»iiiihitiiifctiiftiiiJpliii ZA. Jahrgang. ♦ Nr. ZS? Heilage zum �vorwärts" Herliner Volksblatt Serlin, 24. VeZember 191H Der Kreuzbaum. Eine Weihnachtslegcnde. VIc engcl kegen zm Mittag izs himmlische hau;. stechen alle Vinkel mit vetieln und Zweigen aus, und am Ilbend stellen lie in den Aolkenraum einen riesenmLchtlgen, geiinen rannendaum, der zur feler des heiligen CHritt ganz mit eisernen Kreuzen dehangen ist... Durch den weiten Saal geht von Raunen und Murren ein Ion und ein Mann tritt beherzt vor fjerrn Jesus Ihron... ..lieber Ijerr Christ, wir haben dich bittend bedrZngt, und nun halt du uns wieder den Baum mit eisernen Kreuzen behängt. Ckber Herr Christ, wie wären wir froh entzOit, hättest du uns den Baum mit Beptein und silbernen llllNen gelchmil»t. Giäierner land, ein enge] ans Goldpapier, lieber tzerr, das wär' uns köstliche veihnachtszler.. Uber während die Klagende Stimme noch spricht, lächelt yerr lelus mit seinem milden Gesicht, winkt hinüber nach einer voikentür, und da tritt ein kleines, seliges Kind hcrfür. Irägt ein winziges Bäumchen In leinen Händen klein und einen Stern darauf voll wunderhellem Schein... „lahr um fahr Hab' Ich dies Kind gelchicht, aber Ihr Menschen habt es olt grämlich angeblicht. Rur die Kinder drunten Im Crdenland iahen den himmlischen Glanz in der Kleinen Hand... heut wollen alle den Stern des Friedens sehn. Komm, Kind, wir Müllen hinunter zur Crde gehn.. Vom Himmel herab zur Veit,— doch fern noch, wie fern!— wandert der Stern... Karl SDroger. Der Stern wanöert. Von Franz Diederich. Ein lautes Tönen fährt durch die Wintcrnacht. Sie lagert schwer, und das Tönen drängt. Tie alte Legende von den Hirten im Felde, die den Stern sahen, den führenden Stern, hängt wie in dicken?!ebeln. Tas sind auch nicht die Weihnachtsglocken von einst, was da hcrübcrtönt aus den Fernen. Es. läutet nicht mit gläubigem Nerlünden und Verheißen, es ist kein Tönen aus weichem Metall. Aus hartem Eisen, härtestem Stahl wird es entbunden, rauhe Hämmer schlagen es los— Amboßschläge! Amboßschläge I In beklemmenden Nebeln fallen sie schwer. Tie alten Glocken mit dem Dreiklang der Weihenacht kommen nicht auf gegen sie. Scheu ducken ihre Stimmen unter. Wie Vergangenheit geistert hinter dem Hämmer- gedröhn ihr feierlicher Ruf von Ehre, Frieden, Freude. Ehre den Gütern der Höhe! Friede auf Erden! Und den Menschen ein Wohlgefallen! Uralter Ruf der Sehnsucht, aus Widerstand entsprossen, von unzähligen Geschlechtern umrungen, nie erfüllt bisher, aber über alles Vergehen triumphierend, bitter empfunden wie ein Hohn von der Massennot des Jahrhunderts unserer Väter und dennoch wach und laut und mit neuen Willens- gluten iveitcrgetragen,»iralter Ruf der kämpfenden Menschheit, nun auf die furchtbarste Probe gestellt! Drei Jahre Krieg, der das Glück, das Hoffen, daS Wollen von Millionen, aber Millionen aus fester Bahn warf! Drei Jahre Krieg, der altgewohnte Bande des HerzenS zerriß und Schmerz und Elend verschwenderisch säte I Drei Jahre Krieg, der die Arbeit verwüstet und umwälzt und schmählich darben läßt! Drei Jahre Krieg, der Millionen Leben mäht und zu Krüppeln schlägt! Uralter Weltruf, Völkerruf. der das Heil verheißt, wie willst du im Glauben bestehen! Ehre den Gütern der Höhe! Friede auf Erden! Und den Menschen allen ein Wohlgefallen! Die Welt hat der Ruf erobert. WaS gab ihm die Macht? Sein Ziel nmfchwingt alle Länder und Völker. Ver- binden und einigen heißt feine Seele. Verbinden im Geist, der die Kräfte des Alls erkennt und bändigt, verbinden in der Arbeit, die den Grund der Erde ausschöpft und Land auf Land, Volk auf Volk anweist. DaseinSlust soll der Ertrag sein, der alle beglückt. Aber die Wege wurden zersprengt, der Krieg kam über die Menschen. Haben die Völker den Krieg gewollt? Jedes Volk ver- wahrt sich dagegen. Aber alle müssen ihn tragen. Sie haben ihn geahnt, aber nicht gewollt. Sie hatten noch nicht die heilige Macht, dem Lauf der Geschicke zu gebieten. Der Hebel war nock nicht in ihrer Hand, der das Räderwerk zwingt. Das blutige Schicksal sprang aus der Maschine. Ihre Riemen, Kräfte, Zähne rasen. Furchtbare Hämmer schlagen den Amboß. Tosen erdrückt den läutenden Klang: Frieden, Frieden, Frieden auf Erden! Tie Völker haben den Krieg nicht gewollt, sie sannen auf Frieden. Die aber geklärten Geistes begriffen, wie der Friede sich gründen läßt, sie wußten, nur kämpfend war er zu bannen. Wissen, bleib wach I Nun gilt'S deine Kräfte! Die Zeit stieß uns die Blutprobe zu: den Hebel, der den Frieden erzwingt, den die Menschheit sehnt, wir solle» dem Krieg aus den Krallen ihn reißen. Ein Stern ging auf den Hirten im Felde rmd führte sie. In Windeln lag die junge!lraft, auS der Erlösung kommen sollte. Von ihrem Feld aus führte der Weg, aus ihrem Hoffen brach der Schein, der die bedrängte Welt er- hellte. Im niederen Stall, vor ihren Augen, lag die bessere Zukunft verklärt. Sie sahen den Keim und glaubten. Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert, durch zwei Jahrtausende hin haben die Menschen der alten Legende nachgeträumt. Sie war eine Macht bis heute herauf. Was uns an Daseinsglück gebrach, wir haben's am Abend der Weihnacht tiefer in Hoffen und Wollen gefühlt. Wir schloffen uns in unsere Stuben, wir sehnten einen grünen Baum und bunten Schmuck und Lichterglanz. Die Enge sollte sich hellen und iveiten. Wie aber sank dies Feiern hinter uns! Drei Jahre Krieg! Drei Jahre Krieg! Städte voll dual und Fluren voll Gräber I Die Ruhe der Herzen erschüttert, daß kein Heim die Kraft hat. leuchtende Mitte des Daseins zu werden für einen Tag! Die Ächter auf nahem Zweig wollen nicht flammen, der Stern auf dem Baume schimmert nicht. Unsere Herzen machen sich auf: das Ziel ist draußen. Ter Stern ist wieder im Wandern. Er führt ins nächtige Feld. Weg, der die Zukunft sucht, wie bist du hart! AuS- einander irren ün Suchen die Scharen, die Schulter an Schulter bleiben müßten. Aber der Weg, den der Stern weist, kann nur auf einer Linie der nächste sein. Der Kräfte sind viele, aber der Weg will, daß sie schreiten als eine!kraft. Im Feld draußen wühlt der schreckliche Krieg. Millionen, die wir lieben, wachen und streiten da draußen. Der Weg. den der wandernde Stern nimmt, hat die blutigsten Leiden der Menschheit unter sich. Erst jenscit, hinter dem Kriege, liegt das Ziel, das alle Nebel von seinem Glänze löst, das Ziel, das erlöst. Unser Weg zieht durch den Krieg, wir müssen den Krieg bestehn! Er soll uns nicht werfen, aufrecht soll er uns sehn. Beute soll er uns lassen. Beute des Völkerhcils. Das Leben der Millionen Väter, Söhne, Brüder, die im Felde todumdroht der größten Stunde harren, soll ein Ouell sein der Kraft, die in erlösende Zukunft strömt. Stern, du führst nnö zu ihnen ins Feld! Unsre Weihnacht fei abermals dort! Harter Weg. du klirrst und klaffst unter unfern Sohlen. Harter Weg, du bist ohne festliche Glocken. Wenn wir nahen, werden Väter, Söhne, Brüder auf unsere Hände schauen und fragen: Bringt ihr den Frieden? Hat er nicht eben laute Stimmen vorausgesandt? Väter, Söhne, Brüder, wir fragten nach Frieden! aber als er zum Glockenseil griff, ward es ihm vor den Händen Das Märchen von öee Tanne. Von Ernst Preczang. Am Rande einer Schonung, auf dem großen, bewaldeten Abhänge, der sich dicht an der Landesgrenze erhebt, stand sie und reckte ihre schlanke, jugendfrische Gestalt empor. Im Frühling spürte sie ein geheimnisvolles Quellen und Werden in Stamm und Acften, und als die Maisonne ihr Goldlicht über die grüne Schonung breitete, schoß es in gelb- grünen harzigen Trieben aus allen Zweigen, und die'kecke Spitze reckte sich höher und leuchtete wie klarer Bernstein. Wenn am Abend die Sonne weit drüben in der schimmernden Ebene versank und ein lauer Lcnzwind aus den Aeckern und Wiesen im Tale herauiwehte, wenn die Dämmerung sich über Hügel, Wald und Ebene breitete, dann hob ein eifriges Wispern und Flüstern in der Schonung an. Die Bäumchen neigten sich zu einander und raunten sich wunderbare Geschichten zu von dem Leben, das sie erwartete, von der strahlenden Kraft der Sommersonne— und der weißen Märchenpracht des Winters. „Wie schön hat uns Mutter Natur gekleidet!" sagte der schlanke Tannenbaum am Rande der Schonung.„Leuchten unsere Triebe nicht wie Kerzen?" Und alle die kleinen Tannen nickten eifrig und wiegten sich froh und stolz in dem sanften Winde des Frühlings. Die Tanne am Rande des Abhangs aber war die schönste und größte von allen. Wenn sie sprach, hörten die andern andächtig zu. denn sie hatte über alles ihre eigene Meinung und genoß den Ruf. ein Philosoph zu sein. „Säwn sind unsere Maikerzen, daS ist wahr," sagte sie. „Ich möchte sie nicht missen; denn sie setzen helle Lichter auf unser dunkles Kleid. Aber es ivarten unser noch viel, viel schönere. Kenn der unfreundliche, düstere Herbst vorüber ist und der Winter unsere Zweige mit seinen weichen, weißen Flocken bedeckt— dann erst kommt das große Wunder in un'cr Leben. Und dann erst fühlen wir ganz, wozu wir be- rufen sind: in Schönheit zu sterben für eine herrliche Auf- gäbe.. Da neigten die Bäumchen sich neugierig vor und wisperten: „Sprich, was ist es?" Die große Tanne träumte eine Weile vor sich hin. Dann sagte sie:„Habt ihr zuweilen das schrille Kreischen hinter uns im Walde gehört?" Da schauerten die kleinen Bäume furchtsam zusammen und raunten eifrig:„Ja. Es soll ein schreckliches Tier mit blanken, spitzen Zähnen sein, das die Bäume frißt." „Nein. Ein Tier ist es nicht. Säge nennen die Menschen das Ding, wie ich von Holzschlägern gehört habe. Das setzen sie an unfern Fuß, die Zähne beißen zu, und wir stürzen um." «Welch' schrecklicher Tod!" jammerten die Tannen. „Es dauert nur einen Augenblick. Und wir sind auch nicht tot. Denn erst dann kommen wir wirklich zu Ehren bei den Menschen. Sie tragen uns in ihre warmen Stuben, geben uns einen künstlichen Fuß, so daß wir wieder gerade und aufrecht stehen wie hier. Dann schmücken sie uns und bekleiden uns mit strahlender Herrlichkeit. Silbernes Haar wird über unsere Zweige rieseln, goldene Nüsse, rotbäckige Acpfel und bunte Süßigkeiten Iverden sich daran schaukeln und kleine, weiße Engel werden uns umschweben. Ja I Auf der ganzen weiten Welt gibt es keinen Baum außer uns, der so wunderbare Früchte trägt, keinen einzigen, der so geliebt und verehrt wird wie wir." Staunend hörten es die andern und bebten vor Ehrfurcht und Glücksgefühl.„Und das ist wirklich wahr?" „Es ist wahr. Aber das Schönste, das Allerschönste wißt ihr noch nicht. Wie wir jetzt unsere Maikcrzen tragen, so werden uns dann blütenweiße und rosenbunte Lichter schmücken: Kerzen, die wirklich brennen und leuchten. Und lachende Kinder werden um uns sein und uns anstaunen mit glänzenden Augen, weiden singen und jauchzen, und ihre kleinen Seelchen werden hüpfen vor Lust und Freude!" „Wie schön!" flüsterten begeistert die Bäumchen.„Wie herrlich!" „Ja, ihr Schlvestern und Brüder! Alles, was lebt und webt auf dieser Erde, hat seinen eigenen Zweck, seine be- sondere Aufgabe. Aber unser ist das herrliche Los geworden: den Kindern Freude zu bereiten!" Da ging ein dankbares, andächtiges Rauschen durch das Heer der kleinen Bäume. Die Frühlingsnacht mit ihren Sternen umspannte den Wald, und der laue Wind wiegte die Bäumchen in seligen Schlaf. Die große Tanne aber stand schweigend am Abhang und träumte noch lange, lange in ferne Zukunft hinaus.... Tag und Nachte träumte sie und blickte glückselig in die weite Ebene hinunter. Es kam der Sommer und auf den Aeckern flutete das Meer der goldenen Halme im Sonnenbrande. Der Duft reifenden Brotes wallte auf und mischte sich mit dem Harzgeruch des Waldes und dem Odem der zahllosen Blüten, die in buntem Reichtum überall hervorsproßten. Die Schnitter rückten heran; ihre blanken Sensen blitzten in der Glut des Himmelfeuers, und das Goldmeer der Halme verebbte unter dem Schwirren der funkelnden Eisen. Die Tanne am Abhang sah es und träumte ihren alten Traum. Eines Tages blieben die jungen Schnitter auS. Aeltere Männer kamen und führten bedächtig die Sense, Frauen sogar, und die Mädchen banden eilig Garbe um Garbe. Aber wenn sie am Abend Arm in Arm heimschritten, sangen sie nicht mehr. Als die Felder abgeerntet waren und hier und dort noch die Garben in Hocken standen, traten an einem Morgen eine große Anzahl grauer Männer ans dem Walde und spähten vorsichtig in die Ebene hinaus. Sie trugen Tornister auf dem Rücken und Gewehre in den Händen. Sie zerstreuten sich in langen Linien auf Aeckern und Wiesen und warfen tiefe Grüben quer über die Ebene auf bis hinauf zum Fuße des Abhanges. Die Tanne sah es verwundert und träumte Wetter wie vorher. Doch bald kam die Stunde, da sie jäh emporschreckte auS ihrem Traum. Vor ihr am jenseitigen Rande der Ebene sprühte ein Feuerblitz auf; hinter ihr im Walde gab es einen harten Schlag, so daß ihre Wurzeln erbebten, und dann blitzte, fauchte und donnerte es von allen Seiten. Unten in den Gräben begannen die Flinten zu knattern, und hoch oben in der Luft zog ratternd ein großer, merk- würdiger Vogel seine Kreise. Weiße Wölkchen umflatterten und begleiteten ihn. Hinter den Gräben schlugen dunkle Stücke ein und warfen eine feurige Wolke von Qualm und Erde spritzend empor. Das ging so Tag und Nacht. Wochen... Monate... Nun war der Herbst da und schüttete seine Wolken über die grauen Männer in den Gräben aus. Der Himmel ver- finsterte sich, und wütende Stürme jagten über die Ebene und bralisten durch den Wald. An einem solchen Tage ging wieder daS grausige Toben und Brüllen an. Die Luft war erfüllt von sprühendem seuer und fliegendem Eisen. In der Ebene, im Walde und och oben in den Wolken zischte und pfiff, knallte, wimmerte und heulte es. An diesem Tage geschah es, daß zum ersten Male ein gewaltiges Stück Eisen in die Schonung schlug, viele kleine Tannen zerschmetterte und die Stücke hoch in die Lust schleuderte. Da fuhren die anderen in tödlichem Entsetzen zusammen und bogen sich verzweifelt nach allen Seiten, als ob sie fliehen wollten. jn-Mjnfffcn. Twrm fiürte d!c Ankwork. Eisern umstob sie uns den Weg. Anibotzschlägc, Ambotzschläge! Der Friede soll kämpfend crschmicdct sein. Und ihr steht am Herde. Haltet die Glut I Seht ihr droben den Stern? Wandert er noch? Wächst nicht sein Leuchten? Der Stern hält überm Schlachtcnfcld. Durch treibende Nebel zuckt sein Schein... Was will er künden? das Lest öer Mütterlichkeit. Von H e r m i n c S ch m i d t- L a b r. Nur nur bittenden Kindcraugen zu gewähren, entzündet so nranche Mutter dies Jahr ein paar Kerzen am Weihnachts- bäum. Nur um dem Drängen einer Jugend nachzugeben, die die Wirrnis unserer trüben Zeit um so viel Coline, so viel Unbefangenheit betrogen. E in Fe st kann es ja doch nicht werden, dies dritte Kriegsweihnachten! Hier bei uns flackern, wie wartend in Onal und Angst -> all die Fernen, die Kerzen am grünen und bunten Baum. 1 brennend Heist und schwer wie Tränen fallen ihre nifcn. In England ziehen die singenden Knaben von . zu Tür und künden mit silbernen Glocken die„fröhliche" Feit. Und wenn sie müd gelaufen und müd gesungen sich um den Tisch setzen, auf dem der mit so viel Liebe und Hoch- Wichtigkeit bereitete PImnpudding in blauzüngelnder Flamme dämpft, dann suchen auch dieser Kinder und ihrer Mütter Blicke den fernen Vater. Und so hat überall dieser Tag. diese Nacht ihr eigenes, liebcmahnendcs, erinnerungsreiches Gc- präge. Ja, im Namen einer Heilöwahrheit hat sich's im letzten und vorletzten Jahr sogar begeben, daß da und dort doch der Kampf abflaute und Freund und Feind einen Augen- blick als einfache Menschen sich begegneten, die nichts von Hast und Kampf wußten, sondern nur von der weihnachtlichen Friedensbotschaft. Und doch liegt Sinn und Bedeutung dieses Festes unserer Zeit rächt so weltenfern. Eine kämpfende, bedrückte und geängstete menschliche Gemeinschaft war es, die sich zum erstenmal an die Hoffnung auf Erlösung klammerte und Märchen dichtete von Rettern, die sie aller Oual entbinden sollten. Der unerschütterliche Glaube, daß es besser kommen nrust, daß der Menschheit Friede und Wohlgefallen bcschieden sein muß, hielt ganze Generationen seelisch aufrecht in der Bedrückung. Wundersam, wie dieser Erlösungsgedanke in der ge- staltenden Volksphantasie sich als schönstes ein einfach mensch- licheS Sinnbild schuf. Mutter und Kind, das sind die Gestalten, in die sich zu versenken dieses innerlichsten aller Feste eigentliche Weihe war. Nicht die Bibel und die biblische Christusgeschichtc legten dem Urbild der Mütterlichkeit große Bedeutung bei. Im Gegenteil, wir hören dort von Christi hochfahrender Art. mit der er sich von Mutter und Geschwistern wandte. Auch die römische Kirche mit ihrer Verachtung des Weibes wußte zunächst mit der Gestalt der Mutter nichts an- zufangen. Erst nach und nach, als sie sich auch dem Bedürfen gerade der nordischen Völker anpaßte, nahm die Kirche den Marienkult auf. Aber mit welchen Ehren und Würden sie auch die erhabene, mit der Gewalt der unfehlbaren Fürbitte ausgestattete„Himmelskönigin" ausstattete, dem Volk blieb sie vor allem nahe als die milde erbarmende Mutter. Ihr Kind aber ist Botschaft und Gewähr einer köm- Menden besseren Zeit. Und das Licht umstrahlt die Mutter, deren Hut dies in der Wiege liegende Werdende anvertraut ist. Ihre mütterlich hegende Liebe darum ist Gewähr für die kommende Erfüllung des Ersehnten und Erhofften. Und darum ist auch sie anbetungswürdig. Immer wird diese Wcihnachtslcgcndc auch dem, der dem Christentum ganz entfremdet ist, ein ehrwürdiges Symbol bleiben. Auch das Werk des Sozialismus ist ein Erlösungs- werk, das wir freilich nicht von cineni vom Himmel gesandten Kind erwarten, sondern als Wirkung unserer eigenen Gegen Abend wurde der Lärm schwächer und als die Nacht kam, heulte nur noch der Sturm ans den Wolken, wimmerte und schrie es gedämpft auS der Ebene herauf, und der Regen brach wie eine Sintflut nieder und löschte die qualmenden Feuer im Dorfe. � Am Morgen strahlte die Sonne. Da blinkten große, helle Tropfen an den Nadeln der Tannen auf wie Tränen an Menschcnwimpern. Es war, als hätten sie die ganze Nacht geweint... In der Folge geschah es öfter, daß eins der vernichtenden Eisen seinen Weg in die Schonung nahm und die kleinen Tannen zu Dutzenden zerbrach. Sie starben hin mit einem schwachen Schrei. Die aber am Leben geblieben lvaren, flüsterten in stillen Nächten mit einander und sagten trauernd:„Das Märchen von dem silbernen Haar, den goldenen Nüssen und strahlen- den Lichtern ist eine Lüge." „Nein," erwiderte die Tanne am Abhang.„Es ist dennoch wahr. Neulich rasteten einige der grauen Männer in meinem Schatten, und ich hörte, wie sie von uns sprachen. Sie sagten, sie wollten mich nach ihrer Heimat mitnehmen. Dazu lachten sie seltsam weich und freudig, so daß ich wohl merkte, es kam ihnen von Herzen." Die Bäumchen schüttelten ungläubig die Zweige und wiesen auf ihre zerbrochenen Brüder hin. „Ja," sagte die große Tanne traurig und nachdenklich. „Viele gehen dahin, ehe sie das Ziel ihres Lebens erreichen. Das ist überall so, in der ganzen Welt... Aber ihr müßt es dennoch glauben, das große Wunder unseres Todes, das zugleich das höchste Wunder unseres Lebens ist. Bereiten wir uns auf unsere hohe Aufgabe vor, und wir werden über den Tod triumphieren." Die anderen schwiegen und wußten nicht ein noch aus. Sie aber träumte weiter, ob auch die Ebene bebte und donnerte und der Wald von den feurigen Eisen zerrissen wurde... Schon hauchte der Winter seinen eisigen Atem aus dem Osten, und über Wald und Ebene wölbte sich ein schwerer grauer Himmel. Die Wolken öffneten sich und Flocken stürzten herab, unzählbare Flocken, die das ausgebrannte Dorf, die zerfetzten Aecker und Wiesen, die Gräben und grauen Männer mit weißer, weicher Watte überschütteten und Wald und Schonung in glitzernde Märchenpracht kleideten. „Seht ihr!" Die große Tanne wiegte sich stolz und schüttelte die Acste, so daß die Flocken wie silberne Funken umhersprühten.»�eht ihr? Nun ist unser' Tag nicht mehr weit." Kraft. Und gerade der Befreiungskampf der proletarischen Frau ging eindeutig um das eine: Rettung der besten persönlichen Kräfte vor dem Aufgericbenwerdcn im Daseins- kämpf, damit nicht das eigentliche Leben der Frau, daS häusliche seelisch verarmen muß. Es ist an ihr, den Glauben an daS klimmende,, an eine friedevollere bessere Zeit hoch zu halten und die Seelenkräste, deren es bedarf, diese Zeit her- aufzuführen in sich zu hegen, in anderen zu wecken. Und wie sie Mut und Kraft in dieser allerschwersten Zeit bewies, so wird sie Mut und Seclcnlraft beweisen in der treuen Hut und Pflege, die sie dem großen Erlösungswerk angedeihen lassen wird, dessen Botschaft wie die alte Weihnachtsbotschaft verheißt: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohl- gefallen!_ Der Schatz öer �lrmen. Von Hans L c u ß. Mit wie viel Aufgebot von Herz und Verstand hat man seit Jahrlausenden die Elenden zu trösten gesucht I Buddha, der Königs- söhn, ist durch Wellverachtung und Wcllvcrneimmg siir eine halbe Milliarde Menschen zum Golt geworden; zweitauscndfiinfbundert Jahre dauert seine Religion der Entsagung; unverstanden von ihren Bekenner», deren Gebetsmühlen jetzt sogar in den eng- lischen Schützengräben ihre dunkle Formel„Om roani padrae bum" abhaspeln. Ursprünglich eine Revolution der allgemeinen Menschen- rechre gegen die Tyrannei von Gcburts- und Standesvorrechlen; der Gleichheit gegen die Kaste; der Ruf zur Menschenwürde ,ge- richtet an Verachtete, nur sür den grenzenlosen Hochmut der Aus- erwählten der Geburt im Staube Dahinlebeude— erstarrte sie bald genug, als der Prinz tot war, der als ein Bettler aus dem Königspalast entflohen war, um das Volk zu erlösen. In Jndicri siegte wieder die Kaste. Die Buddhaisten wanderten zwar aus nach Tibet, China; aber sie trugen nur den Wahn mir fort, nicht den Geist. Was Erlösung werden sollte, wurde neue Sklaverei, das Fundament sür den Thron der Mönche, des Lama in Tibet. Die Gebetsmühle wurde daS Grab der Jnnertichkeit, die Buddhas Leben und Lehre kennzeichnet! Das„Kleinod iur Lotos"(Om mani padme). ein Symbol aus aristokratischer Urkuliur Aegyptens und Indiens, höhnt die Ursprünge der Rcvolu tron Buddhas gegen den Hoch- mut der Brahmanen I Die Zusammenhänge zwischen dem Urchristentum und der ein halbes Fahrtausend älteren buddhaistischen Weltcrlösungslehre sind noch dunkel, fallen aber auf. Auch Jesus hielt es mit den Armen. Tie von ihm ausgegangene Bewegung revolutionierte das Weltreich der Römer. Als ihr„Sklavenauistand in der Moral" gesiegt hatte, als die Götter Griechenlands und Roms nur noch auf Dörfern unter Bauern Anbeter fanden, als die Wörter„Bauer" und„Heide" gleich- bedeutend wurden(pagamis; französisch noil, heute pai'en—Heide), Da wurden die vormals Verfolgten alsbald Verfolger, die Demütigen die Allerhochmütigsten. Aber der alte Geist lebte fort in Sekten, weckte neue Gedanken und Lehren, aber nicht nur solche der duldenden Demut! In jeder Regung der„Menschenrechte", in jeder Empörung der Rechtlosen, die zum Licht streben, wirkt er fort, wie sehr auch die Empörer und ihre Feinde diese Zusammenhänge leugnen und verkennen mögen! Der Forscher siebt unter dem Schutt der Geschichte die verborgene Geschlechterfolge der Gedanken, und hört im hellen Ton der Trom- peten von 1789 einen umnitielbaren Nachhall der leidvollen Lehren des revolutionären KönigSsohncS Gautama-Buddha und einen weniger mittelbaren, direkteren des Lebens, des auf Golgatha mit vergeb- lichem Schimpf als daS eines Aufrührcrs gewaltsam, doch auch der- geblich vernichtet wurde! Da kommt nun dieser Krieg ohne Beispiel in der Welt Geschichten, rüttelt an Allem, was es gibt auf der Welt, zerstört, zerrüttet alles Recht, alle Güter der Menschen, mäht Millionen da- hin, unterbricht alle Verbindungen der Zivilisation, stattet überall den wahnwitzigsten Fanatismus mit dem Anschein des Rechtes aus, sich sür der Weisheit letzten Schluß und tiefsten Sinn auszugeben, so daß nur noch der Wahnsinn für Verstand, Humanität für Dumm- heit und sogar für Verrat gelten muß I Aber wie eS zu allen Zeilen gewesen ist. so heute auch: in dem Uebel selbst ist ein Geist des Guten; der Krieg, der Gewalt über Und alle die kleinen Bäumchen begannen wiederum zu hoffen und zu glauben. Denn nun war auch der feurige Lärm fest langem ver- stummt. Die grauen Männer hatten sich Erdhütten im Walde gebaut, und zuweilen an den frühen Abenden drang Musik und Gesang daraus hervor. Die große Tanne lauschte den Liedern und flüsterte freudig: „Hört nur, hört! Nun singen sie wahrhaftig von uns..." Gedämpft, wie aus weiter Ferne her, klang eS: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, Wie grün sind deine Blätter..." Eifrig lauschten die Tannen: die ganze Schonung geriet in ein secliges Entzücken; die Bäumchen wiegten sich leise hin und her und begannen zu fingen. Der Wald sang mit und die Ebene, die Steine und das Land, der Himmel und die Sterne... Die schlanke Tanne am Abhänge schien zu wachsen vor Stolz und Glückseligkeit. Ihre weißen Aeste strebten aufwärts wie Schwingen. Und inbrünstig raunte sie:„Haltet euch bereit! Morgen ist der große Tag, da sich unser Los erfüllt und wir die Freude zaubern werden in die glänzenden Augen der Kinder �..' In derselben Sekunde fuhr jenseits der Ebene ein Feuer- strahl in die Höhe. Ein heulendes Elsenstück brauste heran und traf die große Tanne mitten ins Herz. Sie schrie wild auf, hob die weißen Arme, sprang mit ihren Wurzeln hoch aus der Erde und stürzte zerrissen in den Abgrund..._ Weihnachtssaat. Gen Himmel groß durch lvlnlerland Und weiße 5 kernen nacht Ein Sämann schreitet bis zum Rand Der fernsten Wehr und Wacht. Er schreitet mit gewaltigem Schritt Den Riesenacker ab Und mißt den blutigen Erntcschnitt An Helm und Kreuz und Grab. Vor manchem Hügel schneeumhüllt Da stockt des Sämanns Fuß, Er neigt das Haupt von Schmerz erfüllt Und beut der Ehrfurcht Gruß. alles ReKt erhebt, sogar den Goiiesbcgriff errnebrigi, jind die höchsten Werte der Menschheit zu Unmelischen, das Böse, Schädliche und sogar dos Schändliche zur Tugend fälschen will,— trägt in seines blutigen Mantels Falten auch Kräfte des Heiles und der „Heiligung"! Wohlauf, ihr Armen, bemächtigt euch dieser Kräfte, eures wahren Schatzes! Würdigt euer rechtes Evangelium, das ihr nun besser kennt als Buddha l Das Paradies eurer Enl- sklavung kann aus diesem Wallen der Gewalt nicht nur gerettet, nein, sogar durch dieses Wallen verwirklicht werden! An euch ist es, euren Schatz aus der allgemeiueu Zerstörung zu heben und zu gewinnen I Nicht auf Zusagen sollt ihr bauen— wer wäre so naiv?—, aber auf Tatsachen I'Eines Prinzen Predigt, die Indien erschüttert hat, ist nur ein ohnmächtiges Mittel im Vergleich zur Gewalt der Tatsachen, die der Krieg hiulerlassen wird! Schon die ungeheuren Lasten, die er uns auibürden wird, müssen mit unwidersteblrcher Wucht den Hochmut der Vorrechte zu Boden zwingen! Man wird nicht nur euch, eure Arbeit, sondern sogar euren guten Willen brauchen, wenn mau den Staat, das Reich nicht verkommen lassen will! Das ist der wahre„historische Materialismus" jetzt, daß euer Kampf in ein ganz andere«, stärkeres Bündnis mit den Wirt- schastlich-politischen Tatsachen, den wirklichen, ökonomisch- politische» Z u sr ä n d e n gebracht sein wird, wenn der Friede kommt! Nicht was ihr getan und getragen habt in diesem Kriege, sondern Ivos ihr nach ihm zu leisten haben werdet— Unentbehrliches— das ist der Anker eures Rechts, der dadurch aus eiticr bloßen Forderung, einem Ziele, zur Wirkung wird, nämlich zur Wirkung der Veränderung eures Ranges, eurer Macht im Staate und seiner Volkswirt- s ch a f t! Wollten irgend welche Toren es unternehmen, diese beiden nach dem Kriege einem erbitterten, zerrüttenden„inneren Kriege" auszuliefern, so würden alle bald merken, daß die» Unternehmen daS schwerste Unheil für da§ Reich bedeuten würde. In dieser Talsache dürft ihr, Schüler der Lehre vom historischen Materialismus, eure Ansprüche und Rechte materiell das heißt wirtschaftlich verankert sehen. Was aber die idealen Mittel eures Rechtes und des Kampfes darum angeht, so bringt ihr ans dem Kriege auch deren nicht wenige mit. Was immer den Menschen heilig war und ihr Herz in zivingende Verbindung mit ihrem Willen, ihren Fehl- schlüsselt brachte, das dürft ihr von Stadt zu Stadt,- von Land zu Land als Losung vor euch hertragen und für euch aufrufen! Verbündet zugleich mir den realen, materiellen, ökonomischen Trieblräslen und idealen; mehr als vorher von beiden getragen, werdet ihr nach dem Kriege noch mehr als vor ihm die Garde der Gerechtigkeit sein und init dein Schatz � des Armen zugleich den Triumph der Humanität aus dem Schutthaufen der Kriegshinter« lassenschaft erheben! Der internationale Haß, rnit dem der Krieg die Menschen entehrt, ist nur ein Schwächling gegenüber dem ollgemeinen Schrei der Europäer nach dauerndem Frieden! Ein Bündnis der aus Zwang und Zwangsvorstellungen befreiten Bcrnunst wird sich mit Naturgewalt Bahn brechen unter den Völkern, die jetzt einander nötigen, einander zu quälen! Ter Sturz der Zwangsgewalt der nationalen Jnlercsien wird der des Kriege» selber sein, der Friede der Geburtstag einer neuen, stärkeren Internationale! Die Lehren der Erfahrung werden den Abscheu gegen den Krieg zu einer Wille-ns« und WerdenL macht befördern, während er vorher doch fast nur ein sanfter Wunsch von„Ideologen" und eine„Lehre" geblieben war l Ich bin nicht geneigt, gegen die Not der Zeit eine leer« Trost- predigt zu halten, sondern will die zum Verstehen und Handeln anreizen, die dazu berufen sind. H a n d l u n g eu aber sind nicvr Temonstrationen— ohnmächtige gar l Sammlung der Kraft für die Zeit nach dem Friedensschluß. Aufklärung über unsere Machtmittel, Ausbildung und Hebung in ihrem Gebrauch,— diese Aufgabe, die uns der Krieg und seine wirklichen Wirkungen stellen, inüßte ein unfehlbares Heilmittel gegen den zerrüttenden Zwiespalt unter uns sein! Wer unter gründlich v e r ä n d e r t e n Zuständen und Machtverhälmissen nur die alten Mittel, Wege, Waffen kennen und nutzen will, der beraubt uns und geht mit dem Schatz des Armen verwegen um: dieser ist aber der höchste Schatz der Menschheit! Wer uns nichts zu sagen weiß über die wahrhaft radikale Revolution der Volkswirtschaft durch die Erbschaft aus dem Kriege; Dann richtet sich sein Rücken fest. Nach Gottes Ruf und Rat Schwingt er den Arm und fallen läßt Er segnend seine Saat. Und wenn ein Saatkorn fällt, so sprießt In freier Heimat Grund, Die Kampf und Not zusammenschließt, Ein neuer Wenschenbund. Und wo zu Kindesweisen hell Erwacht der Lichter Schein, Tief springt im herzen auf du Luell, Der löscht der Mütter Pein. Und wo sich heimlich um Verlust Die Seele sorgt und müht. Da geht ein Stern auf in der vrust, Der Stern der Zukunft glüht. Das wirkt des großen Sämanns Hand 3n weißer Weihenacht. Er wirst die heilige Saal ins Land Der deutschen Liebesmacht. Karl Heuckell. Die Legende vom Vogelnest. Von Selma Lagerlöf. Hatto, der Eremft, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte, und sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den Bart in den Gürtel! denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso Unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu erbitten. Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Oualen anderer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. Darum zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am Flußuser und wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron Gehör fanden. wer sich um diese iniimsie Angelegenheit deS Arbeiters nicht liim- mert. sondern nur als Pazifist Politik treibt, der ist heute sehr ungenügend. Parteilehre ist es allezeit gewesen, datz auch feindliche Zustände und Kräfte sKapitaliSmuS) gute-Dienste leisten müssen. daß wir sie als geschichtliche Kategorie, als unvermeidliche Durch- gangsstudien anerkennen, aber in ihrem Wirken und Walten die Werte zukünftiger Welten aufspüren und dieser Werte uns bcmäch- ltgen müssen. So hat die Partei seit Marx den Schatz des Armen zu heben gesucht. So sollten wir ihn erst recht in dieser unvergleichlich großen Umwälzung des Krieges suchen, so ihn aus den Trümmern der KriegSbrunst holen I Warum verträgt man sich so schwer, wenn man eine so klare Aufgabe vor sich sieht? Zur mein Kmö. Glutbräude flammen aus Geschähen Zn jeder Zlachk, an jedem Tag. Es kracht. Die Bajonette blihen. Granatenwurf und Solbenschlag. Vorwärts zum Sturm im raschen Sprunge! Und ist's auch grauenhast und hart.— Es bleibt doch dir dereinst, mein Junge, Erspart. Im Traum seh' ich die kleine Stube, Von ZNulters Händen aufgeräumt. Bei Büchern dich, mein blonder Bube, Der von des Vaters Taten träumt In der Begeistrung heißem Schwünge— Die Träne rinnt mir in den Bart: O blieb es dir dereinst, mein Junge, Erspart! Der Wind weht und die Flocken tanzen. Der Blond scheint über fremdem Land. Dort drüben an des Feindes Schanzen Erhebt der Tod die Knochenhand. Er schreckt mich nicht. Wir ist erklungen Ein Trost von gar besondrer Art: Dies alles bleibt einst meinem Jungen Erspart. Paul E n d e r l in g. Das Ciweißratsel. Bon Dr. I. S ch l o m e r. Die Ernährungsfrage steht im Mittelpunkt der Erörterungen. Lm Parlament und am Stammtische, im Salon und in der Mansarde wird darum gestritten, wieviel Eiweiß, Fette und Slärkestoffe zur Erhaltung des Lebens nötig sind. Die Führer der Wissenschast ziehen in Schlachtordnung gegeneinander auf mit dem Fcldgeschrei: „Biel oder wenig Eiweiß". Wir aber wollen die Leser hinter die Front dieses Kampfes führen, wo der Forscher mit Probiergläschen und lltelorte, mit Versuchen an Menschen und Tieren dem Geheimnis der Eiweißsrnährung nachspürt. - Das Eiweiß ist der Träger jeglichen Lebens. Wir kennen wenigstens kein Leben ohne Eiweiß. Lei Pflanze, Tier und Mensch ist- es die lebende Substanz. Die Eiweißarten sind Stoffe, die zwar in Wasser löslich sind, aber nicht wie gewöhnliche Salze, sondern sie sind kolloid, d. h. sie lassen sich nicht durch tierische Häute hindurch- filtrieren. Für diesen Zustand ist ein bekanntes Beispiel eine Gelatine- lösung(überdies ist Gelatine kein Eiweiß). ÄuS dieser Tatsache geht schon hervor, daß das kleinste Kvrpcrchcn, in das man sich das Eiweiß mechanisch zerlegt denken kann, die Eiwcißmolekel Verhältnis- mäßig sehr groß sein muß; und das ist sie auch. Besteht doch z. B. daS Serumeiweiß des menschlichen Blutes aus 1432 chemischen Atomen. Diese Atome sind wie in allen Eiweißen die Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Schwefel und Stickstoff; letzteres ist der J— L— �———— Hatto, der Eremit, stand am Flutzgestadc vor seiner Höhle und betete da» große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten Gerichts über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die ppsaunenblascndcn Engel an, die das Ende der Herr- schast der Sünde verkünden sollten.. Er rief nach den Wellen des Blutmeers, um die Ungerechtigkeit zu ertränken. Er rief nach der Pest, auf daß sie die Kirchhöfe mit Leichcnhaufcn erfülle. tllings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am Flutzufcr stand eine alte Weide mit kurzem Stanim, der oben zu einem großen, kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne Zweige hervorwuchscn. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des holzarnien Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden Frühling trieb der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen Tagen sah man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart um Hatto, den Eremiten, flatterten. Das Bachstelzenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage mit seiner Arbeit beginnen tvollen. Aber zwischen den heftig peitschenden Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit Binsenhalmen und Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber sie mußten unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu lassen, damit das Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlevhorst zerstört werde.•' Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und vertrocknet und knorrig und schivarz und menschenunähnlich solch ein alter Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und Wangen, daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur cm einem kleinen Aufleuchten tief in den Augen- höhlen sah man, daß er Leben besaß. Und die vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der emporgestreckte nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, die mit verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen waren. Er trug einen alten, eng anliegenden, scbwarzcn Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne Farbe ange- nommen hatten, wie die Unterseite der Weidenblätter. Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten, hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie die andere durch Axt und Säge in ihrem Himmels- streben gehemmt worden war. Sie umkreisten ihn viele Male, flogcil weg und kamen zurück, merkten sich den Weg zu ihm, berech- nctcn seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und.Stürme, fanden jie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für-ihn, wegen' charakteristischste Bestandteil, er ist ungefähr in einer Menge von 16 Proz. in der Eiweißmolekel enthalten. Man darf nun nicht glauben, daß diese Atome in der Eiweißmolekel einen regellosen Haufen bilden. Sie sind kunstvoll geordnet— so müssen wir eS uns wenigstens vorstellen— wie die Teile in einem Mosaik- bild. Wie in diesem die verschiedenfarbigen Steine besondere Muster bilden, so treten die fünf genannten Elemente erst unter sich zu verschiedenartigen Gruppen zusammen, aus denen dann, wie aus Bausteinen das Eiweißmolekel sich zu- sammensetzt. Diese Bausteine find die Aminosäuren. DaS sind or< ganische Säuren, in denen mindestens eine Atomgruppe aus einem Stickstoff- und zwei Sauerstoffatomen gebildet ist. Die einfachste von ihnen ist das Leimsüß(Glykokoll), so genannt, weil es zuerst aus Leim hergestellt wurde und süß schmeckt; eS ist eine Essigsäure» in die die obengenannte Atom- gruppc eingetreten ist. Daß das Eiweiß aus diesen Säuren zusammengesetzt ist. läßt sich dadurch beweisen, dvtz es bei geeigneter Behandlung mit Chemikalien in die Aminosäuren zerfällt. Zugleich hat der berühmte Berliner Chemiker Emil Fischer aus diesen Aminosäuren eiweißähnliche Stoffe wieder zu- sammensetzen zu können; es ist für uns kein Zweifel, daß es dem Fortschritt der Wiffenschaft auch gelingen wird, in nicht zu langer Zeit das Eiweiß selbst im Laboratorium herzustellen. Ob die Forscher ihm Leben verleihen können, das wagen wir noch nicht zu prophezeien. Bisher sind ungefähr zwanzig Aminosäuren gefunden. Es ist ausgerechnet worden, daß durch die Verbindung von zweien, mehreren oder allen von ihnen über zwei Billionen chemische Körper (Eißweißsubstanzen) möglich sind. Durch diese Berechnung wird ein Licht geworfen auf die Erklärung der Verschiedenheiten der einzelnen Pflanzen- und Tierarten. DaS Eiweiß selbst ist noch nicht das Leben. Erst dadurch, daß der geheimnisvolle Prozeß des Stoffwechsels sich an ihm abspielt, wird es zur lebendigen Substanz. Solange es lebt, zerfällt es und bildet sich immer wieder neu, bei der einfachsten Pflanze, der Alge. wie bei der Krone der Schöpfung, dem Menschen. Schon lange ist bekannt, daß im Stoffwechselprozetz des Menschen das Eiweiß zerfällt in Harnstoff, Waffer und Kohlensäure. Während die ersten beiden durch die Niere als Harn ausgeschieden werden, entweicht die letztere mir der AuSatmungöluft durch die Lungen. Damit diese Verluste, die der Eiweißbestand unseres Körpers fortwährend erleidet, wieder ersetzt iverden können, muß ihm wieder Eiweiß in der Nahrung dargeboten werden. Und wichtig ist, daß, während die übrigen Nahrungsstoffe, Stärke und Fett, sich gegen- scilig vertreten können, immer eiweißhaltige Nahrungsmittel dar- gereicht werden müssen. Man könnte sich vorstellen, daß man durch einen Versuch am hungernden Menschen feststellte, wieviel Eiweiß täglich zersetzt wird, und wieviel deshalb in der Nahrung zum Ersatz gereicht werden muß. Es hat sich aber herausgestellt, daß diese Menge nicht genügt, sondern daß es mehr sein muß, um das Ei- weitzgleichgewicht herzustellen(oder wie der Wissenschaftler lieber sagt.Stickstoffgleichgewicht", weil der Stickstoff das wichtigste Element des Eiweißes ist). Ob diese notwendige Menge 50 oder 118 Gramm beträgt, darum streiten sich die Forscher, ob es als tierisches oder pflanzliches Eiweiß gereicht werden soll, darum kämpfen Vegetarier und Fleischfreunde. Das Eiweiß wird vom Menschen vor allem als Fleisch, aber auch in pflanzlichen Nahrungsmitteln, wie in Hülsenfrüchten, ge- gessen. Durch die Verdauung, die im Mageu-Darm-Kanal vor sich geht, werden zuerst die Hüllen, beim Fleisch das Bindegewebe, bei den pflanzlichen Nahrungsmitteln die Zellulofen-Hüllen, gesprengt. DaS geschieht schon im Magen. Aber schon hier wird daS Eiweiß auch durch, die im Magensaft vorhandene Salzsäure und das Pepsin in sogenannte Peptone übergeführt. Das Pepsin.ist ein Ferment, nämlich ein Stoff, der, ohne sich selbst zu verändern, ununterbrochen einen chemischen Prozeß hervorrufen kann. Die Peptone, die im Magen entstehen, sind so löslich, daß sie durch tierische Membranen, also auch durch die Schleimhaut des Darms, hindurchgehen können. Man glaubte daher auch früher, daß diese Peplone wirklich als solche von dem Darm ausgenommen und in das Blut überführt werden können. Die neueren Forschungen haben aber gelehrt, daß dies nicht der Fall ist, sondern die vom Magen in den Darm übergetretenen Peptone werden durch Fermente, die pon der Bauchspeicheldrüse und der Darmschleimhaut ausgeschieden werden, weiter in die Bausteine des Eilveißes, närnlich die Aminosäuren zerlegt. Daß dies der Fall sein muß, läßt sich auch durch die seiner Nähe zum Flusse und'dem Ziiedgras, ihrer Vorratskammer und ihrem Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und legte sein Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Ere- miten. Ter Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Ge- beten des Eremiten gab es kein Aushören.„Mögest Du bald kommen, o Herr, und diese Welt des Verderbens vernichten, aus daß die Menschen sich nicht mit noch mehr Sünden beladen. Möchtest Du die Ilngeboreuen vom Leben erlösen! Für die Lebenden gibt es keine Erlösung." Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus der großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen wieder und versuchten die. Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine Finger einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger Daumen über die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich über die Handfläche, so daß eine fried- liche Nische entstand, in der man bauen konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort. „Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest Du des Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Matz Deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale Deiner Gnade leer? O Herr, wann kommst Du aus Deinem sich spaltenden Himmel?" Uni vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Ficbervisionen vom Tag des Jüngsten Gerichts auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden wälzte sich eine Schar flüch- tender Tiere. Doch während. seine Seele von diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit einem vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten. Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte >das Gelübde getan, den ganzen Tag stillstehend mit empor- gestreckten Händen zu beten, um so unfern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein Körper wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn erfüllten. Er hörte die Mauern der Städte zusauimenbrecheai und die Wohnungen der Menschen, ein- stürzen. Schreiende, entsetzte Vvlkshaufen eilten an ihm vorbei; und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönen Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus weißen Blitzen geflochten waren. Die kleinen Bachstelzen bauten und zimmerten fleißig deu ganzen Tag, und die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit ihrem steifen- Riedgras und an diesem Fluß- ' ufcr mit seinem Schilf und seinen Binsen war kein Mrnigel an mlereffanle Tatsache erhärten, daß man einen Menschen im Eiweißgleichgewicht erhalte» kann, wen» man ihm nnr die Aminosäuren, aus denen fich daS Eiweiß zusammensetzt, in genügender Menge gibt. Weshalb muß nun dieser umständliche Prozeß der Zerlegung erst stattfinden, wenn doch Eiweiß— nämlich das Körpereiweiß deS Menschen— wieder auS ihm hergestellt werden soll? Da müßte doch eigentlich genügen, daS Eiweiß der Speisen löslich zu machen, damit es durch den Darm hindurch- treten kann. Man überlege sich aber, wieviel verschieden- artige Zellen mit verschiedenen Funktionen Eiweiß zu ihrer Ernährung gebrauchen. Leber und Niereu, Gehirn und MuSkelzellen, sie alle produzieren verschiedenartige Stoffe, die sie eben nur aus dem Eiweiß herstellen können. Und wie man ein neues Haus nicht aus den Architekturteilen eines alten aufbauen kann, sondern nur aus deren Bestandteilen, den Bausteinen, so stellen auch die Körperzellen ihren Lebensstoff aus den Bausteinen des Eiweißes, den Aminosäuren oder mindestens ihren einfachen Zusammensetzungen her. Mit diesem Aufbau aus den einfachen Bestandteilen ist dem Körper die Möglichkeit gegeben, sich ganz genau das seiner Art eigene Eiweiß zu gewinnen. Denn jede Tierart und jede Pflanzenart, wahrscheinlich sogar jede Zellart. scheint ihr ganz besonderes, arteigenes Eiweiß zu besitzen. Die Möglichkeit, daß alle diese Millionen von verschiedenen Tier- arten ihr arteigenes Eiweiß haben können, ist gegeben da- durch, daß eben— wie oben erwähnt— soviel verschiedene Arten von Zusammensetzungen von Aminosäuren möglich sind. Wird dem menschlichen Körper das Eiweiß einer anderen Tierart nicht durch den Darm dargereicht, sondern.direkt als Lösung in das Blut eingespritzt, so empfindet er diese ihm-artftemde Substanz als Gift und antwortet darauf mit Produzieren von sogenannten Ab- Wehrstoffen wie bei einer Erkrankung durch Bakteriengifte. DaS Eiweiß der Nahrung muß also im Darm gespalten und dann im Körper in menschliche s Eiweiß verwandelt werden, um nicht schädlich zu wirken. Infolge dieser Tatsache konnte sich ein Forscher den Scherz erlauben: die Menschenfresser nähmen die dem mensch- lichen Körper zuträglichste Nahrung zu fich. Mit der Entdeckung, daß der Körper aus einfachen chemischen Stoffen so zusammengesetzte Stoffe wie das Eiweiß ausbauen kann, ist wiederum ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Pflanzen hinfällig geworden. Früher nahm man an, daß nur die Pflanzen aus einfachen chemischen Stoffen höher zusammengesetzte bilden könnten, während dem lierischen Körper es nur möglich sein sollte, diese zusammengesetzten Sloffe wieder zu zerlegen. Je mehr man aber in das Stoffwechselproblem eindringt, umsomehr erkennt man, daß auch das Tier Synthesen— wie man diese auf- bauenden Vorgänge nennt— vollziehen kann. Damit es aber seine verschiedenen Eiweißarten bilden kann, müssen ihm, wie es scheint, sehr viele verschiedene Aminosäuren dargereicht werden. Mit Leim, der dem Eiweiß sonst sehr ähnlich im Bau ist, kann man einen Menschen nicht im Sticksioffgleichgewicht halten, weil, wie sich jetzt herausgestellt, ihm einige wichtige vou diesen Säuren fehlen. Fügt man ihm diese hinzu, so kann der Mensch damit vollkommen ernährt werden. Mit der Erkenntnis, daß zum Ablauf der verschiedenen Lebens« funklioncn sehr viel verschiedene Aminosäuren nötig sind, lernen wir verstehen, weshalb der Mensch mehr Eiweiß in der Nahrung ge- braucht, als er im Himgerzustande zersetzt. ES muß ihm eben ein Gemisch dargereicht werden, in dem sie alle enthalten sind. DaS ist beim Menschen wahrscheinlich nur möglich, wenn er tierisches und pflanzliches Eiweiß genießt. Jedenfalls gebraucht die Hirnzelle andere Stoffe als die MuSlelzelle. So erklärt sich vielleicht die durch nichts hinwegzndeutende Tatsache, daß die städtische Bevölkerung der Industrie- und Geistesarbeiter anders zusammengesetzte Nahrung zu sich nimmt als die Landbevölkerung, daß sie Fleisch den pflanzlichen NahrungSstoffen vorzieht. Wahrscheinlich weil das Fleisch die zu ihrer Art der Arbeit nötigeren Stoffe cnt- hält. So würde die Bußpredigt der KriegSernährungSfanatikcr, zur Mehlsuppe der Vorfahre» zurückzukehren, vielleicht dem ganzen wirt- schaftlichen Aufschwung der Neuzeit den Todesstoß versetzen. Um diese Frage zu entscheiden, dazu bedarf cS noch eines langen Verständnis- vollen Zusainmenarbeitens der LaboratoriumSforschcr und der Sozial- hygieniker. Diese werden durch Massenerhebungen und Vergleiche der Ernährungsweise und der Arbeitsverhältnisse der verschiedenen Völker und Bevölkerungsklassen eine Ueborsicht zu gcwinnensuchcn, wie Arbeits- leistung und Ernährung sin Zusammenhang stehen. Für die Frage- Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur Mittagsrast noch zur Vesper- ruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen sie hin und her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst auge- langt. Aber ehe der Abend anbrach) hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und mehr aus sie gehestet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus, wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich ein bißchen ausruhten. Co sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im Schilf auf. Wer abend» über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein Gesicht in gleicher Höhe mit den Evdhügelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein wunderliches Bild von dem lichten Abend- Himmel abzeichnet. Eulen mit großen, runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für den, der ausrecht steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen Köpfchen auf schwanähnlich gebogenen Hälsen erhoben. Große Kröten kriechen träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer Fledermaus, die Mücken über deu Fluß jagt. Es ist, als hätte jedes Evdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die kleinen Vögelchen auf dem schwanken Schilf, geborgen vor allein Bösen auf diesen Ruhestätten, denen kein Feind nahen kann, ohne daß daS Wasser aufplätschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt. Al» der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen. Sie hatten ihre Aierkzeichen gemacht, und flogen geradeSwegs auf ihr Nest zu, aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin und erhoben sich gerade in die Luft, um zu spähen. Keine Spur von einem Nest oder einem Baum. Schließ- lich setzten sie sich auf ein paar Steine am Flußuser und grübelten nach. Sie wippten mit dem laugen Schwanz und drehten das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen? Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf dem jenseitigen Flußuser erhoben, als ihr Baum gewandert iam und sich aus denselben Platz stellte, den cr am vorigen Tage eingeiwmmen. Er war ebenso schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas, wa» wohl ein dürrer, aufrechtrageuder Ast sein mußte. Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die vielen Wunder der Natur nachzugrübeln. Hatw, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte und ihnen sagte, eö wäre besser für sie, wenn sie nie- mal» da» Licht der Sonne gesehen hätten, er, der in den. Schlamm hinausstürzte, um den fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß hiiiaufruderten, Verwünschungen nachzü- fleHun« Ect dieser Forschung werden ihnen die Ergebnisse der mo- derne» Siweibforschung wertvolle Hinweise geben. Nicht der Krieg i-ur feinem ZwangsvegetariSmuS wird die Entscheidung liefern — dieies Erperiment wird durch zuviel andere Einflüsse gestört— nur wissenschoftüche Arbeit in rubiaen AlicdenZ?e!t->n t-,»n vi» r»«-«»,. wissenschaftliche Arbeit in ruhigen FriedenSzeiten kann die letzie» Schleier wegziehen, die das Eiweitzproblem heule noch verhüllen. ym'mfohtt zu Weihnachten. Von einem Feldgrau en. We ihnachtSurlaub k Eine Ellorie von Glück und Hoffnung . t sich um dies Wort, man möchte es mit feinen, zierlichen Empirebuchstaben schreibe» und eine Arabeske von Friedensengeln wo sich schnäbelnden Täubchen herumzeichnen. Auch um das Ding 'i sich. Obgleich es sich ein bisichen anders entwickelt und in seinem wieginn verteufelt wenig Poesie hat. Wir haben ihn also eingereicht, nach dem alten Wort, datz wer ! A Urlaub bittet, auch viel bekommt. Aber dann ist alles stumm. Wir glaube» nicht mehr dran. Bis endlich am 21. auf einmal der s.hwadronschreiber sagt: UebrigenS ist Fhr Urlaub genehmigt. Am :!! Und ich fitze tief drin in Rußland am Rande eines hübschen Schützengrabens und hing bereits die Leier zum Heulen an eine Weide. Drei Tage nur nach bis lffieihnachten, und ein Brief geht fünf! Ein Brief wiegt AI Gramm und ich 80 000! Aber der Schweiber iröstet! Memfchen kommen schon in dreißig Stunden nach Berlin, wenn sie nur den rechten Anschluß finden. Also packte ich schleunigst meine Siebensachen, holte Paß und Fahrscheine und sprang kopfüber in die Entlausungsanstalt. Die gehört ja nun auch zur Poefte des Weihiiachtsfestes. Sonst war sie das jüdische Bad des Ortes. Ein schmutziger, feuchter, ve riiucherter Holzkäfig. Als ich hineinging, war ich läusefrei, als ich sie verließ, juckte es mich am ganzen Körper. Aber es war wohl nur Einbildung, denn ich bekam einen unterstempelten Schein, daß : 1 lause- und seuchcnfrei sei, und wo ein Stempel drauf ist, da sieht auch die Wahrheit bezeugt. Von dort ging ich zur Bahn. Das Telephon, das hier draußen nicht klingelt, sondern tutet wie ein Waldhorn, hatte einen Zug zu ' ilhr nachmittags verheißen, der, wenn er ging und schnell ging, . n Abend noch Anschluß an die große Linie zur Heimat bringen müßte. TaS Telephon log nicht, aber der Zug hatte sich'S anders über legt. Alle Tage war er gegangen, heute blieb er nicht erst im Schnee stecken, sondern der Einfachheit halber ganz aus. Der nächste fi Ig ging„etwa vier Stunden später", genau wußte es keiner, ab -n-sehen davon, daß hier draußen alles von plötzlichen Unibefehlen abhängig ist____ Es konnte aber auch zwischendurch mal ein zu i iliger Zug eintreffen, also da wir einnial am Bahnhof waren, blieben wir. Wie, wer, was da im Saale stand, saß und lag, war nicht zu erkennen, nur die Schatten der Pickelhauben rissen sich riesenhaft au den weißen Wänden ab, wenn einer seine Glühbirne anknipste ober ein Streichholz hervornahm. Die Ungeduldigsten standen am Fenster und bliesen Löcher in die Eisschicht. Dadurch kam auch ich in die Lage, als erster den ankommenden Zug zu melde», der durch den Mondschein gegen die chneelandschaft urcheimlich groß herangebraust kam, obgleich er tatsächlich nur eine Kleinbahn darstellte. Er hielt und war im Sturm genommen. Schneller konnten wir nicht oben sein, wenn wir Russen gewesen wären, hinter denen die Deutschen her sind. Nun saßen wir auf Koffern im Viehwagen. Früher galt es als gröbstes Schimpfwort, daß man im Viehwagen würde fahren müssen. Du lieber Goit! In diesem Kriege sind wir schon so viel im Viehwagen gefahren. Wir waren denn auch ganz zufrieden mit : m, denn ebenso gut hätten wir auf einer offenen Lore durch die Schneenacht fahren können. Er war ja auch nicht gerade geheizt, aber da? ist kein unbe- dingteö Erfordernis, einmal hatten wir bereits feit vier Stunden . froren und dann wußten wir mich, wozu wir's taten. Diesmal nicht nur fürs Vaterland, sondern für unsere eigenen Heimwünsche. .la, mit Trampeln. Wolldecken, auf die Zehenstellen und Schnäpsen kamen wir dann in toeiteren vier Stunden doch ans Ende der Kleinbahn. Schnell requirierte ich mir einen russischen Gefan- genen, der meinen Koffer trug, wozu ein Landwehrmann ihn beschützte, und so zogen wir zum Hauptbahnhof. Dort war die gleiche Szene wie heute nachmittag, nur etwa ums Doppelte vergrößert und mit Petroleum beleuchtet, das es als erstes Zeichen wieder kehrender Kultur in einer qualmigen Lampe gab. Aber einen Zug nach W---- gab es nicht. Erst um 7 Uhr früh. Im Offiziersheim fei jedoch noch Platz. Das stimmte tatsächlich. Nämlich auf einer Bank im Hausflur. Sie war zu kurz, um sich auszustrecken, und zu schmal, um die Knie zu beugen. Also ragte Kopf oder Fuß abwechselnd in die Leere, und die war eifig; der Fuß- bode», den ich sonst gewiß nicht gescheut, hatte sich in eine Schicht schmelzenden Schnees vccwairdelt. Dennoch schlief ich, denn das haben wir gelernt, wenn wir sonst nichts lernten. Wir schlafen auch auf Stacheldraht, wemi's sein muß! Aus dem Bahnhof gab es dann sogar Kaffee. Um.7 Uhr kenn richtig der Zug. eine ellenlange Wagenreihe, cisstarrcud und cisbergend. Aber noch fanden alle einen Sitzplatz. Die drin saßen, kamen von weit her, waren schon Stunden gc- fahren, wie wir am Tage vorher, und dafür gestern gewandert, gefahren, geritten, bis sie an den alles ausnehmenden Elsenstrom gelangten unter dem Magnet„Weihnachtsurlaub". In W---- wurden aus den Hunderten Tausende, aus dem einen Zug Züge. Wieviel weiß ich nicht, vor unserem gingen zwei, nach unserem sollten noch drei folgen. Bon Rußland sahen wir nichts. Es war in ein Schnccklcid ge- hüllt, wie seine Bewohner, wenn sie des Nachts im Mondenschein über die Seen und Sümpfe heranschleichen, um uns zu überfallen. Außerdem waren die Fenster dick befroren, und nur mit Messern gelang es uns ab und an. ein Loch hineinzukratzen in die Eis- schicht, um zu sehen, daß nichts zu sehen. Drum mußten wir einander beschauen. Mein Abieil bot einen Auszug aus dem gesamten Heerhausen, der da hinten an der Front steht. Da fehlte nicht der Trainsoldat und der Keldapotheker, nicht der Dragoner und der Feldpostbeamte, der Schipper war da und der Infanterist, der Laudsturmmann mit ergrautem Bart und der Kriegsfreiwillige mit den ungelenken Gliedern, der sonst den Sanskrit und den Koran las. Die Schipper waren Berliner Kauf- leute und sprachen von Höchstpreisen, die Infanteristen aus Thü- ringen und hatten jeder eine Gans im Rucksack, der Trainer ein Elsasser und der Artillerist ein Wasserpolack. Aber sie alle wußten, daß es Weihnachtsurlaub war. eS ging heim zu Muttern auf acht Tage, aus vierzehn Tage, um den Krieg zu vergessen und sich zu Pflegen. In Kowno gab es deutsche neue Zeitungen und seit langen Monaten zum erstenmal wieder den Anblick deutscher Frauen, Schwestern vom Roten Kreuz und mit ihnen eine alte Dame im schwarzen Schleier. Was sie da wollte, das wußten wir alle. Sic würde keinen Weihnacktsurlauber erwarten. Aber wir sahen vor- bei. Heut gehen wir heim auf Weihnachtsurlaub, wir wolle» nicht der Schrecken denken, wir lassen sie hinter uns in Rußland und fahren dem strahlenden Lichterbaum entgegen. Doch müssen wir uns das Glück noch verdienen. In Eydtkuhnen ist Lausepriifung, der Schein ist vorzuzeigen. Wer keinen hat, wandert nach Girbaty und wird abgebrüht. Auch der Sachse Sa muß noch mal hin, obgleich er schwor, er sei erst gereinigt und habe nur den Schein verloren. Hilft nichts, Ordnung mutz sein. Läufe bleiben draußen. Im O-Zug gibt es keine, darf eS keine geben. Dafür ist end- lich geheizt. Neun Stunden haben wir heut schon gefroren, im ganzen schon 2-l. Nun haben wir 13 Swnden zum Auftauen. Was anderes gibt's aber auch nicht, nur allerlei Flaschen wairdern vom Speisewagen durch die Gänge. Der Ehraum selbst ist voll von hohen Offizieren, die dem Weihnachtstag«utgegenfeiern. Sic sind nicht minder fröhlich, als die Wkannschaften in den Gängen und Kammern. Dort geht«S bunter zu als in Wallensteius Lager. DaS gleiche Gemisch vom Morgen verzehnfacht. Wer nicht sitzen kann, hockt auf seinem Rucksack, wer das nicht vermag, steht. Aber wer da sitzt, steht oder kauert, der weiß wozu, und keiner schilt. Man sagt, der deutsche Soldat habe einen eigenen Blick, wenn er aus der Schlacht kommt, wenn er in den Tod geblickt; ich weih nicht, ob das stimmt. Bielleicht muß man die Unparteilichkeit eines Kriegsberichterstatters dafür haben. Das aber kann ich bezeugen: hier im Zuge hatte jeder einen eigenen Blick, es war wie ein Ab- glänz kommender Freude, wie ein Glitzern von Weihnachtslichtern aus den tausend Augen, die gewohnt waren, das Aergste zu schauen, SaS Mensche q gegeneinander erdenken können. Und keiner schalt. Keiner stöhnte ernsthaft über die stunden- und tagelange Hetzfahrt, über die Kälte nicht und nicht über die Glieder, die zu schmerzen begannen. Die Nacht hatte um 3 Uhr begonnen. Als der Zug in Berlin einlief, war sie noch nicht gewichen. Wir waren durch das dunkle Deutschland gesaust, und nun stapften wir durch die erwachende, schneebedeckte Hauptstadt. Wir traten keck auf und sahen den Mädchen tief in die Augen, die zu ihrer Arbeit eilten. Und jede schien zu sagen: Aha, da seid Ihr ja, Jbr Weihnachlsurlaubcr; wir haben Euch erwartet, wir wollen Euch das Fest der Liebe verschönern wie noch nie, daß Ihr meint, es sei Frieden und den Krieg draußen vergeht.(t) Zrieüe auf Eröen. Da die Birten ihre Äerde ließen und des Engels Worte trugen durch die niedre Pforte zu der Mutter und dem Kind, fuhr das himmlische Gesind' fort im Sternenraum zu singen, fuhr der.Gimmel fort zu klingen: „Friede, Friede... auf de? Erde!" Seit die Engel so geraten, o wie viele blut'ge Taten hat der Streit auf wildem Pferde, der geharnischte, vollbracht! In wie mancher heil'gen Nacht sang der Chor der Geister zagend, dringlich flehend, leis' verklagend: „Friede, Friede... auf der Erde!" Doch es ist ein ew'ger Glaube, daß der Schwache nicht zum Raube jeder frechen Mordgebärde lverde fallen allezeit: Etwas wie Gerechtigkeit webt und wirkt mit Mord und Grauen, und ein Reich will sich erbauen, das den Frieden sucht der Erde. Mählich wird es sich gestalten, seines heil'gen Amtes walten, Waffen schnlieden ohne Fährde, Flammew'ckwerter für das Recht, und ein königlich Geschlecht wird erblüh'n mit starken Söhnen, dessen helle Tuben dröhnen: Friede, Friede auf der Erde! Conrad Ferdinand Meher. „Die SKiaten können nicht mehr in der inneren Kultur nach- lssscn. ohne gegen die andern an Macht und Einfluß zu verlieren." (Kant.) ..DaSjc>üse Volk, welches bis in die untersten Schichten hinein die tiefste omd vielseitigste Bildung besitzt, wird zugleich das mäch- tigste und glücklichste sein unter den Völkern seiner Zeit» beneidet von den Zeitgenossen und ein Vorbild der Nachahmung für sie." (Fichte.) schleudern; er, vor dessen bösem Mick die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am Fluß zurück, den .'leinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß nicht nur jeder Buch- stabe in den heiligen Büchern seine'verborgcne mystische Bedeutung bat, sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die -üachstelzchcn ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte, daß er mit erhobenen Armen betend dastehen sollte, bis die Vögel ihre Jungen ausgezogen hatten, und vermochte er dies, so sollte er er- hört werden. Doch an-diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er sah das Nest rasch vollendet. Die ileinen Baumeister flatterten rund herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine MooSflechten von der wirtlichen Weide und klebten sie außen an. da» sollte anstatt Tünche oder Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und-das Weibchen nahm Flaum von seiner eigenen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die Einrichtung und Möblierung. Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Ge- bete des Eremiten an Gottes Thron haben tonnten, pflegten ihm Brot und Milch zu bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand. „Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt," sagten sie und fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie lächelten nur über seine Verwünschungen. Sein Körper war schon lange seines Willens Diener ge- worden. Durch Hunger und Schläge, durch tagelangeS Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf den Eiern lag und da» Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nacht? 'eine Höhle auf. Er lernte es. fitzend mit emporgestreckten Armen zu schlafen, unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch größere Dinge vollbracht haben. Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den Rand de» Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und schützte das Nest so gut er konnte. EiueS Tages kann daS Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus. obgleich das ganze Nest von einem ängstlichen Piepsen erfüllt b eint. Nach einem kleinen Weilchen ziehen sie mif die allerver- wegenste Mückenjagd aus- Eine Mücke nach der anderen wird gefangen und heimgebracht i Rand hinauszuschieben, während das andere herumflog und ihnen für das, was oben in seiner Hand piepst. Und als das Futter! zeigte, wie leicht es war, wenn sie eS nur zu versuchen wagten. kommt, da piepsen sie am allerärgsten. Den frommen Mann stört dag Piepsen in seinen Gebeten. Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die bei- nahe die Gabe, sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen starren in das Nest herab. Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: kleine, nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläum- che», keine Augen, keine Flugkraft, eigentlich nur sechs große, auf- gerissene Schnäbel. Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden wie sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme ftir diese sechs Schutzlosen. Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht mit Venvünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, freute er sich, daß-die Leute ihn nicht ver- hungern ließen. Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestcan-d. Des alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die Körperformen sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur den beflügelten Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut. Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer zögernder über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusiche- rung zu haben, daß sie hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er nicht opfern. Früher war es etwas anderes gewesen, als er noch nichts hatte, was sein eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die je-deS kleine Kind die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und machte ihn unschlüssig. Manchmal wollt« er daS ganze Nest in den Fluß schleudern. denn er meint«, daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben dürfen. Mutzte er die Kleinen nicht vor Raub- tieron und Kälte, vor Hunger und den mannigfaltigen Heim« suchungen de? Lebens bewahren? Aber gerade als er noch>'o dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den Fluß. Und der Tag kam. an dem die Kleinen flügge waren. Eines der Bachstelzchen mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den . stnü als die Jungen sich hartnäckig fürchteten, da flogen die beiden � Alten fort, und zeigten ihnen ihre allerschöuste Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschiedene Wildungen, oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Lust. Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen Puff mit dem Finger, und damit ist alles ent- schieden. Heraus fliegen sie, zitternd und unsicher, die Luft peil- schend wie Fledermäuse, sie sinken, aber sie erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, und verwenden sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte Hatto schmunzelt. Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben. Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unfern Herr» gott nicht auch einen Ausweg geben konnte. Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie«in großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen Vögel erbarmte. Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unseres Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch ein Herz für sie hatte. Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner Seite herab, und es deuchte ihn. daß die ganze Natur de» Atem anhielt, um dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten sich ihm auf Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er" hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel anzusehen. Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt, nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu.„Du bist frei," sagte er,„Du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst Du auch Deines nicht zu halten." Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich der Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe. Diese Legende ist aus der Sammlung: Die schönsten Ge- schichten der Lagerlöf, die Walter von Molo ausgewählt und mit einer das Wesen dieser Frau und Dichterin tief erfassenden Einleitung versehen hat(Verlag von A. Langen in München). 'Verantwortlicher Redakteur: Hermann»tüller, Tempelhof, Für den Inseratenteil'verantw.: Th- Glockc, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin 528.63.