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Der„Schweizerische Sozialdemokrat" brachte in seiner Nummer vom 12. Juli folgende Notiz: „N ci» u! Wie wir aus der Pariser„Boimie du Travail" vom 8. Ziiui ersehen, rctlamircn mm die P o s s i b i l i st e» die deutsche . sozialdeinokralische Parteileitung als i h r e s g l e i d> e u. Andr»-Äoly . schreibt»ämlich am genaunteu Orte imter dem Titel„Frage der Taktik" u. A. Folgendes: .Einige glauben, daß schon eine Abkürzung der Arbeitszeit a» 10 oder 0 Stunden eine angenehme Lerbesserung wäre.„Andere glauben in, Gegentheil, daß man sofort den Achtstundentag ver- lange» müsse. Dies sind die Antransigeuten, während man die Andern„Possibilisten" lleniit. Unter diesen Letzteren erwarteten wir nicht die sozialdemokratische» Abgeordneten des deutschen Reichs' tags zu finden, deren französische Gesiunnttgsgeuossen sich be mancher Gelegenheit mehr zum Scktarismus, denn zum Possibili-- »ins geneigt zeigten." „Es folgt dann eine Aufzählung der im deutschen Reichstage von de» Sozialdemokraten vorgeschlagenen Arbeiterschntzmaßrcgeln. Dan» fährt Andrö-Gely fort: „Wir billigen diese Taktik unbedingt, und wir glauben, daß die- selbe dem Proletariat mehr nützen wird, als diejenige, die alles oder nichts verlangt. Wir möchten, daß überall, i» allen Par- lamenten, wo Sozialisten vertreten sind, dieselbe Taktik angeuom- nie» würde. Miltelst kleiner Dosen werden wir dazu gelangen, die dringendsten Sozialreformen verschlucken zu lassen, bis endlich das Proletariat mächtig genug sein wird, eine auf Gerechtigkeit begründete soziale Organisation durchzuführen." „Abgesehen davon, daß von der bcntschen und französischen Sozial- demokratie doch noch ein gewisser Schritt bis zum Possibilismns ist, klingt ja das vernünftig genug. Allein für uns kommt alles darauf an, was für Dosen der heutigen Bourgeoisie einzugeben versucht wer- den und gonz besonders, mit welcher Energie» n d E n t- schlössen heil dabei vorgegqngcii wird. Dabei halten wir es für unerläßlich, daß stets und immer wieder Alles, das Ganze und Rechte verlangt wird, um möglichst viel möglichst rasch z» erhalte», und wir glauben auch, daß zwischen der Tattil in Parlamenten und der Taktik bei der Agitation im Volke ein sehr wesentlicher linterschied zu machen.sei. Die Ansbreituug wirklich sozialdemokratischer Heber- zengung im Volke wird durch den Possibilismns nie gefördert, so»- der» im Gegentheil gehindert. Das ist unsere lleberzeugung. und darum fordern wir im Volke— das sagen wir für die Schweiz— eine prinzipielle sozialistische Propaganda, keine an die Bourgeoispar- teien sich anlehnende sozialreformcrische Leisctreterci und charakterlose Verwischung und Vertnschung des Prinzips." Unser Beriier Kollege hat Recht, wenn er das Kriterium des Possibilismus nicht da erblickt, wohin Andre-Gely es gern verlegen möchte. In diesem Sinne wäre die deutsche Sozialdemokratie von jeher„possibilistisch" gewesen, und ebenso diejenigen, die man in Frankreich Marxisten nennt. Sie sind niemals so„intransigent" gewesen, den Weg schnttweiser Re- formen grundfalsch verwerfen. Um politische Parteinamen richtig anzuwende», darf man sich nicht an die rein sprachliche Bedeutung der Worte halten. Wer Forderungen stellt, deren Durchführung unter de» ge- gebenen Verhaltnisien ohne größere Störungen m ö g l i ch ist, ist deshalb noch kein Possibilist, sowenig wie derjenige, der sein Vorgehen möglichst zweckmäßig einrichtet, deshalb ein Opportunist ist. Um den bestimmten politischeil Sinn dieser Worte festzustellen, haben ivir vielmehr ihren geschichtlichen Ursprung als Parteinamen ins Auge zu sasieu. Was hat jener Fraktion der ftaiizösischen Arbeiterbewegung, die heute unter dem Namen„Possibilisten" bekannt ist, diese Bezeichnung eingetragen? Keineswegs das Eintreten für durchführbare—„mögliche"— Reformvorschläge, sondern das Bestreben, das Programm, den grundsätzlichen.ibeu sowohl wie die nächsten Forderungen, so einzurichten, da» tS so wenig wie juöglich die bürgerlichen und tleinbürger- lichen Vorurtheile und Interessen verletzte. Die Möglichkelt wurde nicht nach den thatsäch lichen Verhältnissen, dem Stande der sozialen und ökonomischen Entwickelung, bemessen, fondern nach den herrschenden Anschauungen. Um des Augenblickserfolgs wegen verzichtete man darauf,£icht in die Köpfe der Arbeiter zu bringen. Die herrlichen Einleitungs- fätze des Minimum-Programms, die die Grundgedanken des wodernen Sozialismus in wahrhaft klassischer Form zusam- wenfassen, wurden unterdrückt, um die— Eigenthumsuage nicht zu berühren. Die Klassenforderungen des Proletanats wurden in den Hintergrund geschoben zu Gunsteil der Pro- paganda für die Erweiterung der öffentlicheil Dienste, gegen die an sich Niemand etwas hat, die aber, zur Hauptsiage erhoben, die Sozialdemokratie auf das Niveau der bürger- lichen genieiniiützigeil Vereine bringen mußte. Heute in man allerdings allmählig davon abgekonime», aber wiederum mehr Unter dem Druck der V e r h ä l t n i s s e. Die von den So- zialisten außer ihren Reihen entfaltete Agitation hat die Pos- ßbilisten gezivungeii, auch ihrerseits die sozialistischen niu Arbeiter-Forderungen mehr zu betonen. Es vollzieht sich offen- bar in dieser Partei ein Hälitungsprozeß, dessen Ausgang Man mit Interesse entgegensehen darf. Darül'er vielleicht ein andermal. Hier haben wir es mit der Kennzeichnung der Methode zu thnn, die ihr den Namen des Possibilismus �"getragen hat., � m...... . Diese besteht darin, daß man den umgebenden Verhältnissen pj"61.! größeren Einstuß auf unsere politische VetMiglini! J�iunt, als mit den Grundsätzen und Interessen, die nrn L r'yi' Zu. vereinbaren ist. Man wird. �darauf antworten, I°Mei doch Sache der Schätzung,»»d dann» �ime Nie- /V'b behaupteil, daß grade er den richtigen Maßstab da srn . Huben habe, wie weit die Verhältnisse zu berücksichtige» 'en.(SJejüjjj können und werden hier immer Nceiiiungsver-' schiedenheiten obwalten, aber es läßt sich nach unserer An- ficht doch eine Richtschnur finden, die uns zeigt: hier ist die Grenze, die nicht überschritteil werden darf. Das Bestreben jeder Partei, jeder Klasse ist darauf ge- richtet, ihren Grundsätzen und Interessen maßgebenden Einfluß zu verschaffen, die Gesetze und Einrichtungen in ihrem Sinne zu gestalten, die Verhältnisse, soweit das überhaupt erreichbar ist, zu beherrschen, anstatt von ihnen abhängig zu sein. Das erfordert eine doppelschichtige Thätigkeit: wir müsseil sehen, unsere Ideen so viel als möglich zu verbreiten, die Köpfe in unserm Sinne zu bearbeiten, aber wir müssen auch so viel als möglich danach trachten, Einfluß auf die Gestaltung der Verhältnisse zu gewinnen, Reformen zu erkämpfeil, die uns unserm Ziel näher bringen. Beides ist gleich wichtig. Bloße Propaganda, ohne damit verbundenes praktisches Eingreifen in die Verhältnisse führt zur Sektirerei, bloße Verfolgung praktischer Zwecke zum Possibilismus. Der praktische Erfolg wird das ausschließlich Maßgebende, und da dieser von den Verhältnissen abhängt, wird man, ehe man es sich versieht, zum Knecht der Verhält- insse. Die Bah» kompaßloser Erperimentirerei wird be- treten, man schwimmt gern mit dem Strom, denn da kommt man vorwärts, man weiß selbst nicht, wie. Schade nur, daß „man" nicht die Sache ist. Richt darin besteht der Possibilismus, daß man seine praktischen Forderungen den jeweiligen Verhältnissen anpaßt— das nicht thilii, wäre Doktrinarismus— sondern darin, daß man dem Vorurtheil der Gegner Rechnung'trägt, von ihnen seine Thätigkeit abhängig macht; daß man es vermeidet, gegeil den Strom zu schwimmen, obgleich nur durch einen kräftigen Widerstand gegen das allgemeine Vorurtheil die Sozialdemo- kratie zu ihrem Ziele gelange» kann. Der Possibilismus be- steht darin, daß man die Dinge an sich herankommen läßt, statt ihnen entgegenzugehen, auf die Marotten, die noch in den Köpfen der Arbeiter stecken, Rücksicht nimmt, statt sie zu bekämpfe», daß man, worauf der„Schweizerische Sozial- Demokrat" mit Recht hindeutet, statt seine Forderungen mit Energie und EiitschlossenhZt zu verfechten, und vor allen Dingen die Selbständigkeit zu wahren, ohne welche die Arbeiter nie zum Ziele gelangen werden, sich an die Bour-. geoisparteien anzulehnen und, um momentaner Vortheile willen, die Prinzipien zu verwischen und vertuschen sucht. Wer die Geschichte und das Wesen der deutschen Sozial- demokratie kennt, wird auch wissen, daß sie zu keiner Zeit solche Taktik beobachtet, noch gutgeheißen hat. Wenn Einzelne sich in dieser Hinsicht versündigten, sind sie vielmehr regel- mäßig sofort desavouirt, bezw. rektifizirt worden. Es ist auch nicht die geringste Gefahr vorhanden, daß es in dieser Hillsicht in Zukunft anders werden wird. Die Partei wird sich durch Nichts von dem bisher eingehaltenen Wege ab- bringen lasse», weder den Gegnern zu Liebe possibilistische, noch des bloßen Knalleffekts wegen impossibilistische Politik treiben. Weshalb die Partei nach unsrer Ansicht richtig handelte, wenn sie in ihrem diesmaligen Arbeiterschutzgesetzentwurf beim zehiistttndigen Maximalarbeitstag einsetzte, haben ivir in einer der letzten Nummern dargelegt, und bemerken daher hier nur noch, daß auch der 1884 und der 1877 eingebrachte Arbeiterschutzgesetzentivurf den zehnstündigen Maximalarbeitstag forderten. So weit sich die Verhältnisse seit damals weiter entwickelt haben, wird Dem durch die Forderung der ftaffelmäßigen Durchführung des achtstündigen Arbeitstages innerhalb sieben Jahren entsprochen. Die sofortige Durchführung des acht- stüiidigen Arbeitstages zu verlangen, würde die Forderung nur abgeschwächt haben. Es ist ganz richtig, es kommt auf die Dosen an, die der heutigen Bourgeoisie einzugeben ver- sucht werden. Aber richtig ist auch, daß die Dosen ver- nunftig bemessen werden sollen, damit die Gegner keine Ge- legenheit erhalten, mit einem Schein von Grund Nein zu sagen. Nicht aus die Größe der Forderung, sondern auf ihre Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit, auf die Kraft, mit der sie geltend gemacht und aus die Wucht der Argumente, mit denen sie begründet wird, kommt es an. Ein Klassen-Urtheil. Die Prostitnirung der Justiz zur Dirne des Herr- s ch e ii d e» A u s b e u l e r t h n m s hat schon oft den Gegenstand»»- serer Bctrachtnnyen gebildet, irnd immer wieder müssen wir auf dieses Tliema ziirückkomwen. den» es ist das stehende in Deutschland gewor- den Es hänfen sich die Gerichtshöfe, in deney das geltende Recht. ix,« obnehin die Besitzenden, an der Macht Befindlichen bevorzugt, nur noch ai- Porwand gilt, die schnödeste, brutalste W i l l k ü r zu üben) wo die Richter nichts sind als Büttel der h-rr,chcnd-n Masse gegen hie Arbeiterschaft� als Agenten der herrschenden Parte, en gegen deren »1nest.be G•aller Allen Staaten voran geht III dieser Beziehung � Ä.,,..nd wenn wir auch bei Weitem nicht alle Fälle schamloser ?�.stst oii m v-r eichue,i-n der Lage waren, die sich i„ den cä i.i iw dieses La idcs adg-sp-elt. so genügen doch die niitgetheilten, Hie; aebrachte» Wort« vollauf z» rechtsertige». ""ii.h hnö« konnten wir bisher fast nur die nackten Thatsachen mcl- " näde m blieben. Da.ck der ja...... ervoll-., P�ßzustäiide, meist in.erörtert. H-ut- nun sind wir jedoch in der Lage, über eines dieser Jnstizverbrechen, das wir seinerzeit meldete», niisern Lesern einen genaueren Bericht darbieten zu können, und wir glauben nicht zu viel zu sagen, wenn wir vorausschicken, dag»ach unserer feste» Ilebcrzciiguiig Nicniaiid'dicsen Bericht lölrS Icsen können, ohne in flam- rneiide Eiitrüstniig zu gerathen»nd den Helgen Winisch zu eiiipfiiidcn, daß diesen schändliche» Zuständen so bald als möglich ein Ende ge- macht werde, dag für solche Richtswürdigkeilen auch die Sühne nicht ausbleiben möge.> Ans Zwickau schreibt uns ei» dortiger Arbeiter: „Die Zeit, wo sich das Zwickauer Landgericht noch des Rufes er- freute, unparteiische Richter zu besitzen, ist längst vorbei. Jeder, der hier seiner Aburtheiliing wegen eines politische» Vergehens entgegen- sieht, bekommt es nur mit von Haß gegen die Arbeiterpartei erfüllten Männer» zu thnn, die ihre Wuth gegen die Sozialdemokratie an den Einzelnen, die in ihre Hände fallen, zu kühle» suchen. Vor mehreren Jahren wurde der bisherige Präsident des Landgerichts, Hütt» e r, durch de» bekannten Mangold ersetzt— denselben, der Bebel an einem Pstngstmorgen auf der Briihl'schen Terrasse in Dresden vom Arm seiner Geiiiahli» weg verhaften lieg, um ihm das Psiiigstfest z» ver- derben. Auch die einzelnen Sirafkmninern lvnrden mit anderen Vor- sitzenden bedacht, und seitdem hat der sozialistenfresserische Oberstaatsanwalt En b a s ch, ein Mensch, klein von Gestalt, aber desto größer als Streber, ohne Haare im Gesicht, aber desto mehr bestrebt, solche auf den Zähnen zu zeigen— gewonnenes Spiel. Man erlebte min, dag Leute für Haiidlniigeii, auf Grund deren früher Freisprechung er- folgte oder kleine Geldstrafen verhängt wurden, jetzt mit 5— 6 Monaten — ja, mit ciiicni Jahre Gefängniß bestrast wurden. Auch mit dem folgende» Urthcil verhält es sich so. Nur von Hag gegen den Angeklagten erfüllte Schurken haben es fällen können. Der gemaßregelte Bergarbeiter Paul Horn wurde, so las man vor etlichen Wochen in den Zeitungen, wegen Beleidigung des Bcrgdirektors Berg zu einem Jahre Gefängnis? vernrtheilt. Eine Beleidigung mit einem Jahre G e f ä n g'n i g zu ahnden, ist an sich schon ungewöhnlich, aber erst die Unistände kennzeichnen die ganze Infamie dieses Ilrthcils. Sehen wir»ns daher zunächst die beleidigte Person etwas näher an. Im Jahre 1879. als a»f dem Briickeiiberg- schacht II zu Zwickau 90 Bergarbeiter tödtlich veriiiigliicklen, war dieser Herr Berg Direktor, also der oberste Beamte dieser Werke. Im Gan- zc» vernngliickteit während seiner Thätigkeit ans den Brückenbergschächten wohl mehrere Hunderte von braven Bergleuten. Ganz sicher war die Aiisbciitniigssncht des Direktors hieran nicht ganz unschuldig, oft hörte man die Bergarbeiter sagen:„Es wundert uns nur, dag nicht noch mehr Unglücke passiren. Nach dem Unglück von 1879 wurde, um das Publikum etwas zu beruhigen, auch eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet, aber es kam nichts dabei heraus. Die B e- l a st ii n g s z e ii g e n waren als verbrannte und v e r st ii m- melteFleischklumpen z u T a g e gefördert, sie schwie- gen für im m e r. Die Nnterlnchnng wurde eingestellt, Berg kam nicht— wie viele glaubten— als Massenmörder auf die Anklagebank, kein Mensch durste ihn so nenne». Er verblieb im Amte, und das protzige Benehmen gegen die Arbeiter nahm nngestörtcn Fortgang, bis vor einigen Jahren eine andere Aktiengesellschast den verdienstvollen Mann wegen seiner bekannten Gcschäftsgebahrmig zum Direktor ihrer Werke ernannte, selbstverständlich mit verbessertem Ge- halt. Sein Nachfolger auf den Brückenbergschächten aber fand in den Gruben„alles verliedert und auf das grenzenlos Leichtsinnigste gebaut." Dies die eigenen Worte des neuen Beamten. Derselbe ließ zunächst viel bauen und repariren, und die Hu- glücksfälle nahmen denn auch von der Zeit an bedeutend ab. Auf den B e r e i n s g l ü ck s ch ä ch t c n wnrde der Patron Berg bald der Schrecken der gesamniten Arbeiterschaft, viele gingen, iim anderwärts Beschäftigung zu suchen. So kam nun voriges Jahr der B c r g a r b e i t e r st r e I k. Die Fordermigen der Arbeiter wurden von der Einwohnerschaft als berechtigte anerkannt, mir nicht von den Ehefs der Bergwerke, und Wiederiii» war es der inzwischen«im Bergrath er- nannte Herr Berg, der sich am meisten dagegen sträubte, den Berg- lenten auch mir die geringste Verbesserung ihrer traurigen Läge ein- räumen z» wollen. Sein Einfluß war in dieser Angelegenheit im ganzen Kohlenrevier iim so gröger, als er mittlerweile zum Vorsitzenden des Vereins Bergbaulicher Interessen— es ist dies die Vereinigung der Kohlenbarone— erwählt worden war. Als dann zur Beilegung des Streiks eine gemcinschaftliche.S i tz u n g der Arbeiter- Delegation»nd der Werkspaschas stattfand, wurde i» Gegenwart des B ü r g e r m c i st e r s. des K r e i s- u n d A m t s- Hauptmannes, auf Verlangen der Arbeiter, die Zusicherung er- theilt— auch Bergdirektor Berg erklärte sich damit einverstanden— dag Maßregelimgen weder direkt noch indirekt stattfinden sollten. Doch, man krage nur nicht, w i e dies Versprechen gehalten wurde. Es hagelte förmlich Eittlassiiiigen: Leute, die 20 Jahre und noch langer auf einem Werk gearbeitet hatten, wurden fortgeschickt, und bekameii a»f keinem Schacht wieder Arbeit. Alles dies ans Drängen des wortbrüchigen Direktors Berg. Es sind mehrere Fälle zu verzeichnen, wo die obersten Beamten den Arbeitern bei der Entlassung die Hand reichten mit dein Ausdruck deS Bedauerns, sie sortschicken zu müssen. Als Paul Horn — der ans einem Werk« arbeitete, wo Berg alS Beamter nichts zu sagen hatte- eiitlasseii wnrde, schüttelten die drei ersten Beamten dem- selben die Hand mit den Worten:„Horn, wir wollen in F r i c d e n s ch e i d e n; es t h n t u n S l e t d, d a g e s s o k o in- m e n in» g, w i r w a r e n st- t s m i t I h n e n s e h r z u f r i e d e n. jedoch der Berg will es habe n." Im Februar dieses Jahres keferirte nun Horn in einer öffentlichen Versammlung über die Lage der Bergarbeiter, nnd hier geschah es, dag er in der sich anknüpfenden Debatte, z» einem Bergbeamten gewendet, sagte: „Sagen Sie es nnrJhremBergdirektorBerg, er h a t s e i n W o r t d e n B e r g l e u t e u g e g e n ü b c r g e b r o ch c n." Auf diese Äeußernng hin erhielt Horn wegen Beleidigmig Anklage, und wnrde dann am 12. Mai von den Schurken von Richtern der II. Sirafkaimner des Zwickaner Landgerichts zu einem Jahr Ge- f ä n g n i g vernrtheilt und sofort verhaftet. Die hiergegen einge- legte Revision wurde am 7. Juli v v in R c i ch s g e r i ch t verworfen, und so muß denn ein redlicher Maiiii, weil er den M»th gehabt hatte, einem Leuteschinder die Wahrheit z» sagen, e i n I a h r zwei Monate im G- f ä n g n i ß s ch machten und hat Gelege»- heil, über deutsche Nechtsznstäiide iiachziidenkeii. Horn b. s i tz t Frau und 7 Kinder; letztere im Alter von 6 Monaten bis zu 10 Jahren., Wort halten ist eine schöne Tugend eines Mannes, und es mag sich auch derjenige beleidigt sühleii, der znigerechtsertigter Weise des Wort- brnchs bezichtigt wird, weim aber, wie illl MliegWtll Mo, blU'dl b t GmOsverhandlung e rwiesen ward, daß derTchurleBe'ra sein o r t hundert mal g�e h r o ch e n Hot so ist hnö iMh-r? nichts als-in nichtswürdiger Jnstizuiord.'''"rtheil Die geladene» Elltlastiingszcugeii— es waren nur gemagreaeSe ü'erg. arbeiter— erklärte» eidlich, sie sei«» infolge des Bergaroesterstrelks ge- Maßregelt worden und bekümen nirgends wieder Arbeit. Die von dem Direktor mitgebrachten Ober- und Untersteiger inndten zngebcn, daß sie die Arbeiter auf Veranlassung Bcrg'S hätten fortschicken»liifsen; erst als der Vorsitzende des Gerichtshofes— Wagner heißt die würdige Staatssänle— ihnen die Frage stellte, ob die Entlassniigen eine Maß- regelnng gewesen, ertönte lakonisch das erwartete„Nein". Als dann der Angeklagte Horn an Berg die Frage stellte, was diese Entlassungen dann seien, und warum so tüchtige Bergleute fortgeschickt wurden, er- klärte dieser kühl, das ginge den Angeklagten nichts an, er könne die Arbeiter sortschicke», wenn es ihm gefiele. Und Richter und Staats- anwalt pflichteten dieser Meinung bei. Die Entlastungszeugen wurden öfters unterbrochen, als u. A. der Zeuge Zimmermann, der von Berg selbst entlassen worden war, die Verhältnisse etwas näher erör- ter» wollte, wurde ihm einfach dasWort entzogen. Kurz, die ganze Verhandlung war die schändlichste Verhöhnung ans den Be- griff einer unparteiischen Untersuchung. Parteiwuth führte die Anklage, Protzenhochmnth war ihr Zeuge, und Klasscnhaß fällte das Urtheil. Man muß dieser Gerichtsszene beigewohnt haben, um an solch brutalen Gewaltakt im Geivande der Justiz glauben zu können. Doch auch die- sen Richtern nebst dem Massenmörder wird das Stündchen der Vcr- geltnng noch schlagen." Dies die Einsendung. Wir haben ihr nichts hinzuzufügen. Sozialpolitische Rnndschan. London, 23. Juli 1890. — AnS Deutschsand wird uns geschrieben: Der Streik in Hamburg ist das wichtigste Ereigniß des Tages geworden und wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben. Schon der Ursprung war uns gewöhnlich. Die Hamburger Arbeiter hatten im Laufe des Frühjahrs auf mehreren Versammlungen beschlossen, den 1. Mai als einen Tag der Arbcitsrnhe zu feiern. Sie waren, gleich vielen anderen deutschen Arbeiter», der Meinung gewesen, die betreffende Resolution des Pariser Kongresses habe die Arbeitsruhe für den 1. Mai gefordert. Als sie aber durch das Manifest der Fraktion über den ivirklichen Stand der Dinge aufgeklärt wurden, beschlossen sie, die früheren Beschlüsse zurück- zuuchmen, und den l. Mai in anderer Weise würdig zu feiern. Das paßte jedoch den Herren Ausbeutern nicht in den Kram. Mit dem scharfen Instinkt, welchen der Besitz der Macht verleiht, und welcher dem Unterdrückten und Beherrschten sehr hänsig abgeht, sahen sie, daß die Zcitverhältnisse ihnen eben so günstig waren, wie den Arbeitern ungünstig; und daß, wenn überhaupt es noch möglich, die Arbeiter- organisationcn zn zerbrechen, der Moment jetzt der geeignetste sei. Sie provozirten nun die Arbeiter in unerhörter Weise, warfen ihnen Feigheit vor, daß sie nur deshalb von dem Gedanken der Arbeits- ruhe zurückgekommen seien, weil sie sich vor den Arbeitsherrcn fürchteten — erst haben die Arbeiter renoniirt, jetzt zögen sie den Schwanz ein, wie elende Köter u. s. w., u. s. w. Kurz, die Arbeiter wurden so schmählich beschimpft und so raffinirt gereizt, daß sie sich aus ihrer Reserve heraustreiben ließen und den Kanipf aufnahmen. Der Kampf löste sich sofort in verschiedene Einzelgcfcchte auf, von denen indcß bald die meisten abgebrochen wurden, bis zuletzt nur die Elitetrnppen der Arbeiter: die beiden Bange werke der Maurer und Zimmerer allein auf dem Plan waren und den Kampf für alle anderen führten. Die Arbeiter überzeugten sich nach einigen Wochen, daß in Folge des schlechten Geschäftsgangs, namentlich in dem Baugeschäft, die Chancen für die Arbeiter und Arbeitgeber nicht gleich waren, und sie kamen deshalb übcrein, den Kampf abzubrechen und auf d i e Forderungen zu verzichte», die von den Baunlsternehmcrn hauptsächlich bekämpft, und als Hanptursache des Konflikts hingestellt worden waren: die Forderung der n e u n st ü n d i g e n Arbeitszeit, anstatt der zehn- stündigen, und einer Lohnerhöhung. Allein nun kam es sofort all den Tag, daß die Herren Prinzipale, indem sie zuni Streik gedrängt hatten, weitergehende Ziele verfolgten. Sie erklärten, nur solche Arbeiter beschäftigen zu wollen, die den F a ch v e r e i ii e» der Maurer und Zimmerleute nicht angehörten. Jeder der in Arbeit bei ihnen trete, habe einen Revers zn unterschreiben, wodurch er sich verpflichte, während der Dauer der Arbeit keinem Fachverein anzugehören. Das war zu arg. Das Spiel der Herren lag nun offen auf dem Tisch. Das K o a l i t i o» s r e ch t s o l l z e r st ö r t werden— der denkbar beste„Ersatz für das Sozialistengesetz". Und die Verschwörung, welche in Hamburg zum Ausbruch kam, ist, ivie deutsche Arbciterblättcr mit Recht sagen, ulizweifclhaft über ganz Deutschland verbreitet. Unter solchen Uiuständen blieb den Hamburger Arbeitern nichts anderes übrig: sie mußten den Handschuh aufnehme n. Der lokale Kanipf um die Arbeitszeit ist mm mit einem Schlag zu einem allgemeinen Kämpf um das K o a l i t i o n s r e ch t der deutsche» Arbeiter geworden,- und wird auch von de» dcntschen Arbeitern als solcher aufgefaßt. Sämnitiiche Arbeiterblätter ent- halten warme Aufrufe für die Hamburger Maurer, und die Herren Prinzipale, die bereits den Sieg in den Händen zu haben vermeinten, finden sich plötzlich in ihren Hoffnungen betrogen. Jli der ganzen deutschen Arbeiterschaft ist nian sich vollkommen klar darüber, daß die Sache der H a m b u r g e r die der ganzen deutschen Arbeiterschaft ist, und ein jeder klassenbeivnßte deutsche Arbeiter suhlt die Verpflichtung, mit An st r e n g n n g aller Kräfte de» Hanl- b u r g e r n Hilfe zu leisten. 3 Jeuill'eton. Aus dem Tagebuch eines politischen Zuchthäuslers. Tie Freistunde.(Fortsetzung.) Das„73" war meine Kleidernummer; alle Sachen, die ich von der Anstalt zum Gebrauch bekam, waren mit 73 gezeichnet. An jeder Zellen- thür hängt eine solche Tafel; diejenigen Sträflinge, welche bereits Fluchtversuche unternommen haben, haben gelbe Tafeln mit Ichlvarzer Schrift, und auf jeder Etage hängen 6 bis 8 solcher gelben Tafeln. „Antreten!" kommandirte der Aufseher. Sämmtliche Leute stellen sich mitten in dem gewölbten Gange in einer Reihe auf, jeder seinen Nachteimer vor sich. Zunächst hält der Aufseher Musterung, ob auch alles an ihnen in vorgeschriebener Ordnung sei. In Ermanglung eines Staatsanzeigcrs oder Verordnungsblattes für die Anstalt werden alle neuen Verordnungen durch den Mund des Aufsehers den Unterthanen kmidgeben. So auch an diesem Tage. „Es wird bekannt gegeben, daß jeder Sträfling, der in der Kirche beim Sprechen betroffen und angezeigt wird, 14 Tage Dunkelarrest be- kommt; ini Wiederholungsfälle gibt es 30 Peitschenhiebe oder 14 Tage Lattenarrest." Allgemeine Verblüffung— allgemeiner Tumult. Alle redeten, aber keiner zn dem Andern, sondern alle auf den Aufseher ein; wenn er anzeigen wollte, so hätte er den ganzen Gang melden müsse». „Hier gibt es keine Einwendung, hier wird befohlen und gehorcht; jetzt herrscht Ruhe", rief der Aiifseher dazwischen. Für ein Wort 14 Tage Dlinkelarrest— 30 Peitschenhiebe für zwei Worte— da müssen die Worte hohen Tauschlverth besitzen, wenn schon Eines in 14 Tage Arrest nmznsetzeii ist; da müssen Peitschenhiebe tief im Kurse stehen, wenn dieselben so heillos verschlendert lverdcn. Jetzt kam der Aufseher von der 4. Etage; dieser st» d unser Aiifseher halfen sich bei der Freistunde gegenseitig ans. Beim Ansmarschirc» ging einer voraus und öffnete die zu passirenden Thüren, der andere Aufseher bildete den Schluß und schloß alle Thüren wieder zn. Auf der steinernen Wendeltreppe finden die Sträflinge tvahrend des Hin- abmarschirens manchmal Gelegenheit, ihr Mittheilimgsbedilrfniß zu befriedigen. Der größte Groll über die oben gehörte Verordnung richteteffich gcgcst die drei Anstaltspfaffen. Sie wurden als die Urheber der neuesten Verschärfung der Disziplinarstrafen angesehen. Das Bcdürfniß einer — Agrarische Experimente und liberale Rezepte.„Der Wunsch., dem Mangel an ländlichen Arbeitern, nament- lich im preußischen Osten, abzuhelfen und die Furcht vor der Ausdehnung der Sozialdemokratie auf das platte Land, das sind"— schreibt die„Liberale Korrespondenz"—„die bei- den Triebfedern, welche zunächst zu dem Erlaß des soeben(in Preußen) publizirten Rentengütergesetzes geführt haben, und die, nach einem im Reichstage eingebrachten Antrage zu schließen, demnächst de» Erlaß eine» deutschen Heim st ättengcsetzes zur Diskussion stellen werden. Das Problem soll dadurch gelöst werden, daß i» dem einen Falle der ländliche Arbeiter, der über die erforderlichen Mittel zum Ankauf Von Grundbesitz nicht verfügt, in Besitz gesetzt wird unter der Bedingung, daß er den Kaufpreis in der Form einer zum Theil unablösbaren Rente an den Eigenthümer entrichtet, in dem anderen Falle dadurch, daß der Bauerngntsbcsitzer gesetzlich gegen die übermäßige Belastung feines Besitzes durch Hypothekenschnlden ge- schützt wird. Wie dieses letztere Problem prattisch gelöst werden soll, ist noch eine offene Frage. Die Befürworter der Hcimstättengesetz- gebnng nach amerikanischem Vorbild haben sich bis jetzt die Aufgabe, die Lösbarkeit des Problems nachzuweisen, sehr leicht gemacht. Bis jetzt habe» die Freunde der Heimstättengesetzgebung noch nicht einmal einen Versuch gemacht, die Anwendbarkeit des amerikanischen Gesetzes auf deutsche Perhältnisse nachzuweisen und die von Lucius vorgebrachten Gegengründe zu widerlegen. Der Satz, daß der A u s s ch l u ß der Verschuldung auch die Kreditfähigkeit des Besitzers ausschließt, ist unwidcrlegt geblieben. „Ob und in welchem Umfange das Renten gütergesetz dem Ziele der Seßhaftmachung ländlicher Arbeiter zu Gute kommen wird, darüber waren im Abgeordnetenhanse sowohl, wie im Herrenhanse die Meinungen sehr getheilt. Aber selbst, wenn der Erfolg des Gesetzes die Hoffnungen, welche an dasselbe geknüpft worden sind, vollauf er- füllen follte, der eigentliche Zweck des Gesetzes wird nicht erreicht werden. In dem Herrenhausbericht über die Vorlage ist dieser mit aller Offen- heit bezeichnet worden": „Die Ursache des Mangels an ländlichen Arbeitern, heißt eS da, muß zumal für den Osten und die industriereichen Landstriche der Monarchie nicht mir anerkannt, sondern es muß Alles versucht werden, dieselbe unter Mithilfe aller Betheiligten zu beseitigen. Das zu erreichen, ist Zweck der Vorlage. „Dieser Zweck aber wird auf dem eingeschlagenen Wege nicht erreicht werden. Entweder bekommt der Rentengntsinhaber ei» so kleines Grund- stück als Rentengut, daß er die Bearbeitung vollständig seiner Familie überlassen kann, danN wird er das thun und lvird nach wie vor nach Auswärts gehen, um dort Erwerb zu finden, oder er erhält ein großes Rentengnt, dann wird er vollauf mit der Bearbeitung dieses seines eigenen Landes beschäftigt sei» und wird keine Zeit übrig haben, um als Arbeiter bei dem Begeber des Rentenguts zu wirken. Die Sachsen- gängerei, der Zuzug der ländlichen Arbeiter in die großen Städte und die Industriegebiete, welche die Großgrundbesitzer als die eigentliche Ursache des Mangels an ländlichen Arbeitern bekämpfen, wird in dem ersten Falle fortdauern; in dem zweiten Falle wird dieses Uebel per- mindert werden, aber ohne daß der Großgrundbesitzer von dem Mangel an ländliche» Arbeitern befreit wird. In beiden Fällen lvird man durch die Gesetzgebung die heilsame Arbeit der Ablösungskommissionen in den letzten vierzig Jahren, welche die Aufgabe hatten, die Hinder- nisse zn beseitigen, welche der Entwicklung eines vollkomnien freien Eigenthums entgegenstanden, illusorisch gemacht, die durch die Gesetz- gebung von 1850 befestigten Einrichtungen der Erbpacht unter anderen 9! amen iviederhergcstellt haben, ohne dem Roth stände, über den die Agrarier heute klagen, wirksam abzuhelfen. Auf dem Wege der Gesetzgebung ist eben das Ziel, die ländliche Arbeiter- schast wieder an die Scholle zn fesseln und sie in den Dienst der Groß- grnudbesitzer zn zwingen, überhaupt nicht zu erreichen. Niemand hat das allein wirksame Mittel zur Abhilfe schärfer bezeichnet, als das ge- lcgentlich der Bcrathung der Alters- und Jnvalidenversicherimg im Reichstage seitens des Abg. v. Mirbach geschehen ist. Die ländlichen Arbeitgeber können die ländlichen Arbeiter nur in ihrem Dienste fest- halten, wenn sie sich entschließen, ihr Loos durch höhere Löhne und gute Behandlung in dem Maße zu verbessern,, daß sie ans die Sachsengängerei und die„Kasernenwirthschast", wie sich der Abg. v. Muchhaupt im Abgeordnctenhansc ausdrückte, ans eigencni, freiem Jntereffe verzichten. So lange die ländlichen Arbeitgeber an diesem Punkte den Hebel nicht ansetzen, werden alle Versuche, der Auswandernng, der Sachsengiiugerei und dem Abzug der ländlichen Arbeiter nach den Jndnstriezentren zn steuern, vergeblich sein." So das Organ der Herren Rickert und Genosse». Sowohl in der Kritik der beiden Agrargesetze, wie in dem eignen Gegenrezeple zeigt fich die ganze Halbheit des Liberalismus, von der seine Impotenz nur die»othivendige Folge ist. Lassen wir für heut die Frage der Heimstätten bei Seite und sehen wir, wie es mit den R e n t e n g ü t e r n steht. Hier hat die„Lib. Korr." Recht, wenn sie in denselben nur ein Mittel erblickt, die Erb- Pacht, diese verkleidete Form der Hörigkeit, wiederherzustellen. Falsch ist es aber, wenn sie dieselben in ihrer Wirksamkeit als gar so unbedeutend hinznstellen sucht. Zwischen ihrem Entweder— Oder gibt es noch einen ziemliche» Spielraum, das„Rentengnt" braucht nicht so groß zu sein, um die Familie ganz zn ernähren, aber auch nicht so klein, um das„Sachsengehen" des Besitzers zn ermöglichen, und dann behält der Agrarier Recht. Außerdem bringt die an den früheren Inhaber, den Landjnnker, zn zahlende Rente den„Rentenguts- besitzer"— wie schön das klingt gegenüber dem ehemaligen„Insassen" — in eine materielle Abhänglgkelt, die sich bei etwaigen Rückständen sehr leicht in eine völlige Schuldknechtschaft verwandeln laßt. Das Mittel ist also durchaus nicht so unschuldig, wie es die„liberale Korrespondenz" hinstellt. Warum aber stellt sie es, trotz ihrer Gegnerschaft, als im- so exorbitanten Verschärfung lag— der Meinung der Sträflinge nach— nicht vor. Es seien in letzter Zeit nicht mehr Anzeigen über das Sprechen in der Kirche eingelaufen, als in früheren Perloden. früher aber habe es in der Regel nur 1 bis 2 Tage oder 3 bis 5 Nächte Arrest gegeben. Offenbar wollte man jetzt die gänzliche Ans- rottnng des Gedankcnaustanschs erzielen. Erst kürzlich sei auf Veranlassnng des Pfaffen der Genuß des Kaffers eingeschränkt worden. Vorher Hütten die Sträflinge immer den ziveiten Tag Morgens Kaffee bekommen, da habe es sich denn manchmal ge- troffen, daß auf einen Kaffeetag zugleich der Gottesdienst siel, der bei den Katholiken in früher Morgenstnndt abgehalten wird. Die Folge davon sei öfteres Austreten der Sträflinge während des Gottesdienstes gewesen. Diese Störung war den Pfaffen nnaugcnehni, und so schafften sie Abhilfe. Seitdem gab es in der Woche dreimal Kaffee und viermal Mehlsuppe. Mau wird einwenden: ist kaum der Rede Werth,— aber Im Zuchthans wird die geringste Verschlechterung von den Sträflingen bitter empfuuden. Unten im Hof Nr. 4 stellten sich die Sträflinge den Friedhof ent- lang, der neben der Anstaltsmaucr liegt, wieder in einer Front auf. Dann wurden mit dem Inhalt sämmtlichcr Nachteimer einige derselben vollgefüllt und eine Kolonne Züchtliüge mußte die vollen Eimer nach dem Ockonomiehof tragen. Währenddem hatten die Zurückgebliebenen- ihre entleerten Eimer in- und auswendig gründlich zu fegen und zu putzen. Aber Freistunde, wo bleibst du? Wohlan, als diese angenehme Arbeit gcthan war. konnten wir in einem eigens dazu bestimmten großen Kreis herumgehen, Einer hinter dem Anderen, mit acht Schritten Abstand. In der Mitte dieses Kreises stand ein Abort mit vier Abtheilungen. Wir Sozialisten nun zogen das Sitzen auf dem Abort dem ermüdenden cinförinigcn Laufen vor. Denn durch die Fugen und Riffe der Bretterwände bei den Abtheilungen konnten wir leise zilsammen reden. Da war es auch, Ivo ich Dave er- suchte, mich mit den Grundzügen der anarchistischen Theorie bekam t zu mache», und auch seine Zusage erhielt. Ich verhehlte ihm nicht, daß ich vom Anarchismus so gut wie gar nichts wisse. Außer einem Artikel im„Jahrbuch der Sozialwissenschaft", mehreren Broschüren, aber von Gegnern der Anarchisten geschrieben, und der„Freiheit" hätte ich nichts darüber gelesen. Aber ich muß gestchen, in Pnnklo des Anarchismus weiß ich'heute soviel, wie damals. Statt sein Versprechen einzulösen, gefiel sich Dave darin. die Führer der deutschen Sozialdemokraten zu verdächtigen nnd hernnter zu reißen. Und wenn niei» Freund Binger oder ich dem nicht gleichgültig zuhörten, sondern ihm scharf entgegen- schuldig, bezw. unwirksam hin? Weil für sie, als bürgerliches Organ, ess hanptsächlich darauf ankommt, es in den Augen der B e- sitzenden zu diskreditiren, weil sie es zu Gunsten des„vollkommen freien EigcnthnmS" bekämpft, des Eigenthnms, das erst dann seinen . Beruf erfüllt hat, wenn es in die wirthfchaftlich tüchtigste, d. h. die kapitalkräftig st e Hand gelangt ist. Laßt ab von diesem Beginnen, ruft sie den Landjunkern zn.„Gebt .höhere Löhne und gute Behandlung, dann hört die Sachsengängerei von selbst auf." Das ist ganz gut gesagt und mag auch ganz gut gemeint sein, aber gute Worte thun es einmal in der Welt nicht, und AgrarinS will keine höheren Löhne bezahlen, weil er sonst nicht bestehen, d. h. nicht„standesgemäß" leben kann. An diesem„will" oder vielmehr„will nicht" scheitert die liberale Heilmethode, mit Ermahnungen kurirt man keine sozialen Schäden. Gegen die Bestrebungen der Agrarier, die alte Hörigkeit wiederherzustellen, gibt es nur zwei Mittel: Erstens den organisirten Widerstand der Landprolctarier, nnd zweitens den Weg einer wirklichen Agrarreform im Sinne der Schaffung von freien Landarbeiter-Genossenschaften mit Staats- Kredit. Vor Bei dem aber schreckt das bürgerliche Gewiffen der „Liberalen Korresp." ebenso zurück, wie der heutige Militärstaat, der im Landjnnkerthnm seine edelste und beste Stütze erblickt. Den Landproletarier wird erst der Sozialismus erlösen. — Dem Oberspitzcl Krüger, der nun endlich auch kaltgestellt ist, widmet die Berliner„Volksztg." folgenden Nachruf: „Alle die Männer, welche fich durch ihre Charaktereigenschaften so vorzüglich zn Gehilfen des Systems Bismarck eigneten, verschwinden allgemach von der Bildfläche unseres öffentlichen Lebens. Die hervor- ragenden staatsmännischen Talente der Grafen Herbert Bismarck nnd Rantzau verkümmern im Verborgenen; Schweninger ist nicht mehr eine Zierde der Universität, und jetzt wird auch der Abtritt des durch im- zählige Reichsfeindverfolgungen bekannt gewordenen Polizeidirek- tors Krüger gemeldet. Er hat, angeblich auf direkte Veranlassung des Ministeriums des Innern, von der Schaubühne verschwinden müssen. Krüger war Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt und galt als die rechte Hand des Fürsten Bismarck. Er hat eine außerordentliche Karriere gemacht. Noch bis zum Jahre 1870 pflegte er in dem damals als Tingel-Tangel glänzenden Walhalla-Theater als Orchestcrinitglied den Fiedelbogen zu streichen, erregte aber dadurch, daß er mit den fremden Chansonettsäugerinncn französisch zu parliren verstand, die Anfmerksam- kcit des Polizeibeamten, der diese Pflegestätte der Kunst und Sitte überwachte. Und da unter den Nichtgentleman, die dem Molkenmarkt zn Gebote stehen, die Kenntniß des Französischen garnicht vorhanden oder äußerst rar war, legte jener Beamte dem strebsamen Musiker nahe, seine Talente in dem staatsrettenden Dienste der Geheimpolizei zn ver- werthen. Doch Krüger war zu hohen Dingen berufen. Als der Arnim- Prozeß im Gange war, gelang es dem nach Genf entsandten Krüger durch Manipulationen, die nie recht aufgeklärt worden sind, sich in de» Besitz des Manuskriptes von Graf Arnim's Broschüre zu setzen, welches zur Vernrthellnng dieses Bisinarckfeindes ansgenntzt wurde. Damit war Krügcr's Glück gemacht. Er war der rechte Mann sür das System d.r Neichsfeindverfolgnngen. Hand in Hand mit dem Fürsten Bis- inarck durchschritt der Polizeidirektor Krüger die letzten Jahrzehnte deutscher Geschichte. Sie passen beide vortrefflich zilsammen, und gewiß ist es rührend, zu hören, daß auch der Polizcidircktor a. D. Krüger jetzt zum Besuch in FriedrichSriihe envartet wird." Natürlich bezieht der Spitzelmeister, gleich den übrigen Säulen des Systenis Bismarck ein standesgemäßes Ruhegehalt. Für die Verdienste, die sich dieser Emporkömmling um die öffentliche Korruption erworben, wird er fortan jährlich achttausend Mark ans dem Steuer- säckcl des Volkes entnehmen. Man kann daher kanm von einer Sühne für die begangenen Missethaten reden. Was einen Mann von Charak- ter nnd Ueberzeugung tief kränken würde, läßt Geister vom Schlage eines Krüger verhältnißmäßig kalt. Dieser Mensch hat sich als jeden edleren Gefühls bar erwiesen. Zynisch brutal, wie sein Chef, hat er die nnsanberen Obliegenheiten seines Amtes mit einem gewissen Wohlbehagen zur Aussührnng gebracht. Er kannte nur ein Bestreben: fich nach oben hin als unentbehrlich, als wachsamer Hüter des Staats und der Staatshäupter zu erweisen. Bisinärck's Feigheit kam ihm dabei lvnnderbar zn statten, und wenn er fich im Stillen vielleicht Über die bodenlose Angst des Mannes von Eisen um seine Haut lnstig»lachte, offiziell ging er' auf alle Wünsche desselben um Schutz seiner kostbaren Person dieiistivillig ein— er kam ihnen wo- möglich noch zuvor. Auch den alten Wilhelm wußte er stets in heil- saineni Schrecken zn erhalten— wenn sich nicht gerade ein„Komplott" entdecken und vereiteln ließ, so mußte ein„revolutionäres" Flugblatt herhalten. Es ist notoriscki, daß der alte Wilhelm wirklich glaubte, ihm werde von den„llinstürzlern" nach dem Leben getrachtet. � Krüger war der Züchter der Jhring-Mahlow, der Itaporra, der Schröder. Er war es, der an Haupt in Gens schrieb:„Wir brauche» mehr, wir brauchen Nachrichten über ein geplantes A t t e n t a t." Krüger war es, der in Deutschland das System einführte, Leute durch Bedrohungen zur Spitzelei zn pressen. Wie oft er von Rechtswegen vor den Staatsanwalt gehört hätte, läßt sich nicht berechnen � i es möchte sonst eine stattliche Zahl herausschauen. Das Vorstehende war bereits im Satz, da erhielten wir von znver- lässiger Seite die interessante Mittheilimg, daß Krüger bereits feinen „Urlaub" angetreten hat, nnd, nachdem er in Friedrichsruh mit dem j.Chef" Konferenz gehalten, auf d e m W e g n a ch L o n d o n ist. Was ihn herführt?„Der nächstliegende Gedanke", schreibt unser GewührS-; mann,„ist natürlich: Die Abivicklnng mit seinen.Kunden", nnd deren sind es wahrlich nicht wenige in der Themsestadt. Aber das hätte sich auch, wie gewöhnlich, auf brieflichem Wege abmachen lassen, in solchen Fällen heißt es einfach: Wir brauchen Dich nicht mehr. Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen. Wenn Herr Krüger in höchsteigener Person reist, so hat es sich bisher selten traten, redeten wir uns öfter so in die Hitze hinein, daß der Aufseher einschreiten und uns erinnern mnßte, wo wir uns eigentlich befänden. Zum Glück->var unser Anssehcr von anderen Gefühlen gegen nus be- seelt, als der Direktor und die meisten der dortigen Beamten; er meldete uns nicht, nnd so geschah eS, daß derartige Szenen sich zn iviederholtc» Malen abspielten. „Kann die große gehaltvolle sozialistische Literatur in Deutschland Ihnen denn gar nicht jmpouiren?" fragte Binger eines Tages Dave auf dem Abort.„Und die fünfckälhundcrttänsend Stimmen der letzten Reichstagswahl, sind sie Ihnen kein Beweis von dem unanfhaltsamen Fortschreiten unserer Ideen? Nennen Sie uns ein Land, in welchem der Anarchismus ähnliche Fortschritte aufzuzählen hat?" >„Und wo sind denn die Erfolge, die ihr aufzuweisen habt, als daß euere Führer im Parlament sitzen, trotz euerer großen Literatur und großen Stimmcnzahl?" fragte Dave zurück. „Was hat denn die„Freiheit" für Erfolge erzielt, als den, das» zehn arme Teufel im Zuchthans sitzen," wandte ich ein.„Wahrlich, die Schreibiveise der„Freiheit", ihr roher Ton und ihr nncrschöpflichcr Vorrath von Schimpfwörtern ist nicht geeignet, Einfluß auf'Arbeiter- kreise zu erlangen; sie stößt viel eher ab." „Die„Freiheit" schreibt ganz gut," unterbrach mich Dave.„Das ist es eben, weshalb ihr in Teutschland noch nichts erzielt habt, trotz eurer gewaltigen sozialistischen Literatur, weil sie in einem zu gebildeten Tone gehalten ist, den das Volk nicht versteht. Wären euere Bücher, euere Broschüren und Zeitschriften geschrieben wie die„Freiheit", dann hättet ihr auch Erfolge aufzuweisen." Unter Erfolg verstand er Revolution. Seltsam, Dave, der uns gegenüber stets auf seine Bildung pochte, der sich der Freundschaft des Pfarrer Wocker und des Kaplan Peter rühmte,„weil er gebildet nnd ein Doktor sei", Dave, der sich Himmel- hoch erhaben dünkte über die deutschen sozialdemokratischen Arbeiter, „bei denen er wohl Schuhleisten, aber keine Bücher nnd keine Biblio- theken angetroffen habe." hier verwirft er die Bildung und empsiehlt die rohe Schreibweise der„Freiheit". Freilich, Tave's Ansichten werden gedeckt von der Taktik der An- archistcn. Aber deckt die anarchistische Theorie diese Taktik? Meines Erackitens nicht. Die Ideale der Anarchisten: Verneinung jeder Autorität, Alstonomie der Gruppe, setzen zu ihrer Verwirklichung— wenn sie überhaupt zu realisiren sind— eine Vervollkommnung der Menschheit voraus, die weit über den KominunismnS hinaus zu suchen ist. Dann ist aber auch bekannt, daß die Anarchisten weniger Werth dargllf lege», ihre Ideale UNI alte, in der Nc�el vieliiichr NM neue„Geschäfte" gehandelt.' lind wariim sollte er nicht jetzt ein Bischen auf eigene Hand in dein Artikel machen, in dem er als„pflichtgetrcuer Beamter" so Großes geleistet? So wenig wie der„Chef" in Fricdrichsrnhe, ist er damit zufrieden, nach so großartigen Leistungen„kaltgestellt" zu sein. Er ging in seinem Beruf auf, und so mag er daher ein glühendes Verlangen haben, seine Uncntbehrlichkeit„durch die T h a t" zu beweisen. Viel, leicht auch gleichzeitig die llnentbehrlichkeit des staats- rettenden Chefs. Jedenfalls"— schließt der Brief—„ist es nicht wahrscheinlich, daß KrügerS Reise nach London— ponr le roi de Prusse ist." Darum aufgepaßt! l — Mit Bezug ans den in voriger Nummer erwähnten Hochver- rathsprozcst sei noch folgende Notiz nachgetragen, die der Leipziger „Wähler" der dortigen„Gerichtszeitiing" entnimmt: „Die Wirkung des Urthellsspruchs war eine frappante. Gerade die einzige Vernrtheilte, Fr an Reinhold, war die am freudigsten erregte! Sie umschlang die drei Freigesprochenen mit den Armen, küßte sie und rief enthusiastisch aus: Minder, ick freu' mir nmn, daß Ihr freigesprochen seid!" Selbst die Thränen, die ihr Mann über ihre Vernrtheilnng weinte, konnten ihre Ausgelassenheit nicht herabstimmen. Man sah ihr an, daß sie nun, nach der Rettung ihrer Mitangeklagten, opferfreudig ins Zuchthaus ging." „Ob die Vertreter der alten Gesellschaftsordnung", bemerkt dazu der „Wähler",„mit demselben Mnthe für ibr„Prinzip" ins Zuchthaus gehen würden, wie diese Proletarierfrau für eine Sache, die wir trotz alledem nicht billigen können? Wir glauben es nicht. Die alte Ge- sellschaft hat weder Ideen noch Helden". — Man schreibt uns: Ter ReichSuörglcr in Friedrichsruh treibt's immer toller. Daß die Welt ohne' ihn fortbesteht, und sich, seit er tveg ist, sogar recht wobl befindet— weit wohler als vorher—, das macht ihn ganz rasend. Dabei vertilgt er unglaubliche Quantitäten Kognak, so daß die Katastrophe nicht mehr lange ausbleiben wird. Zu seinen neue- stcn Delirilims-Leistniigen gehört das Gcständniß, daß er seinen aller- gnädigsten Kaiser(in der Angelegenheit der Arbesterschutzgesetzgebunz) auf das Unverschämteste belogen und betrogen hat, und daß er bloß deshalb an die Luft gesetzt worden ist, weil er den zweiten Wilhelm ebenso hansmcicrn wollte wie den altersschwachen ersten Wilhelm, der beiläufig— wie jetzt nachträglich zugegeben wird— während der letzten 13(fünfzehn) Jahre seines Lebens genau so unschuldig an Illlcm, was in Deutschland geschah, war, wie ein nenge- borenes Kind. Die Schamlosigkeit des Bismarck'schen Ziegimeuts äußert sich am deutlichsten in der Rolle, welche dem ersten deutschen Kaiser� dem sogenannten Hcldengrcis, zugewiesen worden ist. Dieser Mann, von Natur nur wenig begabt, betrachtete i» seiner besten Zeit die Stelle eines Unteroffiziers als das h ö ch st e M e n s ch e n- I d e a l; ober schon in der Milte der siebziger Jahre war er vollkommen unzurechnungsfähig(wir gebrauchen mit Absicht dieses brutale Wort, welches allein der Wirklichkeit entspricht) und bis zum Tode des ersten Wilhelm hat Bisniarck als unumschränkter Herrscher regiert. Kein H a u s m e i e r der alten fränkischen Könige hat eine im- unischränktere Herrschaft ausgeübt, und alles, was über die„Geistes- frische" und„körperliche Rüstigkeit" des„Hcldengreiscs" in den Zeit- ungen veröffentlicht wurde, war von dem Bismarck'scheu Reptilien er- logen, bloß um zn verhindern, daß die„öffentliche Meinung" eine Regentschaft und den Regierungsantritt„unseres F r i tz" verlange. Genug, schmutzigere Geschichten sind in den höchsten Regio- neu keines Landes vorgekommen, als in unserer frommen Kinderstube, D e» t s ch l a u d.— veterum ceuseo— Bismarck hat mit wahrer„Genialität" die Rolle des berühmten Tölpels gespielt, der das Gegcntheil dessen schafft, was er erstrebt. Und wenn er sich in der Berliner Wilhelmstraße noch dann und wann die Maske des ernsthaften Staatsmanncs vorgehalten hat— in Friedrichsruh, seit er an die Lust gesetzt worden, hat er seine st aatsmän nische Impotenz nackt und feigenblattlos iu ihrer ganzen, urwüchsigen„Genialität" vor aller Welt p r o st i t u i r t. Pos Visus s'eu vont! Die Götter entpuppen sich vor vcrsammcltein Volk als ganz gemeine C h a r l a t a n e und Schwindler.— — AlS Beitrag zur Zeitgeschichte wollen wir übrigens doch die Ausplauderet Bismarck's über die Entstchnng der Arbeiter- schntz-Erlasse Wilheiiu II. hier festnageln. Einem Herrn Rittershans, Sohn des weiland demokratischen Dichters gleichen Namens und Redakteur des n a t i o n a l s e r v i l e n„Frankfurter Journals", er- zählte der abgetakelte Kanzler: „Ich glaube nicht, daß Miquel überhaupt irgend welchen Anthcil an den Erlassen hat. Miquel ist ein zn gewandter Partcitaktikcr, um kurz vor den Wahlen diesen Zündstoff in die Oeffentlichkcit zu geben..... Die Erlasse waren seit Langem eine Lieblingsidcc des Kaisers. Hintz- Peter, Donglas und Andere— kurz solche, die nicht im Dienste waren — haben mit Sr. Majestät darüber Berathungen gehalten. Der Kaiser versprach sich von de» Erlassen Erfolg bei den Wahlen. Mir wurde eine Redaktion gezeigt, die weitgehender war. als diejenige, welche erschienen ist. Ich war prinzipiell gegen die l Erlasse: sollten sie aber durchaus erscheinen— der Kaiser bestand daraus— so wollte ich wenigstens meine Redaktion durchsetzen, damit d i e E r l a s s e gemildert würden. Ich übernahm deshalb die Redaktion und schrieb die Erlasse in der jetzigen Form nieder— als Diener des Kaisers. Die Redaktion rührt also von mir her. Ich habe keinen Kollegen zugezogen. Ich fügte noch die internationale 5lonfcrcnz ein; ich dachte, sie sollte gleichfalls ei» Sieb fein, eine gewisse Hemmung dcS humanen, arbeite»'- dem Volke klar zn legen, sondern daß sie vielmehr Revolutionen um jeden Preis an den Haaren herbeiziehen wollen, wobei sie gezwungen sind, an die wildesten Leidenschaften zn appclliren. Wie sie mit einem solchen leidenschaftlich aufgewühlten Menschenmaterial ihre Ideale vcr- wirklichen und dauernd ausrecht erhalten wollen,— noch dazu, wenn die unerläßliche Bedingung, die ökonomische Unterlage, fehlt,— wie sir ein solches Kunststück zn bewerkstelligen gedenken, ist mir ein Räthsel. Wie schon oben zu ersehen ist, erfreute die deutsche Arbeiterbewegung sich nicht der Anerkennung Dave'S. Von Lassalle sprach er lvegwerfend: „Euer Doktor Lassalle."„Marx wird in sünfzig Jahren vergessen sein. Von seinem„Kapital" wird man in hundert Jahren kaum mehr reden, man redet davon, es wird widerlegt."„Es sei eine Schmach und eine Schande für die deutsche Sozialdemokratie, wie sie— namentlich Lieb- knccht— seinen verehrten Freund und Lehrer Baknnin verdächtigt und verleumdet haben." Meine'Ausführungen glaubte er am besten entkräften zu können mit den Worten: „Das haben Sie von Ihrem Freund Frohme; das hat Ihnen Karl Frohme gesagt." Ans der'Absprechung der Autorität anerkannter Führer der deutschen Sozialisten will ich Dave keinen Vorwurf machen, diese Absprechnng ist anarchistisch., Aber was nicht anarchistisch ist. und was ich ihm zum Vorwurf mache. ist. daß er sich selbst als eine Autorität aufspielte: er wurde ernstlich böse, wen» wir ihm als solche unsere Anerkennung versagten. Doch kehren von dieser Exkursion auf das Gebiet der Anarchie zur Freistunde zurück.. Die Sträflinge gehen im Kreil« herum. Wenn ein Fremder, ein mit unserer Zivilijatiou nicht Vertrauter, sehen könnte, wie sie lautlos nebe» dem Friedhof durch den Morgennebel dahinhnschen, die dunklen Gestalte» mit den bleichen eingesallene» Gesichtern, während der Ausseher mit verschränkten'Armen und scharf auslugend in der offenen Kirchhof- thür steht, er wäre versucht, anzunehmen, es seien die Bewohner deS Friedhofes, die da ihre Morgcnpromcnade hallen. „Zum Einmarsch antretcn!" Ans der Treppe lieferten wieder die angedrohten Peitschenhiebe den Gesprächsstoff. Es bestand tiefe Erbitterung bei den Sträflinge». Einer knirschte hinter mir:„Schon Schiller sagt: Auch eine Grenze hat Tyrannenmacht." „Schiller? Wo liegt denn Schiller jetzt?" hörte ich fragen. „Immer noch in der Fürstengruft zu Weimar", rcplizirte mein schlag- fertiger Klassikcrkenncr. frenndlicho» Elan uuseres Herrn. Ich glaubte, diese Konferenz würde sich gegen allzu große Begehrlichkeit der Arbeiter aussprechen, gleichsam Wasser iu den Wein gießen. Aber selbst diese geringen Erwartungen sind enttäuscht ivordcn. Die Ergebnisse der Kon- ferenz sind gleich Null. Es hatte Keiner den Mnth zu widersprechen, auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Die ganze Konferenz ist eine einzige Phraseologie; nicht eine Frage hat sie praktisch gelöst. Ueber- Haupt, es i st Illusion, den A r b e i t e r s ch n tz i» t e r u a t i o- n a l zu machen. Jeder Staat steht doch schließlich für die Jnter- essen seiner Industrie... Ich glaubte übrigens damals immer noch, daß der Staatsrath die Erlasse nicht billigen würde. Da aber auch der Staatsrath zustimmte, gingen sie durch— ohne mein Votum, ohne meine Gegenzeichmmg." Ueber die sozialpolitischen Ergüsse des industriellsten aller Staats- männer verlieren wir kein Wort. Vom stillen Kompagnon Bleich- röders sind wir solche Flachheiten längst gewohnt. Wir halten uns auch nicht weiter darüber auf, daß der Sägemüllcr und Schuapsbrenuer sein Möglichstes that, den„arbeiterfrenndlichen Elan" seines Herrn zu„hemmen", ihm einen Sieb vorzuschieben. Auch das ist nichts Ueberraschcudes. Bismarck ist nicht umsonst das Ideal des deutschen E r z- Sl u s b c u t e r t h u m s.' Was uns besonders interessirt, ist der Satz: Der Kaiser versprach sich von den Erlassen Er- folg bei den Wahle n." Mit andern Worten: der deutsche Kaiser, der bekanntlich über den Parteien stehen soll, habe mit den Erlassen ganz gewöhnliche Wahl- Politik getrieben. Nun weiß jeder, daß eine ganze Anzahl Leute in Deutschland zn ein- pfindlichen Gesängnißstrafen verurtheilt worden sind, weil sie sich ähnlich ausgedrückt haben sollen— die Richter fanden in solcher Vermuthnng eine grobe M a j e st ä t S b e l e id i g u n g. Jetzt bestätigt Bismarck diese Vermuthnng als den Thatsachen entsprechend. Und er ist dafür zwar vielfach angegriffen, aber nicht widerlegt, die Thatsache ist nicht i n A b r e d e g e st e l l t worden. Die Schlüsse, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand. Regierte Recht, so müßten die erwähnten Verurtheilungen jetzt sammt und son- ders k a s s i r t werden. — GetvissenSfrciheit— wie in Oesterreich. Der Arbeiter Michael Hruschka in Wien wurde am IS. März d. I. wegen Gotteslästerung zn 1» Monate» Kerker verurtheilt. Er sollte dieses Verbrechen dadurch begangen habe», daß er, in Gegenwart des geistlichen Rektors des Krankenhauses Wenzel. Janowitz und des Kirchendieners Mathias Stockcr, auf die Verwarnung des Rektors, Angeklagter möge seinen verstorbenen Genossen Joseph Winter nicht nm die Wohllhat eines katholische» Begräbnisses bringen und sich nicht der Verantwortung vor Gott aussetzen, im höhnischen Tone und mit der Hand zum Fenster hinansweisend, ausrief; H a, was i st Gott! Gott ist die Natnr. Christus war der größte Revo- l n t i o n ä r, der die alten Gesetze u in g e st o ß e n h a t." So die Anklage, die sich auf das Zeugniß des besagten geistlichen Rektors und des Kirchendieners stützte. Wären es nicht„Diener Got- tes", die Hruschka angezeigt, man würde statt„Zeugniß" e r b ä r m- l i ch e D e n n n z i a t i o n sagen müssen. Gegen das Erkenntniß reichte Hruschka beim k. k. obersten Gerichtshof Nichtigkeitsbeschwerde ein. Er machte geltend. daß es sich bei jener ihm zur Last gelegten Aenßerung lediglich um die Betonung seiner religiösen Anschauungen, um die Wahrung seines Slandpnnktes gehandelt habe, wozu er auf Grund der S t a a t s g r» n d g e s e tz e — welche die Gewissensfreiheit garantircn— berechtigt sei. Welcher Jrrthnm. Ilm li. Juni verhandelte der„k. k. oberste Ge- richts- und Kassationshof", über die Beschwerde Hrnschka's und erkannte „zn Recht", daß dieselbe zu verwerfen sei". Tie Wiener„Ar- beiter-Zeitiuig" druckt das Urtheil, welches die Verwerfung begründet, wörtlich ab, nm es„im Interesse der Kulturgeschichte" der Vergessen- heit zu entreißen. Und es ist in der That ein kulturgeschichtlich höchst bezeichnendes Dokument. Wir wollen mir eine Stelle herausgreifen: „.Zunächst läßt sich nicht verkennen, daß die Anschauimg der Be- schmerde, der Thatbestand einer Gotteslästernng liege nur dann vor, wenn die betreffenden Aeiißernngeii an und für sich, ganz abgesehen von der Absicht, in welcher sie vorgebracht wurden, eine Schmähnng oder Beschimpsung des höchsten Wesens enthalten, r e ch t S i r r t h ü in- l i ch i st. „Auch durch eine an sich vielleicht unsträfliche Aeußernng kann durch die Form, in welcher sie er- folgt, Verachtung des h ö ch st e n Wesens zum Aus- druck gebracht werden; deshalb kann auch nicht zugegeben wer- den, daß die vom Angeklagten vorgebrachte Acrßcrung: Ha, was ist Gott, Gott ist die Natur", unter den vom Gerichtshöfe für den kon- kretcn Fall sestgcstellteii Umständen, des Charakters einer gottesläster- lichen Rede entbehre. Birgt sich in ihr, als der Negation der von der Kirche gelehrten Realität des höchsten Wesens, auch zunächst nur der Unglaube des Thäters, so ward sie doch mit Rücksicht auf die vor- liegende böse Absicht des Angeklagten und mit Rücksicht auf die Art, wie sie vorgebracht wurde, zur Blasphemie, die Fortsetzung der Rede aber:„Christus war der größte Revolutionär, der die alten Gesetze umgestoßen hat", muß an sich als eine lästerliche bezeichnet wer- den. Das Gesetz schützt den Gottesbegriff im konfessionellen Sinne der vom Staate anerkannten Religionsgciiossenschastcn. Nach der Lehre der katholischen Kirche ist Christus Gott; eine göttliche Sendiuig war es, die er anf Erden zu erfüllen hatte, die E r f ü l l u» g d i e s e r S e n- d u» g d e r T h a t e iu e s R e v o l u t i o n ä r s gleichzustellen, heißt den mit der Sendung Betrauten lästern- denn beul gewöhnlichen Sprachgebranch nach bedeutet Revolution die Um- wälzung bestehender, durch Recht und Gesetz geschützter Verhältnisse im Wege unzulässiger Eigemnacht. Deni Angeklagten mag von stineni Standpuntte ans eine solche That als lobenswerth erscheinen, wie dies „Mach keine» Spaß. Schiller lag voriges Jahr neben meiner Zelle auf VI; er kam dann ins Lazareth und ich konnte bis heute nicht er- fahren, ob er wieder gesund geworden ist." Die Freistunde ist zn Ende, die Höfe werden mit andern Sträflingen belegt. Das dauert den ganzen Tag, so lange, bis Jeder seine Frei- stunde weg hat. Wir machten uns an die Arbeit, die, nur durch Essen und Trinken unterbrochen, bis Abends sieben Uhr fortdauert. In» Dunkelarrest. Das Weihnachtssest des Jahres 1882 rückte heran, richtiger, der Weihnachtsabend war schon da. Dasselbe Fest, das von de» Anhängern des Christciithiims schon 1800 Jahre lang übertrieben gelobt und ge- priesen wurde, das den Menschen Heil und Segen und der Erde Frieden gebracht haben sollte, so daß es nur an dem Unglauben der Menschen liege, wenn sie dieses Heil nicht erkennen können. Dem wird von den Gegnern des Christenthnms ebenso heftig wider- sprachen:„Das wahre Weihnachtssest des Friedens der Menschheit birgt die Zukunft." Und diese Widersacher haben leichtes Spiel. „Friede anf Erden!" Wo und wann war er zu finden, seitdem dieser Satz nach der Lehre der Christenheit verkündet worden?„Friede anf Erde»!" Noch nie, in keiner Periode vorher, war die Erde in solchem Maße der Tummelplatz fanatischer Versolgnng»nd Intoleranz; noch nie zuvor wnrde so Liebe gepredigt und Haß und Unduldsanikeit geübt, als ick der Zeit, wo das Christcnthnm sein furchtbares Zepter über die Menschheit schwang. O, das Mittelalter, das Eldorado jedes echten und rechten Christen, es ist noch nicht verschwunden, gehört nicht bloß der Geschichte an. Wohl- behalten hat sich das christliche Mittelalter in das Zuchthaus herüber- gerettet. Da drinnen hat die Kirche ihre alte Macht noch, da steht ihr der Arm der weltlichen Obrigkeit zu jeder beliebigen Vcrsügung: da stehe» ihr auch die Mittel, ja selbst die Folter, grausamer als zur Zeit der Inquisition, zu Gebote,»m ihrem Willen Geltung zu verschaffen. Und ob sie ihrem Willen Geltung verschafft? Wem anders Hab' ich es zn verdanken, daß ich jetzt schon 12 Tage im Dnnkelarrest bin? Wem sonst, als der maßlose» Herrschsucht eines Vertreters des Christenthnms, dem Pfarrer Wocker? Schon 12 Tage in diesem finsteren Loche! In einem sackförmigen groblcinencn Anzug, keine Strümpfe und keine Schuhe an den Füßen. die Beschwerde hervorhebt. V o m»z a ß g e b e n d e n S t a n d p nn k t« des Gesetzes kann in d e r H a n d l u n g s w e i je eines R e- v o l u t i o n ä r s nur ein Verbreche» erblickt werde n." Ist eine engherzigere, bornirtcre Auffassung denkbar? Jeder Satz fordert den Widerspruch des gesunden Menschenverstandes, der natür- lichen Logik heraus. Es ist eine„Lästcriing", Christus einen Revoln- tionär zn nennen, denn„vom Standpunkt des Gesetzes kann in der Handlungsweise eines Revolutionärs nur ein Verbrechen er- blickt werden". Schade, daß die Herren nicht zur Zeit Christi gelebt haben. Ihr Urtheil über die Bergpredigt müßte wundervoll aus- gefallen sein. � Es. lammt aber»och besser. Der Z 122, lit. a des österreichischen ssratgesctzbnches verlangt als Kriterium der strasbaren Gotteslästerung die O e f f e n t l i ch k e i t. Hruschka hat die ihm zur Last gelegte Aeußernng vor zwei Personen, dem geistlichen Rektor und dem während der Unterredung anwesenden Kirchendiener, gemacht. Folglich, dednzirt das Obcrgcricht, ist dieser Forderung des Gesetzes„n in s o- mehr" entsprochen, als— und man bewundere von Neneiil die Logik— ini Falle einer Begehung der Gotteslästernng in S ch r i f t e» das Merkmal der Verbreitung solcher Schriften als vorhanden erkannt werden müßte, wenn die Mittheiluug derselben an mehr als eine Per-- son erfolgt wäre". Wie in Bezug auf den Gedankengang des Erkenntnisses, so in Bezug anf die S t r a f a b in e s s n» g.„Der Kassationshos"— schließt das Urtheil—„hat aber auch die Berufung des Michael Hruschka im Punkte der Strafe zurückzuweisen befunden, weil die verhängte Strafe bei Festhaltung der von der ersten Znstanz richtiger- weise augenoustneiieu Erschwerungs- und Mildcrnngs-Umständen d e in V e r s ch u l d e n angemessen erscheint." Und Hruschka muß auf zehn Monate ins Gefängniß. Hätte einen bürgerlichen Schriftsteller oder Politiker ein solch schinach- volles Tendciiznrthcil getroffen, wäre einer der sog. Gebildeten für eine ähnliche Aeußernng nur zur Hülste oder zuni dritten Theil der Strafe verurtheilt worden, die ganze bürgerlich liberale Presse hätte ein Zetergeschrei erhoben über die bedrohte, die unterdrückte Freiheit der Gewissen. Schwungvolle Artikel wären über den Fall geschrieben worden, man hätte von„Märtyrern des freien Worts" gesprochen, vielleicht gar Sammlungen zn Ehrengeschenken für den Vcrnrthetltcn, jedenfalls aber Festessen zn seinen Ehren veranstaltet. Da es aber blos ein Arbeiter, ein Sozialdemokrat ist, verliert kein Mensch ein Wort über die Geschichte. Ein Arbeiter. Was hat ein Ar- beiter für ein Recht, mitzureden? Und ein Sozialdemokrat. Der m N ß ja verurtheilt werden. Die Geschichte geht uns nichts an. Leitartikeln wir lieber über die Bedrückung des Dentschthnms in Böhmen. Und die„öffentliche Meinung" geht über den Fall Hruschka zur Tagcsord- Illing über. Natürlich haben die Herren k. k. Hofräthc des obersten Gerichtshofs gewußt, oder sagen wir ljcber, i n st i» k t i v g e f ü h l t, daß es so kommen werde. Und darum ist die Presse, die zu solchen Urtheilen sch w e i zt, noch in höherem Grade für sie verantwortlich, als selbst die, die sie fällen. — Im Großen und Ganzen— schreibt man uns— hat zwar das Sozialistengesetz cinc gesunde erzieherische Wirkung ausgeübt, die drohende Verflachuug der Partei kräftig verhindert, den Massen Charakterstürke und Entschlossenheit verliehen, allein dadurch, daß es der öffentlichen Thätigkeit der Partei Hindernisse in den Weg legte, hat es auf der andern Seite auch zweifelhaften Elementen, die anf Schädigung der Partei ausgingen, das Spiel erleichtert. Wo das Sonnenlicht nicht hindringen kann, pflegt sich mancherlei Ungeziefer ein- zunisten, das aber sofort verschwindet, wenn die Schlupfwinkel dem Zutritt der Luft und des Lichtes geöffnet werden. Befreite uns das Sozialistengesetz von Schwächlingen und unklare» Köpfen, so wird die Aufhebung des Sozialistengesetzes uns mit einem Schlag von jenen lichtschenen Lebewesen befreien. Und dazu bedarf es gar keiner beson- deren Anstrengungen— die Sache macht sich von selbst, mit cle- mcntarer Gewalt. Die reaktionären Parteien sind fortwährend aus der Suche nach „Spaltungen" der Sozialdemokratie. Wenn in irgend einer Vcrsamin- lung einmal eine abweichende Meinung laut wird— sofort ist die „Spallnng" da. Die Herren Ordniingsparteilcr bcnrthcilen eben uns n a ch s i ch. Da sie selber keine eigene Meinung haben, sondern als richtiges und ächtcs Stimmvieh nur die Meinung des„Chefs"(eines beliebigen Bismarck, Hans oder Kunz) habe», so ist es für sie etwas Undenkbares, daß Jemand seine eigene Meinung haben könne, statt in dem allgemeinen Brei unterzugehe».— — Nun hat auch die amerikanische„Federation of Labor"— die Zentralisation der großen amerikanischen Gewerk- schaften— einen Ausruf erlassen zur Abhaltung eines Jntcruatio- »alc» Arbciterkougresscs im Anschluß an die 1803 in Chicago stattfindende Weltansstcllnng. Derselbe hat folgenden Wortlaut: „An die Lohnarbeiter aller Länder! Brüder! In der Erkenntniß, daß die Interessen aller Lohnarbeiter der Welt indentisch sind, daß ein gemeinsanics Band geuieiusainer Interessen und gemeinsamen Denkens alle Arbeiter verbinden sollte. und daß in Anbetracht der Thatsache, daß die Regierung der Ver. Staaten von Amerika zur Feier des 100. Jahrestages der Entdeckung dieses Landes beschlossen hat, in 1803 in Chicago eine Weltausstellung zn veranstalten, und da es ferner unser Wunsch ist, die frenndschastlichen Beziehnngen und das so nothwtiidige einheitliche Vorgehen und die Bcfestignng des internationale» Gedankens zur Besserung der Lage der arbeitenden Masse» und deren endliche Einanzipation zn fördern, erlaube ich mir, Sie zn benachrichtigen, daß während der genannten Weltansste'llung ein Z n t e r n a t i o» a l e r A r b e i t e r k o n g r c ß in Chicago stallfinden wird. Die zwei Beine des Sackes sind unten zusammengenäht, und der Anzug wird auf dem Rücken zusammengebunden, so daß ich beim Ans- und Anziehen erst die Hilfe des Kalfaktors in Anspruch nehmen muß. Das ganze Möblcment in dem Arrest ein Wasserkrug, darauf ein Stück schwarzes Brod— in Brod und Wasser bestand die Nahrung während drei Tagen, am vierten gab es warme Kost und ei» Bett, sonst ginge der stärkste Mensch zu Grunde.— Das Korrektiv oder die Ergänzung des Kruges bildete ein hölzerner Nachteimer, den ich. wenn der Deckel daraus war, als Stuhl verwendete. Der Deckel diente aber auch Nachts als Kopfkissen; ich lehnte ihn schräg an die Wand, damit mein Kopf nicht ganz aus den Fußboden zu liegen kam. Freilich mußte ich mir dann gefallen lassen, daß die aromatischen Dünste des Eimers die Lust verpesteten. Außer einem Rohr, das kaum einen Meter lang ans der Wand hcrvorlugte und das die Dienste des Ofens zn verrichte» halte, war in der Zelle nichts, aber auch gar nichts anzutreffen. Raum und schlechte Luft genug, aber kein Licht, kein Licht! Damit ich beim Promeniren in der herrschenden Dunkelheit nicht immer die Hände vorzustrecken brauchte, oder, wen» ich dieses unterließ. mein Kopf nicht stets in Kollision mit der Wand gerieth, zählte ich die Schritte, die ich machen mußte, genau ab, nm von einer Wand zur andern zu gelange». Aber wehe, wenn ich die nothwendige Zahl Schritte überschritt: die Wand erinnerte jedesmal meinen Kopf in»nztveiden- tigcr Weise an diese Ueberschreitnng. Das war ein Leben voller Wonne! Ganz nach dem Herzen eines Himnielsdnrstige». Die Heiligen des Mittelalters, diese ausgestorbene Spezies Gläubiger, hier im Dunkelarrest können sie wieder aufleben. Und wie leicht wird es Einem gemacht, den höchsten Grad der Heilig- keit zu erklimmen. Jede Versuchung zum Bösen ist fern gehalten; kein schlechtes Beispiel lockt verführerisch zur Nachahmung; alles sündigen in Handlungen, ja selbst in Gedanken ist ansgeschlosfta, denn die Gedanken sterben ab.»nd die Phantasie trocknet ein. Da ist„gut handeln leichter als andächtig schwärnien". Wocker weiß, wqs mir frommt, thut's die einsanie Zelle nicht, so thut's der Dunkelarrest. Wie da? gekommen ist? Das ist bald erzählt. (Fortsetzung folgt.) Der Zweck dieses Kongresses ist, die zahireicheil u»sere Interessen berührenden Fragen zn besprechen und zu forniuliren, der Sache des Fortschritts und der Zivilisation neues Leben einzuflößen und der Welt durch unsere unerschütterliche Entschlossenheit zu erkennen zu geben, daß wir darauf bestehen, uns eine» größeren Antheil an den Errungen- schaften der Neuzeit zn sichern, wie bisher. Wir senden Ihnen hiermit unsere herzliche und brüderliche Einladung zu diesem Internationalen Arbeiterkongreß, und wir appellircn an Sie, während des Jahres 1893 in keinem anderen Lande einen ähnlichen Kongreß abzuhalten. Es ist unsere Absicht, es dem Kongreß zu er- möglichen, die Arbeiterfrage von einem hohen und fortgeschrittenen Staudpunkt aus zn behandeln und den Gesichtskreis des ökonomischen Wissens und Denkens so weit zu machen, wie die Welt selbst. Ein provisorisches Er�sd-Komite, bestehend ans zwei Personen von jedem Lande ur.v fünf°von Amerika, wird in kurzer Zeit ernannt werden und bis zur Abhaltung von Konventionen in Thätigkcit verbleibe». Tie jeweiligen industriellen Kongresse ersuchen wir, bei ihrem Zu- sammentritt ei» Zweier-Komite zu ernennen, das als permanentes Exe- kntiv-Koniite für das respektive Land fnngiren soll. Jede in den Ver. Staaten bestehende nationale Gewerkschaft oder Arbeiter-Organisation ist ersucht, einen Vertreter durch ihre respektive Konvention zu ernennen, oder falls eine solche Konvention nicht recht- zeitig genug stattfindet, sollen die Exekutivbeamten, falls dieselben die Befngniß haben, die Ernennung eines Delegaten vornehmen. Gestatten Sie mir, die organisirten Arbeiter der ganzen Welt zn versichern, daß alles in unserer Wacht Stehende gethan werden wird, um ihren Aufenthalt in den Ver. Staaten angenehm sowohl wie inter- essant zn machen und den Kongreß so zu gestalte», daß derselbe der großen Sache, deren Vertreter zn sein, ich die Ehre habe, zum Ruhme gereichen wird. Die Einzelheiten der Arrangements werden Ihnen von Zeit zu Zeit mitgetheilt werden. Mit brüderlichem Gruß Im Auftrage der„American Federation of Labor", S a in l. G o m p e r s, Präsident." lieber die Tendenz dieses Aufrufs kein Wort. Man kann es nur als ein erfreuliches Zeichen begrüßen, wenn eine Organisation, wie die .Federation of Labor", deren Mitglieder nach Hnndcrttansenden zählen, einen solchen Aufruf in die Welt sendet. Etwas anderes aber ist die Frage, ob der Weg, der in und mit diese»! Aufruf beschritten wird, der richtige ist. Ein Internationaler Kongreß, der diesen Namen ver- dienen soll, kann nicht einseitig einberufen werden, sondern nur auf Grund vorheriger internationaler Verständigung. Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, daß nach den Beschlüssen des Pariser Kongresses erst die Frage des 1891 einzuberufenden Kon- gresses zn erledigen ist, und es dürfte sicher sehr zweckmäßig sein, wenn die Amerikaner sich zunächst mit denjenigen Personen ins Einvernehmen setzen, denen die Erledigung dieser Angelegenheit untersteht. Die„Fe- vcration of Labor" ist auch schon deshalb nicht geeignet, diese Sache ans eigene Machtvollkommenheit in die Hand zu nehmen, weil sie zwar einen sehr wesentlichen Theil, aber doch nur einen Theil der organisirten Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten repräsentirt. Dies läßt die Gefahr offen, daß, wie die„New Borker Volkszeitung" schreibt, aus Rivalität ein beträchtlicher Brnchtheil der Arbeiterklasse Amerikas sich auf dem Kongresse nicht vertreten läßt, wenn die Vorbereitungsarbciten allein in den Händen der Federation bleiben. Die„Volksztg." hält es ans diesem Grunde für praktisch, daß den Chicagoer Arbeiter- Organisationen die lokalen Vorbercitnngsetrbeitcn überwiesen werden, ini klebrigen aber versucht wird, das Komite des Pariser Kongresses zu bewegen, die allgemeiiien Vorarbeiten und die Zusammenberufung des Ehicagoer Kongresses in die Hand zu nehme». Bei dieser Gelegenheit glaube» wir von einer Berichtigung Notiz nehmen z» sollen, welche der Ehicagoer„Vorbote" mit Bezug auf die Beschlüsse der Chicagoer Sozialisten— deren wir in Nr. 28 erwähnten— jetzt veröffentlicht. Nach dem ersten Bericht hatte es N. A. geheißen: „Eine Anerkemning folgender Punkte ist nothwendig, um bei dem Kongreß Representation erlangen z n k ö ii.u e n." Es sollte aber heißen: „Eine Aiiertennnng folgender Punkte ist nothwendig, um bei dem A r r a n g e m e n t s- C o m i t e Repräsentation erlangen zn können." „Die Ehicagoer Arbeiterverbände", schreibt der„Vorbote",„maßen sich nicht an, dem Kongreß, falls er zustande kommt, Vorschriften machen zu wollen, nur wünschen sie, in dem Arrangement-Komite vertreten zu sein, und das ist doch gewiß nichts Unbilliges und zum Gelingen des Planes sogar nothwendig." " Selbstverständlich. Aber, wie gesagt, die Sacke steht noch in ziemlich weitem Felde, so daß wir nns vorläufig darüber noch nicht den Kopf zn zerbrechen haben. — Wider eine Todtcnfeicr. Der Wiener„Arbeitcrztg." bringt in ihrer Nummer vom 11. Juli folgenden Protcstartikel: Am 4. Juli gab es in Krakau eine große Feier. Die Polen hatten den Sarg, welcher die Gebeine des größten polnischen Dichters birgt, aus Paris� geholt, wo er feit 18SS geruht, und ihn in hcimathlicher Erde neu bestattet. Die nationale Trauerfeicr nahm äußerlich den großartigsten Verlauf. Zehntausendc von Menschen nahmen an ihr Theil, und die gcsammte Aristokratie, die hohe Geistlichkeit, Grafen und Fürsten, Bischöfe und Fürstbischöfe wetteiferten darin, der Erinnerung an Mickiewicz ihre Huldigung darzubringen. Wer war der, welchen die Herrschafte» so feierten? Mickiewicz war der größte polnische Dichter. Er war aber auch und vor Allem ein großer polnischer Revolutionär. Geboren 1798 in Litthancn, wächst er auf unter dem Eindruck der Zerreißung seines Vaterlandes, der Unterjochung seines Volkes. Mit 2(! Jahren wird er wegen „politischer Ilmtriebe" ins Gefäiigniß geworfen und in's Innere Ruß- lands verschickt. Hier schreibt er sein erstes größeres Werk, den„Kon- rad Wallenrod", welches ihn sofort in die erste Reihe der polniscken Dichter stellt. Es gelingt ihm 1829 ins Ausland zu entkommen. Zar Nikolaus war noch lange wüthend darüber, daß er„seinen und Ruß- lands Feind ans dein Käsig gelassen". Als dieser vom polnischen Auf- stand 1831 hört, eilt er heim,»in seincii Platz unter den Kämpfern ein- zunehmen. Nachdem die Revolution im Blnt ertränkt, geht er nach Paris, wo er von nun an in den ärmlichsten Verhältnissen kümmerlich lebt. Jeder Gedanke in ihm gehört seinem Volke. Seine großen Dich- tiingcii„Herr Thaddäus" und die„Todtenfeicr" athmen tiefste Trauer über die Knechtung seines Volkes, und thatbereiten, heldenhaften Haß gegen seine Unterdrücker. Polenthum und Katholi- zismns, welche die Ausgangspunkte seiner Entwicklung sind, wacksen in dem Emigranten zur echtesten revolutionären Energie.„Die Dichter", so sagt er,„haben den Brüdern vorauszugehen, den Völkern den Weg zn weisen, aber heute genügt das nicht mehr... Die Begeisterung muß That werden. Von nun an werdet ihr mich überall dort sehen, wo ich euch führen werde, indem ich meine eigene Brust im Kampfe hinstelle. Die Zeit ist gekommen, da die Begeislernng That, und die That Be- geisterung sein muß; denn in Gottes Werk ist, wie im Wetterstrahl, nur Ein Herniederfahreil— es ist kein Abschnitt zwischen Blitz und Schlag." Wenn Mickiewicz voni Volke spricht, meint er stets daS ganze Volk. Vis an sein Ende quält ihn der Gedanke, daß„seine Werke nicht zn den Bauern, zn den Arbeitern dringen, daß sie nur von Leuten gelesen werden, die verderbt seien". Die Liebe zum Polenthnm erweitert sich in ihm zur Liebe zur Menschheit, sein eigenartiges Christen- thnm zieht ihm die giftige Feindschaft der Pfaffen zn. Eine Professur, die er glänzend ausfüllt, wird ihm von der französischen Regierung cnt- zogen. König Louis Philipp bietet ihm an, ihn glänzend zn versorgen, wenn er nur„vernünftig" sein wolle; er lehnt ab, und ist so»n- vernünftig, in Elend und Armnth weiter zu arbeiten. In den Drei- ßiger Jahre» gab er eine Zeitschrift„Der polnische Pilgrinim" heraus; schon da steht er vollständig auf dem Boden der Demokratie, tritt er ein für die Allianz der Völker, den Kampf für die Freiheit, und Gleich? heit Aller, erklärt er„den Krieg allen Monarchie» Europas, alle» Regierungen ohne Ausnahme". Die Februarrevolution findet ihn als icvolntionären Kämpfer in vorderster Reihe. Er gründet die„Tribun» des Peuples"(Tribüne der Völker), welche sofort offen für die sozia- listischen Ideen Partei nimmt. Ganz bestimmt war Mickiewicz nicht Sozialist im heutigen Sinne. Aber er war Sozialist, wie cß eben ein Pole vor 40 Jahren sei» kouiite. War er gewiß zur theore- tischen Klarheit nicht durchgedrungen, so war sein revolutionäres Ge- fühl, seine Entschlossenheit, für die Befreiung der Völker zu kämpfen, darum nicht weniger energisch. Er schreibt:„Die alte Gesellschaft sieht sich von allen Seiten bedroht. Woran sie gewißlich keinen Mangel hat, das find Gensdarmen und Staatsanwälte. Mehr rohe Kräfte stehen ihr zu Gebote, als sie das römische Reich jemals besaß und als der Zar aller Reußen zur Verfügung hat. Was ihr aber fehlt, ist Sitt- lichkcit, Grundsätze, Ueberzeugungen"..,.„Das Gefühl des Sozialis- innS ist eine Gcistesrichtniig, die ein besseres Dasein sucht, nicht in der individuellen, sondern in gemeinsamer und solidarischer Existenz".... „Die letzten Revolutionen haben nns einige politische Wahrheiten ge- lehrt, welche von nun an als Axiome zu gelten haben: Das Volk, welches für seine Freiheit und Unabhängigkeit kämpft, hat alle alten Mächte und ihre Helfershelfer als scine Feinde zu betrachten; das Volk darf de» hohen Würdenträgern der Kirche nicht trauen, welche alle dem Absolutismus ihre Weihe geben, mag er katholisch, mohamc- danisch, orthodox oder atheistisch maskirt sein; das Volk muß ebenso alle Aristokraten abschütteln, die es unterdrückt haben, die es nnterdrückeil werden."... Noch 1849 bildete er in Italien eine polnische Legion, und während des Krimkriegs war er thätig, um die Slaven gegen Rußland zn bewaffnen. Die Strapazen des Feldzuges rieben ihn ans; er starb 1855. Wir machen nicht Anspruch darauf, von dem Revolutionär Mickie- w i c z hier ein Bild zu geben, noch weniger vermögen wir es von dem genialen Dichter. Einige Proben ans seinen Werken sollen unseren Lesern diesen großen Geist näher bringen. Was wir mit der flüchtigen, unvollständigen Skizze allein erreichen wollten, ist, daß unsere Leser es verstehen, wenn wir Protest erheben gegen die Art, wie Mieckiewicz gefeiert wurde, gegen die Leute, die ihn feierten. Die Herren aus Galizien, sie beherrschen heute Oester- reich, sie fitzen in allen Aemtern, sie bilden das, was man übereinge- kommen ist, den„Geist" der Regierung zu nennen. Mit andere» Wor- Icn, sie sind in allererster Reihe mitverantwortlich für den reaktionären Charakter der Regierung und Verwaltung Oesterreichs; sie stellen im Parlament das stets bereite Stimmvieh für jede Maßregel, welche die Volksfreiheit beschränkt, jeden Fortschritt hindert. Unter dem Vorwandc der Liebe znni polnischen Volke, eines„berechtigten nationalen Egois- mus" wissen sie Prosite und Profitchen zu ergattern, welche aber durch- Wegs mir die Säcke jener Handvoll reicher Grundherren füllen, welche sich als die„polnische Station" aufspielen. Und bei jedem Streiche, den sie gegen die andern Völker Oesterreichs führen, fügen sie zum Schaden noch den Spott, und deuten darauf hin, daß sie sich nicht eingedrängt in Oesterreich, daß Gewalt sie in ben Staatsverband gezwungen, und nehmen die Pose von Werkzeugen der„geschichtlichen Vergeltung" an. Als ob die Völker Oesterreichs Schuld hätten an der Theilnng Po- lens! Und als ob diese Herren nicht sehr gut verstiinden, die Hand zu küssen, die einst das Schwert gegen ihr Land getragen!— Und haben sie als„Patrioten" die Antonomie erkämpft, wozu benutzen sie dieselbe? Um das Volk, das eigene, polnische Volk schamlos zn be- brücken, es rücksichtslos ansznbenten. Man erinnere sich daran, was galiziiche Justiz, galizische Verwaltung ist; man lese den letzten Bericht des Gewcrbeinfpektors für Galizien, diese lange, eintönige, ergreifende Anklage: man beule daran, wie jede Regung der Bauer», der Arbeiter, der Stnbcntcn erbarmungslos niedergetreten wird in Galizien; wie die Paragraphen, nach welchen das geschieht, bei den Haaren herbeigezerrt werden; man denke daran, daß es in Galizien noch ärger bestellt ist um die Freiheit der Meinnngsäußcrnna, um die Wahrung der Rechte des ländlichen und städtischen Proletariats, als im übrigen Oesterreich. Noch mehr! Diese Menschen, welche es heute wagen, Mickiewicz zn feiern, sind bie beflissensten Lakaien Rußlands und feiner Knute. In blindcni Gehorsam wird jeder Rnsliefernngsbefehl ausgeführt, der von Petersburg kommt. Noch vor wenigen Tagen wurden zwei russische Studenten, Michael S z p n n t und Florian Skarzynski,„ausge- wiesen", das heißt, an Rußland ausgeliefert. Verhaftet aber die War- schöner Polizei einen österreichischen Ilntertbau. einen„polnischen Lands- mann", wie jüngst den Studenten Wladimir Schlehen, da sind die edlen Polen viel zn zartfühlend, etwa anzufragen, warum dies ge- fchehen und ihrerseits die Ansliefcrnitg ihres„Landsmannes" z» ver- langen, trotzdem sie sehr genau wissen, daß es sich nur nm den leeren Verdacht eines politischen„Vergehens" nach russischen Begriffen handeln kann. Bielleicht sind biese Alle auf dem Wege nach Sibirien zur näni- lichen Stunde, wo man in Krakau M i ck i e w i c z feiert--- „Aber, das ist nicht Alles! Ter Herzenswunsch von Mickiewicz hat sich erfüllt; der polnische Bauer weiß von ihm und der Arbeiter kennt ihn. Die Arbeiter wollten Theil haben an der Feier, und Massen- deputationen ans allen Landcstheilen sollten in Krakau erscheinen. Da verbot diese Regierung, in welcher zwei Polen das große Wort führen, ben Eisenbahnen, irgendwelche Ermäßigung für die Fahrt nach Krakau zu gewähren. Die Bauern glaubten mit Recht, den Vorkänipfer des polnischen Volkes am Beste» zn ehren, wenn sie unmittelbar nach der Feier, am 5. Juli, auf einem Bauern tage Zengniß von dem gei- stigen Erwachen der breiten Masse des Volkes gäben. Man sollte glauben, eine fromme Scheu vor ben Gebeinen des Dichters, die man mit großartigem Trancrgcpränge ins Land gebracht, würde wenigstens für den Augenblick den Herren Rücksichten und Respekt abzwingen. O nein, mitten in der tbränenrcichen Sentimentalität der Leichenfeier, wahrte man sich Kaltblütigkeit genug, den Banerntag kurzweg zu v e r- bieten--— M i e ck e w t c z ist todt, zum Ucberfluß zum zweiten Mal begraben. Die Herren, die breit und satt auf ihren Stühlen sitzen, habe» keine Lust, ihn wieder lebendig werden zn lassen. Todte Revolutionäre haben unter Ilmstände» ihren Werth; es ist so hübsch, das längst abgelegte Mänielchen alter Ideale wieder einmal nm die Schultern zn werfe». Aber man muß doch sicher sein, daß es bei der Rtaskerade bleibt. Der hohe Adel und das verehrliche Bürgerthnm, das sind ganz sichere Leute, sie sind so„vernünftig", wie der arnte Mickiewicz es nie werden wollte. Bauern und Arbeiter aber könnten Ernst ans der Sache machen, könnten sagen, daß M i ck i e w i c z und seine Gedanken gar nicht so todt seien, daß die Revolution noch lebe, nnd niehr als je---- bas aber geht nicht an. Den», todte Dichter begrübt man in allen Ehren, lebendige Revolutioiiärc aber, die sperrt man ein und liefert man ans!" — Immer die Alten. In ihrer Abschiedsnunmier hatte die„Lon- doncr Freie Presse" in möglichst unbestinimten Ausdrücken über„poli- tische Nänkeschmiederci" geklagt, deren sie erlegen sei. Darauf meint Hans Most, der dem genannten Blatt eine sehr gute Note ausstellt, diese Ränke seien vermnthlich„von den Machern des„Sozialdemokrat" angezettelt" gewesen. Was wir nickt alles auf dem Gewissen haben sollen. Unsere„Machen- schaften" gegen die„L. Fr. Presse" bestanden darin, daß wir die wie- derholten Anzapfiingen dieses Blattes hartnäckig ignorirten. Es ist übrigens eine alte Erfahrung, daß Niemand mehr. über„heim- tückische Ränke" ic. hculmeiert, als grade die Leute, die nicht wohl sind, wenn sie nicht niindestens in einem halben Dutzend Zettelcien ihre Hand haben. Niemand ist eisersüchtiger als ein alter Rone, Niemand mißtrauischer als ein Gewohnheitsfchwindler, und keine Nummer der Most'schen„Freiheit", in der nicht über„Stänker" hergezogen wird. Nachruf. Wieder ist ein braver Kampfgenosse aus unsern Reihen geschieden. Am Freitag den 13. Juli, Nachmittags 4 Uhr, erlag itnser wackerer Parteigenosse Herinani» ItSniiingrlinnseii, Buchbinder mis Köln a. Rh., im Alter von 38 Jahren der Protetarieriraukheit. Seit feinem 18. Lebensjahr gehörte er der Partei an, allezeit ein treuer, opferwillige»-, eifriger Verfechter unserer Grundsätze. Seine Beerdigung fand am heutigen Tage unter großer. Betheilignng von Seiten der hiesigen Genossen statt. Am Gralie sangen die Sänger des deutschen Vereins zwei passende Lieder und Genosse M a n z wid- niete dem verstorbenen Freunde und Genossen einen tief ergreifenden Nachruf.- Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Zürich, den 21. Juli 1890. I m Auftrage der Genossen. Erklärung. In Nr. 51 vom 17. Dezember 1885 dieses Blattes befindet sich eine Warnung aus München gegen den Schlosser, jetzigen Zigarren- Händler«viii-aS»rendel in Bamberg, welchem die Zugehörigkeit zur Partei bestritten und die Vertrauenswürdigkeit abge- sprachen wird. Brendel hat ein seit Jahren gefordertes Schiedsgericht endlich erwirft und dieses hat folgenden Schiedsspruch erlassen: In Rücksicht auf das Sozialistengesetz und die schlimmen Erfahrungen, welche� namentlich die M ü n ch e n e r Genossen gemacht haben, findet das Schiedsgericht das Vorgehen der dortigen Genossen begreiflich, je- doch findet es in dem Vorleben B r e n d e l' s keinen Anhaltspunkt, ihm die Zugehörigkeit zur Partei zn bestreiten-, ebensowenig lag eine be- gründete Veranlassung für die W a r n u n g im persönlichen Verkehr vor. Die in Nr. 51 vom Jahre 1885 des„Sozialdemokrat" gegen Brendel erlassene Warnung ist somit w i e d e r r u f e n. 14. Juli 1890. Der Beauftragte. Warniwg. Einem raffinirtcn Schwindler und Langfinger, der sich als „g e m a ß r e g e l t e r Genosse" aufspielt und, um Vertrauen zn er- wecken, eine Nummer des„Sozialdemokrat" vorzuzeigen pflegt, ist es gelungen, armen Genossen Geld abzujagen und sie zu bestehlen. In Hilden bei Düsseldorf ist er nach vollbrachter That bei Nacht und Nebel verschwunden, wahrscheinlich, um sein Glück anderswo zu ver-' suchen. Es ist dies der aus Hannover gebürtige Former I'Hodi'!«!» Küinniel, dessen Signalement wir beigeben, um zu verhüten, daß er auf diese Weise auch Andere beschwindelt und bestichlt. Kümmel ist 20 Jähre alt, mittlerer Statur und hat phlegmatischen Gang, Haare dunkelblond, Anflug von schwarzem Schnurrbart. Alle Genossen und Kollegen warnen wir hiermit dringend und bitten, wo er austaucht, ihm das Handwerk gründlich zu legen. Briefkasten der Redaktion: Briefe nnd Einsendungen erhalten ans Berlin (S), ChiSwick. Fluntern bei Zürich, Paris, Rom, Wmtcrihnr, Zürich. — X. y. o. in Rom: Für diese Nummer leider zu spät. Besten Dank. — C. in Fl.: Desgleichen. der Expedition: W. Hffm. Lond.: Pfd. 1.15 a Cto. Ab. ic. erh.— Romanus D.: Mk. 20.—& Cto. Ab. 2. Qu. k. eich, Nota ii. Bstllg. folgt.— H. v. N. W.: 50 kr. f. Schrft. erh. Am 17/7 Sdg. per chbd. abgg.— Kilian: Mk. 40.90 a Cto. Ab. zc. erh. n. bfl. am 18/7 Weiteres berichtet.— Rother Exekutor: Mk. 8.90 per 2 in- direkte Ab. 3. Qu. k. erh. Bestllg. folgt, sobald Cassa hier. Straf- porto können Sie verrechnen. Zwischenhand deshalb monirt.— Wohl- gemnth: Mk. 10«.— a Cto. Ab. k. erh. Auszug folgt.— L. P. Bp.: öwfl. 3.— Ab. M. per 3. Qu. erh.— Wahrer Jakob: Mk. 15.55 a Cto. Ab. u. Schft. erh. u. v. Weiierem Notiz genommen.— X.3. V.: Mk. 50.— a Cto. Ab. x. erh. Warnm nennen Sie die Nnmniern nicht? Auf„Zwische»durch"-Fthleiides können wir doch nicht rccher- chiren.— Pierrot: Soviel haben Sie ja gut, also keinen Rückstand. Bstllg. folgt u. bfl. Weiteres.— Sanerländer: Wir verlassen uns auf prompte Erfüllung Ihrer Zusage v. 15/7. Wann unser Anszng von Anfangs Febr. nicht ankam, konnten Sie aber doch per Karle reila- miren. Ihre letzten Gründe wollen wir eher gelten lassen.— Schütze»: Adr. lt. Vorlage v. 16/7 geord. u. Bstllg. notirt. Werden Zwischen- Hand rüffeln n. Ihnen briefl. eine Reklamation aus S. vorlegen. — Rother EiscnwurM: Zum Zeitvertreib reklamirt Niemand. Das „längst Expedirte" ist noch keine 8 Tage von dort weg. Ihr letzter Bs. mit total verstümmelter A d r e s s e kam z n f ä l l i g in richtige Hand. Bfl. Weiteres.— Alte Garde: Mk. 58.50 per Verläge a Cto. Ag. gutgebr. n. an, 10/7 Weiteres angewiesen. Wie oft sollen wir denn noch für„Eingebüßtes" eintreten? alter Freund!— Felix III.: Avis v. 14/7 erh. Erwarten umgehend Gegenrechnung u. Cassa, die dort seit einem halben Jahre eingerostet scheint.— Carl Schwarz: Nachr. v. 16/7 erh. Der Spekulant E. scheint gar nicht hinznmachcn sein. Gruß!— Gscheidle: Mk. 23.20 haben It. Ein- schicbsel v. 16/7 a Cto. gutgebr. n. Adr. nebst Bstllg. eingerenkt. Dem „Neuling" gehörten also dann die neulichen Rippenstöße. Rekla- mirtcs haben recherchirt u. am 18/7 bfl. näher berichtet.— Man» vom Volk: Bf. v. 16. am 19/7 beantw.— Nteßdiener: Was R. an- belangt, so sind die Gründe, die nach L. M. n. Lb. sehr eingehend gegeben wurden, ohne Zweifel stärker als Ihre Einsicht in die Sache. Der Ihnen vorgeschlagene Weg dorthin ist der kürzeste zu Ihrer Aufklärung. Weiteres ani 22/7 bfl.— Phönix: Indirekt unterwegs Befindliches war nicht so rasch anzuhalten. Fortstzg. lt. Wunsch ge- ordn. n. an die neuen Adr. dirigirt. Mehr am 22/7 bfl.— Muth u. Kraft: Bstllg. notirt u. am 2l/7 bfl. Weiteres berichtet. Avissrtes erwartet.— Heinrich: Gewünschtes ist am 22/7 bfl. abgg.». Weiteres notirt.— C. Grt. Old Charltn.: Sh. 12.6 per Ab. 3. Qu. erh. u. Lste. f. P. in Bälde erwartet. Dank f. Beilage betr. Lbg.— Immer Vorwärts: Mk. 1058.35 a Cto. Ab. u. Schrft. erh.— W. F. Schmid Philadelphia: 2 Pfd. a Cto. Ab. ic. erb. n. schriftl. Onttg. am 22/7 per P. K. abgesandt.- L. M. Pz.: Mk. 6.- f. 2 Ab. 3. Qu. erh. u. Sdg. ab. 27 bewirkt.— Monvement: Adr. lt. Äs. v. 21/7 geord»,— Rosa: P.-K. v.17. u.Bf. v. 15. am 19/7 beantw.».Beil. all actu genommen. chbd. hier. Nachrichten v. 19/7 kreuzten sich. Betr. Fb. elnverstayde». Sobald Klarheit, folgt M., wenn nöthig. Gruß!— I. St. C.: Mk. 6. 20 pr. Ggr. gutgebr. Niesenkonvert war ganz zerfetzt. Bitten künftig passenderes zu nehmen.— Rthr. Geldsack: Avis v 22/7 hier. Weiteres erwartet.— Merlin: Bf. v. 20/7 hier. Cb. wird besorgt. Weiterem entgegensehend.— P. E. Gdf.: Pfd. 1.17.9 pr. Einzhlg. erh. u. Brief erwartet.— Rthr. Hahn: Mk. 75.— Ab. 2. n. 3. Qu. 2c. erh. u. Adr. eingerenkt.— Wohlgemuth: Mk. 5V.— a Cto. Ab. ec. erh. u. bfl. am 23/7 weiter berichtet. Adr. geordnet.— E. Sch., Brüssel: Gelder, die nicht dirett an und durch uns vermittelt worden sind, qnit- tiren wir im„S.-D." grundsätzlich nicht. Verlangen Sie doch Qnit- tnng von den Personen, an welche Sie die Ilutersttzgsgldr. nach Berlin und Hamburg sandten. Bfl. Weiteres.— Clara: Nachr. v. 21/7 erh. II. Zusage ad notam genommen. Bfl. betr. Tkschft. Weiteres.— Michael: Wir noliren Bstllg. ii. gewärtigen Avivisirtcs. Drucken läßt übrigens Derartiges gewöhnlich n n r D er, d e m d a s V e r l a g s- recht zusteht. Was Jh»en recht scheint, wäre übrigens Anderen auch billig und— was dann?— rtttSrt«* Kommuuistischc» Arbeite» Bildnugs-Bcrei» 49 Totteiiham Street. Samstag den.26. Juli, Abends 9 Uhr, 31 i t g 1 i e d e r- V e r« n ni n» 1 u n g. Samstag den 2. August, Abends 9 Uhr Vortrag von Brgr. Bernstein. Zu zahlreichem Besuch ladet ein DaS Komite. Durch Unterzeichnete ist zn beziehen: Der ilrsprung der Emilie, des �ritiatcißenthnms ' und des Ttaats. Von Friedrich Engels. Preis 1 Mark. "*** Im Buchhandel angenblitklich vergriffen, bei»nS sowie der Schriftenfiliale i» Zürich noch zu beziehen: Sari Mari. Das Liapital, Bd. I. Mk. 9.— ----„ n.„ 8.- ff. Cmtlifin st?o.. 114 Kentisb'lowii Road, London NW. hriuted ior the proprieton by tbe OermaD Cooperative i'ubliiihinf Co. Kentisb Iowa Road 114 London/ NW.