Beilage des„Vorwärts" Berliner Voltsblatt Ilummer 539 Sonntag, den 10. Oezember 1916. 33. Jahrgang Deutsthes Lied. Ich bin ein Dand'rer in der weite von Land zn Land, von Haus zu Hau«. Ich bin der Freiheit hold und breite von Meer zu Meer die Flügel aus. Zur Seile zieht mir heimattraut Das deutsche Lied, der deutsche Laut. Ich diu dem Wesen meiner Ahnen, Dem kühnen Sinne sonder Reu, Ich bin dem Geiste der Germanen. Dem Kampfe für die Wahrheit treu. De» Anrechts haß. des Rechtes Wohl Das ist mein Paß von Pol zu Pol. Ich bin vom Gangastrom gestiegen Zur Weser und zum grünen Rhein, Der Brüder Elend zu bestegen, Soll meines Lebens Losung sein, Tod aller Rot und Tyrannei Mein Aufgebot und Feldgeschrei. Im völkerhain möcht' ich als Buche Voll Frühlingslaub der Liebe stehn, Daß Kraft in meinem Schatten suche Die müde Welt zum Weitergehn. Die Drossel singt so süß vom Baum, Die Quelle klingt und grüßt im Traum. Das herz der Erde zu belauschen, Bett' ich mein Haupt auf weiter Flur, Das ist ein Riefeln und ein Rauschen. Mein Ohr hört frohe Märe nur. Sie tönt so hell von Berg zu Tal: Es springt ein Quell für alle Qual. _ Karl Hentell. Wandlungen im �rauenleben. Bon Wally Z epler. »Alles schon dagewesen", sagt der alte Rabbi Ben Akiba in Gutzkows„Uriel Akosta", als ihm der junge Glaubens- zweifler vorgeführt wird. Und„alles schon dagewesen", Pflegen auch die meisten oberflächlich Denkenden im Innern zu sagen, wenn sie den Lauf der Weltgeschichte rückblickend anschauen. Im Leben der einzelnen ein kurzes Tempo, Da- seinskampf und Tod, im Leben der Völker Aufstieg, Macht- ringen und Niedergang: das scheint der ewig wiederkehrende Inhalt des Menschheitsdaseins. Wer jedoch tiefer in die Tinge eindringt, der sieht hinter dem äußerlich Gleichen dennoch ein Anderes. Umformungen, die auf ein langsames Hinauf der EntWickelung weisen und in dem leeren Spiel eines scheinbaren Zufalls einen höheren, alle Kämpfe der Menschen rechtfertigenden innern Sinn enthüllen. Das vergangene Jahrhundert war reich an stürmischen Revolutionen, wirtschaftlichen und geistigen Wandlungen, wie sie niemals vorher innerhalb historisch so kurzer Zeitepochen eingetreten sind. Das ganze Leben scheint auf eine andere Grundlage gestellt. Die Intensität des Daseins ist ver- vielfacht, im Eilzugstempo rast es in den großen Städten dahin, in denen ungeheure Menschenmassen sich auf engstem Raum zusammenschieben und unter dem ewigen Stampfen und Hämmern der Maschinen unübersehbare Warenmengen zutage fördern. Und— das ist vielleicht die folgenschwerste aller dieser EntWickelungen— mitten in dieses chaotische Getriebe sind heute auch die Frauen gestellt. Der Zwang der Wirt- schaftlichcn Not entreißt sie der Sphäre, in der sie wie durch Naturgesetz durch die Jahrtausende verwurzelt schienen: dem Haus und ihren Kindern und reiht sie gleich den Männern in das Heer der in unablässigem Kreislauf für das Ganze Schaffenden. Aber gerade auch für sie gilt das erwähnte Gesetz: diese Wandlung ihrer Existenz brachte ihnen bisher fast ausschließ- lich neuen Kampf und neue Sorgen. Von zwei entgegen- gerichteten Kräften getrieben, bald der B e r u f s p f l i ch t, bald dem Hause und der Mutterschaft hingegeben, werden sie seelisch in dieser steten Zersplitterung zerrieben. erfüllen weder eines noch das andere mit innerer Ruhe und sin-d deshalb in beiden halb und unvollkonimen. Und— wie neulich hier Gertrud Hanna auseinandersetzte— sie drücken dabei auch noch auf die Bedingungen der männlichen Arbeit, bieten sich zu ungleich billigeren Löhnen an, hemmen die Machtentfaltung der gewerkschaftlichen Organisationen, indem sie der oraanisierten männlichen Arbeiterschaft in jedem Gewerbe ein Heer unorganisierter, dem Willen des Unter- nehmertums blind gefügiger Frauen entgegenstellen. Soll wirklich in dieser Entwickelung, die so für sämtliche Glieder der Gesellschaft: für die Frauen selbst, für die vielen, der mütterlichen Sorge beraubten Kinder und schließlich auch für die Männer nur neue Uebel erzeugte, noch irgendetwas wie ein Zukunftsfortschritt liegen? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, daß auch in diesem Fall das Schlechte sich in Gutes verkehrt, eine Lösung all der Konflikte sich findet, und die Menschheit dadurch endlich zu höheren Zielen gelenkt wird. So wenig das heute den einzelnen selbst zmn Bewußtsein kommen, so lang und schwer der Weg bis dahin sein mag: auch hier löst sich trotz alledem der Sinn de? ge- schichtlichcn Geschehens schon jetzt vor unserm Geiste. Tcx Sozialisierungsprozeß, dex sich pox unseren Augen vollzieht und der in der gewaltsamen Er- schütterung des Krieges nach manchen Seiten hin ein be- sonders rasches Tempo einschlägt, ist durchaus nicht eine bloß wirtschaftliche Erscheinung. Aus ihm entspringen zugleich geistige, kulturelle und allgemein soziale Einwirkungen ein- schneidendster Art. Bebel hat in seinem berühmten Buch „Die Frau und der Sozialismus" vor nun bereits 33 Jahren die Grundzüge eines neuen Gesellschaftsbaus entwickelt, in dem das Lebenszentrum der Frau gleich dem des Mannes in der Berufstätigkeit liegt, die Erziehung der Kinder im wesentlichen vom Staat oder der Gesellschaft übernommen wird und das weibliche Geschlecht so auch eine wirkliche poli- tische und soziale Gleichberechtigung gewinnt, von der ja gegenwärtig noch keine Rede sein kann. Bebels großzügiges Zukunftsbild scheint uns freilich jetzt nach manchen Seiten hin phantastisch oder doch der Mannigfaltigkeit lebendigen Seins gegenüber zu sehr in eine vorgedachte starre Form gezwängt. In den Grundlinien der Entwickelung aber hat er vorausschauenld die Wirklichkeit vorgeahnt. So wurden in Rom von einem Sozialreformator Talamo im Verein mit der sozialistischen Aerztin Maria Montessori seit einigen Jahren hochinteressante Versuche gemacht, innerhalb zweckmäßig und hygienisch gebauter Häuserkomplexe für Arbeiterfamilien die vorschulpflichtigen Kinder vom zweiten Lebensjahr an in einem Kindergarten zu ver- einen, der durch eine völlig neue, aufs höchste vorvollkomm- nete Ausbildung ihrer Sinnes- und geistigen Fähigkeiten schon in den ersten Lebensjahren die Kleinen zil wahrhaft überraschenden Leistungen befähigt. Und die Mütter sind ihrer Kinder nicht nur nicht beraubt; sie werden in die Er- ziehungsmethoden eingeweiht, wirken selbst beratend mit, und die Geschicklichkeit der Kinder, ihre Sauberkeit, Ord- nung und heitere Lebendigkeit strahlt auf das elterliche Heim zurück. Geraten sonst oft selbst nicht durch Erwerbsarbeit belastete Mütter durch den unersättlichen Spiel- und Frage- durst der Kleinen in eine fortdauernde nervöse Gereiztheit, unter der die Kinder am meisten leiden, so ist hier die Zeit der Frauen frei zu tüchtigem Schaffen, und sie geben und nehinen dennoch auch als Mütter Schöneres und Besseres als sonst. Aehnliche, wenn auch nicht auf der Basis einer Wohn- ? Gemeinschaft der Eltern aufgebaute pädagogische Ziele ver- olgte die vor kurzem verstorbene bedeutende Aerztin und Genossin Dr. A d a m s- L e h«n a n n in ihrem Münchener Vers uchskind ergarten. Vom sechsten Jahr an nimmt dann ohnehin die S ch u l e, also eine rein gesellschaftliche Erziehungsorganisation die Kinder in ihre Obhut. Aber auch in der Schule dehnt sich das Feld erzieherischer Einwirkung, der Pflichtenkreis der Gesamtheit von Jahr zu Jahr. Heute weiß man, daß zur Entwicklung des Geistes auch gute Ernährung des Körpers, Pflege und Uebung der physischen Kräfte gehört; ärztliche Ueberwachung, Schulspeisung, sportliche Ausbildung, Spiele, Wanderungen usw. werden deshalb immer mehr in das Auf- gabengebiet der Schule gezogen. Vor allem ist durch die Kriegserfahrungen die alte sozialistische Forderung der Ein- heitsschule: das heißt einer für die Kinder aller Gesellschafts- klaffen gleichen unentgeltlichen Unter- und Mittelstufe deS Unterrichts ihrer Verwirklichung auch bei uns erheblich näher gerückt. Diese pädagogischen Tendenzen stehen in einer innern Wechselbeziehung zu der wachsenden Einfügung der Frauen in das Getriebe des allgemein wirtschaftlichen Lebens; hier wie dort sind die treibenden Kräfte der fortschreitenden ge- sellschaftlichen Sozialisierung wirksam und verstärken sich gegenseitig. Das Ergebnis aber ist in erster Linie jedenfalls ein großer rein erzieherischer Fortschritt: ohne daß die Kinder den Eltern entfremdet werden, ist ihre körperliche und geistige Entwicklung sachverständigen, pädagogisch ge- schulten Persönlichkeiten anvertraut, und statt der völlig unzureichenden hygienischen Verhältnisse in so vielen proletarischen Familien wachsen sie, wie sie es brauchen, in Licht, Luft und Sonne auf. Tie Frauen selbst ivären damit in hohem Maße, aber freilich noch nirfit vollständig für die Berufsarbeit frei, noch lastete ja die Wirtschaftsführung auf ihren Schultern. Hier sind indes Ersatzeinrichtungen natürlich sehr viel leichter zu schaffen, und ganz von selbst sind praktische Ansätze dazu, Wirtschaftsgemeinschaften mannigfacher Art, an verschiedenen Orten bereits entstanden. Sie haben sich bisher bei uns aus mancherlei Gründen nicht recht durchsetzen können, vor allem wohl deshalb, weil sie fast nie der mate- riellen Leistungsfähigkeit der Arbeiterschaft und ihren be- sonderen Bedürfnissen angepaßt und weil es(was damit zn- sammenhängt) nicht gemeinnützige sondern geschäftliche, das heißt auf Privatgewinn zugeschnittene Uyternehmungen waren. Ein Unternehmerprofit kann aber erklärlicherweise ans den knappen Wirtsckaftsmitteln proletarischer Familien nicht noch heransgewirtschaftet werden; denn jeder Pfennig Abzug bedeutet auch in Friedenszeiten einen Abzug an der notwendigen Ernährung. Unter einer solchen Wirtschaftsgemeinschaft darf nian sich nun nicht etwas etwa der jetzigen Kriegsmassenspeisung Aehnliches vorstellen, vielmehr eine Art Zentralrestaurant, wiederuni innerhalb eines kleineren Hänserkoinpleres, das den Bewohnern in verschiedener Preislage täglich mehrere, der gewohnten Ernährung entsprechende Gerichte zur Wahl stellt. Unter der Mitwirkung der Abnehmerinnen selbst ivürde sich sckmell genug die Wirtschafts- und Kochmethode nach deren Wünschen regeln, und es ist keinesfalls einzusehen, weshalb in einen: größern Betrieb dieser Art die Speisen nicht mindestens so gut oder besser und billiger bereitet werden könnten als in der unrationellen Einzelküche. Versuche nach dieser Richtung würden zweckmäßig aller- dings nur von großen und kapitalkräftigen Organisationen angestellt werden können, lvie sie in den W o h n u n g S- und Konsumgenossenschaften an: besten gegeben wären. Das sind, wenn auch nur andeutungsweise, die Richtungslinien der zukünftigen Gestaltung des privaten Lebens, wie sie sich nach Erfahrung und Ueberlegung ver- folgen lassen. Gleich einschneidende Wirkungen dürfte die berufliche Arbeit von Millionen von Frauen langsam auch auf rein geistigen: Gebiet wachrufen; sie zu skizzieren, soll die Aufgabe eines weiteren Artikels seim Zreie öilöung für das arme Kind. Von Hans Leuß. Der Geruch des Schützengrabens hat den„Armeleut� geruch" überwältigt. Die Gemeinschaft des Ungeziefers hat in die Scheidewand der Lebensart, der Sitten, zwischen den Ständen und Klassen Lücken gebrochen. Der Hochmut ist lächerlich geworden; er versteckt sich darum. Sterben wird er nicht; Unkraut ist zähe, der alte Adam unverwüstlich. Er wird sich immer wieder hervorwagen, wenn die Zeit des Genierens vorüber ist. Dann wird er sogar wieder zum „guten Ton" gehören. Minderbegabte von ererbtem Rang werden sich wieder als besondere Wesen aufspielen, und wenn sie auch noch Geld haben, wird sich die Canaille, die wirk» l i ch e Canaille, vor ihnen bücken und für gute Trinkgelder auch ihre Flegeleien in den Kauf nehmen. Em übles Kapitell Wir erwarten vom Kriege und seinen Wirkungen, von den wirklichen Anständen, die er schafft, eme Ver- schiebung der wirklichen Machtverhältnisse. Der„arme Mann" wird reicher werden. Er wird ein wichtigeres Wort mitzu- reden, wird„etwas zu sagew' haben. Er wird eS, weil die „Gesellsckzaft" dem Staate und feinen Interessen sich fügen muß. dieser aber angewiesen>Lin wird auf die Steige- rung und Entfaltung seiner Volkskraft und seiner Volkswirt- schaft, wenn er nicht bankerott machen will. Wie vor bald 70 Jahren das Bürgertun: sich durchsetzte, weil der Staat Geld nötig hatte zu seiner wirtschaftlichen Entfaltung, so wird nach diesem Kriege der Staat den Proletariern Recht, gleiches Recht und den Weg zur Macht einräumen müssen, weil er ihrer willigen Mitarbeit bedarf. Das ist das erfreulichste Friedensproblem, das der Krreg hinterlassen wird, und das die Arbeiter als die exakteste und„orthodoxeste" Parteilehre begreifen lernen müssen, wenn sie nicht kleinbürgerlichen Rückfällen die ganze wissenschaftliche Vergangenheit der Partei opfern wollen. Ganz anderer Art ist ein anderes Problem, das auch dem alten Kastenstaat ärgerlich ist: die Freiheit der Bildung. Sie ist eine alte Forderung der Partei und ihres Programms, das nicht nur unentgelt- lichen Volksschulnnterricht. sondern für begabte Schüler und Schülerinnen auch freien Unterricht in den höheren BildungS- anstalten verlangt. Aber schon lange vor dem Kriege ist dlese Programmforderung der Parte: überholt worden durch die pädagogische Bewegung für die Einheitsschule, und jetzt im Kriege hat diese Bewegung starken Kräftezuwachs bekommen, aber auch lebhaften Widerspruch gefunden. Es fehlt nicht an Lehrern höherer Schulen, die sich sträuben gegen die Ueber- brückung der Kluft zwischen Volks- und höheren Schulen, und bei dieser öffentlichen Auseinandersetzung sind sonder- bare, bemerkenswerte Erfahrungen geltend gemacht worden, die nicht unter den Tisch fallen dürfen. Der preußische Kultusminister hat. um den Aufstieg begabter Volksschüler in den Gymnasien zu fördern, neue Be- stimmungen über die Aufnahme in die unterste Klasse der höheren Schulen(Sexta) getroffen. Gegen diesen Erlaß ist viel geschrieben worden. Der Gymnasialdirektor Dr. Hart- mann schrieb in:„Tag", Kinder von kleinen Hand- werkern, Arbeitern. Unterbeamten entsprächen oft nicht den in sie gesetzten Erwartungen; die guten Leistun- gen in den unteren Klassen ließen in den höheren oft nach, so daß diese Schüler zurückbleiben. Diese Erfahrung wird von anderen Lehrern höherer Schulen bestätigt. Muß man also annehmen, daß an ihr etwas Wahres ist, so drängt sich die Frage auf:, wie kommt das, woran liegt das? Es bedarf keines Wortes darüber, daß die Arbeiter an der Frage selbst und daran sehr stark interessiert sind, welche Ursachen da wirken. Gynmasialdirektor Dr. Hartiuann hat einen Grund an- gegeben, der bemerkenswert unverständig ist. Er schiebt alles auf die Vererbung: wie körperliche Anlagen sich vererben, so auch die Fähigkeit, begrifflich zu denken. An diese Fähigkeit wende sich der Unterricht in den höheren Klassen der höheren Schulen vornehmlich. Tie Söhne der unteren Stände versagten in diesen Klassen deshalb, weil sie nicht, wie die anderen Schüler, jene durch Generationen vererbte Fähigkeit mitbrächten. Diese Theorie der Erbweisheit ist theoretisch schon sehr bedenkftch. Die Vererbungslehre hat die Frage, ob er« wordene Eigenschaften vererblich sind, noch nicht aufge- klärt. Die durch Generationen„gezüchtete" Anlage zum„be- grifftichen Denken" ist aber sicher keine Tatsache der Erfah- rung. Ein Herr H. hat denn auch dem Aufsätze des Direktors Hartmann in der„K r e u z z ei t u n g" widersprochen: „Viele Söhne aus alten Professorenfamilien können aar nicht begrifflich denken, wohl aber traf ich zahlreiche Bauernsöhne, die es sehr gut konnten," schreibt Herr H. Er trifft den Nagel auf den Kopf. Auf den höheren Schulen solcher Landschaften, in denen viele Bauernsöhne studieren, wie in Ostfriesland, waren fast regelmäßig unter diesen Gymnasiasten solche, die den Söhnen der höheren Be- aniten weit überlegen ivaren, besonders in den höheren Klassen. ES war eine feststehende Erfahrung, daß die Söhne der höheren Beamten in den höheren Klassen in der Regel die schlechteren Schüler stellten. Die wegen besonderer Leistungen vom mündlichen Abiturientenexamen Befreiten waren fast iiumer Schüler von: Lande. Die Vererblichkeit der gezüchteten Logik versagte da also jedenfalls und ist auch sonst nicht zu beweisen. Viel besser zu begriinden ist der Vorzug des Aufstiegs aus den ungelehrtcn Ständen. Nur durch rhu erhält sich die Tüchtigkeit des Volkes, der Nation. Die Leistungen der Deutschen feit Jahrhunderten sind solche der Emporkömmlinge. Die Entartungen der Uepptg- keit sind erblich; die Verkümmerungen durch Vtangel zerstören nicht die Anlage zum Auf- stieg, zur Entivicklnng bei günstigen Lebensbedingungen. Das ist auch ein Stück politischer Philosophie: von der„Erb- Weisheit" des alten Adels wird das Reich seinen geistigen Auf- wand nicht bestreiten können; eS bedarf de? Aufstiegs aus dem unbeschädigten Staubecken der Unteren, der Klassen ohne Ueberlieferung! Wie aber erklärt sich nun die von vielen Gymnasial- lehrern bezeugte Erfahrung, daß Kinder aus ärnieren f�a- Milien in den höheren Klassen oft versagen? Herr H. schre:bt darüber in der„Kreuzzeitung", er habe durch viele Bc� ebgchtungeg jestgeste'lltl.1 JBrf be» Werten aaS Sen tinkwn Klassm Set BedMetimg in hen oberen Klassen der Gymnasien ist cö Sie Umgebung, die sie herabbrückt. Sie deprimiert sie nach allen Rich- hingen und bringt ihren Geist zur Erschlaffung." Das läßt sich hören! Ter Schüler der höheren Klassen höherer Anstalten wird oft schon daran scheitern, wenn er seine Studien zu Hause nicht in einem eigenen Zimmer ohne Störung betreiben kann. Die engen Verhältnisse daheim ge- währen ihm keine Ruhe und hindern ihn, sich zu tonzentrieren. Vielleicht muß er noch andere Arbeiten leisten, Unterricht geben oder gar den Erwerbsinteressen seiner Familie dienen. Ist er nicht ein ganz außergewöhnliches Talent und mit jeder Tüchtigkeit ausgestattet, dann genügten diese Hem- mungen, uni ihn zu lähmen. Solche Beispiele, die wahrschein- lich in der Großstadt gesammelt sind, dürfen nicht dazu miß- braucht werden, den Aufstieg der Begabten aus den mittel- losen Klassen zu hindern. Dieser Aufstieg ist bei uns noch immer schwieriger als in Amerika, wo der Tüchtige den Weg zur Anerkennung auf allen Gebieten weit leichter findet. Dort ist die Leistung der einzige Maßstab der Bewertung— bei uns siegten noch immer viel blauer Dunst und alter Brauch. Die soziale Auslese i st nicht o r g a n i- s i e r t. Das herrschende System, viele überlieferte Gewohn- heiten hindern sie. Der Zugang zur gelehrten Bildung war im Mittelalter und noch im letzten Jahrhundert weit„demo- kratischer" als heute. DaS Recht, des armen Kindes Begabung auch auszubilden, nicht in der Dunkelheit zu bleiben, wenn es ein Kind des Lichtes ist, begegnet dem Interesse des Staates am Aufsteigen solcher Kinder. Darum sollte der kdultusminister noch etwas mehr tun als er getan hast näm- lich besonders in den Großstädten mit den höheren Schulen Anstalten verbinden, in denen mittellose Schüler gut ernährt werden und ihre„Heimarbeit" ohne Störung ausführen können. Die Forderung des Parteiprogramms, daß man allen mittellosen begabten Schülern das Schulgeld erlasse, sollte selbswerftändlich sein. Kriege unö Siege im Innern öes Leibes. Bon Professor C. L. Schleich. Neichen die mechanischen Einrichtungen, die im Blut und in den Geweben gegeben sind, nicht hin, um die kleinen Eindring- linge(die Bakterien) in die Maschen der Gewebe zu bewältigen, ist die Schar der Einbrecher größer als die der Strom- und Ge- webspolizei, welche die Weißen Blutkörperchen repräsentieren, so tritt ein wunderbares Walten der Säfte in die Schranken, welches die schädlichen Folgen des Einbruches zu hemmen geeignet ist. In wenigen Fällen der Ansteckung nur sind es nämlich die Bat- terien selbst, die mit der Unzahl ihrer Leiber den Betrieb stören, sondern es sind meist ihre schwer giftigen Absonderungen, welche die Gefahr für Leben und Gesundheit bringen. Diese LäHmungs- gifte umklammern nicht nur die Arme der Gerechtigkeit im Staate der Lebewesen, sondern sie schädigen besonders gern die großen Betriebswächter über den Gang der Maschine, die wir Nerven- zentren nennen, und damit auch die Funktion der Zentralpumpe des Lebenssaftes, das Herz. Es galt also für die Natur, gegen jedes Gift der vielgcarteten Batterien, das sie aus ihren Zwerg- leibern aussickern, ein Abwehrmittel zu ersinnen. Wie ist das zu verstehen? Wir verdanken es dem genialen Spürsinn Paul Ebr- lichs, des großen Frankfurter Krankheitsdeuters und unermüdlichen Kämpfers für die Gesundheit des Menschengeschlechts, eines Biologen in ganz großem Stile, das; wir zu einer Vorstellung gelangt sind, welcher Anordnungen die Natur sich bedient, um den bedrohten Einheitsstaat des Organismus zu retten. Es ist eine beinahe greifbare, rein mechanische Theorie von der Funktion der Zelle, die Ehrlich ersonnen hat, die kühn und einfach zugleich die Grundlagen unserer ganzen moderne» Anschauung über Krankheitsgifte und ihre Bekämpfung geliefert hat. Mag sein, daß sie irrtümlich ist und einst ersetzt werden wird, aber sind nicht alle Hypothesen Baugerüste, die ruhig fallen mögen, wenn das Ge- bäüde, hier ein Tempel der Gesundung, dort eine Sternwarte zur wie öer Rentner unö Mimale Ze-tthuber jlch mit öen Vegetariern alwföhnte. Von Julius Z e r f a ß. Der Krieg hat uns bisher bekanntlich nur einen Frieden gebracht, nämlich den Burgfrieden, in welchem Friedensideal viele Bürger nicht das schönste Kriegsziel erblicken. Warum wohl? Hat sich nicht alles in dieser Idylle nur dem einen Horizont eingefügt, an dem uns morgenrötlich der Sieg winkt? Und sehet doch, gackern die Hühner nicht burgsried- licher als je auf dem Mist und opponieren nicht, weder gegen Batocki, noch gegen den Kettenhandel. Nein, sie legen der- gnügt ihr Ei, aber sollen sie, wie das mancher zu erwarten scheint, uns dieselben auch noch in die Pfanne legen? Oder die Kühe, die so friedsam auf der hoffnungsgrünen Wiese grasen/sollen sie ihre Butter und ihr Fleisch auch noch zu Markte tragen? Nein, Hetzen wir den Heimkrieg nicht auch noch in die Sphären, die die Schöpfung zur Friedensfrage unserer kleinlichen, ungeduldigen Mägen gemacht hat, und seien wir froh, baß wir duldsam gelvorden sind.... Dieses war ungefähr das Kriegsglaubensbekenntnis des Rentners Fetthuber, und dieses Bekenntnis verfolgt er nicht nur an den fleischlosen Tagen, wenn er seinen Stammplatz im Hofbräu, gleich einem Faustpfand für die Fleischtage, wenigstens für Stunden festhielt, sondern auch bei seinen Freunden, die augenrollend an die herrliche Zeit erinnerten, da man in der Kronfleischküche eine ganze Krön um 80 Pf. erhielt! � Nein, Rentner Fetthuber hielt tapser stand und lmttc eine seltsame Milde im Beruhigen, ein vollwangiges, über- legenes Schmunzeln, wenn er sagte:„Endli hob ich amol lvieder a Fleisch dawischt." Aber er konnte auch toild drein- schauen wie ein Basutakrieger, wenn's über die Engländer, „dös Gsindel", herging. Aber sonst, wie gesagt, trug er sein Aushungerungsgeschick mit säst philosophischer Ruhe. Das Seltsanie dabei war nur, daß er alle Hosen und Westen un- verändert weitertragen konnte, und Herr Fetthuber gehörte dabei zu denen, die froh sein durften, daß es auf der Tram- bahn nicht nach dem Gewicht geht. Und mancher, der ihn kannte, wunderte sich über das vor- bildliche geduldige Durchhaltungsvermögen, wenn auch mancher— welcher Gute hat im Besten keine Widersacher— gerne gewußt hätte, warum der Krieg das Gleichgewicht seiner körperlichen Schwerkraft— von der Seele nicht zu rfifren—■ nicht zu stören veemochtc, da doch Herr Fetthuber Eftfenntn??, aufgcrichiek ist? Diese Ebrtichsche Hypothese besagt, daß in jeder Zelle ein eigentlicher Leistungskern in ihrem Bil- dungsstofs(Protoplasma) vorhanden ist, der allen ihren Funktionen vorsteht. Ihm stehen Einzelleistungen zu Gebote, die Seitenkettcn bilden und ettva wie die Speichen um die Nabe eines Rades zu denken sind. Diese Speichen sind ausgebaut aus geldstückartig übereinandergeschichteten— ja, ich kann es nicht anders sagen— kleinen Schraubenmuttern, die eine Oeffnung tragen, in die sich eine Schraube einfügen kann wie ein Schlüssel ins Schlüsselloch. Aber es ist das Geheimnis des Schlosses wie der Schraube, daß sich nur ganz besondere Bärte und Gcivinde in sie einführen lassen. Solche Seitenkettenschrauben z. B. haben die Moleküle der Nahrung. Für manche Zellen passen nur ganz bestimmte Schlüssel- formen, andere sind zu groß, zu klein, unpassend geformt usw. Sie haften nur, wenn sie gleichsam kongruent gebaut sind. Jene Schraubenschlößchen, die Seitenketien der Keruleistung darstellen, nennt man Rezeptoren, und ihnen entsprechen nur immer ton- gruente Schlüssel; nur diese können die Federn ihrer Leistung aufziehen und die kleinen Lebensuhren in Gang halten. Solche Schlüssel können aber auch Dietriche sein, sie sind es bei den Gift- Molekeln, die ja Verbrechergelüste haben und die Schlüsselchen der Ernährungsmolekeln hinterlistig nachmachen. Diese Dietriche der Gifte haben aber am anderen Ende ihres Hebels so eine Art kleiner Schale, in der so etwas wie Sprenggift bereitgehalten ist. Gelangt das vordere Ende ins Schloß, so ist auch schon der Spreng- stoff mit im Haus, und jetzt ist dem Malheur die Tür geöffnet. Ehrlich nennt jenes vordere Schlüssel- oder Dietrichende(haphto- phor), die haftende Gruppe der Atomkomplexe und die Hintere (toxophore) die gifttragende, die bei dem Ernährungsvorgang der Zelle die Neusaaten trägt, wie bei den Dietrichen die Giftsaat. Das Eindringen des Nahrnngsendes bedeutet den Aufbau, das des Dietrichs die Zerstörung. Zellen können also nur beeinflußt werden, wenn der Schlüsselmund in die Schraubenmutter der Seitenketten(Rezeptoren) paßt, weil dann die toxophore Gruppe nachgeschleift wird und sich an den Leistungskern, gleichsam den Hausbesitzer, heranmacht. Findet nun solch ein Gift im Blute oder im Gewebe keine passenden Schlösser für seine Dietriche, so ist ein solcher Leib geschützt, von Natur also iinmun(natürliche Jmmuni- tat), für die der Igel ein Paradebeispiel ist. In seinen Säften kann sich kaum ein Gift„verankern"(wie Ehrlich sagt), und sowohl Schlangengift als Strychnin kreist in ihm ebenso untätig wie ein bißchen Zucker oder Kochsalz. Haftet aber z. B. beim Menschen das Gift des Diphtheriebazillus, indem es sich mit geeigneten Re- zeptoren„verankert", so kühlt die nachgezogene toxophore Gruppe ihr Vernichtnngsgelüst an den Zellen(das sind meist Nervenzellen). Nun ist dabei eben die rcparatorische, ausgleichende, abwehrende Tätigkeit der Zelle der Weg zur Rettung. Führt das Eindringen der toxophoren Gruppen nicht gleich zur Vernichtung, so stellt die Zelle immerhin ihre Ernährungstätigfcit ein, es liegt wie Blei auf dem Getriebe. Aber Druck erzeugt Gegendruck, und der Lei- stungskern erfüllt ifm, indem e? mebr Rezeptoren als sonst von den Speichen seines Rades abfallen läßt und mebr solche Schrauben- mnttern als sonst bildet. Die fallen nun ins Blut und schwimmen dort in großer Menge ftei herum. Die neugebildeten Gifte der Bakterien aber werden nun schon im Blute verankert von diesen freischwebenden Rezeptoren und bleiben hier gefesselt, ohne die Zellenhäuschen selbst angreifen zu können. So kann eine Krank- heik plötzlich erlöschen, wenn von den Zellen so viel Rezeptoren ge- bildet sind durch Ileberproduftion, daß alle Giftmolekeln verankert im Blut liegen. Dann ist eine Naturbeilung mit einem Schlage, wie bei der Lungenentzündung, bei der Wundrose(„mit der Krise") eingetreten.(Natürliche Heilung durch Ueberproduktion von Rezeptoren.) Nun hat uns Meister Behring gelehrt, das; cS Stoffe giht, welche die Zellen ganz im allgemeinen zwingen, Rezeptoren in großer Zahl mobil zu machen, die Zellen also gewissermaßen zur Ueberproduktion ans künstlichem Wege zu veranlassen. So stellte er aus künstlich infiziertem Pferdeblut ein Serum dar, welches die Produktion von Rezeptoren des Diphtheriegistcs im Körper des „Gespritzten" anregt, ohne die Zellen anders zu attackieren, als sie eben zu dieser Mehrleistung von Mutterschrauben für die Dietriche des Dipbtheriegiftes zu reizen. Das ist künstliche Immunisierung und sie beherrscht unser gesamtes Arbeitssctd. Behring wies, wie das so oft geschieht, eher den praktischen Weg am Spezialfall, als (durch Ehrlich) die Deutung gefunden wurde, die dann wieder den früher als nianchmal luigemiitlicher Hüter seines Fleisches bekannt tvar. Diese Neider seiner innig ausgeglichenen Fülle waren allerdings ans deni�Holzwege, wenn sie glaubten, Herr Fetthuber erhalte seinen StatuSquo mit unerlaubten Mitteln aufrecht. Nein, Herr Rentner Fetthuber brauchte � keinen Bissen, den er zu sich nahm, mit Gewissensbissen wiederzu- käuen, denn obwohl er dann und wann ein Wurstende über seine Fleischmarkenlänge aß, so war dies doch keine patrio- tische Sünde, wenn er einem anderen nichts vom Munde stahl, und gerade dies traf eben zu. Mancher der lieben Leser wird nun vielleicht heimlich in seinen eigenen geheinien Kriegslisten forschen und fürchten, daß irgendein anderer ihm auf die Fährtc gekommen ist, aber man fürchte nichts, mit solch üblen Methoden, wie Fleisch kaufen und die Marken vergessen oder Hintenherumgeschichten hatte Herr Rentner Fetthuber nichts zu tun. Herr Rentner Fetthuber verteuerte anderen auch nicht das Leben, indem er unter der Hand ohne Marken den Höchstpreisen ein Schnipp- chen schlug. Nein, er gelangte auf vollkommen ehrliche Weise zu seinem Friedensquantuni, und das war so gegangen: Herr Fetthuber war nämlich als Rentier auch Haus- besitzer in Schwabing, und er hatte das seltene Glück, in diesem seinem Hause eine sünfköpsige Familie wohnen zu haben, deren Küchengeruch in Friedenstagen für Herrn Fett- hnber nahezu eine Beleidigung war. Diese Familie stellte nämlich das Gegenteil dessen in körperlicher Beziehung dar, wie der Herr Rentner, sie wog zusammen vielleicht etwas mehr als dieser allein, was erklärlich scheint, da sie auch im Gegensatz nicht aus Animalier-, sondern Vcgetabiliermenschen bestand. Da sie aber in ihrer Eigenschaft als Zahler sich von den anderen Mietern nicht unterschieden, ließ sie Herr Fett- huber halb aus Mitleid im Hause, und er mußte nur zu- weilen den Kopf schütteln, zum Beispiel, wenn ihm seine Gattin erzählte, daß die„Nußknacker" da oben nicht einmal am ersten Weihnachtsfeierlagc von ihrer Gras- und grünen Kräuterkur abgegangen wären. Dann überlief es ihn eis- kalt, und er legte sich die volkswirffchaftliche Frage vor, was wohl mit„de Viecher", dem Metzgerstande und der ganzen Landwirtschaft loerden solle, wenn einmal alle Menschen so verrückt würden. Letzten Eudes beruhigte er sich dann wieder, wenn es ihm selbst schmeckte, und er ließ sich durch die zeit- weiligen Redensarten des„Grasfressers" über die Eiweiß- theorie, das Harnsäurcproblem und die Vergeistigung der Körperkultur über das Tierische nicht den Appetit verderben. Als gar der Vcgetabilicr Herrn Fetthuber einmal einlud, mit ihm ins Luft- und Sonnenbad zu gehen, faßte er diese Anfang zu einer ungeheuren Versuchsreihe eröffnete: die Namen Eholeraserum, Typhusserum, Antituberkulosesera usw. geben dem Laien Andeutungen dafür. Ueberall also sucht man die Geschichte (wahre Romane!) der Toxine mit ihren Dietrichen Zu schreiben und Antitoxine auf dem Wege der Rezeptorenbildung zu finden. Run gibt es noch eine ganz andere Reihe von Schutz- und Trutzverhältnissen im Körper, die in höchst komplizierter Weise für den Kampf des Blutes gegen die frei heranschwärmendcn Zellen, aber immer in ähnlicher Weise wie bei Juiinunisierungsvorgängeu in Erscheinung treten. Nicht nur, daß Schutzstoffe gebildet werden können, welche direkt die Bakterienleiber auflösen(Bakteriolysis), gewissermaßen wie ein Eiszapfen zu Wasser in der Sonne(das geschieht z. B. mit den Cholerabazillen), es hat sich durch diese Forschung auch ein ungeheuer wichtiges Gebiet der Blutsorschung aufgetan, weil es Gifte gibt, welche, ebenso wie die Immunkörper Ehrlichs die Bakterien, auch die Blutkörperchen selbst gleichsam verdampfen lassen(Cyto- oder Hämatolyse). Dieser Auflösuugs- Prozeß der Blutkörperchen ist durch eine medizinische Großtat ersten Ranges(August von Wassermann) die Grundlage zu einer Dia- gnose der Lustseuche geworden. Da ein gesundes Blut mit Hilfe gewisser, von erkrankten Tier- und Menschenorganen gewonnener Teile bestimmte Blutkörperchen auflöst, so ist aus dem Ausbleiben dieser durchaus spezifischen Reaktion zu erkennen, daß der Besitzer solchen Blutes auch der Träger von noch so versteckten Syphilis» spirellen sein muß, eine Diagnose, die auch für die Äonstaticrung der Heilung von dieser Krankheit von eminentem Nutzen ge- worden ist Könnte man eine Lebensmaschine von groben äußeren Attacken der Gewalt und des Zusammenpralls mit anderen physischen Or- ganisationssystemen bewahren, so müßte diese Uhr ungestört weiter- laufen, bis die in ihr aufgespeicherte Kraft von selbst verbraucht ist. Jeder Tod müßte ein Ermattungstod, ein Verlöschen, ein Eni- spannen sein. Aber auch eine Uhr kann stillstehen ohne grobe Zer- trümmerung ihrer Teile, so etwa, wenn Staub sich zwischen ihr Räderwerk schiebt und durch seine Anhäufung einem groben Hemmnis des Umlaufs und Kreisens aller Teile gleichkommt. Solche häufigen Hemmnisse des LebensablaufeZ eines menschlichen Organismus sind die Miniaturausgaben des Staubes, seine leben. digen Konkurrenten air Kleinheit und Winzigkeit, seine Zwerg- kinder und seine Bewohner— die Bakterien. Diese winzigen Torpedos der feindlichen Lcbensmächte können unter normalen Bedingungen gar nicht in die Kanäle unserer Lebensströme hineingelangen, weim nicht die Sperrgitter gegen diese Bedroher vorher beschädigt oder eingerissen sind. Das ist nicht nur ein Bild, es ist mehr, es ist ein analoger Vorgang: die gesunde Schutzwehr unserer Gewebe läßt für gewöhnlich feindliches Material gar nicht passieren. Um ihnen diesen Eintritt zu versperren, hat die Naiur im jahrmillionenalten Kampf eben Einrichtungen getroffen oder ge» lernt, die der„Gesunde" stets funktionsbereit hat. Nur wenn diese Abwehrmechanismen paralysiert sind, untüchtig werden, können jene vordringen. Welcher Art sind diese Schutzvorrichtungen? Sie sind teils mechanischer, teils biologischer, teils chemischer Natur. Fast über- all, Ivo Bakterien mittels Lust- Und Nahrungsstrom, also rein mechanisch, in die offenen Hoblgänge deS Körpers, Kanäle und Buchten gelangen, sind diese Wege ausgepolstert und besetzt von einem dichten Zaun vo n Zellen, welebe Wimperhärchen tragen, die gegen die Mittel der Hohlräume gestellt sind und die sich slot- tierend gegen die Ausfuhrösfnung solcher Kanäle schwunghast hin und her bewegen und sich damit wie Wasserschaufeln Verhalten, die den vorbeipassierenden Kleinlebewesen buchstäblich auf den Scknib verhelfen. Auch haben die einzelnen Zellen dieses Randbesatzcs der inneren Auskleidungen die Fähigfeit, sich auf Reize hin zu- sammenzuziehen und die kleinen Kittleisten zwischen sich zu ver- dichten und eventuelle Saftlückcn zu verengen. Zweitens ist diesen Hohlröhren fast überall ein umhüllender Muskelschlauch mitgegeben, der durch stoßweise Zusammenziehung den Inhalt der Röhren auspressen und fortschieben kann, oder cs entstehen Lnftstöße, wie beim Nießen oder Husten, oder Rückwärtsbewegungen wie beim Erbrechen oder Zurückgurgeln von größeren Muskelsystemen her — Blasebalgmechanismus des Zwerchfells für Lunge, Magen und Darm—, welche mit Lust- und Flüssigkeitseruptionen die unwill- kommenen Eindringlinge auf mechanischem Wege entfernen. Dieser aus feinsten oder gröbsten Bewegungen zusammengesetzte Mecha- HeransforÄcrung seiner persönlichen Fülle vielleicht gar zu Spott und Belustigung als eine Beleidigung auf, und seitdem war es überhaupt beim Mietezahlen geblieben. Dann kam der Krieg, der Strom gemeinsamer Begeiste- rimg, zusammentragender Einigkeit, kam auch nach der ersten Welle des Emporgewelltseins die Zeit der ersten Brotkarten und nach dieser Vorbcrcitnngskur die Fleischmarkenperiode, mit deren Beginn Herr Rentner Fetthuber zum erstemnal mit vollcni Brustton„Gott strafe England" rief und die Morgenzeitung in die Ecke warf. Die erste 4000-Gramm-Periode ging Herrn Rentner Fetthuber verhältnismäßig leicht durch den Magen, das heißt, er empfand wohl die Einschränkung seiner bürgerlichen Ge- wohnheiten, aber was besagte dies, da wohlbereitctc Eier- speisen die fleischlosen Tage ausglichen. Das einzige war, daß er sich in diesen Tagen den„Nußknackern" gleichgestellt fühlte, aber was sollte das, da in seinem Hause der Dienstag und Freitag von jeher ein Schmarrn- und Mehlspeisentag ge- Wesen war? Endlich kam der Batocki, die„Preißnherrschaft", und erst dann begann die wahre Belastungsprobe auf den animalischen Magen des Herrn Fetthuber. Anfänglich herrschte tiefe Mutlosigkeft. Ein halbes Pfund Fleisch in der Woche mit Knochen— die Seele� des Rentiers war gewitterschwanger und wehe, wenn sie sich direkt über England hätte entladen können! Erst allmählich gewann die nüchterne WinÄrichttmg in seinem stürnnschcn Gemüte die Oberhand, und er richtete eines Morgens an seine Frau die verblüffende Frage:„Was wohl die Vcgetabilier mit eanere Fleischmarken dean?" und ein Frührotschimmcr-der Erleuch- tung durchflutete seine Seele. „Ja nrei," antwortete diese,„Fastenfpeiscn können's a net davon machn." „Vielleicht-- dös wär a Idee. Jeffas, wie ma mir a so dumm sei ko. Daß mir jetzt dös net ehnda eigfalln is?!" Rentner Fetthuber wippte mit den Schenkeln und tippte auf seine Stirn. Nachher gab er sich einen Ruck, das war das Zeichen, daß er einen festen Entschluß gefaßt hatte. Also geschah es, daß sich Fetthuber zum erstenmal seit langer Zeit zum Besuche bei den Vegetabiliern rüstete. Indem er die Stiegen emporkeuchte, war ihm doch recht sonderlich zumute, und er überlegte sich, wie er die Sache Wohl am gescheitesten herausbrächte, und als er gar schon im Vor- Platz der Vegetabilierfamilie stand, allwo es wie in einem in der Sonne schmorenden Küchengarten roch, und die blonde Hausfrau im Reformgewand mit Ohrenschneckerln vor sich sah, ward er schier gar befangen vor seinem eigenen Mieter—. msmuZ genügt aber nicht für den Fall, dag dennoch die winzigen Drillbohrer in das Gefüge der Gewebe eingedrungen sind. Wimperhaare können leicht verloren gehen, die Verengung der Lücken kann aussetzen, die Muskclaktion kann geschwächt sein— genug, der Mechanismus der Abwehr kann versagen und die Bäk- tcricn kriechen dennoch in die feinen Zellspalten wie in offene Tore. Tann kommt gemeinsam mit dem Chemismus der Säfte ein wundersames Heer belebter kleiner Schutztruppen in Aktion, auf die wir näher eingehen müssen, um den Kampf der Zellen gegen die Bakterien ganz zu verstehen. Alle Gewebe— die festen wie die flüssigen, denn auch das Blut ist ein Gewebe in gleichsam geschmolzenem Zustande— werden dauernd durchwandert von einer Armee von Gewebsgen- bannen, den sogenannten weißen Blutkörperchen, den Wanderzellen. Diese sind zu einer Art Straßenpolizeitätigkcit von der Natur ab- kommandiert, um auf allen Wegen und Plätzen nach dem Rechten zu sehen und Vagabunden, Unruhestifter Und Ruhestörer zu um- stellen und zu verhaften. Sie machen es aber einfacher als unsere städtische Hermandad: sie verhaften die Stromer nicht nur, indem sie sie in ihre Mitte nehmen und ins Zellgefängnis, die nächste Lymphdrüse, die oft strotzt von solchen Gefangenen, bringen, sie niachen meist viel kürzeren Prozeß, sie fressen sie bei lebendigem Leibe auf. Es ist ein wundersames Geheimnis, wie diese meist einsam durch die stillen Straßen ziehenden Wächter der Ruhe sich da, wo Gefahr ist, schnell alle zu Hilfe kommen ohne Pfiff, ohne Ruf, ohne Telephon oder Meldung: wo Feinde sind, kommen sie in Scharen herbeigeschlichen wie durch Witterung aus weiter Ferne. Es ist höchst interessant, unter dem Mikroflop z. B. an einem durchscheinenden, über dem Lupentisch ausgebreiteten Froschbauch- fcllnetz zu sehen, wie sie ein Glasstäubchen ebenso Umstellen wie einen Tuberkelbazillus, durchaus gleichwie Hunde das umzingelte Wild einkreisen und ihm den Weg versperren. Das ist die Phagozytose Metschnikoffs, die überall wirkt, wo Bakterien ins Ge- webe geraten sind, eine direkt beobachtbare Freßkompagnie der weißen Schutztruppe des Blutes und aller Gewebe, das heißt eine biologische Form der Abwehr gegen Bakterien. Ihre Geschichte ist die Geschichte fast aller Bakterienansammlungen im Leibe, es ist die Historie vom Schicksal der Kokken und Spirillen im Gewebe, es ist der Werdegang der Knötchen des Tuberkels, der Lepra- knoten, der Syphilisknoten, der Eiterbläschen, der Furunkel, der Karbunkel und die ungeformte Entzündung in Progression, die progressive Phlegmone. Es ist die Form der zellularen Abwehr gegen jede Form von Infektion. » Aus AsklepioS' Werkstatt nennt Prof. E. L. Schleich eine Sammlung von Plaudereien über Gesundheit und Krankheit (Deutsche VcrlagSanstalt, Stuttgart). Der diesem höchst anregen- den und wirklich in die Probleme der Medizin einführenden Buche entnommene Beitrag zeigt, in welch ausgezeichneter Weise der bc- kannte Chirurg die Fachkenntnisse in dem Gesamtgebiete seiner Wissenschaft einem größeren Leserkreis zu vermitteln vermag. Der Schriftsteller steht im Dienst« der Wissenschaft, wie es sich gehört, und die Wissenschaft nimmt die fesselnde und klare Forin an, die sie zur Literatur gesellt. Der Sperling. Auf der Heimkehr von der Jugd durchschritt ich die Gartcnallec. Mein Hund lief vor mir her. . Plötzlich heurmte er feinen Lauf und begann zu jchlcichcn, gleich, als wittere er vor sich ein Wild. Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelb gerandetom Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste gefallen— heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee— und hockte unbeweglich, hilf- los seine� kaum hervorgesprossenen Flügelchen ausstreckend. Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume sich �herabstürzend, der alle schwarz- brüstige Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört, mit twrzweifeltcm, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, ge- öffneten Rachen lossprang. Er n>arf sich über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leib wollte er es schützen..., er, der Hausherr. Schließlich brachte er doch ein„Grüß Gott" über die Lippen, lelmte aber doch die graziöse Ein- ladung zum Platznehmen ab. Rentner Fetthuber war leutselig, und der Zufall, daß m>au» Ssrnhar� Schwarli WWW BST* Meute Sonntag IS— S geßffnet. WM BeratitwortWer Redakteur: Hermann Müller, Aempclhoi, Für den Lnseratenteil verantw.: TH.Glolkc, Berlin. Druck u. Berlage Vorwärts! KruKoA fertiger «i«Mi! ffinler-Paletots K Ulster BozenerMäntel«Pelerinen Joppen und Anzüge Arbeiler-Berufskleidang aller Art. Blegante Maßs Anfertigung. Lieferant der Konsnm-Oenossenscbaft and der Ortesrnppe Berlin d. Arbelter-Radfabrer-Baades. Heute von 12-8 Uhr geöffnet. Telephon; Amt Norden 169L 104/1* ßerliiiep SciiMiöefBhtoiiBswBeiifi(EIeII) cegrttndet von organisierten BchaeidereehiUen Berlin N. Bmenslr. 18§ in l«te!sr Tsrj.