Abonnements «erden beim Verlag und dessen bekannten Agenten entgegen- genommen, und jwar zum voraus, ahlbaren BierteljahripreiS von: WI, 4,40 für Deutschland tdirelt per«ries-Ilouv-rtj iwfl. 2,?» für Oesterreich stirelt per vries-Souverh Khill� 2,— fttr alle übrigen Linder des Weltpostvereins lftrenzbond). Iiistritt die dreigespaltene Petitzeile »P-nce-= 25 Psg.=- 30 Cts. Der KoMemoKrat Krgan der Sozialdemokratie deutscher Zunge. Erscheint wöchentlich einmal in London. vertag der German CooperatirePublishing; Co. E. Bernstein& Co., London N. W. 114 Kentish Town Koad. yoSfcubungf« franko gegen franko. Gewdhnliche Briese «ach England tosten Doppelporto. 'Jü 35. Briese an die Ziedaktion und Erpedition bei In Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sozialdemokrat'«olle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schicke man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadressen. In iweiselhaftin Fällen eingeschrieben. 31. August 1889. Der Streik der„Nnqnalifizirten". London ist gegenwärtig der Schauplatz einer Bewegung, die für uns Sozialisten von höchstem Interesse ist. Bis zur Stunde, da wir dies schreiben, haben wir in der festländi- schen Presse nur wenig von ihr gelesen, aber nachdem sie in den letzten Tagen der vergangenen Woche die größten Iliiu züge, die London seit langer Zeit, am Sonntag das größte Meeting, das der Londoner Hyde-Park überhaupt gesehen, zur Folge gehabt hat, werden wohl auch die Berichterstatter der verschiedenen Weltblätter ihr mehr Beachtung geschenkt haben. Wir meinen den großen Streik der Londoner Dockarbeiter, der aus kleinen unscheinbaren Anfängen in kurzer Zeit zu einer Bewegung angeschwollen ist, die das ganze Londoner Ost-C'nd umfaßt hat, ganz London in Span- mtiig erhält. Vorbei ist der Maybrick-Spuck, diese hysterische Aufregung um ein Weib von jedenfalls höchst fragwurdigenl Charakter, die Frage: hat sie ihren Mann thatsächlich ver- giftet, oder ihm blos ein bischen Gift geben wollen, ist ver- stummt gegenüber der so prosaischen Frage:„Werden sie den Penny erkänlpfen oder nicht?" Um einen Penny Lohnerhöhung pro Stunde kämpfen sie, die Proletarier, die in der Beschäftigung auf den Docks ihre letzte Zuflucht suchen vor dem Versinken in'S völlige Elend. Um einen Penny mehr pro Stunde, und um die Zusicherung von wenigstens vier Stunden Arbeit pro Tag. Das ist das Wesentliche ihrer Forderungen. Andere sind hinzugekomnien, aber sie gaben den Anlaß zum Streik. Und eigentlich war es nicht einmal eine Forderung auf Lohnerhöhung. Bisher be- kamen die Stunden-Arbeiter auf den einzelnen Docks siinf Pence per Stunde, wurde aber die bestimmte Arbeit, für die sie grade eingestellt worden, schneller ausgeführt als bedungen, so er- hielten sie auch den Ueberschuß ausbezahlt. Das schien indeß der Gesellschaft noch viel zu viel, denn plötzlich begaim sie bei der Auszahlmig dieses UeberschUsieS Abzüge zu machen, und daraufhin entschlossen sich die Arbeiter kurzerhand, die Abschaffung bieses ganzen Ueberfchußsystems und oie Festsetzung eines fixen Lohnsatzes von sechs Penice~ 50 Pfennig pro Stunde zu verlangen und dazu die vorerivähute Sicherung von mindestens vier Stundeil Arbeit per Tag. Von Dock zu Dock pflanzte sich diese Parole fort und fand überall be- geisterte Aufnahme. Zum Glück bestand bereits eine, wenn auch nicht sehr starke Organisation unter den Dock-Arbeitern, und außerdem fanden sich Männer, geschulte Gewerkschaftler, welche die Arbeit deL Organisirens gründlich verstehen, und die ihre Arbeitskraft und ihre Erfahrung voll und ganz in den Dienst der„Docker" stellten. Was John Burns, Tom Mann, überhaupt unsere Genossen vom„Labour Elector", in diesen Tagen geleistet, das spottet jeder Beschreibung. Vom friihesten Morgen an, ehe noch die Docks geöffnet wurden, waren sie am Platze und hielten Versammlungen ab— gleichviel, ob der Regen in Strömen niedergoß— und war die Eine zu Ende, dann ging es in die Andre, überall Rath zu ertheilen, anzufeuern, zur Festigkeit zu ermahnen. Erst spät in der Nacht,, nach 15, 18stüiidiger Thätigkeit kamen sie zur Ruhe. So hat � Burns allein in 12 Tagen 90 Ver- fammlungen abgehalten, von denen die Meisten nach Taufen- den, viele nach Zehntausenden zählten. Ilm zu begreisen, was es heißt, die Dockarbeiter zu einem gemeinsamen Vorgehen und namentlich zum gemeinsamen Aushalten zu organisiren, muß man sich vergegenwärtigen, aus welchen Elementen sich die eigentlichen Streikenden rekru- tiren. Es sind nicht die ständigen, geübten, verhältmßmäßig gut bezahlten und regelmäßig beschäftigten Arbeiter auf den Docks— sondern die große Masse der schiffbrüchigen, dem totalen Ruin entgegentreibenden Existenzen, die zufällig mr die Docks verschlagen sind und dort von Tag zu Tag einen ver- zweifelten Kampf unis Dasein, einen Verzweiflungskanipf vor dem völligen Versinken, führen. Und diese herabgekömmene Masse, für die man an die Dockthore Dante's Wort schrei- bell könnte:„Lasciate ogni speranza Voi che entrate" —„die Ihr hier anlangt, laßt jede Hoffnung fahren!"— diese armen Teufel, die sich sonst jeden Morgeil bei Eröffnung der Dockthore buchstäblich wahre Schlachten liefern um den Zu- tritt zu dem Angestellten, der die Arbeiter engagirt— buchstäbliche Schlachten des Konkurrenzkampfes der überzähligen Arbeiter untereinander— diese zusammengewürselte, täglich wechselnde Masse steht heute 50— 60,000 Mann stark organi- sirt da, hält eine Disziplin, wie sie vor einigen Wochen noch kein Mensch ihr. zugetraut hätte und stößt durch ihre ruhige Energie den mächttgen Dockgesellschaften Angst ein, während ein großer Theil des honetten Bürgerthums mit diesen„Ver- kommensten der Verkommenen", in denen er sonst nur G e- findet erblickte, offen sympathisirl. In den ersten Tagen meintet! die Direktoren spöttisch, diese Dockhandlanger— wir nennen sie so im Unterschied zu den fest angestellten Dockarbeitern— hielten keine Woche aus, der Hunger würde sie im Handuntdrehen zu Paaren treiben. Zu ihrem Entsetzen müssen sie sehen, daß sie sich getäuscht. Die Bewegung hät nicht nachgelassen, sondern ist gewachsen, auch die andern Kategorien der Dockarbeiter haben sich den Streikenden angeschlossen. Ebenso die Arbeiter einer ganzen Anzahl mit den Docks in enger Verbindung stehenden Gewerbe -— das ganze Londoner Ost-End ist in Bewegung. Und das heißt Etwas, das ist ein Ereigniß. Das Ostend befand sich bisher in passiver Elendsver- suntpfung, die Widerstandslosigkeit der durch den Hunger ge- brochenen, der absolut Hoffnungslosen, war seine Signatur. Wer da erst hineingerieth, war moralisch und physisch ver- loren. Und dieses Ostend rafft sich auf, und während bis- her, wegen des passiven Dahinvegetirens der wirklichen Ar- bester des Ostends, der Lumpen Proletarier dort das große Wort führte, sich als der Typus und Repräsentant der Millionen Hungerleider daselbst aufspielte und galt, treten jetzt die Ersteren ans Licht und drängen diesen ganz in den Hintergrund. Die Bourgeoisblätter selbst müssen die völlige Abwesenheit von Ausschreitungen konstatiren. Tag für Tag ziehen die Streikenden— Züge von 20—30,000 Mann — durch die City, und nicht der geringste Konflikt mit der Polizei ist zu verzeichnen, nicht die leiseste Belästigung des Publikums. Sie begnügen sich damit, durch symbolische Dar- stellungen an die Sympathie der Bevölkerung zu appelliren. Hier hängt an einer Stange eine Penny-Wurst oder ein ver- trockneter Fisch und ein Stück Brod und darüber steht:„Des Dockers Mittaginahl", dort zeigt eine in Lumpen gehüllte Puppe, ivie„Des Dockers Kind" ausschaut. So ziehen sie, kampfesfreudig, voller Hoffnung auf Sieg, ihren Weg, fest im Vertrauen auf ihre gute Sache und ihre Organisation. Wie der Streik auch enden möge, er hat gezeigt, daß auch die tiefste Schicht der Arbeiterklasse organisationsfähig ist, und das ist für die Bewegung in England von unendlicher Be- deutung. Im vorigen Jahre erkämpften die Zündholz- Arbeiterinnen im Ost-End ihren Sieg, das war ein halbes Wunder. Jetzt kommen die Dockhandlanger an die Reihe— andre werden und müssen folgen. Das Londoner Ost-End hat die größte Bkasse der einfachen Arbeiter in Eng- land, derjenigen, deren Arbeit kein oder fast kein Geschick er- fordert. Organisiren sich diese, bisher von den Trades-Unions der gelernten Arbeiter mit Verachtung behandelten Schich- ten des Proletariats, so ist das zugleich ein Beispiel, das auf die Provinz nachwirken ivird. Kurz, es ist ein großer Anstoß gegeben. Eine neue Schicht tritt ein in die Reihen des kämpfenden Proletariats, neben die„Aristokraten der Arbeit", wie man die Eleniente genannt hat, aus denen sich die Gewerkschaften bisher vorzugsweise rekrutirten, treten die auf der untersten Stufe der sozialen Stufenleiter Stehenden, die„Plebejer" des Arbeitsmarkts. Natürlich nicht alle auf einmal, aber der Stein ist iin Rollen und wird immer weitere Kreise in Mitleidenschaft ziehen. Dieses Proletariat der Ausgestoßenen war und ist das böse Gewissen der Bourgeoisie. Seine Rothlage ist so groß, sein Elend so himmelschreiend, daß es sich mcht wegdisputiren läßt, alles Leugnen vergeblich ist. Bisher war es daher auch das Objekt aller möglichen philantropischen Quacksalbereien, die selbstverständlich erfolglos blieben, und andererseits gab die„Rohheit und Verkonmienheit" seiner Angehörigen den 'Vorwand ab für das Unterlassen jeder ernsthaften Maßregel zu seinen Gunsten. Jetzt haben sich die„Verkommenen" auf- gerafft und bei ihren Umzügen gezeigt, daß sie musterhafte Disziplin zu üben und aufrechtzuerhalten im Stande sind. So bleibt der Bourgeoisie, die vor etlichen Jahren Noch gr- flucht und geschimpft hätte, nichts übrig als verzagten Bei- fall zu klatschen— während und weil ihr das Herz in die Hosen gefallen. Genug, der Streik ist ein Phänomen von mehr als lokaler Bedeutung. Nach den zuletzt einlaufenden Nachrichten ist sein siegreicher Ausgang für die Arbeiter kaum mehr zweifelhaft. Die Unterstützungen laufen in ausreichendem Maße ein, und die Streikenden halten mit bewunderungswerther Zähigkeit fest. Die stolze Dockkonipagnie wird vor den verachteten Handlangern die Segel streichen, alle Forderungen bewilligen müssen. So bedeutungsvoll dieser Sieg, so reicht seine Be- deutung doch nicht heran an den, daß der Streik überhaupt möglich war, daß die Ausgestoßenen als organisirte Masse auf den Kampfplatz getreten sind— ein neues Armeekorps ini proletarischen Befreiungsheer. «■AA/Xiy\/v/\j i bozialpMische Llludschau. London, 28. Augnst 1889. — Genosse Bebel veröffentlicht in deutschen Blättern folgende Erklärung Die„Nordd. Nllg. Ztg." komiut in ihrer gestrigen Nummer abermals auf ihre schon früher gemachten Behauptungen zu sprechen, daß»eben den öffentlichen Sipungeu auf dem Zutrrnaiionalen Arheiterkongreß in Paris auch eine Anzahl geheimer Siyungen stattgefunden habe, in welchen die eigentlichen„sozialrcvo utionären Manifestationen" ver- handelt worden seien. Das edle Blatt b gründet neuerdings feine Be Häuptlingen auf Grund v n angeblichen Thatfachett, die nur cinem für die Denunziation intlinireuden Organ, wie es die„Nordd. Allg. Ztg." ist, dazu Anhalt bieten ö iueu. . Die angeblichen Tba ia>en, auf welche das Blatt fein Dcnuuziations- gebäude sticht, sind folgende: 1. habe die„Berliner Volks-Tribüne" in ihren Berichten über den Kongreß von achttägigen hitzigen Debatten gesprochen, von welchen keine andere Zeitungen zu berichteu gehabt habe; 2. habe der Abg. Harm in seinem Bericht über den Kongreß in Elberfeld zugegeben, daß eine„nicht öffentliche Delegirtenversammlung" stattgefunden habe; S. habe der Former Schütz bei seiner Berichterstattung in Breslau »ach dem Bericht des„Schles. Morgenbl." erklärt: die Kongreßmit- glieder hätten sich durch Ehrenwort solidarisch erklärt und ver- pflichtet, nicht eher zu ruhen, als bis die Arbeiter„mit Gewalt oder sonstwie" aus dem kapitalistischen Joch befreit seien." Dies sind die drei Kardinalpunkte, auf welche sich die„Nordd. Allg. Ztg." sich mit ihren Denunziationen stützt." Darauf ist folgendes zu antworte»: Zu 1.: Berichtete die„Volks-Tribüne" über hitzige Debatten, so hatte sie nach dem Verlauf des Kongresses dazu ein Recht. Durch das an- weseude anarchistische Element und die Art, wie die Romanen auch die harmloseste Debatte zu führen gewohnt sind, fehlte es allerdings nicht an stürmischen Szenen, die den Franzosen nicht sonderlich auffallen mochten, wohl aber den Deutschen ungewohnt waren. Vielleicht haben die im Kongreß-Publikum anwesend gewesenen Vertrauensleute des Berliner Molkenmarktes die Güte, den Redakteuren der„Nordd. Allg. Ztg." die Nichtigkeit dieser Angaben zu bezeugen. Zu 2 hat der Abg. Harm die Wahrheit berichtet, wenu er von einer vertraulichen, nicht geheimen Besprechung der deutschen Delegirten sprach. Diese fand statt, wie ich der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" genau verrathen will, den 16. Juli, Nachmittags 5 Uhr, im Salle Pctrclle und befaßte sich ausschließlich mit der Tagesordnung des Kongresses und der Stellung, welche die Deutschen dazu einnehmen wollten. Zu- gleich wurden in dieser Sitzung die deutschen Redner für die Debatten bestimmt. Diese Sitzung währte bis Abends Uhr und war der Unterzeichnete Vorsitzender derselben. Zu 3: hat der Former Schütz die ihm von dem„Schles. Morgenbl." in den Mund gelegten Aenßcruugen wirklich gethan, so ist es bei ihm, sich näher auszusprechen, wo dieses angebliche Gelübde abgelegt worden sein soll. Wahrscheinlich handelt es sich aber um ein Mißverständniß des Berichterstatters des„Schles. Morgenbl.", da die angebliche Acuße- rung des Formers Schütz sonst keinen Sinn hat. Ich habe mich aus diese Denunziationen der„Nordd. Allg. Ztg." deshalb so ausführlich eingelassen, weil ein großer Theil der übrigen Presse gewohnt ist, ihre denunziatorischen Acußernngen für baarc Münze zu nehmen und für ihre Weiterverbreitung zu sorgen.— Als wir den Kongreß einberiefen, war es von vornherein unser, fester Entschluß, jedem Versuch, Geheimnißkrämerei zu treiben, entgegen zu treten. Wir kennen die deutsche Presse vom Schlage der„Nordd. Allg. Ztg." viel zu gut, um uicht vorauszusehen, daß geschlossene Sitzungen ihr das er- wünschte Material zu Denunziationen gebe» würden. Außerdem stand für uns fest, daß die Zahl der deutschen Spitzel, die in diesen Tagen Paris beherbergte, Legion sein würde und diese jede ihnen gebotene Gelegenheit ergreifen würden, aus solchen geschlossenen Sitzungen Ka- pital bei ihren Ehefs zu schlagen. Diese beiden Gründe waren ausreichend, dafür einzutreten, daß die Kongreßsignngen von Anfang bis zu Ende öffentliche waren, was auch geschah. Wer hiernach noch das Gegentheil behauptet, den bezeichne ich ' hiermit öffentlich als Lügner. Eisenach, den 23. August 1889. A. Bebel. -*■ Der Berlaiif deS Londoner Dockhanvla-'aerstrriks, den wir im Leitartikel unserer heutigen Nummer nussiihrlicher behandeln, fordert unwillkürltch zu Vergleiche» heraus zwischen der Art, wie sich in England die Ar best er in ihrem Kämpf gegen das Kapital bewegen und bewegen dürfen, und der Art, wie es in dieser Hinsicht in Deutsch- laud zugeht. Zunächst genießen die Arbeiter absolutes Versamtulungs- recht. Sie versammeln sich, nicht etwa im geschlossenen Raum, nein, ' unter freicur Himmel, nniutttelbar vor den Docks, gegen deren Lejttmg sie im Streik sind, kein Mensch redet ihnen cttvas darein. Die Polizei sorgt für die Auftechterhaltung der Ordnung ini Allgemeinen, für den ungehinderten Verkehr, aber es fällt ihr nicht ein, die Versammlung zu „überwachen", sich in die Verhandlungen zu mischen, aufzupassen oder gar zu Protokolliren, waS die Redner sagen. Das Streikkomitc konstituirt sich, vor den einzelnen Docks werden„Pickets" ausgestellt, anfzu- passen, ob Arbeiter dorthin gehen und eventuell ihnen Vorstellungen zu machen, daß sie sich den Siretkcnden anzuschließen haben. Auch diese Wachtposten ffnigiren nnbelästigt, solange sie nicht pr Gewaltsamkeiten über- gehen. Die Streiker veranstalten Umzüge, um die öffentliche Nlcinnng für sich zu gewinne», sie fordern nicht nur in der Presse zu Sammlungen ans, sie veranstalten nicht nur bei ihren Meetings Geldsammlungest, sie schicken auch Leute mit Saniinelbüchsen au«, welche das Publikum aüf den Straßen zN Geldspenden einladen. Niemand verwehrt ihnen das, wehe aber dem, der vorgibt, Geld für die Streikenden zu sammeln, und das Geld fiir sich in die Tasche steckt! Er wird unreitbar vom Polizcirichtcr wegen Betrugs verdoimert. Und nun vergleiche man damit die Zustände in Deutschland, wie sie heute sind. Wenn sich irgendwo die Arbeiter zum Lohnkamps regen, da stehen sie schon unter Polizei-Aufficht. Jede Bersammlung, die sie abhalten wollen, müssen sie vorher der Polizei anzeigen, in einigen Einzelstaaten sogar bei ihr um E r l a n b n i ß für dieselbe einkommen. Findet die Versammlung statt und läßt ein Redner ein Wort fallen, das dem überwachenden Polizisten nicht gefällt, sofort wird die Auf- lösnng über sie verhängt, ob es sür den Fortgang des Streiks auch noch so verhängnißvoll märe; Wachtposten vor den Arbeitsplätzen wer- den entweder gar nicht geduldet oder so chikanirt, daß ihnen ein Ans- führen ihrer Aufgabe geradezu unmöglich wird. Außerdem wird jedes Wort, das an die Adresse der Nichtstreiker gerichtet, sorgfältig abge- woge», ob sich nicht eine Bedrohung oder„Ehrverletzimg" herauskon- : struiren läßt. Auch das Recht des Geldiammelns ist beschränkt, Kollek- tiren auf der Straße ist überall verboten, in einzelnen Staaten darf sogar in der Presse nicht zu Saminlmigen aufgefordert werden, zn denen nicht die Polizei ihre allergnädigste Erlanbniß gegeben. Umzüge unterstehen der polizeilichen Erlaubniß, die in solchem Falle»attir- lich nicht ertheilt wird. Dafür haben die Behörden das Recht und üben es auch ans, dem Unternehmer, wenn sie es für nölhig erachten, Soldaten, bczw. aus dem Heer„beurlaubte" Arbeiter des betreffenden i Gewerbes zuzuschicken, welche die von den Streikern verlassene Arbeit zu verrichten haben. Daß unter diesen Umständen ein Streik der Dockarbeiter kaum mög- ! lich gewesen wäre, und wären ihre Fordcrimgen noch zehnmal gerechter als die jetzigen, liegt auf der Hand. Trotzdem aber genügt all o a s den„christlichen So z i a l r ef o r m e r n" n o cli nicht, ser Arbeiter hat ihrer Ansicht nach noch zuviel Freiheit, ganz esonders auch zuviel Koalitionsfreiheit, und all ihr inen und Trachten ist darauf gerichtet, wie sie den Arbeitern auch .> a s l e tz t e R e st ch e n d a v o n, das ihnen noch geblieben, fort- e s k a m o t i r e n k ö n n e n; die offiziöse Presse wird gar nicht müde, immer neue Vorschläge in dieser Richtung aufzutischen, in der Absicht, daß etwas endlich hängen bleiben wird. Und dann hat das Gesindel noch die Frechheit, pharisäerhaft sich dem Ausland gegenüber zu brüsten, wie„bei uns" für den Arbeiter gesorgt wird, wie„bei uns" des Arbeiters Wohlfahrt der leitende Gedanke der Gesetzgebung ist. Elende Heuchelei, wie sie verächtlicher in keinem Lande der Welt zu finden! — Aus Deutschland, den 19. Anglist. Der Reisekaiser ist jetzt gerade in Bayreuth, und schwelgt in Wagner' scher Musik und anderen etwas substantielleren Genüssen. Es ist wohl kein Zufall, daß unsere vornehmste und reaktionärste Gesellschaft für Musik und insbesondere für Wagner'sehe Musik schwärmt. Die Musik hat etwas Berauschendes— und wenn sie den Verstand auch glicht tödtet, so legt sie ihn doch in Banden, sie kitzelt und bethört die Sinne und übertäubt die Stimme des Gewissens und den Nothschrei des Elends, der aus den Tiefen des Volks zn den Höfen emporsteigt. In den Zeiten des byzantinischen Kaiserreichs war es übrigens ganz ebenso: Mnsik und Zirkusspiele absorbirten, nebst sonstigen Ausschweifungen aller Art, das Leben der Fürsten, die damals wie heute von den höfischen Speichelleckern als Götter in Menschengestalt gepriesen und angebetet wurden— wenigstens äußerlich. Die rechten Zirkusspiele fehlen dem neuesten Gott in Menschengestalt. Das heißt für den Augenblick noch. Sein Sinnen und Trachten ist aber ans die Veranstaltung von Zirknsspielen gerichtet, tausendmal größer und tausendmal blutiger als die Zirknsipiele der alten Byzantiner, bei denen es übrigens auch schon recht heiß und lebendig zuging. Zum Zirkus hat er sich weite Länder ausersehen, und die Spieler, die er sorgfältig drillen und dressire» läßt, zählen nach Millionen. Hei, wenn diese modernen Zirkusspiele des jüngeren„alten Fritz" beginnen, dann können die Sozialreformer ä la Doktor Eisenbart sich freuen,— der„Ueber- völkernng", welche nach Meinung dieser erleuchteten Biedermänner die Wurzel alles Uebels ist, wird das Beil an die Wurzel gelegt— und ist einmal das Signal gegeben, so wird ein lustiges Morden beginnen, wie die Welt noch keines sah— die zerstampften Felder werden sich von Blut röchelt— und die Götter in Menschengestalt, die von sicherer Stätt« aus dem Spiel zuschauen, können vergnügt in die Hände klat- scheu:„Ihr Völker macht's brav! Schlachtet Euch gegenseitig für uns; auf daß w i r fortfahren, Götter in Menschengestalt zu sein." Run, ganz so weit sind wir noch nicht, und in Erwartung dieses idealen Zirkusspiels ist der junge„alte Fritz" auch mit einer Probe- Vorstellung zufrieden, in der ausschließlich seine eigenen Unter- thaneu mitzuspielen haben,— die einen als„Wild", das„zur Strecke gebracht" wird, die andern als Jäger, die auf Kommando des zllr- nendeu Gottes in Menschengestalt„Alles über den Haufen schießen." Von Bayreuth geht es nach Karlsruhe, von Karlsruhe nach Straß- bürg— von Straßburg, der Henker weiß, wohin. Und das nennt mau„Regieren".--- Doch nein, seien wir nicht ungerecht. Der Gott in Menschengestalt ist ein wirklicher Gott.„Im Anfang ivar das Wort— so hebt das Evangelium des Johannis an— und das Wort war Gott! Das Wort, das einstmalen Fleisch geworden in der Person E h r i st i, ist heute Fleisch geworden in der Person des redelustigen Reisekaisers, der, ähnlich>vie sein Großonkel, der am Säuferwahnsinn gestorbene Friedrich Wilhelm IV.,„bei Tag und bei Nacht" redet, sogar„schon ehe er aufgewacht"— so viel, daß ein einziger Stenograph nicht mehr ausreicht, die Ergüsse dieses mensch- gewordenen Worts der Vergessenheit �n entreißen und der— Korrektur zn überliefern, sintemalen der Gott in Menschengestalt zwar selbstver- ständlich mit der Eigenschaft der Unfehlbarkeit behaftet ist, aber auch mit einem solch wunderbar feinem Stiltalent, daß es zu fein ist für das gemeine Volk, und daß dieses regelmäßig etwas anderes versteht, als was der Gott in Menschengestalt hat sagen wollen. Und da müssen die zwei Stenographen für das richtige Aerständniß sorgen.— Die plebejischen Bergleute kommen bekanntlich auf ihren Ver- sammlungen mit einem Stenographen aus— für den zweiten sorgt die löbliche Polizei. Auf dem Bergarbeiter tag i» Dort- m» n d sogar brauchten sie bloß einen Stenographen, obgleich Dele- flirte, mit Ausnahme des Saarbeckens und einiger schlesischen Gruben, aus s ä m m t l i ch r n deutschen Kohleudistrikten zugegen waren. Das Werk der Einigung ist in der Hauptsache gelungen, iltoch ist Vieles zu thu», allein ein gemeinsames Band ist doch endlich geschaffen. Und als ein naiver Delegirter den Vorschlag machte, nochmals eine Deputation an den Kaiser zu schicken, erhob sich nicht eine Hand für den Vor- schlag. An den Kaiser. Wozu? Was hat es genutzt, daß man vor 3'/- Monaten bei ihm antichambrirte'i Was waren seine Versprechungen Werth � Die Herren Grubenbesitzer haben auf das„Kaiserwort" respektwidrig gepfiffen. Sich nochmals s» oanaille behandeln und mit schnarrenden Phrasen„über den Haufen schießen" lassen? So dumm sind die Bergarbeiter nicht mehr. Sie haben gelernt. Die historische Audienz beim Kaiser, die brutalen Drohungen, die falschen Versprechun- gen, die Feindseligkeit aller Behörden, die Wortbrüchigkeit der Gruben- besitzer— das Alles war eine vortreffliche Lehre. Und wie gesagt, die Bergarbeiter haben die Lehre begriffen. Sie vertrauen nur noch a u f sich s e l b st, und die Organisation der Arbeiter— und sie lassen den Kaiser Kaiser sein. Nach dem Internationalen Arbeiterkongreß ist die zur Wahrheit gewordene Vereinigung der deutschen Berg- arbeiter das wichtigste Ereigniß, das dieses Jahr uns auf dem Gebiete der Arbeiterbewegung gebracht hat. — Soll das Sozialistengescy einfach beibehalten werden, oder soll es einen„Ersatz" bekommen, der, gleichgiltig in welcher Gestalt, eine Verschärfung und Ausdehnung des Sozialisten- gesetzes bedeutet?— das ist, schreibt mau uns, noch immer die Frage. In den obern Regionen herrscht augenscheinlich die vollständigste Rath- losigkeit. Die Nachrichten der Reptil- und Regiernngs-Blätter wider- sprechen einander in der tollsten Weise, und die Verwirrung wird noch dadurch vermehrt, daß die P e r s o n e u k ä m p f e in den oberen Regionen nicht bloß fortdauern, sondern mit steigender Erbitterung geführt werden. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so hat der„kommende Mann" keine Lust, noch lange„kommend" zu bleiben. Und der junge „alte Fritz" kann den Moment nicht erwarten, wo er„sein eigener Reichskanzler" ist. Man redet sogar schon in offiziösen Blättern ganz ungenirt davon, daß die Kanzlerwürde in der heutigen Gestalt der Monarchie Abbruch thue, und daß die Machtbefugnisse des„Nachfolgers" entschieden beschnitten werden müßten. Kurz, es geht dem H a u s m e i e r und dem H a n s m e i e r t h n m an den Kragen— was uns nebenbei bemerkt sehr„Wurst" sein kann. denn es macht absolut keinen Unterschied, ob das Volk im'Name» eines Kaisers, der sein eigener Reichskanzler ist, oder im Namen eines Kaisers, der seinen eigenen Reichskanzler hat,„über den Haufen ge- schössen" wird. Diese Katzbalgereien, welche die ganze, in den oberen Regionen herrschenden Misere oerrathen, und als Symptome der Auflösung zu betrachten sind, nehmen aber die Aufmerksamkeit und die Kruft der Herreu Staatsmänner so sehr in Anspruch, daß sie sich bisher über das Sozialistengesetz und dessen Ersatz nicht haben schlüssig machen können. Gewiß ist, daß der Plan besteht, den„Ersatz" auch auf das K o a- l i t i 0 n s r e ch t der Arbeiter auszudehnen, lvelchem sauberen Projekt natürlich die gesammte Bonrgeoispresse zujubelt. Bei der Zerfahrenheit in den Negiermigskreisen wäre es Thorheit, wollten wir uns den Kopf um unsere Gegner zerbrechen. Mögen die- selbe» zusehen, wie sie mit dem Sozialistengesetz fertig werden. Wir sind mit ihm fertig geworden, und werden auch mit dem„Ersatz" fertig werden. — Die Denkschrift zum Jubiläum des Sozialistengesetzes ist, wie das nicht anders zu envarten war, von der Zentralstelle der Neichspolizei sofort verboten worden. Freilich hat es mit dem „sofort" seinen eigene» Haken. Nicht als ob wir auf die berühmte Puttkamersche Auslegung dieses Wortes anspielen wollten— o nein, man war in Berlin sehr pünktlich: kaum, daß mau endlich den genauen Titel des Büchleins wußte, so erschien auch die Aerbotsauzeige im „Reichsanzeiger"; aber wie lauge hat es gedauert, bis man hinter den- selben kam! Inzwischen ist die ganze Auflage der Denkschrift bereits vergriffen, so vollständig geräumt, daß mir selbst Einzel- bestellunaen nur ausnahmsweise noch befriedigen könne». Und wir hatten die Auflage sehr hoch bemessen, so hoch, daß wir glaubten, aus lauge hinaus mit Vorrath versehen, der Mühe einer zweiten Auflage überhoben zu sein. Wir lieben es nicht, in solchen Dingen zu über- treiben, die eigenen Genossen zu täuschen, außerdem brauchen wir auch nicht zu übertreiben, die wirklichen Zahlen sind so groß, daß sie alle Erwartungen übertreffen. So wollen wir denn der Berliner Polizei mittheilen, daß von der 10 Bogen starken Schrift, deren Preis der Massenverbreitung durchaus nicht günstig ist, bereits 9O0O, schreibe neuntausend Exemplare in den Händen der Genossen in Deutsch- l a n d sind. Die Absicht, der authentischen Darlegung der erziehe- rische u Wirkung desSoziali st engesetzes auf die deutschen Arbeiter den Weg ins Reich zu versperren, ist gründlich vereitelt; dagegen hat das Berliner Polizeipräsidiiim einen neuen schlagenden Beweis dafür geliefert, daß trotz nunmehr elfjährigen Bestandes das Sozialistengesetz seine erzieh erischeWirknng auf die deutsche Polizei noch immer nicht hinlänglich ausgeübt hat. Entweder ist man im Staude, ein Verbot nicht blos theoretisch z» verkünden, sondern ihm auch einige praktische Geltung zu verschaffen, oder mau zeigt so viel Selbsterkenntuiß, daß man sich die Blamage eines Verbots erspart, das weiter nichts fertig bringt, als einen wei- teren Beweis, daß„auch wirklich nichts mehr gelingt". — Unsere schweizerischen Genossen haben die Agitation für dasJteferendum gegen den Bundesanwalt auf- genommen, das dazu eingesetzte Komite in Bern hat einen energischen Aufruf zur Unterschriftensammlung erlassen, in welchem es mittheilt, daß Uuterschriftbögeu ec. durch seinen Sekretär Redaktor A. Steck in B e r n zu beziehen sind. Zustimmungen zur Referendums- bewegung treffen aus allen Theileu der Schweiz ein, leider finden sich freilich auch Arbeitervereine, welche unter dem Einfluß der kapitalisti- schen Presse sich gegen die Bewegung erklären. Hoffentlich gelingt es der Agitation unserer Genossen, diese eines Besseren zu belehren. In Bern, Genf, Zürich zc. ist ein„M a n i f e st der S ch w e i'z e?= r i s ch e n A u a r ch i st x n" vertheilt worden, das sich in heftigen An- griffen gegen die Bundesbehörden ergeht, und unterschrieben ist:„Die Schweizerischen Anarchisten von Basel, Freiburg, Aarau, Loele, Ror- schach, Neuenburg, St. Gallen, Bern, Ehauxdefonds, Zürich, Lausanne, St. Jmmerthal, lvenf, Lugano, Winterthur, Biel, Glarus nnd Luzeni." Einige Blätter haben die Vermuthung ausgesprochen, daß das Ding das Machwerk eines Agent Provokateur sei, und in der Tbat ist es Wasser auf die Mühle aller Reaktionäre, wie überhaupt der Gegner des Referendums, indeß braucht es darum noch nicht direkt Polizeimache zu sein. Wir haben das Manifest von Freundeshand zugeschickt erhalten und müssen gestehen, daß es für„Anarchisten noch relativ zahm gehalten ist, einige sehr unbestimmte Drohungen am Schluß und die Unterschriften sind das einzig Bedenkliche daran. Die Polier- monier ist aber, wie bekannt, Lebenselenient der Anarchisten, und ebenso, daß dieselben auf die Aktion der Sozialtsteu grundsätzlich keine Rücksicht nehmen, sondern dieselben durchkreuzen, wo sie nur können— kurz, es mag schon seine Richtigkeit haben, daß das Manifest von Anarchisten herrührt. Einige Anzeichen deuten sogar darauf, daß es gar nicht in der Schweiz, sondern in Paris das Licht der Welt erblickt hat. Nament- lich die Unterschrift läßt darauf schließen. In Paris versteht mau es, „Armeen aus der Erde zu stampfen". Wir erinnern nur an die famose österreichisch-ungarische Delegation auf dem Possibilistischen Kongreß. UebrigenS stimmen wir dem Berner„Sozialdemokrat" durchaus bei, wenn er feststellt, daß der Inhalt des Manifestes durchaus nichts Strafbares enthält. Also kalt Blut, und nicht durch Uebertreibmig der Geschichte dem Geschrei nach mehr Polizei noch indirekt Lorschub geleistet! — Die armen Könige und Kaiser! Man könnte sie wahrhaftig- manchmal bemitleiden.„Wenn ich so unglücklich wäre, König zu sein", begann vor 120 Jahren ungefähr Rousseau einen Brief an irgend ein gekröntes Haupt— wen» wir nicht irren an die Zarin Katharina die„Große— und auch wirklich, die größte der Moiiarchinen und Huren", wie Byron sie genannt hat; und seit jener Brief geschrieben ivorden ist, hat die Lage der Kaiser und Könige sich entschiede» ver- schlechtert. Man nehme z. B. den Nachfolger jeuer liederlichen,„immer lustigen" Zarina— das Jammerbild, welches gegenwärtig auf dem russischen Thrrn sitzt. Der arme Tropf kann kaum die Nacht ruhig schlafen: er sieht beständig Dynamitbomben, Dolche, Revolver, Gift.— Es läßt sich auch nicht leugnen, daß insbesondere das Geschäft eines Zaren in neuerer Zeit viel ungenuithlicher geworden ist als es früher war— in der„guten alten Zeit". Damals kam es zwar auch vor, daß einem Gesalbten des Herrn der Hals umgedreht oder der Schädel ein- geschlagen ward, allein das geschah wenigstens von befreundeter, ebenbürtiger Hand— durch Mitfürsten, oder mindestens durch„Edelste der Nation". Von Seinesgleichen abgewürgt zu werden, war zwar kein Vergnügen— wenigstens nicht für den Abgewürgten— aber es war doch standesgemäß. Heutzutage haben die fürstlichen und adligen Attentäter eine plebejische Konkurrenz bekommen. Väterchen Alexander II. mußte es sich gefallen lassen, von„gemeinen bürgerlichen Kanaillen" um Thron und Leben gebracht zu werden, während Väterchen Paul I., der noch in der guten alten Zeit lebte, die Ehre hatte, von Fürsten, Grafen und sonstigen Edelsten der Station— darunter einem Herrn von Bennigsen, Großonkel„unseres" gleichnamigen Znkunfts- Ministers und Staatsmanns in partibns, der freilich noch nie daran gedacht hat, einem Fürsten zu Leibe zu gehen, selbst nicht einem Talmi- fürsten ä la Eisenbart oder Eisenstirn— ordnungs- und kommentmäßig, ganz im Rahmen althergebrachter Sitte, dem irdischen Jammerthal ent- rückt, und von den Leide» des irdischen Lebens erlöst zu werden. Die Nihilisten von heute pfeifen aber auf Ordnung, Komment und die ge- heiligte Tradition; sie verachten Gift und Leibschärpen— die beliebtesten Zaren-Erlösungsmittel der guten alten Zeit— und habe» eine verwünschte Lorliebe für Dynamit. Das Schlimmste jedoch ist, daß es gemeine bürgerliche Kanaillen sind, deren bloße Berührung schon einem Gott- begnadeten das Blut in den Adern gerinnen'macht, und daß diese gemeinen bürgerlichen Kanaillen so frech sind, das Todesurtheil, welches sie gefällt haben, im Voraus zu verkündigen und Jahre bis zur Aus- führung verstreichen zu lassen— furchtbare Jahre der Qual und des Schreckens! Und ein solch armer, zum Tode venirtheilter Sünder, dessen böses Gewissen ihm Tag und Nacht das Todesurtheil vor Augen zaubert, sollte nicht manchmal Lust haben, mit einer der bürgerlichen Kanaillen zu tauschen und seine Krone auf's Leihhaus zu tragen, wie dies weiland in einem französischen Gassenhauer dem Bürgerkönig angerathen ward? Genug— ein miserables Leben führt der Unglückliche; und obgleich über 100 seiner besten Spitzel seit 4 Wochen in B e r l i n ihr Hanpt- quartier anfqeschlagen haben und im Bund mit Krüger und der Krüger- bände die«tadt nach alle» Richtungen durchschnüffeln, so getraut Väterchen sich doch nicht nach Berlin, wo es 100,000 Sozialdemokraten gibt— natürlich allesammt Räuber, Mörder und Dynanntriche. Wahrhaftig, wenn dieser Jämmerling nicht ein so großer Verbrecher wäre, für dessen Unthateu überhaupt keine Strafe groß genug ist— man könnte ihn aufrichtig bedauen. Verschiedenen seiner„lieben Brüder" geht's beiläufig nicht viel besser; insbesondere das Berliner Väterchen hat in puncto der Angst viel Aehylichkeit mit ihm; das Auge ist ebenso scheu, und die fortwährende Unruhe, das rastlose Hin- und Herreisen sind Symptome, die unzweifelhaft auf die Furcht vor stets drohenden Gefahre» zurückzuführen sind. Es wäre wirklich ein Glück für diese armen Könige und Kaiser, wenn ihrem Leiden halb ein Ende gemacht würde. Es wäre gar nicht so schwierig. Und wenn z. B. der Zar die Krone niederlegte, so würde er, wenn man ihm in Anbetracht seiner Fähigkeiten, das Amt eines Pferdebereiters, Genieindeschulzen oder auch, falls die Kenntnisse ausreichen, eines Dorfschulmeisters anvertraute, sich, verglichen mit seiner jetzigen Stellung, wie im Himmelreich befinden. Aber gleich dem Spieler zieht er die Chaneen seiner Autokratenstellung vor, nnd so mag er sein Leben als eine Jammer-Existenz zwischen „Furcht und Hoffnung" weiter dahinbringen, und seine Herren Kollegen mit ihm. Brave JungcnS. Der preußische Kultusminister ver- legt sich in neuerer Zeit darauf, in Sozialpolitik zu machen, und selbstverständlich wandelt er dabei die Wege seines erlauchten Chefs. des großen Sozialreformers— für Kraut- und Schlotjunker— Bismarck. lim der„lleberproduktion an Studenten" abzuhelfen, thnt er sein möglichstes, kleine Schutzwälle— fast hätten wir gesagt Barrikaden, um die Universitäten zu errichten, gegen alle diejenigen, die„nichts haben". So hat er u. A. ein Rundschreiben erlassen, zum Zweck der Abschaffung der Honorar-Stuudllngeu— das einzige Mittel, welches ärmeren Studirenden den Besuch der Universitäten ermöglichte. Dieses gemeine Vorgehen— wir haben kein anderes Wort da- für— hat in akademischen Kreisen vielfach lebhaften Widerspruch erfahren, mit großer B e g e i st e r n n g ist es dagegen von den Herren Korps- st n d e n t e n aufgenommen worden. Jubelnd schreibt das Organ der- selben, die„Akademischen Monatshefte": „Wir dürfen in dieser Maßregel, wie auch in der neuerdings rnlge- ordneten Beseitigung der Schul- und Eintrittsgeld-Freiheit der Lehrersöhne an höheren Lehranstalten, den Beweis dafür erblicken, daß die oberste Leitung des preußischen Kultuswesens zielbewußt, nicht beirrt durch den dottrinären Jammer über die„Monopolisirung der Wissen- schaft", die Wege einschlägt, welche geeignet sind, die große soziale Gefahr zu beseitigen, die der übermäßige Zudrang Unberufener(I) zum Univer- sitätsstudnim in sich birgt." Dazu bemerkt die Berliner„Volkszeitung": „Berufen" gelten den„Akademischen'Monatsheften" anscheinend nur die, welche Mittel und Neigung haben, Korpsstudenten zu werden!" Da thut die„Volkszeiluug" den Korpsburschen doch Unrecht. So— nennen wir es, doktrinär find diese Burschen keineswegs. So borntrt der Standpunkt wäre, so hätte er doch noch einen Schimmer von idealem Charakter, diese Sorte aber ist so ausgetrocknet realistisch wie nur der ärgste Pfennigkrämer sein kann. Korps hin, Korps her— das ist Spielerei, die Unberufenen, das sind die Unbemittelten, das sind die armen Hungerleider, die nichts sind als. lästige Konkurrenten. Nicht Veknarrtheit in ihren Korpsfirlefanz, nein B r o d n e i d ist es, der diese Zeilen diktirt hat. Aus Brodneid wurden die Burschen Antisemiten, ans Ärodneid bejubeln sie eine Maßregel, welche darauf abzielt, die höheren Berufe zu einem Monopol für die Besitzenden zu machen. Brave Jungens! — Deutsche Justiz. Was wir in der vorigen Nummer über dieses Thema geschrieben, findet eine neue Bestätigung durch folgende Berichte der Hamburger„Tribüne" über zwei Gerichtsverhandlungen, die in Altona stattgefunden haben: 1) Der Lollz i�h ungsbeamte August Dempwolf ans Immen- roda, Fürstenthum Schwarzbnrg-Nudalfstadt, ist angeklagt, durch zirka 200(!) selbständige Handlungen Gelder, welche er in amtlicher Eigenschaft empfangen hatte, in der Höhe von nahezu 3000 Mark zum Schaden der Staatskasse unterschlagen zu haben. Der Angeklagte hat in der Vornutersuchung die Unterschlagungen rückhaltslos eingeräumt, während er heute nicht wissen will, wo das Geld ge- blieben sei! Ergibt zu, u i ch t i n N o t h gelebt zu haben, da er 2200 Mark D i e n st e i n k o in m e n hatte. Seine Familie besteht ans Frau und drei Kindern, von denen das j ü n g st e bereits dreizehn Jahre alt ist. Dem Angeklagten werden 100 Unterschlagungen mit 1500 Mark nachgewiesen. Z 350 des Strafgesetzbuches bedroht derartige St'rafthaten mit mindestens drei Monaten Gefängniß. Das Gericht findet in der„bisherigen Unbescholtenheit" des Angeklagten „Milderungsgründe"; in dem großen Vertranensbrnche dagegen erschwerende Momente und erkennt für etwa hundert Straf- thaten auf ein Jahr Gefängniß. 2) Der Arbeiter Joh. Chr. Wuppermann wird beschuldigt, durch drei selbständige Handlungen Schinken und Speck in Mengen, die nach Ansicht des Gerichts zu groß zum alsbaldigen Gebrauche waren, gestohlen zu haben, und zwar in zwei Fällen nach Uebersteigen einer Planke(erschwerender Umstand). Dieser Angeklagte hat in der Loruntersnchung ein renmüthiges Geständntß abgelegt, bei dem er auch heute bleibt. Der unglückliche, elende Mann, ist n i e bestraft und hat sich bis heute tadellos geführt. Er hat aus bitterer Noth gehandelt, da er fünf kleine Kinder und seit zwei Jahren eine kranke Frau hat, und da sein Verdienst, welchen er als Landarbeiter bei einem Bauern bezog, nur ein richtiger H u u g e r l o h n ist, der eine M a r k den Tag betrug.§ 243 des R.-St.-G.-B. bestimmt für„schweren Diebstahl" unter'Annahme mil- dernder Umstände ebenfalls ein Strafminimum von drei Monaten Gefängniß. Das Gericht erkennt M i l d e r u n g s g r ü n d e als vorhanden an, verurtheilt aber diesen Angeklagten, der nicht 2200 Mk. Diensteinkommeii hatte und nicht aus purer Wollust 3000 Mark stahl, sondern aus Hunger und Roth Klei»1 g leiten von Schinken und Speck entwendete, zu--- zwei Jahren Gefängniß? Dieser infamen Klassenjustiz noch ein Wort des Kommentars hinzufügen, hieße unsere Leser beleidigen. Wer bei dem Lesen solcher Dinge kalt bleiben kann, an dem ist überhaupt Hopfen und Malz verloren. In jedem Menschen, der das Herz auf dem rechten Flecke hat, können sie nur den Entschluß festigen, unablässig fortzuarbeite», bis die heutige Klassengesellschaft beseitigt ist und mit ihr Klassenherrschaft und Klassenjustiz. — Nichts Bcrwnnderlichcs. Deutsche Blätter berichten, daß der antisemitische Student E i ch l e r, der den jüdischen Kandidaten Blum im Duell erschoß, nach halbjähriger Festungshaft b e- gnadigt worden sei, während der Studiosus Oehlke, der einen anti- semitischen Studenten im Duell erschossen, erst nach drei Jahren F e st n u g s h a f t begnadigt worden sei. Wir finden dabei nichts Verwunderliches. Gnade ist nicht Recht, sondern Willkür. Wer einem Menschen das Recht der B e g u a- d i g n n g überträgt, überliefert die Ausübung des Rechts seiner Laune. Wilhelm II., der sich einbildet, ein„Germane" zu sein, läßt seine „Gnade" den Vertretern des Urgermanenthums leuchten— er könnte das Umgekehrte thnn, und die Sache würde dadurch in nichts geändert. — Wir lesen im„St. Galler Stadt-Anzeiger": „Liberale Konsequenz. Ein Mitarbeiter der„Republiqne frangaise" stellt laut die Forderung, die von andern Blättern nur angedeutet wird, daß nämlich Rochefort, welcher infolge des über ihn in contumaciam verhängten Urtheils an der Ausübung seiner Rechte als Staatsbürger und Bürger verhindert ist, auch verhindert werde, von jenseits der Lnndesgrenze Schmähartikel gegen alles Bestehende zu schicken und durch den Druck verbreiten zn lassen. Keine andere Regiernng würde eine solche journalistische Thätigkeit dulden, warum sollte die Republik sie über sich ergehen lassen?— So ein Freund des Herrn Ferry, viel- leicht er selber, auf jeden Fall ein„Opportunist", ein„gemäßigt, ver- nünstig Liberaler". Welch ein weites Gewissen und welch beschränkten Verstand doch die„Gemäßigten", die„Vernünftigen" haben! Erstens ist es nicht wahr, daß„keine andere Regierung" die journalistische Thätigkeit eines Flüchtlings dulde. Die Herren mögen sich daran er- innern, daß sogar die Regierung des letzten Kaiserreichs dies hat dulden müssen, gleich wie jede andere Regierung. Zweitens waren dieselben Herren, resp. ihre Vorgänger enthusiastische Anhänger und Verehrer Rocheforts, als derselbe in seiner„Lanlerne"„alles Bestehende" schmähte. Drilteus wäre es doch für eine Republik ein sonderbares„System", nicht zu dulden, was„keine andere Regierung" dulden würde. Und was führt denn die Herren Liberalen dieses Systems zu solchen Ungeheuerlichkeiten? Nichts als persönliche Eitelkeit. Das winzige Per- sönchen des Herrn Ferry war der Gegenstand heftiger'Angriffe von Seite der Boulangisten in Presse und Versammlungen; die Boulangisten hatten seinerzeit am heftigsten gegen die Wahl Ferry's zum Präsidenten gekämpft; ganz speziell war es seit jeher Rochefort, der die Person Ferry's bekämpfte, daher die blinde, tolle Wuth der„Rep. fr.", die sich zum Prinzip versteigt, die Republik dürfe und solle die Presse knebeln, weil auch keine andere Regierung eine solche journalistische Thätigkeit dnldeii würde! Das ist„Uberale" Konsequenz!..." Wir können diesen Ausführungen nur beipflichten. Von opportunistisch- gemäßigter Seite wurde auch der Gedanke ausgeheckt, ob man von England nicht die Auslieferung Boulangers verlangen könne, da Boulanger doch der Unterschlagung, also eines gemeinen Verbrechens bezichtigt sei. Die englische Presse hat den Herren aber sofort in einer Weise auf diese Zumuthung Bescheid gegeben, daß sie sich schleunigst zurückgezogen haben. Durch solche Witze lasse» wir das Asylrecht Eng- lands nicht abdisputiren, erklärte„Daily News", deren Feindschaft gegen den„bravo xeueral" bekannt ist. Herr Boulanger ist politischer Flüchtling, und zehn Anklagen wegen gemeiner Vergehen ändern daran nichts. — Zu der neuerdings vielerörterten Frage: wie verhält sich der Arbeitstag zum Arbeitslohn, oder wir wirkt verkürzte Arbeits- zeit auf de» Arbeitslohn, liefert der von uns bereits in voriger Nummer ermähnte Artikel der Züricher„Arbeiterstimme" über die Lage der russischen und polnischen Fabrikarbeiter einen sehr interessanten Beitrag. Der Arbeitstag ist in Rußland erheblich länger als in Polen. Er beträgt in Nordrußland 14 bis 16 Stunden, in manchen Distrikten sogar bis zu 18 Stunden. In Mittelrußland beträgt der Arbeitstag in der Regel 14 Stnnden, im Minimum 12 Stunden. Der D u r ch sch n i t t für die gesammtc Fabrik- und Werkstättcnindnstrie beträgt in Rußland IS'/a Stunde, in Polen dagegen nur 12'/- Stunde. Freilich hat der russische Arbeiter einig« Feiertage mehr als der polnische, aber diese machen die Tiffercuz nicht weit. Der russische Arbeiter ist das Jahr 285,8 Tage thätig, der pol- Nische dagegen 292 Tage. Multiplizircn wir aber die erste Zahl mit 13'/,, die zweite 12'/-. so erhalten wir für den russischen Arbeiter 3858,3, für den polnischen 3650 Arbeitsstunden im Jahr, für den erstercn 208,3 Stunden, d.h. über 15 Arbeitstage mehr. Wie steht es nun mit dem Arbeitslohn? „Der Verdienst eines Arbeiters", schreibt der Verfasser— C. Kane- man—„ist in Polen bedeutend höher als in Rußland. Den höchsten Lohn erreichen in Polen die Arbeiter in den Wollspiu- nereieu. Durchschnittlich verdient da ein Mann 25,5 Rubel*) im Monat, eine Frau IL Rubel. In den Baumwollspinnereien. Leinensabri- ken, allerlei Webereien, Färbereien, Tuchfabriken und Metallfabriken beträgt in Polen der Lohn im Durchschnitt: für einen Alaun 20 Rubel im Durchschnitt im Monat, für eine Frau 15,3, für ein Kind�8,8Rubel. In den Banmwoll- und Wollspinnereien arbeiten 40 Prozent der Ar- bester vom Stück. In den Thier- und Holzverarveitungsfabriken, Branntwciubrennercieu, Brauhäusern, Glashütten und chemischen Fabriken beträgt der durchschnittliche Lohn eines Alannes nur 17 Rubel im Alonat, für eine Frau 14, für ein Kind 6 Rubel. Den niedcrigstcn Lohn erhalten in Polen die Arbeiter in den Kalk- und Ziegelfabriken in den Zuckerfabriken und allen anderen Fabriten. Im Alonat 27 Arbeitstage gerechnet, verdient da ein Mann, bisweilen mit Wohnung monatlich bis 8 Rubel 80 Kopeken, eine Frau bis 5 R. 24 Kop., die Knaben 3 R. 60 Kop. und die Mädchen 2 R. 80 Kop. Der durchschnittliche Verdienst eines Mannes im Verhältniß zu dem einer Frau, der Knaben und Kinder, kann man daher in Polen(wenn wir den Verdienst eines Kindes als Einheit annehmen), in den Zahlen 2.6: 1.6: 1.2: 1 ausdrücken, d. h. der Verdienst eines Mannes ist beinahe zweimal so hoch, wie der einer Frau und beinahe dreimal so hoch wie der eines Kindes und der durchschnittliche Berdicnst einer Frau ist 1'/- Mal Häher, als der Verdietist eines Kindes. Es ist hiernach sehr begreiflich, wenn die Fabrikanten so häusig die Kinder- arbeit vorziehen. Sie machen dabei einen bedeutenden Gewinn. In Rußland sind die L o h n v e r h ä l t n i s s e. wie gesagt, noch schlimmer. Den höchsten Lohn erreichen die Arbeiter auch da in den Wollspinnereien. In dieser Industrie und in de» Maschinenfabriken ist der durchschnittliche Verdienst eines Mannes 20 Rubel per Monat, einer Frau 15 Rubel. In allen andern Industriezweigen, außer in Zuckerfabriken und Ziegelbrennereien, in denen in Rußland der Lohn noch viel niedriger ist, beträgt der durchschnittliche Verdienst eines Mannes 15,2 Rubel monatlich, d. ch. weniger als in Polen die Frau verdient, einer Frau 8 Rubel 80 Kopeken, eines Kindes 5 N. 50 Kop. Im Durchschnitt ist der Verdienst eines Mannes in Polen um 32 Prozent höher als in Rußland, der Verdienst einer Frau»ni 75 Prozent, eines Kindes um 63 Prozent. Der höhere Kulturgrad des poluischeu Arbeiters im Vergleich mit dem russischen Arbeiter, einerseits seine größeren Bedürfnisse, andererseits seine höhere spezielle Fähigkeit haben, wie die Statistik beweist, einen wesentliche» Einfluß auf seine günstigeren Lohnverhältnisse. Wenn nun freilich zugegeben werden muß, daß der polnische Arbeittr trotzalledem nicht viel besser daran ist, als der russische— der letztere nährt sich eher besser, als der erster«— so ist das für die vorliegende Frage von nebensächlicher Bedeutung. Die Hauptsache ist und steht fest: der polnische Arbeiter arbeitet weniger lange als der ms- tische, er bezieht einen höherenLohn, und trotzdem ist die polnische Industrie durchaus sähig, mit der russischen zu koukurriren, so daß diese sich hinter immer höhere Schutzzölle zu verschanzen sucht. Troy des Schuvzolles, der seitens der russischen Regierung auf die polnische» Fabrikate immer höher aufgelegt wird, schickt das Königreich Polen bis auf den heutigen Tag 52,1 Prozent seiner Erzeugnisse nach Ruß- land, besonders nach Süd- und Nordrußland, und de» vorzüglichsten Absatz finden dort die Woll- und Baumwollfabrikate. Ein schlagender Beweis gegen Alle wider die Verkürzung der Arbeitszeit gemachten Einwände— wenigstens soweit sie sich auf die Frage der i n t e r- nationalen Konkurrenz beziehen. — Masscnauswcisnngcn brutalster Art werden aus Genf gemeldet. Gegen 80 Personen: Russen, Polen, Franzosen, Jtal.cucr sind bereits dem Ordnungsfan atismus der Genfer Polizei zum Opfer gefallen. Die Ausgewiesenen, schreibt man dem„Bieler Anzeiger", sind theils Studenten, theils ansässige Gewerbetreibende, die schon Jahre lang ihrem Erwerb in Genf nachgehen, theils Schriftsteller, unter ihnen der Redaktor der gemäßigt liberalen russischen Zeitschrift„La. Russie libre", sowie der rühmlichst bekannte Gelehrte P l e ch a n o f f. Begründet ist die Auswcisimgsordre mit der angeblich a n a r ch i st i s ch e n Gesinnung der Betroffenen; gewiß sehr sonderbar, wenn man weiß, daß die Ziele der russischen Bewegung die Schaffung einer rein toustitutioucllen Verfassung bilden. „Der Gewährsniann des„Bieler Anzeiger", schreibt dazu der„Grüt- lianer",„der diese Mittheilnug macht, nennt dies Vorgehen„beispiellos", aber man hat sich bei uns allmälig derart an solche Sachen gewöhnt, daß fast kein Hahn mehr darnach kräht, wenn noch so auffallende Aus- Weisungen erfolgen. Das freiheitliche Gewissen ist abge- stumpft und Diejenigen, die es wachcrhalten möchten, liebt man heule als Vaterlandsfcinde in Acht und Bann zu thun.... Das stimmt, soweit das B ü r g c r t h u in in Betracht kommt; um so größer die Pflicht der Arbeiter, sich aufzurütteln und die Fahne der Freiheit unter allen Umständen hochzuhalten— eine Freihetts- w a ch t zu bilden zun, Schutz und Trutz gegen Vergewaltignugsbestre- bungen. Sage mau nicht, daß die Arbeiter dazu noch zu schwach sind. Sie sind es nicht, sie können viel, sehr viel, wenn sie nur wollen. — Sprechende Zahlen. In dem Jahrzehnt vom 1. Januar 1879 bis zum 1. Januar 1889 ist in Preuße n die Zahl der f e st st e h e n- den Dampfkessel um 45'/- Prozent, der scstftehendeu D a m p f- Maschinen um 51,2 Prozent und ihre Leistungsfähigkeit (nach Pferdekräften berechnet), um 70 Prozent g c st i e g e u. Noch größer ist die Zunahme der meist in der L a n d w i r t h s ch a f t, bezw. in land- wirthschaftlichen Betrieben zur Verwendung kommenden beweglichen D a m p f k e t s e l und Lokomobilen. Dieselbe beträgt 118 pCt., während ihre L e i st u n g s f ä h i g k e i t sich sogar u m 136 pEt. v e r- mehrt hat.„Man kann daraus ersehen", bemerkt zu diesen Angaben die Berliner„Volkszeitung",„in welch' wachsendem Umfange sich auch die Landwirthschaft solcher modernen t e ch n t s ch e n H i l f s in i t t e l für ihren Betrieb bedient, und wie sehr dadurch namentlich der land- wirthschaftliche(flroßbetrieb— seine Kosten ver- r i n g c r t.— Von besonderem Interesse ist es deshalb auch, speziell für die östlichen Provinzen, also fiir die Gebiete des vor- herrschenden Großgrundbesitzes und des zunehmen- den A r b e i t e r m a n g c l s die einschlägigen Verhältnisse festzustellen. Für ganz Preuße» beträgt, wie schon bemerkt, die zchnjnhrige Steigerung der Leistungsfähigkeit 136 pEt. Dagegen nun für die Regicrungsvezirke Königsberg 355pEt., G u m b i n n e n 465 pCt., D a n z i g 289 pEt., Marienwerder 258 p0t., Posen 157 pCt., Bromberg 198 pCt., Breslau 293 pCt., Oppeln 170 pCt., Liegniy 64 pCt., Stettin 61 pCt., Eöslin 94 pCt., Stralsund 88 pEt., Frankfurt a. 0. 109 pCt., Potsdam 102 pCt. Für diese fünf Provinzen zusammen(ohne Berlin) beläuft sich die Steigerung auf 159 pEt.(nämlich 54 463 Pferdekräftc in 1889 gegen 21 018 in 1879), während sie für alle übrigen Provinzen(wiederum ohne Berlin) nur 110 pCt. ausmacht(nämlich 53 565 Pferdekräfte in 1889 gegen 25 538 in 1879). Für den Fortschritt, den der landwirth- schaftliche Betrieb gerade im Osten gemacht hat, ist das gewiß charakteristis ch." Das stimmt. Die Herren Landjunker haben in einer Hinsicht etwas gelernt und die Millionen und Abermilliouen, die ihnen der„Racker von Staat" in den Schooß geworfen, haben ihnen die Mittel dazu geliefert, sich in einer Weise technisch auszurüsten, daß der Bruder Bauer ihnen gegenüber hoffnungslos die Segel streichen muß. Wer übrigens daraus, daß die Vermehrung der feststehenden Dampfkessel nach den obigen Zahlen sich als geringer darstellt als die der beweglichen, den Schluß ziehen wollte, daß die eigentliche industrielle Produktion doch recht langsam fortschreite, der vergißt, daß es sich hier um Verhält nißzahlen handelt, die bei kleineren Grundzahlen natürlich viel erheblicher erscheinen als bei größeren. That- sächlich ist auch die Zunahme der feststehenden Dampfkessel eine ganz enorme— kurz, die Konzentration der Produktion hat in Industrie und Landwirthschaft im letzten Jahrzehnt rapide Fortschritte gemacht und es würde wider die Natur der Dinge sein, wenn diese Zunahme nicht in einem entsprechenden Wachsthum der sozialdemokra- tischen Stimmen ihren lehendigcn Ausdruck fände. — Sollen sich an die eigene Nase fassen.„Die deutsche Reptilpresse", schreibt man uns,„verdreht tugendhaft die Augen, weil der Prozeß gegen Boulanger„parteiisch" geführt worden. Parteiisch, mag sein. Aber immerhin war das Belastungsmaterial ein so mäßiges, daß der Angeklagte unter gleichen Verhältnissen in Deutschland von sogen. „gerechten deutschen Richtern" zwaiizigmal verurtheilt morden wäre. Wenn unsere Reptilblätter so grimmige Feinde der Parteilichkeit vor Gericht sind, warum fegen sie nicht lieber an der eigenen Thüre und beschäftigen sich mit den Hunderten von Sozialisten Prozessen der letzten Jahre— Prozessen, in denen zum größten Theil gar kein juristisch brauchbares Belastungsmaterial vorlag und in keinem Fall, ohne die schamlose Parteilichkeit der Richter oder der Gesetzgebung und Regierung(Ausnahmegesetz) eine Verurthcilung möglich gewesen wäre? Der Parteilichkeit der Gesetzgeber und Regierer, die das parteiische Sozialistengesetz machten, dient der Parteilichkeit der Richter als Werk- zeug. Tie meisten deutschen Richter sehen ihre Aufgabe nicht mehr darin, wirkliche Vergehen und Verbrechen nach dem bestehenden Gesetz ab- zimrtheilen, sondern den Gegnern der Gewalthaber imaginäre Ver- gehen und Verbrechen anzudichten, und eine juristische Formel für die Verurtheilung von Männern zu finden, deren einziges wirk- lichcs Vergehen oder Verbrechen darin besteht, daß sie Gegner der Gewalthaber sind. Bei diesem ihrem Geschäft der Verfertigung und fonuell-korrekten Aburtheilnng künstlicher Vergehen entwickeln manche unserer sauberen Richter einen Scharfsinn und eine Erfindungsgabe, die, auf ein besseres Ziel hingerichtet, unsere Anerkennung verdienen würden. Jene Dresdener Richter zum Beispiel, die jüngst aus der einfachen Aufhissung einer rothen Fahne(vcrmittcst einer Armbrust wurde am Bolzen ein Faden über einem Telcgrapheudraht cmporge- schössen) Erstens versuchte Sachbeschädigung, Zweitens versuchte Betriebsstörung, Drittens Schießen an öffentlichen Orten, heraus- destillirten und die Urheber dieser drei enormen Vergehen zu 5 bis 10 Monaten Gefängniß verurthellten, haben sicherlich in ihrer Art ein kleines Meisterstück geliefert. Wie sie ihr Hirn ahgequält haben mögen, ehe die drei Verbrechen richtig zurecht gekocht waren! Und die Vertheidiger solcher Justiz-Jnfamien wollen über die Verur- theilung Boulaugers zetern! — Der Krieg— eine Erfrischung. Kürzlich ist der vierte Band der unter dem Titel„Unter den Hohenzollern" herausgegebenen„Denk- Würdigkeiten aus dem Leben des Generals von Oldwig von Nahm er" eines liberal angehauchten Freundes des alten Wilhelm, welch Letz- terer bekanntlich während der Manteuffel'schcu Epoche Anfangs der fünfziger Jahre mit der— liberalen— Opposition kokcttirte, erschienen. In einer Besprechung dieses Buches in der„Frankfurter Zeitung" finden wir u. A. folgende, den späteren Heldengreis auf's deutlichste charak- terisircnden Zitate ans Briefen desselben: „Ein Jahr später drohen die orientalischen Wirren. Der Prinz glaubt nicht, daß es zum Schlagen kommen wird, er schreibt an Natzincr (26. März 1853):„Man wird sich noch etwas mit— tssoten bombar- diren und dann die Flotten wieder einlaufen lassen. Für uns S o l- d a t c n, die doch auch gern etwas Resultat so langer Friedcnsvor- bercitungen sehen möchten, wird die Zeit zu laug; man wird nicht jünger und so werde ich mich wohl mit der B a d e n e r Episode (d. h. die N i e d e r k a r t ä t s ch u n g der badischen F r e i h e i t s- kämpfe r) begnügen Müssen. Meinem Sohne dürfte es anders beschiedcn sein....."—„Als 1857 aus dem Nenenburger Putsch ein Konflikt zwischen Preußen und der Schweiz zu entstehen droht, empfindet der Prinz, der eben sein fünfzigjähriges Militär-Dienstinbiläum gc- feiert hat, es sehr schmerzlich, daß der Oberbefehl über das gegen die Schweiz bereit gehaltene Heer dem General von Gröben übertragen worden ist.„Gedenken Sie", schreibt er an Natzmer,„in dieser Zeit des gefeierten Jubilars, zugleich theilnchmend des— z u H a u s e g c- lafsenen Feldherr» wegen G.!" Rcsiguirt und verstimmt ant- wartet er im folgenden Jahre(1858) auf die Glückwünsche des Freundes zu seinem Geburtstag:„Wenngleich ich Ihre Wünsche gern aiinchinc, daß es mir wie Radetzky gehen möge, so glaube ich doch nicht, daß mir das Laos beschieden sein wird, denn der Krieg für Preußen scheint abgeschafft zu sein und ein 42jähriger Friede macht die Waffen zu dem- selben stumpf! Der Trieb in der Armee ist gewiß noch außer- ordentlich groß, aber der Geist erlahmt Kch, da nirgcns eine Erfrischung möglich ist, wie sie nur der Krieg gibt." Daß der alte Wilhelm„Soldat mit Leib und Seele" war, ist be- j kannt, aber in der„loyalen Presse"— und dieselbe reicht weit in die bürgerliche Demokratie hinein, wird er daneben als ein „Friedensfiirst" gefeiert, der sich nur widerstrebend der Rothwendigkeit Krieg zu führen, gefügt habe. Hier, in seinen vertrauten Briefen, zeigt sich der„Kartäffchenprinz" aber in seiner wahren Gestalt, die„Sol- datennatur" offenbart sich als L a n d s k n e ch t s n a t n r— er sehnt sich nach dem Krieg— um nichts als des Krieges willen. Welche brutale Denkart dazu gehört, vom Krieg als einer„Erfrischung" zu reden, brauchen wir nicht erst des Weiteren darzulegen, wer aber uns erwidern wollte, daß diese„Erfrischung" eben mit der Zeit fiir die Armeen eine Rothwendigkeit werde, sollen dieselben nicht geistig„er- lahmen", der würde weiter nichts beweisen als die a b s o l u t c G e- m e i u g e f ä h r l i ch k e i t d e r stehenden Armeen. Wilhelm II. versäumt keine Gelegenheit, seine vollständige Ideen. gemcinschaft mit seinem„in Gott ruhende» Herrn Großvater" zu bc- thcuern. Kein Zweifel, daß auch er dessen Auffassung über den Krieg thcilt. Läge nicht der Knüppel beim Hunde- das deutsche Volk würde wahrscheinlich schon den Segen dieser„Erfrischung" genießen. — Eine„Ehrenrettung". Die Wiener„Arbeiterzeitung" hatte kürzlich darauf aufmerksam gemacht, daß ein Theil der„A u L n a h m e- Verordnung" bekr. die anarchistischen Vergehen nicht erneuert worden sei— nämlich der Theil, der für die anarchistischen Vergehen die Gcschworengerichte in gewissen Bezirken außer Wirksamkeit setzt— daß also Wien vom 1. August d. Js. eine Ausnahmsbcstimmnng we- niger habe. Das Berliner„Volksblatt" bezog diese Notiz irrthümlich auf die ganze Ausnahmeverordnung über die anarchistischen Verbrechen und schrieb aus diesem Anlaß einen Artikel„Ein Ausnahme- gesetz weniger", worin die österreichische Regierung für ihre poli- tische Einsicht gelobt und andern als Muster hingestellt wurde. Das veranlaßt die„Arbeiterzeitung" in ihrer neuesten'Nummer zu einer sehr launigen„Ehrenrettung", die als Eharaktcristik der österreichischen Rechts- und Polizeizustände auch in unscrm Blatt einen Platz bean- spruchcn darf. „Die österreichische Politik", schreibt unser Brnderorgan,„hat etwas so spezifisch„Oesterreichisches" an sich, daß, wenn österreichische Ver- HAtuisse in einem österreichischen Blatte besprochen werden, die Landes- fremden dasjenige mißverstehen oder garuicht verstehen, was jedem Oesterreicher ganz klar ist. So bemühte sich Schreiber dieses einmal, einem reichsdeuffchen Genossen klar zu machen, was das Recht der Interpellation bedeute, das jeder Abgeordnete unseres Reichsraths habe. Der Mann wollte absolut nicht begreifen, daß es für das Parlament ein Recht zu fragen geben könne, welches verträglich sei mit dem Recht der Regierung— nicht zu antworten; es war ganz unmöglich, ihm beizubringen, daß dieses Recht der Interpellation trotzdem sehr k o st b a r sei, daß es aber der Regierung ganz unerträglich werden würde, wenn sie die Interpellation auch beantworten müßte. Derlei versteht eben nur ein Oesterreichcr." Die„Arbeiterzeitung" schildert min den Jrrthum des„Volksblatt" und fährt dann fort: „.... Oesterreich gehört nicht unter die„wilden" Völker ohne Aus- nahmegcsctz.— Nur ist's bei uns kein Gesetz— das beschlossen werde» inuß und diskutirt; sondern„Verordnung",„Verfügung" heißt das Ding/' Und wenn wir heute„um ein Ausnahmegesetz weniger" haben, so genügt das Andere, um unsere Zustände mindestens ebenso „zivilisirt" zu gestalten wie die deutschen. Ja, hätten wir selbst diese nicht— unsere Staatsgrundgcsctze, unsere glorreichen Er- rungcnschafien der liberalen Aera genügen vollauf, um jedes freie Wort zu unterdrücken, um jede Versammlung zu verbieten, um jeden Verein aufzulösen, um mit einem Worte jede mißliebige politische Bewegung aiff so lange absolut zu knebeln, als das wüufcheuswerth erscheint.— Ein Beispiel: In Brünn herrscht heute nicht der geringste Ans- uahmszustand. Aber Brünn besitzt einen Staatsanwalt, der noch immer nicht„pensionsfähig" ist, obwohl er nach unserer Ansicht längst„pen- sionswürdig" ist. Dieser Herr duldet einfach den Sozialismus nicht in der Brünner Presse— das Hainfelder Programm konfiszirt er; der österreichische Sozialismus ist vernichtet. Die Resolution des Pariser Kongresses hat einen prinzipiellen ersten Theil, der die sozialdemokratischen Ideen zusammenfaßt. Der Brünner Staatsanwalt konfiszirt mit größter Seelenruhe, was in aller Welt, in allen Sprachen gedruckt und verbreitet wird.— Für Brünn ist auch der i n t c r- n a t t o n a l c Sozialismus vernichtet.— Also wozu Ausnahnisgcsetzc, wenn wir über solche Grundrechte und solche— Staatsanwälte verfügen.— Dabei besteht jene Ausnahmsverfügung, welche der Polizei gestattet, in den wichtigsten Bezirken Zeitungen einzustellen, Vereine auszulösen, Versammlungeu zu verbieten, Menschen auszuweisen— ohne richterliches Urtheil, ohne Refiirsinstanz— ganz nach freiem— Polizei- lichem— Ermessen.— Diese Verfügung besteht weiter und wird be- nutzt.— Sollte aber wieder das Bedürfniß gefühlt werden, Zeitungsschreiber subjektiv zu verfolgen, um sie einzusperren, und sollte man zufällig ein Haar darin finden, sie zu dem Zwecke vor die Geschworenen zu stellen, so ist das ganz gewiß ein„allerschwerwiegcndstcr Grund" zur Auf- Hebung der Geschwornengerichte— und die Verordnung kann täglich erlassen werden. Man sieht, unsere Freunde in Berlin haben cnt- schieden Unrecht, wenn sie Oesterreich zu den„w i l d e n Ländern" rechnen, wo es kein Sozialistengesetz gibt. Wir waren unscrm Vater- lande diese Ehrenrettung schuldig." Und Jedermann wird uns zustimmen, wenn wir der„Arbeiter- zeitung" das Zcugniß geben, daß noch nie eine Ehrenrettung so über- zeugend ausgefallen ist wie diese. — Zum Tchlnffstciit der grossen prcnssischcn„Sozialrcform" lesen wir in deutschen Blättern: „Wie viele von den Versicherten haben Aussicht, Alters- reute zu genießen? Nach den, der voraussichtlichen Anzahl von Altersrentnern, zu Grunde gelegten Nachweisen der jüngsten Berufs- Zählung gibt es in Deutschland Arbeiter und resp. solche Personen, welche Arbeiter waren, von 70 und mehr Jahren: von männliche weibliche zusammen 70 Jahren 19.172 8,310 27,482 71„ 16,048 7,110 23,158 72„ 13,248 5,838 19,082 73 10,305 4,605 14,910 74„ 7,598 3,510 11.108 75„ 5,286 2,685 7,971 76„ 3,406 1,932 5,338 77„ 2,136 1,249 3,385 78„ 1,201 735 1,935 79„ 834 493 1,327 80„ 530 302 832 81„ 209 185 394 82„— 105 105 83„— 46 46 85„— 15 15 70,969 37,119 117,088 Die Zahl der zu versichernden Personell beläuft sich auf mehr als 11 Millionen. Es kommt somit auf je 100 Versichertc durchschnitt- lich I Altersxentner. Demnach baben von 100 Arbeitern immer ikt» die tröstliche Aussicht, vom 16. Lebensjahre bis zu ihrem Tode Beiträge zahlen zn müssen, ohne in Bezug auf Altersrente die g e r i u g st e Gegenleistung erwarten zu dürfen." Und von denen, die die— so lächerlich karg bemessene Gegenleistung erhalten, stirbt über die Hälfte schon im Lauf der c r st c u zwei weiteren Jahre. Nach fünf Jahren ist die Zahl aber so zllsamlucngeschmolzen, daß auf je 1000 Versicherte nur noch zwei AIters„icnliers" kommen. Zn der That, die Krönung des— Schwindels. —„Recht voor Allen" antwortet in seiner Nummer vom 22. August auf unfern Artikel in Nr. 33— leider in dem gleichen gc- hässigcu Ton, den wir an seinem ersten'Artikel bereits zu bedauern hatten. Unfern Ausführungen wird ein Sinu unterstellt, der ihnen absolut fern lag— u. A. so unserer Beinerkung über den muthmaßlicheu Ver- saffer des ersten Artikels*)— und in gleicher Weise werden die Vor- kommnisso auf dem Kongreß behandelt. So Lafargne's Antrag am Donnerstag, mit dem Verlesen der Berichte aufzuhören und zur Debatte der Anträge überzugchen. Er sei gestellt worden, nachdem über Deutsch- land, Frankreich, England Bericht erstattet,„der Rest zählte nicht mehr, selbst Amerika und Rußland nicht." Thatjächlich hatte am M t t t w o ch A b e n d bereits L a w r o s f über'Rußland gesprochen, am Donnerstag Vormittag Dr. Adler über O e st e r r e i ch. Wer immer die Artikel im„Recht voor Allen" schreibt, ist es zn viel ver- langt, daß er wenigstens— wenn nicht den Personen, so doch den T h a t s a ch e n Gerechtigkeit widerfahren läßt? Was aber hat die ganze Streiterei, das nachträgliche Herumklaubcn an Einzelheiten für einen Sinn? Fehler sind gemacht morden— Niemand leugnet das, nicht allen Wünschen ist entsprochen worden— ist das ein Grund, die Absichten zu verdächtigen? Nehmen wir z. B., weil„Recht voor Allen" noch einmal daraus zurückkommt, die Ver- cinigungsfrage. Glaubt es wirklich, daß das Resultat in Bezug auf diese ein anderes gewesen wäre, wenn der Kongreß statt der Liebknecht- scheu die Nieuwcnhuis'sche Resolution angenommen hätte? Oder hat nicht gerade das Schicksal der Vercinigiingsanträgc auf dem Possibi- listcnkongrcß bewiesen, daß die letztere dort genau ebenso b c- handelt worden wäre, ja thatsächlich behandelt worden ist, als die erster«? Es ist also auch von diesem Gesichtspunkt aus höchst zwecklos, über die von Liebknecht beantragte Resolution nachträglich zu mäkeln. Also noch einmal, was sollen diese nachträlgichcn Angriffe? Die Einigkeit hersteUen, deren Scheitern in Paris„R. v. A.", und wir mit ihm, bedauern? Diese Art der Polemik ist sicher nicht dazu ange- than. Wir gehören nicht zu denen, die ein offenes Aussprechen vor- handener Meinungsverschiedenheiten verpönen— im Gegenthcil,»vir halten es für zchninal besser als das ewige Vertuschen,„damit nur die Gegner nichts davon merken"— aber eine Polemik unter Genossen soll, bei aller Schärfe, nie in Gehässigkeit ausarten. Nur uutcr dieser Bedingung tvird sie der Sache zum Heile gereichen. *** Die Londoner„Justice" benutzt nnsere Auscinandcrsetzung mit „Recht voor Allen", sich auf's Neue au uns zu reiben. Wir werden ihr antworten, wenn sie sich das Lügen und Verläumden wird abgewöhnt haben. — Das Wahnsinnige in den europäischen Zuständen wird treffend dadurch illustrirt, daß Etwas, was stets und überall ein Un- glück für die davon betroffeneu Völker galt, ihnen heute zum Segen gereicht! In Rußland ist nämlich die Ernte sehr schlecht ausgefallen, und das ist, wie die Politiker sagen, die kräftigste Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens. Denn wenn die Magazine und Speicher leer sind und das Vieh wegen Mangel an Nahrung geschlachtet werden muß, werde der Zar den Säbel in der Scheide lassen müssen. *) Wir hatten ausdrücklich erklärt, daß wir deshalb Werth darauf legten, festzustellen, daß Domela Nicuweuhnis nicht der Ver- fasser sei, weil dieser auf dem Kongreß der Vereinigten Sozialisten gewesen, Fortujn aber auf dem der Possibilisten, also nur von Hörensagen nr- theilc.„Recht voor Allen" stellt die Sache aber so hin, als gelten bei uns überhaupt nur die Führer, während wir die übrigen Genossen als „eine Heerde Schafe betrachten".„R echt für Alle?" Eine ermutfiigeiibe Auswahl für das Volk: entweder Hunger leiden und nothdnrstig am Leben bleiben, oder keinen Hunger leiden und todtgcschossen werden! Bnridan's Esel hatte doch wenigstens die Wahl zwischen zwei Bündeln Heu; hier hat das Volk nur die Wahl zwischen zwei Bündeln Disteln! (Neiv-Iorker„Volksztg.") — To wird's gemacht. Ans Trier, der Hochburg des U l t r a- vi o n t a n i s in u s � wird der Berliner„Volkszeituug" unter dem IL. August geschrieben: „A u f g e l ö st auf Grund von Z 9, Absatz 2, des Sozialistengesetzes wurde heute eine zu Trier-Löwenbrückcn von dem Schriftführer des Fachverems der Maurer einberufene Versammlung sogleich, als der sozialdemokratische Negiernngsbanuieister a. D. Keßler seinen Vortrag beginnen wollte. Die Ausgelösten begaben sich nach der Amphi- theaterbrauerei und nach dem Vörort Maar, woselbst sie sich durch un- zählige Hochrufe auf Fachvercine, Bebel, Keßler u. s. w. für den un- gehaltenen Vortrag schadlos hielten. Den Leuten, welche als Bewoh- ner des„heiligen" Trier bisher niemals ohne Schaudern an Sozial- dcmokratcn zu denken vermochten, wird es, nachdem ihuen selbst der Titel„Sozialdemokrat" polizeilich an den Kopf geworfen ist, plötzlich außerordentlich leicht, in Hochs ans die Sozialdemokratie auszubrechen,— wenn auch vorerst nur aus Scherz; wie lange mag es, nachdem die erste Scheu überwunden, noch dauern, und die Leute find im Ernst Sozialdemokraten? Woraus zum soundsovielsten Male zu ersehen ist, daß das Sozialistengesetz lediglich die Sozialdemokratie züchtet, statt sie zu erwürgen." Aber abgeschafft wird's doch nicht, sintemalen die heutigen Macht- habcr diese Waffe zum Schutz der bestehenden Staats- und Geselljchafts- ordnnng nicht entbehren können. Und sie werden sie so lange nicht entbehren können, bis sie selbst entbchrt werden können. — Die letzten Nachrichten vom Dockarbeiter- Streik lauten sehr ernst. Tie Gesellschaft weigert sich hartnäckig, auf die Forderungen der Arbeiter einzugehen, und diese sind entschlossen, den Kampf bis auf's A c u ß e: st c zu führen. Inzwischen lähmt der Streik den ganzen Handel der Weltstadt, die Zufuhren sind abgeschnitten und in verschiedenen Artikeln droht Thcucrung. Im großartigsten Maße erfüllt die nichtstreikende Arbeiterschaft die Solidarität, und auch aus bürgerlichen Kreisen fließen die Unterstützungen. Die Haltung der Streiker ist bewunder nswerth, setzt indeß die Dockkoinpagnie ihr Spiel so lange fort, so wird es schwer halten, Aus- brüche der Leidenschaft zu verhindern. Vielleicht rechnen die Herren darauf, da sie die Arbeiter nicht durch die Hungerpcitsche bändigen können, so soll die bewaffnete Macht heran. Nun, hopcntlich werden sie sich auch damit verrechnen. Sie haben es nicht mit einer Arbeiter- kategoric— sie haben es mit dem Volk zu thun. — Der Vorstand der Sozialdemokratischen Reichstags- fraktion versendet nachstehende Quittungen: August 1889. Wir theilcn hicdurch unseren Parteigenossen mit, daß für U n t e r st ützungsz wecke vom 1. April bis 30. Juni folgende Beträge ein' gegangen sind. Ans: Lemgo: Mk. 70.—, Schwelm Mk. 30.30, Berlin Mephisto Mk. 9(3.25, Mcttmann Pik. 3.—, Magdeburg-Buckau Pik. 100.—, Oucdlinburg Mk. 21.—, A.'s Rentcnsteuer Mk. 779.—, Sennefeldcr Mk. 25.—, K. Berlin Mk. 10.—, M. K. durch R. K. Südwest Berlin Mk. 80.—. B. B. Mk. 50—, Waldcnburger Kreis Mk.(30.—, Zeulen- roda Mk. 10,80, Hohenstein-Ernstthal Mk. 25.—, Buckau Pik. 27.50, Erfurt(ohne Säbel) Mk. 12.—, Potsdam Mk. 18.—, Hof, alte Garde Mk. 4.—, junge Garde Mk. 6.—, Lambrecht Mk. 3—, Buckau Mk. 27.50, Minden Pik. 75.—, Eilcnbnrg Mk. 10.—, Brandenburg Mk. 25.—, Potsdam Pik. 25.—, Brandenburg Mk. 30.—, M. E. München Mk. 100.—, Buckau Mk. 28.60, Brandenburg Mk. 25.—, Erfurt(Das Banner hoch) Pik. 20.—.— Stachtrag vom Januar mit März: Hof Mk. 10.10, Darmstadt Mk. 10.—, Zeitz Mk. 20.—. R c i ch s t a g s- W a h l f o n d. Ans: Hannover Mk. 400.—, Eisenach Mk. 12.—, Weher bei Solingen Mk. 30.—, B. lustige Schlittenfahrt Pik. 8.35, Frankfurt a. Pt. Mk. 62.—, Vom Mann im Mond Mk. 700.—, B. Berlin Mk. 100.-, Herr Fischer Mk. 200.-, X.?). Z. Mk. 150.—, Miniinalarbeiter Berlin Mk. 10.—, Sennefeldcr Mk. 25.—, B. B. Mk. 50.—, B. V. Mk. l 00.—, Sphinx Mk. 2500.—, Wilhelmshaven Pik. 50,—, Salzungen Mk. 15.—. Zur Unterstützung der E l b e r f e l d e r A n g e k l a g t e n. Von E. H. in L. Mk. 21.35, Bovenden Mk. 10.—, Metimann Mk. 2.—, K. Breslau Mk. 5.—, Großenhain Mk. 50.—, 19. sächsischer Wahlkreis (Zwönitz Mk. 10.—), Mk. 15.—, Döbeln Mk. 20.—, 10. sächs. Wahlkreis Mk. 35.50, Dresden Zt. Mk. 200.—, Hamburger Freunde Pik. 5000.—, Kamenz Mk. 25.—, Elbingerode Mk. 3.—, Crimmilschau Mk. 100.—, Breslau Pik. 50.—, Forst i. L. M. 200.—, Hoetenslcben Mk. 4.—, Alsled Mk. 8.50, Seifhennersdors Mk. 18.50, Finderlohn K. Mk. 3.—, Offenburg t. B. Mk. 50.—,(von der eisernen Faust Mk. 28—, von den Akkord-Arbeiter« Pik.20.—, Nichtschwarzwaldvereinlcr Mk. 2.—), Seidau bei Bautzen Mk. 30.—, Hohenstein Mk. 25.—, Arnstadt i. Th. Mk.30.—, Finsterwalde Pik. 25.—, Aschersleben Pik. 18.—, Sandhos W. Pr. Mk. 3.—, Sommerfeld Mk. 3.—, Stadt Sulza Mk. 3.—, Merseburg Mk. 11.50, Oberweimar Mk. 11—, Langensalza Mk. 13.55, Tenchcrn Mk. 18.—, Hückeswagen Mk.(3—, K. Mimchen Mk. 50.—, Neustadt L S. Mk. 16.50, Sprembcrg Mk: 100.—, 31. München Mk. 103.—, Sablon bei Metz Mk. 4.30, W. München 46.—, Camburg Mk. 4.10, Buckau Mk. 100.—, Wilhelmshaven Mk. 50.—, Cglbe Mk. 20.—, 3t. tUm Mk. 8.—, Kaiserslautern Mk. 18.—,'Nißma n. ilnig. Mk. 15.80, Nehme Mk. 13.—, Voigtsberg Mk. 15.70, Nienburg Pik. 10.—. Leutersdorf und Nencibnu Pik. 5.—, Oderwitz Mk. 2.50, Eiba» Mk. 2—, Minden Mk. 25.25, Goldlanter Mk. 12.70, Cassel Mk. 100.—. Für die Familien unserer Verstorbenen: Nachzutragen vom 1. Januar bis 31. März: Oschatz Mk. 11.60, Planen i.V. Mk. 20.—, Freunde vom bunten Thor, Bremen Mk. 20.—, Gera Mk. 40.—, Zeitz Mk. 20.—, Kohlhansen Mk. 10.—. Crimmitschan Pik. 100.—, Großen- Hai» Pik. 50.—, Quedlinburg Mk. 11.—, Brandenburg Mk. 100.—. Sl. Bebel. C. Grillenbcrger. W. Liebknecht. H.Meister, P.Singer. Korrespondenzen. Verden bei B r e m c n. Die komniende flieichstagswahl hat dies- mal für unsere Partei ein besonderes Interesse. Erstens, weil bei der letzten Wahl infolge der Kriegshetze unsere Stärke nicht genug znm Ausdruck gekommen ist, zweitens weil es sich diesmal inn eine fünf- jährige Legislaturperiode handelt, und drittens weil bei jedem neuen Wahlgange das Interesse unserer Partei sich nawrgemäß steigern muß. Es wird nun vor allen Dingen darauf ankonimen, daß in Bezug auf die Wahllaktik nach ebenso einheitlichen Grundsätzen gehandelt wird, wie in der Frage des Prinzips. Ich glaube darum eine Frage ans- werfen zu niüsscn, über welche, wie die Erfahrnng in nnserm Wahl- kreise lehrt, noch viel Unklarheit herrscht, und die daher öffentliche Dis- kussion erheischt. Es stehen sich hier zwei verschiedene Strömungen gegenüber. Die Einen sagen, in jedem Wahlkreis haben die Genossen die Pflicht, eine» eigenen Kandidaten aufzustellen, und alle zu Gebote stehenden Mittel zur 3lgitation für ihn anfznwenden, ganz mibe küni inert um die sogenannten offiziellen, d. h. die günstigen Wahlkreise. Dort ist doch Geld genug, heißt es einfach. Die zweite'Ansicht geht dahin, daß unsere Partei nicht stark genug ist, nni ans der ganzen Linie den Kampf zu führen, da neun Zehntel der Wählerschaft noch gegen uns sind, und daß mithin die ganze Kraft der Genossen auf ein entsprechendes Gebiet konzentrirt werden muß. Dieser Gedanke muß auch auf den Kongressen vorherrschend gewesen sein, sonst hätte das Festhalten an offiziellen Wahlkreisen keinen Zweck. Es komnit für unsere Partei darauf an, daß wir uns zunächst den gün- stigsten Boden aussuchen, wo mir ani bequemsten und leichtesten An- Hänger gewinnen können, denn man muß im Auge behalten, daß unsere Partei nicht warten kann, bis der letzte Mann ans der Erde zu unseren Grundsätzen bekehrt ist, sondern daß wir zunächst uns damit begnügen müssen, die Majorität für uns zu haben. Es wäre daher sehr unprak- tisch, ganz planlos da zu ackern, wo der Boden am schlechtesten ist. Ob letzteres der Fall, das können die Genossen aus ihrem eigenen Wahlkreise heraus nicht immer benrtheilcn. Das kann nur von ersah- renen Genossen, die einen Gesammtüberblick haben, festgestellt werden. Nach dieser Maxime gewinnen wir nicht nur mehr Vertreter, sondern, was noch wichtiger ist, auch mehr Stimmen, und was das Aller- wichtigste ist, auch mehr wirkliche Parteigenossen. Denn was will es z. B. sagen, wenn in einem Wahlkreise, wo keine nach- haltige Agitation unterhalten werden kann, nur alle drei, und in Zu- kuuft alle fünf Jahre hier und da einmal einige Versanimlungcn ab- gehalten werden? Eine solche Agitation bringt wenig Stimmen und noch weniger Parteigenossen, hat also wenig praktischen Werth; es ist vielmehr das einzig Richtigste, die bessern Wahlkreise zuerst vorzu- nehmen. Mit den neu gewonnenen Hülfskrästen rücken wir den weniger günstigen auf den Pelz, und den allerschlechtesten Boden überlassen wir der Zukunft, dem Tag nach dem Siege. Ein Bedenken wirft man gegen diese Praxis auf, das der Beachtung Werth erscheint, daß dann manche Genossen bei der Wahl überhaupt nicht in Thätigkcit treten, und dadurch eine Erschlaffung Herbeigeführt wird, lim diesem Bedenken Rechnung zu tragen, haben wir in unserem Wahlkreis bislang folgenden Mittelweg eingeschlagen. Wir stellen zwar bei der Wahl einen eigenen Kandidaten auf, treiben aber nur solche Agitation, die nichts kostet, oder doch keine nennenswerthen Kosten ver- ursacht. An Sonn- und Feiertagen Ausflüge auf's Land zur Per- breitimg von Flugblättern, die Versammlungen werden von einheimischen Genossen abgehalten, auf diese Weise waren wir immer in der Lage, die aufgebrachten(Geldmittel nach auswärts abführen zu können. Wir sind zu dieser Taktik nicht allem durch den Einfluß der Kongresse, son- dern auf Grund eigener Erfahrung gekommen. Als wir vor 18 Jahren zuerst einen Kandidaten aufstellten, da wurde alles Geld, das wir auf- trieben, veragitirt, und das Resultat war, daß uns jede Stimme, die erworben wurde, 2 Mark kostete, und da wir infolge der großen An- strcngungcn bei der Wahl in der Zwischenzeit keine Zlgitation treiben konnten, gingen die so halb gewonnenen Kräfte wieder verloren. Wir fangen bei jeder Wahl so zu sagen wieder von vorne an; auf solche Weise geht der Partei viel Geld verloren, dank einer falschen Taktik. Darum möge man die„offiziellen" Wahlkreise entsprechend ver- mehren, nicht allein solche Kreise dazu nehmen, in denen voraussichtlich ein Kandidat durchkommt, sondern auch solche, die demnächst die besten Aussichten haben. Dies sei unser Haupt-Kampfplatz, hier möge dann der ganze Kampf entbrennen. In der Theorie hat das den fricheren Kongressen auch vorgeschwebt, ist aber noch niemals scharf genug durch- geführt worden, es ist gegangen wie mit den Beschlüssen der Kongresse über die Enthaltung bei den Stichwahlen. Auch diese sind nicht innc- gehalten worden und werden auch diesesmal, trotzdem der St. Gallcner Parteitag in dieser Hinsicht einen ganz besonders scharfen Beschluß ge- faßt hat, nicht innegehalten werden; es wird darnni recht nothwendig sein, daß mich diese Frage noch einmal einer öffentlichen Diskussion unterzogen wird. Kommen wir zu der ersten Frage zurück. Es wird sich an diese die Betrachtung über die jeweiligen Verhältnisse der einzelneu Wahlkreise anknüpfen. Beginnen wir mit unserem Wahlkreis. Derselbe ist für die Partei ungünstig: 1) Weil der ganze Wahlkreis mit Ausnahme eines kleinen Städtchens von 8000 Einwohnern aus lauter Dörfern besteht, im Ganzen mehrere hundert Ortschaften. 2) Ist in der Provinz Hau- nover noch ein sehr wohlhabender Mittelstand vorherrschend: dieser Mittelftand ist durch die frühere hannoversche Gesetzgebung künstlich er- halten worden. 3) Steht uns der PartiknlarismuS im Wege. 4) Gibt es in diesem ganzen Wahlkreis höchstens 300 Parteigenossen. Es liegt sehr nahe, daß die Genosseu den Wunsch haben, jeder in seinem Wahl- kreise den Erfolg selbst mit durchkämpfen zu wollen, aber er ist auf keinen Fall praktisch. Stach eine andere Frage möge hier angeregt werde». Früher erschien nach jeder Legislaturperiode des Reichstages eine Broschüre, betitelt: „Die parlamentarischc Thätigkcit des Reichstages und der Landtage"; diese Broschüren machten es jedem Agitator, und bei der Wahl ist ja jeder Genosse«in'Agitator, sehr leicht, die Blößen der verschiedenen Parteien agitatorisch auszunutzen. Nicht alle Arbeiter haben Zeit, die parlamentarischen Vorgänge zu verfolgen, und iu drei Jahre» wird Manches vergessen. Dann niiiß man bedenken, der eine Genosse hat mit llltramontane», der andere mit Freisinnigen, ein dritter mit Kartcllbrüdcrn, und manche Genossen mit allen gleichzeitig zu kämpfen, wir brauchen also einen AgitationS-Katcchismus, in dem die Sünden aller Parteien rcgistrirt sind, verbunden mit einigen Winken für die 'Agitation. In Betreff des Geldbedarfs bei der Rcichstagswahl möchte ich noch anregen, daß die Genossen die Drucksachen, die ja einen Hauptansgabc- Posten bilden, im Nothsalle ruhig aufKredit anfertigen lasse» mögen— natürlich wenn sie solchen haben— sie haben in den folgenden fünf Jahren Zeit genug, die Kosten abzubezahlen; auch kann es nicht scha- den. wenn man es eventuell versucht, Vorschüsse aufzunehmen. Und znm Schluß möchte ich noch darauf hinwirken, daß es jedem Zlrbciter zur moralischen Pflicht gemacht wird, den Tag der Wahl als den höchsten Feiertag zu betrachten, an dem kein freier Mann arbeiten darf. N..N. Elberfeld.(Die Moral und S i t t e n r e i n h c i t u n s e r e r Wächter der Moral und guten Sitten.)„O lieh, so lang Du lieben kaiinst"— dieses Wort des weilaud verpönten Sieoolutions- Dichters Freiligrath hat sich auch einer der berufensten.Hüter der Ord- niing in unserem Sozialistenncst an der Wupper zum Motto erkoren. ' Als schneidiger und seiner Kerl ist Paul— so wollen wir lliu vor- dcrhand neuuen— dem zarten Geschlecht gegenüber ein kleiner Schwere- nöthcr und schivärmt für was„Extrafeines", das hat er deun auch— nicht in seiner braven Ehehälfte, wohl aber in seiner Johanne gefunden. Johanne ist zwar nicht der richtige Name der Holden, aber da sich Er und Sic in ihren Briese» Paul und Jöhaime nennen, um sich nicht zu'kompromittiren, so wolle» wir diese S kamen vorläufig bei- behalten. Nicht etwa daß über das traute Verhältniß ein strenges Gcheimmß waltete. Nein, es ist auch hier gegangen wie der Dichter sagt: „Wächst sie aber und wird sie groß, Dann geht sie auch am Tage bloß." 'Arm in Arm wandeln Paul und Johanne diirch die Stadt, nur die ver- trauteren Stelldicheins werden in Vohwinkel und in letzter Zeit auch in G c r r e s h e i m abgehalten. Für seine Johanne würde Paul sein Leben lassen, doch da es dazu noch nicht gekommen ist, benutz! er seine amtliche Stellung, um sie über des Lebens trübe Stunden hliiwegzn— trösten. Als z. B. Johanne wegen Ucbxrschreitung der Kontroll-Vorichriften aus drei Wochen in's Gefänguiß mußte, was für eine Stets-Empfäug- liche ja sehr hart ist, da ließ Paul sie— zur Vernehmung— aus dem Gefängnis; holen imb hielt ihr auf seiner Amtsstube eme eindringliche Vorlesung über die Verwerflichkeit der„f r ei e n L i e b e", und als die Lektion vorüber, ging Johanne, wie ncugcstärkt, von dannen, und ver- brachte den Rest ihrer Haft mit erbaulichen Betrachtimgen darüber, was es für eine guic Sacke um die Polizei und besonders um einen P o l i z e i k o m in i s s a r ist. Ja.' liebet Leser. Paul ist P o l i, c i k o ni m i s s a r, nnd Johanne hat iwck manchmal Gelegenheit gehabt, sich dessen zu freuen. So als sie cines Abends wieder Änüial ans Tngcndpfaden ertappt worden war und der Beamte einer von ihr vorgewiesenen— Marke nicht trauen wollte. Wäre nicht zufällig grade Paul dazngekomnicll, so hätte die Holde wahrscheinlich wieder hinter die Gardinen gemußt. Und schließlich setzte es Paul sogar durch, daß Johanna von der läsligen Kontrole befreit wurde und einen Tiigeudschcin erhielt. Freilich, auch seine Macht hat ihre Grenzen, denn als er einst an cincr Frau Mäßen, die ihm öffentlich sein Verhältniß mit Johanne vorgeworfen, dadurch seine Wuth kühlen wollte, daß er versuchte, sie iliiter Kontrole zu bringen, wollte ihm dieser Schurkenstreich„absolut nicht gelingen" und er mußte den .Vorwurf ungcrochcn aus sich sißen lasten. Paul gehörte auch zu de» ständigen Gästen des famoscn Hotel B i er m a II n, das überhaupt die Stammkneipe der Elberfcldcr Polizei- Gewaltigen und zugleich eine der größten— Frcudenkncipcn unserer sitten- reinen Stadt ist. So groß wurde schließlich der Skandal, daß eine 'Anklage nicht mehr zu umgehen war, nnd Frau Bierniann wurde denn auch jv e g e» Kuppelet unter Annahme mildernder Umstände zu drei Wochen Gefängniß verurtheilt. Damals soll Frau Biermann wüthend zu Johanne gelaufen sein und gedroht haben:„Jetzt sollen die Herren ebenfalls sämmtlich an die Reihe und zuerst Dein Paul und Du". Johanne aber hielt ihr vor, daß sie noch viel mehr bekam- mcn hätte, wenn sie, Johanne, und noch 11 andre Tngcndengcl keine Stöcker-Eide geschworen, und dabei scheint sich Frau Biermann beruhigt zu haben. Natürlich erfuhr schließlich auch der Oberbürgermeister von Paul's Treiben.„Herr Kommissär", soll er gesagt haben,„nehmen Sie sich in Acht, daß es Ihnen nicht geht wie Ihren Vorgängern." Das hat aber ebensowenig genützt, wie die Vorwürfe von Pauls Gattin. Paul läßt nicht von seiner Johanne, und er geht in seiner— Liebe sogar soweit, wenn er selbst nicht zu ihr kann, für sie das Amt des Louis zu machen und ihr seine Freunde zu rekommandiren. Ist's nicht so, Paul? Denk an den von der Aue! Nicht wahr, ein sauberer Bursche, dieser Paul? Und dieses sitt- lich durch und durch verkomniene Individuum hat in Elberfeld die politische Ueberwachungspolizei üi der Hand, um über ehrliche Arbeiter allerhaud Lug und Trug zu sam eln und sie unschuldiger Weise in's Gefängniß zu bringen. Wie er dabei vorgeht, kaiin man sich denken, wenn man sich vergegenwärtigt, welche elende Rolle der Bursche im Prozeß Benrath gespielt, wie er da Hehlern bis zu 500 Mark versprach, wenn sie zu Ungunsten des Be- klagten aussagen wollten, schließlich ziim Seidenhändler avancirte und den Hehlern Seide ablauste nnd trotz aller dieser Manöver gründlich hereinfiel. (fleiuig, wir könnten ganze Bände voll schreiben, wollten wir alles ansühreu, was über das Treiben des Paul bekannt geworden. Aber der Eckel hindert uns daran. Wir fragen nur: 3Lie ist es möglich, daß ein solcher Mensch, auf den die ganze Stadt mit Fingern weist, auch nur eine Stunde länger Polizeikoinmissär sein kann? Ein Mann, der das ihm zu öffentlichen Zwecken übenviesene Geld mit Lustdirnen verpulvert, seine Untergebenen hernnihetzt nnd sie, während er seine Orgien feiert, halb umsonst arbeiten läßt? Und was ist die„Ord- uung" Werth,.für die ein solcher Mann zu sorgen berufen wird? Und welcher ehrliche Mensch kann vor einem solchen Menschen Achtung em- pfindcn? Was meiiicii Sie dazu, Herr Polizeikommissar Kammhoff? Die Wupperwacht. Parteigenossen! Vergebt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Briefkasten der Redaktion: Briefe und Einsendungen erhalten aus Slmster- dam, Bern, Stuttgart, Zürich. der Expedition: Th. Bkr. Hoxton: Shl. 2.— f. Schrft. erh. — Rthr. Kämpfer: Mk. 20.— a Cto. Ab. u. Schrft. erh. Bstllg. ergänzt.— F'anthias: Mk. 2500.— in Baar u. Ggr. per'Ab. 3. Qu. ze. erh. Weiteres nach Wunsch u. bfl. am 22. Antio. auf Bf. v. 21/8. '— Rothes Häuflein: Nachr. v. 20/8 dkd. erh. u. besorgt. Ebenso das weitere Anliegen.— H. W. Sydney: Notiz v. 6/7 erhalte» n. mit Nr. 34 erledigt.— Labriola Neapel: Shl. 4.6 f. Schrft. per S. L. ii. Co. in Hier erh.— M. P. Rbg.: Von Sch. haben wir 3tichts gehört, wünschen aber auch von Ihnen Bescheid wic's steht. Bei solcher Enthaltsamkeit bessert's schwerlich.— Rothes'Fenster: Mehr- bestllg. u. Ad. 2c. notircn u. erwarten schleunige Fortsetzg.— Clara: Avis v. 21/8 erh. u. Weiteres unten. R. monirt, ebenso Zwischen- Hand betr. Lrb.— Rthr. Hans: P.K. v. 21/8 erh. U. Bestllg. Biblio- thck notirt. Denkschrift erste'Auslage schon vergriffen, deshalb be- schleunigte Bstllg. anzurathen, um prompt bedient zu werden.— X. 3. V.: Bf. v. 21/8 hier u. Beil. besorgt, sowie Ad. gcord.— Anvers: P. K. v. 22/8 erh. u. Zugesagtes erwartet. Ad. notirt.— Bcritas: Ad. lt. Vorlage v. 21. geord. u. bfl. am 23/8 Weiteres berichtet. Vor Allem ist jetzt unbedingt Zhlg. zu leisten!— Rubikon: Das liegt nicht an uns. Mögt, sogar, daß es jetzt doppelt kommt, da Ersatztfrg. angeordnet ist. Bfl. am 23/3 Weiteres.— Claus Groth: Mk. 10. 75- per Gggr. gntgebr. Ad. geord. Bfl. mehr.— Raimund: öwfl. 102.— a Cto.'Ab. 2C. erh. Ad. 2C. notirt. Weiteres bfl.— P. P. Dijon: Weitere 50 Cts. gutgebracht. Sdg. u. Nota folgt. Geliefertes kostet Fr. 6. 75. Quttg. in 34 irrthümlick.— S. D. A. P. St. Gallen: - Abgelehnt. Weiteres lt. P. K. v. 26/8 89.- I. B. Bkst.; Bstllg. Denkschft. folgt. Bd. III. K. ist noch nicht so weit.— Traunicht: Mk. 50.— a Cto. Ab. 2C. u. Nachrichten v. 25/8 sowie Beilagen erh. Alles besorgt. P. Sch. kommt noch.— Merlin: Bf. v. 25/8 erh. Preise finden Sie im neuen Katalog; darnach richten Sie die Ihrigen je nach örtlicher Gepflogenheit. Bfl. mehr.— Vorwärts B.-3lires: Bf. v. 1. am 26/8 erh. Bstllg. folgt. 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Es ist eine wiederholte Neu- Auflage— jetzt die zwölfte— gegenwärtig in Arbeit, nachdem die durch unsere Gcschäftsverlcgung 2c. ohnehin verzögerte 11.'Auflage bereits vollständig geräumt ist. I�ic bei der Versendung größerer Posten entspringenden Schwierig- leiten verschiedenster Art zwingen uns, bei allen größeren Bestellungen prompte Vaarznhlnng zu bedingen und rechnen wir hierin ans all- scitigcs Entgegenroininen. E. Scrnkcill �(To. 114 Kentish Town Road, London, N. W.(England.)' Frinted for th« proprietär« by the German kooperative Publiahiog Co. 114 Kentuh Town Road London K. W.