Abonnemntts •ttien btim Btttog und dessen telaunien Agenten entgegen» genommen, und iwar zum »«ra u» gahlda««« VierliljahrSprei» von: BN. 4,40 siir Tentlcklnnd twfl. L,7i sllr Oesserreich tdirelt per t!rief-Couvert> khill. 2,— fssr alle übrigen Länder de« Weltpostverein»(tireuzband). Zuseraie die dreigespaltene Petitzeile S Pence 25 Pfg.----- 30 Ct». Der WKWN Krgan der Sozialdemokratie deutscher Zunge. Erscheint wöchentlich einmal in London. gntag der German OooperatirePublishinff Co* E. Bernstein& Co., London N. W. 114 Eentish Town Road. K-ßsrndllllgell franko gegen franko. Gewöhnliche Briese »ach England kosten Doppelporto, r'Jf 46. Briefe an die Redaktion und Erpedition des in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sozialdemokrat� wolle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schicke man uns die Briefe nicht direkt, sondern au die bekannten Deckadressen. In zweifelhaften Fullen eingeschrieben 16. November 1889. Nikolaus Gavrilowitsch Tschernyschewsky. Wir sind, auf Grund langjähriger Erfahrungen, in Bezug auf alle Nachrichten, die auf dem Wege gewisser Blätter aus Rußland nach Wesi- Europa gelangen, sehr skeptisch geworden. So haben wir auch, als eines derselben, das„Berliner Tage- blatt", die Nachricht brachte, daß der große Denker Niko- laus Tschernpfchewsky am 29. Oktober in seiner Vaterstadt Saratow gestorben sei, dem Anfangs keine Be- oeutung beigelegt, sondern aus Bestätigung von anderer Seite gewartet. Diese ist seitdem erfolgt, und zwar von einer Seite, deren Glallbwiirdigkeit keinem Zweifel untersteht. �Der bedeutendste Mati», den das moderne, nach politischer Frei- heit und sozbalem Fortschritt dürstmde Rußland hervorgebracht�, hat sein Leben ausgehaucht. Das iiifame Zaren- Regiment hat ihn bis an sein Ende gepeinigt, mit seinen Verfolgungen, wie mit seiner„Gnade". Es ist sicher keine bloße Ironie des Zufalls, sonder» eine auf einen ursächlichen Zusamineichang deutende Erscheinung, daß nur wenige Wochen, nachdem die Welt durch die Nach- richt riberrascht wurde, daß die russische Regierung Tscherny- schewsky begnadigt habe, die Trauerkunde von seinem Ableben eintrifft. So sah von jeher die zarische„Gnade" aus. Perfid, wie das Zarenthuni in allen seinen Maßnahmen ist, fordert es nie mehr zu Mißtrauen heraus, als wenn es sich angeblich zu Gnadenakten bequemt. W a h r ist es nur, wenn eS die Knute schwingt. Und warrnn sollte es Tschernyschewsky� nicht tödtlich Haffen? Nichts naturgemäßer— fast hätten wir gesagt, nichts berech- tigter, als dieser Haß. Die Lüge muß die Wahrheit hnsseii, sonst hört sie auf, Lüge zu sein; die Reaktion muß in jedem Vorwärtsstrebendem ihren persönlichen Feind erblicken, sie kann nicht objektiv sein. Sie ist deshalb auch zu allen Zeiten brutaler gewesen als der Fortschritt. Alle Gewalt- thaten, welche im Gefolge von Freiheitsbewegungen verübt wurden, verschwinden gegenüber den Gewaltthaten der Unter- drücker. Der Kampf für Recht und Freiheit adelt, der Kampf für Vorrechte und Machtbesitz verthiert. Der Henksr haßt sein Opfer mehr als dieses ihn. Er wird geleitet durch den Instinkt, dieses durch die Erkenntniß. Die genaueren Umstände, miter denen der Tod Tschermj- schewsky's erfolgte, sind noch nicht bekannt. Im Telegramm hieß es, er sei bei der Durchsicht eines Korrekturbogens einem Gehirnschlag erlegen. Was aber diesem„Gehirnschlag" vor- ausgegangen, werden wir wohl erst später erfahren. Wie wenig auf offizielle Nachrichten aus'Rußland zu geben, zeigt der Umstand,' daß die angebliche völlige Begnq- digung des großen Denkers sich auf die Thatsache reduzirt, daß ihm, nach zweijährigem Zwangs- Aufenthalt in dem höchst ungesunden Astrachan, gestattet wurde, in seine Vater- stadt Saratow zu übersiedeln. Wahrscheinlich wußten seine Henker, daß er sie nicht mehr lange vor seiner Feder zittern machen würde. Trotzdem hielten sie ihn bis zu seinem letzten Athemzuge unter Polizei-Auf ficht. Um diese Gnade, die äußerste, deren das Zarenthum fähig ist, recht zu ivür- digen, muß man im Auge behalten, daß die Strafe, zu der schurkische Richter im Jahre 1864 Tschernyschewsky wegen eines— nicht einmat von ihm herrührenden— Entwurfs eines Flugblatts vemrtheilt hatten, schon seit 20 Jahren verbüßt war. Beffer konnten die russischen Gewalthaber nicht beweisen, daß diese Verurtheilung nur der Vorwand war, den Mann, der die Herzen der Jugend besaß, unschäd- lich zu machen, als damit, daß sie ihn noch 16 Jahre»ach verbüßter Strafe in Sibirien zurückhielten, und auch dann ihn nicht freigaben. Für sein wirkliches Verbrechen— die Jugend niit dem Feuer der Begeisterung für alle modernen Ideen erfüllt zu haben, gab es keine Sühne. Was für das römische Papstthum ein Giordano Bruno, ein Savonarola, ein Galilei, das war Tschernyschewsky für das zarische Ruß- land: der Antichrist. ' Tschernyschewsky wurde im Jahre 1828 geboren, er hat mithin das Alter von 61 Jahren erreicht. Sein Vater, selbst Priester, hatte ihn zum geistlichen Beruf bestimmt, aber er hatte keine Neigung für denselben empfunden, sondern ging nach Petersburg, um auf der dortigen Universität ferne Stu- dien zu vollenden. Frühzeitig begann er, schriftstellerisch zu arbeiten, blieb aber ziemlich lange unbekainrt, bis die Leiter des„Zeitgenoffen"(Sowremennik), eine von dem berühmten Dichter Nekrassow herausgegebene Rundschau, aus ihn auf- merksam wurden und ihn zum Eintritt in die Redaktion dieser Zeitschrist aufforderten. Er nahm an und blieb bis 1863, wo er verhaftet ivnrde, in dieser Stellung, in der er seine iozia- listischen Ideen entwrckelte und einen ungeheuren Einfluß auf die gcsammte intelligente und fottschrittlich gesinnte Rußland � Es" war die liberale Epoche Rußlands. Aber das Bürger- thum war bei Weitem noch nicht stark genug, um als Klasse in die Arena zu treten, der Liberalisnius ward verfochten von seinen Denkern, von Ideologen, und blieb daher von jener Engherzigkeit frei, welche der Liberalismus der zur Herrschaft gelangten Bourgeoisie aufweist. Es gab überhaupt noch lein Volk, dieses sollte erst geschaffen werden, und die Aufhebung der Leibeigenschaft war der erste noth- wendige Schritt dazu. Sie beschäftigte alle Geister— die extremsten Freiheitsschwärmer und die zarische Regierung, denn auch diese brauchte ein Volk, ohne das sie keine euro- päische Großmacht bleiben oder vielmehr werden konnte. � Dies vorausgeschickt, laffen wir im Nachstehenden einige Sätze aus einem Nachruf folgen, der der Wiener„Arbeiter- Zeitung" aus Petersburg zugeht: „Kurz vor der Abschaffung der Leibeigenschaft verfaßte er(Tscherny- schewsky) eine Reihe von Aufsätzen über die Agrarfrage in Rußlanv, alle fanden einen großen Widerhall, besonders ein Aufsatz über de»'Ankauf der Banerngittcr durch den Staat. Ohne das Wort Sozialismus in seinen Artikeln auszusprechen, waren sie doch rein sozialistisch. Damals schien die Regierung voll der besten Absichten. Alles, was Rußland an liberalen und fortschrittlichen Elementen besaß, suchte sich zu dem großen Werke zu verbinden, welches die Regierung schließlich verkleinlichte und verpfuschte, weil sie die Unzufriedenheit der Aristokratie, die alte Stutze des Thrones, fürchtete. Tschernyschewsky war einige Male eingeladen worden, um mit den Mitglieder» jener„Redaktionskommission" Sitzungen abzuhalten, welche ein Projekt ausarbeitete, das die Befrei- ung und Organisation des bäuerlichen Griuideigenthums zum Ziele hatte. Man bedurfte der Rathschläge eines Mannes, welcher sein Leben dem Studium der sozialen Fragen gewidmet hatte. Aber nach lim» begann die offizielle Welt vor dem riesigen moralischen Einfluß, den politischen und sozialistischen Ideen des großen Schrift- steUers Angst zu bekommen. Man verdächtigte ihn natürlich, an den Nerschwörungen theilzunchmen. Man fand jedoch keine Beweise seiner Schuld. Nichtsdestoweniger wurde er im Jahre 1863 verhaftet und in der Peter Pauls-Feftnng in Petersburg eingesperrt. Dort schrieb er seinen berühmten Roman:„Was thun". Zu jener Zeit wardst llieattion weit entfernt, jenen Grad zu erreichen, der sie heute charak- terisirt. Ter Roman konnte(zweifellos mii Zensurslricheu) im„Zeit- genossen" erscheinen und wurde eine wahre Schule des Sozialismus für die russische Jugend. Der Prozeß Tscheruyschewsky's lvurdc vor dem obersten Gerichtshof geführt. Die Beweise seiner Theilnahme an der revolutionären Bewegung fehlten. Ruhig und würdig beantwortete er die Fragen des Richters mit einem ironischen Lächeln. Llls die Frage nach seinem politisches Stand- Punkt an die Reihe kam, antwortete er:„Republikaner!" Man verur- thcilte ihn zu 7 Jahren Zwangsarbeit, und nach Ablauf des Termines hielt man ihn noä> zwanzig: Jähre üi Sibirien fest!! Da die Regierung sich vor seinem Einfluß auf die Verbannten sürch- tcte, ließ man ein eigenes Gesängniß für ihn bauen, cd ivar dies in Biluysk(im östlichen Sibirien, im Lande der Jakuten). Als einzige Ge- lellschost'.hatte er die Gendarmen, welche ihn selbst aufseilten eiwanien Spazicrgäuaeu nicht verließe».*) Uuigebeu von Büchern und Manu- skriptcn, welche selbst die Grausamkeit der russischen Regierung ihm nicht z» nehmen geivagt, setzte er seine Arbeiten fort und erhielt sich auf diese Weise die ganze Kraft seines Verstandes und seines Talentes, trotz der Leiden der Verbanumig in einem Lande, � wo die Temperatur bis aqf 40—45� R. unter den Gefrierpunkt sinkt. In dieser Wüste las er Marx, und dort schrieb er viele Werke, deren Mehrzahl noch nicht gedruckt werden konnte... Vor zwei'Jahren erlaubte man ihm nach Rußland zurückzukehren. Ilm seinen Unterhalt zu verdienen, und da die Feder von jeher fem einziges Hilfsmittel war, arbtitete er an der Uebersetzung von Weber? Weltgeschichte und fügte jedem Bande einen Artikel in Form einer Vor- rede bei. Einer dieser Artikel ist den Sprachen der verschiedenen Völksr gewidmet.� Durch und durch international, macht er sich mit der ge- wohnten Feinheit seines Verstandes über die landläufigem oberflächlichen Definitionen der Ztationalstäten luftig/ die geeignet sind, die Völker, zijr großen Freude ihrer Beherrscher, zu entzweien. Von Zeit zu Zeit schriK er in einige Revuen und Zeitungen, ohne jedoch, die Erlaubniß zu haben, seine Artikel zu zeichnen. Der„Zeitgcnoffc" ist eine bibliographische Seltenheit geworden; es ist selbst in den Bibliotheken untersagt, den- selben dem Publikum zu geben. In dieser Revue sind die hauptsäch- lichsten Werke Tscheruyschewsky's erschienen: Seine Uebersetzung von I. St. Mill's politischer Oekonomic mit Anmerkungen, welche alledl einen besonderen Band füllen: ein großer Aussatz über Lessing, über die Juli-Monarchie, eine Artikel-Scrie über Agrarftagcn in Rußland, über die russische Ackergemeinde, viele polemische und kritische Artikel, sein Roman„Was thun" zc. zc." Das Pseudonym, unter dem die Arbeiten Tschernyschewky's nach seiner Deportirung erschienen sind, war Andrej ew. Viele derselben sind in der Revue„Ruskaja Mysl"(der russische Gedanke) veröffentlicht worden. Auch ein in dieser Zeitschrift� erschienener Artikel„Gegen den Darwinismus" und unterschrieben„Ein alter Transformist" soll, nach Cäsar de Paepe,� Tschernyschewsky zum, Verfasser haben.„Wie schon die Ueberschrifl andeutet", schreibt de Paepe im„Peuple", greift Tschernyschewsky keineswegs die Entwickelungslehte (Transformismus) an, im Gegentheil bringt er neue Argu- mente für sie vor, aber er bekämpft die Theorien, durch welche Darwin die Umwandlung der Arteil erklärt, und insbesondere die vorherrschende Rolle, die der große englische Natur- forscher der natürlichen Ausmahl und dem„Kampf um's Dasein" zuschreibt." Weiter schreibt de Paepe, ihm sei ver- sichert worden, daß Tschernyschewsky seit Langem eine kritische Studie über Karl Marx und das„Kapital" habe verösfeittlichen wollen, und nur aus Furcht, die Zensur werde sie ihni zu sehr verstümmeln, das bisher unterlassen habe. Bewahrheitet sich dies, so können wir nur wünschen, daß Die- jenigen, denen der literarische Nachlaß Tichernnschewsky's an- heimfällt, bald mit der Veröffentlichung dieser Arbeit vor- gehen. Wie Marx über Tschernyschewsky dachte, geht aus dem Satz seines Nachworts zum„Kapital" hervor: „.... eine Bankl'otterklä'nmg der„bürgerlichen Oeko- nomie, welche der große russische Gelehrte und Kritiker N. Tschernyschewsky in seinem Werk„Ilmriffe der politischen Oekonomie nach Will" bereits meisterhaft beleuchtet hat". Weiter findet der Leser in der von Marx verfaßten Schrift „Ein Komplott gegen die Internationale" in den Abschnitten „Die Allianz in Rußland" und„Anhang zur Allianz in Ruß- iand" Material über Tschernyscheivsky's Wirken und über den Gegensatz zwischen diesem und Bakunin. Es ist heute wohl nur Wenigen bekannt, daß Bakunin seine agitatorische Thätig- keit unter der russischen Jugend mit Allgriffen anf Tschernyschewsky begann, der weder Panslavist war, nach in dem unwissenden rusjischen Bauer das Ideal der Vollkommenheit erblickte. Tschernyschewsky revolutionirte die russische Jugend, indem er die Erkenntniß der sozialen Zustände in ihr förderte, während Bakunin sie mit Illusionen erfüllte, um sie für seinen Anarchismus zu gewiimen. Es ist nicht hier der Ort, auf diesen Gegensatz näher ein- zugehen, ebenso müssen wir heut daraus verzichten, die wissen- schaftlichen Ideen Tscheruyschewsky's genauer darzulegen. Dazu wird sich später Gelegenheit darbieten. Für heute wollen wir noch einmal den Verfasser des vorher zitirten Ar- tikels das Wort geben, der das Gesammtbild Tscheruyschewsky's iil folgende Worte zusammenfaßt: „Ein tiefer Verstand, Originalität und Einfachheit des Ausdruckes, große Bildung, tiefe Kenntniß der fremden Sprachen und Literaturen, sozialistische Uebcrzcugimg und der unerschütterliche Glaube an eine bessere Zukunft für Rußland, vollständiges Fehlen von Ehmivinismils, verbunden mit einer tiefe» und leidenschaftlichen Liebe fürs Vaterland, ruhige Energie, offener Mulh, ohne jede Ostentation, ohne jede Eitel- keit, aufrichtige Bescheidenheit und Schlichtheit in Worten und Thaten. Diese Eigenschaften zeichneten Denjenigen ayS, den das ganze sozialistische Rußland beweint, und dessen Verdienste auch von seinen Gegnern nicht bestritten werde», und dessen Name immer eng verbunden bleiben wird mit der Geschichte der Entwicklung des Sozialismus und aller Ideen von Emanzipalion und Freiheit in Rußland. Für ihn, wie für Alle, welche unter seinem Einfluß waren, ist die voliiischc Frage mit der sozialen eng verbunden. Das Ziel aller Thüiigkeit soll das Allgemein- wohl sein, der Triumph der Sache� der Arbcil und der Freiheit, der 5taiups gegen die Unterdrückung und die Uuterdrücker und die Verbin- dung aller sozialistischen Kräfte. Die Thätigkeit Tscheruyschewsky's war der Prolog jener Belvegnng, welcher Rußland retten, und die früher oder später seine Vesrciung herbeiführen wird." Wir hoffen, unfern Lesern demnächst einige Auszüge aus den Schriften des großen Denkers vorführen zu können. I*) Tschernyschewsky sagte selbst einmal, als er von seinem einsamen für ihn eigens erbauten Gesängniß sprach, daß seine einzige Gesellschaft Gendarmen und Wölfe gewesen seien, daß er aber die letzteren borge- zogen hätte; sie seien— menschlicher gewesen. Ans dem Deutschen Reichstag. „Die große S o z i a l i st e n- D e b a t t e", welche im Reichstag eine ständige.Institution geworden ist, und die unsere Feinde für die Zukmift sich so gern vom Hals schaffen möchten, kam diesmal früher als gewöhnlich. In der Regel zog mau sie so lange hinaus wie nur irgend möglich— Gefallen hatten die Herren nienials an dieser Sozialisten- Debatte, und gleich dem Schuljungen, der- eine schlechte Zensur nach Hans bringt und in sicherer Aussicht ans eine Tracht Prügel im Schneckentempo marschirt und alle erdenklichen Umwege macht, suchten sie die„böse Viertelstunde" des Rabelais, die sich niit- unter ans verschiedene Tage auszudehnen pflegte, auf jede Weise hin- auszuschieben. Diesmal ging das nun nicht. Die Dauer der Session ist eine sehr beschränkte. Sic kann nicht über den 20. Februar verlängert werde», und sollen die zwei Hauptarbeiten der Session: die N e n b e l a st u n g des V o l k s- in i r e ni e r D> i t t c l s- M i l- l i a r d e,»nd die„Verewigung" d e s S o z i a l i st e n g e s e tz e 8 fertig werden, dann war keine Zeit zu verlieren, da eine koiiimissarische Bcrathung in beiden Fällen nicht zu umgehcii ist. So wurde denn wohl oder übel die Sozialistcndebatte schon ans den 4. d. MtS. anberaumt, und zwar dergestalt, daß die sogcirnnnteü „R e ch e n s ch a f t s b c r t ch t e" über den kleinen Belagcrnngszustand zunächst besprochen werden, und dann sofort die erste Äerathung des „neuen" Sozialistengeseves beginnen sollte. In den früheren Sessionen hielten bei Besprechung der Rcchcnschafts- Berichte die sozialdemokratischen Redner meist Monologe. Die übrigen Parteien mischten sich nicht ein, und sogar die Rcgicrimgsvcr- treter waren, durch trübe Erfahrnnge» belehrt, schließlich zu der weisen Praxis gelangt, die Rolle slunimer Personen zu spielen. Sie hatten gemerkt— und selbst der Rhinozeros- häutige Puttkamer hatte es zu- letzt begriffen—, daß jeder Versuch, die Jnsamien des kleinen Be- lagcrungszustaiids zu rechtfertigen, mir die Wirkung einer verstärkten Dosis von Peitschenhieben für die Herren batie; und so zogen sie es denn vor, mit spartanischem oder indianischem Stoizismus alles über sich ergehen zu lassen und nicht mit den Wimpern z» zucken, während die Hiebe auf ihren hinteren und edleren Nlcnschcn hcrniedersausten. Der Puttkamer brachte es sogar fertig, zu dieser Prozedur ganz ver- gnüglich zu lächeln— was die R o l h h ä u t e unter ähnlichen Ver- Hältnissen bekamNcrmaßcn nicht fertig bringen. Das ist eben der Vor- theil der beivnßten Rhinozcroshaut, die beiläufig um den S ch ä d e am dicksten ist. � I Diesmal war es anders. Die Fortschrittler haben im Hinblick auf die nahenden Wahlen ein sehr lebhaftes Bedürftiiß, den bösen Eindruck, den sie dnrcb ihre Verräthereicn bei der letzten Generalwahl und durch ihre perfide Taktik bei der 1884cr Verlängerung des Sozialistengesetzes auf das Gros der sozialdemokratischen Partei hervorgebracht haben, einigermaßen zu verwischen, und»niere Partei einer milden Auslegung des St. Gallener Beschlusses hinsichtlich der Stichwahlen geneigt zu machen. Sie bethciligtcn sich an der Debatte,»nd es muß zngcslanden werden, daß ihr Redner Barth seine Sache recht gut machte. Auch die Regiernngsvertreter befolgte» eine andere Taktik:»ach den wuchtigen Schlägen, die S i n g c r, unser erster Sprecher, dem Herr- schende» Polizeiiystem versetzt, ergriff Herr Herrfurth, der Nach- folger des gegangenen Puttkamer, das Wort, weil es ihm eine„Her- zenssache" sei, jeden Schimmer eines Scheins, als ob er das Lockspitzel- thnni begünstige, gründlich und ans immer zu zerstöre». Er verabjchcue die Lockipitzelei aus tiefster Seele,— und werde überhaupt nach jeder Richtung hin dafür sorgen, daß Alles hübsch ordentlich. reinlich und im Wege Rechtens hergehe. Speziell in Bezug ans die Vcrsammlungs- Auflösungen— Singer hatte ihm ein duftendes Stränßche» von be- sonders humoristischen»nd grotesken Auslösiiuge» gewunden— habe er die strikteste Ordre gegeben, sie überwachenden Beamte» sollten»nr dann auflösen, wenn wirklich„ans den llinstnrz gerichtete Bestrebungen" zu Tag treten. Herr Herrfurth ist offenbar ein ganz ge- scheidter Mensch— verschiedene seiner Deduktionen verricthen einen ziemlichen Scharfsinn— wie aber ein gescheidter Mann einen solchen Blödsinn glauben und dem ersten besten Polizisten die Whigkcit zu- trauen kann, das Zutagetrcten der„Ilmsturzbestrebungen" unfeblbar zu erkennen, das ist uns ein psychologisches Räthsel. Das kann Herr Herrfurth ja s e l b st nicht— Beweis die zahlreichen wider- spruchsvollen Erkenntnisse, welche er als Vorsivender der Rcichs- beschwerdekommission erlassen, und zum Theil verfaßt hat. Als zweiter Redner unserer Partei sprach F r o h m e, der Haupt- sächlich den Feldzug der Polfzei gegen die gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen behandelte. Unsere beiden Redner verfügten über eine reiche Fülle von Material, und Herrn Hcrrfurth war es anzusehen, daß er sich nicht behaglich fühlte. Er ist noch nicht so abgebrüht, wie der Puttkamer, nnd hat auch dessen Rhinozeroshaut nicht. Mit der Zeit wird's aber schon kommen. Der Mensch wächst nicht blos mit seinen Zwecken, er verzwergt und verfault auch mit ihnen, wenn es kleinliche und faule Zwecke sind. Dank dein Eingreifen des Herrn Herrfurth und der Fortschrittler zog sich die Debatte so in die Lätigc, daß die erste Berathung des neuen Sozialistengesetzes auf den nächsten Tag— Dienstag den b. ds.— verschoben werden mußte. Wider Erwarten eröffnete Herr Herrfurth die Generaldebatte nicht. Erster Redner war der Zentrunisnian» R e i ch e n s p e r g e r, der sehr encrgisch gegen das Ausnahmegesetz in jeder Gestalt sprach, sich je- doch wohl hütete, seme Partei irgend zu engagiren. Die Herren Zentrumsleutc denken offenbar an allerhand Schach ergeschäftchen. Die peinliche Verlegenheit, in welcher die Nationalliberalen sich befinden, kam in der Person und in den Ausführungen des zweiten Redners: En» y, zu spaßhaftem Ausdruck. Schon daß Herr E u n y, ein ganz unbedeutendes Männchen, der nur etwas juristische Rabulisterci gelernt hat, zum Parteiredner bei einer so wichtigen Frage gewählt wurde, ist charakteristisch. Jemand, der etwas vorstellt, hätte sich zu einer so jämmerlichen Rolle nicht hergegeben; und, wenn ein Euny in der Hitze des Rcdefeuers ein Wort zu viel sagt, kann mau es leichter zurücknehmen, als wenn ein Bennigsen, Bcnda oder Miguel sich ver- haspelt hätte. Freilich— die Cuny'schc Rede hätte ebensogut von dem ersten besten Dienftmann, dem man einen Phonograph mitgab, gehalten werden können. Wir sind für die Verlängerung, aber nicht in dieser Gestalt — wir werden Ja! sagen, wenn unsere Wünsche berücksichtigt werden; wir binden uns aber nicht für den Fall, daß unsere Wünsche nicht berücksichtigt werden sollten— wir wollen kein Ansnahmegesetz, sondern ein Spezialgesetz swclchcs beiläufig nur als halbes Fremdwort genau das Nämliche besagt und auch ist)— wir haben Bedenke» gegen den kleinen Belagerungszustand, gegen die Ausweisungen, gegen Dieses und Jencs�— allein, aber, indessen, wenn, und so weiter.„Eins aber steht fest für uns Mqnnesseelen von Rationalliberalcn: das Gesetz muß „ewig" sein!" ivas übrigens, wie die durch die Schlvcre des Wortes anscheinend erschreckte Mannesseele mit gnädiger Herablassung definirte, nicht die Ewigkeit ini religiösen Sinn bedeute, sondern bloß die juristische Ewigkeit, die eine beschränkte Dauer habe. Nun— aus solchem Geschwafel setzte sich die Rede der Mannesseelc Cnny zusammen, die übrigens Angst schwitzte. Liebknecht, der ihm folgte, gönnte sich nur ein paar Augenblicke, um das Cuny'sche Gewäsch abzufertigen und ging darauf sofort in den Kern der Sache. Er gab in großen Umrissen die Geschichte des Sozialistengesetzes, wie es ans einer Lüge— den angeblich sozialdemokratischen Attentaten— entsprungen sei, nnd den Ausgangspunkt der heutigen Rcaktionspolitik bilde. Fürst Bismarck habe, was jetzt ja zugestanden sei, die oppositionelle Majorität sprengen und seine Reak- tiouspolitik einleiten wollen— dazu habe er das Sozialistengesetz ge- braucht.— Ob der Herr Minister Herrfurth die Lockspitzel gern habe oder nicht, so lange das Sozialistengesetz bestehe, werde es Lockspitzel geben u. s. w. Liebknecht wies das Fiasko des Sozialistengesetzes an zahlreichen Beispielen nach, und schloß mit einer Parallele des heutigen Deutschland und des Deutschland vor 1 Jahren. Damals brachte die Verblendung der Regierungen, namentlich der preußische» Junker, welche die bürgerliche Revolution durchaus ausrotten wollten, die Zdatastrophe von I e n a; die gleiche Verblendung herrscht jetzt gegenüber der sozialen Revolution, und wird zu einem neuen und größeren Jena führen.— Das gefiel den Herren Junkern nicht; und sie machten ziemlichen Radau. Den folgenden Tag fand im Wesentlichen nur ein Plänkelgesccht zwischen Juristen statt, in welchem die Herren H a r t m a n n (Staatsanwalt) und der sächsische Kommissär Held(GeneralstaatS- anwalt) von dem Fortschrittlcr Munckel elegant in den Sand gestreckt wurden. Am dritten und letzten Tag der Debatte ließ sich zuerst ein Wclfe— Decken— vernehmen, der gleich dem Polen K o s z i e l s k i vom Tage vorher, sich kräftig gegen jedes Ausnahmegesetz erklärte. Ihn löste ein zweiter Rationalliberaler ab,— Herr K u h l e m a n n— der das nämliche Blech zusamnien hämmerte wie am ersten Tag Euny, nur daß er doppelt so lange das Haus langweilte. Als letzter Redner trat endlich Bethel auf, der das schwere Geschütz skandalösester Thatsachen gegen das Sozialistengesetz nnd dessen Urheber und Vertheidigcr spielen ließ und unbarmherzig mit ihnen in's Gericht ging. Während Liebknecht mehr die allgemeinen Gesichtspuntte hervorgehoben und gruppirt hatte, setzte er aus unzählichen Details ein Mosailbild der durch das Sozia- listengesetz geschaffenen Zustände zusammen, welches an abschreckender Häßlichkeit nur von dem Original überttoffen werden kann. Zu antworten wagte Niemand. Was konnte auch geantwortet werden? Wo die Wahrheit so handgreiflich ist, da ist es das Klügste, sie zu ignoriren. Nach der Bebel'schen Rede wurde die Debatte geschloffen und das Gesetz vor eine Kommission von 28 Mitgliedern verwiesen. Einen der Sitze, welche den Fortschrittlcrn gehören, haben diese den Sozialdemo- kraten angeboten, und er wird wohl auch angenommen werden. Es ist immerhin von Nutzen, daß wir im Stand sind, da« Material sofort im geeigneten Moment vorzubringen, und auftauchenden Lügen gleich auf den Kopf zu schlagen. Die zweite Lesung wird die Hauptschlacht bringen. Da gilt es schonungslos alle Sünden der Feinde zu enthüllen. Und wenn das Hans beschlußunfähig ist— zur Generaldebatte waren höchstens 80—100 Manu gcroinmen—, dann werden unsere Abgeordnete ohne Gnade auszählen lassen. Wer Henkerarbeit thun will, der soll sie auch persönlichverrichten. X. Arbeitszeit und Arbeitslöhne. „Wenig Arbeit, hohen Lohn". Es gibt immer noch Leute, auch unter den Arbeitern, die sich nicht von dem Gedanken frei machen können, daß eine Herabsetzung der Arbeitszeit eine entsprechende Herabsetzung der Löhne zur natürlichen Folge habe. Jede„Arbeit" hat nach ihrer Ansicht einen gegebenen Preis, und wenn die Menge der geleisteten Arbeit verringert werde, was ja eine Folge verkürzter Arbeitszeit sei, so falle naturgemäß auch die Bs- zahlung, die der Arbeiter für das täglich geleistete Arbeitspensum erhalte. Weniger Arbeit— weniger Lohn, das liege doch auf der Hand. So räsouniren u. A. die erleuchteten Staatsmänner in fast allen Parlamenten, wenn sie vor der unangenehmen Nothivendigkeit stehen, zur Frage der gesetzlichen Herabsetzung der Arbeitszeit Stellung zu nehmen. Ihre ablehnende Haltung wird dann stets mit der Rücksicht auf die Einkonniicnsvcrhältnisse der Arbeiter motivirt, sie wolle» nicht die Hand dazu reiche», daß dieselben, die ja in der Thal oft recht geringe seien, zwangsweise noch weiter verkürzt werden. Ob diese Redensart immer nur ein Ausfluß wirklicher Ignoranz ist, wie z. B. bei dem erleuchtetsten aller Staatsniänncr, Teutschlands großem Kanzler, oder bloßer Vorwand, lassen wir dahingestellt, stinunen thut sie auf keinen Fall. Andere, philanthropisch gesinnte Bourgeois ec., gehen einen Schritt weiter. Sie anerkennen die Thatiache, daß eine Verkürzung der Arbeits- zeit keineswegs nothwendigcriveise eine Verringerung der Arbeitsleistung zur Folge hat, sondern daß die Differenz in der Arbeitszeit durch größere Jiitensifizirung der Arbeit ausgeglichen werden, somit auch der Lohn aus der alteii.Höhe sich so forterhalten kann, und daß somit cine-t- natürlich mäßige— Herabsetzung der Arbeitszeit weder für die Arbeiter, noch für die Unternehmer ein Bedenken habe, aus welch letzterer Be- merkung dann wieder die Anarchisten den Schluß ziehen, daß eine solche Herabsetzung der Arbeitszeit überhaupt für den Arbeiter absolut werthlos sei. Denn wie kann in einer Sache sür die Arbeiter ein Vortheil liegen, wenn dem Unternehmer aus ihr kein Nachthcil erwächst? Tie guten Leute übersehen dabei, daß die Arbeiterfrage mit der Lohnftage allein nicht erschöpft ist, und daß je kürzer die Arbeitszeit, desto größer die Kampffähigkeit der Arbeiterklasse. Doch dies nebenbei. Denn was die obige Argumentirnng anbetrifft, so kommt sie zwar der Wahrheit näher als die erste, hat aber vor allem den Fehler mit ihr gemein, daß sie auf der Voraussetzung beruht, daß es sich zwischen Unternehmern und Arbeitern um den Verkauf von „Arbeit", abgemessener Arbcitsmcnge handle. Das ist nun aber keineswegs richtig. Was der Unternehmer dem Arbeiter abkauft, ist nicht dessen„Arbeit", sondern dessen Arbeits kraft, die im Produktionsprozeß sich in„Arbeit" umsetzt. Allerdings ist dabei Voraussetzung, daß die Arbeitskraft des Arbeiters ausreicht, innerhalb einer gegebenen Frist mindestens eine gegebene Menge'Arbeit zu ver- richte», andernfalls sie nicht als voll zählt, aber selbst bei der Akkordarbeit, bei der doch scheinbar wirklich nur bestimmte Mengen von Arbeit, oder besser, von Arbeitsleistungen bezahlt werden, wird der Preis derselben in letzter Instanz nach dem Marktwerth der Waare Arbeitskraft regulirt. Es würde zu weit führen, das hier des Näheren darzulegen, den theoretischen Beweis Hai Karl Marx im „Kapital" geliefert, den praktischen aber— die Praxis. Würde nicht die Arbeitskraft, sondern das, was man schlechtweg Arbeit nennt, d. h. die Arbeits l e i st u n g, gekauft, so wäre es geradezu unmöglich, daß eine Herabsetzung der Arbeitszeit von einer Erhöhung des Arbeitslohnes begleitet wird— und dies in so kurzer Zeit, daß inzwischen selbst eine verhältnißmäßige Jntensifizirung der Arbeit nicht eingeführt werden konnte. Daß diese Erscheinniig sich thatsächlich vollzieht, dafür liefern die bereits wiederholt von uns zitirten Auszüge der New-Porker„Volks- Zeitung" aus dem„Sechsten Jahres-Bcricht des New- I) o r k e r A r b e i t s st a t i st i k- B u r e a n s" eine ganze Fülle von Beweisniaterial. Bei dem große» Interesse, das die Frage für die Arbeiterklasse hat, glauben wir wenigstens einen Theil desselben den Lesern des„Sozialdemokrat" unterbreiten zu sollen. Das genannte Bureau, dessen Vorsteher, Herr Pcck, zwar kein Sozialist, aber ein durchaus unabhängig gesinnter Mann ist, hatte 1888 die Arbeitcrorgani- sationen des Staates New-Uork aufgefordert, so genau als möglich ziffernmäßige Angaben einzuberichten, aus denen für jedes der letzten fünf Jahre je die durchschuiitliche Arbeitszeit, sowie der Durchschnittsarbeitslohn innerhalb des Wirkungskreises der betreffenden Organisation zu ersehen sei. Indem wir die Antworten von Gewerkschaften hier folgen lassen, die eine Verkürzung der Arbeitszeit vcrzeichmn, lassen wir der Einfachheit und Raum-Ersparniß halber erstens die Angaben in Bezug auf die Arbeit an Samstagen fort, und geben weiter für die ersten Jahre nur die Durchschnittszahlen, da fast überall erst mit 1886, dem Jahr der großen Achtstuudcnbewegung, eine Reduktion der Arbeitszeit ciniritt. Weiter übersetzen wir die Bezeichnungen der Berufe in's Deutsche und geben in Klammern die Jahreszahlen der Gründung der betreffenden Gewerkschaft. Manrer-Gewerkschaft in Brooklyn(1831). ArbeUsikit an ben ersten fünf Lohn per Tag in Dollars Tagen der Woche. st MI. 4.25. 1883—85 10 4.— 1886 9 4.05 1887 9 4.05 Maure r-(H a n d l a ng c r)-U nion N e w- P o r k(1881), 1883—84 10 2.50 1886—87 9 2.75 Erkerfenster- w. Arbeiter New-Uork(1886). 1883—85 10 2.- 1886 10 2.50 1887 9 2.75 Vereinigte Oberlicht- und Erkerfenster-Arbeiter New-Aork(1886). 1833—85 10 1.44—2.42 1886 9 1.50—2.75 1887 9 2.75—3.— Vereinigte Zimmerleute Brooklyn(1381). 1883-85 10 2.75 1886—87 9 3.25 Bauschlosser Brooklyn(1886). 1883-85 10 2.10 1886—87 9 2.25 Deutsche Zimmer-Maler- Union New-Pork(1878). 1883—84 10 2.50—3.— 1885 10 3.-- 3.25 1886 9 3.25—3.50 1887 9 3.50 Ziegelsctzer-Union(1886). 1883—85 10 1.50 1886—87 9 2.— Möbel-Polirer(1886). 1883—85 10 1.75 1886 9—10 2.33—2.50 Iggj 9 2 33_ 2.50 Hufschmiede-Union New-Aork(1882). 1883-85 10 2.50 1886—87 9 3.— Vereinigte Former-Union New-Uork(1851). 1883-85 10(0.32V, p- Std.) 1886—87 9(0.35.,„) Former-Union, New-Dork und Umgegend(1879). 1883 10 2.50—3.— 1884—85 10 2.75—3.25 1886—87 9 3.00—3.50 Küfer- II nion, New-Aork, Stückarbeiter(1886). 1883—85 10 2.50—2.75 1886-87 9 3.— Schneider, Progressiv-Union, N e w- P o r k. 1883—85 11—12(10—14 per Woche) 1386—87 10—11(10—16. ,.) Zuschneider, Vereinigte, New- Park. 1883—85 10 16.00—19.00 1886—87 9'/» 18.50—20.50 Noch günstigere Zahlen weisen die durch die Organisation der Bäcker und Brauer errungenen Erfolge auf. Bei Erstcrcn finden wir eine Redu'tion der Arbeitszeit von durchschnittlich etwa zwei Stunden pro Tag und eine Steigerung der Löhne von durchschnittlich gegen 1'/» Dollars(6'/, Mark) pro Woche, beiden Brauern eine Ermäßigung der Arbeitszeit von ü b e r drei S t u n d e n pro Tag nnd eine Er- höhung der Löhne um fünf Dollars(21 Mark) und darüber per Woche. Natürlich stehen allen diesen Zahlen auch nngünstige in anderen In- dustricn gegenüber. Wir finden Arbeitszweigc mit stabil gebliebener Arbeitszeit und gesunkenen Arbeitslöhnen, solche mit erhöhter Arbeits- zeit und gesunkenen Löhnen, aber kaum eine einzige mit verkürzter Arbeitszeit und gesunkenen Löhnen, lind darauf eben kommt es au. Es fällt uns selbstverständlich nicht ein, aus diesen Thatsachen absolute Schlüsse zu ziehen. Wir wissen sehr wohl, daß es sich hierbei fast überall um günstiger gestellte Industriezweige handelt, und daß die bc- sonderen Verhältnisse des Landes— der Aufschwung der Geschäfte, die Erweiterung des Absatzmarktes?c.— große Rolle bei Erzielung der abenerwähnlen Resultate gespielt haben. Jndeß, das ist für unsere Frage von nebensächlicher Bedeutung. Die Hauptsache ist, daß wo die Arbeiter überhaupt in der Lage sind, eine Verkürzung der Arbeits- zeit durchzuführen, diese über kurz oder lang eine Erhöhung der Arbeitslöhue nach sich zieht. Das kann nicht oft genug wiederholt werden. Sozialpelitische Laudscha«. London, 12. November 1889. — Offenheit ist immer eine schätzenswerthc Eigenschaft, und s»! verdient auch die„Kölnische Ztg." für ihr Gesländniß, daß das Sozia-j listengesetz deshalb unentbehrlich sei. weil es nichts anders ist und sein soll als eine„Korrektur des allgemeinen Wahlrechts" unsere volle Anerkennung. Freilich verräth das Organ der rheinische» Großkapitalisten uns damit nichts Neues, aber gewisse Wahrheiten können nicht oft genug wiederholt werden, weil sie sonst zeitweise ver- gcffen oder doch nicht genug berücksichttgt werden. Daß die Kölncri» in eineui Rückfall von Schwäche die Sache so herumzudrehen sucht, als handle es sich nur um die Verhinderung der Ausbeutung der lln- w is s/u he i t, soll unsere Anerkennung ihres Verdienstes nicht beein- trächtigen, solche Plätzchen täuschen Niemand. Als ob es heut noch Jemand gäbe, der im Ernst daran glaubte, daß mit dem Einkomme» auch der Verstand und die politische Einsicht wachse, und daß ein Zensus, nnd sei er noch so hoch, ein Schutz gegen die Herrschaft der Unwissenheit sei. Nicht um einen Kampf zwischen Bildung und Un- bildung handelt es sich, sondern um einen Kampf von Klasse gegen Klasse. Nicht die unwissenden Wähler fürchten die„Kölnische Ztg." und ihre Hintermänner— die haben sie am Schnürchen, sie bilden ihre Schutzgarde, das Bollwerk ihrer Macht, sondern gerade die w i s e n d e n zur Ertenntniß der Verhältnisse Gelangten. Der unwissende Wähler ist zugleich auch der feige, unterwürfige Wähler, er folgt willig dem Befehl seines ökonomischen Vorgesetzten, wie die Wahlen aus dem Lande zeigen; der wissende Wähler aber, der ist das Uebel, das eine Korrektur nothwendig macht, der wissende Wähler aus dem Proletariat, der klassenbewußte Arbeiter— das ist der Fein d. Schmerzcrfüllt jammert das— bald hätten wir gesagt bedeutendste, das größte aller deutschen Bourgeoisorgane: _,-- Der Trieb zur gesinnunglosen Umschmeichelnng der Massen, die Neigung zum Wettbewerb um die Gunst des süßen Pöbels ist mit dem Wahlsystem unserem Partciwesen untilgbar eingeimpft. Und da Sc. Majestät das Volk weder Gcdächtniß noch Verstand besitzt, so ist es von vornhinein klar, daß diejenigen Parteien, welche zu gewissenhaft und zu anständig sind, um Dinge zu versprechen, die sie nicht gebe» können, gegenüber dem großen Trotz der Leute, die ein weiches Gehirn, eine starke Lunge und ein weites Gewissen haben, in eine recht üble Lage gerathen." „Zu gewissenhaft und zu anständig"— hoffentlich ist der Skribifax, nachdem er das aufs Papier geworfen, aufgesprungen, und hat sich im Spiegel schmunzelnd angelächelt. Die nationallibcrale Kartellbandc„zu gewissenhaft und zu anständig", um den Wählern„Dinge zu versprechen, die sie nicht geben können." Als ob diese abgefeimtesten aller Dema- gogen nicht den Wählern das Blaue voni Himmel herunter vorschwin- betten, ihnen den Himmel auf Erden versprachen, und nur deshalb bei dem„süßen Pöbel"— lies: den Arbeitern— damit abfielen, weil dieselben leider sowohl Verstand w i e Gcdächtniß in ganz gehöriger Portion besitzen. Der Arbeiter hört den Kartellbruder au, der ihm alles Mögliche und Unmögliche verspricht, und— gibt dem Sozialdemokraten seine Stimme, der ihm gar nichts verspricht als der Träger seiner Forderungen, der Wahrnchmcr seiner Interessen zu sein. Das kann der Kartellbrndcr freilich nicht, und wen» er es thäte, antwortete ihm homerisches Gelächter. Den»— der„süße Pöbel" hat G e d ä ch t n i ß. Das allgemeine Wahlrecht verlegt den Schwerpunkt der Entscheidung in die Klasse der Besitzlosen, es„enterbt", wie die„Köln. Ztg." das sehr schön ausdrückt, den Besitz. Zunächst nur theoretisch, insofern der Besitz die öffentliche Meinung auch unter den Besitzlosen beherrscht. Je mehr sich aber unter diesen eine eigene öffentliche Meinung entwickelt. je mehr sie ihrer besonderen Klassenfordernngen bewußt worden, um so mehr wird diese theoretische„Enterbung" praktische Thatsachc, wenn auch vorläufig erst auf politischem Gebiet. Der„Besitz" hat aber eine feine Nase und weiß, daß politische Macht schließlich gleichbedeutend ist mit ökonomischer, und darum ist das Sozialistengesetz„politisch, geschichtlich und sittlich eine Nothwendigkeit geworden"— sagt die „Kölnische Ztg." Sittlich? Ei ganz gewiß. „Gefährdet ist das Palladium Des sittlichen Staats, das Eigenthum." Ja, wenn die Arbeiter noch hinter den bürgerlichen Parteien einher- liefen. Tann könnte man sich das allgemeine Wahlrecht allenfalls ge- fallen lassen; sobald sie aber eine eigne Partei bilden, hört der Spaß auf.„Die Nothivendigkeit", berichtet die Kölnerin,„dem Staatswesen eine Ergänzung, eine Korrektur des demokratischen Wahl- s y st e m s einzufügen, ergab sich erst mit unausweichbar zwingender Gewalt, mit der Entwicklung der sozialdemokratischen Bewegung...." Dank, Oberoffiziosns für dieses Geständniß. So schimpflich es für die deutsche Bourgeoisie, so ehrenvoll ist es für die deutsche Sozial- demokratie. Ehrenvoll und nützlich. Denn es erspart uns hundert Artikel über den Werth des allgemeinen Wahlrechts und speziell des sozialdemokratischenStimmzettels als Waffe für die kämpfende Arbeiterklasse. — Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: „Die thatsächliche Bcschlustunfähigkcit des deutschen Reichs- tags während der ganzen Sozialistengesetz-Debatte ist vielleicht ein noch frappanterer Beweis der herrschenden Verkommenheit nnd Korruption, als die Gesetzesvorlage selbst und deren Vcrtheidigung durch die Ver- treter der Regierungen und der Ordnungsparteicn. Die Infamie kann unter Uniständen noch imponircn, wenn sie Geist und Much zeigt. Dieser Infamie, welche in dem Sozialistengesetz ihren Ausdruck ge- fundcn hat, fehlt der G e i st ebenso wie der M u t h. Was wußten die Herrfurth, dieHeld, die Hartmann anders vorzubringen, als entweder die hundertmal gehörten Phrasen der Reptilienpresse oder die abgetragensten, verbrauchtesten Juristenkniffe? Ernst konnten sie selber das nicht nieinen, und'Niemand sonst konnte es ernst nelmien. Da waren die alten Hexenmeister doch tausendmal achtuiigswcrthere Leute: sie glaubten wenigstens, was sie behaupteten, sie glaubten an die Verbrechen, die sie richteten, und hielten diese Verbrechen für etwas so Entsetzliches, das göttliche und menschliche Recht so Tiefver- letzendes, daß die strengste Bestrafung ihnen als eine heilige Pflicht erschien. Obendrein auch als eine Wohlthat für die Hexen selbst, die nach dem Glanben der damaligen Zeit durch den Feuer- tod geläutert und der Seligkeit des ewigen Lebens theilhaftig gemacht wurden. Die Hexenmeister von heute dagegen glauben nicht an die Ver- brechen, über die sie sich anmaßen, zu Gericht sitzen zu wollen. Sie w i f s e n, daß die sozialdemokratischen Lehren nichts Verbrecherisches enthalten, und sie wissen, daß die sozialdemokratische Partei nichts Verbrecherisches gethan hat und nichts Verbrecherisches erstrebt— sie sind kaltblütige, berechnende Henker, die bloß einen» n h c q u e m en Gegner sich vom Hals schaffen wollen, und zu diesem mörderischen Zweck sich der Schlinge eines schuftigen Ausnahmegesetzes, statt des GiftS oder Dolches bedienen. Doch die Herrfurth, Hartmann, Held und einige ihrer Kumpane waren doch wenigstens im Reichstag und wagten es, ihren Schlacht- opfern ins Auge zu sehen, oder wenigstens unter die Augen zu treten. Allein die große Mehrheit ihrer Kumpane hat diesen traurigen Muth n i ch t gehabt. Sie„drückten" sich- sie werden, wenn es zur end- giltigcn Abstimmung kommt, unzweifelhaft im Reichstag sein, um ihr Scheit auf den Scheiterhaufen zu werfen, allein den Debatten beizu- wohnen, oder gar sich an ihnen zu bethciligen, dazu fehlt diesem feigen Volk die Kourage. Da ist keine L e i d e n s ch a f t, welche das Vor- gehen der Burschen entschuldigte.— keine Gefahr, die zu rücksichts- ä;m Handeln zwänge— Teutschland ist so ruhig. wie es nur sein n. und die Elenden, welche den Strick drehe», vermittelst dessen eine ganze große Partei erdrosselt werden soll, sind selber so ruhig, als handelte es sich um die'Anordnung eines Frühstücks, oder eine noch gleichgültigere Sache— denn ein gutes Frühstück ist für diese Gesellschaft oft eine Haupt- und Staatsaklion. Der rafsinirteste, langer Hand vorbereitete Giftmord zur Beseiti- gung eines im Weg stehenden Lebens kann nicht verbrecherischer sein als dieser Gesetzesmord, den die Vereinigten Regierungen im Verein mit den Ordnungspartcicn verüben Woltem Zum Glück wird die Infamie noch durch die Dummheit übertroffen. Denn das auserlesene Opfer steht chimboraffohoch über diesen jammer- lichen Mordgesellen, und spottet ihrer ohnmächtigen Mordwerkzeuge. Die Infamie der Mordgesellen wird dadurch freilich nicht vermindert. — Am 1. November wurde in Spandau—„dieser Name sagt genug wohl schon"— mit großem Pomp das Denkmal Joachim des Zweite» euthüllt. Für Leser, welche nicht wissen sollten, was es mit diesem Joachim aus sich hat, bemerken wir, daß derselbe im sechszehnte» Jahrhundert Kurfürst von Brandenburg war und vor 350 Jahren in der benannten Festung seinen Ucbertritt zum Protestantismus vollzog. Das wird ihm als eine sehr verdienstvolle That angerechnet, und sie war es auch sicherlich, denn der edle Fürst aus dem Geschlecht der Hohcii- zollern hat durch diesen Glaubenswechsel ein erkleckliches Geld heraus- geschlagen, wie das beiläufig fast allen seinen fürstlichen Kollegen, die früher oder später denselben schritt thaten, nachgerühmt werden kann. In Baar läßt sich leider der„Verdienst" des Hohenzollers nicht gut ab- schätzen: es ist auch wohl nicht nöthig, denn die Summe würde sich heute n»r winzig ausnehmen, nicht nur weil der Geldwcrth seitdem außer- ordentlich gesunken, sondern auch weil der Werth, oder sagen wir lieber der Preis der Fürsten seitdem enorm gestiegen ist. Die Hohenzollern waren zu allen Zeiten gute Geschäftsleute, der Erwerbssinn ist ihre » ausgeprägteste Eigenschaft, und es ist daher nur Recht und billig, daß sie die Ausführung eines besonders guten„Rebbach" durch ein Familien- Mitglied durch ein Denkmal verherrlichen: dem, der ihn zu Stande gebracht, zun, Ruhm, der Nachwelt zur Anfenerung und Belehrung. Es fehlt uns hier der Raum, die Umstände, unter denen sich die weltgeschichtliche That vollzog, die allen großen und kleinen Kindern als eine„Freiheitsthat" geschildert wird, näher darzulegen. Die Haupt- fache ist, der Hohenzoller brauchte Geld, viel Geld, sowie Gebietszuwachs, und zu beiden Zwecken erwies sich der Absall vom Katholizismus als der geeignetste Weg. Freilich standen demselben auch mancherlei Bedenken gegenüber, sowohl die Rücksicht auf den noch immer mächtigen deutschen Kaiser, als auf den lieben Schwiegervater, Sigismund von Polen, und da Vorsicht der bessere Theil der Tapferkeit ist, so schloß der kluge Hohenzoller mit seiner— bald hätte» wir gesagt Ueberzeugnng, also mit der neuen Religion, die ihm erlaubte, nicht nur das heilige Abendmahl, sondern auch sehr viel heiliges Eigenthnm in beiderlei Gestalt zu nehmen, einen Kompromiß, er vollzog seinen Uebertritt nur insoweit als es das— Nehmen erheischte. Sehr hübsch schrieb darüber die Berliner„Volks-Zeitung" in einer Artikelserie„die Hohenzollern und die Reformation", die ihr einen neuen Angriff der Berliner Staats- anwaltschast zugezogen haben— der aber selbstverständlich nicht gegen diese Artikel, sondern gegen einen halb verjährten polttischen Leitartikel gerichtet wurde: „Trotz seiner ausschweifenden Prachtliebe nahm er(Joachim) das Abendmahl, aber nicht mit dem Gepränge, mit welchem heute die Ent- hüllung seines Denkmals in der Nachbarstadt stattfindet, sondern in tiefer Stille, heimlich, wie ein Dieb in der Nacht. Es ist nicht einmal ein urkundliches Zeugniß über die Thatsache erhalten: nur mittelbar, aus spärlichen Spuren, läßt sie sich mit einer an Gewißheit reichenden Wahrscheinlichkeit nachweise». Die Kurfürstin Hedwig nahm an der Feier nicht theil; sie blieb katholisch, lind an seinen Schwiegcr- Vater Sigismund schrieb Joachim IL gleichzeitig mit seiner Abendmahls- feicr in beiderlei Gestalt,„er denke nicht daran, sich von der katholischen Kirche zu trennen oder die bischöfliche Würde abzuschaffen. Er werde auch später zur Theilnahme an jedem ordnungsmäßig berufenen Konzile bereit sein und dessen Beschlüssen sich fügen." Joachim IL trug eben bei der„großen That" seines Lebens, für welche ihm heute ein ehernes Denkmal in Spandau gefetzt wird, auf zwei Achseln." Ein netter„Geislesheld", nicht wahr? Und weiter schreibt die„Volks-Zeitung" über die von Joachim ein- geführte märkische Kirchenordnung: „Vom religiösen Standpunkte war die Kirchenordnung Joachim's II. eine verwerfliche Halbheit, von welcher es unbegreiflich ist, wie über- zeugte Protestanten sie heute als„geistige That" feiern und überhaupt anders, als mit unverhohlener Verachtung von ihr sprechen können. Selbst Droysen kann nicht umhin zu bemerken, daß ihr Zweck nicht war, das Volk, msbcjondere„die arme» Leute auf dem platten Lande", über die tiefe, mit dem märkischen Kirchenwcsen vorgegangene Veränderung aufzuklären, sondern nur, sie darüber zu täusche». Wenn dieser Zweck auf die Dauer nicht erreicht wurde, so lag dies daran, daß solch' dip- lomatisches Gaukelspiel an der Macht einer wirklichen Volksbewegung immer scheitert. Die Aufrcchterhaltnng der bischöflichen Gewalt im Be- sonderen erwies sich aber auch deshalb unmöglich, weil wenigstens zwei Bischöfe des Landes keine Lust bezeigten, zu„Meister Grickel's"*) zu werden. Der Bischof von Brandenburg, welcher arm wie eine Kirchen� maus geworden war, wurde es, aber die Bischöfe von Havelberg und von Lebus hatte» mehr zuzusetzen und sträubten sich— von ihrem Standpunkte pflichtgemäß— dagegen, die Geschenke des Danaers anzu- nehmen. Ihr Widerstand führte dann logischer Weise dazu, daß Joachim II. sich auch formell zum oberste» Bischof seines Landes machte". Und nun konnte das, in dem Nehmen des Abendmahls in beiderlei Gestalt symbolisch veranschaulichte Heilswerk für die kurfiirstliche— Kasse erst gründlich durchgeführt werden. Um die„Kirchenordnung" durchzuführen, ward eine V i s i t a t i o n s- K o in m i s s i o» eingesetzt, in deren In- struktion es hieß:„„ � Z,„ „Diese"(nämlich die Mitglieder der Visitations-Kommisston)„sollen in einer Stadt oder in eincin Kloster ihren Aufenthalt nehmen. die Klerisei dorthin berufen, zunächst nach dem ba a ren Gelde forsche», nicht nur bei Acbteu und Aebtissinnen, sondern auch bei ledem O r d e n s ni i t g l i e d e, und das vorgefundene Geld in einer Lade nach Berlin senden, die Schlüssel dazu aber dem Abte� oder der Acbtissin überlassen. In der gleichen Weise solle mit den schuld- b r i e f c n und den Gold- und Silberschätzen verfahren wer- de», die Hauptaufgabe der Visitatorcn aber die Aufzeichnnng der geistlichen Lehe»»nd des kirchlichen Grundbesitz-s und die lieber- gäbe der unbeweglichen Klostergiitcr an die k u r f ü r st l t ch e n A m t 1 eute zur Verwaltung sein. Von den Erträgen der letzteren k o» n e(!) den Klöstern ein gewisser Theil nach der Zahl der noch vorhandenen L rdcns- lcntc überwiesen werden. Tie Visitatoren sollten endlich die den Klöstern und Kirchen entwendeten Güter. Lehen und Häuser zurucksordern(!!). die Gemeinden mit evangelischen Geistlichen versehen und dielen ein beflimmtcs Gehalt aus den Erträgen der geistlichen Güter zuweilen" Man bewundere die Umsicht, mit der der Hohenzoller erst„Gott, was Gottes ist", zurückgeben ließ. bevor an's„Theilen" gegangen wurde Es ist das ein vortreffliches Beispiel, das nie vergessen werden sollte. Wenn es sich später, zwar nicht iim's Theilen. aber um's V e r- aesellschaften handeln wird, wird seine Befolgung sehr gute Dienste leisten Um aber zu unserm Hohenzoller zurückzukehren, so geht aus dem Satz, daß den Klöstern ein gewisser Theil des ihnen gehören- den Gutes überwiesen werden könne, deutlich hervor, nach welchen Grundiätzeu das Thcilungsgeschäst vorgenommen werden wllte Dir em Viertel inir drei Viertel. Jndeß auch das war nur„ein Uebergang", sintemalen später den Klöstern auch das letzte„Viertel" abgenommen wurde. Das verehrte Füritcugeichlecht l.cbt..grundliche Arbeit Soviel für diesma' Wir kommen aus das Thema noch zurück, einst- weilen glauben wir dem Leser überzeugend nachgewiesen zu haben, daß keine Kcit aceianeter war, dem genaunleu Hohenzoller ein Denkmal zu stiften als aerade die jetzige, keiner seiner Nachfolger berufener. den S gen dazu zu geben, als'der jetzt Regierende, Was ihm auch böse Kunacn naäisaaen mögen. Eines können»e ihm nicht bestreiten: daß er. kaum auf den Thron gelangt, den Überzeugenben B-we.s geliefert hat, daß er ein guter Geschäftsmann ist. — Der Geaenboykott, de» unsere Genossen an verschiedenen Orten in. Reich gegen soziakisttnb�kottende Geschäf-slmte namentlich Gastwirthe, ausgeuommen haben, hat sich als eine a u»; e r o r d e n t- I i* mir kl am e Waffe erwiesen. Ganz besonders IN Berlin und in den größeren Städten sach'-ns ist-sehnen gelungen, widerhaarige Braiicreieii die sich ft'-her weigerten. Sozialisten sale zu Versamm- lunaen beritnaebcn Z»i» Unisall zu bringen, und auch sonst ihnen be- Vfttch?m°ch«. daß wer es mit den Sozialisten„verdirbt", ans -rster protestantischer Hospredigcr, Agricola, wurde unter Kundschaft in Arbeiterkreise» nur sehr geringe Aussichten hat. Ein von dem Genossen Karl Pinkau in Borsdorf herausgege- bener„Arbeiter-Taschenkalender" für Sachsen, der ein Vcrzeichniß der- jenigen Wirthschaften in den verschiedenen Ortschaften gab, wo Sozia- listen„nicht gern gesehen werden", sowie derjenigen,„wo Sozialisten gern gesehen werden", war in kurzer Zeit vergriffen, und hat, wie wir hören, vortreffliche Dienste geleistet, so daß die Absicht besteht, eine zweite verbesserte Auslage zu veranstalten, und von jetzt ab womöglich zweimal im Jahre neue, rcvidirte Ausgaben erscheinen zu lassen, ähnlich den Sommer- und Wintersahrplänen der Eisenbahnen. Nichts praktischer und nichts legitimer als das. Der Genosse, der einen solchen Taschen- kalender besitzt, weiß an jedem Ort, wohin ihn sein Weg führt, in welchem Wirthshaus er auf anständige Aufnahme rechnen kann, und Wirthe, die eine unüberwindliche Abneigung gegen Sozia- listen haben, sind davor geschützt, solchen von ihrem guten Bier verab- folgen zu müssen.� Für solche Wirthe, die mehr der Roth gehorchend als dem eigenen Trieb", d. h. weil von einflußreicher Seite ein sanfter Druck aus sie ausgeübt wurde, ihre Lokale den Sozialisten versagten, ist der Gcgenboykott der sozialistischen Arbeiter geradezu eine Wohlthat. Er führt ihnen zum Belvußtsein, daß nicht die„Einflußreichen" es sind, von denen sie leben, und erleichtert ihnen so die Entscheidung. Neben der Energie, mit welcher die Genossen in Berlin, Dresden, Leipzig zc. die Bewegung aufgenommeu haben, ist auch lobend zu er- wähnen die N o b l e s s e, die sie in der Durchführung derselben mi Allgemeinen an den Tag legen. Sie machen es nicht wie die Gegner, die ihre Kundschaft oft von entehrenden Bedingungen abhängig machen. Sie bleiben innerhalb der Grenzen legaler Selbstverthcidigung. Es fällt ihue» nicht ein, von Wirthen zu verlangen: du darfst dein Lokal dieser oder jener Partei nicht hergeben, oder du darfst diese oder jene Zeitung nicht halten, sie begnügen sich damit, zu verlangen, daß Luft und Licht gleich vertheilt werde. So zeigen sie, daß sie in jeder Hin- ficht den Gegnern überlegen sind. Wir können natürlich die Bewegung nicht im Einzelnen verfolgen, aber wir wollen nicht unterlassen unsere Genugthuung darüber aus- zudrücken, daß die wiederholt im„Sozialdemokrat" gegebene Anregung aus gulen Boden gefallen ist und bereits so vortreffliche Früchte gczei- tigt hat. Mögen die gegebenen Beispiele auch an andern Orten Nach- ahmiing finden. ~ Weit nnangenehmer als der großen Mehrzahl der G a st- wirth e ist der G e g c n b o y ko t t der Polizei. Denn hinter wen soll sie sich noch verkriechen, wenn durch denselben der beliebten Saal- Ab treiber ei ein Riegel vorgeschoben wird? In dieser Erkenntniß hat die A m t s h a u p t m a n n s ch a f t Chemnitz neulich folgenden U k a s erlassen: „E r l a ß, das Verbot öffentlicher, gegenGewerbetreibcnde gerichteter Verrnfserklärungen betr. Aus Anlaß verschiedener hier zur Kenntniß gelangten Vorgänge sieht sich die unterzeichnete Königliche Amtshauptuianuschaft i m I n- t e r e s s e der A u f r e ch t c r h a l t u n g der öffentlichen Ordnung veranlaßt, hierdurch folgende Bestimmnng zu treffe»: „Wer in Zukunft es unternimmt, den Gewerbebetrieb eines An- deren dadurch zu stören oder zu beeinträchtigen, daß er öffent- lieh vor einer Menschenmenge oder durch Verbreitting(§ 85 des Rcichsstrafgesetzbuches) oder durch öffentlichen Anschlag dazu ans- fordert, in einem bestimmten Gewerbebetriebe keine Waaren anzu- kaufen oder zu bestellen, beziehentlich in einem bestimmten Geschäfts- lokale nicht zu verkehren, wird mit Geldstrafe bis zu 100 M. oder mit Hast bis zu 14 Tagen bestraft. Chemnitz, am 2. November 1889. Königliche A m t s h a u p t m a n n s ch a f t. Dr. Fischer." Ganz abgesehen davon, daß der llkas in flagrantem Widerspruch steht mit eine«, den Boykott betreffenden Reichsgerichtserkenntniß, wird natür- lich seine Wirkung gleich Null sein, denn unsere Genossen haben es noch zu allen Zeiten verstanden, und werden auch diesmal nicht in Vcr- lcgenheit sein, den Beweis zu liefern, daß sie immer noch eine halbe Stunde früher aufstehen als unsere Feinde. — Niedriger hängen. Ans einer Generalversammlung des land- wirthschaftlichen Hauptvercins fürMinden-Ravcnsburg(West- phalen) stellte der Landrath v. B o r r i e s— bei der letzten Landtagswahl nationalliberaler Kandidat für den Wahlkreis Bielefeld-Herford — im Slnschluß an ein von ihm erstattetes Referat wörtlich folgenden Antrag: „Bei Ausarbeitung des neuen bürgerlichen Gesetzbuchs ist im In- teresse der weiteren Leistungsfähigkeit der Landwirthschaft darauf Be- dacht zu nehmen: 1) daß freie, durch schriftlichen Bertrag vcr- pflichtete'Arbeiter entsprechend den B e st i m m u n g e n der preußischenGesinde-Ordnung behandelt iver- den können(die körperlicheZüchtigung zuläßt!); 2) daß eine Beschlagnahme von Lohn bis zu einer gewissen Grenze den adl genannten Arbeitern gegenüber zulässig erscheint; 3) daß solche Arbeitgeber, weiche Vertragsbrüchige Arbeiter beschäftigen, a) polizeilich bestraft werden, d) dem'Arbeit- lieber gegenüber, welchem die Vertragsbrüchigen Arbeiter entzogen sind, für den dadurch entstehenden Schaden ersatzpflichtig iver- den; 4) daß aber von her gesetzlichen Bestrafung Vertragsbrüchiger Arbeiter abzusehen ist". Diese von jnnkcrhaftem Uebermuth zeugende Resolution wurde von der unter dem Vorsitz des G r a f e n K o r f f- S ch in i c s i n g auf Taten- Hausen tagenden Generalversammlung angenommen. Ein schamloseres Attentat auf die Arbeiterklasse. als in dieser Re- solution entwickelt, ist bisher noch nicht dagewesen. Und der Bursche, der sie in Vorschlag bringt, ncnnt sich national liberal! Das zeigt, bis zu welcher Tiefe der Infamie dieser Begriff in Deutschland bereits gesunken ist. Nationalliberal und konservativ ist genau dasselbe, es sind nur zwei verschiedene Namen für ein und dieselbe Sache, die sich „Kartell der staatscrhaltendcn Parteien" nennt. ■Kartell der Arbeiter-Versklav ungs- Parteien wäre richtiger. Mögen alle Arbeiter den obigen Antrag wohl merken, und ihn sich namentlich dann vergegenwärtigen, wenn irgend Einer von dieser Sippe vor sie hiuttitt und mit honigsüßer Rede um ihre Stimme buhlt. — Cin braver Patriot. Im Verein der Berliner Gast- wirthe herrscht große Erbitterung gegen einen Kollegen, den Cafetier Keck, der der Mehrzahl der Gastwirthe der Reichshauptstadt Mangel an Patriotismus vorgeworfen hat. Dieser Biedermann, der das „volle Vertrauen der Berliner Polizei" besitzt, ist freilich ganz besonders dazu qualifizirt, den patriotischen Sittenwächter zu spielen. Sein Lokal, ttn Cafä im Studentenviertel Berlins, ist nämlich der bekannteste Sammelplatz der Berliner Dcmimonde, und es ist eine allbekannte That- fache, daß es keine besseren Patrioten gibt als B o r d e l l h a l t c r. Herr Keck ist nebenbei leitender Geist der Berliner Gast- Wirths-Jnnung, einer Schöpfung der Reaktionäre Berlins. Er war sogar„Obermeister" derselben, und wie sehr er sich die Hebung seines Berufes zur Aufgabe uigcht, geht daraus hervor, daß, wie in öffcnllicher Versammlung konstatirt wurde, er seine Kellner nicht nur nicht bezahlt, sondern diese ihm noch fünf Prozent von ihren Trinkgeld er» abgeben müssen. Fürwahr, der Plann verdient k. k. Hofcafetter zu werden. — Kein Feuer, keine Kohle re.„Was man von den Deklama- tionen der Nationalliberalen gegen Stück erei und M u ck e r e i zu halten hat", lesen wir in der Verl.„Volks-Zcittmg" vom 8. November,„hat am Deutlichsten Herr Dr. Blasius in einer vorgestern abgehaltenen Sitzung eines Berliner Kartellvereins zu verstehen gegeben. Herr Blasius sagte in einem Vortrage über das Kartell und die Alt- konservativen:„Meine Herren, es steht fest, daß die Vor st än de der nationalliberalen und konservativen Partei durchaus nicht da- gegen waren,— nämlich bei den vorigen Wahlen— wenn Stöckcr kandidirtc, aber sie wußten»nd es war ihnen deutlich kniidgethan, daß die Wählerschaft ihnen nicht gefolgt wäre. Da gebot die Klugheit, jene Forderung zu stellen,— nämlich die Beseitigung stöckers— der man bätte nachkommen sollen, zumal Stöcker einen festen Sitz in Siegen hat." JDiese letzte Wendung ist vor Allem vortrefflich, da bekanntlich Herr Stöckcr in Siegen immer nur mit nationalliberaler Hilfe gewählt werden kann. Das Bild, wie die Führer der Nationallibcralcn und Freikonservattven in Berlin hinter den Koulisicn Herrn Stöckcr die Hand drücken, während sie ihren Parteigenossen gegenüber gegen Stöckerei und Muckerei deklamireu, ist in seiner Art einzig." So die„Volks-Zeitung" Mit dem Schlußsatz sind wir nicht ganz einverstanden, wir erinnern vielmehr das fortschrittlich-demokrattsche Blatt daran, daß schon Heinrich Heine das Verhältniß vorgcahnt haben muß, als er den Spotwers dichtete: „Blamir' mich nicht, mein schönes Kind Und grüß' niich nicht unter den Linden, Wenn wir nachher zu Hause sind, Wird sich schon alles finden." Dabei hat der Dichter des Romancero sicherlich nicht nur an gewisse Dämchen gedächt, mit denen man gern— sagen wir, Küsse tauscht, die man aber„nicht kennt". Beiläufig ist der Stöckcr daran gewöhnt, von Leuten, die seine Dienste sehr zu schätzen wissen, öffentlich Fußtritte zu erhalten. Es gehört das zu seinem Beruf. — Ganz wie bei uns.„Tie Herren Studenten der Pcnusyl- vania Universität", lesen wir im„Philad. Tageblatt", haben gewaltige Angst davor, daß die Vcrwaltungsräthe der Anstalt auf den Antrag der Professoren eingehen, Frauen zum Studium zuzulassen. Die Studenten erklären dies 1) als nnnöthig, 2) als unpassend»nd 3) drohen sie mit ihrem Abzug nach anderen Lehranstalten, wenn der Antrag doch angenonimen würde. Die richtige Antivort darauf gab ihnen Annie H. Shaw von der Frauen-Stiinnirechts-Zlssociation, indem sie sagte:„Wenn die Jungen gehen wollen, laßt sie gehen. Ihre Plätze werden von solchen Frauen eingenommen werden, wie diejenigen, welche an andern Universitäten die höchsten Ehren erlangten. Einer von den„Boys"(Burschen) hat ausgeplaudert, waruni man die Frauen nicht haben will. Aus Furcht, bei den Prüfungen zuletzt zu kommen, müßten die männlichen Studenten wirklich studiren und es bliebe ihnen keine Zeit für Rudern, Baseball und andern Sport." Das dürste»u- gefähr stimmen. Angst vor der Konkurrenz ist es, welche die Jungen unserer Fabrikanten und Kaufleute den Frauen den Zutritt zu den „höheren Berufen" möglichst erschweren läßt. Gegen die Ausbeutung der Frauen in den Fabriken haben sie gar nichts einzuwenden. — Reif für China. In G l o g a u, das allerdings nicht in irgend einer Provinz des„Reiches der Mitte", sondern in der Provinz Schle- s i e il des Kulturstaates Preußen liegt, hatte eine Geschäftssirma einem Offlzier, der eine Rechnung für einen Möbeltrausport um»! Mark für zu hoch befunden, geantwortet:„Da wir nicht Lust haben, uns mit Ihnen an Gerichtsstelle über die uns rechtmäßig zustehende Forderung atiszuplaudern, so schenken wirJhuen die 6 Mark und bitte« um Einsendung des Restbetrages." Durch diesen Satz fichlte sich der edle Sohn des Mars— ob es ein„Edelster" war, ist in der betr. Zeitungsnotiz nicht gesagt— an an seiner Ehre gekränkt und übergab de» Brief der Staatsanwalt- schast, die denn auch gegen die verbrecherische Firma Anklage erhob. Das Landgericht Glogan zeigte sich jedoch»och nicht ganz auf der Höhe der Zeit und lehnte die Einleitung des Strafverfahrens ab. Jndeß noch gibt es zum Glück Oberlandesgerichtsräthe, nicht blas in Raum- bürg(s. Diätenprozesse), sondern auch in Breslau. Das dortige Ober- landcsgericht fand ebenfalls, daß solcher Schimpf gegen einen königlich preußischen Lieutenant nicht geduldet werden könne, hob den Beschluß des Landgerichts auf und ordnete die Einleitung des Strafverfahrens an. Diese erfolgte, indeß war die Strafkainincr in Glogan halsstarrig genug zu erklären, der Brief sei zwar unhöflich, aber nicht ehrvcrletzend, selbst wenn es sich um einen Offizier handle. Der Staatsanwalt hatte nämlich ausgeführt,„daß es einen Unterschied gebe zwischc» S t a n d c s e h r c und bürgerlicher Ehre, und daß man bczüg- lich der Ehre Rücksichten auf g e w i s s e S t ä n d c zu nehmen habe; der Offizier und der Beamte habe eben andere Pflichten als der gewöhnliche Mensch, und wenn ihm Geschenke angeboten würden, so beleidige man ihn." Es ist eigentlich schade, daß diese schöne Deduktion nicht durchschlug. Sonst würde auch nichts fehlen, um jeden Chinesen, der den Prozeß liest, in das höchste Entzücken zu versetzen. Offizier, Staatsanwalt und Oberlandesgericht aber, sie sind unbedingt reif für China. *.* Wie verschiedenen Blättern gemeldet wird, soll demnächst eine a n s- führliche Lorschrift über die d c m K a i s e r zu erweisenden Ehrenbezeugungen erscheinen, welche alles auf das<3 e- n a n c st e regelt, nicht blos die Ehrenbezeugungen für den Kaiser, sondern auch diejenigen für die sämmtlichen Mitglieder des kaiserliche» Hofes." Ilm Niemand Unrecht zu thnn, bemerken wir, daß dies— nicht vom Kaiser von China gemeldet wird. — Cine ganz vernünftige Auffassung von der Arbeiter- bcwcgung hat neulich der B u n d e S s c n a t o r Platt auf einer Konferenz' der Arbeitsstatistiker in den Vereinigten Staaten geäußert. Er sagte u. A.: „In der Agitation, welche das neu erwachte Interesse an Arbeit und Arbeitern charakterisirt, übersehen wir zumeist die große, derselben zu Grunde liegende Idee. Wir sehen die Zeichen der Unzufticdcnheit, wir lesen von Streiks und Streitigkeiten, mitunter auch von Gewaltthätig- keit; wir fühlen es, daß ein Kampf stattfindet,»nd könne» oft die Haltung der Parteien auf beiden Seiten nicht billigen. Blicken wir aber tiefer hinein, so werden wir finden, daß eine große Beweg- u n g z u r H c b u n g d e r M e n s ch h c i t auf der ganzen Welt im Gange ist, daß, wenn das Volk unzufrieden ist, dies nur das S t r c- ben nach Besserem beweist. Und dicscm Streben innh Genüge geleistet werden. Das Volk als Masse, glaube ich, wird weiser, besser, glücklicher und kommt zu einem besseren Vcrständniß seiner Rechte, Pflichten und Verantwortlichkeit. Die iinangcnchmcn Symptome, welche unsere pessimistischen Freunde erschrecken, scheinen mir nicht Verfall und Verschlechterung anzudeuten, sondern gesundes, kräftiges Leben. Was wir die„Arbeiterbewegung" nennen, ist schließlich nur eine neue Entwickelung der Freiheitsbestrebungen der Menschheit. Und was es auch immer für Kampf und Streit geben möge, was innner für Fehler oder Jrrthümer begangen werden, das R c s u l t a t ist sicher eine höhere und edlere Freiheit der M c n s ch h e i t." Dazu bemerkt das„Philad. Tageblatt":„Das ist sehr gut und vcr- nünfttg gesprochen; wenn dabei Herr Platt nur nicht ein gehorsamer Diener der Fabrikanten von Connecticut wäre." Das ist freilich ein bedenkliches„Wenn". Immerhin zeigt die Aenßer- ung, welchen Einfluß in den„Vereinigten Staaten" die Rücksicht auf die Arbeiterklassen bereits auf die„öffentliche Meinung" ausübt. Ameri- kanische Politiker haben kein Sozialistengesetz zur Verftigung, und so müssen sie mit den Arbeitern sich wenigstens„prinzipiell" auf guten Fuß stellen. Und die Praxis wird folgen, sobald die Slrbeitcr nur ernsthaft wollen. — In Prag hat am Sonntag, 3. Nov., eine große Arbeiter- Versammlung die Stellung der klassenbewußten s l a v i- s ch e n A r b e i t c r zu den bürgerlichen tschechischen Parteien zum Aus- druck gebracht. In klarer und deutlicher Weise, berichtet die„Arbeiter- Ztg.", wurden Alttschcchen nud Jnngtschechen charaklerisirt, insbesondere in einer Rede nnseres Genossen Stur c. Die„Wiener allg. Zeitung" macht diese Versammlung zum Gegenstand eines Artikels und konstatirt, daß gesagt wurde, die tschechischen Arbeiter würden sich der freisinnigen Partei in jedem Lager anschließen. Unter den„Freisinnigen" fühlt sich die Gute getroffen und bezieht das auf die„Deuiokratic", welche sie vertritt. Daran ist nun keine Rede. Wir können der„Demokratin" mittheilen, daß Genosse Sturc damit die Vereinigung der sozialistischen Arbeiter aller Nationen meinte. Damit entfälli auch die zarte Besorgniß, die Prager Slrbeitcr könnten für die Jung- tschechen Partei nehmen. Nein. die neuesten demokratischen Krönungs fanatiker haben bei den tschechischen Arbeitern ausgespielt. Die Erllä rung jener Versammlung hatte also nicht sowohl eine„allgemein menschliche inid österreichisch-patriotische Bedeutung", wie die„Wr. allg Ztg." wohlwollend wünscht, sondern sie hatte ganz einfach nur ei» ozialdcm akratische Bedeutung. Dies zur Aufklärung. — Am 18. November kommt in Elberfeld der grostc Ge- hci»ibundspr>,.,cs! zur öffentlichen Verhandlung. Nicht weniger als 88 Personen sind angeklagt, sich verschworen zu haben— den Staat mit(sje>valt umzustürzen? Den König und seine Familie zu ermorden? Das Parlament in die Luft zu sprengen? Nichts von «llcdem, nicht der kleinste Anschlag gegen den letzten Gensdarmen des preußischen Staats wird ihnen zur Last gelegt, das große Verbrechen, tvegcn dessen sie sich zu verantworten haben, ist— die angebliche Verbreitung verbotener Schriften, d. h. ein, durch das Ausnahmegesetz erst künstlich konstruirtes Vergehen. Und darum das Riesenaufgebol, die peinliche Untersuchung, und die Verschleuderung von Druckkosten 2c. Nun, wie auch der Prozeß enden möge, ans keinen Fall wird das Resultat ein für die Anhänger der bestehenden Staats- imd Ejescllschaftsordnung erfreuliches sein. Denn- er wird zwar keine sozialdemokratische„Vcr- schwörung" aber etivas anderes enthüllen: die Erbärmlichkeit des herrschenden Systems und seiner Träger. � Aus Frankreich wird uns geschrieben: Die ans Grund eines sozialistischenProgrammS und ohu� Konipromiß mit irgend einer bürgerlichen Partei erwählten Deputirlcn haben sich endgültig zu einer parlamentarischen Gruppe mit folgender Priuzipienerklärung vereinigt: S o z i a l i st i s ch e Gruppe. Unter diesem Titel haben sich die Unterzeichneten in der Kmnmer als Gruppe konstituirt, welche allen sozialistischen Erwählten offen steht, den verschiedenen bürgerlichen Parteien aber, sowie den Uebcrläuferu des revolutionären Sozialismus verschlossen ist. Die sozialistische Gruppe- welche entschlossen ist, gegen die opportunistische, monarchistische und zäsaristische Reaktion die Republik zu vertheidigen, die sie als unerläßlich hält für die Vefreiung der Arbeit, wird diese Befreiung in den einzig möglichen Bedingungen zu verwirklichen suchen, d. h. durch Abschaffung des kapitalistischen Regimes und durch die soziale Organisation der Produktion und Verthcilung aller Reichthiimer. In Bezug auf die sofort zu verloirklichenden Forderungen und zum Zwecke der Vorbereitung der neuen Gesellschaft wird sie sich zur Vor- kämpferin der Beschlüsse des internationalen sozialistischen Arbeiterkongreß von Paris machen, indem fic vom Parla- mcnt eine nationale und internationale Arbcitcrschutzgcsetzgebung(Sstün- digen Normalarbeitstag, Lohnminimuni?c.) fordern, und indem sie zum Zweck der Sicherung des Friedens zwischen den Völkern für die Volks- bcwaffnung an Stelle der stehenden Heere eintritt, welche die Länder zw Grunde richten, die öffentlichen Freiheiten gefährden und sich als ungenügend für die nationale Sicherheit zeigen." Das vorstehende Programm ist unterzeichnet von Thivricr, Ban- din. Lacht zc, Eooturier, Eluseret, Fcrroul. Antide Boyer hat erklärt, der Gnippc beizutreten, da er aber zur Zeit noch von Paris abwesend ist, so fehlt momentan seine Unterschrift. Die Gruppe wird in der ftammcr durchaus geschlossen und in lieber- dustininliing mit den kollektivistischen und blangnistischen Organisationen vorgehen(selbstverständlich die zu Boulanger übergelaufenen Blanqnisteu ausgenommen. Red.) Kollektivisten und Blanqnisteu haben beschlossen, daß die zu befolgende Taktik»ud Agitation das Werk gemeinsamer Verständi- gimg sein solle. Beide Organisationen werden von nun an durchaus tand in Hand niarfchiren. Das Zusammenwirken soll seineu äußerlichen usdrnck finden in einem Kongreß, der jedes Jahr gemeinschaftlich von Kollektivisten und Blanqnisteu organisirt Wird. Der von der kollektivistischen Arbeiterpartei und dem blanquistischen revolutionären Zentralkomite gefaßte Beschluß bedeutet, wenn auch nicht der Form, io doch dem Wesen nach eine Vereinigung der genannten Fraktionen des sozialistischen Heeres. Diese Einigung war in Bezug ans die von der parlamentarische Gruppe anszuiibcndc Aktion und die Agitation unter der Masse eine Nothlvendig- keit. Wir begrüßen in ihr den ersten thatsächlichen Schritt zur Bildung einer großen einheitlichen sozialistischen Arbeiterpartei in Frankreich. — Aus Norwegen. Das Land der ehemaligen Wikinger— fetzt gibt es beinahe nur noch hohläugige Proletarier und fettleibige Bourgeois— hat in der letzten Zeit eine moderne Physiognomie an- genommen: Klassenkämpfe toben, Klassenkämpfe hartnäckigsten(sharak- lers. Sie lassen sich in zwei deutlich von einander unterschiedenen Gruppen eintheilen, und für beide haben lvir hier oben Beispiele. In die eine Gruppe gehören diejenigen Streiks, welche den Ausständigen hie nicht eben schlechte Lage verbessern sollen, in die andre diejenigen, wo die«treikcn'oen sagen: Nein, tiefer darf es nicht gehen; das muß ein Ende neymen l Ein Streik der ersten Art war der«trcik der zsctzer in Ehrlstumia. Der Streitpunkt war die Lehrlingsfrage. Unsrc Jünger Gutenbergs sind keine guten Volkswirthfchaftlcr. Sie verlaugten deshalb(? Red.l, daß nur eine beschränkte Anzahl Lehrlinge ans eine gewisse Anzahl Gehilfen kommen solle. Von der Tendenz der heutigen Prodnktions- weise, billige Arbeitskraft, geschehe dies auch zmn Schaden des Produktes, zu benutzen, haben sie keine Ahnung. Wanim nicht? Weil sie meine», Nationalökonomie sc! Sozialismus und Sozialismus der so- fortigc Unisiurz der heutigen Produktionsweise. Darum alles Andre, nur keine nationalökonomischen Frage». Beispiele für die andere Gruppe sind die Arbestscinstellnug der Schuh- machcr in Bergen, der,' Arbeiter in den Schneidemühlcu in Frcdriks- hald, und in neuester Zeit dje der Streichholzpackerinncit in den Fa- brikcn von Brhn und Grönvold bei Ehristianiar Diese Art Streits werden oft gewonnen. Das Publikum sympathffirt mit den Ansstä»- digen, sobald es hört, unter welchen elenden Vcrhältnffsen dieselben zu arbeiten haben, lieber die Hage der norwegischen Arbeiter erfährt mau meist nur gelegentlich solcher Streiks Näheres, da die sozialistische Ar- beitcrpressc noch sehr schwach und tvenig verbreitet ist. Ter Packerinnen- Streik brachte z. B. die Thatsache an's Licht, daß die armen wcib- licheu Wesen in Grönvolds Fabrik von Früh 0 Uhr bis Abends 6'/- arbeiten mußten. Sic erhalten für das Packen von 144 Schachteln Psg. Aber wenn sie des Morgens nach b'/i Uhr auf Arbeit kom- men, so erhalten sie für a l l e i m L a il f c der betreffenden Woche gepackten Schachteln nur b'/l- Psg. per Groß. Toller noch. geht es in Bruns Fabrik zu. Dort arbeitet man in phosphorfchwan- gercn Räumen von.Früh C, bis Abends halb 8 und erhält nnr b'/z Pfg. für 144 Schachteln. Daher kommt es, daß die meisten Packertnneu nur 5'/- NU. pro Woche oerdienen. Manche bringen es sogar nur bis 2'/,— 3 Mark. Da mit einem Male warfen die Slrbeitcrinnen den ganzen Schwindel hin. Nein, das geht ans diese Weise nicht länger, erklärten sie. Ohne eine Organisation zu besitzen, stellten sie, fünfhundert an der Zahl, die Arbeit ein. Was thu»? Sobald die Genossen von diesem Streik hörten, machten sie es sich zur ersten Aufgabe, die Ansständischen zu organisiren. Wie John Burns in London, so hat C. Jcppescn in Ehristiania eine fieberhafte Thätigkcit entwickelt, um den Streikenden die Sympathie des Publikunls zuzuführen. In laugen Zügen führte er sie durch die belebteste Straße der Hauptstadt und hielr von dem Sockel des Denknials Henrik Wergclands, Norwegens Freiheitsdichter aus den vierziger Jahren, herab Ansprachen. Leider übertönte die ge- rade aufziehende Wache mit ihrem Pauken- und Trontpetenschall seine Stimme. Nun galt es, Unterstützung herbei zu schaffe». Große öffentliche Versammlungen zu Gunsten der Packcrinnen wurden abgehalten. Eine von diesen war speziell von Interesse und zwar aus zwei Gründen. Erstens führte Dr. O. Nissen während seiner Rede drei Mädchen vor, welche streikten. Das eine war erst vor einiger Zeit in die Fabrik ein- getreten und noch frisch und gesund. Das andere hatte ein Zeit lang schon dort gearbeitet. E« war von der Phosphorlrankheit, welche die Kinnladen zerfrißt und die Zähne herausfallen macht, bereits angegriffen. Das dritte war von der Phosphorlrankheit schon zminirt und hatte operirt werden müssen. Die Wirkung dieses Anblicks war fürchterlich. Die Frauen im Zuschauerräume schluchzten. Selbst wettergebräuntcu Männern füllten sich die Singen mit Thränen. Viele konnten den An- blick nicht ertragen und verließen den Saal.„Dies Mal," meinte Dr. Nissen,„müssen die Streikenden gewinnen, denn dies Mal stehe» Männer hinter denselben: Jcppcsen, welcher den Streik in seine Hand genommen, ihn geführt und organisirt hat, ihm schulden wir alle Dank und Anerkennung. Darauf betrat Björnstjerne Björnson die Tribüne. Selbstredend wurde er mit langandanerndem Beifall empfangen. Bei Björnson sieht I man ja nicht auf den Charakter, sondern auf den Namen. Ist man bis jetzt noch nicht völlig klar über seine Stellung zur modernen Arbeiterbewegung und zum Sozialismus geworden, so hat er uns jetzt klaren Wein eingeschenkt. Unverbesserlicher Idealist, der er ist*), meinte er, ein Streik könne durch Appell an die christliche Demuth der Kapitalisten zum Vortheil der Arbeiter gestaltet werden. Ferner sagte er, nian solle die Nähterinnen zun: Streiken bringen, sie in Fachvereine organisiren! Als ob das so leicht ginge! Und dann: er pflege sich Sozialist zu nennen. Er betrachte es nämlich als das Evangelium der Jetztzeit, den Armen zu ihrem Recht zu verhelfen. Um Zukunftsträuniereien kümniere er sich nicht(!), wenn es nur vor- wärts gehe, das sei für ihn die Hauptsache. Er sei ein Sozialist, wie Gambetta einer gewesen sei. Einen Sozialis- mus in der gewöhnlichen Bezeichnung gäbe es nicht. Der sozialistische Staat(!?) komme vielmehr, nachdem die eine soziale Frage nach der andern gelöst sei. Also ein Sozialist vom Schlage Gambettas. Das genügt. Und dann der sozialistische Staat! Der Mann har weder die Geschichte der Sozialdemokratie noch die Theorie des Sozialismus studiert. Für Possibilisten mögen Björnsons Worte:„Ich betrachte mich als Partei- genösse", einen eigenen Reiz haben. Die zielbewußte Arbeiterbewegung aber muß sich für seine Parteigenossenschast bestens bedanken. Und wenn er ersucht worden ist, eine Siede z» halten, wodurch er wieder Wind in die Segel bekam, dann geschah das nur aus Uttlitäts- r ü ck s i ch t e n. Man wußte, daß er„eine Zugkraft ersten Ranges" ist, und darum ließ man ihn reden. Ist der Streik vorbei und ge- wonuen, wird man Björnson Björnson sein lassen. Darüber sind wir uns einig. Rufus Norweg. — Ueber einen erneuten Versuch der amerikanischen Farmer' die Kooperation auf großartigster Basis durchzuführen lesen wir im„Philadelph. Tageblatt": „Der Fortschritt des Gedankens der sozialen Kooperation unter den amerikanischen Farmern ist in neuerer Zeit bcmcrkenswerth. Zwar zur Bekämpfung des Zwischenhandels sind sie seit langer Zeit zusammen- gestanden und auch kooperative Butterfabriken, Käsereien zc. hatten sie vielfach gegründet. Nun aber gehen sie weiter. Den Baumwollen- Pflanzern des Südens scheint es wirklich gelungen zu sein, den Jute- Trust zu ruinircn. Dieser nahm ihnen bekanntlich voriges Jähr gehörig. Geld— man schätzt den Betrag auf L Millionen Dollars— durch seine Preistreiberei ab. Die Pflanzer haben nun bereits eine Anzahl Fabriken für Packleinwand aus Baumwolle hergestellt und sich von dem Trust unabhängig gemacht. Viel wichtiger aber ist die„Föderation der Weizenbaucrn" des des Westens. Als vor einigen Jahre» die Idee eines Weizentrusts der Bauern zuerst ausgestellt lvurde, begegnete sie einem»ngtücklichen Lächeln. Daß hmiderttausende von Farmern unter einen Hut zu brin- ge» sein sollten, erschien ganz undenkbar. Allein die Farmer ließen sich nicht abschrecken und sind heute dem Trust um ein gutes Stück Weg näher gckonnnen. Wie schon berichtet, hat in den letzten Tagen wieder eine Konvention- der Farmer iu St. Loucs stattgefunden, bei welcher die Bildung des Trusts förmlich beschlossen wurde. Eine Korporation mit einem Kapital- von z w a n z i g M i l l i o n e n D o l l a r s, deren Antheilscheine sich nur iu de» Händen der Farmer befinde» sollen, wird, wenn der Plan wirklich gelingt, den ganzen Vertrieb, zunächst des Weizens, und dann auch anderer Ackerbauprodukle, in die Hände nehme». Bei dieser Konvention behauptete der Vorsitzende Allen, daß der Farmer mit einem Defizit arbeile und unvermeidlich der Verschuldung! und dem Ruin entgegengehe, wenn keine Aendernug geschaffen werde. Das soll nun in ziveffacher Hinsicht geschehen. Vermittelst der erwähn-, ten Korporation soll der ganze Zwischenhandel beseitigt werden. Sir baut Lagerhäuser und Elevatoren, stellt Agenten in den vetschtedeneir Tistrstren an, welche die Frucht von den Farmern übernehmern, die' Zentral lettung der Gesellschaft verhandelt direkt mit den Müllern und Exporteuren, sofern nicht in Europa selbst Agenten derselben gehalten werden, was auch in Aussicht genoniinen ist. So lvürden im Mississippi-- Thal für Lagergebühren und Kommission 13 Millionen Dollars erspart werden. Das ist aber nicht alles. Auch die Preise sollen in die Höhe gc- trieben werden. Ilm das fertig zu bringen, müßten die Bmiern den Markt, beim Weizen sogar den Weltmarkt beherrschen können. Den» der Preis des Weizens wird auf dem Zentralmarkt in Liverpool bc- stimmt. . Wie kann der Farmer nun den Markt kontroliren? Dadurch, daß er seinen Weizen zurückhält, bis dcr Bedarf gezwnngen ist, höhere Preise zu zahlen? Stein, sagt Herr Allen, das kaiin der Farmer nicht. Er ist gezwungen, den Ertrag seiner Felder zu Gelde zu machen und zwar so bald als möglich. Aber er kann von seiner Ernte soviel zurück- behalten, ivie der llebcrschuß im Markte misinacht. Ein Zwölftel des in diesem Lande geballte» Weizens reicht dazu hin. Wenn ein Farmer ('.00 Bushcl Weizen erntet, kann er S00 verkamen, und die übrigen 50 zurückbehalte», die mit dem in gleicher Weise zilrückbehalteneu Zwölftel dcr gesanmiten Ernte, eine genügende Menge repräscntircii, um' den Preis im Weltmarkt zu beeinflussen. Europa verbraucht den llcbcrschuß der Weizenproduktion aller Welt. Seine Ernten bleiben um 230.000,000 Bnshel hinter dem Bedarf zurück Davon liefern ihm die Vereinigten Staaten 60 Millionen oder etwa. 25 Prozents in diesem Jahre, infolge des Ausfalls in Stußland und Indien, etwa 120 Millionen. Diese sechzig oder hundertlindzwanzig Millionen sind dcr Uebcrschnß des Ertrages unserer Felder. Wenn nun, anstatt dcnselbcn sofort auf den Markt zu werfen, der durch Be- richte über imithmaßliche» Ertrag der Ernte von Ipekiilmiten MaNipn- lirt wird, die Fedcration der Farmer, durch ihren Statistiker unter- richtet, im Stande ist, geiian zu bestimmen, wie viel Ucbcrschnß vor- Händen ist, und Ihren Btitgliedern den Rath gibt, diesen znrückzllhalten, so kann sie den Markt beherrschen lind dcr Getreidebörse in Liverpool zu wissen thuü, daß der Ilcberschuß nicht eher in den Ntnrkt kommen wird, als bis dafür ein Preis bezahlt wird. der die SlnSfnhr lohnt. Und damit wäre das Mittel gegeben, die Gctrcidepreisc auch für den ein- heimischen Markt aller produzirenden Länder in die Höhe zn bringen. Das ist, wie man sieht, ein großartiger Plan, mit dessen Verwirk- lichiing es aber sehr hapern wird. Ginge es an, daß man die Pro- dnktUm in dem anarchistischen Zustand beläßt, wie er jetzt ist, daß jeder einzelne Unternehmer so viel erzeugt, als ihm beliebt nnd daß dabei doch ein beliebiger Preis für daS Produkt festgesetzt und aufrecht er- halten werden könnte, dann wäre die kapitalischc Welt von einem gc- wältigen Alpdruck erlöst. Aber es geht eben nicht. Ter Werth des Weizens wird, wie der jeder anderen Waare, bestimmt durch die durchschnittlichen Herstellnngs- kosten. Er kann ans die Dauer nicht unter dieselben sinkeii, sonst würde dcr Anbau eingestellt werden nnd bleiben, bis die Nachfrage den Preis Über die Selbstkosten des Bauern treibt und ihm einen Profit läßt. Keine Kombination kann stark genug sein, um dieses Gesetz umzustoßen. Nun aber herrscht auch ans diesem Gebiet zum Theil die Großprodnk- tion. Ans den Bonanza-Farmen im Nordwesten und in Kalifornien bezahlt sich dcr Weizenbau ganz vorttcfflich zu Preisen, welche den kleinen Farmer nicht bestehen lassen. Tie Bortheile der Großproduktion sind da gerade so vorhanden wie in einem andern Industriezweige. Hat sie aber einen gewissen Umfang angcnonimeii, so wird der Werth des Produktes dnrch die bei ihr vorhandenen Kosten bestimmt. Das ist das Unglück dcr Kleinfarmcr. Ihre Kooperation auf dem Gebiet dcr Distribution kann dagegen nichts ausrichten; sie muß sich auch erstrecken auf das dcr Produktion. Und so weit ist ihr Korporationsgeist noch nicht vorgeschritten. Ob es auch dazu kommen wird, bleibt abzn- wartin. *) Das zeigt auch sein soeben herausgekommener Roman:„Auf Gottes Wegen", welcher mit den Worten schließt:„Wo brave Menschen gehen, da sind Gottes Wege."— Sozialiftische Presse und Literatur. Unter dem Titel„Der V o l k s a n w a l t" geben die Anhänger der alten Exekutive der„Sozialistischen Arbeiter-Partci" in Amerika ein neues Wochenblatt heraus, von dem uns die erste Nummer vorliegt. Wie sehr leicht begreiflich, spiegelt sich in ihr, wie in de» ! Publikationen der anderen Richtung, noch die Erregung ab, die der Konflikt in den Gemüthern erzeugt, wir wollen daher erst weitere Nummern abwarten, che wir ein Urtheil über das Blatt fällen. Da- gegen sehen wir uns zu einer persönlichen Bemerkung veranlaßt. In einer Notiz, die von der Stellungnahme des„Sozialdemokrat" zu den Streitigkeiten handelt, wird gesagt, dieselbe erkläre u. A. sich dadurch, daß der Chef-Redakteur der„Neiv Dorker Volksztg."(Äl. Jonas) in London weile, und sicher nicht verfehlt haben werde, die Redaktton des „Sozialdemokrat" in seinem Sinne zu beeinflussen. Daraus haben wir zu erwidern, daß erstens der genannte Genosse zwar uns seine Ankunft hier angekündigt hat, aber noch nicht eingetroffen ist, sondern noch ans dem Festlande weilt, daß derselbe zweitens in seiner Zuschritt an uns der New-Uorker Wirren auch nicht mit einer Silbe erwähnt hat, und drittens, daß, wenn er das mündlich oder schriftlich gethan hätte, wir ihn ebenso gut, wie seiner Zeit Gen. Busse, angehört, seine Briefe ebenso wie die des Gen. Rosenberg hierher, gelesen hätten, daß aber unser Urtheil durch ihn ebenso wenig wie durch diese altcrirt worden wäre. Denn dasselbe gründet sich weder auf persönliche In- formationen noch gar auf persönliche Sympathien oder Antipathien— wir wissen zu gut, daß es bei solchen Streitigkeiten meist tu beiden Lagern ehrliche, aufopfernde Genossen, aber mich ebenso Freunde des Krakchls k. gibt, und verspüren nicht die mindeste Neigung, uns für Personen zu engagircn. Wir haben uns vielmehr auf Grund genauer Verfolgung der Parteiblätter drüben unser Urtheil gebildet,« und Alles, was uns seitdem zu Ohren oder zu Gesicht gekomnien, hat dasselbe nur zn bestätigen vermocht. Es wäre thöricht, abstreiten zu wollen, daß persönliche Gegensätze nnd Rivalitäten bei dein Konflikt eine Rolle gespielt, aber sie erhielten doch erst eine Bedeutung nnd be- schäftigtcn die weiteren Parteikretse�dadurch, daß sie init grundsätzlichen Mciliungsverschiedcnheitcn zusammentrafen. Wir würden sagen, t a k-! tische Mciniingsvcrschiedenheiten, weil verschiedene Genossen, daninter der New-Porter Korrespondent des„Berliner Volksblatt", großen Werth darauf legen, daß die allgemeinen Parteigrundsätze hüben wie drüben die gleichen seien, indeß ist doch nicht z» leilgiien, daß den Differenzen über die Taktik sehr wesemliche Mrinungsverschiedenheilen über das Wesen der Partei, ihre Stellung zu den ander» Parteien?c. zu Grunde liegen. Darauf legen wenigstens wir das Hanptgewicht und dieser Gesichtspunkt bestimmt unsere Stellungnahme. Wir halten es weder fiir unserer Sache würdig, noch sonst für richtig, alle Konflikte mis persönliche Motive zurückzuführen. Damit verbessert man nichts, noch fördert inan die sachliche Auseinandersetzung. Briefkasten der Expedition:=: Meisenlockcr; Fr. 15. 75 Ab. 4. Qu. erh. Bestelltes durch Zwischenhand verspätet.— D. Verein Gens: Fr. 5-4:— Ab. 3. Qu. erh.— W. A'fhrn. Zrch.: Fr. 5.— a Cto. erh.— Dr. Sch. Flntrn.: Fr. 2. 25 Ab. 4. Qu. erh.— I. W. Brn.: Fr. 6. 60 Ab. 3. u. 4. Qu. erh.= Rothcr Kämpfer: Mk. 5.— a Cto. Ab. vom 12. Okt. sind am 7. November angelangt. Brief ohne Orts- und mit verhauener Straßen- angabe kam über N c w- D v r k hierher. Sic werden gut thun, dieses System, Ihre Fünf-Mark-Scheine aus Deutschland zu verseuden, kiliiftighin etwas zu verbessern.— Der alle Rothe: Mk. 55.— a Cto. Ab. 2C. baar u. Mk. 17.50 per Ggcchug. erh.— W. Lgr. Chicago: Bstllg. v. 28/10 folgt. Dkschft- kl. folgt, sobald versandtfertig. Neues, außer im eigenen Verlag, liesern wir nur auf feste Bestellung. — Rothes Fenster: Nachr. v. 5/11 erh. it. inhaltlich uotifizirt. H. wird besorgt. Bfl. Näheres.— Carl Schwärz: Aufschluß betr. E. kreuzte mit Mahnung in 45. Dank. Mk. 13. 09 per Verlege bringen auf altes Conto gut u. notiren Bestelltes. Zugesagtes erwarten nach Angabe. Aufstllg. bfl.— O. 5.: Wir haben Sic sehr wohl ver- standen. Sie erhalten aber Gewünschtes per W. sicherer, prompter u. ebenso billig als dir. Bfl. wiederholt Näheres.— W. Hffm. London: Jh. 1. 3 f. Schft. crh.— Simpkiu u. Co. i. Hier: Sh. 1. 1 f. Schft. erh.— Pierrot: Mk. 4.70 f. Schft. erh. u. Ad. geordn. Rückständiges soll stiindl. eintreffe».— Hlg. Josef: P. K. v. 8/11 erh. u. Adr. ge- ordnet. T a s u u d d a s ist„verloren"? Das ist kurz gesagt. Warum schweigen Sie über das Wie?— M. M.: Anfrage v. 10/11 kreuzte mit Outtg. in Nr. 45.—.Philo: Bs. v. 8/11 erh. u. Beilage bqsorgt. Fr. 8. 05 folgen abzl. Porto am 12 11 zurück. Weiteres nach Wunsch uotirt.— Rother Geldsack: Mk. 25.70 Zhl. Sch. a Cto. gutgebr. u. Bstllg. uotirt. Referenz erfordert stets genaue Angabc der Personalien. In der alten Liste steht er nicht. Bfl. mehr.— Meßdiener: Bf. v. 0/11 crh. u. Bestllg. uotirt. Erfragtes wird stündlich kommen. Bf. folgt.— Pastor Müller: Kommt Alles, ebenso Neubestellung v. 8/11 u. Stota.— Claudius: Ad. lt. Vorlage v. 3/11 u. Bstllg. uotirt.— Lorlcy: Nachr. v. 0. am ll/11 crh. n. Bstllg. uotirt. Ad. vorgemerkt. Abermalig- Verzögerung sehr unangewchm. Bfl. Weiteres.— Clara: Bstllg. lt. Vorlage v. 0.11 uotirt. Bfl. Weiteres.— Lyonel: Bs. v. 0/1 l crh. u. Ad. geordn.— Veilchenstein: Ad. geord. u. Bstllg. uotirt. Bfl. Genaueres über die wirklichen Besteller.— Rother Peter: Mk. 55.20 a Cto. Ab. K. erh. Erfragtes unerklärlich.— H. P. Florence: 55 Cts. für Porto crh.— Sauerländer: Mk. 23. 40 a Cto. Ab. 2C. erh. Adr. und Bestllg. notirt. Lei vorgesäilagenem Preis ab- solut unmöglich.— Raimund: Pfd. 6. 10. 10 in Baar u. öwfl. 20.— per Zhl. Nd. erh. u. Weiteres lt. Bf. v. 7/11 beackstet u. geordn. Kr. längst gesperrt. Jetzige Ad. desselben wäre uns lieb. Bfl. mehr.— Dante: Ad. u. Bstllg. lt. Vorlage v. 7/11 uotirt. Bfl. Weiteres. Virlus: Nachr. v. 10/11 crh.— Herbert: Nachr. V. 11/11 crh. Wie stehts mit dem Weiteren?.— Johann: Mk. 2000.— a Cto. Ab. zc. erhalte». Ebenso Bstllg. v. 13/11. Nach Eingang des weit. Avis. bfl. mehr.— Nonmnns D.: Bstllg. v. 11/11 folgt baldmöglichst. Das Räthsel hätte Ihre große Nachbarschaft spielend lösen können. Wenn,— ja wenn Sie es nicht seit 4/11 so räthsclhaft verschwiegen hätte».— Giordauo Bruno: Diese Verwechslung ist uns unbegreiflich. Bstllg. folgt. Dschft. soweit möglich. Ltym. erbeten.'— XanthiaS: Bf. v. 6 11 u. sibd crh. u. ersteren n. Wunsch am 7/11 beantwortet. Da nichts Näheres bestimmt, haben nur bfl. quiltirt.- Alter Fritz: Das ist ja eine wahre Näubergeschichte. Adr. ordnen wir. Bestellung unsrer Sache» folgt. Mit den anderen Fein-Schmockereien ist's zweifelhaft. Soeben ist erschienen: Sozialdemokratische Vibliothek Heft XXVI.: Die wahre Geftalt des Christenthums. Von I v c s G» y o t und S. L a c r o i x. Ucbersetzt von einem deutschen Sozialisten. Preis: 50 Psg.— 65 Cts. *** Ferner Heft XXVII. Assifen-Weöe zu Düffetöorf gegen die Anklage: vie Lürger zur Stwaffuung gegen die königliche Geuialt ansgereiit >n haben. Von Ferdinand Lassallc. Preis: 35 Pfennige— 40 Centimes. Wir empfehle» diese seit Jahren schon vergriffenen Broschüren unseren Genossen auf's'Angelegentlichste. E. Scrukei«& Co. 114 Kentish Town Road, London, N. W.(England.) Kommunistischer Arbeiter VildungS-Vercin 40 Tottenham-Strecl. Samstag den 16. November, Abends Punkt 0 Uhr, Bortrag von Bürger E. Bernstein über Die Lehren der Chicagoer Ereignisse für die Arbeiterklasse» Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht Das Komite. erlvteS tor n». propri«u>r» by»h. 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