Abonnements «erden beim Verlag und dessen bekannten Agenten entgegen- genommen, und zwar zum voraus zahlbaren ViertelzahrSpreiS von: Ml. 4,40 für Deutschland(direkt per Bries-Couvert) Swfl. 2,75 für Oesterreich(direkt per Vrief-Couvert) Chill. 2,— für alle übrigen Länder des Weltpostvereins(Kreuzband). Inserate vre dreigespaltene Petitzcile 8 Pence----- 25 Psg.----- 30 Cts. Grgan der Sozialdemokratie deutscher Junge. Erscheint wöchentlich einmal in London. Nertflg der German CoopcratlrePubIlshlngCor E. Bernstein& Co., London N. W. 114 Kentish Town Road, iloRrcuiituiitii ftanlo gegen franl«. Gewöhnliche Briefe nach England losten Doppelport». .Ao. 8. Briese an die Redaktion und Erpedition deS in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Sozialdemokrat� wolle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schicke man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Teckadressen. In zweifelhaft' n Fällen eingeschrieben. 22. Februar 1890. Parteigenossen! Vergesst der Versolgten und Gemassregelten nicht! Unsere Ertvartnngen. An dem Tage, da diese Ziuiiimer aus der Presse hervor- geht, wird in Deutschland die grosse Wahlschlacht geschlagen. Wir haben die Bedeutung derselben für die deutsche Arbeiter- klasse in früheren Artikeln erörtert und wollen heute um so weniger darauf zurückkommen, als jeder Zweifel daran, dass die Genossen allerorts bewußt sind, um was es sich in diesem Kampfe handelt, absolut ausgeschlossen ist. Durchdrungen von der Wichtigkeit, die dem sozialdemokratischen Wahlzettel gerade bei der jetzigen Wahl innewohnt, sind die Genossen mit einer Begeisterung und einem Eifer in den Wahlkampf gezogen, die die besten Ziesnltate erhoffen lassen. Wie weit aber dürfen wir unsre Erwartungen in dieser Hinsicht aus- spannen f Das ist eine Frage, die grade im jetzigen Moment ruhig und sachgemäß zu erörtern uiis sehr wohl der Mühe werth erscheint. Denn wenn auch die Genossen über den bedingteit Werth des Wahlzettels sich keinen Jllusioiien hingeben, wenn sie ebenso weit davon entfernt sind, ihn zu überschätzen, als sie, zum Glück für die deutsche Arbeiterbewegung, davon entfernt sind, ihn zu unterschätze», so ist doch die Gefahr, soweit es überhaupt eine solche ist, nicht ausgeschlossen, dass sie, was die Größe der zu erwartendeit Wuhlziffern anbetrifft, aller- dings sich einem übertriebenen Optimismus hingeben. Soweit es überhaupt eine Gefahr ist, sagten und sagen wir ausdrücklich. Denn ist nicht dieser Optimismus der uii- trennbare Begleiter der BegeisteMng, die unser» Kampf aus- zeichnet? Wer Großes erreichen will, muß sich Grosses vor- nehmen, und besser ist es, das Ziel in kühnem Wagen etwas weiter stecken, als sich von vornherein als Sicherheitskom- missarius in kleininttthigen Berechnungeil zu ergehen. Wenn also die Genossen m den Kgippf gezogen sind uut der Ab- ficht, es diesmal womöglich bis auf ein- und eine halbe Million sozialdemokratischer Stimmen zu bringen, so läßt sich nichts dagegen einwenden, je mehr sie an den einzelnen Orte» thun, um zu diesem Resultat beizutragen, desto besser. Aber sobald wir zum Abschätzen des vernünftigerweise zu er- wartenden Resultats übergehen, haben wir uns nicht nur an das Wollen zu halten, sondern müssen auch die entgegenstehenden Faktoren in Betracht ziehen, damit wir nicht später der Gefahr verfallen, unsern Erfolg zu unterschätzen. Zahlen sind nierkwürdige Heilige, und ungemein gefügig, solange wir es mit ihnen in abstracto zu thun haben. Wen- den wir sie aber auf konkrete Dinge an, so werden sie Plötz- lich sehr eigensinnig und legen uns Steine in den Weg, wo wir es am wenigsten vennuthen. Manchmal kriegen es die vertrakten Dinger sogar fertig, zu streiken. Sie lehnen es absolut ab, sich vorwärts zu bewegen, sondern erklären uns kategorischer wie der Papst, wenn ihm zugemuthet wird, 1-b 2 für 3 zu erklären: non volmnns et non possumus — wir wollen nicht und wir können nicht. Warum soll die Sozialdemokratie ihre Stimmenzahl nicht gegen die der vorigen Wahl verdoppeln? Wenn jeder sozia- listische Wähler während der ganzen drei Jahre nur einen neuen Wähler gewonnen hat, so wäre das ja spielend erreicht. Das klingt in der Theorie wunderschön: 1-b 1— 2, in der Praxis stößt es sich an der Schwierigkeit, dass die zweite Eins nicht immer da ist, also auch nicht gewonnen werden kann. Die deutsche Sozialdemokratie hat in vielen, vielen Orten seit Jahren einen Stand erreicht, der eine Verdoppelung ihrer Stimmen einfach physisch unmöglich macht. Das trifft nicht nur für die Grossstädte mit ihren sozialisti- scheu Wählennassen zu, sondern noch in viel höherem Masse für eine sehr grosse Anzahl kleinerer und Mittelstädte, für hunderte von Jndustriedörfern. In den Großstädten bietet der Zuwachs der Bevölkerung wenigstens die Möglichkeit einer erheblichen Vennehrung der sozialistischen Wähler, wo aber die Bevölkerung stationär ist oder gar, wie es an manchen Orten der Fall, langsam zurückgeht, da ist nur dann eine wesentliche Vermehrung der Wahlstimmen möglich, wenn die- jenige Wählerschaft, die für uns überhaupt in Betracht kommt, früher zum grossen Theil nicht sozialistisch gewählt hat. In viele», wir dürfen sagen, hnnderten dieser Jndustrieorte ist aber seit Jahren der Klassenkampf so ausgeprägt, daß mit verschwindenden Ausnahmen alle Arbeiter sozialistisch wählen. Da bleibt also höchstens noch die Hoffnung auf einige lleber- läufer aus den bürgerlichen Klaffen, die aber nur wenig in'ö Geivicht fallen. Wir könnten das durch eine Reihe von Beispielen erläutern, wir glauben aber, daß für die Genossen, die die Verhältnisse ja ait Ort und Stelle viel besser übersehen als wir, dieser einfache Hinweis auf die rein objektiven— wir möchten sagen, mechanischen Hindernisse genügt, um ihnen zu vergegen- wärtige», was überhaupt heute eine Vermehrung der sozia- listischen Wahlziffer auch nur um 100,000 neue Stimmen zu bedeuten hat. Wir haben in unsern Hochburgen einen wesentlichen Zu- wachs fast nur noch von der Vermehrung der wahlberechtigten Bevölkerung zu erwarten, und dieser ist nur in den grosse» Zentren wirklich bedeutend. Wir haben aber auch an vielen Orten mit einer relativen Abnahme der Arbeitermählerschaft— durch Auswanderung, Verlegung von Industrien, Ausdehnung der Frauenarbeit zc.— zu rechnen. Bleibt das extensive Wachsthum der Partei: die Ans- breitung an Orten, die früher gar nicht oder nur wenig so- zialistische Wähler aufwiesen. Kein Zweifel, daß die Genossen in dieser Beziehung in den abgelaufenen Jahren ihr Bestes gethan haben, und wir hoffen, dass gerade in dieser Beziehung der 20. Februar uns manche angenehme Ueberraschung, den Gegnern manche bittere Enttäuschung bringen wird. Aber auch diesem intensiven Wachsthuin sind durch die thatsächlichen Verhältnisse Grenzen gezogen, die bei der Abschätzung des zu Erwartenden nicht übersehen werden dürfen. Es wirken in vielen der hier in Betracht kommenden Wahlkreise heute noch dieselben Gründe einer größeren Ausbreitung der Sozialdemo- kratie entgegen wie zuvor: der zurückgebliebene Stand der Industrie, das tiefe intellektuelle Niveau und in Folge dessen die grössere Abhängigkeit der arbeitenden Bevölkerung, die ungeheure Zerstreutheit derselben über ein weites Gebiet hin, die eine Maffenbewegung, ein Massenbewußtsein verhindert— alles Dinge, die in Betracht gezogen werden müssen, und doch so leicht vergessen werden. Fern vom Schauplatz, nur auf die Berichte der Presse oder briefliche Nachrichten angewiesen, die mehr oder minder sub- jektive Eindrücke wiedergeben, können wir uns natürlich nicht herausnehmen, eine Schätzung der voraussichtlich von der Partei zu erringenden Stinimenzahl vornehmen zu wollen. Wir können nur, nach unsrer Kenntniß der einschlägigen Ber- Hältnisse, sagen, dass wenn sich dieselbe auch auf nur eine Million sozialistischer Stimmen erhebt, dies ein geradezu enormes, ein phänomenales Wachsthum der Partei bedeutet. „Rur" eine Million sozialistischer Stimmen— vergegenwärtigen wir uns nur, was das heißt. Die größte Stimmen- zahl, vie wir vor Einführung desSchandgesetzes, in der Hochfluth der sozialistischeil Agitation, erhielten, war rund 490,000. Und nun eine Million Stimmen! Für jede einzelne damals, in uneingeschränkter Agitation, erhaltene Stimme heute deren zwei! Und damals standen die Gegner fast insgesammt noch auf dem Standpunkt, die soziale Frage zu leugnen, sie pre- digten noch die Schulze'schen Sparrezepte, heute aber haben sie alle, bis hinab zur deutsch-freisinnigen Partei, unter dein Druck der.sozialistischen Agitation Forderungen des Arbeiter- schutzes in ihr Programm aufgenonimen, heute sind sie alle, alle„sozialreformatorisch". Wir haben in dieser Hinsicht vielfach heute schwereres Spiel, vie damals, namentlich, wo eine politisch ungeschickte Bevölkerung in Betracht kommt. Nicht alle Siege, die wir erringen, übersetzen sich in Wahl- zifferii. Die Konzessionen, die wir den Gegnern abzwingen, sind gleichermassen Erfolge, die, selbst wenn sie vorläufig nur nomiiiell sind, insofern von Werth sind, als sie die Position der Arbeiterklasse moralisch stärken. „Rur" eine Million sozialistischer Stimmen, weiß man, was das heißt? Das heißt eine sozialistische Bevölkerung von mehr als fünf Millionen Köpfen. Das heißt, in einem Zeit- räum von drei Jahren 240,000 sozialistische Stimmen ge- wonnen, ein Aufschwung, wie ihn die Partei nur einmal, unter ganz abnormen Verhältnissen, von 1681 bis 1884, zu verzeichnen gehabt. Damals aber war es wesentlich schon früher besessenes Terrain, das wiedererobert wurde, die Wahlen von 1881 hatten eine erhebliche Stimmengbnahine gegenüber den Wahlen von 1877 und 1878 aufgewiesen. Diesnial aber stehen wir gegenüber dem großartigste!, Wahlresultat, das die Partei bisher zu verzeichneil gehabt, dem Ergebniß eines Wahlkampfes, der alle Leldenschasten wachrief und eine Wahl- betheiligung zur Folge hatte, wie sie iickensiver nie zuvor stattgefunden. Auch das darf nicht vergessen werden. Auf weitere Einzelheiten wollen wir heute nicht eingehen. Wir fürchten, kleinlich zu werden, den Eindruck hervorzurufen, als bezweifelten wir die Richtigkeit der hoffnungsfreudigen Berichte, die von allen Seiten aus den Kreisen der Genossen einlaufen. RichtS liegt uns ferner als das. Daß die Genossen ihr Möglichstes thun, dass die Partei grosse Erfolge errliige» wird, deß sind wir sicher. Der 20. Februar wird ein Sieges- tag sein, ein glänzendes Datum im Buch der Sozialdemo- kratie, ei» Triumph für die Sache des proletarischen Befrei- ungskampfes. Aber wir wollen uns die Freude an diesem Triumph nicht dadurch selbst beeinträchtigen, dass wir mit größeren Erwartungen ihm entgegengehen, als er nach Be- rücksichtigung aller Umstände erfüllen kann. Wir wollen nicht Unmögliches erwarten, um auch das Grossartigste noch zu gering sindeil zu müssen. Und nun komm, dil herrlicher Tag, dem Hunderttausende, Millionen von Arbeiterherzen entgegenklopfe». Du wirst ein Tag uiiermeßlicheii Jubels sein, bringst du uns„nur"— »ein, bringst du uns die, unsere kühnsten Erwartungen er- füllende cme Milliou sozialistischer Stimmen! Bürgerliche und Proletarische Moral. Kürzlich drängten sich mir in rascher Reihenfolge zwei Gegensähe ans, die mir um so bedeutungsvoller, symptomatischer erschienen, je im- scheinbarer und alltäglicher die Anlässe waren, bei denen sie hervor- traten. Nämlich die Gegensätze zwischen den moralischen Anschaimngeit des Proletariats und denen der Bourgeoisie. Der grelle Klassengegensatz, welcher alle Verhältnisse unseres moderiieu Lebens beherrscht, tritt nicht nur in der von Grund aus verschiedenen materiellen Lage der beiden Klassen, welche die Pole der heutigen Gc- sellschast bilden, in die Erscheinung, sondern auch in der Verschiedenheit ihrer politischen Vestrebungen und in der total verschiedenen Auffassung und Bethätigung ihrer moralischen Begriffe. Der ökonomische Klassen- gegensatz ist der unverhüllteste, am meisten ins Gesicht springende, er ist derjenige, bei welchem sich die Heuchelei verhältnißinäßig am wenig- sten Terrain erobern kann, da er allerorts und fortwährend zu iiiizwei- deutig illustrirt wird. Die gegensätzliche gesellschaftliche Klassenlage leugnen oder verdecken zu wollen vor denjenigen, die sie täglich mit eigenen Augen sehen und auch bitter am eignen Leibe verspüren, würde heute nur deren lautes Hohngelächter hervorrufen. Ter Gegensatz der politischen Strömungen, welcher erst der Ausdruck der verschiedenen wirthschaftlicheu Interessengegensätze, also zuletzt der ökonomischen Gc- staltung der Gesellschaft ist, war für die bürgerliche Heuchelei schon etwas leichter zu überbrücken gewesen. Indessen, man weiss jetzt längst, dass die idealen Schlagworte, die das politisch einst revolutionäre Bürger- thuni gegen Uebergriffe des feudalen Absolutisiiiils ans seine Fahnen schrieb, heute zu«chlagworten herabgesunken sind, welche alle Akte wirthschaftlichcr.mid politischer Unterdrückung seitens des zur Herrschaft gelaugten Vürgerthmns rechtfertigen müssen. Das Einzige, was den verschiedenen Klassen der Gesellschaft noch gemeinsam zu sein schien, sind die sittlichen Grundsätze und Begriffe, nach denen die Menschen handeln. Dass die Moral aller Menschen die- selbe, für alle Völker und Bevölkeriingsklassen die gleiche, gemeinsame ist oder vielmehr sein sollte, das verkündigen wenigstens alle Philo- sophen und Moralisten seit Urväterzeiten bis auf den heutigen Tag. Für uns aber handelt es sich nicht darum, was früher oder heute sein sollte, sondern was thatsächlich gewesen i st, bezw. heute i st. Ter modernen sozialistischen Anschannugsweise gemäß— und darin liegt eine Seite ihrer großen wissenschaftlichenBedeulnng— hat sich die Welt i» ihrer äußeren Gestaltung der Beziehungen zwischen Bkensch und Mensch nie nach hier oder dort aufgestellten moralischen Prinzipien, nach siitlichen Forderungen gerichtet, sondern gerade umgekehrt. Die materialistische Geschichtsauffassnng, die allgemeine theoretische Grundlage des modernen Sozialismus, hat einer derartigen Betrachtmigsweife ein für alle Mal ein Ende gemacht. Die sittlichen Anschauüngen einer bestimmten Zeit sind daher nicht danach zu bcnrtheile», wie sie hätten sein sollen, son- dem danach, wie sie wirtlich gewesen sind, das heißt nach ihrer prak- tischen Betyätigung. So lange die menschliche Gesellschaft in entgegengesetzte Klassen ge- spalten ist, existirt eine allen Menschen gemeinsame, gleiche Moral nur in den Köpfen von Idealisten. Ihre Forderung einer für Alle gleicher- maßen gültigen Moral ist bis heute eine Forderung geblieben. Vor jener Moral allerdings waren alle Menschen, ob hoch- oder niedrig- geboren, gleich. Aber da sie aus den luftigen Höhe» theoretischer Bläue niemals aus die Erde hinabstieg, eben weil sie den irdische» Verhält- nisscn nie entsprach, so hat sie die Menschen herzlich kalt gelassen. Die Geschichte jener sozusagen idealistischen Moral steht daher' auch ans einer ganz andern Seite geschrieben als die Geschichte der wirklich angewandten menschlichen Moral. Wir wollen uns hier aber nicht in Allgemeinheiten verlieren. Es soll mir an zwei, dem Schreiber dieser Zeilen kürzlich anfgestossenen Beispielen gezeigt werden, wie grundverschieden die Auffassung und Be- thätigung gewisser sittlicher Grundsätze bei den Angehörigen verschiedener Klassen unserer modernen Gesellschaft ist. In dem vorliegenden Falle handelt es sich um die Bedeutung des Ehrenwort s. Wir wissen ja, wie federleicht in den Augen der wirthschaftllch bevorrechteten Klasse ein Ehrenwort wiegt, namentlich wen» sich das Schwergewicht ihrer materiellen Interessen in der andern Wagschale befindet. Erst kürzlich konnte alle Welt wieder dieses erhebende Schauspiel ge- niessen, als die belgischen Grubenbesitzer vor den Augen von ganz Europa ihre den streikenden Arbeiter» gemachte Zusage in perfidester Weise brachen, resp. durch jesuitische Auslegung derselben zu umgeben suchte». Ein ähnliches Schauspiel hatten wir ja in Deutschland schon während des vergangenen Frühjahrs bei dem westfälische» Streik erlebt. Wir sind weit entfernt davon, die eben angezogenen Fälle als ein- zelne oder Ausnahmefälle zu betrachten, aber von Niemand wohl wird der Bruch des Ehrenwortes massenhafter und systematischer be- trieben als von den hochgebildeten Söhnen unserer oberen Zehntausend. Bekanntlich müssen zum Zweck der Promolion an den deutschen Universitäten. Dissertationen, Arbeiten über irgend ein wissenschaftliches Thema, dessen Wabl meist dem Kandidaten überlassen bleibt, eingereicht werden. Hiermit soll bon diesen nur der Beweis eines gewissen Maßes von Kenntnissen und einer getvissen Besähignng erbracht werden, obgleich die etwas großsprecherischen Universitäts- statilten von jenen Arbeiten zugleich eine„Förderung der Wissenschast" verlangen. Diese Universitätsstatnte» verlangen ferner von dem Ein- sender einer Dissertation die schriftlich abgegebene Versicherung a n f E h r e» w o r t, daß die Arbeit von ihm ohne jede fremde, im- erlaubte Beihülfe, also völlig selbstständig abgefaßt worden ist. Diese geforderte Erklärnng wird natürlich in jedem Falle gegeben. Wer aber jemals Gelegenheit gehabt hat, intimen Einblick In die Entstehungsgeschichte dieser Arbeiten zu erlangen, der wird wissen, ein wie über alle Maßen gewissenloses und schamloses Spiel hierbei— wenigstens heutzutage— in vielen, sehr vielen Fällen mit dem Ehren- wart getrieben wird. Die den Arbeiten vom„Verfasser" beigefügte eidesstattliche Versicherung ist nur zu oft eine direkte Lüge, die, weil sie einmal akademische Usance ist, ohne jedes Kopf- zerbrechen»nd ohne die geringsten Gewissensbisse, ja, man möchte fast sagen ohne das Bewußtsein der Lüge ausgesprochen wird. Wen man a»f eine so flagrante Verletzimg seines Ehrenworts anfmsrksam machen wollte, der würde einem jedenfakls achselznckend zur Antwort geben: „Was �vollen Sie? Das geschieht ja überall und von allen; das ist min einmal so." Ja, so steht es in der That mit dem Ehrgefühl, mit dem sittlichen Bewußtsein jener Leute, welche gewöhnlich allein die„Ehre" i» Erb- Pacht gcnommen zu habe» glauben, welche bei jeder lumpige» Gelegen- heit ein so äußerst empfindliches Ehrgefühl öffentlich zur Schau tragen. Es sei hier ganz abgesehen von den ebenso lächerlichen wie roben Kin- dereien, bei denen verletzte Ehre gespielt wird. So weit also isr es gckomnieii: Wo man eine Verletzung des Ehrgefühls erwarten sollte, da existirt sie nicht,»nd Ivo sie in Wirklichkeit nicht existirt, dort wird sie geheiichelt. Welche sittliche Verkommenheit! In die Einzelheiten der oben gebrandmarkten Gepflogenheit näher einzugehen, ist überflüssig; jeder Wissende wird diese traurige Wahrheit nur bestätigen köiiiien, die ganz»iizweifclhast auch denen— selbst- verständlich nicht im einzelnen, besondere» Falle— bekannt ist, in deren Hand jene Versicherung an Eides Statt gelegt wird. Der Bruch der von offizieller Seite gestellten Bedingung findet.also mit deren eigner Sanktion statt. Auf diese skandalöse Sache wird hiermit nicht hingewiesen in der Illusion, sie verschwinden zu machen, das wäre wohl absolut ansstchts- loS, sondern sie wird hier einfach als ein Symptom jener Verirrung aller sittlichen Begriffe konstatirt, welche mit der Zugehörigkeit zu der in jeder Weise bevorrechteten Klasse, der Bourgeoisie, im Allgemeinen verbunden scheint, und andererseits um in grell beleuchtetem Gegensatz hervortreten zu lassen, wie grundverschieden sich ein und derselbe mora- lische Begriff bei den verschiedenen Gesellschaftsklassen, das heißt im Kopfe des Bourgeois und im Kopfe des Proletariers darstellt. Dann betrachten wir nun ein ander Bild. Es wgr vor Kurzem, im Januar dieses Jahres, als eines Abends im Südosten von Berlin in dem großen Saale des Etablissements Sanssouci eine jener imposanten Arbeitcr-Masscnversammlnngen statt- fand, deren Schauplatz seit einiger Zeit die deutsche Hauptstadt ist, und deren Ruhe, Aufmerksamkeit und hohe Begeisterung einen Beweis dafür liefern, mit welchem erhabenen Ernst der deutsche Arbeiter für eine der größten Klassen- und Kulturbcwegungen, welche die Welt je gesehen. einzutreten gesonnen ist. Nachdem der Referent eine scharfe Kritik au der Sozialreform der Regierung geübt hatte, gelangte folgende Ncso- lution in Vorschlag: Es sei die Pflicht eines jeden Arbeiters, bei der nächsten Reichstagswahl mit dem größten Eifer auf den Sieg des sozial- demokratischen Kandidaten hinzuwirken und den Tag der Wahl als Feiertag zu halten. In der Diskussion hierüber schlug ein Arbeiter vor, über die beiden Punkte der Resolution getrennt abzustimmen, da er gegen den zweiten sei, wenigstens in der vorgeschlagenen Fassung. Er begründete seine Ansicht etwa folgendermaßen: Prinzipiell sei auch er für Punkt zwei. Wenn es aber als die Pflicht jeden Arbeiters erklärt werde, den Wahltag als Feiertag zu halten, also an demselben die Arbeit ruhen zu lassen, so übernehme der für diese Resolution stimmende Arbeiter auch die heilige Verpflichtung, sein bei der Abstim- mnng gegebenes Wort zu halten. Denn die Znstimninng zu einer Re- solntion sei seiner Meinung nach einem gegebenen Ehrenworte gleich zu erachte» und müsse daher unbedingt gehalten werden. Nun könne es aber wohl geschehen, daß der eine oder der andere Arbeiter, der sich zur Haltnng des Feiertags verpflichtet habe, unter den heutigen trau- rigcn Verhältnissen, in der sicheren Voraussicht einer Maßregelung seitens seines Arbeitgebers von der Erfüllung dieser seiner Verpflich- tung abstehe und sein Wort breche, sich also dadurch mit einem sitt- lichen Makel behaste. Wie sehr auch in solchem Falle die Rücksicht auf die Sorge für Weib und Kind jene Nichterfüllung erzwingen möge, der Bruch eines gegebenen Worts sei unmoralisch und müsse unbedingt ver- mieden werden. Er empfehle daher, den ersten Punkt der Resolution anzunehmen, den zweiten aber fallen zn lassen. Die von einem hohen sittlichen Ernst durchwehten Ausführungen des Arbeiters fanden zunächst bei einem großen Theil der versammelten Taufende lebhaften Anklang; sie waren offenbar der Ausfluß seiner innersten, lvohldnrchdachten llebcrzengnng. Seine Worte machten auch auf mich einen tiefen Eindruck. Und das sind einfache, schlichte Arbeiter, welche diese hohe Auffassung von einem einmal gegebenen Ehrenworte haben, das in dem vorliegenden Falle die Bonrgeoismoral vielleicht gar nicht einmal als ein Ehrenwort anerkennen würde, da es formell ein solches nicht darstellt. Wo fände nian bei unserer sittlich total verlumpten und verlotterten Bourgeoisie eine derartig sein durchgebildete, wahrhaft vornehme, moralische Auf- fassung des Ehrbegriffes! Nian vergleiche hierzu das oben gegebene Beispiel, wie die Elite der gebildeten Bourgeoisie den Ehrbegriff Hand- habt, wie er bei ihr zur heuchlerischen, nichtssagenden Phrase geworden ist. lieber diesen scharfen Gegensatz indessen noch ein Wort verlieren zn wollen, würde nur ihn abschivächcn heißen. Trotz des Anklangs, den die geschilderte Rede gefunden hatte, wurde die Resolution im Ganzen angenommen. Ein anderer Arbeiter nämlich, der gleichfalls mit dcni ganzen Eifer feiner Ilcberzengnng auftrat, entgegnete ungefähr: Er müsse die prinzipielle Berechtigung des gemachten Einlvandes in gewissem Grade anerkennen. Allein hier handle es sich um eines der wesentlichsten Volksrcchte, dessen Gefährdung dadurch, daß feine Ausübung auf einen Arbeitstag fällt, anf der Hand liege. Für viele werde allein hierdurch das Wahlrecht völlig illusorisch. Es handle sich vielmehr darum, die Wahlsreiheit energisch zu verthcidigen und in einer massenhaften Temonstration daflir mit Nachdruck einzutreten. Dies geschehe am beste», indem man den Wahltag ganz allgemein zu einem Feiertag inache und damit seine Verlegung anf einen Sonntag er- zlvinge. Er sei überzeugt, daß sich nur wenige Arbeiter hier aus Furcht vor Maßregelung dazu bestimmen lassen würden, troy ihrer Zustinimimg zu der Resolution am Wahltag zn arbeiten. Die Arbeiter brächten übrigens für ihre Rechte gern ein Opfer dar. Die Opfer- Willigkeit der deutschen Arbeiterklasse habe sich oft glänzend bewährt und ihr Ruhm und Ehre eingetragen. Aber ohne Opfer sei auch nichts zu gewinnen. Und falls wirklich einige Genossen, die sich in grausamer Zwangslage befänden, sich trotzdem am gedachten Tage zur Arbeit ent- schlössen, so wäre eine solche Handlungsweise nicht ohne Weiteres zn verdammen und mit dem Bruch eines gegebenen Ehrenwortes anf gleiche Hohe zu stellen. Wer die Lage der arbeitenden Klasse kenne, würde für solche Handlung wohl eine Entschuldigung finden. Diese Rede fand donnernden Beifall und die Resolution einstimmige Annahme. Wie empfand ich eine größere Achtung vor der moralischen Größe des anfsteigendcn Proletariats als an jenem Abend. z: Die Sozialdemokratie in Dänemark. Vom Hanptvorstand der dänischen Sozialdemokratie erhalten wir unter diesem Titel folgende Zuschrift: Die allgenieinen Wahlen zu dem dänischen Folkething(Abgeordneten- kammer) fanden am 21. Januar ds. Js. statt. Bei diesen Wahlen stellte die Sozialdemokratie 10 Kandidaten anf, nämlich die Partei- genossen: P. H o l m, E. H ö r d n m, A. C. M e y e r, F. H u r o p, I. I e n s e n, P. K n n d s e n, Harald Jensen, E. Marott, M. M o r t e n s e n und M. A. M a d s e n. Von denselben wurden die Parteigenossen P.Holm, C. H ö r d n m und Harald Jensen mit zusammen 10,442 Stimmen gewählt. Die Gesammtzahl der für sänniitliche zehn sozialdemokratische Kandidaten abgegebenen Stimmen beträgt 17,2Z2. Neben obenstchendem Resultate der Folkethingswahlcn geben wir im Folgenden eine Uebersicht über die Wirksamkeit der dänischen Sozial- dcmokratie. Diese wird zugleich zu näherer Beleuchtung des Wahl- resultats dienen können. Die dänische Sozialdemokratie in Dänemark beruhte in organisatori- scher Hinsicht ursprünglich anf Fachorganisalionen, ivelche unter einer gemeinschaftlichen Zeinralleitnng und einem gemeinschaftlichen sozialisti- scheu Programm verbunden waren. Diese ursprünglichen Fachorgani- sationen bestehen noch und sind sowohl an Zahl als an Größe beständig gewachsen. I» Kopenhagen allein bestehen 70 Fachvereine und beinahe in allen Provinzstädten sind die Arbeiter in großer Ausdehnung gewerk- schaftlich organisirt. In organisatorischer Hinsicht haben indessen die Fachvcreine. anfge- hört, die eigentliche Grundlage für unsere Partei zu bilden.� Dieses darf nicht so verstanden werden, daß die Fachvereine sich vom Sozialis- mns losgesagt haben. Keineswegs. Auf dem zulegt abgehaltenen skandi- navischen Fachvereinkongreß zn Kopenhagen 1888, der 135 Delegirte für im Ganzen 123 Vereine zählte, wurde ein Antrag, der die privat- kapitalistische Produktion verdammt und die sozialistischen Prinzipien anerkennt, durch Akklamation angenommen. Die Ilmwandlung der organisatorischen Grundlage der Sozialdemo- kratie in Dänemark wurde dadurch herbeigeführt, daß die Arbeiter ein- sehen lernten, daß sie den Kampf für die Emanzipation der Arbeit in höhcrem Grade in das politische Gebiet herüberführen mußten,' als es die Fachvrganisationen zu thnn vermochten. Daher wurden besondere politische sozialdemokratische Vereine gebildet»lit dem Zwecke, die sozialisti- scheu Prinzipien zn verbreiten und für deren Durchführung auf poli- tischein Wege zu kämpfe». Es bestehen zur Zeit 80 solcher Vereine in Dänemark, die in einem gemeinschaftlichen Bund vereinigt sind. Der ursprüngliche Nahmen wurde 1878 in Kopenhagen gebildet, aber erst nach dem Jahre 1884, wo es nnsrer Partei gelang, die Wahl von zwei sozialistischen Vertretern zum dänischen Folkething durchzusetzen, begann die eigentliche Ausdehnung unserer politischen Organisation über das ganze Land. Die weit über- wiegende Anzahl unserer politischen Vereine sind seitdem ins Leben ge- treten, und besonders ist es gelungen, in steigendem Grade die Land- arbeiterbevölkernng für den Sozialismus zn gewinnen. Die dänische Sozialdemokratie wirkt theils durch 5 Tageblätter, theils durch die Verbreitung sozialistischer Schriften und theils durch münd- liche Agitation. Von den 5 Tageblättern, die von unserer Partei herausgegeben werden, erscheint das eine in Kopenhagen in einer täglichen Auflage von ca. 22,000 Exemplaren. Die übrigen 4 erscheinen in Jütland, bezieh- ungswcise in den Städten Aarhus, Horsens, Randers und Aalborg. Die sozialistischen Schriften, die von unserer Partei herausgegeben lverdcn, sind theils originale, theils übersetzte Arbeiten. Von den über- setzten nennen wir hier nur die Folgenden: Karl Marx,„Das Kapital", 1. und 2. Band. „„„Das kommunistische Manifest". August Bebel,„Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". August Bebel,„Unsere Ziele". Will). Bracke,„Nieder mit den Sozialdemokraten". Fried. Engels,„Entwickelung des Sozialisnms von der Utopie zur Wissenschaft". Fried. Engels,„Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staates". W i l h. Liebknecht,„Zu Schutz und Trutz". Schramm,„Grundzüge der Nationalökonomie". T o in e l a N i e n>v e n b n i s,„Kapital und Arbeit". B ö n o i t M a l o n,„L'bistoirc du Socialisme". „Gesellschaftliches und Prlvät-EIgetNhum". Nach Paul Lafargue und Jules G u e s d e. Die weit überwiegende Anzahl der von unserer Partei herausgege- benen Schriften, sowohl die originalen wie die übersetzten, sind in unserem Hauptorgane, dem„Sozial-Demokratcn", das wie erwähnt in 22,000 Exemplare» täglich erscheint, veröffentlicht worden. Ferner sind sie alle in Sonderabdrnck erschienen und haben in einer sehr großen An- zahl Exemplaren über daö ganze Land Abnahme gefunden. Das politische Wahlrecht hier im Lande ist vielfach beschränkt. Erst wenn ein Mann 30 Jahre alt geworden ist, wird er wahlberechtigt. Außerdem gibt es eine große Menge anderer Beschränkungen. Wenn z. B. Jemand Armenhilfe erhalten hat, so verliert er sein Wahlrecht, und dies in der Regel auf Lebenszeit. Auch das Wahlsystem ist sehr schlecht. Zur Wahl eines Abgeord- neten bedarf es nur der relativen Mehrzahl der abgegebenen Stimmen. In Folge dessen findet keine Stichwahl statt, und ei» Kandidat kann durch eine Minderheit der abgegebenen Stimmen erwählt werden, wenn in dem bezüglichen Kreise mehr als zwei Kandidaten aufgestellt wurden. Die Regierung, die zur Zeit in Dänemark am Ruder ist, cxistirt nur Kraft der von ihr begangenen Verfassungsbrüche. Sie regiert durchaus absolutistisch anf Grund einer Reihe provisorisch erlassener Gesetze. In den letzten 5 Jahren hat die Regierung die Genehm ignng ordcnt- licher Finanzgesetze verhindert. Sie schickt den Reichstag nach Hans, erläßt sodann provisorische Finanzgesetze und macht anf Grund der- selben eine Reihe von Ausgaben, die das Folkething zn bewilligen ans- drücklich verweigert hat. Tic Regierung wirft jährlich ungeheure Summen für militärische Zwecke hinaus, und cS sind besonders diese Ausgaben, worüber die Regierung und das Folkething sich beständig streiten. Die Regierung hat eine Festung um Kopenhagen angelegt, obgleich das Folkething Jeuilreton. Bücherschau sozialistischer Dichterwerke. in. Karl Hcnrkcll, Diorama. Zürich 1890. Verlags- Magazin. (I. Schabclitz.) Die Kunstkritik fällt nicht in den Nahmen dieses Blattes, noch fühlen wir selbst etwas von dem Beruf des Kunstkritikers in»ns. Uns geht an dieser Stelle nur Inhalt und Tendenz der Dichterwcrke an, niit denen wir uns zu befassen haben; Sprache, Form 2C. dagegen nur in soweit, als absolut geboten ist, um zu entscheiden, ob wir es mit achter Poesie zn thnn haben oder nicht. Dennoch glauben wir einige Worte über die Kunstrichtung vorausschicken zn sollen, der der Ver- fasser der vorliegenden Gedichtsammlung angehört. Angehört ist vielleicht schon zuviel gesagt, denn Karl Henckell folgt nicht überall der sogenannten naturalistischen Schule. Aber er ist un- nvcifclhaft durch sie hindurchgegangen und steht noch stark unter ihrem Einfluß. Er gefällt sich in ihrer Auffassungs- und Ausdrncksweise, leider auch in ihren Uebertreibnngen. Unzweifelhaft liegt dem moderne» Naturalismus, wie ihn Emile Zola verkörpert, ein sehr berechtigter Gedanke zu Grunde. Hat jedoch schon Zola das Prinzip der Natnrwahrheit sehr einseitig genommen und übertrieben, so haben seine Nachfolger es bis zum Kultus des Platten und Ordinären verzerrt. Sie glaubten dadurch ihre besondere Tendenz, wahr zn sein, zn bekräftigen, und handelten doch nur nach der Logik jener unangenehmen Gesellen, die Flegelei für Freimüthig- keit, Rohheit und Schmutz für Natürlichkeit halten. Verletze ich die' Natürlichkeit, indem ich mich wasche? Oder bin ich unnatürlich, wen» ich mich, behufs Verrichtung bestimmter körperlicher Funktionen, aus der Gesellschaft entferne? Im abstrakten Sinne, ja. Aber wir leben nicht im btaturznstand, wir haben im Laufe der Entwickelung andere Bedürfnisse und Gewohnheiten angenommen, nicht blas grob- materieller, sondern auch geistiger und sittlicher Natur, lieber den Werth vieler derselben kann man streiten, aber sie sind da, und ein Narr, der ohne zum Thierdasein zurückzukehren, mit ihnen tabul» rasa mache» will. Diese sittlichen und ästhetischen Begriffe hängen von den materiellen Daseinsbcdingungen ab, sie ivechscln nicht nur von Epoche zn Epoche, sondern auch von Klasse zu Klasse. Der Wilde, der Barbar, der Zivilisirte haben jeder andre ästhetische Vorstellungen, ebenso aber auch der Geldprotz, der Kleinbürger, der Proletarier unserer Zeit. So wenig nun die verlogene lleberfeiuernng in den sogen, höheren Klassen, so wenig werden die Lebensgewohnheitcn der niedergedrückten Land- zc. Proletarier als erstrebenswerthes Ziel hingestellt werde» können. Das aber vergessen die Herren Naturalisten. Sie suchen den Gegen- satz zur Ueberfeincrnng in der Rohheit, den Gegensatz zur Prüderie im Schmutz. Ihr Grundsatz ist: Naturalis non sunt turpia— die natürlichen Dinge und Vorgänge sind nicht schimpflich. Nun ja, schimpf- lich ist es gewiß nicht, vom Geschlechtsverkehr oder dem VerdannugS- Prozeß zu sprechen, und nichts abgeschmackter als die Unsitte, die es als zum guten Ton erforderlich macht, uns zn geberden, als seien wir Wesen ohne Unterleib, wie Zauberkünstler sie auf den Jahrmärkten zeigen. Aber wir nehmen weder den Geschlechtsverkehr öffentlich vor, noch lassen wir nnsre Mitmenschen Zeuge» sein, wenn unser Körper die unverdauten Stoffe abgibt,>vir entziehen ihnen in dem einen Falle mit Rücksicht anf uns, in dem andern mit Rücksicht auf sie unser» Anblick. Das vergessen jedoch oder mißachten die Herren von der jüngeren naturalistischen Schule; sie laden uns zu diesen Dingen zu Gast, wie der Händler mit geivissen Photographien, die auch sehr natnrwahr sind. Mag sie genießen, wer Gefallen daran findet, aber Kunst sind sie nicht. Wir bedauern nun wirklich, um unsere Aussetzungen vorweg zu er- ledigen, Karl Henckell nur zu oft auf den Wegen jener Schule be- gegnen zn müssen. Wie er überhaupt der Sucht fröhnt, Kraftansdrücke zu bilden und dabei zn theils sehr unschönen, theils aber zugleich ganz sinnlosen Wortverrenknngcn kommt, so scheint er auch eine ganz bc- sondere Freude an vulgäre» Ausdrücken und Bilder» zn finden. Ein drastisches Beispiel ist der Zweireiher,„Heincanstinkcr" überschrieben� „Wenn Stöcker und Kirchbach ans Heine fürzcn, Seh ich Gott den Herrn auf den Papst zustürzen." wiederholt das Geld hiezu ausdrücklich verweigert hat. Von dem jetzigen Reichstag verlangt die Regierung allein für ein Finanzjahr nicht weniger als zirka 43 Millionen Kronen, obgleich die ganzen Ein- nahmen der Staatskasse nnr zirka 54 Mill. Kronen betragen. Wenn der Reichstag selbstverständlich diese, für eine Bevölkerung von 2 Millionen Menschen wahnsinnig hohen Militäransgabe» nicht bewilligt, wird die Folge sein, daß die Regierung, wie früher, das Geld ohne Genehmigung nimmt. Durch ihre enormen Ausgaben für den Ntilitarismns wird die Regierung binnen nicht langer Zeit die Staatskasse und die jetzigen finanziellen Hilfsquellen des Landes völlig geleert haben. Sie verarmt das Land durch ihre militärische Verschwendung vollständig. Außer den provisorischen Finanzgesetzen und Militärausgaben hat die Regierung auch eine Reihe anderer provisorischer Gesetze"erlassen, die als Ilntcrdrücknngsmittel gegen die Bevölkerung zn fnnktionircn haben. Es sind ferner ausgestellt worden: 1) Ein provisorisches Preßgesetz, das die Presse beson- ders dadurch zn unterdrücken bestrebt, daß es die Redakteure von Tage- blättern und Zeitschriften zur Angeberei zwingt. 2) Ein provisorisches S t r a f g c s e n, das jede für die Rc- giernng unangenehme Aenßerung in Rede oder Schrift mit Strafen bedroht. 3) Ein provisorisches„R i f f e l g e s e tz", das zum Zweck hat, der Bevölkerung die Beschaffung von Waffen zn verbieten. 4) E i il provisorisches Gesetz über die Errichtung eines militärischen G e n d a r m e r i e k o r p s. Dieses Korps von Micthssöldnern ist dazu instruirt, eventuell die Bevölkerung nieder- zuschießen, und es hat schon wiederholt unbewaffneten zivilen Personen gegenüber von seiner Instruktion Gebranch gemacht. Gleichzeitig damit, daß die dänische Sozialdemokratie sowohl durch die Wahlen als zu jeder andern Zeit thätig ist, sich auszudehnen und dem Sozialismns Anhänger zu gewinnen, gebieten unsere Interessen uns zugleich, die Regierung so energisch wie nnr möglich zu bekämpfen. Dies, in Verbindung mit dem hiesigen Wahlsystem, bewirkt, daß unsere Partei nicht, wie die Sozialdemokratie in Deutschland, Zählkandidaten aufstellen kann, um unsere Parteistärke zu messen. Eine solche Taktik würde zur Folge haben, daß wir dazu beitrügen, den Anhängern der Regierung den Wahlsieg in die Hände zn spielen. Vor dem Jahre 1884 stellte die dänische Sozialdemokratie gewöhnlich nur einen Kandidaten anf, und zwar in dem größten Arbeiterkreis des Landes, dem 5. Kopenhagener Kreis. Bei den Wahlen 1884 stellten wir dagegen 3 Kandidaten anf, alle in Kopenhagener Kreisen. Es gelang uns damals, die Wahl von zwei Kandidaten, die zusammen 0305 Stimmen erhielten, durchzusetzen. JnSgesammt wurden für unsere drei 5tandidatcn 0805 Stimmen abgegeben. Bei den Wahlen 1887 stellte unsere Partei 4 Kandidaten auf, näm- lich 3 in Kopenhagen und 1 in der Provinzstadt Odcnse. Die 3 Kan- didaten in Kopenhagen wurden ausschließlich gegen die RegierungS- Partei aufgestellt. Unser Kandidat in Odcnse kämpfte dagegen sowohl gegen einen der Anhänger der Regierung als gegen einen Kandidaten der Linken. In 1887 gelang es uns nur, die Wahl eines unserer Kandidaten durchzusetzen, und zwar in dem 5. Kopenhagencr Wahlkreis, mit einer Anzahl von 6751 Stimmen. Für sämmtliche 4 sozialistische Kandidaten wurden 8408 Stimmen abgegeben. Bei den Wahlen am 21. ds. Js. stellte, wie erwähnt, unsere Partei 10 Kandidaten anf, nämlich drei in Kopenhagencr Kreisen und sieben in Provinz-Wahlkreisen. Fünf unserer Kandidaten wurden ausschließlich gegen Kandidaten der Regierungspartei aufgestellt, einer kämpfte sowohl gegen einen Regicrnngskandidaten als gegen einen der Linken, und vier unserer Kandidaten kämpften ausschließlich gegen Kandidaten der Linken. In drei der Wahlkreise, wo wir bei dieser Wahl Kandidaten aufstellten, gehären die Wähler ausschließlich oder so gut wie ausschließlich dem Bauernstände an. Wie erwähnt, wnrden bei dieser Wahl für sämmtliche zehn Kandi- daten 17,232 Stimmen abgegeben. Es gelang, die Wahl von drei Kandidaten durchzusetzen, welche zusammen 10,442 Stimmen erhielten. Zwei derselben, P. H o l m und C. H ö r d u m, wurden in Kopenhagen gewählt, der dritte, Harald Jensen, in Jütland, in einem Wahl- kreis, wo die Wähler ausschließlich dem Bauernstände angehöre». Die dänische Sozialdemokratie hat demnach mit großem Erfolg und bedeutendem Fortschritt für die-Verbreitung des Sozialismus gearbeitet. Sie hat sich zugleich zu einer politischen Macht emporgeschwungen, die die übrigen hiesigen politischen Parteien anzuerkennen gezwungen sind. Kopenhagen, 8. Febr. 1890. Mit sozialistischem Gruße! Im Namen des Hauptvorstandcs der dänischen Sozialdemokratie: P. Knuds« n, Geschäftsführer, Römersgade 22. Dem vorstehenden Rundschreiben, das wir nicht nur aus internatio- Haler Kollegialität, sondern auch wegen seiner sachlichen Darlegung der Auffassung der osfiziellen dänischen Partei mit Vergnügen zum Abdruck gebracht haben, lag ein ausführlicher Begleitbrief bei, dessen Abdruck der Schreiber uns ebenfalls anheimstellt. Wir müssen indcß schon des knappen Raumes halber darauf verzichten, abgesehen davon, daß der Brief nach unserer Meinung nnr die Wirkung haben würde, noch Ocl ins Feuer des entsachten Zwistes zu gießen. Nichts liegt uns indessen ferner als das. Wir haben beide Richtungen zum Wort kommen lassen, weil wir ein Aussprechen vorhandener Gcaeusätze für besser halten als ein Todtschweigen, aber wir haben unser Möglichstes gethan, alle per- sönlichcn Jnvcktiven ec. aus unseren Spalten fern zu halten. Daß wir beide» Richtungen als„zwei gleichberechtigte Parteien" Gehör verschafft, wird uns von P. Knndsen, dem Sekretär der Haupt- Partei, zum besonderen Vorwurf gemacht.„Wir danken Ihnen für diese Gleichstcllnng nicht", schreibt er, und er glaubt uns mit dem Hinweis anf unsere schwarze Liste zu schlagen. Was würden wir dazu sagen, wenn die dänischen Genossen die dort gekennzeichneten Personen als gleichberechtigt mit der deutsche» Partei behandeln wollten? Nun, so Die Kraft liegt hier bloS in dem Wort„fürzcn", während der Ver- gleich selbst»ngemein matt und nichtssagend ist. Und grade anf ihn wäre es doch angekommen. Zn einem andern Gedicht„Materialismus", das gegen de» groben Materialismus gerichtet ist. lautet der Schlußvers: „O Thoren ihr! Der„Trlebflnr" vollste Blüthc Ist eines Dichters GeisteSklanggestalt. Ter Dichter liebt den Allgott im Gemüthe, Prinz Weichhirn liebt nur, wenn er„Hymen knallt". Ob der Dichter nöthig hat, um„Prinz Weichhirn" zn charaktcrisiren, sich auch dessen Ausdrücke zn bedienen, wird mfm billig bezweifeln dürfen. Hier hätten wir um so lieber darauf verzichtet, als ivir um des Genusses der Schlußworte willen das noch abscheulichere„Geistes- klanggestalt" in den Kauf nehmen müssen. Man wird uns nicht mißverstehen. Nichts liegt uns ferner, als prüde AnstandSmeierei. Auch das derbe Wort hat seine Berechtigung, aber es darf dem Dichter nur Werkzeug sein, nicht ihn beherrschen. Göthc, Heine, Herlvegh, Wcerth, die Altmeister der Lyrik und der so- zialen Poesie, haben sich nicht gescheut, sehr urwüchsig z» werden; aber doch nur, wo der Gegenstand es erforderte. Sie haben in" ihren Gc- dichten den freien Liebesgenuß verherrlicht, aber die bloße Geilheit zu verherrliche», ist ihnen nie eingefallen. Dieselbe ist kein Gegenstand der Poesie, so wenig wie die Zote. Sobald man die„Wahrheit" so- weit treibt, soll man lieber gleich hübsch bei der natürlichen Sprech- weise bleiben. Wenn man nun Henckell auch nicht vorwerfen kann, daß er die Geil- heit verherrlicht, so läßt sich ihm doch der Vorwurf nicht ersparen, daß er mit ihr bedenklich kokettirt und ebenso mit der Zote. Das ist eine Schwäche, von der er sich emanzipiren muß und auch, wie eine ganze Reihe Ebenso schöner wie kecker Gedichte zeigen, emanzipiren kann, ohne„geschlechtslos" zn werden. Noblesse oblige! Das hätte Karl Henckell auch in andrer Hinsicht berücksichtigen sollen. Wie ans dem Umschlag des vorliegenden Buches hervorgeht, ist das„Diorama" bei Weitem nicht die erste Gedichtsamm- lung, die Henckell veröffentlicht. Unter diesen Umständen durfte er schon etwas mehr Selbstkritik üben und manches recht lverthlose Erzengniß einer müssigen Stunde beiseite lege». Man kann von einem Dichter nur als ein gemeines W a h l in a n ö v e r gefallen lassen, welches dem Urheber der Erlasse die denkbar n n r ii h ni l i ch st e und u n- w ü r d i g st e Nolle anweisen würde. Und er ist vorläufig ganz in den Händen dieser Gesellschaft. Man betrachte sich nur die Mitglieder des„S t a a t s r a t h s", der extra ans der Nnmpelkainmer hervorgeholt worden ist, um die Verivirklichnng des Programms jener kaiserlichen Erlasse anzubahnen! Klassischer konnte der Bock nicht zum Gärtner gemacht werden. Doch— ivas liegt jetzt an diesem Plunder? Wir sind jetzt in der l u st i g e n Faschingszeit, und solcher Mummenschanz ist in bester Harmonie mit den modischen Fastnachtsspätzen. Es wird aber bald der Aschermittwoch kommen; mit dem Mummenschanz ist es dann zu Ende, und wenn das von den Faschingsspaßmachern nicht begriffen wird, dann miissen sie sich auf allerhand unangenehme lieber- raschungen gesaßt machen. Genug— die Monarchie der Hohenzollern ist in eine gar ver- zweifelte Lage gerathcn— sie hat ein Programm aufgestellt, dessen Verwirklichung nur mit Hilfe der Sozialdemokratie möglich ist und dessen Nicht Verwirklichung den moralischen und politischen Bankerott der Monarchie bedeutet. i e So zialdeniokratie i st Herrin der Situation. Sie kann in dem Spiel, das am 5. Februar ds. 33*) begonnen hat, nur gewinne n. Und unsere Feinde können niir verlieren! Unter so günstigen Auspizien ist unsere Partei noch nie in den Wahl- kämpf eingetreten— g ü n st i g e r e Auspizien sind überhaupt nicht denkbar. Und das wissen unsere Genossen, und das wissen unsere Feinde. Doch— die Pflicht ruft. Der Brief ist schon länger geworden, als er ursprünglich sein sollte. Nach dem Kampf die Beschreibung. Bis zum 20. Februar gehört jedes Atom unserer Kraft dem Wahlkampf. Tie Schlacht muß ein Sieg sein. Und ist die Hauptschlacht geschlagen, dann haben wir noch keine Nuhe— dann kommen die Stichwahlen. Und sie werden zahlreich sein. Wie die Arbeit all zu bewältigen ist,— ich iveiß es nicht. Aber sie wird bewältigt werden, denn jeder Sozialdeinokrat wird seine Schuldigkeit thun. — Mit tvclch gespannter Erwartung die Sozialisten aller Länder den W a h l k a m p f der deutschen S o z i a l d e in o- k r a t i e verfolgen, wie sehr sie die Bedeutung desselben zu würdigen wissen, und wie gern sie dazu beitragen, das Nesultat zu einem recht großartigen gestalten zu helfen, davon gehen uns jeden Tag neue, ebenso erhebende wie oft geradezu rührende Beweise zu. Wir bedauern, daß uns der Raum fehlt, von allen diesen Kundgebungen im Einzelnen gebührende Notiz zu nehmen, und wir müssen die Leser i» dieser Hinsicht vorläufig schon ans die an anderer Stelle veröffentlichten Quittungen verweisen. Für heute wollen wir nur einige der bezeichnendsten That- fachen erivähnen. Ten G e n t c r und A n t w c r p e n e r Genossen sind auch die Brüsseler Sozialisten gefolgt mid haben am 10. Februar z» Gunsten des deutschen Wahlfonds ein großes Arbeiterfest abgehalten, das glänzend besucht war und einen mlsgezeichncten Verlauf nahm. Unsere französischen Genossen, die so schwer unter der Ungunst der Zeit zu leiden haben, haben trotzdem eine Sammlung eröffnet, die bereits gegen 400 Franken ergeben hat. Darunter lbl> Franken von der, fast»nr aus armen Webern bestehenden Nordfcderatiou, und 100 j Franken von der Fedcration des Ostens(Montlngon). Ans Italien kündigt nns die Arbeitcrliga von Reggio Emilia lMittel-Jtalien) die Absendung von Frc. 24 an, mit dem Ausdruck des Bcdaiierns, daß die finanzielle Lage des Vereins nicht erlaube, mehr z» schicken. Ans N o m sendet uns Professor Labriola 50 Franken als Zeichen der Liebe für die deutsche Sozialdemokratie, die, schreibt er, „nach meiner festen Ueberzeugung als einzig znkunftsfähig und gc- schichtlich begründet, die allgemeinen Interessen vertritt der Menschheit". Nach dem Süden der Norde n. Aus S t o ck ho l m senden nns die schwedischen Genosse» als„einen kleinen Beitrag" 40 Mk., den Uebcrschuß eines Vortrags des Genossen H. Branting über die deutsche Sozialdemokratie. Unseren ö st e r r e i ch i s ch e n G e n o s s e n hat die hochlöbliche Polizei die Fortsetzung der begotiuenen Samittlnng verboten. Aber schon hatte die„Arb.-Ztg." allein gegen 000 Gulden szirfa 1000 Mk.) guit- tiren können, ein, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt, wahrhaft glänzendes Resultat. Unsre Genossen in der S ch w e i z, an deren Sammlung sich auch viele Schweizer betheiligt, haben bereits über 2000 Franken an das Zentralwahlkomite abgeführt. Selbst die russischen S o z i a l i st e n haben nicht zurückbleiben lvollen. Das Konnte des russischen sozialdemokratische» Bundes hat ein Zirkular an die russischen Freunde der Freiheit erlassen, ivorin es zu Sammlungen auffordert und betont, daß der Sieg der Sozialdemokratie als der einzigen entschiedenen Vorkämpferin für den demokratischen Staat, auch für Rußland von großer Bedeutung sei. Der Aufruf ist unterzeichnet: der Sekretär des russischen sozialdemokratischen Bundes, W. Sassulitsch. Aber auch, wo die Sozialisten des Auslandes ans lokalen Gründen von Sammlungen Abstand nahmen, zeigt ihre Presse, mit wie gespannter Aufmerkfanikeit sie dem Wahlkampf in Deutschland folgen. So enthält z. B.„El Socialista", das Organ der spanischen Sozialdemokraten, spaltcnlange Berichte über denselben. Kurz, in allen Ländern wird die Wichtigkeit des 20. Februar für die Arbeitersachc von den Sozialisten und nicht nur von ihnen, voll gewürdigt, es ist keine Ucbcrtreibung, zu sagen, daß die Augen von ganz Europa, der ganzen zivilisirten Welt gegenwärtig auf die deutsche Sozialdemokratie gerichtet sind. Mögen sich die Genossen in Deutschland dessen bewußt sein. Sie haben die Pflichten, die diese internationale Stellung ihnen auferlegt voll begriffen; mögen sie sich darum der Thatsache erfreuen, daß ihr Sieg mitgefeiert werden wird, wo nur Arbeiterherzen für Recht und Freiheit erglühen. Der 20. Februar wird ein internationaler Feiertag sein. *) Dem Tage, wo die Erlasse publizirt wurden. — Zur Geschichte der interuationalcu Fabrikgesetzgebung. Sehr richtig erinnert ein Berner Korrespondent der„Frankfurter Ztg." daran, daß das Verdienst, die Frage der internationalen Fabrikgesetzgebung auf die Tagesordnung der praktischen Politik gebracht zu haben, einem deutschen S o z i a l i st c n, dem leider zu früh verstorbenen Karl Höchberg, gebührt. Er schreibt: „Allerdings war der Erste, der unseres Wissens„ein internationales Gesetz über die Jndnstrie-Arbeit" anregte, der elsässtsche Fabrikant Daniel Legrand, der im Jahre 1841 an die französischen Kammern eine be- zügliche Eingabe gemacht und 1857 ein Zirkular in gleichem Sinne au verschiedene Regierungen gesandt hat. Nationalrath Vögelin hat dieses in Bern wieder anfgefnnden, als er sich mit der Frage der internatio- ualen Fabrikgesetzgebung beschäftigte, und von dem denkwürdigen Schrift- stück in einer am Zentralfest des Grütlivcreins 1886 in Grcuchcn ab- gehaltenen Rede gesprochen. Dieser elsässische Fabrikant verlaugte den zwölsstündigen Normalarbeitstag, das Verbot aller Nachtarbeit für Jünglinge unter 18 Jahren und für Frauen jeden Alters, das Verbot der Arbeit von Knaben unter 10 und Mädchen unter 12 Jahren, sowie endlich das Verbot der Sonntagsarbeit. Sind die von Legrand 1841 in Paris gemachten Vorschläge nicht ähnliche wie die später, 1857, ge- machten, worüber Genaueres ircht bekannt ist, so ivar es vcrm:N'5>ch die Regierung von Glarns, welche eine derartige internationale blegclung der Arbeitsverhältnisse zuerst für ersprießlich hielt. Sic wünschte im Jahre 1855 Gleichheit der Fabrikgesetzgebung zwischen den schweizerischen Kantonen und meinte dabei, es sollte allerdings wegen den Gefahren der Konkurrenz„durch Internationale Stipulationen zwischen den indu- striellen Staaten von ganz Europa ein einheitliches System geschaffen werden."— In jüngerer Zeir war nun von einer internationalen Fabrikgesetzgebung in den Jahre» 1879 und 1880 in der„Züricher Post" die Rede, in Ivelcher Karl Höchberg dieselbe befürwortete und das Mittel der europäischen Konferenz empfahl. Es galt hieniit zugleich, das schweizerische Fabrikgesctz vom Jahre 1877 zu retten, dessen Auf- Hebung manche Industriellen verlangten. Wenn zwischen Legraud und Höchberg anch zahlreiche andere Volkswirthe und Politiker dieselben Ansichten äußerten, so sind es doch die Vorschläge Höchbergs, tvelchc die et st e n Versuche eines Parlaments und einer Regierung, den gezeigten Weg zu beschreiten, bewirkt haben. Oberst Frey stellte im Dezember 1880 im Natioualrath eine Motion, welche den Bnndes- rath einlud, den Zusammentritt von Delegirten der Industriestaaten zu veranlassen, ivas denn auch, aber ohne Erfolg, geschah. Seither er- klärte der Bundcsrath, im Jahre 1887, einen zweiten gleichen Versuch machen zu wollen." Wir können diese Ansführungen noch durch einige speziellere Mit- thcilnngcn ergänzen. Als Deutschland 1879 zur Schutzzollpolitik über- gegangen war und namentlich anch sehr hohe Textilzöfle eingeführt hatte, glaubte ein schweizerischer Fabrikant, der seinerzeit selbst eifrig zu Gunsten des Fabrikgesetzcs von 1377 eingetreten war, den Untergang der schweizerischen Industrie erleben zu müssen, wenn die Schweiz nun nicht sofort den Normalarbeitstag Ivieder abschaffte, und begann eine Agitation in diesem Sinne. Dieselbe schien Anfangs viel Anklang zu finden, und die schweizerische Arbeiterbewegung war durch KrisiS und die Rückivirkung des deutschen Sozialistengesetzes so gelähmt, daß eine kräftige Gegenagitation ihrerseits nicht zu erhossen war. Für jeden Sozialisten war es aber klar, daß alles aufgeboten werden mußte, die schtver errungene Fabrikgesetzgebung nicht antasten zu lassen, den Gegnern aller Länder nicht den Triumph zu bereiten, daß sich der Normal- nrbcitstag im ersten Land, wo er durchgeführt worden, als unpraktisch oder gar schädlich erwiesen habe. So kani Höchberg ans den glücklichen Gedanken, der Forderung der Rückwärtsrevisio» die der interna- t i o n a l e n Ausdehnung der Fabrikgesetzgebung gegen- über zu stellen. Unter Anderen ersuchte er auch den dainals in London lebenden Sozialisten Karl Hirsch, ihm für die in Leipzig erscheinenden „Staatstvirthschastlichen Abhandlungen" einen Artikel über dieses Thema zu schreiben. Hirsch kam der Einladung nach, im dritten Heft der„Abhandlungen" findet der Leser den von ihm darüber verfaßten Artikel, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Hirsch, der zu jener Zeit sehr intim init Marx und Engels verkehrte, ihn sicher nicht versaßt hat, ohne darüber mit den großen Theoretikern des modernen Sozialismus zu sprechen. Einzelne Stellen seines Artikels lassen dies ziemlich deutlich erkennen. Später veranlaßte Höchberg noch Karl Kantsky, in einer Proschüre die Frage detaillirter und mit HIntveifung ans die bestehende Fabrikgesetzgebung zu behandeln. Diese Broschüre ist unter dem Titel„Internationale Fabrikgesetzgebung" ini Berlage von Erich Koschny in Leipzig erschienen und noch heute im Bnchhifilvel zu haben. Höchberg selbst suchte in der Tagespresse den Gedanken zu pro- pagiren, und wie ihm dies, Dank der Mitwirkung der„Züricher Post" gelang, wie der demokratische Oberst Frey die Frage vor den schweizer!- scheu Nationalrath brachte, ist oben dargelegt. Wenn also der deutsche Kaiser sie jetzt gleichfalls aufnimmt, so können tvir ihm dazu nur gratulircn. Es innß ihn mit besonderer Genug- thuung erfüllen, sich in so anständiger Gesellschaft zu sehen, der Testnmciltsvottstrcckcr eines Karl Höchberg zu werden, dieses „jüdischen Sozialrevolutionärs"— wie„Kreuzztg." und„Reichsbote" den edlen Verstorbenen so gern nennen. — Eine wohlverdiente Züchtigung haben unsere Frankfurter Genossen in einer von den Nationallibcralcn einberufenen Wählervcr- sammlnng einer der Zierden dieser Partei, dem Ex-Polizeipräside»ten von H c r g e n h a h n, angedeihen lassen. Dieser liberale Beamte, unter dessen Regime die schändlichsten Polizci-Brntalitäten, die Frank- fürt unter der Aera des Schandgesetzes erlebt, ausgeführt wurden: die Friedhofsmetzelei und die Masseuansweisnngcn am Weihnachtsfest 1886 — dieser willige Handlanger des Pnttkamer hatte den wenig beneidcns- werthen Mnth, vor die Frankfurter Reichstags-Wählerschaft als Agitator für den uationalliberalen Kartcllkandidaten hinzutreten. Aber er hatte die Rechnung ohne die Frankfurter Arbeiter gemacht. Man höre, wie es ihm in icner- Wahlerversamnilung erging. In einem Bericht der„Frankfurter Ztg." heißt es darüber: liegt die Sache denn doch nicht. In der„schwarzen Liste" sind Per- fönen gcbrandmarkt, die nnehrenhafte Handlungen begangen, hier hau- delt es sich aber NM taktische und prinzipielle Tifferenze», und da würde selbst ein Einzelner das Recht beanspruchen dürfen, gegen eine Vielheit als gleichberechtigt gehört zu werden. Tie Masse entscheidet nicht, wer objektiv Recht hat; sie wählt nur ans, sie ist ebenfalls Jrrthümern unterworfen. Wir sagen das nicht, um Partei zu ergreifen. Dazu stehen wir den Verhältnissen zn fern. Sollen wir aber unsere subjektive Meinung ab- geben, so geht dieselbe dahin, daß uns die Opposition nicht frei von einem gewissen Doktrinarismus zn sein scheint, während wir der Parteileitung den Vorwurf nicht ersparen können, anch der objektivsten Kritik mit einer Empfindlichkeit zu begegnen, die in keiner politischen Partei, am wenigsten aber in der sozialistischen am Platze ist. Es ist unsere feste Ueberzeugung, daß mit weniger Empfindlichkeit und weniger Ge- neigtheit, jede Opposition als von Gegnern gekanft hinzustellen, der ganze Konflikt der Partei hätte erspart werden können. Gerade der Umstand, daß sie die große Majorität für sich haben, sollte die Genossen von der Hauptpartei abhalten, zn Kampfmitteln zu greifen, die auf den objektiven Beobachter den Eindruck terroristischer Intoleranz machen müssen und im Uebrigen nichts erzielen, als V c r b i t t e r u n g. Je eher sie darauf verzichten, um so schneller wird die Gesammtpartei die jetzige Krisis überwinden. SoMipolitische Lundschau. London, 19. Februar 1890. — Aus Teutschland wird uns geschrieben: „Fünf Tage vor der Wahl. Ich kann's nur wiederholen: „es ist eine Lust zu leben". Einen Bericht über den Stand der Wahlbewegnng geben— unmöglich. Es ist ein wogendes Meer, eine sich vorwärts wälzende Springflnth— elemeutarartig— da hört jede Schilderung ans. Und woher die Zeit nehmen? Hätte ich jetzt Zeit, so wäre ich nicht Werth, ein Sozialdemokrat zn sein. Jetzt gibt es nur einen Gedanken, nur e i n Streben: d e n F e i n d s ch l a g e n, der Sache der Menschheit einen Sieg zn erkämpfen. Es steht Jeder im Feld. Tout est soldat— Alles i st Soldat, wie 1792 in Frank- reich, als das Vaterland in Gefahr war und die Revolution gerettet werden mußte. Die Feinde sind entmuthigt durch die Wucht unseres Angriffs und den Mangel einer Wahlparole und einheitlicher Führung. Die„kaiser- lichcn Erlasse", in denen sie einen Augenblick den Hoffnnngsanker ge- sehen hatten, erfüllen sie mit geheimem Granen. Ein bloßes Wahl- m a n ö v e l kann das nicht sein. Die Herren auf der„steilen Höh, die weder Roß noch Reisige zu schützen vermögen", lernen zwar sprichwört- lich nichts oder nicht viel— aber das muß ihnen denn schließlich doch durch die Logik der brutalen Thatsachen in de» Schädel geklopft worden sein, daß die soziale Frage nicht mit sich spielen läßt. Der schnapsbrennende Temagog der Reaktion hatte sich in der ihm eigenen tollen Selbstüberschätzung allen Ernstes eingebildet, den Sozialis- inns vor seinen Juukerkarren spannen zu können. Fünfundzwanzig Jahre hat er sich abgemüht— Niederlage über Niederlage erlitten, Schande an Schande gereiht— und heute Uegt er zappelnd am Boden und wird wohl gelegentlich aus Gnade und Barmherzigkeit„auf den Altentheil gesetzt" werden. lind das Beispiel sollte so ganz ohne abschreckende Wirkung geblieben sein? Sein Zweifel, das Ideal war: Zuckerbryd und Peitsche. Nur daß das Znckerbrod etwas appetitlicher gemacht werden sollte. Allein das Versprechen ist eine gefährliche Sache, wenn ein Starker da ist, der den Versprecher beim Wort nehmen kann, Und der Star!: i st da: die d e n t s ch e n A r b e i t e r n c h in e n d e n deutschen Kaiser beim Wort, wie sie weiland Bismarck beim Wort nahmen, als er die Sozialreform versprach.„Er hat nicht nns, wir haben i h n", sagte der sozialdemokratische Redner der dritten Lesung des ersten Unsatlgesetzes. Und wir haben ihn gehabt. Sein Polizei- Manchesterthnm ist heute ein überwundener Standpunkt, und der„Ocdipus des neunzehnten Jahrhunderts" muß in den Abgrund stürzen, weil er ts nicht verstanden hat, das Räthsel der sozialen Sphinx zu lösen. £eni Urheber oder den Urhebern der„kaiserlichen Erlasse" wird es nicht besser ergehen, wenn sie die gleiche Unfähigkeit entwickeln, und den kindisch-frevelhasten Plan haben, die soziale Frage in ihrem dynastisch- junkerlichen Interesse auszunutzen, statt die Lösnng derselben zu erstreben. „Ehrlichkeit ist die beste Politik", sagen die Engländer. Und in diesem Fall ist der Satz ganz besonders wahr. Der B i c n' m u ß. Will er nicht„ehrlich" sein, das heißt, will er ein Komödienspicl aus- führen, dann wird nicht die Sozialdemokratie der„Gefoppte" sein— einzig er selber. Der wirkliche, realpolitische, um mich so auszu- drücken dynamische Werth der sogenannte»„kaiserlichen Erlasse" liegt ln der Triebkraft, welche sie der s o z i a l d e in o k r a- tischen Mühle liefern. Abgesehen hiervon sind sie nicht mehr Werth, als das Papier, ans welchem sie stehen. Nur von u n t e» herauf, nur durch die Sozialdemokraten kann verioirklicht werden, was dort verheißen ist— a l l e anderen Klassen und Parteien sind der Sache des Arbeiterschntzes und sind der Sache des Gleichbe- rechtignng der Arbeiter spinnefeind, lind so ist denn der deutsche Kaiser in die tragikomische Lage gekommen, daß er sein kaiserliches Wort nur mit Hilfe der Sozialdemokraten halten kann, die er vor nicht gar langer Zeit so haßte, daß er Alles, was ihnen frenndlich gestimmt war,„über den Hansen schießen" wollte. Die übrigen Parteien, die, auf welche die Monarchie sich bisher stützte, und ans welche sich der deutsche Kaiser noch im gegenwärtigen Moment stützt, verabscheuen den Inhalt der„kaiserlichen Erlasse" und wollen sie sich nicht nur Vollkommenes verlangen, aber Ivir dürfen an ihn dieselbe Anforderung stellen wie an Maler und Bildhauer, uns»nr das vorzulegen, was wenigstens in irgend einer Hinsicht auf unsre Ausmerk- samkeit Anspruch erheben kann. Cacatum non est pictum, um einmal naturalistisch zu reden, gilt auch in dieser Hinsicht. Damit jedoch genug der Ausstellungen. Sonst gerathen wir in Ge- fahr, beim Leser den entgegengesetzten Eindruck hervorznrnfen, den wir beim Lesen des„Diorama" empfange» und hier wiedergeben möchten. Dieser ist, trotz allem, was wir bisher zu rügen hatten, vielmehr ein recht günstiger. Es geht etwas sehr bunt zu in dem„Diorama", das uns Henckell bietet, aber es weht der frische, gesunde Hauch eines vorwärtsstrebenden Geistes durch dasselbe, der nns zn intercssiren, z» fesseln, zu packen versteht. Wir können es als eine wahre Wohlthat bezeichnen, einem Dichter zn begegnen, der weder der Modekrankhcit tinfter Zeit, Blasirtheit, huldigt, noch sei» jugendliches Empfinden durch Nachäffnng Scheffel'scher Kneipenlyrik bekunden zu müssen glaubt. Henckell ist in jeder Beziehung noch ein Werdender, auf Schritt und Tritt heften ihm noch die Eierschale» seiner dichterischen Vorbilder an, aber doch zeigt er schon seine Eigenart, er hat eigenes Pathos, eigenen Witz, eigenes Empfinde» und eigene Kraft. Er hat anch, worauf beim Dichter so viel ankommt, eigene Augen. Er versteht anschaulich zu schildern, zuweilen vielleicht ein Bischen zu anschaulich, aber er hat einen klaren Blick und weiß das Wesentliche oft wunderbar heransznfinden. Wir können hier nnr knappe Auslese halte», doch wolle» wir wenigstens einige Probe» ans dem reichen Inhalt des„Diorama" de» Lesern vorführen. Hier eine Stelle ans dem prächtigen Nachruf„Vor einem Bilde Salomon Vögelin's": „Ein kleines Häuflein stunden wir einmal Ilm dich im Halbkreis am Großmünsterthurm; D» ließest nns die Stilvermischung suchen, lind bald war die Debatte flott im Gang. „Seh'n Sie den Stcinriß da? Wann mag....?" Da kam Ein schönes Mädchen stranim vorbeigeschritteu Zur Rechten aus dem Töchterseminar; Um ihren Hals die blonde» Locken glitten, Meerblau wie Gudrun floß das Augenpaar. Zurück trat'st du. Die feierlichste Pause, Die ich erlebt, lind Kopf an Kopf, von rechts Nach links geleitend, haben wir genossen Das Schlußtableau von Purpur Übergossen.... Der Schönheit Priester und der Freiheit Freund, Äenoss' des Volk's, des Rechtes Schirm und Rath, Fürsprech der armen und bclrognen Leute. Der Letzte du ans llrpatrizicrstainm, Vom Arbcitspnlt das Buch der Zukunft hebend, Ein echter, glockenklarer Demokrat....." Das ganze Gedicht ist eine so treffende Schilderung des ausgezeich- nctcn schweizerischen Gelehrten und Volksmanncs, daß man selbst so zweifelhaste Sätze wie„Mcerblau wie Gudrun floß das Augenpaar" mit in den Kans nchnien kann. Sehr schön heißt es im Gedicht„Gegensatz": „Ein schwanger Weib ist mir ei» Hcil'genbild", Schleppt sich's in Lumpen bleich und eckig hin, Das Leben sichernd dem, das lebend quillt, Die nothgekrönte Schmerzenstönigin. Lastträgcrin der We.lt, entbehrungsreich, Mir qualschön, Dir die widrigste Figur. Geh Du nach Rom! Romanisch ist Dein Sinn. Vor Raphaels Madonna knie Du! Mein Auge sieht der Proletarierin Mühsamem Werkgang überwältigt zu." Und im„Meincnto der Freiheit": Aus Freunde! Nicht ewig das Elend bejammern I» sentimentalen Gedichten! Laßt uns mit strophischen Eisenklanimern Den Bau des Rechtes errichten! Die Thränen, die ihr in Versen vergießt, Wie sie der Protz mit Behagen genießt! Die goldgcscheckte Hyäne Weint gar noch selbst eine Thräne. Wohl soll mit erschütternden Wahrheitstöuen Die Roth aufschrei'n in der Dichtung. Doch nicht Lamento der ganze Mann! Stimmt das Memento der Freiheit an! Schlagt mit den Annen der Reime In die tvnrmzersresjenen Bäume. Gewitter in Eure Lieder! Sonst donnert die Zukunft Euch nieder. Eine ganze Reihe von Gedichten:„Bock-Abend in der Tonhalle", „Cafe oliantant",„Familien" und viele andere, verrathen eine glück- liche Anlage zur Satire, und einige der lyrischen Gedichte zeichnen sich durch vortreffliche Stimninngsmalerei ans. Genug. Wir haben in Henckell einen unzweifelhaft reich begabten Dichter vor uns, von dem noch viel erwartet werden kann, wenn er sich vor einem hütet— vor Verflachnng. Er hat sein„Diorama" Leopold Jakoby gewidmet, und wir freuen nns, in der Widmung an diesen das Versprechen zu finden, sich„angelegentlicher als bisher dem Studium der Gesellschaftswissenschaft" zn ergeben. Möge der Einfluß Leopold Jakoby's sich anch in anderer Beziehung dem jungen Dichter wohlthätig erweisen. Das„Diorama" ist von der Berliner Polizei auf Grund des«o- zialistengcsetzes verboten worden. Es bedurfte dessen wirklich nicht, nm das Buch jedem Sozialisten, jedem Freund moderner Poesie Werth zu machen. Aber Henckell darf wenigstens von sich sagen, daß er das Verbot redlich verdient hat. Wohl fehlt im Diorama die Anffordernng zum„gewaltthätigcn Umsturz", die man ja wohl ehedem als poetische Lizenz de» Dichtern hingehen ließ. Aber dafür mußten sie wenigstens sonst hübsch artig sein und nicht die Polizei in so kecken Satiren ver- höhnen. Und dann, dieses Gedicht„Das Ausnahmegesetz:" „Es steht ein Blatt beschrieben im Buch der deutschen Schmach, Das muß der Teufel lieben, bis an den jüngsten Tag...." So etwas darf nicht im honetten Buchhandel vertrieben werden. Und so werden die unhonetten Leute es sich auf»»honettem Wege verschaffen. „Herr Knoop �Sozialist) stellte im Laufe seiner Rede unter brause»- dem Beifall und Pfnis seiner Parteigenossen an den anwesenden Polizei- Präsidenten a. D. m Hergenhah n die Anfrage, ob er heute nicht die seiner Zeit von ihm ausgeführten Weihnachts-Answcisnngen, die bekannte Friedhofs-Affäre als eine harte Ungerechtigkeit empfinde�— H e r r v. H e r g e n h a h n, von m i n n t�e n l a n g c m Pfui der Sozialdemokraten empfangen:„Sie können nicht verlangen, daß ein Mann, der Jahre lang seine Pfliclit als Beamter gcthan, in einer Wahlversammlung Rechenschaft ablegt über die Führung seines Amtes.(Minutenlange Unterbrechnng.) Solange ich Beamter war, habe ich meine Pflicht gethan.. Der folgende Sa» war in Folge der immer lauter werdenden Zurufe und Pfnis unverständlich." Und Pfui! Pfni! Pfui! ging es, bis Herr Hergenhahn, gefolgt von diesen Rufen, schmachbeladen von der Tribüne abtrat. Alsdann konnte die Versammlung ungestört zu(snide tagen, dem nachfolgenden national- liberalen Redner wurde in ruhigster Weise von den Arbeiter» Gehör geschenkt. Herr von Hergenhahn aber wird sich die Lektion gemerkt haben und darauf verzichten, noch einmal vor Arbeitern aufzntretcn. Seine Ans- rede, er habe als Beamter seine Pflicht thun müssen, ist mit Recht als ungenügend zurückgewiesen worden. Welche Infamie ist nicht schon mit dem Hinweis auf die Beanitenpflicht zu beschönigen versucht worden? War nicht auch Jhring- Mahloiv ein„pflichtgetrcncr Beamter"'< Und dann, es gibt ein Gebot, das höher steht als das der Beanitenpflicht, und das ist die Pflicht der Menschlichkeit. In der Stellung, die Herr v. Hergenhahn einnahm, ist man zudem kein todtes Werkzeug— niemand konnte ihn zwingen, jene Infamie am Weihnachtsvorabeud 1886 zu begehen. Im änhersten Falle aber hätte er, wenn er wirklich liberal dachte, eher abdanken, als sich zu solcher Brutalität hergeben müssen. So hat er kein Recht, sich zn beschweren, dast ihm Unrecht geschehen. Wie er sich mit seinem damaligen Vorgesetzten, Pnttkamcr, auseinander- gesetzt hat, ist seine Privatangelegenheit. — Folgendes wirklich sehr hübsche Wahlgeschichtchcn wird der„Frankfurter Ztg." ans dem Wahlkreise Le ipzig-Land ge- meldet: „Das sozialdemokratische Blatt„Der Wähler" brachte unter der Rubrik„Quittung ü b c r B e i t r ä g e z n m W a h l f o n d" auch die Notiz:„Von z i e l b e w u st t e n M i t g l i e d e r n d e s M i l i- tär-Bereins z n P l a g w i tz 9 Mk. 10 Pf." Darauf erliest der Vorstand des letztgenannten Vereins eine Annonce, worin er eine Be- lohnnng von 50 Mk. demjenigen zusichert, der den Einsender der ge- nannten Notiz so namhaft machen könne, dast es möglich sei, gegen ihn einzuschreiten. Auf diese Annonze hin haben sich nunmehr vier Mit- glicder des Militärvereins zu Plagivitz als die wirklichen Einsender gemeldet. Sie' haben gleichzeitig ihren Austritt aus dem Verein er- klärt, b e a n s p r u che n aber die Belohnung von 50 Mk., die sie n u n e b e n f a l l s d e in s o z i a l d e m o k r a t i s ch e n W a h l f o n d s zuzuführen beabsichtige n." Eine bessere Rcducüo ab absurdum der kleinlichen Niedertracht ist gar nicht dcnlbar. — Welch bodenloser Gemeinheit der Brotneid unter den Herren Kapitalisten fähig ist, dafür siiidcn wir in der neuesten Nummer der Wiener„Arbeiterztg." ein geradezu ekelerregendes Beispiel. Unter dem Titel„Nichtgentlemen im Exportfach" schreibt unser Bruderorgan: „Bekanntlich endete der Drechslerstrcik seinerzeit dadurch, dast der Chef des gröstten Exportgeschäftes in Wien, Herr Hausmann, erklärte, die Licfcrpreise der Meister anzniichmen unter der Bedingung, daß man n n r i h m liefern solle und die Produktion eingeschränkt werde. Be- greiflicherwcisc sahen sich die übrigen Exporteure durch diese Ueberein- knnft in ihren Profiten geschmälert, und nun finden wir in mehreren Blättern folgende Mittheilung: „Die Agitation, welche gegen dieses Kartell unter den Mei- steril und Gehülfen betrieben wurde, blieb gänzlich erfolglos, und es griffen mm drei Exportcure zu cineni K r a f t in i t t e l, welches in den betheiligten Kreisen ansterordentlichcs Aufsehen erregt. Vor einiger Zeit wandten sich die drei Exporteure Josef Jaff und Sohn, Alexander Mayer und Co. und Eduard Kanitz u. Co. an die Polizci-Direktion mit einer Anzeige, in welcher sie gegen Haiisniann— welcher amerikanischer Staatsbürger ist — die Anschiildigung erhoben, dast er die Wiener Perlmutter- Jupnstric zn Grunde richtet und durch B e g ii n st i g n n g der s o z i a l i st i s ch e n B c st r e b u n g e n eine m t t R ü ck- ficht auf die für den 1. Mai geplante Arbeiter- D e m o n st r a t i o n b e m e r k e n s w c r t h e G e f a h r für die ö f f e il t l i ch e R u h e und Ordnung schaffe. Ans diesem Grunde wird nin die Ausweisung H a u s m a n n's aus den Ländern der österreich-ungarischen Monarchie ersuch t." Aus diesem Beispiel kann man sehen, wie weit Konkurrenzneid und Ansbeutungswuth gehen könncii. Weil Hansmann beim Drechslerstrcik einfach als ein praktischer, weiter sehender Geschäftsniann handelte, der sich dabei gewist nicht von hninanen Grundsätzen, aber von geschäfts- niännischcm Scharfblick leiten ließ, so deniinziren ihn seine Koiiknrrenten als—„B e g n n st i g e r" der s o z i a l i st i s ch e n B e st r e b n n g e n. Das sind dieselben, welche damals den Arbeitern Iveißmachen wollten, daß die Einschränknua der Produktion ein großes Unglück für sie, die Arbeiter, sei. Weil Hansmann die Interessen weniger Leute— aber Reicher— etwas geschädigt, sein Eintreten jedoch Tausend von armen Arbeitern eine geringe Aufbesserung gebracht, deshalb verlangen sie seine A u s w e i s u n g. Sie erzählen, daß Hansmann die Wiener Perlmutter-Jndiistric zu Grunde richte. Wie ist aber damit die That- fache vereinbar, dast bereits die volle, zehn st ii n d i g c Produktion aufgenommen worden ist? Und dabei verdienen jetzt die Perlmutter- arbeitcr in zewi Skniide» mehr als früher in 15 oder 16 Stunden. Die Geschichte ist wirklich ergötzlich und sie beweist die Wahrheit des Satzes, dast das Kapital, um eine gewisse Sninme Profit einzuheinisen, vor keiner Anstands- und Gesetzesschranke zurückschreckt." — Unser schweizerischer Gesinnungsgenosse Otto Lang, dessen mnthigen Brief an den Züricher Kantonsrath wir in voriger Nummer mitgetheilt haben, antwortet neuerdings in der„Züricher Arbeiterstiinme" nicht minder muthig der liberalkonservativen„Neuen Züricher Zeitung", die die verlogene Bchanptnng aufgestellt hatte, Lang habe sich erst n a ch seiner Wahl zum Bczirksanwalt als„Revolntio- när" entpuppt. Lang widerlegte dies mit dem Hinweis auf die von uns bereits mitgetheilteu Thalsachcn, und fährt dann fort: „Zum Schlüsse will ich mit dem Geständniß nicht zurückhalten, dast ich wohl unverbesserlich bin und daß die in letzter Zeit üblich gewor- denen Bekehrnngsversnchc kaum von Erfolg begleitet sein werden. Ich sage das, nui die nachgerade langweilig gewordene Diskussion über die Größe meiner Unbcschcidenheit abzukürzen nud die„N. Z. Ztg." von ihren nnaiisgesetzteii Versuche», mich unmöglich zn machen, abzubringen. Sie mag noch zwanzigmal die infame Lüge in die Welt setzen, ich sei i»„auswärtigen revolutionären Verbindniigen" thätig, und Herr Meister mag im Kantonsrath eine noch vornehmere Haltung einnehmen— das alles wird au� mich bedauerlich wenig Eindruck machen. Ich werde diese Winke nicht verstehen, sondern bleiben, wo ich bin. Das gciiannl- Blatt verlangt von mir, ich solle mich über- Haupt nicht in fremde Angelegenheiten mischen und mich allein mit einheiniischem Kohl begnügen. Die„N. Z. Ztg." mag ja so Recht haben. Aber West das Herz voll ist, dest geht der Mund über. S i c unterrichtet ihre Leser in spaltenlangen Telegramnien über den Stuhl- gnng des spanischen Königs und t ch ziehe am 2 0. Februar Feier- kleidcr an und dichte Oden auf— Paul Singer(auf Bebel reimt es sich so schwer). Drum warten wir bis nächstes Jahr. Dann mag die „N. Z. Ztg." zeigen, wie sie den Satz„sie betrachte die schweizerischen Sozialiste» als eine politische Partei mit de» gleichen Rechten und Pflichten wie jede andere Partei", verstanden haben will. Zürich, 10. Februar 1890. O t t o L a n g." Bravo! — Etwas mehr Logik, wenn's gefällig ist. Wir müssen uns wieder einmal mit den Herren Anarchisteii der Most'scheii„Fre eit" auseinandersetzeii. In Nr. 2 u. Blattes vom 12. Januar hatten wir geschrieben, dast wir u. A. auch darin mit der„New Icrker Volksztg." differiren, dast wir es „mit uuserm Geschmack nicht vereinbaren können, zn bloßen De- monstrationszivecken neben einem Hans Most auf die Tribüne zu treten." Das zieht uns von dem liebenswürdigen Blatt den Vorwurf des „F a n a t i s m u s" zu, dem zur Würze einige Schmeicheleien wie „Parteimaineluck",„biederer Zclote",„Sozialspießer",„altes Eisen" wahr- scheinlich als Muster edler Toleranz beigegeben werden. Nun, wir bedauern, trotz dieses verlockenden Beispiels vorläufig bei unserm„Fa- natismns" beharren zu müssen, der uns noch nie verhindert hat, im Anarchisten, der seine Grundsätze mit ehrlichen Waffen verficht, den Mann von Ucberzengnng zu achten, so heftig zwischen uns auch der Kampf tobte. Aber Ueberzengung gegen Ueberzeugiuig. Wir halten die Lehren des Anarchisnins für falsch, seine Taktik für der Arbeiter- fache im höchsten Grade schädlich. Dasselbe behauptet der Anarchist in Bezug ans uns. Was soll nun da ein Ziisaiiimeiistchen auf derselben Tribüne für einen Zweck haben? Muß es nicht in dem Arbeiter, der uns zuhört, den Glauben erwecken, als sei das alles, was wir sonst sagen und thun, nur Komödie, als glaubten wir selbst nicht daran? Ist es Männern von Ueberzengung würdig, heute Arm in Arm die geeinten Waffenbrüder zn spielen und morgen schon einander zn attakiren und als den Krebsschaden der„Arbeiterbewegung", als der Vernichtung Werth zu erklären? Unserm Gefühl widerstrebt das, wir suchen vor allem wahr zu sein, wahr gegen diejenigen, für die wir schaffen, wahr aber auch gegen uns selbst. Wir wollen damit keinen Stein auf'Andere geworfen haben, die unsern Standpunkt nicht thcilcn, aber wir haben keine Ursache, mit der Erklärung hinter dem Berge zu halten, daß wir ihren für falsch halten. Es gibt allerdings Sitiiationcn, wo auch wir alle theoretischen und sonstigen Gegensätze zu unterdrücken uns verpflichtet halten würden. Das wäre z. B. überall da der Fall, wo ein vitales Interesse der Arbeiterschaft ein zeitweiliges Zusammengehen aller Gegner der Herr- schcnden Gewalten erforderlich macht. Beispielsweise eine Protestbewegung gegen ein geplantes Attentat ans ein Volksrecht ec. ec. In solchen Momenten müssen alle persönlichen Antipathien schweigen. Wir haben deshalb mit großem Bedacht in dem zitirten Satz gesagt:„zn bloßen Deinoiistrationszwecken"; für den, der lesen kann, war das gar nicht niistzuverstehe». Also bitte, ein bischen mehr Logik, verehrte„Freiheits"niänner, und auch ein bischen mehr G e d ä ch t n i ß. Nicht alle Leute haben ein so kurzes Gedärm, dast sie heute vergessen, was sie gestern geschrieben oder was andere gegen sie geschrieben und gethan. Es ist auch nicht nach Jcderinaiins Geschmack, gerührt einzuschlagen, wenn ein Manu, der alles aufgeboten, die von nns vcrfochtcne Saclie z» schcdigen, plötzlich, der Impotenz überführt, uns mit herablassender Miene die„Stiefbruder"- Hand darreicht— Soyons arni«, Cinna... lim schon morgen uns wieder in de» Rücken zn fallen und in hämischer Schadenfreude sich zu ergehen, wenn irgend ein„stiefbrüderliches" Organ mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Man muß nur die Art und Weise sehen, wie die„Freiheit" die Achtstnndcnbewegiing, den Wahlkampf in Deutschland— kurz, alle Aktionen der Sozialdemokratie begeifert, um die von ihr gepredigte„Sticfbrüderschaft" nach ihrem richtigen Werths schätzen zn könncii. In dem zitirten Artikel werden wir schließlich zum„alten Eisen" geworfen. Das ist andern Leuten auch schon passirt, und— welche Vcr- irrung des menschlichen Gemüths— wir gehören lieber mit einem August Bebel zum alten Eisen, als mit einem Hans Most zum neuen B l e ch. Sprechsaal. Zum Ausschluß der Ncdaktion des„Arbcidcrcn" auS der dänischen Partei. S n n d b y ö st e r, 27. Januar 1890. Werths Redaktion! Da von den Ansgeschlosseneii bis setzt noch Niemand das Wort in dieser Angelegenheit gehabt hat, so werden Sie mir gestatten, auf das Schreiben P. Knudsens Einiges z» antivortcii, um so mehr, als das dänische Parteiorgan konsequent die Aufnahme unserer Einsendungen vcriveigert. Es ist richtig, daß die von P. Kniidsen zitirten Stellen im„Arbei- deren" Aufnahme gefunden. Jedoch rühren dieselben nicht von der Redaktion, sondern von außerhalb derselben stehenden Personen her; die Redaktion des Blattes hat sich stets damit begnügt, die geradezu unqualisizirbarcn Schimpfartikel des„Socialdemokraten" tiefer zu hängen. Dort zog man n. A. Parallelen zwischen uns und den be- kannten dculschen und belgischen Ztgeiits provocatenrs, man forderte die Parteigenossen auf, nns, falls wir nicht Hnrrah für Holm oder Hördum rusen wollten, bei den Ohren auf die Rednertribüne zn ziehen und diirchzuprllgeln u. s. w., Dinge, wofür wir jederzeit die gedruckten Be- weise zn liefern im Stande sind. Dies setzte natürlich böses Blut, und ein oppositionelles Mitglied des Hanptvorstandes, Frl. S. Andersen, eine Dame von tadellosem Rufe und durchaus ehrenhafter Gesinuung, schrieb als Antwort, auf diese Gemeinheiten den ersten der angezogenen Artikel, dessen Aufnahme wir nicht verweigern konnten und wollten; im schliminstcn Falle kann derselbe als berechtigte Abwehr gelten. Was den zweiten Artikel anbetrifft, so nahm die Redaktion des„Arbeideren" ausdrücklich Abstand von demselben und überliest die Vcrantwor- tung dafür dem Einsender. Dies das Verbrechen, welches den direkten Anlast zum Ausschluß gab. Die 20 Personen, welche den Aiisschluß- Antrag stellten, gehören zlvar nicht zur Parteileitung, find aber von derselben, wenigstens zum größten Theile, abhängig. Wenn Sie glauben, dast die Differenzen zwischen den beiden Parteien rein taktischer Natur sind, so irren Sie; dieselben sind mindestens ebensosehr prinzipieller Natur. Lesen Sie z. B. den beigefügten Artikel „Revolution" und Sie werden begreifen, dast wenn die Partei solche Pi ogranimartikel vom Stapel lassen kann, dieselbe nicht-das Prädikat „sozialdemokratisch" verdient. Das nach dem letzten Kongresse total verwässerte Programm dürfte als zweiter Beweis für die vollständige Verbürgerlichung der dänischen Partei gelten. Dann ist zweitens der mit allen bürgerlichen Parteien untrennbar verbundene widerliche s e r s o n e n k n l t n s cin wesentliches Hindcrnist für eine Vereinigiing. Lesen Sie z. B. die beigefügten Autobiographien der drei Kopenhagener sozialdemokratischen Äandidaten, ich bin sicher, dast dieselben Ihre Vernrtheilung finden werden. Diese Biographien stehen im„Socialdemokraten", und jeder Tag bringt neue Selbstver- hcrrlichungcn. Drittens haben Sie sich durch die„Frankfurter Zeitung" täuschen lassen; die'Allianz besteht fester denn je zuvor. Bei den letzten Wahlen waren es in Kopenhagen vorzugsweise die allergemästigsten Elemente, welche die sozialistischen Kandidaten empfahlen, und diese selbst erklärten, daß die dänische sozialdemokratische Arbeiterpartei eine durchaus ver- fassnngsmästige parlamentarische Oppositionspartei sei. Hoffentlich nehmen Sie diesen Slrtikel unverkürzt und»nverznckert auf; die Verantwortung dafür trage ich. Und wenn Ihnen dies eine Bürgschaft für meine Gefianung sei,, kann: Ich bin seit 21 Jahren Mitglied der deutschen Arbeiterpartei und n. A. den in Kopenhagen wohnenden Deutschen sehr gut bekannt. Mit sozialdemokratischem Gruß F. Möller, Zigarrenarbciter. R S. Ans nnserm beigefügten Partei-Manifcst haben die hiesigen Führer herausstnoirt, dast wir„Revolutton machen" wollen und denun- ziren uns nun als gemeingefährlich! D. O. Briefkasten der Redaktion: Briefe und Einscndnngeii erhalten aus: Berlin, Chicago, Detroit, Genf, Leipzig, Oxford. Paris, Rom. Zürich.— „A. T." in Detroit: Ihre Karte freut nnö deshalb, weil sie uns einen Bundesgenossen gegen die immer mehr einreißende Unsitte desZitirens ohne Qiicllcnangabc anzeigt. An sich hätte es keiner Entschuldigung des Lapsus bedurft.— H. D. in Wimbledon: Natürlich ist die Liste bei Weitem nicht komplet. Wir haben mit Rücksicht auf den Raum die Fortsetzung einitelleii müssen, zumal wir bei Ziisanimeiistellung der Re- fnltate die Namen bringen werden.— Leipzig: Den Hanswurst Sp. kanten wir uns in nächster Nr. Besten Dank. der Expedition: Merlin: Adr. u. E. Anlangendes beachtet. Versprochenes le bäldcr, je angenehmer.— Pharao: Rechnen auf thun- lichste Beschleunigiiiig der Sache u. alsbaldige Nachricht. Im Weiteren scheint cin Mistverständniß zn walten. Bfl. mehr.— Exlentnant: sh. 4.— Ab. 1. Qu. u. Schft. crh.— E. K. W.: öwfl. 40.— für Schft. crh. Sdg. folgt.— W. Hffin. Hier: Sh. 10. 10 f. S. D. erh. — Rothes Fenster: Mk. 145.— a Cto. IIb. 2C. erh. ii. Bstllg. notirt. Wir finden solche Acusternngen ganz begreiflich. Die Leute fassen die Sache mehr vom persönlichen Jnteressenstandpunkt auf. Grnndsatzfeste Leute lassen sich übrigens in dieser Richtung schwer!. Über die wahren Gründe hinweg-leithammcln.— Brüssel: Nach Wunsch besorgt.— H. Adam Rochst. 91b.; Sh. 1.5 per Ab. 1/2 1. Qu. n. Bdr. erh.— «. Rzk. Bpst.: Sh. 17.2 Ab. per 90 crh.— Dante: Mk. 150.— a (£to. Ab. k. erh. Die betr. Sachen wurden aber trotzdem reklamirt. Haben Sie etwa eine Zwischenhand beauftragt? Weiteres bfl.— Rothcr Cerberns: Dank f. Referenz Bstllg. folgt. Adr. ist geordnet. — Claudius: Mk. 55.— a Cto. Ab. 2c. erh. Ihr Kandidat wird diesen Beschlust schwerlich bewundern. Weiteres bfl.— F. Stklbrg. Parts: Fr. 10.— Ab. per 90 erh.— I. I.: Sh. 10.— f. Schft. erh.— Minthias: s-bdr. hier n. Bf. v. 13. am 15/2 bcantw.— Tran, schau, Wem: Adr. lt. Vorlage v. 13. notirt n. Disp. für T. am 15 2 abgesandt.— D. S. Wache: Anfrage v. 10. am 14/2 beantw.— Alter Fritz: Alles nach Vorschrift v. 13/2 beachtet u. besorgt.— 7/9. 27.:-sbd. dkd. erh.„Naderer" sehr gut. Uebrigens ist K. schon länger durch Herrn von Mauderode abgelöst.„Dieselbe Sorte"— mit Es- bonquet."— F. He. M. Gldb.: Mk. 5. 50 f. div. Schft. crh. Sdg. am 17. u. 19/2 abgg.— O. Egrtn. London: 10 Py. f. Schftn. erh.— Urania: Mk. 1480.— a Cto. Ab. 2C„ sowie Bfe. v. 12., 13. n. 17/2 erh. Mehrbestllg. auf S. D. u. Schrft. folgt. Bravo! Das Andere auch nicht übel. Original wäre erwünscht. Bfl. mehr.— Mhlr. Cincinnati: Bestllg. am 17/2 abggn. Nota per P. K.— F. A. Sorge in Hobokcn: Pfd. 3.— a Cto. Ab.:c. erh. u. Mk. 26. 40 nach Vorschrift weiter- besorgt. Gewünschtes bfl.—'Rother Holländer: Bf. v. 13. am 17/2 erh. u. beantw. Erfragtes soll längst abgegangen sein, muß also stündl. eintreffen.— Rth. Hnssite: Adr. lt. Vorl. v. 16/2 geordn. u. v. Weit. Notiz genommen.— Dtsch. Lesegesellschaft Kophgn.: M. 10— 1. Rate v. Sch. B. erh.— — Die„9tothe Wacht" am flihei»: Fr. 5.— per W. F. erhalten. (Lansesalbe, wo bleibt Rest?)— M. H. Bsngn.: Fr. 7.61 Ab. 1. u. 2. Qu. erh.— K. P. Sion: Fr. 4. 50 Ab. 1. u. 2. Qu. erh.— Wahlfond-�uittnng. Zur Weiterbefördernng sind an unsere Adresse ferner eingegangen: Ouittirt in Nr. 7....... Mk. 660. 70 London. C. Lawinski, 2. Rate Sh. 10.—..„ 10.— R o m. Antonio Labriola Prof. Fr. 50.—..„ 40.— Paris. Frdr. Stackelberg Fr. 10.—...„ 8.— Davon Port. D. A. Randlcr und Gen. Doll. 8.— per Pfd. 1. 12. 10......„32.80 Stockholm. Arbeitergroschen von den schwedischen Genossen als ein Zeichen internationaler Solidarität. 3!eiilertrag eines Vorirags von Genosse Hjalmer B r a n t i n g über die deutsche Sozialdemokratie. Pfd. 1.19.9 per Nilston...... 40.— Wimbledon.„Auf Vaterland"! 2. 9!ate..„ 2.— Java. Van Kol Frc. 70.—.....„ 56.— La Vilette. Vom dtsch. Sozialdem.Klub Frc. 100.—„ 80.— London. Komm. Arb.-Bild.-Ver.(4. Rate)Pfd.3.—„ 60.— Zusammen'Ml. 989.50 Zur Beachtung. Auch die Brüsseler Genossen erklären, dast Unterst ii tz n n g Beanspruchende mit genügendem Ausweis über ihre Anspruchs- berechtig nng versehen sein müssen, wenn nicht unbedingte Abweisung erfolgen soll. Dieselben G r ü n d c, welche in Nr. 4 des„Soziald." von der „Deutschen sozd. Mitgliedschaft" Basel hervorgehoben wurden, sind auch die unsrigen. Alle zureisendcn Genossen mögen sich übrigens hier wenden auf das ölaison du peuple, Rue de Baviere. Der soziald. Arbeiter-B ildungs-Verein in Brüssel. Komnninistischcr Arbeiter Biltmngs-Verein V** 49 Tottenham-Strcet. S a m st a g den 1. März 1890 Jünfzigzähriges Stiftungsfest. Festrede gehalten von Bürger F. B. Lehn er. Eintritt frei. Anfang Abends 9 Uhr. Genossen und Freunde sind herzlichst willkommen. Der Vorstand. tSKNt'uluUU'N Deutsche LesegrscNschaft. U. Allen zureisenden Genossen hiermit zur Kenntnist, dast wir unsere Versammlungen jetzt jede» Dienstag Abends halb 9 Uhr bei Nielsen, 9!ömersgade 15, Ecke Vendersgade, abhalten. Soeben ist erschienen Sozialdemokratische Vibliothek Heft XXIX: Hruh- Kisensti vn. Ermhlriflhtg aus puttkamelun. Ein vierblätteriges Brosd)üreiikleeblatt von Vetter Niemand. I. a) AnarchiSmnS, Sozialdemokratie und revolutionäre Taktik. b) Warum verfolgt man uns? Preis: 30 Pf.— 35 Cts. Die verschiedenen Aufsätze, die unter obigem Gesainmttitel vereinigt sind, wurden seinerzeit im Auftrag von Hamburger Arbeitern verfaßt und in Hamburg bereits vor mehreren Jahren einzeln verbreitet. Durch Einverleibung in die„Sozialdemokratische Bibliothek" machen wir sie hiermit den Genossen allcrwärts zugängig nud empfchlc» sie zur weitesten Verbreitung. Heft XXX enthält die weiteren Aufsätze: Umsturz und Parlamentarismus I u. II. Diese Broschüre empfiehlt sich insbesondere zur Massenverbreitung und gewähren wir bei Entnahme von 100 Exenipl. ciitsprechendcn Rabatt. *** Wir empfehlen unsern Genossen unter Hinweis auf die in Nr. 3. unseres Blattes erschienene Besprechung: Es werde Licht. Poesien von Leopold Jacob y. � Preis: 65 Pfg.— 80 Cts. Zahlreichen Austrägen ficht entgegen E. Srnifttiil& Co., 114 Kentisb Town Road, London X\V„ Printed kor the proprietors by the German Cooperative PablUhing Cp. 114 Kentisb Town Road London N. W.