Aöottnemeuts beim BttToj und btljftt rgeiw t»l»nnl«n St J e n t« n entgkgtN- ttnommtn, und jnat zum vor« u» t a hl bar«» Bietttljahtlpcell Von: Uli.«,40 für Deulslbland(dictlt � pir Sricf-ttounttt) l>»(l. 2,75 für Ceftimi« ftitett per Btitf-Soudttt) Ctil. 2,— sllr nllt übrigen Länder de» LIeltpostvcriin»(Areuzdand). I-serltt die dreigespaltene Petitzeile » Pence-=- 25 Pfg.--- 30 Et5. Der Sotinlöciuokra ber So�icilbcutofitoüc bculfdjct Sunge. Erscheint wöchentlich einmal in London. Acrtag der (Zerwau(üooperativepublisdiax Co, E. Bernstein& Co., London N. W. 114 Kentigh Town Eoad. Poßsrudiiiige« sranlo gegen sranl». Gewöhnliche Briese «ach England lösten Doppelport». 'JK 49. Btleft an die Redaktion und Elpedition de» in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sojiolietnoltal* wolle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lasten. Zn der Regel schick- man un» die Brief- nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadresten. Zn zwelselhasten Fällen eingeschrieben. 7. Dezember 1889. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemahregelten nicht! Deutsches und englisches Unternehmerthuu«. I. ' In unserer vorletzten Nummer stellten wir einen Vergleich an zwischen der deutschen und der englischen Bourgeoisie in ihrer Stellungnahme zur Arbeiterbewegung. Wir zeigten, daß alle Vorwürse, welche die deutsche Bourgeoisie gegen die deutsche Arbeiterbewegung im Gegensatz zu der Arbeiter- bewegung anderer Länder erhebt, auf sie selbst zurückfallen, daß sie es sich selbst, ihrer eigenen Erbärmlichkeit, zuzu- schreiben hat, wenn die Arbeiterbewegung— namentlich die politische— in Deutschland zu einer Stärke und inneren Festigkeit gediehen ist wie in keinem anderen Lande: daß wenn die deutsche Sozialdemokratie eine Position nach der andern erobert, dies zum großen Theil die Schuld oder besier das— freilich negative— Verdienst des deutschen Bürgerthums ist. Zufällig um dieselbe Zeit, da unser Artikel die Presse ver- ließ, hat ein deutsches Arbeiterblatt, das Berliner„Volks- blatt", ein Schriftstück an das Licht der Oeffentlichkeit ge- zogen, das ein geradezu klassischer Zeuge ist für die Nichtig- keit unserer Darlegungen. Von unbekannter Hand waren dem genannten Blatt die Berichte zugegangen, welche die— Leser schöpf' Athem— vom„Verein zur Wahrung der gemein- samen wirthschaftlichen Interessen von Rheinland und West- salen" in Düsseldorf und dem„Verein zur Wahrung der witthschaftlichen Interessen von Handel und Gewerbe" in Verlin zum Studium der englischen Arbeiterverhältnisse nach England entsandte Kommission an ihre Mandatgeber gerichtet hatte; und in dem richtigen Gefühl, daß solche Berichte nicht nur vor eine» engen Kreis— fast Hätten wir gesagt,„ge- Heime Verbindung"— einseitiger Interessenten, sondern vor das Forum Aller gehören, die an der Gestaltung der Ar- beiterverhältnisse direkt oder indirekt interesfirt sind, hatte die Redaktion des Berliner„Volksblatt" sofort, nachdem sie sich von der Echtheit der Berichte überzeugt, sie alsbald zum Abdruck gebracht. Welcher Grund hätte sie auch davon ab- halten sollen? Irgend welche Gefahr für die Verfasser oder Veranlasser der Berichte war mit der Verössentlichung nicht verbunden, im Uebrigen konnte es ihnen aber nur Recht sein, wenn Dritte den Schritt tharen, von dem sie selbst angeil- scheinlich nur ihre— freilich falsche— Bescheidenheit abgehalten hatte. Da Wahrheit und Offenheit die Rational- Tugend der Deutschen sind, so wäre es eine Beleidigung, anzunehmen, andere Gründe, etwa gar die S ch e u, ihre wirklichen Gedanken dem Publikum zu offen- baren, hätten die Herren veranlaßt, die Berichte nur als Zirkular zu drucken und an die engeren Genossen zu ver- senden. Daß es Bescheidenheit, iiichts als Bescheidenheit mar, zeigt erstens die große Entrüstung, die sie über die„Jndis- kretion" des Berliner„Volksblätts" an den Tag gelegt— wäre es Furcht gewesen, so hätten sie sich nach einem alten Sprichwort sicherlich sehr kühl verhalten und nicht den Ab- druck des vierten Briefes durch die P o l i z e i inhibirt und zweitens die Drohung, dreitausend Mark E n t s ch ä- digung für die ihnen zugefügte Unbill zu verlange». So etwas bringt nur verletzte Bescheidenheit fertig, während ihre Wahrheitsliebe es den Herren verbot, zu erklären, die im„Volksblatt" veröffentlichten Berichte seien unecht. Danken wir ihrer Bescheidenheit, und sehen wir unü nun die Berichte näher an. Die Kommission setzte sich aus den Herren Möller, Dr. Beniner und Bueck zusammen und ihnen hatte sich ein Herr W. Caron aus Rickershausen bei Barmen ange- schloffen. Sie trafen am 25. September in London ein. „Als Aufgabe", schreiben sie,„war uns gestellt: die Arbeiterverhältnisse i» England und, soweit als möglich, alles, was mit der Arbeiterfrage in Zusammenhang steht, ans eigener An- fchaunng kennen zn lernen, und immer i» Rücksicht ans die bczügliaien Zustände in Detttschland, uns ein eigenes Urtheil zu bilden. 'inr Erfüllung dieser Aufgabe haben wir es für erforderlich erachtet, soweit thunlich mit Arbeitgebern aus den verschiedenen großen Inda- strie» namentlich mit solchen, die eine leitende Stolle in der Arbeiter- bewegung gespielt haben, ebenso aber auch mit den Führern der Arbeiter Fühlung zu gewinnen." An Empfehlungen fehlte es ihnen natürlich nicht. Unter anderen waren sie vom Auswärtigen Amt in Berlin an die Deutsche Botschaft und das Deutsche Generalkonsulat in London empfohlen morden. Nattir- lich würde das Auswärtige Amt, das als Organ der Re- gierimg„über den Parteien" steht, genau wie dieserF a- b r i k a n t e ii deputation auch einer Arbeiter deputativn, die zu gleichem Zweck nach England ginge, diese Empfehlungen gegeben haben. ES käme nur auf einen Versuch an, dies über allen Zweifel festzustellen. Und die deutschen Arbeiter- Haben gewiß alles Znteresse, sich über die Verhältnisse ihrer englischen Kameraden zu orientiren. Interessant ist es nun zunächst, von den Herren zu ver nehmen daß sie„wahrgenommen" haben, mit welcher außerordentlichen Sorgfalt und wie eingehend jene Be- wegmig von dem deutschen tteneralkoniulat verfolgt und das betreffende Material gesammelt und zu Berichten verarbeitet wird. Wir glauben aus dieser Wahrnehmung schließen zu dürfe», daß dieser Bewegung auch von der deutschen Regierung das lebhafteste Interesse zugewendet lvird.V In welcher Weise dies geschieht, dafür folgt gleich darauf ein charakteristisches Beispiel. Die Herren setzen sich gleich in London nnt englischen Unter- nehmern in Verbindung und fragen sie nun folgendermaßen aus „Erstens, ob die bisherige Wirksamkeit der Trades-Unions und das ganze Verhältniß, welches sich zwischen Arbeitgebern und Ar- beitern infolge jener Wirksamkeit heransgebildet hat, als ein für die Industrie förderliches und befriedigendes betrachtet werden kann. Zwei- tens, ob Anzeichen vorhanden sind, bezw. ob die Besürchtung gehegt wird, daß durch das Eindringen sozialdemokratischer Ideen und Bestreb n ngen, namentlich durch die Organisation der bisher unorganisirten Massen im sozialdemokratischen Sinne, auch ernste Gefahren für die englische Industrie, wie überhaupt für die wirthschaftlichen und sozialen Zustände Englands entstehen könnten." Zu ihrem großen Erstaunen erhalten sie statt der in Deutsch- land in dieser Hinsicht üblichen Jeremiade eine rein sachgemäße Auseinandersetzung: „Ohne irgend welches erkennbare Gefühl der Erregung gegen die Arbeiter wurde uns sodann geschildert, in welcher Weise die Vertreter der Arbeitgeber und Arbeiter in Schlichtung der anfkommcndcn Streit- fragen mit einander auf dem Fuße voller Gleichberechtigung verkehren und man schien mit deni Resultat vollkoinme» znfricdcn zu sein." „Unerwähnt darf hierbei jedoch nicht bleiben, daß Herr Martin meinte, sie seien bestrebt gewesen, sich die ganze Tradcs-llnions-Bewe- gnng so lange als möglich vom Halse zu halten; man habe aber in Sonth-Wales dem Vorgänge Nord-Englands auf diesem Gebiete folgen müssen, und er sei überzeugt, daß auch Dentschland ans die Dauer einer ähnlichen Bewegung nicht werde widerstehen rönnen." Grade zum Verzweifeln aber war, daß die Engländer gar kein Gefühl zu haben schienen für die sozialdemokra- tische Gefahr. „Das Wort Sozialdemokratie kennen sie überhaupt nicht, es ist Vieh mehr nur von Sozialisten die Rede von diesen wird aber angenommen, daß sie nur das Eingreifen des Staats in die wirthschaftlichen und sozialen Verhältnisse, sonst weiter nichts erstreben. Da ein solches Ein- greifen des Staats aber dem Eharakler der Engländer absolut zu- ivider sein würde, so sei die Gefahr ansgeschlossen, daß der Sozia- lisinus irgend welche beachtenswerthe Fortschritte- in England machen würde." In Bezug auf den letztern Punkt später. Bleiben wir bei der Thatsache, daß die betreffenden englischen Unternehmer, die doch die Verhältnisse in ihrem Lande einigermaßen kennen— denn es sind Leute, die eine gewisse Rolle bei den Konflikten zwischen Kapital und Arbeit zu spielen pflegen— zwar keine besondere Schwärmerei für die Gewerkschaftsbewegung empfinden das wäre ja auch ziemlich unnatür- lich— aber sich mit ihr, so gut es eben geht, abgesunden haben und für die Zukunft abzufinden gedenken, und durch- aus keinen Schlotter vor der sozialistischen Bewegung enipfin-' den. Da war man natürlich auf dem Deutschen Generalkon- sulat doch weit besser unterrichtet. „In dem deutschen General-Zlonsnlat war man, wohl gestützt ans die bessere Kenntniß der Sozialdemokratie und ihres Wesens, vollkommen anderer Ansicht. Dort nimmt man an, daßBurns ein ausgesprochener Sozialdemokrat in unserem Sinne sei. Sein Ziel, die bisher nnorga- nisirten Massen in einer Rational-Föderatio» of Labourer-Unions zu- sanunien zu fassen, wird eben als das Streben erkannt, eine rein sozial- demokratische Organisation zu schaffen. Das deutsche General-Konsulat erkennt hierin eine entschiedene Gefahr für die jetzigen Z u st ä n d e umsomchr, da auch von dieser Stell« die Hinneigung ein- zclner Trades-Unions, wie einer Minderheit unter den TradeS-llnions, überhaupt, zur Sozialdemokratie beobachtet worden ist." „Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Ja, so ein richtiger deutscher Beamter, der läßt die Dinge sich nicht erst ausreifen, der wittert die un mittelbare Gefahr schon in den Anfängen, der wägt Worte ab, Gedanken, Theorien. Wenn's nach dem deutschen Konsulat ginge, dann hätte auch England schon sein„Ausnahmegesetz gegen die gemeiiigefährlichen Be- strebungen der Sozialdemokraten". Das deutsche Konsulat hat ja auch zweifelsohne die besten— nennen wir es,„Ve- richterstatter." Fast genau ebenso wie die englischen Nnternehnier, welche die Herren in London trafen, äußerten sich auch alle übrigen, die sie in der Provinz aufsuchten. Man merkt dem Bericht ordentlich an, wie sehr sie es bedauerten, nirgends auf den so sehnsüchtig gesuchten Schlotter vor der Zukunft zu stoßen, sondern überall nur eine niehr oder minder nüchterne Be- urtheilung der Verhältnisse in der Gegenwart vorzufinde», sowie das Bestreben, durch nun einmal unvermeidlich gewordene Konzessionen möglichst gute Beziehungen mit den Ar- beitern herzustellen. Hören wir z. B., was ein Herr Hugh Bell, ein reicher Unternehmer in Btiddlesborough, von dem sie selbst sagen, daß er„lediglich vom Standpunkt des.Industriellen" seine Ansichten darlegte, den Herren erklärte. Der Genannte fand die gegenwärtigen Zustände durchaus nicht ideal schön, meinte aber, wie die Dinge einmal liegen, sei das bestehende Ver- h'ältniß noch das entsprechend richtigste und auch befriedigendste. Wörtlich heißt es im Bericht: „Von jeher haben sich die niederen Klassen, wenn immer sie zum Bewußtsein ihrer Macht gelangten, auch als die Stärkeren und Macht- volleren erwiesen. In England haben die Arbeitgeber die größere Macht der Arbeiter anerkannt mid sie dadurch zu zügeln verstanden, daß sie sich auf vollkommen gleichen Fuß mit ihnen gestellt und durch die Geltendmachnng von Vernimstgrüiiden den Arbeiter zur Ancrken- nung der gegenseitigen Jntereffen geführt haben. Diesen Weg bezeichnet Herr Hugh Bell mit äußerster Entschiedenheit als den einzigen, der nicht nur in England, sondern auch i» den andern Industrieländern, besonders in Deutschland eingeschlagen werden müsse, wenn man sich der Hoffnung hingeben wolle, zn besriedigenden Arbeitcrvcrhältnissen zn gelanzeu. Freilich sei viel S c l b st v e r l ä n g» u u g und a n- d a n e r n d e St a ch s i ch t und Duldsamkeit in dem Verkehr mit Arbeitern erforderlich; der Erfolg aber werde niemals ausbleiben, denn der Arbeiter entziehe sich der Einwirkung konsequent vorgetragener Veriinnstgründc nicht, auch werde er im Verkehr mit dem Arbeitgeber stets höflicher und umgänglicher, wenn dieser seine volle Gleichbcrcch- tigung auerkeime und ihn demgemäß behandle. Eine solche Entwicklung aber, wie sie die Arbeiterbewegung in Eng- land genommen, sei nnr denkbar, wenn sie lediglich ans sich selbst hervorgegangen sei. Jeder Eingriff von autoritativer Seite sei entschieden als verderblich zurückzuweisen, denn er mache den Arbeiter nur mißtrauisch und werde niemals Erfolge erzielen können." Das den Vertretern der Verbissensten unter den deutschen Kapitalprotzen! Wirklich, diese englischen Unternehmer ver- dienten, unter Kuratel gestellt zu werden. Aber die Herren sollten noch weit Schlimmeres zu hören bekommen. In Dar- lington trafen sie einen reichen Unternehmer, David Dale, der bei Lohisstreitigkeiten oft als Schiedsrichter gewirkt hatte. In seiner Gegenwart unterhielten sie sich mit einem Ge- werkschafts führer, Namens Trow, Sekretär des „Vereins der Eisen- und Stahlarbeiter von Großbritanien." Dieser Trow ist keineswegs ein Umstürzler, er drückte sich sehr schroff gegen die Sozialdemokratie aus und bezeichnete die jetzige Stellung der Arbeiter in England als im Ver- hältniß zu früher„höchst befriedigend", da die Streitigkeiten zwischen Unternehmern und Arbeitern mit wenigen Ausnahmen durch gütliche Uebereinkunft beigelegt werden. Im Bericht heißt es dann weiter: „Mr. David Dale, der dabei saß, pflichtete dieser Ansicht vollkommen bei, obgleich Mr. Trow, wir möchten sagen, fast mit zynischer Offenheit es als das, mit äußerster Konsequenz verfolgte, Hauptziel der Arbeiter- organisationen bezeichnete, mehr und mehr von d c m G e w i n n e der Arbeitgeber für die Arbeiter und für deren Wohlergehen zu erlangen. Dabei fehlte es aber nicht an Aeußernngen, aus denen hervorging, welche Achtung er Mr. David Dale zollte und wie er demselben zngcthan sei. Im übrigen hatten wir aber volle Gelegenheit, wahrzunehmen, daß diese beiden Männer ans dem Fuße gänzlicher Gleichberechtigung mit einander verkehrten." „Mit zynischer Offenheit"— dieses Wort ist wirklich die beste Eharakteriftik— nicht des Geistes der englischen Ge- werkschaftler, sondern des der deutschen Unternehmerwelt, wie er sich in den Köpfen ihrer Deputation wiederspiegelt. Den Herren imponirt, das ist offenbar, die Furchtlosigkeit, welche die englische Fabrikantenivelt gegenüber der Arbeiterbewegung an den Tag legt, halb bewundern sie, halb ärgern sie sich darüber, daß alle ihre Versuche, die Herren von der sozial- demokratischen Gefahr zu überzeugen, vergeblich bleiben. Da endlich findet sich ein Arbeiterführer, der es offen gesteht, daß die Arbeiterorganisationen den Unternehmerprofit, den hei- ligen, unantastbaren Mehrwerth, nach Kräften zn schmälern bestrebt sind, und der daneben sitzende Kapitalist springt nicht entsetzt auf und schreit:„Das ist ja der reine Umsturz! Po- lizei her! Staatsanwaltschaft her! Ein Ausnahmegesetz her!" Nein, er bleibt ruhig sitzen, als ob nichts geschehen wäre. Er findet das Bestreben der Arbeiter, ihren Antheil am Arbeitsertrag so hoch als möglich zu gestalten, nicht„zynisch", sondern nur natürlich. Selbst wenn er mit dem Arbeiter um Lohn und Arbeitszeit kämpft, sieht er in ihm nur seinen momentanen Gegner, nicht aber einen„Aufsässigen gegen die von Gott eingesetzte Ordnung". Alles genau das Gegentheil von dem, was die Mmidatgeber der Herren Bncck und Ge- nossen zu thun gewohnt sind, denen das Wort„zynisch" wahr- scheinlich noch zu milde gewesen sein wird. Aber schlechte Ge- sellschaft verdirbt gute Sitten. Sonst würden ja sicherlich die Herren Berichterstatter nicht blos den Beschluß der eng- lischen Bergarbeiter auf Einberufung eines internationalen Bergarbeiterkongresses, sondern auch die Ansichten der Fa- bri kanten Bell, Dale w. als„eine, wenn auch vielleicht unbewußte Hinneigung zur internätionalen Sozialdemokratie" bezeichnet haben. Jndeß— es ist noch nicht aller Tage Abend. Blutegel, Baiupyr und Kompagnie. Wir haben in voriger Nummer bereits des infamen Treibens der g a l t z i s ch e n A u s>v a n d e r u n g s a g e n t e n gedacht, die äugen- blicklich in Oswiecim vor Gericht stehen, sowie ihrer Dciiischen Auf- traggcher, die als hochachtbare Kanfleiite frei herumlaufen, und wollen heute unseril Lesern ein Bild geben, wie diese Vampyre ihr schändliches Gewerbe betrieben haben, das zugleich ein interessanter Beitrag ist zu dem Thema, wie Kapitalien„nur durch Sparen" entstehen. Folgeudes sind Auszüge aus einem Schriftstück, das uns seinerzeit von wohlunterrichteter Seite über die ganze„Schieberei und Treiberei" zuging: „... Ilm einestheils die Auswanderung ans jenen Distrikten�) nach Möglichkeit zu fördern und anderntheils die Verordnung der preußi- scheu Regierung, daß jeder Auswanderer ans den östlichen Provinzen, Polen, Galizicn-c. mindestens im Besitz einer Summe von üoO fl. sein muß, zu umgehen und unwirksam zu machen, hatte der„Nord- deutsche Lloyd" in Bremen und die„Hamburg- Amerikanische Packet- fahrt-Akticn-Gcsellschaft" in Hamburg zuerst in Oderberg, und als dort der Schwindel nicht mehr ging, in O s w i e c i m an der preußisch- galizischeu Grenze besondere Agenturen eingerichtet, welche nach besten Kräften für die Zwecke derselben thätig waren. Nicht allein, daß man durch ein Heer von„Zutreibern" das unwlffende Landvolk auf *) Das östliche Europa. jede mögliche Weise zur Sluswanderuiig verleitete, so war auch von Seiten dieser Agenten, wie z. B. des Herrn F. W. Miglcr in O s- w i e c i m und seiner Angestellten Christian Eickemeyer aus Bremen und Adolph Low ans Preußen, welche für den„Nordd. Lloyd"„arbeiteten", die Umgehung und Unwirksammachung der oben- erwähnten Verordnung förmlich in ein System gebracht, indem diese Herren solchen Auswanderern, welche nicht die geforderten 200 fl, be- saßen, die erforderliche Summe zum Vorzeige» an der preußischen Grenze Vorschossen, allerdings gegen die ganz anständige Provision von 6 fl. für jede 100 fl. anf einen Tag geliehenes Geld, welches denselben dann schleunigst wieder abgenommen wurde, worauf man die unglücklichen Opfer»ach Berlin weiter beförderte und sie dort an den Hanptagcnten des„Nordd. Lloyd", Herrn F. W. Mattfeld, ablieferte. In der Zwischenzeit verstand man es denn in der Regel sehr gut, durch Briefe und Telegramme an Verivandte der in's Netz gegangenen Auswanderer soviel Geld herauszuschlagen, daß die Agentur für ihre Auslagen und Provisionen reichlich gedeckt war,— ans den unglücklichen Opfern mochte dann ivcrden, was da wollte; ja, dieselben wurden sogar häufig, wenn gegen die Berechnung nicht genug aus ihnen herauszupressen war, a u f d a s U n m e n s ch l i ch st e b e h a n d e l t.— In derselben Art und Weise„arbeitete" die Agentur der Hamburg-Amerikaiiischen Packet- fahrt-Akticngescllschaft, welche von einem Inden, Namens Simon Herz, geleitet wurde und bei welcher in hervorragender Weise die Herren I. Klausner, Abraham Ländler und Julius Löwenberg thätig waren. Die Konkurrenz zwischen den beiden Agenturen war so heftiger Natur, daß sie eigens Leute bezahlten, welche die Aufgabe hatten, die vom Gegner schon angeworbenen Emigranten, meistens mit Gewalt, ihm wieder ab- znjagen. Das„Geschäft" wurde nun in der Regel in folgender Art und Weise„gemacht": Die Agenten beschäftigten eine Anzahl Bauern und Juden, welche in den Korrespondenzen und Büchern als„Zntreiber" bezeichnet wurden, und welche die Aufgabe hatten, in den Dörfern und Marktflecken die Opker aufzuspüren. Insbesondere wurden Bauern, welche schon in Amerika waren, zu diesem Geschäfte angeworben. Mög- lichst reich gekleidet und gut mit Geld oersehe», durchzogen sie die Dör- fer»nd erzählten der staunenden Menge, welche Schätze sie in der neuen Welt fast ohne jede Arbeit angehäuft hätten. Zeigte ein Bauer Lust, sein Glück in Amerika zu versuchen, so war auch gleich ein zweiter Zntreiber zur Hand, welcher sich bereit erklärte, seinen Grund und Bo- den abzukaufen. Bei diesen Grund- Verkäufen kamen wieder aparte Betrügereien vor. Gewöhnlich trat der von den Agenten gewonnene Dorfwirth als Käufer anf; er benachrichtigte auch die im Dienste der Agenturen stehenden Galopins, daß die und die Partie Leute nach Anierika gehe. Der Galopin erwartete schon ans dem Bahnhofe die Auswanderer, und von dem Augenblicke hörte die„Fürsorge" der Agenten für die Auswandernden nicht auf, d. h. sie waren bedingungslos der Ausbeutung durch dieselben überliefert. Wenn gerade einmal der Dorf- wirth die Galopins nicht rechtzeitig avisirt hatte und eine Auswanderer- Gruppe ohne Begleitung eines solchen auf einem Bahnhofe erschien, so nahm sie ein mit der Agentur befreundeter Eisenbahn- Kondukteur in seine„Fürsorge" und lenkte durch indirekte Winke ihre Schritte in die Falle der Unersättlichen. Außerdem paßten Agenten und Zntreiber in den Stationen auf und trugen den Landlenten ihre Dienste an, indem sie ihnen versprachen, sie sicher über die preußische Grenze zu führen. Zu dem Zwecke ließen sie sich von den Auswanderern das Geld der- selben geben, indem sie ihnen vorredeten, daß, wenn zufällig die preußischen Behörden sie mit dem Gelde verhaften sollten, sie die Auswan- derer für Diebe halten und längere Zeit in Hast behalte» würde; wenn .man aber kein Geld bei ihnen fände, so würden sie sogleich wieder auf freien Fuß gesetzt werden und könnten ihre Reise fortsetzen. Diese fal- scheu Lorspiegelnngen wurden»im in der Ziegel von den unwissenden Landlenten geglaubt, und so gingen sie meistens in die Falle. Ja, die Nachwirkung dieser albernen Lügen und die Furcht vor der Polizei ging denn bei diesen Landleuten so weit, daß es lhatsächlich vorgekoni- men ist, daß ein slavonischcr Auswanderer, als er auf dem Bahnhofs- Perron in B r e m e n von einem Schutzmann angeredet wurde, schien- nigst ein Packet Guldenscheine aus der Tasche zog, dieselben zerriß und die Stücke unter die Lokomotive warf, um nicht als Dieb verhaftet zu. werden. Die Gaunerei der Agenten ist aber sogar soweit gegangen, daß, wenn die Bauern auf die vorstehend angeführte Argiimcutation eingingen und dem Agenten ihr Geld gaben, derselbe sie in finsterer Nacht bis an irgend einen Grenzpniilt brachte, dann plötzlich verschwand und sie in unbekannter Gegend zurückließ, nachdem er sie um ihr ge- sammtes Hab und Gut bis anf den letzten Groschen bestohlcn hatte und ihnen von ihrem ganzen Bermögen nichts mehr übrig blieb als das Passagcbillct. Ans Grund solcher niederträchtiger Gaunereien kamen nicht wenige Auswanderer schließlich aller Mittel entblößt in Amerika an, wo sie, der Sprache völlig unkundig, an gewisse Fabrikanten und Grubenbesitzer als eine Art Sklaven verhandelt wurden»nd nur für Kost und Quartier schwer arbeiten mußten. Wenn es ihnen vielleicht nach Jahr und Tag gelang, andere besser lohnende Arbeit zu erhalten, so brachten sie nach einigen Jahren wohl so viel zusammen, daß sie ihr Rückfahrtsbillet be- zahlen konnten. Das Resultat ihres Ausfluges übcr's Meer war der Verlust des heimathlichen Grundstücks, mehrere Jahre schwerer Arbeit in Amerika, und die Rückkehr als Bettler in die Heimath. Ueber dic Art, wie man speziell von Seiten der Agenturen in Oswiecim das„Geschäft" handhabte, ist Folgendes bekannt worden: Die von den verschiede»-» Agenten und Zutreibern, welche fortwährend in den gali- zischen Dörfern ninherreisen, geworbenen bäuerlichen Auswanderer wurden zunächst nach der nahe der preußischen Grenze gelegenen Ort- schaft Brzezinka bei Oswiecim gebracht. Hier befand sich das„Bureau" der„Kompagnie". Um die unwissenden Landleute vollends zn dnpiren und sie recht gründlich ansznbeutcn, wurden sie in das gedachte Bureau geführt, wo d a s B i l d d e s K a i s e r s angebracht mar, um dem Werbebnreau ein gewisses amtliches Ansehen zu verleihen. Eines der Mitglieder der Gesellschaft präsentirte sich den galizischen Bauern als Bezirkshauptmann(Starosta) und schwatzte ihnen vor, daß die Regie- rung die Auswanderung der galizischen Landleute nach Amerika wünsche. Eine auf dem Tische befindliche W e ck e r n h r wurde den Leuten als ei» Telegraphen apparat dargestellt, der mit Amerika in Verbindung stehe. Jeder, der sich zur Auswanderung bereit erklärte(und das thaten die meisten Landleute, die in dieses Bureau kamen), mußte vor Allem sechs Gulden als Depeschenkosten anlegen. Um nun ganz genau über das Vermögen und die etwaigen Hilfsquellen der einzelnen Opfer unterrichtet zu sein, ist man sogar soweit gegangen, daß einer von dieser sauberen Gaunerbande als katholischer G e i st l i ch e r v e r k l e i d e t, in einem Nebenzinimer den Auswanderern die Beichte abgenommen hat, bei welcher Gelegenheit man denn Alles ganz genau erfuhr, was man wissen wollte. In dieser Rolle soll sich besonders der für den„Nordd. Lloyd" arbeitende Angestellte des Herrn F. W. Mißlerin Bremen, C h r i st i a n Eickemeyer, gefallen haben. Hatte man dann durch Briefe und Telegramme an Verwandte und Freunde Alles was möglich war, aus den in die Falle Gegangenen an Geld herausgepreßt, dann wurden sie unter Begleitung weiter spedirt, und zwar von Seiten der Bremer Agentur an den Haupt- Agenten des„Nordd. Lloyd", Herrn F.W. Mattfeldt in Berlin. Dieser Herr spedirt dann die Auswanderer weiter nach Bremen an die von der Gnadensonne des„Lloyd" beschienenen Wirthe, wobei er auch wieder sein Schäfchen zu schceren weiß. Daß Herr Mattfeld in Bezug anf reelle Geschäftsführung ein ziemlich weites Gewissen hat, geht unter Anderem daraus hervor, daß derselbe seiner Zeit, als durch den Kon- knrrenzkampf der verschiedene» amerikanischen Eisenbahngesellfchaften der Preis eines Fahrbillets von New-Vork nach Chicago auf einen Dollar hcrabgedrückl war, sich nicht gescheut hat, von einer Menge Auswanderer sich für ein solches Billct die Summe von 14.25 Mk. bezahlen zn lassen, also für jedes einzelne Billet die nette Provision von 1l).— Mk. einzuheimsen. Als diese unverschämte Beraubung der Auswanderer zur Kenntniß des Chefs des Passagebureaus des„Nordd. Llond" in Bremen, Herrn P..., gebracht wurde, zuckte dieser Herr die Achseln und wies den betreffenden Angestellten an, ebenfalls diese unverschämte Provision von den solche Villets verlangenden Auswanderern zn nehmen,„da man doch Herrn Mattfeldt nicht kompromiltiren könne!"— Das ist die Moral jener Leute, deren erster und oberster Grundsatz lautet:„Ver- dienen wird groß geschrieben!" Welchen Umfang das Geschäft dieser Seelenverkäufer neuerdings an- ommen hatte, erhellt daraus, daß bereits nachgewiesen ist, daß von betreffenden Agenten vom 1. Januar bis Milte Juli laufenden Jahres nicht weniger als 14 000 Auswanderer aus Galizien nach Amerika spedirt wurden. Unter diesen Emigranten befindet sich eine bedeutende Anzahl junger Männer und eine noch größere An- zahl junger Mädchen, welche dem Elternhause entflohen und in Amerika der Schande zugeführt wurden. Man kann nicht genug staunen, daß die Behörden von diesem durch zehn Jahre schwunghaft betriebenen„Ge- schäfte" bis nun keine Kenntniß gehabt haben wollen und die sauberen Agenten ungehindert aus der Dummheit ihrer Mitmenschen Millionen her- auszuschlagen vermochten. Wie groß der„Verdienst" der Hauptagenten war, folgt schon aus dem Umstände, daß bei dem Agenten Löwenberg nahezu eine Million in Werthpapieren vorgefunden wurde. Simon Herz erwarb in zehn Jahren ein Vermögen, welches er vor Gericht selbst auf eine halbe Million angibt; der Haupt- agent F. W. Mattfeldt in Berlin wird von Kennern auf mindestens eine Million geschätzt, und annähernd in demselben Maaße be- reicherten sich die anderen Agenten. Die in Beschlag genommenen Ge- schäftsbücher des Simon Herz weisen nach, daß derselbe in einem halben Jahre 7000 Personen über Haniburg nach Amerika versandte. Nimmt man dazu jene Auswanderer, welche über Bremen gingen(deren An- zahl wohl ungefähr die gleiche Höhe erreichen dürfte) und jene, welche durch heimliche Agenten gepreßt wurden, so dürfte die oben angeführte Ziffer von 14000 Auswanderern wohl eher zu niedrig als zn hoch ge- griffe» sein. Bezeichnend für den Umfang des Bremer Geschäfts sind unter Anderem auch die Summen, welche die Bremer Agentur in Os- wiecim an ihren Auftraggeber, Herrn F. W. Mißler in Bremen absandte. Dieselben belaufen sich in einem Zeiträume von nur anderthalb Monaten auf zusammen 12 000 fl. Noch bezeichnender aber sind die Zahlen, welche die Bücher des Telegraphenamtes in Oswiecim ausweisen. Sehr häufig ereignete es sich nämlich, daß die armen zur Auswanderung ge- preßten Landleute in Lwiecim gewahr wurden, daß ihre paar Gulden den Auforderlmgen der Agenten nicht genügten. Sie tclegraphirten denn nach Hause an die Verwandten um telegraphische Geldanweisung. Man kann sich denken, daß es jedesmal recht geringe Ouotcn waren, die den Auswanderern auf diese Weise nachgesendet wurden, und doch smmniren sich dieselben— immer nach amtlichen Ausweisen— auf die horrende Höhe von 8V000 Gulden." Soweit der Bericht. Ueber das Treiben der„Agenten" uud ihrer Kreaturen hat inzwischen die Prozeßverhandlung noch viel schreiendere Thatsachen als die hier geschilderten aufgedeckt. Außerdem war es un- vermeidlich, daß auch verschiedene der schurkischen Beamten, die für schnödes Geld den schändlichen Handel nicht nur duldeten, sondern sogar direkt u n t e r st ü tz t e n, entlarvt und zur Verantwortung gezogen wurden. Einige, aber wahrscheinlich nicht alle, lind die Hauptschuldigen, die intellektuellen Urheber all dieser Schändlichkeiten sind dem Arm der Justiz entrückt, d. h. der österreichischen. Und die prenßisch-deutsche rührt sich nicht, sie geht„die ganze Geschichte nichts an". So bleibt einstweilen also nichts übrig als die Brandmarkung vor der öffentlichen Meinung. Diese darf und wird sich darüber nicht täuschen lassen, daß die jüdischen Seelenverkäufer, die ver- rätherischen Beamten und Bauern, die in Oswiecim vor Gericht stehen, alles in allem nur Werkzeuge sind.„Wenn diese Gauner und Lumpen" — schließt unser Bericht treffend— nicht ihre Stütze und einen Rückhalt an de» großen Aktiengesellschasten für Ausivandcrerbeförderung in Bremen und Hamburg gehabt hätten und die oberen Beamten derselben, wie z. B. die Chefs der Passagcbureans, nicht von den vorstehend ge- schilderten Praktiken ihrer Agenten unterrichtet und damit einverstanden gewesen wären, wenn sie ferner die betreffenden Agenten nicht mit ganz bcdcntcnden Geldmitteln unterstützt hätten, um ihr sauberes Ge- schüft im größten Umfange betreiben zu können, so hätte dieser schand- bare Schwindel, die unverschänite Betrügerei und Seelenverkäuferei niemals diese Ausdehnung erlangen können." Die Blutegel hat mau gepackt, an den Schandpfahl mit den Vampyren! SoMholitische Lnndslhsil. London, 4. Dezember 1889. (*) Der Cflbcrfcldcr Prozeß, so schreibt man uns, gleicht allen bisherigen Sozialiftenprozessen anf Grund der Z§ 128 und 129 in Bezug auf de» Inhalt der Anklage,— soweit bei solchen Prozessen von In- halt die Rede sein kann— unterscheidet sich aber von allen durch seine nebelhafte Ausdehnung. Der Ausdruck:„ein Ncbelsteru ohne Kopf" paßt auf diesen Prozeß besser als anf jeden bisherigen. Es ist nicht mehr Substanz da, als bei früheren Prozessen, allein sie ist um das zehnfache verdünnt und nimmt darum entsprechend mehr Raum ein. Statt 6, 8, 10 Angeklagten haben wir deren etliche und 80, statt eines oder zwei Dutzend Zeugen nahe an die 500. Gleichheit der Qualität und Verschiedenheit der Quantität. Durch die Quantität wird aber bekanntlich auch die Q u a l i t ä t verändert— ein Gramm Gift, das in einem Liter Wasser noch tödtlich wirkt, verliert in 100 Litern Wasser seine tödtliche Wirkung. Genau so ist es mit der Substanz der Geheimbunds- Prozesse. Das Material, welches kondensirt selbst bei der heutigen Rechts- pflege zur Verurtheilung von 6, 8, 10 Angeklagten kaum ausgereicht hätte, erscheint geradezu lächerlich iiuznreichend, wenn es zur Vernr- theilnng von etlichen und 80 Angeklagten verwandt werden soll. Die Macher des Elberfclder Prozesses wollten, nach bekannten Mustern, die Qualität durch die Quantität ersetzen, und Dank ihrer unsinnigen Ueber- treibung haben sie die Qualität durch die Quantität nur verdorben. Hätten sie, wenn sie nun einmal um jeden Preis einen Geheim- bnndsprozeß haben wollten, ei» halbes Dutzend oder ein Dutzend rheinischer Sozialdemokraten unter Anklage gestellt, so hätten sie— — wenigstens in den Augen politisch befangener und juristisch nicht geschulter Leute den Eindruck hervorbringen könne, es liege wirklich ein Vergehen im Sinne der Kautschukparagraphen 128 und 129 vor. Jetzt ist das anders. Im Augenblick, wo wir dies schreiben, dauert die Zeugenvernehmung noch fort und läßt das Ende und der Ausgang des Prozesses sich noch nicht absehen, allein das ist bereits entschieden: Der Prozeß ist verurtheilt und die Polizei steht an dem Schandpfahl. Staunend hat das Pichliknm— einerlei, welcher Partei angehörig — die absolute Nichtigkeit einer Anklage erkannt, zn deren Aufbau die Polizei uud Staatsanwalt fast sieben Viertel Jahr gebraucht haben— und wenn wir die Vorbereitungen der Polizei, welche den Prozeß einzufädeln hatte, dazu rechnen, sogar m i n d e st e n s vier Jahre nach den eigenen Geständnissen der als Zeugen fungiren- den'Polizeibeamten. Staunend hat das Publikum erfahren, daß das ganze„Material" dieses Prozesses, insoweit es nicht aus öffentlichen, aller Welt zngäng- lichcn Aktenstücken und hnndertmal widerlegtem Angstmeier- und Polizei- klatsch zusammengesetzt ist, keine andere Stütze hat, als die Aussagen eines verlogenen und bornirtcn Polizeiagenten, der die Sozialistenjagd zu seinem Geschäft gemacht hat, und mit der Wahrheit auf so ge- spanntcm Fuß steht, daß er nicht im Stand ist, die einfachste That- fache wahrheitsgemäß zu erzählen. lind die Aussagen dieses verlogenen und bornirtcn„Beamten" haben zur Doppclstütze: 1) den Diensteid des betreffenden Subjekts, dessen totale Unglaubhaftigkeit bei dem ersten Verhöre für jeden Denkfähigen zu Tage trat; 2) die Spitzelberichtc eines„durchaus zuverlässigen Ge- währsmannes", der an Glaubwürdigkeit höchstens noch von dem oder de»(denn der Kammhoff ist selber nur Werkzeug) Hallunken übertroffcu wird, die ihn zn seiner I n d a s a r b e i t angestachelt haben,»nd der sich selber in öffentlicher Gerichtsverhandlung richtig gekennzeichnet hat, indem er sagte:„ich bin nicht werth, daß ich erschossen w e r d<■". lind die Berichte dieses Spitzels, der zerknirscht zugegeben hat, daß er die Polizei, welche angelogen sein wollte, auch nach Wunsch an- gelogen hat, bilden, wenn wir den nebensächlichen Plunder bei Seite schieben, das eigentliche, das einzige juristische Fnndament der Anklage. Kein Mensch mit Rechtsgefühl und juristischer Bildung konnte eine derartige Anklage erhebe», oberste, wenn erhoben, für juristisch begründet erachten. Daß sie im Ernst erhoben worden, und zu einem wirk- lichen, ernsthaften Prozeß vor einem wirklichen, ernsthaften Gerichtshof führen konnte, das wird ein unlösbares Räthsel für Jeden sein, der nicht die ganze Verkommenheit und Vcrderbtheit unseres offiziellen politischen Lebens kennt— nicht die llmdrehnng aller RechtsbegnZe, nicht den Kultus der Brutalität und des Streberthums, nicht die Feigheit und Knechtseligkeit, welche im Reich der Gottesfurcht und fro».meu Sitte das Evangelium der kaiser-und reichstreuen Gesinnungstüchtigfleit l bilden. Für die Angeklagten selbst aber bietet dieser Prozeß gerade durch seine monströse Nebelhaftigkeit doch den Nachtheil, daß die Anklage' schwer zu fassen ist. Statt greifbaren Thatsachen stehen sie vor substanzlosen Ausgeburten juristischer Sophisterei und Rabnlisterei, die einfach zum Lachen wären, wenn das G e f ä n g n i ß, alias das National-' zuchthaus Heinrich Heine's ihnen nicht einen sehr substantiellen Hinter- grund verliehe. Mit diesen N e b e l g e st a l t e n, die sich nicht packen, j nicht erdrosseln lassen, hat der Angeklagte, hat die Vertheidignng sich herumzuschlagen— es ist kein ehrlicher Kampf mit einem offenen Feind, sondern ein widerwärtiges Ringen mit den Erzeugnissen heimtückisch- boshafter Phantasie, die nicht todt zu machen sind, weil sie kein Leben haben, und bei denen es in Bezug auf den Ausgang sich nur darum handelt, ob die unfehlbaren Herren Richter an sie glauben oder nicht. Der Angeklagte mag noch so unschuldig sein, sich noch so unschuldig fühlen— solcher Anklage gegenüber darf er kein Ver- trauen setzen auf seine Unschuld, denn er weiß, daß nach den hcnt in den obersten Kreisen herrschenden Anschauungen die Unschuld Schuld und die Schuld Unschuld ist;— und er weiß, daß die einzige Frage für ihn die ist: sind deine Richter im Banne der herrschenden Anschanniigen, oder sind es unabhängige Männer S Keine Möglichkeit der Berechnung, kein fester Ssiitzpunkt— Alles Zufall und Willkür.; Darum wollen wir uns auch nicht der müssigen Arbeit hingeben und die Chancen der richterlichen Entscheidung abzuwägen suchen. Nur das können wir sagen: Wenn je eine Anklage gerichtet war, so ist es diese. Wenn je— von geringfügigen Nebenpunkten abgesehen— die juristische Nothwendigkeit der Freisprechung vorlag, so ist es in diesem Prozeß. Und sollte trotzdem eine Verurtheilung erfolgen, wohlan, so bedeutet das nur, daß die deutsche I u st i z sich solidarisch hält mit der deutschen Polizei uud neben derselben am Schandpfahl stehen will.— — Ans Deutschland, Ende November, wird uns geschrieben: Die Qual des Sozialistengesetzes dauert für die unglücklichen Ordnungsparteien ungestört fort. Wenn man sieht, wie namentlich die nationalliberalen Mannesseele» sich wenden und drehen und verrenken(was sie bei ihrer Kautschiiknatnr mit einer gewissen Virtnosität thun können), muß Einen, der für solche Gefühle noch em- psänglich ist,„der Menschheit ganzer Jammer anfassen". Da ist der Stock �Springen oder nicht springen? That's the question! Der liebe, gute Stockhaltcr läßt sich vielleicht erweichen, und hält den Stock niedriger. Es wird gefleht und gebettelt. Wird ER sich erweichen lassen? Abwarten und Kräfte sammeln zum Hochsprung. Denn ein Hochsprung wird's diesmal: und es ist ein wahres Glück für die Herren Nationalliberalen, daß sie den Großmeister deutscher Turnkunst, den Döbbgen-Götz von Lindenau in ihrer Mitte haben— der kann sie cinpanken, so daß die Schienbeine nicht allzusehr Roth leiden. Die Sozialistengesctz-Kommission hat ihre entscheidende Sitzung anf acht Tage hinausgeschoben— wie offen bemerkt wird:„um Zeit für Verhandlungen mit der Regierung, und für Verhandlungen der Parteien untereinander zu gewinnen." Früher that man oft genau Aehuliches, allein die Herren Parka- nientarier schämten, sich es zu sage n. Sic hatten noch Scham. Das hat jetzt aufgehört— sie„pfeifen" anf den Schein, d. h. den Heiligen- schein, und gcniren sich nicht, dem von ihnen so schmachvoll proslitnirten und auf den Hund gebrachten Parlainciitarismus das letzte Feigenblatt- restchen hernnterzureißen.„Hinter den Konlissen" wird Alles abgemacht, wird gefeilscht, geschachert, vcrrathcn, verkauft.— Wozu eigentlich der Reichstag überhaupt noch da ist? Es wäre doch viel einfacher, der Bismarck oder Waldersee— welches von den zwei Wettermännchen nun gerade„drin" oder„draußen" ist,— ließe sich die betreffenden„Parteiführer" zum Glas Bier oder Wein in's Haus oder in die Kneipe kommen, und der übrige Reichstag bliebe hübsch zu Haus, und. würde bloß zu den A b st i m m n n g e u.„berkommandirt", die recht bequem auf 8 oder 4 Tage in der ganzen Session verlegt werden könnten. Drei oder vier Tage bält's auch der faulste Kartellbrnder im Reichstag aus; und auf diese Weise würde auch der fatale Makel der Beschluß- Unfähigkeit entfernt. Scherz bei Seite— die Sache ist zu ernst dazu. Nicht, daß wir uns grämten— im Gegenthcil: der marasrnus senilis, die Greisen- Impotenz des deutschen ParlameiitariSmus bekundet ja nur die Greisen-Jmpotenz des deutschen B ü r g e r t h u m s, das nicht bloß das Bewußtsein seiner Verkommenheit hat, sondern sich auch mit diesem Bewußtsein ausgesöhnt hat und es gar nicht mehr für nöthig hält, seine häßliche Blöße vor der Welt zu verdecken. Jedenfalls ist Deutschland das erste Land, dessen Bürgerthum die politische Bescheidenheit so weit treibt, daß es sich freiwillig unter Kuratel stellt, und zwar unter die Kuratel von Menschen, die es innerlich haßt und verachtet, und die es, so lang noch etwas Mark in ihm war, auf's Heftigste bekämpfte. ni. Die letzte Arbeiterschutz-Tcbatte des Reichstages— vorletzen Montag— verlief genan so wie die früheren Debatte» dieser Art. Es gab ein wahres Kirchthurmwettrennen der Arbeiterfreundlichkeit. Jede Partei wollte das„wärmste Herz" für den Bruder Arbeiter haben; jeder Reder betheuerte seine glänzende Begeisterung für ein wirijames Arbeiterschutzgesetz, und— was wird für die deutscheu Arbeiter dabei herauszuspringen? Nichts! Die Herren Bnndcsräthe werden, wenn der gestrenge Herr SchnapSjnnker von Bismarck das Zeichen des Kopf- schüttelnS gibt, mit der Gelehrigkeit und Pünktlichkeit chinesischer Pagoden verneinend die Köpfe schütteln, und— der Papierkorb deS Bundesraths erhält wieder etwas neues Material. Kurz, der Reichstag existirt für die Reichsregicrung gar nicht. Der- selbe Schnapsjnnker, der voriges Jahr, als es galt, tiefer in den Sumpf der Kolonialpolitik hineinzntaumelu, der Reichstagsmajorität spottend zurief:„Zwingen Sie mich nur, weiter zu gehen, als ich auf eigene Verantwortniig riskiren mag, und ich werde als ächt konftitu- tioneller, das Prinzip der Mehrheit respeklirender Mann mich von Ihnen z w i n g c n l a s s e n".— Derselbe Schnapsjunker schlägt alle Mehrheitsbeschlüsse des Reichstags, sogar einstimmig gefaßte Be- schlllsse, höhnend in den Wind, wenn es sich darum handelt, dem Kapi- talismus, dessen äme daranee er ist und dem er sich um schnödes Gold mit Haut und Haaren verschrieben hat(die Feder hat der Jude Bleich- röder hingereicht), die räuberischen Krallen ein klein wenig zu be- schneiden und dem deutschen Arbeiter anf ein paar Stunden die Woche der Aiisbcutiiiigswuth des Unternchmerthums zu entreißen. Dieser nämliche Schnapsjunkcr, der in allen seinen, d. h. nicht dem von ihnen gegebenen— ER und geben!— aber doch von ihm aus gegebenen Geld zugänglichen Blättern des In- und Auslandes sich als den Oedipns des>9. Jahrhunderts, den einzig wahren Löser der sozialen Frage und Erbpricstcr der Sozialreform preisen läßt, ist in Wirkliäikcit unter allen Staatsmännern man verzeihe das Wort— der Welt derjenige, welcher am W c n i g st e n� die Bedeutung der sozialen Frage erkannt hat, am wenigsten von Sozialresorni versteht, und in böotischcr Unwissenheit und Ziohheit für die For- dernngen der Arbeiterklasse das wenigste Verständniß, für ihr Leiden das wenigste Empfinden hat. — Der Reichstag beschäftigte sich in der letzten Woche sehr viel mit K o l o n i a l p o l l t i k. Komischerweise unterstützte der alte W i nd t- Horst die Regierung. Er will nicht merken lassen, daß er sich voriges Jahr mit der Befürwortung des Wißmann'schen Raubzugs aus„Humanitären und religiösen" Gründen arg blamirt hat; und so thnt denn der alte Fuchs, als ob es ihm in der Falle sehr behaglich zu Wuth wäre Der Hauptkomiker— allerdings unfreiwilliger— in den letzten Reichstagsdebatten ist aber unzweifelhaft der Stotterfritze Herbert- Bismarck. Den einfachsten Satz muß er ablesen, und sobald das Manuskript ihn verläßt, gibts irgend einen kannibalischen Blödsinn wie bei der W o h l g e m n t h- Affäre, wo er den Schweizer Bundes- rath, dem er Brei um den Mund schmieren wollte oder sollte, mit bärenhafter Tölpelhaftigkeit uud Dummheit auf's Aergste kompromittirte. Und das Zucken, Stottern, Gesichterschneiden l— man komite oft memen, ohne daß wir unparlamcntarisch sein wollen, man Ware in einer A f f e n- komödie. Und dieser Affendiplomat oder diplomatische Affe wird uns von der gcsammten Regierungspresse einstimmig als ein„groß- Artiger" Staatsmann(wörtlich so zu lesen in der„Nationalliberalcn Kor- respondenz") hingestellt, der höchstens nur von seinem Papa ubertroffen wird— jedoch auch nur so lange bis dieser den Weg alles Fleisches gegangen ist, und in dem„genialen" Sohn seinen würdigen Stach- folgcr gefunden hat. � t Es fehlt jetzt bloß noch, daß der biedere T y r a S in den Reichstag kommt und die Kartellbrüder anbellt. Sie werden dann sicherlich ent- decken, daß— falls Herbert(was der Himmel verhüten möge) vor der Zeit verunglücken sollte— ihm in T y r a s ein trefflicher Ersatz für die Nachfolgt heranwächst., Und wir sind in der That nicht ganz im Reinen mit uns. welcher von beiden bei einen, Vergleich den Borzug verdient: der Tyras oder der Herbert.— — Mit Freuden sehen wir, daß sich in der deutschen Arbeiter- schaft immer energischer das Bestreben kundgibt, entsprechend den Reso- lutione» des Pariser Kongresses, den ersten Mar zu einem allgemeinen Feiertag zu erheben, einen Festtag der A r b e i t, der eine R i e s e n d e m o n st r a t i o n derselben werden soll ,u Gunsten des a ch t st ü n d i g e n A r b e i t S t a g e s. Immer mehr Versammlungen fasse» in diesem Sinne Beschlüsse, und auch die Arbeiter- presse wendet der Frage ihre Aufmerksamkeit zu. Recht so, denn nur, wenn die Sache von allen Betheiligte» mit vollem Ernst in die Hand genommen ivird, wird sie ihrem hohen Zweck vollkommen gerecht werden.... r. m Auch die Wiener„Arbeiterztg." widmet in ihrer neuesten Nummer dieser wichtigen Angelegenheit einen Leitartikel, in welchem sie in treff- licher Weise darlegt, i» welcher Weise die Arbeiterschaft O e st e r r e, ch s den ersten Mai feiern kann und soll. Mit welcher Energie die Arbeiterfcderation in A m e r l k a die Agi- tation für den Achtstundenarbeitstag betreibt, ersehen die Leser an einer «nderen Stelle unseres Blattes. Hoffentlich bleiben auch die Arbeiter der übrigen Lander nicht zurück. Mögen die Genossen überall sich angelegen sein lassen, dafür zu sorgen, daß rechtzeitig Schritte gethan werden, die Agitation in Fluß zu dringen. Es ist das keine Sache, die von heut auf morgen ins Werk gesetzt werden kann. Sie bedarf der Arbeit, emsiger, unermüdlicher Arbeit. Darum ans Werk, der Preis ist ein hoher: es gilt, die materiellc, die geistige und die moralische Hebung der Arbctterklasse, um sie in Stand zu setzen, das größere Werk, ihre volle Emanzipation, mit noch größerer Kraft als bisher fortzuführen! — Der Herrgott auf Reisen. Natürlich verstehen wir unter dem Herrgott nicht den imaginären„Schöpfer des Himmels und der Erden", den sich der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen, und der deshalb, entsprechend unserm aufgeklärten Jahrhundert, heute nur noch «ine konstitutionelle Stelle einnimmt— er„herrscht", aber er regiert «icht. Nein, wir sprechen von dem wirklichen Regenten der Welt, dem allninchtigcn, allwissenden und allnmfasseiiden Herrgott Kapital. Es tst ein wunderbares Wesen, dieser Gott: immer derselbe und doch ewig anders. In tausend Gestalten verkörpert er sich, er vereinigt die Eigen- schaften der alten Nationalgötter mit denen denen des internationalen Gottes der christlichen Religio»— er ist zugleich national und inter- -national. Offenbart er sich heut als national-deutsches,-französisches, -englisches?c. Kapital. so sehen wir ihn morgen wieder in seiner er- habenen Rolle als„katholischer"— lest' lloloo— über die ganze Erde ver- breiteter Gott. Wie es gerade sein Geschäft, will jagen der Beruf mit sich bringt. In Deutschland sind wir seit Jahren daran gewöhnt worden, den Herrgott Kapital in nationaler Gestalt zu verehren. Ein nationaler Kultus wurde eingerichtet, er nannte sich Schutzzollpolitik, und die Bürger des deutschen Reiches mußten dem nationalen Herrgott von allem, was sie aßen, tranken oder dessen sie sonst genossen, einen Tribut abstatte«. Biete Tenipet ivare» ihm errichtet, der größte natürlich in der Reichshanptstadt, und der Oberpricster, der dort herrschte, hieß G e r s o n B l c i ch r ö d e r. Daß gerade dieser Mann Oberpricster war. hat eine tief symbolische Bedeutung. Der Herrgott Kapital mauifestirt sich je»achdeiil auch als Rassengott. Es gibt viele Leute in Deutschland, die nicht nur einen politisch-nationalen, sondern auch einen ethnologisch-natioualen Gott Kapital verehren— «inen germanische» im Gegensatz zu einem semitischen. Sie sehen nicht. daß, ob er mauschelt oder schnarrt, Gott Kapital doch ewig derselbe ist Oberpriester Bleichröder nun gehört seiner Abstammung nach zu denen, so da vor ihrem Gotte mauscheln, er hatte aber einen— wie nennt man es doch gleich?— Koadjntor zur Seite, der da schnarrte, und der, wenn er auch die Weihe nicht empfangen und deshalb auch nicht selbst nach der Burgstraßc ging, das Geschäft, will sagen, den Kultus von Grund aus verstand. Die Zersplitterung In Raffenkulte wurde durch diese glückliche Kombination siegreich überwunden. Bleichröder und sein sttller — Koadjutor waren die Vertreter des einzigen, des nationalen Hcrgotts. Und— mm ist es nicht zimi Verzweifeln?— fällt eS plötzlich diesem nationalen Herrgott ein, a u f R e i s e n zu gehen. Man höre nur, was neulich"amerikanische Zeittmgen darüber z» berichten wußten: Die deutschen Kapitalisten sind so unpatriotisch, ihren Ueberschnß nicht in de» deutschen„Kolonien", sonder» sonst im Ausland, mit Vor- liebe in Amerika. anzulegen. Die E r l a n g e r sjum Beispiel kon- trolliren" eine große Eisenbahn und viel Land im«uden. Run haben sich deutsche Kapitalisten auch großer Eisenerzlager am Superior-See Di e� Seele dieses Konsortiums ist der bekannt« Bankier von Bleich- röder welcher obwohl völlig erblindet und vom Alter gebeugt, doch noch neben den Emissionen von Staatspapiereu unter Fürst Bismarcks Acgide, Zeit findet, sich in weitansseheude Spekulationen emzulaffen. Sein Agent ist der Kaufmann Ferdinand Schlesinger in Milwaukee. Seit zwei Jahren ist dieser im Interesse«leichröders in dem Eisen- distrkkt von Michigan tbätig gewesen. Damals kaufte er die Bergwerke Du»» und Armenia zu Crystal Fall in Jron County und gmg sofort J)arcm ben Jöctrieb üÖIftQ innjiiflcitdltcn unb burd) nllcilct, 311111 recht'kostspielige Verbesserungen den Ertrag bedeutend zu heben. So stieg der Gewinn ans' dem Dnnn-Bergwerk für 1888 auf 114,248 Tonnen Eisenerz gegen nur 24.«77 Tonnen im Vorjahr und wird sich für dieses Jahr gewiß auf 200,000 Tonnen heben. Im Februar 1889 kaufte Herr Schlesinger die Chapriu-Grnbe für zwei Millionen Dollars a» und spielte damit den Herren von Bleich- röder und Genossen eines der ausgiebigsten Eisenwerke des Menominee- -Bezirkes in die Hände. Auch hier wurde sofort ein intensiver Betrieb Warnten, welcher für das lausende Jahr mit 500,000 Tonnen Eisenerz ��Doch'dainst� waren die Operationen keineswegs geschlossen. Im Juli kmiltf her Aaent des Berliner Konsortimnö die Gruben von zioungs- toiv» Florciice und Jron River für 85,000 Dollars auf, welche zu- famm'eu nach mäßigem Anschlage für das laufende Jahr 400,000 Tonnen �'Di�Geiannntproduktion dieser sechs Bergwerke beläuft sich demnach aus 1 000 000 Tonnen Eisenerz, oder den zehnten Theil der Eisen- im(gebiete der Aereungten«taaten. Inzwischen sorgt Herr von Bleichröder auch für möglichst schnellen Absatz dieser gcivaltigen Produktion. Eine Flotte von zwölf eisernen Dampfern ist in. Bau, und sechs derselben werden im nächsten Frühjahr den Suvcriorsee befahren. Auch ist der Bau einer Eisenbahn von den Bcraiverkcn b S nach Eskanaba. dem nächsten Secha,cn. im Werke. Den An äuscn liegt wahrscheinlich eine kluge und umfassende Handels- svÄatton zu Grunde. Das Erz icner Gruben eignet sich nämlich rstcht zur Fabrikation von Bessemerstahl. steht deshalb niedriger i... Pre se als das Er;, ans welchem Bestemerstah gegonen werden kann. Darum war z B. die Chapm-Grube auch für 2 Millionen käuflich. trond m sie 500000 Tonne» Erz produz.rt. wahrend z. B. die Rcpu- Wir-fflnibf trotzdem ste nlir 2r.0.000 Tonnen, als Bcssemer-Erz pro- duzitt 4 750 000 Toll, werth„t nnd unter sechs Millionen kaum zu hüben sein� dürfte. Gegenwärtig steht Herr Schlesinger noch ivegen des Ankaufs mehrerer Gruben in Unterhandlung, kauft auch bedeutende Vorräthe von Nicht-Bessemer-Erz auf." Und wenige Tage darauf heißt es wiederum: „Milwaukee, Wis., 15. Novbr. Der Kaufvertrag des Schlesinger- Syndikats, welches die Erwerbung der Bnffalo, South Buffalo, Queen und Prince of Wales Minen in sich schließt, ist nunmehr abgeschlossen worden. Der bezahlte Preis beträgt 800,000 Dollars. Dadurch hat das Syndikat einen festen Fuß im Marqnette-Distritt gefaßt und hat fest vor, den Erz-Markt zu kontrolliren. Eine Delegation der Bnffalo Grnbengesellschaft pflegt bereits seit zwei Tagen Unterhandlungen mit Ferd. Schlesinger. An der Spitze dieser Vereinigung stehen hauptsächlich Kapitalisten aus Minneapolis." Bleichröder und Ko— adjutor im Bunde mit amerikanischen Kapital- Priestern, gemeinsam am Werk, den Segen des Herrgotts Kapital auf die amerikanische Eisenindustrie überzulcnken, oder, in die Laieiisprache überttagen, der Konkurrentin der deutschen Eisenindustrie auf die Beine zu helfen, das ist in der That ein— gottvolles Schau- spiel. Trotz hoher Schutzzölle steht es mit der deutschen Eiseiiindnstrie seit längerer Zeit schon sehr flau, die Ausfuhr geht zurück, die Preise wollen nicht anziehen. Ursache: Amerika hört immer mehr auf, als Käufer für Eisenprodnktc auf dem Weltmarkt aufzutreten. Der Herrgott Kapital sieht das, und wird plötzlich nachdenklich. Was beschäftigt ihn? Denkt er darüber nach, wie es anzustellen sei, daß die deutsche Eisenindustrie auch ohne große Slusfuhr an Kraft zunimmt? O nein, seine Gedanken sind auf Höheres gerichtet. National sein, denkt er, ist schön, aber es haftet deni Nationalgedanken nnläugbar etwas Bornirtes an. Inter- national, das ist das Wahre. Allüberall, wo Profit zu machen ist, da sind meine Zelte. Und der Herrgott geht auf Reisen— nach Amerika. Aber nicht allein die hohen Profite ziehen ihn dorthin. „Die hiesigen Zeitungen", schreibt das„Philad. Tageblatt,„heißen die„Foreigners"*) von der„goldenen Internationale" willkomnlen. Sie� verweisen auch mit Stolz darauf, daß die europäischen Kapi- talisten Amerika für„sicherer" halten, als ihre eigene Heimath. Jetzt noch, ohne Zweifel. Aber es mag sich ändern über Nacht." Ganz gewiß. Und um so schneller, als die Arbeiter sich entschließen, von denen zu lernen, die„auf der Menschheit Höhen" wandeln. Dem Herrgott folgt der Antichrist: die Sozialdemokratie. — Tie nculiche Erklärung Herbert Bismarck's, daß der Zweck der W o h l g e m u t h- H e tz e: die Bundesgenossen- Schaft der Schweizer Behörden im Kampf gegen die S o z i a l d e in o k r a t i e zu gewinnen, erreicht sei, ivird von der sozialistischen Presse der Schweiz mit nur zu großem Recht als die beste Rechtfertigung ihres Fcldzuges gegen den Bnndcsanwalt, und die f ch l a g e n d st e W i d e r l e g u n g aller, zur Beschönigung dieser Zukunfts- Filiale des Berliner Molkcnmarkts— oder muß es schon heißen Sllcxanderplatz?— vorgebrachten Argumente in's Feld geführt. So schreibt der Berncr„Sozialdemokrat": „Wir registtiren nur, daß Graf Bismarck im deutschen Reichstage erklärte, die deutsche Regierung habe darnach gestrebt, die Bundes- geuosscuschaft der Schweizer Behörden im Kampfe gegen die Sozialdemokratie zu gewinnen, und sie sei dabei, wie der Reichs- tag wisse, auf gutem Wege.„Derartige Dinge können la nicht geheim bleiben". Die Schweiz werde immer mehr erkennen, daß sie so wenig wie andere geordnete Staaten die Umstnrzbcstrcbnngcn der Soziast demokratie vertragen könne. Das frenndnachbarliche Verhältnis! der beiden Länder sei denn auch das allerbeste. Eine Gegnerschaft zwischen der deutschen und der schweizerischen„Regierung" habe nicht bestände» und könne nicht bestehen. Wie gesagt: wir registtiren diese von kompetenster Seite kommende Bestätigung unserer von Anfang an fest gehaltenen Änsfassnng der be- tteffendcn Sachlage einfach der Vollständigkeit wegen. Begreiflicherweise renionstrirt mehr oder minder diplomatisch nnd gutgläubig die bundcs- rathsfreundliche oder auch nur sozialistenfeindlichc Presse gegen den Ausspruch dieses enfant terrible; das kann aber keinen Einsichtigen beirren. Natürlich ist die„Bundcsgenossenschaft" nicht im engsten Wortsinne zu verstehen, etwa so, daß bcsttmmte Abmachungen außer den in den diplomatischen Noten gegebenen allgemeinen Versprechungen bestünden. Wenn wir das auch glaubten, was in der That nicht der Fall ist, dürften wir es doch>vohl nicht sagen, ohne dem Generalanwalt in die Klauen zu fallen. Allein das ändert a» der Sache nicht viel. Eine ontsntv cordiale(herzliches Einvcrständniß) ans Interesse gegründet, oder auch nur mif gleiche politische Auffassung im betreffenden Punkte, Ihut de» gleichen Dienst. So wundert uns nur, was nun auf den Gencralanwalt folgen und ob die Fortsetzung von deutscher Seite durch Zuckerbrod oder durch den Drohfinger zu erlangen gesucht(verde» wird." lind der Baslcr„Arbeitersrenud" bemerkt aus die Meldung, der Schweizerische Bundes rath gedenke deinnächst vor den eidgenössischen Röthen zu erklären, daß Herbert Bismarck die Sache„nicht ganz richtig" dargestellt, mit trockenem Sarkasmus:„Da wird somit der Bundesrath den Beweis antreten müssen, daß er von der deutschen Regierung gcnaSführt worden ist. Wohl bekomm's!" Jedenfalls befindet sich der Bnndesrath in einer argen, allerdings wohlverdienten Klemme. Und wohl ihm, wenn er den Beweis, von dem unser Kollege spricht, liefern könnte. Der G e n a s f ü h r t e zu sei», ist zwar nicht sehr rühmlich, aber es ist immerhin ehrenvoller, denn als der bewußte Helfer eines Bismarcks dazustehen. — Solidarität von jenseits des Ozeans. Aus Holyoke, Massachusetts, erhalten wir folgende Zuschrift: „Genossen! Durch die amerikanische Tagespresse sowohl, als durch einen Aufruf der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion in Kenntniß gesetzt, daß die nächsten Reichstagswahlen sehr bald stattfinden sollen, hat sich unterzeichneter Verein, ausschließlich ans Lohnstlaven bestehend, verpflichtet gefühlt, Euch im bevorstehenden Kampf finanziell nach 5ttäften zu nnterstützeu nnd deshalb in seiner heutigen Versammlung einstimmig beschlossen, 50 D o l l a r für den R e i ch s t a g s w a h l f o n d zu bewilligen und sofort an die Expedition des„Sozialdemokrat" nach London zur weiteren llcberinittelnng abzuschicken. Genossen! Es ist zwar nicht viel, aber es ist Alles, was uns der gegenwärtige Stand unserer Kasse erlaubt. Doch deshalb nur nicht ver- zagt! Frisch und munter an's Werk! Wir sind fest überzeugt, daß das klassenbewußte Deutschthum Amerika's Euch angesichts der fünfjährigen Reichstagsperiode nach beste» Kräften unterstützen wird. Also ans. ihr Arbeiter Deutschlands! Thut Eure Pflicht vor nnd a m Wahltage, und das Resultat muß und wird zufricdeiidcnstellend für uns Alle ausfallen. Hoch die Sozialdemokratie! Mit Gruß der Deutsche Sing- und Lese-Verein Holyoke, Mass., Vereinigte Staaten von Amerika. Und weiter erhalten wir folgenden Brief aus Binghamton: Binghamton, 16. Nov. 1889. Als direkt und indirekt von unserem Vaterland Vertriebene, könne» wir bei der kommenden deutschen Reichstagswahl nicht mithelfen, halten es aber für unsere Pflicht, den deutschen Genosse» mit ettvas Munition behilflich zu sein, wenn auch nicht, um„Alles über den Hausen zu schießen", so doch der Partei des schießlüsternen Helden mit sammt allen Schmarotzern, Bütteln, Pfaffen, Kraut- und Schlot-Junkern eine derbe Lettion zu ertheilen, wie dieselben noch keine zuvor erhalten. Ob- wohl die hier lebenden Genossen alle hart für ihr tägliches Brod zu kämpsen haben, haben wir es uns dennoch zur Pflicht gemacht, jeder nach seinen Kräften beiznstenern, und sind heute in der Lage, der Re- daktion 20 Dollar für die deutsche Reichstags wählen zu übersenden. Wir werden mit unserer Beisteuer fortfahren, so daß wir hoffentlich bis zur eigentlichen Wahl mit noch etwas Munition zu Silfe kommen könncii, um den deutschen Sozialdemokraten für ihren psermuth und Ausdauer unsere Erkenntlichkeit zu erweisen. Im Auftrag der Beitragzahlcr L u d w. S z i m m a t h. Jeder Zusatz unsrerseits würde die erhebende Wirkung dieser Zuschriften nur abschwächen. *) Spr.: Forehners— Fremde. — lieber den gegenwärtigen Stand der Achtstnndenagita- tion in Amerika heißt es in einem Rundschreiben des Präsidenten der Amerikanischen Gewcrkschaftsfederation an die Mitte November in A t l a n t a(Georgia) tagende Generalver» sammln ng des Ordens der Arbeitsritter: „Sie wissen bereits, daß in der Konvention der?lmcrican Federatton of Labor, die im Dezember v. I. in St. Louis stattfand, eine Reihe von Resolutionen angenommen wurde, worin die Arbeitcrbcvölkernng aufgefordert wurde, für die Einführung des achtstündigeu Arbeitstages am 1. Mai 1890 zu agitircn und sich zu diesen Zweck zu organisiren. Sie werden aus den beigeschlossenen Dokumenten ersehen, daß die Be- wegung für den Normalarbeitstage den Beifall der Slrbcitcr unseres Landes gefunden und sich derart ausgebreitet hat, daß man sie als eine nationale Sache bettachtcn kann, die schließlich den Sieg auf ihrer Seite haben wird. Ani 22. Februar d. I. wurden in 240 Städten des Landes dies- bezrglich Masscn-Bersammlungen abgehalten nnd Resolutionen angc- nommcn, von welchen Abschriften hier bestiegen. Am 4. Juli d. I. wurde die Achtstunden-Frage in Massen-Versammlungeu, die in über 300 Städten stattfanden, besprochen nnd am Labor Tay, den 2. Scp- tcmber, war die Anzahl der Versammlungen, in welchen für die Ein- führnng des achtstündigen Arbeitstages agitirt wurde, bereits auf mehr als 420 angewachsen. Beinahe 300 General-Organisatoren der Amcric» Fcdcration of Labor und mehreren Spczial-Organisatoren haben das Land bereist, uiu ihre Mitarbeiter über die so wichtige Frage auszii- klären. Wir haben drei der tüchtigsten Natioualökonomcn cngagirt, um Pamphlete über die Achtstuudcnsragc nnd deren Einfluß auf die ökouo- mischen, sozialen, kommerziellen und industriellen Verhältnisse unseres Landes zu schreiben. Diese Flugschriften sind in mehr als 50,000 Exem- plaren im Lande verbreitet worden; desgleichen über eine Viertel- Million auf die Achtstunden-Frage bezüglicher Zirkulare. Uebcrdics sind za. 1200 Briefe an Staatsmänner, Ockonomen, Fabrikanten, Handels- lcute und Geistliche verschiedener Denominationen gesandt worden, worin Letztere über ein Gutachten über die Rathsamkeit der Einführung des achtstündigen Arbeitstages angegmigeu wurden. Von fast allen Adressaten sind Antworten zu Gunsten des achtstündig-!; Arbdisiages eingelaufen." � Die nationalen Trade llnions, die zu den« Verbände der American Federation of Labor gehöre», lassen gegenwärtig darüber abstimmen, ob der Achtstundentag eingeführt nnd ein spezieller Fonds geschaffen werden soll, um die Bewegung>zn fördern. Es liegt in unserer Absicht, für alle diejenigen, welche im Stande sind, mit unserer Unterstützung ihr Ziel zu erreichen, den achtstündigeu Arbeitstag zu erringen. Es ist im gegenwärtigen Augenblick unmöglich, bestimmt zu sagen, wie die Arbeiter vorgehen müssen, nm den Achtstundentag hcranszn- schlage». Manche behaupten, den organisirtcn Arbeitern werde auf bloße Forderung hin von den Arbeitsgebern, wenn nichtäus Humanitätsrück- sichten, so doch wenigstens aus Gründen der Nothwcndigkeit nnd infolge vernünftiger Berechnung der achtstündige Arbeitstag zugestanden werden. Andere dagegen glauben, daß die Arbeitgeber in Sachen der Achtstnnden- frage kein gesundes Urtheil haben, so daß die organisirte» Slrbeiter sich genöthigt sehen werden, die Arbeit einzustellen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Die American Federatio» of Labor sucht grundsätzlich so viel wie möglich einen so harschen Nothbehelf wie ein Streik ist zu vermeiden; (venu wir aber unser Recht nicht erlangen können, wenn»vir angesichts der riesigen Fortschritte im Maschinenwesen und der dadurch gesteigerten Leistungsfähigkeit eine wesentliche Verkürzung der'Arbeitszeit ohne Streik nicht herbeiführen können, dann muß wahrscheinlich zu einer solchen Maßregel gegriffen werden. Wir appcllircn nun an ihre Mitwirkung bei dieser Bewegung, weil ivir der Anficht sind, daß die Interessen der arbeitende» Klassen ldcntisch seien. Wir erkennen die Nothwendigkeit an, daß die gcsammten orga- nisirteu Arbeiter einheitlich vorgehen müssen, und brandmarken unt Verachtung die Politik der Jsolirung. Auch legen wir keinen Werth darauf, daß die American Federatio» of Labor die gegenwärtige Be- ivegung inaugurirt hat, und bitten nm ihre Mitlvirkung, als ob Sie die Urheber der Bewegung wären. In diesem Sinne werden wir unsere Organisationen auffordern, Ihnen hilfreich an die Hand zu gehen. Wenn unsere Bemühungen mit Erfolg gekrönt werden, werden die Arbeiter stolz auf diejenigen sein, ivelche zu ihnen gestanden haben. Unter allen Ilmständen gebührt es sich, daß wir fortfahren, eine solide Front zu bilden, wenn es sich um den ersten Vorstoß zum Zweck der Emanzipation der Arbeiterklasse handelt. Indem ich darauf vertraue, daß Sie dieses Gesuch bald und im günstigen Sinne erledigen, verbleibe ich achtungsvoll Ihr ergebener Samuel G o m p e r s, Präsident der American Federatio» of Labor. Nach inzwischen eingetroffenen Meldungen hat die Konvention der Arbeitsritter im Sinne dieser Zuschrift Beschluß gefaßt. Bravo! — lieber die Brasilianische„Revolution" sind»och Immer die verschiedensten Lesarten im Umlauf, genau wie über den hei dieser Gelegenheit außer Landes gegangen— wordene» Dom Pedro. Während die Einen den letztere» als eine hochideale Persönlichkeit hin- stellen, als einen Gelehrte» oder Philosophen, der nur aus Pflichtgefühl seine Kaiserwürde beibehalten und die Revolution als eine'Art„Erlö- fimg" betrachtet habe, schildern die andern ihn als einen eitlen, aufgc- blasenen Schwächling, einen Mantclträger, wie er im Buche steht, dessen Wissenschaftlichkeit nichts gewesen sei als blauer Dunst. Genau so mit der „Revolution". Die Einen schildern sie als den Sieg der Freiheit und des Lichts über Willkürregimcnt und Pfaffenintriguen, die andern als einen Sieg ehrgeiziger Demagogen und rachsüchtiger Sklavenhändler. Es wird wohl hier wie dort die banale Redensart zutreffen, daß an Allein„etwas dran ist". Mit dem Philosophenthum Dom Pedros scheint es, trotz der philosophischen Ruhe, mit der er sein Abfindungs- geschenk und das Guadengehalt anzunehmen geruhte, nach allem, was über seine Regiernugsthätigkeit bekannt geworden, recht windig aiiszu- sehen, indes er braucht deshalb noch»icht der Lump gelvesen zu sein, als den seine Feinde ihn hinstellen. Er war ein Mensch wie andere, dem es an guten Absichten vielleicht nicht fehlte, der aber nicht stark genug war, der korrumpireuden Wirttmg seines KaiserbcrufS hin- reichenden Widerstand zu leisten. Was z. B. die„Eitelkeit" betrifft, so weiß jedes Kind, daß die das„Geschäft" mit sich bringt. Wo gibt es einen„Gottgcsalbten", der nicht eitel bis zum Exzeß wäre? Und auch das Paradiren mit allerhand erborgtem Wissenskram gehört zum Geschäft, trifft den Beruf,»icht die Person. Im Uebrigen, der Mann, ist Kaiser gewesen, und da er uns als Mensch noch weniger ist, als Hekuba, sehen wir keinen Grund, auf ihn nnd seine Regierungsthätigkett näher einzugehen. Das bleibe den Historikern von Beruf überlasse». Was nun die„Revolution" anbetrifft, so steht fest, daß sie als'An- laß die Opposition gegen �>ie pfäffischen Jntriguen der Throufolgerin nnd ihres Gatten genommen hat, und daß sie in der Form einer „demokratischen" Bewegung sich vollzogen hat. Aber demokratisch und demokratisch ist zweierlei. Hinter einer scheinbar demokratischen Be- wegung kann sehr wohl eine aristokratische, von Ausbeutern schlimmster Art betriebene'Agitation stehen. Und es ist Thatsache, daß die repu- blikanische Bewegung in Brasilien erst erstarkt ist, seit sich ihr die Partei der bisher sklaven besitze»de»Großgrundbesitzer angeschlossen hat, deren Interessen bei der Sklavcnemanzipatio» nach ihrer Behauptung in schändlichster Weise verletzt worden sein sollen. Sie hoffen also, in der Republik ihre Rechnung besser zu finden. Das ist auf jeden Fall für uns ein Grund, diese mit etwas sehr skeptischen 'Augen anzusehen, und weiter verpflichtet znrVorsicht derEharakter der brasilianischen Bevölkerung überhaupt, bei der, wie in allen südamerikanischen Staaten, das Abcnteurer-Elcment eine so große Rolle spielt, nnd ins- besondere ihre soziale Zusanimensetznng. Die Industrie ist in Bra- silien»och sehr unentwickelt, die Städte sind fast nur Handelsstädte, und im Uebrigen entscheiden die agrarischen Interesse», d. h. die der Grundbesitzer. Danach scheint uns das folgende Bild, welches das„Phil. Tagebl." von der„Revolution" in Brasilien entwirft, als das dem Wesen nach zutreffendste, selbst wenn es den Republikauern in den Städten Unrecht thnn sollte. Es mögen unter ihnen eine ganze Masse republi- kauische Ideologen sich befinden, für die schließliche Gestaltung der Dinge entscheiden nicht sie, sondern die aus den ökonomischen Zuständen sich ergebende» Interessengruppen. .In allcn Berichten"— heißt es im„Phil. Tageblatt"—„wird «gegeben, daß die unzufriedene Klasse in Brasilien die der ehemaligen S k l a u e n h a l t c r ist. Das große Emanzipationsdekret, welches im Jahre 1887 den Rest der Sklaveret aufhob und gegen dreiviertel Mil- lionen Sklaven die Freiheit gab/ dieses Dekret war der wirkliche Anstoß zu der jetzigen Revolution. Ter Werth dieser Sklaven war auf etwa 300 Millionen Dollars abgeschätzt worden. Die Sklavenhalter hatten ober die Frechheit, 700 Millionen Ersatz zu fordern. Erschreckt dar- iiber ging ein Theil der Konservativen zu den Liberalen über, was diesen eine enorme Mehrheit im Parlament und die Regierung gab. Ohne Zweifel wurde von dieser Niederlage her von der Grund- oristokratie der Umsturz angebahnt. Bundesgenossen fanden sich für sie unzweifelhaft unter ehrgeizigen Militärs und Politikern. Und dann enthalten die brasilianischen Städte ein verlumptes Proletariat, wie es entstehen muß, wenn sog. freie Arbeit neben der Sklaven- arbeit besteht, eine Klasse, ähnlich dem„xoor white trash" in unfern Südstaaten, die auf nichts gestellt ist, aber von einem riesigen Dünkel besessen wird;— eine Klaffe also, die wohl zum Werkzeug einer solchen Berschivörung werde» kann. Außerdem hatte sie für die Gelegenheits- arbeit, zu der sie sich allenfalls entschließt, Konkurrenten in den frei- gelassenen Sklaven erhalten, die zum Theil, wie damals bei uns im Süden, die Plantagen verlassen und sich in die Städte gezogen haben, also ein Grund mehr und vielleicht der Hauptgrund, der sie den Per- fchwörern zugänglich machte. Das find also die revolutionären Faktoren: erstens und hauptsächlich die Grundaristokratie, die das Land zu brandschatzen vor hat; zweitens militärische und politische Streber; drittens— nur lediglich als Wir- kung— ein verkommenes Proletariat. Die entgegengesetzten Kräfte, also diejenigen, welche an der Aufrechterhaltung des liberalen Regiments interessirt wären, sind: die Handelswelt, die Finanz, die Bourgeoisie überhaupt, soweit eine solche vorhanden ist, die sonstige städtische Zntelli- genz, der kleine Grundbesitz und die befreiten Sklaven. Geht man also der eigentlichen treibenden Ursache auf den Grund: den wirthschaftlichen Interessen, so ergibt sich, daß die Beweg, tilg nur v» F? r m nach eine revolutionäre, in W i r k l i ch k e t t aber eine reaktionäre ist. Sie bedeiu/! wirthschaftlich einen Sieg des Landes, d. h. hier der Großgrundbesitzer, üvc7 die Stadt, politisch einen Rückfall in die Pronunziamento-Wirthschaft. Die Form der Regierung ist da ziemlich gleichgültig. Es gibt amerikanische„Republiken", die blos die Verhüllung der krassesten Des- potie bilden. Und nach dem Stande der sozialen und Bildungs-Ver- hältnisse der brasilianischen Bevölkerung ist dort etwas anderes auch nicht zu erwarten, als ein Despotismus im Namen und im Interesse der Grundaristokratie. Man loird, Ivenn der Umsturz wirklich gelungen, bald von Maßregeln gegen die befreiten Sklaven hören. Eine Halb- sklaverci, die sich besser rentirt als das alte System, wird au dessen Stelle treten. Das Fazit ist: dieser Umsturz bildet die Reaktion gegen das Emanzipationswerk und ist daher nichts weniger als er- treulich." — Folgende Infamie eines Berliner Korrespondenten des W i e n c r' A u t i s e in i t e n o r g a n s„Deutsches Volksblatt" wird in der Wiener„Arbeiterzeitung" tiefer gehängt: „Durch Zufall ist uns ein Ausweis in die Hand gekommen, welchen Singer, Bebel, Liebknecht und ihre rothen Parlamentsgenossen an die sozialdemokratischen Parteigänger versandten. In demselben stehen die Beiträge verzeichnet, welche vom 1. Juli bis 30. September, also innerhalb blos dreier Monate, dem Parteifonds zuflössen, und zwar, für den Unterstütznngsfond 2400 Mark, für den Wahlfonds 25,000 Mark und schließlich zur Unterstützung der Elberfelder Ange- klagten 000 Mark, zusammen 28,500 Mark in drei Monaten! Nur ein kleinlicher R e ch t s s i n n, der mit der Rcchtsmoral in Wider- spruch sich befindet, könnte in der Zerstörung dieser Sprengmine des deutschen Staates, in der Konfiskation o e s S ch a n d g e l d e s, ein Unrecht erblicken." Dazu bemerkt die„Arbeiterzeitung": ..„Erstens ist dieses„Geheimniß"— die Ausweise über die Samm- limg— wie in jedem Quartal, in allen Arbeiterblättern veröffentlicht worden, enthält also gar nichts Neues. Die Thatsache, daß die deutschen Proletarier Opfer für ihre Sache bringen, die andern Parteien zuzu- milchen der helle Wahnsinn wäre, steht seit lange fest und der„Deutsche Bolkspolitiker" kann noch ganz andere Ausweise zu sehen kriegen, er soll Nur bis zu den Wahlen warten. Und unsere heutige Nummer zeigt, daß die Arbeiter Oesterreichs leider an Mitteln, gewiß nicht an Opserwilligkeit, hinter den Deutschen zurückstehen. Wie aber so ein Antisemil Geld sieht, meint er gleich„die Juden" haben eS hergegeben; seinen eigenen Stammesgenoffen traut er keinerlei Aufopferung zu, weil er eben nur die Antisemiten kennt, nicht aber das deutsche Volk. „So weit der Blödsinn!" Nun aber die Infamie!„Kon- fiskation des Schandgeldes" will dieser edle„Germane", des Schandgeldes, das sich aus abgedarbten Pfennigen schwer arbei- tender Menschen zusammensetzt, welches sie geben im Bewußtsein, ihrer heiligen Sache zu dienen, mit all dem idealen Sinne, mit all der Hingebung, die eben nur ein wirklich hohes Ziel gibt. „Kleinlichen Rechtssinn" hat Jeder, der diese Konfiskation einen Raub und den Antragsteller eine» Schurken nennt.„Kleinlicher Rechtssinn", köstliches Wort für einen Vertheidiger der heutigen Gesell- schastsordnung und ihrer Grundlage, des Eigenthnins. Heilig ist jedes Eigcnthnm, wenn es auf Ausbeutung beruht; aber nur „kleinlicher Rechtssinn" kann das Eigenthum des Arbeiters an seinen wenigen Lohnpfennigen dulden, ivenn er sie für seinen Befreiungskampf verwendet. Das ist„unverfälscht deutsche Rechtsmoral". — Die Verhandluugen betreffs des neuen Tozialistcngcsctzcs sind im vollsten Gange. M i q u e I ist von Frankfurt nach Berlin gc- kommen, um seinen Kollegen, die im Irrgarten aller möglichen Skrupel und Bedenken herumtaumeln, ans der Schwulität zu helfen und sie vor 'allzu großer Blamage, die bei der bevorstehenden Wahl gefährlich werden würde, zu bewahren. Nun— der arme K u l c in a n n hat in seiner Herzensangst das Geheimniß der Mannessecleu verrathen, indem er in einer Rede ausplauderte, es werde daran gearbeitet, Bis- marck(den Vater, nicht den Sohn)„milder zu stimmen". Natürlich mußte Herr Kulemann den anderen Morgen seine Acußcrung wider- rufe u, allein wahr ist sie doch: E R soll den Stock etwas niedriger halte», und auf die Ausweisung verzichten. Tliut er das, so wird ihm mit Jubel das„ewige Sozialistengesetz" apportirt— auf Wunsch sogar mit einigen„Verschärfungen" in Gestalt von etlichen Fußangeln für die gesummte Oppositionspresse. Ob ER darauf eingehen wird? Jedenfalls wird nach„Kompensations-Objektcn" für die Ausweisung gesucht; mit welchem Erfolg, das wollen wir abwarten. Das Eine aber steht fest: wenn es zu einer Kompensation kommt, dann machen nicht die M a n n e s s e c l e n das bessere Geschäft, und hat das deutsche Volk die Kosten des Handels zu tragen. — Das Proletariat lebt überall am thcnerstcn. Unter der Ueberschrift„Englischer Lord— und ungarischer Arbeiter" schreibt die Budapcstcr„Arbeiter-Wochcn-Chronik":„Jni „Ung. Müller", dem Organ des Landcs-Mühlcnverbandcs, lesen wir, daß, ivenn auch das Ausland und vorzugsweise England jahraus jähr- ein ein bestimmtes Quantuni unserer F e i n in e H l e unbedingt aufnimmt, es doch Thatsache ist, daß Amerika uns Jahr für Jahr schrittweise von unserem englischen Absatzgebiete abzudrängen sucht, und„nur infolge des Unistandes, daß es in der zweiten Scpteinbcrhälfte seine Preise zeitweilig höher stellte, konnten größere Quantitäten— wenn auch zu V e r l u st p r e i s e n— in England plazirt werden." In dieser Notiz iü der ganze Widersinn der kapitalistischen Produktionsweise enthalten. Des Mühlenjargons entkleidet, besagen diese Zeilen, daß F e i u m e h l e — d. i. solche, welche Proletariergaumen nicht zugänglich sind— zu Verlustprriscn, d. i. nntcr den P r o d u k t i o n s k o st e n im Aus- land, Deutschland und England abgesetzt werden müssen! Wie kommt es nun, daß die Budapester Mühlen den Aktionären eine Durchschnitts- Dividende von 8 Prozent auszahlen?? Die Lösung dieses Räthsels ist, daß die Verluste bei Fein mehlen hereingebracht werden bei den groben Nummern, welche von den breite» Volksschichten konsumirt werden, und d. h. die ausländische Bourgeoisie ungarisches Weißmchl billig kaufe, müssen die ungarischen Arbeiter, auch bei guter Ernte, die Schwarzmehle gleich theuer be- zahlen. Der brasilianische Hacienderos, der englische Lord und der schnapsbrennende preußische Junker— sie alle essen ihr Brod— auf Kosten des ungarländischen Proletariats!" Dasselbe Mißverhältniß findet sich überall. Dem Millionär, der in der Eisenbahn erster Klasse fährt, zahlt der Arbeiter, der dritter und— wo es eine solche gibt— vierter Klasse fährt, einen Theil seines Fahrbillets. Die Häuser, in denen das Proletariat wohnt, bringen, im Verhältniß zu ihren Herstellungskosten, die höchsten Renten ein. An allen Staatseinrichtungen, die der herrschenden Klasse zu Gute kommen, legt der Staat oft doppelt, drei und viermal so viel zu als an denen, die für das Proletariat bestimmt sind. Auch abgesehen von seiner Aus- beutung als Produzent wird der Proletarier in der heutigen Gesellschaft auf Schritt und Tritt ansgebentet als Konsument. Auch hier ist er es, auf dessen Kosten die„Gesellschaft" herrlich und tu Freuden lebt. — Ein interessantes Bnch ist in diesen Tagen in Paris er- schienen, das, wenngleich der Gegenstand, den es behandelt, mit dem Sozialismus in keiner Beziehung steht, doch insofern auch im„Sozial- demokrat" erwähnt zu werden verdient, als es, ähnlich wie die treff- liche Schrift unseres Genossen Bürkli„Der wahre Winkelried" rück- fichtslos mit einer allgemein verbreiteten Heldensage in's Ge- r i ch t geht, und den Nachweis liefert, daß die Großthaten, welche die Sage dem Helden zuschreibt, in Wirklichkeit dem Zusammenwirken einer ganzen Reihe von Faktoren, persönlichen wie namentlich materiellen, in den Sachen begründeten, zuzuschreiben ist— mit einem Wort, daß was bisher als„Wunder" angestaunt wurde, seine sehr natür- liche Erklärung Hai. Das Buch führt den Titel„Das Ende einer Legende", und die Le- gende, der es den Garaus macht, ist die der„wunderbaren Befreierin Frankreichs", der als„Jungfrau von Orleans" verehrten I e a n n e d'A r c". Es weist nach, daß dieses tapfere Landmädchen, dem es per- sönlich alle Anerkennung zollt, bei der Befreiung Frankreichs von der Herrschaft der Engländer eine sehr untergeordnete Rolle gespielt hat. Es ist vielleicht von uns zuviel gesagt, es weist nach, weil uns nicht das Buch selbst, sondern erst die Vorrede desselben vorliegt, und diese natürlich keine Garantie dafür bietet, daß der Beweis, den der Verfasser geliefert zu haben glaubt, auch wirklich erschöpfend geliefert ist, indeß geht doch aus ihr soviel hervor, daß der Verfasser in der Hauptsache, um die es sich hier handelt, auf der richtigen Fährte ist. Man höre nur: „Jeanne d'Arc war ein ehrliches Mädchen, aber sie war nicht der Messias Frankreichs. Ein kräftiges Landmädchen, von einer Vorstellung beherrscht, entfaltete sie, als Bannerträgerin im Dienst des Königs cngagirt, in dieser Thätigkcit das ganze Feuer innerer Erregung, ihre ganze kriegerische Leidenschaft, ihren ganzen abergläubischen Eifer. Sie war stets muthig, oft in ihrer Unwissenheit unvorsichtig, aber weder waren ihr Muth, noch ihre wirkliche Hingebung, noch ihre Unvorsichtigkeiten je im Stande, den Sieg zu entscheiden oder den Erfolg zu beeinträch- tigcn; denn der Großrath des Königs gestattete ihr nie eine andere Rolle als die, für die er sie hatte kommen lassen. Man nützte ihre Dienste aus, aber man vertraute ihr weder das Schicksal des Landes, noch auch das der Schlachten an, mau gab ihr ein Banner, aber kein Kommando. Ging sie zu früh vor, so folgte man ihr nicht, blieb sie für die Schlacht zu lange zurück, so wartete man nicht auf sie. Sie war in der Armee ein Glied außer der Reihe, und die Armee errang den Sieg, ob Johanna zugegen war oder nicht. Man hörte ihren seherischen Erzählungen zu, man unterhielt sich über ihre Visionen, aber um den Feind zu besiegen, trieb man möglichst viel Geld, möglichst viel Truppen auf, bildete man unwiderstehliche Heer- hausen(?), goß man ungeheure Kanonen, entfaltete mau alle Hilfs- mittel der Diplomatie, alle lebendigen Kräfte des Landes. Man schürte den Haß des Bauern, des Händlers, des Bürgers, des Handwerkers, die von den plündernden Engländern und den Feudalherren, die nur noch Banditen waren, ruinirt worden waren. Die neuen sozialen und militärischen Schichten hatten zur Befrie- digung ihres Hasses als Bundesgenossen das P u l v e r. Das Pulver überwand die englischen Bogenschützen, die Ritter- rüstungen der Feudalherren. die Mauern der Burgvesten. Aber es bedurfte dazu mehr als dreißig Jahre energischen, unablässigen Kampfes, einer schlauen Taktik, mörderischer Belagerungen, einer überlegten Politik. Johanna d'Arc nahm nur an den Kämpfen Theil, und auch dies nur während einer kurzen Spanne Zeit." Soviel aus der Vorrede. Vielleicht sind wir später in der Lage, den Lesern unseres Blattes Eingehenderes über den Inhalt des Buches mit- zutheilen. — Ein bezeichnendes Faktum, das im Gebiete der Tagesereig- nisse nicht übersehen werden darf, ist— schreibt man uns— das FiaSko der Berliner llnfallaus stell ung, die mit einem riesigen Defizit geendet hat. Bekanntlich wurde dieser, von Speku- lauten erfundene Schwindel von deni ganzen offiziellen Preußen, dem jüngsten Alten Friy an der Spitze, als Konkurrenzunternehmen gegen die Pariser Weitaus- st c l l ii n g poussirt. Dort der riesige Erfolg, und hier das schmähliche Fiasko — wir gratuliren! — Werden die sich aber beglückt gefühlt haben? Das Wolff'sche Telegraphenbureau hat unter'm 20. November der staunenden Welt als höchst wichtiges Ereigniß folgende Thatsache knndgethan: „Essen, 20. November. Der Kaiser ließ, nach der„Rh. W. Ztg.", den geretteten 224 Bergleuten von der Zeche „Schlägel und Eisen" durch Minister Herrfnrth seinen"— nun, was meint der Leser wohl? Er höre und staune ob der Generosität— „seinen Glück iv u n s ch entbieten." Beneidenswcrthe Grubenskaven! Korrespondenzen. — Bremen, 28. Nov. Diesmal ist es kein Polizist, Staatsanwalt oder Nichter, der im Organ gcbrandmarkt werden soll, sondern ein Pä- dagogc, und weiter ist es nicht seine politische und Lehrthätigkeit, son- dern seine, dem schmutzigsten Geiz entstammende Rücksichtslosig- kcit gegen das Wohl der ihm anvertrauieu Minder, die uns veranlaßt, ihn an d e n P r a n g e r zu stellen. Der Mann, um den es sich handelt, heißt W i l l m a n u und ist Vorsteher an der F r e i s ch u l e in der Westerstraße. Demselben liegt es ob, für Feuerung zu sorgen, wofür er vom Staat Vergütung erhält. Um nun möglichst hohe Er- sparnisse zu erzielen, hat der chrenwerthe Herr allerhand Kunststückchen auf Kosten der Gesundheit der Kinder in's Werl gesetzt, z. B. die Fenster vernagelt, damit sie nicht geöffnet werden können, um frische Luft einzulassen. Aber was er dieser Tage in seiner Filzigkeipjtiisge- führt, setzt Allem die Krone auf. Ja, wenn es für diese Leute StaaiS- auwälte gäbe, oder wenn es sich um Kinder der Bourgeoisie gehandelt hätte, so würde dieser Geizhals wegen grober Körperverletzung ange- klagt werden. Von den Klassen aus führen Luftschächte oder Venti- latoren auf den Boden des Schulhauses, woselbst der Luftthurm an- gebracht ist. Es herrschte nun, seitdem geheizt wird, in den Klassen eine pestilcnzartige Luft, und nachdem man alle Erklärungsgrüude er- schöpft, konimen die Lehrer auf den Gedaiikcu, die Lnflschächtc müssen verstopft sein; der Vorsteher wurde hiervon in KenntNiß gesetzt»nd gebeten, die Ventilatoren in Ordnung bringen zu lassen, aber natürlich lautete der Bescheid: Geht Euch nichts an, Ich bin der Herr im Hause. Daraufhin blieb nichts übrig, als der zuständigen Behörde die Sache zur Anzeige zu bringen; dies geschah, und dem Herrn Vorsteher wurde auch der Befehl ertheilt, die Lnitschächte sofort zN öffneu. Ehreu-BM- mann gab iirni dem Ichnldieuer den Auftrag, dies zu besorgen(der-. selbe hat sie jedenfalls auch verstopfcu müssen) und..schärfte ihm aus- drllcklich ein, darauf zu halten, daß keiner der Lehrer mit auf den Boden gehe. Aber, o weh, einer derselben kroch ninthig nach, und siehe da, er fand die Lnstschächte fein tauber hermetisch verschlossen. Mit den Kindern der Armen und Aermsten hatte der schmutzig- filzige Patron geglaubt, machen zu können, was er wollte, Leben und OK- sundheit derselben frivol auf's Spiel setzen zu dürfen. Mit großen Kosten ist die Ventilation hergestellt worden, und dieser ehrlose Bursche verstopft sie einfach. Es hatte ja auch kein Hahn darnach gekräht hatte er nicht die Rechuuug ohne die Lehrer gemacht. Beiläufig gesagt ist das Lehrerkollegium eines der besten, und man kann ihnen ekivas geistiges Rückgrat nicht absprechen. Und nun Herr Wilder— wollten sagen Willmann, in dem Augen- blick, wo dies Blatt in ihre Hände gelangt, ist die Untersuchung gege» Sie eingeleitet und vielleicht auch schon beendigt. Viel wird wohl itichi herausschauen, denn sie wird hinter verschlossenen Thüren stattfinden Was das Ergebniß aber auch sein mag, das Eine mögen Sie beherzigen, daß Sie durch diese Schandthat unsere Wachsamkeit her> ausgefordert haben. Sollten Sie wieder etwas unternehmen um ihrem Laster, dem Geiz zu stöhnen, was die Gesundheit der Kiw der schädigt, so können Sie versichert sein, daß wir Ihnen auf die Finger klopfen und zwar derber als diesmal. Sie haben ohnehin noch Verschiedenes auf dem Kerbholzl ih-t. Briefkasten der Expedition: Anver» Wcrkldenparty: Fr. 32. 70(Pfd. 1. 5. 10) f. Schft. erh.— Rother Balthasar: Mk. 130.— a Cto. Ab. -c. erh.— Wahrer Jakob: Mk. 35. 15 Ab. 2. u. 3. Qu.-c. erh. Bstllg. folgt.— Pierrot: Mk. 0.— f. Schft.:c. erh. u. Ad. geordn. Weiteres besorgt. Bfl. mehr.— Mcßdiener: Mehrbstllg. lt. Bf. vom 25/11 notirt. Verlieren werden Sie selbstverständlich Nichts. Kommt Alles.— Roches Fenster: Ad. f. K. erh. Das Andere muß an Ihren Adressaten liegen.— Blocksberg: Wie kommt's, daß Sie nicht konipe tenterseits schreiben lassen? Antwort ging dorthin.— Rother Kämpfer 1 Gegenaufstcllung erh. Nachtrag war unleserlich u. Ad. diesmal(im Vornamen) verstümmelt. Allerdings war das vorletzte Mal bei der Adr.„nur der Bestimmungsort vergessen!" Wir dächten, das wäre genug.— Felix III.: P. K. v. 26/11 hier. Sie haben ganz recht. Lesen Sie Ihren Vordermann, der hat ein ähnliches Kunst stück hierher geleistet. Freilich muß eben auch manchmal„auf dem Raub" gearbeitet werden.— Fernandez: Gut. Wir notiren Adr. u. sehen mit Freuden dem Versprochenen entgegen. Gewünschtes bfl.— H. Wbr. Sydney: Bf. v. 22/10 am 20/11 erh. Bstllg. folgt. Weiteres beachtet. Bei der Komplizlrthcit der Vorschriften sind mitunter selbst Postbeamte hier Veranlasser inkorrekter Frankaturen. Avisirtes ange nehm.— X. 3. V.: Mk. 50.— a(sto. Ab. rc. erh. u. Bstllg. notirt. — Th. V. Castleford: 1 Pfd. a Cto. Ab.?c. erh.— H. Rtzsch. New- Jork: Adr. Pr. zc. haben wir lt. Avis v. 18/11 all notam genommen, Gruß.— L. M. L. W.: 50 kr. f. Schft. erh. Sdg. abgg.— W. Hfsm. London: Sh. 3. 1 f. Schft. erh.— Urania: Mk. 1300. 24 a Cto. Ab. 2C. erh. Adr. geord. Weiteres bfl.— Sprecqnelle: Mk. 60.— per Ab. u. Schft. erh. u. Bestllg. notirt.— Ncpomuk: Mk. 60.— a Cto. Ab. 2C. erh. Bfl. Näheres betr. Conto.— A. Heims in Syracuse: Sh. 7.— Ab. 1. n. 2. Qu, 00 u. Schft. erh. Sh. 5. 4 dem Ufds. dkd. zugewiesen. Adr. geord. u. Grüße herzl. erwidert.— Rother Wenzel: Mk. 30.97 f. Ab. u. Schft., sowie Bf. v. 28/11 erh. Wir rathen Ihnen P o st e i n z h l. nicht an Ihrem Wohnort zu machen.— Calcmbonrg: öwfl. 12.— a Cto. Schft. erh. Zugesagtes angenehm. Ihre Zeitdefinition ist doch etwas zu spitz geseilt. Gruß u. nachträgl, Gratulation.— I. Slsbry. London: 0 Py. f. Schft. erh.— A. L. Dhn.- Lg.: Fr. 8.— f. Schft. erh. Sdg. fort.— Rother Eisenwurm Mk. 26.40 per Ggr. gutgebr. Adr. notirt u. Weiteres besorgt. Am 19/10 ging das Erfragte an C. u. folgt nun zum zweitenmal. Warum reklamireu Sie denn Derartiges nicht früher?— Pharao: Gut. Aber wem anders sollen wir's denn sagen als Ihnen? Geben Sie doch den Rippenstoß weiter, wie wir's auch betr. Adr. L. machen, die unser- s c i t s absolut korrekt gegeben ist. Adr. 2c. dankend notifizirt. Bfl. Weiteres.— 7/9. 27.: Wenden Sie sich mit Ihrer Bestellung direkt an eine der im Aufruf gegebene Adresse. Auch wir ivarten noch des Kommenden.— Xanthias: Nachr. v. 28/11 erh. Ihre Bedenken betr. W. waren auch die unsrigen. Mk. 10.25 per Nk. haben gutgcbracht, Stn. suchen zu besorgen und berichten bfl. Weiteres.— Rothbart: Mk. 1850.— a Cto. Ab. 2c. u. Mk. 700.— f. Schft. lt. Spezialqnttg. erh.— Brüssel: Bestllg. folgt. In W. werden recherchircn.— Ldks. C.: Erfragtes ani 3/12 bfl. Avisirtes angenehm.— Rother Hans: Bstllg. u. Ad. notirt. Warum melden Sie Eingegangenes konse- quent nicht? Bfl. am 3/12 mehr.— Rothe Vehme: Zwischenhand zögert unerklärlicherweise trotz mehrfacher Mahnung. Bfl. Näheres am 3/12.— Rother Peter: Wir dächten, Quttg. im Bfk. wäre genügend. Adr. geord. Gewünschtes am 3/12 bfl. abgegangen.— Clara: Bstllg. notirt. Das ist allerdings„unglaublich". Avisirtes wird uns sehr wohlthun. Bfl. am 3/12 mehr.— Rübezahl: Bstllg. lt. Vorlage vom 30,11 besorgt u. am 3/12 bfl. betr. Cto. 2c. berichtet. Damalige Bfk.- Notiz betraf das Bf.-M arkengeschäft.— Utopia: Ihrem Wunsch betr. dir. Bssdg. werden entsprechen. Anderseits sind nur 200 Dkschst. verlangt. Was gilt nun?— Lorleh: Mk. 80. 80 per Vrlg. a Cto Ab. 2c. gutgebr. Bfl. mehr.— — I. B. V. in Z.: Fr. 7.36 Ab. 3. u. 4. Qu. erh.— Raupautz t Fr. 12.65 Ab. 3. Qu. erh._ Wahlfond Quittung. Bis jetzt sind von uns quittirt:.... Ferner eingegangen: Kommunistischer?lrb.-Bild.-Verein London(2. Rate). Darunter im Schweizer-Club gesammelt: F. A. Schaufelberger Sh. 5.—; C. Vögelin 2.6; F. Bernhard—.6; G. Mayer 1.—; E. Steiger 5.—; W. Wetter 1.—; Hartman 1.—; Hintermeister 1.—; Fleuller(?) 1.—: G. Acschlimann 1.—; W. End- 5.—; Fr. Ende 2.6; P. Gloy 2. 6; F. Gugerzer—.6; H. Maag—. 6; Reichert 5.—; Staufert 2. 6;— die 2 Pfund vollzumachen 2. 6 zus. Mk. 40.— Deutscher Sing- und Lese-Vercin Holyoke(Mass., Nord- 'Amerika Doll. 50.—)...... Von den Parteigenossen in Binghampton durch L. Szim- math Doll. 20.—....... Unterm 10. Oktober sind eingegangen und bereits quittirt: San Francisco, Härder...... Buenos Aires, Verein„Vorwärts". Mk. 977.— 60.— 205.40 82.08 4.— 284.— Zus.: Mk. 1612.48 Dem Genossen R. Conrad aus Dortmund rufen bei seiner Abreise nach Amerika ein dreifaches„Halte fest zur Sache" nach. Dessen Freunde. Für die bevorstehende Wahlperiode empfehlen wir den Ge- nosscn: Die Parlamentarische Thätigkeit des veutsche« üeichstalis und der Landtage von 1874—76. Beleuchtet von A. Bebel. Preis 35 Pfennige— 45 Cts. E. ömlstein& Co. 114 Kentish Town Read, London, N. W.(England.) •etter Wenn 8«i fco SN. Wft. «Hill »i, Q rt<■»S»» Kommunistischer Arbeitcr-Bildungs-Vercii» 40 Tottenham-Street. Samstag den 7. Dezember, Abends Punkt 9 Uhr, Vortrag von Bürger L. T a u s ch e r über Die göttliche Wcltordnung. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht Das Komite. t'rjtttsa l'or td» propriettor» bzk tde v«em»u Ooopvrativ« kudlistüox 0», 114 I'ovv ktaack London N. W.