34. Jahrgang. ♦ Nr. 13 Heilage zum„vorwärts" Serliner Volksblatt Serlin, Cin Kameraö. Den lüngen derbst und Ämter Kielt er getreulick stand, sckuf sick aus Krieg und fremde Bcimat und Vaterland. Sein Beirnweb tranken die Sterne, es floß in die ruhende nacht, am Tage bat er der Beimat wie einer toten gedacht. Doch als der frühling mit erstem Scheine die Cuft erfüllt, da war fein bartlcuchtend fluge von dunkler Trauer umhüllt, Da stöhnte er tief im Schlafe und wußte es selber nickt, da welkte in träumen und Sehnen fein hartes Kricgergcficht. Und eines Morgens im Dämmer, da lang es über das Land— Daltander, bebenden Mundes, fein /IntltoumBimmel gewandt: Da war eine erste Lerche, die fang zwischen Kracken und 6raus, da floh die gefangene Seele aus ihres Aillens Baus. Daweintcer. Jüeinte vor Qual: Jetzt sab ererfttodundScklacht, fab, was des halben Jahres Krieg über die£rde gebracht. Cr griff nickt mehr zum Gewehre, er bat feine Aackt versäumt, und stand er auf feinem Poften, da bat er geschwärmt und geträumt. Gr küßte die nackte erde und warf fick an ihre Kruft, hat nichts mehr von aller Beschwerde, nichts mehr vom Kriege gewußt. Cr hörte auf kein Kommando, nicht, wenn cinSchrapnellzerfprang Kein Schießen, kein Stürmen, kein Rufen-nur: daßdieCercbefang. Heinrich L c r s ch. Stellungskrieg und Sewegungskrieg. Bon Richard Gädke. Der Stellungskrieg, wie er sich in diesem Äriege herausgebildet hat und an einzelnen Fronten nunmehr schon zweiein- halb Jahre dauert, wird manchmal als die moderne Form des Krieges überhaupt angesehen.(Mehrte Kriegsschriftsteller haben ihn in Vergleich gestellt mit dem Stellungskriege, der das 13. Jahrhundert beherrschte und erst durch die Zeit Napo- leons abgelöst wurde. Seine höchste Wucht erhielt der Be- wegungskrieg dann durch Molties geniale Kriegskunst. Selbst die Belagerung von Paris konnte ihn nicht veranlassen, zum Stellungskriege überzugehen! die Ent'atzversuche der feind- lichen Heere wurden nicht in der Verteidigung, sondern durch höchst entschlossene Gegenstöße im freien Felde abgewehrt. Erst der mandschurische Feldzug zwischen Rußland und Japan zeigte ein neues Erwachen des Stellungskrieges, zugleich aber das offenbare Bestreben beider Teile, ihn immer wieder durch gewaltwmen Angriff zu beenden. Wenn der Krieg schließlich doch in einem langen Stellungskriege hin- starb, so lag es daran, daß den Japanern die Kraft, den Russen aber das Selbstvertrauen zu einer neuen entscheidenden Feld- schlacht fehlte. Der Stellungskrieg des 29. Jahrhunderts ist seinen Ur- fachen und Wirkungen nach von dem des 18. völlig verschieden. letzterer wurde hervorgerufen durch die Art der Verpflegung der Heere, die auf die Nachführung von Brot und Mehl aus Magazinen gegründet war, durch die große Verletzbarkeit der rückwärtigen Verbindungen und durch die Kostspieligkeit des Kriegswerkzenges, des Heeres, das, einmal zerstört, schwer loieder zu ersetzen war. Wenn man sich in starken Stellungen auf die dünnen Verbindungen de? Gegners mit seinen Maga- zinen legte, konnte man ihn dadurch allein rückwärts zwingen, weil er seine Verpflegung neu sichern mußte. Ten Angriff aber auf solche Stellungen scheuten selbst tüchtige Feldherren, die mittelmäßigen vermieden ihn ganz, einem Friedrich miß- glückte er bei Collin und.Kunersdorf. Nachklänge aus dem 19. und 17. Jahrhundert wirkten dabei mit, denn das Söldnerheer war sehr kostspielig und lief nach Niederlagen häufig auseinander: die Werber fanden dann nur geringen Zulauf. Das alles fällt jetzt fort: der Stellungskrieg unserer Tage ist bei den Kriegführenden eine unliebe Last: er ist durch be- sondere Verhältnisse entstanden und wird verschwinden in dem Augenblicke, wo diese sich ändern; er wird in neuen Kriegen aller Voraussicht nach in dem gegenwärtigen Maße nicht wiederkehren. Will man seine Ursachen auf eine kurze Formel bringen, so wird man—_ im vollen Gegenlatze gerade zum 18. Jahrhundert~ gewiß die gewaltige Größe moderner Heere anfuhren dürfen, die es ermöglicht, auf allen Kriegs- schauplätzen zu'ammenhängende Fronten von Meer zu Meer, oder vom Meer zur neutralen Grenze, zu bilden, durch die Um- fassungen und Umgehungen der schwachen Flanken erschwert oder ganz verhindert werden. Die Fronten aber sind durch die vernichtende Abstoßkraft unlerer Feuerwaffen stärker als je vorher geworden. Aber der Hauptgrund liegt schließlich in diesen Vechältnissen noch nicht, sondern allein in der äugen- blicklichen politifch-militärischen Weltlage, Die verbündeten Mittelmächte, von vier Seiten durch zahlenmäßig weit über- legene Heere angegriffen, sind ganz klarer Weise nicht stark genug, um den Krieg auf allen Seiten angriffsweise in raschen Bewegungen und großen Entscheidungsschlägen zu führen, sie müssen ihrerseits zu der Aushilfe des Stellungskrieges greifen und müssen andererseits zugeben, daß auch der Geg- ner gelegentlich den Schwung ihrer Bewegung durch das gleiche Hilfsmittel verzögert. Aber auf allen Seiten tritt doch das entschlossene Be- streben hervor, die entscheidungslose Schwerfälligkeit des Stellungskrieges durch große Schlachtenangriffe eng zu- sammengefaßter Massen am Truppen und Geschossen immer wieder zu überwinden und in den allein entscheidenden Be- wegungskrieg überzuführe». Ten verbündeten Mittelmächten ist diese Absicht wieder- holt geglückt, und allein darauf beruhen alle ihre bisherigen Erfolge, beruht ihre überlegene in i l i t ä r i s ch e L a g e. Ich erinnere kurz an Hindenburgs Siege in Ostpreußen, an seinen polnischen Feldzng im Winter 1914, an die Mai-Offonsive in Ostgalizicn. die zu einem großartigen Bewegungskriege von fast sechs Monaten führte, an den Einbruch und die Ueberwältigung Serbiens, an die Zertrümmerung des rumänischen Heeres und die Eroberung der Wallache!. Ter hartnäckigste Stellungskrieg zeigt sich im Westen: er dauert von Mitte September 1914 bis zur Stunde. Er ist dadurch entstanden, daß die Umfassungsbewegung der deut- schon Heere durch Belgien ihr vorzeitiges Ende an der Marne fand und seitdem nickt wieder aufgenommen werden konnte, weil die deutschen Kräfte zu dringenderen Aufgaben nach Osten abberufen wurden. Im Westen aber hatten wir in- zwischen den Ansturm der gesammelten Kräfte zweier großen Militärmächte auszyhalten, die die halbe Welt ans Asien, Australien, Afrika und Amerika gegen uns in Bewegung setzten und ihre Heere zu immer größeren Massen anschwellen ließen. Wiederholt haben unsere locstlichen Gegner während dieser 3V Monate versucht, den Bewegungskrieg im Durch- bruche unserer Grabenstellungen zu erzwingen: in den drei aufeinanderfolgenden Frühjahrsoffensiven des Jahres 1915, in der großen Herbstosfensive des gleichen Jahres zugleich in der Champagne und im Artois, und endlich in der riesigsten, blutigsten und zähesten von allen ihren Unternehmungen, in der Sommeschlacht des Sommers und Herbstes 1916. Wir dürfen nicht zweifeln, daß sie den Versuch in noch gewaltigeren Ausmaßen binnen kurzem wiederholen werden. Der Stellungskrieg wird also von allen Seiten als ein Uobel betrachtet. Wenn die Anstrengungen unserer Gegner im Westen nicht vermocht haben, dieses Uebel zu heilen, so ist da- mit doch nickt gesagt, daß der Fall an sich hoffnungslos liege. Auf den ersten Anblick scheint eS wohl, als ob die beiden Ringer dermaßen ineinander verschränkt und verbissen wären, daß jeder die Freiheit der Handlung verloren hätte und schließlich nur nach die überlegene Masse des einen dem anderen den Brustkorb eindrücken könne. Aber so arm ist die Kriegskunst nicht an Hilfsmitteln: große Feldherrn haben stets vermocht, selbst in scheinbar vcr- zweiselten Fällen die Freiheit der Bewegung wieder zu ge- Winnen, die die erste Vorbedingung jeden kriegerischen Er- folges ist. Das bloße Raufen, der geistlose Druck der toten Masse führt nur selten und nur zu unfruchtbaren Siegen. wenn der Gegner sich aus gleichen Irrwegen der Kunst hält. Nicht immer ist die Vorbewegung das Mittel, um dem Gegner das Gesetz des Handelns aufzuerlegen; die Fälle sind gar nicht so seilen, lvo große Siege durch einen Rückzug ein- geleitet wurden. Als der Konsul Aemilius Paulus 168 v. Chr. den Mazedonier Persens bei Pydna besiegte, war daS römische Heer bereits auf dem Rückzüge vor der brutalen Drohung der lanzenstarrenden Phalanx, kehrte sich aber sofort zum Angriff, als diese in unebenes Gelände geriet und die Geschlossenheit verlor. Am 23. Dezember 1745 führte der alte Dessaner sein Heer nach vergeblichen Angriffen auf die starke sächsische Stellung bei Kesselsdorf rückwärts; sich wendend, schlug er dann den verfolgenden Gegner vor seiner Stellung. Auch Hindenburg Inst im August 1914 seine glorreichen Scharen aus dem Rückzüge heraus zum Siege bei Tännenberg geführt: seine glänzende Herbstoffensive in Polen begann er gleichfalls mit einem Rückzüge von der Weichsellinie Warschau— Iwan- gorod, um die Freiheit der eigenen linken Flanke wiederzu- gewinnen und die rechte Flanke des schwerfälligen Russen zu gewinnen. Aber auch der Kampf in Siebenbürgen wurde zu- nächst mit einem Rückzüge eingeleitet: aus ihm heraus schritt die 9. Armee zum siegreichen Angriff bei Hermannstadt. Wir sehen also, daß der Rückzug ein wirkungsvolles strategisches Hilfsmittel zum Siege sein kann: sich erst vom Feinde zu lösen und dann den Kampf in dem Gelände zu er- zwingen, das man sich selbst ausgesucht und bereitet hat, er- füllt eben den Zwsck aller strategischen Belvsgungen, die Schlacht unter möglichst günstigen Bedingungen zu schlagen. Ob man hierzu sich seitwärts oder rücklvärts. sich konzentrisch oder exzentrisch bewegt, hängt allein von den jeweiligen Um- ständen ab. Wie Kesselsdorf lehrt, kann ein Rückzug bsjon- ders dann von Nutzen sein, wenn man sich dadurch dsn verlustreichen Angriff auf starke feindliche Stellungen erspart. er ist manchmal das einzige Mittel, aus der Unfreiheit des Stellungskrieges zur Freiheit des Bewegungskrieges überzu- gehen. Zabrikpflegerinnen. Bon Mela Qua rck-Ham merschlag(Frankfurt a. M.). Da man die Arbeiterinnen nicht unter das vaterländische HilfSdienstgesetz gestellt hat, ist man jetzt gezwiingen, für die vielen Hunderttausende von Frauen, die in den Fabriken ihr Bestes für das Vaterland hergeben, durch gesonderte Ein- richttmgen zu sorgen. Wie immer, wenn es sich um Aus- nahmen handelt, und seien diese auch noch so zahlreich, tragen die Eilirichtungen den Stempel des Unfertigen, des nicht ge- nügend Durchdachten: sie gleichen einem Experiment. Es, fehlt ihnen die Kontrolle, die einem Gesetz durch die Beratung im Reichstag zuteil wird. An die Spitze der Organisation, die über das Wohl und Wehe von unendlich vielen arbeitenden Frauen entscheiden soll, hat man eine bürgerliche Frau gestellt, welche wohl in der Charlottenburger und belgischen Wohlfahrtspflege und der Verwaltung tätig war, aber keine nennenswerte praktische soziale Erfahrung, wie sie z. B. eine tüchtige Fabritinspektorm mitgebracht hätte, besitzt. An allen Kriegsamtstellen stehen Frauen aus bürgerlichen Kreisen den Abteittingen für Frauenreferate vor. Auch ihnen mangelt die praktische Erfahrung der Fabrikbetriebe und der Fabrikarbeit. Ihre Erfahrungen sind in den meisten Fällen dem Gebiete der sogenannten Wohl- fahrtspflege entnommen. Da ist es denn kein Wunder, daß sich die Tätigkeit dieser Kriegsamtstellen hauptsächlich auf die Fürsorge beschränkt und daß das, was man unter Arbeiter- schütz versteht, in die zweite Stelle gerückt wird. Gewiß ist es nöttg. daß Einrichtungen getroffen werden, die den Frauen ermöglichen, ruhig und ohne Sorge um ihre Kinder in die Fabrik zu gehen: Kindergärten. Kinderhorte, Speisungen in genügender Zahl, am rechten Platze, in der richtigen Art und unter der richtigen Verwaltung. Alles das muß� geschaffen und, wo es vorhanden, den Bedürfnissen angepaßt werden/ Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß auch die ai;- bettende Frau selbst des Schutzes bedarf. Es darf nicht ver- gessen werden, daß der ungegliederte, fast möchte ick sagen, primitive Arbeiterinnenschntz, der vor dem Kriege bestand, in den hauptsächlich in Betracht kommenden Betrieben durch zahlreiche Ausnahmen durchlöchert ist, und daß es daher dringend der Einrichtungen und Verordnungen bedarf, die diesen Arbeiterinnenschntz ersetzen und die arbeitend� Frau schützen und ihr die Gesundheit, die sie so notwendig als künftige Mutter braucht, erhalten. Diese beiden Aufgaben, einerseits Fürsorge für die Fa- imlie und ihr Leben außerhalb der Fabrik, und andererseits Schutz während der Arbeit in der Fabrik, sollen nun die jetzt geplanten Fabrikpflegerinnen als unterste Organe der im Kriegsamt für die Frauen geschaffenen Hilfsorganisation leisten. Während aber die Spitzen dieser Hilfsorganisation. sowohl das Berliner Referat für Frauen, als die an den Kriegsamtstellen tätigen Leiterinnen und ihre Assistentinnen, vom Kriegsamt angestellt und bezahlt werden, will man diele untersten Organe, auf deren Arbeit doch daS ganze Gebäude der Hilfsorganisation.ruhen müßte, wenn es einheitlich und wirksam werden soll, von Arbeitgebern anstellen und bezahlen lassen. Man nimmt damit diesen Organen� das Maß von Unabhängigkeit und Freiheit, welches gerade in dieser schwie- rigen Stellung doppelt nötig wäre. N-an überweist der Fabrikpflegerin Aufgaben, die, wenn sie sie gewissenhaft er- füllen will, sie notwendig mehr oder weniger in Konflikt mit dem Unternehmer bringen müssen, gibt sie zugleich durch die Art der Anstellung in die denkbar größte Abhängigkeit von eben diesem Unternehmer, ohne auch nur daran zu denken, >me man die Stellung dieser Frauen stärken könnte. Denn daß diese Stärkung, ja ein gewisser Schutz, den die Fabrik- Pflegerin haben muß, von den Fabrikarbeiterausschiissen kommen könnte, wie ich kürzlich in einem den Gewerkschaften nahe stehenden Blatte las, glaube ich nicht. Auch wäre es gerade das Gegenteil von dem, was sie verlangen müßten/ Nicht der Fabrikarbeiteraiisichuß soll die Fabrikvflegerin schützen, sondern die Fabrifpflegerin soll durch die Art ihrer Anstellung und den behördlichen Charakter ihrer Arbeit den Fabrikansschnß ergänzen. Soll die Fabrikpflegerin den Teil der Aufgaben, der der arbeitenden Frau im Betrieb gilt, also Arbeiterinuenschutz, übernehmen, so bedarf sie dazu unbe- dingter Unabhängigkeit vom Arbeitgeber. Sie hat diese Unabhängigkeit auch dann nötig, wenn daS Kriegsamt weitere Organe schafft in Gestalt von sogenannten „Einrichterinnen". Das Wort ist aus dem Kreise des in- dnstriellen Wörterschatzes entnommen. Wie ein Einrichter in der Fabrik 29 bis 39 Frauen anleitet, so denkt man sich eine außerhalb der Fabrik stehende Frau als Anleiterin der in den einzelnen Betrieben stehenden Fabrikvflegerinnen des Gsneralkommandobezirkes. Diese Einrichterinnen hätten das, Recht, alle Betmbg in dem betreffenden Generalkommando- bezirk zu besuchen und hätten weiter die Pflickt, in regelmäßigen Konferenzen die Fabrikpflegerin bei ihrer Arbeit anzuleiten, wobei wohl dann auch die Ansichten und Ersah- rungen der Fabrikpflegerin von ihnen berückfichtiat werden Nmrden. Wie wir bören, soll die Anstellung und Bezahlung dieser Frauen direkt durck das Kriegsamt erfolgen und so der Hauptfehler, der dem Amte(wenn man da überhaupt noch von einem Amte sprechen kann) der Fabrikpflegerin anhaftet, vermieden werden. Wie die Verbinduna mit der Fabrrk- inspektion gedacht ist, und was an Vorbildung von diesen Einrichterinnen verlangt wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Die deutschen Arbeiterinnen aber müssen vor allem verlangen. daß hier tüchtige Frauen angestellt werden, die nicht nur theoretisch gebildet, sondern auch praktisch erfahren an ihre Aufgabe herantreten. Sie müssen auch verlangen, daß die Frauennichtalleindenbürgerlichen Kreisen entnommen werden, wie bisher die Leiterinnen der Kriegsamtstellen und ihre Assistentinnen. Es gibt genug tüchtige Frauen aus dem Arbeiterstande, die diese Arbeit leisten können. Und weiter müssen die deutschen Arbeite- rinnen verlangen, daß eine möglichst enge Verbindung der ganzen Organisation mit dem Institut der Fabrikinspektion hergestellt wird. Gerade auf die Erfahrung und das Wissen unserer Fabrikinspektion können und wollen wir in dieser schweren Zeit nicht verzichten, wenn es sich um das Wohl und Wehe unserer weiblichen Arbeiterschaft handelt. Dre Arbeit der Wohlfahrtspflcgerin trägt aber, wie ich oben auseinandergesetzt habe, einen doppelten Charakter. Neben oder vielleicht auch vor dem Schutze der Frau in der Fabrik soll sie den Schutz der Angehörigen der Arbeiterin außerhalb der Fabrik leisten. Auch hier wird ihre Arbeit durch chre Abhängigkeit vom Unternehmer erschwert, wenn auch vielleicht nicht in dem Maße, wie beim Arbeiterschutz selbst. Hätte die Fabrikpflegerin einen behördlichen Cha- raktcr, so würden alle.ihre Vorschläge, die zur Verbesserung oder Neuschaffung von Fürsorgeeinrichtungen führen, ein ganz anderes Gewicht haben. Sie würde zu den Beratungen und Vorarbeiten zugezogen, und Gemeinden und Wohlfahrts- vereine würden schon in den Anfangsstadien sich ihre Er- fahrungen zunutze machen. So wie die Sache jetzt gedacht ist, wird diese Erfahrung höchstens durch den Mund der Ein- richterinnen zur Geltung kommen. Je unmittelbarer� aber die Erfahrung und ihre Vertretung erfolgt, desto wirksamer muß sie werden. Und bei alledem haben wir noch nicht ein- mal die Schwierigkeiten erwähnt, die bei einen? unmodernen oder irnsozialen Arbeitgeber(es soll deren auch heute noch geben I) entstehen müssen. Die Ausbildung der Fabrikpflegerin soll in einem vier- bis sechswöchigen Kursus stattfinben. Man denke sich das ganze Gebiet der Wohlfahrtspflege, neben dessen theoretischein Verständnis die Kenntnis der praktischen Ein- richwngen hergehen m-uß, von denen in maruhen Orten reich- liche, wenn a?lch nicht hntner gerade zweckmäßige vorhanden sind, während an anderen Orten auch der beste Rat wegen Mangel an Einricht?mgen zirschanden werden muß! Dann kommt hinzu die Stotweirdigkeit der Kenntnis des Arbeiterschutzes. der Fabrikhygiene, der Unfallverhütung und wenig- stens der elementarsten gesetzlichen und verordnungslnäßigen Bestim?nungen auf diesem Gebiet. Es kommt hinzu, daß ein Ueberblick über die besten kormmmalen und Vereins- schöpfungen auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege und eine gewisse Bekanntschaft mit den im Krieg geschaffe?ren Unterftützungseinrichtungen(Kriegsfürsorge, Familienunter. stützung, Reichswochenbilfe) vermittelt werden muß. Ist das nickst etwas viel für 4 bis 6 Wochen? Und wäre da weniger nicht mehr gewesen? Würde eine Teilung der Arbeit, die ja schon dlirch die zweifache Aufgabe ganz von selbst gegeben ist, nicht bessere Früchte zeitigen? Wir Deutsche nehmen für uns das Talent der Organ?- sation in Anspr??ch. Organisation bedingt aber MarHeit. Durch die doppelte Aufgabe der Fabrikpflegerin einerseits und durch ihre unklare Stellung andererseits wird der Cba- rakter der Fabrikpflegerin rmklar und ihre Arbeit durch die Fülle des Stoffes zersplittert. Der Städtebau als architektonisihes Problem. von Robert Breuer. Selbst Freunde der Kunst meinen zuweilen, daß es sich nicht ber- lohne, für Architektur ein sonderliches Interesse zu haben; handle es fich dock bei ihr um etwas Totes. Konventionelles, selbst Bureaukrattsches. Höchstens könne einmal hier und da ein einzelner Architekt die Aufmerk- samkeit beanspr?lchen? aber die Architektur als solche, die Masse dessen, was gebaut wird, gar die Bebauungspläne und das, was man Städtebau nennt, mit all der Fülle von technischen und hygienischen Fragen, Die Nutter. Bon Ernst Preczang. Nun lagen die vielen Monate des bangen Wartens und zaghasten Fürchtens hinter ihr: alle die drohenden Tage und die Nächte mit chren schrecklichen Träumen. Zwar hatte sie laut aufgeweint bei der Nachricht von einer schweren Verwundung ihres Sohnes, aber dann kam es wie eine Erlösung von unerträglicher Spannung über sie: der Tod hatte ihn gestreift, doch nicht ergriffen. A?n Schlüsse des Briefes stand es in drei eilig hin- gekritzelten Worten: Lebensgefahr besteht nicht. Er ivürde also leben, ihr Ei:?z?ger. Leben! Alles andere schrumpfte zusammen vor diesem herrlichen Wort. Er würde sehen, hören, sprechen können,>vie vorher. Und nur das Gehen würde ihm besch?verlich fallen— mit einem künst- lichen Fuß. Sie erbebte zeitweilig bei Siesem Gedanken. Und wenn sie an die Schmerzen des Sohnes dachte, konnte sie die Tränen nicht hindern, die sich ihr unwillkürlich aus den Augen drängten. Aber dann ivallte es doch wieder mächtig in ihr empor: er lebt, er lebt! Er>vird noch nicht sterben müssen wie so viele, viele. Und ein ungeheures Mitleid mit all den Müttern, die ihre Kil?der nie»viedersehen würden, erfaßte sie. Wie gut>var sie daran, wie gut! Am liebsten wäre sie sofort zu ihrem Sohne geeilt, um an seinem Bette zu sitzen und ihn zu Pflegen, wie man kleine, hilflose Kinder Pflegt. Ja, Tag und Nacht hätte sie dort sitzen mögen— und dachte: ich würde nie müde werden, nie. Aber das ging nicht an, sie wußte es wohl. Und bald schrieb er auch selber:„Mir fehlt eS an nichts; Du kannst ganz ruhig sein. Nur sehen möchte ich Dich und hin und wieder eine Stunde mit Dir sprechen. Wir???üssen noch darauf verzichten, aber bald wird wohl auch dazu Rat werden. Sobald ich aufstehen kann, muß ich andere?? Platz machen??nd komme?veiter ins Land hinein. Dann wirst Du mich leichter erreichen können und darfst mich besuchen." Sie antwortete:„Ich warte mit Sehnsucht dara??f, mein lieber Junge. Gib n?ir nur ja sofort Nachricht... Sie mußte noch Wochen warten. A?? einem Sonntage endlich erhielt sie die Nachricht: »Bin heute in K. angekomme??, also nur vier Eisenbahn- stunden von Dir entfernt. Wirst Du mich bald einmal be- suchen?.. Am Montag war sie da. Er sta?id aus de:?! Bahnhof, ihr großer, blasser Junge, das habe gelviß eine kulturelle, aber keilie künstlerische Bedeutung. Daß seien Dinge, die dem Verwaltungsapparat und den Wirtschafts- Politikern zugehören. Solche Ansicht ist sehr töricht und begreift nichts vom Wesen der Archilekwr. Architektur, das ist nämlich: jene anschaulicher gewordene Idee, die durch Jahrtausende der ge- schichtlichen Entwickelung in konzentrierter Energie daS tiefste Wesen versunkener Geschlechter und die Dascinsart ge- storbener Völker lebendig erhielt. All diese Bildungen aus Stein und Erz, die Häuser, die Tempel, die Kirchen, sind kostbare Gefäße, in denen die Essenzen ausgelöschter Erscheinungen des sozialen Organismus linvergänglich gespeichert wurden. Was ist es denn, was un? vor den Pyramiden erscha??ern macht; sind das nur die gelvaltigen Abmessungen, ist das nur diese äußerste, brutale Oekonomie der Monilmentalität? Gewiß nicht; was uns die Pyramiden zu einem Erlebnis werden läßt, ist das seltsame Wunder der Wiedererweckung all jener ungeheuerlichen Kräfte, jener grausamen Herrschergelüste, jener Vergottungstendenzen, durch die vor langen Zeiten diese Bauwerke gewollt wurden. WaS uns heute besiegt, ist nichts anderes als ein Reflex von dem Triumph, den die Dynastien des Nillandes sich selber schufen. Architeklur ist fest- gewordene Macht; Architektur ist die Materialisation sozialer Herrschaft. Die Praktiker werden ob solcher Metaphysik vielleicht lächeln; ihnen bedeutet Architektur ein kompliziertes, aus einer Fülle von Einzelheiten zusammengesetztes Geschäft, bestenfalls ein vielfältiges Handwerk, dazu berufe??, praktischen Bedürfnissen und gewissen An- sprüchen auf Schönheit zu genügen. Der Städlebau als Spezialität ist diesen redlichen Leuten nicht? anderes, als ein Nebeneinander von Straßenregulierung, Kataster, Kanalsystem, Feuerpolizei und Flucht- lime. Die Praktiker haben ganz recht, sie haben sogar mehr recht. als sie zumeist glauben dürften! In der Tat: die Architektur ist eine Kunst der Diagonale und des Kompromisses. Häuser bauen und Städte organisieren, das heißt: die Wirklichkeit einer Mittel- linie zu finden zwischen einer idealen Absicht und einer an den Tag gefesselten Notwendigkeit. Die Praktiker haben durchaus recht. Nur können sie nicht verhindern, daß sie selber, ihrem Unglauben zum Trotz, durch die geringste Phase der praktischen Betätigung etwas dazu beitragen, das spezifische Wesen der Architektur zu erfüllen. Auch die Praktiker müssen des höheren Willens Werkzeug werden; sie müssen mit dazu helfen, Stein auf Stein zu legen, damit sich das ewige Denkmal für ein Stück Menschheitsgeschichte wölbe. Der Architekt ist nun einmal das Instrument, Machtzentren der Sichtbarkeit zu übergeben. Die Architektur ist nun einmal das Medium, durch das das Vergängliche alles gesellschaftlichen Ge- schehcns ein dauerndes und für alle Zeiten verständliches Gesicht bekommt. Die Könige starben; doch blieben ihre Paläste, um bis in die Zeiten des DcmoS das Regiment der Einen zu verkündigen- Die Kirche verlor die Weltherrschaft; doch blieben die Dome und Kathedralen, uin bis in die Tage des modernen Heidentums von der Macht des Dogmas zu zeugen. Durch Jahrzehnte halte mau vergessen, den Städtebau als ein Problem zu begreifen, als ein Problem der sittlichen Verpflichtung, der volkswirtschaftlichen Ueberlegung, der nationalen Politik und der Erziehung zur menschlichen Würde. Wie kam das? Wie konnte es geschehen, daß nach der Akropolis von Athen, nach dem römischen Forum und dem Nürnberger Markt, nach all diesen Gesäßen einer typischen Menschlichkeit, die Wüstenei des Nichts und der Willkür einen ganzen Volkskörper zu durchfressen vermochte? Fragen wir: Wer baute denn die Akropolis, daS Forum und den Nürnberger Markt? Die Antwort lautet: die aristokratische Stadtgemeinde, der römische Imperialismus, die Organisation der Geschlechter und Gilden. Klar umschriebene Machtzentren waren es, die sich ihre Städte als Eigen- tum und Ausdruck aufrichteten. Als aber diese Machtzentren eine nach der anderen zerbarsten, starben die jeweilige Konvention und das moralische Rückgrat des Städtebaues. Das geschah mit dem Einsetzen des Kapitalismus. Der kam gewaltig über die Welt, zer- störte die altruistischen Instinkte und den Willen zur Gemeinsantkeit. DaS Manchestertum wurde Parole. Die Gründerjahre setzten ein. Durch Experimente auf Kosten anderer wollte ein jeder daS Gold- machen betreiben. Solche Zerfaserung des gesellschaftlichen Emp- findens, solche Zerstörung des Verantwortlichkeitsgefühls, solche Beunruhigung aller stetigen Entwicklung mußte mit absoluter Not- loendigkeit dem Städtebau zugleich das Regulativ und das Ziel verrücken. Aus dem Städtebau wurde ein Raubbau. Und so kamen ein wenig gebeugt, in einen weiten grauen Mantel gehüllt, und lächelte ihr schon von weitem zu. Ihre weitsichtigen Augen erblickten ihn sofort, und sie lächelte wieder und wintte und konnte mit ihrer großen Reisetasche gar nicht schnell genug durch die Sperre kommen. Und dann küßte sie ihm den blaffen Mund und die mageren Hände und versuchte zu sprechen, ohne zu weinen, und brachte kein Wort hervor, kein einziges. Er lächelte noch immer, scheu und verlegen, drückte ihr die Hände, streichelte die grauen Schläfen und stammelte: „Mutter... Mutter.. Dann wollte er ihr die Reisetasche abnehmen, aber sie wehtte ihm energisch ab und drängte zum Bahnhof hinaus. „Nicht so schnell, Mutter. Früher konntest Du mit meinen langen Beinen nicht mit. Jetzt ist dafür gesorgt, daß lvir Schritt halten können." Sie mäßigte bettoffen ihr Tempo. Warf keinen Blick auf die Krücke und nach unten. Sondern sah hinauf zu ihm und flüsterte:„Daß Du nur lebst, mein Junge, daß Du nur lebst!"— Er führte sie in einen kleinen, billigen Gasthof, wo sie wohnen sollte. « „Daß Du nur lebst!* Die Mutter sagte es noch oft in den folgenden Tagen. Sie schlenderten durch die Straßen und ein Stück vor's Tor hinaus, wo die stillen Felder sich dehnten. Und nicht selten gingen schwarz gekleidete Frauen und Kinder mit einem Flor am Arm an ihnen vorüber. Dann drückte die Mutter heimlich deS SohneS Hand und ihre Blicke trafen einander in stillem Verstehen. ES wurden Verwundete an ihnen vorbeigefahren, die fich selber nicht mehr fortbewegen konnten, und der Sohn sagte: „Mich hat eS noch nicht am schlimmsten gettoffen, Mutter." „New, bei tveitem nicht! Sei Du nur ganz zufrieden, mein Junge!" Je öfter sie die Schicksale miteinander verglich, desto stärker erivuchs in ihr ewe steudige Dankbarkeit, die allmäh- lich ihr ganzes Wesen durchtränkte und sich irgendwie äußern mußte. Wenn es zu dunkeln begann, begaben Mutter und Sohn sich in den Gasthof. In einer entlegenen Ecke des großen Schankraumes stand ein kleiner, verwaister Stammtisch. Die hier sonst ihre Karten zu spielen pflegten, wirkten nun in einem andern, ernsteren Spiel mit. An diesem Tisch saßen allabendlich die beiden und wurden nicht müde, einander zu erzählen. Sic achteten taum aus die Mietskaserne und Hoswohnung, Prachtstraße und Prunkplatz. Wald« zerstörung und Hochbau selbst für die weit herausgeschobene Peri« pherie. Und damit zugleich kam ein abnormes Steigen der Krankheitsziffern und der Mortalität, es kam das Schlasgänger- Wesen und die Ueberfüllung der Räume mit Bewohnern. Es kam das, was man die Wohnungsnot nennt. Die Statistik erfaßte diese Krankheit; die Beobachter und Aerzte des sozialen Körpers formn- lierten Diagnose und Forderungen. Der Städtebau wurde als ein soziales Problem erkannt. Damit war der Ausgangspunkt für eine neue Entwicklung gewonnen. Wenn einst die Fürsten einen ganzen Stadtplan auf ihr Schloß orientierten, wenn einst der Markt das Herz der Stadt war, so soll jetzt die Masse das Heer derer, die produzieren, das wichtigste OricntierungSmittel der Stadl- erweiterungen werden. Man begriff die Stadt als Dienerin derer, die wirtschaftliche Werte schaffen, sei es als Arbeitnehmer oder als Arbeitgeber. Und damit empfängt der moderne Städtebau sein oberstes, auf Wohnungsreform eingestelltes Gesetz. Dem sich alsbald in logischer Konsequenz all' die Forderungen nach einer maßvollen Dichtigkeit der Bebauung, nach Wohnslraßen, nach Grünland unnilten des steinernen Körpers, nach Park- und Waldgürteln an der Peripherie zur Seite stellen. Die Großstadt hatte ihre Macht erkannt: ihre Bevölkerung, deren Gesundheit, deren Wohlstand, deren ansteigende Vermehrung. Das nun wurde der neue metaphysische Urgrund des Städtebaues. Aus dem Trugschluß der manchesterlichen Freiheit hatte man sich unter dem Druck der sich immer fühlbarer machenden Zer- setzung darauf besonnen, daß Städte bauen mehr sei als Wucherzinsen einziehen; daß es sich um ein Problem handle, ein Problem von entscheidender Bedeutung für Staat und Volk. Man begriff die architektonische Aufgabe als Lösung der sozialen. Als es galt, plötzlich sich stauende Massen und bisher nicht für möglich geachtete Zahlen des Verkehrs, der Industrie und der Nahrungsversorgung zu organisicren, wußte man sich anfangs keinen anderen Rat als den: im schnellsten Teuipo die Straßen zu regu- lieren und unter möglichster Ausnutzung des Raums Mietskasernen zu bauen. Damals eben entstanden jene langen, von hohen, grauen Häusern gesäumten, freudlosen Kanäle und die monotonen, den Rangierbahnhöfen verwandten Plätze; eS entstanden die Ouer- gebäude, die Seitenflügel, und die endlosen, übereinander gelagerten Reihen blinder Fenster. Es entstand das von der Not gehetzte Schema der Massenquartiere, die brutale Mechanisierung dessen, was eine moderne Großstadt hätte werden sollen. Niemand wird leugnen, daß solch erster, primitiver, plump zu- fassender Versuch, die Aufgaben der Großstadt zu lösen, beinahe unerträglich von erkältender Häßlichkeit und bettelarmer Dürftig- keit war. Nackt und rücksichtslos waltete die Notdurft; es blieb auch nicht der mindeste Ausblick auf ein. solcher Basis entwachsendes Ideal. Da hatte der Nomantik die Stunde geschlagen. Es war beinahe selbstverständlich, daß einer kam, um solch erbärinlich-r Gegenwart von der Schönheil der alten Städte, von denen der Renaissance und des Barocks zu erzählen. ES war durchaus in der Gesamtlage der damaligen deutschen Kunst begründet, daß Nürnberg und Rothenburg, Florenz und Padua einer Zeit der rohen Nützlich- keit als Vorbilder tiefempfundener Schönheil und edler Klassik vor- gestellt wurden. Das Buch. daS Camilla Sitte 1889 erscheinen ließ, war eine Art von elementarem Ereignis. ES war wie ein Schrei nach Schönheit aus de«? Todesgraucn einer steinernen Wüste. Zum erstenmal nach langer, allzu langer Oedezeit wurde der Städlebau wieder für die Kunst reklamiert. Das war SitleS große, unvcrgcß- liche Tat, daß er die satte Zufriedenheit der Straßenbauer, der Röhrenverleger und der Verkehrsregulatoren rauh zur Seite stieß und mit leidenschaftlicher Einseitigkeit die Stadt wieder als Raum, als Architektur, als ein ästhetisches Wesen empfunden haben wollte. Im Rahmen solcher positiven Leistung will es wenig bedeuten, daß Sitte letzten Sinnes kein anderes Mittel kannte, der steinernen Hölle zu entgehen, als das des Rückwärtsschauens und der Milderung des Praktischen durch das Malerische. Sitte wußte, daß die Gegenwart mit den Mitteln des alten Nürnberg nicht auszukommen vermag; er konnte sein Empfinden aber nicht lösen aus der schweigsamen Schönheit vor- moderner Idylle noch aus der akademischen Verklärung der klaisischcn Stile. Er vermochte nicht den entscheidenden Schritt in das Neuland zu tun; ihm war es nicht möglich, die Schönheit einer modernen Großstadt völlig unabhängig von den ästhetischen Mitteln der Ver- anderen Gäste, und nur wenn eine graue Uniform zwischen den Tischen auftauchte, ließ die Mutter ihren Blick von dem Antlitz des Sohnes zu dem fremden Soldaten wandern. Zuweilen kam ein ganzer Trupp herein— Urlauber, die hier einen kurzen Aufenthalt hatten und für eine Stunde den schweren Tornister abwerfen wollten. Sie waren Tage und Nächte unterwegs, hatten schmutzige Hän5e und bestaubte, ab- gespannte Gesichter— so, als ob sie eben aus ihren Gräben gekommen wären. Sie ließen sich schwer aus die Stühle sinken und saßen dann schweigsam vor ihrem Glase wie Gestalten aus einer anderen, ganz anderen Welt. Die Mutter wandte immer wieder den Kopf nach ihnen. Und sprach leise einige Worte mit dem Wirt, der an ihren Tisch getreten war. Der nickte. Und stellte den Soldaten, che sie ihr erstes Glas ausgettunken hatten, ein zweites hin. Sie blickten erstaunt auf, fragten. Er zuckte lächelnd die Achseln. Und konnte die Küche irgend etwas Eßbares hergeben» dann stand es alsbald vor den fremden Gästen: „Eßt und trinkt Graue, es kostet nichts." „Wer—?" Die Soldaten fragten wieder. Aber der Wirt sagte es nicht. Wenn sie sich dann später zum Fortgänge rüsteten und den Tornister auf den Rücken geworfen hatten, ttat die Mutter zu ihnen, teilte Zigarren aus und drückte jedem die Hand: Mög' es Euch gut gehen, Kinder! Bleibt heil und gesund." Sie dankten erstaunt und blickten verwundert auf die Frau, aus deren Augen mütterliche Wärme strahlte. Und einer sagte dann wohl:„Vielen Dank, Mutter." Sie nickte ihnen zu, bis der letzte die Tür hinter sich ge- schloffen hatte. Trat ein verwundeter Kamerad ihres Sohnes herein. dann nötigte sie ihn an ihren Tisch und bewirtete ihn wie einen Gast, den man zu Hause empfängt. Sie erkundigte sich nach seinem Ergehen, nach seiner Familie und löste auch jenen die Zunge, die sonst schweigsam und verschlossen waren. Denn sie fühlten, daß nicht müßige Neugier diese Frau be- wegte und waren froh, sich einmal aussprechen zu können. Einmal lud sie sämtliche Saalkameraden des Sohnes zum Kaffee. Der Wirt mußte eine lange, weißgedcckte Tafel auf- schlagen und durfte sich dann weiter nicht in die Bedienung mischen. Und die Mutter ging strahlenden Antlitzes von ciitem zum andern, füllte ihnen allen die Tassen und reichte ihnen Gebäck. Und hatte für jeden ein freundliches, aufmunterndes Wort gangercheit und restlos aus den Vedingungen der Gegenwart ent- l wickelt, sich vorzustellen. Niemand kann mehr geben, als die Zeit zur Eriiillung reifen lieg. An solchem Verdienst kann auch die pcin- liche Tatsache eines völligen Migverstehens dessen, waS Sitte wollte, nichts ändern. Selbstverständlich kamen die Tcrrainspckulantcn und Bauunternehmer, um die neue SWobe auszuschlachten und mit der Geste des Kulturmannes von nun an schöne Stadtteile zu bauen. Mode trägt immer Zinsen; und da die Bauipelulanten etwas von krummen Strogen und geschlossenen Plätzen, von Nürnberg und Rothenburg hatten läuten hören, so machten sie jetzt ihrerseits krlnnme Straßen und geschlosiene Plätze. Dann nannten sie solche Plätze hochmodern und gewannen die Toren. Leider muß man nun sagen, daß an solchem Zwischenspiel auch die redlichen Freunde des Städtebaues, zumal die Architekten nicht unschuldig waren: in den weitesten Kreisen hatte eben SitteS Buch Verwirrung angerichtet. Weil die unreife Zeit nicht vermochte, das Wesentliche vom Zufälligen zu unterscheiden. Es bedurste erst des Wettbewerbes um Groß-Berlin, die Grund- lagen des modernen Städtebaues vor aller Augen zu stellen. Wobei natürlich zugegeben ist, daß dieser Wettbewerb nur der Anlaß zur Auslösung lange und langsam gespeicherter Einsicht war. Wie dem nun aber auch sei, es steht jedenfalls fest, daß seit den Tagen dieses Wettbewerbes, seit denen der Berliner Städlebau-AuSstellung, feit denen des Kampfes um das Tempelhofer Feld und das Zweckverbandsgesetz die Erörierung städtebaulicher Fragen unendlich an Klarheit gewonnen hat; rurd es sieht fest— woraus es besonders ankommt— daß die konkurrierenden Planungen zu den beiden Berliner Wetibewerben die ersten waren, die als Aus- druck bewußten Verstehens und lebendigen Empfindens der neuen Aufgaben gewertet werden können. Seit dem Jahre 1910 beginnen die Elemente, an? denen allein eine moderne Großstadt organisiert werden kann, sich der Konvention, dem selbstverständlichen Arsenal der Fachleute und dem Erwarten der Laien einzugliedern. Heute, endlich heute, weiß man(dies tausend- köpfige, ewig entscheidende.man"), was das ist: Wohnstraße OerkehrSstraße, Griinplatz und Verkehrszenlrale, Einheit des Blocks und Randbebauung, Durchlüftung umbanter Viertel und Absonde- rung der Wohnvierrel von den rauchenden Fabriken; was das ist. Wohnpark und Wald- und Wiesengürtel oder Gesimsgleichheit und Gleichförmigkeit der Fassadeu und Grundrisse. Alle diese Elemente werden täglich durchdacht und erprobt, zum urindesten er- strebt; damit erst ist die Voraussetzung gewonnen für das Nahen einer Zeit, die auch das Höhere erfassen wird: die Großstadt, die Organisation von Massen, als architektonisches Problem. Darüber ist man sich schon heute einig, daß die neue Schönheit nicht aus der Zeit des alten Nürn- bcrg sein kann, daß krumme Straßen und geschlossene Plätze es nicht tun werden; daß vielmehr die Statistik, die Hygiene und Technik als wichtigste Regulative, daß das Wohlsein und die Monu- Mentalität von Hunderttausenden und Millionen das Ziel des modernen Städtebaues werden sein mästen. ES gilt der Massen- seele die Form zu finden; es gilt den ungeheuerlichen Ziffern der Produktion und des Verkehrs, des Lichtverbrauchs und der Nahrungs- Versorgung, den gigantischen Ziffern der Geburten und der unver- meidlichen Todesopfer das Denkmal zu richten. Vergeblich würde es sein, den Markt von Nürnberg oder den Platz von St. Marcus, den St. Peters-Platz oder die Freiheit von Versailles irgendwie er- neuern zu wollen; es kann nur darauf ankommen, den gleichen Geist, den Willen, der zu all diesen Verkörperungen half, aufs neue erwachen zu lasten. Um ihn ungeschmälert und durch keine Sentimentalität und Romantik beirrt in den Dienst de» hellen Tage» zu stellen. ?ung-Stil!ing. (Zu seinem 199. Todestage, 2. April.) Goethe ist es getoesen, der Juug-Stilling zur Abfaffirng der Geschichte seiner Jugendjahre' veranlaßt und dann die Handschrift ohne Wissen des Verfassers zu Drucke befördert hat. Als das Honorar dafür in Höhe von IIb Reichstalern bei Jung-Stilling in Elberfeld eintraf, befand er sich gerade wieder einmal in der aller- dringendsten Verlegenheit, und er glaubte nicht anders, als daß Gott ihm selber im letzten Augenblicke diese rettende Summe ins Haus geschickt habe. Seit Goethe in seiner Straßburger Studenten- Es waren Munkkundige dabei. Die setzten sich ab- tvechselnd ans Klavier und spielten. Andere gaben Solo- Vorträge zum besten, und schließlich sangen alle gemeinsam. Es wurde ein kleines richtiges Fest voller Fröhlichkeit. Als es sich seinem Ende näherte, klopfte jemand mit dem Teelöffel an die Kaffeetasse. Es wurde still. Einer erhob sich, der hatte einen dicken Verband um den Kopf— fast wie ein Turban sah's aus— und begann zu sprechen. Er sagte, sie seien sich früher oft wie Waisenkinder vor- gekommen und hätten gar nicht mehr getvnßt, loa» eigentlich ein Familienleben sei. Aber das habe sich neuer- dings sehr geändert; denn nun hätten sie alle eine Mutter wieder bekomme» und noch dazu eine sehr gute Mutter, die an nichts anderes denke, als wie sie ihren Kindern Freude machen könne. Die Familie sei ja etwas zahlreich, und ihm selber würde Angst und Bange werden, wenn c r die Mutter dieser Kinder wäre, aber es gäbe glücklicherweise noch mutige Frauen. Er schloß mit einem Hoch auf„unsere Mutter", in das alle dröhnend einstimmten. Und die so Gefeierte ging von einem zum andern und drückte ihnen allen leuchtenden Gesichtes die Hand.„Auf Wiedersehen, Kinder, aus Wiedersehen!" Der Sohn aber betrachtete sie erstaunt, wie schon so oft in letzter Zeit, und meinte:„Du wirst immer jünger. Geradezu hübsch, Mutter." „Ich bin sechsundfünfzig, mein Junge!" Sie lachte hellauf. Und setzte nach einer Weile hinzu: »Darf ich hinfällig sein— jetzt, wo wir daran denken müssen, uns eine neue Existenz zu gründen?" »Neue Existenz— Du'{ 1" Er blickte sie erstaunt, fast er- schrocken an.„Ich dachte—" ..Du dachtest, Mutter scheint eine reiche Frau zu sein, wie?" „So ähnlich. Die Groschen wuchsen Dir doch sonst an der Hand � fest. Manchmal hielt ich Dich für geradezu geizig-- „Ich hob mir's abgehungert," sagte sie erust.„Es sollte für mein Alter sein..." „Ja, ja. ich weiß;" der Sohn fiel ihr eifrig ins Wort. „Und jetzt gehst Du mit dem Gclde um... es ist natürlich Deine Sache... aber—" „Es fällt Dir auf." Sie lächelte, legte ihre Hand auf seinen Arm und sah ihm voll ins Gesicht:„Weil Du lebst, mein Junge. In mir ist alles Dankbarkeit und Freude und Kraft.... Mach Dir keine Sorge. Wir finden schon etwas. Vielleicht könneil wir iu der Stadt bleiben." « zeit Jung-Stilling» Bekanntschaft gemacht hotte, nahm er an dem merkwürdigen Manne lelchaften Anteil; aber ldarüber binans mußte seine Lebensgeschichte um ihre» eigenen Charakter» und Wertes willen riefen Eindruck auf ihn machen. Denn dieses Buch — wenigstens in seinen ersten Teilen, die späteren Fortsetzungen stehen weit tiefer— ist in der Tat ein unverwesliches Werk, in seiner Art ein Juwel unseres Schrifttums. Es ist Lebensbe- schreibung, Volkslied, Märchen, Roman und Erbanungsbuch in einem, und die Schilderungen bäuerlichen Lebens, die seinen Ein- gang bilden, eröffnen einen Blick in die innersten Schächte deut- schcn Volkstums. Ten Sckwuplatz dieser Schilderungen bildet das anmutig gelegene nassauische, jetzt zu Westfalen gehörige Dorf Grund, wo die Jungs seit Jahrhunderten beständig hausten, ein werktüchtifl�s Bauerngeschlccht, erfüllt von einer lebendigen Frömmigkeit pietistischer Färbung. Dort erblickte Heinrich Jung, der sich als Helden seiner Lebensgeschiebte den Namen Stilling beigelegt hatte, am 12. September 17-19 das Licht der Welt. Er war ein aufgeweckter Knabe, bei dem der Unterricht de» Vater» so vortrefflich anschlug, daß der Ortspfarrer, über seine Frühreife erstaunt, ihn in die Lateinschule brachte. Von der Einsegnung bis zum 39. Lebensjahre hat sich Jung-Stilling» Existenz in wunderlicher Weise immer wieder zwischen den beiden Polen des Schulmeisterberufes und des Schneiderhandwerkes hin und her bewegt. Jener war sein Wunsch und Ideal, aber immer wieder vertrieben ihn Mißgunst, Mißverständnisse oder Intrigen aus dein Amte, immer mutzte er zu Nadel und Schere zurückkehren, und da ans dem jungen Menschen doch nichts Rechtes werden zu wollen schien, so begann der Bater mißmutig und hart gegen ihn zu werden. Da entschloß der Jüngling sich zur Auswanderung und gelangte in das Wuppertal, wo er sich schon schließlich ganz darein gefunden hatte, zeitlebens ein Schneider zu bleiben, als sich ihm bei dem Elberselder Kauftnanne noch einmal eine Hauslehrer- stellung bot und zugleich ganz neue Möglichkeiten eröffneten. Uiiter diesen Wechselfällen und Schicksalen sehen wir Jung- Shillings Charakter sich deutlich entfalten. Er war ein innige» und sinniges Gemüt, für Eindrücke aus Natur und Leben sehr empfänglich, zur Schwärmerei geneigt und jähem Wechsel der Stimmungen unterworfen. Sein Gott war ihm nicht nur der Gott seiner Seele, sondern auch der. der Jung- Stillings häusliche Verhältnisse und Bedürfnisse aufs ge- nauestc fiinntc und regulierte, und es nie unterließ, ihm, wenn er ihn hatte lange genug zappeln lasten, Geld oder Stellung oder was sonst not tut, zuzuweisen. Auch die Haus- Ichrerstelle im Flenderschen Hause sah Jung-Stilling als eine ganz persönliche Fügung zu seinen Gunsten an.' Er fand hier nicht nur Gelegenheit, seine Ausbildung vielseitig zu fördern, sondern wurde auch durch seinen Gönner zuerst auf das Studium der Heil- künde hingewiesen. So tat sich denn vor dem vielgeprüften Manne eine neue Welt auf,, alö er, ei» Dreißigjähriger, 1779, nach Straßburg zog, um dort Medizin zu studieren. Hier machte er die Bekanntschaft von Goelbe, von Herder, Lenz und anderen, die ihn in ihren Kreis zogen. Auch als er nach Beendigung seiner Studien sich in Elberfeld als Arzt niedergelassen hatte, blieb ihm Goethes Freundschaft treu. Indes ging c» mit der ärztlichen Praxi» recht kümnierlich, und es war eine große Erlösung für Juug-Stilliug, als er einen Ruf als Professor der Kameralien, der Land- und Forstwirtschaft an die Akademie zu Kaiserslautern erhielt. Seine bäuerlichen Erfahrungen und seine Betätigung in dem Flenderschen Geschäfts- betriebe kamen ihm nun zustatten, uno er hatte diese Professur nacheinander in Kaiserslautern, Heidelverg und Harburg mit au- ständigem Erfolge bekleidet. Jetzt war sein Lebensschifflein endlich in beqriemcS Fahrwasser gelaugt. Je länger, desto mehr gab er sich jedoch einem weit ausgebreüeten Briefwechsel nnd einer rege» literarischen Tätigkeit religiösen Inhalts hin, die ihn zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten in Deutschland machte und ihm eine Fülle von Beziehungen eintrug. Allem diese Seite seiner Tätig- kcit, die auch in einigen christlichen Romanen ihren Niederschlag gefunden hat, ist nicht durchweg erfreulich. Echte Frömmigkeit mischt sich darin, wie bereit» angedeutet, mit einer gewissen weltlichen Schlauheit; Juug-Stillings Mystik ist nebenlhaft, dock nickt tief und oft verliert sich seine religiöse Schriststellerei in weichliche Sentimentalität. Dennoch bleibt er eine durchaus merkwürdige und originelle Erscheinung. Mit den Stürmern und Drängern Jedermann in dem kleinen Ort kennt nun die beiden. Es gibt leine Gasse, die sie nicht schon Iviederholt durchschritten, keinen vermietbaren Laden, den sie sich nicht angeschaut hätten. Sie sind voll von allerlei Plänen, und ihre Erörterungen nehmen kein Ende. „Wir dürfen uns nicht übereilen," sagt die Mutter.„Ein paar Monate halte ich es schon noch aus." „Wie sorglos Du geworden bist!" „Du lebst ja, mein Junge.. Und aufrecht wandert sie durch die Straßen und dankt heiter den Soldaten, die sie fast alle grüßen. „Als ob Du ein General wärst!" sagt der Sohn. Sie lacht fröhlich. Aber wie Sonnenschein geht es über ihr Gesicht, wenn eine Anzahl Verwundeter beisammensteht. Kaum erblickt einer die Frau, so ruft er auch schon:„Da kommt unsere Mutter!" Und sie eilen und humpeln eifrig zu ihr heran, und es gibt ein herzhaftes Händeschütteln. „Guten Tag. Mutter!" „Wie geht es, Mutter?" „Dank Euch, Kinder, dank Euch!"... Und auf allen Gesichtern erscheint ein frohes, strahlendes Leuchten, und der warme Hauch mütterlicher Liebe und dank- barer Zuneigung breitet sich um sie alle. Nikolai. Unabsehbar auf der Steppe lieget nah und lieget ferne Ohne Ton die Himmelsglocke, sonder Farbe, sonder Sterne. Unaufhörlich Schneegestöber niederweht auf Dorn und Steine, Deckend in den Wagengleiscn bleiche polnische Gebeine. Horch, was sauset im Galoppe wie ein Geisterzug vorüber? Langgestreckt schlvirrt an der Erde eine wilde Jagd hinüber. Mäntel flattern. Reiter flogen, bärtige Reiter windgetragcn, Rings umschwebt von ihren Lanzen, ohne Räder glitt ein Wagen. Leise zittert noch die Heide; doch dann wird eS stille wieder. Nur der Schnee in weißen Flocken fällt mit stummer Last hernieder. Und ein Rabe sitzt im Dorne, rauscht empor und krächzet heiser Durch die ausgestorbenen Lüfte: Russenkaiser! Russenkaiser! Widerhallt es rn den Höhen, und die grauen Lüste sprechen, Wie mich dünkt, mit kaltem Hauche: Wie ein Rohr wird er zerbrechen! E o t t j r i c d Keller. mächte er gegen die Aufklärung Froksi, Seren Verstandesplätthcrk er die lebendige religiöse Empfindung entgegenwarf. Dies nähert ihn Herder, an dessen großem Humanitätsideal Jung-Stilling frei- lick keinen Teil hatte, und schließlich klingen sogar leise Vortöne der Romantik in seiner tastenden religiösen Mystik an. Vor allem lebte aber doch in ihm die Seele eines Dichters; nur ein Dichter hat die Bilder und Gestalten seiner Jugend und seiner Jünglings- jähre entwerfen können und mit ihnen lebt er in dauerndem Ge- dächtnisse fort. Der Winter 1794. Eine Szene au» Romain Rolland» Drama„Danton" (erschienen 1991). Frau Duplay(Robespierres mütterliche Freundin): Was für schlechtes Wetter war diese Nacht. Ich bin ganz durchnäßt nach Hau? gekommen. Nobespierre: Wo warst Du? Frau Duplay: In der Markthalle. Ich habe seft Mitternacht anstehen müssen. Man stieß sich, keinen Augenblick konnte man das Auge schließen, sonst hätte man sogleich seinen Platz verloren. Bei der Oeffnung der Gilt"? schlug man sich. Glücklicherweise verstehe ich mein Recht zu verteidigen. Endlich glückte es mir, drei Eier und ein Viertel Butter zu bekommen. Robespierre: Drei Eier für die ganze Familie? Da? ist wenig. Frau Duplay: Für Eleonore, sür Elisabeth und für Dich— meine drei Kinder. Robespierre: Gute Mutter Duplay. Du glaubst doch nicht, daß ich Euch das Brot au» dem Munde nehmen werde? Frau Duplay: Du wirst e» mir nicht abschlagen. Um Demet- wegen bin ich dagewesen. Du bist leidend. Du hast einen schwachen Magen. Wenn Du wenigstens Fleisch wolllest. Aber Du verbietest ja, cs zu kaufen. Robespierre: Das Fleisch ist rar, man muß es für die Soldaten und die Kranken zurückhalten. Wir haben ein bürgerliches Fasten verorduek. Ich und meine Kollegen müssen das Beispiel der Ent-- hallsamkeit geben. Frau Duplay: Nicht alle haben Deine Bcdeukeit. Nobespierre: Ich weiß es. Ich sah gewisse uuicr ihnen Ein- ladungcu veranstalten.— Mitten in dein öffentlichen Elend. Das machte auf mich einen furchtbaren Eindruck. Jedes dieser Gast» mnhlcr raubt dem Vaterlande die Kraft von einigen dreißig seiner Verteidiger. Frau Duplay: Was für ein Elend! Kein Fleisch, kein Geflügel, keine Milch. Das Gemüse ist für die Armee beschlagnahmt. Dazu kann man»ichl mehr heizen. Die» rsr schon die zweite Nacht, daß Duplay darauf wartet, beinr Kohlenschiff an die Reihe zu kommen; eben kommt er inil leeren Händen zurück. An Holz darf man gar nicht inehr denken. Weißt Du, welchen Preis man mir für da» Klafter abverlangte? 499 Franks. Glücklicherweise kommt jetzt der Frühling. Ein Monat länger nud wir wären hingewesen. Ich kann mich, so lauge ich lebe, nicht auf einen solch harten Winter bcsirincii. SehrinK f. Gestern früh ist der berühmte Marburg er Mediziner Emil Adolf Behring, der Entdecker des Diphtherieserums» im Alter von 93 Jahren an den Folge» einer Lrmgenentzündnng ge- starben. Behring, der am lö. März 1854 in Hansdarf( Westpreuße nj geboren ist, studierte au der Berliner Pepinierc und wirkte seit 18;-0 als Militärarzt. Im Jahre t löl wurde er zugleich Assistent am Institut für Infektionskrankheiten, 1894 außerordentlicher Professor in Halle. 1895 folgte er einem Ruf nach Marburg, wo er bi» zu seinem Tode als ordentlicher Professor nud Direktor de» Hygienischen Instituts tätig war. Den Verdienste», die er sich um die Ausbildung der Blutserumtherapie erworben hat, und besonders der Entdeckung de» Diphtheriescrum» verdankte er seinen Weltruf. llhar!ot!enburger Schillerthetter:„hinter Mauern", Schauspiel von Henri N a t h a n s c n. Der Eindruck gemütvollen Humor» und einer reichen inneren Kultur, den mau von diesem jüdischen Familienstück des dänischen Autors in der brillanten Auffuhrung des Meinhardt-Bernauerschcn Komödienhauses erhielt, bestätigte sich bei dem Wiedersehen. Ja, trotzdem die Rassefärbung im allgemeinen nicht so konsequent wie damals herausgearbeitet wurde, war die Wirkung stellenweise viel- leicht noch stärker. Gegenüber all den krassen Geivaltsamkeitcn, der Willkür, den bedenkenlose» Sprüngen, die mehr und mehr zu eine n festen Requisit moderner Dramatik zu werden scheinen, berührt die ruhige Sicherheit in der Charakteristik und seelischer EntWickelung, der menschlich-freie Blick, mit welchem das Problem erräßi ist, doppelt wohltuend. Kein Prätendieren von Geninliiät. wohl aber ein Vermöge», in enger abgesteckten Grenzen Figuren und Sit:::- tionen lebendig aufeinander abzustimmen. Wenn die behaglich malenden Szenen des Schabbesabends nicht durchweg gleichmäßig gelangen(Meyerchen und der ältere Sohn des Hauses blieben ziemlich blaßt, kam die Komik nnd der Ernst de» zweiten Auszugs zu um so vollerem Klingen. Noacks aller Levin, i» der eigeuiümlicken Mischung von Weichheit, Geschäftssinn, rechtschaffener Verständig- seit und unversöhnlich zähem Hasse wider den Mann, der einst sein Volt in ihm beleidigte, wuchs da zu einer packenden, in ihrem letzt:» Wescnskern sich frei entfaltenden Gestalt. In der Empörung, als er erfährt, die Tochter habe sich mit einein Christen, eben jene» MaimeS Sohn, verlobt, glühte mühsam zurückgedrängte alttestameu- tarische Leidenschaftlichkeit. Und dicic Kraft individualisierender Gestaltung gab auch den letzten beiden Akten starke innere Bewcgnng. Ein ausgezeichneter, in Ansehen und Gehaben spezifisch jüdische: 5yv war Heinz Sengers Jakob Levin, der Großhändler. Au-- dringlick, geschwätzig, hitzig, reuommirrend und dabei doch in dem strahlenden Slolze aus sein kleines Töchterlein von rührend-naiver versöhnender Drolcrie. Ter in seinem Trotze noch etwa» grüne Aufklärungsradikalismus der jungen Schloester. die aus der ad- geschlossenen Enge der jüdisch- orthodoxen Tradition sich ins Freie und Weite sehnt, kam durch Paula Schneider, die besorgte Muttcrgüte der allen Frau Levin durch Maria Gundra zu glücklich treffendem Ausdruck. Harmuts Meherchen gewann im weiteren Verlaus au Farbe. Pacschte und Elz er repräscu- Herten geschmack- und taktvoll die nur flüchtig flizzierten Personen de» Gegenspiel»: Estbcrs frcisinuigeu Bräutigam und den glalt- konventionellen, opportunistisch-christlicheu Papa. ckt. Wotiiea. — I n der Urania hält am Dienstag und Mittwach, abend? 8 Uhr, Dr. R. Pohle aus Petersburg einen Vortrag mit Lickivitdern über„Moskau und Petersburg". Am Sonntag, Montag, Donners- tag gelangt der Bortrag„Die Bagdadbahn" zur Darstellung und am Sonnabend ivird Direktor Franz Goerkc noch einmal seinen Vortrag«.Heimatland und Heimatliebe" wiederholen. Außerdem wird am Sonntag, Dienstag und Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, der Vortrag„Der Balkanzug und die befreite Donau" und am Man- lag und Mittwoch der Vortrag„Im U-Boot gegen den Feind" zu kleinen Preisen gehalten werde». Am Freitag bleiben beide Institute geschlossen. Ast>-----,-. Hl V■■ �Äs �>>'■s/'fyW* .�v.'---> -------- T( � c: ., ♦" A n.••' f ,•'f�k-:-.-"Tf'.Jj ,..l' �., ........-.-W ;W5�- Gnfarbiges Kostüm mit dem belieblen großen U» Bovt.Kragen und hüdicher Schnallen» Verzierung de» Sutt» RMM CJcftc fn 1Q17