Abonnements «erden beim Verlag und dessen belannten Agenten entgegen- genommen, und zwar zum voreiuA zahlbaren VierteljahrSpreiS von: Mk. 4,40 für Deutschland ldirekt per Brief-Couvert) Swfl. 2,75 für Oesterreich(direkt per»nef-Eouvert) Khill. 2,— für alle übrigen Länder des Weltpostverein»(Kreuzband). Iisrrite kl« kreigcls.It«»« Petill«!l« 8 P-ace---- 25 Pig.= 80 St,. Der SojifllDeiiiolmit Hrgan der Sozialdemokratie deutscher Junge. Erscheint wöch entlich einmal in London. Anreng der German Cooperatire Publishing; Co. E. Bernstein& Co., London N. W. 114 Kentish Towu Roud. V-ßsciiduuic» frank» g e g«» frank». G-wöhnliche Brief« «ach England last«» Doppelparl». � 3Ä. Brief« an die Rekakti.» und?r»«k!ti»n de» in Deutfchlank und Oesterreich verbotenen.Bogialdemokrat'«olle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lasten. Zn ber Begel schicke man UN» bie Briese nicht birekt, sondern an dl« bekannten Deckadresteu. In jweiselhastln Fällin eingefchrieben. 10. August 1389. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemahregelten nicht! Der Gnhstahl ist todt, es lebe die Bronce! lue» rois s'en vont— die Könige gehen zum Teufel. Oder auch in den Himmel, einerlei wohin, wenn sie sich nur trollen. Das Wort stamnlt aus der französischen Revolution und befindet sich unter einer Karrikatur aus dein Jahre 1792: eine Kutsche, gestillt init Königen, denen die Kronen vom Kopf fallen; ein König(oder ein Kaiser) auf dem Bock, die Peitsche in der einen Hand, die heruntergefallene Krone in der anderen— und binterher eine Schaar Pikenmänner, die durch unzweideutige Winke nlit dem Zaunpfahl— das heißt mit der Pike— den königlichen Kutscher und seine könig- liche Fracht zu beschleunigtem Fluchttempo aufeuern. Genug— die Könige gehn. Schon viele sind gegangen— Könige von Gottes und Könige von Teufels Gnaden— auch als Kutscher, wie der „Prinz von Preußen", späterer Heldengreis— französische, deutsche, italienische, spanische und sonstige Könige von alle» möglichen Nationen und allen möglichen Ländern. Auch an- deren Königen ist's an den Kragen gegangen, z. B. den englischeil B a u m w o l l e n- Königen, die eiil halbes Jahr- hundert den Weltmarkt beherr-schten und heute entthront sind. Und einem der mächttgsten gehts jetzt an den Kragen— vielleicht dem bedeutendsten von allen, jedenfalls dem hervor- ragendsten der Gegenwart, dem Schöpfer— oder weiland„Schöpfer— der„letzteil Gründe der Könige" und der „soliden" Gnindlagen der Monarchie«— dem großen Kanonen-König von Essen. Krupp's Herrlichkeit ist über Nacht in's Wanken gerathen. Dem Kanoiienkönig ist das Szepter aus der Hand gefallen. Seine Krone in den Sand gerollt! Wie das in unserer Aera der steten Rüstungeil möglich war? Sehr einsach. Die bösen Franzosen, tue schon so' manchem König die Krone genoinmen, habeil auch Krupp von seinem Throne gestoßen! Diesnial ohne jegliche Anwendung von Gemalt. Sie haben ein rauchloses Pulver erfunden, das weit besser ist als das deutsche, d. h. weit größere Mordkraft besitzt, aber zu gleicher Zeit auch die böse Eigenschaft, den Gußstahl zu zerstören, der bis dato das beste Kanonenmetall war, und den Kanonen-Krupp zum Ka- nonen-König gemacht hat. Der Gußstahl ist zu spröde für dieses Pulver, nian braucht eine weichere, fester zusammen- haltende Masse— eine richtig gemischte Bronce. Mit dem Gußstahl aber ist es vorbei, und vorbei ist's mit dem Kanonen-König. Der Gußstahl und die Gußstahlkanonen sind altes Eisen geworden, und der Kanonen-König wird zum alten Eisen geworfen. Pninuis Troes! Wir Gußstahlkanonen sind gewesen! Ich, der Kanonen-König, bin gewesen! Ein neues Reich kommt. Der Gußstahl ist todt! Es lebe die Bronce — das alte Eisen der Zukunft! Denn die Bronce wird dein gleichen Schicksal verfallen, wie der Gußstahl.„Der Geist der Wisiegschast, den man in die Dienste des Militarismus und der Barbarei gepreßt hat", sagte Liebknecht in einer seiner letzten Etatsreden,„rächt sich dadurch, daß er alle seine Mord- Erfindungen durch noch mörderische wieder zer- stört, und die künstlichen Zerstörungswerkzeuge werthlosmacht, noch ehe sie allgemein haben eingeführt werden können." Der Krieg ist nun wieder unwahrscheinlich geworden, so lange das alte Eisen des entthronten Kanonenkönigs nicht durch besseres Metall ersetzt ist— und das ist ein kleiner Vortheil. Inzwischen hat Michel die Taschen wieder aufzuknüpfen: die nothwendig gewordene Umgestaltung seines Geschützwesens wird Deutschland die Kleinigkeit von 200 bis 300 Millionen Mark koste», welche der nächste Reichstag zu bewilligen hat. Und damit die Infanterie nicht leer ausgeht, kündigt sich neben der Broncekanone die Wolframkugel an. Ein militärischer Mitarbeiter der Berliner„Post" hat neulich über Versuche berichtet, den Bleikern der Jnfanteriegeschoße durch das spezifisch schwerere, sowie festere und härtere W o l f r a m- M e t a l l zu ersetzen. Dieses Metall, das sich in kleinen, äußerst spröden und diamantharten Körnern dar- stellt, erscheine als der zu Jnfanteriegeschossen geeignetste Stoff, da kein anderes Metall bei dem gleichen spezifischen Gewicht die gleiche Härte und Festigkeit liesitze, also keines in balli- stischer Beziehung das Gleiche z» leisten vermöge, als das Wolframgeschoß. Schon vor Jahren hätten Schießproben mit Kugeln aus diesem Aletall stattgefunden, sie hätten aber nicht ganz befriedigt, weil das Wolframgeschoß seiner ganzen Natur nach auf das kleine Kaliber hinweist, für dieses aber damals das geeignete Pulver noch fehlte.„Jetzt, nach erfolgter Ein- führung des kleinen Kalibers und des neuen Pulvers," heißt es weiter, ist nicht nur das Problem des Wolframgeschosses seiner endgiltigen Lösung nahe gerückt, es scheint sogar auch die ganze Entwicklung der Jnfanterieivaffe auf einem Punkt angelangt, wo sich nur noch im Geschosse selbst wesentliche Fortschritte erzielen lassen. Denn die Verbesserungen in der Waffe(kleines Kaliber und Mehrlader) und im Pulver dürsten auf längere Zeit zu einem gewissen(!) Abschluß gelangt sein." Es sind eine Reihe von Versuchen angestellt worden, und schließlich ist man zu dem Kaliber von 7�/, Millimeter geschritten und soll da fabelhafte Resultate erzielt haben. Das betreffende Geschoß soll auf 1200 Meter Entfernung dasselbe leisten wie das jetzt zur Verwendung kommende Geschoß auf 800 bis 850 Bieter, und seine Ueberlegenheit mit der Größe der Entfernung noch zunehmen— mit einem Wort, seine Mord kraft ist das Xou plus ultra des auf diesem Ge- biet bisher Erreichten. Sehr charakteristisch ist der Schluß des Artikels: „Soweit Schreiber dieses Gelegenheit hatte, mit hervorragenden Ballistikern über das Wolfram-Geschoß zu sprechen, wurde dessen lieber- legcnheit auch rückhaltlos anerkannt, aber Bedenken in Bezug ans das genügende Vorkommen des Wolfram-Metalls und in Bezug auf den Preis desselben erhoben. Der letztere Ein- wand erscheint mehr untergeordneter Natur— er läßt sich auch leichter beheben, als der erste. Beim Mannlicher-System z. B. braucht man für je 5 Patronen ein Stahlpacket, welches 12 Pf. kostet— also auf die Patrone 2,4 Pf. Auslagen erheischt. Schwerlich wird das Wolframgeschoß theurer sein, als hier die auf die Geschoß- Wirkung ganz einflußlose Einpackung! Ucber die Häufigkeit des Vor- koinmens läßt sich ein sicheres Urtheil schwerer gewinnen. Bisher ivaren Geologen von Ruf der Meinung, Wolfram finde sich in viel zu kleinen Mengen, um jemals in der Industrie eine bedeutsame Rolle zu spielen. Aehnliche Ansichten herrschten bekanntlich auch über das Nickel, das trotzdem— seit eine regelmäßige Nachfrage e x i- stirt— iu mehr als genügenden Quantitäten gefunden wird. So dürfte es auch mit dem Wolfram sein. Denn die Nachrichten über dessen Vorkommen hänfen sich in letzter Zeit auffällig; eine einzige Grube soll im Ganzen 120, ovo Zentner Erz enthalten, und andere Gruben sollen bereit sein, Verträge auf jährliche Lieferung größerer Mengen Erzes abzuschließen, wie auch eine der ersten Autoritäten Deutschlands in Bezug auf Bcrgknndc sich für das ausreichende Vorhandensein von Wolfram verbürgt." Die„Post" ist ein offiziöses Blatt, es ist also so gut wie sicher, daß, was sie hier erzählt, die Meinung der„maß- gebenden Kreise" ist. Die ganze Notiz hat sicher nur den Zweck, Stiinmung für die bereits beschlossene Mehrforderung zu machen, lind diese dürfte nicht zu knapp ausfallen— „der Preis ist Nebensache", wird oben mit dürren Worten auseinandergesetzt. Neue Gewehre, neue Kugeln— es können auch hier eine hübsche Anzahl von Millionen drausgehen. Der Kostenpunkt ist untergeordneter Natur, es lebe der Mord — mit dem Wolframgeschoß! Broncekanone» und Wolsramkugeln— unter 300— 400 Millionen fällt der Spaß sicher nicht aus. Und sind die 300— 400 Millionen glücklich vermöbelt, dann wird wieder ein besseres Pulver und ein besseres Metall entdeckt,— die Bronce-Kanonen und Wolfram-Kugeln sind ihrerseits altes Eisen und— mit einem Ruck vollzieht sich eine neue Um- drehung der Schraube: der Schraube ohne Ende— die ihr Ende erst hat, wenn die Dummheit und die Geduld der Völker ein Ende haben. Der internationale sozialistische Arbeiter- Kongreh. (Bericht unseres Pariser �-Korrespondenten.) Sitzung vom 19. Juli, Vorsitzender Vollmar. Bebel theilt dem Kongreß das Resultat der Nachwahl von Halber- stadt mit und warnt die dentschen Dclegirtcn, sich von dunklen Gestalten, die sich an sie herandrängen und sie zu Majestätsbeleidigungen animiren, zu unbedachten Aenßerimgen verleiten zu lassen. L a v i g» e(Bordeanx) zeigt an, daß drei weitere Delcgirte einge- troffen sind. E h r i st e n s c n(Dänemark) macht Mittheilung von einem großen Streik der dänischen Bautischler, der ausgebrochen, iveil die Unternehmer, einem geschlossenen Uebereinkommen entgegen, die Löhne herabgesetzt haben. L a f a r g u c und Liebknecht berichten hierauf über die Haltung der Presse dem Kongreß gegenüber, die französische Presse schweigt den- selben möglichst todt, die dentschen Blätter bringen der Mehrzahl nach lügenhafte und gemeine Berichte; verhältnißmäßig am anständigsten sind die englischen Zeitungen. Palmgreen(schwedischer Delegirter) gibt darauf einen Ueberblick über die sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Schweden, die er ver- tritt, weil die Redakteure der vier sozialistischen Zeitungen, sowie gegen zehn der bekanntesten Agitatoren sich im Gefängmß befinden. Der Erste, der in Schweden für den Sozialismus Propaganda machte, war der Schneider A. P a l ni. Anfangs stand er ganz allein, später fand er in H j a l m a r B r a n t i n g und Nicolsen Mitarbeiter. In der ersten Zeit unterhielten die Sozialisten eine nur politische Agitation, gegen- wärtig haben sie auch der Organisation von Gewerkschaften ihre Thätig- keit zugewandt, wie der Kongreß zu Stockholm, 27. April, bewies, der von 75 Gewerkschaften und politischen Vereinen beschickt war. Die sozialistischen Gewerkschaften entziehen den alten Zünften allen Boden. Die Partei hat vier eigene Zeitungen. Sie gewinnt derart an Stärke und Ausdehnung, daß die Regierung ernstlich Ausnahmegesetze gegen die Sozialisten plant. Entgegen der Auffassung der dänischen Bruder- Partei erwarten die schwedischen Genossen nichts von Palliativmitteln, sondern erhoffen die Vfffitigiing des Elends nur allein von einer Ver- gescllschafwng der Arbeitsmittel. K i r ch n e r,(der Vertreter der deuffchen Sozialisten in den Ver- einigten Staaten) berichtet über die riesige Konzentration des Kapitals in der neuen Welt, ivo an Stelle der Einzelbetriebe von Privatkapitalifren immer mehr die Konzenttation von Jndnsttien in Aktiengesellschaften, Ringen k. tritt. Leider läßt die Konzentration der Kräfte des Proletariats dem gegenüber viel zu wünschen übrig, so daß sein Widerstand gegen den Druck des Kapitals oft erfolglos bleibt. Der Redner braucht bloe- an die großen Streiks der Kohlcngräber, des Personals der New-Aorker Pferdebahnen zu erinnern x. Die Lage der Arbeiter ist dementsprechend eine schlechte, Uebcrarbeit und Unterlohn ist auch hier die Regel, wie die offiziellen Fabrittnspektoren offen zugestehen. Wenn die Masse der ameri- kanischen Arbeiter anfängt, zum Massenbewußtsein zu erivachen, so ist dies in hervorragender Weise mit das Verdienst der Deutschen, welche unermüdlich an der Aufklärung und Organisation der noch blinden Masse arbeiten. Der französische Abgeordnete F e r r o u l greift in leidenschaftlicher Weise den Parlamentarismus an, welcher auf eine Täuschung der Arbeiter hinausläuft. Die französische Kaimiier»inimt nur deshalb sog. „arbeiterfreundliche" Schutzgesetze an, weil sie sicher ist, daß der Senat dieselben verwirft. Alle Versprechungen seitens der Kandidaten sind nur Mittel für den Stimnienfang. Die Parlamentarier vertreten nicht die Interessen des Volkes, sondern der Bourgeoisie, sie handeln dem ent- sprechend. Wollen die Arbeiter ihre Interessen gewahrt wissen, so dürfen sie sich auf Niemand als sich selbst verlassen, sie müssen die Führung ihrer Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Ch ri sie ns cn, Verttcter der dänischen Partei, gibt einen kurzen Ueberblick über die Entwickelung der Arbeiterbewegung in Dänemark. Die Regierung dachte die Bewegung durch die harte Verurtheilulig von Pio und Gcleff zu ersticken, halte sich aber darin getäuscht. Empfindlich litt die junge Bewegung, als sich etliche hervorragende Führer an die Bourgeoisie verkauften. Doch hat sie auch diesen Schlag überwunden und ist gegenwärtig besser organisirt als je zuvor. Die Parteimitglieder stehen durans nicht sanimt und sonders auf dem kleinbürgerlichen Stand- punkte, den Petersen getadelt, aber Redner muß zugeben, daß in der Partei Dänemarks, wie anderer Länderer, verschiedene Strömungen vor- Händen sind. Damit schließt die Reihe der Allgemeinberichte und der Kongreß geht zu den Spezialberichten über. Dieckmann berichtet über die Lage der westphälischen Bergarbeiter, Er betont, daß der große Streik derselben nicht durch die sozialistische Agitation künstlich ins Leben gerufen, sondern die nolhlvendige Folge der schlechten Lage der Kohlengräber gewesen sei. Redner kcniizeichnet die arbeiterfeindliche Haltuilg der Polizei während des Streiks, sowie die Strenge, mit welcher die Behörden sogar die Kundgebungen der öffentlichen Meinung zu Gunsten der Aussländischen zu ersticken gesucht. Der ini Großen und Ganzen negative Ausgang des Streiks habe viele Ilnznfriedene geschaffen, die aus dem klerikalen in das sozialdemokratische Lager übergehen werden. In dem rheinisch-westphälischen Kohlendistrikt bestehen jetzt zwei Arbeiterzeitungen, eine davon: die„Westph. Arbeiterztg." zu Dortmund, zählt bereits 4000 Abonnenten. Die Situation wird die Bergarbeiter in die Reihen des für seine Emanzipation kämpfenden Proletariats drängen. Da der Vertreter der französischen Glasarbeiter, L e c o m t e, nach Rücksprache mit Horn, dem Delegirten der deutschen Glasarbeiter, findet, daß sich ihre Berichte decken, so verzichtet er zu Gunsten des Letzteren auf das Wort. Horn aus Löbtau berichtet also über die Lage der Glasarbeiter überhaupt und weist auf die großen Gefahren hin, denen diese in gesundheitlicher Beziehung ausgesetzt sind, sowie noch besonders ans die schädlichen Folgen des koutinuirlichen Betriebs, ans denEiiiflnß derFranen- und Kinderarbeit. Er fordert energische hygicinische Maßregeln zur Abwehr der gröbsten Gefahre», Eiilstellung der Nacht- arbeit, Verbot der Kinderarbeit ec. Nachdem ans einen Antrag auf Schluß der Berichte beschlossen lvorde», daß nur noch das Wort zur Frauenarbeit und zu einem Bericht über die Lage der Seeleute ertheilt werden soll-, erinnert Frohme daran, daß K l o ß noch über die Lage der deutschen T i s ch l e r zu referircn habe. Kloß tritt das Wort an den Vertreter der Pariser Kellner und Limonadiers ab, der darauf anfulcrksani gemacht hatte, daß die Korporation, der er angehört, die größten Opfer gebracht, um eine Vertretung auf dem Kongreß zu erniöglichen, ivelche die Ailfinerk- samkcit auf die menschenunwürdige Lage seiner Kameraden lenken solle. Der Kongreß beschließt darauf, L e n tz das Wort zu ertheilen. Kapitän Dupont(Vertreter der Seeleute): Die Seeleute sind zum Erstenmal auf einem internationalen Kongreß vertreten. Ihre Lage ist moralisch und materiell eine ganz erbärmliche. In Folge eines Reglenients, das bereits vor 200 Jahren in Kraft stand, steht der See- mann vollständig unter der Botmäßigkeit des.Kapitäns, welcher die Prügelstrafe, das Kriimmschließen x. über ihn verhängen kann, obgleich nominell alle Körperstrafen abgeschafft sind. Je mehr die Sccschiffsahrt in die Hände des Großkapitals gcräth, um so schlechter lvird die Lage der Seeleute. Die Zahl der Mannschaft wird verringert, zahlende Schiffsjungen werde» angenomine», die Nichts thun, und die Folge ist, dag die Matrosen bedeutende Ilcberarbeit leisten müssen, für weiche sie nicht bezahlt werden. Der Lohn sinkt tiefer herab, und die Nahrung ist der Menge nach unzureichend, der Beschaffenheit nach einsach ab- scheulich, oft ganz ungenießbar. In Streitfällen erhalten die Seeleute nie gegen den Kapitän Recht, da sie unter einer Art niilitärischer Gc- richtsbarkeit stehe». Die Seeleute verlangen 1) einen zwölfstüiidigen Arbeitstag; 2) einen Ruhetag jede Woche; 3) drei Franken Taglohn für den Matrosen, vier Franken für den Heizer; 4) Prüfung der Nah- rungsmittel ans ihre Beschaffenheit hin; 5) Abschaffung der Geld- und Körperstrafen;(!) Gründung eines Gewerbeschicdsgcrichts für Seelente. Der Kongreß beschließt, den Bericht Duponts, sowie die Forderlingen der Marseiller Scclente, als Flugblatt drucken und in den Häfen aller seefahrenden Nationen vertheilcn zu lassen. L e n tz, der Vertreter der Pariser Cafö- und Restanrationskellner, gibt einen eingehenden Bericht über die Lage seiner Berufsgenossen. Die Kellner erhalten keinell Lohn, sondern müssen noch oft an den Wirth Gebühren entrichten. Das Trinkgeld, das sie erbetteln, ist ihr einziges Eintoinmen. Ihre Arbeitszeit dauert von früh 7 Uhr bis tief in die Nacht, meist ohne daß dieselbe von einer Pause nnterbroche» wird. In rechtlicher Beziehung stehen sie dem Wirth gegenüber unter einer Art Gesindeordniing.. Ihre Lage wird verschliininert durch die Ausbeutung, welche sie seitens der Stellungsvcrmittlnngsbnreau's erleiden. Für Ver- mirtlung eines Platzes haben sie oft von 100—120 Fr«, zu zahlen, dabei geschieht es nicht selten, daß sie die Stelle bald verlassen müssen, weil ihnen der Wirth kündigt oder das Aushalten ein Ding der Unmöglichkeit ist. Der Wirth steht oft mit dem Agenten im Einvernehinen, um den Kellner so oft als möglich durch das Bureau zn treiben. Diese heillosen Mißstände erklären die Unruhen, welche im vorigen Jahre stattfanden, um die Abschaffung der Veruiittclungsbureau's durchzusetzen. Die Kellner haben sich zu organistten versucht, uin mit vereinten Kräften eine Besserung ihrer Lage zn bewirken, allein die Syndikatskammer zählt nur 4500 Mitglieder von gegen 80,000 Berufsgenossen. Frau Zetkin, Delegirte der Berliner Arbeiterinnen, führt aus, daß die Frauenfrage keine besondere, sondern nur ein Theil der so- zialcu Frage ist. Die Frage ist erst mit dem Auftreten der Riaschine auf die Tagesordnung getreten. Die moderne Großproduktion hat die produktive Thätigkeit der Frau im Haushalt zu einem wirthschastlichen Unding gemacht, sie hat aber die Möglichkeit für die produktive Thä- tigkeit der Frau in der Gesellschaft geschaffen. Die Frau erhielt da- durch die Fähigkeit, ökonomisch unabhängig vom Manne außerhalb der Familie zu leben. Die ökonomlsche Unabhängigkeit ist die Basis, auf welcher die Frau ihre soziale und politische Gleichstellung mit dem Manne erringen wird. Für den Augenblick ist diese Unabhängigkeit der Frau noch nicht zu Gute gekommen, diese hat nur den Herm gewechselt, sie ist von der Abhängigkeit vom Manne in die vom Ka- pitalisten gerathen. Derselbe hat nicht nur die Frauenarbeit an und für sich ausgebeutet, sondern dieselbe auch als Mittel benützt, die Männer- Arbeit noch stärker auszubeuten. Das kapitalistische Systein hat einen Gegensatz, eine Konkurrenz zwischen Männer- und Frauenarbeit, ge- schaffen, die jedoch mit dem System zusammen verschwinden muß. Männer« und Frauenarbeit haben keine gegensätzlichen, sondern nur gemeinsame Jnkcreffeu, gegensätzliche Interessen bestehen nur zwischen der Arbeit überhaupt und deni Kapital. Die Abschaffung der Frauenarbeit ist eine durchaus reaktionäre und wirthschaftlich undurchführbare For- deruug. Der Kapitalist kann ebensowenig auf die Frauenarbeit ver- zichteu, wie der Mann, der in Folge seines sinkenden Lohnes auf den Erwerb der Frau rechnen muß. Will man der Konkurrenz und des Lohndrückcns wegen Abschaffung und Beschränkung der Frauenarbeit, so muß man logischer Weise auch Abschaffung der Maschinerie und Einführung der alten Zünfte fordern. Besserung der Konknrrenzver- Hältnisse kann nur erfolgen durch möglichste Gleichstellung der Frauen, deren Organisation, politisch- ökonomische Schulung und Durchführung des Grundsatzes„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit". Wirthschaftlich im- durchführbar, ist die Forderung einer Abschaffung der Frauenarbeit prinzipiell durchaus verwerflich. Die ökonomische Unabhängigkeit ist die Basis aller sozialen Freiheit und Gleichheit, und die Frauen haben also prinzipiell gegen jeden Versuch, ihre Arbeit abzuschaffen oder zu beschränken, energisch zu protestireu, weil sie nur infolge ihrer ökono- mischen lluabhängigkeit vom Manne ihre soziale Gleichstellnug mit diesem erhalten werden. Zur vollen Emanzipation der Frau ist nöthig ihre Emanzipation von der Tyrannei des Kapitals. Die Frau hat die gleichen Interessen wie der Arbeiter überhaupt, muß sich also dessen Emanzipationskamps anschließen. Die Arbeiterinnen stellen deshalb keine Sonderforderungen auf, sondern verlangen nur den gleichen Schutz, den jeder erwachsene Arbeiter dem Kapital gegenüber fordert. Nur für schwangere Frauen sind Ausuahmsregeln zu verlangen. Die bewußten Arbeiterinnen hoffen auch nichts von einer blos politischen Gleichstellung, da diese ein leeres Wort bleibt, so lange die ökonomische Abhängigkeit vom Kapital besteht, wie die sozialpolitische Lage der Arbeiter in Län- dern mit dem freien allgemeinen Stimmrecht beweist. Eine volle und cndgiltige Lösung der Frage der Frauenarbeit kann nur erfolgen mit Lösung der sozialen Frage, durch Emanzipation der Arbeit vom Kapital. Die Frauen, welche ihre Gleichstellung anstreben, schließen sich deshalb voll und ganz an die kämpfende sozialistische Ar- deiterpartei an, sie folgen ihrem Banner, zu allen Opfern des Kampfes bereit, aber auch entschlossen, ihren vollen Antheil an de» Früchten des Sieges zu fordern. Hierauf schloß die Generaldebatte und es wird die Spezialdebatte eröffnet. Es wird beschlossen, die Redezeit auf fünf Minuten zu beschränke», nur für den Hauptredner der A n a r ch i st e n wird anf Lafargnc's Antrag 15 Minuten Redezeit bewilligt, damit auch die An- Hänger dieser Richtung genügend Gelegenheit haben, ihren Standpunkt zu entwickeln.*) Der Anarchist M o n t a n d ergeht sich ergeht darauf in einem langen Erguß über die absolute Freiheit, die mit einer sozialistischen Gesellschaft nicht verträglich sei, und Fr auch et, Vertreter einer Ge- wcrkschast der Tischler, tritt lcidcnschasilich für W a h l e n t h a l- tung ein. Sitzung vom 20. Juli. V a i l l a n t eröffnet die Verhandlungen und übergibt den Vorsitz dem englischen Delcgirten Cuninghamc Graham. Es sind wiederum zahlreiche Telegramme, sowie noch 3 neue Dcle- girte eingetroffen. Die Arbeiterpartei der Argentinischen Republik hat einen Situationsbcricht eingesendet und Liebknecht das Mandat über- tragen, sie zu vertreten. Die Belgier haben 100 Franken für die Hinterbliebenen der verunglückten Kohlengräbcr zu St. Etienne gegeben. Liebknecht theilt mit, daß er gestern beim Empfang im Stadthaus mit einer großen Anzahl von französischen Arbeitern zusammengetroffen sei, welche ihn ihrer durchaus brüderlichen Gefühle für die Deutschen versichert hätten. Viele Mitglieder des Possibilistischen Kongresses hätten geäußert, daß sie nur durch einen Zufall auf diesen gerathen und von seinem Verlauf enttäuscht seien. Es that ihnen leid, sich nicht sofort dem streng sozialistischen Kongreß angeschlossen zu haben. C u n i n g h a m e G r a h a m tritt entschieden für den v stündigen Nor- malarbcitsiag ein. Der Arbeiter, welcher zu lange und zu schwer schafft, werde unfähig, an einer sozialistischen Bewegung theilzunehmen. Zwischen Arbeit und Schlaf lebe er stmnpsfinnig dahin. Die gewecktesten und gut entwickelten Arbeiter Australiens, welche den achtstündigen Arbeits- tag haben, beweisen, von welchem Einfluß eine kürzere Arbeitszeit für die körperliche und geistige Entwicklung der Proletarier ist. Abgesehen davon, wird kürzere Arbeitszeit ein Steigen der Löhne herbeiführen. Es ist ein ökonomisches Gesetz, daß der Lohn um so höher steht, je kürzer der Arbeitstag ist. Die Bourgcosie sucht zwar die Arbeiter über diese Wahrheit zu täuschen, allein es mangelt nicht an beweisenden Bei- spielen. Redner führt solche ans England und den Vereinigten Staaten an und fordert alle Kongrcßtheilnehmer zur energischen Aktion für den Achtstunden-Arbeitstag auf, denn der Normalarbcitstag ist der erste Schritt zur Emanzipation der Arbeit. Nach einer kurzen Debatte über die zu befolgende Geschäftsordnung wird beschlossen, daß in der Vormittagssitzung noch die bereits auf- gezeichneten Redner sprechen sollen, in der Nachmittagssitznng zunächst über die eingebrachten Resolutionen, abgestimmt werden soll. Kloß(Sluttgart) legt in kurzen Worten, aber mit trefflicher Klar- hcit dar. daß die Frage des Arbeiterschntzes von höchster Wichtigkeit für die Emanzipationsbewegung der Arbeiter sei. Dieselbe müsse Hand in Hand mit der politischen Agitation behandelt werden. Gerade die Sozialisten müssen Arbeitcrschntz verlangen, um die Wege zu ebnen, anf welchen die Masse vorwärts schreitet, damit diese nicht auf dem Marsche in das gelobte Land des Sozialismus unterliegt. Setzt man dem.Ka- pitalisnms keine» Damm entgegen, so degenerirt er die Arbeiter derart, daß dieselben unfähig zu jedem Aufraffen werden. Gleicherweise wie die Arbeitsschnügeseygebung hat man auch von ver- schiedcncn Seiten die gewerkschaftlichen Organisationen vernrlheilt, iveil dieselben nicht den Arbeitern das ganze Ziel bieten. Dies stimmt, allein es ist Anfgabe der Sozialisten, das fehlende Mehr hineinzutragen, den Sancrleig zu bilden, welcher das Klaffenbewußlscin in Gährung bringt. Der Redner erklärt sich entschieden für die Resolution Bebels. Nachdem Bebel unter großem Beifall erklärt, daß die von ihm, Guesde und Morris eingebrachten Resolutionen in eine einzige ver- schmolzen worden, welche heute Nachmittag zur Beschlußfassung vorge- legt l verden solle, spricht L e f e v r c über die Lage der Weber von A in i c» s, welche sich kurz zusammenfassen läßt in: Ueberarbeit, Unter- lohn, Konkurrenz der Frauen- und Kinderarbeit, Mangel an Organi- sation. Erst seit vorigem Jahre hat sich ini Anschluß an einen glücklichen Lohnstrcik, eine Syudikatskammer der Weber gebildet, welche jedoch erst 300—400 Mitglieder umsaßt. Sebastian F a n r e, Anarchist, fühlt sich zu einer Entgegnung aus Euniilghame Grahams Ausführungen verpflichtet. Gerade das Hoffen und Harren ans Reformen hält die Arbeiter vom Eintritt in eine Bcwegnng zurück, nur die Idee der Revolte könne sie aus ihrem Stumpfsinn emporrütteln. Der ökonomische Mechanismus der heutigen Gesellschaft mache jede Verbesserung der Lage des Arbeiters unmöglich. Das allgemeine Stimmrecht sei ein Betrug, Gesetze und Gesetzgeber seien stets im feindseligen Gegensatz zum Volke. Nur die permanente Revolte könne Abhülfe bringen. Frau Ihrer spricht zur Frage der Frauenorganisation. Ohne achvcreinignngcn der Frauen werden die Männer in ihren ökonomischen äinpfcn nur theilweise Sieger bleiben. Die Männer müssen die Frauen in ihren Organisationsbestrebungen niiterstütz-n. Der Einwand, die Frauen seien zu rückständig, um die Nothwendigkeit der Organisa- *) Wie nicht anders zu erwarten war, bedanken sich der Anarchisten in ihrer Presse für dieses Entgegenkommen durch ein maßloses Schimpfen aus die sozialistische Mehrheit des Kongresses. Herr Sebastian Faure z. B., der in der Sitzung vom 16. Juli so vortrefflich den Versöhn- lichen zu spielen wußte, tobt in der Pariser„Attaque" wie besessen und erklärt alle Nicht-Anarchisten des Kongresses samnit und sonders für„Bourgeois". Ihn überbietet im Schimpfen noch ein gewisser Karl Ka», sowie in der„Revolte" Herr Mcrliuo. Red. tion zu begreifen, ist durchaus nicht stichhaltig. Man konnte ihn früher ebenso gut auf die Arbeiter anwenden, ja er gilt von einem Theil der- selben noch heute. Die eiserne Nothwendigkeit hat den Männern ihre Pflicht gelehrt, sie öffnet auch den Frauen die Augen. Daß dieselben der Frage Verständniß entgegenbringen, beweist schon der Ilmstand, daß sie sich auf dem Kongresse vertreten lassen, ferner die vielen Znstim- mnngsadressen, die Rcdncrin ans allen Theilen Deütschlands erhalten. Die Sache der Fachvercinignngen der Arbeiterinnen müsse mit großem Eifer betrieben werden.„Proletarierinnen aller Länder vereinigt Euch!" müsse eine Devise werden so gut wie der Marx'sche Mahnruf für Vereinigung aller Arbeiter. Mit Zustimmung des Kongresses erhält hierauf der Engländer John B u r n s, Delegirter des possibilistischen Kongresses, das Wort. Er bedauert, daß keine Einigung zu Stande gekommen ist. Nur ein Zufall hat es gefügt, daß er nicht diesem Kongreß beiwohnte: das Einladnngs- schreiben der Possibilisten war früher eingelaufen und die Gewerkschaft, der er angehört, hatte sich dementsprechend bereits entschieden, als die Etnbeniftmg für den Kongreß der vereinigten Sozialisten erging. Bnrns vertritt 57,000 Maschinenbauer, welche in einer Trades Union grnp- pirt sind. Die Trades Unions stehen in dem Ruft, reaktionär zu sein, allein dieser Ruf ist weniger von Selten der Mitglieder, als der alten Führer verdient, welch letztere sich jedoch immer mehr abwirthschaften. Die Verhältnisse haben die englischen Arbeiter, die bisher wähnten, auf nationalem Wege alles erringen zu können, eines Besseren belehrt, sie begreifen die Nothwendigkeit einer internationalen Verständigung. Die ökonomisch Entwicklung legt den englischen Arbeitern das Verständniß der sozialistischen Theorien nahe, und der Redner ist überzeugt, daß in 5 Jahren alle organisirten Arbeiter seines Vaterlandes im sozialistischen Lager stehen und die Macht des internationalen, für Emanzipation käuipscilden Proletariats bedeutend stärken werden. In dieser Hoffnung begrüßt er diesen Kongreß und wünscht ihm den besten Erfolg. Eäsar de Paepe, obgleich schwer leidend, ergreift das Wort, um „wahrscheinlich zum letzten Mal auf einem internationalen Kongreß" zu Gunsten der Arbeiterschntzgcsetzgebnng zu sprechen. Arbeiterschutz anzu- streben, sei lein unpraktisches rcsultatloses Beginnen, denn langsam, Schritt für Schritt dringen die bezüglichen Forderungen trotz des Wider- standes der Kapitalisten und kapitalistischen Ztegicrungcn durch. Die Freiheit der Arbeit, von welcher die Bourgeoisökonomcn reden, wird durch Schutzgesetze nicht beeinträchtigt, nur die Freiheit des Ausbeutcns, welche durch Erstcrc maskirt wird. Dem anarchistischen Einwand— Be- einträchtignng der absoluten individuellen Freiheit— gegenüber ist zu bemerken, daß diese überhaupt niit einer gesellschaftlichen Organisation unvereinbar ist.— Eine internationale Regelung der Arbeitsverhältnisse ist auch möglich, trotz den Verschiedenheiten, die sich in Bezug auf Einzelheiten in den Ländern ergeben. Die Forderungen betreffs Ein- führnng hygieinischer und anderer Schutzmaßregeln, auf Abkürzung der Arbeitszeit:c. sind überall die gleichen. So gut wie man für den Postbctricb eine internationale Einigung zu Stande gebracht, könne man dies auch für den Arbeiterschutz thn». Redner ist deshalb für den Vor- schlag des Schweizer Bundesraths, aber er geht in seinen Forderungen weiter, da man Alles fordern muß, was überhaupt innerhalb der gegen- wärtigen Gesellschaft erlangt werden kann. Eine große Anzahl Delegirter von S y n d i k a t s k a m in e r n(Fach- vereinen) der Provinz lassen durch den Vorsitzenden eine Erklärung verlesen, des Inhalts, daß das Gros der klassenbewußten Arbeiter in der Provinz durchaus nicht aus anarchistischem Standpunkte stehe. Wenn dies auf dem Kongreß so scheine, so kommt dies daher, daß die Anarchisten, besonders die Pariser, zuerst das Wort erhalten haben, während sie selbst noch nicht Gelegenheit gehabt hätten, ihren sozialisti- scheu Standpunkt darzulegen. Diese Erklärung wird mit großem Beifall, ein späterhin einlaufender und von 8 Personen unterzeichneter Protest dagegen, welcher konstatirt, daß es auch in der Provinz Anarchisten gäbe, mit ironischer Heiterkeit qufgenoiNmen. Der russische Delegirte Beck führt aus, daß Rußland bereits voll und ganz in die kapitalistische Periode eingetreten sei. Die kapitalistische Bourgeoisie werde den Despotismus nie stürzen, weil dieser ihre festeste Stütze sei. Sie werde auch die alten sozialen Einrichtungen, wie das Gemeindeland zc., nicht abschaffen, denn der russische Kapitalismus habe sich an dieselben angepaßt, sie in Mittel verwandelt, das Volk anszu- beuten. Die russischen Sozialisteu wissen, daß sie gleichzeitig den Zäsaris- uius und den Kapitalismus zu bekämpfen habe». Redner ist für eine internationale Arbeiterschntzgesetzgebung, um die breite Masse der Arbeiter vor dem Sturz ins Lumpenproletariat zu bewahren, von dem Nichts für eine sozialistische Bewegung zu hoffen sei. Mehrere französische Delegirte treten darauf ebcnsalls für die Arbeiterschntzgesetzgebung ein, deren Verivircklichung durch formelle Be- schlüsse des Kongresses und Zähigkeit der Forderung angebahnt werden müsse. Der Pariser Stadtrath habe schon für die bei städtischen Unter- nchmern beschäftigten Arbeiter gewisse Schntzmaßregeln eingeführt. Chan vi vre, Stadtrath, fordert als wirksamstes Mittel zur Durch- setzung der bezüglichen Gesetze die Entwaffnung der Bourgeoisie und die allgemeine Volksbewaffnung. D n p r ö s, Vertreter eines Vereins von Kunst- und Möbeltischlern des Faubonrg St. Antoine, bekämpft in leidenschaftlicher Weise die Forderung von Schutzgesetzen. Die heutige Gesetzgebung ist Schwindel, die morgige wird faul fein. Gesetze werden stets gegen das Volk ge- richtet sein.„Das Kapital, die Kapitalisten, das Monopol, Alles muß vernichtet werden!" Doiuela-Niuwcnhnis erwartet für den Arbeiterschntz Nichts vom Parlamentarismus. Wenn die Regierungen ihren eigenen Bor- theil verstünden, so würden sie die von ims ansgestellten Forderungen sofort bewilligen, denn dadurch wäre die sozialistische Bewegung mit einem Schlage getödtet. Zum Glück für dieselbe sind die Regierungen nicht so klug. Schntzmaßregeln für die Arbeit tragen, wie die früher gepredigte Enthaltung von der Heiratb, der Kindecerzciiginig(Reo-Mal- thusianismns) zc., welche die Lage des Einzelnen etwas erträglicher gestalten können, nur dazu bei, den Arbeiter bis zu einem Grade mit seiner Lage ansznsöhne». Der Kapitalismus selbst wird im gegebenen Augenblick selbst den achtstündigen Nonnalarbeitstag geben, denn er wird vorziehen, mit kleinen Opfern Herr der Situation zu bleiben. Um den Arbeiter als Sklaven zu behalicn, wird er ihm die Ketten mit Sanimt umwickeln. Die Lage des Arbeiters kann nur gründlich verbessert iverdcn durch Ucbcrfühiung de» individuellen in gesellschaftlichc» Eigcnthnin. Liebknecht erwicdert hierauf, daß er nicht auf eine Diskussion über de» Nutzen des Parlamentarismus eingehen wolle. Die Auffassung der deutschen Sozialdemokratie über diese Frage sei bekannt. Nur müssc er bemerken, daß die Einführung von Schutzgesetzen, weit entfernt, die sozialistische Bewegung zu tödten, derselben einen neuen mächtigen Auf- schivmig geben würde. Die Sitzung wird hierauf bis 3 Uhr vertagt. Die Nachmittagssitznng findet unter dem Vorsitz von D e v i l l e statt. Dem Beschluß des Kongresses entsprechend soll zunächst die A b st i m m n n g über die beantragten Resolutionen erfolgen; erst, wenn diese erledigt, weiteren Meldungen zum Wort Folge gegeben werden. Etliche Anarchisten, die sich trotz der übergroßen Geduld, mit welcher der Kongreß ihre Theorien von dem alleinseligmachenden Allesverunjeniren angehört, in ihrem Redebedürsniß beeinträchtigt fühlten, protestirten lärmend gegen diese„Unterdrückung der Redefreiheit". Ganz besonders zeichnete sich dabei der Italiener Merlin», der sich auf dem Possibi- liftenkongrcß lammfromm benommen, durch systematisches Schreien ans. Alle Versuche des Präsidenten und der erdrückenden Majorität der Delcgirten, die Ruhe wiederherzustellen, scheitern. Man erhält den Ein- druck, daß die Anarchisten systematisch Lärm machen, um den Kongreß» i ch t z u r A b st i m in u n g k o in in e n zu la s s e n, und fchließlich wird Mcrlino nebst zwei anderen aUrchistischen Störenfrieden ans dem Saale gebracht, und etliche ihrer Freunde folgen ihnen. Der Kongreß geht nach dem Zwischenfall zur A b st i i» m u n g über. Die Resolution wider die stehenden Heere, bczw. für all- g c ni e i n e Volksbewaffnung wird mit allen Stirn m e n gegen 7 S t i m m e n t h a l t n n g e n a» g e n o m ni c n. lieber die Resolution, betreffend die Mittel und Wege zur Ver- wirklichnng der auf den Arbeitcrschntz bezüglichen Beschlüsse des Kongresses erfolgt auf Verlangen der belgischen Delegirten A b st i in- mung nach Rationalitäten. Dafür 13 Nationalitäten. 3(Bclgier, Holländer, Oesterreicher) enthalten sich der Abstiinmnng. Für die von Bebel eingebrachte, von Guesde, Morris, S ch e r r e r zc. amendirte Resolution für Arbeiterschutzgesetze („Sozialdem." Nr. 30) stimmen 14 Nationalitäten, und 2(Holländer und Belgier) enthalten sich der Abstimmung. Die von Bebel beantragte Zusatzresolution(Anerkennung der Frau als gleichberechtigte Arbeitskollegin) wird einstimmig angenommen. Eine von W illiam Morris eingebrachte und von Guesde amendirte Einleitung zur Resolution über den Arbeiterschutz wird mit 11 gegen 3 Nationalitäten bei 2 Enthaltungen(Belgier und Holländer) angenommen. Zu den gegen die Resolution Stimmenden gehörten auch die Deutschen. (Wohl nur in Folge eines Mißverständnisses!) Die von L a v i g n e- Bordeaux im Namen des Nationalverbandes der französischen Syndikatskammern beantragte Resolution zu Gunsten gleichzeitiger, am 1. Mai 1390 vorzunehmender Manifestationen für den Achtstundcnarbeitstag erhält die Stimmen aller Nationalitäten außer Belgien und Rußland.(Die russischen Dcle- girten motiviren ihre Abstiinmnng mit den Verhältnissen in ihrer Heimath, die eine solche Manifestation unmöglich machen. Aehnlich hatten vorher die Oesterreicher ihre Stimmenenthaltung motivirt.) Eine von B u s h e(Newyork) eingebrachte Resolution für Ausnützung des a l l g e m e i n e n W a h l re ch ts ohne Kompromiß mit bürger- lichen Parteien wird mit allen gegen eine Stimme angenommen. Später werden noch im Lauf der Debatte zwei Zusatzanträge zur Reso- lution Bebel-Guesde zc. betreffend den Arbeiterschntz einstimmig angenommen. Der eine verlangt Verbot des Z w is ch e n- U n t e r- nehme r-(Sweating-)Systems, der zweite Abschaffung der privaten Stellenverinittliingsbureaiis. Nachdem die Abstimmung vorüber motivirt Volders die Stimm- enthaltung der Belgischen Delegirten. Dieselbe bezieht sich nicht auf den Inhalt der verschiedenen Resolutionen, mit denen er und seine Freunde vielnichr durchaus übereinstimmten, sondern sie erfolgte als Protest gegen die undemokratische Art und Weise, erst abzustimnien und dann das Wort zu Diskussion zu ertheilcn. Aehnlich sprechen sich Kirch n e r(Philadelphia) und Werner(Berlin) aus. D e v i l l e als Vorsitzender antwortet darauf, daß das Bureau nur die B e- schlüsse des Kongresses ausgeführt habe, und Liebknecht weist in eingehender Darlegung auf die Schwierigkeiten der Geschäfts- führnng hin, sowie darauf, daß über Fragen, wie die zur Abstimmung gekommenen, über die wohl jeder der Delcgirten schon mit einer festen Ansicht zum Kongreß gekonimen sei, auf die fast alle Redner in der Generaldiskussion Bezug genommen, eine nochmalige Diskussion wirklich nicht nöthig gewesen sei.(Wir erinnern bei dieser Gelegenheit daran, daß, als L a f a r g u e am fünften Tag den Antrag stellte, mit der Ent- gegennahme der Berichte abzubrechen und zur Diskussion der auf der Tagesordnung des Kongresses stehenden Punkte überzugehen, dieser Antrag vom Kongreß mit großer Majorität abgelehnt worden war. (Red. d.„S.-D.") Verschiedene deutsche und französische Delegirte drücken ihr volles Vertrauen zu dem Ausschuß aus. Eine Resolution T r e s s n u d(Marseille) für den„General- streik als Ansang der jozialen Revolution" wird nach Begründung von Seiten des Antragstellers und Widerlegung durch Liebknecht mit großer Rtajorität verworfen. Ein Antrag, der Amnestie aller politischer Verbrecher und ein Zusatzantrag, der Agitation in diesem Sinne befürwortet, wer- den, bei S t im in e n t h a l t u n g von Seiten der Deutschen, angenommen. Im Namen der Deutschen erklärte Liebknecht, daß es für die deutsche Sozialdemokratie ein Akt der Feigheit sein würde, angesichts der Natur ihres Kampfes in Deutschland, für einen Gnadcnakt einzutreten. Es erfolgen verschiedene Erklärungen von untergeordnetem Interesse. Der Anarchist Fanre verliest einen Protest von 7 Engländern*), und eincni Italiener**) gegen die„Erstickung der freien Diskussion". Palmgreen(Schweden) anerkennt, daß Ilnregelniäßigkciten vorgekommen, dieselben seien aber kaum zu vermeiden gewesen. Der Verlauf des Kongresses zeige, daß derselbe echt sozialistischer geweser sei und seinen Zweck voll und ganz erfüllt habe. C i p r i a n i erklärt, die italienischen Delcgirten hätten, nachdem sie ihr Mandat, eine Einigung beider Kon- gresse herbeizuführen, nicht erfülle» gekonnt, zwar den Kongreß nicht verlassen, aber ihm nur noch als Zuschauer beigewohnt. Wollmar berichtet Über die Veranstaltungen behufs Niederlegling der Kränze ans dem Massengrab der Kommunards, sowie der Gräber Heines und Börnes. Anf einen Antrag der Deutschen»iid der Engländer, der d i e A r b e i t e n d e s K o n g r e s s e s f ü r er l c d i g t erklärt, wird der internationale sozialistische Arbcitcrkongrcß mit einem begeisterten Hoch anf die internationale Sozialdemokratie und die soziale Revolution geschlossen. Der internationale sozialistische Zsrbeitcr- Kongreß und die deutsche Presse. Der internationale Arbeitcrkongreß in Paris gehört zu jenen Ereig- nissen. die— umgekehrt wie die Scnsationsereignisse des Tags— um fo größer erscheinen, je mehr man sich zeitlich von ihnen entfernt. Alle wirklich bcdenlniigsvollcn Ereignisse haben diese Eigenschaft: ihre Trag- weite, die anfangs nur von'Wenigen begriffen wird, macht sich erst allmählich, durch die Logik der Thatsachen, den Massen klar. Wenn verschiedene Monarchen mit ihren Ministern zusamMenkommen, so bringt das auf ein paar Tage die ganze Press- und da» ganze Publiknin in Aufregung— es ist ein welthistorisches Ereignis;— und nach acht Tagen ist S vergessen. Daß ein halbes Tausend Arbeiterverireter ans allen Kulturländern der Erde sich zu einem internationalen Arbeiter- Parlament vereinigen, sich um Fürsten und Diplomaten gar nicht bekümmern, das elende Jntrignenjpiel der sog. hohen Politik und die Oiiacksalbereien einer bankrotten Staatsstlluiperznnft von„genialen Staatsmänncrii" voll vornehmer Verachtung ignorirm und ruhig und fest die Etappen bezeichnen, welche zum Ziel führen— zum riihig und fest bezeichneten, gleich einem Leuchlthurni strahlenden, in Finsternis!. Nebel und Sturm den Weg weisenden Ziel— das ist an sich schon ein weltbewegendes Ercigniß— ein Erelgniß noch weit bcdentnngs- voller als vor 100 Jahre» der Ziisamnientritt der französischen Na- tionalvcrsammlung und der Triiiinph des„dritten S l a nd e s". Vom„dritten Stand" sagte man damals— und mit Recht—:„Er ist dgs französische Volk mimw(weniger) eine halbe Million Adelige und Pfaffen." Ter„dritte Stand" hat sich scitdent in seine verschic- denen Bestandtheile chemisch ausgelöst— die Bourgeoisie, welche als Rahm oben hin gestiegen ist, hat sich mit den einst io heftig bekänipsten Adlige» und Pfaffen vereinigt und steht als besitzende und ansbeiitcnde Klasse den arbeitenden und nicht besitzenden Klassen gegenüber, die iinn ihrerseits eine ähnliche revolutionäre Rolle spielen, wie der dritte Stand vor hundert Jahren, und nun ähnlich wie dieser vor hundert Jahren von sich sagen können:„wir sind d a s V o l k minus die winzige Minorität der Ansbcnter." Das Pariser Arbeiterparlament hat für die Geschichte des g e- sainnitcn Welt-Proletariats dieselbe Bcdentnng, wie das Versailler Bürgerparlament weiland für das französische B ü r- g e r t h n m. Das Nationale hat sich zum Internationalen, Frank- reich sich zur Welt erweitert. Wohl wissen wir, daß das Welt- Proletariat noch nicht so„regierungsfähig" ist— man verzeihe das Wort, wir finden kein passenderes— wie vor hundert Jahren das französische Bürgerthiiin, allein das thnt der Bedeutung des Ereignisses keinen Abbruch— der Bundesvertrag ist geschlossen zwischen den Proletariern aller Kulturländer: das Ideal der Jnter- nationalen A rb.c i t e r- As so z i a t i o n, zu dessen Verwirk- liciWng diese noch zu schwach war, ist verwirklicht worden: dieVerbrüdernng des internationalen Proletariats ist vollendete That- fache, das herrliche-„Proletarier allerLänder vereinigt Euch!" ist W a h r h e t t geworden. *) Frau G. G.-Schack, F.Charles, I. Eooper, Ritson, Frau Tocchatti, G. I. Nctlow von der Soziallstische Liga und I. Tocchatti vom Radikalen Klub in Hammcrsmith. **> Nt ol i n a r i,„italienischer Delegirter".(Derselbe Molinari fignrirte auf dem possibilistischen Kongreß unter„Schweiz". Da« fühlen unsere Feinde. Und nachdem sie anfangs den inter- nationalen Kongreß todtzuschmeigen versucht hatten, sind sie jetzt damit beschäftigt, ihn hinter einer Wolke von Albernheiten, Lügen, Verleum- düngen und Denunziationen zu verstecken. Bei dieser Gelegenheit offenbart sich wieder die phänomenale Un- wissenheit unserer Feinde. Sie stehen so rathlos da. wie vor einigen Monaten angesichts des riesigen Bergarbeiter st reiks. DaS tollste, widersprechendste Zeug wird zu Tag gefördert. Während der Schweinburg(von den„Berliner Politischen Nachrichten") den Kongreß für ein glänzendes Fiasko erklärt, mit dem sich ernstlich zu beschästigen eine Lächerlichkeit sei, hat der Pindter von der„Nord- deutschen" ausgeschnüffelt, daß der Kongreß nur ein S ch e i n- K o n- greß gewesen sei, die harmlose Maske für einen geheimen inter- nationalen Revolutionskongreß, dessen Beschlüsse die liebe Polizei zwar noch nicht kennt, die aber so furchtbar gefährlich sind, daß das Sozia- listengesetz nicht abgeschafft lverdcn kann und eher noch verschärft wer- den muß. Ein anderes Polizeircptil findet im Gegensatz zu Pindter, daß der Kongreß in der That sehr zahm gewesen sei— Dank der„er- zieherischen Wirkung" des deutschen Sozialistengesetzes, dessen Verlan- gernng jetzt hoffentlich kein Hinderniß mehr in den Weg gelegt wird. Verschiedene Polizeireptile erzählen uns, die deutschen Sozialdemokraten seien iu-Paris von den französischen Sozialisten erdrückt worden und hätten den Franzosen nur als Fußschemel gedient— welcher Mähr von anderen Reptilien die andere Polizcimähr gegenübergestellt wird, die dentschcn Sozialdemokraten hätten den Kongreß beherrscht, die Franzosen seien nur die Puppen der Deutschen gewesen— woraus sich für jeden polizeifrommen Reichsbürger die Lehre ergibt: Deutschland ist das Hauptquartier der internationalen sozialdemokratischen Revo- lutionspartei und folglich ninß in Deutschland die P o l i z e i noch verstärkt, das Sozialistengesetz verschärft werden. Aufs Geschäft, d. h. auf die Interessen der Polizei, aufs eigene In- teresse— sieht dieses Pack immer in erster Linie. Am Spaßigsten ist, daß ein gelehrtes Reptil dem Kongreß den Vor- Wurf macht— in der Magdeburger Zeitung und in andern Blättern— nicht so gründlich diskutirt, wie— der deutsche Reichstag es wieder- holt bei den Anträgen Hitze k. gethan habe. O heiliger Treitschke, oder wie das Thierchen sonst heißt— was hat denn cm Internationaler Arbeiter-Konareß mit solchen Diskussionen zu thnn S Glaubt das Reptil «twa, die Arbeiter hätte» noch nöthig, über diese tausendmal durchge- sprochenen Fragen zu diskutiren, über die man heutzutage nur noch beschließen kann, wenn man kein Eharlatan ist? Das für diesmal als Ausbeute. Wir werden noch manches Preß- «rthcil zu vermerken haben. Die unabhängige deutsche Presse ist im Ganzen anständig. Der praktische Charakter des Kongresses, der, ohne das Endziel zu verschleiern, sich aller utopistischcn Wolkcnwandelci enthielt und mit dem anarchistischen Blödsinn, dessen Zweck es ist, die Arbeiterbewegung zu diskreditircn und zu komproinittircn— rasch und nachdrücklich auf- räumte, hat in den iveitestcn Kreisen imponirt. Genug— der Internationale Arbeiterkongreß war ein großer Er- folg, und, hätten ivir in dieser Beziehung Zweifel gehabt, durch die Haltung der feindlichen Presse wären sie uns benommen worden. Die Feinde sind theils blind-wüthend, theils wie vor den.Viopf geschlagen, - wahrhaftig, ein„klassischeres" Zeugniß für die Gründlichkeit und den Umfang unseres Erfolgs können wir uns nicht wünschen. SozichMlsche Rundschau. London, 7. August 1889. — Wilhelm der Zweite ist zur Zeit in England znni Vcsnch. In England kann man eigentlich nicht sagen, denn der muthigste aller Dentschcn hat es vorgezogen, seiner Großmutter Viktoria an der eng- tischen Küste seine Anstvartung zu machen. Tort kommt er nur mit der offiziellen Welt in Berührung, die da weiß, was sich schickt, in London aber müßte er riskircn, daß ihm das V o 1 k einen Empfang bereitet, den selbst die frechsten aller offizielle» Soldschrciber nicht in die üblichen„begeisterten Zurufe" nmznlügcn vermöchten. Sind ein merkwürdiges Volk, diese Engländer. Was sie ihrer thenren Viktoria, als dieselbe neulich für die Ausstattung einer ihrer Enkelinnen von« Parlament um einen Geldbeitrag einkam, für— Wahrhelten sagten, ivürde in einem so„zivilisirten" Lande, wie Prenßen-Deutsch- land, hingereicht haben, zehntausendc von Jahren Gefängnis! wegen M a j e st ä t s b e l e i d i g n n g zn verfügen. Da waren wir„Zahmen" doch bessere Menschen. Als Wilhelm— nicht um 600,000, sondern lim drei Millionen Mark Lohnerhöhung einkam, nannte ihn Niemand „schmutzig, habgierig, unverschämt" und„Bettelbruder", und im Pren- ßischen Abgeordnetenhaus war das Geld eins— zwei— drei bewilligt, als handle es sich um die Unterdrückung irgend eines Volksrechtcs. Das alles wird Wilhelni hoffentlich Großmania und ihrer Umgebung erzählt haben, und wenn es nicht eine wahre Begeisterung für deutsche Zustände bei ihnen erweckt hat, dann sind sie wirklich schwer zu befriedigen. Im Ucbrigen haben wir gegen die Spritztour Wilhelms nach Eng- land wenig einzuwenden. Die Flottenrevue in Spithead wird ihm den Beweis gelieser. haben, daß England noch keine„vernachlässigenswerthe Größe" ist, und das dürste seinen Thatendrang in mancher Hinficht mäßigen. — Mit den Stichwahlen am l e tz t e n S o n n t a g e sind die Gcncralrathöwnhlcn in Frankreich beendet. Sind dieselben auch durchaus ungünstig für den B o n l a n g i s m u S ausgefallen, so haben doch die Republikaner keine Ursache, allzu erfreut über das Ergebniß zu sein, da die reaktionären Gegner der Repu- b l i k einen ganz beträchtlichen Zuwachs aufzuweisen haben. Wir verhehlen uns dabei durchaus nicht, mit welch demagogischen Mitteln die meisten dieser Siege aller Wahrscheinlichkeit nach erlangt sein werden, aber der Demagogie drüben stand hüben das Gesetz der Bc- Harrens, das grab: bei den Wahlen zu Vcrwaltnngskörpern eine so große Rolle spielt, als Gegengewicht gegenüber, und daß es in ver- hältnißmäßig so vielen Fällen oersagte, ist das Bedenkliche bei der Sache. Der Durchschnittswähler scheut nichts mehr, als gewaltsame Aendernngen, stinimt er trotzdem für Parteien, von denen er wissen muß, daß ihr Sieg eine solche bedeutet, so zeigt das zum Mindesten, daß er das Vertrauen in den Bestand des herrschenden Regimes ver- loren hat. Die Republikaner glauben dieses Vertrauen dadurch wieder- erobern zu können, daß sie gegen die polternde Oppositionspartei der Boiilangisten das Regiment der„starken. Hand" spielen. Die— beiläufig recht zweifelhaften— Erfolge, die sie auf der einen Seite damit erzielen, thun aber, wie die Wahlen bewiesen, der schleichenden Agitation der Monarchisten keinen Abbruch— im Gegcntheil, diese sind um so mehr in der Lage, die Republik als die Regierungsform der Willkür und Gewaltthätigkeit hinzustellen. Wir, die wir der fran- zösischcu Republik eine stetige Fortentlvickln'ng auf der Bahn der. Frei- heit und Gerechtigkeit wünschen, können daher den Ausfall der Wahlen zu den Gencralräthcn um so weniger als erfreulich bezeichnen, als die gewählten Republikaner zum Theil sehr stark nach„Ordnungsbrei" riechen. Wie weit die französischen S o z i a l i st c n an den Wahlen theilgenommen, läßt sich bei dem Mangel eines sozialistischen Zentral- orgaus leider nicht übersehen. Die bürgerliche Pariser Presse bringt darüber nichts, und ebeusowenig das possibilistische„Parti Ouvrier", soweit es sich nicht um seine eigenen Leute handelt, die aber bekanntlich im der Provinz sehr dünn gesäet sind.(In Paris fand kein Wahl- kämpf statt, dort bilden die Mitglieder des Gemeinderaths im Verein mit den Gemeinderäthen der Vorstädte den Geueralrath des Seine- Departements.) Aus sozialistischeu Proviuzblätter», die uns zugehen, ersehen wir, dahin den Industriezentren Nordfrankreichs: Lille, Roubaix, St. Quentiii 2C., die Sozialisten trotz des Fddgeschrei's„hier Boiilangisten, hier Antiboulangisteu," überall ihre Position behauptet haben. In Mittelfrankreich, im Departement A l l i e r, haben sie dagegen an zwei Orten Boulangisten und bürgerliche Republikaner geschlagen. In C o m m m c n t r y wurde der Sozialist T h i v r i e r mit 2,379 gegen 990 opportunistische und 120 boulangistische Slimnien zum Generalrath, in Montlucon der Sozialist Dormoy, Delegirter des Internat. Kongresses der Vereinigten Sozialisten, mit 2,042 gegen 930 Stimmen zum Arron- dissementsrath gewählt. Aus Südfrankreich,(Lyon, Marseille je.) liegt uns bis zur Stunde genauerer Bericht noch nicht vor. — Aus Paris trifft die Nachricht ein, daß Felix Pyat gestorben ist. Der berühmte Revolutionär war achtzig Jahre alt gewor- den, und hat bis zum letzten Athemzuge treu zu seiner Fahne gehalten — das sichert ihm allein bereits ein ehrenvolles Andenken bei allen Anhängern der Sache des arbeitenden Volkes. Den deutschen Arbeitern ist Pyat als Politiker meist in der höchst unvortheilhaften Schilderung bekannt, die Lissagaray in seiner Geschichte der Pariser Kommune von ihm entwirst, die aber unzweifelhaft über das Ziel hinausschießt. Ebensowenig ist die jammervolle Verdünnung und Verhunzung des„Lumpensammlers von Paris", die auf deutschen Bühnen heruntergespielt wird, danach angcthan, einen richtigen Begriff von Pyat als dramatischen Dichter zu geben. Wir müssen in erster Beziehung manches abziehen, in letzter manches zugeben, um dem Po- litiker und Dichter Pyat gerecht zu werden. Damit sollen seine Schwächen nicht bemäntelt, seine Fehler nicht be- schönigt werden. Der Mann gehörte als Dichter wie als Politiker einer überlebten Epoche an. Als Dichter der sentimental-sozialistischen Schule der dreißiger und vierziger Jahre, als Politiker der revolutio- nären Verschwörer-Schnle der vor- Achtundvierziger Epoche. Er war keineswegs ein Anarchist, wie vielfach in Deutschland gemeint wird, sein Ideal war die revolutionäre Kommune des Jahres 1792— die befreite und befreiende Kommune. An diesem Gedanken hielt er fest sein Leben lang. Den modernen Sozialismus zu begreifen, war er unfähig, doch hielt ihn sein revolutionärer Instinkt davon ab, sich zu der aufkommenden Arbeiterbewegung in Gegensatz zu stellen. Als ihn im vorigen Jahre das Departement der Rhoncmündung(Marseille k.) in die Kammer wählte, schloß er sich dort der Gruppe der Arbeiter- Vertreter an. War er auch nicht mehr der feurige Tribun von 1848, so hat er doch noch bei verschiedenen Gelegenheiten energisch seine Stimme für die Rechte des Volkes, für die Interessen der Arbeit erhoben. Schon im Jahre 1870 hatte Pyat Alles in Allem 212,000 Franken Geldbuße, eine Vcrurtheilung zur Deportation, Gefängnißstrafen bis zu 27 Jahren 5 Monaten, sammt fünf Jahren Ehrverlust auf dem Pelz. Natürlich hatte er weder das Geld erlegt, noch die Strafen abgesessen. Nach der Kommune wurde er in coiitmnaciain zum Tode verurtheilt, und als er 1880 aus dem Exil zurückkam, zog ihm eine Rede, in der er vorschlug, Berezowski, der 1868 ein Attentat auf den russischen Zaren versucht, einen Ehrenrevolver zu schenken, eine neue Verurthcilung zu. lim Pyat richtig zu bcurtheilen, muß man die eigenthümliche Ent- Wickelung des neueren Frankreich genau kennen, nur aus ihr heraus ist er zu verstehen. Er war Franzose durch und durch, französischer Pa- triot, allerdings nicht im Sinne des Chauvinismus eines Deronlede, sondern eher im Sinne der revolutionären Patrioten des vorigen Jahr- Hunderts: Frankreich ist das Land der Freiheit und dazu berufen, allen andern Ländern die Freiheit zu bringen. Worin er auch gefehlt, was er auch gesündigt, er war ein ehrlicher Mann, ein Mann von Ueberzeugung, und durchaus uneigennützig. Sein Herz schlug warm fiir die Sache der Unterdrückten, und in ihrem Lager ist er gestorben. Die Partei der Unterdrückten wird sein Andenken in Ehren halten. — DaS soziale Königthum entfaltet sich immer schöner und strahlt in immer hellerem Glänze. Die westfälischen und schlesischen Kohlen- barone maßregeln fortwährend, und sobald ein Arbeiter sich auf das„Versprechen des Kaisers" bezieht, wird er noch obendrein mit Fußtritten regalirt. Und die paar„Reformen", die anfangs zugestanden wurden, sind mittlerweile sämmtlich z u r ü ck g e n o m m e n worden. Inzwischen arbeiten die Gerichte mit voller Dampfkrast: im Waiden- bnrger Bezirk allein haben sie an die„Rädelsführer" der Berg- arbeiter in Sunmia schon 190, schreibe e i n h u u d e r t u n d n e u n z i g Jahre Gefängn iß nndZuchthans verabreicht— in majorem regio gloriam— zur größeren Ehre des sozialen Königs und des sozialen K ö n i g t h u m s! Der„Aufruhr" bestand in einer etwas kräftigen Demonstration gegen verschiedene besonders brutale Grubenverwalter, u. A. einen gewissen Fischer, der den Berg- arbeitcrn, als diese sich über das Unzureichende des Lohns beschwert hatten, höhnend die Worte zurief:„H ä n g t E u r e K i n d e r an die äune oder in den Rauch, oder eßt Kieselsteine und e t t e n n u d e l n." F o u l o n, der Generalpächter, der vor hundert Jahren von den Parisern an die Laterne gehängt und in Stücke ge- rissen ward, hatte lange nicht so roh des Volkes Elends gespottet! Und dabei diese A rbeiter-Enqn etc! Die Herren Landräthe und Agenten der Grubenbesitzer, welche die Untersuchung zu führen hatten, hüteten sich natürlich, etwas zu entdecken, und so ist denn auch nicht s, buchstäblich nichts entdeckt worden. Und als schließlich die Unter- suchnug zu Ende war und es fest stand, daß nichts Unbequemes mehr an den Tag gezogen werden konnte, forderte man—„auf besonderen Wunsch Seiner Majestät, des sozialen Königs"— jeden Arbeiter, der etwas auf dem Herzen habe, zur Mittheilung auf. Natürlich war kein Arbeiter so dumm, auf den Leim zu gehen, denn er wäre bloß ge- maßregelt worden und hätte doch nnr in den Wind gesprochen. Und so ist denn diese Enquete-Farce glücklich zu Ende— mitsammt der Farce voni„sozialen Königthum." — Ein fataler Druetfehler hat sich im Leitartikel unsrer letzten Nummer eingeschlichen. Es wird dort unter den possibilistischen Ver- dächtigern des Kongresses der Vereinigten Sozialisten auch Bnrns auf- geführt das ist natürlich falsch, es muß an der betreffenden Stelle B u r r o w s heißen. John Bnrns, der durch den Besuch des er- wähnten Kongresses bereits gezeigt hat, daß er diesen Verdächtigungen absolut fern steht, geht vielmehr im Londoner„Labour Elector" sehr scharf mit den englischen Verbündeten der Possibilistcu, bezw. Possibi- listen s ü h r e r in's Gericht. Wir erfahren da, daß H. M. Hyndman und sein Freund Smith- Hcadingley in einer Konferenz der englischen Delegirtcn anfangs überhaupt gegen die Vereinigung ein- traten, dann aber, als sie merkten, daß die Trades-Unions-Delegirten für die Verschmelzung waren, einlenkten und die Vereinigung von der Mandatsprüfling abh ingig zu machen vorschlugen.„Da» Amüsanteste, ja Verächtliche bei der Sache war", schreibt Bnrns,„daß die Einwände gegen die Vereinigung nicht von Fenwick, Evcleigh, Cooper und An- deren kamen, die große Organisationen vertraten, sondern von Leuten wie Hyndman, der von 23 Personen geschickt worden, und Burrows, der über die„bona tickea" der Clerkcnwell- Sektion der Sozialdemo- kratischen Fedcration so im Zweifel gewesen, daß er sich ein Halbpart- Mandat von Leuten geben ließ, die nichts vom Sozialismus verstehen, und wenn sie etwas davon verständen, jemand anders geschickt haben würden." Im Ganzen hatte die Sozialdemokratische Fedcration 10 De- legirtc entsendet, die 1926(„in Wirklichkeit weniger als die Hälfte") Mitglieder vertraten, und diese entschieden gegen die Verschmelzung. „Vier davon vertraten zusammen 124 Manu und galten in der Ab- stimmiing iiber die Vereinigimg genau so viel als vier andere Leute aus England und Amerika, die zusaiinuen über 200,000 Personen vertraten." Wir geben diese Mittheilungen hier wieder, weil sie so recht deutlich zeigen, daß das Herumreiten auf der Frage der Mandatsprllfnng welter nichts war, als ein faules Manöver, Uneingeweihten Saud in die Augen zu streuen. Nach den Zulaßbedingiingen der Possibilistcu hatte ein Verein, und wenn er nur ein halbes Dutzend Mitglieder zählte, das Recht, drei Delegirte zu entsenden. In wie viel Fällen dies Ver- hältniß eingetroffen, sind wir nicht in der Lage, festzustellen, für uns genügt es, daß es legitim war, und daß selbst das Verhältniß von 3x3 legitim gewesen wäre. Und wenn ein Lawröff, ein Plechanow, eine Frau Jankowska auch keine Mandate gehabt hätten, wäre die An- Wesenheit dieser Leute, die notorisch das Vertrauen ihrer sozialistisch gesinnten Landslente genießen, und um der Sache willen die Heimath i, leiden müssen, selbst dann auf einem Internationalen sozialistischen Kongreß nicht zehntausendmal gerechtfertigter, als die so regelrechten Delegirten irgend eines obskuren„Stiidicn"-Vcreins? Bei dieser Ge- legenheit sei noch erwähnt, daß„Justice" und„Proletariat" nachträg- . lich ihre erste Meldung, daß der Possibilistcu- Kongreß als die Vor- bedingung der Verschmelzung die Prüfung der Mandate des niarxisti- schen" Kongresses verlangt habe, dahin berichtigt haben, der Beschluß habe auf gemeinsame Prüfung aller Mandate gelautet. Wir halten uns für verpflichtet, das mitzutheilen, unsere Ansicht, wie der Beschluß maßgebenderseits gemeint war, wird dadurch nicht geändert. Der gleichzeitige„Jrrthum" in beiden Organen spricht eine zu beredte Sprache. — In der amerikanischen Presse wird auf Grund nach dort ge- langter Telegramnie über die Internationalen Kongresse wiederholt von den„energischen Anstrengungen" Hyndman's gesprochen, den Pos- sibilisten-Kongreß zu Gunsten der Vereinigung zu bewegen. Wer immer diese Nachricht in die Welt gesetzt, wir konstatircn hier, daß sie das Gcgentheil des wirklichen Sachverhalts sagt. — Die Bismarckischen Reptilien haben in Bemerkungen über den Internationalen Kongreß allerhandErheiterndes geleistet, das genügend zu würdigen uns indeß leider der Raum fehlt. Zn dem Erheiterndsten, was sie geleistet, gehört zweifelsohne der krampfhaftc Versuch, aus der Erklärung Liebknechts gegenüber Domela Nicuwcn- huis und aus dem Bericht Bebels den Beweis herzuleiten, daß die deutsche Sozialdemokratie sich in Paris aus einer wilden R e v o l u- tionspartei in eine zahme Reform Partei umgewandelt habe. Daß dieses Wunder sich gerade im„wilden" Frankreich völligen haben soll, macht die Sache noch komischer. Nun— das einzige Wunder an diesem Wunder ist, daß die Reptilien nicht wissen, daß, was Lieb- knecht über die Taktik der Partei sagte, schon auf allen Partei- kongressen gesagt worden ist; und daß, was Bebel über die Ent- Wickelung der Partei und über unser Verhältniß zu dem nationalen und internationalen Arbeitcrschutz sagte, dem Wesen nach schon in Dutzenden sozialdemokratischer Reichstagsrcden und im St. Gallcner Kongreßpro- tokoll gefunden werden kann. Die Unwissenheit unserer Reptilien ist eben wunderbar— und auch die anderer Leute, denn es sind nicht bloß Reptilien, die diesen Blödsinn vom Stapel gelassen haben. Nun— vielleicht nehmen die Betreffenden Veranlassung, sich mit der Geschichte unserer Partei zn beschäftigen. Dann hätte der Kongreß auch für sie praktischen Nutzen gestiftet. — Ob katholisch geschoren, ob protestantisch gescheitelt- Pfaffe bleibt Pfaffe. Die Lorbeeren der ultramontanen Hctzbrüdcr im rheinisch- westfälischen Kohlenrevier lassen ihre„evangelischen" Kon- knrrenzbrüder„in Christo" nicht schlafen. Auch sie schinipsen mit wahrer Berserkcrwuth auf die Bergarbeiterdclegirten des Jnternatio- nalen Kongresses, und die Thatsache, daß in der Gelsenkirchencr Ver- sammlung, an der 218 Delegirte ans 77 Zechen thcilnahmen, sich sehr wenig Neigung dafür zeigte, den Delegirten Eckhard kctzerrichtcrlich abzuthun, hat sie ganz aus dem Häuschen gebracht.„Daß ein Brodam und sogar ein Schröder einen Eckhardt nicht ausschließen wollen", zetert einer ihrer Haupthähne, der Verkündiger der Religion der Liebe, Weber,„läßt sehr tief blicken! Unser Ruf ist jetzt:„Fort mit Eckhardt! Fort mit Brodam! Fort mit Schröder! D i c s e B e- w e g u n g hat j c tz t u n s e r c S y m p a t h i e f ü r i m m e r v c r- loren!" Nun, da verliert sie blutwenig. Oder vielmehr, sie gewinnt nur. Falsche Freunde, die uns bei jeder Gelegenheit in den Arm fallen, um uns am kräftigen Eintreten für unsere Interessen zu hindern, sind schlimnier als offene Feinde, und so minim der Einfluß der evangelischen Betbrüder in den Bcrgarbeiterkreisen auch war, so hat er der Bewegung derselben jedenfalls nur geschadet. Je eher sich diese Mucker als die Handlanger des Ausbeuterthums bloßstellen, um so besser. — Die offiziöse Presse hat in der letzten Zeit wieder gewaltig Tamtam geschlagen zum Preis der faniosen Bismarck'schen „Sozialrcform". Das Schaustück derselben ist die Unfallver- s i ch e r u n g, und da die Regelung der Haftpflicht früher eine so miserable war, daß selbst die Bourgeois-Libcraleu die Nothivcudigkcit einer Acnderung eingesehen hatten, so ist es wahrhaftig ein sehr nichts- sagendes Lob, wenn man feststellt, daß die Verhältnisse heute nicht niehr ganz so schlecht sind, wie damals. Dabei wird aber wohlweislich ver- schwiegen, einen wie großen Antheil an den Kosten der Unfallvcrsiche- rung die Arbeiter aus ihrer eigenen Tasche direkt— indirekt müsse» sie ja alles bezahlen— tragen luüssen, und zweitens schweigt des Sängers Höflichkeit von den Schönheiten der kunstvoll ansgedrechselten und das e i g e n t l i ch B i s m a r ck i s ch-s o z i a l r e f o r ni a t o r i s ch c Element vertretende Organisation der Unfallversicherung. Wie es in dieser Hinsicht ausschaut, darüber läuft gerade jetzt wieder ein recht drastisches Exempel durch die nicht reptilisirte deutsche Presse. Mau höre nur: „ H ö ch st„k o st b a r" ist in der That die vielgerühmte deutsche „S o z i a l r e f o r m". Die erwachsenden Kosten werden zwar nicht durch die„e n o r ni e n" Renten verursacht, welche die Arbeiter beziehen, sondern durch die Verwaltung, welche sich im Besitz diverser Giinstlmge der tonangebenden llutcrnchmer befindet. Folgendes Beispiel ist wieder äußerst lehrreich. Bei der schlesischen land- w i r t h s ch a f t l i ch c n B e r u f s g e iticks s e n s ch a f t betrugen die vom 1. April 1888 bis zum 31. Dezember gezahlten Nu fall ent- schädigungen zusammen 4:;7<», litt Mark. Die Sektions- v o r fr ä n d e haben 14,759,32 Mark, der G e n o s s c n s ch a f t s v o r- st a n d 16,022,13 Mark, die S ch i e d s g e r i ch t s v o r s igen d en endlich 735,16 Mark liquidirt, so daß im Ganzen 35,893,20 Rlark umiulegcn sind. Dazu treten noch die H e b e g e b ü h r e n und die Kosten der portofreien Einsendung au die Landeshauptkasse von Schlesien. Aber auch ohne die letzteren kommen auf jede Mark ausgezahlter U n f a l l e n t s ch ä d i g u n g üb e r acht Mark Bcr- waltungökostcn l" Kann iiiair sich ein s k a n d a l ö s e r e s M i ß v e r h ä l t n i ß denkeu? Dasselbe ist aber eine natürliche Folge der s k I a v i s ch e u R ü ck s i ch t- nähme auf die Wünschen und Interessen des A u s b e u t e r t h u m s bei der Ausarbeitung dieses und der anderen Prachtstücke der großen „Sozialreform". — Anarchistisches. Unsere Leser werden in der TageSpresse von der vor einiger Zeit in Paris erfolgten Verhaftung eines gewisscu P i n i und einiger mit demselben in Verbindnug stehender Personen gelesen haben. Aus den Berichten ging hervor, daß Pini und Genossen allerhand Betrügereien und Raubzüge verübt hatten, die ihnen viel Geld einbrachten, daß sie auf große m Fuße lebten, sich M ä t r e ss e» hielten 2C., daß sie sich für Anarchisten ausgaben, sogar vor- übergehend eine anarchistische Druckerei unterhielten, und daß schließlich Pini im Verein mit einem gewissen P a r m e g g i a u i eineu italienischen revolutionären Journalisten, Calso Ceretti, Redakteur des sozialistischen Blattes„II Sole ckol Ayennire"(Die Sonne der Zukunft), der vor ihnen gewarnt hatte, in feiger Weife ermordet hatten.— Wir haben lange Anstand genonuncu, von allen diesen Mit- t Heilungen Notiz zu nehmen. Daß Pini und feine Genossen bei den Anarchisten in Paris ze. eine gewisse Rolle gespielt, war zwar nicht zu bezweifeln, aber weder lag ein Beweis vor, daß diese um seine Diebs- und Mordstreiche gewußt, noch daß sie sie gebilligt. Verkommene oder verwahrloste Individuen können sich in jede Gemeinschaft einschleichen, und bisher waren es immer nnr einzelne Anarchisten gewesen, welche die Diebs- und Mordthcorie akzeptirt hatten. So glaubten wir vorerst die öffentliche Gerichtsverhandlung abwarten zu sollen, ehe wir uns über die ganze Angelegenheit zn äußern hätten. Ein Umstand veranlaßt uns heute, die Zurückhaltung, die wir uns auferlegt, zu unterbrechen. Das Pariser Anarchistenorgan„Da ftevolte", das gewisseruiaßen hervorragendste Organ des Anarchismus, nimmt in feiner neuesten Nummer offen für Pini Partei. Es schreibt an der Spitze seiner sozialen R u n d s ch a n: „Alle Genossen haben in den Bourgcoisblälter» mehr oder minder ausführliche Details über das, was diese die„Baude Pini" neiiueu, lese» könncii. Bevor wir darüber das Wort nehmen, wollen wir Aiiskunft abwarten, hören, was daran sei. Hier Näheres über Pini: In Italien, wo er sich viel in revolutionären Gimppen bewegte, hat er den Baron Frauchetti, einen sehr reichen Besitzer, der seine Pächter zwingen wollte, zn seinen Gnusten zn stimmen, eine schwere Züchtigung beigebracht. Genöchigt, sich nach Frankreich zu flüchten, um einer wegen der obigen That erfolgten Verurthcilung zu zwei Jahren Gcfängniß zu I entgehe», kam er nach Paris, wo er in die revolutionäre Bewegung eintrat und, einsehend, daß der Geldmangel der anarchistischen Sache tödtlich ist, danach trachtete, mit Gefahr seines Lebens und seiner Frei- hcit der Propaganda die Mittel zu verschaffen, die ihr mangeln. Diejenigen, die ihn kennen, sind überzeugt, daß er nur für die Pro- paganda gehandelt; und wen» Pini der ist, wofür sie ihn halten, so sind sie überzeugt, daß die Gerichtsverhandlungen nicht ermangclir »Verden, diese Sache in einem neuen Lichte erscheinen zu lassen, und den Bourgeois zu»oiffen thun»Verden,»vas ein Mann vcrinag, der für die Propaganda seiner Ideen handelt, iudem er derselben seine ganze Energie»vidmct. Noch eine Mittheilung. Sein Großvater»vnrde, ebenso wie seine Groß- mntter, im Jahre 1831»vegcn Konspiration verhaftet, der Großvater wurde gehängt, die Großmutter brachte diejenige zur Welt, die unserm Genossen das Leben schenken sollte. Diese, soivic die Schivester Pini's, wurden jüngst eingekerkert und in einer Weise gemartert, daß die Schivester»vahnsinuig gcivorden ist. Man begreift unter diesen Uinständen den tödtlichcn Haß Pini's für die Regierenden und die Ausbeuter." So die„Revolte". Das im Schlußsatz Mitgetheilte kann,»venn richtig, als mildernder Umstand für Pini gelten, soivcit es sich um diesen als Individuum handelt. Für uns aber handelt es sich nicht um die Person, sondern um die That, und nicht die That, bczw. die Thatcn an sich, sondern um ihren Zusammenhang mit irgend einer polstischen, beztv. sozialpolitischen Partei. Diese»vird in der Notiz der„Revolte" nicht nur zugegeben, sondern sogar beansprucht. Ob»nit Recht oder Unrecht, kann dahingestellt bleiben, beziv. ist Sache der„Revolte" und ihrer Gewährsmänner. Genug, diese stellen sich auf den Boden derer, die das gemeine Verbrechen billigen,»venn es im— wirklichen oder angeblichen— Interesse der Sache verübt wird. Wir brauchen nicht erst zn erklären, daß»vir diesen Standpunkt absolut verwerfen. Ein so großer Nachthcil der Geldmangel für die Einmizipationsbewegnng der Arbeiter auch ist,»vcdcr ist er ihr „tödtlich"— das kann er nur für eine Beivegung sein, die ans Mitteln, über die sie verfügt, nicht ans den»virklichen Verhältnissen die Wurzeln ihrer Kraft zieht,— noch ist er iiberhmipt der größte, der ihr im Wege srcht. Ein zehninal größerer»väre die K o r r u p t i o n, die m o r a- l i s ch c B e g r i f f s v e r>v i r r n n g, die naturnothwcndig da ein- reißen in n ß, wo die Diebs- und Mordtheorie, nach der Pini gehandelt, Eingang findet. Im Ge gentheil, in ihrer Armuth liegt die Stärke der modernen Arbeiterbeivegnng, daß sie auf die sauer erworbene» Pfennige der Arbeiter selbst angclviescn ist, ist eine Gelvähr für ihre Selbständigkeit. Andernfalls»vürde sie zum Tuinmelplatz von Abenteurern und ehrgeizigen Strebern, von Prätori- anern und Demagogen. Die Korruption der heutigen Bonrgcoisgcscll- schaft»vnrde in verstärktem Maße in die Beivegung hineingetragen,»vclche die Mission hat, die menschliche Gesellschaft von Grund aus zu rcgenerircn. Mögen die Anhänger jener Theorie hundertmal sich für Gegner der heutigen Gesellschaft ausgeben oder halten, zivischen ihnen und über- zeugten Sozialisten kann selbst von Neutralität nicht die Rede sein. Sie find Gegner der Sozialdeniokratic, genau»vie irgend eine, auf dem Boden der heutigen korrupten Gesellschaftsordnung stehende Partei. Es mögen edle, selbstlose Personen unter ihnen sein— solche gibt es in allen, selbst den reaktionärsten Parteien. Wir können ihre Vcrirrung beklagen, aber»vir dürfen nicht aufhören, sie zu bekämpfen. Die deutschen Genossen haben das erkannt, und wohl ihnen, daß sie es Methan. Die Partei wäre in alle Winde zerstoben, hätte sie sich zur Gesinmingshöhe derer anfgeschtvungen, die jedem Abenteurer erlauben, in ihren» Namen zu stehlen und zu morden. — Korruption über Korruption. In Amerika, in Rußland, in Frankreich— überall Korruption unter den Beainten und in der Armee — bei uns Deutschen lauter Reinheit und Tugend!"— so spreizte sich bis vor»venigen Wochen das deutsche R c i ch s- P h a r i s ä e r t h u m. Heute ists etivas kleinlauter gcivorden. Der kolossale BestechiliigSprozeß in Berlin zeigte schon, daß unsere ganze Mktitärvcrwaltung durch und dnrch faul ist; und nun sind plötzlich große Ilnterschleifc auch in der Marineverwaltung(Kiel) und sogar bei der M i l i t ä r m u s i k (Dresden) entdeckt worden. Kurz, auch in dieser Beziehung ganz ruf- fische Zustände.— — Die Maßregelungen von Seiten der Unternehmer nnd die Chikancn von Seiten der Behörden gegen die deutsche» Delegirtcn vom Pariser Kongreß stehen in so krassem Gegensatz zu der Behandlung, welche die Kongreßtheilnehmcr in Frankreich er- fahren haben, daß man den Erstgenannten nicht dankbar genug sein kann für ihre Propaganda für die— Republik. Arbeiter zn ent- lassen für ihre TheiUiahine an einem Kongreß, das»vnrde in einem politisch nur einigeruiaßen freien Lande einen»vahren Sturm der Ent- rilswng hervorrufen, in Deutschland geschieht es nicht nur in Fabrik- distrikten, Ivo das Ilnternehmerthum fast unbeschränkt herrscht, sondern auch mitten in der Reichshauplstadt, und das Leiborgan des großen SozialreforinerS, um den die Welt Deutschland beneidet, legt den Rechts- verdreh«»» in Deutschland dje Frage vor, ob man nicht die Kollegen des Entlassenen— Metallarbeiter Becker— dafür, daß die Arbeits- nicderlegung die Unternehmer zur Zirrücknahine der Maßregelung bc- wegen vcrsttchtcn, wegen E r p r e s s n» g belangen könne. So i n f a m der Vorschlag ist, so sind»vir den Urhebern desselben doch höchst dank- bar. dem» er zeigt ihre„Arbeiterfreundlichkeit" im schönsten Lichte. Wir»vollen übrigens nicht versäumen, die Firma,»velche die crivähute Maßregelung verfügt, gebührend an d e n P r a n g e r z» nageln: es ist die Maschinenfabrik von Max Hasse u. Komp. — Auch der Delegirte der Ztvicknncr Bergarbeiter, Strun?, ist bei der Heimkehr von Paris gcinaßrcgelt»vorde». Er hat von der Zeche, auf der er bisher geschafft,„Abkehr" erhalten, obwohl er vor der Abreise»im Urlaub eingekoinmen war. Wir bedauern, daß wir nicht in der Lage sind, den Schuft von Ausbeuter der öffentlichen Verachtung preiszugeben, noch mehr aber bedauern wir, daß die Kameraden des Strunz diesen Faustschlag gegen ihre staatsbürgerlichen Rechte ruhig hinuahinen. Je mehr man sich bieten läßt, um so unverschämter»vird man getreten. Die Zahl der Versaminlnngsverbote und V e r s a in in- I„ n g s a n f l ö s u i» g c n, um die Berichterstattung der Theil- nehnier am Kongreß zu v e r h i n d e r n, ist Legion, und die Moti- virnngen sind eine imincr alberner wie die andere. Jndeß, wenn unsere Feinde absolut darauf versessen sind, sich lächerlich zu machen, haben wir kein Interesse, sie daran zu hindern. — Zur Vcrrohimg der deutschen Studenten. Wir lesen in -deutschen Zeitungen: Amtsanwalt P o l i z e i r a t h B r a n n w a r t in Würzburg hielt kürzlich nach der„Nene» Badischen Landes-Zeitung" gelegenllich einer Verhandlung vor dem Schöffengericht eine Rede über die Zunahme der S t u d e n t e n- S k a n d a l e. Er sagte: „Es herrscht jetzt ein eigenthünilicher Geist in der deutschen Stndenten- ,toclt. Wir waren auch an der Universität, aber damals»vnrde von den studentischen Korporationen streng darauf gesehen, daß man über das Maß des erlaubten Scherzes nicht hinausgehe und den Stand der Gebildeten nicht dnrch Rohheiten blamirc. Heute sagen die Studenten z» den Nachlvächtern:„Wir sind die Gebildeten, Ihr seid die Unge- bildeten!" Und aus diesem Unterschiede leiten die Gebildeten das Recht ab, die Nachtivächtcr nicht bloß anznnlken, sondern förmlich an- zufalle» nnd als Rachtochsen, Banernrammel, Sauschneider.'c. zn bc- schimpfen. Die Studenten, die streng auf Ehre halten»vollen, sollen doch anderen Leuten nicht die Ehre absprechen. Das ist keine Studenten- art»»ehr! Wegen solchen Benehmens»vären früher die Studenten nlit Schand und Spott von ihren Verbindungen ausgeschlossen»vorden. Die Studenten sagen hier:„Wir sind unschuldig." Sie leugnen alles und schieben die Schuld anf die Nachtlvächter. Sie reden von den Ausschrcitungen der Nachtwächter, wenn einmal ein Skandalniacher, der sich der Festnahnie widersetzt und den Spektakel und die Schimpferei fortmacht, unsanft beim Kragen geuolnnien und ihm die Kravattc abge- rissen»vird. Davon sprechen die Herren; nicht aber von den Roh- Heitel», die sie an den Nachtivächtern verüben. Es kann ja vorkommen, daß sich einer einen Rausch kauft und in diesem Zustande über die Schnur haut, aber dann soll er vor Gericht auch männlich bekennen: „Ich»var betrunken und bedaure, daß der Unsinn vorgekommen ist"— statt die Nachtwächter anzuklagen und auf diese armen Teufel abzu- laden. Polizei, Staatsanivälte nnd Richter müssen jetzt energisch und rücksichtslos gegen die Skandalmachcr vorgehen. Die Exzesse mehren sich von Semester zu Semester, namentlich arg ist es seit dem letzten Wintersemester. Ich»vciß gar nicht,»vclcher böse Geist, welche Wildheit und Roh heit in die deutschen St n- deuten hineingefahren ist. Das kann nicht weiter gedilldet, die Staatsantorität»nnß geivahrt»verde»» nnd auch dein kleinen Mann, dein Nachtlvächter, Schutz zu Theil»verde». Ich»verde deshalb von nun an jedesmal in solchen Fällen Gefängnißstrafen beantragen." Nun,»vir wissen,»velcher böse Geist,»vclche Wildheit und Rohheit in die deutschen Studenten hineingefahren ist. Es ist der„Geist der Wildheit und Nohheit", der heute in Deutschland regiert, der, seiner Natur gemäß, Wildheit und Rohhcit erzeugt, und die Schulen, namentlich die Universitäten zu Schulen der Wildheit und Roh heit geinacht hat. Uebrigens hat Professor S ch n» o l l c r sich neuerdings ganz ähnlich über die Verrohung und Faulheit unserer studircndcn, oder richtiger nicht studirenden Jugend ausgesprochen: Ein Drittel lerne gar nichts nnd die übrige» zwei Drittel»neistens sehr»venig. Das Volk der Denker ist auf dem besten Weg, sich in ein Volk von nichtsivissenden Rüpeln zu verwandeln. Hohe Zeit, daß der Augias- stall ausgefegt»vird. — Ucber die Verschuldung der amerikanischen Farmer lesen wir im„Philadelphia Tageblatt: „Es kommt,»vie es nicht anders kommen kann. DerFarmer geht zu Gr n n d e. Ein offizieller Bericht der Stcuereinschätzer des Staates Nciv-Pork sagt: „Während das G r u n d e i g e n t h u m in den Städten im Werthe steigt, ist es auf dem Lande durchgängig in stetigem Fallen begriffen. Es sind keine Käufer für Farinland da. Viele Farmer sind mit Schulden belastet. Die Eigenthüuier sind oft mit den Zahlungen im Rückstand und die Hhpothekenbesitzcr müssen, nicht selten gegen ihren Willen, die Eigenthümcr»verde»», tvährend der Farmer zum Pächter herabsinkt. Die Steuereinschätzer findeii die Ursache darin, daß Getreide, Vieh und manche andere Farmprodukte aus dem Westen»vohlfeiler»ach den östlichen Städten geliefert»verde», als sie im Osten selber erzeugt werden können. Das Land ist im Osten theurer, trotzdem vieles da- von bergig ist. Die Aecker sind kleiner nnd oft nicht geeignet, mit den neuen verbesserten Ackerbaumaschincn bearbeitet zu werden. Die Kar- toffcln, mit denen es viele östliche Farmer statt des Getreides versucht haben, bringen nichts ein. Auch die Produkte der Milchwirthschaft lohnen sich nicht: der Profit füllt meistens in die Hände der Mittel- lentc. Das ist im O st e n. Wie ist es im W e st e n? Darüber belehrt uns das statistische Bureau des Staates Illinois. In diesem Bericht»verde»» die Größen der Hypothekenverschuldnng von Einwohnern des Staates für die Jahre 1870, 1880 nnd 1887 vorgeführt und daneben auch die Summen des»virklichen Werthes der Farmländereien. Von den beiderlei Beträgen»vcrdeu diejenigen bezüglich des Grilndeigenthnms in Städten und den benachbarten Ortschaften von Chikago anögeschieden, und dann ergibt sich die Beivegung der Hypo- th-kenlasten, die auf der Farmbevölkerung des Staates ruhen, in nach- stehenden Zahlen: Im Jahre 1870.... Doll.»5,721,003 Im Jahre 1880..... 103,525,237 Im Jahre 1887....„ 123,733,093 Hierbei sind vom Statistiker, sotvsit»vie möglich, solche Hypotheken- schulde» in Abzug gebracht worden,»velche nnbczahlt gebliebene Theile der Kaufsumme darstellen. Was übrig blieb, repräsentirt den Betrag der von den Farmern anfgenomniene» Anleihen. Und damit kommt der Stasistikkommissär zu folgendem Ergebniß: Die Verschuldung der Fariner nur allein in Folge von Anlehen ist in den Jahren 1880—1887 um nicht»veniger als 23 Prozent gewach- sen, und das ist mehr als daSDoppelte der Rate des W a ch s t h u in s b e i in Werthe des Ackerlandes. In 2 0 C o u n t i e s ist der Bodeinverth überhaupt nicht mehr gestiegen, � sondern gesunken, während derselbe in 16 Eonnties stationär' ge- blieben ist. Nur für die restirende» 25 Countics war eine Werth- steigerung zu verzeichnen. Dazu bemerkt die„Indiana Tribüne": Für den Verständigen, für denjenigen,»velcher die»virthschaftliche Entwickelnng der Berhältnissc begreift, liegt darin durchaus nichts Ucberraschendcs. Interessant, aber geivisserinaßen auch belustigend sind für ihn nur die krampfhaften Be- mühilngen der Unverständiaen, die»vahre Ursache zn entdecken,»vobei sie natürlich nie anf das Rechte kommen. Die sozialistische Wissenschast hat seit Jahren es vorausgesagt, daß der Bauer gerade so zu Grunde gehen»verde nnd müsse»vie der Hand- »verker, man hat sie ausgelacht. Man hat so etwas in Amerika nicht für möglich gehalten,»veil es noch so vi:', nnbenntztes Land gibt. Diese Thatsachc aber»nacht die Landivirthschaft vom finanziellen Standpunkt ans nicht ergiebiger, das heißt nicht profitabler. Sic schafft die Kon- knrrenz nicht bei Seite,»velche der Großbetrieb den» Kleinbetrieb uiacht. Es geht dem Farmer»vie dem Handiverkcr, den» Kleinprodnzente» und dem Kleinhändler. Der Großbetrieb rniNirt ihn. Bei dem Ackerbau bezahlt sich die ausgedehnte Anivcndung von Maschinen ebenfalls nur bei dem Großbetrieb, und der kleine Farmer geht völligem Ruin ent- gegen. Wie das Kapital sich in immer»veniger Händen konzentrirt, so auch der Grundbesitz. Der Prozeß der Verschuldnng nnd Enteignung des Farmers geht stetig, aber unanfhaltsam vorwärts. Einstweilen begreift der Farmer die Ursachen noch nicht. Auch er ist noch von den Frei- Handels- resp. Schntzzollideen angesteckt, und sucht in der Ausführung der einen oder andern Idee sein Heil. Aber eines Tages werden auch ihm die Augen aufgehen. — Gut abgefertigt. Ein lutherischer Pfaffe in Stockholm, der Hofkaplan B c s k o>v ,' hatte sich schon lange darüber geärgert, daß die Sozialdemolraleu seinen„lieben Herrn Jesus" für sich in Anspruch nehmen und ihn als Sozialistcu oder gar-ff-fKomniunisten hinstellen. Er strengte also seinen orthodoxen Schädel an, um ein recht schlagen- des Argument gegen diese Annexion seines gekreuzigten Heilandes«ei- teils der gottlosen Rothen anszudüftcln. Und wunderbar, er fand auch eines, über das er selbst höchlichst entzückt war. Bald fand sich auch eine Gelegenheit, es an den Mann zu bringen, indcin er den politisch- radikalen Abgeordneten Gumaelius bei der Lektüre de?„Sozialdemo- kraten" ertappte. „Wie können Sie, als gntcr Christ, ein solches Blatt lesen?" srng er ihn in salbungsvoll-entrüstetem Ton. „tztiin, warum denn nicht?" antivortete Jener.„Christus war ja, wie das Blatt znwellei» anführt, selbst ein Sozialist." Bessere Gelegenheit konnte der Herr Hofkaplan nicht finden, um das Ergebniß seines tiefen Nachdenkens zu vcnvcrthen. „Gut, sei es so", antivortete er;„aber mit einem kleinen Unter- schied: Christus sagte:>v a s n» i r g e h ö r t, g e h ö r t E u ch;»vährcnd die Sozialisten sagen:»vas Euch gehört, gehört mir!" Trinmphirend blickte er auf sein Gegenüber; dieser aber verzog gar keine Miene, sondern erividerte trocken: „Wenn das sich so verhält— obivohl ich mich dunkel erinnere, daß Christus stets von einer anf Gegenseitigkeit beruhenden Nächstenliebe sprach— so hatte er gut reden: er besaß ja nichts!" Der Herr Hofkaplan soll darauf kein besonders geistreiches Gesicht gemacht haben. Aufruf. Der Schneider Wolfgang Pähl,»an» aus Leipzig wird dringend ersucht, Näheres über sein Ergehen seit 1886 für seine Freunde K. und M. in a l l e r B ä l d e zu berichten. Briefe vermittelt die Expedition des„Sozialdemokrat." Nachruf. Am Sonntag, den 14. Juli, ertrank unser Genosse Hermann Böhnke. Seine Leiche wurde, trotz eifrige» Suchens, erst am Freitag den 26. Juli gefunden und am darauf folgenden Sonntag beerdigt. Das Geleitc zu seiner letzten Ruhestätte war iin»Vahren Sinne des Wortes großartig zu nennen. Eine über tausend Personen zählende Menschen- »nenge folgte seine»» Sarge. Viele Depntationeu aus Kiel und Um- gegend waren,»nit Kränzen versehen, erschienen, unbeküminert NM die Polizei, die sich zu uns«« Venvnndcrnng nicht sehen ließ, weshalb auch der feierliche Akt einen äußerst würdigen Verlauf nahm. Den Schluß bildete ein Grablicd eines hiesigen Gesangvereins, so»vie kräftige Reden von Genossen, welche Kränze niederlegten. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Die Kieler Genossen. Briefkafteu der Expedition: I. I.: Sh. 10.— f. Schft. Cto. Vbhdlg. erh.— F. D. Philadelphia: Direkte E i n z e l sendung kommt nicht früher nach dorten, als die fbd.-Packetsdg. 10—12 Tage sind die Sachen ineist mitcmegs. Die Nummer v. 6/7 kam also rechtzeitig in Ihre Hand. Sie beziehen also am besten dort das Blatt.— L. Val. London: Sh. 4.— Ab. ab. 1/8 89 bis 1/2 90 erh.— P. B. Leeds: Sh. 4.— f. Schft. erh. Sdg. ain 6/8 abggn.— G. Mhlr. Cincinnati: Sh. 12. 4 v. 30/5 am 1/8 a Cto. Ab. erhoben. Angelegenheit Fdgr. inzwischen erledigt.— I. M. S. B.: Mk. 8. 80 Ab. 3. u. 4. Qu. erh. — Traunicht: Mk. 89. 70 a Cto. Ab. ee. erh. u. Adr. notirt. Aus- führlichcr Bericht f. d. S. wäre erwünscht.— Johann: Mk. 1000.— a Cto. Ab. k. am 2/8 prompt angelangt und gutgebr.— Pharao: Bfc. v. 31/7 kreuzte mit unsrigcm v. 1/8. Mk. 4.40 für gemeldetes Abonnement, notircn Ihnen ins Haben u. bitten Weiters dorten zu besorgen. Bfl. mehr.— Schützen: Mk. 80.— a Cto. Ab.»c. erh. Ad. zc. notirt. Bfl. Weiteres.— Regulus: MI. 20.— a Cto. Ab. k. erh. u. Ad. zc. vorgemerkt. Gewünschtes nochmals bfl.— Arabt Pascha: Mk. 35.— pr. Ggr. gutgebr. u. Weiteres besorgt. Bfl. aiu 2/8 mehr.— Der alte Rothe: Das war ein Neuer, der hat sich die Arbeit leicht gemacht. Näheres am 2/8 bfl. Ggr. v. Mk. 52.55 gutgebr. u. Bslllg. notirt.— Roth« Hlldr.: Mk. 3.— Ab. 3. Qu. u. 50 Pfg. pr. Ufds. dkd. erh. Beigabe besorgt. Beste Grüße dem a. Grdr., dem Geivünschtes zu vermitteln suchen.— A. E. H. Et.: Mk. 9.— Ab. pr. 89 erh.— Beelzebub: Broschüre dkd. erh. Weiteres nach Wunsch, lieber die 50 erbitten Rcchng.— Die Rthn. H. H.: Bstllg. notirt u. Weiteres beachtet. Was an uns liegt, geschieht stets zur Beschleunigung, aber das z»vischen uns müssen auch»vir üb« uns ergehen lassen. Kommt übrigens Alles.— Utopia: Ad. lt. Vor- läge v. 1/8 vorgemerkt u. betr. M. am 3/8 bfl. berichtet.— XanthiaS: Bse. v. 2. u. 5/8 n. beide s-bdsdgn. ftdl. dkd. erh., was bfl. avisirt glaubten. Betr. L. folgen bfl. andenveitigc Daten, desgl. Rechng.— Bcneficus: Nein, durch Z>v i s ch e n h a n d. Das Weitere aber erklärt sich als sehr natürlicher Rückschluß auf Ihre frühere Gewohnheit,»vie»vir bfl. zeige»»verde».— Kopenhagen: Bf. v. 2/8 erh. Bestelltes folgt. Dank für Aufschluß.— Elfterstrand: Adr. notircn lt. Vorlage v. 3/8. Die Notiz erfolgte iin allseitigen Interesse, nicht als Vorwurf, sondern um Vorsicht wach zu halten. Ad. lt. Zusage crivartet.— 81. St. Donald Ldn.: CHI. 2.— Ab. 3. On. erh.— O.B.Paris: Fr. 4.50 Ab. pr. Ende 8V f. d.„Typ. Forening" erh. Nachlfrg. ab 1/6 abggn. — M. F. i. B.: M. 5— Ab. 1/8— 1/11 erh.— E.E.B.: M. 3.— pr. Ab. erh. Bfl. Weiteres.— Scorpion: M. 125.— a Cto. Ab. k. erh.— G. S. Berlin: M. 6.— Ab. 3. u. 4. Qu. erh.— Rother Eisenlvnrm: Gewünschtes folgt bfl.— Rübezahl: Bstllg. v. 5/8 notirt. Betr. Adr. bfl. Näheres.— Th. B. Hoxton: Shl. 1.— a Cto. erh. — Mnöns: Bstllg. notirt. Unverbotcncs beziehen Sic doch besser bei den bekannten Herausgebern direkt. 2ldr. war doch längst gelöscht.— Hanptspitzel: Vorschlag akzeptirt und Adr. notirt. Bfl. mehr.— Pfeifenkopf: Auszug folgt und ergibt Weiteres. Adr. ordnen nach Vorlage v. 5/8. Betr. Tte. bfl. ---- Tyrann: Fr. 22.50 Ab. 2. Qu. erh. Immer noch kein Thron- folg«?— I. Mrbch. Lzr».: Fr. 4. 50 Ab. 3. Qu. u. Fr. 5.— pr. Ufds. erh.— Deutscher Verein Genf: Fr. 54.— Ab. 2. Qu. erh.— H. Kliike. Rice: Fr. 4.— Ab. Soz. n. Arbst. 3. Qu. erh.— Chur D. Verein: Fr. 8.35 Ab. 3. Qu. erh.= Die Notiz in Sachen Holz ha in in er»var znin Druck gc- geben, bevor uns ein von demseloe»„mit sozialdemokratischer Gesinnung" gezeichneter Drohbrief zuging. Darin enthaltene persönliche Anzapfungen berühren uns nicht.— Mögen die Urheber und Theil- nehnier des laut Schiedsspruch„g e g e n s e i t i g e n K l a t s ch e s" sich in die Qualifikationen theilen,»velche in Nro. 14 des„Sozialdemokrat" auf Grund der A a r a u e r W a r» u n g w.:c. zun» slusdruck ge- langten uud Holzham in er schiedsgerichtlich abgeiiommen »vorde» sind. — In der letzten Nummer der„Arbeiterstimme" ist folgende Publi- kation des Landesausschusscs enthalten, die wir hiermit zum Abdruck bringen, trotzdem unS vom Landesausschuß keine Mitthcilmig zugegangen»st: In der Angelegenheit Holzhainincr und Mitgliedschaft Aarau haben»vir die uns angetragene Untersuchung geführt. Wir kamen zu dein Ntesultate, daß wohl niemals leichtfertiger die Ehre eines Parteigenossen untergraben»vnrde. Es liegt absolut nichts vor, was zu der grundlosen Beschuldigung, wie in 9!r. 14 des Londoner „Sozialdemokrat" gegen Holzhainmer enthalten, berechtigte. Klatsch, nichts als Klatsch gegenseitig. Bemerken wolle» wie»och, daß die Aarauer die Form,»vie die Anklage erschien, selbst iiicht»vollt-n*) Wir bedauern, daß man sich zuständigen Ortes ohne vorherige Unter- suchung zu einer derartigen Publikation hindrängen ließ.**) Wir erwarten, daß Vorstehendem im„Sozialdemokrat" wie„Arbeiter- stiinme" unverkürzt Raum gewährt»verde. Der Landesaus schuß deutscher Soziali st en. *) D. h. die Aarauer Mitgliedschaft verlangte öffentliche Warnung, während der„Sozialdemokrat" im Briefkasten hiervon Notiz nahm und die Sache an die dortige, d.h. Schweizer, 8lr- beiterprcsse verivies. � **) Nachdem die M i t g l i e d s ch a f t Aarau die Pnblikatio» verlangt hatte, mußten wir annehmen, die Untersuchung sei bereits von der Mitgliedschaft Aarau geführt. Daß»vir hierin von den Aarauern getäuscht wurden, ist bedauerlich, aber nicht unsere Schuld. Wir empfehlen uns«en Genossen zur Anschaffung die nur noch in beschränkter Zahl vorhandene Kclchichtc der flmistt ümminic ton 1871. Von I. L i s s a g a r a y. Preis: Mark 4,— Francs 5,—. Die Expedition des„Sozialdemokrat". * Bestellungen aus der Schweiz richte man an vie Schristtn-�iüal« der Arbriterflimiul Zähringcrstraße 12, Zürich. ?riat«lt lor tb» proprittor« bj tb« Oer man Coop eratire Publiebinp 0«. 114 Kentlah Teva Boad London N. W.