Abonnements Wrttn bei»!»erlag und dessen belannlen Agenten entgegen» genommen, und>«ar zum voran« zahlbaren Vierteljahripreii von! Dl. 4,40 für Teutschland(dir! kl per Brief-llouvert) iwss. 2,7b für Oesserreich? 2(). Heft der„Sozialdemokratischen Bibliothek" erscheinen. Den Inhalt desselben bildet die zweite Auslage der seiner Zeit in Zürich erschienenen Schrift:„Tie wahre Gestalt d e»<5 b r in c n t n n jn i>." Tic Schnft komnn sicherlich fstlür zeitgemäß. Die Rückkehr zum Ehristcnthnui, zum positive» Glmibeii ist hellte das Fcldgcschrei der vereinigten Reaktion in TeliischbM. Man kann sagen, sie ist das Mono, unter dem der llnlcrdriickntlgskampf gegen die arbeitende Klasie geführt wird. Wo die Macht des irdischen Gcnsdarmcn nicht ausreicht, soll der himmlische Gensdarm einspringen, der- Priester soll dem Poli- zisten zu Hülfe kommen, ihn„ergänzen" Und die Priester finden durch- ans nicht, daß diese Mission ihnen zur Unehre gereicht— im Gegen- rlieil, durch all das theologische Gezänk, das die Pfaffen der verschiedenen Religionsnchtungen mit einander aufführen, klingt inimer wieder der Re'rain Iviidurch: uns« r t ficht! ist am Pesten geeignet, den um- itürzlerilche» Bestrebungen Einhalt zu gebielen, die beute Staat und Gesellschaft bedrohen. Aus jeder Ansprache des Papstes, sie sei an die Bischöfe oocr au eins sogenannte Arbeiter-Teputation gerichtet, aus jeder Rede des Stocker, sei es m einer Sitzung der inner» Mission oder in einer christuch-sozialen Polksversaimnlung, hört man die an die Mächtigen und Besitzenden gerichtete Anpreistmg:„Kommt zu uns, die Ihr um Eure Herrschakt, um Einen Besitz zittert, wir werde» Euch die Maffen hübsch im Zaum halten." lind der Rabbiner und der Prote- stantenvereiiiker sagen dasselbe,»nr mit ein Bischen andern Worten. Wir gehören nicht zu denen. weiche die Sozialdemokratie auf das Niveau einer antikirchlichen Sekte, mit dem Dogma:„jeder Sozial- oemokrat muß sich zum Atheismus bekennen" bringen möchten, wir halten den Satz unseres Parteiprogramms„Erklärung der Religion zur Privatsache"— wenn auch nicht gerade schön formulirt, so doch in seinem Grundgedanken für durchaus richtig; aber das bedeutet selbst- verständlich nicht, daß wir der Kirche und lnsbesondere der herrschenden, uns indifferent gegenüberstellen. Gerade insofern sie sich eine soziale Mission zuschreibt und auch zu ersnUcn sucht, ist die Kirche der sozia- listischen Kritik zu nuterwerfe», und da diese Mission eine antisozialistische ist. muß sie von der Sozialdemolratie bekämpft werde». Wer im Jahr- hundert der großartigen naturwissenschaftlichen Forschimgeu, angesichts der Ergebnisse der vergleichenden Mntholygie und der Religionsgeschichte überhaupt noch an den Gort der Bibel und seine himmlffcheu Heer- scbaaren glauben will,, der mag es thun, wir können und wollen ibm das Pergnngen nicht verbieten: aber wer ans diesem Glauben das Recht herleitet, dem arbeitenden Polt in seinem Enianzipationskampse Steine sti den Weg zu legen, den Arbeitern zuzurufen; llnterwerst Euch Euren Herren, entbehrt� und duldet, ans daß ihr das himmlische Leben habt, du hat die Sozialdemokratie zu seinem unerbittlichen Gegner. Das Ehristenthnm rrägt ein doppeltes Gesicht. Als die Zieligion der � Unterdrückten und Leidenden entstanden, läßt es die Spuren dieses Ur- iprungs, die Aspirationen Unterdrückter, durchblicken, als die Religio» von Herrschern und Unterdrückern ausgebildet, hat es sie znr.siarrikätnr verzerrt.„Sklave, bcsreie dich!" ruft es dem Geknechteten zu. Wacht er Miene, dem Ruf zu folgen, so rügt es hinzu:„Bon deinen Ge- Insten." Und wenn er sich darauf wieder unwillig abwendet, beschwichtigt es: So du dich deiiiiithigst, will ich deinen Herrn zur Milde gegen dich bewegen. Sei nicht mehr Sklave, aber sei Dien e r. Das ist der soziale Inhalt des Ehtistcnchums, und dieser ist eS, der dasselbe den Herrschenden zu allen Zeiterl so sympathisch.>» Zeiten sozialer Gährnng aber geradezu zum Gebot der Selbst- er h alkung gemacht bat. Der Roth gehorchend, nicht dem eignen Trieb, hat der preußische Staat, hat die deutsche Bourgeoisie ihren Frieden mit der Kirche gemacht, und binter.dem famosen Spruch: die llicligion muß dem Volke erhallen bleiben, steckt das Geständniß: wir fürchten das Volk— lies die Arbeiterklasse, denn sie ist das rührigste, thalträftigste Element im Volke— mehr wie alles in der Welt. Jn der uenaufgelegtc» Schrift nun, deren französischer Titel in wöri- lichcr Uebersetznng„Slndien über die sozialen Lehren des ChristentbnmS" lautet, und der nur einen Theil bildet eines größeren,„Geschichte der Proletarier" betitelten Werkes, wird der soziale Inhalt des Ehristen- lhnms einer kritischen Analyse unterworfen. Die Verfasser, von denen der eine heilte Minister, der andere ministerieller Journalist ist, sind zwar keine Sozialisten, sondern bürgerliche Radikgle, und ihre Kritik Ist stark von bürgerlichen Vorstellungen beeinsinbl, aber sie knüpft an die besten Traditionen des Bürgcrthums an und ist in dem glänzenden packenden Stil geschrieben, der die französische Literatur auszeichnet. Ihr eigentliches Ziel trifft sie mit einer Schärfe wie kaum eine andere Schrift, die das. gleiche Thema behandelt, und. so darf sie als eine der wirksamsten Aufklärungsschriften bezeichnet und empfohlen werden. In den Bemerkungen, die der zweiten Auflage vorausgeschickt sind, heißt es: „Biete Jahrzehnte haben die wissenschaftlichen Vertreter des Bürger- thums in glänzenden Geistes-Turnircn die Kircke bekämpft, ihre Dogmen lächerlich gemacht, ihre Lehren in ihrer Hohlheit und Richtigkeit bloß- gestellt, ibr ganzes System dem Spotte lind der Verachtung prcisge- geben. Die hierüber' geschriebenen. Werke umfassen ganze Brbiioche.ken. ilnv nun wrrv vtr«'.Ines veneugner und ürtv s k i einstimmig als Kandidat für den z w e i t e n B e r l i n e r R c i ch s t a g s w a h l k r c i s p r o k l a m i r t. Janiszewski tritt, von jubelndem Bravo begrüßt, an die Rampe der Tribüne und dankt mit warmen Worten für das ihm übertragene Ehren- mnt, indem er verspricht, zu allen Zeiten für die Ideen des Sozialismus einzutreten, die Anwesenden aber auffordert, rege Agitatoren für unsere Sache zu sein. Hierauf sprachen noch Herr Retzeräu und Herr Glocke die beide, ans die in den letzte» Tagen im Reichstag gehaltenen Reden bezugnehmend, zum Schluß dazu auffordern, das Evangelium des So- zialismus zu predigen und bei der nächsten Wahl Herrn Bcnningsen zn zeigen, daß das Volk eine andere Meinung von seiner Freiheit hat, ivic er, dadurch, daß der 2. Wahlkreis einen Sozialdemokraten als Ver- tretcr in den Reichstag schickt.(Beifall.)" Nachdem noch verschiedene Resolutionen in Bezug ans den Boykott gegen arbeiterfeindliche Brauereien zc. angenommen, wird die imposante Versammlung init einem donnernden Hoch ans die sozialistische Bewegung geschlossen.„Tie Menge", schließt der Bericht,„ging langsam unter Hochrufen ans ihren Kandidaten auseinander. Tie Lichterfelderstraße entlang waren eine größere Anzahl von Schutzleuten zu Fuß und zn Pferde postirt. Ungezählte Schaaren von Kriminalbeamten patronllirten auf und ab." Wir begrüßen den gefaßten Beschluß mit lebhafter Geinigthnung. Auch wir sind der Ansicht, daß„Strafen, die jeder bekommen kann", noch keinen Volksvertreter machen, aber Verfolgungen besonders brutaler Natur anf der einen und unerschrockene Gcsinmingslüchtigkeit auf der andern Seite sind im Verein geiviß geeignet, ihren Träger zum Kandi- date» einer Partei des Protestes zu empfehlen. Tie Strafen, die Janis- zewski erlitt, sind selbst in Deutschland ungewöhnliche; mit ausgesnchtcr Brutalität haben die Vertreter des Systems Puttkamcr ihn um Jahre seines Lebens betrogen, er gehört zu den am härtesten getroffenen Lpsern des Mcineidsschnftes R a p o r r a, und die Arbeiter Berlins konnten die„eklatante Genngthnnng", die diesem geworden, kaum schärfer vrand- marken, als dadurch, daß sie Janiszewski als Kandidaten anfstelltcn. Jeder Stimmzettel, der für ihn in die Urne gelegt wird, ist ei» stoß in's Herz des erbärmlichsten PslizcisysteinS, das je existirt hat. —„Wahrhaftig", so schreibt man uns,„die Burschen hätten es fast fertig gebracht,' uns das Horazische>>i1 admirari für einen Moment vergessen zu machen. Ein solches Monstrum von Plnmphdr wie dieses neue Sozialistengesetz hätten selbst w i r nicht erwartet. Sogar die„Kölnische Zeitung", deren Geschmack sicherlich nicht ver- wöhnt ist, nennt das neue Sozialistengesetz„c ine unbrauchbare g e s c tz g e b e r i i ch e M i ß g c b u r t". Es ist nicht zn glauben, wenn man sich den Wisch nicht ansleht. Und wir fragen uns blos, was hat die Regierung sich dabei gedacht, als sie dem lltcichstag eine so ab- scheuliche„Mißgeburt" vor die Füße warf? Hat sie sich überhaupt etwas dabei gedacht? Oder hat man den Reichstag insu l t i re n wollen? Dazu wäre freilich die Gelegenheit sehr schlecht gewählt gc- wesen. Genug, wir stehen vor einem Räthscl. Thatsachc ist: Nachdem der sächsische GcneralstaatSanwalr Held sich ein halbes Jahr damit ab- geanält, die Quadratur des Zirkels zu finden und„einen Weg zur Uebersührnng des Auötwhmegesetzos in dao allgemeine Recht" zn eut- decke», hat man die Arbeit uugednldig bei Seite gelegt und dem ersten besten Schreiber in irgend einem Bureau den Auftrag gegeben, das alte Gesetz mit einigen„Verbesserungen" abzuschreiben. Anders läßt sich die Sache nicht erklären. Daß der Schreiber ein erbärmlicher Stümper war, das ivar das Pech des preußischen oder Reichs- Justiz- Ministers,— oder welcher Minister immer die Sache unter sich gchavt haben mag. Jndeß Mißgeburt hin, Mißgeburt her, auch Mißgeburten können mitunter ganz nützlich sein, und es gibt sogar Leute, die ihr Vergnügen daran haben, z. B. die„Leipziger Zeitung", welche den Wisch der Reichsregierung„eine M u st e r l e i st u n g st a a t s m ä n n i s ch e r Einsicht" nennt. Jetzt können wir uns auch vorstellen, warum das amtliche Organ der sächsischen Regierung den Sozialdemokraten so hartnäckig jedes po- litische Verständnitz abspricht. lieber den Inhalt des Wisches hier kein Wort. Es bleibt Alles beim Alten. Nur zweierlei soll anders werden. Die Answeisungcn sollen nicht mit dem Belagernngszustande zu Ende gchn; und das „Gesetz" soll anf ewige Zeiten sein, das heißt der Reichstag soll sich auch des Schattens von Kontrole, den er noch ausübte, ent- äußern. Nun— das mag der Reichstag machen wie er will: die Sozial- dcmokraten wissen, was Rcgiernngs-Ewigkeiten bedeuten, und sie wissen, >vas sie zu thmi haben, lind sie sind die Einzigen, welche es wissen. Die Rationallibcralcit namentlich flattern herum wie eine Kette Feldhühner, in die ein Schuß gefallen ist. Sie jammern und zetern— und verschiedenen der Herren ist der Schreck so heftig in den Leib gefahren, daß sie parlamentskrank geworden sind und nicht mehr kandidiren wollen. Zum Beispiel Hr. Miguel hat dies feierlich er- klärt. Und privatim schimpft er, daß man— soll heißen die Re- gicrung— ihn znm Besten gehabt, indem man ihm die Aufhcbiuig des Sozialistengesetzes fest verheißen— auf welche Verheißung hin er wie- dcrholt sein Ehrenwort gegeben, das Sozialistengesetz werde nicht mehr verlängert werden. Und nun ist's von der Regierung doch wieder eingebracht worden, und wird auch vom Reichstag angenommen wer- den. Höchstens daß die HH. Nationallibcralen den Pannesmuth habe» werden, die„Milderungen" und„Rcchtsgarantien"(so ncnut es der Schreiber, der den Entwurf znsammengeschmicrt, und der, wenn auch von Jurisprudenz keine Ahnung, doch von Hnmor entschieden einen Anflug hat) wegzublasen und das Gesetz in seiner alten Verfassung anf etliche Jahre zu bewilligen— ganz in der alten Weise. Inzwischen vollzieht sich in allerschönster Weise nickt blos die öko- no mische Auflösung der gesammten bürgerlichen Welt, sondern auch die politische, lieber entere wollen wir jetzt nicht reden— der „Krach", den die wahnsinnige Spekulations- und Gründung s- w u t h mit revolutionärer Emsigkeit vorbereitet, wird wohl demnächst eine lautere und eindringlichere Sprache führen, als ein simpler Zci- lnngsfchreiber es vermag. Die politische Zersetzung verdient aber einige kurze Bemerkungen. Der nationallibe raten Termite wurde schon Erwähnung gethan. In nicht viel besserer Verfaffung sind alle übrigen politische» Parteien: Das Z e n t r u m will nicht mehr zu- samntenhalten; die heterogenen Elemente, ans denen es bestcht, sind fortwährend in Reibung nnd Kouftikt mit einander, und soeben hat Ich o r l e ni e r- A l st, der bekannteste und einflußreichste Führer nach Windthorst, über die Klinge springen müssen. Auch unter den Fort- ? chr i t t l e r n gährt es. Engen Richter ist mit den meisten seiner llnterthanen ans sehr gespanntem Fuße, und die heftigsten Zänkereien entbrennen fast alliäglich über die bei der nächsten Wahl zn befolgende Taktil. Bon den Sozialdeinokraken ist seit der vorigen Wahl, wo sie so schnöde betrogen wurden, nichts mehr zu erhoffen, und auch zum Zentrum sind die Bcziehnngen stark gelockert. Der konservative Eharakter des Zentrums tritt mehr und mehr hervor. Desgleichen sind— last not least— die Konsenvativen in Heller Zerrüttung. Seit sie R c g i e r n n g s Partei geworden, sind sie nichts ohne die Uiirerstützung der Regierung. Nnir-wissen aber die armen Konservativen nicht, wer nnd wo die Regierung ist. Die Einen haben ihre Sache auf den kommenden Mann gestellt, die anderen halten es vorläufig noch mit dcin-'g e h e n d e n. Und nin die Person des neuesten„alten F r i tz" streiten sich b e i d e, wie die Griechen und Trojaner um die Leiche des Patroklos. Und nun erst bei Hof: Diese Jntriguen, diese Palastverschwörungen, dieses ewige, elend kleinliche Ränkcspiel! Das Schiff ohne Steuermann — bald der Eine, bald der Andere ans Steuer sich drängend, um welches ein häßliches, widerliches Gebalge tobt! Pmi! Dabei der neueste„alte Fritz" nebenher— das ist, neben seinen Reise-, Re- v u c n- und Alanövcr-Regicrungsarbcitcn— mit der pietätvollen Arbeit beschäftigt, das Andenken feines Vaters möglichst zn verdunkeln, um nicht zu sagen: anzuschwärzen. Ließ er da zum Excinpel durch Hrn. Frey tag, den nationallibcralen Romanschreiber ruid lli yhilister. über„uitscrenFritz" einen Roman schreiben, in welchem der Vater allerdings recht schlecht wegkommt, so schlecht, daß der liebreiche Sohn ausdrücklich die Erlaubniß zur Veröffentlichung des Romans gab, der dieser Tage denn auch erschicncir ist. Nicht daß wir„unseren Fritz" für einen großen Charakter oder gar ein großes Licht hielten; allein verglichen mit der Gesellschaft, in der er groß geworden und in der er sich bewegen mußte, erscheint er aller- dings fast als ein höheres Wesen. Und daß er nicht gleich niedrig und gemein war, kann jene Gesellschaft ihm nicht vergessen. Und namentlich kann es der edle Herr Sohn nicht.— O wie stolz-erhaben ist doch die S o z i a l d e in o k r a t i c über dieses Volk! Und das will uns durch ein„ewiges" Sozialistengesetz knebeln? Die Dnminheit ist noch weit größer als die Bosheit. — Aus dem Deutschen Reichstag schreibt man uns: Der geistige Bankrott der herrschenden Klicke ist wohl kaum jemals deutlicher zum Ausdruck gekommen als während der Reichstags- Budgetdebatte der vorigen Woche. Herr M a l tz a h n- G ii l z, der neue FiuÄznimister oder Kommis für Finanzen entwickelte„seinen" Haushaltsplan mit einer wahrhaft tödtlichen Gciftlosigkeit und Lang- wciligkcit. Selbst Kartcllblättcr niüffen zugeben, daß er sich blamirt hat. Das Herrchen wußte nicht cininal i»„seinem" eigenen Staats- Haushalt Bescheid, das heißt in dem Staatshaushaltsplan, den eigent- lich c r als Hauptperson sollte aufgestellt haben, den aber, ebenso wie das Sozialistengesetz, offenbar die Herren Burcanschreibcr oder sonstige untergeordnete Beamte für den gestrengen Herrn Nichtswisfer, Exzellenz, haben anfertigen müssen. Viel haben die Kommis des Schnapsjnnkers nnd Rcichsgründers Bismarck niemals getaugt—„anständige Leute" haben sich stets von seinen Preßbureans fern gehalten— die schlechte Qualität ist aber immer schlechter geworden. Und auch die Qualität der e i n z c l n e n Kommis verschlechtert sich, während sie im Dienst sind. Die schlechte Gesellschaft thut ihre Wirknngen. Man steht das recht denttich au Herrn B ö t t i ch e r, der von Hans ans ganz gut ver- anlagt war— nämlich znm gebildeten Hansknccht— und der die Rolle des gebildeten Hausknechts, der über Alles und Nichts zu sprechen hat, — Anfangs recht gut, und mit einer gewissen Eleganz zu spielen ver- stand. Wer ihn jetzt, in der letzten Budgetdebatte sah, erkannte ihn gar nicht wieder. Der biedere Hausknecht hatte Befehl erhalten, den nn- glücklichen Finänz-Nichtwisser„herauszuhauen",»nd entledigte sich dieser Ausgabe mit einer Ungeschicklichkeit, die ihn würdig erscheinen läßt, der Nachfolger des Herrn Malyahn-Gülz zu werden. Da er eine Rede Engen Richter's erwartete, hatte er sich eine„Schweinercde" ein- gepaukt, nnd sich alle das Schweincausfuhrverbol betreffenden Ziffern nnd Daten von seinen Schreibern noliren lassen. Und da passirtc ihm das Malheur, daß Herr Engen Richter, der den Braten gerochen hatte — ein Bölticher'sches Geheimniß ist nicht schwer zu crrathen— in seiner Etatsrede zwar die Regierung in gewohnter Weise vermöbelte, von der„�chweinepolitik" aber aus Bosheit kein Wort sprach. So war denn Herr Bötticher nin keine sämmtlichen möhlpräparirten Hans- knechtswitzchen geprellt— er machte aber als braver, an schlechte Be- Handlung gewöhnter HanSknccht gute Miene znin bösen Spiel, that, als ob er gar nicht geprellt ici, und ließ seine Schweinewitzchen vom Stapel gerade als ob nichts geschehen, oder vielmehr als ob geschehen, was er erwartet hatte. Natürlich wurde er dann von dem tapferen' Eugen kunstgerecht und oon am 010 abgethan. Als Dritter'im Bunde der Blamirten ist der große nationalliberalc Staatsniann Benningscn zu verzeichnen. Ja ihm gebührt die Palme des Siegs. Diese geschwollene aufgeblasene Nichtigkeit wollte zwei Fliegen mit Einer Klappe schlagen, und den Sozialdemokraten Bebel und den Fortschriltler Rickert mit einer großen, von Slaatsmännischkeit triefenden Rede zerschmettern. Mit wichtiger Miene, wie ein wohlgeinästeter Puterhahu, stellt er sich hin, um seine auswendig gelernten Phrasen der staunenden inundaussperrcndeii Korona seiner Parteigenossen vorzutragen. Jeder Zoll ein Truthahn. Auch die gurgelnde, fette Stimme nnd die zinnoberrothen Backen, mit den winzigen, eingeklcninilen Aenglein, er- iunern an den Truthahn. Und so gurgelte er eine Stunde lang, daß das deutsche Ichnapsjimkcr-Rcich die Verwirklichung des Tausendjährigen' Reichs der Offenbarung Johannis sei, nnd Bismarck der größte aller lebenden und todten Staatsmänner— mit alleiniger Ansnahme des gurgelnden Truthahns, der dies jedoch� nur dachte nnd sich wohl hütete, es auszusprechen. Eine neue wissenschaftliche Entdeckung machte auch der Truthahn, nämlich, daß der einzig wesentliche Unterschied zwischen direkten und indirekten Stenern der sei, daß die direkten Steuern von den E i n n a h m e n, die indirekten von den Ausgaben bezahlt würden— ein„wissenschaftlicher" Blödsinn, den der jüngste Setzcrlehrling des„Sozialdemokral" vielleicht nächstens ein- mal aufs Korn nimmt. Genug— besser konnte die Gciftesarmuth und Erbärmlichkeit der herrschenden Klicke nicht dcmonstrirt werden, als durch dieses Kirch- t h» r m w e t r r e n n e u der gespreizten Unwissenheit, welches von den Herren Maltzahn-Gülz, Bötticher nnd Benningsen in voriger Woche zur ersten Lesung des Bndgctgesctzes abgehalten oder ausgeführt wurde! Statt herrschender Klicke wollten wir erst sagen: herrschende Klasse. Allein das wäre nicht ganz gerecht gewesen. Solche Leistungen sind in England, Amerika, Frankreich denn doch nicht möglich— das ist bloß möglich in einem Lande mit so verkommener B o u r g c o i- sie, wie wir im„Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte" sie haben. Und vergleiche man nun mit diesen drei Jämmerlingeit den Vertreter der Arbeiter, Au g u st B e b c l, und wir scheu ein Bild, wie thurmhoch in sittlicher und geistiger Beziehung die Sache des Pro- lctariats über der unserer verkonimenen Bourgeoisie mit sammt ihrem Anhängsel von Junkern und anderem Troß erhaben dasteht. — Daß die Rede Bebels über den N e i ch s h a u s h a l t in jeder Beziehung den Nagel auf d e n K o p f traf„ wird auch von den Gegnern, freilich wider Willen, anerkannt, indein sie mit Ingrimm an ihr hcrumznnörgeln suchen. Aber es gelingt ihnen nicht, die Bcbcl'schcn Argumente zn widerlegen, so wenig es den Herrn im Hanse gelang, durch erheuchelte Heiterkeit den Eindruck der Ausführungen Bebels , icher die kritische Lage, in welche die Gewaltpolitik Bismarcks das deutsche Reich gebracht und fortdauernd erhält, auch nur in dem ge- ringsten Maße abzuschwächen. Im Gegentheil, das„Lachen" verging den Herren merkwürdig schnell, als Bebel ihnen zurief:„Solange Sie • das nicht einsehen, werden Sic überhaupt nicht zur Einsicht kommen." Wir müssen, in Rücksicht ans unseren knappen Raum, leider darauf verzichten, die Rede liier zum Abdruck zn bringen, fondcru verweisen unsere Leser anf die Berichte der unabhängigen Presse, die ein gutes Gesammtbild derselben geben. Am Montag begann die Debatte übte das Sozialistengesetz und zwar zunächst mit cinex Besprechimg der Berichte über die Haichhabung des Belagerungszustands in den verschiedenen inst, denffelben begnadeten Distrikten. Diese Berichte sind nachgerade so stereotyp geworden, daß man für die Verlängerung des'Gesetzes gleicki Formulare dafür in Vorschlag bringen iolllc, damit die Schreiber iu den betreffenden Re- gierungs- und Polizcibnreau's ist Zukunft nicht nöthig haben, ihre kost- bare Zeit für die überflüssigste aller Arbeitm zu vcHchlender». In unserer Zeit der Verbilligung aller Waaren müssen auch die„Begrün- dmigcn" entschieden billiger, Preis nnd„Werth" derselbe.» in ein ent-' sprechendes Verhältm'ß gebracht werden. Für das Dutzend sünf Pfennig wäre immer noch eine sehr anständige Bezahlung. � lieber den Verlauf der Debatten in nächster Nummer. Bis zur Stunde, da wir dies schreiben, liegen uns ent Telegramme vost. Es gibt noch cin Kammergcricht in Berlin. Untest den Schreinern in Frankfurt a. M. wurden im Juni vorigen J.ahrcs.' Sammlungen zu Gunsten der im A u s st a u d b e fi n d l i ab e n Hamburger Kollegen vorgenommen. Tarin sah die Frankfui'ter Polizei eine„Veranstaltung einer öffentlichen Kollekte ohne Genehmigung der zuständigen Staatsbehörde" und erließ gegen 8 der Sammler Slraff- mandate. Tiefe erhoben Einspruch nnd das Schöffengericht sprach sie denn auch ftei, indem es ganz richtig erkannte, daß die ThätigkeiO der Veschnldigten als eine öffentliche Sammlung nicht anfzn- fassen fti, da sie sich mif den engeren Kreis von F a ch g c n o f f en be- schränkt habe. Ebenso erkannte die S t r a f k a in m e r d c s L a n d- g e r i ch t s Frankfurt a. M. und verwarf eine gegen das Urtheil des Schöffengerichts eingelegte Berufung der Staatsanwalt- schaft. Diese aber beruhigte sich damit nicht, sondern legte beim K a m m e r g c r i ch t in Berlin Revision ein. Und siehe da, hier fand sie für ihre Schmerzen volles Verständniß. Laut Erkenntniß vom 30. September hat das hochweise Kammcrgcricht das Bcrufungsiirtheil aufgehoben nnd dahin„zu Recht erkannt",! daß iämmlliche Angeklagte der Ucbcrtretung des tz 1 der Polizeiverord- nung der.Königlichen Regierung zu Wiesbaden vom 3. März 1877; schuldig z u erachten und jeder mit einer Geldstrafe von 3 Mark, im Unvermögensfalle mit einem Tag Haft, zu bestrafen sei. „Daß die Veranstaltung keine öffentliche sei, heißt es im Erkenntniß,' fei rechtsirrthümlich. Wie bereits in einem Revisionsurtheile ausgeführt, bildeten die zur Zeit der Sammlung in Frankfurt a. M. anwesenden Schreiner keinen individuell begrenzten, sondern einen täglich wechselnden Personenkrcis, sie wären eine bestimmte Klasse von Personen bezw. Ge-'■ werbetrcibenden. Eine öffentliche bezw. Hauskollckrc— nnd als eine solche charakterisirc sich die in Rede stehende, weil sie eben nicht von Hand zu Hand zu einer Zeit, sondern in verschiedenen Häusern rcsp. Werkstätten und zu verschiedene» Zeiten ausgeführt sei— verliere aber diese Natur nicht dadurch, daß sie auf eine bestimmte Klasse von Per- sonen beschränkt werde." Das Willkürliche dicstr„Rechtsdeduktion" liegt ans der Hand. Ist cS schon lächerlich, den Arbeitern einer bestimmten Gcschäftsbranche, die, wie die Strafkammer ganz richtig hervorgehoben hatte,„vermöge ihres Gewerbes in besonderen Beziehungen zu einander stehen," blos darauf-. hin denCharatter eines abgegrenzten Personcnkreises zu bestreite», weil vielleicht heut ein Kollege ab- und morgen einer zureist, so tritt das Ilnchrliche der Deduktion ganz deutlich hervor in dem„rcsp.", das den Glauben erwecken soll, als ob Sammlungen von Hans zu Hans, ohne Rücksicht ans die Bewohner, und Sammlungen von Tischlerwerkstatt zu-' Tischlerwerkstatt ganz dasselbe wären, und nicht zwei sehr verschiedene Dinge. Wir wollten cininal sehen, wenn die Herren Tischlermeister eine Kollekte zur Unterstützung ihrer Hamburger Kollegen veranstaltet hätten, ans welcher Tonart dann die'Herren Kammergerichtsräihe—- gepfiffen hätten. Jedenfalls aber zeigt das obige Erkenntniß wieder einmal, was für' ein famoses Ding es doch heutzutage um den„Schutz der gerichtlichen Entscheidungen" ist. — Ein Idyll, das aber w e n i g a n m u t h c t, ist das Arbeiter-- loos in kleinen Städten. Hier treibt die Ausbeutung in der Regel»och scheußlichere Blüthen als in der Großstadt. Es gibl da keine Arbciterbe- wegung, es gibt auch für den Arbeiter wenig geistige Anregung, und so sinkt er in vielen Fällen geradezu znm A r b e i t s t h i e r herab. Ganz besonders gilt dies von dem Arbeiter, der beim Meister wohnt,, und von keiner Arbciterkatcgorie vielleicht in gleichem Maße wie von den Arbeitern im Bäckcrgc werbe. Wie unsere Leser bereits ans Tagesblättern wissen werden, stellt Genosse Bebel zur Zeil Erhebungen an über die Lage der Arbeiter dieses Gcwcrbszwcigcs, und da dürften wirklich geradezu haarsträubende. Tinge zu Tage kommen. So gab neulich ein Mitarbeiter der„Franks. Zeitung" in Baden cin kleines Bild, wie es in diesem gesegneten Ländchen in dieser Hinsicht ausschaut, wobei er als Typus eine �ladt mittlerer Größe nahm, in der sich etwa 20 Bäckereien besindc». In. sciiicui Bericht nun finden wir u. A. folgende Schilderung in Bezug auf die Arbeitszeit der Bäckergchilse»: „Tie Anforderungen, welche an die Arbeiter des Bäckergewcrbes mit Bezug auf die A r b e i t s z e i t gestellt werden, sind geradezu» n m c n f cki- l i ch c. Abends um 9 Uhr(spätestens 10 Uhr) beginnt die fchivcrc Arbeit in der Backstube nnd am heißen Qscn und währt, die kurze Svanue Zeit der Frühstückspause inbegriffen, bis Nachmittags 12 Uhr mmdestens, meist bis 1 Uhr, hausig bis 2 Uhr?!achmiltags ununterbrochen. Man kann eine durchschiiitllichc, anhaltende Arbeitszeit von l<» Stunden annehmen: dabei darf ja nicht übersehen tvcrden, daß in der langen Arbeitszeit von Abends bis zum Frühstück keinerlei Erfrischung verabreicht wird. Ist nun endlich am Nachmittag der Arbeiter„ledig aller Pflicht" und hat seine Schlaskammer ausgesucht, so hört der Bursch bald wieder die Vesper schlagen. Um 5 oder G Uhr, je»ach dem Zeitpunkte, wo das Hauptwerk wieder beginnt, muß sich der Bäckergchilse nach kurzer Rast an das sogenannte„Lappmachen" begeben; man vcr- steht darunter alle jene Vorarbeiten, wie z. B. Holzznrichtcn, Wasser- tragen, Wcrkzcngreinigen welche die eigentliche schwere Berufsarbeit als zierliche Beilage umgeben. Wenn man diele Beschäftigung gerechter- weise nicht zu den Erholungen zählen will, so ergibt sich eine d n r ch- s ch n i t t l i che Arbeitszeit von etwa 17—18 Stunde n. Um den für diese Arbeitsart gebrauchten Ausdruck„umncnschlich" erschöpfend zu begründen, muß hinzugefügt werden, daß in dieser Weise tagaus, tagcin, so am Werktag, wie am Sonntag gearbeitet wird, daß zn Zeiten erhöhter Konsumtion, z. B. bei Messen und Festtagen, Tag und Nacht hindurch ununterbrochen sortgearbeitet wird. Einem Väckergehilsen in der betreffenden, reizend gelegenen Stadl Badens nützen all die Herrlichkeiten der Natur nicht viel; er kennt im ganzen Jahr nur 3G5 Arbeitstage und wenn es ein Schaltjahr ist, erhöht sich noch die Zeil der Qual. Nicht einen einzigen freien Tag im Jayr! Kein Wunder, daß die Lungenschwindsucht sehr stark unter den Bäckergchilsen herrscht, eine Wahrnehmung, welche doch auch die Ani- merksamkcit der öffentlichen Gesiindheitspstege erregen nnd wachhalten sollte. Sehen wir nach dem Lohne, so sinden wir, daß cin Gehilfe neben der Verpflegung wöchentlich eine durchschnittliche Vergütung von drei bis vier Mark erhält, während er die Kosten für die Wäsche selbst bestreiten muß. Ter Maximallohn von 0 Marl per Woche für Gehilfen ersten Grades wird selten erreicht. Dagegen kann man sehr häufig die Wahrnehmung machen, daß Bäckergcyilsen noch dazu verwendet werden, täglich den Brodtarren durch die Straßen der Stadt zn schieben." Sind daS nicht wahrhaft schauerliche Zustände? In der That, es thnt Noth, daß da einmal zwischcngefahren nnd dem Ausbeuter-Jdyll gründlich ein Ende gemacht wird. — Recht bezeichnend für den Mangel an Selbstvertrauen iu den dürgerli ch e n und sonstigen R c a k t i o n s p a r t e i e n ist die immer epidemischer niistrctcnde-M a n d a t s m ü d i g k e t t. Fortschrittler, Nationalliberalc,— von Atiquel war schon die Rede— Zentrums- lcilte, ia selbst Konservative leiden unter dieser Krankheit; all jene Parteien haben Mühe, die Wahlkreise, um welche sie.kämpfen wolle», mjt Kandidaten zu besetzen. Die Erscheinung ist sehr erklärlich. Wer ein bischen Verstand hat von diesen Leuten, und nicht gerade Lust, eine Dräthpiippe oder ein Hanswurst zu sein, der kann keine Freude an diesem parlamentarischen Treiben haben. Für all diese Parteien ist der Reichstag eine Tenne, in der leeres Stroh gedroschen wird: der Reichs- tag ist iii seiner jetzigen Znsammensetziing absolut einflußlos, und wenn er nicht da wäre, würde Alles genau so gehen, wie es jetzt geht. Die einzige Partei, welche eine Ausnahme macht, ist die geächtete Sozialdemokratie: für s i e ist der Reichstag ein Kam p.splatz»nd P r o p a g a n d a f c l d; sie weiß, daß sie parlamentarisch, gesetzgeberisch jetzt keine Aussichte» hat, daß aber gerade durch die U n f r n ch t- b a r k c i t des Parlamentarismus die Wirkiamkeit des sozialdeinokrati- scheu Auftreten» im Reichstage mächtig gesteigert wird, lind die geächtete Sozialdemokratie ist so kampfsroh. daß selbst die L a n g e- weile der parlamentarischen Arbeit die Genossen nicht zurückschreckt, und die vielen Wahlkreise, um die wir das nächste Mal ringen werden, s ä m in t l i ch mit Kandidaten besetzt sind. Es gibt zwar noch vier oder fünf Kreise in Deutschland, wo eine endgiltige Auffrellung noch nicht eriolgt ist, allein die Genossen auch � in diesen Kreisen haben bereits Kandidaten im Äuge, nur daß znstschcn in c h r er e n_ in Aussicht genommenen Persönlichkeiten noch keine Wahl getronen nt. Ter nämlichen Quelle, wie die Mandatsmüdigkeit der reaktionären Parteien, entspringt auch das Streben fürstl icher Z n d i v i d u e n nach bürgerlichen Ä c r u s e n. Tie Herren merken, da« ,hr Geschäft aus dem Hund ist. Erzherzog— Pardon B ür g er Johann«/sal- vaior) Habsburg, der neulich aus seine kaiserlich-königlichcn-iitel irnimit Apanage verzichtete, will, wie jetzt berichtet wird, ebensalls unser Kol- lege werden nnd zwar nicht linier die Agitatoren, doch unter die Schristsreller gehen. Wir gestehen, es erfüllt uns vom rem menschlichen Standpunkl mit einer gewissen hossuuiigsvolleii Befriedigung. daß die Fürsten sich gerade zwei so eh r e nv o l t e n Berufen, wie die Agitation und Schrisrsrellerei, mit Vorliebe zuwcndeu. Es bewein dies, daß doch Hopsen und Malz an ihnen noch nicht ganz verloren ist, und daß ein?l r b c i t e r u n t e r st ü tz u n g s v e r e i n zur Hebung und Besserung heruntergekommener Existenzen aus den höheren, höchsten und allerhöchsten Ständen doch nicht völlig umsonst arbeiten würde. Vielleicht wird es bald Zeit fem, einen solchen Verein in's Leben zu rufen. — Deutsche Arbcitcrorgaiic veröffentlichten neulich eine stattliche Liste bereits verkündeter sozialdemokratischer Kandida- turen für die bevorstehende Reichstagswahl. ir.a die Liste jedoch nicht ganz frei von Jrrthümern war, und durch verschiedene, seitdem abgehaltene oder ausgeschriebene provinzielle-c. Arbeitertage Aenderungeu theils erfahren hat, theils noch erfahren dürste, so warten wir mir dem Abdruck bis zu deren Erledigung, wo wir dann zugleich auch summarisch über diese berichten werden, und geben heute nur unsrer Genugthuung über die Rührigkeit nnd Kampsesbereitschaft der Genoiien, von der die Liste Zengniß gibt, ftcudigen Ausdruck. Allzeit aus dem Posren, das ist und bleibt die Devise der deutschen Sozialdemokratie. — Die Utopisten sterben nicht auö. In Berlin haMich ein Verein„Jugendschutz" gebildet, der sich, wie es in seinen � ratuten heißt, zum Zweck geseyt bat: „Ter Jugend den Schutz zu gewähren, denen zie dem Lemstnnn und dem Laster gegenüber dringend bedarf,— die Unsittlichkcit, welche die Grundlage des Staates: die Familie, an der Wurzel untergräbt, auf das Energischste durch Wort und Schrift und durch praktische Maßnahmen zu bekämpfen— und das sittliche Pflichtbewußtsein zu wecken und zu fördern."■,. r Als erstes Mittel, diesen wunderschönen Zweck zu erreichen, bezeichnet der Verein, der sich„von jeder religiösen und politischen Parteirichtung fern halten" will:„Gründung von Arbeitcrinnenheims sin Verbindung mit einem Sonntagsheim», um unbescholtenen, alleinsrchcndcn Arbeiter- iniicu, Ladenmädchen, R ahlerinnen u. s. w. Wohnung, Rahruug, Rath, Beistand und Schutz zu gewähren.",.. Ganz abgesehen davon. daß nicht„Laster und Leichtnnn" es„nd, welche heute die Familie„an der Wurzel" untergraben, sondern die w i r t h s ch a f t l i ch e E n t w i ck e l n n g, die in ihren zersetzenden Wirkungen allerdings„Laster nnd Leichtsinn" fördert, so ist es doch gradezu naiv, sich cinznbilden, daß ein paar Arbeitcrinneiiheims, und zu mchr bringt es die Privatthätigkcit nicht, gegen eine soziale Massen- Erscheinung auch nur das Geringste auszurichten vermögen. Ilm den Mädchen, welche im Kampf ums Dasein auf sich selbst augewicsen sind, Schutz vor Anheimfallen an die Prostitution zu gewähren, müßten An- stallen in so großem Ilmfange errichtet werden, daß nur die Mittel des Staats, bezw. der Gemeinde dazu ausreichen würden. Aber auch dann bliebe das Mittel noch sehr problematisch, wen» nicht auch dafür gesorgt würde, daß die Zniasscn der Schntzanstalten vor dem Laster der— nennen wir es, Enthaltung geschützt würden. Sonst gründe man doch lieber gleich K l ö st e r l — Hurrah, ein neuer Konkurrent? Wir haben das Verzeichnen der Prcisbcwcrber um die genialste V e r s a in m l u n g s- A u f- lösung eine Zeitlang eingestellt: nicht daß es inzwischen an sehr hüb- scheu Leistungen auf diesem Gebiet gcniangclt hätte, aber sie kamen gegenüber den brillanten früheren Leistungen nicht auf. Schern glaubten wir verzweifelt, die— Geistreichigkcit deutscher Polizisten sei erschöpft. da ist uns über Nacht in Berlin ein Retter erstanden. Am l. No- vember wurde eine von über 1000 Personen desuchte Kommunalwähler- Versammlung aufgelöst, als Genosse Singer das Wort ergriff und die Worte sprach:„M eineHerren, Sie werden es begreif- lich finden..." �..... t, Solch umstürzlcrische Zumuthung machte die Auflösung allerdings sehr begreiflich. — Ilm mit den Uebcrschüssen im Staatsschatz endlich einmal aufzuräumen, solle» in der nächsten Session bedeutende Geldsummen bewilligt werden, zu dem Zweck, die großen Wüstcnländereien, die sich noch im Lande befinden, durch Bewässerungsanlagen in anbaufähigen Zustand zu versetze».— Natürlich ist es ein„wildes Land", von dem das gemeldet wird, nämlich die„Vereinigten Staaten von Amerika". In zivilisirtcn Län- dem hat mau keine Ucbcrschüsse, sondern„Fehlbeträge" und— 500.000 Soldaten unter der Fahne. — Auf einer vor einigen Wochen in N e w- V o r k abgehaltenen Konferenz von Redakteuren amerikanischer Arbcitcrblättcr, aus der be,chlosscn wurde, eine dauernde Verbindung der Ar- beiter presse zu schaffen und von Zeit zu Zeit Konferenzen abzu- halten, um gegeniibcr veftimnstcn. die Arbeiter-Jnterefsen besonders de- rührenden Tagcsfragen eine gemeinsame Taktik zu vereinbaren. hielt der Präsident des amerikanischen Gewerkschaflsbniidcs, Sani. G o m- p e r s, eine Ansprache über den Stand der Achtstunde»beweg- u n g. Er sagre nach der„New-Iorkcr Volkszeituiig" u. A.: , Tie Aussickste» für den 1. Mai 1890 seien g ü n st i g, und wenn auch nickst für alle Arbeiter Amenka's an jenem Tage die achtstündige Arbeitszeit eingeführt würde, so würde sie doch ganz sicher von vcr- schiedencn Gcwcrken eingeführt werden. Außerdem werde die Lcwegniig für verkürzte Arbeitszeit nach dem 1. Mai 1890 fortwährend zunehmen. Für die Pflicht der Redakteure der Arbeitcrblätter erklärte es der Red- ncr, diese Bewegung mit allen Kräften zu fördern. denn sie sei wich- tigcr als alle anderen Fragen." �. Mehrere Delegaten stellten hierauf Fragen au Gompers, ihren Zwei- fcl an dem versprochene» Erfolg der Bewegung in 1890 ausdrückend. Andere meinten auch, die Bewegung von 1886 sei erfolglos und die Folge davon der Niedergang der Bewegung gewesen. Gompers aber bestand darauf, die Bewegung von 1886 sei ein Erfolg gewesen. denn sie habe die G c s a m in t- A r b e i t s z e i t der amerikanischen Arbeiter jährlich um iv e n i g st e n 8 z e h n M i l l i o n e n S t u n d e n r e d u- 2 j � �"- Tiefe Angabe läßt sich natürlich nicht kontrolireu, aber wenn sie auch nur zu einem Viertel zutreffen sollte. würde sie die«chtstunden- bewcgung vollauf rechtfertigen._. — Qraanisationcn und Ärbcitölöhnc. Unter diesem Titel haben wir bereits in der vorige,, Nummer unseres Blattes die Erhe- bung-n des A r b« i t s st a t i st i k- B>l r e a u s d c s S ta a te s New- A o r k über die Ursachen d e r B e iv e g u u g d e r A r b c i t s- löhne in den Jahren von 1833 bis 1888 erwähnt und zwar theilten wir mit welches die A n i w o r t e n der o r g a n i si r t e n Arbeiter auf die' in dieser Hinsicht an sie gerichteten Zckagcn waren. Heute wollen wir au» die Angaben der Unternehmer folgen lasse». E» wurden an dieselbe» von dem Arbcitslßireau folgende drei Fragen ger.chw. kic(S Z.. b. h. im Jahre 18«8) obwatlende Äohnrate für- Arbeiter in Ihrer G«ichüst»hr««ch«.HöH«�-»dtr■wadrig«». al« im Jahre 1�83, vor uinf Jahren?_.. 2. Welcher Ursache ichreiben sie die Aeiidernng zu. wenn eine solche eingelrcten? 3. Wie oftmals, wenn überhaupt, haben Sie während der letzten fünf Jahre die Lohnratc für Ihre Angestellten erhöht oder deren Arbeitszeit verkürzt, infolge eines Ansuchens oder einer Forderung von deren Seite � Von 20,000 Firmen, die Fragebogen erhalten, crtheilten nur 5464 Antwort. Von diesen besagten, nach der„New-Vorker Volkszeitung" in Bezug auf die erste Frage 2884, daß die Lohnraten„die gleichen" oder„ungefähr die gleichen" geblieben, während 1356 auf„höhe r" lauteten; 329 meldeten:„niedriger"; III erwiderten:„Weiß es nicht", 384 gaben gar keine Antwort, nnd der Rest, 410, sprach theils von Lohnerhöhung bis zu 35 Prozent, theils Reduktion bis zu 25 Prozent. Besonders bemcrkcuswerth sind hier nur wenige Antworten, z. B. „Höhere Lohnrate, aber niedrigerer Durchschnitt"(der Lohnbezüge wahr- scheinlich!)—„Tie gleichen Löhne; aber kürzere Arbeitszeit bedingt höhere Ausgabe für Arbeitslohn";„Ungefähr die gleichen Lohnraten; hoch genug! Im Jahre 1883 betrieben>vir das Geschäft mit einem anständigen Prositertrag; aber jetzt, in 1888, bleibt uns kein Profit." Tie zweite Frage ließen 2300 unbeantworlct. 1000 sagten, es sei kein Wechsel eingetreten. 400 anerkannten das Vor- hau de n sein von Arbeiterorganisationen als die Ursache eines Steige ns der Löhne. 73„ean't say"(wissen nichts zu sagen,. Die Uebrigen— 2138— bringen ein ungemein buntes Gemisch von Ansichten, warum in ihren rcsp. Geschäftsbranchen die Lohnraten gleichgeblieben, oder warum dieselben gestiegen oder gesunken seien. 250 nennen als Ursache eines Steigens:„Bessere Arbeit nnd geschickte Arbeiter". Als Ursache des Sinkens wird„Schlechter Ge- schäftsgang" von 61 angegeben, während einige Antivorten ein Steigen der Löhne, resp. ein Sinken derselben politischen Parteien zuschreiben, resp. zur Last legen. „Viele der einschlägigeu Antworten", schreibt die„New Uorker Volks- zeilung", liefern recht charakteristische Belege für die in den kapitalisti- schen und Mittelklassen vorherrschende Seichtheit und Zerfahrenheit der Ilnfichten über ökonomische Tagesfragen." Doch fehlt es auch nicht an einigen„weißen Raben", welche„beachtenswcrthe Aenßernngen in Bezug aus die Ursache eines Steigens der Löhne vernehmen lassen— abgesehen von Denen, welche einsichtsvoll genug sind, direkt dem Faktor der Qrganisation das Verdienst gutzuschreiben. Drei Fabrikanten sagen. „Tie allgemeine Ausbesserung in 1886 konnte nicht rückgängig ge-' macht werden." FünfFirmen vonBaiimwollspinncreicn und Stocksabriken erkennen als Ursache einer Lohnerhöhung stattgcfundene „Verkürzung der A r b e i t s z e i l." Auch ein Zigarrcnfabrikant spricht sich in gleicher Weise aus. Ein Papctericwaaren- Fabrikant nimmt als Ursache:„Fortschritt, Aufklärung"»nd fügt hinzu:„In meinem Falle ermöglicht es mir Maschinerie, um 25 b i s 50 Prozent m e h r t!l r b e i t fertigzustellen, mit derselben oder einer geringeren Zahl von Händen als vor fünf Jahren." Als Ursache für ein Sinken der Löhne nennen 113: Konkurrenz; 10:„Drohende' Erniedrigung der Waarenpreise"; 27: Maschinen- und Fabrikarbeit"; 33:„Jmportirte Arbeitskräfte"; 12:„Ueberpro- dnktion"; 8: Zuchthansarbeit; 4:„Angebot und Nachfrage"; 1:„Un- sinnige Konkurrenz"; 1:„Entlassung von Männern und Anstellung von Knaben in andern Shops"; 1:„Wachsende Konkurrenz, Ucberproduk- tion und Arbeiter-ersparende Maschinen; 4:„Tenementhansarbeit" (Zigarrciifabrikanten), n. s.>v. Bemerkenswcrth sind folgende Ant- Worten: 1 Schuhfabrikant:„Verbesserung der Maschinerie hat eine Ver- ändernng in der Arbeitsweise herbeigeführt, nnd es ivurden dadurch viele Arbeiter anf die Straße geworfen, die ihre Dienste nun für Hungerlöhne anbieten. Der Achtstundenarbeitstag würde natürlich die Löhne wieder erhöhen. Vier Antworten gestehen die Ursachen einer Lohnreduktion mit Herzerfrischender Aufrichtigkeit:„Wir beschäftigen N i ch t- G e w e r k s ch a f t s- l e ut e." Eine andere Antwort:„N i ch t- U n i o n l e u t e und Ver- ändernng der Fabrikationsweise." Auf die dritte der obigen Fragen wurden 5323 Antworten einge- schickt, darunter 1909, welche entweder Erhöhung der Löhne oder Her- absetznng der Arbeitszeit oder Beides konstatirten; bezeichnenderweise aber legten die meisten Herren ungehenren Werth darauf, zu betheuern, daß sie niemals, wahrhaftig niemals, den Arbeitern irgend Konzessionen anf deren Verlangen bewilligt hätten, sondern stets, gewiß stets nur auf A n s u ch e n oder„mehrschdendchls" aus freiemAntriebe — aus purer Liebe zu den„Händen". Nun, die Angaben der oben erwähnten Vierhundert sprechen so eindringlich für den Einfluß der Qrgaiiisationen auf das Steigen bezw. Aufrechterhalten der Arbeitslöhne, daß solche Flunkereien Niemand täuschen können. Weder kann noch soll die gewerkschaftliche Organisation den Gang der wirthschastlichen Entwicklung anshalten, ivas sie aber kann»nd soll, ist, der Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse die diese mit sich bringt, möglichst entgegenzuwirken, und so die Arbeiter- klaffe kampffähig zu erhalten, auf daß sie den Geboten ihrer revoiutio- nären Mission in jeder Weise nachzukommen vermag. — Schweiz. Sonntag, den 27. Oktober fand in Bern der erste Parteitag der im Vorjahr konstituirten sozialdemokratischen Partei d e r S ch w e i z statt. Auf demselben waren, nach dem „Basler Arbeiterfreund", etwa 40 Telegirte und Verrrauensinänner an- wesend, welche ca. 20 Ortschaften vertraten. Außerdem hatten die Zentral- komites des Grütlivcrcins und des Gewerkschaftsbundes Telegirte ge- sandt. Ten Verhandlungen wohnten am Vormittag iiisgesamint etwa 80, am Nachmittag 150—200 Parteigenossen, zum größeren Theil aus Bern. bei. Als Präsident fnngirte Reichel(Bern), als Vizepräsident W u l l s ch l e g e r(Basel) nnd als Schriftführer Graf(Außersihl-Zürich). Der Jahresbericht des Partcikoinitcs konstatirte ein, wenn auch lang- sames, so doch stetiges Wachsthum der Partei, namentlich seit der Referendumsbcwegung gegen den Bundes-Anwalt. Er wurde ebenso wie der Kassenbericht ohne iveitere Bemerkung entgegengenommen. Von wichtigeren Beschlüssen des Parteitages seien folgende erwähnt: Das A r b e i t s p r o g r a m m der Partei wurde durch eiiien von Seidel(Mollis) beantragten Passus ergänzt, der „VernieHrmig der Garantien der persönlichen Freiheiten der Bürger durch die Bundesverfassung" verlangt. Weiter wurde folgende von R e i ch e l(Bern) beantragte R e s o l u- tion angenommen: 1) Das Verhalten der kantonalen Regierungen in der Frage der politischen Polizei ist mit allen verfassungsmäßigen Mitteln zu über- wachen; es ist auf kantonalem Boden dafür zu arbeiten, daß die Kantone sich allfälligcn llebergriffen der Bundcsbehörden widersetzen. 2» Tie weitere Ausdehnung der politischen Polizei aus eidg. Boden ,st energisch zu bekämpfen, so lange die Abschaffung derselben nicht möglich ist. Reichel, dessen wohlvorbereitetes Referat wegen der vorgeschrittenen Zeit hatte ausfallen müssen, wies in seiner kurzen Begründung der Re- solution an der Hand der Biindcsgcsetze nach, daß der eidgenössische Oberpolizei- Inspektor, wie der Bundesanwalt in der politisch durchaus ueiitrale», wissenschaftlichen„Zeitschrift für schweiz. Rechts- bflegc" genannt wird, bis zur Stunde weder a u f G r u n d l a g c der Bundesverfassung noch eines B n n d e s g c se y e s von, ich aus das Recht habe. Vorladungen, Verhaf- t u n g c n un d Haussuchungen ergehen zu lassen. Solches dur,e laut Bundcsgnetz nur vom eidgen. Untersuchungsrichter aus geichchen, wenn der Bundesrath die Vornahme einer strafrechtlichen Untersuchung in einer bestimmten Angelegenheit ausdrücklich be sch l o s sen hat. Andernkalls habe der Bürger das Recht(ivenigstens das formale» des W i d c r st a ii d e s. „Möge nian sich das allseitig merken", bemerkt dazu der„Arbeiterfreund". Für den„Achtstundentag" wnrde ein Beitrag von 100 Frc. bewilligt. In Bezug auf die Stellung der Partei zu den National- r a t h s w a h l e n wurde folgende von W n l l s ch l e g e r(Basel) beantragte und in einem mit großem Beifall aufgenommenen Referat be- gründete Resolution angenommen� .. In allen Wahlkreisen, wo die Partei in gewisser Stärke selbst- ; ständig organisirt ist, sollen ausgesprochen sozialdemokratische Kandt- daten, eventuell, wo dies nicht thunlich, Arbeilerkandidaten aufgestellt werden. 2» Das Parteikomite wird beauftragt, wo möglich in Verbiudniig . mit den Zcntralkomltcs des Grütlivcrcins ni.id des Gcwcrkschaits- dundes, dic für eine ciuhcitllchc Wahlbcwcgiiug notbwcndigcn Scllrittc rechtzeitig einzuleiten und die Bcdiugungeu zu präzisiren, unter denen auch Kandidaten anderer Parteien von den Parteigenossen unterstützt werden können. 3) Im Weiteren soll den Genossen in den einzelnen Wahlkreisen der zur Berücksichtigung der besonder» lokalen Verhältnisse nöthigc Spiel- räum gelassen werden." Wie die Parteiblätter der Schweiz übereiiistimmend berichten, nahmen die Verhandlungen einen sehr erfreulichen Verlauf. „Man sah wohl", schreibt der Berner„Sozialdemokrat",„daß hier nicht eine mächtige, lang eingelebtc, durch viele Jahrzehnte hindurch all- mälig emporgewachsene und gefestigte politische Verbindung tagte. Die Neuheit der ganze» Vereinigung trat stark hervor. Allein, wenn man auch das Gefühl erhielt, hier eine noch sehr junge politische Partei- schöpfnng vor sich zu haben, so möchten wir doch dieses Gefühl mn nichts in der Welt an das entgegengesetzte einer bald aus- nnd abgelebten, von altem Ruhme, alten Thatcn und vorsichtig erhaltender Politik lebenden Partei tauschen. Vielmehr erfüllte uns das vom ersten Mo- ment an auffallende zu Tage treten cines jugendfriichen und jugend- kräftigen Geistes politischer lleberzeuguiigstrcue und entschlossenen Muches mit hoher Befriedigung. Es war eine Lust, an fast allen Aenßernngen der Versammlung zu spüren, wie man es da mit ganzem, eiitsckiicdcucin und unerschiltterlichem politischem Wollen zu thnn habe. Die Leute wissen, was sie wollen, und sie wollen, was sie wissen— der Gedanke begleitete uns fortwährend nnd erfüllte uns mit festem Vertrauen für die Zukunft unserer Partei." Bravo! Mögen die Hoffnungen, mit denen die Thcilnehincr am Kongreß von einander schieden, sich im vollsten Maße erfüllen. — Ans Dänemark. Von dem Einsender der Korrespondenz in Nr. 42 des„Sozialdemokrat" geht uns eine Zuschrift zu, sowie ein Ausschnitt aus dem Kopenhagcncr„Sozialdemokrat", aus dem hervor- geht, daß nicht nur seine Korrespondenz selbst, sondern auch die That- iache, daß wir sie aufgenommen, in den leiteudeu Kreisen der dänischen sozialdemokratischen Partei sehr übel vermerkt worden ist. Wir müssen gestehen, daß wir das Letztere nicht recht begreifen. Der Genosse, der sich„Rinaldini" zeichnet, ist uns aus früheren Korrespondenzen im „Sozialdemokrat" als ein warmer Freund der dänischen Sozialdemo- kratie bekannt, nnd ein Grund, seiner Zuschrift diesmal dic Aufnahme zu verweigern, lag um so weniger vor, als dieselbe durchaus sachlich ge- halten war, und wenn sie auch den Konflikt in der Partei berührte und zu demselben Stellung nahm, dies doch ohne jegliche Gehässigkeit oder gar Verdächtigung der andern Seite that. Persönliche Angriffe hätten wir zurückgewiesen, für eine sachliche Kritik werden die Spalten des„Sozialdemokrat" ininicr geöffnet sein, selbstverständlich auch der sachlichen Entgegnung. Erst wenn wir eine solche zurückgewiesen, hätte die dänische Parteileitung, bezw. das leitende Parteiorgan Grund gehabt, sich zu beschweren, einstweilen müssen wir ihre Vorwürfe zurückweisen. Und zwarnm io mehr, als die Aufnahme der qu. Korrespondenz noch kciükswegs eine StellungnahMt unsrerseits bedeutete, geschweige denn eine feindselige. Wie misere Genossen in Deutschland, so wünschen auch wir auf freundschafrlichem Fmfjc mit den dänischen Genossen zu bleiben, und werden es ihnen gegenüber nie an Loyalität fehlen lassen. Aber wir sind nicht davon überzeugt, daß die Freundschaft das Todtschweigen rein sachlicher Gegensätze erfordert. Ties vorausgeschickt, geben wir nunmehr dem Einsender das Wort: „Meine letzte Korrespondenz in Nr. 42 hat in den hiesigen leitenden Kreisen Anstoß erregt. Das dänische Parteiorgan„Sozialdeinokraten" vom 27. Oktober enthält darüber Folgendes: „Die Revolutionäre korrcspondiren. „In der zuletzt erschienenen Nummer von„Ter Sozialdemokrat" be- findet sich eine Korrespondenz aus.Kopenhagen, unterzeichnet„Rinaldini". Ter Korrespondent ist einer von den sogenaniiten Revolutionären hier in der Stadt. Er schreibt n. A. Folgendes: „Für die sozialdemokratische Partei sollte die Stellungnahme zu den politischen Verhältnissen nunmehr von selbst gegeben sein; um so be- dauerlicher ist es aber, berichten zu müssen, daß die Partei als solche von ihrer bisherigen Verbindung mit der Linken auch ziir kommenden Wahl noch nicht abgehen und noch länger den Schwanz derselben l bilde» will." Der„revolutionäre" Korrespondent weiß natürlich sehr gut, daß es Unwahrheit ist, daß die dänische Sozialdemokratie den„Schwanz" der Linken(Venstre) bildet; aber die Leute scheine» es nicht so genau zu nehmen, wenn sie nur die Sozialdemokratie verhöhnen und herabsetzen können. Wie verwerflich es min auch ist, daß Personen, die sich„Parteigenossen" nennen, eine solche Art Korrespondenz aussenden, so ist es doch noch vcr- werflicher, daß ein Blatt wie„Der Soziatdemokrat" solche Angriffe ans eine sozialdemokratische Partei cines andern Landes aufzunehnien bereit ist. Das Organ der deutschen Sozialdemokralic sollte sei» Ansehen nnd seine Autorität wahren. Aber die« thut das Blatt nicht, wenn es solche Angriffe ausnimmt, deren Berechtigung es sich nicht die geringste Mühe gemacht, zu untersuchen. Es ist ziemlich bekannt, daß sich auch innerhalb der deutschen Sozial- dcinokratic Skandalmacher befinden, dic unzufrieden mit der Partei- leitung sind. Es könnte uns natürlich nicht einen Augenblick einfallen, solchen Leuten in unserm Blatte Platz zu Angriffen auf die Taktik der deutschen Sozialdemokratie zu geben und wenn es geschähe, würde„Der Sozialdemokrat" solche Angriffe selbstverständlich in der Weise, wie sie es verdienten, zurückweisen. Die dänische Sozialdemokratie hat über 80 s e l b st st ä n d i g e sozial- de m akratische Organisationen, sowohl in Wahlkreisen der „Linken" wie der„Rechten" errichtet. Weshalb würden wir dies thnn, wenn wir nur der„Schwanz" einer anderen politischen Partei wären. Was sollte uns weiter bewegen, eine umfassende sozialisttsche Literatur— größtentheils aus den wichtigsten sozialistischen Werken be- stehend— herauszugeben, wenn unsere Partei eine solche Haltung ein- nähme, wie die sogenannten Revolutionäre ihr vorwerfen? Damit allein kann man das Lügenhafte in dem Angriffe nachweisen, den„Der Sozialdemokrat" kolportirt. Selbstverständlich üben die Angriffe der sogenannten Revolutionäre gar keinen Einfluß aus auf die Taktik, ivclche»ufere Partei einzuhalten gedenkt. Die dänische Sozialdemokratie hat ihre Kinderschuhe anögetretc». In der letzten Versammlung des„Sozialdemokralischen Verband" wurde dic Wirksamkeit des Hauptvorstaiidcs mit überwältigender Majorität als gut anerkannt, und es zeigte sich, daß dic sogenannten Revolutionäre nur über eine ganz verschwindende Anzahl Stimmen verfügten. Vor- läufig diene dies dem„Sozialdemokrat" zur Nachricht. Wir möchten sehen, ob er auch hiernach sich feindlich gegen dic dänische Sozialdcmo- kratie stellen will, welche ihn und seine Partei stets auf die loyalste Weise behandelt hat." So das hiesige Parteiorgan. Vorerst werden sich dic Leser des„Sozialdemokrat" über den gereizten Ton wundern, der die Polemik des dänischen Organs durchweht. Meine Korrespondenz theilte weiter nichts als Thalsachen mit, dic das Blatt trotz seiner scheinbaren Argnmeiite doch nicht umstoßen kann. De» Kern- pnnkt des inkriininirten Satzes„die Verbindung mit der Linken zur Wahl" berührt das dänische Parteiorgan gar nicht, beißt sich dagegen in den symbolisch gebrauchten„Schwanz" fest. Die Verbindung mit der liberalen Partei zur Wahl ist eine That- sache, dic Partei als solche fordert Sozialdemokraten auf, für bürgcr- liche Kompromißkandidaten zu stimmen, anstatt eigene Kandidaten auf- zustellen, und läuft auch in de» großpolitischc» Fragen mit der schönen Phrase„geschlossene Opposition" durch Dick nnd Dünn von Protest- Politik zu Verhandlnngspolitik.'c., so daß der Ausdruck„Schwanz der liberalen Parlei" wohl nicht so ganz mit Unrecht gebraucht ist, da die sozialdemokratische Partei jedenfalls nicht den„Kopf" der Liberalen bildet. Sonderbar ist es aber, daß der„S." glauben machen möchte, eine Verbindung exiftirc nicht, während er erst neulich eine in einem Minichciier Blatte erschienene irrige Notiz„daß die Verbindung mit der Linken aufgegebc» sei" ganz energisch zurückwies und dic Urheberschaft derselben den„revolutionären Sündenböcken" in die Schuhe schob. Auch brauche ich das Parteiorgan nur an dic so viel debattirtc, in Svend- borg gefaßte Refolultion zu eriiincrn, welche dahin geht,„dic Verbindung mit bürgerlichen Parteien aufzugeben!" Alle Sektionen, welche den gleichen Beschluß gefaßt, sind von der Partcilcilnng„abgerüffclt" wor- den, da letztere den nnlogischcn Standpunkt verficht, daß diese.Rcsolntiou gegen Kongrcßbcschlüsie uersioße, die der Parrci„e r l a ii,t> c n", Per-. bindiingen mit der rcaktioiiärcn Masse cinziigcyeii. WnndcrbareKoiiscqucnz! DK' BenierMg�i„Unwahrheit",„liigenhtifte Angriffe" zc� schenke ich dein Vintte lind lasse die Leser nrtheilen. Es sind dies nur„Blätter und Bliitheu" von der Fluth von Schüiähungeu, die auf die Opposition hcriiiederregncn. Schade mir, daß bei alt' diesen innerei! Kämpfen die Agitation für unsere gute Sache leider, aber„das Aire stürzt, es ändert sich die Zeil, und neues Leben blnnt ans den Ptninen". Wtil sozialdciildkratischcin Gruße R i n a l d i n i. F. 8. Die Opposition ist keineswegs so schwach, wie der Artikel im dänischen Parteiorgan glauben machen Niochtc. Aus welchem Grande sonst der nervös gereizte Ton, wenn sich die Mehrzahl sicher fühlte? — Amerika. Vom 12.— J6. Okrober hat in C h i c a g o der von der Aufsichlsbehörde der Sozialistischeil Arbeirerpartci cinvernfene Purrei- kongrcß getagt. Er war stärker besucht als der von der alten Exekutive dnbernfeue; im Ganzen waren 1-7 Peiegirte und 5 Stellvertreter an- wesend, die 27 Sektionen vertraten. Lon in Teutschland bekannteren Tele- girtcn nennen wir: I. Christeilsen. P. Grottkan, O. Reimer, W. Ufert, H.Zwieblcr, Ad.HeMer, und Z. Bahttcich. Die beiden zuletzt Genannten hatten auch an dem von der alreu Exekutive einberufeucn Kongreß thcil- genommen. Der Kongreß nahm perschicdenc Resolutionen an, welche das Ner- halten der alten Exekutive sowohl in Bezug auf die allgeiueinc Partei- taktik als auch in Bezug ans- ihr- Verhalten in.ichler». Parreiangelegen- heitcn tadelten, und bezeichnete die von Rosenberg und Genossen gegen verschiedene thätige Parteigenossen erhobene Anklagen als„in keiner Weise bewiesene oder gerechtfertigte Vexlaumdungen." Des Weiteren be- schloß cr� einige. Aeuderuugen am Partei-Programm sowohl als an den Partei-Statuten, sowie eine neue Prmzipien-Erklärnng, die indeß grnnd- sätzlich sich nicht von der alten unterscheidet. In Bezug auf die Stellung der Partei zu den Gewerkschaften und zu anderen Arbeiterparteien wurden folgende Resolutionen beschlossen: 1.„Beschlossen, den Mitgliedern zu empfehlen, wo immer eine oder mehrere Arbeiterparteien im Felde sind, diejenige Partei zu mitcrstützcn, welche die fortgeschrittenste ist, d.ch., deren Plätform und Prinzipien den unseren am nächsreu koimilen und iniudeftens den Klassenkampf zwischen Kapitalisten nud Lohnarbeitern.Nlerkemien: aber es soll den Mitgliedern nicht gestattet sein, sich an der Gründung neuer Parteien zu betheiligen, wenn nicht begründete Aussicht vor- handeii ist, daß dieselben voll und gaty' unsere Prinzipien aiierkeuiieii". 2.„Die Parter hat den G-c w e r ks ch a sts-O rga» isat i y n e n gegenüber stets eine so l i d a r i s ch e H a l t u n g ciilzullehinen. Die Gewerkschasten sind in erster Linie dlampsesorgainsatioueil znui Schutze gegen die Marin d«S Kapitals. Tie Sozialisten haben stew die Arbeiter in ihrem Kampf gegen den genieinsauieii Feind zu unterstützen. Ferner find die Gewerkschaften dazu berufen, die Arbeiter aus ihre Stellung in der künftigen Gesellschaft, wo sie die' Produktion selbswerwaltend in die Hand zu nehmen haben, vorzubereiten. Tie Sozialisten haben jedoch stets darauf hinzuweisen, daß gewerkschaftliche Orgauisation allein nicht genügt,, sondern auch die Erringmig politischer Macht hierzu nöthig ist." Weiter erklärte der Kongreß.sich den dem I il t c r n a t j o n a l e n Kongreß der B c r e i n i g t e n- S o z i a I i sr e n zu P a r i s g e- faßten Besch! ü-s.sen, so lveir sie ans die Perhältnifsen der Per- einigten Staaten zzjtrcffeii, upll lind ganz anzuschließen, nud einpsabl den Genossen energische Bethciligung an der Ächtslundeubcwcgnng der Geiperkscha.stcn zu betheiiigen. Zum Borort der Partei wurde Brooklyn, als Sitz der Beschwerdekommission Boston bc- stimmt. Für die Redaktion des in deutscher Sprache erscheinenden Parteiorgans wurde» der zukünftigen ExcktUive I. L. Ehristensen, A. Negcudank und H. Bogt, für. die das in engiiicher Sprache er- scheinende L. Saijiai empfohlen. Es bleibt nun abzuwarre»', ob sich auf Grnnd dieser Bcschlüne die Partei reorgaiüsiren luud, beztv. ob auch die Sektionen, hie bisher zur alten Exekutive hielten, sie anerkennen oder ob sje. eine Separai-Organisarion aufrecht erhalten werden. Es untersteht wohl keinem Iiveifel, daß das Erstere das Wünsch enswerthere sein wird, unterbleibt es, so wird der„Sozialdemokrat", soweit es sich um P e r s o n e n fragen handelt, nach wie vor Reiilralität bc- o dachten, was aber unsere prinzipielle S t e l l u n gn a h m c anbetrifft, so haben wir bereits erklärt nnd wiederholen, daß wir de» von der Opposition gegen die alte Exekutive eiiigenomiiieneii Standpunkt für den richtigen halten, Von Mitgliedern und Freunden dieser ist über unsere Hatning zu den Streitigkeiten in der Partei drüben Beschwerde erbobcn worden. Wir haben»nn zu erklären, saß wir Uis das Recht, unsere Ansicht über Streitfragen auszusprechen, von 3t i e m a n d nehmen lasieii. Weiter aber verweisen wir daraus, daß mir überhaupt erst zum.veonflikl das Wort ergriffe», haben, als ein Schweigeil nicht mehr anging und ein Ver fchweigen unseres Standpunktes eine Feigheit gewesen ivärc. Wir hätten schon viel früher in den Sionflikt eingreifen- köuncv, nachdem die alte Reonktion des„Sozialist" uns ohne jeden Anlast eines Tages in sehr nnkoUigiatilcher. Weise ansiet, aber wir haben, es für. besser ge- hatten, diese und andere Taktlosigkeiten' im Interesse der Sache zu übersehen. Wir wollten nicht uoch-Oel in'S Feuer gießen, lsiachdem aber der Streit drüben akut geworden, und nachdem vor allen. Dingen die alte Exekutive so wenig Rüttsicht auf das Gesannul-Im-rene dc: Partei nahm, daß sie es verschmähte, mit der. ihr sehr loyal entgegen-) gekommeneu Aufsichtsbehörde der Partei- sich zu. verständigen,, hielten mir es für Niisere Pftichk, Stellung zu ergreifen, denn der„Sozialdemokrat" ist kein bloßes Rachrichteilbtatt. lind selbst indem wir Stclluiig uah- meu, habe» wir es in der lcidenschaftsloscfie», denkbar ovjckiioücn Weife gethan. Wir haben Handlungen mißbilligt, aber wir Haben Aienimid verdächtigt, Nieniand die Ehre abzuschneiden versucht. Wie aber steht es in dieser Hinstäst mit denen, die sich über uns beschweren tz Am II. Ortober fand in Ehicago einc Bolksvcrsammlimg statt, in der verschiedene Thritnehmer des Kongresses auftraten. Als der Per- waltcr des Saales lieben einer rothen Fahne das amerikanische Banner. aufzog, zischten.etliche fanatische Dheilneimnw, was in Chicago sehr erklärlich ist, lvaS aber von der kapitalistischen Presse natürlich niit Wollust benutzt wurde, aus die Sozialisten zu schiüipftn. Ter Wovor von Chicago erklärte, Leute, die das avierikanische Sternenbanner be- schimpften, müßten zur Stadl tziiiausgetcommetr werden. Darauf er- hielt er folgende» Brief: „Reiv-Pork, 15. Oktober. An den Mayor und die Bürger von Ehicago. Die Bande von Temagogen Schewilsch, Grottkan, Sanial, das Weib Grcie nnd Andere, welche sich am verjlosscnen Smmtag in der Turnhalle der West 12 Str. in Ehicago bestrebt zeigten, ihren Haß gegen die Amerikaner durch Beschimpfung der amerikanischen Flagge- zu beweist». sind— das ersuchen wir Sie zu beachten— nicht Mitgticder der Sozialistischen Partei, deren Ztatioual-Konventinn in Ihrer Stadt vom 2X. September bis 3. Ottober d. I. tagte. Beiliegend finden Sie eine Abschrift unserer Plätform, welche damals angenommen wurde uifter dem Banner miscres Landes und denjenigen aller Länder, mit denen die Halle dekorirt war. Da wir geschändet sind durch die unverschämte llsurpirung des Sta- mens„Sozialisten" von Seiten gesetzloser Anarchisten, können wir den Ehrenmnnen„Sozialisten" nicht patentiren lassen. Aber durch unsere energische Opposition gegen alle Feinde des Staates(!) und durch unsere lopatc Anhänglichkeit an die Prinzipien, auf denen unser nationales Staatswesen aufgebaut worden ist. hoffen mir schließlich, die Achtung unserer chrenwerthen Mitbürger aller politischen Richtungen uns zu er- halte». Auf unserer Rational- Konvention in Ihrer Stadt haben wir die schaniloscu Demagogen öffentlich gcbrandmarkt, welche jetzt den 3t a- uicn nnserer Partei entehren wollen und die nicht die Mannhaftigkeit besitzen, den Ansichten Anderer gegenüber sich respektvoll zu verhalten. Respektvollst W. L. Rosenberg, Sekretär des 3tat.-Ex.-Com." Selbst Genosse Hepncr, der sicherlich nicht gegen die alte Exekutive vorcingenominen war, schreibt ini„St. Louis Tageblatt", daß wenn dieses Schreiben'echt(und es ist nicht widerrufen worden) gleichbedeutend fei mit„politischem Selbstmorde des Unterzeichners." Jcdenfälls beweist es, bis zu welchem Grade die Verbissenheit seines Verfassers gediehen ist, wenn er vor einer so feigen Denunziation nicht zurückschreckte. Zlus Aiuftland. Sie LcKien des Jarcii au der Arbeit. Die nachstehende Korrespondenz, die eine ebenso erschütternde, wie .empörende Episode aus dem Drama des Riesenkampfes zwischen dein •bardarischen. Despotismus.>md der moderzum Freiheitsbewegung in Ruß- land schildert, geht uns kurz vor Redaktionsschluß zu. Wir glauben .jedoch ihren Abdruck nicht verzögern zu dürsen: 3Infaiig Juni hat in Iakntsk eine mehr wie schändliche Gerichts- komödie stattgefunden, welche das 3tachspiel zu der durch die Grausam- keit der Behörde» prooozirten Vcrzwciflnngsrevotte"') der dortigen poli- tischen Deporlirten bildet. 3toch che die Vorunterstlchung beendet, kam eine aus 5 Mitgliedern bestellende kriegsgerichtliche Kommission, deren Vorsitz der Oberst Savitzkn führte, nach Iakntsk. Behufs einer an- geblichen Konfrontation init Zeugen wurden die �Angeklagten vor Sol- baten und Zivilpersonen geschleppt, welche nichts waren als von der Polizei erkaufte-Gauner. Einer dieser Ehrenmänner z. B. zeigte aus den ersten Besten ans der Mitte, einen gewissen Hanßmann, mit den Worten:„Der da hat mii die Soldaten geschossen." Weiter veschntdigte er Bernstein, aus die Soldaten geschoffeu zu haben. Hanßmann haue keinen Revolver bei sich gehabt, nur hatte mmi einen solchen in seiner Wohnung gefunden. Bernstein hatte überhaupt nie einen' Revolver ve- sesscu und harte außerdem gleich zu Anfang des Genietzels einen Ba- jonnetstich erhalten. Da er nnd Götz noch schwer verwundet danieder- lagen, so iv'ar ehr Zimmer des dem Gefängniß gegenüberliegenden Hsspitats in- den Gerichtssaal verwandelt worden, doch wurden für die Angeklagten keinerlei Sitze bergerichtct, da man. ihnen keine Bertheidi- gung gestatten wollte. Ilm 6. Juni wurden die Angeklagten nach sorgfältiger Durchsuchimg und unter starker Eskorte in den improvinrteu Gerichtssaal geführt, der mit Soldaten überfüllt war. Die Richter standen hinter einer Barriere und waren mit so viel Militär umgeben, daß man nur ihre Köpfe sehen konnte. Tie Angeklagten standen an der gegenüberliegenden Wand. Götz, seine Frau und Bernsteins Frau wurden verwundet hereiitgeführt, Bernstein selbst ward auf einem Feldbett hereingetragen, llnd vor alle Angetlagteu gestellt. Der Eindruck dieser Szene war so erschütternd, daß viele der Teportirten in Thränen ausbrachen nnd ein junges aitüdchen, namens Soroastrawa, einen hysterischen Anfall bekam. Die Bcrhandlnngen wurden durch Verlesung der Geseyesvaragrapben eröffnet, kraft deren das Kriegsgericht zujammengetreteil war und ur- theilen sollte. Die Angeklagren sollten einzeln verhört werden, und so ward ihnen eingeschärft, nicht auf dem in der Vorunicrsuchutlz ringe- nominell«! Standpunkte, die Behörden der niiinenschlichen Behandlung und Provokalion zu bezichtigen, zu verharren. Die Berbandlnngen solttcii feststellen:„inwiefern-sich am 22. März(Tag der Revolte) der„böse Wille" jedes Einzelnen maiiifestirt habe", in wie weit Jeder seine Be- theiligimg an der Affäre bereue, und in wie weit sich die Augekagten gegenseitig ihrer resp. Schuld erinnerten", d. h. mit andern Worten, jeder Angeklagte ward aufgefordert, seine Kameraden zu demmziren. So kurz wie möglich gesagte VertHeidigmigeii sollten schriftlich eingereicht nnd zu den Akteil gelegt werden. Nach diesen Erktärimgen konnte 3tiemand mehr daran denken, sich, wie dies Haußmanu und Götz beabsichtigt hatten, vor Gericht ver- tbeiöig'.'n zu wollen, ein Jeder wußte mir zu gut, daß ihm das Wort abgesti itillen werden würde. Am nächsten Tage nahmen die eigentliche» Bsthnndlungen ihren Anfang. Der erste Angeklagte ward vorgejührl und von einem der Richter-vefxagt:„Angeklagter, was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen t"„lind wessen werde ich denn.- nngctlagt läutete die Annvorl, denn wedxr der Hchtbetehl noch die .Auklagc waren den Gefangenen je zu Gesicht gelaugt/„Gibt-es irgend welche Beweise gegen wich r"- 3)!ali theilte den Angeklagten nun gnä- digst mit, daß sie des Widerstands mir bewaffneter Hand gegen die Behörden beschuldigt seien. Der verhörte„Angeklagte" erklärte bestimmt. picht geschossen zu baven, daraufhin ward iyjn erwidert, daß er sich doch jedenfalls in der Menge befunden habe. Wzsifer fragte man ihn, ob er gesehen habe, wer sich widersetzte, lver nicht nach der Polizei gehen ivolltc, wer geschossen, wer am 22. MärzWiffen getragen hchie. Statur- lich lvirroe» sämmtliche Fragen verneint.„Haben Sie Ihren Aussagen noch etwas hinzuzufügen", hieß es weiter,„tönueu-Sie Thaljachen an-. führen« welche beweisen, daß Sie nicht gesthosfeii haben?" Machte der Angeklagte den Versuch! zu antworten, zu erklären, sich zu vertUeidigen. so ward ihm das Wort mit der Bemerlmig abgeschnitten, das Alles sei fchon in den Akten der Bormitermchniig eulhaiten. lieber jeden ein- zclnen Aiigeklagten ward nicht tätiger als höchstens 10' Minuten ver- handeit. Am 12. Juni wurden die Deportirten wieder vor Gericht geführt, Ivo die Perlejnng des Protokolls erfolgte, das ein Gewebe von einem Zehnlel Wayrheir und nenn Zehnteln Phantasie war und die Schuld jedes Eiuzemen— wenn uberlMipt von einer solchen die Siede sein tonnt«"— ins Ungeheure vergrößerte. So. ward Kshan-Bernstevl als „Rädelsführer" hingestellt/weil er die Kameraden angereizt haben sollte, nicht nach der Polizeszu gehen. 3teben Bernstein selbst sollten veson- derS Häusinann nnd Soiow eine hervorragende Stolle bei der Revolte gespielt haben. Selbstverständlich waren für alle diese Behanprungen nicht die geringsteu Beweise vorhanden. Weiter hieß es, daß sich alle .Teportirten bei Einreichnng des Gesuchs, in welchem um einen an- deren PerschickimgSiüodtis gebeten ward, höchst frech benommen hätten, besonders aber Bernstein, Minor, der Sohn des Großrabbiners von Maskan, und Braginsky. Verschiedene Angeklagte schrieben Erwide- rimgen auf das Protokoll, in denen alle Bsichuldigungeu widerlegt würden, einer dir Richter weigerte sich jedoch, dieselben in Empfang zu „chtiign.. Erst als der Vorsitzende Savitzty, welcher sich weniger im- wenschl ich/als die übrigen Stichler zeigte, darauf bestand, wurden die Erwiberniigen angcuouunen. Am 13. d. 1). uachtraPich,(!) nach'Schinß der Verhandlungen, ivard der Anklageakt vorgelesen. Tie Anklage lautete auf- vorbedachten Widerstand mit bewaffneter-.Hand gegen die Behördei:. Ais Beweise dafür würden angeführt, daß ein Teportirter am 22. März 1 Revolver getauft, daß viele Deporlirle ihre Ulusen Mitten) verlasse», sich in der Stadt versammelt und die Thüren von Diaßm's Wohnung vor Ankunft der Soldaten versperrt haben sollten. Ferner sollen sie mit dem Gon- verncnr unverichämt gesprochen»nd einen Schuß auf diesen abgegeben haben. Mit Ausnahme des letzten Ilmstandes waren sämmtliche Be- hauptuugen erlogen. Tic Teportirten hatten ihre Ulusen nicht heimlich, sondern, wie durch die nach Irknlks elllgeschickten Erlaubnißscheiiic be- svieien werden tonnte, mit Wissen und Einwilligung des Polizeikom- miffars verlassen. Gurcwitjch hatte 2 Revolver für Ratkin eingekauft, welcher nach einem sehr entlegeiien lUns gehen mußte, die Thüren von dessen Wohnung waren nicht abgeschlossen nnd versperrt gewesen, nnd von vorbedachtem Widerstand'konnte keine Rede sein. Obgleich das .Kriegsgericht wußte, daß die ganze Anklage nichts als die schändlichste Lüge war, sprach es folgende Berurtheilmigen aus: Bernstein, Haußmann nndoo ein Fachvercin gegAindet wurde, rcdncrke er in sehr bemcrklicher Weift. Er nannte sich Theodor Buchmcicr, Schileider ans Malsch bei Ettlingen(Baden)' gibt an, zwanzig Jähre-: in 3!orddeiitschland gewesen zu sein nnd spricht norddeutschen Tialckt. Gegen 10. Oktober ist mm dieser„Agitator" mit der Vorsitzenden des S ch n e i d c r i n n c n- F a ch v e re t n s diirchgebrännt initer Wft- »ab>»e von anvertt'ailtcil 3Rk. 40.— vom Schneidcrvcrcin. Das Frauciizimmer heißt Busch, spricht etwas Schweizerdialekt, kann als Mdutrm auftreten und redet viel. Sic hat Mann und Kinder zurückgelassen, unter Mitnahme von 200 -Mark an Geld. Man glaubt, daß sich das Paar nach der Scwoeiz oder Frankreich gewendet hat unv erbittet weiteste Perbreirnng dieser Bekanntgabe dortbin. tun jede iveitere D i s k r e d i r i r u n g der Arbeiter- fache durch diese Abenteurer nnd Beutetschneider nach Kräften zu verhindern. Solche G a n n e r st r e i ch e verschweigen, hieße sie als bei uns erlaicht anerkeiilleii, oder der Korruption im Stillen weiterhelfen'. Tie Arbeiterpreffe hat dies durch Weitergabe dieser Warnung zu verhüten. B ii ch m e i e r ist zirka 33 Jahre alt- 1,73 Meter groß: mittleren Körperbaues und breitschulterig, sowie von ailgenchmem Aeußeren. Gran- imelirter Lockenkopf; dunkelbrauncr nisttlerer Schnurrbart. Trug dunkel- braunen Sacco-Anzug. Die B ii s ch ift 28 Jahre alt, Schweizerin, schlank, hat svitzgebogene 3tase, trug graublaues Kleid nsit Puffärmeln und fchroancii Strohhut stiit rothem Band. Beide bemänteln ihr Treiben durch„ a g i t a t o r i s ch c T b ä t i g- keit": lege man ihnen also das Handwerk durch ordeutiichen Empfang Ivo sie sich zeigen sollten. Briefkasten der Expedition: I. I. Dtti. Walsall: 5 Po. f. Schft. crh. — Krutns: P. K. n. Bf. v. 30/10 hier, ebenso dir. Nacht, v. Sch. Warum betr. d. Erfragten nicht damals gleich ausführlich berichtet f Betr. B. ist Ihre Auffassung falsch. BfL mehr.— Rother Hahn: Bs. v. 29,-10 erb'., aber unverständlich. Naheres-bfl.— Rotber Apostel: Hoffcutl. Z.'osort besorgt. Eilt sehr. Ad. geord. Weiteres bsi.— Fernandcz: Dank für Beichcide. Bstllg. u. Ad. notirt. Outtg. in 44. — Tran nicht: Adr. geord. Bstllg. folgt bald chimlichst. Positives betr. Fp. bst.— Tanthias: Gut. Hmsichtl. 3ik. sind wir indeß andrer Ansicht, worüber hfl. Näheres. A. S. wird besorgt, ssbd voni 1/11 hier.— O. M. Paris: Bstllg. v. 30/10 konnte Sonnabend 2/11 nicht bort(tfn, da P. K. am l 11 erst in unsere Hände kam.— Dante: Wird seit Abgang Ihrer 3tächricht vom 30.10 angekommen sein. Ad. nach Vorschrift geordnet.— ck. P.'Z.: Warte'n'schon lange.— Sauerländer: Raehr. v. 31/10 am 2 11 erb. it. bcantw.— Balthasar: Ab. lt. Vorlage v. 91/10 geord.— Ilrmiia: Also senden Sie dessen Adr. u. wir werden das Weitere besorgen. Ad. u. Bestllg. notirt.— Gscheidtc: Gut. Sic sollen(siclcgcnhcit haben, der nene» Firma alle Ehre zu machen.— P: Fi Ldn.: 5 Sh- f. Schft. crh. Jdg. am 1/11 ,ag-— Onccl: Mk. 10.— f. 5 Ab. 4. Olu. erhalten.— M. Ä.: ff. 100.—» Cto. Ab.:c. crh. n. Ab. geord. Weiteres beachtet. .argen Sie für glatten Fortgang.— Dolbain: Fr. 5.— f. 2 Ab. 4. Ou, erh. Bsi, Weiteres.—' Llichwurm:- Bstllg. v. 30 TV am 4/11 abgg. Gewünschtes auch.— H. ifbpdit. Pkaspeih: 3tachr. v. 22/10 am 1/11 erh. Ten Todestag m ennren ist Ihre Sache. Abgesehen von der geschäftlichen Unmöglichkeit, ist das bmch uns auch sonst ab- o l u t a n s si ch t s kv s. Äst."3jätjeres.— Job. Schwarz: Mk. 4.40 Ab. 4. Ou. erh. Wo bleibt Antwort auf unsre Anfrage betr. E.?— Fuchs: Ad. f. Fp, dkd. erh. Gruß.— Mouvcmciil: Allgemeine Andentungen hier. Räbcrcs in allen Fällen stets erbeten. Bd. geord. Bfl. mehr.— Maria: Bei pronchter Antwortt wäre uns das wieder- holte Mahnen und Ihnen das Schnippischthim erspart geblieben. Wir können doch Ihre ewige„Pechpfanne" nicht bis hierher riechen. Also „n och vor der W n h l." Grußss— Heinrich: Dkichftbstllg. 2C. not. Ab. geord. n. Fortsetzung erwartet.— Felir III.: Erfragtes muß. inzwischen bei E. Sch- eingetroffen sein. Betr. Fp. kam hierher nichts. Besorgung wurde uns indir. avisirt. C, schweigt. Ad. geord. Bsi. inehr. Beim jetzigen P. bleibte.— Rother Thurm: Bstilg. v: 4'11 und weitere Wünsche zur Notiz genommen.'Richter„Jahrbuch" schließt mir 8l ab. Ten M. werden wir lins doch noch kooftn.— Rth: Ha»S: Ihrem Wimschc lbird entsprochen- Bstllg. folgt. Mk. 9.— an H. gut- gebracht. Soeben ist erschienen: Sozialdemokratische Bibliothek Heft XXVI.: Tie wahre Gestalt des Christenthums. Boii Hb cS G u y o t und S. L a c r o i x. U e b e r s e tz t von einem deutschen Sozialisten. Preis: 50 Pfg.— 65 CiS. »" Ms Ergänzung zu dieser Broschüre empfehlen wir: tziossen ju„üic wahre GchsZt des Chrißenthams.� Nebst einem Anhang: Ucbcr die gcgentvärtige nnd künftige Stellung der Fraib Von A. Bebel. Preis: 25 Pfg. � 30 Cts. � Für die bevorstehende Wahlperiode empfehlen wir den Ge- Nossen: Die parlamentarische Thätigkcit des' vcuischk« likichstap imd der Canbinp von 1874—76. Beleuchtet von A. Bebel. Preis 35 Pfennige— 45 Cts. Zahlreichen Bestellungen sehen entgegen E. Sernftein& Co. 114 Kentisb Town Eoad, London, N."W,(England.) Priated for tht proprittorf bj tha German Cooperatira Publlahiof Co» 114 Kaatiab Town Road London S. W.