Beilage des„Vorwärts" Berliner Volksbtatt Nummer 525 Sonntag, den 26. November 1916. 33. Jahrgang Hoffnung. Die uns nährte, alte Erde, Darbtest du der rechten Kraft? Durstig schlürfst du jungen Last, Daß ein neues Brot uns werde. Aus der Müden lleberrestea Wuchs dir nicht das rechte Korn. hingemäht im Völkerzorn Düngen heute dich die Besten. Stromweis darfst du Hoffnung saugen. Helles leichtes Knabenblut. Unverbrauster Jugend Mut Sickert aus gebrochnen Augen... Last uns, graue Erde, trauen, Daß dies Grausen nötig sei, Daß aus Tod und Wüstenei Schönre Ernten sich erbavent Daß ein Korn die Völker nähre, Süß zu essen, ohne Neid, Daß aus Streit und Wellenleid Liebe, Liebe sich gebäre! Daß aus deinen Hügeln schäume Einer neuen Freude Wein. Daß dein letzter Gipfelslein Sich mit Bundeskränzen säume... hoffen laß uns, alte Erde, — Diese Hoffnung raube nicht— Daß ein Menschenangesichl Wieder wert und heilig werde! (-)_ Bruno Frank. Der Tag öer Toten. Vm Franz D i e d e r i ch. Herbstkränze werden auf Gräber gelegt. Die Ruhestatt der Toten wird noch einnial ein Garten. Dann kommt der Winter und läßt all die Hügel, zu denen heute das Herz der Lebenden wandert, erstarren. Schön ist der Brauch dieses Tages, denn er bezeugt Liebe, die über den Tod hinaus dauert. Sie senkt schmerzlich die Hand auf alte und auf neue Gräber, fühlt sich dem Un- abänderlichen nah und erntet Trost.. Der Tod muß sein: wir müssen ihn dulden. Wohl dem, der zu Stätten schreiten kann, wo das ruht, was er nahm! Führt auch der Weg nicht über die Trennung hinweg, die ohne Brücke ist, so trägt er doch den Gruß näher an das un- endlich Entfernte heran. Aber Unzählige finden heute den Weg nicht und werden ihn niemals finden. Sie stehen in ratlosem Schluchzen, und zögernd ivagt kaum das eiserne heilige Gebot des Lebens, daS stark bleiben muß, sich an sie heran. Wenn sonst die Menschen, die an diesem Tage mit Kränzen zu Friedhöfen zogen, doch immer, wie viele es auch waren, ihr einzelnes Leid trugen, wie anders empfinden sie heute den Tag! Unzählige wissen nicht, wohin ihr Kranz zu tragen ist. Das Ziel ihres marternden Schmerzes liegt irgendwo in der weiten Welt. Auf irgendeinem fremden, unerreichbaren Acker, in steinig-rauhem Gebirg, in unergründlichem Meer. Millionen Gräber, die ohne Namen sind. Kein Friedhof, den nur das Weh der einzelnen sucht— ein Weltfriedhof, jäh angebaut. an dem Völker und abermals Völker grauenvoll teilhaben. Der Totensonntag bezeugt Jahre blutiger Not. Er ist zur erschütternden Weltfeier aller geworden. Wir schreiten mit Herzen, die eine zerriffene Flur ge- worden sind, schreiten inS Ungewisse, neuen auftürmenden Schrecken und Opfern entgegen, und ballen knirschend die Faust. Nicht ausdenken können wir, daß je die Flur sich uns Lebenden glätte. Wir fühlen, daß unersetzliche Kraft der- nichtet ist. Und doch, wir bäumen uns auf. Wir sind das Leben, und Leben muß über jede Qual hinweg. Es mutz über Gräber vorwärts! Unersetzliche Kraft! Väter, Kinder. Brüder! Männer und Frauen— herrliche Güter— zerschlagen, zerstäubt— daS Beste an rauhe Gewalt gesetzt— ungeheurer Heldenmut. im Frieden gereist, verlodcrt in grausigem Tun! Die draußen kämpfen, wir sehnen sie schmerzlich heim und müssen doch Herr sein über den Schmerz und die Klage verdrücken und rufen: Steht fest! haltet aus I Die Welt ist aus den Fugen... Wer renkt sie ein? Wer sät das Verlorene neu? Uebermenschliches fordert die Zeit uns ab. Wir wollten sie treiben, das menschlich Größte zu leisten. Aber zwang sie unS auf eine Bahn, die nur der Unmensch lieben kann, so soll sie uns das Herz des großen Wollens nicht knebeln. Den sichern Bau deS Friedens wollten»vir zimmern und richten. Stärker mächst mitten im Krieg dies Ziel. Die Stunde schlägt, wo diesem Gebot der Weltkrieg selber sich beugen muß. Es ist sein großes Verhängnis. Die Mauern, daran wir bauten, werden weiterwachsen. In ihre Wände ist ein blutig furchtbares Opfer gelegt sie werden halten und werden dauern. Unzählige, die vordem den Grundbau der Mauern nicht sahen, verloren die Blind- heit der Augen. Und sie werden mit fiebernden Händen Steine und Mörtel tragen, auf daß der Schutzbau unseres Lebens gedeihe. Haben wir je gewußt, was Leben bedeutet, heute wissen wir's mehr. Das Weltheer der kämpfend Verbluteten schart sich zu riesigem Zuge: so unabsehbar ziehen die stummen Reihen, daß unser Leben nicht ausreicht, ihn ganz vorüber- zulassen. Wir sind den Toten den Schutz der Geschlechter der Zukunft schuldig. Totensonntag! Totensonntag! Wir können unzählige Gräber nicht schmücken, aber in jedem Grabe soll einer ruhn, der unS den Willen glühender macht, den Sonntag des Lebens zu bereiten. Das Dienftpfil'chtgesetz imö öie Zrauen. Von Clara Bohm-Schuch. . Der neue Gesetzentwurf über den„vaterläniiischen Hilfsdienst" trifft nur die Männer, die Frauen läßt er frei. Das sieht zunächst wie eine Bevorzugung der Frauen aus, so, als solle ihre persönliche Frecheit im Arbeitsverhältnis nicht angetastet werden. Bei näherer Betrachtung der Dinge kommt man jedoch zu anderen Schlüssen. Von einer„Frei- heit" in dem Sinne, daß es der Frau anheimgestellt ist, ob sie arbeiten will oder nicht, kann bei den meisten schon heute keine Rede sein, denn die wirtschaftliche Notwendigkeit schafft den Zwang zur Erwerbsarbeit. Und auch von einer Freiheit in der Wahl der Beschäftigung werden die meisten arbeitenden Frauen absehen müssen. Das Angebot an weiblichen Arbeits- krästen irber steigt die Nachfrage, und so tritt,'da die Frauen gewerkschaftlich schlecht organisiert sind, ungesunde Konkur- renz ein und Angebot der Arbeitskraft zu niedrigen Löhnen. Verdienen doch heute schwerarbeitende Frauen vielfach Stundenlöhne von 25 bis 27 Pf.; Wochenlöhne von 12 biS 17 M. sind in vielen Industrien an der Ordnung. Nach dem „Reichs-Arbeitsblatt" kamen im September auf 100 offene Stellen 134 Bewerberinnen. Und in diesen Zahlen drückt sich nicht einmal die tatsächliche Arbeitslosigkeit der Frauen aus, da noch immer viele Stellen unter der Hand oder— wie im kaufmännischen Berufe— durch Zeitungsinserat vermittelt werden. Hierzu kommt noch die große Zahl der Frauen, welche gerne arbeiten möchten, weil ihre wirtschaftlichen Ver- hältnisfe es dringend erfordern, und die doch um der Kinder willen das Haus nicht verlassen können. Wird nun den arbeitsuchenden Frauen nicht eine neue Konkurrenz dadurch erwachsen, daß die Scharen der Männer, die bisher nicht gearbeitet haben, dies nun tun müssen? Ist es nicht sogar wahrscheinlich, daß die besserbezahlte Arbeit zu- erst an Männer vergeben werden wird? So kann aus dieser Pflicht der Männer in der Praxis leicht ein Unrecht gegen die Frauen werden. Beabsichtigt ist das sicher nicht, aber der Erfolg des Gesetzes könnte so sein, und deshalb wäre es im Interesse der Frauen besser gewesen— wenn die Zeit nun einmal die Zivildienstpslicht erfordert—. auch sie unter dieses Gesetz zu stellen. Wenn dadurch auch alle Damen zu einer rechtschaffenen Arbeit gezwungen würden, so wäre das mir nützlich und gut, und die Achtung vor Arbeit und arbeitenden Menschen würde sicher durch den allgemeinen Arbeitszwang am besten gehoben. Dadurch würde zwar das Angebot an Arbeitskraft noch vermehrt werden, aber wenn die Pflicht zur Arbeit für alle Menschen, gleichviel welchen Geschlechts, besteht, dann ist da- mit gleichzeitig das R e ch t a u s A r b e i t gesetzlich festgelegt, und um dieses Recht handelt eS sich für die arbeitende Frau. Es müßte dann entweder ausreichende Arbeit beschafft werden oder es müßte von Staats wegen eine Arbeitslosenversiche- rung ins Leben treten, deren Unterstützungen so bemessen wären, daß sie den Lebensunterhalt garantierten. Während des Krieges sind viele Frauen und Mädchen aus wirtschaftlicher Not aus die abschüssige Bahn geraten. und solange ein erhebliches Ueberangebot an unorganisierten weiblichen Arbeitskräften vorbanden ist, welches die Löhne niedrig hält, werden sich diese Verhältnisse kaum ändern. In dem Kmnvs zwischen Moral und Hunger wird auch bei tapferen Kämpferinnen schließlich der Hunger siegen._ Durch die Verpflichtung und Berechtigung zur Arbeit bei aus- kömmlicher Entlohnung könnten viele dieser Frauen wieder auf den richtigen Weg gebracht und als nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft erhalten werden. Wir Sozialisten haben immer betont, daß cS verkehrt wäre, die Frauenarbeit an sich zu bekämpfen, weil mit ihr die Befreiung der Frau cms wirtschaftlichen Fesseln verbunden ist, aber gegen ihre schädigenden Wirkungen muß Front ge- macht werden, heute mehr denn je. Dazu gehört in erster Linie das Wiederinkrastsetzen der Arbeiterinnen- s ch u tz b e st i m m u n g e n. � Das Ueberangebot an weib- lichen Arbeitskrästen beweist, daß kein Grund mehr vor- handen ist, die Kriegsbestimmungen auf diesem Gebiete aus- rcchtzuerhalten. Und dann ist es vor allen Dingen notwen- dig— wenn durch Gesetz den Frauen das Recht auf Arbeit nicht gegeben wird—, denjenigen Frauen, die gerne arbeiten wollen, es aber nicht können, weil sie Mütter sind, die Mög- lichkeit hierfür zu schaffen. Wer von den seelischen Konflikten redet, in welche die erwerbstätige Mutter verwickelt wird, mutz immer gewärtig sein, als sentimentaler Mensch abgetan zu werden und doch sind Grund und Entscheidung in all diesen Zwiespältigkeiten praktische, nüchterne Erwägungen. Jede K r i c g e r f r a u, die Mutterist, und die nicht eben zu den Damen gehört, wird sich beute der Tatsache gegenüber sehen, daß sie entweder sich und ihre Kinder nur unter großen Entbehrungen durchs Leben bringen kann oder daß sie Eriverbsarbeit tun muß. In der Heiniarbeit kann nur ein Bruchteil dieser Frauen be- schäftigt werden; die übrigen müssen also Kinder und Haus den Tag über verlassen und in einem Betriebe Arbeit nehmen. Letztere Lösung würde sicher von den meisten Müttern ge- troffen werden, wenn sie die Kinder in gute Obhut geben könnten. Da es aber an staatlichen Kinderkrippen und-horten ganz, an kommunalen zum größten Teile fehlt, so kann von einer gnten Unterbringung der Kinder nur in Ausnahme- fällen die Rede sein. Die Kinder müßten sich meistens selbst überlassen bleiben, besonders wenn sie schon im schulpslich- tigen Alter find. Für jede denkende Mutter, die die Gefahren der Straße und des Alleinseins für die Kinder kennt, wird die Entschei- dung sehr schwer sein. Kinder nicht sattmachen zu können, ist furchtbar: Kinder auf Abwege gleiten zu sehen, noch furcht- barer! Da der Hunger zuerst in die Erscheinung tritt, werden viele Mütter sich, trotz schwerster erziehlicher Be- denken, entschließen, aus dem Hause zu gehen, um das Brot zu verdienen, und nach einiger Zeit werden viele es wieder einstellen, weil sie sehen, daß der Schaden größer werden könnte als der Vorteil ist. Warum berücksichtigt man trotz aller Mahnungen die be- rechtigten Ansprüche der Mütter nicht? Warum schafft man nicht endlich von Staats wegen unter Heranziehung der Gemeinden Fürsorgeeinrichtungen für die Kinder erwerbs- tätiger Frauen? Alle Kinder erwerbstätiger Frauen bis zu 14 Jahren sollen geschützt werden, denn jedes Alter hat seine besonderen Gefahren, und der wichtigste Grund für die Gefährdung der Jugend liegt in der Schutzlosigkeit der Kinder. Wohl sind Kinderkrippen und- horte nicht im Hcnrdumdrehen zu schaffen, aber wenn man von ollen„Er- Hebungen" absehen und die Probe aufs Erempel machen würde, wäre die Schaffung von geeigneten Einrichtungen in kurzer Zeit möglich. Der Beweis für die Notwendigkeit ist längst erbracht durch die Zahlen der erwerbstätigen Frauen überhaupt; unter diesen befanden sich bei der Berufszählung von 1907 schon zirka 4 Millionen verheirateter— und jetzt? Groß-Berlin hatte nach'der Schätzung der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge schon im Jahre 1910 zirka 50 000 für- sorgsbedürstige Kiirder im Alter von zwei bis sechs Jahren. Daneben ist es eure Notwendigkeit, die Halbtags- arbeit einzuführen. Was immer im allgemeinen gegen diese Arbeitsteilung sprechen mag, für die verheirateten Mütter ist sie notwendig. Mütter kleinerer Kinder werden in der Regel besser am Nachnnttag, Mütter schulpflichtiger Kinder besser am Vormittag das Haus verlassen können. Dann bliebe den Kindern Ordnung und Mutterliebe erhalten und Mutter und Kinder würden vor den größten Entbeh- rungen bewahrt. Es ist in der Diskussion über die Dienstpflicht besonders darauf hingewiesen worden, daß es an k a u f m ä n n i s ch ru Kräften, an„Kopsarbeitern" mangelt, aber gerade für den kaufmännischen Beruf gilt das vorher von mir Gesagte ganz besonders. Es gibt viel tüchtige, kaufmännisch geschulte Frauen, besonders Kriegersrauen, die gern in dem früheren Berufe tätig sein möchten, wenn— sie nicht Mütter wären. Für andere Arbeiten der Kriegsindustrie komnien diese Frauen— soweit besonders, als sie Kontorarbeiten verrichtet haben— wenig in Frage. Die Kräfte sind nicht durchs Ge- Wohnung an schwere Arbeit gestählt: sie sind eben auf die „Kopsarbeit" eingestellt. Im kaufmännischen Berufe ist aber die Halbtagsarbeit bisher überhaupt nicht eingeführt. ES wird— leider auch noch von den meisten Verbänden— als eine Unmöglichkeit betrachtet, für den kaufmännischen Berus zu dieser Aenderung der Arbeitszeit zu greisen. Es sind Schwierigkeiten vorhanden, das soll gewiß nicht verkannt werden, aber sie sind nicht so groß, daß sie nicht überwunden werden könnten. Vor allen Dingen ließe sich diese Arbeits- teilung bei den Kriegsgescllschaften wohl einführen. Das Ueberswndensystem ist auch in diesem Berufe noch in Blüte; auch bei den Kriegsgesellschaften werden nach Bedarf Ueber- stunden gemacht. Diese könnten ohne weiteres zugunsten der Halbtagsbeschäftigung und zum Vorteil der Gesellschaften aufgehoben werden. Vielen Frauen wäre schon bannt ge- Holsen, wenn sie bei anständiger Entlohnung aushilfsweise in Halbtagsschichtcn beschäftigt würden. � Taufende von Frauen würden gerne erwerbstätig senr. wenn ihnen im vorstehenden Sinne die Möglichkeitelr ge? schaffen würden. Die Fürsorge für Mütter und Kinder soll sich nicht in Worten erschöpfen, sondern sie soll Tat werden. Keine Unterstützung kann unter den heutigen Läbensverhäl�, nissen ausreichen zur Erhaltung einer Familie, wo der Bat« im Heeresdienste steht. Darum sollte vor allen Dingen den Müttern die Möglichkeit des Verdienstes gegeben ivevden, ohne sie in seelische Konflikte zu treiben, die ihre Arbeits- kraft unbedingt beeinträchtigen müssen. Wäre das Arbeitspflichtgesetz auch auf die Frauen ausgedehnt worden, so wäre die Erfüllung dieser Forderungen eine notwendige Voraussetzung für die Durchführbarkeit des Gesetzes gewesen. Werden die arbeitenden Frauen nun end- lich begreifen, daß ihnen kein anderes Kampsmittel zur Ver- besserung ihrer Lage bleibt als die Selbsthilfe, als der Z u- s a m m e n s ch l u ß in den gewerkschaftliche» Organisationen?_ Sozialifierung ües Rechts. Von Hugo Heinemann. WaS find Gesetze, ReStSnormen? Für den Formaljuristen find sie nichts anderes als Befehle, die der Staat zur Regelung der be- stehenden Ordnung geschaffen hat und die auf daS Papier des „ReichsgesctzblattL" gedruckt sind. In seiner Studie»Die soziale Funktion der RechtSinstitute". der wohl tiefsten Arbeit, die uns die sozialistische Rechtswissenschaft der neueren Zeit gebracht hat, sagt Joseph Karner:»Dieselbe Gesellschaft, welche die Lohnarbeit des Bergarbeiters ökonomisch um- setzt in Börseneffekten, setzt sie juristisch um in Paragraphen eines Gesetzblattes". Diese Paragraphen nun werden durch eine Schranke geschieden — die äußerlich so scharf gezogen erscheint, als beruhe sie auf einem Naturgesetz— in privat- und öffentlich rechtliche Normen, je nachdem diese die Interessensphäre des einzelnen Individuums oder das Wohl der Gesamtheit regeln. In Wahrheit aber ist diese Grenze nur eine künstliche. OessentlicheS und Privatrecht gehen in- einander über, wie sofort erhellt, wenn man sich klar wird über »die soziale Funktion der Rechtsinstitute". Je stärker die Gesellschaft gezwungen ist. die sozialen Funktionen der NechlSinstitute in den Vordergrund zu rücken, je schärfer sich der Staat genötigt sieht, hemmend und zügelnd, regulierend und ord- nend in die private Freiheit einzugreifen, um so mehr verliert jeg- liches Rechlsgebiet den Charakter eines reinen Privatrechts und wird zu einer sozial« oder öffentlich-rechtlichen Vorschrift. Diese Erkenntnis ist gewiß nicht neu, sie ist in dem zwei- bändigen Werk des verstorbenen Göttinger Juristen Rudolf v. Jhc- ring»Der Zweck im Recht" in ein großes wissenschaftliches System gebracht worden. Trotz seiner vollkommenen Unkenntnis vom Wesen !eS SozialiSmuZ zeigt er unZ, wie die landIZufigs flache Definition der Juristen, Eigentum sei.die volle rechtliche Herrschaft über eine Sache*, durchaus nicht einmal für das römische Recht zutrifft, geschweige denn für die Zukunft aufrechterhallen werden kann. Er zeigt, wie der gesellschaftliche Charakter der Privatrechte, der Gedanke, daß alle vom Privatrecht verliehenen Befugnisse, wenn sie auch zunächst nur das Individuum zum Zweck haben, gebunden sind durch die Rücksicht auf die Gesellschaft, immer stärker nach rechtlicher Anerkennung gegenüber der individualistischen Auf« fassung schreit. Dieselbe Entwicklung sehen wir bei der Stellung der RecktS- ordnung zur menschlichen Arbeit. Immer mehr schwellen hier die Vorschriften an, die der Jurist.zwingende' nennt, deren Wesen in ihrer.Unabdingbarkeit' liegt. DaS Recht zwingt den ein» zelnen Arbeiter, selbst wider seinen Willen frei zu sein. Trotzdem er durch Vertrag mit dem Unternehmer auf gewisse Rechte verzichtet hat, bleiben ihm diese dennoch gewahrt. Für das Recht hat der Privat- vertrag, wenn er als ein unsittlicher angesehen wird, keine Existenz. Diese Entwicklung nun— das ist das Neue— hat durch den Krieg eine Ausdehnung und Beschleunigung erfahren, die auf das sorgfältigste beachtet werden mutz. Gcwitz finden wir in der Ge- schichte des Rechts leise Ansätze zu dem Gedanken, datz der Produktions f r e i h e i t, die privater Willkür Lberlaffen ist, ein Produktions zwang entsprechen müsse. Wer z. B. Rechte aus dem Leben beanspruSt, so sogt daS alte Deutsche Recht, hat auch die Pflicht, das Lehen zu nutzen. Zögert der Bergwerkseigentümer mit der Hebung der Schätze des Bergwerks, so entzieht ihm das Berggesetz das Bergwerkseigentum. Zum Wohle des gemeinen Wesens macht das preutzische Landrecht den scharfen Einschnitt in die Privat« Wirtschaft, datz der Staat jedermann zum Verkaufs seiner Sachen, insbesondere auch seiner Getreidevorräte behufs Abwendung einer drohenden Hungersnot zwingen darf. Diese gesunden Keime hat die Manchesterlehre rücksichtslos zer- treten, bis uns der Krieg eine Flut von Verordnungen gebracht hat, die das mit starkem Strasschutz umgebene öffentliche Jnter« esse der Bermgungsfteiheit des Eigentümers über seine Sachen gegenüberstellen. Gab es bisher einen privateren Akt, als den Willensentschlutz des Einzelnen, zu der- brauchen, was ihm gefällt, und sich diesen Genutz das kosten zu lasten, was ihm beliebt, sofern er nur das nötige Kleingeld hatte? Der Verbrauch war ein Wirt- schafllichcr, kein rechtlicher Vorgang. Heute regeln diese Frage Legionen von Gesetzen und Verordnungen. Wer mehr fordert, als der Siaat für angemesten erachtet, aber auch wer mehr zahlt, ist dem Strafrichter verfallen. Die Wucherparagraphen sind auf Tatbestände aus- gedehnt worden, die bisher als das dem staatlichen Eingriff der« schlossene Heiligtum des berechtigten Profites galten.— Die Arbeit wird zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit,— ein Prinzip, das die materielle Grundloge der heutigen Rechtsordnung von Grund aus zu verändern geeignet ist. Man denke z. B. an die am 1. Juni d. I. in Kraft getretene Verordnung des Oberbefehlshabers in den Marken, die die tarifvertragswidrige Lohnzahlung durch den Unternehmer mit Kriminalstrafe und ferner mit einer an das BckleidungSamt zu entrichtenden Butze be- droht, die den Unternehmer selbst dann trifft, wenn nicht er. sondern der Unterlieferant oder der Zwischenmeister den Verstotz begangen haben. Wie dieser Gedanke der Sozialisierung des Privat» rechts, diese Erkenntnis der Abhängigkeit aller Rechtsbeziehungen vom Gemeinwillen, dies Herabfallen der Maske, die die privaten Rechtsverhältnisse tragen, umgestaltend auf die überlieferten Rechts- anschauungen wirken, insbesondere das ganze Tarifvertragsrecht fundamental verändern mutz, hat unser Parteigenosse Rechtsanwalt Sinzheimer in Frankfurt a. M. in einem vor einigen Wochen erschienenen Buchet»Ein Arbeitstarifgesetz' in großzügiger Weise dargelegt. Selbstverständlich können wir nicht annehmen, datz die Logik der Tatsachen dazu führen wird, gradlinig und ohne Hemmungen die Folgerungen aus den angeführten Talsachen zu ziehen. Schon jetzt hören wir den Einwand, datz der Ausnahmezustand des Krieges es leider mit sich bringe, privatrechtliche Verabredungen durch öffent- liche Strafandrohungen schützen zu müsten, datz damit aber der An- fang aus einer recht schiefen Ebene gemacht sei. Diese Widerstände werden nach dem Kriege wachsen. Aber eins wird man nicht ver- hindern können: die Erfahrungen des Krieges werden der Arbeiter- dewegung Waffen im Kampfe um die Sozialisierung des Privat» r»chts liefern, die sie zu gebrauchen wissen wird! Begräbnis- unZ Trauerbräuche. Bon Dr. Adolf Heilborn. Nur selten ist der Menschheit dasTterben so vertraut ge- Wesen, wie es uns in diesen drei langen, bangen Jahren ward, da der Tod in wechselnder Kriegergestalt über die Erde geht und schier allzu reiche Ernte hält. Nicht allein den Männern da draußen, die ihm stündlich begegnen, die er mitten in der Bahn stürzt und fort vom vollen Leben reißt: auch den Daheimgebliebenen ist wohl aus diesen Sterbetagen ein neues Verhältnis zum Tode erwachsen, ein Empfinden, das im Sterben über die sinnlose Vernichtung hinaus die hohe Idee des Opfers begreifen lernte. Wesentlich anders steht der Naturmensch dem Tode gegen- über, wie das besonders deutlich aus den Begräbnis- und Trauerbräuchen der Wilden erhellt. Und weil es in der Kultur- entwicklung ganz wie in der natürlichen Entwicklung der Lebe- Wesen nirgends unverniittelte Sprünge gibt, weil jede Sitte in Traditionen steht, d. h. durch Weitergeben einer irgendwann einmal gewonnenen Anschauung, eines irgendwie einmal ge- übten Brauches an Kinder und Kindeskinder und so durch alle Glieder eines Volkes fort, sind die letzten Niederschläge jener frühen Anschauungen der Menschheit vom Tode auch in unseren Begräbnis- und Trauer- b r ä u ch e n durch all die Hüllen hindurch, mit denen wir, längst in Unkenntnis der ursprünglichen Bedeutung und ihrer uralten Beziehungen, sie umgeben haben, noch unver- kennbar und lebendig. Von allen Daseinsrätseln ist für die naive Menschheit der natürliche Tod sicherlich das schwierigste und unheimlichste. Es dünkt dem Naturkinde unfaßbar, daß ein Wesen gleich ihm, das eben noch warm und rot daherging, plötzlich kalt und blaß hingestreckt liege. Der Wilde kann sich gar nicht vor- stellen, daß das Leben dieses Weggenossen auf einmal auf- höre, da es doch gleich seinem eigenen noch eben da war und sich auch ganz so betätigte. Und aus diesem Unerklärlichen und dem Empfinden schreckender Totenkälte und -starre steigt jäh ein Furchtgefühl in ihm auf. das noch be- deutsam durch Erlebnifie des Traumes gemehrt wird. In der Gestalt wirklichen Lebens erscheint der Tote dem Schlafenden: sprechend, klagend, handelnd, fordernd, drohend, und es ist durchaus einleuchtend, datz gerade die aus solchen körperlichen Eindrücken und seelischen Erregungen geborenen Träume besonders lebhaft und quälend sind, sich fortspinnen, ins Wachen hinüberziehen und gleichsam Fleisch und Blut gewinnen. Der Tote ist gar nicht tot. er ist nur anders, ein „Geist' geworden, der besondere Verehrung heischt, etwas Fremdes, Kaltes, Unheimliches, gegen das man sich schützen muß, etwas Feindliches, dessen man sich erwehren muß. Solche Empfindungen und Gedankengänge, die überall und zu allen Zeiten im naiven Menschen entstanden sind und täg- lich aufs neue entstehen, die auch uns Kindern einer höheren Kultur gewiß nicht fremd sind, schufen die mannigfachen Be- gräbnis- und Traucrbräuche, die sich, Ehrfurcht und Furcht seltsam verquickend, im letzten Grunde sämtlich als Ab- wehr- und S ch u tz m a tz r e g e l n gegen den geisternden Toten erweisen. Vielleicht hat die erste solche Schutz- und Abwehrhandlung darin bestanden, daß man den Toten einfach floh, die Leiche also gleichsam ihrem Schicksal überließ, indem man den Wohn- platz aufgab und weiterzog. Noch heute verlegen z..B. die Schwarzfuß-Jndianer in Kanada bei Todesfällen ihren Lager- platz. In Weiterentwicklung führt diese Form, sich des ge- fürchteten Toten zu entledigen, dann zum Brauche der Leichenaussetzung, der noch heute auch unter höher- stehenden Völkern weit verbreitet ist. So berichtet Filchner von den buddhistischen Tibetern:„Die gebräuchlichste Art der Bestattung ist die unter freiem Himmel. Man bringt den Toten zu diesem Zwecke auf die weiten Ebenen, auf die Gipfel der Berge oder in einsame Schluchten oder an eigens hierzu ausgewählte, meistens ummauerte Plätze, wo man sie aussetzt und den wilden Tieren preisgibt. Als ein gutes Zeichen für den Charakter des Verstorbenen gilt es, wenn seine Leiche rasch ausgefresien wird.' Ganz das gleiche berichtet Merker von den Masai in Deutsch-Ostafrika. Unter dem Klagegeschrei der im Kral(Dorf) verbleihenden Weiber tragen die Söhne den Toten hinaus und legen ihn nach einigen hundert Schritten in Schlafstellung auf der bloßen Die Diebin. Von W. PerzhuSti. Ich wohnte eine Zeitlang in der Nähe eines kleinen Kirchhofes, einer jener Kirchhöfe, wie man sie zuweilen in großen Städten, zwischen geräuschvollen und verkehrsreichen Straßen versteckt, von Lebenden und Toten vergessen, findet. Gerade diese Verlassenheit verlieh ihm einen melancho- lischen Reiz: er gemahnte mich an eine alte, herrschaftliche Wohnstätte, voller Erinnerungen an den Glanz vergangener Zeiten. Ringsumher türmten sich Riesenhäufer, bis über die Dächer mit goldenen Reklamelettern verputzt; von den Mauern schillerten die Farben der marktschreierischen Annoncen, von den Nachbarstraßen drang das Großstadt- gerällsch herüber— das Rascheln der Droschken, das Geklingel der elektrischen Bahn, die gellenden Automobilsignale. Trotz dieser aufdringlichen Lebenssymptome wehte von dem Kirch- Hof stets ein wohltuender Friede. Besonders friedlich schien er zu jener Zeit, als ich ihn besuchte— im Herbst, Anfang Oktober. Goldene und rote Blätter fielen sanft von den Bäumen und wiegten sich lange in der Luft über den weißen Gräber- denkmälern. gleich großen, phantastischen Schmetterlingen. An stillen, sonnigen Vormittagen gewann der altmodische Kirchhof einen unsagbaren Reiz: selbst die steinernen Engel schienen unter der Berührung der Sonnenstrahlen zu schillern. alles wurde von einem süßen Traumgespinst umwoben. Ich kam täglich hin. am häufigsten mit einem Buch in der Hand: so in meine Lektüre versunken, verbrachte ich manchmal den ganzen Vormittag auf einer steinernen Bank unter Gräbern. Der Kirchhofswächter, ein alter Veteran mit hölzernem Fuß, kannte mich bald und grüßte mich schon von weitem mit einem liebenswürdigen Lächeln. Ich kam nicht hierher, um Stimmungen zu suchen. Daß ich den Kirchhof täglich aufsuchte, hatte seinen Grund in sehr alltäglichen und prosaischen Dingen: ich mußte �nämlich von Hause fortgehen, während mein Zimmer aufgeräumt wurde: in dem bevölkerten, mit Kasernen vollgedrängten Stadtteil war dieser Kirchhof die einzige Stelle, wo� einige Bäume wuchsen und man ein wenig freieren Raum finden konnte. Der Kirchhof wurde wohl nicht mehr erweitert, ich war niemals einem Leichenzug begegnet. Auch kamen nur ganz vereinzelte Personen, die Gräber zu schmücken; meist waren es ältere Leute, schwarzgekleidete Frauen mit weißem Scheitel, die den besseren Gefellschaftskreisen angehörten. Nach einiger Zeit kannte ich den kleinen Kirchhof, als wäre ich selber der Wächter. Ich wußte, welche Gräber be- sucht wurden und welche ganz der Vergessenheit anheim- gefallen waren. Unter den seltenen Grabbesuchern fiel mir bald eine ältere Frau mit äußerst sympathischen Gesichtszügen auf. Ich begegnete ihr jeden Tag, sie kam ebenso regelmäßig wie ich, aber während ich in meinem Buche las oder in den mit einem Teppich welker Blätter ausgelegten Alleen schlenderte, ver- brachte sie die ganze Zeit in andächtigem Gebet an einem Grabe knieend, das, wie ich aus der Inschrift erfuhr, die irdischen Ueberrefte eines jungen Mädchens bedeckte. Ich beobachtete sie oft aus der Ferne und war von dem Schmerz, der nach so vielen Jahren noch ungestillt und friich war, tief gerührt. Sie hatte auch die äußeren Anzeichen des Schmerzes beibehalten, denn sie trug Trauerklerder und einen langen, schwarzen Schleier, der vom Alter ganz braun ge- brannt worden war. Ich erriet, daß diese alte Dame die Mutter des ver- storbenen Mädchens war: aus der dürftigen, altmodischen Kleidung entnahm ich, datz sie in schlechten Verhältnissen lebte; es rührte mich darum um fo mehr, daß sie tagaus, tag- ein einen Kranz oder ein paar Blumen auf dem teuren Grabe niederlegte, und an manchen Tagen, die vielleicht �lebhaftere Erinnerungen in ihr wachriefen, große Blumensträuße mit- brachte. Dadurch zeichnete sich dieses Grab, das an und für sich bescheidener als die anderen aussah, auf dem Kirchhof durch seltsame Anmut aus: es war von dem schmerzerfüllten Gedenken eines Herzens umgeben, das den prächtigeren, besser gepflegten Gräbern fehlte. Ich stellte mir in der Phantasie das Leben dieser altern- den Frau vor, für die seit dem Tode der Tochter Jahrzehnte hindurch die Grabbesuche und das Niederlegen von Blumen auf dem Grabe der zu früh Entschlafenen den einzigen In- halt der trostlos traurigen Tage bildete. Wenn ich sie ansah, dann begriff ich, daß es für wahre Liebe keinen Tod gibt. Wenn sie keinen Kranz zum Kirchhof trug, so ging sie einfach mit Blumen zur Tochter. Und die steinerne Platte des Grab- denkmals nahm diese Blumen entgegen, als wären es leben- dige, dankbare Hände. Nach einigen Wochen wunderbaren Herbstwetters über- zog sich der Himmel plötzlich mit Wolken. Es regnete vom. Erde nieder. Unker Vortritt des Aektcsten wird der Leichnam mit grünen Zweigen oder Erasbüscheln bedeckt, wobei jeder das Gebet spricht:„Mein Gott, der Vater ist gestorben; ich bitte, gieb Gesundheit, Besitz und Kinder.' Wird die aus- gelegte Leiche gleich in der ersten Nacht von Hyänen gefressen, so gilt dies als ein Zeichen Gottes, auf dessen Geheiß in diesem Falle die Tiere handeln, daß der Verstorbene ein guter Mensch war. Erwähnt sei hier noch der ja allbekannte Brauch der Parsi, der einst vor dem andringenden Islam aus Persien nach Indien ausgewanderten Anhänger der Zarathustra- Lehre, die Leichen auf hohen Türmen, den„Türmen des Schweigens", den Geiern zum Fratze auszusetzen. Schon der alte grieckiischeHistoriker Herodotwußte von diesem Braucks zu erzählen. Eine andere frühe Form, den unheimlichen Toten zu beseitigen, sich seiner so gut als möglich zu versichern, besteht darin, daß die Hinterbliebenen selber den Körper verzehren.„Sucht dann die t£,eele,' sagt Klaatsch, „ihren alten Sitz, so muß sie in die Ueberlebenden fahren; das hat die günstige Folge, daß letztere die Eigen- schaften des Verstorbenen in sich aufnehmen. In diesem Gedankenzusanunenhange ist das Urwesen und die Ursache des Kannibalismus(Menschenfresserei) zu suchen." Die australische Mutter ißt sogar das Fleisch ihres gestorbenen, geliebten Kindes und schleppt die sauber hcrgerichteten und rot gefärbten Knochen ihres Lieblings jahrelang mit sich in einem Beutel herum.„Diese Idee, die Eigenschaften eines andern sich auf körperlichem Wege einverleiben zu können," fügt Klaatsch seinem Berichte hinzu,„ist der Menschheit teils unter der Form des Aberglaubens, teils im Gefolge religiöser Vor- stellungen verblieben. Die australischen Eingeborenen bieten darin für die Mission einen sehr günstigen Boden, insofern ihnen die Vorstellungen, die beim christlichen Abendmahl von Bedeutung sind, durchaus selbstverständlich erscheinen, indem sie Christus als einen hervorragenden Menschen beurteilen, dessen Fleisch und Blut genossen werden muß, um ihm ähnlich zu werden." Eine drifte, frühe Art, sich des Leichnams für immer zu entledigen, ist der Brauch, den Toten ins Wasser zu werfen. Noch heute ist diese Bestattungsform im VolkSkult Indiens die gewöhnliche. Ja, sogar„die unheilbaren Kranke� und siechen Mten trägt man an die Ufer des Ganges und setzt sie," wie Eduard Hildebrand erzählt,„so nahe an den Rand des Wassers, daß die nächste lebhafte Welle sie hinab- spülen muß". Aehnlich werden in Ostgrönland Leute, die lange krank sind, von ihren Angehörigen gezwungen, sich ins Meer zu stürzen. Unserem Empfinden nach wesentlich ver- edelt, tritt uns solch Bestattungsbrauch in der gleickfalls weit verbreiteten(heut namentlich von den malaiischen Völkern ge- übten) Sstte entgegen, den Toten auf einem Floß oder in einem Boote dem Wasser anzuvertrauen, wobei die germani- schen Seevölker das Totenboot überdies noch anzündeten. Schließlich klingt der Brauch solcher Wasserbestattung in der Gewöhnung aus, den Toten in einem Boote oder bootähnlichen Troge in der Erde beizusetzen. Nicht ohne guten Grund ver- mutet Schultz, daß unser Sarg die Fortbil- d u n g deL in einem ausgehöhlten Baumstamme be- stehenden Totenbootes sei. Derartige Einbaumsärge, die nicht selten schon mit einem Deckel, der anderen Hälfte des Baumstammes eben, geschlossen sind, kennen wir bereits aus der Bronzezeit(etwa 1800 bis 1000 v. Chr.) und zumal aus Nordcuropa. Noch schneller und gründlicher als das Wasser vernichtet das Feuer den Toten, und die Feuerbestattung ist des- halb auch uralt und weltweit verbreitet. Sie begann höchst wahrscheinlich damit, daß man die Hütte über dem Toten an- zündete und ihn so mitsamt seiner Habe aus der Welt schaffte. Sehr bezeichnend heißt es in Homers„Ilms" von den Vor- kehrungen zur Verbrennung der Leiche des Patroklos, man möge Holz aus dem Walde holen,„daß uns jenen nunmehr verbrenn' unermüdetes Feuer schnell aus den Augen hinweg". Damit„die Seele schnell ins Geislerreich ge- lange", verbrannten die skandinavisch-russischen Waräger noch im Mittelalter ihre Toten. Uralter Beslattungsbrauch ist nun auch die B e e r d i- g u n g, und zu dem Grabe gehört von allem Anfang an der Grabstein. Alte Erfahrungen der vergleichenden Völkerkunde lehren uns, daß Grab und Grabstein ursprünglich lediglich den Zweck haben, eine Wiederkunft, ein Auferstehen der Toten möglich st gründlich I frühen Morgen an. Ich mußte nun, während mein Zimmer aufgeräumt wurde, eine andere Zufluchtsstätte suchen und ging in ein Cafä. Da regte sich in mir plötzlich der Wunsch, zu erfahren, wie mein altes Mütterchen an einem solchen kalten, regnerischen Tage, an dem man das Haus schwerlich verlassen konnte, ihre Zeit verbrachte. Nach dem Kirchhof konnte sie doch schwerlich gehen. Oder vielleicht doch? Ich gab der Neugier nach und wanderte langsam nach dem Kirchhof. Es war scheinbar kein Mensch dort. Selbst der Wächter hatte seinen Platz in seinem Häuschen vor dem Tore ver- lassen. Aber vor dem mir wohlbekannten Grabe kniete unter einem Schirm auf einem über die schmutzige Erde ausge- breiteten Zeitungsbogen die traurige Mutter. Ich empfand in jenem Augenblick eine jener Regungen, deren die Menschen sich schämen, anstatt sich dessen zu schämen, daß sie ihnen nicht folgen— ich wollte mich der alten Dame nähern und ihr die Hand küssen. An diesem Tage war ich zum letztenmal auf dem Kirch- Hof. Am nächsten Morgen siedelte ich nach einem anderen Stadtviertel über, und meine Lebensgewohnheiten änderten sich. Uebrigens herrschte kaltes, regnerisches Herbstwetter. das zu Spaziergängen nicht anregte. Erst nach einigen Wochen erwachte in mir der sentimentale Wunsch, meine alte Gegend wieder aufzusuchen. Eigentlich lag mir mehr daran, das alte Mütterchen wiederzusehen, zu dem mich eine zarte Sympathie hinzog. An einem trockenen, sonnigen Tage begab ich mich nach dem Kirchhof. Aber das Mütterchen war nicht dort und keine Blume schmückte das verlassene Grab. Dafür bewachte der Wächter mit dem hölzernen Fuß die Stelle. Das fiel mir auf, weil er seinen Posten vor dem Tore sonst niemals ver- ließ. Er erkannte mich und begrüßte mich wie früher mit freundlichem Lächeln. Ich näherte mich ihm. „Nun, ist das alte Mütterchen gestorben?" fragte ich mit einem melancholischen Lächeln und zeigte mit den Augen auf das Grab. Statt zu antworten, maß er mich mit einem un- willigen Blick. Erst nach einer Weile brummte er, indem er mich verdächtig ansah:„Kannten Sie sie?" „Nein," entgegnete ich. über seinen Unwillen bestürzt. „Ihr Mütterchen war... eine Spitzbübinl" stieß er plötzlich hervor und wurde ganz rot vor Zorn.„Mssen Sie. was Sie tat?... Sie stahl die Kränze und Blumen von den anderen Gräbern und schmückte mit ihnen ihr Grab.. zu derhindern. Einzig und allein ans diesem Grunde überschüttet man die Leiche mü Erde, verbirgt sie unter Steinhaufen oder wälzt, wie nach Otto Hausers Be- obachtungen in der Dordogcn schon die Ureinwohner Europas vor Tausenden und aber Tausenden von Jahren taten, schwere Steinblöcke auf das Grab. Die ägyptischen Pyramiden und die mächtigen Steinsetzungen unserer Hünengräber haben hier ihren Ursprung. Nur die Furcht vor dem Toten hat Grab und Grab st ein geschaffen: in Tradition behielten die Kulturvölker, längst des Ursprungs nicht mehr bewußt, den Brauch bis in unsere Tage bei. Eine Umschau unter den heutigen Kulturvölkern bringt ungezählte Beweise für die Richtigkeit des Gesagten bei. Wenn die Busch- männer der südafrikanischen Kalaharistcppe beim Jagen ein Grab antreffen, so werfen sie Steine darauf; denn„wenn der Tote nicht mit Steinen bedeckt ist", erklärten sie dem Missionar Th. Hahn,„kann er vielleicht wieder auferstehen, und das ist nicht gut." Nach Ellis werfen die Indianer der Hudsonbay aber auch sonst in Nordamerika auf jedes ihnen begegnende Grab einen Stein,„um Unglück zu vermeiden, das andernfalls ent» stehen würde". Aber wir brauchen nicht in die Ferne zu schweifen: auch bei uns in Deutschland lebt dieser Brauch noch. Nach Andres ist es noch heute im Anhaltischen Brauch,„auf eine bekannte Mordstelle im Walde einen Zweig zu werfen". Ich selbst erinnere mich des gleichen Brauchs aus meinen Kinderjahren aus der Neumark(unweit Berlinchens): der Ermordete ist natürlich ganz besonders zu fürchten. Aber selbst unsere„drei Hände voll Erde", die wir dem Toten zum Abschied in die Gruft werfen, entspringen der gleichen Vorstellung. Im sächsischen Vogtlande übt man nach Wuttke den Brauch zu dem ausgesprochenen Zweck,„den Gedanken an den Toten loszuwerden". Und wenn wir bei dieser Zeremonie „pietätvoll" den frommen Wunsch äußern:„Möge dir die Erde leicht sein"(wie das schon die alten Römer taten), so klingen solche Worte im Ohre des kundigen Kulturforschers doch recht sehr nach einer Entschuldigung des Bewerfens und als Bitte an den Toten, den Werfenden nicht persönlich zu schädigen. Daß dieser Brauch in Europa übrigens älter ist als das Christentum, lehrt uns u. a. eine Stelle in dein römischen Dichter Horaz(starb im Jahre 8 vor Christi). Dort fleht(in der sogenannten Archytas-Ode) die Seele eines Ertrunkenen den Dichter an:„Dreimal sei Erde auf mich gestreut", und droht mit dem Umgehen, wenn das nicht geschähe. Im Oldenburgischen hält man darauf, daß die Gruft recht tief sei.„sonst kommt der Tote heraus und geht um". Im Hessischen wälzt man,„um die armen Seelen im Grabe zurückzuhalten", einen großen Stein auf den Erdhügel usf. Doch selbst Erd- und Steindecke, glaubte der Mensch der Vorzeit und glaubt der Wilde der Gegenwart, könne der geisternde, mit übernatürlichen Kräften begabte Tote vielleicht noch sprengen. Darum fesselt man sicherheitshalber der Leiche Hände und Füße und schnürt sie in der sogenannten .Hockerstellung" zusammen: Hockergräber sind in Europa zahllos gefunden worden, und die Hockerbestattung ist über die ganze Welt verbreitet. Von den Australiern be- richtet Klaatsch, daß sie in dieser Weise ihre Mumien fesselten; solche gefesselten und getrockneten Mumien behandeln die Eingeborenen ganz so, als ob die betreffenden noch lebten, setzen sie ans Lagerfeuer, sprechen mit ihnen und vcr- anstalten zu ihren Ehren Feste,„wobei man den Toten so setzt, daß er alles gut übersehen kann". Als ganz merkwürdige Parallele zu der Hocker- bestattung der Vorzeit und der heutigen Naturvölker erwähnt Rich. Andrce. daß es noch vor kurzem im Vogtlande Sitte war. dem Toten im Sarge die Hände mit einem Tuche zusammenzuschnüren,„damit er nicht zurückkehren könne und bald jemanden hole". Auch über das Grab hinaus ist der Tote zu fürchten; er verlangt Rücksichtnahme und Opfer aller Art. Hierher ge- hören u. a. unsere Kranz- und Blumenspenden. Ueber den Toten darf man„nichts Böses" reden, sonst rächt er sich. Um die Aufmerksamkeit des Toten nicht auf sich zu lenken. inuß man sich still verhalten. Aus dieser Anschauung ver- blieb uns, wie Lippert mit Recht betont, das Verbot der Feste und geräuschvoller Unterhaltung(Musik)„als Kennzeichen einer Trauerzeit". Noch ein anderes zweckmäßiges Mittel gibt es nach der Vor- stellung der Naturvölker, der Aufmerksamkeit des übel- wollenden Totengeistes zu entgehen: die E n t st e l l u n g und Vermummung. Ueberall auf der Erde entstellen und vermummen sich deshalb die Wilden: bemalen sich mit schwarzer oder weißer Farbe, scheren die Haare, legen den Schmuck ab oder schwärzen ihn mit Asche und Holzkohle, kurz- um suchen sich in jeder Weise unkenntlich zu machen. Kein Zweifel: auf diesen Wunsch, sich vor dem spähenden Toten möglichst zu verbergen, geht auch unser Trauerschmuck zurück— der entstellende und verbergende Witwenschleier, der Flor um Hut und Arm, d. h. an jenen Stellen, wo einst bei unseren Vorfahren sich der blanke Stirnreif und Armring be- fand usf. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, erhält auch das biblische„in Sack und Asche trauern" erst die rechte Deutung. In tausendfacher Beziehung und in ungeahntem Maße verknüpft die Tradition die Kulturvölker von heute mit den Wilden der Vorzeit. Das Gedächtnis der Menschheit bewahrt eben zäh, was es irgend einmal erworben hat, und vererbt es sorglich durch alle Geschlechter und Zeiten hindurch. Requiem. Einem gefallenen, unbekannten Soldaten. Den Helden, der uns unbekannt, uneingescharrt auf eines Spatens letzte Liebe harrt, den irgendwo in Flandern oder Polen ein Schuß, ein Stich hinwarf zum Fraß der Dohlen, dem keiner nah war. als er seine Finger nach einer Liebe streckte und nur Erde fühlte, bis daß er kam, der grausige Bezwinger, und eines Hirnes letztes Feuer kühlte: den Helden feiern diese Worte, sie sind sein, als weiche Hülle über sein Gebein. Vor Monden standest du noch unter uns, in irgend einem Raum des Wirkens voll, des Alltags Liebe und des Alltags Groll umspann dein Herz und ließ es in dem Mühn und kleiner Sorge nie ganz rein erglühn. Warft wohl solch einer, wie die meisten sind, du warst nicht taub und nickst gerade blind, du nahmst das Leben, wie es kommen mochte, und niemals deine starke Rechte pochte an Gottes hohen Schicksalshimmel an: �„Kampf gib mir, Kampf! Ich bin ein Mann,, ein Mann! Kerantwortbcher Redakteur: Hermaua Müller, Tempechof. Da kam der Sturm von Rorü und Westen her. Du sprachest nichts, nahmst ruhig das Gewehr, noch schnell der Frau, der Mutter oder Braut stumm in das liebe Angesicht geschaut,— dann ging es fort und du mit heißem Schritt ganz vorne am Vortrupp der Helden mit. Nicht inehr ein Lauer ohne Kraft und Schwung, nein, eine Fackel der Begeisterung, hobst du zum Schwur das Wort und deine Hand: „Hier hast du mich, hier nimm mich. Baterland!" Für deine Heimat gabst du hin den Schlaf, warfst deine Brust der Kugelsaat entgegen, warst voll von Tatkraft, wenn auch Sturm und Regen taglang die ungeschübten Glieder traf. Und wenn ein Brief von deinen Lieben kam, der bangen Fragen voll, wie es dir gehe, dann schriebest du verhungert halb und lahm, daß es ums Reich und um dich herrlich stehe. Und manchesmal im Wachen oder Schlaf fragtest du leise:„Heimat, bin ich brav?" Bis irgendwo dich das Verhängnis traf Und du verlassen von der andern Schar und jeder Hilfe, jedes Trostes bar starbst. Erdnackt und unbekannt bleicht dein Gebein und heiligt fernen Sand. Es wird ein Tag fein unter allen Tagen, es wird ein Tag fein, aller Tage Preis, da wird der nazarenifche Verheiß an alle Wände dieser Welt geschlagen, durch alle Straßen fahnenfroh getragen und eine köstlich frohe Wahrhest werden: Friede auf Erden. Und wenn dann solches ist gefchehn, dann wirft du Unbekannter auferstehn, dann werden Tausende vor dein Gedächtnis treten und Millionen Münder innig beten: Wir danken dir, daß wir die Heimat erben durch dich aufs neu, gesegnet durch dein Sterben. Wir kennen deinen Namen nicht, dein Grab kommt keinem vor das Angesicht. und doch stehst du vor uns im hellen Glanz. Viel hunderttausend Mütter danken dir, so viele Schwestern um dich weinen, und hunderttausend Bräute winden dir den Totenkranz. Du wirst gellebt, als würdest du noch wandeln, ein Sieger, unter uns; den Kindern senken wir das Erinnern an dich ein, damit, wenn einst das Schicksal ernst und groß sich auf sie wälzt, unheilbar ihrem Handeln, sie muterringend deiner Tat gedenken und deiner würdig sind, Held Namenlos. Hörst du das Requiem? Dir tönt es feierlich; O, nimm es hin, du ferner Unbekannter, und dennoch mit der Heimat Ganz-Verwandter. Die Heimgebliebnen grüßen dich! (z) Petzold. Mslefe unö menschliche Entwicklung. Von H. Fehliuger. Die Menschen unterliegen als Lebewesen im wesentlichen den- selben Entwickelungsgesetzen wie andere Organismen. Di« biolo- gifche Entwickelung beruht auf der Variabilität oder Veränderlich kttt der Lebewesen; der Vererbung ihrer Eigenschaften und der Er» Haltung und Fortpflanzung der an die Umwelt am besten ange- paßten Individuen im Wettstreit ums Dasein(der„Auslese"). Ver- änderlichkeit und Vererbung find unbestritten. Dagegen wird die Lehre von der Auslese noch immer von zahlreichen Naturforschern angefochten. Die meisten und darunter die angesehensten Biologen unserer Zeit sind aber auf Grund ihrer Forschungen zu der Ueberzeugung von der Wirklichkeit der AuSlcsevorgänge gekommen; dazu gehören Ernst Haeckel und August Weismann. In einer an- sehnlichen Zahl von Fällen wurde der Auslesevorgang auch beim Menschen nachgewiesen/) so daß wir die.Ausleselehre" als richtig annehmen dürfen. Der Auslesevorgang bewirkt, daß jene Jndivi- duen überleben und fich fortpflanzen, die örttich und zeitlich gegebenen Lebensbedingungen gut angepatzt sind, oder die Fähigkeit zur Anpassung an diese Lebensbedingungen befitzen. Die schlecht angepaßten Individuen vermögen sich schwer oder nicht zu erhalten UTib gehen zumeist vor Erlangung der Fortpflanzungsfähigkeit zu- gründe. So wird der Auslesevorgang sein, wenn nicht Kräfte mit ins Spiel kommen, die auf Hemmung der Auslese oder wahllose Vernichtung gerichtet find. Von wahllos zerstörenden Natur- gewalten abgesehen, unterliegen solche Kräfte bei den hochzivili- sierten Menschen der gesellschaftlichen Beherrschung, das heißt, die Menschen können durch gemeinschaftliches Handeln auf sie Einftutz nehmen. Die Mehrzahl der Auwren, die sich mit der Biologie des Menschen befaßten, betrachten die zerstörenden Kräfte(wie etwa die ganze Sterblichkeit der Kinder in den ersten Lebensjahren, die Seuchen, Hungersnöte und Kriege) als Mittel der natürlichen Auslese und ihre Beseitigung als Hemmung dieser Auslese. Bei näherem Zusehen ergibt sich jedoch, daß diese land- läufige Auffassung unzutreffend ist. Es soll hier versucht werden, dies zu beweisen. Bei allen Völlern deS europäischen Kulturkreises gibt eS zahlreiche Personen, die körperliche und geistige Mängel aufweisen, und zwar find sie in den Städten, wo unser« Kultur zur höchsten Ent- faltung gekommen ist, häufiger als auf dem Lande. Gewöhnlich wird hierfür in erster Linie die namentlich in den Städten immer sorgfältiger gewordene Pflege und zunehmende künstliche Er- nährung der Säuglinge verantwortlich gemacht, deren Folge eine starke Verringerung der Sterblichkeit im frühesten Lebensalter ist. Er wiegt die Anschauung vor, daß durch die Fürsorgemaßregeln in der Regel jenen Kindern zum Ueberleben verholfen wird, die sonst infolge mangelhafter Veranlagung gestorben wären. Da die Weitervererbung ererbter Ziorpermängel nicht zu bezweifeln ist, so wird von weitgehendem Säuglingsschutz Zunahme der Ent- artung befürchtet. Die Wirklichkeit zeigt, daß dieser Schluß nicht richtig sein kann, denn gering« Säuglingssterblichkeit führt nicht zu überhaupt geringerer körperlicher Tüchtigkeit einer Bevölkerung. Als Dewesie feien zwei Beispiele angeführt. Generalstabsarzt Dr. v. Vogel fand, daß in Bayern auf dem Lande hohe Säuglings- sterblichkeit und niedere Militärtauglichkeit sich im allgemeinen decken, ebenso geringe Säuglingssterblichkeit und hohe Militär- tanglichkeit. In einzelnen Bezirken und Jahnen treffen zwar niedere Sterblichkeit und niedere Tauglichkeit zusammen, oder es decken sich hohe Sterblichkeit und mittelmäßige oder sogar hohe Tauglichkeit. Aber das sind Ausnahmen von der Regel. In den Städten ist ein bestimmtes Verhältnis zwischen Säuglingssterblichkeit und Militär tauglichkeit nicht feststellbar, denn unter der städtt- schen Bevöllerung sind viele vom Land zugewanderte Personen, deren Herkunft in den Tauglichieitsziffern mit zur Geltung kommt. Ueberdies sind die städtischen Tauglichkeitsziffern stark von dem selbständigen städttschen Einfluß beherrscht, der fast durch- aus herabsetzende Wirkung hat, weil er körperliche und geisttge Mängel zum Vorschein bringt, die bei ruhigem Landleben verborgen bleiben würden.— In England wurde durch eine vom Mi- nisterium für Lokalverwaltung angeordnete Untersuchung von Dr. A. Newsholme festgestellt, daß in Bezirken mit großer Säug- lingssterblichkeit auch die Sterblichkeit in späteren Lebensjahren groß ist, während geringe Sterblichkeit in früher Kindheit und geringe Sterblichkeit in den folgenden Altersklassen, bis zu 20 Jahren, gleichfalls zusammentreffen. In den höheren Alters- klassen werden die Beziehungen infolge der Wanderungen der Er- wachsenen verwischt. Daher kann große Säuglingssterblichkeit keineswegs ein Mittel progressiver, die günstigen Erbanlagen häufender Auslese sein. Denn wenn die„Untüchtigen" in früher Kindheit vernichtet würden, so müßte die Sterblichkeit in späteren Lebensjahren dort gering sein, wo sie zuerst groß war. Die aus- lesende Wirkung der Kindersterblichkeit wird, soweit sie besteht, unter den obwaltenden Verhältnissen von den widerwärtigen äuße- ren Einflüssen verdeckt, unter denen die Kinder zu leiden haben. Die große Kindersterblichkeit, die durch wirtschaftliche und soziale Umstände bewirkt wird, ist nicht natürliche Auslese, sondern Wahl- lose Vernichtung.(„Report on Infant and Child Mortality", London 1209.) Auch Seuche« und Hungersnöten ist schon recht oft zu- geschrieben worden, daß sie die Untüchtigen beseitigen, während die an die Lebensbedingungen in Seuchen- und Hungergebieten gut angepaßten Menschen den Heimsuchungen erfolgreich widerstehen können. Würde das zutreffen, so müßten selbstverständlich sehr widerstandsfähige Menschen dort häufig sein, wo derartige Einflüsse als„Mittel der Auslese" seit langer Zeit und bis in die Gegenwart hinein wirksam sind und Schwächlinge beständig auS- merzen; also sagen wir z. B. in dem großen britisch-indifchen Reich, da? wie kein anderes Land der Erde unter Seuchen und Hungersnöten gelitten hat und noch leidet. Aber gerade in Indien ist körperlich« Schwäche die Regel, seine Bewohner sind zu an- haltender und anstrengender Arbett weit weniger fähig als Euro- päer und ihre durchschnittliche Lebensdauer ist erheblich kürzer als die durchschnittliche Lebensdauer in den kulturell am meisten vor- geschrittenen und sanitär best besorgten Ländern Mittel- und West- europas. In Indien verursachen alle äußeren Emflüsse, welche die gewohnten Lebensbedingungen stören, eine enorme Erkrankung*- und Sterblichkeitshäufigkeit, was geringe Anpassungs- und Wider- standSkraft beweist. Erkrarikungs- und Sterblichkeitshäufigkeit sind in Indien selbst in normalen Zeiten erheblich größer als bei uns, so daß der Geburtenüberschuß sehr gering ist und die BevölkerungS- zunähme ganz langsam vor sich geht. Unmittelbar nach Hungers- nöten, die durch die Ausgestaltung der Verkehrseinvichtungen immer seltener werden, steigt die relative Geburtenhäufigkeit stark. Die Ursache davon ist, daß die Sterblichkeit in Hungerzeiten bei den Kin- dern und Greisen am größten tsi, bei den im fortpflanzungsfähigen Alter stehenden Personen dagegen am geringsten. In manchen Ge- bieten findet trotz der durch die Hungersnot verringerten Bevölke- rungszahl hernach sogar ein« absolute Zunahme der Geburten statt, was dem Umstand zugeschrieben wird, daß der zeitwelligem Ein- schränkung der Fortpflanzungstätigkeit während der Hungerperiode eine gesteigerte sexuelle Aktivität folgt. In Familien, die viel: Angehörige verloren, für die früher zu sorgen war, werden zugleich alle vordem etwa getroffenen Maßregeln zur Beschränkung der Kinderzahl aufgeben. Auf solche Weise wird nach Ueberwindung der Hungersnot eine gesteigerte„Rassetüchttgkeit" vorgetäuscht. Auch sonst sind bei Völkern, deren Kultur nicht so geartet ist, daß wahllos zerstörenden Einflüssen vorgebeugt werden kann, große Anpassungs» und Widerstandsfähigkeit durchaus nicht die Regel, sondern es trifft viel häufiger das Gegenteil zu. Wie falsch die Auffassung von der besseren körperlichen Beschaffenheit der sogen. Naturvölker ist, die nichts oder fast nichts tun, um schädigende Ein- flösse der Umwelt abzuwehren, bezeugt die neuere ethnographische Literatur. Es sei bloß ein Beispiel angeführt. Dr. A. Hrdlika nahm eine Untersuchung über Tuberkulose bei nordamerikanischen Indianern vor, wobei er fand, daß bei vier von der europäischen Kultur erst ganz wenig beeinflußten Stämmen nur 34 bis 63 Proz. der Familien von der Seuche frei waren. Alle Tatsachen deuten darauf hin, daß jene Zweige des Menschengeschlechts, die ihr Da- sein unter sehr ungünstigen Bedingungen führen, durch diese in biologischer Beziehung arg geschädigt und in ihrer EntwickelungL- fähigkeit beeinträchtigt werden. Innerhalb des europäischen Kulturkreises sind die meisten wahllos zerstörenden Kräfte in der jüngsten Zeit sehr stark in ihrer Wirffcnnkeit eingeschränkt worden. Nur eine davon hat eine be» deutende Steigerung erfahren: die Lebensvernichtung durch den Krieg. Zwar ist der Krieg auch vielfach ob seiner vermeintlichen auslesenden Wirkung als ein die MenschhsitSentwicklung fördernder Faktor bezeichnet worden, doch ist eine solche Meinung zweifels- ohne falsch. Denn der Vernichtung durch die feindlichen Waffen sind gerade die gesündesten und tüchtigsten Männer jener Alters- klassen ausgesetzt, die für die Erhaltung der Art am meisten in Bettacht kommen. Es bleiben nicht, wie so oft gesagt wurde, die Muttgsten und Klügsten übrig, denn gerade jene, bei welchen solche Eigenschaften hervortteten, werden auf die schwierigsten Posten ge- stellt und sie lausen am meisten Gefahr. Von manchen Autoren wurde dem Krieg, obzwar sie seine wahllos vernichtende oder kvntta- selek torische Wirkung hinsichtlich der Einzelpersonen zugaben, d i c gute Seite zugeschrieben, daß er die Ausbreitung der besser ver- anlagten Menschengemeinschaft begünstigt, die eben ttaft ihrer besseren Veranlagung den Sieg erringt. Doch nicht immer folgte dem Sieg eine bettächtliche räumliche Ausbreitung und numerische Vermehrung des sieghaften Volkes. Die Geschichte bietet zahlreiche Beispiele dafür, daß kriegerische Völler zwar ihren Machtbereich erweiterten, jedoch infolge wiederholter und lang- wieriger Kriege in ihrer Vollskraft erheblich geschwächt wurden, was zu ihrem Niedergang oder Untergang führte. •) Einige bemerkenswerte Fälle von Auslesevorgängen beim Menschen enthält Alfted Kirchhoffs Schrift:„Darwinismus, an- gewandt auf Völler und Staaten". Andere Fälle dieser Art findet man in meinen Referaten über Anthropologie in der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift", Jahrgang ISOö�u. ff. Für dcu Inseratenteil verantw.: Th. Glocke» Berlin. Druck u. Verlag: Die Arbeiterdichter deS Krieges hat in dankenswerter Weise der Verlag von Eugen Diederichs in Jena gefördert. Die in und ans dem Kriege erwachsenen Dichtungen von Barthel. Bröger, Lersch und Petzold find bei ihm in würdiger Form erschienen. Das Requiem von Petzold entstammt seiner Sammlung„Volk, mein Voll", Gedichte der Kriegszeit. i und Verlagsanftalt Paul Singer t Co« Bettm SWSch' Nicht bezugsscheinpflichtig! fön wßoilete kNkMzM a fialeutt Imlt. Inderteppieh Ganz dicke«,«myrna- artige« Gewebe auf creme, oliv, blau oder fraise Fond, von den echten Inderteppichen kaum zu unterscheiden, Qr. ca. S0X185 cm... kl. 10,50 130X195..... 13,85 160X225..... 25,00 180X295..... 37,50 250X350..... 58,50 $00X400..... 78,50 PasBcndc Bett- und Pnlt- Teppiehe Stck. M. 3,50. 4L,75, 6,75.• Nach aastrarts per Machaaluaa. Teppich-Spezialhaas IW" Emgg ef©¥r® Berlins. Seit 1882 nnr OranieaslraSe 158. „Von*5r;»"-L8«or 3'l, Rabatt. Verkaufe Tchöahausrr Allee 115(Ring- bahnti»!-Stadfbahnhos). Bekannteste, 'pottbiMglle BerfausSftelle Grog- berlln»! Peltgarnituren! l Masht stichle 30,—, Drachtteppichell Herren. garderobe 1 1 Nbrenverfaus I l Gold. warenlagerll Betlenverlaus! I Spott. vreile l l Niesen» WeihnachtZverfaus begomien. 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