Abonnements •fT>en be'm Dtrlag und dessen bekannten Agenten entgrgeu- genommen, und zwar zum voraus zahlbar«« DierteljahrSpreis von: M?. 4,40 für Deutschland(direkt p.r Brief-Couvert) öwfl. 2,15 für O est erreich(direkt per S-rief-CouveU) Lhill. 2.— für alle übrigen Länder de» Weltpostvereins Kreuzband). Ziserlte dl» dreizes?altei>» Pe«I>>»Ile Z Pence---- 25 Psz. 80 Et». Der Sßiialiiümokrat Krgan der Sozialdemokratie deutscher Zunge. Erscheint wöchentlich einmal in London. ?crlag der Qorman(?o«»peratire?odll»d!Qx(?o. L. Bernstein& Co., London N. W. 114 Kentiah Town Road. PoHscsdrilzt« sranlo gegcn franko. Erwöhnliche Briest »ach England losten Doppelporto. 22, Briefe an die Redaktion und Erpedltion deS in Deutschland und Oesterreich verbotenen»Sozialdemokrat" wolle man unter Beobachtung äußerster Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schicke man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadressen. In zweifelhaften Fällen eingeschrieben. 31. Mai 1890. Der erste Mai und die Anarchisten. Wir müssen uns wieder einmal mit den Anarchisten be- schäftigen. So klein diese Sekte an Zahl auch ist, so spielt sie doch in einzelnen Ländern eine gewisse Nolle in der Ar- beiterbewegung, wenn auch nicht grade in Deutschland, und hat es denn auch hier und da an Versuchen nicht fehlen lassen, die Bewegung des ersten Mai auf ihre Mühle zu lenken. Das war natürlich ihr gutes Recht, wie sie das jedoch ge- than haben, mit welchen Absichten und mit welchem Erfolg, das gehört vor das Forum der sozialistischen Kritik. Wir sehen dabei selbstverständlich ab von Leuten wie der Herausgeber der New-Dorker„Freiheit". Derselbe nennt sich zwar einen Anarchisten, aber es wäre unbillig gegen die- jenigen, die an die Lehre von der absoluten Autonomie der Individuen wirklich glauben, sie mit einem I. Most zu- sammenzuwerfen. Dieser einerseits— andrerseits— und wieder einerseits— und wieder andererseits- Jämmerling ist heute nichts weiter als ein Journalist, der in„Anarchie" macht, wie irgend ein anderer Journalist in Katholizisnius, Frei- denkerei oder Spiritismus macht. Er glaubt so wenig an den Anarchismus wie er etwa an die unbefleckte Empfängniß glaubt. Er spielt den Anarchisten, weil er einmal„drin" ist, und weil seine Versuche, sich wieder an die Sozialisten heranzuschwänzen, mit einer sehr deutlichen Bewegung des Fußes abgewiesen worden sind. Wenn Herr Most den Gedanken der Arbeitsruhe des ersten Mai ganz im Stil der Bourgeois- Schimpfpresse als„Vlaumacherei", die Demonstrationen als „Gänsemärsche" lächerlich zu machen sucht, so beweist er da- mit nur, wie öde und dürr es in seinem Innern ausschaut —„trocken wie der Staub des Sommers"— aber irgend eine Lehre, irgend eine Partei hat mit solchen Bübereien nichts zu thun. Etwas anderes ist es mit der Pariser„Revolte". Nicht daß dieses Blatt sich etwa uns Sozialisten gegenüber einer, auch nur leidlich anständigen Haltung befleißigte. Im Gegen- theil. Was in Bezug auf Beschimpfungen, Verdächtigungen und Verdrehungen uns gegenüber geleistet werden kaim, das vollbringt das Organ der Herren Krapotkiu, Merlino 2c. in reichlichstem Maße. Aber die Leute glauben wenigstenö an die Sache, die sie vertreten. Es ist ihnen Ernst mit dem AnarchiSinus. Und darum sind ihre Auslassungen immerhin einer Besprechung Werth. Die drei letzten Nummern der„Revolte" sind fast aus- schließlich Berichten und Betrachtungen über die Bewegung des ersten Aiai gewidmet. Natürlich sind die Berichte anar- chistisch gefärbt. Jndeß, es gibt auch sonst Leute, die nur das sehen, was sie sehen wollen. Charakteristisch ist nur, was der Anarchist sehen will. Den Geist der Rebellion, selbstverständlich.> Aber diesen nicht allein. „Man sprach von allen Tribünen herab", heißt eS im Bericht über die Demonstration im Hydepark. Und weiter: „Gesetzlicher Achtstundentag" klang es alle fünf Minuten ans der marxistischen Platform, wie das Anschlagen einer Glocke. Burns trieb Statistik.... aber die Masse hörte nicht auf ihn. Das ist der Eindruck, den alle unsere Freunde gewonnen haben. „Die Masse hörte sie nicht. Wie elend sie sich ausnahmen, diese Redner, angesichts dieser Blasse, deren Kraft nicht einer von ihnen begriffen hat. „Wenn die Tradesunionsführer statt verklausulirter Reso- lutionen diesem Meer von Menschen die Frage entgegenge- halten hätten:„Seid Ihr damit einverstanden, morgen Euren Prinzipalen zu erklären, daß Ihr künftig nie mehr als acht Stunden arbeiten werdet?" so würde sich ein einziger Zuruf, ein einziges gewaltiges I a dieser halben Millioit von Brüsten entrungen haben, und der Achtstundentag wäre in ganz Eng- land eine Thatsache. Aber Danton hat unter den Sozia- listen»och nicht Schule gemacht."— Man braucht also blos der Masse eine Frage vorzulegen und dann ist auch schon die Thatsache verwirklicht. Schade, daß das blos im Kopf des Glücklichen der Fall, der das geschrieben. Aber wozu eigentlich selbst noch die„Frage"? Ist nicht diese auch schon überflüssig? Die„Masse" weiß ja besser als die Redner, was sie will. Die„Revolte" komnit ganz überglücklich immer wieder darauf zurück, daß die„Masse" den 9>ede» nicht zugehört habe. Obwohl das nun keineswegs wirklich der Fall war, obwohl namentlich um die Tribüne, auf der BurnS sprach, die Masse sich drängte, die Worte des beliebten Volksredners zu vernehmen, so kommt ja thatsüchlich bei solchen Demonstrationen wirklich wenig auf die gehaltenen Ansprachen an, und es wäre somit auch kein Wort über die Bemerkung der„Revolte" zu verlieren, wenn die Freude über die nichthörende Masse nicht so charak- teristisch wäre für die Denkweise der Anarchisten. Ihr ganzer MystiziSmils, ihr Fetischdienst mit gewissen Begriffen, die in ihrer Allgemeinheit doch so nichtssagend sind, kommt hier zum Ausdruck. Was der kleinbürgerlichen Deniokratie der begriff„Volk" ist, ist ihnen der Begriff„Masse". Gleich jene» dichten sie ihrem Idol alle möglichen Eigenschaften an. Weil die Masse unter bestimmten Verhältnissen allerdings gewisse Eigenschaften entwickelt, die dem Einzelnen, und sei er noch so gescheidt, abgehen, ist sie überhaupt der Inbegriff aller vortrefflichen Eigenschaften. Die Masse ist, wie der Bürgermeister von Saardam,„klug und weise, und sie be- trügt man nicht"— ach ja, man betrügt sie doch, aber daran ist nur die Schlechtigkeit der„Führer" schuld. Nehme Niemand das zum Vorwand, der Masse ökonomische Begriffe, Erkenntniß der gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze beibringen zu wollen, er versündigt sich damit an dem heiligen Geist der Revolution, denn die Blassen sind ja so„bereit zur Rebellion" —„ohne ein Wort von Marx zu wissen"—„bereit, das System zu stürzen, von dem sie nichts mehr wissen wollen, während ihre Führer sich abmühen, es auszuflicken."(Re- volte Nr. 35.) Aber warum haben denn die Massen dieses System nicht gestürzt, zu dessen Sturz sie so bereit sind? Auf diese Frage erhalten wir selbstverständlich keine Antwort. Wenigstens keine direkte Antwort. Indirekt fehlt es natiir- lich an solchen nicht. Dahin gehört z. V. auch ein Artikel „Die Lehren des 1. Mai", der durch mehrere Numuiern der „Revolte" geht. Und da derselbe in der That nicht des Lehrreichen ennangelt, so wollen wir uns mit ihm etwas be- schäftigen. Der Verfasser ist nämlich mit der Rolle, die die Anarchisten am 1. Mai gespielt, gar nicht zufrieden. Sie haben, meint er, eine schöne Gelegenheit gehabt, etwas recht Gewaltiges auszurichten, statt dessen aber so gut wie gar nichts auöge- richtet. Doch hören wir ihn selbst: „Man erwartete für diesen Tag eine große Manifestation auf der Straße, man fühlte, daß sie nicht nur eine friedliche Manifestation sein werde, oder wenigstens die Nevolutionäre, die Anarchisten, wollten nicht, daß sie eine solche sein solle. Man hätte sich also darauf vor- bereiten müssen, diese Massen zur Nebellion zu treiben, daran denken muffen, fich im Voraus die Mittel zun, Angriff und zur Verthcidignng zu verschaffen, irgend einen Aktionsplan zu haben, die Arbeit shslematisch unter die Genossen vcrtheilen müssen zc. Aber nichts von alledem. Einerseits habe» wir uns darauf versessen, die Nutzlosigkeit eines Acht- stnudcngcsetzes nachznweisen, was vom allgemeinen Gesichtspunkt sicher recht gut ist, was uns aber am Vorabend der Manisestation nicht sehr zweckmäßig erscheint, weil es in diesem Moment daraus hinauslief, die Arbeiter anfznfordern, nicht zu manifestiren, während es für uns näthig war. daß so viel Mensche» als möglich ans der Straße seien. Andrer- seits haben wir die Genossen und die Hnngerlcider ansgesordert, die Pctitionirer ruhig inaniscstircn zu lasseu, und die Znansprnchnahme der Regierung dazu zu benutzen, in irgend einem entlegenen Wiukcl von Paris ruhig einige Magazine auszuplündern. Das erscheint uns unter diesen Uinslünden ganz antirevolutionär. Wir sind durchaus Anhänger der Expropriation gegen die Bourgeois, d. h. der Besitznahme mit nn- mittelbar darauf folgender Plünderung. Das übt de» Geist der Re- bellion und propagirt die Idee, daß die Nevolntio» die Expropriation sein muß; es kann zur Propaganda dienen und zur Beschaffung der für die Propaganda und die Altion erforderlichen Mittel. Aber dazu braucht es tciuen 1. Mai. Wenn man Herz im Leibe hat, kann man es jederzeit machen, wenn man es für nützlich hält, weil es immer Orte und selbst Städte gibt, wo Polizei und Militär schwach oder gar nicht vertreten sind. „Aber an den Tagen, an denen das Volk ans der Straße ist, muß man mit dem Volke sein, denn mit dem Volke macht man die Nevo- lntiouc». An den Tagen, wo es Schläge zu riskire» gibt, müsse» die Revoinlionäre dort sein, wo man Schläge riskirt, und nicht da, wo man Röcke nimmt, denn die Revolution vollzieht sich nicht, ohne daß man sich schlägt, und gelingt nicht, wenn sie nicht ein Werk der Ansopfernng ist. „Und schließlich, wenn man wenigstens geplündert hätte! Man hat sich damit begnügt, es laut anszuschreien, auf daß die Polizei in Alarm gesellt werde.... und das ist alles." Warum aber, wenn es schpn mit der Revolutionsmacherei nichts war, nicht wenigstens ein Bischen Schinderhaniiesanf- führung? Weil„wir", d. h. die Anarchisten, nichts sind, absolut keinen Einfluß auf die Massen haben. „Aber wenn die Manifestation stat, gefunden hätte, was hätten wir ausrichten können in dem Zustand der Desorganisation, der Verkrü- niclnng, in der wir uns befinden, mit der von falschen Brüdern pro- pagirten, von Unbejonnenen akzeptirten und von der Masse der Äe- noisen mit sträflicher Nachsicht geduldeten Theorie, d a ß m a n n i ch t verpflichtet ist, sein Wort zu halten; mit den Spitzeln und verdächtigen Subjekten, die wir ungenirt in unsere Reihen sich einschleichen lassen? „Kurz und gnt, der erste Mai hat uns überzeugen müssen, daß wir... absolut o h» ni ä ch t i g sind. Das ist wenigstens ein offenes Geständniß, wofür man dem Verfasser, wie man auch sonst über seine Ansichten denkt, Anerkennung schuldet. Aber muß es nicht weit gekoiumen sein, wenn ein Mensch, dem, wie jeder Satz seines Artikels be- weist, die Sache, die er vertritt, am Herzen liegt, sich zu solchen Vekeiiutiiisseii veranlaßt sieht? Freilich, er sieht das Nebel, aber nicht die Wurzel, den Kern desselben. Er hält für bloße Auswüchse, was die iiothwendigen Folgen einer von Grund aus verfehlten Lehre sind. Er empfiehlt Prakti- ken, die jeden rechtlich denkenden Arbeiter abstoßen, und wnn- dert sich, daß die Bewegung von Gesindel und iinreifeu Schwätzern, wie er an anderer Stelle ausführt, wimmelt. In demselben Artikel, wo er jammert, daß die Anarchisten nicht stark und geschlossen genug seien, um die für den Achlstuuden- tag demoiistrirenden Arbeiter zur gewaltsamen Revolution zu treiben— ja, zu„treibe n"— schreibt er,„die Revolution käme vielleicht doch, da die ökonomische Entwicklung»ud die Blindheit der herrschenden Klassen sie herbeiführen, aber das wäre eine Revolution, gemacht von den Massen, die keine deutliche Vorstellung von dem Ziel ha- ben, das sie erlangen wollen, und würde infolge- dessen alsbald von den Politikern und neuen Leitern ausge- beutet werden." Also, die Massen haben noch keine klars Vorstellung von dem Ziel, das sie zu erlangen suchen, und doch soll man sie zur Revolution treiben, wie man etwa eine Heerde Hammel in den Schafstall oder auf die Schlachtbank treibt! Da haben wir die ganze Unlogik, den ganzen fehlerhaften Kreis, in dem der Anarchist herum treibt. Die Blassen sind die verkörperte Schafsheerde. Die Massen sind revolutionär, und nur die verbrecherischen sozialdemokratischen„Führer" halten sie mit dem Geschwätz von Reformen zurück, und—„die Massen haben noch keine deutliche Vorstellung von dem Ziel, das sie zu erlangen suchen". Die Massen sind der Abgott — die Massen sind der„corpus vile", mit dem wir unsere anarchistischen Experimente anstellen. Nun, thatsächlich sind die Massen weder das Eine, noch das Andre. Sie sind noch nicht so weit in der Erkenntniß vorgeschritten, wie der Anarchist sie das eine Mal hinstellt, sie sind aber auch nicht die Schafsheerde, welche Nolle ihnen das andre Mal zugewiesen wird. Darum wird jede Be- weguug, jeder Versuch, der die eine oder die andere Auffas- suug zur Voraussetzung hat, mit einem Fiasko enden. Aus kiebkucchts Rede über den Militäretat. Gehalten am 16. Mai 1890. (Nach dem amtlichen stenographischen Bericht.) An der Gesetzesvorlage ist von Seiten verschiedener Redner schon in ausgiebigster Weise Kritik geübt worden, und da ich nicht wiederholen will, was bereits gesagt wurde, so werde ich mich einfach auf die Gcltendinachnng solcher Gesichtspunkte, die hier noch nicht vertreten worden sind, beschränken. Die Vorlage ist sowohl von militärischen als von wirthschaftlichen und politischen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Was die militärischen Gesichtspunkte betrifft, so werde ich in eine Kritik schon deshalb nicht eintreten, weil hier meine Kenntnisse nicht ausreichen, und vom militärisch-technische» Standpunkt ja die Gründe der Urheber der Vorlage, wenigstens für mich, unwiderleglich sein werden. Ich weiß, daß, vom militärischen Standpunkt ans aufgefaßt, die deutsche Armee musterhaft organisirt ist. Ich weiß auch, daß Spar- samkeit geübt wird. Ich habe schon vor 14 Jahren, als ich meine erste Etatsrede hier hielt, dies bereits vollständig anerkannt. Ick glaube sogar— und sprach dies damals schon aus—, daß für das Militär, ich meine für den Lebensunterhalt der Soldaten, nicht cinnial gciiiigcnd aufgewandt wird. Aber es fragt sich: ist das Militär und der Mili- tarisimis in seiner heutigen Gestaltung überhaupt nothwendig? Was den wirthschaftlichen Gesichtspunkt betrifft, so ist auch der nicht maßgebend. Mögen die Lasten noch so drückend sein,— wenn ich weiß, daß die Ausgaben nothwendig sind, daß diese Vorlage angenommen werden muß, um die Sicherheit Deutschlands und die Erhaltung des Friedens zu garantircn, dann würde ich trotz alledem ebenso gut wie jeder andere für diese Vorlage stimmen. Das. was vor allen Dingen ins Gewicht fällt und eutscheideud ist, das sind die politischen Gesichtspunkte: ist wirklich eine Rothwendigkeit für diese Borlage vorhanden? ... Europa starrt in Waffen, die Nationen sind gegen einander verhetzt, und es wäre thöricht, z» leugnen, daß in der That ein Krieg eine Möglichkeit ist. Aber ist der Krieg eine Nothwendig- k c i t? Und ist diese jetzige Lage eine N o t h w c n d i g k c i t? Stein! Die Verhältnisse, unter denen wir leiden, sind durchaus unnatürlich, sie sind zum Theil künstlich erzeugt, sie sind zum großen Theil das Werk der Bismarck'schen Politik, dieser Politik, der früher so allgemein zugejubelt wurde. Jetzt rcikt die Saat— die politische Erbschaft, die Fürst Bismarck hinterlassen hat, ist fürwahr keine er- freuliche. Oder glauben Sie, daß, wenn im Jahre 1866 Deutschland nicht zc risse» worden iväre, dann der Krieg mit Frankreich gekommen wäre? Glauben Sie, daß Europa dann i» diesen Zustand der Be- imruhlgiing verfalle» wäre? Nie und nimmermehr! Aber wie diese Kriege entstanden sind, steht in einem Kapitel, welches wir vielleicht in einer späteren NeichstagSsession, wenn die Zeit eine günstige ist, behandeln werden. Jedenfalls ist das eine gewiß: hier sind zwei K u l t n r n a t i o n c n, die beide wünschen, den Zwecken der Kultur zn dienen, und beide fast alle ihre Kräfte ans die Vor- bercitinig zum barbarischen Massenmord konzeinriren. Das ist ein»n- natürlicher Zu st and,— hier muß Wandel geschaffen werden! Sie wissen, was zwischen Frankreich und Deutschland liegt: Elsaß- Lothringen. Es fällt mir nicht ei», in die Frage der Annexion einzutreten. Ich habe schon früher im Reichstog ausgesprochen: die Franzosen haben ebensowenig Recht, Elsaß-Lothringen zu besetzen, als irgend ei» anderer Eroberer. Die Völker und VLlkcrstänimc haben das S e l b st b e st i in m ii n g s r c ch t. Die E l s a ß- L o l h r i n g e r sind keine Heerde v o» Schafen, die von einem Besitzer dem anderen Übergeben weiden, von einem Besitzer dem anderen abgenommen werden kann. Ein Volk n» dein Volks st anim gehört vor allen Dingen sich selbst. Aber ich will nickt in diese Wunde bineingreifcn; je weniger sie angefaßt wird, desto leichler wird sie vcr- narben. Ick bin überzeugt, wenn die bisherige Politik der Verhcbnng aufhört, wenn frenndlicherc Beziehungen zwischen den Nachbarvölkern, die einander so nöthig haben, eintreten, daß dann allmählig die clsässisch- lotbr ngische Frage einen weniger gefährlichen Charakter annehmen wird. Die Kiiltnrwelt, man mag thun oder lassen, was man will, cnt- wickelt sich immer mehr zur Demokratie, in Dentsch- Innd so g ii I wie i n F r a n k r c i ch; das ist nickt zu verhindern. Wenn die demokraiischen Ideen in beiden Ländern gründlich zum Durch- brnch gekommen sind, dann ex i st i r t die e l s a ß- 1 o t h r i n g i s ch e Frage nicht mehr, dann wird hüben wie drüben das Selbst- b e st i m m» n g S r e ck t anerkannt. Wenn die zwei Völker ein- ander wieder in Freundschaft sich genähert haben, dann kann das kleine Elinß-Lothringen nicht mehr der Zankapfel zwischen ihnen sein— die elsäß-lothrlnqische Frage verschwindet von selbst. Und ich kann mir den Wunsch aussprechen: möge die friedliche Strömling, die jetzt obwaltet, noch einige Zelt danern— ich bin Überzeugt, dann wird ei» Krieg Überhaupt nicht mehr möglich fein; jeder Tag des Friedens vermindert die Möglichkeit des Krieges.... Wohlan, siir den inneren Frieden i st ein Schritt geschehen: in der Thronrede ist das Beste das, was nicht darin steht, nämlich das S o z i a l i st e n g e s e h. Dieses Gesetz, welches eine Summe von IIn- znfriedenkeit, von Erbitterung, von Elend, von Fäuliiiß erzeugt hat, wie Gleiches die Geschichte keines Landcs aiifziiiveiscn hat. dieses Gesetz wird von der Regierung aufgegeben. Sang- und klanglos läßt man es in den Sumpf hinabgleiten, in den es gehört. Es beweist dies, daß man i n n e u abrnslen will; man hat eingesehen, daß, wenn man ernstliche Sozialpalitik oder gar S o z i a l r e f o r in treiben will, man nicht vor die Arbeiter treten kann mit der Kiintc e i n e s A u s- n a h m e g e s c ß e S. Am Ende des 19. Jahrhunderts gibt es keine Bcgiiickitng xar oretrs 6u lnonkti. Das System der Völker- bcg.ilcknng i>!er oräre äo niouCti, der sogenannte„intelligente Despotismus", der r e v o I n t i o n ä r e Despotismus, die Revolution von Oven war im vorigen Jahrhundert der Traum einer ttalharina II., eines Joseph II. und auch Friedrichs des Zweileu von Preußen; aber die Beglückung von oben erwies sich als eine Un- Möglichkeit, und schließlich niußte die Sache doch von unten gemacht werden, wo sie allerdings gründlich gemacht wurde.... Der Feldmarschall Graf Moltkc meinte in seiner vorgestrigen Rede, der Frieden werde nicht von den besitzenden Klassen des Volkes bedroht, aber gewisse Volksschichten seien ihm gefährlich— er nannte sie die„begehrlichen Elemente". Ja,� wer sind denn die„begehrlichen Elemente"? Aus dem Zusammenhang der Rede wollte es mir den Eindruck machen, daß die Arbeiter gemeint waren. Es thnt mir sehr leid, daß der Herr Feldmarschall vorig.n Sommer nicht in Paris und auf u n s e r e in i n t e r n a t i o n a l e n l>l o n g r e ß war. (Heiterkeit.) Er hätte da sehr viel gelernt, jedemalls würde er seine vorgestrige Rede nicht gehalten haben. Dann hätte er sich überzeugt, wie die Blüte der Arbeiter ans allen Ländern der Erde, als die wahren Träger der niodenren Kultur, dort e i n ft i m m i g waren in dem Wniisch, die Lösung der sozialen Frage ans dem Wege der Gesetzgebung anzubahnen und A b r ü st n n g, Beseitigung der Kriegs- g c f a h r d n r ch A b s ch a f f n n g der st e h e n d e n H e e r e ü n d Einführung des M i l i z s y st c ni s zu fordern. Die Arbeiter, diese begehrlichen Elemente, sie gerade sind es, die den Frieden am heißesten erstreben. Denn iver muß im Kriege sein Blut am meisten verspritzen? wer hat die incistcn Opfer zu bringen? Es ist ja doch die A r v e i t e r k l a s s e, es ist ja doch das arbeitende Volk, dem die Lasten wohl zufallen, aber nicht die Ehren und die V o r t h c i l e des Kriegs, ivcnigslcns nur in ganz verschivindcndem Maße. In jenem denkwürdigen internationalen Arbeiterparlaniente hat es sich gezeigt, daß d i e A r b e i t e r s ch a f t d e r g a u z e n W c l t d e» F r i e d e n will. Die den Krieg wollen, das ist eine kleine Minorität; das sind in Frankreich die sogenannten Chanvi- n i st e n, das sind in Deutschland die sogenannten Chan- vi niste n, die den französischen ähnlich sehen, wie ein Ei dem anderen. Wir wissen, wer in Deut schlau d zum Kriege gehetzt hat; wir rennen ja die Herren— sie sitzen zum Theil hier, allerdings im ge- ringer Anzahl—, welche damals vor der Wahl des Jahres 1887 in die Kricgstrompete bliesen:„Frisch ans zum fröhliche» Jagen",„die Franzosen wollen in's Land kommen",— die alle Leidenschaften der Ration aufhetzten zni» Kriege. Da—(ans die Bänke der National- liberalen deutend)— sitzen die Chauvinisten, und das deutsche Volk hat am 20. Februar bewiesen, daß es mit ihnen nichts zu thun haben will; es hat sie heimgeschickt und bloß ein paar lltesre hierher, damit sie erzählen können von der Niederlage, die sie erlitten haben. (Heiterkeit) Einen bestimmten Vorschlag in Bezug ans die internationale Abrüstung mache ich nicht; so lange nicht noch von anderen Parteien vorgegangen wird, und so lange die Forderung nicht im Volke noch mehr Wurzel gefaßt hat, ist ein parlamentarisches Vor- gehen hier im Reichstag praktisch anssicktslos,— und bloße D e- m o n st r a t i o n e n zu machen, dazu ist unsere Partei jetzt zu stark geworden. Aber wir werde» mit aller Macht für den Gedanken ag it i ren; wir werden die Uebcrzengnng, daß d�r M i l i t a r i s- ck n s ein unheilvolles Uebcl ist, daß er die Lasten des Volkes stets erhöht, ohne daß er Sicherheit gewährt, daß er im Gcgentheil die Kriegsgesahr schafft,— mehr und mehr in die Massen zu bringen suchen.... Ich bin am Schluß: es gilt Umkehr, vollständigen Bruch mit diesem System, kein weilercs Anziehe» niehr dieser Schraube ohne Ende. Im Namen meiner Parteigenossen habe ich zu erklären, daß Wir, getreu unserer bisherigen Haltung, gegen die Vorlage stimmen werden. Wir sind auch nicht dafür, daß sie in eine Kommission gehe, denn da wir prinzipielle Gegner sind, so könne» wir durch die rein technischen oder opportunistischen Gründe, welche dort vorgc- bracht werden können, nicht erschüttert werden. Der Militarismus als solcher ist vom Ucbel und muß beseitigt werden. Wir handeln hier im Einklang mit unseren Wählern; wir handeln hier im Einklang mit der Mehrheit d e s deutschen Volkes. Das Votum des 20. Februar d. I. lautete: Bruch mit dem S y st e m c des F ü r st e n B i s m a r ck! Fürst Bismarck ist fort; nieder jetzt mit seinem S y st e ni! Nieder mit der Blut- und Eisenpolitik und nieder niit dem Militär ismus! (Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der erste Mai der polnischen Arbeiter.*) Seit Mitte des vorigen Jahres hat die Arbeiterbewegung einen so mächtigen Aufschwung erfahren, daß es verwegen wäre, ihre Ansdch- nung auch nur annähernd schätzen zu wollen. Welche„Ileberroschuiigen" die nächste Zukunft birgt, vermag selbst der seiner Ziele bewußte Pro- letarier nicht zu sagen. Ohne Verbiiidung mit den revolntionärcn Par- tcien der betreffenden Länder, ja, hier und da eine Betheiligung der sozialistischen Partei ausschließend, stellt das arbeitende Volk klar und bestimmt seine Forderungen, an deren Berechtigung die Pächter der öffentlichen Gewalt nicht rütteln können. So in den zivilisirten Lau- dein. Beim Anlaß des Festtags, an dem das Proletariat sich gestand, daß es eine Macht ist, wird es indeß nicht nnzweckniäßig sein, auch der Genossen zu gedenken, die, unglücklicher als wir, um Erlangung derjenigen Rechte kämpfen, die die übrige Welt in Wirklichkeit, oder wenigstens im Prinzip lange schon genießt. (Hier geht der werthe Einsender auf eine Schildernng der Maifeier in Warschau über, die in allen Punkten das in voriger Nummer da- rüber Mitgetheilte bestätigt. Er skizzirt die zur Vertyeilnng gelangten Proklamationen, und hebt gleichfalls hervor, daß dieselben' namcntlich dadurch an Bedeutung gewinnen, als sie zeigen, daß— nach fünf- jähriger Pause— Warschau wieder eine geheime sozialistische Druckerei hat. Er fährt dann fort:) Außer den Aufrnfen erschien am gleichen Tage die erste Nummer einer Zeitschrift, die den Titel trägt:„Klassenkampf. Organ des War- schauer Arbciter-Koinite's. Druck der geheimen Parteidrnckerei". Sie iliusaßt acht dicht gedruckte Dktavseiten in sauberer Ausführung, und stellt eine Festschrift dar. Es wird in ihr in ruhiger Sprache die Be- deutung des Tages besprochen. Bis vor Kurzem Hab- es für das europäische Rußland(ö'/a Million Ouadratkilometcr mit 87 Millionen Einwohnern) im Ganzen nur 4 Fabrikinspektoren gegeben. Vereins- und Redefreiheit, sowie eine Gesetzgebung znni Schily- des Arbeiters seien darum auch die Forderungen des polnische» Proletariats.„Es handelt sich hier nicht um das Parteiinteresse, das ja auch das Eurige ist, nicht um die ferne Zukunft, in der nnscre Ideen verwirklicht wer- den, nein, wir criimern Euch an die Bedeutung des heutigen Tages, in Eurem persönlichen Interesse, es ist das Glück Eurer Familien, Eurer Kinder, das wir im Auge haben", erklärt das Warschauer Arbeiter- Komite. Bemerkenswerth in der erwähnten Festschrift ist der Nach- druck, den sie ans reine Arbeitcrinteressen legt, auf Fachvereinig- ungen?c. Es werden die Vortheile de» ans acht Sinndeu reduzirtcn Arbeitstages erklärt. Kurz. der ganze Inhalt beweist. daß der pol- nische Arbeiter den gleichen Entivicklnngsgang durchgemacht hat, wie seine westenropäischcn Brüder, denn die Festschrift hätte fast nnv.rändcrt in irgend einem andern Lande bei gleichem Anlaß benutzt werden könne» Dies scheint uns das wichtig st e Merkmal der neuen geheime» polnischen Arbeiterpresse. Und wirklich ist der polnische Arbeiter, wie *) Nachdem wir in voriger Nummer eine Zuschrift über die Mai- o e m o n st r a t i o n in W a r s ch a n veröffentlicht, geht uns von bc- währtcr Seite noch ein aussührlicherer Bericht z». Wir bringen den -clben, unter Fortlassung des bereits Mitgelheilten, niit Dank zum Abdruck. kein anderer in Rußland, befähigt, die dem Deutschen gut bekannten „Freiheiten" zu genießen. Wir sehen, wie die Klassenpolitik ihn mehr und mehr von dem radikale» Nachtrab der bürgerlichen Parteien trennt. Nachdem er sick von der patriotischen Bewegung losgesagt hat, von der nuklaren radikalen Strömling unter der stiidireiiden Jugend, muß er zu der Ansicht gelangen, daß er allein steht; diese Ueberzengnug wird ihn vor möglichen aber unnatürlichen Kompromissen bewahren. Inden letzten sozialistischen Prozessen fignrircn fast a u s s ch l i e ß- l i ch Arbeiter; Studenten, Angehörige der besitzenden Klaffen, sind Ansnahlnen. Vor kaum 6 Jahren war in Kongreß- Polen das Um- gekehrte der Fall. In der Entwicklung der Industrie weit hinter Polen znrückstehend, war dieses Frühjahr G a l i z i e n der Schauplatz einer regen Arbeiter- bewegung. Der Styeik in Mährisch-Ostran, auf den der hohen Aristo- kratie gehörenden Gruben, wirkte ansteckend aus die in der Nähe gc- lcgenen Fabrikstädte und Äergwcrke Galiziens. So haben wir zu ver- zeichne»: in Biala größere Streiks in Tuchfabriken und Webereien; in Saybnsch das Gleiche verbunden mit Ruhestörungen, denen Bcrufnug von Militär folgte; Unruhen in den Kohlengruben von Sierszy, und Streik in Jaworzno. In Bielitz-Biala, vielleicht der bedeutendsten Fabrikstadt Ga- liziens, ging es besonders bewegt zu. Straßenkämpse zwischen den Streikenden und Militär fanden statt, in denen 17 Arbeiter erschossen wurden. Das Börsenblatt„Neue Freie Presse" ließ sich zu jener Zeit. tclcgraphiren:„Die Wirkung der Mannlichergewehre hat sich an den Leichen der Opfer der Exzesse sehr deutlich gezeigt. In 10 obdnzirten Leichen wurde keine Kugel gesunden; überall zeigte der Schnßkanal eine durchgehende Kugel durch den ganzen Körper u. s.«." Mit andern Worten, das neue österreichische Gewehr hat seine e r st e Probe an 9l r b e i t e r ii bestanden. Trotz dieser„glänzenden Wirkung" scheint die Zukunft der Bielitzer Bourgeoisie nicht gesichert, denn die Bürgerschaft hat die kompetenten Behörden um Errichlung einer ständigen Garnison gebeten. Einstweilen wagten jedoch nach diese» Lorfällen die Fabri- kaute» nicht, den Arbeitern die Feier des 1. Mai zu verbieten. Es st a n d e n a l l e F a b r i k e n still. Trotz dieser Zuvorkommenheit werden die durchgehenden Kugeln von der galizischen Arbeiterschaft nicht vergessen werden. Der lange niedergedrückte, in einer ähnlichen Lage wie das oberichlesilche Grubeuvolk sich befindende Arbeiter machte dem zurnckgehalteucn Groll einmal Luft. Von der Erregung, die dort herrschte, zeugt die Thatsachc, daß f n n f z i g p r o z e n t i g e L o h n- Erhöhung verlangt wurden und die Streikenden sie auch erhielten. Die Ereignisse, die ich hier in möglichster Kürze erwähne, sind nm so wichtiger, als es eine solche Massenbewegmig in Galizien bisher noch nie gegeben hat. Auch aus anderen Theilen Galiziens liegen erfreuliche Nachrichten vor. In Lemberg fand am 1. Mai eine große Versanimlniig statt. Die neue sozialistische„3! o b o t n i k" bereitete schon Monate vorher ans die Feier vor. Die Vcrsammlnng, die um 10 Uhr Morgens im Rathhaussaal anberannit war, fand im Hose dieses Gebäudes statt, da der Saal sich als zu klein erwies, um die 3000 Versammelten zu fassen. Es wurde beschlossen, das Parlament anfzufordern, im Sinne der Ein- führung des achtstündige» Arbeitstags und des allgemeinen Stimnirechts zu wirken; ferner beschloß man, eine allgeuieinc Arbeiternnterstützuiigs- kasse zu gründen. Wie lebhaft die Betheiligung war, läßt sich daraus ermessen, daß für den Tag Patronillenbienft in den Eisenbahnwerk- stättcn in der Grodckvorstadt und in Zniesiciiie angeordnet wurde. Nach Winniki ging ein Bataillon ab zum„Schutze" der dortigen Tabakfabrik der Regierimg. Es verlautet, daß auch dort gefeiert wurde. Man er- wartete Unruhen; aber Nichts von alledem erfolgte, die Feier»ahm einen ruhigen Verlauf. In Krakau fand ebenfalls eine zahlreich besuchte Versammlung statt, die entsprechende Beschlüsse faßte. Sehr bescheidene Dimensionen nahm die Feier endlich in der Pro- v i n z Posen an. Und nun ein Wort über das Verhalten der revolutionär sein wol- lender Patrioten, die den Arbeitern das Glück vormalen, das ihnen aus dem Vaterlande unter einer einzigen Bonrgcoisknntc ersprießen soll. Der schwache Anhang dieser opporinnistischeil Volksbeglücker rieth von der Feier ab, forderte aber zur Betheiligung an der Feier des 3. Mai ans, an dem vor 99 Jahren der polnische Adel sich eine Verfassung gab. In dieser hatte derselbe nämlich den Bauern einige Zugeständ- niste gemacht, so z. B. den Eintritt tu den Adelslrand crlcichlert. ES schwebte diesen Herrn zu der Zeit, in der Frankreich die Adelsvorrechte aufhob, der Gedanke vor, durch die Verfassung großinnthig, aber all- mälig das ganze Volk in den Adelsstand zu erheben. Sie garantirlen sich natürlich alle Privilegien, und die schöne Konstitntion trat gar nicht in's Leben. Zur Feier eines solchen Gedenktags war der Ar- beiter nicht zu bewegen. Kaiserl. köuigl. polnische Beamte sauimt dem fromme» gedankenlosen Publikum ging an diesem Tage in die Kirche. Ihnen schloß sich der Theil der studirendcn Jugend an, der, inimer unter falscher Flagge schivimmend, bald kleinbürgerliche Neformversnche anstrebt, bald als Sozialist sich benininit, im Grunde aber nur den Beweis liefert, daß es der polnischen Bourgeoisie gutgeht und sie darum übermüthig zu werden anfängt.„Novotnik" und„Praca", die zwei sozialistischen Blätter Galiziens, bekämpften die patriotische Propaganda heftig; der denkende Arbeiter versagte ihr die Betheiligung. I» lliussisch- Polen waren die Patrioten weniger rührig. Die russische lliegiermig kokettirt nämlich nicht niit ihnen wie die österreichische. sondern steckt sie hinter Schloß und Stiegel. Dies ist so verständlich für die Pa- trioten, daß sie weniger an die Feier dachten; statt großsprecherischen Ueberniuths philosophisches Schweigen. M. Die skandinavische Franenbetvegung«nd ihr Ausgang. ii. ?. E. Wichtig für die Erkenntniß des Umschwunges ist das Studium dreier Personen: Friedrich Nietzsche, Georg Brandes und August Strind- bcrg. Friedrich Nietzsche, ein Deutscher, Professor in der Schweiz, seit etwa einem Jahr geistig erkrankt, ist ein sehr interessanter und eigenthümlicher Vertreter der bürgerlichen Dekadenzphilosophie, in der Art etwas Aehn- liches wie Schopenhauer. Er ist Gegner der spießbürgerlich humanen demokratischen Phrase und Vorkämpfer der brutalen Herrschaftsgelüste der Großbourgeoisie. Da seine Gedanken dadurch in gewisser Weise der wirklichen geschichtlichen Entwicklung parallel sind, ihr nicht zuwider- laufen, wie die Ideale des absterbenden Spießbürgerthnins, so bleiben sie stets mit den realen Thatsachen in Konnex, trotz alles Schielenden und Schiefen, das ihnen nothwendig anhängt. Nietzsche hat großen Einfluß auf Georg Brandes ausgeübt. Brandes ist eine Figur, wie sie eben liur in den kleinen Staaten des Nordens entstehen konnte. Er spielt die Stolle, die bei uns Männer wie Gottsched, Goethe, Hegel gespielt haben. Er ist der Denker der skaildiiiavischen Völker; an seinem Munde hängt der ganze Iiorden. Wie er zu dieser Stellung gekommen ist, bleibt ein Räthsel; denn er ist entschieden einer der größten Esel, welche je cxistirl haben. Aber vielleicht wünscht ihn gerade deshalb das Spießbürgerthmn als geistigen Führer. Seinen Einfluß kann man sich nicht übertrieben geiittg vor- stellen. Als durch die Zeitungen die Nachricht ging, daß die vielgenannte Madame Tschebrikowa mit seiner Hülfe Nußland eine Verfaffiiug ver- schaffen wolle, haben wohl die Meisten an der Wahrheit dieser'Notiz gezweifelt. Aber sie ist wahr. Mir persönlich hat ein Pole einen ganz ähnlichen Plan erzählt: mit der Hülfe von Brandes Polen zu befreien. Früher war Brandes Demokrat, echt vom Scheitel bis zur Sohle schwärmte er für alle Ideen des radikalen Spießbürgerthmiis, blies er in das allgemeine Horn.'Aber wie Jvse», hatte auch er eine feine Witterung; als er de» Umschwung merkte, begann er Nietzsche zu lesen, und schlug auch um; er wurde jetzt ein Aristokrat; ein„Aristokrat des Geistes". Jetzt verachtete er die demokratische Krapnle. die seichten denio- kra tischen Theorien, kramte er mit den tiefsinnigsten Redensarten aus Nietzsche. Das Bnrgerthum folgte seinem Leithammel, oder besser gesagt, es lolgte der neue» Witterung. die der Leithammel frühzeitig genug bc- komme» hatte. Die Komödie dieser Bekehrung ist wirklich zu kostbar; sie verdient, daß man sie in de» Akten stiidirt. Natürlich hatten die armcii Weiber jetzt sehr zu leiden, und je opti- mistijcher man sie gestern betrachtet hatte, desto pessiuilstischer betrachtete man sie heute; je mehr man sich von der Frauenbewegung versprochep hatte, je eifriger man für sie eingetreten war, desto mehr verspottete und verhöhnte man sie jetzt. Der Dichter dieser Phase in der Frauenbewegung ist August Strind- berg. 'Man muß Strindberg, trotzdem er sich jetzt auch zum Nietzscheknltns bekennt, nicht etwa mit einem Brandes zusammeinversen. Schon ehe man im Norden etwas von Nietzsche wußte; hat er seine Gedanken ge- habt; und als die Frauenbewegung noch aus ihrer Höhe war, hat er sie schon bekämpft und verhöhnt. Strindberg ist eine scharfe, energische denktüchtige Natur, von der Halbheit und dem Phrascnthnm der Spieß- bürgerci angeekelt. Er hat selbständig die Narrheit und Thorhcit der Kleiubürgcrbewegnn� eingesehen und gegen sie protcstirt; freilich nicht vom proletarischen Standpunkte aus, wie man das ja auch nicht ver- langen kann, sondern wieder vom bürgerlichen. Seine Kritik war dem- gemäß nur negativ; mehr kann er nicht als Bürger; aber auch das hat seinen Werth, wenn er die Phraseologie in ihrer ganzen Dummheit aufdeckt. Der bürgerliche Radikalismus in der Franenfrage, kritisirt von einem Bürger! Die 5tritik soll die Thorheit der bürgerlichen Emanzipatioiis- bestrevungen nachweisen. Aber wie? In Wirklichkeit sind diese Be- strevungeu thöricht, weil sie außer Zusammeuhaug stehen mit der öko- noniischeii Entwicklung. Diese Einsicht kann der bürgerliche Kritiker jener Theorien nicht haben; von der Seite der ökonomischen Enlwick- lung her kann er die Sache nicht angreifen; denn diese ist ihm selbst unklar. Seine Kritik muß von einem andern Standpiinkt ausgehen, natürlich von einem unrichtigen, da jenes der einzig richtige ist. Der Standpunkt, welcher sich dem Bürger von selbst darbietet, ist der des Natürlichen. Von der Seite der„Natur� her ist er ja lange gewohnt, zu krikisiren, die übcrkomineiic Ideologie der vorigen Klasse hat er von hier ans betrachtet; die Theologie, die Jnrisprudenz, die Ockonomic, alle Wissenschasten hat er gegen die„Natur" gehalten; mit Hülfe der natürlichen Theologie hat er die letzten Reste der scndalen Religion vernichtet, mit Hülse des Natnrrechts die letzten Reste des feudalen Rechtes. Und trotz aller Behauptungen, daß die Kategorie „von Natur" nicht mehr in seiner Wijsenschast vorkomme— verkappt findet sie sich überall noch. So wird auch die Frauenbewegung kritisirt mit der Kategorie„von Natur". Es wird nachgewiesen, daß die Franenbewcgnng unsiiinig ist, weil sie dem natürlichen, durch die Geschlechtsverhälluisje bedingleu Charakter der Weiber widerspreche. Wie für den Kritiker der natürliche Charakter der Weiber zu Stande komiiit, ist klar: wie alles„'Natürliche" zu Stande kommt, durch Ab- straktion aus den jedesmal herrschenden Zuständen. Der„natürliche Charakter der Weiber" ist nichts als ein anderer Name für den„Cha- rakter des modernen Bonrgeoisweibes". Dadurch kommt es, daß trotz des Gnmdfehlers, der in dem Bonr- geoischarakter des Kritikers begründet ist, trotz der Grundfehler der Phrase von der Statur, die Kritik doch richtig bleibt. Es ist eben eine richtige Sache unter einem falschen Namen gegeben. Strindberg kriti- sirt in Wirklichkeit so:„Die Eiiianzipätionsbestrcbungen sind unrichtig, weil ihnen der Charakter der Bonrgeoisweiber widerspricht." Setzt man nun noch hinzu: Der Charakter der Bourgeoisweibcr widerspricht ihnen ab.r, weil er durch ganz andere ökonomische Verhältnisse bedingt wird, wie jene soziologischen Phantasten glauben— so hat man eine Kritik, die völlig unanfechtbar ist, und der mir eins fehlt, was aller- dings nur der Sozialdemokrat, der Proletarier bieten könnte, nämlich der Ausblick auf das Weitere, die positive Seite, die Richtigstellung. Wenn man von diesem tiiesichtspiinkte ans die Thätigkeit Strindbergs betrachtet, so wird man ihn zwanglos in die Folge der zeitigen Schrift- steller Skandinaviens einreihen können. Strindberg, um dies nebenbei zur Charakteristik des Dichters zu be- merken, ist kein Genie erster Größe; immerhin ist er ästhetisch wohl höher� zu stellcn, wie Ibsen und Björnson; da sein Vlick nicht durch die Phrasen getrübt ist, so sieht er viel klarer und wahrer; seine Widergabc ist sehr scharf und entschieden, geschieht freilich oft durch iinkünstlerischc Mittel. Er trägt ästhetisch radikale Allüren zur Schau, ohne indessen neue künstlerische Formen zu finden. Jedenfalls eine ästhetisch sehr sympathische Erscheimmg. Ein tüchtiger Arbeiter. Er nimmt eS ernst mit der Kunst. Aus der großen Anzahlscincr Werke, welche hierhergehören, will ich nur einige herausgreifen. Seine Novelle„Der Lohn der Tugend" richtet sich gegen die spieß- bürgerlichen Sittlichkeitsbestrcbnngen. In der„Sittlichkeit" hat das Spießbürgcrthum nämlich ein Mittel gefunden, um die Prostitution»nd was damit zusammenhängt, zu vernichten. Die jungen Männer sollen bis zum fünfundzwanzigste» Jahre keusch bleiben und dann sollen sie hcirathen. Unmöglich natürlich aus physischen und sozialen Gründen. Strindberg zeigt die Unmöglichkeit aus physischen Gründen; sein Held folgt den Lehren der Sittlichkeitsapostel und wird insolge seiner ge- schlechtlichen Enthaltsamkeit krank und siech, so daß er eines frühzeitigen Todes stirbt, während sein lustiger, unmoralischer Bruder, der alle Bordelle besucht, munter und gesund bleibt, sich glücklich verheirathet und sechs gesunde Kinder zengt. Man kann die Moral dieser Geschichte zynisch nennen, vorzüglich, wenn man sich noch nicht ganz von der spießbürgerlichen Sentimenta- lität frei gemacht hat. Allein das ist die'."oral des wirklichen Lebens, mag das ja allerdings zynisch sein. Es läßt sich weiter nichts sagen, als: es ist so. Die Björnson und Ibsen haben dieses„es ist so" mit ihrem Idealismus verkleistert; nach dem Umschwung niacht sich die Wirklichkeit schonungslos in dem Bewußtsein der Menschen geltend. Daß Strindberg nur das„es ist so" gibt, daß er nicht sagt,„aber so wird es sein", kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Er ist eben Bourgeois.— Durch seine ganze schriftstellerische Thätigkeit zieht sich der Kampf gegen die Jbsen'sche Phrase; und überall, wo er Weiber zu schildern hat, schildert er sie, wie sie sind, dnmm, hysterisch, eitel, kindisch, grau- sam, launenhaft, phantasielos, schlecht. In dem Tranerspiel„Der Vater" bringt das Weib den Mann zum Wahnsinn durch ihre unbarin- herzigen, tückischen Machinationen; in dem Trauerspiel„Fräulein Julie" wird das Weib in ihrer ganzen Gedankenlosigkeit, Feigheit, Schwäche und Dumm eit geschildert; in der Novelle„Ein Puppenheim" wird die Emanzipatiousphrase mit köstlichem Humor zu uichte gemacht durch das Wachrufen der wirklichen Instinkte des Weibes. Und so fort. Den Fehler in seinem Gedankengang muß man sich freilich immer vorhalte»: die unrichtige Verallgemeinerung des bürgerlichen Weibes als Weib überhaupt. Man darf nie vergessen, daß infolge dieser Fehler Strindberg als entschiedenster Gegner des menschlichen Fortschrittes überhaupt betrachtet werden muß, als ein Reaktionär, um so gefähr- lijjzer, je geistreicher und bedeutender er ist; ein Reaktionär, wie Jeder, der von„natürlichen" Eigenschaften der Menschen spricht. Der Mensch ist nicht ein Ding, sondern der Ausdruck eines Verhältnisses, das sich jede Minute ändert; und deshalb gibt es nicht„den Mcnscheii" und den„natürlichen Menschen", es gibt nur den modernen Bourgeois, den modernen Proletarier, den Bourgeois von vor zwanzig Jahren, und so fort. Mit Strindberg ist die bürgerliche Frauenemanzipation glücklich bei ihrem Gegcntheil angelangt. Sie ging aus von einer optimistischen Jdealisirung des bürgerlichen Weibes, und endete mit dem denkbarsten Pessimismus. Sie ging ans von der Idee, vermittelst der Einanzipa- tion der Bourgeoisweibcr die ganze Gesellschaft umzukehren, und sie endete damit, daß sie die gegenwärtige Form als die„natürliche" in alle Ewigkeiten etabliren will. Es ist jetzt gründlich z» Ende. Sozialpolitische Rundschau. London, 23. Mai 1890. — Ans Deutschland wird uns geschrieben: „?l u f l ö sn n g und Spaltung" oder„Spaltung u n d Ans- lösun g", je nachdem der Uuglücksprophet mehr oder weniger logische Rciheufolgc beobachtete, wurde der Sozialdemokratie dieses Frühjahr nach ihrem gewaltigen Wahlsiege von all ihren altwciberlichen Feinden männlichen, weiblichen und sächlichen Geschlechts— das letztere ist in der politischen Welt Deutschlands ganz besonders zahlreich vertreten— in sichere und unmittelbare Anssicht gestellt. Die Partei war„zu groß geworden" für die Führer, die— lauter hergelaufenes Gesindel, Pyg- niäen,— keine„Titauen", wie der„geniale" Alkoholist— natürlich zu schwache Schulter» hatten für die ihnen durch das neckische Schicksal zugewiesene» Ziiesenaufgaben. Unser Sieg war unser Verderben— weit entfernt, ein neuer Ausgangspunkt des Weltcrobcruugs-Fcldzngcs des Sozialismus" zu sein, war der 20. Februar 1890 in Wirklichkeit das Ende unserer Herrlichkeit— der Beginn unseres Zerfalls. Ein gei- stiges, moralisches, prinzipielles Band umschlang uns za nicht— wie die„Führer", so waren auch die anderthalb Millionen Wähler nur zusaiuuieugelaufenes Gesindel, von keinem gemeinsame» Gedanke» beseelt, nicht einmal von einem gemeinsamen Gefühl, sondern nur von einer gemeinsamen, gemeinen Leidenschast: dem Neid und der Unzufriedenheit. Alle Neidhammel der Welt, alle niedrigen Elemente, die in sich selbst nicht das Zeug haben, emporzukommen, hatten sich unter der Fahne der Sozialdemokralie vereinigt, die eigentlich grün und gelb sein müßte wie der giftige Neid. Und da nun bekanntlich jeder Neidhmmnel eine andere Sorte von Neid hat— der Eine ist neidisch auf Geld und Gut, der Andere ans ein Amt, der Dritte auf einen Orden, der Vierte ans gut Essen und Trinken, der Fünfte ans schöne Kleider n. s. w. durch die ganze Masse der anderthalb Millionen sozialdemokratischer Wähler hin- durch— so mußte der Sieg uns den Untergang bringen. Sobald es o» die„Vertheilnng der Beute" ging— denn„getheilt",„geplündert" mußte nach deni Siege ja werden, sonst wären die Sozialdemokraten ja nicht Sozialdemokraten— so kam es an den Tag, daß jeder der anderthalb Millionen Neidhammel sein besonderes Neidideal hatte, die Neidhammel gericlhen unter sich selber in Streit, und schlügen einander todt, wie die gepanzerte Drachensaat des Kadmns— vorausgeseht, daß sie es nicht vorzogen, ein mder mit Haut und Haaren aufzufressen, wie die weiland berühmten Löiveu der„Fliegenden Blätter". Genug— der berauschende Becher des Sieges war für uns ein tödtlicher Gift- becher— der 20. Februar führte uns auf's Eis und in's Verderben. Wir halten die Probe der Praxis zu bestehen, und wie war es denk- bar, daß Sozialdemokraten etwas Anderes tbnn könnte», als was die Abgeschmacktheit, die Tollheit, die Gemcinschadlichkeit der Sozialdemo- kralie dem gesammtcn Volke der Ztichtneidhammel all oorllos dcmonstriren würde. Nein— es war kein Zweifel— wir hatten uns todtgesiegt, und noch gründlicher todtgesiegt wie der unvermeidliche Pyrrhns, der doch noch einen Sieg zu erleiden hatte, ehe er verloren war. Und als nun erst in irgend einem Winkclvlättch?» die frohe Botschaft zu lesen stand, daß die Sozialdemokraten zu pfiffig seien, ihren Wahlsieg ans- znnntzen, und ans Bosheit im Reichstag nichts thnn würden, da kannte der Jubel keine Grenzen— es war ans mit uns, wir waren todter als todt. Und hätten die klugen Kassandren noch ein paar Wochen länger Zelt gehabt, so hätten sie sicher noch entdeckt, daß die Kartell- Parteien am 20. Februar bloß Simulation getrieben und sich nur zum Schein hatten schlagen lassen, um die Vernichtung der Sozial- demokratie desto sicherer zu bewerkstelligen. Diese Bennigsen und Kon- sorlen sind ja verteufelte Schlaumeier.-- Nun— die Auflösung und Spaltung ist gekommen. Aber am un- rechten Ort— vom Standpunkt der K a s s a n d r a ans. In allen a n d e r e n P a r t e i c n ist der Krach— nur nicht in der Sozial- demokratie. Die LS sozialdemokratische» Abgeordneten traten zusanimen und siehe da, nie ist die Fraktion so einig gewesen, nie herrschte— mit einer einzige» Ausnahme, die zu ignoriren Thorheit wäre, die jedoch nur die Regel bekräftigt— ein solch einträchtiger kollegialischer Geist in der Fraktion,— niemals war man sich so einmiithig klar über die erwach- senen Pflichten und Alles, was noih thut. Die Lage ist ja auch außer- ordentlich günstig. Das Bismarck'sche System ist gefallen— genau in der Weise und aus den Ursache», die mir von Ansang an dargelegt. Und d a ß es gefallen, ist wesentlich unser, derSozialdemo- k r a t i e, Werk. Ohne den 20. Februar wäre Bismarck noch heute im Amt, wen» auch nicht ganz mit derselben Machtvollkoimnenheit wie unter dem alten Wilhelm: Gelang es ihm— was seine Absicht war— die Sozialdemokratie sich dienstbar zu machen oder sie z» zertrümmern, so war er heute noch im Sattel. Ein Vierteliahrhinidert lang versuchte er es abwechselnd mit Zuckerbrod und Peitsche— das Znckerbrod ward ihm in's Gesicht geworfen und die Peitsche seinen Händen entrissen und ihm selber zu kosten gegeben. _ Da» Bisiuarck'sche S y st e m ist gefallen— sagten wir. War das nicht zu viel gesagt? Ist nicht bloß die Person gefallen? Und dauert das S y si e m nicht fort? Ja, wenn man unter dem„System Bismarck" das System der wirth schaftlichen Ausbeutung und politischen Unterdrückung im Allgemeinen ver- stehen wollte, dann würde es gewiß eine große Illusion sein, von dem Stur z des Systems zu sprechen. Das wäre jedoch unrecht. Unter System Bismarck verstehen wir diejenige Form, welche Fürst Bismarck der Ansbentniig»nd Unterdrückung verliehen hat, welche den Ausfluß nnd Ausdruck seiner Individualität bildet. Die bodenlose Rohheit, zynische Heuchelei nnd jeder Scham bare Korruption des Systems Bis- marck sind persönliche Eigenthümlichkeiten, und dieses System ist allerdings mit der Person des Fürsten Bismarck gefallen, von der es unzertrennlich. Die wirthschaftliche A u s b e u t u n g hat damit aber so wenig ausgehört, als die politische Unlerdrnckniig, aber nach dem Zusammenbruch des Bisinarck'schen Systems muß sie andere F o r- m c n annehmen und hat sie bereits angenommen. Vielleicht g e s ä h r- kichere Formen. Der Vortheil des Bisinarck'schen Systems lag gerade in seiner abstoßenden Brutalität. Dieser in der Kultur rück- ständige Hinterpomnicr arbeitete mit Mitteln, die für seine rückständige Umgebung zeitgemäß sein mochten, für das große Deutschland aber ein überwundenes Kulturniveau repräsentirten. Er war ein leben- diger Anachronismus und wäre in Ländern wie Frankreich und England— von Amerika garnicht zu reden— eine einfache Unmöglichkeit gewesen. Und in Deutschland wurde er nur möglich durch die»uglanbliche Feigheit und Niedertracht unseres Bürgerthums, dem die Angst vor der Sozialdemokratie»nd den Arbeitern jedes Re- giment wünschenswerth erscheinen läßt, das ihm de» schwungvollen Be- trieb des Diebshandwerks gewährleistet. Die„angenehine Tcinperatnr", die gegenwärtig im Reichstag herrscht, birgt mancherlei Gefahren, die durch die Brutalität des Bisinarck'schen Systems nnd den Bismarck'sche» Manieren von vorn herein ansge- schlössen waren. Die Sozialdemokratie freilich braucht keine Angst zu haben. Sie kennt ihre Pappenheimer und weiß, daß ein lächeln- der Feind mehr zu fürchten ist, als ein polternder, plump und roh zuschlagender.— Die„Liebenswürdigkeit", mit welcher das neue System sich ein- geführt hat, ist einer Partei bereits verhängnißvoll geworden: den F o r t s ch r i t t l e r n. So lange Bismarck ans sie loshämmerte, hielten sie zusanimen. Jetzt, wo Caprivi verbindliche Höflichkeiten sagt, ist es mit der Einigkeit vorbei, die ohnehin bloß äußerlich war. Der unter- irdische Kampf zwischen Richter einerseits und R i ck c r t- H ä n e l anderseits ist offen zum Ausbruch gekonimen, und einer Palast- r e v o l n t i o n ist es gelungen, den arme» Engen, den„Bismarck der Fortschrittspartei", z» stürzen. Der Handstreich wird allerdings wohl kaum von danerndem Erfolg sein, indeß wenn auch Engen Richter wieder in seinen alten Bcrtraneiisposten an die Spitze der Partei eingesetzt wird, so dauert der Z e r s e tz u n g s p r o z e ß doch fort und über kurz oder lang— jedenfalls im Lauf dieser Legislaturperiode— muß eine Trennung und Aiidersgestaltmig der Partei und der Parteien er- folgen. Den» d e Fortschriitler sind nicht die einzigen, denen die Auf- lösnug nnd Spaltung droht. Auch unter den Nationalliberalen nnd Freikonservativen weiß Niemand, wer Koch nnd Keller- meister ist— eine komplete Deronte. ES ist unter den obwaltenden Verhältnissen sehr wahrscheinlich, daß die demokratischeren Eieiuente der Fortschrittspartei sich mit den Volksparteilcrn zu einer bürgerlich-dcmo- kratnche» Gruppe v reinigen; daß die Häncl-ßtickert'schen den Miguel'- scheu die Hand reichen, und daß Bennigsen mit dem Troß seiner Ge- treuen sich weiter rechts konzentrirt. Desgleichen gährt's stark im Zenlrnm nnd unter den Dentschkoiiservativen. Die einzige Partei, die fest steht, ist die Sozialdemokratie. Und das verdankt sie ihrem Progranini— nicht dem o s s i z i e l l e» Partei- Programm, über dessen Mängel sich ei» Jeder von uns klar ist, son- der» der G c s a m in t h e i t ihrer Anschauungen und Ziele. Wir haben kein steinernes oder papierenes TageSprograniin, das beliebig umgestoßen und zerrissen werden kann— u.iser Prograimn wird v o in Webstuhl d e r Z e i t gewoben— was immer der nie ruhende Mens.heiigeist schafft in den Werkstätten der Wissenschast nnd der prak- tische» Arbeit, das bereichert und ergänzt unser Pro- gramm— das liefert Waffen und Munition für unser Arsenal. Wir entwickeln uns immer fort, nnd da es im Wesen der Sozial- demokratie liegt, daß sie in Wahrheit„an der Spitze der Zivi- l i s a t i o n m a r s ch i r t", und in dem Wesen der anderen Par- teicn, daß sie gegen die Konsequenzen der Zivilisation Front machen, so ist auch die Möglichkeit ausgeschlossen, daß die Sozialdemotratie von andern Parteien überholt und gesprengt werden kann! Die anderen Parteien sind ansnahinslos A u g e n b l i ck s g e b i l d e, die mit den sich verändernden Verhältnissen veränderte Gestalt annehmen und schließlich verschwinden müssen— die Sozialdemokratie mit ihrem ewigen, und trotz alles organischen Wachsthums»ner-� s ch ü t t e r l i ch festen Programm, kann iich nur fort- entwickeln. — Ans dem dcntschcn Reichstag. Drei Tage dauerten die Debatten über die G e w e r b e o r d n n n g s- N o v e l I c d e r R e i ch s- r e g i e r u n g, nnd wir machen ein sehr weitgehendes Zngeständniß, wenn wir das Gesammtergebniß derselben mit dem Worte„nicht ganz nngenügend" bezeichnen. Es hat sich immerhin gegenüber dem System Bismarck-Pnttkainer mit seiner ausschließlichen Berücksichtigung der Aus- bcnter-Jnteressen, oder sagen wir lieber der Ausbeuter- Prätensionen, eine leise, ganz leise Wendung zum Bessern offenbart, freilich inimer noch mehr potentiell als in wirklichen Thaten. Wo es zur Aussübruitg kommt, schrecken die Berlepsch w. sofort vor dem Geschrei des zeternden Fabrikantenthums entsetzt zurück. Dieses versteht es eben, sich in jeder Weise geltend zu machen, und wird daher immer wieder hervorragend berücksichtigt— eine Lehre, welche die Arbeiter n i e vergessen dürfen. Es wird, das hat anch diese Debatte bewiesen, einer nnablässigen, energischen Aktion der Arbeiter selbst bedürfen, die Feinde aus der Offensive endgültig in die Defensive zurückzuschlagen. Im Reichstag wurde der Standpunkt der Arbeiter zum Regiernngs- entwnrf von G r i l l e n b e r g e r in wirksamster Weise zum Ausdruck gebracht. Ohne llebertreibungen, aber fest und entschieden wies er die Mängel, die Halbheiten und direkten Ungerechtigkeiten der Vorlage ein- gehend nach, überall den Regierungsvorschlägen die Forderungen der Arbeiter, wie sie im Arbeiterschutzgesctzcntwnrf der Sozialdemokratie ent- halten sind, gegenüberstellend. Seine Rede verfehlte denn anch ihre Wirkung nicht. Selbst der berüchtigte„König" Stumm, der nach Grillenberger sprach, gab seinem Ansbeiiter-Hochmnth etwas weniger sicheren Ausdruck, als man es von Seiten dieses anmaßenden Schlot- junkers bisher gewohnt war. Die Herrschsucht des Autokraten von Geldsacks Gnaden konnte er natürlich nicht verlängnen, seinen Haß gegen die freien Organisationen der Arbeiter suchte er mit einer Art patriarchalischer Fürsorge zu bemänteln. Er„liebt" eben seine Arbeiter wie Vutcrchen an der Newa seine Russen. Recht schwach traten die Redner des Zentrums und des deutschen Freisinns ans, gegenüber den Angriffen auf das Koalitionsrecht der Arbeiter beschränken sie sich ausschließlich auf die Abwehr, nnd oben- drein eine ziemlich lahme Abwehr. Doch dürfte der arbeiterfeindliche Abänderungsvorschlag im RegierungLentwnrf unter den Tisch fallen. Grillenberger hat mit Recht betont, daß ein Arbeitcrschutz ohne völlig freies KoalitionSrecht der Arbeiter werthlos sei, diese ist und bleibt das A nnd O der Arbeiterforderungen. Der Rcgiernngsentwurf wurde an eine Kommission verwiesen, in der sozialistischerseits Bebel, Dietz und Grillenberger sitzen. Am 21. Mai kam eine Interpellation der Freisinnigen, wie es mit dem versprochenen Gesetz über den Vollzug der Freiheits- strafen stehe, zur Debatte. Dieselbe gab Genossen Geyer Gelegen- heit, die von Seiten der verschiedenen Gesäiignißverwaltnnge» gegen Sozialdemokraten verübten Rohheiten und Nichtswürdigkeiten zu brand- marken. Auf seine, durch zahlreiches Material unterstützten Anklagen wußte» die Vertreter der verschiedenen angegriffenen Regierungen nichts zu entgegnen. — Gesetzlichkeit. Wo mag das Folgende geschrieben stehen? „Gewiß ist es, daß es eine Pflicht des Gehorsams gegen das Gesetz gibt. Aber handelt die Behörde gesetzmäßig, wenn sie das Unrecht ver- ewigt? Unterwürfigkeit unter ein nnab.inderliches Uebel ist vielleicht ein Ausfluß der Klugheit oder der Resignation, nicht aber der Gerech- tiglcilslicbe und der Moral. Jede Bewegung, welche die Aufhebung eines bestehenden Unrechts bezweckt, muß den Charakter einesKampfes annehmen, inner- halb oder austerhalb der Grenzen des Gesetzes. Von Den- jenigen, welche es sich zur Gewissenssache machen, alles Unrecht über sich ergehen zu lassen, sagt man, sie hätten den Gipfelpunkt des Menschen- thnms erkloinuien; dem steht aber jener andere Satz gegenüber, daß die Erduldung der Ungerechtigkeit, das Unrecht, gegen welches wir uns inimer auslehnen sollten, nur noch ermuthigt." Das heißt ja Jeden, der sich für das Opfer irgend eines Unrechts hält, geradezu zur Auflehnung gegen das Gesetz herausfordern, ruft hier der erste beste Ordnungsphilister ans.„Das hat sicher wieder irgend so ein g e w e r b s m ä ß i g e r A u f w i e g l e r, so ein sozial- demokratischer Hetzapostel geschrieben". Gemach, guter Freund. Das hat kein Hetzapostel irgend welcher Art geschrieben, sondern das ist eine Schlußfolgerung, zu welcher nach ob- jektiver Prüfung der Verhältnisse ein vom Staat angestellter Be- amter kommt. Freilich kein vom preußischen Staat angestellter Beamter, sondern ein Beamter des Staates New-Dork der nordamcri- kanischen Republik. Und er schreibt es nicht etwa mit Bezug auf natio- nalc oder rein politische Kämpfe, wo ja, im Hinblick auf die Geschichte der Gründung der Vereinigten Staaten, noch gelegentlich in Festreden von honnetten, wohlgenährten Bourgeois Aehnliches geäußert wird, um am nächsten Tage vergessen zu werden, sondern er schreibt es mit Be- zng auf den aktuellste» aller Kämpfe, den Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital, den Kampf des Proletariats wider seine Ausbeuter. Es ist der Arbeitsstatistikcr des Staates N c w- A o r k, der rühmlichst bekannte Charles F. Peck, der in einem soeben veröffentlichten Bericht über die Streiks in den letzten fünf Jahren, bei Be- sprechung der Fälle, wo streikende Arbeiter mit dem Ge- setz in Konflikt kamen, zu den obigen Schlußfolgerungen kommt. Man sollte wirklich meinen, Herr Peck habe die G e w c r b e o r d- nungs-Novelle gekannt, mit der soeben die deutsche Reichsregier- ung ihre neue„arbciterfrcnndliche" Aera einleitet. Liest man den obi- gen Satz aus der Feder eines Mannes, der an der Hand eines reichen Materials jahrelang die Verhältnisse auf dem Kampfplatz der Industrie gründlich stndirt hat, nnd hält man den neuen§ 153 der Reichs» Gewerbe-Ordnung dagegen, dann hat man eine Kritik dieses„Schutz- Paragraphen", wie sie schärfer nicht gedacht werden kann. Wir em- pfehlen sie derKoiniuission zur Berathung der Gewerbeordnungs- No- velle auf's Angelegentlichste. — Ten Anlast zu dem im Vorstehenden zitirten Ausspruch bietet Herrn Peck d i e S t a t i st i k der bei den Streiks in den letzten fünf Jahren ans Seiten der Arbeiter vorgekommenen„Verstöße gegen das G c s e tz." Im Ganzen wird die Zahl der in den letzten fünf Jahren(1385— 1889) ausgcbrochenen Streiks auf K,:i84 angegeben, an denen 338,019 Arbeiter Theil nahmen. Die Zahl der dabei borge- koitiinenen Verhaftungen zc. beträgt Alles in Allem 529, d.h. je eine auf 13 Streiks oder e i n Arbeiter aus 639 Streiker. Mit welch' an- deren Zahlen würde eine entsprechende deutsche Statistik. jetzt schon ansmarschiren können, und mit welch anderen Zahlen würden sie erst ansmarschiren, wenn die von der Regierung vorgeschlagene Aenderung des Z 153 durchgeht! Sind etwa die amerikanischen Arbeiter gesetzes- liebender als die deutschen? Mit Nichten. Gerade die Arbeiterschaft im Staate New-Zork setzt sich zum Theil ans Elementen zusainnien, die von anderwärts als„turbulent" fortninßten. Aber— wo ein Gesetz das A t h in e n verbietet, gibt es überhaupt nur noch S t a a t s v e r- b r e ch c r. Die genauere Statistik dieser 529 Verstöße gegen das Gesetz lautet: „In 282 Fällen lautete die Klage auf Gewaltthätigkeit, in 35 ans Boykott, in 68 rnif unordentliches Betragen, während der Rest auf sogenannten technischen Klagen beruhte. 114 der Angeklagten erhielten kurze Gesängnißstrafen, 89 geringe Geldstrafen, 60 wurden entlassen, nnd der Rest auf verschiedene Weise erledigt. Genau klassisizirt sind die gegen die 529 Verhafteten erhobenen Anklagen wie folgt: Angriff 288, Erpressung 3, Boykott 35, Herbeiführung von Explosionen 3, Verschwö- rnng 18, unordentliches Betragen 68, Vertheilnng von Boykott-Zirku- lärcu 9, Abfeuern eines Revolvers 1, Einschüchterung 6, Verjperruug i des Zugangs zu Gebäuden nnd Einschüchtening von Arbeitern 3, Wache- dienst 1, keine bestiiitinte Anklage 99. Erledigung der Klagen: Ent- lassen 24, nicht prozessirt 8, verschiedentliche Geldstrafen 85, 5 Doll. oder 5 Tage 1, 100 Doll. oder 100 Tage 1, 300 Doll. oder 300 Tags 2, der Grand Jury überwiesen, von dieser aber nicht angeklagt 11, ein- gesperrt 114, von der Grand Jury angeklagt 17, unerledigt 133, unter Friedcnsbürgswaft 18, Geldbußen, Einsperrnng oder noch schlvebend 25, theils vernrlheilt, theils entlassen 25, Prozeß in der Schwebe 5." Die obenerwähnten Streiks vertheilen sich auf die einzelnen Jahre, wie folgt: Stretli Personen 1885 1620 52,442 » 1886 3686 174.537 1887 1677 54,171 1883 1027 24,092 1889 1374 32,777 Von diesen 9334 Streiks waren 4432 ganz und 1434 zum Theil er- folgreich, 3468 schlugen fehl und 50 sind noch nneiitschieden. Der an Löhnen verloren gegangene Betrag war 8,942, KIK.Sv Doll. die Koste», welche den Arbeiter-Organisatioiien durch die Führung der Streiks und Zahlung von Streikbenefits erwuchsen, waren 1,210,260.53 Doll. Der abgeschätzte Gewinn anLöhne n war 18,923,099.77 Doll. Der den Arbeitgebern erwachsene Verlust betrug 5,157,942.15 Doll.„Es ist statthaft", bemerkt dazu das„Phil. Tageblatt", dem wir diese Auszüge entnehmen,„hinzuzufügen, daß dieser Verlust keinen wirklichen Verlust repräscntirt, wie im Falle von Lohnverdienst, sondern nur ein Verlust von Geschäft, das vielleicht Profit abgeworfen hätte. Man kann erklären, daß die Arbeitgeber an 10—20 Prozent von mög- lichen Profiten an erwarteten Geschäften verloren haben. Das tem- poräre Einstellen des aktiven Geschäfts ist sogar manchmal ein indirekter Gewinn für den Arbeitgeber, wie Minenbesitzer z. B. die Produktion einstellen, um die Vorrälhe zu rednziren und die Preise zu erhöhen. Die Anzahl der Leute, welche durch Streiks ihre Stellen verloren, war 20,823." — Ablösung vor! Nach dieser Parole scheint es jetzt nachgerade überall in Deutschland herzugehen. Die Polizei verliert durch das be- vorstehende Ende des Schandgesetzes einen Theil ihrer Funktion, das heiligste„Palladium" des sittlichen Staats, den ungeschmälerten Aus- beuterprofit und die uneingeschränkte Kapitalherrschast, zu schützen, und an ihre Stelle tritt die— Justiz. An Stelle des Schandgesetzes— Schandnrtheile. I» E r f» r t stand am 17. Mai der Redakteur der dort erscheinenden „Thüringer Tribüne", K a r l S ch n l z e, wegen öffentlicher Beleidigung der Direktion der Königlichen Gewehrfabrik vor Gericht. Diese„Be- leidignng" sollte in folgender Notiz begangen sein: „Erfurt. Damit es den Arbeitern der Königlichen Gewehr- fabrik, mit der wir uns leider immer wieder beschäftigen müssen, nicht zu wohl ergchen soll, wird lustig am Lohne gekürzt. Kürzlich wurden die Gewindearbeiter znm Inspektor befohlen und ihnen dort eröffnet, weil die Arbeit nicht schnell genug ginge, es dem Herrn Inspektor nicht möglich sei, bei den jetzigen Löhnen die Arbeitskraft genugsam anspannen zu können, deshalb solle der Lohn von 9 Mark auf 7 Mark 50 Pfennig herabgesetzt werden.— Wer die Arbeiter verhöhnt und verspottet, der säet natürlich keine Unzufriedenheit, das machen die Sozialdemokraten. Daß der Herr Inspektor wegen Insubordination bestraft wird, bezweiseln wir, obwohl es uns scheinen will, als ob seine Handlungsweise mit der „kaiserlichen Botschaft", welche ja noch immer zu Recht bestehen soll, d. h. so weit sie früher gehaudhabt wurde, sich nicht vertrüge. Nun, das wird zwar nicht verhindern, daß den Arbeitern bei der Wahl gesagt wird, sie hätten„treu zu König und Vaterland" zu stehen, aber sie wird verhindern, daß die Arbeiter gedankenlos diesen Worten glauben werden, deshalb besten Dank." Alle T h a t s a ch e n, die in dieser Notiz behauptet sind, stellten sich in der Verhandlung als richtig heraus. Nur suchte der als Be- lastnngszenge geladene Subdirektor Kohlwalk der Sache dadurch ein anderes Gesicht zu geben, daß er erklärte, für alle Klassen der in der Gewchrsabrik beschäftigten Arbeiter seien„Minimal-, Normal- nnd Maximallöhne festgesetzt, nach Maßgabe derselben die Löhne erhöht, resp. gekürzt würden. Wenn z. B. d e r V e r d i e n st der Arbeiter den Maximalsatz überschreite, so werden dieAkkord- lohnsätze entsprechend gekürzt. Eine solche Kürzung könne aber eine Lohnrcdnktion nicht genannt werden, weil der Normalverdienst ein feststehender sei. Nun, darüber wird man gefälligst verschiedener Meinung sein können. Das System ist nichts als eine Schraube, inimer mehr Arbeit ans den Arbeitern herauszupressen. Den Arbeitern wird zngeinnthet, dieselbe Leistung für einen geringeren Lohn, wie bisher, fertig zustellen, und das ist, wie man das Ding auch dreht nnd wendet, eine Lvhnrednktion. lind dann, was ging die Notiz die Direktion an? Sie ist mit keinem Wort angegriffen. Wenn sie den Schritt des Inspektors veranlaßt hatte, sich also gewissermaßen„ideell" durch die Notiz getroffen fühlte, so ist es geradezu unerhört, aus diesem ideellen Zusammenhang eine gegen sie gerichtete Beleidigung hcransznkonstrniren, ganz abgesehen davon, ob der Wortlaut der Notiz überhaupt als eine Beleidigung be- zeichnet werden kann. Er drückt eine Mißbilligung einer bestimmten Maßregel ans, aber er tritt der persönlichen Ehre der sie ausführenden Person in keiner Weise zu nahe. Ans jeden Fall hatte aber höchstens der betreffende Inspektor, resp. die Direktion der Gewehrsabrik für ihn zu einer Klage Anlaß. Davon wollte aber der Staatsanwalt nichts wissen, und der Ge- richtshof schloß sich ihm an. Und was meint man, war die Strafe, zu der Schulze nernrtheilt wurde? Man lese die Notiz erst noch einmal durch, ehe man die Frage beantwortet. „Eine geringe Geldstrafe", wird der Leser sagen. Mehr ist ja für einen so verhältnißmäßig milden Angriff kaum denkbar. Naive Seele, die so folgert. Für das Verbrechen, einen Beamten einer königlichen Werkstätte abfällig kritisirt zu haben, wurde Schulze zu— sage nnd schreibe vier Monaten Gefängnis? vernrthcilt. Selbst der Staatsanwalt hatte sich mit Bcantragung von einem Monat Gesängniß begnügt. Aber der Gerichtshof fand das viel zu milde und erkannte auf vier Monate Gesängniß. Von— Rechts— wegen. Wunderbar ist die Urtheilsbegründung: „Was die Höhe des Strafmaßes anlange, so sei das Gericht über den Strnsantrag des Staatsanwaltes hinausgegangen, weil gerade die Arbeiter der königlichen Gewehrfabrik hohe Löhne be- zögen nnd zu Unzufriedenheit keine Veranlassung hätten. Daß das der Fall sei, gehe daraus hervor, daß die Arbeit in der Gewehr- fabrik sehr gesucht sei. Um so gehässiger sei es deshalb, in dieselbe, in welcher Zufriedenheit herrsche, den Samen der Zwietracht zu streuen und zu„hetzen". Woher die Herren Richter wissen, daß in der Gewehrfabrik Z n- f"r i e d e n h e i t herrsche, verschweigen sie klüglich. Wahrscheinlich „nehmen" sie es„an". Denn wäre es wirklich der Fall, so würde die Redaktion der„Tribüne" schwerlich in der Lage gewesen sein, über- Haupt Über die Sache zu berichten. Und dann, wenn die Arbeiter der Gewehrfabrik so zufrieden sind, woher kommt denn das enorme Wachs- tbnm der sozialdemokratischen Stimmen in Erfurt? Doch, wozu ans diese Redensart, deren Ungereimtheit auf der Hand liegt, noch des Längeren eiiigeben? Das ganze Urtheil ist nichts als ein Pasquill ans den Begriff einer unparteiischen Justiz, es ist eine Verhöhnung allen Rechtsgefühls, ein schamloser Ausfluß brutalen Klasseiihasses, eine schändliche Vergewaltigung eines politischen Gegners. Mit solchen Richtern braucht man kein Knebelgesetz, sie bilden eine politische K n e b e l b a n d e. die der Polizei des Herrn Puttkamer an Gewalt- thätigkeit in Nichts nachsteht. Folgendes sind die Namen der Herren: Landgerichtsrath Reich- ard, Vorsitzender; Landgerichtsrath Krieger, Landgerichtsrath Schim- nielpfeng, Landrichter Dr. Jacobjen und Gerichtsassessor Dr. Groschel, Beisitzer. Ehre, dem Ehre gebührt! — Eine Vergessene. Ein hiesiger Leser unseres Blattes schreibt uns: „Geehrte Redaktion! Würden Sie vielleicht in Ihrem geschätzten Blatte, das ja der Sache aller Unterdrückten nnd Verhetzten gewidmet ist, die Anfinerlsamkeit auf eine arme Vergessene lenke», die seil nahezu zwanzig Jahren vergebens nm Erlangung ihres Rechts sich bemüht, und gegenwärtig hier in London in grogem Elend lebt? Ich meine die si vielgenannte Elise Hessels. Frl. Hessels ist im Jahre ILVI von dem damaligen Polizei-Präsi- denten v o n W n r ni b, der in einer amtlichen Audienz sie ver- gewaltigen wollte, im Kampfe um ihre weibliche Ehre ans Lebenszeit zum Krüppel gemacht worden. Jni Ringen brachte ihr der lüsterne Patron einen gefährlichen Bruchschaden bei. der sich als unheilbar er- wies, und in dessen Folge Frl. Hessels noch heule physisch leidet, und außer Stande ist, dauernd irgend einem Berufe nachzugehen. Alle Versuche, ihr Recht gegen den brutalen Vergewaltiger durch- zusetzen, haben ihr nichts genützt. Wohl mußte Herr von Wurnlb infolge des Aufsehens, den der Fall machte, und Angesichts deraziclen gegen ihn sprechenden Thatsachen, seinen Platz in Berlin räumen, aber Dank der Beliebtheit, deren er sich an höchster Stelle erfreute, wurde er nach Wiesbaden als Regierungspräsident versetzt, d. h. befördert, Frl. Hessels dagegen wurde wegen falscher Anschuldigung eines Bc- ainten verkla t, 11 Monate lang in Untersuchungshaft gehalten und schließlich mit dem Brandmal der Uiizurechnungsfähigkeit unschädlich gemacht. Wer sich über die Einzelheiten des wahrhaft skandalösen Verfahrens gegen Frl. Hessels näher unterrichten will, der findet eine akteiimäßige Darstellung derselben in der Broschüre„Fraiienloos in Preußen", Bern 1882, E. W. Krebs. Er wird dort». A. auch ersehen, daß vergleiche Dr. Skrzecka, ans dessen Attest Frl. Hessels schließlich als unzurech- nungsfähig hingestellt wurde, dieselbe gleich allen übrigen Aerzten vor den ersten Gerichtsverhandlungen als geistig vollkommen gesund erklärt hatte. Eine Genngthnnng hat Frl. Hessels. Bei Bcrathung der Reichs- Justizgesetzc war ihr Fall mit Anlaß, daß einige der gröbsten Schäden des alten Untersuchnngsverfahrcns beseitigt wurden. Aber diese Genug- thnung hindert nicht, daß ihre ganze Existenz zerstört, sie selbst jetzt dem größten Elend ausgesetzt ist. Frl. Hessels will jetzt, wo ein Wechsel in den leitenden Personen in Dcu>schland eingetreten, einen letzten Bersuch machen, durch Vermittel- ung der Volksvertretung zu ihrem Recht z» gelangen. Ich weiß wohl, daß Ihr geschätztes Blatt bei den Maßg'benden Personen nichts weniger als beliebt ist. Immerhin würde eine Erwähnung der Angelegenheit in den Spalten desselben wohl die Wirkung haben, die öffentliche Auf- merksanikeit wieder auf diesen Fall— eine währe„xartio honteuse" der deutschen Justiz— z» lenken. Ich ersuche Sie daher, im Jnter- esse der Sache der Gerechtigkeit, diesem Schreiben die Aufnahme nicht zu versagen."(Folgt Unterschrift.) Wir kommen dem Gesuch mit Vergnügen nach. Auf Grund noch- maliger Prüfung der erwähnten Broschüre können wir bestätigen, daß in der That gegen Frl. Hessels geradezu infam gehandelt worden ist. Ob ihre erneuerten Schritte freilich dahin führen werden, daß die In- famic wieder gut gemacht werden wird, müssen wir leider bezweifeln. Aber— wünschen wollen wir es um ihretwillen. — ViSmarrk hat sich in der letzten Zeit von aller Welt„inter- vicweu" lassen, richtiger, von aller Welt Gesindel. Anständige Leute lassen den kaltgestellten Reichskanzler schwatzen und schimpfen, ohne auf sein Geschwätz nud sein Gcschimpf zu achten, und so muß denn allerhand zweideutiges Gesindel heran, um der Welt mitznthcilen, was der weiland Reichsgewaltigc ausznplandern für gut befindet. Von welcher Art die Ergüsse des, ob des Verlustes seiner einträglichen Stelle untröstlichen Edelmannes sind, davon nur eine Probe. Einem Russen, dessen Gesinnung am besten dadurch charakterisirt wird, daß er für die dentschen-frcsserische„Nowoje Wremja" korrespon- dirt, schilderte Bismarck weinerlich, wie er den H a u s k n e ch t Ruß- lands gespielt habe, bis ihni eines Tages die russische Regierung, weil sie mit seinen Leistungen nicht ganz zufrieden war. den„Tritt in den Hintern" versetzt habe. Da habe er notbgedrungen sich nach andern Leuten umgesehen, sonst würde er bis zuletzt der getreue Diener— des Zaren geblieben sein. Ist das nicht erbärmlich? Auf die Kriecherei vor den Russen folgt dann die obligate Schim- pferei auf die Deutschen, insbesondere die deutschen Arbeiter. Mau höre nur: „Im Allgemeinen— diese Arbeiterfrage... Sie hat eben eine Seite, die nicht so grell und spitz, aber noch ernsthafter ist. Die Unzu- friedenhcit der Arbeiter, c'est une fievre violents,(das ist ein heftiges Fieber)— die Unzufriedenheit der Kapitalisten,— das ist eine lang- same aber schwere Krankheit des Staates, und die letztere ist weit schlimmer als die erstcre, denn sie stört de» Blutnmlanf im Organis- MUS selbst. Eine Fabrik und ihr Bestehen hängen nicht von den Ar- beiteni ab, sondern von den Unternehmern, und mit diesen muß man rechnen, denn es ist schlimm, wenn sie sich zurückziehen. Die Arbeiter sind nicht furchtbar, wenigstens die Mehrzahl nicht, aber los winorites tui-dulonto» tont tu loi(die nnrnhigen Minderheiten machen das Ge- setz). Bisher sind alle fraiizösischen Revolutionen von der Minderheit, nicht von der Mehrheit gemacht worden. Ich habe sogar noch im Januar gesagt, daß sogar der russische Kaiser nicht die Kräfte hätte, solche Aufgaben, wie die Arbeiterfrage, zu lösen, welche nach den Wim- scheu der Arbeiter Gott allein lösen kann. Ich fragte damals, ob man einen zufriedenen Millionär gesehen hat. Man antwortete mir: Rein, ich habe keinen gesehen. Wie wollen Sie einen Arbeiter bis zur Her- zenslnst befriedigen, wenn Gott selbst es nicht in ihn hineingelegt hat? Heute finden Sie es möglich, eine Summe seiner Bediirkaisse zu befriedige», inorgen zeigt sich eine andere mit aiidere» oder mit denselben, nur erweiterten Forderungen. Heute sind drei paar Schuhe nöthig, morgen 5— und so in Allem." Ist ein abgeschmackteres Geschwätz denkbar? Sehr gut fertigt es die Berliner„Volksztg." ab, indem sie schreibt: „Der„unzüfriedene Millionär", der an mehrmaligen Dotationen noch nicht genug hatte, sondern sich aus der Tasche des Voltes, ans etilem ursprünglich für allgemeine Zwecke gesammelten und theilwcise aus erpreßte» Arbeiterpfennigen zusammengebrachten Fonds noch ein großes Rlttcrgnt schenken ließ und den Großgrimdbesig durch immer neue Korn-, Vieh-, Holzzölle, durch Schnapsdotationen rc. iuimer reu- tabler z» machen suchte, der mag ja kein bloßes Geschöpf einer ver- wilderten Phantasie sein, sondern wirklich einmal existirt haben, aber von welcher unheimlichen Begrisssverwirrnng zeugt es, diese abstoßende, häßliche und widerwärtige Erscheinung mit dem deutscheu Arbeiter, der einen ehrlichen und wie ost! heldenhaften Kampf um ein mcuscheuwür- diges Dasein kämpft, in eine Reihe zu stellen!" — Das schmachvolle Urthcil des Erfurter Landgerichts wird durch ei» Erkemitniß des Landgerichts Zwickau noch über- troffen. Dieses vcrurtheilte einen Arbeiter, Namens Horn, wegen Beleidigung eines Bergwerkdircktors zu einem Jahr Gcfäng- nisi. Horn hatlc in einer Bergarbeiterversainiulnug das Verhalten der betreffende» Herren als einen W o r t b r» ch bezeichnet. Nun sollte es allerdings für einen anständigen Menschen keinen schwereren Borwurf geben als den der Wortbriichigkeit. Aber ein Vorwurf ist keine Be- l e i d i g n n g. Man antwortet ans ihn mit einer Widerlegung, nicht aber mit einer Klage, oder wenn es Klage sei» muß, mit einer Ver- l ä u in d u ii g s k l a g e, die das Schwergewicht auf den T h a t b e- stand, nicht auf den gefallenen Ausdruck legt. Jndeß, wozu darüber ein Wort verlieren? Die flagrante Verhöhnung allen Rechts spricht sich in dem Strafmaß so deutlich ans, daß jeder erklärende Zn- satz überflüssig ist. Es ist nicht einmal mehr der Schein der Justiz, es ist die reine, nackte Gewalt— die Richter fungiren als die an- gestellten Büttel des Kapitals. Er hat den Kapitalisten beleidigt. folglich hat er Gott gelästert— nieder mit ihm! Das Kapital ist zur Staatsrcligion erhoben worden. Damit steht es ja auch in, Einklang, daß auf Anweisung des Landeskonsistoriums in alle» 0 i r ch e n Sachsens gegen die Sozial- demokratie gebetet wird. Mucker hier, Ketzerrichter da— wie lange wird's noch danern, und der Ruf ertönt nach Wiedererrichtung der Scheiterhaufen! — Der Streik, bczw. Ansschlnst der Geraer Weber ist verloren Tank ciucrseits der schamlosen Parteinahme der st-dtischen und Staatsbehörden für das Ansbenterthnm und anderseits des Mangels an Unter st ü tz»>, g e n. Die Fabrikanten jnbei», aber die Arbeiter werden die Lehre ans der erlittenen Niederlage ziehen und zur gcgebc- neu Zeit die Autwort nicht schuldig bleibe». — Die Hamburger Streiks bezw. Zlnsschlüsse sind noch nicht entschieden. Die ÜIrbeiter halte» hcldenmüthig aus— doch stehen sie einer von langer Hand her vorbereiteten Verschwörung des Kapitals gegenüber, dem die Behörden in jeder Weise hilfreiche Hand leisten. Eine Infamie gegen die Arbeiter folgt der andern. Hoffen wir, daß die Arbeiter trotzdem siegen werden— auf jeden Fall aber mögen sie sich die Namen Derer fest einprägen, die in so schmachvoller Weise das Gesetz zu Gunsten der wirthschaftlich Bevorrechteten gebeugt haben. Es wird ja noch die Zeit komme». Ivo man sie zur Rechenschaft zieht. An der ausreichenden Nnterstüyuiig der Äusgespcrrtcn hängt jetzt alles. Die Hamburger Arbeiter, die jederzeit den Arbeitern aus- wärts zur Seite gestanden. sind diesmal auf deren Hilfe an- gewiesen. Es ergeht daher der dringende Biifruf, sie, soweit es irgend geht, mit Geldsendungen zu unterstützen. Gelder sende man an sichere Adressen, eventuell sind wir zur Ueber- mittlung bereit. — Wahrhaft beschämend ist die Rolle, die Deutschland auf dem in voriger Woche abgehaltenen Internationalen Bergarbeiter- Kongreß gespielt hat. llticht nur stand die Zahl der dentscheu Thcil- nehmcr in keinem Verhältniß zur numerischen Stärke der deutschen Bcrgarbeitcrschaft und der Bedeutung der deutschen Bergindustrie, auch die wenigen Thcilnehmer hatten nur unter den größten Schwierigkeiten den Besuch ermöglichen können und mußten sich nicht nur bei verschie- denen Gelegenheiten der Abstimmung enthalten, sondern znni Theil sogar ihre Namen verheimlichen, um sich nur die Rückkehr in die Hei- math zu ermöglichen. Es herrschte denn auch unter den Delegirten der anderen Länder nicht geringe Entrüstung über Zustände, die solche Vorsichtsmaßregeln nöthig machen, nnd ganz besonders gaben einige englische Delegirtc derselben in drastischer Weise Ausdruck. Die über- triebt» en Vorstellungen, die im Ausland in Bezug auf die„arbeiter- freundlichen Erlasse" des deutschen Kaisers vielfach genährt wurden, sind in Jolimont ganz gewaltig herabgcstimmt worden— an der Hand der Thatsachen lautet das Urtheil etwas anders, als so lange die Welt nur schöne Worte hörte. Soviel für heute. Spezieller über den Kongreß in nächster Nummer. — Wir erhalten folgende Zuschrift: „Erklärung. „Unter dem Titel:„Der moderne Sozialismus in den Vereinigten Staaten von Amerika" ist von einem Straßbnrgcr Professor kürzlich ein Buch erschienen. Im Nachwort zu diesem Buche ist d r beiden Unterzeichneten Erwähnung gcthan, weil dieselben dem Verfasser durch Lieferung von Material zur Herstellung seiner Schrift behülslich waren. Folgender Brief ist jetzt in dieser Angelegenheit an den betreffenden Herrn abgegangen: „New Aork, 14. Mai 1890. Herrn Professor A. Sartorius v. Waltershausen, Straßburg im Elsaß. Durch Zufall haben die Unterzeichneten Einsicht in Ihr neueste? Werk:„Der moderne Sozialismus in den Vereinigten Staaten von Amerika" erhalten, und Angesichts der von Ihnen Seite 209 und 2>0 gesällten gehässigen und, weil unbegründet, unwahren Urthcile über Kail Marx'S Charakter, müssen wir unser aufrichtiges Bedauern auS- sprechen, Ihnen hülfreiche Hand geleistet zu haben. Zeigt das erwähnte Urtheil, wie wenig Gewicht Sie auf„Darstellung der objektiven historischen Wahrheit"(siehe Vorwort) legen, so zeigt die cigenthümliche Zusammenstellung unserer Namen mit demjenigen eines Staatsanwalts„von reicher, kriminalistischcr Erfahrung in der soziali- stischcn und anarchistischen Agitation" lsiche Nachwort, Literatur, S. 4l9), daß Ihre Furcht vor der„großen Gefahr für das gesammte moderne Kulturleben" auch Ihr politisches Anstandsgefiihl getrübt hat. F. A. Sorge, H. Schlüter." — Nnfrnf. Im Maingan sind durch eine Verabredung der Fa- brikanten Arbeiter dcrSch u h waaren-J» du st ric außer Arbeit gesetzt. Es wird dringend um Uuterstütznng gebeten. Dieselbe» sind zu richten an: Friedrich Wetnreich, Restauration Sii-nin-ng-r, H-rrnstraße 4K, Offenbach am Main. — Richtigstellung. In der Korrespondenz ans Berlin in Nro. 20 des„S.-D." hat sich ein bedauerlicher Jrrthum eingeschlichen. Wo von dem Fest im Moabiter Schügenhaus die Rede ist, soll es nicht 1900 sondern 13,000 Theilnchnier heißen. Die Berliner Genossen, die alles aufgeboten, den erste» Mai so würdig als möglich zu feiern, legen großen Werth darauf, dies vor.den Genoffen auswärts richtig zu stclleu. Korrespondenzen« Kiel, 18. Mai.(N a ch r u f.) Am Sonntag den 18. Mai starb nach langem Leiden unser Genosse der Zigarrenfabrikaut H. D i ck m a n n. Seine Leiche wurde am Mittwoch den 21. von zahlreichen Genossen zur letzten Ruhestätte glleitet. Trotzdem die Polizei einige rothe Schlei- fen entfernen ließ, nahm der feierliche Akt einen äußerst würdige» Verlauf. Wir verlieren in Dickmann einen braven Kämpfer für Wahrheit und Recht. Ehre seinem Andenken. Die Kieler Genossen. Melbourne(Australien.) Den Parteigenossen in Deutschland rufen wir zn dem am 20. Februar errungenen Wahlsieg aus voller Brust ein dreifaches Hoch! zu. Die Melbonrner Soziali st en. gez. Louis Groß, Sekretär des Vereins„Vorwärts". Wiederum ist von den deutschen Arbeitern eine Wahlschlacht ge- schlagen worden, deren Erfolg selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen hat. Die Reichs- oder Mordspatrioten haben sicher das Zit- tcrn bekommen und Manchem mag unwillkürlich etwas Menschliches Pas- sirt sein, während die Andern verlegen die Ohren kratzten. Doch überlassen wir die Helden ihrem Katzeiijammer, die Zeit wird früh genug kommen, wo gründlich abgerechnet wird; vorläufig könne» sie sich an dieser Abschlagszahlung genügen lassen, der Rest mit Einschluß der Zinsen kommt später. Der Wahlsieg hat auch hier wie anderwärts großes Aufsehen erregt, die kapitalistische Presse hätte den Vorfall gerne todtgeschwicgen, doch bei dem heutigen Verkehr läßt sich das nicht gut machen. Um das wahre Resultat haben sie sich jedoch lange genug herumgedrückt, indeß es half Alles nichts, die Preßkosacken mußten den sauren Apfel hin- unterichlncken. Die Presse in Melbourne ohne Ausnahme steht dem Sozialismus feindlich gegenüber und leistet in Verdrehung und Entstellung unserer Prinzipien schon recht Hübsches, doch daß die Bäume nicht in den Him- niel wachsen, dafür sorgen die„Rothen". Gegenwärtig hält Henry George(der Autor von„Progreß und Poverty") eine Agitalionsreifc in Australien ab. Ist nun auch bic hiesige Bevölkerung von seinen Neformvorschlägen nicht sonderlich erbaut, so regt er doch die große Masse zum Denken an, die Sozialdemokratie wacht da« beste Geschäft dabei, der Herr arbeitet uns in die Hände, und da er nicht allein die Groß-, sondern auch die Kleinstädte besucht auf seiner Tour, so werden auch die Landbewohner ein wenig aufgerüttelt. Briefkasten der Redaktion: Briefe und Einsendungen erhalten auS: Ant- werpcn, Berlin, Leeds, Paris, Rio de Janeiro, Sao Paolo.— I. W. Sao Paolo: Wird mit Dank benutzt.— G. 23. in Paris: Wir bedauern, Ihre Einsendung nicht aufnehmen zu können. Zu bloßem Gezänk haben wir keinen Platz. der Expedition: Ll. H. London: Sh. 2.2'/» f. Dkschft. erh. — G. T. Sao Paolo: Mk. 16. 10 f. Schft. per C. B. A. erh. u. am 22/5 Dkschft. abgesandt.— Kl. Sozialdemokrat: Zuschrift nebst Bei- läge v. 27/4 am 22/5 hier. Kreuzte mit unsrer Dkjchftsdg. Bestllg. wird nach Wunsch cffcktuirt u. Brf. nebst Beilage Behufs Rechcrchirung nach B. gehen. Ztg. dkd. erh. Gruß.— S. Hvr.: Ihren Bf. v. 18. haben am 20/5 beantw. u. hoffen damit Weiteres aufgeklärt.— Tira- dentes: Pbs. Bf. v. 25/4 kam am 2l/5 in unsre Haud. Weiteres war unterwegs.— Internat. Club Leeds: Sh. 2.— Ab. ab 1/6 bis IG erh.— Samson Low. u. Co. Ldn.: Sh. 1. 7 f. Schftn. erh.— Der alte Rothe: Mk. 20.— a Cto. Ab. jc. erh. Gewünschtes bfl. Gegen- rcchnnng niit Mk. 16.50 gutgebr.— M. M. London: 1'/- Py. für Schftn. erh.— W. Hffm London: Sh. 10.11'/, f. div. Schftn. u. Soz. erh.— Pickelhaube: 10 Pfd. a Cto. Ab. rc. erh. Stps. waren bereits unterwegs. Bfl. Weiteres.— Veilchenstein: Mk. Ivo.— a (Sto. Ab. rc. erh. u. 2ldr. geordnet. Betr. E. können Sie Recht haben. Repetition folgt.— Pharao: Unser Avis kreuzte mit Bf. v. 23/5. R-klamirtes richtiggestellt.— Max: Mk. 100.— a Cto. Ab.?c. erh. Abrechnung u. Sdg. folgt.— Ferrum: Mk. 20.— baar u. Mk. 15.56 per Ggr. a Cto. Ab. x. gutgebr. Bestllg. bereits unterwegs. Weiteres nach Vorschrift.— Schützen: Adr. u. Bestllg. lt. Vorlage v. 22/5 vorgemerkt.— Urania: Bericht kreuzte mit Bf. v. 22/5. Adr. x. ad notarn genommen. Avisirtes sehr angenehm.— Michel: Bf. vom 20. am 25/5 beantw. u. Bestllg. notirt. Sdg. baldthnnlichst.— Rosa: Dank für„Brszgr." Ergänzung am 24/5 bfl. abgg. n.-sibd. mit 50. 19 hier.— Mnth u. Kraft: Bestllg. v. 24/5 folgt sobald als möglich. Gruß.— Felix III.: Dkschftpreis. steht doch deutlich in den Annoncen Nr. 16 it. 20 des Soz. Bei Parthieenbezng 65 Psg. per C-xpl. Be- stellnng folgt u. bfl. Weiteres.— Clans Groth: Dkschrftbeflllg. und Adr. notircn lt. Vorlage v. 25/5. Gruß I— Rother Zahn: Mk. 3.05 f. Schrft. erh. Lieferung folgt nach Borschrift.— I. Shpl. Ealing: 7 Py. f. Schftn. erh.— Älaschke: Pfd. 2.4.— a Cto. Schft. x. erhalten. Sdg. dtwirkt. Bf. n. Lstn. v. 21/5 hier. Große Aussichten sind nicht, da auch hier fortgesetzter Kampf u. Geldbedarf.— Merlin: Nachr. v. 23. am 27/5 beantw. War Nichts unterwegs. Weiteres beachtet.— Rubikon: Referenz v. 27/5 dkd. erh. Werden berichten, sobald Weiteres erfahren.— Mann des Volkes: Nachr. v. 26/5 kreuzte mit der erfragten Bf.-Nr. Von Dargelegtem nehmen Notiz. Unser- seits ist Nichts unterbrochen worden. Bfl. abermals Näheres. Gruß! Soebc« ist erschienen und durch Unterzeichnete zu beziehen: Nach zehn Jahren. Katmalir» und Glolsen zur Gkschichte drs Lojinliftengksetztg. 11. Theil: Die Opfer des Sozialistengesetzes. Dieser zweite Theil der Denkschrift enthält, wie aus dem untcnfol- genden Jnhaltsverzeichniß ersichtlich ist, eine Geschichte der Opfer, Ztämpfe und Verfolgungen unter dem Sozialistengesetz In gleicher Stärke wie der erste Theil ist derselbe für die Ge- »offen unter den gleichen Bedingungen zu beziehen: bei P a r t i e n b e z u g pro Exemplar 03 Pfg., bei E t n z e l b e z n g Mk. 1.—. pr. Expl.(Porto 10 Pfg.) im Buchhandel Mk. 1.30... Bei Bezug von 25 Exemplaren Frankozusendung für Rabatt. Lieferung erfolgt nur gegen Baar. War der erste Theil mehr ein gedrängter Abriß der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, so ist der zweite Thcil eine GZchilhtk des jozialisteu- kefetzes, geschrieben von den Opfern desselben, und gerade jetzt, wo die Frage der Abschaffung dieses PolizeigcsetzeS auf der Tagesordnung steht, kommt diese Sammlung der größte» Po- lizci- Infamien, der jchamlosestcii Justizfarcen nnd die ziffernmäßige Aufzählung aller der im Name» des Gesetzes verübten Brutalitäten, Vergeivaliigniigen und Existenzvcrnichtungen zur rechten Stunde— für Freund mid Feind. Inhalts- Verzeichnis): Städtebildcr. Baden-Baden, Brandenburg. Braunschweig, Bremen, Chemnitz, Cott- bus, Crimmitschau, Tauzig, Dresden, Turlach, Forst i. d. L., Frank- furt a. M., Gotha, Halberstadt, Hamburg- Altona, Hannover- Linden, Hohcnstein-Ernstthal, Königsberg, Leipzig, Linimcr bei Hannover, Lud- wigshafen a. Rh., Magdeburg, Meerane, München, Nürnberg- Fürth, Oberfrauten, Pforzheim, Plauen i. V., Sprembcrg, Zeitz. Ausgewiesene in Amerika. (Biographische Notizen.) Nach Amerika Vertriebene. (Biographische Notizen.) Die Opfer des kleinen Belagerungszustandes. Liste und Familienstand der Ausgewiesenen ans: Berlin, Hamburg- Altona, Leipzig. Frankfurt a. M., Stettin, Sprembcrg; Tabellarische Gcsammt-ZusamniciistcUttiig. Verzcichniß verbotener Druckschriften. Verbote der im Inland erschienenen periodischen Druckschriften.— Ver- böte der im Ausland erschienenen periodische» Druckschriften.— Verbote der nichtperiodischen Druckschriften.— Nachtrag.— Tabellarische Zu- sammenstelluiig nach Jahren. Verzeichniß verbotener Vereine. 1) Gewerkschaften und berufliche Verbände: a) Zentral-Verbände; b) Lokal-Vcrcine.— 2) Krankeii-Untersiütznngs-Vercine: a) Zentral- Verbände; b) Lokal-Vereine.— 3) Politische und Arbeiter- Vereine. 4) Bildungs-, Gesangs- und Verguüguugs- Lereiue.— Tabellarische Zusammenstellung nach Jahren. Zusanimenstellung der unter der zehnsährigen Herrschaft des Sozialistengesetzes erlittene« Freiheitsstrafen in Leipzig. Berlin, Hamburg und deu übrigen Städten. Schlußwort. *** Zahlreichen Aufträgen sehen ungesäumt entgegen E. Scrnstcin � Eo. 114 Kentish Town Road, London, N. W.(England.) Anzeige. Wir sind noch in Besitz einer Anzahl Exemplare von untenstehender Broschüre gelangt, die wir zu aitstiahiustvcise rcdttzirtcn Preisen abgeben können, worauf wir unsere der sranzöfischcu Sprache mächtigen Leser besonders aufmerksam machen. Cul Aa»: I/Alliance de la Democratlc»oelaliste et rAssocIation Internationale de» Tra- vaillcnr». Rapport et Dooumcnts publiea par ordre du Congres'internationale de la Haye. Preis: 40 Pfg.= 50 Cts. »* ♦ Ne« eingetroffen die seit längerer Zeit vergriffenen Sämultliche« Rede« und Slhristcv von Ferdinand Lassalle. 3 Bände. Preis: brochirl M. 12.—, gebunden M. 16.— (5. Bernsteii! X Co. 114 Eentiali Town Road London N\f. Br'wted lor Üi« pruprietoia Wy Ute üeiman t ooperwiiv® Koauaita Town lioad 114 Loation. SW. l'ubliMbiiig Co.