Aöonuclueuts «Verden dein, Verlag und dessen bekannten Agenten entgegen- genommen, und zwar zum voraus z ahl baren V.erteljahrspreiS von: Mk. 4,40 für Deutschland(direkt per Brief-Couvert) 2wsl. 2,75 für Oesterreich(direkt per Brief-Couvert) Shill. 2,— für alle übrigen Länder des Weltpostvereins(Kreuzband). I n frr a t e di« dreiglspaltin« P-titjrile »P-n-e---- 25 Pfg.= 30 Ctl. Der oiialöemokiflt Erscheint Woche tttltch einmal in London. Mertag Grgan der Sozialdemokratie deutscher Junge. der (iermanLooperativel'udllskia�Oo. L. Lenn5tsin& Co., London N. W. 114 Kentish Town lioad. iloüftubuugtn franko gegen franko. Gewöhnliche Briefe «ach England kosten Doppelporto. Xo. 23. Brief« an die Redaktion nnd Erpedition des in Deutschland und Oesterreich verbotenen.Eozialdemokrat' wolle man unter Beobachtung äußerster Nor algehen lasten. In der Regel schick- man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten Deckadresten. In jweisclhafttn Fällen eingeschrieben. i ch t 7. Juni 1890. Haltet den— Andern! ■ Vor kurzem veröffentlichte die Wiener„Arbeiter-Zeitung" einen Brief, den Friedrich Engels ail einen Bekannten in Wien über den Antisemitismus geschrieben. Der Mit- begründer des modernen wiffenschaftlichen Sozialisinus legte darin mit gewohnter Schärfe die Schiefheiten, sowie den po- litisch wie wirthschaftlich reaktionären Charakter des Anti- semitismus blos, der nur das Merkzeichen einer zu- r n ck g e b l i e b e il e n Kultur sei. Der Brief hat verdienter- maßen Aufsehen erregt und fast alle Arbeiterblätter beeilten sich, ihn abzudrucken. Wir dürfen daher wohl annehmen, das; er den meisten unserer Leser bereits bekannt ist. Wie vorauszusehen, hat der Brief nicht geringe Wuth unter den Herren Antisemiten erregt. Wie dies allen Leuten geschieht, die eine falsche Position einnehmen, lebt der Anti- semitismus fast ausschließlich von moralischer Entrüstung. Er vertritt nicht eine politische Idee, irgend welche politischen Grund- sähe, er vertritt vor alleil Dingen die„Moral". Der Jude und wer für ihn Partei ergreist, bezw. nicht gegen ihn hetzt, ist das Laster, und der Antisemit die Tugend. Er ist darum auch ewig gekränkt, ihm geschieht immer bitter Unrecht, selbst wenn Jemand, den er anfällt, ihm nicht nach den Worten der Schrift die rechte Wange hinhält, um auch auf diese zu schlagen, sondern den Faustschlag mit Zinsen zurückgibt, ruft er entrüstet aus: Pfui, wie jüdisch! Wie die Tugend über- hailpt, so ist auch der Antisemit der ewig Verkannte. Und so hat ihm denn auch Friedrich Eilgels bitter Unrecht gethan. Und nicht nur das. Er hat ailch, ilatürlich wider seiileil Willen, den von Grund aus lasterhaften Charakter der Sozialdemokratie enthüllt. Sehr ergötzlich ist das im Stöcker'schen„Volk" nachzulesen in eiilein Artikel, betitelt:„Offeile Bekenntniffe eiiles Sozialdemokraten." Jeder Mensch hat seine Schwäche. Und die Schwäche der Stöcker'schen ist die Wahrheit. Man macht sich gar keine Vorstellung davoil, wie diese Leute die Wahrheit lieben. Man könnte es fast einen Götzendienst nennen, den sie mit der Wahrheit treiben; aber tan» man in der Hochhaltung der Wahrheit je des Guten zu viel thun? Sicherlich nicht. Und so ist denn das Erste, was der Stöcker'sche in dem Brief des„berüchtigten Sozialdemokrateil" Eilgels entdeckt,„eine U n w a h rh e i t". Diese steckt in dem Satz: „Der Antisemitismus ist das Merkzeichen einer zurück- gebliebenen Kultur, und findet sich deshalb auch nur in Preußen und Oesterreich." „Resp. Nußland", heißt es bei Engels. Das läßt der Stöcker'sche fort. Dafür wird aus Preußen, wovon Engels in seinem Brief noch die Rheinlande ausdrücklich ausnimmt, im Handumdrehen— Deutschland.„Andrerseits aber ist es eine, gelinde gesagt, Unverfrorenheit, Deutschland als in der Kultur zurückgeblieben zu bezeichnen." Das wirklich für diese Schlechtigkeit gebührende Wort ist der Stöcker'sche zu anständig, zu gebrauchen. Er überläßt es dem Leser, den „ihm kräftig genug erscheinenden Ausdruck" zu finden. Und er gibt Herrn Tiffot den Rath, wenn er wieder ein„V e r- leumdungswerk" über Deutschland schreiben will, bei Friedrich Engels in die Schule zu gehen. � „Und die— Wahrheit, die Wahrheit ist gerettet." Nach diesem erbaulichen Präludium wird das sozialdemokratische Scheusal in seiner ganzen Verworfenheit blosgestellt. Dieselbe offenbart sich in folgendem Satz: Iii Prciisje» und Oesterreich ist es der dem Untergang durch die grobkapitalistische Konkurrenz versallene Kleinbürger, Zunfthandwerkcr und Kieinkrcimer, der den Cbor dabei bildet utid mitschreit. Wenn aber v« Kapital diese Klassen der Gesellschaft vernichtet, die durch und durch reaktionär sind, so thut es, was seines Llmtes ist nnd thut ein gutes Werk, einerlei, ob es nun semitisch oder arisch, beschnitten oder getauft ist; es hilft den zurückgebliebenen Preuben und Ocsterreichcrn vorwärts, das; sie endlich auf den modernen Standpunkt kommen, wo alle alten gesellschaftlichen Unterschiede aufgehen in dem einen großen Gegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern. Nur da, wo dies noch nicht der Fall, wo noch keine starke Kapitalistcnklasse existirt, also auch noch keine starke Lohnarbeitcrklassc, wo das Kapital»och zu schivach ist, sich der gesammten uationale» Produktion zu bemächtigen nnd daher die Effcktcubörsc zum Hauptschauplatz seiner Thätigkcit hat, wo also die Produktion noch in den Händen von Bauern, Gutsherren, Handwerkern und ähulien aus dem Mittelalter überkommenen Klassen sich befindet- nur da ist das Kapital vorzugsweise jüdisch, und nur da gibts AntisegiitisinuS. Hier kennt die moralische Entrüstung des Stöcker'schen keine Grenzen.„Hört ihr es, ihr Bauer n und Handwerker, ihr K l e i n b ü r g e r und K l e i n k r ä m e r", ruft er empört aus,„ihr seid„aus d e m M i t t e l a l t e r ü b e r k o m m e n e Klassen, und wenn das Kapital euch vernichtet, so thut es—„ein gutes Wer k". Und es folgt eine Phi- lippika, die ivirklich zu schön ist, als daß wir sie unfern Lesern vorenthalten sollten: TaS schreibt ein Sozialdemokrat, einer von den Leuten, die das Wohl des Volkes, des ganzen Volkes, zu wollen vorgeben. Der Sozlaldcmoüat wün scht, daß ihr untergeht. Gr will euch n i ch t Hab e n, nicht einmal erhalten, er will euch zu Lohnarbeitern herunterdrücken.„Alles muß verruiigenirct sein!" Und da die Juden es am besten verstehen, euch aufs Schnellste das Fell über die Ohre» zu ziehen, so sind sie Herrn Engels willköulmen. Die V e r- n i ch t e r» n d Zerstörer eures W o h l st a n d e s, jene gierige A n s b e n t e r s i P p c, die euch durch Wucher von Hans und Hof treibt, die euer Geschäft vnrch S ch w i» d c l k o n k n r r e n z riiinirt, sie vcrtheidigt der Sozialdemokrat gerade um ihrer S ch a n d t h a t c n willen. Er leugnet den zersetzenden National- Charakter der Juden nicht. Bewahre! Er liebt sie um des willen. Sic machen seine Geschäfte. Denn sie p r o l e t a r i s i r c n den Mittel- stand. Und der Proletarier fällt dann unrettbar der Sozialdemokratie anHeim. Ein verteufelt l i st i g e r Plan, wenn er nicht so verteufelt d n m m wäre! Welcher Handwerker, Bauer, Kleinbürger, Kleinkrämcr wird nach diesen Eingeständnissen eines sozialdemokratischen Führers noch für die Sozialdemokratie eintreten?„Nur die allerdümmsten Käl- ber, wählen ihre Metzger selber." Daß die Sozialdemokratie den Hand- werkern und Bauern nicht wohlwill,— obgleich sie auch aus diesen Kreisen genug Stimmen bekonimen hat— war bekannt. Daß ein Sozial- demokrat in so zynischer offener Weise die schleunigste Abmetzelnng des Handwerker-, Bürger-, Kaufmanns- und Bauernstandes befürwortet, ist ebenso neu wie lehrreich. Die Sozialdemokraten v e r u r t h c i l e n den Mittel- stand zum Tode, weil er ihrer Herrschast im Wege steht. Die großkapitalistischen Inden vollziehen dies Urtheil. e n e die Richter, diese die Henker. Ihr Kleinbürger und Kleinkrämer, ihr Handwerker und Bauern, wollt ihr euch diesem R i ch t e r s p r u ch unterwerfen? Wollt ihr wirklich euch fernerhin die Stricke selber drehen und mit dem ausbcu- tendcn Jiidenthnm gehen? Punktum. Und ivenn„Kleinbürger und Kleinkrämer, Hand- werfer und Bauern" nun nicht sofort hingehen und, soweit sie früher der Sozialdemokratie zugestimmt, dieser den Rücken kehren, dann ist Hopfen und Malz an ihnen verloren. Aber leider, leider gibt es unter diesen Leuten eine große Anzahl verstockter Seelen, die da sagen: nicht derjenige ist mein Feind, der mir das Schicksal zeigt, dem ich so oder so entgegengehe, sondern derjenige, der mich darüber täuscht und meine Anstrengungen in falsche Bahnen lenkt. Und da die Auffaffung, der Fr. Engels in seinem Brief Ausdruck gibt, zwar unbestritten sehr lehrreich, aber doch nicht so„neu" ist, wie die Stöcker'schen meinen, sondern schon seit etlichen vierzig Jahren in den Schriften von Marx und Engels nieder- gelegt und seit einem halben Menschenalter von der deutschen Sozialdemokratie propagirt worden ist, die dabei groß und stark wurde und ihren Anhang unter Kleinbürgern und Klein- krämern, Handwerkern und Bauern nach Tausenden und Wer- tausenden zählt, so ist in der That zu fürchten, daß diese „Verführten" auch sürderhin bei' den Wahlen ihre Metzger-— sitzen lassen und— um beim Bild zu bleiben— den Metzgern ihrer Metzger ihre Stimme geben werden. Uebrigens ist dem Stöcker'schen beim Zitiren des Engels'- scheu Satzes ein kleines Malheur passirt, das zwar auch„nicht neu" ist— denn im Zitiren sind die Herren die reinen Schle- mihle— aber um so lehrreicher. Bei Engels fängt die zitirte Stelle wie folgt an: „Es ist in Preußen der Kleinadel, das Junkerthum, das 10,000 Mark einnimmt und 20,000 Mark ausgibt und daher den Wucherern verfällt, das in Antisemitismus macht". Dieser Vordersatz ist dem Stöcker'sche» aus der Scheere gefallen und zwar so unglücklich, daß er auch gleich das „und" des folgenden Satzes mit sich riß. Warum aber ließ die Stöcker'sche Scheere diesen Satz fallen? Run, aus dem- selben Grunde, aus welchem die Stöcker'sche Feder bei dem christlichen oder arischen Kapital einen respektvollen Knicks macht und erst, sobald vom jüdischen Kapital die Rede ist, wieder in Bewegung geräth. Das ist zwar sehr hübsch ge- meint von der Stöcker'schen Feder, bringt sie aber in immer größeren Konflikt mit der Wirklichkeit. Denn da wir selbst in Preußen— und dies mag das patriotische Herz des Stöcker'schen über die Engelü'sche„Verleumdung" trösten— mit Riesenschritten in der Kultur vorwärts marschiren, so hört auch dort das Kapital aus,„vorzugsweise jüdisch" zu sein. Den Bauern ruinirt nicht der jüdffche Auskäufer, son- dern sein christlicher Konkurrent, der auf großem Maßstab produzirende moderne ,>Landwirth", und der jüdische Wucherer spielt höchstens dessen Exekutor. Den Handwerker vertreibt der Großfabrikant aus seinem Zunftparadies, und dieser ist in neun von zehn Fällen„gänzlich unbeschnitten". Aber auch der Erzengel des Großfabrikanten, der Großhändler, ist selbst in Preußen in seiner großen Mehrheit„arischen Stamm- baums". Es war ein Mann, den der Stöcker'sche als das Muster eines echtdeutschen Mitbürgers gelten läßt, der in Berlin unablässig auf Aushebnng des aus der„guten alten Zeit" stammenden und den zahlreichen Kleinhandwerkern und Kleinhändlern in der Umgebung von Berlin lohnenden Absatz bietenden Weihnachtsmarktes drang und ihn auch wirklich aus seiner Nachbarschaft vertrieben hat. Wieviel christliche und jüdische Kleinhändler Herr Rudolph Herzog sonst als triumphirender Großhändler aus dem Markt geschlagen hat, läßt sich natürlich nicht in Zahlen berechnen, sowenig wie die Zahl der durch den katholischen„Louvre" in Paris minirten Kleinhändler; aber sicher ist es, daß ihrer nicht wenige sind. Auf dem Papier läßt sich das alles verschweigen und ver- drehen, aber je lauter die Wirklichkeit dagegen spricht, um so hoffnungsloser ist die ganze Anlisemiterei. Was nützt dem Handwerker, dem Bauern, dem Kleinhändler die Beseitigung des jüdischen Kapitalisten, wenn der christliche Kapitalist bleibt und ihn genau so zu Grunde richtet und in seinen Dienst preßt? Sie sind gegen diesen nur»och ohnmächtiger, eben weil er als vollwerthiger„Landsmann" noch rücksichts- loser gegen sie vorgehen darf. Unschädlichmachung des christlichen wie des jüdischen Ka- pitals bietet ihnen aber der Antisemit nun einmal nicht und kann er ihnen auch nicht bieten. Dazu � sind wir— noch einmal tröste Dich, Stöcker'scher— selbst in Preußen zu weit vorgeschritten. Was er ihnen bieten kann, sind nur leere Versprechungen und Deklamationen. Diese sind aber sehr kurzlebig und ziehen„einmal und nicht wieder". Mit moralischen Redensarten, selbst wenn sie die Form von Flüchen annehmen, richtet man nichts gegen die Kapital- Herrschaft aus. Gegen sie gibt es nur ein Mittel, und Engels zeigt es auch an: „Je stärker das Kapital, desto stärker auch die Lohnarbeiter- klaffe, desto näher also das Ende der Kapitalistenherrschast. Uns Deutschen, wozu ich auch die Wiener rechne, wünsche ich also recht flotte Entwicklung der kapitalistischen Wirth- schaft, keineswegs deren Versumpfen im Stillstand." Diesen Satz hütet sich der Stöcker'sche abzudrucken, er würde ihm das Konzept verderben.„Versumpfen der kapita- listischen Wirthschaft", das ist ein fatales Wort. Wen soll es verlocken? Den Kapitalisten? Der will sich ausdehnen und braucht dazu Bewegungsfreiheit. Den Handiverker, Bauer und Händler? Dem ist damit nicht geholfen, denn der Druck des Kapitals bleibt. Den Proletarier? Für diesen heißt es Ver- ewigung seines Elends, seiner Knechtschaft. Nein, für alle, die die Kapitalherrschaft bedrückt, gibt es nur eine wirkliche Rettung, und die liegt in der Beseitigung der Kapitalwirth- schaft, die nur dadurch bewirkt werden kann, daß an Stelle der kapitalistischen die gesellschaftliche Produktionsweise tritt. Und dies wird um so eher geschehen, je schnell� sich die Entwickelung des Kapitalismus vollzieht. Soweit es bis zu diesem Zeitpunkt eine Rettung für die einzelnen Mitglieder der aufgezählten Erwerbsklaffen gibt, be- steht dieselbe darin, daß sie sich selbst soviel als möglich mo- dernisiren, den veränderten Produktionsbedingungen anpassen. Es ist das zivar keine glänzende Perspektive, die ihnen damit gestellt wird, aber sie entspricht der Wahrheit. Die Entwick- lung in dieser Richtung drängt sich ihnen aus, ob sie es wollen oder nicht. Der aber ist um so besser daran, der diesen Prozeß bewußt vollzieht, und darum ist die Sozial- dcmokratie eine viel bessere Freundin der in Handwerk, Handel und Landwirthschaft thätigen kleinen Leute, als diejenigen, die sie mit Illusionen nähren und dadurch ihre Abhängigkeit nur noch vergrößern. Mag daher der Stöcker'sche noch so laut schreien, er wird uns dadurch nicht abhalten, das offen auszusprechen, was wir für richtig erkannt haben. Daß ihm das„zynisch" vor- kommt, wen soll das wundern? Niemand pflegt lauter:„Haltet den Dieb!" zu rufen, als der Dieb selbst und seine Spießgesellen. Wer aber die Gepflogenheiten dieser Zunft kennt, läßt sich durch dies Manöver nicht beirren. Er packt die Schreier, kehrt ihre Taschen um, mid siehe da, die christlich- germanischen Bolksfreunde sind als— Agenten des großen Ausbeuterthums entlarvt. Die Rnssenverhaftungen in Frankreich. Paris, den 3l. Mai 1890. Die Sucht der verschiedenen Regierungen, einander reaktionäre Stiefel- putzerdienstcrdienste zu leisten. die gelegentlich in Oesterreich und zu allen Zeiten in Deutschland die widerlichsten Formen des politischen Lakaien- und Biittelthuins für den Zaren annimmt, hat nun auch Frankreich angesteckt. Letzten Donnerstag, in frühester Morgenstunde, fanden in der hiesigen russischen Kolonie zahlreiche Haiissuchungeu nnd 14 Verhaftungen statt, von denen 12 aufrecht erhalten worden sind. Anlast hierzu sollen augeblich in der Itingegend von Paris Seitens russischer„Terroristen" angestellte Versuche mit Dynamitbomden ge- liefert haben, die die Polizei auf die Spur einer Gruppe„Terroristen" geführt hätten. Bei mehreren verhafteten Personen(Reinstein, Auanieff oder Kaschintzeff, Stepanoff) will man Nitroglyzerin und andere Spreng- stoffe, bei Orloff nnd Peploff. sowie Aschkinasi Metallhülsen gefunden haben. Bei einem Fräulein Brombcrg, Stiidentin der Medizin, sollen 15 fertige Metallhülsen für Bomben entdeckt worden sein. Solauge die Untersuchung nicht thatsächlich festgestellt hat, dast Bomben fabrizirt und zwar zum Zwecke eines Attentats fabrizirt worden sind, hat man sich allen derartigen Angaben der Pol zei gegenüber durchaus mißtrauisch zu verhalten. Wer kennte nicht die berufsniäßige(tzepflogenhcit derselben, aus Mücken Elephanten zu machen! Und da die Mehrzahl der Ver- hafteten medizinischen oder chemischen Studie» oblagen oder Elektro- techniker waren, so hat das Vorhandensein solcher Stoffe, welche in ihren Verbindnngen explosiv wirken, und das Auffinden leerer Metall- kapseln allein noch nichts Außergewöhnliches an sich. Allerdings kann inan auch ans diesem Umstand allein noch nicht das Gegeutheil behaupten. Wunderbar mußte nur erscheinen, daß die komproniitirenden und zum Theil sehr gefährlichen Substanzen bei verschiedene» Personen vertheilt gewesen, so daß bei der eventuellen Entdeckung viele Leute koniprviuitirt werden mußten. Wie gesagt, solange die Anklage nicht thatsächlichc Beweise geliefert hat, kann man mit Bestiiilmtheit der Version der Polizei keinen Glauben schenken. Das Geschrei Über die Fabrikation angeblicher oder wirklicher Boui- ben, das die französische Presse erfüllt, im Anslande ein Echo findet und dem Spießbürgerthum Gruseln macht, beabsichtigt offenbar, die öffentliche Aufmerksamkeit von einem Biibcnstück abzulenken, das die französische Polizei in platter Liebedienerei vor dem Henker aller Reu- ßcn begangen. Die Ansführuiig dieses Bubenstücks— die K o n f i s- kation der Korrespondenz im Ausland lebender Revolutionäre mit G esiu nun gs g e n ossen in Ruß- l a n d, u m L e tz t e r e k e n n e n z n l e r n e n und unschädlich zu machen— war der Hauptzweck der„glücklichen Razzia gegen die Terroristen, welche das französische Gastrecht mißbrauchte»". Die an- gebliche Fabrikation von Bomben schlug man, aber die Ausliescrnug der Korrespondenz meinte man. Weit wahrscheinlicher, als das; die französische Polizei durch Experimente in Naincy ans das„verbreche- rische Treiben" der Verschwörer anfmerksam gemacht wurde, ist, daß das russische internationale S p i(z e l t hrn m, mit der russischen Botschaft an der Spitze, der sranzösischen Liegwnrtig einen Wink gegeben, auf welche Weise sie sich beim„Väterchen" beim- ders beliebt machen könne. Die Vcrmuthnng wird dadurch bestätigt, das; die französische Polizei besser unterrichtet über Personalien und A n t e z e d e n z i e n der v ej h a f t e t e n Personen war, a l s deren Kameraden. Sie wußte von jedem Einzelnen, wie dessen wahrer Name lautete, ob und weshalb er schon in Rnszland vernrtheilt worden ec. Ganz besonders aber spricht die Thatsache für die oben erwähnte Permnthung, daß die Polizei eine ganze Reihe von Personen behmissuchte oder verhaftete und sämmtliche in deren Wohnungen vorgefundenen Briefe, Dokumente, B r o- schüren konfiszirte, obgleich bei den Betreffenden keine Spur von Dynamit ec. vorhanden war, ja dieselben absolut keine Beziehungen mit den Personen unterhielten, bei denen man Sprengstoffe gesunden haben will. So hat man z. B. bei P. Lawrosf gchanssucht, bei Serebriakoff alle PapiereMveggrichleppt, trohdeu die peinlichsten Untersuchimgen nichts� Verdächtiges ergeben hatten. Ferner sind die beiden polnischen Genossen At e n d e l s s o h n und D e m b s k i verhaftet und ihre Papiere konfis- zirt worden, obgleich die Haussuchung nach verdächtigen Stoffen r e s n l t a t l o s geblieben. Durchaus ungiKchtfertigt ist auch die Verhaftung des Fräulein Fcdorowa(Krapolina genannt), welche keinerlei Beziehnngen mit Reinstein, Stepanoff ec. hatte, in deren Woh- nnng außer Antipyrin und Chinapuloer Nichts entdeckt ward. Ihr einziges Verbrechen besteht darin, daß sie mit Neinstein und dessen Fran zusammen eine größere WöhnnNg innc hattet) Da aber FrT. Fedo- rolva bereits in Rußland in einen politischen Prozeß verwickelt gewesen, auch bereits 3 Jahre Gefängniß verbüßt hatte und zu 8 Jahren Zwangs- arbeit in Sibirien vernrtheilt worden, aber auf dem Transport ent- kommen war, wähnte man, interessante Korrespondenzen bei ihr zu finden. Frl. Fedorowa lernte das"Hölzschneiden, sie hatte angefangen, sich eine bescheidene Existenz zw gründen lind lebte durchaus zurück- gezogen, ohne Beziehungen mit den kämpfenden Revolutionären. Schuld- los verhaftet ist wahrscheinlich auch die Studentin der Medizin, Frl. Lromberg, die ganz außerhalb der revolutionären Welt stand und jedenfalls mit Recht behauptet, die Kiste mit Bomben, die man bei ihr gefunden, von einein Unbekannten erhalten zu haben. Die Behauptung hat nichts Unwahrscheinliches, wen» mau weiß, wie oft es vorkommt, daß russische Studenten, die ihre Wohmuigen oft wechseln, Leute», die sie kaum gesehen, Kisten nii. Büchern ec. zur zeitweiligen Anfbewahruiig anvcrlranen. Noch weiß man nicht, lvie die Anklage lauten wird, aber sicher ist, daß die verhafteten nud behauSsuchtcn Personen, sogar wenn ihnen kein Verstoß gegen daS französische Gesetzbuch nachgewiesen werde» kau», ans Frankreich a ns g e w i e se n und dadurch materiell schwer geschädigt werde». Denen, die bis jetzt„legal" waren, wird-mifoTgc des auf ihnen lastenden Verdachts die Rückkehr nach Rußland unmöglich gemacht. Tie schlimmsten Folgen jedoch dürften die in Rußland lebenden Korrc- spondenten der betreffenden Nevolutioiiärc zu gewärtigen haben. Poli- zeiliche Uebenvachnng, administrative Verschickung nach Sibirien, Zwangs- arbeit und ähnliche Errungenschaften der knntischen Kultur warten ihrer. Ueberaus schinachvoll ist die Haltung der fr a n z ö s i s ch e n Pr e s s e, etliche radikale Blätter, wie Batallle, Lautenie, Justice, ausgenommen. Dieselbe wälzt sich in hysterischen Krämpfen aus Freude, daß es der französische» Polizei gelungen, dem„natürlicheu Verbündxtcn der Re- publik", den, Zaren, einen Liebesdienst zu erweisen, daß es dem fran- zöstschen Bnttelthnni gelungen, das deutsche im Steeplcchase des Bnh- lens nm die Zarengunst um eine Aasenlänge zu schlagen. Ueber die' Absichten k. der russischen Revolutionäre werden die abentheuerlichsteu Nachrichten kolportirt, deren geheime Quelle die r u s- fische Botschaft bildet. So heißt es z. B. in einem Artikel des „tvanlois", die Bomben seien nicht für Niißland, sondern für Paris l!) bestimmt gewesen, die russischen Revoliltionäre hätten mittels ihrer die Manifestation des 1. Mai fortsetze» wollen ec. In Fontenay-aux- Roses, wo Mcudelsohn wohnte, hat man das Gerücht ausgesprengt, dieser sei ein preußischer M i l i t ä r s p i o n, der allabendlich die Forts zeichnete. Die Folge davon ist, daß Fran Mendelsohn Abends die Fenster eingeworfen werden ec. Kurz, die russische Botschaft arbeitet durch ihre niederen Juforinatioqsspitzel und durch ihre höhereu jour- nalistischen Kosackcn, gegen die Verhafteten Stimmung zu machen. Den gleichen Zweck verfolgen angebliche Telegramme über Manifestationen der russischen Bevölkerung, um der französischen Regierung für ihre be- wiesene Billigkeit zu danken. Das Götzenbild der französisch-russischen Allianz wird mit allen erdenklichen Lügen und Gerüchten gefüttert, um zu bewirken, daß das französische Volk der Vergewaltigung des Asyl- rechts zu Gunsten der russischen Regierung ruhig zusieht, Ucbrigens wird es mit Maßregelung der russischen Revolutionäre nicht sein Bewenden haben. Die angebliche oder wirkliche Fabrikation von Dynamitbomben muß den Vorwand liefern, um den Kreuzzug gegen die in Frankreich lebenden Sozialisten zu inszeniren, den der„schneidige" Constans schon vor Wochen angekündigt. Die große französische Bourgeoisrepnbltk darf sich doch von der kleinen Schweizerrepublik nicht beschämen lassen. Ein zufälliges Ereigniß muß als Fetgenblatt für die Reattton dienen, die sicher auch feigcnblattlos gekommen wäre. W. R. S. Die prenhisch-dcntfche Erziehnngsansialt für Sozialdenzokratett. Brasilien, Ende April 1890. Vor einiger Zeit brachte ein brasilianisches Blatt,„0 Estado de Sao Paulo", unter den; Titel„Die sozialistische Propaganda", einen Artikel, der so ziemlich die Ansichten über die Ursachen des Wachs- thumS der sozialistischen Partei in Deutschland und der enormen Zu- nähme der sozialistisd)eii Wahlstimmen wiedergibt, wie sie deutsche Re- gicrungs- und Polizeikreise zu ihren; eigenen Schaden hegen. Es heißt da:„Ja, die Hauptsache wird in„Vereine n" gemacht. Man gibt vor, im„Vereiste" Bier zu trinken und zu rauchen, im Grunde ge- nonimen dient aber dieser Vorwand nur zur Verheimlichung des wahren Zweckes, nämlich jedem nen Eintretenden allmählig die„Sozialdcmo- kratie" beizubringen. Die Polizei kann natürlich nicht auf jedes ein- zelne„Vereindien" aufpassen, und so ist es selbstverständlich den Sozial- demokraten leicht, immer frischen Zuwachs zn züchten".— Jawohl, das könnte so sein! Wieviele Leute aber ans ganz anderem Wege wirk- lich ü b e r z e u g u n g s t r e u e Sozialdemokraten geworden sind und werden, wissen leider die preußisch- deutschen„Sid)erheits- wächter" nicht. Daß die korrumpirte Staats- und Polizeiwirthschast selbst massenhaft Sozialisten erzieht, glauben die„staatserhaltenden" Größen Deutschlands nicht, weil sie selbständigesDenken selbst niemals gelernt oder es sich im Schweifwcdlerdienst wieder abgewöhnt haben und das Gleiche and; bei ihren Nebenmenschen voraussetze».— Daß ein brasilianisches Blatt der Ansicht ist oder die Ansicht in einer Uebersetzung reprodnzirt, daß in Deutschland allen Sozialdemokraten ihre Tendenzen erst von den Führern oder„Verführern" wie Schul- buben beigebrad,t und aufgehängt werden, können wir ihm keineswegs übel nehmen; denn in Brasilien psiegen sich bekanntlich über 90 Pro- zent des Volkes weder mit Lesen und Schreiben, noch mit Kaiserthum und Republik, noch init anderen politisd>en oder sozialen Fragen zu be- fassen. Sie hören einfach, was der Pfaffe von der Kanzel sagt. Wenn dagegen den; deutschen„Proletarier" alljährlich der Steuerzettcl in die Hand gedrückt wird, so hat er schon Veranlassung genug, Lesen, Schreiben, Rechnen und—„Nachdenken" zn lernen. Und aus eben diesem Nachdenken ergeben sich dann ganz von selbst für jeden Einzelnen „gefährliche sozialistische Ideen"; er bringt die Letzteren schon fix und fertig mit in die„Vereine" und hat in der Regel nur die Freude, im Vereine Leute zn finden, welche seine subjektiven Anschauungen bereits ganz zu den ihrigen gemacht haben. Schade, daß der„große" Bis- marck nicht noch vor seinen; Abgange dem„Volke der Denker" das Denken überhaupt komniißniäßig verbieten konnte! Nicht den Vereinen, sondern dem„Nachdenken" des deutschen Michels *) Es ist hier unter den Russen iiblich, zu zweien oder dreien größere Wohnungen zu miethen, da dieselben relativ billiger sind als einzelne Zimmer. verdankt die Regierung das„schauderhafte" Resultat der letzten Reichs- tagswahlen. Der deutsche Michel hatte nicht vergessen, wie er 1887 von; großen Bismarck an der Nase herum» und zur Wahlurne geführt wurde, in welch' geradezu gcnieiner Weise der große Staatsmann den; Volke die Lügen des Kriegsrumniels aufgebnndcn hatte. So erzog sich die Regierung selbst ihre Wähler. Und wie ganz Dentschsirnd überhaupt nur eine einzige große Pflanzschnle der Sozialdemokratie bildet, in welcher Regierung und Polizei die Professoren spielen, und von welcher Preußen gleichsam die beste Klasse mit den besten Professoren darstellt, davon sei es uns gestattet, hier einige der Wirklichkeit ent- nommene Episoden zu erzählen. Unter nnscren' Bekannten besitzen wir einen'Freund, der die„Ehre" hatte, im preußischen Staatscisenbabndicnst seine Karriere als Sub- alternbeamtcr zu beginnen. Daß diese Subalternen sich den stolzen Titel„Staatsbeamter" beilegen dürfen, imUebrigen aber noch unter dem Lohn-Proletarier stehen, sollte er bald erfahren. Bei einem Ge- halt von 54, 60, 75, 100 und 125 Mark pro Monat dürfen diese „Staats-Proletarier" täglich 10, 12 und 15 Stunden zur Tages- oder Nachtzeit mit der Feder arbeiten. Doch halt, bis vor kurzer Zeit er- hiel.ci; sie zu-Weihnachten eine Extra- Remuneration von ganzen 10 bis 15 Reichsmark, während die Herren Assessoren, Rcgierungs- und Bauräthe z. B. an der Direktion ihr ungeheures(I) Arbeitspensum täglich von halb 11 bis 12 Uhr und von 4 bis 6 Uhr erledigen, dafür aber auch zu Weihnachten nur 300, 500 und 600 Mark für hervor- ragende Leistungen bekamen. Hatte der Staatsproletarier wohlgcwogene Vorgesetzte, so konnte es ihm passiren, daß ihm monatlidi noch 5 bis 6 Mark von seinen; Hungcrlohne für Ordnungsstrafen gekürzt lvnrden, »»d wenn er an der„Unordnung" so wenig Schuld trug wie ein nen- geborncs Kind. Führte er Beschwerde etwa bei der Direktion, lo fand diese natürlich(militärisch!) keine Veranlassung, die Strafverfügnng der Unter-Jnstanz aufzuheben. Ja, in einen; derartigen Falle mußte ein Bestrafter von einem DirektionSbcamten sogar die Worte hören: „Ja, wissen Sie, eigentlich sind Sie ja unschuldig; das sieht auch die Direktion ein, aber die Disziplin leidet dock,»idit, daß wir Ihren nächsten Vorgesetzten Unrecht geben!" Also mit Gott für König und— Disziplin, und wenn der„Staatsproletarier" sammt Weib und Kind verhungert I Im Jahre 1884 hielt Liebknecht in Offenbach a. M. eine Wahlversammlung ab, und unser Freund druckte sich als„Staatsproletaricr" lmgcnirt als Zuhörer unter die„Fabriks- Proletarier". Als er aber zufällig nach einer in; Saale befindlichen Gallerte blickte, gewahrte er zu seinem Entsetzen 15 bis 20 itm; persönlich bekannte Snbaltcrnbe- ainte der Frankfurter königlichen Eisenbahndircktion, welche den Worten des„nmftürzierischen Demagogen" lauschten, trotzdem Einige von ihnen sogar 3000 oder 3000 Mark jährliches Gehalt bezogen. Sie alle er- klärten später beim Glase Bier, ganz bestimmt auch einen Kandidaten wählen zn wollen, der der Regierung redst angenehm(!) sei die Weihnachtsremnnerationcn für die Herren Oberbcamten noch etwas er- höhen und dem Herrn Eisenbahnminister noch etwas mehr Ucbcrschiisse erzielen helfen würde. Einem sozialdemokratischen Verein gehörte Kleiner dieser„Beamten" an, und dod> fanden sie den Weg zu Liebknecht und hoffentlich auch einen entsprechenden Kandidaten zur Wahl! Wie viele von den übrigen Beamten der Direktion mögen aber auck diesen Kandidaten gefunden und gewählt haben, die sich»od; mit Rücksicht ans ihr bisdien tägliches- Brod scheuten, einer öffrntlichen sozialistischen Wahlversammlung beizuwohnen? Da laufen sich die Polizcibüttel die Füße wund um sozialistische Proletarier, und der Staat hat sie legioncn- weise in seinen eigenen Bnrean's sitzen! Wie kommt das, weise Staats- lenker? Wer wählt z. B. gerade in Frankfurt a. M. den sozialdemokratischen Kandidaten? Frankfurt ist in erster Reihe Handelsplatz. Der Fabrik- Proletarier sind da weniger als der„gebildeten Proletarier", wie der vornialige eiserne Kanzler sie nennt. Diese gebildeten Proletarier sind zum vorwiegenden Theil Handlungsgehilfen bei— selbstredend— na- tionallibcralcn Großhändlern, die bekanntlich von der Regierung die nöthige Unterstützung bei ihrer blntsaugerischen Ausbeutung der Ar- beitskräfte erwarten. Kommis mit 45, 50 und 00 Mark monatlichen; Salair und täglich 15— lösiündiger Arbeitszeit sind in Frankfurt wie in; übrigen Deutschland längst keine Seltenheit mehr; selbst in Ge- schäften mit einen; jährlichen Reingewinn von 50,000 Mark. Wenn da drei Kommis dem Herrn Prinzipal, der oft dümmer ist, als der eben eingetretene Hcindclslehrling, die Arbeit besorgen, erhalten sie jährlich zusammen 3000 Mark, und 47,000 Mark steckt der Herr Prin- zipal in die Tasche; es ist ja fei»Geschäft und sei»Kapital, welches das Geld„verdient". So gerecht, anznerkenncn, daß der Gewinn we- scntlich auch der Intelligenz»nd Thätigkeit der armen Gehilfen znzu- schreiben ist, sind Wenige der nationalliberalen Geldprotzen. Die kai- serlich königlidie S t a a t s r c g i e r;; n g zeigt es ihnen ja auch an; Besten, wie's gemacht wird! Fragt die Stenerkomniission den Herrn Prinzipal, wieviel Salair der Kommis erhalte, so erhält sie genaue Auskunft, und der hungernde Kommis zahlt seine Abgaben danach für Heller und Pfennig. Wird dagegen der Herr Prinzipal nach seinem eigenen Eiulonimeu gefragt, so macht es la nichts, wenn er 10 bis 20.000 Mark weniger deklarirt und die Staatskasse nm die betreffende Steuer ans Kosten der Arbeiter-, Gelehrten- und Staats- Proletarier betrügt. Ohne Mitglied von Vereinen zn sein, weiß da jeder gebildete Proletarier, wem er bei der Wahl seine Stimme zu geben hat. Es wäre stark, ihm zmmithen zu wollen, etwa einen Kartellbrnder zu seiner Interessenvertretung zn berufen. Immer wieder zeigt die famose Staats- wirthschaft selbst de»; Nachdenkenden den Weg, auf de»; er„Sozial- demokrat" wird, ja sie drängt ihn förmlich auf diesen Weg. Auf der Eisenbahnstation Barmcn-Nittershausen war noch vor wenigen Jahren ein armer Krüppel mit nur einen; Arme zn sehen, den Andern hatte er bei einem Unfälle im Eisenbahndienstc verloren. Die„könig- liche" Verwaltung beauftragte ihn u. A. mit der Arbeit, von den ent- ladcnen Güterwagen die alten Beklebezettel zn entfernen und zahlte ihm einen Tageiohn von sage und schreibe„Neunzig Reichs- Pfennig". Auf diese Weise hatte die schlaue Verwaltung gleichzeitig etwaige Haftansprüche von sich abz;chalten gewußt. Eines Tages über- sah der arme Teufel, einen alten Beklebezettel abzukratzen, und ein herumschnüffelnder Revisor bemerkte es. Die Folge war eine„Orb- mmgsstrafe" von 75 Pfg., also fast einem ganzen Taglohn, ein Aus- fall, der den unglücklichen Krüppel empfindlicher trifft, als der Ausfall von 75 Mark den besser sttuirte» Mann. Irgend welche Unzuträglich- keilen wären in; gegebenen Falle durch das Bleiben des alten Zettels gar nicht entstanden. Das Hübscheste bei der Sache aber ist, daß dem- selben Kassenfonds, in welchen die 75 Pfg. des armen Krüppels, de»; das Elend aus Gesidst und Kleidung schaute, flössen, die Weihnachtsgeschenke für die Herren Oberbeamten entnommen werden. Für der- artige Zustände kann jeder gerecht und menschlich Fühlende nur ein „Pfui" haben, und wer die Umkehr von solchen Zuständen zu Gerech- tigkeit und Menschlid>keit aufrichtig wünscht, kann nur einem Sozial- demokraten seine Stimnie geben. An diesen Beispielen aus der Staatseisenbahnverwaltnng dürfte man schon genug haben. In den übrigen Staatsvcrwaltungszweigen ist die Wirthschaft keine bessere; denn der regierende Geist geht von der Zen- tralinstanz aus, nnd die nachgeordneten Schweifwedlcr haben blas dem Ober- Dresseur zu gehorchen; dann kann die Auszeichnung bei der Hunde-Prämiirung, die auch zuweilen„Ordensfest" genannt wird, nicht fehlen. Wie steht es mit der Justiz? In einem Dorfe des Regicrnngs- bezirks Kassel existirt ein Biirgerindster, welcher einem seiner Banern eine Gemeindewiese auf drei Jahre verpachtete. Als der Bauer im zweiten Jahre den Graswuchs abmähte, erstattete der ihm feindlich ge- sinnte Bürgernieister gegen ihn Anzeige wegen Diebstahls. In der Gerichtsverhandlung beschwor der wackere Bürgermeister als Zeuge, die Wiese sei auf ein Jahr verpachtet worden. Der Vorsitzende fragt den Bauer, ob denn nicht vielleicht ewe schriftliche Abmachung s. Zt. darüber stattgefunden, worauf der Bauer den von; Bürgermeister selbst niedergeschriebenen und nnterzeichneten Pachtvertrag aus der Tasckie zieht, der deutlich auf drei Jahre lautete und sogar in mehrfacher Weise die Pachtzeit ausgedrückt enthielt. Auf die Vorhalttingen des Vorsitzenden hatte der Bürgermeister noch die dumm-dreiste Antwort, „das sei ein Schreibfehler"(!). Der Bauer mußte natürlich freige- sprachen werden; die Kosten trug— die Staatskasse oder, rich- tiger gesagt, der S t e n e r z a h l e r. Was geschah nun gegen den offenbar m e in e i d i g e n Bürgermeister? Nichts! Der Bauer bean- lragte dessen Strafverfolgung wegen Meineids, der Herr Staatsanwalt konnte„keine Veranlafsiing hierzu finden", der Herr Oberstaatsanwalt ebenfalls nicht, welcher obendrein in der unverschämtesten Weise den armen Bauer mit weiteren Schritten gegen ihn selbst bedrohte, wenn er dem„Herrn Bürgermeister" Derartiges»achsaget Der Jnstizminister endlich sagte, er könne der Oberstaatsanwaltsdiast gegenüber weiter nichts thnn! R o ch h- n t e spielt d e r m e i n c i d i g e S ch n s t preußischer B ü r g e r m c i st c r!— Schöne Zustände in einem „Rechtsstaate"! Solche Leistungen bringen der Herr Staatsanlvalt in Hanau und der Herr Oberstaatsanwalt in Kassel fertig, wenn es sich um Einen ans ihrer„Krähenfaniilie" handelt. Ein gelungenes Gegen- stück in der That, zu der Entrüstung, welche gewisse Reickistagsmit- glieder in Bezug ans die angebliche V e r h e r r l i d) n n g des M cin- eides durch Sozialdemokraten an den Tag legten! Wen soll der tyrannisirte Staatsbürger wählen, wenn nicht einen Mann, der fest entschlossen ist, mit Zuständen nnd Personen, wie die eben geschilderten, ganz gründliä) aufzuräumen? Wer erzieht also die gefürditeten Sozialdemokraten? Die Herren Staatsanwälte nnd Genossen selbst, sie, die mit meineidigen Bürgermefftern und aller Moral baren Polizei- bütteln die„Stützen" der jetzigen Tyrannenwirthschaft ausmache!-. Betrachten wir uns auch einen Polizeibiittel, d. h. einen würdigen . Gehilfem.der Staatsanwaltschaft. In-einer Stadt- des Regierungsbe- zirks Kassel führte der Polizeibüttel Lehmaiii; Jahre hindurä) ein Leben „wie Gott in Frankreich". Ter Dienst war so wenig anstrengend, daß er mehr Zeit, als eigentlich nöthig, ans seine leibliche Pflege verwenden konnte. Bäcker, Metzger und Wirthe wissen davon ein Lied zu singen; denn im Punkts des Bezahssns nah»; es Lehmann nicht sehr genau, konnte er doch die Geschästsleuto-leicht seine Macht durch allerlei Ehi- kanen in ihrem Gewerbebetrieb u. dgl. fühlen lassen. Preußische Po- lizeibüttel wissen jn,>vie's gemacht wird, nm nch nicht etwa„Raub und Erpressung" zu Schulden kommen zu lassen! Als Lehman» bei einem Wirth einen kleinen Pump von baaren 300 Reichsmark ver- suchte, mißlang dieser, nnd— bald darauf sahen sich Wirth und Stamm- gaste mit einen; Strafverfahren wegen„Hazardspieles" beglückt. Unser Lehmann war Deiinnziant. Durch die Zeugenvcrnchinnng konnte der Gerichtshof nur konstatiren, daß allerdings Kartenspiele in des Wirthes Lokal geipielt worden waren, nnd daß zuweilen auch e;ii Spieler selbstverständlich 20, 30 oder 50 Reichspfennige gewonnen oder verloren habe. Ein Hazardspiel vermochte das aber selbst der dem Staatsanwalt stets sehr willfährige Richter nicht zu nennen, und es mußte Frcisprech- n»g erfolgen.(Die Kosten trug, wie immer die Staatskasse, richtiger die S t e u e r z a h l e r.) Nim kommt das Beste! Provozirt durch diese Nichtswürdigkeit des PolizeibüttelS wandte sich Einer der falsch An- geschiildigtei; mit einer objektiv nnd höflich gehaltenen Eingabe an den Borgesetzten des Büttels, den Königlicki Preußischen Landraty zu Fulda — natürlich Einer der„Edelsten der Nation"— indem er diesen; über das Betragen dieses ihm untergeordneten Schntzmanns Aiifklärnng gab und ihm weitere Schritte anheimstellte. Der würdige Schntzniann treibe sich, statt seinen Dienst zn versehen, tagelang in Wirthsliänsern umher, verweile trotz Fcierabcndstunde, bis in die tiefe Rächt yinctn, darin, um zu singen und zn skandalircn, sei schon verschiedentlich total be- trunken auf offener Straße gesehen worden, führe in Wirthschaftcn öffcnttich nnsittliche Reden, habe sich Kellnerinnen gegeitüber gewisse „Griffe" erlaubt und sei von einer solchen deshalb einmal in öffciit- liche»; Lokal geohrfeigt worden n. s. w.— kurz ein netter„Hüter des Gesetzes". Zeugen waren für alle Behaiiptimgen angegeben; statt daß aber der Herr Landrath-eme ssntersucyuug für der Mühe Werth hielt, kam der Herr Staatsanwalt iofort mit einer B e l e i d i g n n g s- Klage, sogar gegen den ermähnten Wirth, w e I ch e r' d i e E i n- gäbe des Anderen blas im Vorübergehen in den B r i e f k a st e n d e s L a n d r a t h s a m t e s geworfen hatte. Trotz aller Zengenanssagen vernrtheilte der würdige Schöffcnrichter (viele beisitzende Schöffen verzidsien ja gerne von vornherein auf eine selbständige Meinung I) die Beiden zn einer Geldstrafe von je 20 Mark wegen„Beleidigung" des Mnsterexeiiiplares von Polizeibiittel. Bon Rechts wegen. Wo bleibt da die Verfassung, welckie dem Staatsbürger dieses Recht gewährleistet, und welche vom Staatsoberhäupte b c- schworen ist?('Man denkt da unwillkürlich wieder an die„Ver- herrlidimig des Meineides".) Man innthet offenbar dem deutsche» Michel zu, den Schlechtigkeiten eines gesunkenen PolizeibüttelS, zu dessen Unterhalt er Steuern zahlt, schweigend zusehen zu müsse«! Wundert man sich da immer noch, wenn Staatsoberhaupt nnd das korrupte Rc- gieruttgssystem sich schließlich einer radikalen Opposition gegenüber sehen. der sie ohnmächtig unterliege» müssen? Gerade diese Verhöhnimge» des gefunden Menschenverstandes nnd der Gerechtigkeit bringen den denken- den, ehrlichen Menschen zur Erkenntniß, daß eine radikale Umgestaltung, wie sie der Sozialismus erstrebt, allein alle diese Ucbelstände ver- schwinden lassen kann. Fälle, wie die von uns erzählten, komnici; tagtäglich im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte vor. Hirn- derte und Tansende von Bürgern können davon erzählen, nnd so lange es so bleibt, wird(ganz abgesehen von volkswirthschaftlichen Fragen) der sozialistische Stimmenzuwachs fortdauern, ohne daß die„Volks- Demagogen" überhaupt nur den Mund aufznthun brauchten; denn die Propaganda macht das herrschende Regiernngssystem in seiner Nichts- Würdigkeit selbst, es macht Deutschland zu einer ausgezeichneten Erzieh- migsanstalt für Sozialdemokraten, in der es sich seine dereinstigen Todteugräber erzieht! Popnlus. Sozialpoliiischt Zlnndslhau. London, 4. Juni 1890. — Auö Deutschland wird uns geschrieben: .Die„a n g e n e h m e T c in p e r a t u r", welche bisher in den; neue» Reichstag herrschte»nd die liberalen Spießbürger so begeisterte, daß sie den Himmel bereits voll liberaler, fortsdirittlicher und demokratischer Baßgeigen sahen, hat glücklicherweise die längste Zeit gedauert, und das Barometer deutet auf S t n r ni. Und das hat mit seinem nimniersatte» Magen der Militarismus gethan. Was für jeden halbwegs denkenden Menschen von vorn herein klar war, waS aber das liberale(fortschritt- lidie, demokratische) Spießbürgerthum durchaus nicht sehen wollte— umnlich daß die neue Militärvorlage nur das dünne Ende eines ge- waltigen Keils war, der dann später bis über's dicke Ende hinaus in den Stamm der Volksvertretung getrieben werden sollte— das ist in der Militär-Kommission mit rückhaltloser Offenheit eingestanden worden. „Wir sind von Frankreich aus militärischem Gebiet überholt und, weit entfernt, Rußland nnd Frankreich gleichzeitig die Spitze bieten zu tön- neu, wie das früher, als es sich nn; die Durchsetzung des letzten Sep- tennats handelte, in Aussicht gestellt ward, sind wir nicht einmal Frank- reich allein gewachsen. Der„Dreibund" ist zwar eine sehr schöne Sckche und besteht auch noch in vollster Kraft, aber wir können doch nur ans uns s e l b st rechnen, und wenn wir ganz sicher sein nnd den Weltfrieden,— wie man den gegenwärtigen Zustand zu nennen beliebt— dauernd erhalten wollen, so müssen wir unsere Armee, einfach — verdoppeln. Die Militärvorlage. die sich angeublicklidi vor dem Reichstage befindet, ist nur der Anfang einer Reorganisation, welche uns nicht zehn, nicht hundert, nicht tausend M i l l t o- n e n, nein, die Kleinigkeit von mindestens drei Milliarde» kosten Ivird."— Das ist in nuoe die Ankündigung, durch welche der neueste Kriegsminister das gesammte liberale Spießbürgerthum ver- bliifft hat. entweder mit allen Illusionen nnd Traditionen des liberalen Spießbürgerthums zu brechen, oder den Kamps auf Leben und Tod mit dem Militarismus und— der Regierung ansznnehmen. Mit einem Schlag hat sich die Situation geändert: aus den Samutt- pfötche», die den Reichstag so liebkosend gestreiäielt hatten, sind die harten spitzen Krallen hervorgeschnellt, und das Gespenst des Konflikts steigt dräuend aus dem Boden. Kein Zweifel— der Kriegsminister hat keinen Scherz machen wollen. Es ist ihm bitterer Ernst, Und die Milliarden, welche von uns zur . Verdoppelung der bereits schier unerträglichen Militärlast gefordert werden, sind das Programm der 9t e g i e r n n g— ein Pro- : grainm, zu dessen Verwirklichung um jeden Preis nnd mit allen Mitteln sie fest entschlossen ist. Was ist da zu thnn? Bl'egen oder brechen. Bedingungslose . Unterwerfung oder Konflikt. E n t w e d e r— O d e r. Ein Drittes gibt's nicht. Von„Konzessionen" will die Regierung nichts wissen. Die„zwei- infjr ige Dienstzeit", die vom liberalen SpießbiiMrihum als „Kompensation" angeboten wird, ist vom Kriegsminister in kategorischer Fori» für nnmöglich erklärt worden. Die g e s a m m t e wehrfähige Mannschaft soll in das stehende Heer eingereiht werden— und jeder Mann soll seine drei Jahre dienen. Kein demokratisches Wehrsystem mit allgemeiner Volksbewaffnung und kurzer Dienstzeit! Das wäre ja der Tod des Militarismus und des auf ihn sich stützenden Negierungsshstems. Dir Soldat soll nicht Bürger sein, er muß e n t b ü r g e r t tverden,— g r ii n d l ich entbür- gert— sonst ist er eine Gefahr für das herrschende System. Ja, die dreijährige D i e n st z e i t reicht eigentlich nicht einmal ans— hat der Krieasminister ausgeführt. Und vom Standpunkt des Milita- risnius und des herrschenden NegiernngsWemZ hat er ganz recht. Der demokratische, oder sagen wir lieber der sozialdemokratische Geist hat sich so tief in das Volk eitz gefressen, nnd die neuen Waffen und die neue Kriegskunst haben die militärische Ausbildrnig so erschwert, daß es einer längeren Zeit als bisher bedarf, um den Nekrnten in eine branchbare M o r d m a s ch i n e zu verwandeln, die mit gleich tödt- licher Wirkung gegen den äußern nnd iiinern Feind zn verwenden ist. Und gegen den inneren in erster Linie. Das ist wohl festzir- halten. Der äußere Feind verschwindet mehr nnd mehr in dem Hintergrund. Ein A n g r i f f s k r i e g wird von Tag zn Tag schwieriger, aussichtsloser, und für den Verthei* digung-s krieg genügen die vorhandenen Kräfte, die sich bei dem begeisternngsvolleii Opfermuth, den ein V e r t h e i d i g n n g s k r i e g im Gefolge hätte, ins Unendliche steigern ließen. Aber der innere Feind! „Ans den Knaus des Schwertes gestützt"— wie es in der Kindlieit der deutschen Arbeiterbewegung F e r d i n a n d L a s s a l l e als Ideal vorschwebte— will das„soziale Kouigthnm" der Hohenzollern die soziale Frage lösen. Nach dem Vorbilde Alexander» des Zweiten von Nirßlanb, der die Leibeigenschaft aufheben wollte, um dem verrotteten Zarenthum frische Lebenskraft einzuflößen, will der Hohen- zollernkaiser„den vierten Stand befreien" znr größeren Ehre nnd Macht des Hanfes Hohenzollern. Und die deutschen Arbeiter wollen nicht„befreit" werden, sie wollen sich selbst befrei». Selbst ist der Mann. G e s che n k t e Freiheit ist keinen Psisserling iverth; Werth hat nur die erkämpfte Freiheit. Die' russischen Leibeigenen haben es erfahren— sie sind heute schlimmer daran, als vor der„Befreinug" durch das„milde Väterchen", sie Haber: die Freiheit deS Zucht- Hauses vereint m i t d e r F r c t h e i t z n v c r h n n g e r n. Verhungern sollen nun die deutschen Arbeiter nicht— insoweit unterscheidet sich das„soziale Königthnm" von dem sozialen Zaren- t h u m. Die Lebensnothdiirft soll ihnen gnädigst von oben her geboten werden— n e h m e n dürfen sie sich nichts,«mr dankend hinnehmen, was ihnen die irdische Vorsehung, genannt soziales Königthum, durch das bekannte Klappthürchen des Zuchthauses dargereicht.� Z u ch t h a n s! Herrliches Wort; von echtem prophetischen Genie erfunden, welches die Zukunft ahnte.„Z n ch t I" die höchste Essenz der Sittlichkeit im Munde der Stöcker und anderer modisch hoffähiger Kumpane, welche die Lösung der sozialen Frage in christlicher Erbpacht haben. Und„H ans"— die Wöhnstätte und Pflanzschnle der Familie, Schutz gewährend gegen die Unbilden der Witterung und die Verstihriing des Marktes! Und die„Zucht" vennählt mit dem „H a n s": das biedere' deutsche„Z n ch t h a n s", die Verwirklichung des„nationalen Zuchthauses", das Heinrich Heine geträumt— n a t i o- n a l muß das sein, nicht vergiftet von polnisch-jüdisch-französischen Ideen., i- Und i n n erhalb des„nationalen Zu chth ans es" ist die soziale Frage zu lösen— der„soziale König" ist der von der Vor- sehmig berufene Kerkermeister— Verzeihung, Z n ch t m e i st e r. der die Arbeiter väterlich zur Arbeit antreibt, als Stellvertreter Gottes ans Erden kein Haar von ihrem Kopfe fallen läßt, ohne daß es väterlich registrirt wird, der sie väterlich füttert, wenn sie ihr Pensum richtig vollbracht haben, nnd sie väterlich hungern läßt, wenn sie sich irgendwie gegen die„christliche Zucht" vergehen. Denn„Zucht muß sein! Die bösen deutschen Arbeiter aber, verführt Und verderbt durch die Irrlehren der Gottseibeiuns Sozialdemokratie, wollen durchaus- nichts wissen von den Segnungen des nationalen Zuchthauses und der„Frei- heit, die ich meine", nämlich die das„soziale Königthnm"-meint, nnd die Arbeiter, das ist das Volk! Und das Volk ist stark. Wie es in das Zuchthaus hineinbringen? Und wie es drin halten? Das ist die Frage, das ist„das große Problem des lg. Jahrhunderts". Und die Lösung heißt Militarismus: der erziehende Militarismus, nnd der strafende Militarismus. Ter erziehende Militarismus holt den jungen Arbeiter aus der Werkstätie oder Fabrik und steckt ihn in das ProknsteSbett der Tis- ziplin. Da gibt's keinen Widerstand— da wird das biegsame Menschen- lind unbarmherzig in die eiserne Forni eingequetscht, mit eisernen Zangen gereckt— Tag für Tag, Wochen lang, Monate lang, Jahre lang. Ja Jahre lang! Keine albernen Sentimentalitäten von einjähri- ger oder zweijähriger Dienstzeit. Ein Jahr nnd auch zwei Jahre sind nicht genug, um den alten rebellischen Adam ans dem Menschenkind auszutreiben. NatOrtoi expellas iurca— treibt man diesen Racker von Menichennatnr auch mit der Mistgabel zum Tempel hinaus, er kommt doch immer wieder zurück, der abscheuliche Sündenlümmel. Er muß zerbröckelt, zerrieben, zer mahlen werden, in der Mühle des Mtlitarisuins, und das braucht Weile— mindestens drei Jahre. Nein, nicht einmal mindestens. Drei Jahre ist viel zu wenig. Nach drei Jahren ist die Zermalmung noch lange nicht so voll- ständig, daß die ailseinandergerissenen Fasern nicht doch noch zusammen- wachsen könnten. Und auch das letzte Atoni menschlicher Jndivi- dnaliiät und individueller Menschlichkeit muß z erst ö r t sein, da sonst die andern Atome sich wieder anlrystallisiren könnten— und alles Menschliche niuß aus dem Menschenkiud heraus, eh» es die voll- endete, d. h. wille nfl ose, empfindungslose Mordmaschine ist, welche der Militarismus braucht, und welche den Militarismus in Stand setzt, seine zweite Mission zu erfüllen, die der strafenden Gerechtigkeit, welche für Ordnung sorgt im n a t i o n a l e n Z n ch t- Hans, und jeden Umstürzler, der die göttliche Zuchthanöordnung stört, mit der niierbittlichen Pünktlichkeit einer Maschine todtschießt oder t o d t s ch l ä g t. Der innere Feind— voila rennerai! das ist der �eind— der Feind pnr excellence. Und der Z u ch t h a US s ö z i a Iis mus des sozialen KönigthmnS hat in dem Militarismus seine nolhwendige E r g ä n z u n g. Der Vorstoß des Neichskriegsministers war also keineswegs ein coup de tele— eine Phantasie, eine ßarnie: es war Logik und Kon- sequenz darin. Und wir mnßten die Lenden zum Kampf gürte». Wir Sozialdemokraten werden allein stehen im Kampf. Alle anderen Parteien, auch die, welchen es vor dem neuen Programm des Kriegsministers graut, werden sich a»f Kompromisse einlassen, und ratenweise bewillige», was ganz, auf eine m Brett zu bewilli- gen, ihnen der Much fehlt. Wir werden aber unter den günstigsten Bedingungen kämpfen— die Interessen des gesammten Volks— mit.Abrechnung der vom Raub lebenden Minorität— kämpfen für uns. „In Deinem Lager ist Oesterreich", sang 1848 ein serviler Dichter den alten Radetzky an. Nun mit mehr Wahrheit können wir Sozialdemokraten hent von uns sagen: in unserem Lager ist Deutschland. Der Militarismus ist eine soziale Krankheit, — durch den Sozialismus allein kann er knrirt werden. Die Impotenz des B ü r g c r t h n m s spielt uns den Sieg in die Hände. — Ein harmloses Vergnügen hat sich das Berliner Polizei- Präsidium geleistet. Es'hat, nachdem es endlich durch vierte Hand ein Exemplar des zweiten Heftes der Denkschrift„Nach zehn Jahren" in Besitz bekommen hat, dieses Monument von seiner und seiner Bruderinstitute Schande auf Grund des Sozialistengesetzes v er- boten. Nachdem bereits lÄFiOt» Exemplare dieses zweite» Heftes, nnd im Ganzen über Exemplare des erste» Heftes der Denkschrift znr Verbreitung in Deutschland gelangt sind, ohne daß auch nur ein einziges Exemplar von der Polizei abgefaßt wäre, kann man natürlich das Verbot lediglich humoristisch nehmen und im llebrigen die Polizei beinahe noch beneiden, daß sie endlich ein Gesetz los wird, ans Grund dessen sie im Laufe der zehn Jahre alles Mögliche geerntet hat, nur keine Lorbeeren. Wer als Polizist noch nicht ganz in den Beruf des politischen Spür- lind Hetzhundes anfgegangen ist, der dürfte, wenn am 1. Oktober das Gesetz verschwunden sei» wird-, das seinen Ilrhebern und Exekntoren die Ii» st e r b l i ch k e i t der Infamie gesichert hat, in der That erleichterter als irgend Einer der unter diesem Gesetz Verfolgte» in den Ruf nusbrecheil:»lf! Noch zwei andere Verbote seien bei dieser Gelegenheit registrirt. Nicht weil ihnen an sich eine Bedentung zukäme, sondern wegen der besonderen Form ihrer V e r ö f f e» t l i ch u n g. Daß jedes Heft der in nnserm Verlag erscheinenden„Sozialdemokratischen Bibliothek" auf den polizeilichen Index kommt, ist ebenso bekannt wie die absolute Einfliißlosigkeit dieser Verbote ans die Verbreitung der Bibliothek. Selbst die damit verbundene Gratis-Annonce im„Rcichs-Anzeiger" und einem großen Theil der dentschen Presse, die sich fAiher so überaus nützlich erwiesen, ist allmähiig überflüssig geworden. Unser Verlag braucht auch dieses AnkündigiingsNiitträ nicht mehr. Wir registriren die Verbotserlasse als etwas Unvermeidliches, und damit Basta. Wohlan, die beiden letzt erschienenen Hefte der Sozialdemokratischen Bibliothek sind zwar als b e r b 0 t e 11 im„Reichs-Anzeiger" ausgeschrieben worden, aber— mit Weglassiing der, bezw. des Titels, denn beide Hefte führen denselben Titel, sie sind das erste und zweite Heft einer znstrim» est gehörenden Broschüre. Das Verbot sagt nur: Heft XXIX, bezw. Heft XXX der Sozialdemokratischen Bibliothek. Warum diese Neneruiig? Es ist wahr, der Titel ist etwas gepfeffert: „Ttintz-Eisönstirn. Erzieherisches ans Pnttkaniernn." Trntz-Eisenstir»— so lange der Eisenstirnige anitirte, bedeutete dieses Wort allein schon den reinen Hochderrath. Ist es deswegen unterdrückt worden? Aber ats Heft XXX erschien, war der Eiscnstirnige bereits den Weg des Puttkamer gegangen, hieß es-in de» höchsten Regionen bereits ebenfalls„Trntz-Gisenstirn". Wir können uns die neue Form daher nicht anders erklären, als daß irgend einer unserer Gönner im Berliner Polizel-Präsidinm nach ckeiein Nachdenken, wie er die Neu- (Herde des großen Publiknms noch wirksamer ais bisher in imserni Interesse wachrufen kann, auf dieses AnsknnfiMitkl verfallen ist. Weiß es Jemand besser, der berichtige uns. — Ein diplomatischer Erfolg. Zwischen der Schweiz nnd der deutschen Reichsregiening ist eine Einigung über den zu eriieneniden R i e d e r l a s s n 11 g s v e r t r a g erzielt worden. Verschiedene schwei- zerische Blätter, die mit dem Brnidesrath in Bern. in Begehungen stehen, preisen dieses Ereigniß ats ein hocherfrenliches. Tie„Revue de Lausanne" des Herrn Nnchonnet nennt es einen„diplomatischen Erfolg von großem Werthe". Ein Erfolg— o gewiß. Aber w ö s s e 11? Die wichtigsten Bestimmungen des neuen Vertrags werden von den betreffenden Blätter», wie folgt, bezeichnet: „Nach Artikel 1 sind die Denffcheii in jedem Kantone in Bezug auf Person und Eigenthnm auf dem nämlichen Fuße nnd auf die nämliche Weise aufznnehnien und zu behandeln, wie es die Angehörigen anderer Kantone sind oder— vorderhand noch— sein sollten.... Laut Artikel 2 müssen die Dentschen, um die Wohlthaten des Artikel 1 an- rufen zn können, mit einem von der denlsche»'Gesandtschäft in Bern auszustellenden I in m a t r i k n l a t i 0 n s s ch e i n e versehen sein, wel- cher bezeugt, daß der Inhaber deutscher Reichsangeh'öriger ist nnd einen imbescholtenen Leumund genießt." Ans einem Znsatzartikel geht hervor, daß sich die Schweiz das Recht, Deutsche auch ohne diesen Jmmatriknlationsschein zu beherbergen, vor- behält. Auf diese Weise werde», wie die„Revue" anführt, ausdrücklich zwei Kategorien Deutscher geschaffen:„die Kategorie derer, welche sich mit Erlanbniß ihrer Gesandtschaft nisNiederlassungs b e r e ch t i g te bei uns aufhalten, nnd die Kategorie derer, welche„im Namen nnd imter dem Schutze des Asylrechts" ohne Erlanbniß ihrer Gesandtschaft bei uns wohnen."„Für diese Letzteren werden wir", fügt die„Nevne" bei,„ganz besonders verantwortlich sein; aber es wird uns auch leichter sein, sie zu überwachen." Dazu bemerkt der Schweizerische„Sozialdemokrat", dem wir dieses Zitat entnehmen: „Damit sind alle diejenigen Deutschen, welche die deutsche Regierung aus irgend einem Grunde nicht gerne bei uns sieht, und denen die Ge- sandtschaft deshalb einen Jininatriknlationsschein verweigert, von vorn- herein in die Klasse politischer Asylgenössige» verwiesen und der Aufmerksamkeit unserer politischen Partei ein- p f 0 h l e n. „Der„Erfolg" der neuen Niederlassiingsvertrags-Verhandkmigen mit Deutschland ist also wesentlich der, daß wir der dentschen Regier- ung in ihren Bestrebungen, in unserem Fremdenpolizeiwesen mehr„Ord- nung" zu schaffen, nun besser als Porher dienen. Die stärkere Betonung und die Verschärsimg der vertragsmäßigen Nlederlassungs- bedingungen entsprechen ausschließlich diesem Zwecke. „Das ist der ganze„kostbare(präcieux) diplomatische Erfolg" des Bnndesrathes! Weil deutscherseits seinerzeit zn bestinimten Zwecken beliebt wurde, dem bestehenden Vertrage eine politisch ganz unsinnige Auslegung zn geben, mußten wir, um dem AnsiMlen dieser Ans- legung zu entgehen, soweit nachgeben, daß wir alle ohne ausdrückliche Bewilligung ihrer Gesandtschaft bei uns sich aufhaltenden Dentschen als politisch anrüchige und zn überwachende Asylisten erklären ließen. „Das ist denn doch wirklich kein„Erfolg", auf den freisinnige Be- Hörden stolz sein dürften!" Und weiter bemerkt unser Berner Kollege in einer Fußnote: „Die„Nationalzeitung"(das von dem demokratischen Nationalrath Frey in Basel herausgegebene Blatt) meint übrigens, es handle sich bei der deutschen Immatrikulation nur oder vorwiegend um die moralischen Antezedentien der Betreffenden! l Das findet sie denn natürlich ganz in der Ordnung und für nns zum Vortheil. Da kann man auch sagen:„Gehe hin, Dein Glaube hat Dir geholfen!"— Aber es kommt noch besser. Im weiteren Verlaufe ihre» Artikels er- scheint es der„Nat.-Ztg.", als ob mit der Jiiiniatriknlation durch den deutschen Gesandten w i r uns die NiederlassnngSbewerber„näher ansehen", nicht die deutsche Gesandtschaft! Mit Bezug auf die Gefahr stark vermehrter Einwmiderung bemerkt sie(anläßlich des Jmmairikn- lationsschreibens) namuch: wenn w i r nns mm anschicken, dieser Gefahr dadurch zu begegnen, daß wir damit anfangen, uns diese Leute von vorn herein etwas näher zu besehen, so thun wir damit mir einen Schritt in einer gebotenen Richtnng."— Nun ja, man könnte am Ende noch sagen: wir besehen uns öei der Jmmatrikulationseinrichtung die Niederlassungsbewerber näher— im Lichte der deutschen R e- g i e r u n g." Wem das übertrieben erscheint, den mag ein Artikel der liberal- konservativen„Zteuen Züricher Zeitung" über den neuen Nlederlassungs- vertrag eines Anderen belehren. Dort heißt es wörtlich: „Die Schweiz hat also keinen Grund, gegen die Neuerung inißtranisch zu sein. Uns bietet sie nur Vortheile. Wenn Deutschland b e- zwecken sollte, gewissen Individuen durch diese Neuerung die Niederlassung in u 11 s e r e m L a n d e z u erschweren, so i st das s e i n e S a ch e. W i r habender A n s l ä n d e r ohnehin gen» g." Hier ist nackt nnd dürr erklärt, worauf die Neiiernng hinausläuft. Unter„gewissen" Individuen sind politisch mißliebige, bezw. sozial- demokratische Jndividnon gemeint. Diese» die Niederlassung in der Schweiz zn erschweren, bezw. den Schweizerischen Brnidesrath für sie verantwortlich zumachen, was in der Praxis daraus hinaus- jänft, daß der Bundesrath sie unter Extraaussichr stellt und sie aus- w e i st, wenn Deutschland es verlangt— das war die Absicht, in der die deutsche Reichsreglerung den alten Niederlassnngsvertrag kündigte. Sie hat diese Absicht jetzt erreicht, und Jederniann muß zugeben, daß das ein großer diplomatischer Erfolg— der Schweiz ist. Noch viele solcher„Erfolge", und dieSchweiz hat sich den' Reichs- vogt in's Land hineindiplomatisirt. — Mit wahrhaft entzückender Offenherzigkeit hat das Haupt- organ des agrarischen I u n k e r t h n m s, die Berliner„KreUz- Zeitmig", neulich der brutalen Herrschsucht nnd AusbeutungSwuth Ihrer ostelbischen Schutzpatrone Ausdruck gegeben. Der betreffende Artikel hat zwar in der deutschen Presse schon seine ausreichende Beleuchtniig gefunden, indeß wollen auch wir ihn, als Dokument znr Zeitgeschichte, hier niedriger hängen. Nachdem das frömmelnde Jnnkerblatt oder mich junkerliche Pfaffenblatt, um sich nach oben beliebt zu machen, Etliches gegen den Stumm'- scheu„patriarchalischen" FabrikdeSpotismns zum Besten gegeben, hat es die Stirn, Folgendes zu schreiben: „Natürlich wäre es falsch, sich hier eine Schablone zn bilden und die landwirthschastlichen Verhältnisse an dein Maßstabe der iiidiistriellen zu messen. Auch ans dem Laude ist das Moment des„Patr.Iarchaiischcn" zwar vielfach verschwunden, äußerliche Beziehungen sind an seine Stelle getreten. Dennoch sind diese Beziehungen lange noch nicht so kalt und rein formell, als sie sich in der Fabrik darstellen; schon deshalb nicht, weil die Zahl der Leute, mit denen man im einzelnen Falle zn thnn hat, durchschnittlich weit geringer ist, so daß d a s u n m i t t e l b a r Menschliche noch zu s e i n e in N e ch t e k 0 in in c 11 kann und, wie jeder Kenner der Dinge weiß, auch wirklich k 0 in in t. Wie sich das alles in Znkuiift gestalten wird, nachdem überall Rechtsansprüche an die Stelle der freiwilligen Answendiingen getreten find, das wird sich ja zeigen. Vor der Hand aber steht es in weiten Gebieten noch so, daß die Uebertragung von Einrichtungen, wie sie im Gewerbe nner- läßlich erscheinen, in der Landwirthschaft keinem wirklichen Bedürfnisse entsprechen. Beiden gemeinsam dagegen ist der llebelsrand deS Vertragsbruches, der keineswegs blos vom wirthschastlichen, sondern noch mehr vom sittlichen Standpunkte mit allem Nachdruck bekämpft werden muß. Rückhaltlos treten wir deshalb für die hierauf bezüglichen Be- stimmungen der Vorlage ein. Wer sich ans einen anderen Gtmidpmikt stellt, ist entweder ein bewußter Revolutionär, oder ein Weichling, der in seiner Riihrseligkeit den ärgsten Schaden stiftet, wo er„hmnan" zn wirken glaubt." Treffend bemerkt dazu die„Frankfurter Zeitung": „So ist es recht, damit Niemandem ein Zweifel bezüglich der künst- lich großgezogenen lleberhebimg unserer Agrarier bleibt: die„lieber- tragmig von Einrichtungen" ans der gesverblichen Gesetzgebmig auf die Landwirthschaft entspricht„einem wirklichen P'edürfMe", wenn es sich um die— Bestrafung des KontraktbNuyes handelt. Dieses„wirkliche Bedürfniß" verschwindet aber sofort(das heißt: für die Großgrnud- besitzcr), wenn statt des„ArbeUertrntzes" der Arbeiterschutz, selbstverständlich mit den nöthigen Anpassungen au landwirthschastliche Betriebs-' Verhältnisse, yeriitiergenoinmeii werden soll. Dieser Klassen-EgoiSinnS gibt sich doch zn nacht, als daß die Redensarten von dem„»»liiitteibar Meiischlichen", welches auf dem Lande„noch zu seinem Rechte komme", oder die Schimpfereien über„Revolutionäre" und„Weichlinge" noch verfange» kölinten. Vielleicht haben solche Unverfrorenheiten gerade jetzt ihr Gutes. Wenn man nämlich an maßgebender Stelle den Albeiterschutz ernstlich will, so dürfte mau nunmehr auch auf die Be- dürfnisse der ländliche n Arbeiter ansmerksam werden, gerade weil sie von den Agrariern so anmaßend iiild selbstsüchtig weggeleugnet werden sollen". Sehr lichtig, nnd die hnnderttansende von Stimmen, welche die Sozialdemokratie bei der letzten Reichstagswahl in Lünddistrikten er» hnlten hatten, zeigen, daß die Landarveiter zn erwachen und wider das patriarchalische Joch sich zu regen beginnen. Sie sollen sich in ihrem Vertrauen ans die Sozialdemokratie auch nicht getäuscht haben. — Ei» getreuer Vasall über seinen von Gott eingesetzte» Herrn. Wir hatten den Bericht des.,Figaro"-Neporters über sein Interview beim grollenden Bismarck bisher noch nicht vollinhaltlich, sondern nur in Zeitnngsansziigen zu Gesicht bekommen, und da sind uns leider seinerzeit die— sage» wir— k r ä f t i g st e n Stellen ent- gangen. Sonst hätten wir natürlich nicht ermangelt, sie unseren Lesern mitzutheilen. Den» es ist gewiß nicht ohne Interesse, wäS ein so treuer Diener der Hohenzollern über seinen heißgeliebten kaiserlichen Herrn einem Vertreter der Franzosen anvertraut, derselben Franzosen, von denen er so oft erklärt hat, daß sie nur begierig darauf lanern, über Deutschland herzufallen und ihm„bis auf's Weiße" Blut abzilzapsen. Sein patriotisches Herz niiißte sich da in seinem hellsten Glänze zeigen. Indeß, spät gekommen, ist wohl immer noch besser als gar nicht ge- kommen, und so wollen wir denn nachträglich das Versäumte nachholen, wie ivir hoffen, zur Erbauung aller„Reichsfreundo". Der getreue Vasall legt also wie folgt über Wiihelm II., von Gottes Gnaden ic., los(wir zitiren nach der llebersetzung amerikanischer Zeit- nngen); „Der junge Mann thnt mir leid. Er ist wie ein junger Jagdhund, der jeden anbellt, der Alles riecht, Alles anpackt nnd am Ende kolossalen Wirrwarr in dem Zimmer, worin er sich befindet, anrichtet, wie groß dasselbe auch immer sein mag. Ich denke, er(der Kaiser) ist ein Opfer der gegenwärtigen Zeitströmung, welche er mit einer ruhigen Regierung, ohne Eklat, in das ausgefahrene Geleise geleitet haben könnte und wo- bei Deutschland den Geililß der in 1870 errungenen Vortheile ermöglicht hätte. Wenn ein Stein entfernt ist, stürzen andere nach, und ein Kuddel- muddel entsteht, dessen Ansbreitnng durch nichts.ansgehalten werden kann. Ich bin weder des Erstannens noch des Zornes fähig. Dies sind Gefühle der Jugend."... „Dieser junge Kaiser ist heute, mit seiner Ungeduld, ein furchtbarer Sänlenerschütterer.... Ex ist ein Liebhaber der Geschichte. „Er möchte Geschichte machen, möchte in der Geschichte leben, aber er kennt nnd versteht nicht den Geist der großen Gesetze der Jahr- hunderte. Deutschland durchlebt im gegenwärtigen Augenblick eine Krisis, welche Wilhelm II. abschwächen oder zurückhalten konnte, die er aber vorbereitete und förderte. Eine vollständige Heilung gibt eS ebensowenig für den Staat wie für den menschlichen Körper. Die Ursachen der Auflösung sind in allem Bestehenden enthalten. Nur Eines ist möglich, den Prozeß der ZerstLrung aufzuhalten. „Deutschland bedarf der Ruhe daheim und außen. eine vernünftige, beschauliche Existenz für die aus so und so viel Millionen bestehende Bolksmasse. Dieser Kaiser aber will viel zu viel ans einmal. Er zündet zn viel Feuer an, um die Frierenden zu wärmen; er wird nicht im Stande sein, der Feuersbrnnst Einhalt zu gebieten.. Die Flammen werden anwachsen imd das zerstören, was er zn bewahren wünscht. Er besitzt für den Anfang Kräfte genug, aber er läuft zu rasch, er wird auf dem Wege, den er sich vorgezeichnet hat, den Athem ver- lieren. „Er vermeint, einige der zerbröckelnden Steine in der Staatsmaner entfernen zn können, die Grundmauer» sind aber nicht genügend ge- fügt und aneinander gekittet, um solche Umbauten zuzulassen. Er ver- gißt auch, daß er selbst einer der Steine der alten Mauer ist. „Was die Zukuilst bringen wird? Ich weiß es nicht. Ist eine Kugel abgeschossen, so folgt sie ihrer Bahn, so ist es auch mit den Er- eignisseii.-aic sind nicht aufzuhalten. „Der Kaiser wird durch Niemand beeinflußt. Eine Strömung ist es, die ihn mit sich fortreißt. Persönliche Eitelkeit treibt ihn zn seinem Handeln an. Ihm ist das Rütteln und die Aufregung der einzige Gedanke. Das ist die Jugend. Der Kaiser ist weder ein Narr, noch ist er bösartig. Er will nur das Beste. Das ist schlimm, aber nicht schlecht. Es ist eine Art von Koketterie, etwas Oberflächliches, das ihm in der Zukunft thener zu stehen kommen wird."... Ist das nicht allerliebst? Ein allerliebstes Bonquet von— guten Nachreden.„Ein jniiger Jagdhund, der... großen Wirrwarr anrichtet, ... den Geist der Gesetze der Jahrhunderte nicht kennt und nicht ver- stellt... der, zn viel Flaminen anzündet, eine„Feuersbrnnst" ein- fesselt, dessen Motiv„Eitelkeit" ist,„Koketterie" ans„Oberflächlichkeit" — wenn das nicht die beste Art ist, den, durch verbrecherische Um- stllrzler angefeindeten monarchischen Gedanken im Polle wieder- znbeleben und zu stärken, dann soll uns noch Einer koiniiien und dem Paragraphen 95 des Reichsstrafgesetzbuches das Wort reden. — Der russischen Negierung scheinen die Ken an'scheu Auf- bedungen über die bodenlos rohe nnd gemeine Behwidlung der p 0- litis che« Gefangenen doch ungemein weh zu thun. Atterorts tauchen jetzt zweifelhafte Gestalten auf, welche sich mit Eiser dem tfleschäst der M 0 h r e n w ä s ch e hingeben, die den Zaren nnd seine Heulers- gesellen weiß zn wasche», die Nihilisten dagegen in jeder Weise anzu- schwärzen suchen. So hat sich erst vor einigen Tagen ein amerikanischer Kanfmaiin, der lange in Rußland gelebt, berufen gesühlt, den Ken«»'- scheu„Uebertreibungen" entgegenzutreten und eine Schilderung der Ge- sangenenkolonien in Sibirien entworfen, nach der dieselben eigentlich nichts darstellen als blos eine Art Luftveränderiiiig. oft ein wahrer Segen für denjenigen, den die wohlwollende Fürsorge Väterchens um- sonst dem vergiftenden Hauch der Städte Westriißlands eutsührt. Nun, der Mann ist nach eigenem Geständniß nur bis 1877 in Rußland gewesen, nnd bis zu jener Zeit war die Behandlung der politischen ttze- fangenen zwar barbarisch roh, aber sie hatte doch de» Grad asiatischer Grausamkeit noch nicht erreicht, den sie seit dem Regnnent der Tolstoi, PobjedonoSzew?c. angenommen hat. Weiter berichtete vor einigen Wochen die„Indiana Tribüne": „Zur Zeit hat Indianapolis die Ehre, dag sich eine russische Fürstin, wahrscheinlich eine echte, innerhalb seiner Grenzen auf- hält. Sic heißt Fürstin Engalitschcff und befindet sich bei Herrn und Frau Sewall, den Besitzern eines Mädchcnpensionats, zn Gast. Vorgestern war daselbst große Gesellschaft geladen, denn die Fürstin hielt einen Vortrag, dessen Titel lautete:„Die po- litischcn Parteien Rußlands." Sie erzählte, daß in Rußland große Abneigung gegen die Deutschen herrsche, daß der Einfluß der Deutschen unter Alexander dem Zivciten seinen Höhepunkt erreicht habe, und daß unter dem dritten Alexander die Reaktion eingetreten sei. Die Fürstin selbst ist eine Slavin und ihre An- ficht ist daher begreiflich, denn in Rußland dreht sich die Politik am Hofe fast ausschließlich um die Frage, ob der deutsche oder der slavische Einfluß überwiegend sein soll. „Uebcr die Nihilisten wußte die Fürstin, an deren Echtheit wir natürlich nicht zweifeln, sehr viel Schlechtes und über den Zar wußte sie sehr viel Gutes zn sagen. Für die Uebcrtünchung Sibiriens und dessen schreckliche Gefängnisse hatte die Frau— um figürlich zu sprechen— einige riesige Fässer voll �alksarbe mitgebracht. Aus dem Zaren machte sie eine verfolgte Unschuld und aus Rußland eine Art Paradies." Kein Zweifel, daß man es ist dieser Fürstin mit einer jener Damen zn thnn hat, deren sich Rußland mit Vorliebe bedient, um für seine reaktionären Zwecke Gimpel zu fangen. Die glorreiche Art, wie Olga Nowikoff seiner Zeit Herrn Gladstone cinfing, ist noch unvergessen. Beiläufig hat der alte Gladstone neulich wieder sein schlechtes Ge- wissen in puncto Rußland mit der Ausrede zu decken gesucht, man könne englischerseits den Russen doch nicht gut Vorhalte über die Miß- Handlung der oppositionellen Elemente machen, so lange im Bereich der britttschen Herrschaft solche Dinge passirten wie die Affäre von Mitchcls- low«, wo die Polizei drei harmlose Theilnehmer an einem Meeting erschoß. Das ist ganz fanler Zauber. Die Mitchelstown-Affäre war freilich ein Skandal, aber es besteht denn doch ein großer Unterschied darin, ob die Polizei ini Handgemenge mit einer erbitterten Volksmenge sich durch Schießen zn retten sucht, oder ob eine Regierung kaltblütig die in ihrer Gewalt bcsindlichen Gegner hinmordet— nein, das ist noch zn mäßig ausgedrückt- endlosen physischen und seelischen Qualen preis- gibt, die den Tod als einen Erlöser erscheinen lassen. Die Ausflucht des Herrn Gladstone hat denn auch nicht einmal bei seinen Partei- gängern gesangen. Uebrigrns liegt in der Ausrede immerhin auch ein Zngeständniß. Es ist schon ein bemerkenswerthes Zeichen, daß der Krenzfahrcr wider die „bulgarischen Gräuel" sich genöthigt sieht, der sibirischen Greuel, die nicht von dem„unaussprechlichen Türken", sondern von den geliebten Russen verübt worden, wenigstens zn erwähnen. Mit dem Vertuschen geht es eben nicht mehr. Ilnter dem Titel„Free R u s s i a"(das freie Rußland) ist soeben In London die erste Nummer eines Blattes erschienen, das sich„Organ ver englischen Gesellschaft der Freunde der russischen Freiheit" nennt, n»d das sich speziell die Aufdeckung der Gewalt- thatc» der russischen Regierung zur Aufgabe macht. Eine Reihe her- vorragender Politiker(vorzugsweise Radikale und Reformer) sind an dem Unternehmen betheiligt. Vorsitzender des ftomites ist ein Herr S p e n c e W a t s o n, der sich auch als Vermittler bei Lohnstrcitig- keiten das Vertrauen der Arbeiter Nordenglands(er wohnt tn der Nähe von Newcastle) erworben hat. Wir begrüßen dieses Organ mit großer Freude und wünschen ihm ein gedeihliches Wirken. - Wie die sächsischen Proletarier leben. In der Chemnitzer „Presse" stoßen wir auf folgende Notiz: „Bon der Zschopau. Gegenüber den Versicherungen, daß die Lohnanfbesserungeu und der Arbeitsverdienst namentlich in neuerer Zeit sehr wesentliche gewesen, ist folgender nnS zugegangener L o h n a u s- z n g eines Wirkers ans dortiger Gegend sehr belehrend. Voraus- geschickt muß werden, daß eine andere Arbeit der Wirker zu übernehnien nicht im Stande war, da er in diesem Fall das hier bezeichnete Ouan- tum in der angegebenen Zeit nicht hätte fertig machen können. Der Lohnanszng beginnt mit dem Januar d. I. und zwar sind die Zwischen- zeiten die Tage, welche zur Anfertigung der Zahl erforderlich waren. 16. Januar b Dutzend 3& 70 Pfg.— 3 Mk. 50 Pfg., 3 8.— 3 8. 3 8. 3 L. 3. Februar 6 16. Februar 5 28. Februar 6 18. März 5 18. März 30. März 20. April 20. April 27. April Größe 1 W. 70 65 65 50 90 W. ä 90 W. L. L. 90 50 50 4 3 3 2 6 6 2 1 3 20 25 90 50 30 30 70 50 50 Sumnia 53 Dutzend. 37 Mk. 50 Pfg. „Somit ist der Durchschnittsverdicnst auf 1 Dutzend lO'/m Pfg. Es umfaßt die Zeit vom 16. Januar bis 27. April l4 Wochen und somit ergibt sich ein Wochcnvcrdicust von 2 Mk. 6.V>< Pfg. oder pro Tag, die Woche zu 6 Arbeitstagen gerechnet, 44,7m Pfg. und die Woche zu 7 Tage. da Sonntag ja auch gearbeitet wird und gegessen werden muß, 37a,/ei Pfg. Wie viel da ans die Stunde Lohn kommt, ist leicht zu berechnen. Nimmt man die an der Zschopau bei der Hausindustrie insbesondere ganz ungewöhnliche lOstündige Arbeitszeit an, so kommt bei 6 Tagen auf die Stunde zirka 4'-- Pfennige, bei 7 Tagen zirka B'ftt Pfennige. Die 12= und mehrstündige Arbeitszeit wollen wir gar nicht erst berechnen.— Bc- merkt muß noch werden, daß dieser„glückliche" Strunipfmacher an einem Zweilättgewalzenstuhl arbeitet, ohne welchen er diesen erbärmlichen Verdienst gar nicht einmal erreichen würde. Derselbe führt noch an, daß, wenn er zum Herbst nicht noch etwas„ransgewaschene" Kartoffeln sammeln würde, er mit seinen zwei Kinderchen(er ist Wittwer) im Winter manchmal Nichts haben würde, um das elende Dasein zn fristen." (Wir sind, bemerkt die Redaktion der„Presse" zu dieser Notiz, ans Erfordern gern bereit, Name und Wohnort des braven Arbeiters zu nennen.) Sind das nicht wahrhaft schreiende Zustände? Welch erschütternde Tragik liegt in jenen Zahlen ausgedrückt. Arbeit und Entbehrung, Entbehrung und Arbeit. Kein Augenblick wirklicher Erholung, kein Augenblick freien Aufathmens, immer die Furien der Sorge, des Mangels, des Elends hinter dem Proletarier her, ihm den Fluch in die Ohren gellend: schaffe, schaffe, schaffe! Schaffe, sonst hast du morgen nicht z» leben! Schaffe, sonst hat die Erde keinen Platz für dich! Schaffe, denn zur Arbeit und nicht zum Genießen bist du aus der Welt. Was für ein Leben ist das, bei solchen Arbeiten und solchem Lohn. Muß nicht da der Geist jede Elastizität, die Seele auch den letzten Rest vow Schwungkraft verlieren? Lebt ein solcher Arbeiter überhaupt in seinem Zeitalter? Die großen Errungenschaften der Wissenschast, die geistigen Schätze, die die Menschheit seit Jahrtausenden aufgehäuft, sie existiren nicht für ihn, und wenn er vielleicht von ihnen gehört hat, so kann er sie doch nicht genießen. Das Wort Genuß ist aus seinem Lexikon gestrichen.» Üüd toch, ein Lichtstrahl fällt auch in das finstre Dasein dieser un- glücklichen Opfer einer verkehrten Gesellschaftsordnung: es ist die Hoffnung ans ein Besserwerden. Nicht auf ein Besserwerdcn in, Jenseits, wohl aber ein Besserwerden auf Erden, ein Besserwerden durch die S o z i a l d e m o k r a t i e. Sie ist der leuchtende Stern, der das Dunkel ihres Daseins erhellt, der sie vor stnmpfsinniger Ver- zweislung bewahrt. Ginge ihnen auch diese Hoffnung verloren, ihr Loos würde schrecklicher sein als das des elendesten aller Zuchthäusler, des geknechtetsten aller wirklichen Sklaven. Aber das wird nicht ge- schchen. Die Sozialdemokratie lebt und kämpft und täglich vermehrt sich das Heer ihrer Streiter. Und sie wird nicht»achlaisen in ihrem Kampf, bis die Produktionsweise verschwunden ist von der Erde, die solche Zustände hervorbringt. — Der intcruationale Bcrgarbeitcrkougreß in Jolimont ist in mehr als einer Hinsicht ein bemerkenswerthes Ereigniß. Von so eminenter Wichtigkeit die bisherigen, von Arbeitern ohne Unterschied des Berufs besuchten allgenieiuen Internationalen Arbeiterkongresse auch waren, so trat auf ihnen dock, gerade wegen dieser Allgemeinheit der demonstrative Charakter, den wir übrigens durchaus nicht unter- schätzen, mehr in den Vordergrund, es blieb sonst bei mehr oder weniger theoretischen Erörternnge». Erst der Pariser Kongreß machte einen cnt- schiedenen Schritt vorwärts in der Richtung der eigentlichen Arbeiter- Politik, und mit dem jetzt beendeten Kongreß der Bergarbeiter aller Länder ist die Jnternationalität der Arbeiterbestrebnngen vollkommen in das Gebiet der praktischen Angelegenheiten übergetreten. Hier haben Arbeiter ein und desselben Berufes ihre speziellen Angelegenheiten erörtert und sind zu gemeinsamen Beschlüssen gekommen, mit minderer Schwierigkeit, als noch vor einem halben Jahrhundert Berusskollegen in den einzelnen Ländern sich über ihre gemeinsamen Interessen ver- ständigten. Und weiter hat der Bergarbeiter-Lkongreß eine erhöhte Bedeutung durch die Statur seiner Beschlüsse. E i n st i m m i g hat er sich für den achtstündigenMaximal-Arbeitstag, und nahezu ein- st i m m i g für ein A ch t st u n d e n g e s e tz ausgesprochen. Nur ein Theil der englischen Dclegirten, und zwar die Minderheit derselben— 9 von 30— machte Bedenken dagegen geltend, im Uebrigen herrschte auch in diesem Pnnkte Einigkeit. Im Ganzen stimmten 90 Dclcgirte für und mir 9 gegen die Forderung des Ilchtstuiideiigesetzes. Wir haben schon in der vorigen Nummer darauf hingewiesen, daß die deutschen Bergarbeiter, Dank der unwürdigen Zwangsgcsctze, die auf ihnen lasten, und der polizeilichen Chikancn, uutcr denen sie außer- dem zu leiden haben, weder in der ihnen gebührenden Stärke vertreten sein konnten, noch so sprechen konnten, wie es ihnen um das Herz war, daß einige sogar nicht einmal ihre Namen nennen durften. Und wir haben hinzugefügt, wie entrüstet die Delegirten der anderen Länder waren, als sie hörten, welche Chikanen die deutschen Behörden den Bergarbeiter» bei ihrem Organisationswerk in den Weg legten. Als in der Sitzung vom 2l. Mai der Tagespräsidcnt Pickardsden Utas des Landraths von Gelsenkirchen verlas, der die Sammlungen für die Entsendung von Dclegirten zum Kongreß mit Strafe bedroht. be- antragten sofort der englische Dclcgirte H a r v c y und der französische Telcgirte B a s l y, den deutschen Arbeitern die besondere Sympathie des Kongresses auszudrücken, und der Antrag wurde auch ciiistinnuig auge- iwmmeii. lind in der Sitzung vom 23. Mai sprach ein englischer De- lcgirter, Wihr, noch einmal speziell sein Erstaunen darüber aus, daß der deutsche Kaiser, der sich als cinen sozialen Reformator gebe, den Arbeitern so wenig Freiheit lasse, daß sie sich nicht einmal offen über ihre Angelegenheiten aussprechen dürfen. Man sieht, die englischen Ar- beitcr würde» der offiziellen Sozialreformlerei in Deutschland gegenüber genau den Standpunkt cinnchnicn wie die deutschen Sozialdemokraten. Die Frage, ob die Bergarbeiter aller Länder schon am 1. Mai näch- steu Jahres eine Aktion zur Erkämpsung des Achtstundentage? auf- ilehmcn sollen, wurde vorläufig zurückgestellt, da eine Reihe von Delegirten sich nicht darüber aussprechen wollten, ohne ihre Mandatgcbcr erst befragt zu haben. Es soll daher zum 1. April nächsten Jahres eine zweite internationale Konferenz einberufen werden, auf der speziell diese Frage zur Entscheidung kommen wird. Beschlossen wurde eine Internationale Federation der Bergarbeiter aller Länder, und ein Konnte, bestehend aus Delegirten der verschiedenen Länder, wurde beauftragt, die Beziehungen zwischen den Bergarbeitern aller Länder aufrechtzuerhalten. Dies die wesentlichen Beschlüsse des Kongresses, der von etwa 60 belgischen, 40 englsscheu, 5 deutschen, 3 französischen iind 1 österreichischen Delegirten besucht war. Die Debatten waren vom besten Geist beseelt und erfüllten alle Theilnehmer des Kongresses mit wahrhafter Begei- sterung. Es muß übrigens hervorgehoben werden, daß die Genossen in Jolimont ihr Möglichstes aufgeboten hatten, dem Kongreß ein würdiges Lokal für seine Bcrathungen zur Verfügung zn stellen, sowie den Dclc- girten überhaupt den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu ge- stalten. — Herr Constans läßt die Nachricht d e m c n t i r e n, daß die bei den verhafteten Russen konfiszirten Papiere der russischen Gesandtschaft vorgelegt wurden. Run, man weiß noch von der Züricher Affäre her, was solche Dementis werth sind. Wir haben damals konstatirt, daß bald nach jener Affäre die Photographie eines der Verhafteten sich in den Händen der d c u t s ch e n G r e n z b e h ö r d e n befand, und was diese haben, haben natürlich auch die R n s s e n. Unsere Meldung ist unwidersprochen geblieben, die Züricher Polizei hat es nicht der Mühe Werth gehalten, sich gegen die in dieser Feststellnug einbe- griffenc Anklage zu rechtfertigen. Und wenn das am grünen Holz der Züricher Polizei geschehen konnte, wessen soll man sich da erst von der nach Petersburg schielenden Pariser Polizei versehen? Ein bloßes Dementi, das alle möglichen Vorbehalte zuläßt, ist garnichts. Da bedarf es ganz anderer Garantien. Wohlgemerkt, es handelt sich— vorausgesetzt, daß überhaupt Bomben fabrizirt wurden— auf jeden Fall auch um eine ganze Anzahl Leute, die mit derBombenfabrikation:c. gar nichts zu t h u n hatten, sondern bloß politisch„verdächtig" waren, bezw. durch Spitzel— die offenbar bei der Sache ihre Hand im Spiel haben— denunzirt worden sind. — Wieder ei» Opfer deck Schandgesetzes. Noch im Verenden hat dieses erbärmliche Machwerk Bismarckischer Staatskunst ein Mcn- schenleben als Opfer gefordert. In Gera ist in der Nacht vom 22. zum 23. Mai im Alter von 57 Jahren Genosse Wilhelm Fink, Ausgewiesener aus Leipzig, nach langem Leiden gestorben. Fink war seit Anfang der siebziger Jahre in der Leipziger Genossen- schaftsbuchdruckcrei thätig und betheiligte sich lebhaft an der Agitation für unsere Partei, was ihm verschiedentliche Vernrthcilnngen zuzog. Die mit Inkrafttreten des Sozialistengesetzes verbnudene Unterdrückung aller sozialistischen Literatur traf natürlich auch ihn schwer. und als im Jahre 1881 der Belagerungszustand über Leipzig verhängt wurde, gehörte Fink mit zu den Ersten, die die Ausweisung traf. Er siedelte nach Gera über, um dort seinen dauernden Wohnsitz zu nehmen. Hier hatte er einen harten Kampf um die materielle Existenz zu führen. Die Polizei verbot ihm auf Grund des Sozialistengesetzes den Schriften- vertrieb, wodurch ihm sein Buchhandel zerstört wurde, außerdem traf ihn auch eine m ehr wöchentlicheGefängniß strafe, weil er dem Verbot zuwider Schullesebücher verkauft hatte. Finks Lage gestaltete sich dadurch zu einer sehr traurigen, in Folge der vielen Ent- behrnngen und Aufregungen verfiel er einem körperlichen Siechthum, von dem ihn, nach jahrelangem Leiden, jetzt endlich der Tod erlöst hat. Er hinterläßt eine, gleichfalls hochbetagte Gattin, die ihm in der ganzen schweren Zeit seiner Erwerbsunfähigkeit treu und hilfreich zur Seite gestanden hat. Seine Beerdigung gestaltete sich zn einer sehr würdigen. Sowohl die. Genossen Gera's als auch auswärtige Freunde(darunter die sozial- demokratische Fraktion, sowie Genosse Bebel) hatten für reichen Blumen- schmuck gesorgt. Mit Wilhelm Fink ist die Liste Derjenigen, deren Leben durch eine brutale Verfolgnngspolitik verkürzt wurde, um einen Namen reicher. Wie mild ist doch im Verhältniß die Strafe, die seinen Mörder, den schuftigen Urheber all dieser Schandthatcn, getroffen hat! — Ter Froschmäuslcrkrieg im Sumpfe der Fortschritts- Partei— schreibt man uns— dauert ungeschwächt fort. Und dies ist das Blamabelste und Trostloseste bei der ganze» Geschichte. Streit kann in der bestorganisirten und fcstestgeschlossenen Partei einmal aus- brechen, allein, wo gesunde Elemente sind, wird in jedem Fall der Streit bald beendigt sein— entweder durch Verständigung, falls ein Mißverständniß vorhanden war, oder durch Trennung, falls prin- zipielle Gegensätze sich hcransgestellt haben. Wenn aber, wie jetzt bei diesem Froschmäuslcrkrieg wachen- und wochenlang die streitenden Theile auf einander los knuffen, puffen und schimpfen, ohne daß es zu einer ehrlichen Auscinandersetznng kommt, dann ist durch das Chronische des Streits die ll n g e s u n d h e i t des Parteiorganismus klar demon- strirt. Das Unglück der Fortschrittsvartei ist. daß die ehrlich dcmo- kratischen Elemente, welche sie enthält, kein Talent unter sich haben, und daß alle Talente der Fortschrittspartei, Eugen Richter so gut wie seine Gegner, die Häuel, Rickert, Barth u. s. w. durch und durch u n demokratisch und in dem krassesten, reaktiv- n ä r st e n M a n ch e st e r t h n m befangen sind. Eine Reorgani- sation der Fortschrittspartei in demokratischem Sin» würde die B c s e i t i g n n g s ä m m t l i ch e r F ü h r e r z u r B o r a n s s e tz u n g haben, und die gesunden demokratischen Elemente müßten erst von Außen geholt werden. Aber woher nehme» nnd nicht stehlen? Aus der Fortschrittspartei ist eben nichts zu niachen. � In Bezug auf Fräulein Hessels erhalten wir von befreun- dcter Seite folgende Zuschrift:„Was Sie in Ihrer letzten Nummer über Frl. Hessels schreiben, entspricht vollständig der Wahrheit. Ich selbst hatte Gelegenheit, niich wiederholt mit der Sache zu beschäftigen und kann die Richtigkeit des Mitgetheilten nur b e st ä t i g e n. Im Reichstag ließ sich leider nichts ausrichten, verschiedene Versuche blieben erfolglos, weil keine der bürgerlichen Parteien Lust hatte, das System in einem seiner vornehmsten Vertreter blosznstellen. Jedenfalls ver- dient Frl. Hessels im vollsten Maße die Sympathie jedes Menschlich- und Rechtdeiikeuden. — An die Genosse» allcrwärts. Der Kampf der Hamburger Arbeiter uni ihr bedrohtes Koalition srccht nimmt einen immer ernsthafteren Charakter an. Bis jetzt haben die Arbeiter die Kosten dieses schweren Kampfes aus ihren eigenen Mitteln bestritten. Aber sollen sie ihn siegreich durchkämpfen, so müssen ihnen ihre Brüder auswärts Hilfteich zur Seite stehen. Was die Ham- bnrger Arbeiter seit mehr als zwanzig Jahren für die Arbeitersache ge- leistet, wie sie überall geholfen, ist bekannt— jetzt gilt es, ihnen zu zeigenj, daß auch sie auf die Solidarität ihrer Kameraden rechnen kön- nen, daß sie ihre Opfer nicht vergebens gebracht. Arbeiter aller- wärtS! laßt die Walkern Hamburger nicht im Stich! Bei dem rücksichtslosen Vorgehen der Hamburger Polizei, empfiehlt es sich, die Beiträge durch Vermittlung der Arbeiterpresse zu übersenden. Briefkasten der Expedition: P. E. Gdf.: 80 Psg. f. Schft. erh. n. Sdg. am 29/5 per-fbd. bewirkt.„Herr Vogt" wird wohl kaum antiquarisch mehr zn erlangen sein.— H. P. Milano: Fr. 3. 75 f. Schsl. erh. u. Sdg. nach Wunsch bewirkt, sowie Weiteres vorgemerkt.— W. Hffm. Ldn.: Sh. 15.8 f. div. Soz.». Schft. erh.— Urania: Mk. 1470.15 a Cto. Ab. ic. erh. n.-fbd. Bstllg. v. 2/6 baldigst.— F. Pracht Ncw- Pork: Postkarten hierher kosten nicht bloß 1 sondern 2 Cents. Auf die vom 19/5 zahlten wir deshalb 2 Cents Strafporto und erledigten mit Nr. 22 das Verlangte.— C. G. Anvers: P. K. v. 27/5 erb. Weiteres erwartet.— Rosa: Mit Bf. v. 28. Gewünschte? am 30 5 abgg. u. Weiteres besorgt. Bfl. Näheres über das„ N ä ch st- Mög- liche".- Nother Gcldsack: Dank für Nachricht v. 23/5. Besillg., so- weit vorräthig, sofort effektuirk, P. K. v. 2/6 erh.— Mnth u. Kraft: Avis v. 27/5 eingetroffen. Gruß.— Oncel: Wie stehts denn nun mit V. Bf. v. 9/5 haben Sie doch erh.?— Mann des Volkes: Bf. v. 31/5 erh. u. Weiteres besorgt.— C. A. B. V. London: 5 Pfd. a Cto. Ab. jc. erh.— Anton: Mk. 20.— a Cto. Ab. ic. erh. und Bstllg. notirt. Weiteres vorgemerkt.— Ehs. Br. Ofrd.: Sh. 2.— a Cto. Schftn. erh., desgl. 4 Py. f. 1„Allianee".— Rother Hans: Nachlftg. Bblth. ic. folgt lt. Vorlage v. 30/5. Ebenso Nota.— Chs. Schum. Cincinnati: Nachr. betr. W. am 1/6 dkd. erh. Mit Weiterem müssen wir erst das Resultat der Sektionsnntersuchnng abwarten. Nach Dtschl. geht Adr. bfl.— P. E. Gdf.: 30 Pfg. f. Schftn. erhalten.- Pharao: Bf. v. 1. am 3/6 beantw. u. inhaltl. vorgemerlt.— London: Sh. 13. 6 v. d. Zigarren-Arbeitern der Firma L. Home, 406 u. 434 Euston Rd. 17. Vi,'., zur U e b e r m i t t l u n g an die Hamburger Streikenden dkd. erh. u. besorgt.— Pfadfinder: Ad. lt. Vorschft. v. 1/6 geordnet. Bfl. Weiteres.— Ambos: Dank für Referenz. Bestellung ic. folgt nach Wunsch. Versprochenes je eher, je lieber. Bfl. mehr.— C. Dbg. Ploezti: Sh. 8.3 f. Schftn. erh. Wir bitten künftig Namen des Absenders u. Auigabeortcs brieflich zu melden u. verweisen auf unsere dießbezügliche Publikation im S. D.— Rother Teufel: Adr. u. Bestllg. notiren lt. Vorlage v. 1/6 u. gewärtigen Zugesagtes in aller Bälde.— Monchard Zürich: Unser politischer Ferkelslechcr hat prompt qnittirt! Was gilt die Wette, cr antwortet auch, wenn unter seineu Fenstern in schlafender Nacht die Worte:„Trinkgeld" und„Schurke" ertönen!? Denn,— viel„ D o r s ch t",— viel „Moral".—' Abonncinents auf den„Slmnidemkrai" werden außer beim Verlag und deffcu bekannten Agenten— sowohl auf einzelne Monate als ganze Quartale— jederzeit entgegengenommen bei folgenden Filialen und Verkaufsstellen: !S ch r i f t e n- F i l i a l c der„ A r b e i t c r st i in m c", Zähringcrstraße Nr. 12. Deutscher Arbeiterverein Eintracht. Mitgliedschaft der deutschen Sozialisten im „Schwanen". Wintcrthur Deutscher Arbeiterverein, Haldenstraße 1026. Deutscher Verein, Schwanengasse 4. ' Deutsche Sozialisten, Untere Rheingassc 12. Bern Deutscher Verein. Biel T h. B ä u m l e, Deutscher Verein.