Avonnements •ttten Itlm Stilaj und dessttt Wmuten A g k n»- n entgegen» genommen, und jwar zum »ora u» ,«l>l b«ren ■ vierteljnhetpreit von: Uli. 4,40 für Teutläilond 86, 2. Anfluge): „Es ivurde früher bemerkt, daß es für den Verwerthnngsprozeß durch- aus gleichgiltig, ob die vom Kapitalisten angeeignete Arbeit einfache, gesellschaftliche, Durchschnittsarbeit, oder komplizirtere Arbeit, Arbert von uro,_______«N hi.> rtlä siiilu'r.' kiimvlt- deren Produktion mehr Arbeitszeit kostet und die daher einen höheren Werth hat, als die einfache Arbeitskraft." „Aha", ruft Krapotkin aus,„da haben wir es ja, die„höhere Bil- düng", dieser Schwindel, dieses Monopol, soll die höhere B n.hlung rechtfertigen". O nein, davon steht kein Wort da. Marx erklärt em Phänomen des Verwerthungsprozesses der Arbeit, ab« cruaren und rechtfertigen, ist gefälligst zweierlei. Es gibt sehr viel(wschenuingeu im gesellschaftlichen Leben, die wir uns erklären können, ohne dag pur»e damit„rechtfertigen". Wie wenig Marx im vorliegenden Fall daran dachte, wird sich gleich zeigen. Nachdem er,«icht Erdrcr.n r gezni Ingenieur, sondern Spinner mit Juwelier,� d. h. zwei wirtliche Arbeiter- kategorien verglichen, sagt Marx näm.ich in einer Rote: ihr Sturz sicher, wenn sie ihn nicht vorher mit Gewalt zu verhindern suche. Zu diesem Zwecke werden jedenfalls die enormen Ausgaben gemacht, und dies zu einer Zeit, wo das Land sich in einer Finanz- kalamität befindet, in der das Papiergeld bis über die Hälfte ent- werthet ist und die Negierung beinahe" die letzten noch verfügbaren Ländereien im Fencrland an die tlapitalisten Europas ausbietet, um wieder zirka 100 Millionen Pesos für ihre Mißivirthschaft herauszu- schlagen. In demselben Artikel befanden sich auch einige scharfe Aus- lassnngen gegen den Präsidenten Dr. Cclman, der das Haupt der Re- aktion in diesem Lande ist. Unsere deutschen Mordspatrioten, denen der„Vorwärts" schon lange ein Dorn im Auge ist, konnten ihre Denunzmntcnnatur nicht verleugnen und sandten eine Uebersetzung des Artikels, die jedenfalls die Sache noch weit übertrieben hat, an die Polizei. Am 26. Oktober erschien nun ploplich der Hauptmann der hiesigen Geheimpolizei, Otamendi, im Drnckercilokal des„Vorwärts" mit einem Nudel Begleiter, besetzten dasselbe und verhafteten de» Herausgeber, Genossen Adolf II h l c, und den Mitarbeiter des Blattes Josef Winiger, sowie den 14jährigen Sctzerlchrling Jakob Blanke»Horn, führten sie auf die Polizetstation, wo sie erst nach 2 Tagen verhört und dann an das Kriminalgericht abgeliefert wurden. Tie beiden letztgenannten ließ man, den einen 26 und den Knaben 50 Stunden ohne Nahrung fitzen. Ter Staatsanwalt erhob Anklage auf Angriff auf die höchste Person der Republik. Der Setzerlehrling wurde nach 3 Tagen Haft freigelassen, Uhle und Winiger, der eine als Herausgeber, der andere als Verfasser, in die Korrektionsanstalt San Juan in lliitcrsnchnngshaft gesetzt.*) Nicht genug, daß ihnen dadurch das Rechtsmittel der Bertheidigung wesentlich erschwert ist, da das Suchen nach einem Vcrtheidiger nur durch dritte Personen stattfinden kann, wobei viel Zeit verloren geht, wird auch die Druckerei von der Polizei besetzt gehalten, so daß das Blatt bis jetzt nicht weiter erscheinen konnte. Jedenfalls hat man es darauf abgesehen, das ganze Blatt zu rniniren, um, wozu verschiedene Zeitungen schon früher aufgefordert haben, den Sozialismus hier in Argentinien mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ob ihnen das letztere gelingt, auch wenn sie den„Borwärts" rniniren, wird die Zukunft lehren; die Er- fahrnngen in Deutschland und anderen Ländern machen das sehr im- wahrscheinlich, denn auch hier sind die wirthschaftlichen und politischen Verhältnisse der beste Nährboden für den SoziaUSmus. Bcmerkenswcrth ist bei diesem Vorkommniß das Verhalten der hie- sigen deutschen Presse. Während z. B. der„Buenos Aires Herald", ein freisinniges eng- lischcs Bonrgeoisblatt, das Vorgehen der Polizei und Gerichte scharf tadelt, und, angesichts der durch die Verfassung garantirten Preßfreiheit, den Präsidenten Celman auf den Weg der Privatklage verweist, bricht die deutsche„La Plata-Zeitnng", das Organ der hiesigen deutschen Mordspatriöten, in einen Jlibelrnf aus ob dieser polizeiliche» Helden- thaten und hat bei derGele genheit zum ersten Male in seinen Spalten vom„Vorwärts" gesprochen, nachdem sie ihn drei Jahre lang todt- geschwiegen. Das chremverthc Blatt erwartet eben sicher, daß er jetzt vernichtet werde. Zu gleicher Zeit dennnzirt es den„Vorwärts" und und fordert auch dessen Schließung. Die Leser kennen ja nur zu gut den Charakter dieser Sorte der allcrgemeinstcn Ncptilienpreffe, die bis über die Ohren im Sumpft der Ebarakterlosigkeit steckt. Bei jedem anständigen Menschen kann ein solches Verhalte» nur Ekel erwirken. Aber auch das sogenannte demokratische„Argentinische Tageblatt", von einem gewissen Aleman rcdigirt, konnte es nicht unterlassen, sein Stück Holz zum Scheiterhaufen zu tragen und über den„Mißbrauch der Preß- freihcit" zu jammern. Als ob eine Freiheit etwas nützte, die man nicht gebrauchen darf. Zu gleicher Zeit glaubt das Blatt darauf hinweise» zu müssen, daß wir Eingewanderten bicr nur die„Gastfrcundschast" des Landes genießen. Eine schöne Gastsreiindschaft das'! Den Einwände- rern verdankt das Land sein Emporkommen, die Argcntiner ihren Reichthnm. Die Stenern liegen zu neun Zehntel auf dem armen Volke, weil sie indirekt erhoben werden, und so müssen die eingewan- derten Blassen nicht nur die Arbeit machen, sondern auch die sämmt- lichcn Unkosten des Staats aufbringen, das Beamtcnhecr erhalten, kurz alle Lasten tragen. Drüben in Europa verspricht man ihnen in Argen- tinicn eine neue Heimat zu bieten und trotz alledem sind wir nach der Kapitalistenlogik des„Argentinischen Tageblattes" hier nur„Gäste" und sollen uns Wie Murren die Häiit über die Ohren ziehen lassen. Ob dies schmntzige Vorgehen der hiesigen Polizei und der sehnliche Wunsch der anderen deutschen Preßorgane bezüglich der Unterdrückung des„Vorwärts" gelingt oder nicht, der Sozialisnius wird hier leben und Fortschritte machen wie in allen andern Ländern. Immerhin wäre es ein Verlust, wenn der„Vorwärts" nicht wieder erscheinen könnte. Denn er hat seit seiner Gründung stetig an Lesern zugenommen, war bei den hiesigen deutschen'Arbeitern beliebt und nahm auch in der Arbeiterpresse eine geachtete Stellung ein. Die deutsche Kolonie gehört hier zu den wenigst zahlreichen und war die einzige, welche ein rein sozialistisches Blatt besaß, das sich, wenn auch mit Opfern der daran Bethciligten, zu halten im Stande war. In den Provinzen geht es bezüglich der Preßfreiheit noch schlimmer zu. Vor 1'/- Jahren wurde z.B. einem Oppositionsblau in La Pinta die Druckerei vollständig zerstört; dasselbe geschah kürzlich in Sasta, wo man zugleich die Lettern stahl und sie in die regierungssreundliche Presse brachte, um deren Material zu vervollständigen. Ein ähnlicher Fall fand statt in Mercedes in der Provinz San Luis, und in Tuen- man sperrte man den Redakteur eines Oppofitionsblattcs willlürlich *) Nach seitdem eingetroffenen Nachrichten befinde« sich die beiden Genossen bereits wieder auf freiem Fuße. ein, und als er wieder entlassen war, wurde er von einem Gedungeneil meuchlings überfallen und verwundet. Daß man mit unseren verhafteten Genossen ttud der Druckerei nicht ähnlich verfahren ist, haben sie jedenfalls nur dem llnistaude zu danken, daß sie schweizerischer Nationalität sind und man bei Zerstörung der Druckerei und Verletzung von Personen die Intervention eines fremden Landes zu gewärtigen hat. «ie ersehen ans dem Vorstehenden, daß diejenigen, welche hier für die Verbreitung des Sozialismus einstehen, auch tni freien Argentinien Verfolgungen und Maßregelungen zu ertragen haben. Aber mag da kommen, was da wolle, wir kämpfen weiter. Wir stehen fest und wanken nicht, Bis daß die Sklavenkette bricht. SozichMsche RMschao. London, 23. Dezember 1889. — Zu den Berliner Stadtverordncteuwahlrn geht uns von Berliner Genossen folgende Znschrifl zur Veröffentlichung zu: „Es ist sehr bedanernswerth, daß im Augenblick, wo Freunde wie Gegner der Betheilignng an den Stadtverordnetcn-Wahlen dabei sind, auch bei den Stichwahlen den Feinden zu zeigen, daß ein von der Ge- sammtheit oder der Majorität der Genossen gefaßter Beschluß in mnster- giltiger Disziplin zur Ansführnng gebracht wird— von verschiedenen Arbeitcrblättcrn, sowie auch von nnserm Wortführer, dem„Sozialdemo- krat", Bemerkungen gemacht werden, die nach Inhalt und Form nicht allein die Gegner der Wahlbetheilignng unter den Genossen aufs Schwerste beleidigen müssen, sondern auch hauptsächlich auf die Unterdrückung eines jeden selbstständigen Gedankens innerhalb der Partei hinzielen. Es kann ja jetzt nicht unsere Sache sein, durch nochmaliges Darlegen der für die Gegner der Wahlbetheilignng maßgebenden Gründe zu bc- weisen, daß der Verfasser jener Notiz im„Sozialdemokrat" durch die Bchauptimg,„daß cm Thcil der Berliner Genossen sich durch die radi- kalisirenden Sophismen einer schwächlichen Enthaltungspolitik habe irre- führen lassen"— eine Oberflächlichkeit in der Kcnntniß der verflossenen Berliner Wahlbewegnng bekundet hat, die er im Interesse der Tis- ziplin besser für sich hätte behalten sollen. Doch es kommt uns vor allen Dingen darauf an, energisch im Namen aller selbstständigen Ge- Nossen gegen die Art und Weise, mit welcher man in Arbeiter- und Parteiblättern solche Personen, die Tag und Nacht für die Verbreitung der Ideen der Partei arbeiten, selbstverständlich aber eine selbstständige Meinung besitzen, beschmutzt und sie als immer im Gegensatz zur Partei hinzustellen sucht.— Die Berliner Genossen werden es sich nicht nehmen lassen, nach wie vor ihre eigene Meinung über gewisse Punkte und Handlungen innerhalb der Partei zu haben, sie werden dieselben in sachlicher Weise vorbringen, verlangen aber entschieden, daß nicht einzelne Personen das Recht haben, über sie in verdächtigender Weise herzufallen." ho— no. So die Genossen. Wir müssen gestehen, daß wir wirklich nicht be- greifen, wie sie aus einer so nnvmänglichen Notiz, wie die in Nr. 48 veröffentlichte, so gehässige Absichten haben herauslesen können. Wir haben nichts dergleichen darin gesunden, sonst hätten wir sie nicht auf- genommen, und es steht auch für uns außer Zweifel, daß es dem Ver- fasser ferngelegen, irgend jemand zu„verdächtigen" oder gar zu„be- schmutzen". Er hat sich gegen eine, nach seiner Ucberzengnng falsche Ansicht gewendet, das ist Alles. Wie sollen wir Überhaupt noch bis- kutiren, wenn man nicht mehr am Abend einer siegreichen Schlacht Denen, die gegen eine Aufnahme derselben gewesen, als Kamerad zu° rufen darf:„Nicht wahr, nun seid auch Ihr überzeugt, daß es ein Fehler gewesen wäre, vom Kampf abzustehen?" Mehr sagt die Notiz nicht, und wir sind der Meinung, daß die Ge- nossen, wenn sie sie bei ruhigerer Stimmung noch einmal durchlesen, auch keine andere Absicht darin finden werden. E? mag ja fein, daß der Einsender nicht alle Gründe kannte, welche einem Theil der Berliner Genossen eine Betheiligung an den Stadt- verordnetcnwahlen für nnthnulich erscheinen ließen, er hat sich nur an die gehalten, die gemeiniglich gegen Wahlbcthcilignngcn geltend gemacht werden— die sogenannten„prinzipiellen" Enthaltnngsgründe— und in dieser Beziehung können wir ihm nur Recht geben, wenn er sie als „Sophismen" bezeichnet. Das ist nichts Ehrenrühriges. Keiner von nns ist unfehlbar; es kann Jedem Vassiren, daß er sich durch Sophis- men irreführen läßt. Schreiber dieses wenigstens muß gestehen, daß es ihm schon manchesmal passirt ist; er bedauert es, aber er schämt sich dessen nicht. Jndeß wenn wir auch die„prinzipielle" Enthaltungspolitik verwerfen, so sagen wir damit keineswegs, daß die Wahlenthaltung Gitter allen Umständen falsch sei. Unter bestimmten Voraussetzungen lau» sie sehr wohl richtig, oder doch das kleinere von Zwei liebeln sein. Ob und in wie weit diese VoranSsetznngen zutreffen, das ist nicht immer leicht zu erkennen, darüber wird es also wohl stets Meinungsverschiedenheiten geben. Glücklich die Partei, in deren Schoohe alsdann die Minderheit in so großartiger Weise Disziplin übt, wie es jetzt bei den Sozial- demokraten Berlins geschehen. Dafür haben wir nur Ein Gefühl— das bewundernder A n e r k e n» u fl g. Diese freiwillige Untcrordnung der eigenen Ansicht mag den betreffen- dep Genossen nicht leicht geworden sein, und das erklärt uns ihre Ge- „Der Unterschied zwischen höherer und einfacher Arbeit,„slcillsd" und„unskilled labour", beruht zum Theil auf bloßen Illusionen, oder wenigstens Unterschieden, die längst aufgehört haben, reell zu sein und nur noch in traditioneller Konvention fortleben; zum Theil auf der hilfslosercn Lage gewisser Schichten der Arbeiterklasse, die ihnen minder als andren erlaubt, den Werth ihrer Arbeitskrast zu ertrotzen. Zufällige Umstände spielen dabei so große Rolle, daß dieselben Arbeitsorten den Platz wechseln. Wo z. B. die phhsische Substanz der Arbeiterklasse ab- geschwächt und relativ erschöpft ist, wie in allen Ländern entwickelter kapitalistischer Produktion, verkehren sich im Allgemeinen brutale Arbeiten, die viel Muskelkraft erfordern, in höhere gegenüber viel feineren Arbeiten, die auf die Stufe einfacher Arbeit herabsinken, wie z. B. die Arbeit eines bricklayer(Maurer) in England eine viel höhere Stufe einnimmt, als die eines Damastwirkcrs. Auf der andren Seite sigurirt die Arbeit eines fustian cutter's(Baumwollsammtschccrers), obgleich sie viel körperliche Anstrengung kostet- und obendrein sehr ungesund ist, als„einfache" Arbeit. Uebrigens muß man sich nicht einbilden, daß die sogenannte „skilled labour" einen gnantitativ bedeutenden Umfang in der National- arbeit einnimmt. Laing redinet, daß in England(und Wales) die Ez-istenz von 11 Millionen ans einfacher Arbeit beruht".(S. 188/87.) Man kann, denken wir, nidit deutlicher und präziser reden. Jedes Täuschen darüber, daß Marx sich die heut übliche Unterschcidnng nicht zu eigen macht, sondern sie nur vorführt, um zu zeigen, warum heute die eine Arbeit so und die andere so bezahlt wird, ist direkt ansge- schlössen. Wenn daher Herr Krapotkin bei den Eingangs zitirten Stellen, die er, Gott weiß woher geholt hat, ausdrücklich„auch Marx" hinzusetzt, so hat er entweder Marx n i d> t gelesen, was seine Ge- wissenhaftigkeit als Gelehrter in ein sehr bedenkliches Lidst stellen würde, oder er h a t Marx gelesen, und dann— kann man nickst gerade sagen, daß ersMarx gefälscht hat*), aber er stellt ihn bei den Lesern in ein sehr schiefes Licht, sintemalen er unterläßt zu bemerken, daß wenn die „Kollektivisten", von denen er spricht,„auch Marx" zitircn, um den Unsinn, den er sie sprechen läßt, zu beweisen, sie das sehr zu Unrecht thnu. Wir können uns dieses, sein Verfahren, nun auch ganz gut er- klären, ohne daß wir aber damit sagen wollen, daß wir es auch recht- fertigen könnten. Ans der zitirten Note sehen wir aber bereits, daß Marx sehr weit davon entfernt ist, die Frage der versdiiedenen Grade der Arbeit in der hentigen Gesellschaft rein aus den mechanischen„Produktionskosten" der betreffenden Arbeiter erklären zu wollen. Gehen wir daher auch auf diese Frage etwas ein. Aus Argentinien. B u e n o s A i r e s, 5. November 1889. Die wirthschaftlichen und politischen Zustände dieses Landes sind für den Arbeiter sehr wenig erquicklich. Zwar lockt es jahraus, jahrein einen Strom europäischer Auswanderer an, aber es gesästeht das in- folge aller möglichen Wittel der Reklame. Die Einwanderer selbst finden sich sehr bald enttäuscht durch die hohen Wirths- und Lebens- mittelprcisc, den verhältnißmäßig geringen Lohn und eine Polizei- Willkür, die in dieser Republik fast ärger als im reaktionärsten monarchistischen Staate sick; breit macht. Indem wir uns vorbehalten, die wirthschastlickien Zustände Argentiniens in einer späteren Korrespon- denz zu schildern, wollen wir den Lesern dieses Blattes heute nur einige polizeilickie Willkürlichkeiten ans dem politischen Leben dieses Landes mittheilen. Argentinien hat nach den Versicherungen der Propagandaschriften für die Einwanderung die freieste Verfassung der Welt, die das Wahlrecht VersammlnngSredit, Preßfreiheit w. garantirt. Leider steht das alles nur auf dem Papier— in Wirklichkeit sind diese Rechte für alle die- jenige», die nickst mit dem herrschenden System durch Dick und Dünn gehen, todter Buchstabe. So wird es z. B. der Oppositionspartei gegen die Regierung des jetzigen Präsidenten I n a r ez Celman unmöglich gemacht, sich in die Wahllisten einzuzeichnen, so daß sie, die bei freier Ausübung des Wahlrechts höchst wahrscheinlich fiegcu würde, gar nicht zum Wähle» gelangt und es jedenfalls noch vorher zu blutigen Kämpfen kommt, weil die Regierung ihre Gewalt mißbraucht. Wenn die'Arbeiter bei den geradezu absurd gestiegenen Wohnnngs- und Lebensmittelpreisen, dem bis über die Hälfte entwcrthcten Papier- geldc(Goldagio gegenwärtig 215—220) höhere Löhne fordern und sich zur Verständigung versammeln wollen, so liegt es ganz ini Wille» der Polizei, ob sie zusammenkommen dürfen oder nicht. In zahlreichen Fällen wird ihnen das unmöglich gemacht und Verhaftungen sind bei solchen Gelegenheiten sehr häufig. Auch die absolute Prcßfrciheit ist hier durch die Verfassung garantirt. Wie sie gehandhabt wird, das haben wir erst dieser Tage in nächster Nähe erfahren. Das seit drei Jahren hier erscheinende deutsche Arbeiterblatt„Vorwärts" brachte am 26. Oktober einen Leitartikel mit der lleberschritt„D r. C e l in a n n rüstet". Tarin wird ausgeführt, daß der Präsident der Republik in Europa für 20 Millionen Pesos(100 Millionen Fr. Papier) Gewehre und Kanonen bestellt, während Argentinien mit allen Ländern Süd- Amerikas im tiefsten Frieden lebt. Da jetzt schon die innerhalb der nächsten drei Jahre zu vollziehenden Wahlen für den Kongreß und den Präsidenten der Republik beginnen und die herrschende Partei sich durch ihre Mißwirlhschaft ganz allgemein verhaßt gemacht hat, so sei *) Denn er hütet sich, ihn selbst sprechen zu lassen. Jeuilreton. Eine Banernrevolte vor hundert Jahren. (Schluß.) Aber ganz so leicht sollte es doch nicht immer gehen: „Der zweite Vorfall lief crnsthaster ab. Die Mißvergnügten in der Gegend von R o ch s bürg hatten nicht allein sich gegen ihren Herrn, den«trafen v. Schön bürg, empört, sondern auch beschlossen, sich thätlich an ihm zu rächen, und ihn in seinem Schlosse zu Rochsburg zu überfallen. Sie vereinigten sich mit den Einwohnern der Stadt B u r g st ä d t e l, und rückten, 1200 an der Zahl, auf das Schloß. Der Graf war noch zeitig genug gewarnt worden, und entflohen. Die Auf- rührer konnten also ihre Rache nur am Schlosse auslassen, wo sie Alles ruinirten, was ihnen unter die Hände kam. Unterdessen hatte der Graf, um ihrer Wnth Einhalt thnu zu können, sich von einem Rittnicister des Regiments Ehursürft Kürassier, der in der Nachbarschaft stand, Hilfe ansgebetcn. Der Rittmeister, welcher seinen Posten nicht zu sehr entblößen wollte, komniandirte zu dieser Expedition nur einen Ossizier und dreißig Mann, Dieses kleine Kominnndo, als es sich dem Schlosse näherte, wurde gewahr, daß die Aufruhrer sich in Reih und Glied stellten, und Miene machten, dem Kommando, das auf dem schmalen Wege den Berg hinauf marschirte, den Eingang ins Schloß zn verwehren. Der Offizier, der Lieutenant v. Lichtenhayn, merkte nun wohl, daß er hier ohne Gemalt nichts ausrichten würde. Doch versuchte er gilt- liches Zureden, und bat, dem Kommando Platz zu machen. Allein statt der Antivort schleuderte man eine von jene» Knittelkculen nach ihm, die dicht an seinem Kopf vorbei, und dem hinter ihm haltenden Unter- osfizier mit solcher Gewalt auf die Brust flog, daß er rücklings vom Pferde sank. Eine Minute Zögcrnng, und ein Hagel von Steinen und Knitteln hätte das ganze Kommando von der Höhe herab z» Grunde gerichtet: allein der schnelle Entschluß des braven Offiziers ließ ihnen nicht Zeit dazu. Im Augenblicke des Knittelwnrfs ergriff er die Pistole, feuerte sie ab, und setzte mit verhängtem Zügel in den dicksten Hansen der Aufrührer. Seine wackere Mannschaft folgte seinem Beispiel; sie schoß ihre Pistolen ab, und sprengte mit blanken Säbeln unter die Tollkühne». Ein großer Theil, besonders die Bürger von Burgstädtel*), *) Die Bürgerschaft zu Burgstädtel hat in einer öffentlichen Zeitung gegen den Herrn Lieutenant von Lichenroth sich sehr nngebchrdig angestellt, daß er in seinen Fragmenten, die Sächsischen B a n e r n- Ii» r n h e n betreffend(Dresden und Leipzig 1791. Oktav, nahmen sogleich die Flucht. Die übrigen, die sich zn widersetzen und mit Steinen und Knitteln zu wehren wagten, wurden mit Gewalt zu Paaren getrieben. Einige zwanzig wurde» verwundet, jedoch nur wenige gefährlich. Diese belden Vorfälle, vom Gerücht vergrößert und ausgeschinückt, dämpften den Unfug, und löschten das Feuer der Empörung in manchem schwindelnden Kopf aus, der nur den Ausgang abgewartet hatte. Der Bauer wurde überzeugt, daß er es mit treuen Denlschen, und nicht mit eidbrüchigen Neu-Franken zu thnu habe. Und sein Leben und seine heile Haut waren ihm zu lieb, nni beide muthwillig daran zu wagen. Als daher bei Freiberg einige Tausend Bauern an ihren in die Stadt ge- flüchteten Gerichtsdirektor ein Schreiben voller Drohungen abschickten, bedurfte es bloß folgender ebenso lakonischen als kräftigen Antwort des Konlinandanten, um sie zur Vernunft zurückzubringen: „An die Rcbelkc» zu Gersdorf." „Ihr habt cnrcm Gerichtsdirektor geschrieben, daß ihn viele Tausend Bauern trotz aller Gegenwehr der Garnison, mit Gewalt herausholen würden. Diese Drohung ist mir sehr lächerlich; ich werde euch gclviß zu euipfangen wissen. Ihr könnt euch aber bic Mühc ersparen, hierher zn kommen; denn wofern ihr nicht bald ruhig seid, so werde ich selbst unvermuthet zn euch kommen, und euch durch Kartäischen zu- sammenschicßen und durch Kavallerie zusammenhaneii lassen, daß noch euren spätesten Nachkommeii dieses Blutbad unvergeßlich sein und zur ewigen Warnung dienen soll." Barou von Hiller, GcucrallicuteNNiit. Die versammelten Bauern ließen sich dieses Schreiben von dem Richter laut vorlesen. Sie wurden so bestürzt darüber, daß sie unverzüglich sich zerstreuten, und sich von nun an ruhig betrugen. lind so waren in einer Zeit von acht Tagen die Ilnrnhen unter den sächsischen Landlenten ganz gestillt. Die Unterthanen, nachdem mau sich der Rädelsführer bemächtigt hatte, kehrten von selbst wieder zum Gehorsam zurück, und verrichtctsn ihre Obliegenheiten wie zuvor. In dem Leipziger und Thüringer Kreise hatte der Bauer so keinen Antheil an diesen Empörungen geilommen. Sehr vieles trug auch zn dieser glücklichen Endschaft die ch lirfürstliche Kouihijssio» bei, an deren Spitze sich der Herr Kanzler v. B n r g s d o r f f befand, ein Mann, der mit tiefer Einsicht und mit einem Schatz von Kenntnissen, Leutseligkeit und strenge Biederkeit verbindet, auch bei dieser Gelegenheit davon die glänzendsten Proben gab. Die Kommission priiste bei ihren scchsunddrcißig vorgeuommeuen persönlichen Untersuchungen auf daS Gewissenhafteste die Beschwerden, sowohl der Gutsherren als der Unterthanen; sie ließ letzteren volles Recht widerfahren, wenn das eine sehr lescnSwerthe Schrift, der ich bei diesem Auskatze oft wörtlich gefolgt bin), ihres Anthcils an diesem Aufruhr erwähnt habe. Recht auf.ihrcr Seite war, sie strafte aber auch ebenso unparteiisch die Schuldtgen und Rädelsführer. Die Anzahl der letzteren, die nach und nach in VerHaft gebracht wurden, bclief sich ans 158. Sie wurden, nach der Größe stirer Misscthatcn, mit Fcstnugsbau, Zuchthaus, oder auch nur mir Gesäugniß bestraft. Der Geist der Milde und Güte, der als eine Frucht wahrer Auf- klärung die Verwaltung deutscher Staaten in nnserm Zeitalter bezeichnet, wirkte auch hier. So wie die ganze Stillung des Aufruhrs niemand das Leben gekostet hat, so wurde auch keiner der Verbrecher nach der Strenge des, Gesetzes behandelt. Selbst die auf dem Festungsbau und im Zur r- Hanse befindlichen Aufrührer machcn daselbst eine eigene Klasse ans, und tragen die gewöhnliche Kleidung solcher Gefangenen nicht. Sie sind von ihnen, auch bei der Arbeit, abgesondert, und diese Arbeit ist leidlich, und dient mehr zur Erhaltung ihrer Gesundheit. Sie haben zwar ein Eisen am Fuße, es ist aber leichter als das Eisen andrer Bangefangcnen. Einige, welche zur Ilntrrhaltniig ihrer zahlreichen Familie in ihrer Hcimath ganz niiciitbehrlich waren, sind sogar zu den Ihrigen wieder entlasse» worden, doch müssen sie dort das Eisen am Fuße so lange tragen, als die Zeit der ihnen zuerkannten Festniigsstrafe dauert. So wie der Ehurfürst sein treues Militär belohnte, so beloonte er auch durch Beschenkungen mit goldenen Huldigimgsmcdaillen, mit 20, 40, 60 und mehr Stück Virariatsthalern, verschiedene einzelne Bauern. die sich in aufrührerischen Dörfern weder durch die Drohungen noch Mißhandlungen der Menge, von ihre», Gehorsam und ihren Pflichien hallen abspänstig machen lassen. Und dieser Beispiele sind nicht wenig. Tie ganze Gemeinde Schönau im Amtsbezirke C h e m n i tz, die mitten unter vier der nnruhiasten Dörfer lag, ließ sich von dem allgeineiiien Scluvindelgcist doch nicht fortreißen, sondern ivies die Abgeordneren mit Verachtung von sich, und beschloß, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, wenn die Aufrührer ihre Drohungen in Erfüllimg bringen woll ten. Der Ehurfürst vergalt ihre Treue durch Schenkung einer ansehnlichen Geldsnminr. Indem ich diesen Aussatz schließe, kann ich mich nicht entbrcchen, eine Anmerkung über das ausfallende Stillschweigen der meisten dcittsckicn Zeitungen zu mächen. Sie, die so eifrig selbst die iinverbürgtesteii Ge- rüchte von Volksausruhr, Meuterei, Revolittious-Gräuelii, Ungehorsam;c. verbreiten und nacherzählen, sie schweigen so ganz von dem schönen einen- volltn Muster der Kriegs-ucht und Treue deutscher Krieger, dem Pflicht- effer cinzelncr Unterthanen, und der Eittsckstosscnheit und'Milde res Landesregenttli, welches ein Feuer in der Asche erstickte, das bei einer andern Behchidlung leicht in volle Flammen hätte ausbrechen, und durch seine Snisteckimg ganz Dentschland in den chaotischen Zustand der franzö- sischc» Anarchie versetzen können. Kaum daß jene Zeitungen die Tilgung dieser Unruhen mit ein Paar Zeilen bemerkten." * �* reiztheit über die qu. Notiz, und entschuldigt die Heftigkeit ihrer Ant- wort. Aber ungerechtfertigt bleibt dieselbe deswegen doch. ES sollte Niemand verdächtigt, Niemand das Recht streitig gemacht werden, eine selbstsiäildige Meinung zu haben, und sie in sachlicher Weise geltend Zu machen. Wir wiederholen, dazu wurde der„Sozialdemokrat" sich nicht hergegeben haben und wird er sich auch in Zlikuuft nicht hergeben. Und mit dieser Erklärung denken wir die Genossen zufriedengestellt. — Im Elberfeld«; Prozeß,— so schreibt man uns— der un- mittelbar vor den Feiertagen in ein rascheres Tempo gekommen ist, wird das Urtheil vielleicht schon gesprochen sein, wenn diese Zeilen im Track erscheinen. Nene Momente wesentlicher Art sind zu den alten bekannten nicht lnnzngetrcten. Schmutz und Koth— Koth lind Schmutz. Alle möglichen Unsanberkeiten werden aufgewühlt, nur um den That- bestand zu verdunkeln, dag die Anklage auf den denkbar schwächsten Füßen ruht und die Belastungszeugen einander an Unglanbwiirdigkeit überbieten. Der R ö l l i n g h o s s— und das ist der wichtigste Erfolg der Verthcidignng— ist in der letzten Woche v o l l st ä n d i g entlarvt worden als Lockspitzel und D Y n a m i t h e l d im D i e n st e der Polizei. Der Beweis für das Vorhandensein einer geheimen Vor- bindnng ruht, nachdem �Vertrauensmann" Weber beschworen hat, daß er die Polizei angelogen, ausschließlich auf den Aussagen dieses Lockspitzels und Dynamithelden, eine Art Zlvillingsbruder des Belgier P o u r b a i x, der nur durch die Klugheit der rheinischen Arbeiter, die ihm von Ansang an mißtrauten, daran verhindert wurde, eine ebenso hervorragende Rolle zu spielen. Für den allgemeinen Geheimbund, als dessen Agenten die Anklage Bebel und Grillen- b e r g e r hinzustellen sucht, liegt auch nicht der Schatten eines Be- weises vor; und bei diesem kläglichen Znsammenbruch der Anklage haben die Urheber dieses Monstre-Skandalprozesses es nöthig befunden, die öffentliche Aufmerksamkeit von dem Hauptpunkte abzulenken und einen kleinen N e b e n s k a n d a l zu veranstalten, indem man drei Zeugen der Vertheidigung in Widerspruch mit beschworenen Aussagen verwickelte und sie nun als Meineidige hinzustellen sucht.(Wir haben bereits in voriger Nummer darüber berichtet. Red.) Ob und inwieweit die betreffenden Zeugen sich eines Vergeheus schuldig gemacht haben, das entzieht sich meiner Bcurthcilung. Ganz gewiß ist aber, daß der schwörende Kammhoff, der, ein zweiter Atlas, die Anklage in diesem Riesenprozeß auf seinen Schultern trägt, schon hundertmal der beeidigten Unwahrheit, also des Meineids überführt worden und bis Dato völlig unbehelligt geblieben i st. Nachschrift. Nur nicht bescheiden— das war das Motto, nach dem der große Prozeß in Elberfeld eingeleitet wurde, nur nicht bescheiden— die Maxime, nach der von allen Hiimnelsrichtnngcn her Material zusammengeholt wurde, dessen Masse die Beweiskraft liefern sollte, die jedem einzelnen„Beweisstück" abging, und— nur nicht bescheiden, das ist auch das Lcibmotiv des staatsanwaltlichen S t r a f a u t r a g e s. Die Strafen, die Herr P i n o f f dem Gerichts- hos vorschlug—„vorschlagen" nennt man es ja wohl auf den Messen? — sind nicht nur an sich exorbitant, sie zeichnen sich auch dadurch aus, daß sie um so höher lauten, je weniger Material gegen den Einzelnen bei- gebracht worden. Bebel, dem auch nicht die leiseste Verbindung mit der angeblichen Organisation im Wupperthal— wir sagen nicht nach- gewiesen, sondern selbst nur nachgesagt werden konnte, ist von Hrn. Pinoff'mit dem höchsten Strafsatz bedacht worden: 15 Monate G c f ä n g n i ß! Kein Mensch kann darüber im Zweifel sein, daß neben dem Bestreben, sich nach oben beliebt zu machen, niedrige Rachsucht dafür bestimmend war die Wnth des elenden Strebers dar- über, daß Bebel in geradezu meisterhafter Weise das Gewebe von Lug und Trug zerrissen, das Herr Pinoff so eifrig znsaminengepfuscht, um den„großen Prozeß" zustande zu bringen. Nach Bebel G r i l I e n b e r g e r, der in Nürnberg so viel' mit den Elberfelder Lokal-Augelegenheiten zu thun hatte, wie irgend ein auswärtiger Gesinnimgsgcnosse irgend eines Bewohners von Elberfeld. Er soll für nichts und wieder nichts 12 Monate hinter Schloß und Riegel. Und ebenso H a r m, dessen Verbrechen darin besteht, Abgeordneter van Elberfeld zu sein, sowie vier weitere Auge- klagte. Und so weiter: gegen 32 Angeklagte wird Gefänguiß von v bis li Monaten, gegen 25 je drei Monat Gcfängniß beantragt u. s. w. TelbstG. Schuhmacher, der sich, als ewhl.ch.i.el>elwea:.Geauer des .Sozialdemokrat" bekannt, soll auch sechs Monate iu's Gefäng- niß— warum? Das wissen die Götter. Um den„Schein" zu wahren, wird für fünf Angeklagte Freisprechung beantragt. Soweit die letzten Nachrichten. Und wofür alle die vorher angeführten Strafen? Für eine angeb- lich„geheime Verbindung", die, wenn sie im Wupperthale wirklich bestand, mit Wissen der dortigen Polizei bestand. Ihre Agenten standen im e n g st e n V e r k e h r mit den meisten der Angeklagten, sie waren überall dabei, und stachelten zu eifriger Thätigkeit an. Be- stand im Wupperthale eine Verbindung, dann gehört als jahrelanger Mitwisser und Förderer Herr K a m in h o f f auf die A n- klagebank. Herr Kammhoff und das ganze Heer seiner amtlichen u»d nicht amtlichen Hintermänner. Aber sie bleiben unbehelligt, wie Ehren-Kammhoff und seine Gewährsmänner unbehelligt bleiben trotz aller F a l s ch- E i d e, die sie geschworen. Für sie gibt es keinen Staatsanwalt, für sie wird Herr Pinoff zum besoldeten Vertheidiger. Ter Ankläger von Ehrenmännern, der Vertheidiger von m e i n c i d i- gen Schurken— was für ein Rechtshüter, der sich in solcher Rolle wohl fühlt. Soviel bis jetzt ersichtlich, wird das Urtheil wahrscheinlich erst nach So unser Hofrath. Ob die gefangenen Aufständischen wirklich mit so großer„Milde und Güte" behandelt wurden, wie er oben erwähnt, scheint mis" mindestens zweifelhaft. Wenigstens war die Art, wie man zu jener Zeit mit gefangenen Rebellen verfuhr, wie überhaupt die Strafrcchtspraxis, nichts weniger als„mild". Etwas hatte freilich die von Frankreich ausgehende Strömung auch auf Deutschland zurück- gewirkt man schwärmte auch jn Deutschland für Rousscan und die En- zyklopädisten und konnte dies nm so eher thnn, als es politisch weniger bedenklich war Anderseits mag die in den Schlnßzeilen des Berichts indirekt eingestandene Angst, daß die Bewegung sonst erst recht um sich greifen könnte allerdings es den Herrschenden nahegelegt haben. die Sache nicht zum A-ußersten zu treiben, zumal die Tinge m Frankreich sich immer bedenklicher zaspitzten und am Rhein sich bereits zeigte, daß daß auch Deutschland nicht absolut gegen den„neuen simnk.schen" Geist geschützt war. Und schließlich war der Bauer als Arbeitsvieh viel zu werihvoll, als daß es sich nicht gelohnt hatte ihm„das Leben zu schenken", damit er- das Eisen am Fuß- wieder in der Heimath schanzen konnte. Erschießungen m größerem Umfange hat es also auch wirklich kaum gegeben, ob aber nicht Einzelne doch haben dran glauben NlWen davon schweigt des Tangers Höflichkeit. Ebenso schweigt er— und zwar wohlwcMich— über die Beschwerden der Bauern Daß sie durchaus nicht nnbcgrundet waren, muß er jedoch zivbeii so sauer es ihm freilich ankommt. Aber was hieß damals ii�auvt begründet oder unbegründet? Der Fendallsmus mit allen seinen Qärten iur den Bauer» bestand ia noch„zu Recht", es war das t?-.st>�es GU.''errn, Wild zu halten, welches des Bauern Felder ab aß und den Bauer zu strafen der sich dieser g-sräßig-n Besucher Mit d-'r Büchse in der Hand erwehrte— es war seine Jagd-„Gerech- Weit"! Und solcher„Rechte" hatte � er unzählige. Nur. wo er sich u ftfiS s!.. 55,0112 die Bancrn zu schädigen oder zu schinde» erfrecht noch über sie 9« flfe„berechtigt" erkannt. Man ermesse darnach, wie arg' es die Herrschaften h�um�w-mi.di- -hatte, wurden ihre Bauern, die sich mit Knütteln ihrer Haut wehrten, ,?M�!an im Ü. recht" ivaren. Ter oben abgedn.ckie Brief des frechen „nicht ganz im u j Geist damals unter diesen„Edelsten °°" H'�� Da.na!s" ist vielleicht zu viel gesagt, denn auch Geister dieses Schlages, wie M anch der Brief eine und Besten" herrschte. ./»ie mliälkcit zeigt mit einer geivissen Schießrede. Ä nnf einem andern Kapitel. Hier wollen wir mir die Bist,«« daß kaum ein Jahr nach Ausbruch der französischen �hat ache vorführen, Deutschland eine. wenn auch schwache MlckiRrknna bei den Bauer«. der damals gedrücktesten Klasse, hatte. i->« Vcrnrl heilte» zeigt, da,; sie immerhin einer gewissen Tw Zahl, von loS�„flinciiffich wenn man die schlechten Kommu- P--i.isch- m.d sonstige Bildung bedenkt. den Feiertagen verkündet werden. Möge es ausfallen, wie es wolle— die. Staatsanwaltschaft und die Polizei haben schwere Niederlagen er- litten. Und es fragt sich bloß, ob die Jilstiz sich selber das gleiche Schicksal bereiten wird oder nicht. Die Angeklagten sind und bleiben die Sieger, gleichviel ob verurtheilt oder freigesprochen. — Damit die Infamie vollständig sei, hat Herr Pinoff gegen alle, die er besonders auf's Korn genommen, d. h. mit mehr als zwölf Monaten Gefängniß bedacht hat, sofortige Verhaftung bean- tragt. Weihnachten steht ja vor der Thür, und Herr Pinoff wäre kein guter Anhänger der„R e l i g i o n der Lieb e", wenn er seinen Feinden nicht das Weihnachtsfest gründlich verdürbe. X. Der Vergleich der gegenwärtigen Weltlage und Geisterbewe- gung mit der Weltlage und Geisterbewegung vor A u s b r u ch der französischen Revolution ist schon oft gemacht worden, und wenn wir von der Verschiedenheit des Wesens und der Ziele der Be- wegnng absehen, ist die Aehnlichkeit eine frappante. Ein wichtiger Unterschied wird eben bei dem ersten Vergleich meistens nicht beachtet: nämlich, daß das B ii r g e r t h n m vor Ausbruch der französischen Revolution das geistige Leben der Welt b e- herrschte, und in Kunst und Wissenschaft bereits die höchste Bluthe erreicht hatte. Von der modernen Arbeiterklasse kann das nicht gesagt werden. Wohl beherrscht der sozialistische Gedanke heutzutage die Welt schon ähnlich, wie vor der srauzösischen Revolution die Ailschauungen des bürgerlichen Liberalismus sie beherrschten, allein es hieße sich einer argen Selbsttäuschiiiig hingeben, wollten wir be- hauptcn, daß das Proletariat in seiner Gesammtheit, oder um präziser zu sein: in seiner Mehrheit eine annähernd gleiche Höhe der geistigen Entwicklung erstiegen habe, wie das Bürgerthum vor dem Ausbruch der französischen Revolution. Es ist das ein Moment, auf welches aufmerksam gemacht werden muß, damit gefährlichen Jllusioneii vorgebeugt werde. Nicht daß wir der Meinung wären, das Proletariat als Klasse müsse, nm regienings- fähig zu werden, d. h. um die Verwaudluug des heutigen Klassenstaates in die sozialistisch organisirte Gesellschaft dllrchznfiihren, erst auf die gleiche Höhe der geistigen Entwicklung gelangt sein, wie das Bürger- thnm von 1789. Das hieße das Proletariat zn e w i g e r K n e ch t- s ch a f t vernrtheilen, denn gerade die heutige Gesellschaftsordnung hin- dort es ja daran, sich auf eine solche Höhe der geistigen Entwicklung emporzuschwingen. Allein nothivendig ist doch, daß die geistige Entwicklung des Proleta- riats noch b e d e n t e n d gefördert werden muß, ehe es im Stande ist, die Erbschaft der Bourgeoisie anzutreten. Wohl kann ein Handstreich, eine glückliche Straßcnschlacht für den Augenblick dem Proletariat die politische Macht in die Hand geben— was ist aber damit erreicht, wenn die zur Umgestaltung der Prodnk- kionsverhältnisse und des ganzen politischen und sozialen Organismus nnentbehrlichen Kräfte nicht vorhanden sind? Die sogenannte Februar- Revolution stürzte Louis Philippe, den„Bürgerkönig" und in seiner Person das politische Regiment der Bourgeoisie. Und das Pro- l e t a r i a t war es, das jene siegreiche Revolution machte. Doch, was wurde erreicht? Das Proletariat hatte nicht die genügendcii� geistigen Kräfte, um die öffentliche Meinung zu beherrschen und seinen Sieg ans- ziibeiiten: die Bourgeoisie erholte sich bald von ihrer Niederlage, und stieg, über die blutigen Leichen der I u n i i n s u r g e n t e u hinweg, wieder auf den Thron, feierte Orgien, neben denen die des Bürger- köiiigthums farblos und nüchtern erscheinen, und— sitzt noch heute ans dem Thron. Das beweist, daß Augenblicks-Schläge, Ueberrumpelimgcii ivohl für den Moment die äußere Gestalt der Dinge verändern können, die Grundlage der Bourgeoisie-Herrschaft aber nicht zu erschüttern vermögen, und einen dauernden Einfluß auf die Entwickelung nicht haben. Hieraus ist die Lehre za ziehen, daß die Arbeiterklasse fortwährend darauf bedacht sein muß, dieSumme ihrer intellektuellen Kraft durch Vertiefung in die Ideen des Sozialis- mus und diirchVerbreitung derselben zu vermehre». Als sicherer Lohn dieser geistigen Arbeit winkt der Sieg— die Eman? zipatiou des Proletariats. — Die preußische Pest richtet von Jahr zu Jahr größere Ver- heerungen in Deutschland an. Wie ein Krebs greift sie nm sich und ein Glied des deutschen Volkskörpers nach dem andern fällt ihr zum Opfer. Ehedem, bevor die glorreiche„Einigung Deutschlands unter preußischer Spitze" vollzogen war, gab es in den deutschen Landen noch hier und da ein Fleckchen, wo weder die Pickelhaube noch der Polizei- kniippel regierten, wo ein Hauch moderner Freiheit wehte. Das ist aber in den 19 Jahren gründlich anders geworden. Gerade ans diese Punkte hat das Berliner Ranbthier mit besonderer Hartnäckigkeit sein Auge gerichtet— hier mußte erst recht die preußische Militär- und Polizenvirthschaft eingepflanzt werden. und zwar in so starker Dosis. daß die beglückten Bewohner mit einer gewissen Sehnsucht nach dem Lande schauen sollten, wo die Geister, die sie plagen, zu Hanse sind. I» Sachsen, in Baden, in Hessen weiß man eine lange Litanei davon zu singen. Neuerdings haben wir auch ans den Thüringischen Klein- staaten das Lied gehört, und gerade jetzt wieder macht durch die Presse eine Rotiz über Soldatenschinderei in Gotha die Runde, die zeigt, wie stark dieses einst so freie Ländchen nnter der stillen Mitwirkung des„liberalen" Schiitzenherzogs verprenßt ist. Sie ist dem deiitschfrcisinnigen„Gothaischcn Tageblatt" entnommen und lautet: „Die nnter dem Samiiielnamen„Soldatenschindereien" ebenso bekannten als mit Recht unbeliebten Vorgänge lassen sich iiiiter drei Rubriken bringen. Die erste wird von m o r a l i s ch e n M i ß- Handlungen ausgefüllt, d. h. von einer Behandlung, die jeden Mann von Ehre lind Rechtsgefühl mit einem tiefen Ingrimm erfüllen muß ,- der nur von der eisernen Disziplin des Heeres zum Schweigen gebracht werden kann. Wir sind ihr nicht unterstellt und geben daher eine kleine Blnmenlese der bei d c m h i e s i g e n B n t a i l l o n vor- gekommenen Schimpfwörter, wobei wir bemerken, daß die in Klammern beigefügten Name» rechtmäßiges Eigenthnm nicht der Beschimpsten, wuoeni der sc!, impfenden sind. Danach dienten allein beim hiesigen Bataillon ein„V e r f l n ch t e r S ch u l m e i st e r"(Lieutenant Gener), cw!.!' dvieh v o n P r o f essio ii"(Feldwebel Beck), ein„Lump" (Unterofstzser Wunderlich), ein„K a in e e l"(Feldivebel Beck), noch ein „Rindvieh(Feldwebel Magk), ein„Ochs"(Feldwebel Beck), ein „infamer Lu mm el"(Lieutenant Geyer), und eine Anzahl„Ver- flucht e r« ch n l a m t s k a n d i d a t e n". Ein Theil der gothaischcn Kasernenhofbluthen ist so übel duftend, daß wir uns nicht entschließen können, sie unsern Leiern unter die Rase zu halten. Eine andere Art der Quälerei ist die Uebertreibung jener Anstren- gungen welche irnt Recht für die kriegstüchtige Ausbildung der Truppen gesordert werden. Mit dieser lleberbürdnng ist gewöhnlich die moraliiche Mißhandlung verbunden. Ein Betspiel! Eines Morgens war man um? Uhr nach dem Krähnberg ailsgerückt. Auf dem Ruck- manch— Uhr—•verlangte Herr Lieutenant Geyer von den er- matteten Wkannschasten, sie sollten singen, und da sie das seiner Ansicht nach nicht kräftig genug thaten, so wurde vom Berggarten an noch ein Uebungvinarsch über die Felder bis zur Eisenacher Straße niitcr- nominell und dann der Befehl: Run singt!" wiederholt mit der Auf- muntemng:„Wart H a l l u n k e n, ich will's Euch zeigen, meine Knochen koitet s nicht, die halten's ans." Ein anderes Beispiel! Auf dem Goldbacher Schießstand wurden von einigen Soldaten die Schieß- bcdiiigiingen nicht erfüllt. Zur Strafe mußten die schlechten Schützen mit sandle»«» im Tornister zwei Stunden lang bis zur völligen f?11'' Laufschritt bis zur Chaussee und wieder langsamen schritt bis an den Schießstand machen. Ob sie wohl dann lauter Punkte schollen t Wir glauben es nicht, trotz der erinnnternden Worte des Herrn Lieutenants Geyer:„Holt den Hall unken den f.5 � i a?"HJ: apfen Blut ans d e ni L e i b e!" Ein drittes Bei- lviel. Am Tage der Vorstellung mußten zirka 19 Mann nachexerzieren aaa 1—- N/ihr, weil sie Verschiedenes nicht recht gemacht, Einer z.B. die Augen im Kopfe gerührt haben sollte.„Infamer Lümmel, fuhr dielen.verr Lieutenant Geyer an,„ich verlange voni Feldwebel, daß die Leute heute Nachmittag„warm gemacht" werden.".... Es wird gewiß Niemand bestreiten wollen, daß an die Wehrpflichtigen unter der �jahne hohe körperliche Anstrengungen gestellt werden müssen, besonders bei kurzer Ilebnngszeit. Slber es sollte bon Herren, die seit Jahren daran gewöhnt sind. ihren Degen auf dem Exerzierplatz spa- zieren zu trage», doch berücksichtigt werden, daß für Männer, die auS andern Berufsarten koinincii, die Leistungsfähigkeit nicht im Hand- umdrehen auf die gleiche Höhe gesteigert werden kann. Einen erschüt- ternden Beweis dafür erbrachte der jähe Tod des Herrn Leh- r e r s Renß ans Coburg, der noch zusammenbrach, als ihm schon die Stunde der Erlösung winkte. Bei einer solchen Anspannung aller Kräfte sollte man wenigstens das moralische Element, das dabei eine sehr wesentliche Rolle spielt, nicht durch wegwerfende Aeußerungen und Beschimpfungen erschüttern! Und wenn es nur immer bei Beschimpfungen bliebe. Aber es tritt noch die körperliche Mißhandlung hinzu. So wurden z. B. als die Mannschaften etwa 3 Wochen dienten, bei einer Spindrevision Stiefel mit schnintzigeu Sohlen gefunden, ivofür der betreffende Unter- offizier vom Feldwebel einen Rüffel erhielt. Was that nun der Unter- offizier? Er kommandirte dem Frevler:„Arme vorwärts streckt! Rumpf vorwärts beugt!" Einer der Soldaten hielt dem Delinquenten den Kopf und die 24 M a u u der Stube mußten dem Kameraden auf Befehl Jeder etiva 5 Stockhiebe auf einen dazu ge- eigneten, aber nicht bestimmten Körpertheil aufmessen. Wer nicht mit- geprügelt hätte, wäre selbst geprügelt worden. Hammer oder Ambos! Die Wahl ist nicht schwer, aber die Versündigung an dem widerrechtlich Geprügelten, an denen, die zu dieser Brutalität koinniandirt waren, und an der Disziplin der Armee ist schwer. Dieser Fall ist von den uns mitgetheilten glücklicher(!) Weise der empörendste: aber er ist leider nicht isolirt. So mußte z. B. ein Soldat, der bei den Hoch- sprungiibnngen im Trockenbaus gelacht hatte, so lange— unter Bewachung durch einen Gefreiten— in der Kniebeuge verharren, bis er zusammenbrach. Ein anderer wurde beim Gewehrappell vom Unteroffizier mit der Gewehrmündung so vor den Magen gerannt, daß er umfiel. Ebenso wurde er in der Jnstruktionsstunde vor den Magen getreten, daß er vom Sitze siel. Und iven» die Ersatzreservistcil beim Exerzieren so i n' s Gesicht geschlagen waren, daß die Rase blutete, dann wurden sie noch mit den Worten verhöhnt:„Sauf nicht so viel Bier, dann hast Du kein N a s c n b l u t c n." Ucber andere Mißhandlungen wird bei uns gegen einen gewissen„Dienst" geklagt. Auch wird Beschwerde geführt über Schmarotzer und Anbettelet von Seiten der Vorgesetzten und ein Fall namhaft gemacht, wo 6 Fla- scheu Bier verlangt wurden." Jeder Kommentar zn diesen viehischen Brutalitäten ist überflüssig, sie müssen selbst das Blut des Gleichmüthigsten aller Glcichmiithigcn in Wallung bringen. Aber das ist freilich heute auch Alles, was folgt. Ehedem würde ein solcher Stnrnl der öffentlichen Entrüstmig sich er- hoben haben, ziimal die Mißhandelten meist der bürgerlichen Klasse angehören, daß die Behörden gezwungen gewesen wären, ihnen Geiiiigthuimg zu verschaffen, heute—„beklagt" mau die Vorfälle und macht eine Fällst in der Tasche. Wer sollte es auch wagen, sich gegen de» allmächtigen Militarismus aufzulehnen, der das Dcusche Reich unter seiner eisernen Faust hält? Schon das bloße Jammern über seine Heldenstücke ist ungehörig, und— wartet nur, ihr Kleinstaaten, man wird es euch ebenso austreiben, wie man es den beglückten An- gehörigen des preußischen Staates ausgetrieben hat. Vor Gericht mit dem frechen Redakteur des„Gothaischen Tageblattes", man strafe ihn empstndlich, damit er es nicht noch einmal wagt, sich in militärische Angelegenheiten z» mischen, die er nicht versteht, n»d die Keinen was angehen, als die Vorgesetzten der Unteroffiziere. Verstanden?! — Hier das Militär— dort die Polizei. Haben wir im Vorstehenden gesehen, wie die preußische Art der„militärischen Päda- gogik" in ganz Deutschland sich immer tiefer einfrißt, so zeigt eine gleichzeitig ans Mannheim gemeldete Thatsache, daß der preußischen P o l i z e i p r a x i s in politischen Dingen, die sich in Baden bereits so schön bewährt hat, die Brutalität der Polizei überhaupt dem Publikum gegenüber ans dem Fuß folgt. Man höre mir: „Mannheim, 16. Dezember. Eine Rohheit sonder Gleichen wurde dieser Tage in hiesiger Stadt von einem P o l i z c i w a ch t m e i st e r verübt. Der fragliche Diener des Gesetzes hat nämlich am helllichten Tage einen hiesigen Bürger— Fuhrhalter Bühn— ans der Polizei- w a ch t st II b e in empörender Weise mißhandelt. Der betreffende Wachtmeister, Sahner mit Namen, zitirte nämlich den Fuhr- Halter Bühn, dein er schon seit längerer Zeit nicht gewogen zu sein scheint, ans die Wachtstube nnd hat, nachdem er die anwesenden Schntz- männer weggeschickt, denselben überfallen und ihm das Nasenbein cutzwei geschlagen. Obwohl der Mißhandelte, der krank im Bette liegt, bei der Staatsanwaltschaft Ilnzeige über diesen empörenden Vorfall erstattete, befindet sich der T h ä t e r n o ch i m D i e n st e. Wir sind ncngicrig, wie die Strafe für denselben ausfällt, denn die Empörung ob dieser That ist in der hiesigen Bevölkerung eine allgemeine." Kommentar siehe oben. — Noch einmal daö Reichsgericht an der Arbeit. Man schreibt uns: Der„Sozialdemotrat" veröffentlichte neulich die Mit- theilung deutscher Zeitiingen über eine Entscheidung des Reichs- gerichts, durch welche ein Landgerichtsurtheil in Sachen streikender 'Arbeiter aufgehoben wurde. Jene Mitthcilnngen waren nicht ganz klar— das Einzige, was man daraus mit Bestimmtheit ersehen konnte, war, daß es sich um ein neues Attentat gegen die deutschen Arbeiter handelte. Der Wortlaut jener Entscheidung liegt mir noch nicht vor(inzwischen haben es die Zeitungen veröffentlicht), aber wir wissen jetzt doch genan, worum es sich handelt. Der Sachverhalt ist folgender: Einige Berg- leute, die während des großen Frühjahrsstreiks ihre Kameraden zur Arbeitseinstellung auffordeiten, ivurden wegen Zuwiderhandlung gegen Z 110 des Strafgesetzbuchs, welcher den„Widerstand gegen die Staats- gewalt" ahndet, in Anklagezustand versetzt. Der Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde von den Herren Grubenbesitzern darin gefnnden, daß die Bergarbeiter nach dem Berggesetz erst hätten kiiiidigcn müssen, daß das Berggesetz eine Staatseinrichtung sei, und daß wer sich einer Staatseinrichtung widersetze, sich damit des Widerstands gegen die Staatsgewalt schuldig mache. Das Landgericht wies die Slnklage zurück und sprach die Bergleute frei. Das Reichsgericht hat das freisprechende Erkenntuiß aufgehoben nnd festgestellt, daß die öffentliche Anffordernng zur Arbeitsein- stellnng allerdings strafbar sei und auch unter 8 110 des Reichsstraf- gesetzbnchs fallen könne. Die freigesprochenen Bergleute werden mm in Form Rechtens nach dem Rezepte des Reichsgerichts verdonnert werden, nnd mit dem Koa- litionsr echt ist gründlich aufgeräumt. Es hat den Kapitalisten immer schon im Magen gelegen, nnd seit es vom Reichstag bewilligt worden ist, haben die Polizeibehörden im Dienste des Kapitals unauf- hörlich an der„Untergrabung" dieses Gesetzes gearbeitet. Einen Stein nach dem anderen haben sie abgebröckelt, allein sie arbeiteten den Herrn Kapitalisten nicht rasch genug, nnd da mußte denn das Reichsgericht in Funktion treten. Wann hätte das Reichsgericht je gefehlt, wo cs galt, ein Volksrecht ans den Gesetzen wegzmnterprctircn, n»d ans Gc- setzesparagraphen einen Strick zu drehen für die Gegner des heutigen Klassenstaates? Mit der„Interpretation", daß die„öffentliche Anffordernng" zu einer Arbeitseinstellung strafbar ist, ist das Koalitionsrecht zu dem be- kannten Lichtenberg'schen Messer ohne Stiel und Klinge gemacht. Wie können die'Arbeiter sich„koaliren", d. h. sich zu einer gemeinsamen Lohnforderung event. Arbeitseinstellmig einigen, ivenn nicht öffentlich dazu aufgefordert werden darf? Die Möglichkeit der Vereinigung, der Koalition ist— znilächst für die Bergarbeiter— einfach beseitigt. Und was von ihnen gilt, läßt sich im Handumdrehen auf alle Arbeiter übertragen. Sind sie nicht alle zur lltägigen Kündigung gehalten? Wir wollen»ns über diese neue That des Reichsgerichts des Wei- tercn nicht aussprechen— es hat eben wieder einmal seines Amtes ge- waltet und seine Schuldigkeit gethan. Die Frage ist jetzt bloß, wie wird der Reichstag sich zu diesem Attentat des Reichsgerichts auf ein Reichsgesetz, ein vom Reichstag einstimmig beschlossenes Gesetz verhalten? Wir hatten schon einen ähnlichen Fall. als das Reichsgericht vor 7 Jahren die Stimmzettel für Druckschriften im Sinne des Sozialistengesetzes erklärte, die polizeilich mit Beschlag belegt �verden konnten. Damals erließ der Reichstag ein Gesetz, durch welches stimin- zettcl ausdrücklich vor der Beschlagnahme geschützt wurden. Jetzt müßte efiUii-3 NchulicheS geschehen; in dcis Ncichsgesetz betreffend das Koali- tio recht der Arbeiter müßte ei» PaffuS eingefügt werden, durch Imüch.'s die Interpretation des Reichsgerichts a�n s g e s ch I o s s e n wird. Der Antrag wird von sozialdemokratischer Seite u»zweifelhaft gestellt werden— ob sich aber in diesem Kartellrcichstag eine Mehrheit dafür finden wird? — Ein Staatsanwalt, der feine» Berns richtig erfaßt hat, ist Herr Schulze, mit deni Beinamen Vellinghausen, in B o ch n in. Was ist der Beruf des Staatsanwalts? Auf die Beob- achtnng des Gesetzes zu achten, für das Recht einzutreten und das Un- recht zur Verantwortung zu ziehen, antwortet vielleicht ein naiver Leser. Unglücklicher, hast Du ein Menschenalter geschlafen? Das, was Du sagst, war einmal oder wurde wenigstens einmal geglaubt— lang, lang ist's her— wer aber den Geist der Neuzeit richtig erfaßt hat, der weiß, daß das dummes Zeug ist, Ammenmärchen, durch die kein vernünftiger Mensch sich beirren läßt. Der wirkliche Beruf des Staats- anwalts besteht darin, ein Aufpasser für die Machthaber in Staat und Gesellschaft zu sein, eifersüchtig darüber zu wachen, daß die bestehenden Gesetze so gehandhabt werden, daß wie sie auch lauten, fie unbedingt lencn zum Vortheil gereichen. Ein guter Staatsanwalt darf sich nicht darauf verlassen, wie die Gesetze seinerzeit vom Gesetzgeber gemeint und von der Praxis bisher geübt wurden, er muß es verstehen, in ihnen einen Sinn zu entdecken, ein Wort, eine Phrase so zu deuten, daß sie sich als eine neue Stütze für die bestehende Staats- und Gcsellschafts- Ordnung, das heißt für die Allmacht der Behörden und des Kapitals erweisen. Rur wenn er das versteht, füllt er seinen Posten aus und kann auf Beförderung rechnen, und Heil ihm, Herr S ch u l z-Vclling- hausen versteht es! Das glänzende Beispiel des großen Tcssendorf hat auf ihn seine Wirkung nicht verfehlt, es hat ihn begeistert, und ohne»nS einem übertriebenen Optimismus hinzugeben, glauben wir sagen zu dürfen, daß nach den bisher gelieferten Proben der Schüler zu der Hoffnung berechtigt, er werde den Meister überflügeln, soweit er es nicht jetzt schon gethan. Man höre nur folgendes Rundschreiben des Herrn an die PsUzeiwaltungen seines Amtsbezirks: »In der letzte» Vcrgarbciter-Versammlung ist wiederholt geäußert worden, man werde die Arbeit einstellen und von neuem streiken, wenn nicht die Arbcitcrsperre aufgehoben und die entlassenen Arbeiter wieder angenonimc» würden. Sollte in einem konkreten Falle ein derartiges Auflunen an eine bestimmte Zechenverwaltung gestellt sein, dann liegt der Thatbestand der v e r s u ch t cn E r p r e s s n n g vor(U 253, 43 und 44 Str.-G.-B.), denn kein Arbeiter hat den rechtlichen Anspruch darauf, zur Beschäftigung auf einer Zeche zugelassen zu werden. Die Annahme eines Arbeiters liegt vielmehr in dem freien Willen eines Arbeitgebers; man will also dem Arbeiter einen rechtswidrigen V c r m ö g e n s v o r t h e i l, d. h. einen solchen, der ohne einen be- stehenden Rechtsanspruch erlangt werden soll, verschaffen, wenn man die östchenverwaltungen durch Drohungen, d. h. die Ankündigung der Zu- fiigung irgend eines Ucbels, als welches sich die Einstellung der Arbeit sei es mit oder ohne Kündigung, charaktcrisirt, zu bestimmen versucht, gegen ihre freien Entschließungen Arbeiter überhaupt oder bestimmte Arbeiter anzunehmen. Indem ich der Polizei-Verwaltnng dies zur gefälligen Bcachtnng mitthcile, weise ich zugleich darauf hin, daß das Reichsgericht die diesseitige Auffassung über die Auslegung des � klv des St.-G.-B. nunmehr gebilligt hat. Demnach ist Jeder strafbar, der öffentlich vor einer Menschenmenge oder durch Verbrci- tuug oder öffentlichen Anschlag oder öffentliche Ausstellung von Schrif- tcn oder Darstellnngcn zum Einstellen der Arbeit ohne Jnnchaltung der«iindlgmigsfnst auffordert; denn hierin liegt eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen das Berggesetz. Der Staatsanwalt: Schulze- Vellinghausen." Bravo! Das nennen wir doch noch Justiz! Der hat begriffen und wird es den Arbeitern beibringen, was»Ordnung und Gesetz" heißt. Eine Strcikankiindigung— Erpressung. Streik ohne Kündigung — Widerstand gegen die Staatsgewalt. Auf die Erstere steht Gefäng- niß nicht unter einem Mouat, auf den Letzteren Geldstrafe bis zu lltXl Mk. oder Gcfänguiß bis zu zwei Jahren. Hei, das bringt Euch zur Raison, Ihr Arbeiter! lieber den»Widerstand gegen die Staatsgewalt" siehe die vorstehende Noiiz. Hier einige Worte über die.„Erpressung". Natürlich ist es keine Erpressung, wenn der Fabrikant dem Arbeiter vorschreibt. Du trittst aus diesem oder jenem Verein aus oder marsch, such Dir andere Arbeit. Ebenso ist es keine Erpressung, wenn die Unternehmer Arbeiter, die von ihren Kameraden zu Wortführern ihrer Beschwerden gewählt worden, aus der Arbeit jagen,„Sperre" über sie verhängen. Das ist nur legitime Ausübung des natürlichen Rechts des Ilnternchmers. Genau, wie es keine Wahlbeeinflnssung ist, wenn durch Format und Dicke des Stimmzettels Kontrole ausgeübt wird, wie jeder Bergmann stimmt— was allerdings in Bochum» i e vorgekommen ist. Wie würde sich sonst Herr Schulz-Vellinghausen in's Zeug gelegt haben! Doch nein, keine Ironie— solchen Gemeinheiten gegenüber ist nur grobe Fraktur am Platze. An. den Schandpfahl mit diesem elenden Streber, der das Recht zu verdrehen sucht, um die Schwachen wehrlos der Brutalität der Starken zu überliefern! An den Schandpfahl»lit dem servilen Burschen, der die Justiz verkuppelt zur Dirne der Mäch- tigen und Reichen! An den Schandpfahl mit diesem Agenten schaniloser Rechtsprostitution! Und, wenn er heute für seine schmutzigen Liebesdienste Geld und Ehren erntet— es wird die Zeit kommen, wo die Arbeiterklasse ihn zur Rechenschaft ziehen wird. Auf die Herrenjustiz— Volksjustiz I — Wir thciltcn bereits mit, daß Genosse A. Sabor für den nächsten Reichstag nicht wieder kandidirc» wird. Er ha! diesen Entschluß in solgcudem Brief, der in einer Versammlung sozialisitschcr Wähler in Frankfurt am Main zur Verlesung kam, seinen bisherigen Wählern mitgethcilt: »Au meine Wähler! Von meinen Parteigenossen wurde ich aufge- fordert, die Kaudidatur für Frankfurt wieder anzunehmen. Mein Gesundheitszustand nöthigt mich jedoch, diesmal den Antrag abzulehnen. Den geehrten Wählern, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben, danke ich herzlich und bitte sie, dasselbe auch dein zu meinem Nachfolger in der.Kandidatur bestimmten Herrn W. Schmidt in Frankfurt a. M. zuzuwenden. Derselbe ist mir seit Jahren als ein durchaus zuverlässiger und tüchtiger, ebenso charakterfester wie besonnener Mann bekannt, der nicht nur die sozialen Rechte der Arbeiter, sondern auch die poli- tischen Forderungen der Demokratie mit Eifer vertritt. Möge das deutsche Volk bei den bevorstehenden Rcichstagswahlen eine recht große Zahl Vertreter der entschiedenen Opposition nach Berlin entsenden imd zeigen, daß es die Methode, durch Hilfsmaßrcgeln in kleinem und Unterdrückung in große m Stil die Schwierigkeiten zu heben, als eine verfehlte und allseitig verderbliche anerkennt! A. Sabor." Die Versammlung proklamirte alsdann einstimmig W. Schmidt zum Kandidaten der Sozialdemokratie für den Wahlkreis Frankfurt am Main. — Die Begründung des Strafantrages durch Herrn Pinoff war nichts als eine Verherrlichung des K a m in h o f f und seiner„Zeugen". Alle sind Engel a» Reinheit und Wahrheitsliebe. Niemand ist glaubwürdiger als der„Zeuge" Weber, der nicht nur seine ehemaligen Gcsinnnngsgeiiosseii schmählich hinterging, sondern auch nach eigenen! Gcständniß die Polizei, die ihn gedungen, ab und zu be- iv.,.-» hat. Niemand ist zuverlässiger als der Zeuge M ü n n i ch, von dessen eidlichen Aussagen die Eine die Andere Lügen straft. Nie- man» ist. gewissenhafter als R ö l l i n g h o f f, der die Revoliition »kaum erwarten" kann und sich daher mit Rapporten an— die Polizei die Zeit verlreibt. lind nie hat es einen edleren sittenstrengeren Mann geg de», nie einen Menschen, der so glänzend sich von alldii gegen ihn erhobenen Vorwürfen gereinigt, wie Kammhoff. Tadellos steht er da, ei»„pflichtgctrciier Beamter", wie es keinen zweiten gibt. LKirklich? Keinen zweiten? Und doch ist es uns, als hätten wir schon einmal einen Helden der politischen Polizei so benennen hören. Ach richtig, wie sollten wir ihn auch vergessen! Es war Herr I h r i n g- M a h l o w. Und Herr Pinoff hat s e h r 3techt, wenn cr ans seinen K a m m h o f f dasselbe Beiwort anwendet, wie P n t t- k a m e r ans seinen I h r i n g- M a h l o w. Besser konnte er ihn nicht, besser nicht seinen ganzen Prozeß charaktc- risiien. — Der„Achtstündige Arbeitstag", das vom Pariser Kongreß beschlossene Organ für die A ch t st u n d e n b e w e g u n g, ist nun end- lich erschienen. Die erste Nummer enthält einen Einleitungsartikel des Züricher Exekutiv-Komite, in dem das Programm des Blattes dar- gelegt wird, eine sich an diesen Artikel anschließende Erklärung seines Redakteurs, Genosse E. Wullschlegcr in Basel, einen Artikel über die Achtstunden-Bewegung in Deutschland, einen über die Achtstunden. Bewegung in England und kleinere Mittheilnngen. Dieser ersten Nummer soll noch bis Neujahr eine zweite sola?», UÄ ülZdünn. wenn g-llöx-nde finanzielle Unterstutziina in �.cht steht, womöglich alle vierzehn Tage eine Nummer erscheinen. Bis auf Weiteres wird der„Achtstündige Arbeitstag" in den drei Hauptsprachen: deutsch, englisch und französisch, herausgegeben, und zwar in jeder der drei Sprachen als besondere Ausgabe. Es wäre anbillig, von der ersten Nummer gleich die Berücksichtigung aller Erwartungen, welche an dieses Blatt gestellt wurden, zu verlangen, es ist vielmehr nur natürlich, daß sie im Wesentlichen nur eine Ein- führmig in das Gebiet ist, das die Redaktion zu behandeln gedenkt. In dem Programmartikel heißt es in dieser Hinsicht: „„Der achtstündige Arbeitstag" lautet der Name unseres Blattes, weil der N o r in a l a r b e i t s t a g unzweifelhaft den Kern und Mittel- Punkt jeglicher Arbciterschntzgesetzgebung ausmacht, welche diesen Namen verdient. Wollen wir aber die internationale Fabrikgesetzgebung, so müssen wir auch den nationalen Gesetzgebungeii über den Arbeiterschutz unsere Aufmerksamkeit widmen. Der zweite Zweck dieses Blattes ist daher, auf Grund der Berichte der Vertraneiisniänncr der Arbeiterparteien allerJndnstriestaaten Europas und Amerikas jedem Leser einen klaren Einblick in den Stand u n d Fortschritt der Arbeiterschutzgesetzgebung in den verschiedenen Ländern zu verschaffen. Ganz naturgemäß wird hiemit auch der dritte Zweck unseres Blattes erfüllt, welcher in der D a r st e l l u n g d e r A r b e i t e r- beweg u n g der Gegenwart besteht. Das sind die Aufgaben, tu deren Dienst sich unser Blatt stellt. Möge es auch von unseren Feinden fleißig gelesen werden. Daß unsere Freunde djesseits und jenseits des Ozeans dasselbe thatkräftig unterstützen werden, dafür bürgt uns der unvergeßliche Kongreß vom 14.— 21. Juli 1389 in Paris. Anderseits werden auch wir Schweizer Alles thnn, was inunsren Kräften steht, um das hohe Vertrauen zu rechtfertigen, welches uns unsere Genossen bewiesen haben, als sie die Leitung des Blattes in unsere Hände legten. Das Exekutiv-Komite in Zürich." Wir begrüßen den„achtstündigen Arbeitstag" und wünschen ihm ein gedeihliches Wirke». — Die kapitalistische Presse in und außerhalb der Schweiz glaubt ungeheuer geistreich zu sein, wenn sie den„achtstündigen Arbeitstag" den„Tagedieb" schimpft. Es ist dieses Wort weniger witzig als— wahr. In der That gestehen die biederen Skribifaxe damit, daß heute der Arbeitstag des Arbeiters nicht, diesem gehört, sonderm vom Kapitalisten geeignet wird, denn wie könnten sie sonst von Tnge-Dicberei sprechen, wo es sich darum handelt, dem Kapitalisten die Verftigung über einige Stunden des Tages des Arbeiters zu nehmen und sie dem Arbeiter zurückzugeben? Die Dummheit können wir ihnen unmöglich zutrauen, daß sie jeden, der nicht mehr als acht Stunden pro Tag schanzt, als Tagedieb im Sinne von Faulpelz, Nichtsnutz 2C. bezeichnet haben wollen. So gescheidte Leute werden doch nicht ihre eigenen Brod- gcber beschimpfen wollen? In dem vorbezcichiieten Sinne aber mögen sie uns ruhig Tagediebe schimpfen. Es soll uns so wenig anfechten als die ähnlich lautenden Ehrentitel das Bürgerthum verhinderten, mit den feudalen Privilegien gründlich anfznrämnen. — Ein nencr Weltkongreß in Ansficht. Folgende Resolution wurde jüngst in einer großen Arbeiterversammlimg in N e w- V o r k einstimmig angenommen: „I ii Erwägung, daß es von der größten Wichtigkeit für das Interesse der organisirten Arbeiter dieses Landes und aller anderen Länder ist, daß die Internationale Ausstellung, welche im Jahre 1892 in der Stadt Ncw-Uork abgehalten werden soll, nicht nur zeigen soll, wie weit der Handel nud die Industrie fortgeschritten ist, sondern auch den organisirten Arbeitern, deren Interesse und Bestrebungen in allen zivilisirten Ländern identisch sind und welche den Rdchilium, der auf allen intcriiationalen Weltausstellungen zur Schau gestellt wird, erzeugt haben, die Gelegenheit geboten wird, die Bande der Einigkeit um die Lohn- arbeitcr der ganzen Welt zu schlingen; In Erwägung, daß während der WeltanSstellung, welche im vergangenen Sommer in Paris stattfand, ein internationaler Arbeitcr- kongreß stattfand, dessen Berathungeu und Beschlüsse die Ziele der Arbeiterorganisatioiicii in allen Ländern, welche dort vertreten waren, gefördert haben; daher sei es Beschlossen, daß wir Arbeiter und Bürger von Ncw-Dork, der Amerika» Fedcration of Labor, dem Orden der Kings of Labor, der Central Labor Fedcrgtion von New-Iork und allen anderen Arbeiter- Organi- sationen dringend anempfehlen, darüber zu beralhcn, ob es nicht rath- sam sein würde, eine Internationale Arbeiter- Konvention im Jahre 1392 während der Weltausstellung in New-Hork einzuberufen, und daß eine solche Konvention in einer des amerikanischen Volkes und der großen Sache der Euianzipcxtion der Arbeiter würdigen Weise organi- sirt werde." Im Anschluß hieran wurde beschlossen, ein provisorisches Komite zu ernennen, welches sich bezüglich der in der Resolution ausgesprochenen Zwecke mit den verschiedenen Arbeiter- Organisationen in Verbindung setzen soll. Die sozialistische und Arbeiter- Presse hat sofort die Diskussion der Frage aufgenommen, die natürlich sehr ernsthaft erwogen werden muß, che bestimmte Maßnahmen getroffen werde». Insbesondere würde sich unserer Ansicht nach eine vorherige Anfrage bei den Vertretern der Gewerkschaften und Arbeiterparteien der alten Welt dringend empfehlen. — Uebcr den voraussichtlichen Nutten, den ein Internationaler Arbeiterkongreß aus amerikanischem Boden für die Arbeiterbewegung in Amerika haben könnte, schreibt die New-Forker„Volks-Zeitung": „Wie wir schoir wiederholt betont haben, ist die inlernatioiiale Solidarität der Arbeit längst dem Gebiete rein prinzipieller Ausführungen und allgemeiner Redensarten entrückt worden und in das der unab- weisbaren, praktischen Nothwendigkeit getreten. Nur dem Umstände, dast die Erkemitniß dieser Wahrheit in die Reihen der amerikanischen Arbeiterklasse noch sehr spärlich gedrungen, daß letztere zu einem großen Thcil noch in nationalem Dünkel befangen ist, ist es zuzuschreiben, daß Misere Arbeiterbewegung gegenüber denen in anderen Ländern so be- trächtlich zurückgeblieben ist. Der Verbreitung einer solchen Solidaritäts- Erkemitniß muß ein in der Metropole der- Vcr. Staaten tagender Welt-Kcrngreß der Arbeit einen mächtigen Anstoß geben. Er wird unseren eingeborenen, aus ihre„amerikanische Frcigeborenheit" so thöricht stolzen Arbeitern zeigen, welch' mächtige Wurzeln der Klassengcist, von dem sie keine Ahnung haben, in die Reihe» der Arbeiter anderer Kultur- länder geschlagen hat und wie nuermeßlich weiter diese Arbeiter auf dem Wege der Organisation und des sozialen Besreiungskampfcs fort- geschritten find. Er wird gewissen„döstopfigen" oder selbstsüchtigen, auf„Jobs" hungrigen„Führern", die mit der kapitalistischen Presse um die Wette gegen die Sozialisten zu Hetzen pflegen, zeigen, daß es in der Arbeiterbewegmig der ganzen übrigen Knltiirivelt keinen einzigen Wortführer mehr gibt, der nicht von den Ideen der sozialen Revo- lution durchdrungen wäre.(?) Er wird mit einem Worte unserer Arbeiter- jchast eine Anschaunngs-Lektion in sozialer Solidarität geben, die durch nichts Anderes zu crsepcn ist.. Es gibt aber auch eine Menge rein praktischer, für die augenblick- liche Lebenshaltimg unserer Arbeiter wichtige» Fragen, deren Erledigung erfolgreich mir durch einen internationalen Kongreß angebahnt werden kann. Abgesehen von der, durch den Pariser Kongreß angeregten Frage der Arbeiterschutzgesetzgebung, deren Tnrchsührung in jedem Lande von der Stärke der politischen Organisation der. Arbeit abhängt, sei bei- spielsweife nur die„Pauper- Jmportation" als eine dieser Fragen erwähnt. Daß alle von der gegenwärtigen Klassengesetzgcbung erlassenen Gesetze gegen Kontrakt- und Pauper-Arbeit für die Katz' bleiben und nur demagogischen Stimmenfang bezwecken, dürfte nachgerade sogar de« vernageltesten unserer„Freigcborenen" einleuchten. Unter Voraussetzung einer permanenten internationalen Verbindung aber, wäre es mit Mfe der Arbeiter-Organisationen anderer Länder leichter, nicht nur° die Durchführung bestehender Gesetze zu erzwingen, sondern auch den Sklaven-Jmportenren selbst weit schärfer auf die Finger zu sehen und m vielen Fällen ihrem Treibe» Einhalt zu thun. Dies sind nur einige wenige der Gesichtspunkte, die bei der Vera»- staltung eines internationalen Weltkongresses der Arbeit in uiiserem Lande in Betracht kommen. Es ist dies ein großes, vielversprechendes Werk. Von der Einsicht, dem praktischen Takte und der Energie unserer fortgeschrittenen Arbciter-Organisationen Wied es abhängen, dasselbe zu einem in der Geschichte unserer Arbeiterbewegung epochemachenden Er- folge zu gestalten. Korrespondenzen. Bremen, 18. Dez. Unser Hieb, den wir Ehren- Willmann beige- bracht(siehe Nr. 49 des Soz.-Dem.), scheint gesessen zu haben. Der brave Jugendbildiier hat in seiner Angst sich an die Polizei gewandt und die preußisch-bremische Polizei hat sich denn auch in ihrer blinden ■« kie— Lehrer seiner Schule gestürzt. Wie wir hären, tollen dieselben behaussncht worden sein, ja auch einige Verhaftungen sollen vorgenommen worden sein. Nein, Herr Polizeiinspektor Rasch, c!?,— grscheidt hätte» wir Sie denn doch nicht gehalten, daß Sie auf die armen Lehrer losstürzen würden, wie der gereizte Stier auf den ihm am nächsten Stehenden. Du lieber Gott, die harmlosen Ltthrer Korrespondenten am-f-ftf„Sozialdemokrat"! Das ist wirklich— genial. Aber freilich, was soll man von einem Polizeihirn mehr erwarten. Hoffentlich sorgen Sic, nachdem Sie das Ihrige, wenn auch ver- Leblich, zur Ermittelung des bösen Korrespondenten gethan, nun aber auch dafür, daß der Ehren- Willmann seiner verdienten Strafe nicht entgeht. Uebrigens sind wir mit Ihrem Schützling, dem fromme« Isaak In der Wcsterstraße, noch nicht fertig; wir— wohlgemerkt, wir Sozialdemokraten, werden, dafür sorgen, daß vor allen Dingen die Sache in der Bürgerschaft zur Sprache kommt, und wenn Sie jämmt- liche Lehrer Bremens darüber einsteckten. Es thäte uns leid, aber wir können es nicht ändern. Zum Schluß, Herr Polizei-Jnspektor, Sie sind ein Genie: noch einige solcher Streiche, und unser Kandidat wird schon im ersten Wahl- gang gewählt. Wir schütteln Ihnen im Stillen dankbar die Hand. Nachruf. Donnerstag, den 5. Dezember,' verstarb nach kurzem Kranksein, im Alter von 47 Jahren, unser treuer Freund und Mitkämpfer, Genosse Wilhelm Langbein. Die Arbeiter Sprcmbergs werden sich seiner langjährigen, mühevollen Thätigkeit stets dankbar erinnern. Ehre seinem Andenken. Spreuiberg im Dezember 1889. Die Parteige nojsrn. Zur rechtzeitigen Kenntnisnahme. Bei Quartalschluß müssen särnmtliche Briefabonnements vorausbezahlt sein. Zlllen Bestellungen auf direkte oder iildirekte Brieflieferung- ist ohne jede Ausnahme die volle B a a r z a h l u n g 1 beizulegen. Die direkten B r i e s a b 0 n n e m e n t s sind stets, sofern nicht Ausnahmen vereinbart sind, bis Ende laufenden Jahres vorauszuzahlen. Alle nicht ausdrücklich w i e d e r b e st e l l t e n Brief- Abonnements werden gesperrt. Ersatz für Berfa ndtverlu sie liefern wir nur gegen Einsendung des Porto bei Reklamationen. Einzeln-Kreuzband-Tcltdunge» ins Zluslaud sperren wir mit Quartalschluß, wenn Neubestellung und Geld bis dahin ausbleiben. Der„Sozialdemokrat". Für die Schweiz. WU Stflrllungtv lmf den„Sonaidemokrat" besorgen wir wie bisher p r 0 m p t e st und tragen fortan diejenigen bisherigen Abonnenten, welche das Blatt nicht abbestellen, auch für das neue Quartal vor. Nach Ausgabe der Nro. 52 erheben wir Nachnahme, daferu das Abonnement bis dorthin nicht b aar an uns eingesandt ist. Sie Schristkil-Filiale der Arbkitkrilimme in Zürich Zähringerstraße 12 Briefkasten der Expedition: John Wß., Chicago: Shl. 8.3 mit Eonv. v. 6. am 19/12 erh. 11. Näh. üb. deren Bestimm, erw., da kein Bf. bcilag. — Kilian: Mk. 94. 59 cc Ct. Ab..'c. erh. Bstllg. p. 89 not, Ausschl. üb. Weit, folgt bfl. Das Monirte ifi uns unerklärlich.— W. Hoffm., Hier: Shl.—. 8 f. Schft. erh.— Sch. H. O.: Mk. 17. 60 Ab. p. 90 erh. u. Weiterlfg. besorgt.— Pierrot: Bstllg. not. n. besorgen die ge- wünschte Extrapost.— Steineiche: Mk. 164.— baar 11. Mk. 28.— in Ggr. a Ct. Ab.?c. gutgebr. Weiteres nach Wunsch. Adr. u. Bstllg. not. Lfrg. suchen zu beschleiinigen. ssbd hier. Grüße n. Wünsche herzl. erwid. — Lgmns. Ldn.; 61/» Penc f. Schft. erh.— Max; Mk. IG)— a Ct. Ab. 2c. erh. Bstllg. folgt, ebenso bfl. das Verlangte.— H. Pls. Hflde. Hbrg: Mk. 17.60 Ab. p. 90 erh.— Brauner Bär: Mk. 44.85 a Ct. Ab.:c. erh. 11. Adr. geord. Dank f. Beil. Für Betr. ist hier nicht die geringste Aussicht. Weit. bfl.— Trannicht: Mk. 100— a Ct. Ab.:c. erh. Adr. u. Bstllg. vorgcm. u. weit. Nachr. am 23/12 abgg.— Der Gequälte: Nachr. v. 20/12 erh. u. Mk. 6. 70 p. Porlage gutgebr. Bfl. Weiteres.— Giordano Bruno: Ans Bf. v. 17/12 hatten Sie den Gc- schlcchtsiiamen am Schluß verhauen.— Die Rothen H-H: Mk. 50.— ä Ct. Ab.:c. erh. (Schluß des Briefkastens in Nr. l, 1890.) Quittung. Von den Glasmachern Italien Mk. 11. 20 zum Berliner Wahlfond quittirt auf Wunsch der Empfänger daselbst. I'rilltetZ far the proprictors by the German Cooperative Publishing Co. 114 Keutibh Town Road London JL W.