Zvimvemettts ernltn beim Verlag und dessen bekannten Agenten entgegen- genommen, und zwar zum *»««»• jaftlbarae» Bierteljahrtpreit von: Ml. i,iO für Deutschland ldirekt Per Vrief-Souvert) ilosl. 2,75 s»r Oesterreichdie über die M-irzartikcl der Berliner„Volkszeitnng" die Frechheit gehabt, die Thatsachc abstreiten zu wollen, daß in den Märztagcn 1843 das Volk Sieger und die glorreiche Dynastie der Hohenzollern Besiegte ge- Wesen seien. Nach ihrer Darstellung, die natürlich in allen Schule« gelehrt wird— wo in denselben überhaupt des 18. März gedacht wird— "endete die Erhebung dieses Tages nur deshalb nicht mit einer völligen Vernichtung der Aufständischen, weil des Königs humanes Herz vor weiterem Blutvergießen zurückbebte, sind die dainaligen Versprich- ungen und Zugeständnisse gewissermaßen nur aus Gnade und Barm- Herzigkeit gemacht ivorden. Nichts straft dieses, die Wahrheit auf den Kopf stellende Geschwätz besser Lügen, als die zum Glück nicht ans der Welt zu disputirende schinipfliche Flucht des damaligenPrinzenvonPreußen, späteren Kaiser und König Wilhelm nach England. Vor eineni Volke, dem aus„Erbarmen" nachgegeben wurde, flieht man nicht, reißt man nicht bei Nacht und Nebel aus. Flüchtet man sich vor allen Dingen nicht in so wahnsinniger Hätz als Wilhelm, der später„Sieg- reiche", es 1848 gethan. Es ist über diese Flucht schon so zienilich alles Wesentliche in die Oeffentlichkeit gekommen, doch nicht über alle Episoden derselben in gleicher Genauigkeit. Sowohl mit Rücksicht darauf, als namentlich im Hinblick auf die schamlosen Ableugnungs- und Verdrehungsversuche der Reptilienblätter wollen wir heute ein Manuskript zum Abdruck bringen, das uns von befteundeter Seite zur Verfügung gestellt ist, und das als Dokument zur Geschichte der Märzrevolution von unzweifelhaftem Werthe ist. Es besteht aus den Aufzeichnungen eines b r a v e n H a n d w e r k e r s, der jene Zeit miterlebt hat, und zum Thcil selbst Zeuge gewesen ist, zum Theil an Ort und Stelle von Augenzeugen darüber unterrichtet worden ist, wie Wilhelm der Hohen- zoller selbst in dem politisch zurückgebliebensten Theil der Mark, der an Mecklenburg grenzenden P r i e g n i tz, von seiner rasenden Eile .nicht nachließ, wie ihm auch da die Furcht vor dem Zorn des Volkes leine Rast gönnte, wie er floh, wie nur der von Furien des schlechten Gewissens Gepeitschte zu fliehen vermag. Diese Aufzeichnungen be- krachtet der Verfasser als sein„politisches Testament"— die Hin- ckerlassenschaft eines Alten an die junge Generation. Wir veröffent- lichen sie in der einfachen, schmucklosen Darstellung des Originals. � „Ich stand am Morgen des 22. März gegen 8 Uhr vor einer Hausthür aui Markt in Perleberg; Todtenstille herrschte auf demselben, selbst der Roland hatte noch keine Ahnung, daß mir ihn in den näch- sten Tagen mit einer schwarz-roth-goldencn Fahne schmücken würden. Da kam von Wittstock her eine staubbedeckte Halbchaise; im Wagen saß ein Mann in einen grauen Mantel gehüllt, neben dem Postillon ein zweiter Mann, ebenfalls in einem grauen Biantel; die müden Pferde nahmen ihren Weg nach der Post. Nach kurzer Zeit trieb mich die durch die seltene Erscheinung einer Extrapost geweckte Neugier gleich- falls nach dem Postgebäude, wo sich mir ein sonderbares Schauspiel darbot: Um den Wagen herum hatte sich ein Volkshaufcn gesamnielt, und aus demselben hörte ich Worte wie„Prinz von Preußen— todt- schlagen zc." Der Wagen war leer, und auf meine Frage nach dem Verbleib der Insassen hieß es, der Eme sei in die Stadt London ge- gangen, der Ändere zum Bürgernicister F i n d e i s c n, um die Pässe visiren zulassen; denn damals war Mecklenburg noch Ausland, und preußische Posten durften Niemand ohne Paß ins„Ausland" fahren. Die Unruhe um den Wagen wurde immer größer, ohne daß es jedoch zu Thätlichkeiten gckonimc» wäre. Kaufmann B. und ein Freund beschlossen, sich den Fremden ini Hotel anzusehen, und ihnen schloß sich der Postsekretär v. G(roß) an. Der Fremde saß ani Kaffectisch und beugte beim Eintritt der Genannten anscheinend absichtlich sein Gesicht über die Tasse; v. G. trat auf ihn zu:„Mein Herr, Sie scheinen Eile zu haben, wäre es nicht besser, wenn Sie nach Wittenberge führen und die Eisenbahn nach Ludwigslust benützten?" Wie von einer Natter gestochen, sprang der Fremde auf:„Nein! nein! Vorwärts! rasch!" Er wußte wohl besser als wir, daß ewige der im Polcnprozeß bethei- ligtcn Polen, geschmückt mit rothweißen Kokarden und gut bewaffnet, in der Nacht den Bahnhof besetzt hatten, um ihn abzufangen.— In demselben Augenblick öffnete der Reisebegleiter die Thür und winkte; der Fremde trat eilig heraus und verließ das Hotel. Er wandte sich links der Straße nach Quitzow zu, verließ dieselbe aber bald und lief querfeldein dem Dorfe zu. Während wir, vor dem Hotel stehend, dem davonlaufenden Fremden erstaunt nachsahen, erschien der Bürgermeister Findeisen, eine kngel- runde kleine Figur, in der ganzen Stadt nur unter dem Namen Onkel 'Findeise» bekannt. Auf seine hastige Frage:„Wo i st der Prinz?" konnte ich demselben nur erwidern:„Dort läuft er!" Nun entspann fich eine äußerst komische Hetzjagd. Onkel Findeisen verfolgte den fliehenden, die auf den Namen Kaufleute„Oelrichs ausjPotsdam" lautenden Pässe schwingend, mit dem Rufe:„Mein Herr, Ihre Pässe!" Je mehr er aber schrie, um so schneller floh der Fremde, es war die lächerlichste Szene, die man sich denken kann. Endlich mußte Onkel Findeisen die Jagd aufgeben und kehrte pustend und keuchend zu uns zurück. Der arme Kerl ivar ganz erschöpft. Eine kurze Unterhaltung entspann sich; als Zweifel laut wurden an der Identität des Fremden mit dem Prinzen von Preußen, da Letzterer einen so schönen Schnurrbart habe, erwiderte„Onkel" Findeisen:„Na, den hat er natürlich abgeschnitten!" Bald fuhr die Extrapost mit dem Reisebegleiter— wie sich später herausstellte, war es der Adjutant von Oelrichs— zum Thor hinaus, �ebenfalls nach Ludwigslust zu. Damit hatte dieser erste Akt für Perle- ckberg Schluß; über den Verbleib des Reisebegleiters habe ich mich weiter nicht gekümmert; wohl aber hatte ich Gelegenheit, die ferneren Aben- teuer des ersten Reisenden schon am Nachmittage des folgenden Tages von den Bethciligten selbst zu erfahren. Im Dorfe Quitzow angekommen, fragte der Flüchtling nach der Wohnung des Pastors, trat, als er sie erfahren, raschen Schrittes in tias Zimmer des hochbetagten Pastors Otto ein und rief, die Thüre hinter sich verriegelnd:„Ich bin der Prinz von Preußen, schaffen Sie mich schnell nach Ludwigslust I" Pastor Otto entgegnete:„Hoheit, ich werde sofort anspanne» lassen." Nein! nein! Sie müssen es selbst thun!"„Das kann ich nicht, meine Pferde sind jung, und ich bin alt." Damit öffnete Pastor Otto das Fenster und rief seinem Kutscher zu, anzuspannen.„So müssen Sie mich begleiten l" Pastor Otto machte sich fertig und beide fuhren schnellen Trabes nach Stavenow zu. In der Nähe von Stavenow befahl der Flüchtling zu halten; während der Pastor Otto auf den Hof fahren und neue Pferde holen sollte, verließ er selbst den Wagen und versteckte sich im nahen Gehölz. Pastor Otto fand den Güterverwalter der Grafen Voß, Inspektor Exs— derselbe war früher Ordonnanz bei dem Prinzen von Preußen gewesen und hatte die Anstellung als Gutsinspektor auf des Prinzen Empfehlung «rhalten— nicht anwesend. Der zweite Beamte des Gutes, Herr Weiß, ließ anspannen und flihr mit dem Pastor nach den: Punkte des Ge- Hölzes zurück, wo der Flüchtling den Wagen des Pastors verlassen hatte, und nachdem sie ihn, nicht ohne einiges Rufen und Suchen, ge- Kunden, fuhr Weiß mit ihm nach Ludwigslust zu. Pastor Otto aber ffihr nach Quitzow zurück, sich die blauen Flecke reibend, welche der Flüchtling ihm während der Fahrt vor Angst in den rechten ichcnkel gekniffen hatte! In Ludwigslust angekommen, kehrte Weiß in dem Gasthof ein, wo er Inspektor Exs, welcher am Morgen hingefahren war, zu finden hoffte. In der That hielt der Wagen des Exs angespannt auf dem Hofe; der Kutscher erwartete den Inspektor von einem Gange in der Stadt zurück. - Der Flüchtling begab sich in die hinter dem Gastzimmer nach dem Hofe zu gelegene Stube. Vor dem Gasthause aber bildete sich schnell jün Auflauf, dieselben Rufe wie in Perlcberg wurden laut, und ein Schmied, dessen Sohn in Berlin auf den Barrikaden gefallen war, jchien, mit einer Eisenstange bewaffnet, den Worten die That folgen lassen zu wollen. In diesem Moment erschien Exs, welcher auf Grund {einer Gradheit und Liebenswürdigkeit in der ganzen Gegend beliebt md geachtet war, zur Rettung des zitternden Flüchtlings. Die gefähr- iliche Situation sofort erkennend, vertrat er den Weg zum Hinterzimnier und rief:„Kinder, wenn der Fremde drinnen der Prinz von Preußen |st, so gehört er mir! Ich habe zuerst mit ihm abzurechnen. Damit fltieß er die Thüre zum Hinterzimmer auf und trat auf den todtenblcich dasitzenden Gast zu, während die Menge, ihn gespannten Blickes beob- achtete. Den Fremden mit dem Auge messend, rief er:„Das soll Her Prinz von Preußen sein? Gottbewahre! Laßt diesen elenden Kerl in Ruh!" Dabei aber gab er dem Flücht- � sing einen wohlverstandenen Wink auf das nach dem Hofe führende Fenster und den zur Abfahrt bereiten Wagen. Dann trat er wieder heraus, richtete einige Worte der Beruhigung an die Menge und begab sich nach seinem Wagen, und in dem nächsten Augenblick fuhr Exs mit dem Flüchtling zum Hofthor hinaus, die verblüffte Menge mit offenem Munde hinter sich lassend. In der Villa Guitara brachte er den Flüchtling sicher unter. Nach sechs Tagen holte Weiß denselben dort ab und brachte ihn mit eigenem Geschirr nach Hamburg, von wo der Flüchtling seine„Misston nach England" antrat. Der bald darauf in Perleberg entstandene„Preußenverein" beschloß, als der Prinz von Preußen zurückgekehrt war, durch eine Deputation nach B a b c l s b e r g für die dem Prinzen angethane„Schmach" Abbitte thun zu lassen. Au der Spitze dieser Deputation stand der durch seinen Schmuggel reich geivordene sog. Butterschulze, dessen Sohn als Einjähriger der Garde beim ersten Schuß in Berlin Gewehr imd Uni- forni in der Kaiser Franz-Kaserne in Berlin im Stich gelassen hatte und zu Muttern nach Perleberg ausgerissen war. Diesen Butterschulze fragte der Prinz u. A., wer denn„der schöne große junge Mann gewesen sei, der in Stadt London auf ihn zuge- treten. Mein Freund B. scheint dem Kaufmann Oelrichs aus Potsdam sehr imponirt zu haben." *** Soweit das Manuskript. Wir wollten an ihm nichts ändern und haben daher darauf verzichtet, so sehr der Gegenstand dazu reizte, von unserem Eigenen etwas beizugeben. Wenn man sich des„ S ch i e ß t die Hunde nieder" vom 18. März erinnert und diese jämmer- liche Flucht dagegenhält, so hält es wirklich schwer,„satyram non scri- bere." Ju die Lage, auszureißen, kann der größte Held kommen, aber nach solcher Poltronerie s o auszureißen, die Jagd über die Felder, die blauen Flecken des armen Pfarrers von Quitzow u. s. w., das könnte einem zu einer modernen Acneide begeistern. Wie haben die Rcaktio- näre nicht über Georg Herwegh gespottet, weil er auf seiner Flucht (was beiläufig nicht wahr ist, und wenn wahr, durchaus nicht schimpflich wäre) sich unter das Spritzleder des von seiner Frau geführten Wagens versteckt gehalten habe. Von der Flucht Wilhelm'« aber schweigen sie mäuschenstill. Die Lüge verbreiten sie und die Wahrheit verschweigen sie. Und deshalb ist es Pflicht der Vertreter der Volkssachc, dafür zu sorgen, daß die Wahrheit nicht in Vergessenheit ge- r a t h e. -�AA/tW/W—— Sozialpolitische Rundschaa. London, 10. April 1889. — Der Köuig ist todt, es lebe der König! Der Tyras ist todt, es lebe der Tyras! Und was für ein Tyras! Ein königlicher Hund! Ein kaiserlicher Hund! Die königliche Laus, welche Hoffmann von Fallersleben vor 60 Jahren, und der königliche Floh, welchen der a l t e G o e t h e vor 100 Jahren besang— waren nichts gegen diesen kaiserlich-königlichen Hund! Und ein richttger, vierbeiniger Hund, kein zweibeiniger, der zwar das Apportiren und Wedeln und Bauchrutscheu und Speichellccken besser versteht, als ein vierbeiniger, aber zu feig ist, um dem Herrn und Meister, falls ihn irgend ein reichsfeindlicher Attentäter in Gefahr bringt, lcbensrctterische Dienste zu leisten. Es wurde neulich gemeldet, Eisenstirn hätte den von einein national- liberalen Hundezüchtcr ihm angebotenen Nachfolger des hochseligen Tyras seinem hoffnungsvollen Sohne Herbert geschenkt, mit dem Bemerken, er selbst brauche keinen Tyras mehr. Und das tvar auch richttg. Aber der Eisenstirn denkt und der neueste„alte Fritz" lenkt. Dieser hatte einen genialen Gedanken, und damit die Dynastie Tyras nicht aussterbe, schenkte der Chef der Dynastie Hohenzollern dem Chef der Dnnastie Bismarck einen Tyras II. zum 1. April,— an tvelchem Kalendertag bekanntlich das deutsche Volk durch die Geburt des Tyras-Empfängers in den April geschickt wurde. Wie verlautet, soll in Friedrichsruhe für Tyras den Zweiten ein Harem angelegt werden und beabsichtigt der Chef der Dynastte Bismarck, sich in Zukunft geschäftsmäßig auf die Hundezucht(vierbeinige— neben den zweibeinigen) zu verlegen, wie er sich seither schon auf die Entenzucht(gefiederte neben den papiernen) verlegt hat. Nun— so ein ehrliches Handwerk wie die Schnapsbrennerei ist die Hunde- und Entenzucht auch. Und jedenfalls hat der sinnreiche Junker Eisenstirn für beide Industrie- Zweige ein außerordenlliches Talent bewiesen.— Es wird auch allmählich Zeit, daß er sich nach einem so- liden Gewerbe umsieht, denn mit den alten Schwindelpraktikcn, die ihm bisher so viel Geld und„Ehre" eingebracht haben, wird es ivohl nicht lange mehr gehen. Die auswärtige Politik, die ihm ein Vierteljahr- hundertlang als Goldgrube diente, wirft nichts mehr ab.— Die Kirnst« stückchen und Meßgaukeleien, denen er seine politischen und finanziellen Erfolge verdantte, kennt nachgerade jeder Quartaner auswendig, und die riesigen Dummheiten, welche er in den letzten Jahren, namentlich auf dem Gebiete der Koloniälpolitik verübt hat,— Dummheiten, so greifbar, daß ein politischer ABC-Schütze die Dummheit mit Händen greifen kann— haben das Prestige vollends zerstört. Hochstapler und Abenteurer müssen Erfolg haben— vom Erfolg leben sie— ohne Erfolg sind sie verloren. Mit Frechheit, Raffinirtheit und Gewissen- losigkeit kann man bis zu einem gewissen Grade den Erfolg komman- diren, weil mau allen Menschen, die noch an Anstand glauben und nicht jedes Mittel für recht halten, überlegen ist. Als B e u st, der seinen Berliner Konkurrenten durchschaute, und des- halb auch bis zum Tod, ja noch über das Grab hinaus von diesem ye- haßt wurde— Anfang 1866 dem österreichischen Kaiser mittheilte, Bis- marck unterhandle wegen eines Bündnisses mit Italien, und wolle Oesterreich unter irgend einem Vorwande überfallen— da antwortete der österreichische Kaiser:„An solche Infamie glaube ich nicht— das ist unmöglich. Und wäre auch der Bismarck sähig dazu, mein guter Veiter(oder Bruder) in Berlin ihut es nimniermehr!"— Run, der österreichische Kaiser, der die„Jmfamien" nicht für möglich hielt, war ein Esel und der Geprellte. Bismarck aber wurde der geniale Staatsmann— weil er das that, was reinlichere Naturen für mora- lisch unmöglich hielten. Ganz ähnlich war der Schleswtg-Holsteinische Krieg in Szene gesetzt worden. Und genau so war es mit dem späteren Erfolg, dem„heiligen Krieg", der in derselben Weise— wir meinen nach der gleichen Methode und mit gleichwcrthigen Mitteln— einge- fädelt lvurde, und von dem Bismarck bis auf den heutigen Tag-gezehrt hat. Gemeine Ziele, gemeine Mittel, und eine absolute Unsknipulosität — Lug, Trug, Gewaltthat und niederste Selbstsucht— irgend ein anderes höheres und edleres Moment ist nicht vorhanden. Vergebens sucht man in der mehr als vierzigjährigen Laufbahn dieses Menschen ein hochsinniges Gefühl, einen edlen großen Gedanken! Doch wozu das wiederholen? Genug, der kecke, vor keinem Mittel zurückschreckende Abenteurer hat anständigen Menschen gegenüber, auch ivenn sie ihn geistig thurmhoch überragen, ein unbestreitbares Uebergewtcht und kann deshalb bis zu einem gewissen Grade den Erfolg kommandiren. Allein der Erfolg kann sich nur auf einzelne Handluugen, Streiche, Unternehmungen be- schränken, nicht aber auf den organischen Gang der Entwickelung. Zkurz, diese politischen Hochstapler und Jahrmarkts-Herkulesse können das Bei- und Nebenwerk der Geschichte wohl beeinflussen, zum Theil nach ihrem Willen gestalten— auf das eigentliche Wesen der Ge- schichte, das sie auch garnicht verstehen— sonst wären sie nicht, was sie sind— haben sie so wenig Einfluß, wie das Heupferd der Fabel ans den Wagen, welchen es ziehen wollte. Wenn wir von der Roßtauscher-Geriebenheit absehen, mit der Bis- marck seine drei Kriege einrichtete, die 1878er Attentate„ftuktifizirte," und verschiedene Wahlkampagnen, namentlich die letzte,„organisirte," so suchen wir vergeblich nach Erfolgen und ebenso vergeblich nach Ver- ständniß der Dinge. Die soziale Frage ist diesem rohen Krautjunker ein Buch mit sieben Siegeln geblieben— er betrachtete sie bloß als Material, um ein paar falsche Würfel für seine Falschsptelerei daraus zu machen. Und dieser flachköpfige Demagog, dessen Eitelkeit mit seiner Gewissenlosigkeit gleichen Schritt hält, hatte neulich im Reichstag die Unverschämtheit, sich die geistige Vaterschaft der„Sozialreform" zuzu» schreiben! Und wahrhaftig, er ist unwissend genug, um seine plumpe« sozialdemagogischen Pfusch-Experimente für Sozialreform zu halten. Während er in der inneren Politik— die WirthschastS- und Sozialpolitik eingeschlossen— nur die gröbste Polizei- und Interessen- Politik gettieben und durch den Kulturkampf und das Sozialistengesch sein staatsmänuisches Unvermögen in den Augen aller Ur- thcilfähigen bewiesen, und auch nicht eine einzige Maßregel durchgeführt oder angeregt hat, die ein staatsmännisches Erkennen der Probleme und Aufgaben unserer Zeit bekundete— ist es ihm, seit sein Charakter und seine Methode Sttaßengeheimniß find, auch in der auswärtigen Politik nicht mehr gelungen, den kleinsten Erfolg zu ergattern. Die Russen, die Franzosen und die Engländer haben sein Spiel durchschaut und durchkreuzt,— der Wechselbalg des„Dreibundes" kann nicht leben und nicht sterben, und die amerikanische Republik, in deren Jnteressenkreis der„Staatsmann, um den alle Welt uns beneidet," mit bodenloser Tölpelhaftigkeit hineintrat, hat ihm, imter den denkbar bla- mableu Bedingungen, eine so gesunde Niederlage bereitet, daß er sie sicherlich sein Lebenlang nicht vergessen wird.— Und da haben wir noch gar nicht von dem programmwidrige» Zwischenregiment„Unseres Fritz" gesprochen, das den „Hausmeier" der Hohenzollern zur Aufdeckung seiner Karten gezwungen und auch vor dem uneingeweihten Publikum in seiner wahren Gestalt gezeigt hat. Die Kämpfe in den hohen und höchsten Regionen dauern ohn« Unterbrechung fort— und die Stellung des Hofpredigers und Meineids» Pfaffen S t ö ck e r, den die Bismarckanbeter hereits abgesetzt hatten, ist'augenblicklich eine weit festere, als die des H e r r n B i s m a r ck selbst, der ihn weiland sehr gern benutzte und jetzt sehr froh wäre, wenn er ihn in das Land, wo der Pfeffer wächst, schicken könnte. Nicht, daß er die Stöcker'sche Hetz-Muckerei mißbilligte. Im Gegentheil. Aber der Stöcker ist der Vertrauensmann des jungen Kaisers und er treibt, mit W a l d e r s e e u. A. Polittk auf eigene Rechnung. — Ja Bauer, das ist ganz etwas Andres! Zu unserer Notiz in voriger Nummer, die diese Ueberschrift trägt, seien heute einige Bei- spiele gebracht und zwar aus der„freien Republik der Vereinigten Staaten von Amerika". Herr Charles Francis Adams, schreibt das„Phil. Tagsblatt",„ist ein sehr angesehener, frommer, puritanischer, aristokrattsäier, hochanständiger Mann. Er gehört zu der obersten Creme(deutsch: Ab- schäum) der besten Gesellschaft von Massachusetts. Einer seiner Ahnen war Präsident der Vereinigten Staaten. Besagter Adams ist aber auch Präsident der Union-Pazifik-Bahngesellschaft. Nun ist an anderer Stelle dieses Blattes eine Depesche zu lesen, welche einen großen Sieg des Sir Adams ankündigt. Seine„fiinfhundert, mit Winchester Repetiv» gewchren bewaffneten" Knappen oder Reisigen haben der feindlichen Bande der nördlichen Pazifik-Bahn einen solchen Schreck eingejagt, daß sie den Paß von Boulder ohne Vertheidigung.aufgab, so daß Sit Charles nun rechtmäßiger Besitzer desselben ist. Ei», anderer frommer und großer Mann ist Sir John Rocka» feller, Chef der Standard-Oil-Compagnie, ein eiftiger Baptist, der erst kürzlich einer Anstalt dieser Sekte eine große Summe gespendet haben soll. Auch Sir John hat dieser Tage durch Gottes gnädigen Beistand einen Sieg erfochen, worüber aus Findlay, Ohio, das folgende gemeldet wird: „Vor einigen Tagen ergriffen Agenten der Standard-Oil-Company gewaltsam Besitz von dem Eigenthum von W. A. Pentzer, Farmer und Besitzer von Oel-Ländereien hier, unter dem Vorwand, daß die Gesellschaft das Land in Pacht habe. Pentzer bestritt dies und versuchte die Agenten mit seiner Angestellten Hilfe zu vertreiben. Es kam zn eiuer Prügelei, in Folge deren Pentzer von seinem Oelland getrieben wurde. Die Sache wurde vor die Gerichte gebracht und Richter Ridgley vom Common-Pleas-Gcricht gewährte Pentzer einen temporären Ein- haltsbefehl gegen die Agenten der Standard-Oil-Company. Die„Lease" (Grundverschreibung) ist die werthvollste im ganzen Ohio Oelfeld, mid der Betrag, der dabei in Betracht kommt, ein ganz ungeheurer. Di« Standard-Oil-Gesellschaft hält das Territorium noch inimer mit eine» bewaffneten Abthcilung besetzt. Da haben wir das Raubritterthum vergangener Zeiten tn moderner Form. Der„R e ch t s st a a t", der den k l c t n e n F r e v l e r N gegenüber unerbittlich und prompt ist, existtrt für die Großen nicht, oder nur, wenn sie ihn brauchen, ihn ausbeuten oder zur Niederhaltung de» Armen benutzen wollen. Sonst sind die Herren völlige„Anarchisten" — in Glace-Handschuhen." *.* Weil gerade von A n a r ch i st e n die Rede ist, so hat sich vielleicht an keinem Menschen das zweierlei Maß der modernen Gesellschaft drastischer und fügen wir hinzu, infamer gezeigt, als gegen dem Chicagoer Anarchisten— soweit man ihn so nennen darf— Albert Pars ans. „Albert Parsons", schreibt das„St. Louis Tageblatt", dem wir darin voll und ganz beistimmen,„war sicherlich kein Alltagsmensch. Er verließ ein sicheres Versteck und ergab sich freiwillig dem Feinde, um durch diese That die öffentliche Meinung zu Gunsten der Mitangeklagten umzulenken. Dieser generöse, heroische Akt hat Parsons Charatter ein- fürallemal einen unverlöschlichen Stempel aufgedrückt." Von der Wittwe dieses Mannes ist soeben ein seinem Andenken go- widmetes Buch erschienen unter dem Titel„I-ife of Albert R. Parsons" (Albert R. Parsons Leben). Die Widmung des Buches lautet:„Dieses Buch ist in Liebe dem heiligen Andenken eines Mannes geweiht, dessen einziges Verbrechen darin bestand, daß er setner Zeit voraus lebte." In ihrem Vorwort nun stellt Frau Parsaus mit großen: Recht der Art, wie man mit ihrem Manne verfahren, die„Ritterlichkeit" gegen- über, die Ulysses S. Grant seiner Zeit dem Rebellenha:cht General Lee gegenüber anwandte und wegen der er allgemein gefeiert wurde. Sie schreibt:„Graut's Biographen rühmen keinen Akt seines Lebens so sehr, wie die Großmuth, die er dem Rebellengeneral Lee bewies, als dieser ihm seinen Degen überreichte. Gesetzt den Fall, Grant hätte den Degen angenommen und seinen Gegner erdolcht. Die Sprache besäße keme Worte, um das Abscheuliche solcher Unthat zu brandmarken. Alb. R. Parsons überreichte sein Schwert, indem er sich dem Gerichte stellte, dem wilden Millionärsmob und verlangte einen gerechten Prozeß vor einer Jury seines Gleichen, und doch ermordete ihn der Staat Illinois." „Bei diesem Puukte", schreibt das„St. Louis Tageblatt", dem wir diese Mittheilungcn enttiehmen, weiter,„verweilt auch Capt. W. S. Black(der Vertheidigcr Parsons) in einem Aufsatz über den Chicagoer Prozeß. Es heißt dort:„Als ich im letzten Momente Parsons vorstellte, es sei alle Aussicht vorhanden, daß er— gleich den Genossen, welche das Gnadengesuch unterzeichnet hatten— sein Leben erhalte, wenn er sich zur Unterschrift verstehen wolle, erwiderte er:„Ich weiß es; auch Stoue, der Eigenthümer der„Daily News", hat mit mir darüber ge- sprachen; er war jüngst zwei Stunden bei mir in der Zelle und ver- sprach mir seinen sicheren Einfluß, wenn ich unterschriebe; aber ich thue es nicht, weil Lingg, Engel und Fischer, die minder Aussicht auf Be- gnadigung haben, nicht unterschreiben wollen; ich will niein Schicksal von dem ihrigen nicht trennen; ich will meinLeben nicht auf ihre Kosten erhalten. Unterschreibe ich. so begnadigt mich der Gouverneur, um die drei andern desto ungenirter hängen zu lassen." Black schildert den Eindruck, den diese Worte auf ihn machten, wie folgt:„Ich hatte nicht das Herz, ihn zu drängen, einem so edlen Ge- danken und Vorhaben Gewalt anzuthun; ich drückte ihm die Hand und entfernte mich." So gut wie Black, wußte das alles der Gouverneur Oglesby, hatten der Staatsanwalt G r i n n e l, der Richter Gary sich von dem hochherzigen Charakter Parsons überzeugt. Wenn einmal der Ausdruck gebraucht werden soll, so hat der Arbeiterführer Parsons zehntausend- :n»l mehr Ritterlichkeit bewiesen als der Führer der Sklave:chändler- truppen Lee. Ihm gegenüber aber kannten dieselben Leute, die Grant ob seiner Großmuth verherrlichen, keine Spur von diesem Gefühl, keine Spur auch nur von Gerechtigkeitssinn. Albert Parsons, der sich im Bewußtsein seiner Unschuld selbst gestellt, wurde gehängt wie der erste —nicht doch, wie der verlassenste und verkommenste Straßenräuberl Warum? Nun, weil er eben Vertreter der Arbeiter war. Lee gehörte derselben Klasse an wie die Jankee's, er war, auch in dem ivüth«ndsten Kampfe, noch ihresgleichen. Parsons aber gehSrie, zwar nicht von Geburt, aber durch fteie Wahl einer ganz anderen Welt an wie seine Gegner: der Arbeiterklasse. Und daS ist eben»ganz etwas andres". — Das Alters- und Jnvaliden-Gesetz soll vor Ostern in zweiter Lesung erledigt werden. Bei Lichte betrachtet erscheinen die VerHand- lungen des Plenums als die reinste Spiegelfechterei, denn über den Inhalt des Gesetzes hat sich die Majorität hinter den Koulissen geeinigt und die parlamentarischen Verhandlungen halten stch genau an die Abmachungen. Daß die Regierung und die Kartellparteicn das Gesetz noch in dieser Session fertig stellen wollen, hat seinen Grund darin, daß es zum Schaustück bei den n ä ch st e n W a h l e n bestimmt ist. Deshalb geben stch die Bismarck, Bötticher, Stolle und wie sonst die braven Auguren noch heißen mögen, eine so außerordentliche Mühe, das Gesetz im Stile der Wunder- Reklame auszupuffen. Deshalb führte Bismarck wieder den alten Wilhelm und sein„Testament" ms Treffen und des- halb verstieg stch sein parlamentarischer Hausknecht, Bötticher, zu der Phrase, er wolle sich gern einen Sozialdemokrat nennen lassen, weil er für dieses Gesetz schwärme, er sei aber ein Sozial- demokrat, der es wohl meine mit dem Vaterland. In der einen Hand das„sozialdemokratische" Alters- und Znvaliden-Gcsetz und in der a n d e r e n das neue Preßknebelgesetz — so will die Regierung mit ihrem Kartellpack in die Wahlkampagne marschiren.— Zuckerbrot und Peitsche. Und natürlich eine passende Attentats-Atmosphäre— mein Liebchen was willst Du mehr S— Da kann es flcher nicht fehlen! Das Knebclgesetz wird erst nach Ostern vor den Reichstag gelangen, der m i n d e st e n s bis Pfingsten tagen wird. Und dann kann aufgelöst werden. Nicht sofort.— Die Regierung hat ja Zeit. Wir wiederHolm je- doch: Falls nicht unvorhergesehene Ereigniffe eintretm, die zu veränderten Dispositionen nöthigen, wird unter allen Umständen noch im Lauf dieses Jahres gewählt. Wornach überall zu achten! — Weiter schreibt man uns hierzu: Die Debatte über die Alters- und Invaliden- Versicherung zicht stch sehr in die Länge. Die zweite Lesung, welche Freitag, den 29. März, begann, wird schwerlich vor Ostern be- endigt werden— man müßte denn zu Abendsitzungen greifen. Für dieses langsame Tempo giebt es zwei Erklärungsgründe. Wie bereits erwähnt, wird mit diesem Gesetze W a h l p o l i t i k getriebm— Herr von Bötticher hat es mit dürren Worten cingestandm. Jede Partei hat ein Interesse daran, sich als möglichst„arbeiterfteundlich" hinzu- stellm— und mit diesem Bestreben ist ein lieber das Kniebrechen der Debatte natürlich nicht vereinbar. Es werden ebm Wahlreden ge- halten und die Kartellparteien, welche die meiste Ursache haben, mit Zittern und Zagen den kommenden Wahlen entgegenzusehen, haben dem- entsprechend auch das lebhafteste Bedürfniß, die Debatte nicht abzukürzen. Allein dies ist nicht der einzige Grund. Obgleich durch die bekannten Abmachungen hinter den Kulissen dem Entwurf in der Gestalt, lvie er aus der Kommission hervorging, eine feste Majorität gesichert schien, so bestehen auch bei den Majoritätsparteien allerhand„schwere Bedenken" gegen das Gesetz, und nur mit beklommenem Zagen schicken sie sich zu dem„Sprung ins Dunkle" an. Nur als der e r st e Entwurf des U n f a l l g e s e tz e s vor den Reichs- tag kam, fühlten die Vertreter der besitzenden Klassen etwas Aehnlichcs. Ihre Besorgnisse wurden jedoch bald durch die Regierung zerstreut, welche die paar spärlichen Tröpfchen„sozialistischen Oels" aus ihrem Brei wieder herausfischte und den polizeilich-burcaukrattschen Charakter ihrer Talmt-Sozialreform so stark hervortreten ließ, daß den Verthei- digcrn des heiligen Eigenthnms und des heiligen Ausbeutcrrechts bald wieder leicht ums Herz wurde; und es dauerte nicht lang, so konnten sie in ihrem Bismarck wieder den Hohenpriester des Kapitalisnius anbeten und den Hauptmann der modernen Raubritterbande bewundern. Das Unfallgesetz wurde einer dreimaligen Verdünnung und Ausbeinung unter- zogen, ehe es zur Annahme gelangte. Und das Krankenversicherungs- gesctz war gleich von Anfang an so vertrauenerweckend polizelltch und geldsackfrenndlich, daß eine Befürchtung überhaupt nicht aufkommen konnte. Etwas anders ist es aber mit dem Alters- und Invaliden- gesctz— und deshalb liegt auch ein so langer Zeitraum zwischen dem Versprechen der„kaiserlichen Botschaft" vom Jahre 1881 und der N i ch t- « i n l ö s u n g des Versprechens, aber doch Einbringung eines bezüglichen Gesetzentwurfes in der Session 1888/89. Nicht, daß der eingebrachte Gesetzentwurf von sozialdemokratischem Geiste durchlveht wäre— nichts weniger als dies— er ist womöglich noch polizeilicher, noch reakttonärer, als die beiden anderen Vcrsicherungs- gcsetze, deren„Krönung" er sein soll. Er schnürt die Arbeiter in eine Zwangsjacke ein, belastet sie in der ungerechtesten Weise und gewährt ihnen so geringe Vortheile, daß es eine wahre Schande ist,— und in- soweit Ist das Gesetz ja ganz nach dem Herzen der Geldsack-Vertteter; allein es enthält eine Bestimmung, die ihnen Grauen einflößt: nämlich den S t a a t s z u s ch u ß, und darin steckt das Zugeständniß, daß es Pflicht des Staats ist, für den arbeitsunfähigen Arbeiter in Gestalt einer Altersrente oder Jnvalidenpension zu sorgen. Zwar geschieht das heute auch schon that sächlich durch die Armenunter st ützuug, und man hat deshalb auch mit vollem Rechte dieses Alters- und Jnvalidengesetz mit den anderen Arbeiter- Vcrsichcrungsgesetzcn eine Andersregelung des Ar mcnwesens genannt, aber durch den Umstand, daß jedem unter das Gesetz fallen- den Arbeiter gegenüber die Pflicht des Staates zu regelniäßigen Unterstützungsbeittägcn festgestellt wird, ist das Alters- und Invaliden- gesctz aus die Grenzlinie geschobei�tvorden, wo die sozialistische Verstaatlichung der Arbeit beginnt und der Privatarbeiter anfängt, Staats- oder Gesell- schaftsbeamter zu werden. „Ist diese schiefe Ebene einmal beschritten, so giebt es keinen Einhalt mehr, so rutschen wir ttefer und ttefer, bis wir schließlich mitten im Sozialismus stecken!"— so jammern die geistlichen und weltlichen Vertreter des Kapitalismus; und je weiter die Verhandlungen fort- schreiten, desto lebhafter werden die Bedenken, desto spaßiger die Angst- sprünge. Und ob die Angstsprünge schließlich doch noch zum„Sprang ins Dunkle" führen werden, ist— trotz der Abmachungen hinter den Koulissen und trotz der bevorstehenden Wahlen— doch noch keineslvegs sicher.— Trotz der Aussichtslosigkeiten der von der sozialdemokrattschen Frak- tion gestellten Verbesscrungsanttäge— die beiläufig ausnahmslos sich innerhalb des Rahmens der heutigen Gesellschaftsordnung bewegen— detheiligen unsere Genossen sich tapfer und unermüdlich an den Debatten der zweiten Lesung. Bei dieser Gelegenheit sei nachträglich erwähnt, daß die N a t i o n a l- liberalen den Sozialdemokraten einen Sitz in der Arbeiterschutz- Kommission abgetreten haben und daß M e i st e r diesen Sitz einnimmt. — Das Knebclaeset; stößt im Bundesrath auf Schwierig- ketten. Einigen Regierungen, z. B. die sächsische(ei Herrjeses!), ist der preußische Autrag zu schwacher, andern dagegen zu st a r k e r Taback. Da wird denn wohl nach einigem Streiten der preußische Antrag als die„richtige Mitte" erkannt werden.— — Die Reichskommission hat das Verbot der Berliner„Volks- zeitung" aufgehoben— so meldet der„Telegraph". Mit andern Worten, die sicherlich von jeder opposittonellcn Neigung freien Mit- glieder der Relchskommission haben sich gezwungen gesehen, zuzugestehen, daß das Verbot der„Volkszeitung" wieder ein brutaler, gegen Recht und Gesctz verstoßender Gewaltakt war. Da es in Berlin die Spatzen von den Dächern Pfeifen, daß das Verbot vom„neuen alten Fritz" veranlaßt worden war, so ist der Spruch der Reichskommission keine üble Ohrfeige für den„höchsten Vertreter des Gesetzes", und ein artiger Kommentar zu seinem königlichen Versprechen„an mein Volk", das R e ch t zu schützen. Allerdings hat sich Wilhelm wohl kaum selbst der Illusion hingege- den, daß das Verbot aufrecht erhalten bleiben werde, es kam, wie wir schon hervorgehoben haben, vor allen Dingen darauf an, das fort- schrittlich-demokrattsche Blatt zu schädigen, und dieses Resultat ist erreicht worden. Eine materielle Verantwortung gibt es im Rechtsstaat Preußen nicht, und um die moralischen scheeren sich die Gewalchaber den Teufel. Wilhelm hat seinen Rachedurst gekühlt, und Herr von Richthofen, der sich zum Handlanger dieser echt königlichen Rache hergegeben, wird um den Löhn für seine Dicnstbereitschast ebensowenig besorgt zu sein brauchen, wie sein nicht minder eifriger Ge- hülfe von Tausch. Da der Spruch der Reichskommission immerhin auch für sie nicht gerade eine schmeichelhafte Anerkennung bedeutet, so wird der Lohn hoffentlich nicht hinter den Koulissen erstattet werden» sondern in Form einer eklatanten Genugthuung erfolgen. Bei dieser Gelegenheit sei gleich erwähnt, daß der Vater der Meineid- spitzet Jhring-Mahlow, Naporra:c., Tugend-Putty, einen Ruf ins preußische Herrenhaus erhalten hat. Das„Vergessen" des bösen Friedrich rentirt sich. — Anch ein Ordnungshüter. Wir lesen in deutschen Blättern: Gegen den früheren LandesdirektorDr. Wehr in Weftpreußen, fretkonservattves Mitglied des Abgeordnetenhauses, ist nun- mehr, nach einer Darstellung des„Berliner Tageblatt", ditrch eine Kommission des westpreußischen Provinziallandtages der Mißbrauch des Amtes zu eigennützigen Zwecken akten mäßig festgestellt worden. Es ist nämlich aus dem Provinzialhilfskassen- fond einem Rittergutsbesitzer Holz- Blumenfelde ein Darlehen von 104,000 Mark zur Entwässerung des Krangensees und Herstellung einer Rieselioicse bewilligt worden. Herr Wehr war beauftragt, den Fortgang der Arbeiten zu kontrolircn und nach Maßgabe derselben das Darlehen in einzelnen Raten auszuzahlen. Wehr aber hat ohne ent- sprechenden Nachweis Zahlungen augewiesen. Dann machte Holz ban- kerott, sein Gut kam zur Snbhastation, die Entwässerung erwies sich als vollständig mißlungen. Nunmehr aber ist festgestellt worden, daß der Landesdirektor Wehr bei jeder Ratenzahlung dem Holz e i g e u e W e ch s e l über 1000, 2000, 3000, 7000 und 6000 Mark in Zahlung gegeben hat. Die Beträge hiefür wurden von den Raten in Abzug gebracht und wanderten in die Tasche des Herrn Wehr. Zuerst wurden diese Manipulationen durch einen Geschäfts- Agenten Lehre vermittelt. Nach Lehre's Tode hat Dr. Wehr dieses Geschäft selbst besorgt und zweimal an Holz Wechsel über 2400 Mark abgegeben. Im Ganzen hat Herr Wehr 32,400 Mark von dein Dar- lehen der Provinzialhilfskasse, also nahezu ein Drittel, in seinen eigenen Wechseln gegeben. Diese Wechsel aber waren total werthlos, weil un- zählige vergebliche Wechselklagcn gegen Wehr schon vorher vorgekommen waren." Mit anderen Worten, Herr Wehr hat sich ganz gehörig bestechen lassen, und die Sache ist durch den Bankrott des Holz ans Licht ge- kommen. Dieser Herr Wehr nun, gegen den, seit das Vorstehende geschrie- den, endlich Anklage wegen Betrugs erhoben worden ist, war einer der frechsten, zynischsten Bismärcker im Parlament. Er war es auch, der zil einer Zeit, wo er nach der obigen Darstellung bereits bankerott war, im maßlosen Dünkel den parlamentarischen Ton durch den unsäglich faden Tingeltangel-Ausspruch„Uns kann Niemand an die Wimpern klimpern" veredelte. Wahrscheinlich bildete er sich ein, ihm als Vertteter der heiligen„Ordnung" könne überhaupt nichts passi- reu, für ihn gebe es— nach berühmten Mustern— kein Gesetz. Und diese Auffassung dürfte er niit vielen seiner hochachtbaren Kol- legen von der Ordnungspartei cheilen. Nur werden nicht alle— ab- gefaßt. — Angriffe auf die Grundlagen der Monarchie gehören be- kanntlich zu den Erz- und Todsünden, die nach dem Entwurf des ver- besserten Schandgesetzes— in der Rede verübt, mit mehrjährigem G e f ä n g n i ß, in einer Druckschrift kundgcthan außerdem noch mit Verbot derselben zu ahnden sind. Man braucht sich nur ein Wenig auf den Thronen Europa's umzuschauen, und man wird die Zeitgemäßheit dieser Bestimmung sofort einsehen. Die Berliner„Volkszeitung" hat ihren Zweifel daran, ob man in einem Alter, wo selbst ein Nachtwächter als dien st untauglich pensionirt wird, als Käriig noch für alle Regierungshandlungen ver- antwortlich gemacht werden darf, mit ihrer Existenz bezahlen müssen, und 5könig Wilhelm hat außerdem Sttafantrag gegen den muthmaßlichen Beleidiger aller— Nachtwächter gestellt. Das ist nicht mehr wie zeitgemäß und billig. Es sind damit den Richtern der Zukunft die Wege vorgezeichnet. Zum Beispiel: Wer da erklärt, daß man bei jahrelang andauernder Gehirnerweichung nicht nur kein Aktenschreiber sondern auch kein rechter König sein kann, greift die Grundlagen der Monarchie an. Der König von Holland hat jahrelang an Gehirnerweichung gelitten mid dabei wunder- schön regirt. Oder wer da bezweifelt, daß man bei Weitem nicht denGrad sittlicher Reife bedarf, ein Land zu regiren, als dazu gehört, einen noch simplen bürgerlichen Beruf selbständig auszuüben, greift die Grundlagen der Monarchie an. Könige werden mit 18, 16, ja lö Jahren mündig, andere Leute mit 21, allenfalls mit 20 Jahren. Und so fort ins Unendliche. In einer Zeit, wo man die Hälfte der gekrönten Häupter Europas in der Kinderstube, die andere sin Narrenzimmcr suchen nmß, bedarf die Grundlage der Monarchie aller- dings sehr des Knebels. — Ei» schreiendes Beispiel von zweierlei Maß wird der Wiener„Gleichheit" aus Budapest berichtet. Die Hauptstadt Un- garns war, wie unsere Leser ans der Tagespresse ersehen haben werden, der Schauplatz äußerst stürmischer Demonstrationen gegen das neue Wehrgesctz. Dasselbe hatte theils wegen der Berücksichtigung der deutschen Sprache den Zorn der ungarischen Chauvinisten, theils wegen gewisser Erschwerungen für die Einjährig-Freiwilligen den Widerstand der grundbesitzenden Bourgeoisie erregt, und da diese beiden Faktoren die „öffentliche Meinung" beherrschen, nahmen die Demonstrationen gegen das Gesetz, geleitet von der Unabhängigkeitspartei der äußersten Linken des Parlaments, wahrhaft riesenhafte Dimensionen an. Ein von der- selben veranstalteter Protestaufzug, an dem gegen 100,000 Man» theil- uahmen, verlief infolge des vollständig passiven Verhaltens der Polizei in vollkommener Ordnung, dagegen, heißt es in dem Bericht der „Gleichheit" weiter,„wurde in den nächsten Tagen eine Menschenmenge, welche den aus den Fenstern der Unabhängigkeitspartei gehaltenen Reden lauschte, und in den loyalen Schlußruf des Redners:„Es lebe der König!" begeistert einstimmte, von der Polizei des Königs nieder- geritten und anseinandergesprengt. Ganze Stadttheile waren im Lauf dieser 6—8 Wochen, während Ivelcher Zeit die Oppo- sition die Vorlage todtzureden versuchte, im Belagerungszustände; ganze Stadttheile waren militärisch ganz abgesperrt, auf den Trottoirs spreng- ten Husaren herum und ein aus der Sitzung kommender Abgeordneter konnte sich vor den Hufen der Rosse nur so retten, daß derselbe mit affenartiger Geschwindigkeit auf das Gitter des Museumsgartens empor- kletterte, andere bekamen Säbelhiebe oder wurden fast niedergeritten; die Polizei feierte wahre Orgien, harmlose Passanten wurden überfallen und arretirt; Themis, die Göttin der Gerechttgkeit, die traditionell Blinde, wurde unter diesen Verhältnissen sehend und es wurde ein A k t von Klassenjustiz aufgeführt, welcher stch kühn mit jedem in Europa messen kann und bei den Herrschenden in Ungarn ein hoch ent- wickeltes Klassenbewußtsein verräth, was von den Unterdrückten leider noch nicht behauptet werden kann. Während nämlich eine Serie von 17 Arrettrten, mis Nachtwächtern, Taglöhnern, Arbet- t e r n und Lehrlingen bestehend, auf die Aussagen von Polizisten hin, wonach sie Fensterscheiben zertrüm- inert, Lampen ausgelöscht und eingeschlagen, also schlimmen Unfug getrieben hätten, lvegen öffentlicher Ge- waltthätigkeit und Widersetzlichkeit gegen die Behörde von 18 bis zu « Monaten Kerker, n»d zusammen zu 1» Jahre« Kerker verdonnert wurden, wurden Studenten, also Bourgeois- S ö h n ch e n, von der Polizei derselben Uebertrettingen beschuldigt, von demselben Gerichtshof zu je-- 15, saae 15 Gulden Geldstrafe verurtheilt! I Bemerkt muß werden, daß die 13 Jahre Kerker den Proletariern derart applizirt wurden, daß denselben nicht eininal ein amtlich bestellter Vertheidiger beigegeben war.— Das Belastungs- Material war hier wie dort dasselbe, Studenten wie Proletarier wurden von der Polizei beschuldigt, Proletarier wie Studenten leugneten, und doch diese kolossale Sttafdiffcrenz, welche objektiven Rechtskundigen die Schamröthe ins Gesicht treibt. Die Verhältnisse, welche solche Justiz- blüthen zeitigen, sind auch Ursache des allgemeinen Sinkens des Rechts- bewußtseins und des Moralgefühls..."— Das Urtheil bedarf in der That keines Kommentars. Selbst die Thatsache, daß der„Unfug" im Interesse von Bourgeoisparteien, ja, im„nationalen" Interesse verübt worden, hielt die Musterbürgcr nicht ab, gegen die Arbeiter in bornirt pharisäerhaften Kastengeist die volle„Strenge des Gesetzes" anzu- wenden, sie in den Kerker zu schicken für genau dasselbe, wenn nicht weniger, was bei Studenten mit einer für diese lächerlichen Geld- strafe als hinreichend gebüßt erachtet wurde. Und die Arbeiter? Leider steht es, wie aus dem weiteren Theil des Berichtet hervorgeht, mit der Arbeiterbewegung in Ungarn und speziell in Budapest so traurig, daß man nicht einmal der Hoffnung sein darf, daß sie in absehbarer Zeit die Antwort auf solche schändliche Klassen- justiz ertheilen werden. — Nur logisch. Wie das Berliner„Volksblatt" niittheilt, ist bei einer neulich abgehaltenen K o n t r o l v e r s a m m l u n g aus dem Kaiser- Franz-Grenadicrplatz in Berlin den Ersatzreservistcn nahegelegt worden, sich an den Sammlungen für das K a i s e r- W i l h c l in- Denkmal auf dem Kyffhäuser zu betheiligen. Das erste Glied mußte die Hüte abnehmen und die beiden hinteren Glieder legten ihre Scherflein hinein. Ein Gleiches wird der„Freis. Ztg." von einer Kontrol- Versammlung in Erfurt berichtet, wo ein Rescrvelientcnant Töbel- mann nach Abnahme des Eides für den jetzt regierenden Kaiser die Mannschaften aufforderte, für das Kaiser-Wilhelm-Denknial auf dem Kyffhäuser beizusteuern und diese Beiträge in die aufgelegte Liste einzu- tragen.„Erst nach dieser Aufforderung, heißt es,»vnrde durch das Kommando„Wegtreten!" die Konkolversammlung geschlossen." Wir brauchen nicht erst darzulegen, warum das„Nahelegen" unter solchen Umständen die Wirkung eines absoluten Zwanges hat. Das hindert aber die Veranstalter der Sammlung nicht, wenn sie erst das ganze Geld für das Denkmal besanimen haben, pathetisch zu erklären, es entstamme den freiwilligen BciKägen des dankbaren Volkes zc.:c. Und warum follten sie auch nicht? Die Fälschung der Begriffe, die Verdrehung des Sinnes der Worte in sein direktes Gegenthcil ist ja schon lange im deutschen Reich im Schwünge. Wo die brutale Willkür Gesetzlichkeit heißt, die absolute Ehrlosigkeit mit dem allgemeinen Ehrenzeichen belohnt wird, wo man vom Schutz der Enterbten redet, wenn man die Beraubung der Ent- erbten zu steigern unternimmt, warum soll man fcajiilcht„freiwillig" für „abgepreßt" sagen dürfen? Gerade beim Militär ist ja der Begriff der Freiwilligkeit durch das schöne Institut der„Freiwilligen" mit so wunder- barem Erfolg zu allen möglichen Deutungen eingedrillt, daß sich gegen die Vornahme freiwilliger Sammlungen„auf Kommando" auch nicht das Geringste einwenden läßt. Also:„Anketen zu Beiträgen für das Kaiser-WIlhelm-Denkmal! Freiwillige vor!" — Sachsen ist das Mustcrland des Kartells, Sachsen ist der- jenige Staat im deutschen Reich, wo die kapitalistische Groß- Industrie im Vcrhältniß am Weitesten vorgeschritten ist— kein Wunder, daß in Sachsen der Kampf der„Ordnung" gegen die Sozial- demokratie am fanatischsten, am gehässigsten geftihrt wird. Junker Bismarck haßt allerdings auch die Sozialdemokatie, aber mehr weil sie alle seine staatsmännischen Manöverchen durchkreuzt, als weil er sie— von der Furcht vor Atientaten auf seine kostbare Persönlichkeit natürlich abgesehen— für eine unmittelbare Gefahr hielte. Die sächsischen Schlot- ec. Junker aber und ihre Kommis in der Regierung hassen die Sozialdemokratie aus wirklicher Furcht vor der drohenden sozialen Revolution und daher zeichnen sich alle ihre Maßregeln gegen die gefürchtcte Partei ebenso durch ihren feigen wie durch ihren bru- taten Charakter aus. Das hat sich jetzt wieder in dem Verfahren gegen den Genossen Karl Albrccht, Schneider, gezeigt, der in einem der vielen sogenannten Geheimbundsprozesse letztes Jahr zu zehn Monaten Gesängniß verurtheilt worden war. Noch im Gefängniß erhielt Albrecht die A u s w e i s u n g aus dem Bannbczirk Leipzig zugestellt. Nachdem er am 11. Februar ds. IS. aus der Strasanstalt entlassen worden, nahm er seinen Wohnsitz in Dresden. Kaum drer Wochen lang hier anwesend, lesen wir jetzt im„Sächsischen Wochenblatt", erhielt er am verflossenen Sonnabend von der Polizeipirektion die Aus- >v e i s u n g s o r d r e auf Grand des bekannten Vagabo n den- gesetzes, welches weniger die bestraften„Vagabondcn", als vielmehr die politifch geächteten Personen trifft. Albrccht, der Familienvater ist, hat nächsten Donnerstag die Stadt zu verlassen. So werden die Opfer des Klafsenhasses ruhelos von Ort zu Ort gehetzt. Man rainirt sie nicht nur wirthschaftlich, sondern vernichtet auch ihr Familienleben, von der Zerrüttung der Gesundheit noch gar nickü zu reden. Wahrlich, traurige Zeichen unserer Zeit!" Und ein noch traurigeres Zeichen wäre es, wenn die Arbeiter solche Nichtswürdigkeiten je vergessen und nicht alles aufbieten würden, sie recht bald heimzuzahlen. — Im„Königreich Stumm" fand kürzlich eine Nachlvahl zum Reichstage statt, und da das Zentrum vor Seiner schlotbeherrschenden Majestät unterthänigst die Segel skich, wurde der Alleinherrscher Stumm nahezu einstimmig, wenn man es so nennen will, gewählt. Soweit Stumm und seine Mannen die Wähler nicht kommandirtcn, that die Polizei das Ihrige, keine Opposition gegen den berüchtigten„Eisen- könig" aufkommen zu lassen. Einige muthige Arbetter im Kreise hatten eS gewagt, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, und ließen zu diesem Behufe in Nürnberg ein Flugblatt herstellen. Sofort machte sich die Polizei auf und fahndete überall nach diesem Flugblatt, obwohl es »och gar nicht verboten war. Jndeß ließ auch das Verbot nicht auf sich warten. Der Regierungspräsident in Trier— sein Name wird leider nicht vermeldet— erwarb sich das Verdienst, den Staat durch schleimigen Erlaß eines Verbotes zu retten. Wahrhaft klassisch ist die„Motivirung", die er dem Erlaß hinzuzufügen geruhte: „Der Inhalt des Flugblattes, unter anderen die Sätze:„Darum stellen wir einen Kandidaten aus unserer eigenen Klasse, einen Arbciterkandidaten, einen Sozialdemokraten auf."— Ferner:„Es ist das— d. h. die Einführung der fünfjährigen Legis- l a t n r p e r i o d e n— ein so unheilvolles Attentat auf das Prinzip der Volksfouvcränität zc.", sodann:„Durch die neue Schnaps- st e u e r z. B. ist der Branntwein des armen Mannes um 70 Pf. per Liter vcrtheuert worden, nur damit eine Handvoll alt- preußischer Junker etliche 30 Millionen Mark in ihren un- ergründlich tiefen Beutel stecken können"; sodann:„Die kleinen Bauern,-- die Arbeiter, die Handwerker, sie alle müssen zu Gunsten der Junker Haare lassen", lassen in demselben eine Druck- fchrift erkennen, in welcher sozialdemokratische, auf den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtete Be- strebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Ein- kacht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise zu Tage treten. Es war sonach jenes Flugblatt nach den Bestimmungen des§ 11 des vorerwähnten Reichsgcsetzes vom 21. Oktober 1878 zu verbieten." vüut— er sprach's und daniit war die Sache entschieden. Hätte er gesagt, der Inhalt des Flugblattes, unter anderen die Sätze:„zweimal zwei ist vier" und„alle Menschen müssen sterben," sodann„1 von 1 bleibt Rull" lassen in demselben:c. zc.(Fortsetzung der Litanei siehe oben)— die Beweisführung wäre um keinen Deut minder überzeugend, genau ebenso zwingend gewesen. Auch die in diesen Sätzen enthal- tenen Wahrheiten können zu Zeiten für gewisse Leute unangenchm werden, und ein anderes Kriterium des„Umsturzes" als die Eigen- schaft des unangenehmen Klanges für gewisse Ohren enthalten die zitirten Sätze des Flugblattes nicht. Jndeß wozu uns bei oft Festgestelltem lange aufhalten. Solche Polizei- Niedertracht nagelt man an, und damit basta! — Lnmpazius Ehrcnbera Ist wieder an der Oberfläche. Aus einem amerttanischen Blatte ersieht die„Züricher Post", daß Lumpazius von Ehrenberg, welcher der deutschen Justiz so gelegen verschwand, in C l e v e l a n d ein Blatt— düngt,, das den Namen„Germania" führt. Der Mann, heißt es, welcher hier, in Zürich„gemcinfaßliche" Artikel über den vortheilhaften Betrieb des Skaßen- und Barrikadenkampfes veröffnMchte und vor Schmerz darüber, daß die deutschen Sozial- demokrcrteil nicht unter ihm„marschiren" wollten, endlich anderswo Trost und Unterhalt suchte, hat jungst einen„feudalen" Artikel über die Arbeiter steigen lassen.„Äou(5'hrrnbcrg!" schreibt das uns zugekommene Blatt,„man halte sich die Rase und die Tasche zu". Hoffentlich nehmen unsere Genossen in Cleveland den ebenso feigen wie srech-verlogcucn„Cdelsteii der Nation" gehörig anf's Korn. — Die Moral der Kirche, schreibt die Wiener„Gleichheit", ist immer die Moral, d h. der Nutzen der Besitzende n. Zu diesem alten, ewig neuen Kapitel erzählen russische Zeitungen wie folgt: Die südöstliche Eiscnbahngescllschaft, eine der größten»nd reichsten Akticnunternehmungen Rußlands, ist im�Begriff, eine neue Strecke aus- zubauen. Um das Unternehmen so schnell' als möglich zu Cmde zuführen und die enormen, in Aussicht stehenden Profite einzuheimsen, auch um die Arbeit während des Winters so weit als möglich zu fördern, da dann der bäuerliche Arbeiter weit billiger zu haben ist, wünschte sie, dem russischen Kirchengesetze entgegen, auch Sonntags arbeiten zn lassen. Die geistliche Behörde Vau Kiew schlug das betreffende Gesuch ab, diejenige von Cherson dagegen gab ihre Einwilligung dazu: Die Religion ver- biete zwar die Sonntagsarbcit, doch mache sie für gemeinnützige Werke eine Ausnahme. Die Religion in Rußland hat stets eine Regel oder eine Ausnahme zur Hand, sobald es sich mn das In- teresse der Besitzende n und Machthaber handelt. Und anderwärts ist es nicht anders. — Das Flugblatt über den Internationalen Kongrest hat eine gute Wirkimg erzielt. Einmal unterrichtet, Ivie die Dinge stehen, haben, wie bereits in voriger Nummer mitgetheilt,, die vorgeschrittenen und sozialistisch gesinnten Trades-Unionisten beschlossen, sich nicht, wie ihnen vorgeschlagen, fiir den Kongreß der Possibilisten zu verpflichten, sondern erst nähere Erkundigungen bei den Vertretern der verschiedenen Richtungen auf deni Festlande einzuholen und danach zn entscheiden. Auch die„Justice" schlägt jetzt einen andern Ton an. Eine Antwort Herrn Rt. Hpndman's auf das Flugblatt Ed. Bernstein's druckt zum Schluß den Wunsch nach einer Verständigung aus, und von dem Ge- danken ausgehend, daß auf jedemFall ei» einziger großer Kongreß zwei rivalisirenden vorzuziehen sei, hat Gen. Bernstein in einer Einsendung an die„Justice" noch einmal die Unistände entwickelt, unter denen, so- weit er unterrichtet ist, dieses Resultat erzielt werden könne, und die englischen Genossen aufgefordert, ihren Einfluß in dieser Richtung gel- tcnd zn machen. Diese Erklärung wird in dieser Woche in der„Justice" erscheinen und wir wollen hoffen, daß sie ihre Wirkung nicht verfehlen wird.— — Unsere Genossc» in Halle haben am Todestage Max Kaysers, zu Ehren des zu früh dahingeschiedenen Kämpfers für die Arbeitersache eine eigenartige Demonstration veranstaltet. An dem Telegraphcndrahte, der zwischen der Burgruine Giebichenstein und einem gegenüberliegenden Felsen in etwa 150 Fuß Höhe die Saale überspannt, hing ani Morgen des 28. Marz eine große rot he Flagge, die einige menschliche Figuren in großen Umrissen und den Namen Max Kapser deutlich erkennen ließ. Es kostete Mühe, heißt es in einem offiziellen Bericht, die Flagge lvieder zu entfernen. Kayser war bekanntlich bei den letzten Wahlen Reichstagskandidat für Halle. Wie überall, wo er wirkte, hat er sich auch dort durch sein einfaches, offenes Wesen und seine wirkungsvolle, von Herzen gehende Rede viele Freunde erworben. — Die Aufstellung der Neichstugskandidatcu— schreibt man uns— hat sich zwar diesmal mehr in die Länge gezogen, als vor früheren Wahlen— und sie ist noch nicht ganz vollendet— allein der Grund hierfür ist weder in Unklarheit oder Uneinigkeit der Genossen, lvie die Gegner gerne glauben machen möchten, noch— wenigstens nicht in nennenswerthem Maaße— in der sogenannten Kandidatennoth zu suchen, sondern ganz wesentlich in der durchaus be r e ch t i g t e n Ab- Neigung gegen Viel-, Zähl- und Stroh kaudidatnren. Die Wähler wollen Kandidaten haben, die auch, im Fall des Wahl- sicges, die Partei im Reichstag würdig vertreten können. Früher kam es vor, daß ein und derselbe Kandidat— natürlich irgend eine bekannte Persönlichkeit— in Dutzenden von Wahlkreisen gleichzeitig als Kandidat aufgestellt ward. Diese politische B c d ii r f- n i ß l o s i g k c i t haben die sozialdemokratischen Wähler sich glücklicher- weise abgewöhnt; allein aus diesem unleugbaren Fortschritt erwachsen auch selbstverständlich vergrößerte Schwierigkeiten der Kandidatcnaufstcl- luna. Uebrigens, wie gesagt, diese Schwierigkeiten sind zumeist überwunden, und wo sie es nicht sind, würden sie, auch wenn morgen die Neu- wählen ausgeschrieben würden, noch rechtzeitig gehoben sein. — Im Wahlkreis Burg-Ctanthiu(Provinz Sachsen) werden unsere Genossen wahrscheinlich noch in diesem Sommer eine Nachwahl zum Reichstage auszukämpfen haben, da der konservattve Vertreter dieses Kreises, Landrath Hagel, eine Beförderung erhalten hat. Unsere Genossen werden den Kampf selbstverständlich frischen MutheK aufnehmen. Ihr Kandidat ist W i l h. L i e f l ä n d c r(Berlin), der bereits 1887 in jenem Kreise kandidirte. Ebenso stehen unsere Genossen in Schwerin in Mecklenburg vor einer Nachwahl. Der bisherige Vertreter dieses Kreises, Haupt, ist vor kurzem gestorben. — Zur deutschen Gewerkschaftsbewegung. In H a l l e a. S.fand in den Tagen vom 25.— 28. März ein allgemeiner deutscher Maurer-Kon- grcß statt, auf dem 103 Städte durch 105 D e l e g i r t c vertreten waren. Ans seinen hochinteressanten Verhandlungen entnehmen wir, daß mit Rücksicht ans die von uns wiederholt gebrandmarktc Handhabung der Vereinsgesetze gegenüber den gewerkschaftlichen Vereinigungen der Arbeiter von der Schaffung eines zentralisirten Verbandes abgesehen wurde, der Kongreß aber die Anbahmiiig eines solchen als das Ziel bezeichnete, ans das unablässig hingesteuert werden müsse. Einstweilen aber gelte der Grundsatz: Organisatton, wie die Verhältnisse sie crmög- lichen, aber unter allen U m st ä n d e n— Organisation. Zum Zwecke der Regelung der Streiks wurde eine Gc- s ch ä f t s k o m m i s s i o n mit deni Sitze in Hamburg gebildet. Die- selbe besteht ans einem ersten Geschäftsführer, dessen Stellvertreter, sowie einem Kassirer und dessen Stellvertreter. Weiter wird eine R e V i s i o n s- k»m Mission gebildet, welche aus 3 Personen besteht, von denen je eine in Hamburg, Altona und Wandsbeck ansässig ist. Endlich werden 7 in verschiedenen Städten ansässige V c r t r a» e n s m ä n n c r ernannt, welchen unter Anderem auch die Pflicht obliegen soll, die Geschäfts- leitnng mit Vorschlägen, betreffend die Organisatton und Agitation, zu unterstützen und Streitigkeiten unter den deutschen Maurern zu schlichten. — Der Wachsthum der Einlagen in de» Sparkassen ist fiir die große Masse der Bourgeois-Politiker das untrügliche Zeichen sür den steigenden W o h l st a n d der Arbeiterklasse. Das ist nun keineswegs so unumstößlich richtig, denn das Publikum der Sparkassen ist ein zu gemischtes, die Motive des Einlcgens von Be- trägen zu verschiedenartige, um solchen Schluß in Bezug auf eine be- stimmte Klaffe der Bevölkerung zu gestatten. Umgekehrt dagegen ist bei cineni starken Rückgang der Spareinlagen weit eher der Schluß zn- lässig, daß eine parallele Bewegung des Volkswohlstandes vor sich ge- gangen. Wenn die Sparer in Masse aufhören zu sparen, so ist mit Sicherheit Mangel am N ö t h i g st e n anzunehmen. Von diesem Gesichtspunkt aus sind folgende Zahlen, die das„Phila- dclphia Tageblatt" mittheilt, zweifelsohne von großem Interesse: „Die 125 Sparbankcn des Staates New-Uork hatten im Jahre 1884 Doll. 615,889,703 Einlagen auf 1,362,852 Contos. Es hatte also immer unter vier Personen eine ein Guthaben auf der Bank. Die Grundlage ist mithin eine so breite, daß sie allerdings ein Urtheil über die Vcrhälttiisse des Volkes zuläßt. Nun wohl: Von 1884 an wurden weiter in diesen Sparkaffen eingelegt: Im Jahr 1885..... Doll. 14,000,000 „_ 1886.....„ 17,000,000 „„ 1887.....„ 7,000,000 „ 1888.....„ 1,264,000 „Diese Ziffern,"� schreibt das„Phil. Tageblatt",„führen eine sehr beredte Sprache. Wir sehen, daß die Einlagen am höchsten waren in dem großen Streikjahr 1886, eine sehr bezeichnende Thatsache, die Übrigens in der schon früher erwähnten außerordentlichen Verminderung der Bankerotte in jenem Jahr ihre Ergänzung findet und damit all' die H e n l m e i c r e i e n über die„Verluste" nieder- schlägt, welche die Arbettcrchewcgung angeblich zur Folge gehabt .habe. Wir sehen dann im nächsten Jahr einen plötzlichen Abkall um 60 Prozent und im vorigen Jahr kommt nicht einmal ein Dollar durch- schnttttichrr Zuwachs auf ein Deposit. Die Einlagen haben faktisch auf- gehört." Als einen Grund dieses Rückganges bezeichnet das„Tageblatt" so- dann die„F r e i s e tz u n g" ganzer Arbeiterkatcgorien durch„arbeits- sparende" Maschinen einerseits und die Verthcucrung der Lebens- mittel durch schlechte Ernten und„T m st s" andrerseits, so daß die arbeitenden Massen., ihr ganzes Einkommen zur Bestreittmg ihres Lebensunterhalts ausgeben mußten. Dann aber fährt es fort, und diese Mittheilnug ist besonders be- merkcnswcrth: „Die Abnahme der Ersparnisse hält genau Schritt mit dem VerfalldcrArbeiter-Organisationen. Diese That- fache kann nicht genug hervorgehoben werden fiir Freimd und Feind. Die Arbeiter haben in den Jahren 1885, 1886 und 1887 weit größere „Verlust e" durch Streiks gehabt, als im Jahr 1888; sie haben auch viel mehr in. ihren Wider st andskassen cinbezahlt und trotzdem konnten sie noch Geld in den Sparkassen deponiren. Daraus folgt unwiderleglich: ivo die Arbeiter keine Gelverkschaft haben, brauchen sie auch keine Sparkasse; sie haben nichts anzulegen. Früher ist das ja anders gewesen! Da war in dieser neuen Welt die Stachfrage nach Arbeitern, namentlich nach geschickten Handwerkern, eine bedeutende. Damals bedrohte sie nicht die Maschine, die Frauen- � und Kinder-Arbeit in dem Maße, wie jetzt. Die Kunst der Ueberzählig- machnng von„Händen" ist erst neuerdings so großartig ausgebildet worden. Diesen Zustand der Dinge auch Nur abzuschwächen, gibt es kein anderes Mittel, als Maßregeln zur Hebung der Arbeiterklasse mit dem Zweck, sie k o n s» m f ä h i g zu machen. Also Gesetze über Abschaffung der Kinderarbeit und namentlich der Verkürzung der Arbeitszeit. Die Unter- bringung der Beschäftigungslosen, soweit das möglich, ist die dringendste Nothwendigkeit. Dann wird auch der Lohn wieder steigen. Dann werden auch„die Geschäfte wieder besser gehen." Das Schwinden der Spareinlagen ist ein kräftiges Argument für die neue A ch t st n n d c n- Bewegung. — Ein amerikanischer Nationalökonom über die Frage der Kinderarbeit. Professor Ely von der �„Johns Hopttns" Ilm- vcrsität in Baltimore hat jüngst einen Kursus von Vorlesungen über ein„Programm für Arbeiterrcform" begonnen und behandelte in seinem ersten Vortrage die Frage der Kinderarbeit. „Ich habe," erklärte der Professor,„zn wiederholten Malen eine widernatürliche Konkurrenz zwischen Männern und ihren Frauen im Kampfe ums Dasein wahrgenommcni Die Zahl der in Fabriken und sonstigen Arbeitsstätten angestellten Kinder ist seit dem Jahre 1880 um 30 Prozent gestiegen. Zur Zeit ziehen wir ein schwaches, b l u t- armes und gleichsam lebloses Geschlecht heran, dessen Existenz nur von kurzer Dauer sein kann, da die statistischen Ausweise die schla- gcndsten Belege fiir die Thatsache liefern, daß in der unreinen, unge- sundcn Luft von Fabriken erzogene Kinder ohne Ausnahme früh sterben »nd dabei die ihnen anhaftenden Schwächen auf ihre eigenen Sprossen übergehen. Es ist mir thatsächlich vorgekommen, daß Männer zu Hause blieben, und das Kochen, die Hausreiiiigiing, sowie alle sonstigen Frauen- arbeiten verrichteten, während der weibliche Theil der Familie auswärts für Brot sorgte. Kürzlich traf ich in einem Laden mit ungefähr einem Dutzend Männer zusammen, deren einzige Arbeit darin bestand, ihren in Fabriken angestellten Kindern ihre Mahlzeiten zu bringen. Dieses sind natürlich Ausnahmefälle, doch geht ans denselben immerhin der Geist der Zeiten hervor." Ilnsercr Ansicht nach geht daraus die Absurdität des jetzigen ökono- mischen Systems und seine Geinciiischädlichkeit hervor, die sich, wie der Professor konstatirt, noch immer vergrößert. Es ist rein die verkehrte Welt: kräftige Männer können keine Arbeit bekommen und schwache Frauen und Kinder werden in die Fabriken gepreßt. Der Vollständig- kcit wegen muß neben der physischen Degencration, welche dieser Zustand mit sich bringt, auch die moralische angeführt werden. Stach dem Zensus kam ein bestrafter„Verbrecher" 1850 auf 30,442 Einwohner 1860„ 1657 1870„ 1021. 1880„ 837 Vielleicht ist die Justiz nach und nach schärfer geivorden; aber das reicht zur Erklärung dieser»iigeheuren Zunahme nicht aus. Sic steht genau im Aerhältniß zur Einbürgerung des Kapitalismus und des „National-Rcichlhums". Wohin treiben wir, wenn es so weiter geht? Korrespottdenzen. Ans der Schweiz. Seit November 1886 treibt sich der Schiefer- decker Hermann Fischer aus E i s e n b e r g(Sachsen- Altenburg) als angeblich Gemaßrcgelter in answärttgen Parteikreiscn herum und hat besonders von 1886 auf 87 namhafte Summen als Unterstützung erlangt. Eingezogene Erlundigungen haben ergeben, daß Fischer die K r a n k e n k a s s e d e r T i s ch l e r in H a in b n r g und mehrere Ge- Nossen um miiidestens 300 Mark betrogen hat und in erster Linie fluchtig ging, weil er deshalb gerichtliche Folgen fürchtete. Fischer ist G e w o h n h e i t s l u g n e r und B e r l ä u m d e r. Wo er hinkam, verdächtigte er diejenigen Partcikreise, von denen er jeweilen Unterstützung erschlichen hatte, stiftete und nährte er Unfrieden und suchte mit Vorliebe unter dem Dcckniantel des Radikalismus seinen Vorthcil weiter zn verfolgen. Er ist einer der glattesten imd abgebrühtesten Heuchler, Schwindler und Parteischmarotzcr. Vor Kurzem verließ er seinen bisherigen Aufenthaltsort, wo er aus der Parteimitgliedschaft und einem Arbeiterverein ausgeschlossen wurde. Da er seine unsaubere Arbeit allerwärts fortsetzt, wird hiemit dringend vor ihm gewarnt.— Signalement: Alter zirka 34—36 Jahre, mittelgroß, große Hände und Füße. Haare dunkelbraun, struppig. Gesicht bartlos, lederfarbig, fahl, Mund breit. Kinn auffällig klein und spitz. Augen dunkelbraun und imstät. Sprache rasch, nuschelnd und stolperig, ausgeprägt sachsen- altenburgischer Dialekt. Fortsetzung\m dritten Dutzend. Vor Anfang März begab sich der P o l i z e i- K o m m i s s ä r vo» Kracht in Begleitung des Krimi nal-Schu tzmann Schmidt in die Schweiz, um im Austrag der Berliner Polizei sogenannte Vertrauens leute rcsp. Korrespoiidcntcn zu werben. Mit einem Verzcichniß von a u s g e w i c s c n e n Sozialdemokraten(Ber- linern-c.) ausgerüstet und in der Hoffnmig, deren gelegentlich wahr- nchmbare N o t h l a g e mit Erfolg ausnützen zn können, gingen die Herren auf die Reise; die Resultate jedoch dürfte» den gehegten Erwar- ttingen weniger entsprochen haben. Man tröstet sich in Berlin indeß mit den„freiwilligen" Handreichungen einzelner versunipstcr schweizerischer Geschäftspolitikcr, die man je nach- dem indirekt oder direkt zu fädeln und abzufinden weiß. Eine gewisse Presse fördert nach Kräften die Bestrebungen ihrer reichsländischen Gomierschast, die in erster Linie daraus hinauslaufen, den Ruf der Schweiz als internationalen Verschwörnngsherd zu verewigen, und so die daselbst r e i ch s p o l i z e i l i ch a n g e st i f t e t e n und unterhaltenen Spionagen desto ungestörter fortsetzen zu können.— von Kracht und Schmidt hatten Mitte März er. tu Zürich noch die fpcziellc Aufgabe, Adressen auszuforschen, an welche von dort Sozialdemokratisches versandt werde, um dann in Berlin dartiach zu suchen. Der königliche K ri m t n a l-K o m m i f s a r i n s und Lieutenant der Lqndivehr-Jiifanterie von Kracht ist derselbe, der im Januar 1887 von Berlin\V., Steinmetzstr. 48 aus, mit dem bekannten A l f rr d von Härtung in Zürich, damals Universitätsstt. Rr. 15 pt., in einem gewissen Verkehr stand. Der in Nr. 10 signalisirte Jünger Guttenbergs hat noch speziellen Auftrag, vorsichtig nach Adressen von sozialdemokratischen Schrifteiibeziehern zu forsche» und seine gutgeschriebenen und ausführ- lichen Berichte werden am Molkcnmnrkte gern gelesen. Der Maurer Pcmdt, Swincmünderstr. 16, Berlin, thcilte der Polizei die Adressen solcher Personen mit, welche durch ihn Lefestoff zu- gestellt bekamen und lieferte auch sonstige Berichte an die Polizei. Bern dt ist Mitglied der Maurcrlohnko m m i ss i o n, wurde vor längerer Zeit mit W a h l f l u g b l ä t t e r n abgefaßt und zum Schein b e- h a u s s u ch t.— Ein beliebtes Mittel, den Polizeispionen in Arbeiter- kreisen ein gewisses Vertrauen zu sichern. Also allezeit offenes Auge und feste Hand beim Wägen und Sichten. Die eiserne Maske. Briefkasten der Redaktion: Briefe und Eiiisenduiigen erhalten aus: Buda- pest, Hamburg(„Eugelsbildcr"), Stuttgart, Ulm.— Beelzebub: Dank fiir Mittheilungen, die bei erster passender Gelegenheit verwendet 'werden sollen.— Beritas: In nächster Nummer. der Expedition:— G. Hch. A'sihl Fr. 2.25 Ab. 2. Qu. erh- — D. Verein, Bern: Fr. 59.25 a Cto. Schrft. u. Abon. 1. Qu. erst — K. R. Frbrg. i. S.: Fr. 5.42 Ab. 2. Qu. crh.— K. Stmtz- Httug».: Fr. 2.25 Ab. 2. Qu. erh.— K. Hugr. A'sihl: Fr. 2.— Ab- 2. Qu. erh.—„Tyrann" M. 3.— Ab. 1. Qu. erh.— Eml. Zch.- Fr. 2.— Abon. 2. Qu. erh.— I. Ln. Kßncht.: Fr. 2.25 Ab. 2. Qu. erh.— B. Prgr., Rsbch.: Fr. 2.25 Ab. 2. Qu. crh.— Mrhf. Brln.: Mk. 3.— f. Schrftti. erh.— Luftigen Brüder i. E.: Fr. 21.05 Abon. 1. Qu. u. Fr. 12.50, für die Fam. der Ausgewiesenen dkd. erh.=- Goliath: Sh. 4.4 Ab. 2. Qu. erh. Bitten um Briefavis bei fer- ncrcn Postcinzahlungen. Warum denn so kleine Beträge nicht in Briefmarken!?— R. 3!. A.: öw. fl. 3.— a Cto. Ab. 89 gutgebr. u. am 4/4. Aufstellimg gesandt.— v. d. Eider: M. 70.— a Cto. Abon. ic. crh. Alles notirt, bfl. Weiteres berichtet.—-er-: M. 16.20 Ab. 2. Qu. erh. Reklamirtes in Nr. 45 von 88 quittirt. Gesandt wurde soviel als bestellt, wie wir es nebst Weiterem bfl. nachweisen werden. — I. P. Nysn; M. 7.— pr. 1 Ab. März u. 2 Ab. 2. Qu. erh. u. Adr. notirt.— Brüssel: Fr. 5?.— Ab. 1. Qu. u. Schft. jc. erh. u. gutgebr. Fr. 2.—, angebl. pr. K. nach Z. bezahlt, müssen erst recher- chirt werden. Fr. 7.— f. d. Opfer des Sozges. dkd. verwendet. Weiteres senden nach Vorschrift.— Blöder: M. 15.— pr. Ab. 1 dir. u. 3 indtr. u. a Cto. erh. Adr. notirt. B. kann keine Extrapost haben. Kann Ihnen und uns durch etwas Entgegenkommen doch etwas Arbeit abiiehmen. Erfragtes fort.— Berliner Blau: Mk. 5.— pr. Aafd. dkd. erh.— Mk. 8.— einschließlich Spesen, dafern Austauschobjekt nicht auch v. 87 datirt. Beste Grüße allseits.— E. E. Br.: M. 4.40 Ab. 2. Q». u. Beil. dkd. erh. Adr. leider seither vernichtet. Schicken Sic dieselbe getrost mit des Sünders Angebinde. Selbstverständlich Diskretion im Interesse der Sache, weiui's diese betrifft.— T. v. M.: Mk. 104.40 a Cto. Ab. je. u. 1 dir. 1. Qu. crh. u. Adr. geordnet. Bfl. am 5/4. Aufschluß über Weiteres abgg.— Rother Gcldsack: Mk. 25.80 dio. Ab. 2. Qu. crh. Fp. E. durch Zwischenhand verschleppt. Bfl. Näheres. — Philou: Mk. 100.— f. dio. Ab. 2. Qu. u. a Cto. erh. In Aus- ficht Gestelltes angenehm, zwei neue„Privilcgirte" bei Ihrer Zahl un- möglich. Bfl. Weiteres.— Kilian: Mk. 87.— Ab. 4. Qu. u. Schrft. erh. Verweisen wiederholt auf Bf. vom 3/4. u. Qttg. in Nr. 7.— C. H. H.; Fr. 5.— Ab. 2. u. 3. Qu. erh. So wirds wohl gehen.— O. R. Efd.: Mk. 13.20 Ab. bis Ende 89 erh.— Möros: Wir können Derartiges in der Regel nur gegen Baarvorauszahlung liefern. Ucbri- gens jetzt vollständig vergriffen.— Karl Schwarz: Avis v. 4/4' erh. u. Bstllg nebst Adr. eingerenkt. Bf. folgt.— Herbert: Nachr. v. 5/4. hier. Steht aus, wie zwischen Comps. abgekartet.— Schnecken- Post am 28/3. auch nicht übel. Vom Anderen bfl.— H. Ntzsch. New- york: Szd. n. s.-d. Schftn. Anlangendes unbedingt direkt hieher er- beten.„Vfrd." ist Z's Sache. Bstllg. ab 15 aeordn.— Babylon: Bf. v. 31/3. am 2/4. beantw. Im Uebrigcn sehen Sic nun, daß E. M. genügend sicher ist. Der ganze Radera erfolgt nach der Devise: „Nichts nichts, so schadts doch nichts I"— Wolfus: Warum so schweig- fam auf Bf. v. 13/3?— Clara: Mit 14 nachgesandt u. Weiteres am 5/4. bfl. erledigt.— Rothe Faust: Na, na, das waren auch wieder 6 Tage Zeitverlust, weil Sic nicht hliieiiiguckteu und doch von frtiher wisscn konnten, wie Hase läuft. Anderwärts gchts eben mitunter auch ähnlich, trotz allem Jnstruiren. Näheres am 4/4 bfl.— Dr. L. W. Ldn: Sh. 4.— Ab. 1. u. 2. Qu. erh.— A. B. Gent: Sh. 4.— zwei Abon. 2. Qu. pr. Hzr. erh.— A. Petersen Sidney: Pfd. St. 4—.— erh. it. hicvon Sh. 15.— pr. Ufd. dkd. vcrw. Bstllg. folgt. Belasten Sie uns das verlegte Porto. Liegt an der hiesigen Post.— W. Eber- Hardt, Charleston:(3 Doll.) 12 Sh. a Cto. Ab. je. crh.— Rothbart III.: Bfe. v. 3., 4., 5, 6, 8/4. erh. it. bfl. am 6. u, 8. beantw. — Kritikaster:„con umore" streng»ach Dante„von ll nmors" frei nach Nante, nimmt uns die Kritik beim Ohre, sei es immer con amore.— M. M.: P.-K. erh.„Im Lauf der Woche" genügt nicht bei Pressantem. Sofort weiter, das gebietet das allseitige Interesse. Am 14/3. avisirtes Geld noch nicht da. Wie viel war's? Bitten end lich um Antwort!— Oller Schwede: Adr. Nr. 2. x. e. erh. Fortsetzung thunl. bald erwartet. Gruß.— Plattkopf: P.- K. vom 6/4. crh. Alles besorgt. Bf. n. Gcldeingang in Str. 14 quitttrt.— Lorlcy: Bstllg. v. 3/4. nebsttAddr. notlrt. Deckadr. war falsch.— Claus Groth: Durchaus berechtigter Rüffel nach H. weitergegeben, das s. Z. von ähnlichem Fall bettoffen, höchst entrüstet war. Unserseits fehlt es nicht an fortgesetztem Erinnern und Anspornen. Gewünschtes bfl.— Seiden- wurm II.: Bf. n. Aufstllg. v. 4/4. hier. Werden deinenffprecheiide Direktiven der Vorhand wiederholt einschärfen, tvic von Anbeginn gc- schchen. Vor Allem nicht dilatorisch verfahren mit komplett Vor- handenem. Vorwärts, vorwärts damit!— R. W. Brgn: P.-K. mit Bstllg. n. Sh. 2.2 Ab. 2. Qu. erh. Alles Reklamirtc ging an Ihre alte Adresse. Ersatz je. folgt mit 15.— Arabt Pascha: M. 400.— baar u. M. 29.40 pr. Ggr. erhalten u. a Cto. gutgebr. Bf. v. 8/4 hier. Gut. — P. C. Lormes: Fr. 1.65 f. Nachlfg. erh. u. Adr. geändert.— E. St. L.: M. 3.— Ab. 2. Qu. crh.— Neckarschleimcr: M. 45.— a Cto. erh. Bcstllg. folgt per Beil. M.— Lionel: Bf. v. 7/4 u. Beil. crh. u. Ad. notirt. Werden sehen, was sich daraus machen läßt.— Der Gequälte: Ihrem Wunsche vom 8/4 entsprechend, werden Sie dem- nächst mit Fp. gequält werden u. Bstllg. dabei vorfinden. Adr. sind geordn.— Paris, Lefeclub: Wir glauben, daß eine unsaubere Hand in Ihrer Nähe die fehlenden Pkte. stahl.— Balthasar: Ist Ihrem st e t e n Adreßmangel geschuldet. Mit W. wünschen wir übrigens absolut keine Intimität.— Durch Unterzeichnete ist zu bezichen: Der Wotksfreunö. Iliu strikte Zeitschrift für Anterhattung und Letehrallg. Mit Beilagen: Die Knnsthalle und Der Hausarzt. Alle 14 Tage erscheint ein Heft(3 Bogen.) Preis 35 Cts., per Quartal Fr. 2.40. Iie Schristen-Filiale der„Arbeiterstimme" in Zürich. Zähringerstrciße 12. Frinted for the proprietor« by the German Cooperativo Publighlng C«, 114 Kentish Town Road London N. W,