Beilage des„Vorwärts" Berliner Volksblatt Nummer 346 Sonntag, den 12. Dezember 1916. 33. Jahrgang Der Turm. Sehti ein Turm hak sich errichiet... Aus der Tage Schutt und Grauen wächst er auf zu kühner Sichli Und wir sehen Ariedenslicht auf den blulbeschmierten Gauen und die Mütter und die Frauen weinm nicht... 3a, es wird der Schlachtengrund neu und freudig wieder sprossen! Flüsse gehen ihren Laus... 3 st das Blut umsonst geflosien? herz der Well! zerfetzt, zerschossen, tu dich wieder gläubig auf! 3n den qualzerstampsten Tagen trägt die Welk nur eine Not. Darum sei euch dies Gebot: Latzt das Herz in Liebe schlagen! 3hr seid stärker als der Tod! Max Barthel(Argonnen). Die?öee des ewigen Friedens. Äon Fr. Pctrich. Die Fricdensidce hat in diesem Kriege unschätzbare Fort- schritte gemacht. Darin liegt unzweifelhaft eine überwältigende Tragik. Denn erst unter dem erschütternden Druck der Tat- fachen erhebt sich frei und stark die Vernunft. Was die deutschen und englischen Staatslenker in jüngster Zeit als die leitenden theoretischen Grundsätze ihrer künftigen Politik verkündeten, ist nichts weiter als die llebernahme der Friedensidee, wie sie die führenden Geister der Menschheit seit Jahrhunderten und Jahrtausenden predigten. Da führt eine große Linie von den uralten Religionsstiftern und den griechischen und römischen Weisen zu Herder und Kant, den beiden vornehmsten Vertretern deS deutschen Humanismus, und iveiter zum modernen Sozialismus und Pazifismus: sie alle haben begeistert das Banner deS hehren KulturgedankenS durch die Stürme der Zeiten getragen. Und was bisher als Traum und Utopie erschien und erläutert tvurde, nainent- lich nach den ersten Erfahrungen des Weltkrieges, das schickt sich nach den bitteren, tieftraurigen Erfahrungen dieses selben Krieges an, praktische Wirklichkeit in der Staaten- und Völker- Politik zu werden. Heute, wo die Völker Europas zwischen Krieg und Frieden wie zwischen Hölle und Himmel stehen, wo es sich darum handelt, Entschlüsse von weltgeschichtlicher Tragweite zu fassen, sei an die klassischen Friedensgedanken des Königsberger Philo- sophen erinnert. Die kleine Schrift Kants„Zum ewigen Frieden" enthält trotz zahlreicher Schwächen doch noch Ideen, die in ihrer Klarheit und Konsequenz für die Gegen- wart und nächste Zukunft von Programmatischer Bedeutung sind. Kant durchdachte das Friedensproblcm bis zum äußersten Ziel, deshalb sind seine Dcnkrcsultatc in der einfachsten, un- zweideutigsten Form niedergelegt— so einfach und logisch. daß über deren Richtigkeit kein Streit aufkommen kann. Aber das brachte es auch notivendigerweise mit sich, daß Kant noch weiter über seine Zeit hinausging als andere Vcr- fcchter des Friedensidcals, daß seine Forderungen nur in der Zukunft realisiert sein konnten. Kurzsichtige Geister verlachen und verhöhnen jegliche Zukuftsidee als Utopie, Traum, hohle Phantasie, während tatsächlich der Menschheit tiefstes Sehnen darin zum Ausdruck kommt. So erging es Kant, dasselbe Schicksal hatte die gesamte Friedensbewegung. Traum! Phantasie! Utopie! Wohlan denn— wir setzen Kants ersten Satz hierher:„EL soll kein Friedens- schluß für einen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht Wörde n." Und es heißt erläuternd weiter:„Denn alsdann wäre er ja ein bloßer Waffenstillstand, Aufschub der Feindseligkeiten, nicht Friede..." Kann die erste Vorbedingung eines dauernden Friedens kürzer und er- schöpfender formuliert werden? Hat der Satz heute nicht noch viel niehr Wirklichkeitswcrt als zur Zeit seiner Niederschrift, vor dem Basier Frieden?... Nicht minder aktuell ist der zweite Programmsatz:„E S soll kein für sich bestehender Staat(klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung, erworben werden können." Kant begründet das kurz und bündig:„Ein Staat ist nämlich nicht(wie etwa der Boden, auf dem er seinen Sitz hat) ein Patrimonium. Er ist eine Gesellschaft von Menschen, über die niemand anders, als er selbst, zu gebieten und dis- panieren hat. Ihn aber, der selbst als Stamm seine eigene Wurzel hatte, als Pfropfreis einem anderen Staate einzu- verleiben, heißt seine Existenz als einer moralischen Person, aufheben, und aus der letzteren eine Sache machen, und widerspricht also der Idee des ursprünglichen Vertrags, ohne die sich kein Recht über ein Volk denken läßt." Kaut verwirft weiter die stehenden Heere,„denn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg"; ferner sollen„keine Staatsschulden tn Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden", weil auch sie in der Regel eine Kriegsursache von eminenter Bedeutung sind. Die notwendigen Voraussetzungen eines dauernden Friedens weiter begründend, fordert Kant den republikanischen Staat; ohne diese Garantie, die eigentlich der Angelpunkt aller anderen Einrichtungen ist, kann das große Ziel nicht ge- sichert werden. Mit knappen, inhaltrcichen Sätzen präzisiert der Philosoph seine Gedanken:„Wenn(wie es in dieser Vcr- fassung nicht anders sein kann, die Beistimmung der Staats- bürgcr dazu erfordert wird, um zu beschließen,„ob Krieg sein solle oder nicht", so ist nichts natürlicher, als daß. da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müßten(als da sind: selbst zu fechten; die Kosten des Krieges aus ihrer eigenen Habe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich läßt, kümmerlich zu verbessern; zum Uebcrmaße des Uebels endlich noch eine, den Frieden selbst verbitternde, nie(wegen näher immer neuer Kriege) zu tilgende Schulden- last selbst zu übernehmen) sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen: Da hingegen in einer Ver- fassung, wo der Untertan nicht Staatsbürger, die also nicht republikanisch ist, es die unbedenklichste Sache von der Welt ist, weil das Oberhaupt nicht Staatsgenosse, sondern Staatseigentümer ist, an seinen Tafeln, Jagden, Lustschlössern, Hoffestcn und dergleichen durch den Krieg nicht das mindeste einbüßt, diesen also wie eine Art Lust- Partie aus unbedeutenden Ursachen beschließen und der An- ständigkeit wegen dem dazu allezeit fertigen diplomatischen Korps die Rechtfertigung desselben gleichgültig überlassen." Treffen auch einige politische Einrichtungen, die Kant kritisiert, für den modernen Staat nicht mehr zu, so sind hingegen die wirtschaftlichen Uebel der kapitalistischen Wirtschaft noch erheb- lich schlimmer geworden. Aber im Prinzip gilt heute noch dasselbe wie zu Kants Zeiten. Kant fordert ferner ein gesichertes Völkerrecht, und darüber hinaus als Krönung das Wcltbürgerrecht. Das bis- herige Völkerrecht„als eines Rechts zum Kriege" wird einer vernichtenden Kritik unterworfen und neu formuliert. Der trockene Zweifler ohne Glauben und Hoffnung wird abermals überlegen sagen: Traum, Phantasie. Utopie! Sieh doch die Kriegswirklichkeit! Jawohl— die Kriegswirklichkeit! Ihrem zerwühlten, blutenden Schoß wird die junge Friedens- saat entsprießen. Der Friede ist reif in Europa und in der Welt. Die beispiellose Unfruchtbarkeit, die übermenschliche Not, der millionenfache Tod dieses Krieges sichern dem Frieden den überwältigenden Sieg. Diesem Gedanken mußten sich in der Theorie Bcthmann Hollwcg, wie Asquith, Grey und Wilson beugen. Haben Staatsmänner je so über Völker- recht und internationale Verständigung geredet? Früher, vor der Weltkatastrophe, nahm man solche Dinge auf die leichte Achsel, unter der Wucht weltgeschichtlicher Geschehnisse werden sie zum rettenden Anker. Erst kam die neue Erkenntnis, durch die harte Wirklichkeit unverrückbar in die Köpfe gehämmert, zag und zögernd zutage, dann offener uud nachdrücklicher— morgen schon kann sie ihr einigendes und erlösendes Band um die Völker und Länder schlingen. Aber nicht nur die Tatsachen, den ehernen Gang der Dinge sollen wir für die große Sache wirken lassen. Die Völker selbst müßten ans Werk gehen, jetzt und zukünftig die Ereignisse überwachen und gestalten, daß nicht schwarze Mächte den Sonnenaufgang verdunkeln. Die Gretchentragööie— unö ihr Cnöe. Von Gertrud David. Das Mittelalter ist so recht eigentlich die Zeit der Tragödie der unehelichen Mutter. "Das sinnlich-heitere Altertum hatte, wenn es auch die Form der gebundenen Ehe gekannt hatte, dennoch einer menschlich-freieren Auffassung des unehelichen Geschlechts- Verkehrs und seiner Folgen gehuldigt. Der asketische, Welt- abgcwandte Geist des Christentums, der in seiner extremen Verzerrung schließlich zu einer Verneinung aller Lebensfreude gelangte, hätte am liebsten alle Menschen zum Zölibat verdammt, wenn damit nicht die unangenehme Nebenwirkung eines baldigen Aussterbens des Menschen- geschlechtes verknüpft gewesen wäre. So mußte man denn die Beziehungen zwischen Mann und Frau gestatten, aber diese Verbindungen sollten sich wenigstens nur innerhalb des heiligen Sakramentes der Ehe vollziehen und auch hier nur dem höheren Zwecke der Fortpflanzung dienen. Alle Verdammnis und alle Schniach aber wurde auf das Haupt deS unglücklichen Weibes gehäuft, daS dem Gott in seiner Brust mehr gehorcht hatte als den Satzungen der Menschen, das sein Vertrauen mit seiner Liebe verschenkt hatte. Gewiß, auch der„Verführer", der ein unbescholtenes Mädchen„geschändet" hatte, wurde bestraft, aber nicht in cut- ehrender Weise. An den Pranger auf offenem Marktplatz, auf das Armsünderbänkcheu in der Kirche kam nur das Mädchen. AuS der anständigen menschlichen Gesellschaft ausgestoßen, von keinem braven Manne mehr zur Frau bc- gehrt—„darüber kommt kein Plann hinweg", sagt Leonhard noch in Hebbels„Maria Magdalena"—, blieb ihr nur die Wahl zwischen Sclbstvcruichtung oder Untergang in der Schande, im Dirnentum. Die härteste und ungerechteste Strafe aber traf daS Wesen, das an all dem Vorgefallenen doch gewiß' am aller- unschuldigsten war: das uneheliche Kind, das, init dem entehrenden Namen eines„Bankert" belegt, den Makel seiner Geburt durchs ganze Leben schleppte. Dürfen wir uns wun- dem, wenn das„gefallene" Mädchen, um all diesem Jammer und dieser Not zu entgehen, das heinttich geborene Kind, das lebendige Zeugnis seines Fehltritts erwürgt, und so zur Kindesmörderin wird? Die Gretchentragödie, die ihren unsterblichen Ausdruck in Goethes Meisterwerk gefunden hat! Das holde unschuldige Geschöpf, das ganz Liebe, Hin- gebung und Vertrauen ist, das gar nicht anders handeln kann und darf als es handelt und das dafür alle Tiefen des Elends durchmessen muß, bis es in seiner Qual schließlich zur Verbrecherin wird.„Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an!" stöhnt Faust, über- ivältigt von der grausamen Tragik dieses Schicksals, für daS er verantwortlich ist. Wie Ungezählte haben die Gretchentragödie durchlebt und wie viele durchleben sie heute noch! Ist nicht das Dienstmädchen, die Arbeiterin, die heimlich entbindet, ihr Kind erdrosselt und beseitigt, eine ständige Rubrik in unseren Zeitungen? Gewiß: den Pranger und das Armsünder- bänkchen hahen wir nicht mehr, aber auch heute noch trifft die uneheliche Mutter und ihr Kind die Geringschätzung, die Mißachtung der großen Masse der Herzlosen oder der Gc- dankcnloscn. Wie viele finden auch heute nicht mehr den Weg da heraus zu einem neuen Dasein in innerer Kraft und Unabhängigkeit. Wie viele gerade der Besten und am feinsten Organisierten zerbrechen an diesem Erleben, gehen zugrunde, verschwinden. Und wenn es sich nur um die moralische Kraft handelte! Aber man denke, was es für ein armes Dienstmädchen, eine schlechtbezahlte Arbeiterin heißt, noch ein Kind nnt durchzu- schleppen, wenn, wie eS ja häufig genug der Fall ist, der Vater seinen Pflichten nicht nachkommt! Wie klein und leicht getan ist da der Schritt zum Dirnentum, das, wenigstens im Anfang, leichten, mühelosen Erwerb verspricht. Liebe— Vcr- führung— uneheliches Kind— Prostitution—, das ist ja so der typische Entwicklungsgang! Diesem Rad in die Speichen zu fallen, es herumzuwerfen, daß es den Lebenswagcn statt in den Abgrund wieder auf glatter Straße vorwärts oder zu freier Höhe aufwärts rollt, das ist eine der schönsten und größten Aufgaben, die die moderne Sexualreform und Sozialpolitik zu erfüllen hat. Die Mutterschaft, die von den Poeten aller Zeiten als das Höchste und Verehrungswürdigste gepriesen worden ist, und die in der Praxis zu einer Schande und einem Fluch Ivird, wenn sie nicht auf gesetzlich abgestempelter Grundlage crlvorbcn ist, soll wieder zu einer Quelle der Freude, der tiefsten Befriedigung und Erfüllung für jede gesund cmpfin- dende Frau werden. Keine Mutter soll mehr in Verzweiflung, um Not und Schande zu entgehen, zu dem entsetzlichsten Verbrechen greifen, das die Natur kennt: zmu Mord am eigenen Fleisch und Blut. Dazu gehört viel große und kleine, viel ideelle und prak- tische Arbeit. Gewiß, vollkommen kann das Muttcrschafts- Problem zusammen mit dem gesamten Sexualproblem, von dein es ja nur eine Teilfrage ist, nur in einer sozialistisch organi- sierten Gesellschaft gelöst werden, sofern die von Fall zu Fall verschiedenen, rein persönlichen Teilfragen dieses Problems überhaupt eine restlose Lösung zulassen. Aber in diese Zu- kunft springen wir nicht hinein, sondern sie muß wie jede andere schrittweise der Gegenwart abgerungen werden. Eine besonders wertvolle Arbeit auf diesem Gebiete leistet seit Jahren die Mutterschutzbewegung, die, von Dr. Helene Stöcker ins Leben gerufen, für dieselben Ideale kämpft wie der Sozialismus. Mit vollem Rechte legt diese Bewegung einen besonderen 5!achdruck auf die R c- volutionierung der Köpfe, auf den Umsturz der landläufigen sexuellen Moralbegriffe, denn aus einer solchen Umwälzung muß sich alles Weitere von selbst ergeben. Sie tritt dabei nicht, wie ihr das von ihren Gegnern— genau wie uns Sozialisten— nachgesagt wird, für eine sexuelle Zügel- losigkeit, für eine Verwilderung der Sitten ein. Ganz im Gegenteil! Wer für den Wert eines Liebesverhältnisses nichr die äußere Form, sondern allein den seelischen Inhalt, den Grad der gegenseittgcn Liebe und Achtung als ausschlaggebend erachtet,>ver wünscht, daß jede Liebes- beziehung von einem starken Gesühle der Verantwortung der beiden Partner nicht nur gegen einander, sondern auch dem etwa kommenden Dritten gegenüber getragen werde, der er- medrigt nicht diese Beziehung zu einem Akt flüchtiger tierischer Begierde, sondern der hebt sie in eine höhere, vergeistigtere Sphäre. Auch der Wert der unehelickien Mutter kann nur an diesem Maßstabe gemessen werden. Wenn eine solche Mutter voll rührender Pflichttreue für ihr Kind sorgt, sich selbst Ent- behrungen aller Art auserlegt, damit es das Kleine nur recht gut habe,>vie man dies häufig genug selbst bei Mädchen erlebt, die die Beziehung zu dem Manne ziemlich ober- flächlich und leichtfertig aufgefaßt hatten, dann steht es in der Tat unendlich viel höher als manche ehrbar verheiratete Frau, die die Mühen und Sorgen der Mutterschaft möglichst auf fremde Schultern abwälzt, um anderen, weniger ermüden- den Pflichten nachzukommen. Ist erst einmal diese Auf- fassung Allgemeingut geworden, dann kann von einer morali- schen und gesetzlichen Minderbcwcrtung des unehelichen Kindes indes nicht niehr die Rede sein. Wir sind ja heute schon ein ganzes Stück über den Zu- stand absoluter Rechtlosigkeit des unehelichen Kindes hinaus. Wenn auch das Bürgerliche Gesetzbuch noch den wunderlichen Satz kennt, daß der uneheliche Vater und sein Kind nicht miteinander verwandt sind, so legt es diesem Vater doch bereits ein ganz Teil von Pflichten aus. Gerade der Krieg hat ja einen sehr erfreulichen Fortschritt in der Gleichstellung der unehelichen Mütter und Kinder mit den ehelichen gebracht. Zum Teil auf Anregung des Bundes für Mutterschutz hin wurde die Kricgswochenhilfe auch auf uneheliche Mütter ausgedehnt, wenn der im Felde stehende Erzeuger sich zu einer Vaterschaftsanerkennung bereitfinden ließ, und für den gleichen Fall wurde auch dem Kinde dieselbe Kriegsunter- st ü tz il n g zugebilligt ivie dem ehelichen. Die Petition des Bundes, die unehelichen Kinder auch in die Hinterbliebenen- Unterstützung einzubeziehen, harrt noch der definitiven Erledi- gung. Immerhin ist doch bereits so viel erreicht, daß un- eheliche Kinder von gefallenen Kriegsteilnehmern die zu- gebilligte Rente bis zur Beendigung des Krieges lveiter de- ziehen dürfe». Alle Moral ist ja letzten Endes u t i l i t a r i s ch(Zweck- mäßigkeitsmoral). Der hohe Wert, den das einzelne Menschen- leben gerade als Folge der furchtbaren Menschenvcrnichtung durch den Krieg erhalten hat und der auch das uneheliche Kind als ivertvollen Zwvachs zum Nationalrcichtum an Menschen betrachten läßt, wird auch zu einer Prüfung der Stellungnahme gegenüber der unehelichen Mutter führen, hat zum Teil schon dahin geführt, wie diejenigen bestätigen, die auf diesem Gebiete arbeiten. So werden die von der Mutter- schutzbewegung in Uebereinstimmuug mit der sozialdemokra- tischen Partei erhobenen Forderungen nach einer Ausdehnung der Miltterschaflsversichcrung auf alle Mädchen und Frauen, ja vielleicht sogar die in ihrer Verwirklichung schon ein Stück Zukunftsstaat darstellende Forderung einer staatlichen Rente für alle Kinder, nach dem Krieg voraussichtlich einen besonders günstigen Boden finden. Neben dieser Arbeit im großen leistet der Bund ein wich- tiges Stück G e g e n>v a r t s a r b e i t in seinen Mutterschutz- Heimen und Beratungsstellen, wie sie nahezu in jeder Stadt, in den Ortsgruppen existieren, geschaffen worden sind.") Viele Tausende von Frauen haben hier in ihrer schwersten Zeit einen Rückhalt, eine Vertretung ihrer Interessen und einen Schutz gefunden. Freilich muß diese Arbeit, lvcnn von *) DaS Heim der Berliner Ortsgruppe befindet sich Uhland« firaße 134. Jmbatec Seite geleistet, immer nur Siückmcr! bleiben, kann sie iiumer nur den Wert eiueö Vorbildes haben. Sache des Staates, Menn es ihm um die Eriwltnng von Kinderleben tvirklich cnist ist. oder in diesem Falle noch richtiger der tikoinmimen, ist eS. in allen grüneren Städten solche Änstaltcn Au schaffen, die die jungen Mütter bis zur volligcil Wieder- Herstellung ihrer Kräfte aufnehmen. Nicht zir unterschätzen ist auch die Arbeit, die in dm AuSku»ftS- und Beratungsstellen des Bundes geleistet wird. EL liegt auf der Hand, dast das junge Mädchen ans dem Volke nur selten unterrichtet ist über die Anspräche, die sie an den Vater ihreü KindeS und an die Gesellschaft hat und über den Weg. auf dem diese Ansprüche zu vcnvirklichcn sind. Manche scheut sich ja auch aus leicht erklärlichen Gründen, mit Ansprüchen an den Mann heran- zutreten, dessen Liebe sie sich nicht verscherzen will, in dem sie vielleicht immer noch den künftigen Gatten, den Netter ihrer Ehre und der ihres Kindes sieht. Cache der Beratenden ist es da, in taktvoller, von Fall zu Fall individualisierender Weise den Mann zur Erfüllung seiner rechtlichen Verpflich. tnngen heranzuziehen und ihn auf seine moralischen gegen- über Mutter und Kind hinzuweisen. Co baut sich auS größerer und kleinerer GegenwartS- arbeit ein Stück Zukunft auf. Noch spuken in unsere so aufgeklärte Zeit hinein mittelalterUch-düsterv Anschauungen über die uneheliche Mutter und daö uneheliche Kind. Aber schon hat sich der Horizont gelichtet und ivtr sehen die Zeit kommen, die leine Tragödien mehr kennen wird. Schaufenster. K i n d h e i t S c r i nn e r u» g c n von Karl Nötiger. O, es ist ein tiefes Wort: Ihr sollt wie die Kinder wer- den— und schwer zu verstehen. Und wird oft mißverstanden. Tenn anders werden— weiter, umfassender, neu werden fühlt so oft der Mensch als ein Aufgeben seiner selbst. Und das ist es doch nicht. Ist nur: Ausdehnen seiner Seelenhülle. Lider im anderen Bild: Uebcrwindung der Enge der Heimat, Hinausrücken der Heimatgrenzen— ein über die Enge der Heimat Hinauskommen, ein Kennenlernen! ein Umsehen im Leben. Ich bin die letzten Wochen sooft an Schaufenstern vorbei- gekommen, habe wohl mal hingesehen und bin iveitergegangen. Ich habe die ersten WeihnachtSsachcn gesehen und bin weiter gegangen. Ich habe kaum daran gedacht, daß in so kurzer Zeit schon Weihnachten ist. Ich war immer wie in Gedanken; meine Seele»vor gefangen oder schlafend. So ist da» Leben. Wir gehen wie gehetzt, und die Augen des Leibes sehen immer anders als die Seekonaugen. ... Es ist etwas im Leben vom Anbeginn: das Graue, das Drückende, das Ringende. Man hat so viel zu bedenken: da sind Pflichten und Notwendigkeiten des Tuns und Lebens — und doch ist das alles nicht das Wesentliche...„Ucber allen Dingen dieser Welt liegt der Hauch der Schwermut, und die Sonne scheint durch trübes Grau." sagt ein Dichter. So ging ich an den Schaufenstern vorbei, übersah die Kinder, die da manchmal standen und miteinander sprachen. Aber neulich, au einem Ädventsonntag, bin ich in der Dcimmmnig spazieren gegangen. Zwecklos, ziellos... bloß uin einmal draußen zu sein— da blieb ich vor einem Schaufenster stehen, wo Kästen mit Lichtern tmd Christbaumschmuck standen. mitten ein geputzter Tannenbaum darauf! Da stand ich erst in Gedanken dann kam's Plötzlich wie ein Erwachen. Meine Augen fingen an zu glänzen, ich sah, staunte, sah immer mehr hin. Und zuletzt merkte ich, daß da noch ein paar Kinder standen, die sich von Weihnachten mit leisen Stimmen erzählten und schauten. Dann ging ich weiter und fing an zu denken. Und eS war, als ginge ich nun wo hinein. Es war etwas aufgemacht, die Tür, da war ich eingetreten und war nun drin. Eine Welt in dieser Welt. Ich fühlte, man mußte das Glück haben. daß die Tür aufging. Und im Gehen versank ich in nur selber und entschwand dieser Welt. Schaufenster. Schaufenster. Wie viele habe ich in meinem Leben gesehen und vergessen. Und welche Gefühlekomplexe und ungeheuren Erlebnisse bedeuteten sie einst. Schaufenster: mmmmmmm. luiu mj.iiiiiwwmw�w««!■■■u Tin einem Sommerabenö. TktzzeauSFlandernvonTyrielBuysse. Mit einem Päckchen In der Linken und seinem Gchsiock in der Rechte» folgte Slcm SCHuljuc einsam mit weitem Tritt der schnür- gerade«, von Linden umsäumt«» gepflasterten Straße, die, hoch wie em Deich, mitten durch die unavschoaren Wiesen zieht und dao Döcflci« Jt. mit der Stadt Q). verbiicdet. Tie im Purpurglcmz Unterglinde Julisonne besch-ien ihn von der Seite und ließ bei jedem Schritt seinen riesigen schtoarzen Schatten zwischen den un- beweglichen, gleichSfallS ins Riesenhaft« ausgedehnten Schatten der Lindmstämm« uura«schießen. Sin seinem Aeußerc» erkannte man in ihm den fetertägig gekleideten Arbeiter; aus dem glücklichen Ausdruck, der ans seinem runde«, gemütlichen Gesicht strahlte, konnte man entnehmen, daß er zu irgendeinem Feste oder Ver- gnügen ging. Co war es in der Tat: er ging zur Ktrmeß«ach der großen Stadt G., wohin ihn seine verheiratete älteste Tochter ein- geladen hatte. Heiter war sein Sinn. So manche Jahre hindurch ivar sei» Lebentlos so rauh gewesen; so manch« Jahre hindurch hatte er gc- schafft uitd geschuftet, ohne jemals, selbst des Sonntags, einen vollen Tag der Ruhe und Erholung zu genießen; jetzt aber, da seine Kinder groß wurden und ihm alle so mutig beistanden, fing er doch an zu hoffen und zu glauben, daß seine gute Frau und er ein friedliches, sorgloses Alter würden genießen dürfen. War cS nicht schon als ein Anfang der wohlverdiente« Be« lohnung,'als das Morgenrot eines friedlichen und glücklichen Da- seinS z» betrachte«— diese drei Ferientage, die er in der große« Stadt zubringen würdet Gott, drei Taget Es lv«r beniahe nicht zu glauben! Er erinnerte sich nicht, nein, sein ganzes Leben nicht, drei volle Tage untätig zugebracht zu haben. Sein rundes heiteres Gesicht hatte sich bei diesem Gedanken mit einem breiten Lächeln überzogen. Ah, er wußte wohl, wie er sie anwenden wollte, diese dvei Tage. Jede« Morgen, die Hände wohlig in den Taschen versteckt und die Zigarre, ja, ja, die Zigarre im Munde, ein Besuch in all den Kneipen des Viertels, ein Karten- spiel hier, ein Kegelspiel dort, dazu eine Anzahl leckere Schnäpschen getrunken; um ein Uhr zurück in Nomanies Wohnung, ganz ausgeräumt und erquickt, vielleicht auch ein wenig angesäuselt, aber nicht zu viel, gerade genug, um als ein Glücklicher Roina-nies UN- erreichte Suppe mit Klößchen und ihr so unaussprechlich schmack. bnjteS Rindfleisch genießen zu können. Und dann, noch dein Mittagschläfchcn, der lange, gemütliche Spaziergang mit Romanle, lauter Ausblicke ans bem Klnberlcbcn!nd Freude, Schön- heit, Buntheit des Fremden. Nun macht diese Voraus- ahnung des kämmenden Festes, daß mir so viel wieder ein- fallt von deni, was einst war und geschaut wurde. Als Kind habe ich das oft erlebt. Mit einem Male war die Zeit da. Advent, vier Wochen vor Weihnachten. Dann fingen mit einem Male die Bäcker an, Männer, Schafe, Stern- che» zu backen. Und sie standen dann in den Fenstern ihrer Läden. O Kleinstadtswelt I Bäcker Böhm und Bäcker Büscher, die wohnten beide dicht nebeneinander. Der eine backte be- sonders die glänzenden braunen Pferde, Männer und Frauen. Die hatten im Kopf zwei Korinthen(die Augen), eine Rosine darunter(die Nase) und darunter noch eine Ouerrcihe Ko- rintheu(der Mund)— und den ganzen Bauch herunter noch eine lange Korinthenreihe: die Knopfe. Ich bin dann gern stehengeblieben, die Kerle gefielen mir so gut. Ter andere aber backte vor allein die AniLlämtnchen, ein trockenes, knusperiges Gebäck.... ES lag dann etwas in der Luft, wenn diese Dinger im Schaufenster standen. Ich sah sie stehen, wenn ich zur Schiile ging. Am Abend vor dem Zubettgehen stellten wir dann ganz gewiß unsere Schuhe zum ersten Male im Jahre vors Fenster, auf daß wir darin am anderen Morgen darin etwas von den schönen Sachen fänden. Und dann wußten wir, die andere» Geschäftslelite machten nun auch bald ihre Schau- fenster anders. Ter Buchbinder, der auch allerhand Spiel- fachen und Nippessachen verkaufte, der Goldarbeiter, der zu Weihnachten immer noch außer seinem Goldwarenlager einen Laden mit Baumschmuck, Puppen, Malkästen, Lokomotiven, Bilderbüchern und Laterna MagicaS machte. Die ersten Spätherbstabende, da ein leiser, weicher Nebel die Straßenlaternen der Kleinstadt so matt umbing, waren so schön. Da gingen wir Kinder von einem Schaufenster zum anderen. Die ganze Langestraßg hin— o, es war schön, einfach dies Schauen als Kind auskosten zu können. Man dachte noch gar nicht daran, was man sich wünschen sollte zu Weihnachten— dazu war Weihnachten ja noch zu tveit. Es war einfach Freude an den Fenstern, an de» Auslagen, ein ganz besonderer Stinunungögebalt. Freilich auch schon Vor- auswitterung einer Freude, die unfehlbar komme» niußte. So ein Fenster war eine Einheit, es mochte znsamuiengestellt sein, wie es wollte. Es war eine Welt für sich. Die Messer, Waffen, Laternen, Lampen beim Klempner, die Chinesen in- mitten von Tee, Zucker, Schokolade, Kakes beim Kolonial- warenhändler; der ganz in lveißen Pelz gekleidete Mann beim Manufakturwarenhändler(vielleicht hatte er noch ein paar Tannenzweigc in der Hand). DaS Regiment Puppen, die Bilderbogen, Bücher, die Spieldosen, Helme. Gewehrs, Säbel, Schaukelpferde beim Buchbinder und beim Goldarbeiter. So- gar der Uhrladen und der Schlihniacherladen wurden um diese Zeit angesehen.— Als wären nun im Kinderleben eine Masse Fenster aufgetan nach draußen, und man tähe Ans- schmtte aus einer größeren, schöneren Welt: so war das. Denn alle diese Schaufenster waren doch mir erst Ansänge von nn- endlich schönen Lebensmöglichkeiten— sie waren die Türen dahinein. Der Erwachsene der Großstadt hat vielleicht noch ein letztes Restchen dieser Schaufensterfrende behalten. Aber nur vielleicht. Der furchtbar große Erlebens- und Gefühls- gchalt der Kinder fehlt ihm wohl liisist. Bor allem auch die Freude an den bescheidenen Schaufenstern, an den kleinen Läden. Ich habe vor größten Warenhäusern gestanden, vor größten Spezialgeschäften und habe doch nicht wieder so träumen können wie damals in der Kindheit vor den Läden der Kleinstadt. DaS war die Freude am Kleinen, die Schön- heit der kleinen Verhältnisse. Spater, als Zwanzigjährigem, st mir'S zum Bewußtsein gekommen: wie bescheiden die Schaufenster und Läden waren. Und waren wir damals doch so viel näher alö heute. Es war die Zeit, da ich inS Heidcdorf verschlagen wurde. Da hatte ich bei einem Gastwirt mein Essen. Der handelte zugleich mit Brot, Mehl, Kolonial- und Eisen- and Manu- fakturwaren. Der Laden aber war, trotz dieses Vielerlei an Sachen, ziemlich klein an Raum und Inhalt. Tie meisten Sachen standen auf der großen Diele herum. Und daö Schaufenster war dürftig, sehr dürftig. Es wurde nicht viel dafür getan. Nur daß vor Weihnachten als leise Hindcutung aufs Fest ein paar Weckmänner drin waren und zwischen ihrem Mann und den Kinder», der Besuch der Volksspiele des Vickiclö, der Genuß der Musik in den 5liosten, daö Aufsteigen der LuftöallonS, und«öends, mitten in dem schweren Gewimmel der Tausende von Zuschauern, die feenhafte Illumination und das prachtige Feuerwerk i L, C5 würde herrlich, entzückend sei»! Wie schade, daß die Mutter nicht llntte mitkommen können! Aper man kann doch daS Haus und die Kinder nicht allein lassen; das nächste Mal wird sie an die Reihe kommen, llnv mit vor unschuldiger Freude strahlendem Gesicht schritt er immer flinker auf der schnür- geraden Ltraße dahin, wobei sein noch mehr verlängerter Schalten zwischen den unbeweglichen, ebenfalls verlängerten Schatten der Linden voranschoß; bald richtete er die Blicke auf den Smaragd- teppich der Wiesen, auf dem die roten und weißen Kühe sich im Glanz der nntergehendeil Sonne wie goldene und silberne Flecken bewegte», dann geradeanä auf da» in der Ferne anscheinend zu- sammenschrnmpfende Ende der Straße, hinter dem sich, in einen wunderlichen mächtigen Rauch gehüllt, schon unklar die Umrisse der Vorstadt zeigten. Plötzlich riß ein entferntes aber«ilhetmtichcS Geräusch, in das sich schnell näherkommendes Rädcrrasscln mischte, Van Thuijnes Aufmerksamkeit auf sich. Er kehrte sich um un.d gewahrte ein Gespann, das in toller Fahrt daherrasie und ihn bald eingeholt hatte. Er blieb steif wie ein Pfahl am Straßenrand stehen, mit einem Ausdruck instinktiver Angst auf dem Gesicht und mit dem Gefühl, daß etwas Außer« gewöhnliches, vielleicht ettvaS Schreckliches geschehen würde. Sein erster Gedanke war, daß daS Pferd— ein kleiner Rappe— durchgegangen sei. Aber der Anblick einer Peitsche, die sich unaufhörlich, unaufhörlich unter dem Karrendach klatschend hervorschlängelte, und eines Klumpens, eines roten länglichen Klumpens, der mit einem Strick an der Wagenachse festgebunden war und auf dieser tollen Fahrt auf dem Pflaster mit fortgeschleift wurde, änderte seine Meinung, während das anhaltende, immer unheimlicher klingende Geheul ihn Schreckliches ahnen ließ. Er trat einen Schritt vor und sah mit entsetzten Augen auf daS furchtbare, näherkommende Bild. Als der Wagen nur noch dreißig Meter entfernt war, sah und begriff er alles. Dal kleine Pferd, da« schäumte, wie er noch nie ein armes Tier hatte schäumen sehen, wurde von einem Rohling. der in dem Karren saß, fortgepeitscht; und der Klumpen, der läng- liche, rötliche Klumpen war ein Huild, ein großer gelber Hund, der. mit zusammengebundenen Beinen und mit einem Strick um den Hais am Wagen befestigt, heulend und blutend auf solch ab- schruiichc Weise mitgeschleift wurde. cinigesil EhriWaumscßnluck nnb Kakes cm paar Tannenzwcijge. Ein Paar Schlittschuhe hingen an einem bunten Band vor der Scheibe. Unten an der vorderen Bort standen ein Paar Holzschnhe und mehrere Paare Filzpantoffeln. Aber ich weiß, wie Kinder davor gestanden haben! Meine kleinen Freunde ans dem Lebrerhauie, die Dorfjnngen und Dorfmädchen aus der Nachbarschaft. Ach, ein Staunen und Erzählen war dast — ich habe dann wohl im Finster» an den dunklen Dezember- abendcn heinstich hinter ihnen gestanden und habe gehorcht. gehorcht— da Hab ich wohl noch fast fühlen können wie als Kind, da war ich meiner Jugend wohl noch näher,... � Aber wie kann man soviel vergessest? Wie kann einein der Duft dieser Stimmung verfliegen, verschwinimest? Ich grüble den ganzen Weg an dem Adventsonntag. da mir all dies eingefallen ist. Das Geheimnis des allmählichen Alt- Werdens hat mir kühl ans Herz gefaßt. Und nur von ferne bekomme ich noch alle die Erlebnis- und Gefühlsmöglichkeiten wieder, die ich als Kind hatte. Das Gemisch von Freude, Erwartung, Schaulust, Glaube, Liebe und Wunderseligkeit.... Ein?totWortbmf. Der Magdeburger Arbeilersekrelär Gustav Krüger bot seine zumeist in der Magdeburger „VolkSstimmc". abgedruckten Briefe aus dem Felde pc- sammelt herausgegeben: Der Sozialist an der Fron t. iBerlag vo» W. Pfannkuch u, Ko.) Der Titel besagt nicht zuviel: der schlichten Natürlichkeit der Darstellung gesellt sich überall die sozialistische Auffassung der Tinge. ... Tu irrst Dich, wenn Tu aus meiner bielleicht etwas ernst gehaltenen Karte entnommen hast» daß mich Dein„alberner" Brief verstimmt bättc. weil Tu darin von Euern alltäglichen Tingen gesprochen host. Das gerade Gegenteil ist der Fall, Ihr könnt Euch ja keine Vorstellungen mache», welch seelische Torturen wir hier durchmachen müssen. Vo» den körperlichen Strapazen ganz zu schweigen. Da sind diese schlimme» Nachrichten, die von den gc- wohnten Hergängen de« täglichen LebenS erzählen, alles weniger als atbern. Sic sind eine Erquickung und geben Aufschluß über die llebgeinordencn heimatlichen Verhältnisse, in die man sich so sehr zurücksehnt mit dem inbrünstigen Wunsche auf badigcn Fric- den. Ihr dürft aber nicht erwarten, daß wir in derselben Weise schreiben sollen. Wir haben hier nichts, an das die Fröhlichkeit sieb ergötzen oder gar sie hervorrufen könnte. Rur daS Pflichtgefühl ist es. das uns diese Fruchtbarlciwn ertragen läßt. Tu weißt, daß ich als überzeugter Sozialist die Eutwickelung dcS Menschen und des Menschentum« anstrebe. Und hier ist alle« auf die Vernichtung des Menschen angelegt— und ich muh mitmachen. Aber nicht nur mitmachen, sondern ich fühle mich auch verpflichtet, mißmutig wer» öciiden Kameraden die Notwendigkeit unserer harten Pflicht vor- zustellen. Es wäre auch geradezu fürchterlich, wenn ich noch das Bewußtsein haben müßte, unsere Negierung hätte den Krieg vor- schuldet oder den Frieden verzögert. Und wie oft fällt nicht ein hartes Work, ein schwerer, aber glücklicheriveise unberechtigter Vorwurf gegen die Regierung. Die einfache Vorstellung, daß zum Friedenmacheti zwei gehören, und daß bisher nur die deutsche Regierung ihre Bereitwilligkeit dazu erklärt hat, genügt meistens schon, die Kameraden zu veranlassen, sich in ihr harte« Geschick zu fügen. Aber auch die Tatsache, daß die Feinde immer noch nicht von dem Gedanke» der Vernichtung und Unterdrückung Deutsw- lemdS ablassen, erfüllt sie mit stiller Resignation und stumm und entschlossen sagen sie sich: leider mußt du, weil die Feinde dich dazu zwingen. Ilnd so ist eS, und keine Aussicht, daß eine Aendecung oder ein Umschwung in absehbarer Zeit eintritt. Dieser Kampf ist der größte, den die Ilngcrechligkelt gegen die Ge- rechtigkeit führt. Er muß ausgcsochten werden, so schwer und so lang er auch sein mag. DaS sind die Gedanken, die eine» ohne Unterlaß beschäftigen und die Umgebung sorgt fnr eindringlichen Anschauungsunterrickt dieses Kampfes, der eine todernst« Stimmung nicht weichen läßt. Man kann alles das, was man hier an Schrecklichem zu sehen bc- kommt, gar nicht beschreiben. Daher befriedigen mich auch alle meine Veröffentlichungen nicht, denn Worte haben für den, der nicht weiß, was für fürchterliche Dinge dahinterstehen, immer nur Unterhaltendes und Interessantes. Und alle Anerkennungen, die mir reichlich zufließen, freuen mich daher gar nicht so recht. Meine „Halt ein!" schrie plötzlich Van Thltljne, indem er wie ein Rasender Stock und Päckchen wegwarf und sich dem Pferde cnt- gege»stürz!e. Er wurde eine Strecke weit mitgeschleppt und erhielt einen furchtbaren Peitschenhieb ins Gesicht,«ine Stimm« tobte und fluchte und übertönt« noch das anhaltende, furchtbare Geheul de« Hundes. „Los! Laß loS oder ich schlag Dich tot!" Aber Van Dhuijne war, von einem unwiderstehlichen Trieb übermannt, plötzlich wie toll geworden. Er kannte sich selber nicht mehr; cr wußte nicht mehr, was er tat; er sprang gegen diese Stimm«, er erstickte sie in der Kehle des Rohlings; cr rief mit vor Wut ausgerissenen Augen, wahrend er den Kerl III seinem Karren zu Boden drückte: „Scheusal! Schelm! Warum mißhandelst Tu die armen Tiere?" Der Rohling rang sich aus seinen Klauen los, schlug ihn mit der Faust ins Gesicht und heulte wie ein Besessener: „Es geht Dich nichts an! Sie sind mein!" Er war ein starker Kerl, ein roter Riese mit einer abscheulich aufgedunsenen Fratze. Es schien Van Thuijnc, als ob er betrunken sei. Aber Van Thutjne war ebenfalls kräftig, und die Wut, die ihn erfüllte, verzehnfachte feine Kräfte. Er packt« ihn wieder bei der Kehle» stieß ihn wieder hintenüber und schrie: „Scheusall Schelm! Warum mißhandelst Du die armen Tiere?" Ter Kerl biß Van Thutjne in die linke Hand. Er biß hinein, daß das Blut Herautfpritzt« und daß Van Thutjne die zermalmten Knochen knirschen hörte, lind all er so wieder auS seinen Klauen entschlüpft war, stieß er ihn hintenüber aus dem Wagen auf die Straße und peitscht« sein Pferd noch rasender, um davonzufahren. Was alsdann geschah, hätte Van Thutjne niemals mehr sagen können.... Er blieb einige Augenblicke wie betäubt quer über der Straße liegen, und alö cr wieder zu sich gekommen war, sah«r das Scheu- sal aus Leibeskräften mit dem spitzen Teil eine» Hammer« auf sein Pferd losschlagen. Das arme Tier wollte oder konnte nicht mehr weiter. ES trippelte auf dem Platz« wie festgebannt, bäumt« sich dazwischen wiehernd auf oder sank gelähmt in die Knie«, während das mit Schweiß und Schaum vermengte Blut in breiten Strahlen von seinen Schenkeln floß. Und bei jedem Stoß heulte der Hund, der, entsetzlich anzusehen, mit zerschmettertem Kiefer, mit blutiger, beschmutzter, zerfetzter Haut und ans ihren Höhlen gerissenen Augen sterbend unter dem Karren lag. ist lucrjt, die Furchtbarkeiten und schlv6rc Pflicht zu schildern, a$ Unterhaltung zu bieten. Stelle Dir vor, wie uns zumute sein Muß. wenn wir bei Gleichem Mondenlicht Schanzarbcit verrichten und plötzlich auf die Leichen von Franzosen stoßen, die ausgegraben und an einer an- deren Stelle begraben werden müssen, weil hier unser Graben durch fall. Oder wir ziehen Drahtverhaue, und in ihnen liegen und hän- gen noch die Opfer der Herbstoffylsivc, halb verwest, wie Vcr- brauchtcs Kriegsmaterial, oft sogar nur Körperteile. Man hatte, von dem Bestreben gedrängt� weiter zu vernichten, nicht einmal �eit, Bcerdigungsarbeitcu wachen. Denn dieses Gebiet hatte der Franzmann in der Äcrbstoffcnsivc erobert und wir haben es jetzt zurückgewonnen. Du siehst,!»§ Frankreich von heute bat trotz »eiuer glorres-cken Vergangenheit von 1703, in der es als Vor- Kämpfer uvo Verfechter der Menschenrechte gepriesen werden konnte, seit dem Herbsve bis jetzt keine iZcit gefunden, seine Doien zu be- grabe». Tie Äricgsercigmjfe duldeten eben diese Mcuschlichkcits- pflübh nicht. Daun wieder kommt ein Angriff und ina» sieht— wie es vor- Wtstcru der Fall war" die feindliche Artillerie mit furchtbarer Wirkung die eigenen Gräben beschießen, so daß ganze 5törper und Körperteil- nur so in der Luft hermnwirbcln. Dann das Ein» dringen doZ Feindes und daS Hinauswerfen mit Bajonett, Hand- Kranaten und den gewaltsamsten Kampfmitteln. Endlich ist der Angriff abgeschlagen und bei der Ablösung finden wir auf dem Wege nach dem Unterstand manchen bekannten und unbekannten, manchen lieben Kameraden tot im Schlamme de« Grabens liegen, andere schwer verwundet. Und allcö sind Menschen, um alle wird zu Hause gesorgt, geweint und geklagt! und während»och hoff, „ungSvvlls Wünsche daheim gehegt»Verden, hat vielleicht ei» furcht» ibares Geschick den Lieben draußen schon ereilt. Das ist beim Frau» so sc u wie bei uns, hüben und drüben so. Und trotzdem diese grau» saure, widersinnige Unvernunft, Ivo die Erde doch der Menschheit so viel Olaniii bietet; alle zu ernähren und zu erhalten imstande ist, und dem Menschen und der Menschheit zur Siitivickcliing und Ent» saltung alles bietet und bieten würde, wenn sie verstehen könnte, sich zu verständigen. Nach den Furchtbarkeiten diese» Krieges wird . s hoffentlich diesen Willen bei allen Völkern geben. Bis dahin l?cißt CS leider noch weiterkämpfen. Du wirst einsehen, daß, wenn Du mir wieder von den alltäg- lichen Dingen zu Hause schreibst, die» keine Albernheiten, sonder» eine Erholung und ein Lichtblick sind. Ich mache mir dann meine Bilder und Gedanken und erlebe auch hier im Geiste ein Stück -Euer» heimischen Friedens.{*) Das Hxot und feine Geschichte. Von Dr. L. Neinhardt(Basel). Ein bcrschlungcner Weg iaiiseudfältigrr Erfahrungen und Versuche der verschiedeiistcu Art führt vom Genuß der rohen Ge- treidekörnec zum Brot der Gegenwart. In der Urzeit wuvden die nahrhaften Samen der wilden GrnSarten und später mit dem Auf- kommen beb primitiven Hackbaus in der jüngeren Steinzeit die- jenigeir der aus ihrer Zahl zu immer gcoßkörnlgcre» Getreide- arten gezüchteten Spezies gleich nach dem Sainmel», solange sie noch nicht durch Eintrocknen hart geworden waren, oder, wenn dies ivic bei den Vorräten der Fall war, nach vorhergehendem kurzen Einweichen in Wasser zunächst roh gegrsse». Vielfach ließ man die Getreidekörncr sogar keimen, wobei man die Beobachtung»lachte. daß sie dadurch infolge Auflöse» des Stärkeinehls in Zucker tdurch ciiz diastatischeö Ferment) einen angcnrhmon süßlichen Geschmgck aehiellen. Man unterbrach dann die Keimung gttegentlich dadurch. daß man sie in die heiße Asche des häuslichen Herde» schüttele, Und erfuhr dabei, daß durch eine solche Röstung der Geschmack ivcsent- llch verbessert wurde. Solches geröstete Getreide hat sich mit dessen natürlicher Würze, dem Salz, tm äußerst koiiserlmtiven Kultus bei manchen Völkern, wie bei den alten Römern, al» die älteste Art von Opfcrspetse pflanzlicher Natur an die Gottheit bis in die Spät» zeit erhalten, u»d spielt heute noch in gewissen HochzettS» und Geburtofitten der Slawen und anderer Völker eine wichlige Rolle. Noch heute sollen die Albanicr geröstete» Gersten» und Welzen- iiu�iä genießen, Mit dem Aufkommen der Töpferei und der damit zusammen- bängcndcn Kockikunst in«der jüngeren Steinzeit kam einmal eine findige kluge Frau auf den guten Gedanken, da» durch Auf. bewahren in großen Töpfen oder geflochtenen Körben hart ge» wordene Getreide zwischen zwei Steinen zu zerklopfen und später �Jctzt sprang Van Dhutjnc, wie von ctnem Sporncnsckilag ge» troffen, wieder auf. Mit eisernem Griff entriß er den Hammer der Hand de» Rohlings, schwang sich in den Wagen und fällte das Scheusal mit einem einzigen Schlag auf de» Kopf. Aber er wußte selber nicht, daß er ihn mit dem ersten Schlage zu Tode getroffen hatte, er schlug weiter, schlug und schlug immerfort blindlings zu, jeden Schlag mit. einein unheimlichen Knurren begleitend. Sein Gesicht war«benfallt ungeheuer abstoßend geworden, seine weit ausgesperrten Augen waren wie von einer roten Lohe geblendet, seine Hände, seine Wangen, seine Augen, sein röchelnder, keuche»- der Mund waren bespritzt mit dem Blut seines abscheulichen Feindes. Plötzlich wurde er heftig von zwei Händen am Kragen gepackt und aus dem Karren gerissen.... Zwei Männer hielten ihn fest und hatten Ihn im Nu ent- waffnct; eine Anzahl anderer eilte von ferne herbei. Blitzschnell ward Bau Thuijne sich der Wirklichkeit bewußt. Er starrte stumm, erschreckt, verstört die beide» Männer an, die ihn unter wilden Rufen kräftig weiterschabcu; er starrte auf das entsetzliche Schauspiel auf der Straße; er begriff, was er getan; er begann zu zittern und brach, während er auf feinen Knicen wankte, wie ein Kind in Tränen aus. In wenigen Augenblicken waren sie von einer wie au» dem Boden hcrvorgewachsenen Menge umringt; sie umdrängte das kleine Pferd, da» zwischen den Deichsclbäumen niedergesunken war, und den Hund, der eben verendet war, und Rufe dos Abscheu» und der Wut ließen sich vernehmen, gemischt mit heftigen Ausdrücken und wirren Fragen. Die beiden Männer, die Vau Thuijne au» dem Karren gezogen hatten, hielten ihn noch immer mit allen Kräften fest; keuchend, von dem murrenden Pöbel wie von einer Meere»« woge hin und her geworfen, gingen sie mit ihrem Gefangenen ab« wechselnd rechts und links der Straße, ohne zu wissen warum. Endlich eilten mit gezogenem Säbel drei Polizisten herzu. Sie trieben energisch den Janhagel auseinander, zwei von ihnen bemächtigten sich des wehrlosen, immer noch wie ein Kind weinen- den Gefangenen, legten ihm Fesseln an und nahmen ihn sogleich in chre Mitte; der dritte ging neben dem Karren. Sie schritten weiter, schnell, schnell, so schnell sie konnten, von einer immer aufgeregter werdcnden, stets noch mehr anwachsenden Menge begleitet. Und au» dieser aufgeregten Menge, die noch ganz iinktex die Ursache und den Borgang des Morde» begriff, erhob sich dennoch? ein allgemeines und überwältigendes Gefühl, ein mächtiger, instinktiver Aufschrei, ein Aufschrei der Angst und der Teilnahme für den Unglücklichen, der den Mord rerübt hatte. Alle zu zerreiben und daö so gewonnene„Mehl"-(was Gemahlenes bedeutet) mit kaltem Wasser zu einem Brei anzumachen und diesen in einem Kochtopf mit Zugabe von Salz bei fleißigem Umrühren, so daß die Masse nicht anbrennt, zu kochen. Dadurch gelangte man zum Brei, der bald als eine feinere Und daher beliebtere Nahrung die gerosteten Getreidekörncr ablöste und sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Diese Breinahrung hat dann cinc weh- geschichtliche Bedeutung erlangt, indem sie bei allen zum Getreide- bau gelangten Völkern die alltägliche Hauptnahrung wurde. Noch im Mittelalter war dies bei unfern Borfahren der Fall, die neben Schwarzbrot und Gemüse hauptsächlich von Haferbrei lebten. Dieses„HabennuS" spielte noch in der ersten Hälfte des 10. Jahr- Hunderts eine große Rolle in der Volkscrnährung Europas, bevor es als Frühstück vom Milchkaffee verdrängt wurde. Wie die alten Schweizer ziehen heute noch die Montenegriner mit umgehängtem Habersack in den Krieg. Von jenem uralten Brauch heißt heute noch der Soldatentornister bielfach Habersack, was die Franzosen alS lwvre-sae in ihren Sprachgebrauch übernahmen. Neben dem Hafer haben bei unsern Vorfahren besonders auch Hirse und später Buchweizen, den sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts durch Vcrmitllung der Türken kennenlernten, als Hauptlieferanten der täglichen Breinahrung gedient. Den Uebergmig von Brei zu Brot bildet der dünne, in der heißen Asche des Herdes oder auf im Hcrdfcucr heißgemachtcn Steinen gcbackcne Fladen, der heule noch in viele» Gegenden jrde andere Getreidenahrung ersetzt. In andern, wo er bereits verschwunden ist, läßt er sich noch in Ilcberrejtcn scststellcn. Heute ist der Fladen bekannt von Lappland bis nach Spanien und Nord- afrita, im ganzen Osten bis nach Japan und China und darüber hinaus in der Neuen Welt in Gestalt der Maisfladen. Ist doch der Mai» das Urgetrcide der amerikanischen Völker, da» erst nach der Eiildecknng Amerikas durch die Spanier zu uns nach Europa gelangte. Wo nun der Fladen zur täglichen Nahrung geworden ist, da wird er nebeneinander aus mancherlei Gctreidesamcn und Nährfrüchten hergestellt, nicht nur aus einer Getretdeart wie da» Brot. Es herrschen vor: Hirse und Buchweizen in einem großen Teile Rußlands, verschiedene Hirseartc» i» Vorderindien. Die nilgeschälten, von Dieiischcnlmiid auf dee primitiven, aus zwei Steinen bestehenden Handm üble gemahlenen Samen geben eine rauhe, yolzsloffreiche, mit dem abgeriebene» Steinsand ver- unreinigte Speise, die, wie das alle Fladcnbcot der vorgeschicht- lichen Pfahlbaucrn der Schweizerseen, zwischen den Zähnen der e? Berspeiseiidcn förmlich knirschte lind die Zähne mit der Zeit starl abschliff, zugleich aber gesund erhielt, da sie sie täglich mehrmals sorgfältig reinigte. In folgender Weise gelangte die kochende Frau zur Herstellung von Fladen und später Brot. Erfahrungsgemäß wußte sie, daß ein ttebcrrest von Mehlbrei sich nicht gut aufbewahren ließ, indem er bald von selbst durch Gärung sauer wurde und so nicht mehr gut schmeckte. Sie suchte deshalb solchen Rest dadurch zu koiiservicren, daß sie ihn flach über die heiße Herdnschc oder daran erhitzte Sieine strich und so buk. Dadurch entstand der Fladen, der wie auch die später hergestellten dickeren Laibe au» Getreidemehlbret„Brot", da» beißt AebrateucS, genannt wurde. Indem so ein Notbehelf zur Er« siiidnng de» Fladen» und später des eigentlichen Brote» führte, wurde dieser Kunstgriff regelmäßig ausgeübt auch mit dem nicht vor Sauer- werden zu schützenden Brei. Er schmeckte eben so besser, und so machte der Mensch den Fortschritt vom Brei zum Fladen al» tag- liche Nahrung. Dabei lernte er aber die klebcrhaltigen Getreide- arlen vorzugsweise schätzen, indem nur sie richtigen Bwkfladen gaben. Gerste und Hafer taugten nicht zur Brotbereitung und schic« den bald aus. Es folgte der Kampf zwischen Weizen- und Roggen- Orot, In-welchem schließlich der Weizen als die beste„Broisrucht" Sieger blieb. Setzen wir die brotlosen„Breivölkcr" den„Brotvölkern" entgegen, so nicht mlndercil Rechts die Roggen- und Weizenvölkern. Der Fladen war wie das älioste Brot überhaupt felbstverständ« llch ungetrieben, dicht, zur Konservierung getrockneter Mehlbrei. Erst die Erfindung der Lockerung de» Teiges sührte zum viel schmack- haslrren und leichter verdaulichen, gesäuerten Brot. Diese schreibt mau gemeinhin den Acgtiptcrn zu. doch kan» sie ebenso gut irgendtvo in Vordecasicii, wo die Rebe kultiviert Ivurde, gemacht worden fein. Nach den Schriftstellern der alten Griechen und Römer bediente man sich nämlich zuerst dreitägigen Weinmosie», den man mit Meftl mischte, zum Treibe» deö Teiges. Die so zur Zeit der Weinlese gewonnene Hefekultur Ivurde das übrige Jahr hindurch in Mehl- leig weiter gezüchtet und immer ein Rest für das nächste Backen auf die Seite getan. In den Bier trinkenden Ländern nahm man die Hefe daraus, und so nehmen auch Ivtr jetzt sogenannte Bierhefe zum wollten ihn sehen, ganze Horden eilten auf beiden Seiten des Zuges voran, Weiber schrieen laut, Kinder stießen gellende R»se ans. Und die Polizisten wurden allmählich machtlos; mit den drohend geschivungencn Säbeln mußte» sie beständig die Neugieri- gen vertreiben, durch rauhe Stöße mit dcr Faust oder mit dem Knie tri eben sie den Gefangenen immer mehr zur Eile an, dcr, schluchzend und kraftlo», unter Tränen seitsame Bitten äußerte, ab- gebrochene Worte nnd Sätze, die niemand verstand. Schon näherten sie sich der Vorstadt, Tie letzten Strahlen dcr untergehenden Sonne sptegriten sich wie Feuer in den Fensler- scheiben der Häuser, und die hohen Fabrikmauern färbten sich wie mit Blut, während sich aus dem dicker iverdendc» Rauch da» un- geheuer« dumpfe Brummen der großen Stadt erhob. Sie schritten über eine Brücke, die unter dem Getrappel dcr Menge dröhnte. Dcr Zulauf des gröhlenden Voltes war so groß gnvordeil, daß nian den armselige» Gefangenen zwischen den beiden Polizisten nickil mehr gewahren konnte. Man sah in dein aufgewirbelten Staub über dem wogenden Gewimmel der Köpfe nichts weiter als die Spitzen ihrer Helme, die in der abendliche» Sonnenglnt von Zeit zu Zeit aufblitzten. Sie kamen zwischen die ersten Häuser, die da und dort schon für das Fest des nächsten Tages mit Flaggen und Wimpeln ge- fchmückt waren. Auf den Tiirschwcllcn standen Frauen mit blassen, erschreckten Gesichtsni, die kleine 5liiidcr auf den Armen trugen. Kleine Buben liefen unter schrillen Rufen, cinc Staubwolke auf- wirbelnd, dem Zuge voran, und auS dcr imnier mehr aufgeregten Menge, deren gemeinsame Seele endlich umviderstohlich ihr Mit- leid für den Gefangenen äußerte, stieg jetzt ein einziger, ringsum wiederholter, immer mehr anschwellender und bald wie Donner über die Köpfe hinivegrollcnder Schrei auf: „Er hat recht getan! Laßt ihn lo»I Laßt ihn lo»! Laßt ihn lofil" Und plötzlich entstand an der Spitze des Zuge» ein schreckliches Ringen. Wutruse erschollen, die Säbel der Polizisten wurden ge« schwuugcn und in Stücke geschlagen, und plötzlich wurde unter un- geheurem Jubel ein Mann, der fürchterlich aussah, ein Mann, dessen Gesicht mit Blut bedeckt war und dessen Kleider in Fetzen hingen, der seine gefesselten Hände bittend nach dem Volke aus» streckte, triumphierend auf die Schultern gehoben und fortgetragen! da» Volk, das endlich seine Tat verstanden hatte, entriß� ihn den Klauen der Polizisten und proklamierte feierlich seine Freisprechung in einem gewaltigen Aufschrei de» Gewissen». (Berecht. Uebcrsctzung von G. Gärtner.) Treiben deö Brote», das überall in den alten Kulturländern Eu- ropa» aus Weizen hergestellt ivurde. Erst mit drin Aufkommen des sehr viel jüngeren.Roggens verwendete man den sogenannten Sauer- ieig zur Herstellung deS bäuerlichen Schwarzbrotes. In diesem sin- den sich außer der Hefe noch Milchsäurcbildner und andere Bäk- lcric», iwe das neben Kohlensäure auch.Wasserstof bildende Bac- i crinm levnn», dann Essigfäurcbitdncc und unlösliches Eiweiß in lösliche Peptone verwandelnde Bakterien. Durch die von letzteren gcvildcteil Säure» wird der Kleber des Mehles gelöst und nimmt die Eigenschaft an, sich beim Backen rasch' dunkel zu färben, wodurch erst das mit Sauerteig bereitete Brot eine dunklere Farbe als das mit Hefe bereitete erhält. Ten Pfahlbauern an den Ufern dcr Schweizer Seen, wie den Kulturvölkern des Altertums war dcr Lioggen als Brotfrucht un- bekannt. Er kam zur frühen Eisenzeit von den Slawen aus dcr sarmatifchen Ebene Siidrußlands, seiner Heimat, zu den alten Ger- mancn, bei denen er, die ältere Gerste überholend, das Hauptbrot- gctrcide, das„Korn" schlechthin, wurde. So lernten die Römer zu- erst in Deutschland das von ihnen verachtete schwarze Roggenbrot kenne», Erst zur Zeit der Völkerwanderung kam dcr Roggen durch die Germanen� auch nach Süditalien und in die westlichen Mittel- mccrlmidcr, wurde hier aber vald durch die nahrhaftere nnd ivohl- schmcckendere Wcizcnfracht ersetzt Auch im alten Römerlande Frank- reich fand das Schivarzbrot neben dem älteren Weißbrot keinen Bei- fall, ivcnigstc»» in den Städten, Ivo die anspruchsvollere Bevölkerung lebte. Nur auf dem Lande fand sich Roggen-, Gersten- und Buch- Weizenbrot. So unterschied sich bis in die neueste Zeit Deutsch und Welsch durch sein Brot. Erst mit den napoleouischen Kriegen Ivurde das bis dahin vorzugsweise Schivarzbrot cjsendc deutsche Volk mit dem fciiieu französischen Weizenbrot bekannt, indem der französische Soldat überall, wohin er kam, sein Weißbrot mitbrachte. Auf weiten Strecken dcr von ihm eroberten Länder war cS gleichbedeutend mit Reichtum, den man sich nicht leisten konnte. Aehnlich wie vor hnn- dert Jahren in Deutschland bringt heute noch der polnische oder russische Bauer Weißbrot vom Markt in der Stadt heim für die Wöchnerin oder das kranke Kiiid. Da nnn beim Weißbrot das Eiweiß sam! Kleber, den vcrschie- denen Nährsalzen, Lipoiden»nd Vilaminkn mit dcr Holzstoffhülle in der Kleie ciitfernt und dem menschlichen Genuß entzogen wird, ist in neuerer Zeit von den Bolkswirtschaftlern mit Recht gefordert Ivordc», daß bei der Wichtigkeit de» Brotes als VolkSiiahrung das ganze Korn Verwendung finden müsse und nicht nur da» weniger Nahrhaktc, lvährend das allernahrhafleste und iveilau« wichtigste in der Kleie dem Verbrauch durch den Menschen cutzogen iverde und höchsten» als Viehfuttcr Verwendung finde. So kam man dazu ein Vollkornbrot herzustellen, da» alle»ahrhasten und wertvollen Bcstandieilc de» Kornes glcicherivcise enthält. Zu diesem Zwecke lvird das Korn zuerst gewaschen und dann erst gemahlen. So entsteht ein Brot, das in jeder Beziehung viel gesünder als das feine Weiß- brot ist, weil es alle nahrhaften Bestandteile des Kornes enthält. Nun ging man einen Schritt weiter und schaltete auch das Mahlen als überflüssig und das Brot unnötig verteuernd au» u»d kam dazu, das gewaschene Korn einige Zeit angefeuchtet liegen zu lassen, wobei es zu keimen beginnt und ein Teil der Stärke in Tcx- tri» und andere Borstuke» bon Zucker umgewandelt wird. Dann wird das aufgeiocicküe Korn(drei Viertel Roggen und ein Viertel Weizen) zwischen Stahlivalzen zerquetscht, mit Hefe getrieben und zu Brot verarbeitet. Solche» Brot ist al» da» Brot dcr Zukunft anzusehen. Wer einmal davon gegessen hat, wird nicht mehr anderes Brot essen wollen; denn e» ist äußerst schmackhaft und hält sich I I Tage frisch im Gegensatz zu Weißbrot, da» äußerst rasch scherb ivirdi Es nährt nicht nur besser, sondern- es sättigt auch weit mehr als das Weißbrot. Das sich heute in alle» Kulturländer n. besonders i» Frankreich verbreitende Verfahren, da» Mehl beim Mahlen übertrieben zu beu- teln, ist eiii offenkundiger Ihistiin, dem mau nicht schroff genug c»i- gegentreten kann. Erreicht eS doch heute 50 Prozent des Weizens, v. h. mit andern Worten, daß nur noch die Hälfte, nämlich dcr aus- schließlich. ans Stärkemehl bestehende Kern des Kornes zur mensch- lichen Nahrung bcnveudct ioird, während man noch bor zwei Menschenaitern mindestens 85 Prozent auch bei Jeiumehl verivcndcte. Erst dcr gegenwärtige Weltkrieg vcraulaßte die Behörden, sich um die zivcckniüßige Verwertung des Kornes bei der Zivilbevöllernng zu kümmern. Rur England nnd Frankreich ließen es beim alten, Italien schrieb Brot vor au» Mehl 80er Ausbeute, die Schweiz solches »öcr Ausbeute. Deutschland und Oesterreich nützen das Korn noch weiter au» nnd beschränken sich nicht auf de» Weizen, sondern nehmen mit Recht auch den Roggen ausgiebig in Verwendung. Ivo- bel ein möglichst genuger Klcicabzug vorgenommen wird. Dabei wird im K-Brot vi« zu 10 Prozent Kartoffelmehl verwendet, lvaS eine sehr ziveckmäßige Neuerung ist, da eS da» Brot feuchter und länger frisch aufbcivahrbar macht. Was nun die Not des Krieges gezeitigt hat, sollte nicht i» der Zeit deS nachfolgenden Friedens ver- lorcn gehen, sonder» die Bevölkerung sollte unbedingt auf der große- rcn Ausnutzung des Korne» beharren und sich immer mehr zum aus- schließlicheu Genüsse von Vollbrot bekehren, das alle Bestandteile deS KorncS— und zivar am besten drei Viertel Roggen und ein Viertel Welzen— gleieftcrioeise verivertet, selbst den Holzstoff der Kleie, dcr das beste stnhlbefördernde Mittel darstellt und einzig den Wert des GrahambroieS ausmacht. Endlich sollte auS Zweckmäßigkeit auch da» Treiben statt durch Hefe durch chemische Treibemittel ersetzt werden, da die Hefepilze 1,5— Ü Prozent deS Mehles verzehren. Dies macht aus die 100 Mit- lione» Toppelzeutncr Brotmehl, Sie Teutschland jährlich zu Brot verbackt, einen Ausfall bis zu 0 Millionen Doppelzenincrii, die wir den Hefepilzen zum Fratze überlassen, statt sie selbst za essen. Da- zu nimmt man am besten 0,1 Gramm Weinsäure und 10,g Gramm doppeltkohlensaures Natron per Kilogramm Mehl oder Korn. Zriebel lest mSestie ein« Stock« kein mir grollen, ton und lautem Scktag und in da« fehwars« Land hinein verstünden einen neuen Cag. Hu« dem der Menkchheit friede quillt, den keiner zitternd flucht und flieht, und betend auf dem Elken kckild der allerletzte Kricgomann kniet. 0, daß er kommen wird und muß ich sehe, wie es kick schon heilt. S» wird ein ungeheurer fluß der Liebe itrSmen durch die Kielt. O, daß ick dann ein Sckiffemann wär', dem Sehnsucht feine Segel zwingt, ich würde fahren hin und her, bis mick der große Strom rtrschUngt. 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