34. Jahrgang. ♦ Nr. 20 Heilage zum �vorwärts" Serliner Voltsblatt Serttn, 20. Mal 1417 Soldaten der Nlenfihheit. Nicht Minen, Granaten, Angriff und Mut. nicht Massengräber und Siegesfanfaren... wir tragen in uns eine heilige Glut, die wollen wir hüten und treu bewahren. Ach, alle Not und Sehnsucht und Pein und alle wilden Stürme vertoben.... wir wollen Soldaten der Menschheit sein, das herz zu fröhlicher Tat erhoben. wir wollen aus dieser wütenden Qual hinab in die Städte großer Maschinen. wir wollen im sausenden, dröhnenden Saal der göttlichen Arbeit inbrünstig dienen. wir wollen, daß unsere stroßende Srafi nicht elend und müde im Graben vermodert. wir haben ein herz voll Leidenschaft, das steil in die Enge der Werkstatt lodert. wir olle kommen au, Morden und Wut. wir wollen endlich Friede auf Erden! nun brennt unser herz eine heilige Glut, daß alle Menschen brüderlich werden. Max vurthel. das Arbeitsverhältnis im Freien" Gewerbe. Bon August Winnig. Die Lage der Lohnarbeiter unter dem Arbeitsverhältnis dcS absoluten Staates war für unsere heutigen Begriffe ge- drückt bis zur Unerträglichkeit. Damit ist aber nicht gesagt, daß die Arbeiter der damaligen Zeit sie ebenso empfunden hätten. Auf die Festsetzung des Lohnes hatten sie zwar keinen rechtmäßigen Einfluß; wo sie einen solchen geltend zu machen versuchten. liefen sie Gefahr, von der Obrigkeit zur Ordnung gerufen und bestraft zu werden. Da aber nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht ist, so boten sich den Arbeitern doch, je nach dem Grade der Beschäftigung, illegale Mittel, die Arbeitsbedingungen zu beeinflussen und unter dem Druck der Knappheit an Arbeitskräften einige Verbesserungen herauszupresse». Andererseits bildete die obrigkeitliche Reglemen- ticrung des Arbeitsverhältnisses einen gewiss en Schutz gegen die mit dem Kapitalismus emporwachsenden VerelcndungStendenzen. Je mehr der Kapitalismus erstarkte, um so lebendiger wurde sein Ausbeutungs- trieb. Es gelüstete ihn, die Arbeitszeit zu verlängern, ge- lernte Arbeiter durch ungelernte, erwachsene Arbeiter durch billigere jugendliche oder Frauen zu ersetzen. Dem aber stand die obrigkeitliche Reglementierung im Wege. Der Schrei nach Freiheit war vor allem das Verlangen nach hemmungsloser Betätigung der kapitalistischen Erwerbssücht. Dem brachte die Gewerbegesetzgebung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Erfüllung. Die neue Grundlage des Arbeitsverhältniffes wurde die Preußische Gewerbeordnung von 1845, die das Vorbild der ganzen norddeutschen Gewerbegesetzgebung wurde. Ihr leitender Gedanke für das Arbeitsverhältnis sprach aus, daß dies Gegenstand freier Uebereinkunft sei. Aus dem bisherigen Herrschaftsverhältnis wurde ein Mietsverhältnis. Der letzte Rest der alten Auffaffung, die Arbeiter und Unter- nehmcr als soziale Stände betrachtete, wurde ausgetilgt, es gab für die rechtliche Beurteilung des Arbeitsverhältnisses nur noch Einzelmenschen, die nach der Theorie in ihren Entschlüffen völlig frei ivaren. Keine Organisation sollte sich zwischen Arbeiter und Unter- nehmcr drängen. Vereinigungen und Verab- redungen zur Erzielung höherer Löhne waren bei Gefängnis st rase verboten. Das geschichlliche Merkmal dieser dritten Stufe in der Entwicklung des Arbeitsverhältnisses war das völlige Zurücktreten der Staatsgewalt, die bis dahin so ausschließlich auf diesem Gebiet geherrscht hatte, daneben aber die rechtliche Auflösung der beiden sozialen Gruppen— Arbeiter und Unternehmer— in Einzelpersonen. Der Grundsatz der freien Konkurrenz hatte ge- siegt— auch das Arbeitsverhältnis war nun dem freien Spiel der Kräfte ausgeliefert. Der Steg dieses Grundsatzes war geschichtlich notwendig, der Kapitalismus sollte eine neue Ge- sellschaft bilden, er konnte es nur, indem er die Bindungen der alten Sozialordnung löste und die gesellschaftlichen Kräfte zunächst atomisierte, um dann auS den einzelnen Teilen die ncueuBildungen zusammenzufügen. Aber dieser Borgang bedeutete für die Lohnarbeiter zu- nächst durchaus keinen Fortschritt. Wohl iourden sie der Be- dingungen ledig und unterstanden keinem Arbeitsreglement mehr. Aber diese Freiheit brachte ihnen wenig Segen. Denn der sogenannte freie Arbeitsvertrag wurde jedesmal das, was der stärkere der Vertragschließenden aus ihm machen wollte. Das alles war in 9vü von 1000 Fällen immer der Fabrikant. Wohl stiegen unter der Wirkung der allgemeinen starken Nachfrage»ach gewerblichen Arbeitern zunächst die Löhne. Aber da nun alle Hemmungen gefallen waren, so verlängerte man auch die Arbeitszeit, zog die Frauen und schließlich auch die Kinder zur Arbeit heran. DaS waren Umstände, die bald eine lohndrückende Wirkung auszuüben begannen. Für diese Zeit— wir haben hier die Jahre von 1820—1850 im Auge— fehlen so gut wie alle Quellen über die Höhe der Arbeitslöhne. Als Dr. Kuczinski sein großes Werk über die Bewegung der Arbeitslöhne verfaßte, hatte er die größte Mühe, diese Bewegung auch nur bis zum Jahre 1870 zurück- zuverfolgen. Im Jahre 1848 stand der Lohn der Berliner Maurer und Zimmerer auf 20, 22 und 24 Groschen. Es ist nicht anzunehmen, daß er in den westlichen Industriegebieten und in den anderen Städten höher gewesen sei, diese Sätze dürften vielmehr die Höchstgrenze der Löhne gewerblicher Arbeiter jener Zeit darstellen. Alle Schilderer der sozialen Zustände in dieser Periode sind sich jedoch darin einig, daß die Not und Verwahrlosung des industriellen Proletariats zum Himmel schrie. Die Berichte, die der oberschlesische Korrespondent der „Schlesifchen Zeitung'(des Organs der schlesischen Konserva- tiven) seinem Blatte über die Lage im dortigen Industriegebiet schickte, klingen unseren Ohren unglaublich. Ganze Scharen von Grubenarbeitern, so berichtet er, nebst Frauen und Kindern, ziehen abends in die Nähe der Schlackenhalden, um sich dort die warmen Stellen zum llebernachten aufzu- suchen, da sie keine Wohnung haben. Am Rhein waren zarte Kinder von acht Jahren an in Fabriken tätig und arbeiteten dort bis zu 16 Stunden täglich. Kinder und Frauen gingen auch in die Kohlengruben und arbeiteten unter Tage. Das furchtbare Elend, das Friedrich Engels in seinem Buche über die Lage der arbeitenden Klassen in England schildert, hat auch in Deutschland die Geburt des Industrie- kapitalismus begleitet. Mit diesem wirtschaftlichen Elend ver- banden sich bald körperliche Verwahrlosung, sittliche Ver- kommenheit. Die alte Vorstellung von der»Ehrbar- keit" des Gewerbegehilfen verschwand, daS Ansehen deS gewerblichen Arbeiters sank tiefer als in irgend einer früheren Periode. Trotz der formalrechtlichen Gleichheit der beiden Vertragspartner war der Arbeiter in der Praxis zu einem rechtlosen Ausbeutungsobjekt geworden. Vielfach behielt sich der Unternehmer daS Recht vor, den Arbeiter bei Arbeitsmangel jederzeit entlassen zu können, während der Arbeiter an bestimmte Kündigungsfristen ge- Kunden war. Das Trucksystem hielt seinen Einzug. Die Fabrikanten errichteten neben ihren Betrieben Verkaufsstellen für Lebensmittel, Arbeitskleidung u. a. und nötigten die Ar- beiter, ihren Bedarf dort zu entnehmen; der Betrag wurde ihnen vom Lohn abgezogen. So kam es häufig vor, daß der Arbeiter nur wenig baren Geldlohn erhielt, sondern mit Waren bezahlt wurde, an denen der Fabrikant aber- mals verdiente. Was dabei herauskam, war nichts weiter als eine neue Form der Hörigkeit. Auch zu jener Zeit schon bildete sich hier und da der Brauch herau», auf oder neben den Betriebsstätten Wohnungen für die Arbeiter zu errichten, so daß sich manche deutsche Fabrik kaum noch durch etwas anderes als durch die Hautfarbe ihrer Arbeiter und durch die Art der verarbeiteten Stoffe von den Faktoreien Amerikas mit ihren Negersklaven unterschied. Es scheint, als habe die Geschichte an einem Schulbeispiel zeigen wollen, wohin ein hemmungsloses Walten der kapita- listischen Triebkräfte führt. So brach sich dann die Ueber- zeugung Bahn, daß man dieser Entwicklung nicht länger un- tätig zusehen dürfe. Die Arbeiterklasse selber war freilich noch nicht so weit, um eine Aenderung der Gesetzgebung durch- setzen zu können. Ihre junge Bewegung war aus einer polt- tischen Situation entstanden und erprobte ihre Kraft einst- weilen in der politischen Arena. DaS von Lassalle zwar nicht konstruierte aber doch popularisierte eherne Lohn- g e s e tz, wonach der Lohn niemals dauernd über die zur Lebensfristung notwendige Höhe steigen könne, verurteilte die Bestrebungen nach Verbesserung deS Arbeitsverhältnisses von vornherein alS vergeblich. Staatsbeamte. Militärs, Volkswirte forderten das Eingreifen deS Staats, um der Verwüstung der Volkstraft zu wehren. So kam eine Bewegung in Fluß, die vom Ausgang der dreißiger Jahre an zu vereinzelten Maßnahmen staatlichen Ar- beiterschutzes führte. Waren diese Eingriffe auch zu- nächst schwach und wenig erfolgreich, so brachten sie aber doch mit dem Gedanken des staatlichen ArbeiterschutzeS ein neues Prinzip auf, das von ganz anderen Voraussetzungen ausging als die frühere obrigkeitliche Reglementierung. Bedeutsamer noch als diese staatlichen Eingriffs war der Fall der Koalitionsverbote. Damit war die Feffel gesprengt, die der Arbeiterschaft die Hände gebunden und sie von jeder Beeinflussung deS Arbeitsverhältniffes ab- sperrte. Nun trat die Arbeiterschaft zum ersten Male wieder als mitgestaltende Kraft des Arbeitsverhältnisses auf. Damit begann der Uebergang zu einer höheren Stufe deS Arbeitsverhältnisses, zu dem Arbeitsverhältnis, daS auS dem Ringen des organisierten Kapitals und der organisierten Arbeit als Diagonale der Kräfte hervorgeht. AuS der atomisierten Gesellschaft entstehen neue mächtige OrganisationS- gebilde. Heftig ist der Zusammenprall der durch sie ver- tretenen gegensätzlichen Interessen. Aber. auS dem Kampf- getümmel erhebt sich akS der verheißungsvolle Anfang_ einer gewerblichen Demokratie der Tarifvertrag— die Grund- läge des Arbeitsverhältnisses der Gegenwart und noch mehr der Zukunft. Sehen wir von dem �Interregnum der Kriegs- Wirtschaft ab, so können wir eine Entwicklung verfolgen, die aus dem Gegeneinanderwirken und Ineinandergreifen der drei Faktoren: Staat, Unternehmertum und Arbeiterschaft besteht und deren letztes Ergebnis die organisierte Ar- bett ist. die Verkäuferin. Bon Klara Bohm-Schuch. DaS Verkaufsgeschäft war der erste Zweig im Handelsgewerbe, den sich die Frauenarbeit in großem Um- fange eroberte: langsamer drang sie in den Kontorberuf ein, wo ihr jetzt, besonders durch den Krieg herbeigeführt, ein breiter Raum gehört.— Für den Beruf der Verkäuferin bringt die Frau von Natur viel Vorbedingungen mit: Ge- wandtheit im Verkehr mit dem Publikum, schnelle An- paffungsfähigkeit usw.— Die Hauptursache der Verwendung weiblicher Arbeitskräfte ist aber hier wie überall ihre Billigkeit. Die junge Verkäuferin hat eine Lehrzeit von zirka einem Jahr durchzumachen— während der sie eine Vergütung von 10 bis 20 M. monatlich erhält—, sie verdient also im Alter von ca. 16 Jahren mehr als der männliche Berufskollege. Während es aber der Verkäufer meistens soweit bringt, daß er ein Gehalt verdient, von dem er auskömmlich leben kann, so ist es bei den Verkäuferinnen die Minderheit, welche über- Haupt einen höheren Verdienst als 100 M- im Monat erreicht. Bei den Aufwendungen, welche die Verkäuferin für Kleidung machen muß, wird bei ernenn solchen Verdienst nur ein kümmerliches Auskommen ermöglicht. Eine wirtschaftliche Unabhängigkeit gewährleistet dieser Beruf heute nicht, noch weniger die Möglichkeit, sich in ihm eine Lebens- existenz zu schaffen. Wenn es auch Ausnahmen gibt, so be- stätigen sie nur die Regel.— Es handelt sich also, ebenso wie bei den Stenotypistinnen, gewissermaßen um einen Zwischenberuf vom Elternhaus zur Ehe und leider wird er auch von der Mehrzahl der Beschäfftgten so aufgefaßt. Hierauf beruhen nun viele Mißstände des Berufs. Zunächst wird durch solche laxe und irrtümliche Auf- faffung eine ernste Berufsfortbildung vereitelt, denn wenn eine Beschäftigung nur als vorübergehend gilt, werden die kargen Freistunden nicht mit Lernen ausgefüllt werden. Es entspringt hieraus aber auch eine gewisse Leichtheit der ganzen Lebensauffassung und eine Verständnislosigkeit gegenüber allen Bestrebungen, die auf Zusammenschluß der Berufs- ungehörigen zur Hebung des Berufs selbst und zur Besserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen hinzielen. Der obligatorische Fortbildungsschulzwang ist sehr gut und nützlich und er wird immer weiter ausgebaut werden müssen, aber der Grund- fehler liegt wohl in der unterschiedlichen Erziehung von Knaben und Mädchen.— Leider ist unser ganzes ErziehungL- system noch darauf eingestellt, daß der Junge wohl einen Beruf erlernen muß, weil er sich eine Lebensexistcnz schaffen soll, das Mädchen aber nicht. Die(viel zu.lange) Lehrzeit des Knaben muß also durchgehalten werden. wie schwer es oft den Eltern auch fallen mag. Das Mädchen aber muß verdienen, sobald es nur die Schule verlassen hat.»Kommt Zeit, kommt Rat' denken wohl viele Eltern, die schweren Herzens, aber trotzdem nur mit dem Verdienst der Tochter die Lehrjahre des Sohnes ermöglichen. Wie falsch dieses System ist. haben unzählige Frauen in der Kriegszeit an sich erfahren müssen; es hat zu großen Nachteilen für die Frauenerwerbsorbeit geführt, da es in- folge der mangelnden Berufsausbildung für die Frau schwer ist, zur Q u a l i t ä t s a r b e i t e r i n anzusteigen und damit der gleichen Entlohnung wie der männliche Arbeiter teilhaftig zu werden. Hier wird, auf die Erfahrungen der Kriegszeit gestützt, ein Ausgleich zwischen Knaben- und Mädchenerziehung eintreten müssen, indem die praktische Berufsausbildung der Knaben verkürzt und damit ihres ausbeutenden Charakters entkleidet, eine solche für die Mädchen bei absolut freier Be- rufswahl aber geschaffen wird. Daneben muß, wie schon be- merkt, die theoretische Berufsfortbildung werter ausgebaut werden. Die soziale Schichtung der Verkäuferinnen ist eine sehr verschiedene; Töchter von Arbeitern, Handwerkern, Kaufleuten und Beamten erwählen diesen Beruf. Dadurch treten dem organisatorischen Zusammenschluß weitere Hinder- niss« in den Weg. Besonders in der Lebensmittelbranche kommt auch ein großer Prozentsatz der Verkäuferinnen aus hauswirtschaftlichen Berufen, weil sie hier, trotz des vielfach vorhandenen Kost- und Logiszwanges, doch etwas unabhängi- ger leben und eine etwas bessere Entlohnung als in iwr Haus- Wirtschaft erreichen. Der Beruf an sich ist schwer, wenn es auch vielen Leuten angenehm erscheinen mag, wenn jemand, nett angezogen, de» ganzen Tag an dem Verkaufsstand oder hinter dem Laden- tisch stehen und mit all den schönen Dingen hantieren kann. welche man kaufen will. Vor allen Dingen wird von der Verkäuferin Gewandtheit im Verkehr mit der Kundschaft ver- langt. Jeder will schnell bedient sein, jeder will aber auch das haben, was er wünscht, wenn er selbst über seine Wünsche sich vielleicht noch nicht ganz klar geworden ist. Letzteres ist besonders ein Fehler kaufender Frauen; sie wissen oft nicht recht, waS sie wollen. Sie wollen sich erst entscheiden, wenn etwas ihrem Geschmack entspricht. Der Krieg ist hier aller- dingS ein strenger Lehrmeister, weil durch die Warenknappheit und durch die enormen Preise die Auswahl sehr beschränkt worden ist. Durch ein solches Zaudern beim Kauf, durch das Vorlegenlassen vieler Waren, von denen dann schketzkich nichts gekauft wird, wird die Arbeitskraft der VeiSiinferin über Gebühr in Anspruch genommen, ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt. Die Verkäuferin soll immer liebenswürdig und höflich sein, auch dann, wenn es die Käuferin durchaus nicht ist. Der Chef verlangt aber daneben, daß das Personal tüchtig ist, daß es nicht nur die Käufer bedient, sondern auch das verkauft, was er absetzen möchte. Und diese anstrengende Tätigkeit>vird bei einer Arbeits- zeit von 9— 11 Stunden täglich, und meistens stehend, aus- geübt, nachdem durch die Festsetzung des Siebenuhr-Laden- schlusses während des Krieges die Arbeitszeit um eine Stunde verkürzt worden ist. Aber diese eine Erholungsstundc, ivelche die Not des Krieges den Ladenangestellten gebracht, war in Gefahr, durch Beschluß des Bundesrats wieder beseitigt zu werden. Dagegen haben sich die Angestellten unter Führung des Zentralverbandes so tapfer gewehrt, daß für die Kriegs- zeit der Siebenuhr-Ladenschluß bestehen bleiben wird. Aber nach dem Kriege? Werden die Angestellten, vor allem die Verkäuferinnen, aus diesem Vorgang gelernt haben, daß ihnen nur die straffe gewerkschaftliche Organisation helfen kann ihre Lage zu verbessern? Leider ist für die Lebens- mittelgeschäfte noch der Achtuhr-Schluß in Gültigkeit, und alle Bemühungen der Organisationen, vor allem des Zentralverbandes der Handlungsgehilfen, auch für diese An- gestellten die Arbeitszeit zu verkürzen, sind bisher vergeblich ge- toesen. Ebenso wurde der Antrag der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstag, den Siebenuhr-Ladenschluß auch für die kommende Friedenszeit beizubehalten, abgelehnt.— Das wäre nicht möglich gewesen, wenn die gewerkschaftliche Organisation der Handelsangestellten, besonders der weiblichen, besser wäre. Die Verkäuferinnen haben das größte Interesse daran, daß ihnen diese Stunde Freizeit nicht Ivieder entrissen wird. Der Zustrom frischer Arbeitskräfte zum Handelsberufe ist sehr groß. Dadurch, daß während des Krieges ein Teil des Verkaufspersonals besser bezahlte Beschäftigung übernahm und ein starker Bedarf an Kontorpersonal eintrat(zum Teil um die im Kriege befindlichen Kollegen zu ersetzen) macht sich jetzt eine Arbeitslosigkeit nicht bemerkbar. Um so mehr ist dies nach Beendigung des Krieges zu erwarten und bei der mangelnden gewerkschaftlichen Organisation ist zu befürchten, daß ein Sinken der Gehälter, eine Verschlechterung der Ar- beitsbedingungen eintreten wird. Darum ist es notwendig, daß die Handlungsgehilfinnen die Wichtigkeit des Zusammen- schlusses begreifen, um vereint an der Hebung des Berufes zu arbeiten und seinen weiteren Niedergang zu ver- hüten. Der Zukunftstraum der Versorgung durch die Ehe ist für tausende junger Mädchen durch den Krieg zerstört. Sie müssen sich durch eigene Arbeit durchs Leben bringen, müssen versuchen sich ihr Glück, soweit das möglich ist, selbst zu zimmern. Nun kann sicher der kaufmännische Beruf viel innere Befriedigung geben, Niehr aber noch das Wirken und Streben für die Allgemeinheit. Beides läßt sich vereinen, in- dem man in den Berufsorganisationen daran mit- arbeitet, daß die Arbeit nicht mehr als eine vorübergehende Notwendigkeit, sondern als Lebenszweck von den Kolleginnen betrachtet wird. Viele Mädchen werden sich natürlich auch nach dem Kriege verheiraten, aber auch sie werden unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse in weit größerem Umfange als vor dem Kriege erwerbstätig sein nlüssen. Gerade für diese Frauen bedarf aber der kaufmännische Beruf ungeheurer Reformen. Zu deren Erringung ist der gemeinsame Wille aller Berufsangehörigen notwendig und der törichte Kon- kurrenzkampf der Geschlechter, wie er leider im Handels- gewerbe noch immer stark zu finden ist, ist dabei ganz aus- zuschalten. Nicht gegeneinander, sondern miteinander haben Männer und Frauen durch den gewerkschaftlichen Zusammen- fchluß für die Zukunft zu kämpfen. SoZialistisihe Tendenzen während der franzöfljchen Revolution. Von P c t c r K r o p o t k i n. Der beherrschende Gedanke in der kommunistischen Bewegung von 1793 war, daß die Erde als gemeinsames Erbe der ganzen Na- tion betrachtet werden muß, daß jeder Einwohner Recht auf den Boden hat und daß jedem die Existenz dergestalt verbürgt werden muß, daß niemand durch den drohenden Hunger gezwungen werden kann, seine Arbeit zu verkaufen. Die Liebe. Ein Märchen von heute. Von Herbert Eulenberg. Eine junge Frau trat in das Warenhaus des Lebens ein. Nachdem sie sich eine Zeitlang darüber verwundert hatte, was bicr alles eingehandelt wurde und was nicht, merkte sie Plötz- lich, daß sie, weil sie nichts einkaufte, unangenehm aufzu- fallen begann. Sie wandte sich darauf hastig an irgendeinen der Angestellten und sagte zitternd und mit Erröten:„Ver- zeihen Sic! Ich möchte etwas Liebe haben." „Liebe?" schimuzte der Betreffende sie halb verwundert, halb verächtlich an.„Sie sagten doch Liebe?" „Allerdingo!" bestätigte sie, noch verlegener werdend. Sie suchte furchtsam unter der Menge der Bezugskarten, die sie bei sich trug, herum. Da waren Karten für Brot, für Kartoffeln, für Fleisch, für Leinen, für Butter, für Seife und für Fett ausgestellt. Aber einen Bezugschein für das, was sie haben wollte, fand sie nirgends. „Bemühen Sie sich nicht! Kramen Sie Ihre Scheine nicht mehr durcheinander!" fuhr der Angestellte sie wütend an.„Den Artikel, den Sie verlangen, führen wir nicht. Führt kein Mensch mehr! Er ist vollkommen eingegangen. Es war absolut keine Nachfrage mehr nach ihm." „Aber um Gottes willen!" flüsterte die fnnge Frau, ganz erschrocken.„Was sagen Sie da! Es gibt keine Liebe mehr. Aber das ist doch unmöglich!" „Ach was! Möglich oder nicht!" höhnte der Angestellte. „Lassen Sie nüd) zufrieden! Sic sind überspannt, verstehen Sie mich! Ich habe keine Zeit mehr für Sie!" Er stürzte sich in einen Aufzug und sauste weg an irgendeine Arbeit. Die junge Frau blieb entsetzt stehen. Sie tupfte mit ihrem Taschentüchlein die Tränen weg, die ihr bei den rauhen Worten dieses Herrn in die Augen getreten waren. „Platz da!" rief jetzt eine wüste Stimme, und ein schwer- bepackter Handwogen fuhr ihr, die so schnell wie es ihr mög- lich war, beifeite sprang, fast noch über die Zehen. Der Mann, der den Wagen stieß, brummte vor Zorn, als er an ihr vor- übevging. „Sie hätten mich bitten sollen, beiseite zu treten!" sagte sie ganz sanft und ohne Vorwurf.„Ich stehe ungern jemand im Wege."... � „Bitten sollen!" wiederholte der Mann mgrunmig.„Tun Sic erst einnnll meine Arbeit! Und dann jelicn Sie. ob Sie poch Lust haben, iemaudeu zu bitten, Ihnen nicht vor die Dir„taisächlichc Glcichtzcit", von der man im 18. Jahrhundort viel gesprochen hatte, drückte sich jetzt in der Forderung cincs.gleichen Rechtes aller auf den Boden aus; und die außerordentliche Bewe- gung im Grundbesitz, wie sie durch den Verkauf der Nation«lgüter entstanden war, rief die Hoffnung wach, diese Idee in Wirklichkeit umsetzen zu können. ES darf nicht vergessen werden, daß zu jener Zeit, wo die Groß- industrien erst im Entstehen waren, die Erde noch das Hauptwerke zeug der Ausbeutung war. Durch den Grund und Boden hielt der Grundherr dre Bauern in feiner Gewalt, und die Unmöglichkeit, seinen Fetzen Land zu bekommen, zwang den Bauer, in die Stadt auszuwandern, wo er ohne Gnade in der Produktion dem Fabri- kanten und für die Konsumtion dem Spekulanten ausgeliefert war. Unter diesen Umständen bewegte sich notwendigerweise das Denken der Kommunisten in der Richtung dessen, was man„das Ackergesetz" nannte, d. h. in der Richtung der Beschränkung des Grundeigentums auf ein gewisses Maximum Landes und der An- erkennung des Rechtes eines jeden auf den Grund und Boden. Das Aufkaufen der Ländcreien, das damals beim Verkauf der National- güter von den Spekulanten vorgenommen wurde, konnte diese Idee nur befestigen. Und während die einen forderten, jeder Bürger, der das Land bestellen wollte, müßte das Recht haben, seinen Anteil an den Itationalgütern zu erhalten, oder wenigstens zu günstigen Zahlungsbedingungen ein Stück kaufen zu können, forderten an- dere, die weiter sahen, das Land sollte zum Gemeindeeigentnm ge- macht werden, und niemand sollte ein anderes als ein zeitliches Recht auf den Besitz des Bodens bekommen dürfen, den er selbst be- stellte und solange er ihn bestellte. So verlangte zwar Babeuf, der sich vielleicht hütete, sich zu sehr zu kompromittieren, die gleiche Teilung der Gemeindeländereien. Aber auch er wollte die„Unveräußerlichkeit" des Grundes und Bodens, was heißen sollte, daß die Rechte der Gesellschaft, der Ge- meiudc oder der Nation. auf den Boden bestehen bleiben sollten,— daß es einen Grundbesitz, aber kein Grundeigentum geben sollte. Andererseits bekämpfte Julien Souhait im Konvent bei der Debatte über die. Teilung der Gemeindeläirdereien die endgültige Teilung, wie sie der Landwirtschaftsausschuß vorgeschlagen hatte, und ohne Frage hatte er dabei Millionen von armen Bauern auf seiner Seite. Er verlangte, die Teilung der Gemeindeländer— zu gleichen Teilen unter alle— sollte nur für eine bestimmte Zeit vorgenommen werden und sollte jeweils nach Verlauf einer bestimmten Zeit rückgängig gemacht werden können. In diesem Fall wäre, wie in der russischen Gemeinde, nur die Nutznießung verliehen worden. Auf demselben. Gebiet der Anschauungen stellte Dolivier, de: Pfarrer von Mauchamp, in seinem„Versuch über die ursprüngliche Gerechtigkeit"„zwei ursprüngliche Prinzipien" auf:„das erste, daß der Boden im ganzen allen, und niemaudem zu privatem Eigentum gehört; das zweite, daß jeder ein ausschließliches Recht auf das Produkt seiner Arbeit hat". Aber da die.Bodensrage in jener Zeit die andern an Bedeutung überragte, sprach er vorzugsweise von ihr. „Tie Erde als Ganzes genommen muß als das große, gemein- same Gut der Natur betrachtet werden",— als das geineinsame Eigentum aller;„jedes Individuum muß auf ihr das Recht auf seinen Anteil an das große Gemeinsame finden".„Ein Geschlecht hat nicht das Recht, für daS folgende Geschlecht das Gesetz zu machen und über seine Souveränität zu verfiigen; mit wieviel stärkerem Grunde hat es also nicht das Recht, über sein Erbe zu verfügen?" Und weiter:„Die Nationen allein und an ihrer Stelle die Gemein- den sind wahrhaft Eigentümer ihres Gebietes." Im Grunde erkannte Dolivier ein durch Erbschaft Übertrag- bare? Recht nur für das bewegliche Eigentum an. Hinsichtlich des Bodens sollte niemand vom gemeinsamen Gut mehr besitzen dürfen, als was er selbst mit seiner Familie bestellen konnte. Und auch das sollte er nur zur Nutznießung haben. Das sollte aber, wie nicht zu übersehen ist, die gemeinsame Bestellung durch die Gemeinde, neben Pachtgütern, die im Privatbetrieb bewirtschaftet werden konnten, nicht ausschließen. Da jedoch Dolivier das Leben auf dem Torfe kannte, verabscheute er die Pächter ebenso sehr wie die Eigen- tümer. Cr verlangte„die völlige Zerschlagung der großen Pacht- guter",„die äußerste Teilung des Bodens unter all die Bürger, die keinen oder nicht genügend Boden haben. Das ist die einzige angemessene' Maßregel, die unser Landvolk wieder beleben und den Wohlstand in all die Familien tragen kann, die im Elend seufzen, weil ihnen die Mittel fehlen, ihren Fleiß verwerten zu können. Füße zu laufen. Heutzutage haben wir keine Zeit zur Höf- lichkeit." Selbst das nicht einmal!" sprach die junge Frau seufzend hinter ihm her, während der Mann, fortwährend laut„Platz da!" brüllend, seinen Wagen lveitcrschob. „Haben Sie keine Beschäftigung?" wurde sie da plötzlich rauh von mehreren Seiten gefragt. „Doch!" gab sie schüchtern zur Antwort.„Ich liebe meinen Mann, meine Kinder, meine Eltern, meine Brüder, meine Schwestern." Sie zählte, da sie rings allgemeines Stirnrunzeln sah, schnell noch�weiter auf:„Mem Haus, meinen Hund, mein Bett, mein Sofa, meine Teppiche, niemen Kanarienvogel, meine Blumen--" „Aber das ist alles dochjieine Beschäftigung!" wurde sie nun heftig unterbrochen.„Sie sind Wohl von gestern. Sie haben sich eine Beschäftigimg zu suchen, verstanden?" „Gewiß!" erwiderte sie,„Sie brauchen es gar nicht so zu schreien. Ich werde mir bis morgen eine Beschäftigung aus- wählen." Sie versprach es ganz fest, ohne zu wissen, was sie versprach. Man ließ sie einstweilen weitergehen. Sie lief ratlos herum und schaute sich bald dies, bald jenes an.„Per- zeihen Sie gütigst!" sagte sie, wenn man sie fragte, was sie wünschte:„Ich wollte mir bloß olles ansehen. Ich weiß noch nicht, was ich möchte." Sie war durch das ganze Warenhaus des Lebens gestreift, ohne noch etwas für sie Passendes gefunden zu haben. In ihrer Verwirrung verlies sie sich schließlich in den Keller, wo die Kessel imd die Maschinen standen, die dos Ganze beleuchteten und erwärmten,„suchen Sic eine Anstellung bicr?" fragte man sie sogleich höflich, aber entschieden.„Zch furchte nur, ich bin zu. schwach," meinte sie, bei dem Gluthauch zu- samnrenfahrend, der auS dem geöffneten Riesenosen kam. „Das scheint uns allerdings auch so!" stellte man mit spöttischem Lachen fest.„Gehen Sie nur wieder! Wir können Sie hier nicht gebrauchen." Sie stieg unter dem scharrendcn�Lärm der großen Kohlen- schaufeln wieder langsam empor. Sie wurde ganz unglücklich. Sie kam sich völlig unnütz vor auf dieser Welt.„Das beste wäre", dachte sie,„ich machte meinen; Leben ein Ende." Sie war in solchen Selbstvorwürien die Treppe immer höher hin- aufgeklettert und sah sich plötzlich in einer Flucht von weiten Sälen im Dachgeschoß des Hauses. In ihnen saßen tausende und abertausende von Schreibern, die emsig und unermüdlich ihre Federn führten. In langen Büchern ichrieben sie un- unterbrochen lange Zahlen um Zahlen auf. Die junge Frau, die von dem Treppensteigen schnell atmete, beruhigte sich bei Tie Erde," fügte er hinzu,„würde dadurch besser bestellt Werden, die einheimischen Lebensmittel würden vermehrt, die Märkte in- folgedessen reichlicher beschickt werde», und man wäre die abschcu- lichste Aristokratie los, die der Pächter." Er sah voraus, daß man auf diese Weise zu einem so großen landwirtschaftlichen Reichtum körne, daß man niemals wieder das Gesetz über die Lebensmittel- preise brauchte,„das unter den gegenwärtigen Umständen not- "wendig, aber trotzdem nicht das richtige ist". Die Sozialisierung der Industrien fand ebenfalls, hauptsächlich im Bezirk von Lyon, Verkünder. Man forderte dort, die Löhne sollten von der Gemeinde geregelt werden, und der Lohn sollte so hoch sein, daß er die Existenz verbürgte. Außerdem verlangte man die Nationalisierung gewisser Industrien, wie z. B. der Bergwerke. Es wurde auch der Gedanke geäußert, die Gemeinden sollten sich der Industrien bemächtigen, die von den Gegenrevolutionären ausge- geben worden waren, und sie auf eigene Rechnung weiterführen. Im großen und ganzen war dieser Gedanke von der Gemeinde, die die Produktion in die Hand nahm, sehr populär. Die Benutzung der großen, unbestellten Ländereien in. den. Parken- der Reichen zu Gemüsebau, den die Gemeinden in die Hand nehmen sollten, war ein Vorschlag, der. in Paris viel Anklang gefunden hatte, und Chau- mette trat lebhast für ihn ein. Es versteht sich von selbst, daß die Industrie in jener Zeit viel weniger interessierte als die Landwirtschaft. Indessen sprach schon der Kaufmann Cusset, den Lyon in den Konvent gewählt hatte, von der Nationalisierung der Industrien, und LÄnge entwickelte den Plan zu einem Phalaifftere, in dem die Industrie mit der Land. Wirtschaft vereinigt sein sollte. Seit 1799 hatte L'Angc in Lyon cme ernsthafte kommunistische Propaganda entfaltet. Sw brachte er in einer Broschüre, die das Datum 1790 trägt, die folgenden Ideen vor:„Die Revolution", sagte er,„hätte Heil bringen sollen; eine Ilmkehrung der Ideen hat sie verpestet; durch den abscheulichsten Mißbrauch der Reichtums hat man den Souverän(das Volk) cnt- rechtet. Das Gold... ist nur in arbeitsamen Händen nützlich und heilsam; es wird giftig, wenn es sich in den Schränken der Kapi- talistcn anhäuft... Ucbcrall, Sirc, wohin Eure Majestät seine Blicke lenkt, sieht sie die Erde nur von uns bewohnt; wir sind es, die arbeiten, wir sind die ersten Besitzer, die ersten und letzten ta:- sächlich Besitzenden. Die Nichtstuer, die sich Eigentümer nennen, können nur den Uebcrschuß unserer Subsistcnzmittel sammeln. Das spricht zum mindesten sür unser Miteigentum. Aber wenn»vir von Natur aus Miteigentümer und die alleinige Ursache jedes Einkom- mens sind, dann ist das Recht, unfern Unterhalt zu beschränken und uns des Ucberschusses(surplns) zu berauben, da? Recht des Räubers. Das hatte ich für eine sehr richtige Art, den„Mehrwert" aufzu» fassen. Er gründete seine Gedanken immer auf die Ivirklichcn Tai- sachcn— auf die Krise der Lebensmittelprodukte, die Frankreich durchmachte— und kam so zu deni Vorschlag eines Systems einer Art Abonnement der Konsumenten zum Ankauf der ganzen Ernte zu festgelegten Bedingungen, das Ganze vcrmitielst" der freien Vereinigung, die sich frei und ohne Zwang ausdehnen sollte. Er wollte außerdem den gemeinsamen Spcickcr, in den alle Landwirte ihre Erzeugnisse zum Verkauf' bringen könnten. Es ivar das, wie man sieht, ein System, das für den Handel mit Lebensmitteln das individualistische Monopol und die StaatSeinmischung der Revolu- tion ablehnte und das moderne System der landwirtschaftlichen Ge- nosseuschaften, deren Mitglieder sich zusammcngetan haben, um ge- mcinsam die Erträge einer ganzen Provinz, wie' es in Kanada ge- schieht, oder einer ganzen Nation, wie es in Dänemark der Fall ist, zu vertreiben, vorwegnahm. Im großen und ganzen ist es vorwiegend daS Lebcnsmittclpro- blem, das die Kommunisten von 1793 bewegte und sie dazu brachte, dem 5tonvcnt den Maximalpreis abzuringen und das große Prinzip auszusprechen: Sozialisierung des Tausche?, Kommnnalifierung des Handels..,,.«Vi F. In der Tat stand die Frage des GctrcidehandelS überall im Vordergrunde des Interesses.„Die Freiheit des Getreidehandcls verträgt sich nicht mit der Existenz unserer Republik", sagten die Wähler von Scinc-ct-Oisc im November 1792 zum Konvent. Dieser Handel liegt in den Händen einer Mudcrhcit, die das Ziel hat, sich zu bereichern, und diese Minderheit ist immer daran interessiert, die Preise künstföch in die Höhe gehen zu lassen und so den Kon- sumenteu immer zu schädigen. JcdeS halbe Mittel ist gefährlich und unwirksam, sagten sie; eben die Mittelwege sind es, Rc uns zu- gründe richten. Ter Getreidchandel, die ganze Versorgung mit Lebensmitteln muß von der Republik in die Hand genommen wer- dem beständigen gleichmäßigen Kritzeln der Federn.„Hier iverd' ich finden, was ich vergeblich suche," sagte sie sich. Tie Männer und Frauen, die hier arbeiteten, bekümmerten sich nicht weiter um sie unid blickte» nicht ein einziges Mol von ihren- Tabellen aus. Sie hatte infolgedessen Muße genug, sich einen auszuwählen, dem sie chr Anliegen vortragen konnte. Schließlich wandte sie sich an einen allen grauen Herrn, der ihr besonders menschenfreundlich auszusehen schien:„Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vk störe." Der Greis hob seine vom ewigen Anschauen seiner Zahlen matt gewordenen gütigen Augen zu ihr aus. „Ich möchte gern Liebe haben und geben." staimneltc sie. ime sie den ahnungslosen Ausdruck seiner Augen wahrnahm. „Liebe?" wiederholte er dos Wort bcftemdet, als ob es aus einer unbekannten, ioelt fernen Sprache stammte...�ie haben sich wohl verirrt. Hier gibt es nur Pflichten, Pflichten, Pflichten." Er hatte sich aufs neue über sein Buch gebeugt, zog die Brille, die er auf seine Stirn ge'choben hatte, über seine Augen zurück und addierte weiter. Sie wollte noch ein ein letztes Mal ihr Hell bei einer Frau versuchen, einer frühe- ren Freundin, die sie unter den fleißig Schreibenden entdeckt hatte. Die aber ließ sie erst gar nicht zu Worte kommen.„Nein. du bist viel zu gefühlvoll und zu träumerisch für die geregelte Arbeit hier. Wir verzichten auf Empfindsamkeit. Berufe dich keinesfalls auf mich! Ich könnte dich nur schlecht emp- fehlen!" Die junge Frau wußte sich keinen Rat mehr. Ihr Opfer wurde von niemandem verlangt. � Wohin sie schaute, sah sie nur Arbeit und Ernst und Menschen, die sich-Sorgen»m morgen machten. Sie kam sich setzt nicht bloß unnütz, sondern sogar leichtfertig vor. Und das ertrug sie nicht länger, iolhr schönstes, ihr Eigenstes wurde nicht nur gering geschätzt, nein, es wurde noch dazu beschimpft und besudelt. Sie ging zum letzten entschlossen- auf ein offenes Fenster zu. Sie warf noch einen Blick auf ihr Leben, das nur Herz getvesen war, zurück, wobei sie die Empfiirdung hatte, daß ein voller duftender Blumenkranz aus ihrer-Hand siel. Tann bei igte sie sich über den Fensterrand. Und dann sprang sie, stürzte sie hinab. Aber sonderbarerweise fand sie keinen Boden unter den Füßen, noch einen Widerstand. Sie fühlte plötzlich zu ihrer tiefsten Freude Flügel unter ihren Armen und in ihrem Ohr klangen wie eine leise heimliche Musik die Verse wider: „Schläft ein Lied in allen Tingen, Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst Du nur das Zauberwort." fcn, und diese wird„daZ richtige SBcrTjüIhiiS zwischen dem Prei-5 des Brotes und dem Tagelohn für die Arbeit festsetzen". Da der Verkauf der Nationalgüter zu abscheulichen Spekulationen von feiten derer, die diese Güter wieder verpachteten, Anlah gegeben hatte, verlangten die Wähler von Seine-et-Oise die Beschränkung der Pachtgüter und die Nationalisierung des Handels. „Ordnet an," sagten sie,„daß niemand mehr als hundert- zwanzig ZKorgen, die Mcßrntc zu zwciundzlvanzig Fuß gerechnet, übernehmen darf; daß jeder Eigentümer nur ein einziges-Pachtgut selbst besitzen darf, und daß er verpflichtet ist, die andern zu der- pachten." Und sie fügten hinzu:„Uebergebet alsdann die Sorge, jeden einzelnen Teil der Republik zu verproviantieren, einer vom Volk erwählten Zentralverwaltung, und ihr werdet sehen, daß der Ucbersluß an Getreide und das rechte Verhältnis des Getreide- Preises zu dem täglichen Arbeitslohn allen Bürgern Ruhe, Glück und Lebensmöglichkeit verschaffen wird." Diese Ideen waren, wie man sieht, nicht von Turgot und nicht von Nccker genommen. Das Loben selbst hatte sie erzeugt. Besonders bemerkenswert ist, daß diese Ideen von den beiden Ausschüssen für Landwirtschaft und Handel akzeptiert und in ihrem Bericht über die Lebensmittelfrage, den sie dem Konvent vorlegten, vorgebracht wurden, und daß sie, auf das Drängen des Volkes, in einigen Departements des Berry und des Orleanais zur Aussüh- rung gebracht wurden. Im Eure-et-Loire hätte man am 3. De- zcnibcr 1792 die Konventskommissäre beinahe totgeschlagen, man sagte,„die Bourgeois sind lange genug obenauf gewesen, jetzt ist die Reihe an den armen Arbeitern". Später wurden ähnliche Ge- setze von Beffroy(Aus dem Aisne) heftig vom Konvent verlangt, und der Konvent machte für ganz Frankreich einen umfassenden Versuch, den ganzen Handel mit Lebensbedürfnissen erster und zwei- tcr Ordnung vermittelst nationaler Magazine und der Festsetzung „gerechter" Preise für die Lebensmittel zu sozialisieren. Man sieht so während der Revolution die Idee aufkeimen, daß der Handel eine Funktion der Gesellschaft ist; daß er, wie der Boden selbst und die Industrie, vergesellschaftet werden muß. die Idee, die später von Fourier, Robert Owen, Proudhon und den Kommunisten der vierziger Jahre weiter entwickelt wurde. Noch mehr. Es ist kein Zweifel für uns, daß JacqneS Roux, Varlet, Dolivier, L'Angc und Taufende von Einwohnern in der Etadt und auf dem Lande, Bauern und Handwerker, was die Praxis angeht, die Lebensmittelfrage außerordentlich viel besser verstanden, als die Abgeordneten des Konvents. Sic verstanden, daß die Fest- setzung der Preise allein, ohne die Sozialisierung des Bodens, der Industrie und des Handels, ein toter Buchstabe bleiben müßte, selbst ivenn sie mit einem ganzen Arsenal von Zivangsgesetzen und dem Revolutionstribunal verschanzt wäre. Daß das Svstem des Ver- kaufs der Nationalgüter, wie es die Konstituiercndc und die Ge- setzgcbende Versammlung und der Konvent angenommen hatten, jene Großpächter geschaffen hatte, die Dolivier mit Recht als die schlimmste Aristokratie bezeichnete, merkte der Konvent im Jahre 1794 wohl. Aber er wußte keinen anderen Rat, als sie in Massen verhasten zu lassen, um sie zur Guillotine zu schicken. Die drakoni- schen Gesetze gegen das wucherische Aufkaufen jedoch(Ivie z. B. das Gesetz vom 26. Juli, das die Durchsuchung der Speicher, der Keller, der Scheuern bei den Pächtern anordnete) säten in den Dörfern nur den Haß gegen die Stadt, insbesondere gegen Paris. Das Rcvolutionstribunal und die Guillotine konnten da? Feh- Icn einer aufbauenden kommunistischen Jd« nicht ersetzen. « (Das 59. Kapitel aus P. KropotkinS„Geschichtederfrgn- z ö s i s ch e n Revolution", die in der Uebersctzung von G. Lan- dauer bei Theod. Thomas in zwei preiswerten Bänden erschienen ist, einer der besten Tarstellungen.) Körperlose helöen. Es liegt bielloicht im Wesen eurer Zeit der Umwertung und Neuorieutierung, daß der schöpferische Mensch, wo dichterische For- nning sich mit zeitgemäßen Problemen befaßt, als bewegende Kraft und bestimmenden Träger der Handlung nicht mehr den als In- dividucffität in Erscheinung tretenden körperlichen Helden gestaltet, sondern in der Erkenntnis, daß der einzelne in der Gesamtheit nur zu minderer Wichtigkeit berechtigt ist, ihn einem elementar wichtigeren Wesen, einem metaphysischen Helden, unterordnet. In zwei neuen Büchern gruppieren die ausgewiesenen Erscheinungen sich um die Ballung eines überrealen Begriffes, drehen die cnt- Und auf diesen Fittichen flog sie noch emmol durch den Naum, den nüchternen Raum, den sie soeben durchgonaen hatte. Siehe, da sah alles ganz anders aus, und das Lflwn ward zum Märchen für sie. Der Angestellte, der sie vorhin angeschnauzt hatte, schmunzelte sie cm: �Jch bin ein schreck- licher Kerl!" sprach er..üFch weiß es, ein unausstehlicher McrL Aber es sind nur die Nerven, nur die Nerven, meine Beste. Sonst bin ich ganz verträglich und gutherzig, sag ich Ihnen. Und wenn im Kino eine edle Tat geschieht und noch dazu Harmonium gespielt wird, dann rollen mir nur so die dicken Tränen an meiner krummen Nase herunter." „Platz da, schöne Dame!" brüllte der Mann mit dem Handwagen wieder.„Sind Sie mir noch böse wegen meiner Unhoflichkeit? Nehmen Sie doch weiter keenen Anstoß daran! Was wollen Sie von einem Rüpel, der immer mir mit seines- gleichen zu tun hat, besseres verlangen. Beklagen Sie mich lieber, anstatt mich zu verachten. Auch ich habe meine goldene Stelle! Sehen Sie! Es ist das Bild meiner beiden kleinen Kinder hier, das ich stets in meiner Brusttaschc trage. Geben Sie es mir bitte zurück I Ich habe leider keine Zeit mehr! Platz da!" „Da sind Sie ja schon wieder!" sprach man sie unten im Keller und Maschinenraum an., Liegen Sie sich um Himmels willen nicht auf. Sie werden schon irgendeine Beschäftigung finden, die für Sie paßt. Sie brauchen sich hier nickst gleich zugrunde zu richten. Man wird Rücksicht auf Ihre Schwäche nehmen, glauben Sie es nur, und auch Stabsärzte sind keine Teufel." „Hast du etwas gefunden?" rief ihr die Freundin sckion von weitem entgegen, als sie nach oben geschwebt war.„Sei nicht mehr traurig! Mali wird nicht mehr aiff der Welt gequält als man ertrogen kann. Verzeih mir! Ich war vorhin reckt Häßlich zu dir. Ich bin mauchmal müde von den vielen Vereinen, denen ich angchöre. Man opfert sich auf, s« sehr man es kann. Zürne mir nicht, wenn ich dich nicht auch noch beschenken konnte! Allen zu helfen ist unmöglich." Der gütige Greis aber schob von selber, ohne daß sie ihn anzureden brauchte, seine Brille zurück und schaute sie mit einem Blick so voll Freundlichkeit an, daß seine Augen einen Glanz bekamen wie das Meer, wenn es in der Nacht leuchtet: „Hoben Sie das große Geheimnis der Menschheit entdeckt?" fragte er sie lächelnd.„Erkennen Sie nun. daß es die Liebe nur ist, die die Welt und ihre unglücklichsten Geschöpfe, die Menschen treibt! Schauen Sic dort den feindlichen Flieger, der wie ein Habjcht auf uns P&U Muicn Sic. daß Mord- hüllten Wellen sich um die Achse der Machtbegriffe Kapital und Hunger. Von dem konglomeratisch aus Briefen, Telegrammen und Leitartikeln geordneten Buche„D a s W e l t re i ch und sein Kanzler"(Diederichs, Jena) vom ungenannten Verfasser des „Fenriswolfs" und dem Roman Alfred Bratts„Die Welt ohne Hunger"(E. Reiß, Berlin) wird hier gesprochen. Der Kapitalismus ist vom Problem des Sozialpolitikers zum Problem des Dichters geworden, den es weniger lockt, die Lösung zu suchen, als die Wirkung und darüber hinaus die Möglichkeiten aufzuzeigen. Balzac entdeckte für die Literatur das Geld als bewegende Kraft des Lebens und zersetzendes Element der menschlichen Gesellschasts- vrdnung, für Zola, den als Träger des sozialen Gedankens seitdem in der Kunst unerreichten Gestalter, gehörte es zu den Materialien des Aufbaus seines epochcumfassenden Werkes, Eulenberg neuer- dings, in„Alles um Geld", steigerte die Machtvorstellung vom Gelbe zur schicksalbeherrschenden, tyrannisierenden Dämonie mid Georg Kaiser, in„Von morgens bis mitternachts", dcsillusioniert und verneint sie. Bei dem Dichter aus dem Bunde der„Wcrklcute auf Haus Nhlamd", jenen Männern, die ihren werktätigen Alltag in Dichtungen künstlerisch steigern wollen, soll das Kapital in einer fast unvorstellbaren Anhäuffing zum Organisator eines Weltreichs werden, dessen Macht den Völkern ewigen Frieden und höchste Kraftentfaltung verbürgt. Ausgedacht im Hirn eines einzelnen, ergreift diese Idee Gruppen von Mächtigem, die Profitgier setzt sich in Bewegung, schafft Gegensätze, die sich auskämpfen müssen, läßt alle Instinkte los auf den Anschlag einer unerhörten Sensation. Der Gedanke, im Ursprung rein und ideal, verursacht einen rasen- den Strudel heimlicher Kräfte, revolutioniert das soizale Leben und wird, von seinem Schöpfer gelöst, zu einem verderblichen Selbstzweck. Eine Sammlung des Wcltkapilals in der Hand einer kleinen Machtgruppe von Trustmagnaten, die den Weltkrieg als Werkzeug handhaben, war gedacht. Für dos Auswirken so bedeutender Energien bietet nur Amerika mit seiner Anhäuffrng von Kapital. Masse und Wille die Möglichkeit. Die Gewalt seiner Idee übcrtürmt den Schöpfer mit ihrer Wirkung, verzweifelt wehrt er sich gegen sie, aber sie überrollt ihn. Das ist seine Tragik. Die an- gestrebte Gründung des wirtschaftlichen Weltfriedensrcichs ent- facht neue Kriege, Zerstörung ist der Weg zum Ziel des Aufbaus. Amerika fiebert im Tempo dieser mitteilenden Abrisse, die in ihren kühl geschliffenen Worten wohl Geschehnisse erkenne«, Ge- stalten plastisch erscheinen, Entwicklungen überblicken lassen, aber das gewaltige Ereignis ist nur als Material vorhanden. Ein Kunstwerk ist ans der Vorstufe der Gestaltung stehen geblieben, in privaten und geschäftlichen Aufzeichnungen wird eine Essenz ge- geben, das Tatsächliche ist ohne Umriß, ohne Form, ohne Rhythmus gelassen; obschon das Dichterische als Unterströmung fühlbar wird, bleiben doch unüberbrückbare Distanzen gesetzt. Hier scheint mir nicht soziale Teudenz ein Thema in den Brennpunkt objektiver Betrachtung gestellt zu haben, sondern ein stark auf den Anreiz der Macht reagierender Mensch sein Bekenntnis zu geben, einer der gegebenenfalls das Gewissen hätte, seine PHantaSmagorie umzusetzen in die Elemente der Tat. Auch Alfred Bratt lokalisiert in der„Welt ohne Hunger" seine utopistische(und dennoch beschränkt im Wahrscheinlichkeits- bcreich liegende) Idee in dem unbegrenzte« Möglichkeiten bieten- den Amerika. Er steigert den Hunger zur Triebkraft des mensch- lichen Lebens und faßt in seiner unberechenbaren Machtgogen- wärtigkeit die Zusammenhänge der bürgerlichen Ordnung zu- sammen, ficht in ihm den unbedingten Beherrscher der Massen und verdichtet in ihm eine kaum greifbare Vorstellung zu einem ge- waltiibenden. lebendigen Phantom. Durch eine Erfindung des Chemikers Bell, der in einem Würfel die tägliche Nahrungsmenge einem Menschen komprimiert, wird jener dascmserhaltende Motor außer Wirkung gesetzt und die alte notwendige Ordnung zerfällt. Ncber sein Ziel, die Menschheit von der Not der sozialen Ungleichheit zu befreien, hliiausschicßcnd, schafft der ideale Erfinder hinter den Horizonten seiner Voraussicht Wirkungen, die seine Absicht nicht allein zerstören, sondern in ihr Gegenteil verkehren. Der unge- henre Umfang seiner Umwälzung, die daraus folgt, daß der Hunger aus der Welt geschafft ist, zerrüttet die bestehenden Ver- hältniffe und schafft Anarchie und Chaos. Mit der üblichen Mcnschhcitsbcglückungsgeste ist in Amerika das Gesetz gegeben, jedem Arbeitslosen auf Staatskosten das Präparat zur hungerlosen Lcbenserhaituug zu beschaffe», aber die Menschheit versagt dieser Befremng von einem steten Bedrohcr gegenüber. Das Fehlen eines Antriebs zu Arbeit und Geldverdienst desorganisiert und lor- liist und Vernichtungstricb allein ihn hierher jagt, wie die unsrigen über seine Städte? Wähnen Sie alle nicht, ihrem Land und Volk damit zu nützen? Und wäre dies sonst über« Haupt zu ertragen? Würde nicht der Erdenban im Irrsinn zerfallen, wenn nicht die Liebe beständig laut oder leise, bc- wnßt oder unbewußt am Werke wäre?" „Ja, aber warum sprechen die Menschen denn gar nicht davon," sagte die junge Frau und rang die Hände zu dem Greise wie zum Gebet empor.„Warum ärgern sie und höhnen und beschimpfen und Haffen und töten sie einander? Warum sagen sie sich fast nie ihre Liebe, sondern fast nur ihre Wut? Warum kommt es ihnen weniger darauf an. ein- ander zu verstehen und zu nützen als einander mißznverstehen und zu schädigen?" „Dieses muß sich jeder selber beantworten nnd sich aus dem Irrgarten des Lebens zurechtfinden," gab er zurück. „Der Düstere wird die Frage nach dem Glück auf Erden ver- neinen und der Heitere bejahen. Die meisten aber werden wie das Wetter wechseln, eimnal dies, einmal jenes sagen imd zwischen wenig Sonnenschein und viel Schatten ihr Leben abwandeln." ES gibt eine alte Sage. Der Schöpfer der Welt hielt die Wage, Darauf wog er die Lust nnd die Klage Der Menschen und ihrer Tage Mit banger Erwartung ab. Es standen die beiden Schalen, GIcick wogen die Freuden und Oualcn, Mit denen zu zahllosen Male» Die Menschen ihr Dosein bezahlen; Und Glück nnd Unglück war halb. Da traf die Schal« der Wonnen Ein. Hauch nur, dem Schöpfer entronnen. Sic sank. Und es formten sich Sonnen Und Menschen, dem Dunkel entsponnen, Die Liebe besiegte das Leid. Drum klingt nach den bittersten Schlachten, Wenn alle Vernichtung nur trachten, Und rings sich die Wege umnachten, Ein Schrei vor dem letzten Verschmachten: Frieden ist stfirker als Krieg. rumpicrt die Massen und lädt sie mit sinnloser Auflehnung gegen die nunmehr machtlos gewordenen Magnaten; Streiks und Gegen- streiks von unerbittlicher Beharrlichkeit entkräften das Wirtschafts- leben, Trunksucht und Trägheit zersetzen die Gemeinschaft der Familie: das Werk der Erlösung wird zum Fluch. Da besinnen sich endlich die Frauen, auf die die Folgen des Streiks und der Arbeitslosigkeit sich qualvoll entladen, und stemmen sich geschlossen dem Verhängnis entgegen, reißen die Männer mit sich, und diese große einheitliche Bewegung bringt den Ordner der sozialen Welt wieder in Tätigkeit und gibt der Welt die Triebkraft des Hungers wieder, indem sie das Präparat vernichtet. Hätte das ganze Buch den heißen, stürmenden Rhythmus dieses letzten Teils, der für den Erfinder Bell die Verwirklichung seiner Idee und den Untergang bringt, so würde es zwingender und überzeugender sein. Die bor- bereitenden Kapitel, sind zu eben und gemähigt im Tempo für den dann folgenden jähen Aufbruch der großartigen Idee, so daß das Architektonische des Buches nicht gemeistert erscheint. Es handelt sich trotzdem um mehr als eine verblüffende Sensation. Bratt hat unzweifelhaft Vorbilder, aber selbst wenn man Kellermann nnd mehr noch Johannes V. Jensen als Voraussetzung dieses Buches annimmt, mutz man bekennen, daß Stoff und Form einander bc- dingen und zalsammeusalleu zu einer Einheit, die eine beachäenS- werte Erkenntnis aufweist. X. M. Die Srotkarte in öer Literatur. Tie Rationierung der Lebensmittel und namentlich die Ein- führnng der Brotkarten gilt den meisten Zeitgenossen als eine funkelnagelneue Idee, die die Not des Weltkrieges erzeugt hat. Daß diese Annahme ein Irrtum ist, wurde mir dieser Tage klar, als ich wieder einmal den alten klassischen Roman„Die Ver- lobte n" von Alexander M a n z o n i in die Hand nahm und hier bei der Schilderung der Mailändischen Hungersnot zu meiner Ueberraschung auf folgende Stelle stieß: „Wenn ich zu befehlen hätte," sagte Rerczos Begleiter,„so würde ich. das Mittel schon finden, um alles wieder in der ge- hörigen Ordnung gehen zu lassen." „Was wolltet Ihr vornehmen?" fiagte Rcnzo. „Was ich vornehmen wollte?" entgegnete der andere.„ES müßte Brot für alle vorhanden sein, fürs arme Volk so gut wie für die Reichen. Hört an, wie ich» machen würde. E in re e t l c r Preis, bei dem jeder bestehen kann. Und dann das Brot nach Verhältnis der Esser verteilt; denn es gibt unverschämte Hamsterer, die alles für sich behalten möchten, und aufs Geratewohl rips raps alles an sich reißen, und hernach ist für die armen Leute nichts da. Also mit dem Brot eine Verteilung vorgcnoinincn. Wie das anstellen? Ich denke so: Jede Familie kriegt, nach Verhältnis der Köpfe, einen Zettel, und kann damit hingehen, sich v om Bäcker Brot zu holen. Mir zum Beispiel müßten sie einen Zettel ausfertigen, der etwa so lautet: Ambrogio Fusella, Schwert- feger von Handwerk, mit seinem Weib und vier Kindern, sämtlich schon herangewachsen, nm Brot essen zu können, erhält so und so viele Brote, wofür er so und so viele Groschen zu zahlen hat. ES muß aber allezeit gerecht dabei zugchen, immer nach Anzahl der Köpfe. Bei Euch wollen wir einmal annehmen, müßten sie einen Zettel ausstellen ftir... wie ist doch Euer Name?" „Lorcnzo Tramaglino", sagte der Jüngling, ganz nnd gar von dem neuen Plan bezaubert. „Schön," meinte der Unbekannte,„aber habt Ihr Frau und Kinder?" „Ich sollte eigentlich— Wenns in der Welt zuginge, wies sollte.. „Ah. Ihr seid unverheiratet! Also bekommt Ihr«ine cnt- sprechend kleinere Ration." „Das ist gerecht," sagte Rcnzo.„Aber wenn ich mich nun ver- heiraten täte?" „Wird der Zettel gewechselt und die Ration sieigt," antwortete der Unbekannte.„Wie ich gesagt habe: immer nach Verhältnis der Köpfe." „So laß tchs gelten," rief Renzo, indem er wiederholt mit der Faust auf den Tisch schlug.„Und warum machen sie nicht ein Gesetz nach dieser Manier?" Manzonis Roman spielt im Iah« 1628, zur Zeit des Dreißig- jährigen Krieges. Ob der hier entwickelte Plan der Einführung von Brotkarten ans einer historischen Tatsache beruht, weiß ich* nicht. Jedenfalls wurden„Die Verlobten" vor 93 Jahren geschrieben, trenn also die Idee von Manzoni selber herrühk, so ist sie zum mindesten bald ein Jahrhundert alt. Sonnenflecke. Gewaltige Sonnenfleckengruppen werden seit einigen Tagen mit dem großen Fernrohr der Treptow-Sternwarte von Direktor Archen- hold beobachtet. Bei der großen Bedeutung, die die Sonnenflecken durch ihre Beziehungen zum Erdmagnetismus, zu den lichtrlektrischen Erscheinungen, wie Nordlichtern usw. in unserer Lufthülle, überhaupt zur ganzen WitterungSkunde in früher nie ge- ahnter Weise erlangt haben, ist es wünschenswert, durch Ver- folgnng der Aenderungen der Sonnenflecken immer mehr in die ge- heirnnisvollen Vorgänge, die sich in diesen Gebilden ab- spielen, einzudringen. AuS den Archeicholdschen Zeichnungen, die den Besuchern der Treptow-Sternwarte bei der Beobachtung der Sonne vorgelegt werden, geht hervor, daß in der größten Gruppe, die eine Ausdehnung von 16 Erdkugeln, d. i. eine Länge von 206 699 Kilometern, besitzt, sehr interessante Veränderungen stattfinden. Es sind in ihr mehr als 23 Kerne Beobachtet worden und drei große Halbschotten sichtbar. Eine zweite Gruppe, die sich schon dem Westrande nähert, zeigt sogar über 42 Kerne nnd so gewaltige Aenderungen, daß sie von Tag zu Tag kaum wiederzilevleiinc» ist. Eine dritte Gruppe konnte gerade am Ostrande der Sonne bei ihrem Auftreten gezeichnet werden. Außerdem haben sich jetzt noch zwei Gruppen auf der Vorderseite der Sonnenseite gebildet, die sich fast unter den Augen der Beobachter ändern. Die bisher gültige An- ficht, daß sich große Flecken nur an der Rückseite der Sonne bilden, wird hierdurch widerlegt. Die Sonnenflecken werden lag- lich von 2—8 Uhr abend» den Besuchern mit dem großen Fernrohr gezeigt. Notizen. — Die Zukunft der deutschen Bübnc. Der Schutz- verband Deutscher Schriftsteller hat auf die vom Verband zur Förde- rung deutscher Theaterkuttur gewünschte Aussprache verzichtet,»da sie zu keinem förderlichen Ergebnis führen könnte". — Vorträge. In der Urania gelangt von Dienstag ab der neue, mit zahlreichen farbigen Bildern ausgeftailctc Vortrag „Tirol einst und jetzt" allabendlich zur Darstellung.— Dr. Archenhold hält Dienstag, abends 7 Uhr, in der Treptow» -Srernwarle einen Vortrag über„Jupiter und seine Monde". — Deutsch— die Haupt Unterrichts spräche in Schweden. Dieser Tage ist die Stockholmer Lehrergesellschaft zusammengetreten, um über die Aenderung des Lebrplanes an den schwedischen Gymnasien zu beraten, wie sie von der Oberschulbchördc vorgeschlagen ist. Der Kern dieses Vorschlage» ist darin zu er- blicken, daß die deutsche Sprache die HauMulerrich�sprachc jcui jog. # Kör die Commermottafe mit ihren warmen, sonnigen Tagen, lkommt hauptsächlich leichte, duftige Kleidung in Frage. Seide und Waschstoffe rücken also immer mehr in den Vorder- grund, so daß Sie bei ewem 'Besuch unserer Lager erfreut .sein werden, zu sehen, was und wieviel wir Ihnen gerade !in diesen Stoffen und ihren Abarten zu bieten vermögen. 'NnsnwwV* Md«?>ah Am Sonntag, den 20. Mai, bleiben unsere Geschäfte ausnahmsweise geöffnet.