf Conto-Jnhaber finden also nicht statt. Nllm Bestellungen auf direkte oder indirekte Brieflieferung ist ohne jede Ausnahme die volle Vaarzahlung beizulegen. Die direkten Briefabonnements sind, sofern nicht auf Grund besonderer Verhältnisse Ausnahmen vereinbart sind oder werden, künftig für's ganze Jahr voraus- zuzahlen. Alle nicht ausdrücklich wiederbe st eilten Brief- Abonnements werden gesperrt. Ersatz für Versandtverluste liefern wir nur gegen Einsendung des Porto bei Reklamationeil. Wo anderweitige Bezugsgelegenheit geboten ist, sind Brief- Abonnements unzulässig. Cinzeln-Kreuzband-Tendungen ins Ausland sperren wir mit Quartalschluß, wenn Neubestellung und Geld bis dahin ausbleiben. 4- -t- 4- ZjZK Für die Schweiz. Sir Lchnsttll-Malt der Arbcitcrliimmc in Zürich Zähringer st raste 12 trägt fortan diejenigen bisherigen Abonnenten, welche unser Blatt nicht abbestellen, auch für das lausende Quartal vor, und erhebt sofort nach Ausgabe von Nr. 14 Nachnahme, sofern die betreffeilden Abonnementsbeträge nicht zuvor ein- gesandt wurden. Sir Admiuistratiill 4 lkipedition dkg Sozialdemokrat". Für Thron, Altar und Geldsack. In Nr. 8 unseres Blattes haben wir einen Brief ver- öffentlicht, in welchem der„Nicht- Gentleman" Wn ch iu ann unserem Genosien Auer mittheilt, daß er seinerzeit im Auf- trag des berüchtigten Altonaer Polizeikom- Missärs Engel— eine, allerdings nicht verbesserte. Neu- Auflage des Frankfurter Spitzelzüchters Rumpfs— in der Most'schen„F r e i h e i t" ihn(Auer) der Unterschlagung von 1V00 Mark habe beschuldigen müssen. Wie nicht anders zu erwarten, schweigt sich Häuschen über diese heute so un- angenehme Mitarbeiterschaft des Spitzels Wichmann völlig aus, und so haben denn wir uns der Mühe unterzogen, aus den durch verschiedene Jahrgänge der„Freiheit" vertheilten Zuschriften des„sozialrevolutionären Genosien" Wichmann eine kleine Blumenlese zu veranstalten und darin unseren Le- fern zu zeigen, wie die preußische Polizei in Gestalt ihres Schützlings Engel den Kampf„für Thron, Altar und Geldsack" gegen„die verbrecherische Propaganda" der Anar- chisten.und Sozialisten führt. Unerörtert wollen wir hier die Frage lassen, inwieweit der zweite der Engel' scheu Zöglinge— der„einäugige Wolf"— bei der Doppelrolle, die Wichmann- Engel ge- spielt, mitbetheiligt war; das ist völlig nebensächlich, nicht auf die Werkzeuge, auf die Urheber, die Engel, Krüger, Puttp, Herrfurth, fällt die Haupt-Verantwortung. Die Wichmann'schen Berichte in der„Freiheit" bilden einen schlagenden Beweis für die alte Erfahrung, wie die Polizei sich in die Kreise der„Revolutionäre" pur excollonco einzuführen beliebt, und wie sie nachher die gewonnene Position nach oben hin fruktifizirt. Auch Herr Wichmann arbeitete nach berühmten Mustern: Erst werden die„Führer" der „Gemäßigten" verdächtigt; sie sind„Geschäfts- Sozialisten", „Gesinnungslunipen". Das genügt aber auf die Dauer nicht; über eine Weile haben diese„Führer" schon aus den Arbeiter- groschen sich„gemästet", wie der oberste Nicht- Gentleman, Tugend-Putty, so geschmackvoll sich ausdrückte; sie haben ge- stöhlen, unterschlagen. Und sind so diese ärgsten Schreier im Vertrauen ihrer„revolutionären",„radikalen" Genossen weit genug vorgeschritten, so wird von der Roth- wendigkeit revolutionärer T h a t e n gepredigt, wird die Be- deutung und Stärke der sogenannten revolutionären Gruppen und Bewegung übertrieben, von Konferenzen und Beschliissen berichtet, deren Arrangeure und Verfasser(unter Beigesellung einzelner naiver oder durch die Verfolgungen und Verhetzun- gm fanatisirter Elemente) eben diese Wichmann, Kaufmann, Schröder und Konsorten sind, mit anderen Worten: die po- litische Polizei! In Nr. 43 der„Freiheit"(1880) führt sich Herr Wich- mann als Opfer der Polizei ein: „?? Hamburg. Auf Requisition der Cölner Polizei wurde am 16. ds. Mts.(Oktober) beim Genossen Wichmann in Altona gehaus- sucht. Soviel man erfahren konnte, weil in Emmerich ein an Wichmann adressirtes Packet von der Zollbehörde angehalten worden ivar. Gefunden wurde übrigens nicht das Geringste. Immerhin wurde Wich- mann verhaftet, am anderen Tage aber wieder entlassen." Nun folgt eine längere Schimpferei auf verschiedene„Füh- rer", wie Reimer u. A., daß diese Gesinnungslumpen ge- worden seien, und schließt: „Wie Recht hatte doch Hasselm ann�)(!), als er sagte, die ganze Klique der„Gerichts-Zeitung" würde schließlich zu den Fortschrittleru übergehen, wenn ihre behagliche Existenz bedroht werde... Hoffentlich wird durch diese Kritik den Genossen die Lust ausgetrieben, sich noch länger von den Z ü r ch e r n an der Nase„führen" zu lassen." Schon drei Wochen später kann die„Freiheit"(Nr. 46) aus Hamburg folgendes Briefchen veröffentlichen, das ihr „ein Genosse(Ehren-W.) im Auftrage der dortigen Sozialrevolutionäre"(nämlich des Herrn Polizeikom- missärs Engel) übersendet. Dasselbe lautet: „Endlich saugen die Genossen an einzusehen, tvohin es mit der Leipziger„Führung" gekommen. Besonders sind gelegentlich der Aus- Weisung Dinge zu Tage getreten, welche selbst die Vertauensseligsten zum Nachdenken bringen. Die incisten Genossen sind niit einer Unterstützung von 20 Btark fortgeschickt worden, während die Führerschaft aus dem versilberten Partei-Jnventar nach Herzenslust das Nöthigc nahmen und damit alle Taschen füllten. Viele davon dampfen nächstens nach Amerika, so z. B. Reimer, B r a s ch und B r ü g m a n n. Vor den, Abgang dieser sauberen Patrone entblödeten dieselben sich nicht, pnmkendc Abschiedsfcste zu feiern und sogar in Bordellwirth- schaften das gestohlene Geld zu verjubeln. Das sind dieselben Leute, welche über H a s s e l m a n u(!) nicht genug raisoniren konnten, als derselbe abreiste. In Amerika werden die Herren natürlich die Märtyrer und Großmäuncr spielen wollen, daher wird hier Jedermann vor ihnen gewarnt. Mögen die Genossen in Amerika nun endlich ein- mal einsehen, welchen Kalibers die Anhänger der Zürcher Sipp- s ch a f t sind; mögen sie begreifen, daß sie ihr Geld zum Fenster hin- auswerfen, wenn sie noch weitere Gelder für Wahlen und ä h n- l i ch c n Quatsch nach Z Ii rH ch und Leipzig senden. Wollen sie den deutschen Sozialisten unter die Arme greifen, so thun sie am besten, wenn sie die.Sozialr evolutionär e in ihrem Streben, Flug- blättcr und Zeitungen einzuschmuggeln, unterstützen. Thue Jeder, was in seinen Kräften steht, Throu, Altar und Geldsalk zu stürzen!" Es ist die Zeit der Hamburger Massen-Ausweisungen; die Polizei hat alle Hände voll zu thun, aber nirgends bietet sich Gelegenheit, bei einem Putschchen, Kravällchen als Retter der Ordnung einzuschreiten. Und so finden wir auch in Nr. 47 der„Freiheit" wieder eine E n g e l' sche Korrespondenz, die unter obligater Verleumdung(diesmal steht der ausgewiesene Führer S t ö h r mit 6000 Mk. obenan) mit dem aufrichtigen Stoßseufzer schließt: „Solange diese Possenreißer noch hier und da agitiren, wird ja doch '«de e r n st h a f t e H a n d l u n g gestört." ( Auch in Nr. 50 ist leider noch immer keine der ersehnten „e r n st h a f t e n H a n d l u n g e n" zu melden; im Gegentheil, Wichmann begnügt sich diesmal mit 600 Mk. Krankenkassen- geldern, welche Reimer, Brügmann, Forschner, Braasch mit- genomnien. Immerhin, bevor das Jahr 1880 zur Rüste geht, erlebt Engel doch noch eine kleine Freude. In Nr. 1 der„Freiheit" 1881 meldet Wichmann: „Am zweiten Weihnachtsfeiertag waren 48 Genossen, größtentheils Maurer, Schiffs- und andere Zimincrer und Hafenarbeiter versammelt, um die herrschende S i t u a t i o n einer Berathung zu unterziehen." Zwar begnügt man sich noch mit dem Beschluß, keine Unterstützungsgelder mehr nach Zürich zu senden, und ein An- trag, die„F r e i h e i t" zum Hauptorgan zu machen, wurde sogar mit 26 gegen 22 Stimmen abgelehnt, aber Engel- Wichmann trösten sich, denn nur weil dieser Beschluß eine Konzession an die„Autoritätssucht" wäre, haben die anti- autoritären Revolutionäre diesen Antrag abgelehnt und froh- lockend heißt es dann zum Schlüsse: „Alles in Allem geht es mit den Vertheidigern des Geschäftssozialismus bergab, und die revolutionäre Strömung gewinnt Oberwasser. Die jüngsten Ereignisse haben Wunder gcivirkt." Endlich also schwarz auf weiß ein Beweis, daß die Poli- zeigelder nicht umsonst ausgeworfen sind, daß die„revolu- tionäre Strömung" W* hmann Übermasse r" hat! Das ennuthigt die Polizei- Phantasie so sehr, daß sogar Most Bedenken trägt, den nächsten Brief im Wortlaut abzudrucken, denn in Nr. 6 der„Freiheit" 1881 schreibt der gerechtig- keits- und wahrheitsliebende Hans: „Aus Hamburg geht uns eine längere Korrespondenz zu, interne Parteiangelegenheiten besprechend. Wir heben daraus nur hervor, daß Herrn Auer schon wieder einmal etwas Unangenehnies passirte. Demselben wurden von schleswig-holsteinischen Genossen 1500 Mk. zu Unterstützungszwecken anvertraut. Als man Rcchuungslage verlangte, stellte es sich heraus, daß Herrn Auer inzwischen 1000 Mark„gestohlen" worden sind. Die verlangte Einleitung einer Verfolgung dieser Sache lehnte der„Bestohlene" ab, Iveil die Harbnrger Polizei nicht geeignet sei, einen solchen Fall zu betreiben.--- Andere Mittheilungen verschweigen wir, weil der Eindruck, den solche Dinge auf die weniger Betheiligten machen, stets ein häßlicher ist." Als im März 1881 in Petersburg Alexander II. durch ») Daft und wie Engel-Wichmann gerade H a s s e l m a n n stets fürsorglich in Schutz nahmen, werden wir bei einer anderen Ge- legenheit näher erörtern. den Bombenwurf der Terroristen hingerichtet war, konnten Engel-Wichmann sich vor Freude nicht mehr fassen. Für die Most selbst so verhängnißvoll gewordene Märznummer (Nr. 12 der„Freiheit") geht ihm aus Hainburg folgende er- freuliche Mittheilung zu: „Versammelt beim Glase Bier bringen wir ein donnerndes Hoch auf den 13. März in St. Petersburg. Möge der Tag nicht mehr f e r n e s e i n, wo ein gleiches Ereigniß uns von allen Tyrannen befreit. Wir bedauern nur, daß den anderen Schuften ihr ver- dienter Lohn nicht gleichzeitig ausbezahlt worden ist. Möge das Vorgehen der Russen die Genossen iveit und breit zu gleicher Ausdauer und zur nämlichen Kühnheit im Kampfe anspornen." Nach einer solchen Kraftleistung tritt für die Polizei eine kleine Ruhepause ein— sie darf auf ihren Lorbeeren ruhen! Ein Vierteljahr später, als unterdessen auch in der Redaktion der„Freiheit" eine kleine Personaländerung eingetreten, än- dert Herr Wichmami plötzlich die Taktik. Er kann doch nicht iinmer blos auf die„Zürcher" schimpfen, er geht nunmehr auch gegen die Polizei los. Merkwürdigerweise geht sein Zorn aber in die Tiefe, nicht in die Höhe. Nicht die Ur- Heber der Polizei-Jnfamien trifft sein Bannstrahl— in der ganzen Serie seiner zahlreichen Korrespondenzen an die„Frei- heit" ist in all' den Jahren nicht ein einziges Wört- lein gegen seinen Schutzpatron Engel geschrie- ben— nein, ganz untergeordnete Werkzeuge werden denun- zirt. Sollte Konkurrenz-, Brodneid im Spiele gewesen sein? — In Nr. 22 der„Freiheit" 1881 schreibt er: „Ottensen, 24. Mai. Die hiesigen Polizeibüttcl Bleicken und Wendr haben schon wieder eine neue Schufterei verübt, indem sie die Ausweisung von 10 unserer Genossen veranlassten.... Diese Schand- that wird jedoch von uns nicht so ohne Weiteres ruhig zur Notiz genommen iverdcn. E s w ä r e einmal an d e r Z e i t, daß die Arbeiter allerorten beweisen, daß sie der unerträglichen Schindereien der Schergen überdrüssig und gewillt sind, denselben bei der ersten besten Gelegenheit einen Denkzettel zu geben." Und dann schlägt er wieder die alte Leier: die Ausgewie- senen sind Schmarotzer, einer, I. Groß(„ein getreuer Knappe des edlen Auer") hat zur Abwechslung wieder 583 Mark 20 Psg.„unterschlagen". Die in der März-Nummer von Engel-Wichmann ausgesprochene Behauptung, daß„der Tag nicht mehr ferne ist, wo ein gleiches Ereigniß(wie der Bombenwurf) uns von allen Tyrannen befreit", will sich nicht erwahren. Auch das„Bedauern, daß den anderen Schuften ihr wohl- verdienter Lohn nicht gleichzeitig ausbezahlt wurde", hat sich noch nicht in Freude verwandeln können, und so setzt sich denn der Altonaer Polizeikommissär Engel wieder hin und diktirt seinem getreuen Knappen Wichmann— Alles im Interesse von Thron, Altar und Geldsack natürlich— folgende Korrespondenz an die„Freiheit", die in Nr. 39 1881 figurirt: „H a in b ii r g. Die„Empfangsfeierlichkeiten", welche hier und in Itzehoe zu„Ehren" L e h m a n n's gemacht wurden, spotten aller Be- schreibung. Die feige, blasse Angst des russischen Henkers Alexander HI. hat auch n n s c r n„H e l d e n g r e i s" angesteckt und ihn zu„Vorsichtsmaßregeln" veranlaßt, welche wahrhaft lächcr- lich sind.(Folgen diese.) „Der meineidige„Held" von Rastatt, der Hunderttausende auf den Schlachtfeldern dah.inmorden ließ, der gewohnt mar, kalten Blutes über zerfetzte Leichen zu reiten, dem glänzende Äavalleriegcfechte ein Hochgenuß und der M a s s e n m o r d B e d ü r f n i ß geworden war, er zittert jetzt für sein armseliges Leben, das eine ununterbrochene K e t t e v o n S ch u r k e r e i e n u n d G r a u s a m k e i t c n ist. Seine morschen Glieder schlottern bei dem ihm furchtbaren Gedanken, den wohlverdienten Lohn seiner Thatcn noch bei Lebzeiten einzuheimsen. „Soweit haben es die Tyrannen und Blutsang er des ar- bettenden Volkes gebracht, daß sie überall den Rächer wittern, dessen Arm selbst dreifache Mauern von Bajonetten nicht aufhalten können. Die Geschichte weiß Beispiele anzufüyreu, wie gar mancher Tyrann elendiglich in die Grube fahren mußte. Die grenzenlose Furcht der Herrschenden um ihr theures Leben ist die Frucht ihrer infamen Unterdrückungen und Verfolgungen des arbeitenden Volkes; ist das Bewußtsein, daß der H a ß gegen sie ini Volke k e i n e G r e u z e n kennt und täglich tiefer Wurzeln schlägt. Dieser Haß wird und muß zum Ausbruch kommen, er wird und m u ß zur Rache und Ver- g e l t u n g alles Dessen führen, was ja ani Volte verbrochen wurde. Drum sei uns auch kein Schurk' zu groß, Gebt Acht! DerTanzgehtlos." Man sieht, der Herr Altonaer Polizeikommissär hat Ta- lent— er stellt seine anarchistischen Konkurrenten— sogar Peukert nicht ausgenommen— auf dem Gebiet der Mordlust und revolutionären Phrase weit in den Schatten. Aber trotz all' dieser Versuche, dem Schicksal nachzuhelfen"— il faut corriger la fortune— geht der Tanz nicht los, und so erlahmt denn die„revolutionäre" Spannkraft auf dem Altonaer Polizeiamte. In Nr. 47 der„Freiheit" 1881 bringen Engel-Wichmann es nur zu der schon allzuoft wiederholten Behauptung: „Die Lnuipenstrciche seitens der Anhänger der Zürich-Leipziger Rich- tung mehren sich. So ist von hier ein ganz gemeiner Akt zu melden, nämlich der Liquidator der Genossenschaft. Garve, welcher sich in Har- bürg aufhielt, hat sich heimlich nach Amerika geslüchtet, unter Mitnahme von 4000 Mark, welche Schurkereien einigen Herren ganz gelegen zu kommen scheinen, denn die Herren Braasch, Kapell und Auer haben jeder noch das Sülnmchen von 2000 A�ark Genossenschaftlogeloem in Händen, welche dieselben sich weigern, herauszugeben...." Aber diese Lügen gewinnen weder durch Wiederholung noch durch die Steigerung der Summen— sei es, daß sie selbst der„Freiheit" zu dumm waren, sei es, daß in Altona eines der öfters wiederkehrenden„Mißverständnisse" zwischen Ehren- mann Engel und Ehreinnann Wichmann die Schuld trug— die Mitarbeitcrschaft von Polizei- Engel an der„Freiheit" erleidet eine Stockung. Sobald aber Kollege Schröder in Zürich den Druck der„Freiheit" vermittelt, stellt sich Herr Engel-Wichmann wieder ein— und damit der ganzen Ge- schichte der Humor nicht fehle, wird diesmal die Altonaer Polizei des Diebstahls beschuldigt, weil die beiden Büttel.Kiel und Wend das Eintrittsgeld zu einem Arbeiter- fest konfiszirt und man seitdem von diesem„Raube" nichts mehr gehört habe. Dafür widmet Wichmann seinen beiden Spezialfreunden in Rr. 24 der„Freiheit" 1883 folgenden Schlußsatz: „Aber Ihr braucht nicht mehr lange ZU warten; dcr Tag UN- s e r c r Abrechnung i st nicht mehr so ferne, der Tag, an dcni die Ncvoliition mit blutigem Stahl für Eure Schuftereien quittircn wird." In Nr. 3V desselben Jahrgangs der„Freiheit" erhebt sich Engel-Wichmann wieder zu höherem Fluge. Neben den gewohnten Schimpfereien schreibt er gegen eine im„So- zialdcnwkrat" erschienene Zuschrift aus Hamburg: „Tasz die Genossen hier gut organisirt find, ist eine Thatfache, nur verschweigt der„edle" Berichterstatter, daß die S ü ß w a s s e r- P o- l i t i k e r hier vollständig a b g e w i r t h s ch a f t e t und die Arbeiter darüber einig sind, sich nicht mehr von Leuten leithammcln zu lassen, die heute noch für den Parlamentarismus schivärmcn oder glau- ben, durch Gewerkschaftsbewegung, Streiks ec. etwas Nützliches für das darbende Proletariat erlangen zu können, sonder» daß sie Alle zu der Ucberzeugnng gekommen, daß n n r auf dem Wege der Gewalt und durch energisches, selbständiges Handeln die Arbeiterfrage gelöst werden kann... War es Unvorsichtigkeit, war es böswillige Absicht seitens des Mit- Nedakteurs Schröder,— kurz, zum ersten und letztenmal erscheint als.Korrespondenzzeichen ein ominöses w. Von nun ab hört Engel Wichmann's polizei-jouritalistische Mitarbeiterschaft an der revolutionären„Freiheit" auf— über das Warum wollen wir uns den Kopf nicht zerbrechen. Nur einmal noch, im Jahre 1884, als Most im höchsten Stadium seiner Dynamitbegeisterung schwelgte und jeden Tag sich„demnächst etwas ereignete", muß Engel-Wichmann etwas ganz Besonderes bei Nicht angemeldet haben, und zwar mit einer Deutlichkeit, die selbst den großen General Bum- dum stutzig niachte, denn frcndctninken jauchzt er im Brief- kästen der„Freiheit" Nr. 39 1884: „H a m b u r g- A l t o Ii a: Nur losgelassen, daß dicScher- ben fliegen; wir haben na türl ick? nichts dagegen. Korre- s p o n d i r e n muß man aber bei den jetzigen Postvcrhältnissen nicht mindestens nicht gar so dentli6>!" Sollen wir noch etwas hinzufügen? Wohl nicht, die Rolle des Polizeischusten Engel entspricht völlig der in deutschen Regierungskreisen herrschenden Auffassung über die Aufgaben der politischen Polizei. Sie bedarf auch so wenig einer Er- klärung, als die verbrecherische Leichtfertigkeit, mit der die „Freiheit" hier jabrelang für die Polizei arbeitete! Und die Herren Anarchisten haben nicht einmal die Entschul- digung der Unkenntniß für sich. Denn von Anfang her galt Wichmann in Hamburg-Altona als verdächtig, und seit Jahr und Tag wurde er von den Hamburger Genossen als„Nicht- Gentleman" behandelt. Aber er schimpfte auf die„Zürcher", die„Gesetzlichkeits-Michel"— besser konnte man sich damals in London nicht einführen— dafür stellte Most einen Freischein für alle Schurkereien aus. Einen Umstand wollen wir aber hier noch erwähnen, der diese ganze Episode erst in die richtige Beleuchtung stellt. Trotzdem Lumpazius Wichmann mit seinem glcichwerthigen Gönner Engel in Differenzen gerathen und im Zorn über den erfahrenen schnöden Undank die koiupromsttirendsten Ge- Heimnisse der Polizeifamilie der Oeffentlichkeit preisgibt, ja sogar einen so bewährten„pflichttreuen" Beamten wie Engel offen Perbrechen bezichtigt, ohne daß dieser Klage erhebt— trotz alledem steht Wichmann heute noch mit dein Spitzelchef Krüger in Berlin in Verbindung, ist Wichmann heute noch Agent der Berliner Polizei! Und doch wird soifft die Sünde des Ausplauderns— die einzige, die der Polizeikodex kennt— streng geahndet! Der „einäugige Wolf" hat die bloße Drohung schon mit dem Leben bezahlen müssen— grade Engel konnte seinenl Freunde Wichmann von diesem„Selbstmorde" doch sehr viel erzählen! Erkläre inir, Graf Oerindur!— Freilich,„unter Kameraden ist Alles ejal" �— oder wie Herr Polizeikommissar von Mauderode in einem Brief an einen für die Berliner Polizei arbeitenden Agenten, der neben anderen hübschen Sächelchen in unsere Hände gefallen, schreibt: „Wir sind eben Ehrenmänner".*) Und' Ehrenmänner sind diese attcntatslüsternen Kämpen für Ordnung und Sicherheit alle— die Puttkamer wie die Krüger, die Engel wie die Wichmann! Glück auf zu solchem Kampf für— Thron, Altar und Geldsack! rf. Die Vergötterung des Weibes.**) Wir leben in einem Zeitalter, wo die Grundlagen aller Stände, auf denen bislicr die Gesellschaft mehr oder weniger beruhte, das letzte Stadium der Zersetzung erreicht haben. Zum ersten Male in der Ge- schichte sieht sich die menschliche Gesellschaft in ihre sie bildenden Atome ausgetöst.„Das Joch der alten Welt ist gebrochen und seine Fesseln von uns genommen." Die formale individuelle Freiheit mit ihrer Gleichheit vor dem Gesetz, jenes Ziel, auf das alle kleinbürgerlichen Reformer hingewiesen, und das die Sozialisten ebenfalls als eine noth- wendige UebergangSstufc bezeichnen, ist endlich erreicht. Nichts natürlicher, als daß die Idee der persönlichen Gleichheit, die *) Die betreffende Briefstclle lautet zu allerliebst, als daß wir sie nicht ganz abdrucken sollten:„Ihrer Verschwiegenheit halte ich mich versichert wie Sie Sich der iiicinigcn versichert halten. Wir sind eben Ehrenmänner und Verschwiegenheit in geschäftlichen Vertraucnssachcn ist Ehrensache. Nicht wahr?" Dieses Nicht wahr des Herrn von Mauderode ist unbezahlbar. **) Indem wir hiermit einem englischen Genossen, E. Belfort- Vax, das Wort geben zu einer Polemik gegen Bebels„Die Frau in der Vergangenheit, Gegenivart und Zukunft", brauchen tvir den Lesern dieses Blattes wohl nicht erst zu erklären. daß wir selbst die Bax'sche Auffassung durchaus nicht theilcn. Dies vorausgeschickt, überlassen wir alles Weitere der Diskussion. Ncd. d. S.-D. in der einen oder anderen Form eine gemeinschaftliche Forderung der , modernen Demokratie ist, sich auch auf das geschlechtliche Gebiet ausdehnte. Auf den ersten Blick scheint die Verschiedenheit der gesellschaftlichen Lage von Mann und Frau von gleicher Natur zu sein, wie die von Junker und Leibeignem, Herr und Knecht, Meister und Geselle u. s. w. Ohne Zweifel besteht hier eine oberflächliche Achulichkcit, aber sie ist auch nur oberflächlich. Das Verhältniß zwischen Mann und Frau ist einzig in seiner Art. Denn während die Standes-Unterschiede auf ökonomische Ursachen zurückzuführen sind— auf die Thatsache z. B. der Zugehörigkeit zu einem erobernden oder einem eroberten Stamme oder Volk, auf Abstamniung, oder auch unuiittelbar auf Besitz und Ver- mögen, oder auf was immer— ist der Unterschied zwischen Mann und Frau kein blos gesellschaftlicher, der durch irgend einen Glückezufall bestimmt wird, sondern er ist ein organischer, ein Unterschied körperlicher und geistiger Natur. Ein Versuch daher, den Stand, wenn wir so sagen dürfen, der Frau mit den historischen Ständen zu vergleichen, ist von vornherein ein verfehlter, da der Unterschied ein grundverschiedener ist. So viel muß, denken wir, billigenvcise eingeräumt werden. Es wirft sich nun die Frage auf, ob dieser organische oder natürliche Unterschied, entgegen dem herkömmlichen oder gesellschaftlichen, eine geistige Inferiorität der Frau in sich schließt oder nicht. Die Annahme, daß dem so sei, ist bis heilte eine so allgemein gültige, daß der Beweis des Gcgenthcils denen zukommt, welche die geistige Ebenbürtigkeit der Ge- schlechter bejahen. Der erste Punkt, den wir bei Besprechung des modernen Frauen- knltus zu behandeln haben, ist dcninach die Behauptung seiner Vertreter, daß eine Inferiorität des Weibes nicht existire. Die geläufigsten Argu- mente dafür finden wir in deni Buche des Genossen August Bebel „Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" und diese wollen wir ein wenig auf ihre Stichhaltigkeit prüfen. Daß wir mit dem sozialistischen Thcilc dieses Buches vollständig ein- verstanden sind, brauchen wir lvohl kaum zu versichern. Allein über den Theile, loelchcr der Verthcidigung des Fraucnkultus gewidmet ist, haben wir alle Ursache, anderer Meinung zu sein, wie wir nachstehend zu be- weisen hoffen. Bei den Gründen für und wider die behauptete geistige Ungleichheit der Geschlechter können wir uns kurz fassen, dahingegen müssen wir etwas länger bei Betrachtung der G e m ü t h s s e i t c, sowie der poli- tischen und sozialen Bedeutung des Fraucnkultus verweilen. Denn der heutige Fraucnkultus ist wesentlich ein sentimentales Produkt der mo- dcnicii Zivilisation; die Gründe dafür sind erst nachträglich entstanden. Jedoch wollen wir sie zuerst behandeln, denn wie Bebel S. SS und 100 sagt:„Obgleich die Frage der höheren Bcrufsthätigkeit der Frau in der heutigen Gesellschaft nur eine kleine Zahl von Frauen betrifft, so ist sie von prinzipieller Wichtigkeit. Denn müßte sie verneint werden, so wäre auch die behauptete Möglichkeit höherer Entwickclung und Gleichberechtigung der Frau in Frage gestellt. Außerdem muß, da heute die große Mehrzahl der Männer in allem Ernst glaubt, die Frauen müßten und wurden stets geistig untergeordnet bleiben, dieses Vorurthcil zerstört werden." Wie hier angedeutet wird, steht oder fällt damit die Frage, soweit sie überhaupt auf Vcrnunftgrüiidcn beruht. Ter erste Versuch Bcbcl's, die allgemein zugegebene gcgcnlvärtigc Ungleichheit der geistigen Be- fähigimg beider Geschlechter zu erklären, ist der sehr gewöhnliche, iiäm- lich der Hinweis auf die schlechtere Erziehung der Frau und ihr stetes Leben im engen Kreise. Gerade dieses Argument scheint uns ein höchst unglückliches zu sein. Angesichts der thatsächlich vorhandenen geistigen Ungleichheit lvird uns immer die Fabel aufgetischt, daß den Frauen der Zutritt zu den Bilduugsinittcln verwehrt gcivcseu sei, die dem Manne zugänglich waren. Sie steht genau auf der gleichen Stufe wie das Bourgeois-Argumcnt fiir den Klasscnstaat, das bekanntlich darin besteht, uus die Tugend, den Fleiß und die Enthaltsamkeit des Einen und die Schlechtigkeit, Faulheit und Verschwcuduug des Andern recht cindriuglich vorzuführen. In beide» Behauptungen liegt natürlich ein Körnchen Wahrheit, aber es ist unter cincni Berg von Jrrthümcrn vergraben. In einzelne» Fällen und uuter bestiinniten Uinstäiiden mögen Frauen in gewissen Fächern die Erziehung nicht genossen haben, deren Männer sich crfreuien, gerade wie in besondereu Fällen ein gewisser Rcichthum durch Fleiß erworben und Armuth die Folge von Faulheit sei» kann. Als Bcwcismitttcl kann mau diese Bchauptung aber nicht gelten lassen, schon aus dem.einfachen Grunde nicht, weil sie in llö Fällen von 100 nicht zutrifft. Die ganze Richtung der„höheren" Erziehung ist bis vor Kurzem, wie heute allgemein zugestanden wird, der LerstandcScutwickelnng eher nackitheilig als fördernd gewesen. Jahrelanges Drechseln lateinischer Verse kann gewiß nicht als zuträglich für die allseitige geistige Ent- Wickelung betrachtet werden. Von dem aber sind die Frauen wenigstens verschont geblieben. Im günstigsten Falle sind es auch nur wenige Zweige des Wissens, in welchen der Mann bedeutendere Vorthcile über die Frau hatte. Von den Tagen Sapphos an sind den Frauen nie ernstliche Hindernisse in den Weg gelegt worden, sich der Literatur oder den schönen Künsten in irgend einer ihrer Formen zn„widmen." Und doch, was haben sie im Vergleich zu Männern in irgend cinem jener Fächer geleistet? Mau sagt, daß die Frau stets angehalten wurde, ihr Interesse auf den häuslichen Herd zu beschränken u. f. w. Das mag bei französischen und deutschen Frauen früherer Generationen und theil- weise selbst heute noch zutreffen. Aber es trifft nicht zu bei der ge- bildeten griechischen Hetäre oder der römischen Frau im Zeitalter des Angustus. Es trifft in neuerer Zeit ebenso locnig zu bei einem großen Theil der Frauen Englands und Amerikas oder in zahlreichen anderen Beispielen, die angeführt werden könnten. Zudem finden wir, daß der Charakter und. das Genie des Mannes sich gerade in der Ucberwiudung solcher Hindernisse zeigte,»nd das ist auch wahr bei Frauen, die wirklich Hervorragendes geleistet. Die Erziehung einer George Eliot z. B. unterschied sich in nichts von der einer gewöhnliche» Engländerin. Das Argument, welches sich auf die sozialen und erzieherischen Nach- theile stützt, die der Frau im Wege stehen, bricht also vollkommen in sich zusammen. Bei Genosse Bebel wird der Beweis übrigens derart geführt, dag er sich in der wirksamsten Weise selbst zerstört. S. 55 und G! klagt er, daß während die geistige Ausbildung des Mannes vornemlich in der Richtung des exakten Denkens gefördert werde, die auch der besser er- zogcnen Frau fast gänzlich auf die Vertiefung des Gcmiithes berechnet sei, und durch die vorwiegende Beschäftigung mit Musik, Belletristik, Kunst und Poesie eine schon ohnehin reichlich vorhandene Nervosität bis zum Ucberreiz erzeugt werde. Wir meinen, die natürliche Folge davon hätte sein müssen, daß die Frauen ivenigsiens in der Literatur und in den schönen Künsten bedeutende Geister hervorbrachten. Was, fragen wir nochmals, haben denn Frauen verglichen niit Männern je in Kunst und Literatur geleistet? Gcuies, sagt Bebel, fallen nickst vom Himmel, sondern bedürfen der Erziehung und Entwickelung. Und doch sind nach Bebels eigner Angabe die Frauen gerade hinsichtlich der Phantasie zu viel erzogen und entwickelt worden, so daß sie ein ganze Menge künstlerischer Berühmtheiten aufiveiscn müßten. Mag auch die Erziehung in einem gewissen Grade dazu beigetragen haben, daß nur Männer einen Aristoteles und einen Newton hervorbrachten, so kann doch nninöglich der Erziehung die Thatsache zugeschrieben werden, daß nur Männer einen Dante, Raphael oder Mozart ansznwcisen haben. Das sollte doch unfern Frauenvcrchrern ein wenig zu denken geben. Bebel bestreitet S. 104 und 105 die Thatsache, daß das Gehirn der Frau in Quantität und Qualität geringer sei als das des Mannes. Es ist behauptet worden, seine Physiologie stehe nickst auf ganz festen Füßen; wir bekennen jedoch, darüber kein konipetentes Urthcil abgeben zu können. Wir sind bereit, seine Angaben zu nehmen wie er sie gibt und wollen nur die trügerischen Schlüsse hervorheben, die er daraus zieht Sollte man es für möglich halten, daß ein Mann wie Bebel, nachdem er die Unterschiede der Gehirnmasse verschiedener hervorragen- der Riänner aufzählt, einen Haupttrumpf darin zu finden glaubt, daß das Hirn des bekannten> Gelehrten Hansmann an Gewicht nur dem Durchschnittsgewicht des weiblichen Gehirns gleichkomme? Also ein ganz isolirter Fall soll die vielfache», wohlbewiesenen Erfahrnngssätze unistoßen, welche darthnn, daß bei sonst gleichen Umständen die geistige Kraft von dem Gewicht der Gehirmnasse abhängt, wobei natürlich die Möglichkeit einer Ausnahme nicht a»sgeschlossen ist? Bebel protcstirt ■ dagegen, die Gehirnsubstanz als den alleinigen Gradgicsser für die geistigen Fähigkeiten hinzustellen. Als ob irgend Jemand dies thue! Alles was behauptet wird, ist nur, daß diese Thatsache mit anderen zusanimen genommen sich niit vernichtender Gewalt gegen die blinden Vertheidiger der weiblichen Gleichheit wendet. Verweilen wir einen Augenblick bei einigen anderen, nicht technischen Thatsache», welche für die Inferiorität des Weibes sprechen. 1) Bekanntlich ist die Rangordnung der lebenden Wesen durch die Periode bestimmt, welche das Einzelwesen zu seiner Reife braucht— je höher die Begabung des gcrciftcn Thiercs, desto längere Zeit hat es nöthig zu seiner Entwickelung. Nim wissen wir alle, daß Mädchen eher zur Reife gelangen als Knaben. Allerdings ist dies eine an und für sich unbedeutende Erscheinung, allein es ist der Strohhalm, der die Richtung der Strömung anzeigt. Ein Anderes Krstcrium der thierischen Rangordnung ist die re- lasive Lebenskraft. Bei sonst gleichen Umständen wird das Leben um so eher zerstörbar sein, je höher, d. h. je vollständiger entwickelt der Organismus ist. Betreffs der Zähigkeit des Lebens im Weibe können Ivir die Leser auf unsere Abhandlung in der englischen Monatsschrift „Do Day"(S. 28. Jahrgang 1887) verweisen, wo wir aus die NN- zweifelhaft größere Lebenskraft der Frau aufmerksam machen. Hier nur ein oder zwei Beispiele. Es ist bekannt, daß zu Knutenhieben in Rußland vcrnrtheilt zn werden, nur eine unlschrcibcndc Form der Todes- strafe ist. Der einzige Fall, wo Jemand diese Prozedur unbeschädigt durchmachte, ist der einer Frau Lapuchin, welche auf Befehl der.Kaiserin Elisabeth gcknutct wurde, ohne einen dauernden Schaden an ihrer Ge- sundhcit davon zu tragen, nach Sibirien transportirt wurde, auch dieses überlebte und später nach Petersburg zurückkehrte und ein hohes Alter erreichte. Englische Zeitungen berichteten vor zwei Jahren von einer alten Frau, welche im Winter ans einer Reise von den Shetland-Jnseln nach Mainland, ärzliche Hilsts aufsuchend, Schiffbruch erlitt, mis einer Planke bei sehr kaltem Wetter nahezu eine Woche ohne Nahrungsmittel zubrachte, endlich durch ein vorbcisegelndcs Schiff gerettet und nach wenigen Tagen sorgsamer Pflege vollständig wieder hergestellt wurde. Ein Fall kam jüngst zu unserer persönlichen Kcnntniß, wo eine jimge Frau eine außergewöhnliche Operation zu bestehen hatte, bei welcher die Eingeweide herausgenommen und verschoben werden mußten.„Sie wird es nicht aushalten", sagte man uns, als wir die Bemerkung machten, es sei allerdings unglaublich, allein die weibliche Konstitution sei stark und würde wahrscheinlich auch dieses ertragen. Und in der That er- wies sich unsere Beobachtung als richttg, denn wenige Wochen nach der zwei oder dreistündigen Operation befand sich die Kranke besser als je zuvor.(Fortsetzung folgt.) Ztns Frankreich. � Paris, S. März 188a Eines der größten kapitalistisch-sinanziellen Gaunerstücke, das die letzten . Jahre gesehen, hat endlich sein Ende gefunden. Der berüchtigte, vor noch nicht zivci Jahren gegründete„Knpferriug", über den wir seiner Zeit berickstcten, ist schmählich ins Krachen gekonimeu; selbsrvcr- ständlich aber erst, nachdem er eine Masse von Existenzen schwer geschä- digt hatte. Das„Souietc des nietaux"(Metallgescllschaft) benannte Konsortium behufs Anfkanf alles auf dem Weltmärkte vorhandenen Kupfers bestand aus Rothschild, Girod und Eic., Secretan, der Pariser Bank und dem Coinptoir d'Escompte(Diskontobank), kurz der Btüthe der Finnuzmakler- Institute. Der Ring trieb binnen eines Monats den Preis des Zentners Kupfer um das Doppelte in die Höhe und machte damit seine Aktien von 500 Franks bis auf 1200 Franks steigen. Das Gcschäftchcn ließ sich also hübsch an und versprach Rothschild doppelte Profite, da er durch die Steigerung der Kupferprcise zur Einführung des N i ck e l g c l d e s zwingen wollte. Ter gute Man» besitzt nämlich ■ große Nickelmiuen und ivolllc solglich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Aber: der Knpfcrring denkt und die Besitzer der Kupferminen lenken, sollte es bald heiße». Die Eigenthümcr von Kupferbergwerken prodnzirten nämlich so viel, daß die Kaiikkrast des Rings nickß aus- reichend war, es mußte eine„Hilssgcsellschast" mit 40 Miltioncu Kapital ins Leben gerufen werden, nud als die Produktivität der Minen noch weiter wuchs und mit einem Drucke der Preise drohte, sollte eine zweite „Hilfsgesellschaft" mit 120 Millionen Kapital geschaffen werden. Das finanzielle Kümmclblättchen ging nicht mehr nach Wunsch, Niemand konnte voraussehen, wo und wann die Ergiebigkeit der Minen anhalten und ob es dem Kapital des Ringes möglich sein werde, in gleichem Verhältniß zu wachsen. Rothschild zog den Sperling in der Hand der Taube auf dem Dache vor und schaffte sich seine Aktien vom Halse, so lanqe dieselben noch im Kurs standen. Kaum war dies aber geschehen und bekannt geworden, so sanken die Aktien der„Metallgescllschaft" ans 100 Frcs.; die Aktie» de« CoHiptoir d'Eseompte, das mit 70 Mill. an dem Ring betheiligt war, erfuhren mit einem Schlage einen Abschlag von 200 Franks. Die übliche Panik aller direkt oder indirekt an dem Ring bctheiligten Personen ließ nicht auf sich warten. Die opportunistische Presse suchte zwar den Krach so viel als möglich zu vertuschen, damit es den Klcinkapitalistcn gegenüber heißen konnte: es wird sortgcrupft. Allein der Selbstmord Denfert-Rochcrcans, Tirettors der Eskomptege- sellschaft, welcher fiir deren Betheiligung am ikupfcrring besonders ver- antwortlich war, machte das Verheimlichen unmöglich. Der„Sturm" brach los. Alle, die bei der genannten Bank Gelder eingelegt, drängten sich vor den Bureaus derselben. An einem einzigen Tage hatten zirka 3000 Personen ihre Fonds im Betrage von 40 Millionen zurückgezogen. Bei den Filialen der Gesellschaft in Lyon und Marseille war der An- drang nicht weniger groß, jeder suchte zu retten, was noch zu retten war. Charakteristisch ist, daß die Monsteure des Großkapitals, wie „Tcmps",„Journ. des Debats",„Repnbl. ftan?aise"-c. um die Ange- legenheit herumgingen, wie die Katze um den heißen Brei. Sie ergehen sich in vagen Andeutungen, geben aber keine Ziffern über die Höhe der Millionen, welche der Krach— lies Rothschild— verschlungen hat. Der Bonlangist Lanr hat bereits eine Interpellation in der Kammer eingebracht, um von der Regierung gegen das Kupferringkonsortinm An- Wendung des Artikel 419 des Strafgesetzbuches zu forder», demzufolge Personen, welche eine Koalition bilden, um die Preise einer Waarc über oder unter den von der freien Konkurrenz geschaffenen Preis zn treiben, mit Gcfängniß von 1 Monat bis 1 Jahr oder einer Geldbuße von 500 bis 10,000 Franks bestraft werden können. Natürlich beeilte sich der Finanzministcr Ronvier, ein in der Wolle gefärbter Opportunist, der seine Hand bei allen möglichen tzroßen Börscnganncreie» im Spiele hatte, die Diskussion der Interpellation auf 14 Tage zu verschieben. Die Bonlangistcn haben in Gestalt dieser Interpellation einen geschickten Trumpf ausgespielt, der ihnen erlaubt, sich als die Vertheidiger des Mittelstandes, als die sittlich entrüsteten Vertreter der politisch-finanziellen Anständigkeit und Reinheit auszugeben. Daß sich kein Schildknappe der bürgerlichen Ordnuugsparteien zu dieser Interpellation erhoben, ist in zweifacher Hinsicht bezeichnend. Bezeichnend für die Schamlosigkeit, mit welcher dieselben die Interessen des Großkapitals und ihre eignen Trink- gelderinteresseu vertteten, bezeichnend auch für die politische Kurzsichtig- keit und Tölpelei, mit welcher sie selbst dem Bonlangismus eine» Stich nach dem anderen in die Hand drücken. Man vergleiche nur die „Neutralität" der Regierung dem Knpfcrring gegenüber mit dem Eifer, mit welchem sie gegen die Arbeiter den Sttcik- und Koalitions- paragrap.icn amvendet. Der Krach des Knpferrings läuft wie der Panamakrach auf eine wahre Revolution in den Besitzverhältnisscn der frauzösischen Nation hinaus. Er bedeutet eine sich auf Hunderte von Millionen Franken be- ziffernde Expropriation des französischen Kleinkapitals, im Wesentlichen zu Giinsteii des Großkapitals. Die Auftegung über den Krach geht so tief, daß sie beinahe das öffentliche Jntcrcffe von den Maßregeln der Regierung gegen die „Patriotenliga" Dcronlcdc's abgelenkt hat. Bis voriges Jahr war die Patriotcnliga ein zwar sehr lärmender aber im Grunde harmloser Iln- fug. Ihre Bcdcntung für Frankreich war Null, da es ihr laut Statut verboten, sich mit religiösen und politisckicn Fragen zn beschäftigen,»nd ihr Einfluß auf das Ausland war zweimal Null, wen» man davon absehen will, daß ihr blinder Mordpatriotismus gelegentlich von zweifelhaften Gesellen, von Bismarckischcn Lockspitzeln zc., ans das Glatt- eis von Rüpeleien und Schlägereien mit Deutschen gelockt wurde, um dann in Teutschland zur Erpressung weiterer Opfer für den Militär- moloch ausgebeutet zu werden. Ohne gesetzlich autorisirt zu sein, wurde die Liga von den verschiedenen Kabinetten mit Wohlwollen behandelt. Keine Regierung hat es für nöthig befunden, ihrem Treiben entgegen zu treten. Da erschien der Boulangismus auf der politischen Bildflächc und brachte Deroulede die Erkenntnis, daß der Revanche Frankreichs nach Außen eine„Wiedergeburt" nach Innen vorausgehen müsse. Boulanger ward für die Liga der Heiland, in dessen Namen allein diese Wieder- gcburt möglich war. Die Thätigkcit der Liga erhielt von nun an ein neues Ziel und eine veränderte Richtung, was zunächst zu eiuer Spal- tung der Organisation führte, deren eine Fraktion dem alten Grundsatz treu blieb, während die andere sich mit Leib und Seele der Tagespolitik hingab. Die letztere Fraktion der Patriotenliga lieferte die eigentlichen Kadre's der boulangistischen Armee, in der Propaganda, bei den ver- schiedcuen Wahlkanipagncn, Maiiifestatioiic» leisteten ihre disziplinirtcu Bataillone die besten Dienste, um mit den Rcgicrungsorganen zu reden: die Liga hatte aufgehört eine äußere Gefahr zu sein, um eine innere zu werden. Unter diesen Umständen konnte man erwarten, daß die von allen abgcivirthschaftctcn Politikern so dringend geforderten„Ausnahme- maßregeln" zuerst gegen die Liga inS Werk gesetzt werden würden. Das sehnlich gewünschte„stramme" Kampfesministcrium Tirard hat denn auch alsbald die Initiative zu solchen ergriffen. Anlaß hierzu lieferte ein Aufruf der Liga behufs einer Samnilung zu Gunsten der bei der Affäre von Sagallo*) verwundeten Russen, respektive deren Hinter- bliebencn. Der Aufruf griff die französische Regierung in den heftigsten Ausdrücken an, war dagegen eitel Honigseim stir Rußland. Ter Aufruf nun soll— bcwundernswerthc und an den Haaren herbei geschundene Logik— geeignet sein,„das gute Einvernehmen zivischcn Frankreich und Rußland zu stören," ja sogar einen Krieg zwischen beiden Ländern herauf- zubeschwören. Da es im Gesetzbuch einen Paragraphen gibt, welcher sich ans dieses Verbrechen bezieht, so wurden Kraft dieses Paragraphen Maßregeln gegen die Patnotcnliga eingeleitet. In den Lokalen der Organisation und dem Rcdaktionsbureau ihres Organs„I-a Drapeau" (die Fahne) wurde gehaussucht und wurden zirka 4000„Dokumente" mit Beschlag belegt, aus denen nian das Material zu einem riesigen Prozeß wegen Verschwörimg gegen den Staat herauszupressen hofft, die aber nur konstatiren lassen, daß die Liga einen Mobilisationsplan besaß und in den Reihen der Reserve- und Landwehr-Offfzierc Anhänger zählte. Natürlich war Niemand auch nur eine Sekunde lang im Zweifel, daß die Regierung die Affaire Ntschinoff schlug, aber den Voulangismus meinte; hat doch die Liga jahrelang den Vorwand für alle Bismarckischcn Grenzscheercrcien abgeben können, ohne daß man sie dcsivegen für ge- fährlich erklärte. Ter Vorwand war so ungeschickt erfunden, daß die 'Behörden selbst ihn fallen ließen; die Auflösung der Patriotenliga, das Verbot ihrer Versammlungen in Paris und der Provinz ist auf Grund von der napoleonischcn Epoche vererbten Assoziationsgesctzes erfolgt, das Organisationen von mehr als 20 Mitgliedern nur unter Voraussetzung der behördlichen Genehmigung erlaubt. Eharaktcristisch im höchsten Grade ist, daß die jetzt brüderlich ver- einigten Opportunisten und Radikalen zwar Zlusnahmemaßregeln möch- ten, um die Republik, d. h. ihre Herrschaft zu retten, daß sie aber nicht einmal den Mnth haben, dieselben offen anzuwenden. Alan kann es vom Standpunkte des„Kampfes»ms Dasein" ja begreiflich finden, daß sich die parlamentarische Sippschaft der boulangistischen Sippe ge- genüber ihrer Hanl wehrt, und daß sie dies, solange sie das Heft noch hält, mit allen Mitteln thut, aber die Heuchelei, mit der sie dabei vor- geht, ist ebenso lächerlich wie verächtlich. Es scheint der französischen Bourgeoisie am Herze» zu liegen, bis zum Jahrestage ihrer.hundert- jährigen Herrschaft zu zeigen, daß st- sich in jeder Beziehung gründlich nbgcivirthschaftct hat. -sAA.rarv/W' SonalpM'Hc Lnudschau. London, 20. März 1889. — 3« der Schweiz und Wider die Schweiz heult die R e a k- t i o n s m c u t c, weil zwei in Zürich stndirende russische Staatsangc- hörige— der Pole D e m b s k i»nd der Russe B r i n st ein— bei der Erprobung eines Explostonsniittels unter Umstunden verunglückt sind, die darauf schließen lassen, daß sie ein Attentat vorbereiteten. Ein Beweis für diese Annahme liegt allerdings nicht vor, aber inankann die Wa hrschcrnlichkcit schon um deswillen zugeben, weil die Ver- hältiiipc in dem Heimathland der Verunglückten dieselben rechtfertige». Daß der brutale Despotismus den g e w a I t t h ä t i g c n W i d c r st a n d immer wieder von Neuem zeitigt, ist nicht eine dem sozialdemokratischen, nihilistischen oder anarchistischen Katechismus cntlchntc Partciphrase, sondeni eine Wahrheit, auf welche alle Parteien zu verschiedenen Zeiten sich berufen haben, die konservative lvic die liberale, die klerikale wie die antiklerikale. Und wenn die reaktionären Parteien heute in moralischer Entrüstung über Dinge heulen, die sie noch vor einem Menfchenalter begeistert feierten, wenn in derselben Stadt, in deren Zentrum eines der„fashinabclstcn" Restaurants den Bonlbcnwcrfcr Orsini prahlerisch als Schutzheiligen führt, wenn in dieser Stadt das liberale Hauptorgan aus Anlaß eines verunglückten Experiments, das Niemandem das Leben gekostet als den Experimcntircrn, tvcnn die„Neue Züricher Zeitung" von Neuem nach Ausweisungen und womöglich Ausnahmegesetzen gegen alle schreit, die über die Attentäter nicht„kreuziget sie" rufen— nun, so gibt es wohl noch eine Stadt- bibliothek in Zürich, in der man in älteren Jahrgängen eben derselben «Neuen Züricher Zeitung" nachschlagen kann, ivie u. A. der Erz-Ver- schwörcr und Attentatsanstifter M a z z i n i von ihr gefeiert wurde. . Ob das vcrmuchlichc Vorhaben Brinstein's und Dcmski's politisch richtig gewesen wäre, das ist eine Frage, die wir hier unerörtcrt lassen können, so wenig wir selbstverständlich ihre Erörtenmg zu scheuen haben. Wir halten uns nur an die vorliegenden T h a t s a ch c n. Da sehen wir auf der einen Seite das mit einer grausamen Willkür gegen alle freiheitsliebenden, vorwärtsstrcbcnden Elemente seines Landes vorgehende Zarcurcgimcnt, auf der anderen zwei von demselben aus ihrer Heimath vertriebene Jünglinge, deren Gemüther erfüllt sind von der Erinnernng an die vielen Tausende hingcmordeter Altersgenossen— ist es der Draußenstchenden, der Gegner jenes Despotismus, Pflicht, über sie den Stab zu brechen, da sie sich rüsteten, Sühne für alt das hingcmordcte Blut zu verlangen? Oder haben sie nicht einfach den Vertretern des Despotismus im Hinblick auf die Gefahr, die ihnen gedroht hat und ihnen immer wieder drohen wird, zuzurufen: Ihr wollt es nicht anders! Unsere Genossen in Zürich, welche die Verunglückten— die sich viel in Versammlungen beivcgtcn— gekannt, haben dem unter schrecklichen Leiden verstorbenen Brinstcin das letzte Geleit gegeben und seinen Sarg mit Kränzen geschmückt. Sie treiben keinen Attcntatskultus, aber sie haben der Hingebung und Bravheit Brinstcins den Tribut ihrer Achtung gezollt— unbekümmert um das Geschrei und die Drohungen der Hetzer und Denunzianten. Dieses muthige Verhalten ehrt sie. In solchen Momenteii ist es nicht immer leicht, den Kompaß zu behalten und selbst Mancher, der persönlich gern jedes Opfer brächte, glaubt es der Sache schuldig zu sein, seine wahre Empfindung zu unterdrücken. Im Allge- *) Der Kosak Atschinoff, eine abenteuerliche Persönlichkeit, hatte, zwar ohne Auftrag, aber doch mit stillschweigendem Einverständniß der rufst- scheu Regierung eine Expedition nach der Ostküste Afrikas unternommen. In Sagallo gründete er eine Art Niederlassung und hißte auf der dortigen Festung die Flagge der russischen Handelsmarine buf. Da das betreffende Territorium unter französischem Protektorat steht, forderte der Admiral Olry zum Streichen der Flagge auf und beschoß, als seiner Forderung keine Folge geleistet ward, die Festung, wobei ver- schicdenc Personen verwundet»nd getödtet wurden. Die russische Rc- gicrung, welche offenbar niit der Expedition der deutschen und italienischen Kolonialpolitik freundschaftlich ein Bein stellen wollte, machte zu der Affaire ein süßsaures Gesicht, die russische Presse, natürlich von der Regierung inspirirt, schimpfte dagegen offen auf das französische Kabinct los. Die französische Presse und auch die Kammer billigte zwar Olrys Vorgehen, flößen aber über von Sympathicbezcugungen für Rußland. meinen nützt man aber damit nur dem Feinde, der nun um so lauter schreit, um so unverschämter auftritt und— um so mehr erreicht. Weder haben die reaktionären Gegner der Schweiz begründete Ursache, wider sie und ihr— ach, so durchlöchertes— Asylrecht zu eifern, noch haben die Reaktionäre in der Schweiz irgend ein Recht, nach Polizei- maßregeln gegen die Ausländer zu schreien. Wenn Brinstein und Dembski ein Attentat geplant haben, so haben sie die Anregung dazu nicht in der Schweiz empfangen, sondern ans der Heimath. Die Ver- suche, die sie angestellt, sind aber an sich noch kein Verbrechen, so wenig wie eine Schießübung. Sie wären auch durch Polizei maßregeln nicht, zu verhindern gewesen, so wenig die russische Polizei, die hinter jeden anständigen Menschen zwei Spione stellt, so wenig die bonapar- tistische Regierung in Frankreich und andere Rcgicrnngen die verschiedenen in ihren Ländern geplanten und ausgeführten Bombcnattentate verhin- dern konnten. Es gibt nur ein Mittel, Attentate zu bekämpfen, und das besteht darin, daß man Zustände schafft, die jeden Attentäter wirklich als einen Ver- brecher oder Wahnsinnigen erscheinen lassen. Das ist den Hetzern aller- orts entgegenzuhalten. Die freien Institutionen der Schweiz gefährden den russischen Despotismus wenig, der russische Despotismus aber ge- fährdct die freien Institutionen der Schweiz. —„In vier Wochen müssen 40, NE« Polen hinaus." Das ist zwar nicht das neueste, aber doch das zuletzt bekanntgewordene „historische Wort",(mit„geflügelten Worten" begnügen die Speichel- lecker sich jetzt nicht mehr) des großen Staatsmannes, um welchen Teutschland von der Well beneidet wird. Das„historische Wort" ist schon älteren Datums— es stammt aus der Zeit der Massenaus- Weisungen, die nach der Dreikaiserzusammenkunft in Skiernelvice in Ucbereinstimmung, oder richtiger auf Wunsch und Befehl des Zaren vorgenommen wurden, lind das Schönste ist: diese für Eiscnstirn so heillos komprimittircnde Acußernng ist von einem Bruder des abge- gangenen Puttkamer, augenscheinlich in des letzteren Auftrag, ans Licht gezogen worden und zwar unter recht bezeichnenden Umständen. In den preußischen Ostprovinzen fehlt es nämlich den Herren Gutsbesitzern an Arbeitern. Die eingeborene Arbeiterbevölkcrung ist dahinter gekommen, daß im westlichen Deutschland— namentlich aber in Amerika— weniger jammervolle Löhne bezahlt werden und der Arbeiter nicht als Leib- eigener gilt; und infolge dessen hat einerseits die sogenannte„Sachsen- gängcrei", das heißt die Auswanderung nach Sachsen und durch Sachsen nach Westdentschland, anderntheils die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten und Kanada riesige Dimensionen angenommen»nd trotzdem die Junker uothgcdrnngen die Löhne erhöhen mußten, herrscht jetzt große„tzlrbeiternoth". Ilm diesen immer brennender werdenden „Nothstand" zu behandeln, hielt vorige Woche der Vcrwaltungsrath des Zcntralvcrcins wcstprenßischer Landwirthe eine Sitzung, in welcher Herr Puttkamer-Planth auf die n a ch t h e i l i g e n Wirkungen zn sprechen kam, welche die Massenansweisnngen auf die Landwirthschaft ausgeübt haben, lind bei dieser Gelegenheit nahm er seinen Bruder— den Jhring-Mahlow-Pnttkamer— gegen den Vorwurf in Schutz, jene Ausweisungen veranlaßt zu haben. Im Gcgcnthcil, derselbe habe Bis- marck„Vorstellungen" gemacht, von diesem aber die Antivort erhalten: „In v i e r W o ch e n m ü s s e n 40,000 Polen hinaus!" Wir wissen nicht, ob Kanzler Eisenstirn noch die Fähigkeit besitzt, zu crmessen, welche Tiefe der Infamie ihm durch die Enthnllnng seines Vetters Puttkamer angewiesen ist, aber so viel steht fest: nichts konnte gesagt werden, was ihn als Mensch und als S t a a t s m a n N in höherem Maaße kompromittirt. Die nngchenrc G e f ü h l s r o h h c i t, ivelchc sich in jener Aelißerung bekundet, wird mir erreicht durch die Knrzsichti gleit, die darin zum'Ausdruck kommt. Der„geniale Staatsmann" hcgriff nicht, daß die Masscnansweisnng der Polen ivohl für die russische Regierung einen Äortheil hatte, insofern„Elemente der Ilnznfricdenhcit" von der Grenze entfernt wurden, daß sie aber für Deutschland und insbesondere für die Landwirthschaft schwere lsiacktlreile im Gefolge haben mußte. Und es ist eine köstliche Ironie der«beschichte, daß gerade die eigenen„Standesgcnosscn des Krantjunkers Bismarck" durch dessen brutale stupide Maßregel am Meisten geschädigt worden sind, und daß er von einem der eigenen Sippe jetzt vor der ganzen zivilisirtcn Welt an den Pranger g e st e l l t worden ist. Es gibt doch eine Nemesis.— Die Thatsache, daß ein Puttkamer es ist, der sich hier gegen den„alternden Reichskanzler" gewandt hat, hängt zusammen mit den Hof- und AdelS-Jntriguen, die seit einiger Zeit im Gang und Schwung sind und die Beseitigung der„Dynastie Bismarcks" zum Ziel haben. Die Puttkamer, welche zahlreich sind wie der Sand am Meer oder auf ihren heimischen Aeckern, und ivelche bei sehr spär- lichcn Mitteln wahrhaft Hohenzollcrn'sche Mägen besitzen, müssen sich den Staats-Brodkorb für die Zukunft salviren und so verlassen auch diese hungrigen Ratten das Schiff des Erhansmeicrs. Letzterer macht inzwischen verzweifelte Anstrengungen, ganz sorglos und vergnügt auszusehen,— es gelingt ihm jedoch nicht, und die Tha fache, daß er schon offiziös erklären läßt, seine Stellung sei nicht erschüttert, zeigt aufs Deutlichste, wie bedroht er selber sich glaubt. Indes; wir wollen diesen Vorgängen keinen allznhohc» Werth beilegen. Die Kreise, innerhalb derer sie sich abspielen, sind so korrupt und Volks- feindlich, daß ein Sturz Bismarcks durch solche Einflüsse dem Volke nicht viel Gutes bringen kann. — Die Berliner„BolkSzeitung" ist dem Sozialisten- g e s e tz zum Opfer gefallen, das ist die überraschende'Nach- richt, welche der Telegraph uns soeben übermittelt. In einem Augen- blick, wo der Wurm„Sozialistengesetz" selbst von seinen getreuesten Hütern mit Hartnäckigkeit todt gesagt wird, zeigt er plötzlich, daß er sich noch vollkommen wohl fühlt, sozusagen I u g e n d f r i s ch e in sich verspürt. Was während mehr als zehn Jahren sorgfältig vermieden worden war: das Schandgesetz direkt gegen die bürgerliche Opposition anzuwenden— indirekt sollte es sie selbstverständlich auch treffen und hat es sie auch getroffen, man kann sogar sagen stärker als die Sozial- demokratie, denn bei ihr hat es seine Wirkung im Großen und Ganzen nicht verfehlt— was bei Erlaß und bei allen Ernencrnngeu des«sie- setzes feierlich versprochen worden war, das ist jetzt mit einem Mal von dem Berliner Polizeipräsidenten, Herrn von Richthofcn, durch einen Federstrich über den Haufen geworfen worden. Ein bürg er- l i ch c s Blatt, das Organ einer bürgerlichen Partei, ist ver- boten worden, und zwar verboten worden auf Grund von Artikeln, die mit dem Sozialismus absolut nichts zu thun hatten, von so weit- gehend bürgerlich radikalem Standpunkt sie auch geschrieben sein wochtcnZ) Trotzdeinjällt es uns nicht ein, zu sagen, das Verbot steht mit dem Geist des Sozialistengesetzes im Widerspruch. O nein, ganz im Gegen- theil, es harmonirt vollständig mit deni„Geist", der diese„Spottgebnrt von Dreck" geschaffen. Formell wie materiell. Formell, denn der famose Refrain des Gesetzes: „... in lvelchem sozialdemokratische, sozialistische oder kommuni- stische auf Umsturz der bestehenden Staats- und Gescllschastsord- nnng gerichtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklasscn gefährdenden Weise zn Tage treten", ist K a u t s ch u ck, und kann daher gedehnt werden, so lvett die Kraft der Polizei ausreicht. Was kann nicht alles den öffentlichen Frieden„gefährden"? Worm kann ein findiges Polizei-Auge nicht „sozialistische Bestrebungen" entdecken? Ist nicht schon das Befür- Worten der direkten progressiven Einkommensteuer in den'Augen sehr verdienter, sehr„s o z i a l r e f o r m a t o r i s ch c r" Staatsmänner der verwerflichste Sozialisnius? Und auch materiell, denn der Zweck des Sozialistengesetzes war nicht die Bekämpfung der sozialistischen Zukunftstheorien, sondern die Niedcrhaltting der heutigen praktisch poli- tischen, bezw. sozialpolitischen Aktion der Sozialdemokratie. Nicht der Komuiunisuius der Sozialdemokratte, den man heute noch nicht ftirchtct und—„nach uns die Sündfluth"— daher auch sehr ruhig mit cm- sehen würde, sondern ihr demokratischer Geist, die entschiedenste Opposition gegen das herrschende System sollte gebrochen werden. Nun kommt da ein bürgerliches Blatt und führt eine Sprache, so rück- sichtslos, wie sie seit Jahrzehnte» kein bürgerliches Blatt in Deutschland ♦) Wir werden übrigens in nächster Nummer einige Auszüge ans .den beschlagnahmte» Nummern veröffentlichen, die die besondere„Ent- rüstung" der Reptilien erregt. Red. d. S.-D. gebraucht, es stachelt das linksstehende Bürgerthnm an, endlich jedes Liebäugeln� alle Rechnungsträgcrci nach oben aufzugeben, d. h. eine Stellung cmzunehmcn, wie sie bisher nur die Sozialdemokratie einnahm. Ist das nicht der höchste, der gefährlichste, der ninstürzlerischste „Sozialismus"? Herr von Richthofcn, als gelehrsam« Schüler Pntt- kamcrs, dem er ja seine Beförderung verdankt, hat nur gcthan, was er zu thun das Recht hatte. Das Schandgesetz stellt der Polizei'das Recht aus, infam zu handeln, warum sollte ein ütichthofen also nicht thun, wozu seine Natur ihn treibt? Das Verbot der„Volkszeitnng" ist nicht die erste und auch nicht die größte Polizei-Jnfamie, die das Sozialistengesetz gezeitigt, so skandalös es auch ist, wohl aber ist es die größte Polizei d u m m h c i t, die seit langem geschehen. Säßen im Deutschen Reichstage auf den Bänken der bürgerlichen Parteien Männer, so könnte man meinen, der Polizeipascha von Berlin sei im Grunde seines Herzens Gegner des Sozialistengesetzes und habe dem Wurm, der nicht leben und sterben kann, den Gnadenstoß ver- setzen wollen. Aber da im Reichstag keine Männer, sondern Deutsch- freisinnige, Nationalliberalc, Ultramontane u. f. w. sitzen, so kann davon keine Rede sein. Der Schiitzling Puttkamers wollte lediglich nach dem Muster dieses Ehrenmannes sich nach obenhin beliebt machen und benutzte deshalb die Waffe des Sozialistengesetzes, um die„Volkszeitnng", derer sonst nicht beikommen konnte, für alle Artikel zu bestrafen, durch welche das demokratische Blatt sich das allerhöchste Mißfallen zulzc- zogen. Und deren waren nicht wenige. Das Verbot wird ja schwerlich aufrecht erhalten bleiben— wovon man aber hofft, daß es bleiben wird, das ist der durch das Verbot des Blattes demselben zugefügte materielle Schaden— saignez ü blanc, Aussaugen b i s auf's Blut, nannte der Chef einst im Reichstage diese„unchristlichc" Methode, zu der wir„viel zn human sind". Jndeß, diese Hoffnung dürfte sich schwerlich erfiillen, und so lvird der Schlußeffekt nur eine verstärkte Opposition im Volke gegen das Schand- gesctz und seine Macher sein. Die Waffe, die der von Hintcrpoimnern verschriebene Ordnungsheld uns und allen Gegnern des Gesetzes durch seinen Gewaltstreich in die Hand geliefert, ist allein den schwarzen A d l e r o r d e n Werth. — Die erste Sitzmig des Reichstags nach seinen Ferien brachte die Debatte iiber die verschiedenen„kleinen B c l a g e r n n g s z u- stände". Debatte ist freilich nicht das richtige Wort, denn die sozial- dcmokratischenRcdncr— S a b o r, Froh m e, Liebknecht am erste» und Singer am zweiten Tag— hatten M o n o l o g e zu halten; die übrigen Parteien betheiligtcn sich nur mit ein paar Bemerkungen und gingen in die Sache gar nicht ein, und die Minister und Regierungs- komniissäre verhielten sich mäuschenstill— dem Herrn H c r r f u r t h, der auf die schweren Anklagen der sozialdemokratischen Abgeordneten eingehen wollte, wurde von dem Reichskanzler, der sich ein zwei Minuten lang ini Sitzungssaal zeigte, mit der Hand„abgewunkcn".— Was hätten die Herren auch sagen sollen? Thatsache» sind unwiderleglich; und der eigentliche Kampf kommt erst, wenn die V c r l ä n g e r u n g des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung steht. Diese Rücksicht galt natürlich auch für unsere Genossen, die ihr wirk- samstcs Pulver nicht zu früh verschießen durften und z.B. die Spitzel- gcschichtcu nur flüchtig streiften. Nach den kurzen Erklärungen, die ein Nationallibcraler(Meier-Jena) Namens seiner Fraktion abgab, steht es fest, daß die biederen„Mannes- scelcn" bereit sind, über den Stock zu springen und für die Verlängerung auf nnbesttmnite Zeit zn stimmen—>vas von keinem vernünftigen Mensche» jemals bezweifelt worden ist. Jy der dritten Sitzung kamen die Nachtragskrcdite zum M i l i t ä r c t a t zur Vcrhandlnng und gaben Bebel Veranlassung, die durch die Bismarck'sche Politik und die Militärschranbc geschaffene Situation z» beleuchten, die unvermeidlich zum allgemeinen Bankerott treibt. Der Kriegsminister versuchte ihm zu entgegnen, wußte aber nichts vorzubringen als das alte Lied: Wir brauchen noch uichr Tol- datcu, Kanonen, Gespanne k., weil die Andern auch ihre Soldaten, Kanonen, Gespanne ec. vermehrt haben. Es hörte sich aber sehr uielancholisch an. — lieber ein tvahrhaft skandaliisoö Jnstizvcrbreche», an dem Deutschland und Oesterreich in rührender Eintracht gleich betheiligt sind, lesen wir in der„Londoner Fr. Presse": In'Naumburg a. d. S. wurde ein gewisser Jaii ei c wegen Verbreitung anarchistischer böhmischer Schriften am 21. März vor. Js. verhaftet. Nach SSTtägiger Untersuchungshaft wurde derselbe am Dezember vorigen Jahres zu eine in M onat G e f ä n g n i ß vcr- »rtheilt Kurz nachdem er dasselbe verlassen, zog man ihn abermals polizeilich ein, und feit dem 20. Januar hörte man von ihm nichts mehr. Da derselbe böhinischcr Herkunft ist und die österreichische piegiernng ja ebenfalls ein Bischen das Tam-Tam der„verbrecherischen" Tlmtigkeit der Arbeiterklasse schlagen muß, nm ihren Gesetzniachern mit Motiven zu'Ausnahmemaß regeln aufwarten zu können, so hat die deutsche Regierung, schon aus christlicher Nächstenliebe, den schon einmal bestraften „Verbrecher" an einen österreichischen Staatsanwalt ausgeliefert. Eins gegen Hundert wollen wir wetten, daß der böhmische Proletarier von einem österreichischen Richter ein zweites Mal bestrast wird. Tort hat man Überhaupt'Alles doppelt. Einen doppelten Reichsadler, einen zwei- schwänzigen böhmischen Löwen, eine eis- und eine transleithanischc Regierung, einen Prager und einen Wiener Ansnahmcgcrichtshof, welchcr jedcr seine sternsüchtigcn Schafsköpfe zu Anklägern und Üiichtcrn hat und sogar zwei Kronprinzen hat man dort gehabt, von denen einer am Schlagflnß und der andere an Selbstmord gestorben ist, während in Wahrheit der„ritterliche Held", der„leuchtende Stern Oesterreichs", der„vielgeliebte und allumworbenc Kaiscrsohn", wie ein toller Hund, nm mit Kaiser Wilhelm zu reden, zur Strecke gebracht wurde. Tie Korrnmpirung der Rechtszustände im Reiche hält mit der Vcrlottcrnng bei Hofe gleichen Schritt. Dies ist weder eine tendenziöse Uebcrtreibnng noch eine Beleidigung der„allerhöchsten" Herrschaften. — Ein wahrer Jammcrkcrl ist der Tentsch-freisinnige Ricke r t. Dieser„geärgerte Freihändler" schreibt in seiner„Tanziger Zeitung" mit Bezug ans die ausstehende Stichwahl in Ccllc-Gifthorn: „Da der Nationalliberalc schon jetzt moralisch geschlagen ist, so könnten sich die Freisinnigen mit diesem schönen Erfolge wohl zn- frieden geben und in der Stichwahl für die National- Liberalen stimmen. Doppelt siegt nach dem Ausspruch eines alten Römers, wer sich im Siege selbst besiegt." Und doppelte Ohrfeigen erhält, wer sich, um den Feind„mora- lisch zu schlagen", selbst ohrfeigt. Womit freilich nicht ausgc- schloffen ist, daß nicht beide Ohrfeigen reichlich verdient fein können. — Slnsbcntcr gibt es überall und die A r b c i t c r s ch i n d e r c i kennt keine nationalen Grenzen. In allen Ländern gibt es Unternehmer, die ihre Arbeiter einfach als ihre Sklaven betrachten und demgemäß behandeln oder doch zu behandeln suchen. Aber die Sucht, die Schin- dcrci und Anfp asserei bi� ans die privatesten Dinge auszudehnen, dem Arbeiter auf Schritt und Tritt in der Fabrik zum Bewußtsein zu bringen: du bist hier nicht als Masch, sondern als eine Sache, als 'ArbcitSthicr, ist nirgends so stark vertreten und nirgends wird sie so systematisch gehegt und gepflegt wie in Deutschland, dem Land, wo mehr von„Gcmiith" g e s p r o ch c N' wird, wie in der ganz» übrigen Welt zusammengenommen. Im Briefkasten eines deutschen Zabrikantenblaites. daS den Titel „Dampf" führt, war, wie die Nürnberger„Arbeitcr-Ehronik" berichte., jüngst unter der Chiffre W. I. zu lesen: „Die Pissoirs müssen so gelegen sein, daß dieselben von irgend einem Zimmer ans, in welchem sich für gewöhnlich Menschen besindeu. zu sehen sind. Die Vordcrwand fängt in einer Höhe von 0,5 bis 0.a in über dem Boden an und reicht bis iL bis 1,5 in über diri» hinaus, so daß man die in dem Pissoir befindlichen Arbeiter jeder Zeit erkennen kann. Für jeden Abort ist cm Raum von 1,10 bis 1,10»m zn nehn en und der Stuhl in der Mitte des Raumes in den kleinsten zulässigen Abniessnngen auszuführen, so zwar, daß derselbe äußerlich rund oder rechteckig ist. Die Sitzslächc wird möglichst schmal und abgernndet hergestellt. Eine solche Einrichtung läßt einmal das Aussteigen nicht zu, weil den Füßen und dem Rücken jeder Halt fehlt und läßt beim Sitzen auf dem Stuhle, was lliibcqucmlichkcitcn anbetrifft, in keiner Weise etwas zn wünschen übrig. Die einzelnen Aborträume sind durch Wände, welche bis nntprs Dach reichen, zn trennen � die Vordcrmancr nicht bis zilni Boden zu führen, so das; man die Füße der in den Nämncn befindlichen Leute sehen kann und dann sind die Räume selbst mir 1,SS bis 1,00 in hoch 311 nehmen, daß nur kleine Leute darin aufrecht zu stehen vcnnögen. Da bei solch einer Anlage die Arbeiter während ihrer Verrichtungen zu einer möglichst unbequemen Einzelhaft bcrnrthcilt sind, erübrigt nur noch zn verhindern, daß sie nicht lesend oder grübelnd ihre Zeit vertrödeln. Das Lesen wird dadurch verhindert, daß den Rämnen weder am Tage noch des AbcndS so viel Licht zugeführt wird, als zum Lesen erforderlich ist und Sihcn bei Nichtsthun wird zu einer unangenehmen Arbeit geinacht, wenn die Stühle keinen Deckel erhalten, auf die sich die Leute setzen tonnen und sich dadurch eine bequeme Sitzgelegenheit verschaffen." � Soweit Herr W. I., dessen Ehiffre die„Arbciter-Ehronik" mit„Win- digcr Junge" auflöst. Zein„Rathschlag" vcrrüth so cckelhaftc R o h h e i t, eine so p r o tz c n h a f t c Mißachtung der Arbeiterklasse, daß kein Wort zn scharf ist, um ihn gebührend zu brandmarke». Und was den Skandal noch erhöht: so etwas wagt sich öffentlich zu zeigen, gebt„auch bei Tage bloß", als sei es ganz so in der Ordnung. So ist dem Pack das Gefühl dafür bereits abhanden gekommen, was des Arbeiters Recht, was des Fabrikanten Pflicht ist! Unter dem Schutz des Polizcigcsetzcs glaubt man sich eben alles herausnehmen zu dürfen. Nim, deutsche Arbeiter, leset das Machwerk, und wenn es Euch nicht das Blut der Entrüstung in die Wangen treibt, wenn Eure Faust sich nicht beim Lesen ballt und Ihr Euch nicht gelobt: Nun erst recht zu kämpfen und nicht abzulassen, bis solcher Schmach für immer ein Ende gemacht ist— nun, dann haben die Recht, die Euch wie Sklaven behandeln, ja schlimmer noch als Sklaven! — Ein ländliches Tittcngemiilde, das in seiner Art ganze Bände spricht, ist dieser Tage durch eine Verhandlung vor dem Land- gcricht Breslau der Oeffcntlichkeit vorgeführt worden. Es ist kein gcßnersches Idyll, kein rührfames Beispiel von den frommen Sitten auf dem Lande, vom gerechten Gutsherrn und seinen beglückten Bauern, es ist eine Episode ans dem wirklichen Landleben, es zeigt uns den Land- protzen, dieses Schoßkind der heutigen Gesetzgebung, wie er in Wahrheit aussieht. „Held" der Episode ist der Erbscholtiseibesitzer und Rittergutsbesitzer Richard H o ch in n t h— der Name ist allerdings bezeichnend— in P o l a n o w i tz. Diesem edlen Herren beliebte es, bei einem in der Nachbarschaft ausgebrochenen Brande seine gesetzliche Ver- p f l i ch t u n g zur Leistung der Löschhilfe nicht zn erfüllen und trotz der wiederholten amtlichen Aufforderung des stellvertretenden Ortsvor- stchers, Freistellenbesitzers Jänsch, die Pferde zur Bespaimnng der Spritze zn verweigern. Nunmehr begab sich der Beamte selbst ans den Guts- hos, aber auch ihm verweigerte der Inspektor auf Befehl des Hochninth die Pferde. Hören wir nun weiter, was nach dem Berichte schlcsischcr Blätter das breslaner Landgericht festgestellt hat: Als dies dennoch geschah, erklärte Jänsch:„Ich bin hier als Beamter der Gemeinde, ich befehle jetzt das Anspannen, ich werde mich doch nicht wegen des Herrn Hochninth bestrafen lassen." In diesem Augenblick erschien Hochmnth an einem der Fenster seines Schlosses:„Was wollen die v c r f l n ch t e n B a u e r n l ü m m c l, die Bancrnkcrle bei mir? Wer hier etwas befehlen will, den lasse ich hinansbringcn," rief er hinab. Jänsch antwortete: „Hier sind keine Bauernkcrlc, ich bin der Geincindcschöffc und be- fehle das Anspannen zur Leistung der Löschhilfe." Jetzt kam Hochninth' unter Schimpfen und Lärmen schnell ans den Hof. I ä n s ch, der wohl wußte, daß mit dem Gutsherrn nicht gut zn verhandeln sei suchte sich vom Hofe zu entfernen. Hochmnth holte ihn aber noch innerhalb des Gutshofes ein. Beim Ziisaimncntrcffcn schlug er sofort mit dem Knopf der Reitpeitsche nach dem Kopf des Jänsch. Als dieser mit seinen« Stock die Schläge zu pariren suchte, drang auch der Gntsinspcktor Ullrich auf ihn ein. Dem Jänsch wurde der Stock entrissen und mit demselben nnbarm- herzig ans ihn losgeschlagen. Während dieser Mißhandlungen stießen beide Angreifet Jänsch zur Erde; Hochmnth faßte dessen Kovf und schlug ihn wiederholt ans den harten Erdboden auf. Auf den Hilferuf des Jänsch war nur der alte und schwache Wächter in die Nähe der Streitenden gekommen: eine größere Menschenmenge stand zwar vor dem Hofthor, doch wagte keiner von ihnen den Eintritt in den Hof. Erst als die Mißhandlungen des Jänsch gar kein Ende nahmen und dieser anscheinend besinnungslos dalag, kam noch ein Mann, der Frcistellenbcsitzcr Franz Lössel, herbei, dessen Eingreifen es gelang, den Jänsch freiziiinachc». Er geleitete den halb Bewußtlosen zum Hofe hinaus, plötzlich sprang Hochmnth hinter ihnen her und versetzte dem Jänsch uoch einen wuchtigen Schlag mit eineni Stock über den Kops. Dazu bemerkt die Berliner„Volkszcitnng", der wir die Notiz ent- nehmen:„Das ist so ein„Idyll" ans den„patriarchalischen Zuständen" der ostelbischcn Latifundien. Wir machen namentlich ans die Sätze auf- mcrksain, welche wir durch gesperrten Druck hervorgehoben haben, sie kennzeichnen die dortigen sozialen Zustände noch treffender, als die schauerliche Brutalität des Hochmuth sie kennzeichnen kann. Der Beamte, welcher auf dem Gutshose erscheint, um eine amtliche Pflicht zu erfüllen, sucht zu entfliehen, sobald der Dorstyrann mit der Reitpeitsche erscheint, und da er doch der Mißhandlniig nicht entgeht, gafft die übrige Bewohnerschaft dem scheußlichen Schauspiele zn, aber erst dicht vor dem vollendeten Morde rafft sich endlich ein einziger(!) Mann ans, den Beamten zu retten. Nun, diesmal ist ist der Schuldige der Strafe nicht entgangen; er ist von der breslaner Strafkammer— allzu milde— zu vier Monaten Gcsängniß vcrurtheilt worden, aber diese Ausnahme bc- stätigt nur die Regel, daß Über solche Ausschreitungen von Gutsherren gewöhnlich kein Hahn kräht. Ohnehin ist es gar nicht eine wirkliche Ausnahme, denn wäre der Gemißhandelte ein ländlicher Arbeiter ge- Wesen, so hätte er eben nicht die Nüttel zur Verfolgung seines Rechts besessen, die ein Genieindebeamter und Freistellenbesitzer immerhin noch besitzt." So sieht es auf dem Lande, so sehen die agrarischen„Freunde der ehrlichen Arbeit" in der Mhc ans. Man muß sich das immer ver- gegenwärtigen, wenn diese Gesellschaft in der Presse und ans der Tri- büne Sozialdcmagogie betreibt. So schlimm es in den Städten auch steht, ans dem Lande steht es meist noch zehnmal s ch Ii m in e r. — Noch etwas ans der„Republik" Bremen. Während die Bremer Polizeidirektion sich wegen des Skandals, daß sie einen zu leichter Gcfängnißstrafc vcrurthcilten Zeiliiugsredaktenr in Stetten durch die Stadt trausporlircn ließ, offiziell hinter die Ausrede verkricck>t, daß dies auf Grund einer feit August vorigen Jahres be- stehenden allgemeinen Verordnung geschehen sei und es dem tranS- portircndcn Schutzmann leider an Zeit gefehlt habe, die Ermäch- tigung einzuholen, von derselben Abstand zu nehmen, die ihm sicher sofort crlhcilt worden wäre, konstatirt ein Bremer Korrespondent des Hain- bnrger„Echo", daß „der Beamte, welcher Bruhns von der Strafanstalt in Oslebs- Hansen nach Bremen u n g c f c s s e l t trtnisportirt hatte, dafür einen Verweis erhalten hat!" Natürlich nur wegen des formellen Verstoßes gegen das Regle- ment. Ordnung m n ß sein, und wenn sie die größte Infamie zur Folge hat. Was ist aber das für eine„Republik", welcher„G e i st" muß die Behörden eines zivilisirtcn Gemeinwesens im ist. Jahrhundert be- seelen, daß eine„Dienstanweisung" überhaupt möglich war, nach welcher, wie es in der Erklärung des PolizcidirektorS heißt, die Schutzmänner angetviefen sind, j e d e n ni ä n n l i ch e n G e f a n g e n c n, gleich- viel ob sie denselben für fluchtvcrd ächtig halten oder nicht, beim Transport zu fesseln?! Das muß also jeder Bürger der„freien" Hansestadt Bremen gewärtig sein, wenn er Verdacht, das Mißfallen irgend eines SchntzmanttS erregt, in Ketten durch die Straßen der Stadt geschleppt zu werden. Natürlich, wer Geld hat, ist dieser Möglichkeit nicht so leicht ausgesetzt, als der erste beste arme Teufel, denn das Geld macht ehrenwcrthe Leute, und Ar- mnth ist an sich schon ein Verbrechen. Für die armen Sünder, bczw. N i ch t siindcr aber einen Gefangenenwagen anzuschaffen, dazu ist die Republik der großen Handelsherrn selbstverständlich zu— arm. Viel- leicht würde es schnell anders werden, wenn einmal einen Herrn Se- uator das Schicksal ereilte, mit.Ketten durch die Straßen der Stadt transportirt zu werden.„Da dieser Fall", heißt es in der erwähnten Korrespondenz mit Recht,„bei der günstigen Lebensstellung jener Herren nicht so leicht eintreten dürfte, so wird auch der Skandal der Gefan- gcncntransporte in Ketten noch nicht so bald von den Sttaßcn unserer „Republik" verschwinden." lins selbst wird zu dieser Sache noch geschrieben, daß die famose Dienstanweisuiig hauptsächlich den ersten Staatsanwalt des Bremer Gerichtshofes, Namens R a p p, zum Vater hat. Dieser schnei- dige Jurist hat überhaupt sehr nette Kinder. Ein würdiges Gegenstück zu dem obigen„Geist von seinem Geist" bilden seine Herreu Söhne, man darf wohl sagen, das Fleisch von seinem Fleisch. Wärt- lich heißt es in der Zuschrift:„Diese„Höllcnbrände" gelten nämlich in Bremen als die Urheber des schlimmsten groben Unfugs, der zur Nachtzeit von jungen Leuten verübt wird. So wird unter anderm die vor einigen Jahren hier verübte Verstümmelung des Kriegerdenkmals auch ans die Urheberschaft der Söhne des Herrn Staatsanwalts zn- rückgeführt und wenn dieselben fiir Alles von ihnen Begangene zur Uiitersnchung und Strafverfolgung gezogen worden wären, so niöchte der Herr Papa wohl mit ihnen ein ganz erhebliches Stück Arbeit zu verrichten gehabt haben; fiir die„hoffiinngsvollen" Söhnlein aber würden verschiedene Monate Aufenthalt hinter den schwedischen Gardinen abgefallen sein. Aber— wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter!" — Unser heutiger Leitartikel war bereits gesetzt, als wir den Zeitungs- bericht über die Bcrnrthcilung des Ehrenmannes Wichmann wegen wissentlich falscher Denunziation zu zwei Jahren Gefängniß und zwei Jahren Ehroerlust(hat solch ein Ehrenmann auch noch Ehre zu verlieren?) erhielten. So konnte derselbe dort keine Berücksichtigung mehr finden. In der Sache selbst hätte er auch zu keinerlei Aenderung Anlaß gegeben. Die falsche Denunziation, wegen deren Wichmann jetzt der„Gerechtigkeit" übergeben wurde, war seine erste nicht und nicht seine schlimmste. Aber— es galt den unbequemen Mahner und Mitwisser der schuftigen Streiche des Polizci-Engel unschädlich zu machen und darum ward der jahrelange getreue Handlanger dieses„gewissenhaften" Pnttkämcrlings fallen gelassen. Sehr erfreulich, denn so sehen sich Staatsanwalt und Richter in der Lage, mis Liebedienerei über die Vcrächtlichkcit dieser Spitzele! einen Spruch zu fällen, der in dieser Schärfe sonst schwerlich erfolgt wäre. Man erinnere sich nur, wie milde andere„Pflichtgetrcnc", die auf frischer That ertappt wurden, davongekommen sind.— Wir kommen auf den Prozeß noch zurück. — Kein Schmerzgefühl, lesen wir in deutschen Zeitungen, sollen einige bayrische Soldaten empfunden haben, welche von einem Unter- ofsizicr und eineni Gefreiten derartig geohrfcigt wurden, daß ihnen das Blut ans Mund und Rase stürzte..Kein Schmerzgefühl, mcintc das Militärschwurgcricht zu Würzburg und vcrurtheilte deswegen die Misse- thätcr zu zwei Tagen Arrest.— Wie wäre es, wenn diese weisen und gerechten Richter nun auch in die Lage versetzt würden,„kein Schmerzgefühl" zu empfinden? —„Justice", das Organ der englischen„Sozialdemokratischen Federation", hat in letzter Zeit wiederholt direkt und indirekt uns und die Vertreter unserer Partei in Denischlaud zu Gunsten der Pariser Possibilistcn angegriffen, ohne daß sie freilich dcrcu'skandalöses politisches Verhalten zu vertheidigen wagte. In ihrer letzten Nummer gibt eine Einscndmig unseres Genossen Rackow, die sie aber nicht abdruckt, ihr zu einem besonders hitzigen plus fall voller falschen Unterstellungen Anlaß. Da eine Polemik in unserem Blatt zwecklos wäre, denn die englischen Genossen können sie nicht lesen, so haben wir uns entschlossen, in cineni besonderen Flugblatt in englischer Sprache ans die verschiedenen Angriffe und UnterstcUnngen zu antworten und die Stellung der dent- scheu Partei in der Kongrcßfrage klarzulegen. Wir werden den Inhalt des Flugblattes selbstverständlich auch unsern Leser» mitthcilen. — Ans Holland. Grave n hage, 15. März 1889. Mit Recht sagt man„Wir leben schnell"; auch im politischen Leben ist das mehr denn je der Fall. Wer hätte sich noch vor etlichen Jahren etwas von unserer chinesischen Regierung versprochen? Die Liberalen beniitzten ihre Herrschaft so ausschließlich zur Wahrung ihrer Interessen— der Arbeiter muß sich ja freuen, wenn es den Fabrikanten gut geht—, daß Niemand zu denken wagte, es köime für den Arbeiter je anders werden, bis die bösen Sozialdemokraten etwas Licht in die Köpfe brachten und eine Arbeiterpartei schufen. ES war das zwar mit vielen Mühen und Opfern verbunden, aber das Wirken hatte Erfolg, denn infolge Drängens der Arbeiter sah sich die liberale Regierung veranlaßt, eine Reform der Grundgesetze vorzunchmen und das Wahlrecht zu ändern. Freilich hat sie sich dadurch ihr eigenes Grab gegraben, denn sie unterlag bei den Wahlen und eine klerikale Regierung trat an ihre Stelle. Für uns'Arbeiter ist es im Ganzen natürlich„altes Blech für altes Eisen", denn unsere lieben frominen Herren sind ciftigst bemüht, ihre früheren Versprechungen zu vergessen oder zu brechen, um nur ja nicht mit dem auch von ihnen vcrehrkcn allein seligmachenden Gott— Gcld- sack— in.Konflikt zu gcrathcn. Ich hätte ein langes Kapitel zu schreiben, wollte ich alle die Beispiele aufführen, durch welche die neue Regierung den Arbeitern gezeigt hat, welch Geistes Kind sie ist. Es genügt, auf die„sozialpolitische" Gcsctzcsvor- läge zu verweisen, die Frauen- und.Kinderarbeit betreffend, welche den Zweck hat, die„Arbeiterfrenndlichkeit" der Regierung ins helle Licht zu stellen. Dieses Machwerk ist von einer geradezu erstaun- licheu Inhaltslosigkeit. Bon einer Schntzmaßregel für die männliche Arbeit natürlich lein einziges Wort, für die Kinder und Frauen aber enthält es so christlich liebevolle Paragraphen, daß einem ganz schwül wird, ivenn man sie bloß liest. So heißt es zum Beispiel im§82: Kinder von 12 Jahren an dürfen in Fabriken arbeiten, doch soll die Arbeitszeit nicht länger als 11 Stun- den dauern— sage elf Stunden! In gleichem Sinne geht es fort— eine echte, unverfälschte Aussanger-Humimität. Welche Stellung die Arbeiter zu dem Machwerk nehmen, hat sich am Montag'Abend gezeigt. Der Zcnttalrath der vereinigten Sozial- dcmokratcn der Niederlande hatte zum 11. März eine Ricscn-Volksvcr- sammlnng ausgeschrieben und die Arbeiter des ganzen Landes anfgc- fordert, in Masse gegen eine solche Vorlage zu protcstiren. Der Aufruf war nicht uuisonst ergangen, denn die Versammlung war wirklich groß- qrtig besucht und zeugte von einer erfreulichen Entwickclung des Älassen- bcwiißtscins der holländischen Arbeiter. Angesichts der Schwierigkeit der Beichaffung eines guten Saales, war die Einberufnng etwas spät erfolgt, Tank jedoch einer guten Organi- sation gelang es, ein Volksparlament zustande zu bringen, auf dem die wirklichen Vertreter der Arbeiter der Niederlande versammelt waren. Wohl 35—40 Fahnen und Standarten von sozialistischen und Fach- Vereinen schmückten den Saal und außer den Vertretern dieser waren noch von 20 weiteren Llrbciter-Vcreinen Vertreter anwesend und Ivo die weite Entfernung oder andere Ilniständc die Vereine verhinderte, Ver- trcter in Person zu entsenden, da schickten sie Telegramme ein, ihre Sympathie für die Arbeitersache auszudrücken. Im Ganzen wurden 15 solcher Telegramme verlesen. Unser Parteigenosse Helsdinger unterzog die Fabrikvcryältnisse Hollands einer strengen Kritik und kam zu dem Schluß, daß auch die neue Regierung nicht imstande ist, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, da sie viel zu sehr mit dem Geldsack verschniolzen ist als daß sie wirklich etwas für die Arbeiter tlmn könne.'Noch drei andere Parteigenossen ergriffen das Wort um über die Zustäude zu berichten, die für die Fabrikanten wie für die Regierung gleich beschämend sind, denn bei allem Elend, das die alles hervorbringenden Arbeiter erdulden, werden sie obendrein schlecht behandelt und außer des gemeinen Rechts gestellt. Ausführlicher kann ich auf die Debatten nicht eingehen, nur noch soviel, daß die Arbeiter erwacht sind und sich rühren, denn eine mächtigere Protestversammlnug hat hier noch nicht stattgcsnnden. Unser Genosse Donicla Nicnwenhuis wird jedenfalls, wenn die Vorlage zur Debatte kommt, noch ein Wort mitsprechen; er weiß jetzt, daß eine mächtige Partei hinter ihm steht, deren Vertrauen er voll und ganz genießt, denn er ist der Einzige wahre Aoltsvertrctcr des niederländischen Proletariats. Es wäre für die gute Sache zu wünschen, daß überall eine so gute Organisation bestände, dann könnte mit immer größerem Nachdruck gehandelt werden. Die niederländischen Arbeiter haben gezeigt, daß sie in kurzer Zeit sich aufzuraffen wußten aus ihrem Schlaf. Glückliches Erwachen, frohe Zukunft! Korrespondenzen. Aus Hestcn-Darmstadt. Unser preußischer„Finger" im hessischen Landtag hat zwar pathetisch erklärt, daß die Sozialdemokraten Hessens „noch auf viel schlimmere Dinge in punkto des Sozialistengesetzes gefaßt sein" müßten, so lange dieselben noch an„ein so niederträchtiges Blatt, wie der Züricher„Sozialdemokrat" Berichte schickten über hessische Zu- stände", das hält uns doch nicht ab— oder gerade deßwegen halten wir es für unsere Pflicht, von Zeit zu Zeit im Organ der Unterdrückten die erbärmliche Wirthschaft zu draudmarken, die sich bei uns eingenistet hat und sich täglich breiter macht. Von der unerwarteten Verheirathnng des Prinzen Sllerander, Ex- fürstcn von Bulgarien, mit einer Sängerin unseres Hoftheaters werden Sie bereits gelesen haben. Es läßt sich darübet an sich nicht viel sagen, aber auch sonst herrschen zwischen verschiedenen Mitgliedern unseres Regentenhauses und dem weiblichen Personal der Hofbühne sehr i n- t i m e Beziehungen, die in unsrer kleinen Residenz natürlich stadtbekannt sind. Bevorzugen die hohen Herrschaften meist das Ballet, so hat auch das Schauspiel seine Gönner. Eine Schauspielerin unseres Theaters ist in diesen Tagen in Wiesbaden eines jungen Polizeiraths gc- nesen. Unsere Gratulation, Herr von Grollmann! Wie man sieht, wird unser Mustertcmpel, der häufig fälschlich ein Bildungsinstitut für das Volk genannt wird, von nnsern„Privilcgirten" und„Edelsten der Nation" als ein— sagen wir Haus d e r F r c u d e n betrachtet. Während die Herrschaften sich in dieser Weise„belustigen", sorgt der hessische Landtag durch seine Verhandlungen dafür, daß das bischen Verttauen im Volke, das er scheinbar noch besaß, vollends schwindet. Dieser Tage haben die beiden sozialdemokratiichen Abgeord- iicten Ullrich und Jöst einen Antrag eingebracht, daß wegen Preß- und politischen Vergehen B e st r a f t e in den Gefängnissen eine bessere Behandlung erführen. Die Kartellsippschaft der Kammer hat jedoch diesen Antrag, wie nicht anders zu erwarten war, abgelehnt. Damit nicht genug, es soll auch u n s c r c V e r f a s s u n g beschnitten werden. Paragraph 84 derselben besagt nämlich, daß ein Abgeordneter„während der Legislaturperiode, die bei uns neun Jahre dauert, in keinerlei Haft genommen werden darf." Obwohl nun die Kauuner m der Stnem- und Drangperiode wiederholt ausgesprochen hat, daß keines ihrer Mitglieder in dieser Zeit Strafe zu verbüßen brauche, wurde dies bei Jöst und Ullrich von der Regierung doch anders gehalten. Jetzt sucht man von Seite der Majorität der Regierung aus der Verlegenheit zu helfen, und so haben diese Bauchrutscher selbst einen 'Antrag auf Abänderung eingebracht, der sich demjenigen der'Reichs- Verfassung anschließt. Frech und zynisch haben diese Kreaturen den Arbcitervertrctern erklärt:„Betrage sich Jeder so, daß er mit dem Ge- setze nicht in Konflikt geräth."'Nur immer so weiter, wir werden zur geeigneten Zeit das Kerbholz schon vorzeigen, und Abrechnung fordern für all die Demüthigungen, die dem armen geknechteten Volke dirett und in der Person seiner Vcrtteter zugefügt werden. Das mag sich auch unser„Finger" merken! Hiddigeigct. Briefkasten der Redaktion: Berlin, Bremen, Gent, Halberstadt, Hamburg, Magdeburg, Wittenberge.— Roderich: Gesandtes dankend erhalten, wird i» nächster Nnmiiier verwendet werden. Gratulation zur— aller- höchsten Anerkennung. der Expedition: E. B. Lpg.: Mk. 3 60 Ab. 2. Qu. ec. erh. Ad. notirt. Gewünschtes vergriffen. Bfl. Weiteres.— Steineiche: Nachr. v. 16. kreuzte mit unsrer Beilage zu B. Antwort erwartet.— Exzelsior: Brf. v. 14. erh. u. wciterbesorgt.— H. PH. Holyoke: Wollen sehen, ob wir beftenndetcrseits Aufschluß irgendwie erlangen können. Bfl. alsdann Bescheid. Uebrigens sind wir ohne jede Bekanntschaft mit Fach- leuten. Privatpersonen, die sich Derartigem Ipiednien könnten, kennen wir nicht.— Rocher Gcldsack: Mk. 756 82 a Cto. Ab. tc. 1t Anfstcllung gutgebr. Adr. u. Bestllg. notirt.— Stfs. Ddf.: Mk. 4 80 Ab.-Rest bis Ende 2. Qu. erh.— Br. Bkst.: Ersatz 10 am 18/3 ab- gegangen. Scheint auf Ihrer Poststelle zu spucken. Gesandtes„F. p. V." war das letzte Exempl. Total geräumt.— E. Stgr. Ldn.: Sh. 2/— Ab. 2. Qu. erh. Rthr. Eerberns: Mk. 150— a Cto. Ab. u. Schrf. erh. Mk. 40— pr. Athlsch. u. Mk. 2l 10 pr. Ggr. gutgebracht. Bestllg. k. besorgt.— Forst N. L.: Mk. 100— pr. Usds. dkd. erh. — Z. in?).; Alles abgcg.— Florestan: M. 10— pr. llfds. dk. erh. Tschech restirt noch das 4. Qu. 88 u. ist deshalb gesperrt. Selbstver- ständlich bleibt demnach das Blatt mis. Ihre Adr. fehlt uns. Pro- birens also nochmals per Tsch., der wenigstens Dieß ausrichten wird. Hcrzl. Gruß!— I. B. Paterson: Adr. mit Nr. 12 geord.— Rothe Fahne: Wollen sehen, ob sich in der Angelegenheit K. H. Etwas hier thun läßt. Bfl. Näheres.— C. A. B. B. London: Bstllg. fort. Schelley Gedichte momentan vergriffen.— F. in F.:'Alles besorgt.— A. H. New-Pork: 40 I. St. Ende Febr. ab Z. abgesandt. Folgen noch 10 Expl. 75 Expl. Rmttd. unterm 11/3 gutgebr. Weiteres notirt. P. K. Anlangendes haben S i e mißverstanden.— W. Laugncr Chicago: Bc- stcllnng v. 2/3 ii. Nchlfrg. folgt. Qttg. bereits in Nr. 11. Bfl. mehr. — Alte Garde: Nachr. v. 18. hier it. beachtet. Hebung versuchen. Bfl. mehr.— Seidcnwurm II.: Adr. lt. Vorlage v. 18/3 notirt. Bfl. Weiteres.— Pr. W».: Mk. 4— f. S. D. Bbl. erh. Sdg. am 20/3 abgg.— Rübezahl: Mk. 30 60 Ab. 1. Qu. erh. Rccl. folgt. Natürl. wurde„in der Hitze des Gefechts" die Straße durch die Ztvischcnhand verqnikt.— X. 3. V.: Mk. 60— a Cto.'Ab. 2C. erh. Gewünschtes folgt. Senden Sie aber Extraadrcsse.— Lionel: Bf. vom 16/3 am 19/3 bfl. beantw. Durch Unterzeichnete ist zu beziehen: Thesen über den Sozialismus. Sein Wesen, seine Durchführbarkeit und Zweckmäßigkeit. Von I. Stern. Preis pro Exemplar 25 Pf.— 30 Cts. Die Entwicklung des Sozialismus von der Ntopie znr Wissenschaft. Preis: Fr.— 40. Mk.— 35. Sh.— 4. German Cooperative Publishing Co. C. Bernstein& Co. i 114 Kcntish Town Read, London, N. W.(England.) Pnntod for the proprietors by the German Cooperative Publishing1 Co. 114 Kentiah Town Road London K. W.