Heilage zum �Vonvärts� Serliner Voltsblatt 34. Jahrgang. Nr. 25 Weiß keiner...! Weih keiner, wann wohl aus dem Staub Die Völker schamvoll sich erheben... wann— müde einst von Gier and Rand— Sie alle wieder soanwärts sireben... wann wohl de» Schnitters Sichet ruht... Und wann auf der zerstampften Erde Verebbt die große rote Jlut.., wann alles Leid einst schlafen werde?— weiß keiner, wann die Ilacht und Not Zerbricksi in erdenweiter Runde... Und wann der letzte Hätz verloht... wann au» der Seelen goldnem Grunde Die große Liebe aufersteht-- Und treuer Glaube. Kinderhoffeu Entheiligte einmal erhöht... wann ist der Himmel wieder offen?— weiß keiner, wann die letzte Schlacht Den blut'gen Erdball dumpf durchdröhne... Und wann de» gleichen Leides Nacht Die Völker alle einst versöhne?— Weiß keiner, wann die Kraft, die Nebt. In aller herzen einst wird thronen... wann Nkensch zu Mensch sich Schuld vergkbl, Und Friede wird auf Erden wohnen?— Kranz Zltah lke. Patriotismus unö Christentum. Bon Pastor»in. Hermann Tech. Vorbemerkung der Redaktion: Der ver- faster unseres PfingstartikekS hat, wie nicht zu verwimdern ist, heftige Angriffe erfahren teils wegen des Inhalts feiner Betrachtungen, teils auch deshalb, weil er fie im ver- Ponten Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie zu veröffentlichen tapfer genug war. Wir geben ihm mm gern das Wort zur Erwiderung an feine Gegner. Dem Verdacht, daß Religion und Konfession des Pssngst- m tikclfchreibers nicht ganz einwandSfrei fein könne, weil der „Vorwärts" alles andere als orthodox ist, könnte man viel- leicht in folgender Weise begegnen: Ein Glaubensbekenntnis zu verlangen oder über etwaige Hctcrodoxie eines Pastors sich Kopfschmerzen zu machen, steht jenen Leuten nicht zu, welchen der heilige Geist der Weisheit und Kraft, der Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe zum Welt- und Höllengeist der Dummheit und Feigheit, der Lüge, der Ungerechtigkeit und des Hasses geworden ist. Ein Urteil steht auch denen nicht zu, die zu all den Greueln und Lästerungen geschwiegen haben. Trotzdem den evangelischen ZionSwächtern dies zur Beruhigung, daß wir die unverfälschte biblische Apostellehre ver- künden und nur reden, weil wir glauben, dann aber auch „wie in Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten". Und den katholischen Graalshütern dieö zur Empfehlung unserer Lehre, daß wix von weiland Seiner Heiligkeit Pius X. das mündliche Zeugnis erhielten, auf dem rechten Wege der christlich- katholischen Erkenntnis zu sein samt dem Apostolischen Segen, und daß unsere irren und wirren Gedanken über Krieg und ffriegsziele sich zwar nicht mit den Wendungen und Windungen mancher katho- lischer KricgSbücher z. B.„Kraft von oben", noch mit den Sätzen verschiedener katholischer sogenannter Volkszcitungen decken, aber fast vollständig mit den Kundgebungen des Papstes BcnedictuS. Aber es ist nicht eines Bauern und so auch nicht eines Bauernsohncs Art, die Sprache des christlichen Glaubens in der Oeffentlichkeit und unter Nicht- gläubigen zu reden, und so kann es denn wohl geschehen, daß ein solcher die Religion, welche ihm Licht und Leben ist, scheinbar erklärt mit den Worten christlicher Erkenntnis und stützt mit dem Ansehen christlicher Sittlichkeit und empfiehlt mit den Werken christlicher Kultur. Doch ist Religion, sofern sie nicht ein Beweis der Kraft und der sittlichen Erneuerung hat, weniger als nichts im Vergleich zur christlichen Moralität, welcher der Gottesglaube fehlt. Und so können wir, wenigstens während dieses Krieges, das beschämende Schauspiel sehen, daß die deutschen Sozia- listen lim ganzen und in ihren Führern) christlicher sind als die Ehristlich-Sozialen. Die Wirklichkeit bezeugt es, nämlich die erfrischende Aufrichtigkeit und Natürlichkeit jener und unsere feige Heuchelei und Winkelzügigkeit, jener Ehrenhaftigkeit, Gerechtigkeitssinn und Mut zur Wahrheit, unser von Liebe und Haß diktiertes, von Vorurteil und Weltrücksicht geformtes Reden und Handeln, ihre Erkenntnis von dem Segen des Friedens und ihr kraftvolles Wirken für denselben, unsere Pflichtversäumnis in diesen hochwichtigen Dingen vor und in dem Kriege. Die Wahrheit bezeugt es, nämlich das nüchterne klare Wort dessen, der den Namenchristen Gott, aber nicht Autorität, den wirklichen Christen aber göttliche Autorität ist, daß der allein und wirklich ihn liebe, der seine Gebote halte, daß nicht der Bekenner seiner Göttlichkeit und Tugend, sondern der nach seinem Vorbild Erneuerte ins Hinimelreich komme, daß die ewige Welt nicht aus leeren . Worten und eitlen Vorsätzen, sondern an« frommer Gesinnung und den Werken der Gerechtigkeit und Liebe bestehe. Wie der Patriotismus der„VorwärtS'-Leute, so wird auch der des PfingstartikelschreiberS in Zweifel gezogen. Wie soll nun die Vaterlandsliebe eineS Pastor« au«- sehen? Festlichen Kling-Klang machen und alle«, wa« auf Stimmungsmache und Begeisterung von Ntchtkämpfern hinaus- läuft, scheidet als unnötig und überflüssig aus. Zu körperlicher Arbeit und zum Kriegshandwerk ist der Geistliche meistens zu schwach, zu alt, zu ungeschickt. Bleibt nur übrig, daß ein solcher mit den ihm verliehenen geistigen und geist- lichen Gaben einer Gemeinde und damit dem Vaterlande dient, indem er z. B. den eitlen Patriotismus des MundeS und der Aeußerlichkeit, den schimpflichen der Habsucht, der Macht- gier und des Ehrgeizes verdammt und den wahrenPatrio- t i s m u s geduldigen Ausharrens, treuer Pflichterfüllung, kräftiger Abwehr deS eroberungssüchtigen IeindeS empfiehlt. Und wenn ihm das von seiner Behörde versagt ward. bleibt ihm nur übrig, daß er um der allgemeinen Not willen und zur möglichen Sättigung eines Hungernden freiwillig faste, daß er sich in seiner einfachen Lebensweise noch mehr einschränke, um dem Vaterlande leihen oder zu den vielen Kriegssammlungen beisteuern zu können. Aber wie wenig und winzig, wie kläglich und klein, wenn auch vielleicht nicht für die religiös-sittliche Welt, so doch rücksichtlich de« Vater- ländischen Nutzens ist da« alles im Vergleich zu dem, w a S die deutschen Sozialisten während dieses Krieges für das Vaterland tun und getan haben, welche von Volksgenossen und LandeSfeinden, von rechts und links verdächtigt und verhöhnt, beleidigt und verfolgt, ohne den Mund voll zu nehmen von Opfer und ZerschmetterungS- willen, darben und arbeiten, kämpfen, bluten und sterben, im grauenhaften Kriegshandwerk und umheult vom Wut- geschrei feindlichen HasfeS und feindlicher Ohnmacht jeden Augenblick bereit, Frieden zu schließen und den festen Grund zu einem mächtigen, retchen und glücklichen Staatswesen zu legen in Freiheit und Eintracht, in Arbeit und Genügsamkeit, in Gerechtigkeit und Wahrheit. Denn schließlich ist Frömmtg- keit und Tugend, Bereitschaft und Tüchtigkeit zur Erfüllung deS kategorischen Imperativ«, Freudigkeit zur ausbauenden Arbeit im Frieden und fester Wille zu tapferer Abwehr des Eroberers im Krieg« der beste, der einzige Pa- triottsmus. Die Jabrikpflegerin. ' Von Gertrud Lodahl. Eine der neuesten Erscheinungen auf dem Arbeitsgebiete der Frau ist unstreitig die Fabrikpflegerin, welche die Für- sorgetätigkeit für die Arbeiterinnen auf sozialem Gebiete übernehmen soll. Zwar ist in verschiedenen großen Betrieben schon bisher eine gewisse Fürsorge durch dazu angestellte oder ehrenamt- lich tätige Personen ausgeübt worden, doch hatte diese in der Regel Wo-Hltätigkeits- oder gar Bevormun- dungscharakter, der von den davon Betroffenen meist mehr lästig als angenehm empfunden und darum nur in äußersten Notfällen freiwillig in Anspruch genommen wurde. Die Fabrikpflegerir von heute soll aber keine Wohltätig- keit ausüben, soll dl« Arbeiterinnen nicht bevormunden, son- dern sie soll, kurz ausgedrückt, dafür sorgen, daß alle persön- lichen und familiären Arbeitshemmnisse für die Frauen nach Möglichkeit beseitigt werden. Das Vaterland braucht heute alle verfügbaren Arbeitskräfte und kann nicht einmal auf die Mütter verzichten, die bisher ihrer Kinder wegen Erwerbs- arbeit nicht verrichteten: es braucht die jungen Mädchen, die bisher als Haustöchter mehr oder weniger häusliche Arbeiten leisteten: es bedarf auch der Frauen, deren Männer bisher für ihren Lebensunterhalt gesorgt haben und die deshalb auf eigenen Verdienst nicht angewiesen waren. Nun haben wir zwar bisher schon immer Mütter gehabt, die, ohne Rücksicht auf das Wohl ihrer Kinder nehmen zu können, auf Erwerb ausgehen mußten; wir haben ungezählte junge Mädchen, die, kaum der Schule entwachsen, verdienen mußten, ohne daß viel danach gefragt wurde, welche gesund- heitlichen Folgen die übernommene Arbeit auf ihren Körper ausüben werde: und wir haben schon immer Frauen gehabt, die um des Lebensunterhalts willen ihren Hausstand ver- nachlässigen mußten. Die Arbeiterbewegung hat von Anfang ihres Bestehens an gefordert, daß für die Arbeiterschaft im allgemeinen, für die weiblichen Arbeiter im besonderen Maß- nahmen zum Schutze ihrer Gesundheit und Arbeitskraft getroffen werden sollten, und was bisher auf diesem Gebiete erreicht wurde, ist einzig den Arbeiter- organisationen zu verdanken, die für ihre Forderungen aller- dings bei den Behörden wenig Entgegenkommen, bei den Unternehmern aber, die dadurch ihren Profit bedroht sahen nur den größten Widerstand fanden. Jetzt hat nun das K r i e g s a m t, der Not der Zeit ge- horchend, für seine Frauenarbcitszentrale einen Arbeitsplan aufgestellt, der eine weitgehende soziale Fürsorge für die Ar- Heilerinnen vorsieht und Grundsätze aufstellt, die nicht nur Uebereinstimmung mit den bisherigen Forderungen der Ge- werkschasten aufweisen, sondern diese in manchen Punkten sogar noch übertreffen. Das Kriegsamt ist aber einsichtig ge- nug, die persönliche Arbeit dieser Fürsorge nicht dem viel- beschäftigten Unternehmer zuzumuten, sondern gibt ihm den freundschaftlichen Rat, sich zu diesem Zweck eine in den ein- schlägigen Fragen bewanderte und sozialgeschultePer- s L n l i ch k e i t anzustellen, damit diese in seinem Namen die vom Kriegsamt gewünschte Fürsorge ausübt. Serlw, 24. Juni 1417 Wird mm die Tätigkeit der Fabrikpflegerin den ge- wünschten Erfolg haben? Unter besonders günstigen Um- ständen gewiß; diese wären: Em einsichtsvoller, von sozialem Empfinden getragener Unternehmer oder Betriebsleiter, der über den guten Willen und die nötigen Mittel verfügt, um das als notwendig und zweckmäßig Erkannte auch durch- zuführen, dann eine Fabrikpflegerin, die Energie und Verstand genug besitzt, dieses berufliche Neuland zu beackern, die mit einem genügenden Allgemeinbildungsgrad reichliches soziales Verständnis verbindet und imstande ist, sich in die persönlichen, familiären und Arbeitsverhältnisse der Per- sonen, die sie betreuen soll, hineinzuleben, und die ein Z guter, fluger und warmherziger Mensch sein muß. der sich schon seiner persönlichen Eigenschaften wegen das Vertrauen der Arbeiterinnen erwirbt; drittens eine Arbeiterschaft, die verständnisvoll genug ist, jede Forderung auf ihre Durch- führbarkeit hin zu prüfen, jeden Wunsch darauf hin anzu- sehen, ob sein« Erfüllung im Allgemeininteresse liegt, alles Notwendige richtig imd wichtig zu begründen und weniger' Wichtiges fortzulassen, um nicht die Durchführung des Not- wendigen zu gefährden. Tue Hoffnung, daß«S recht viele Betriebe geben wird, in welchen diese drei Faktoren zugleich wirken werden, ist wohl nicht allzu groß. Von den Unternehmern wissen wir, daß ihnen die„anspruchslosen" Arbeiter die liebsten sind; wenn nun auch so mancher Unternehmer diese„Liebhaberei" aufgeben mußte, weil die Gewerkschaftsbewegung die Arbeiter- schaft aus ihrer„verdammten Bedürfnislosigkeit" aufrütteln, und besonders jetzt im Kriege bei dem Mangel an Arbeits- kräften eine bessere Bezahlung Platz greifen mußte, so möchten eS doch die weitaus meisten Unternehmer bei den„hohen Löhnen" ihr Bewenden lassen, und die Vorschriften des Kriegsamts sind ihnen höchst unbequem und lästig. Die allermeisten Betriebe werden sich wohl überhaupt hüten, eine Fabrikpflegerin anzustellen, die sie schließlich noch dafür bc- zahlen sollen, daß sie zu immer neuen Ausgaben— denn soziale Fürsorge erfordert Mittel Veranlassung gibt. Die Fabrikpflegerin wird also zu rechnen haben mit Unternehmern, die der Sache wohlwollend und mit und zum Teil ohne Verständnis gegenüberstehen, mit solchen, die öffentlich durch die Sachlage dazu gezwungen sind, sich den Wünschen des KriegSamts zu fügen, sich aber indirekt dagegen wehren und solchen, die sich überhaupt gleichgültig oder gar feindlich dazu verhalten. Also ausgenommen bei der fleinstett Gruppe der wohlwollenden Unternehmer mit sozialem Ver- ständni« wird die Fabrikpflegerin es sehr schwer haben sich durchzusetzen, um so mehr als sie sich ein ganz flares Bild ihrer Tätigkeit gar nicht machen und also auch dem Unter- nehmer ein festes Programm, nachdem sie zu arbeiten ge- willt ist, nicht entwickeln kann; denn ihre Arbeit wird fast in jedem Betriebe eine andere sein müssen, weil nicht nur jeder Berus seine besondere Eigenart hat, sondern auch innerhalb eines Berufes die einzelnen Betriebe ganz verschieden organi- siert sind. Die geeigneten Personen für das Amt einer Fabrikpflegerin zu finden, wird auch nicht immer ganz leicht sein. Die Kenntnisse deS Berufs und des Arbeiterlebens werden bei einer aus dem Arbeiterstande selbst hervorge- gangenen Fabrikpflegerin natürlich vorhanden sein, die not- wendigen sozialen Erfahrungen können durch längere Mit- arbeit in der Gewerkschaft und den anderen Zweigen der Ar- beiterbewegung erworben werden, aber leider wird eh oft solchen Frauen an der Allgemeinbildung und der BeHerr- schung der gesellschaftlichen Umgangsformen fehlen, und. dieser Mangel wird im Verkehr mit Unternehmern und Behörden leicht zu einer Unterschätzung der Persönlichkeit führen, die dann naturgemäß auch ihren Einfluß schwächt. Und Nim die Arbeiterschaft selbst. So wie wir sie wünschen, werden wir sie in den wenigsten Fällen finden, und zwar nur da, wo durch langjährige gewerkschaftliche Zu- sammenarbeit das Solidaritätsgefühl eine Selbst- Verständlichkeit geworden ist. Bei der jetzigen Wirtschastslagc, bei der eine ganze Anzahl von Frauen zur Fabrikarbcit greifen mußten, die es sich früher nicht hatten träumen lassen, ist es mit dem gewerkschaftlichen Zusammenhalt nicht überall gut bestellt. Kein Wunder, alles braucht seine Zeit und alles will gelernt sein und der Kriegs-Arbeiterin, die noch mehr als es bei den ständigen Arbeiterinnen der Fall ist, die Meinung bat, daß die Erwerbsarbeit nur ein vorübergehender Zustand für sie sei, können gewerkschaftliche Gepflogenheiten nicht von heute auf morgen eingeprägt werden. Sie wird überhaupt den Gedanken eines Zusammenschlusses mit ihren Kolleginnen lange von sich weisen, weil sie im Grunde genommen den Zwang, verbienen zu müssen, als ein ihr zugefügtes Unrecht ansieht, dem sie so bald als möglich wieder zu entrinnen hofft. Alles in allem genommen sind die Umstände der Ein- führung der Fabrikpflegerin zurzeit nicht gerade günssig, dennoch hat die organisierte Arbeiterschaft keine Ursache, dieser persönlichen Fürsorgetätigkeit etwa aus dem Wege zu gehen, im Gegenteil sollte sie ihr das lebhafteste Interesse entgegen- bringen und an ihrem Teil mitwirken, damit die Interessen der Arbeiterinnen auf jeden Fall gewahrt bleiben. Soll aber die Fabrikpflegerin wirklich die soziale Fürsorgerin der Arbeiterinnn, soll sie deren Beraterin in allen das Ar- beitsverhältnis betreffenden Angelegenheiten und in ihren persönlichen und familiären Nöten sein, so muß sie unabhängig vom Unternehmer sein, und ihre Anstellung muß vom Staate erfolgen, der sie den Fabriflnspektorinnen oder ähnlichen Beamten gleic�ustellen hat. Ms solche wird sie, die nötigen Fähigkeiten und Charattereigenschaften vorausgesetzt, sich auch viel leichter das Vertrauen der Arbeiterinnen, die sie betreuen soll, und das der Arbeiterorganisation erringen, mit der sie innige Fühlungnahme verbinden muß. Zelözeitungen. , Von Josef Kliche. Fast drei Jahre sind vergangen, seit der beginnende Stellungs- kämpf an der Westfront die erste? literarischen Kinder dieses Krieges ins Leben riest Kriegs- oder Feldzeitungen taufte man sie, und diesen' Namen' haben sie als neuen Gattungsbegriff beibehalten. Unter ihm werden sie auch fortleben, wenn dieser Krieg, was ja wohl noch mal kommen wird, längst der Geschichte angehört. Sie selbst werden dann gestorben sein, wie schon heute eine Anzahl von ihnen, denen- die berüchtigte Ungunst der Verhältnisse das knappe Lebenslicht, das sie beanspruchten, ausblies. Sind es heute leichtschreibende Feuilletonisten, die sich mit dem Wohl und Werden dieser Presse beschäftigen, so werden es nach einigen Jahrzehnten mehr oder minder gelehrte Forscher sein, die in längst verstaubten Blüten nach neuem Honig suchen. Nach dem Geist der Zeit, der in den Feldblättern, nach mancher Leute Mei- -nung, besonders wahren Ausdruck finden soll. Ohne Urzelle, Vorbild oder Patenschaft ist auch die Feldzeitung nicht erstanden. Und da aus vergangener Zeit nicht schnell etwas zur Hand war, wählte man den nächsten Weg und baute in An- lehnung an die Heimatpresse; ahmte deren Form nach und über- nahm mit dem Geist auch vielfach den Stoff. Das war bequem und billig, ließ aber redaktionell die Individualität vermissen. Ob indes diese vonnöten war, bleibe dahingestellt, ist doch das Schöne und Wertvolle an der Feldzeitung in erster Linie die Tatsache, daß sie im Felde von Soldaten hergestellt wird. Doch drei Jahre sind eine lange Zeit; auch in den Feldredaktionen erwachte der Ehr- geiz. Hier und dort versuchte man sich selbständig zu machen, besann sich auf dieses und jenes und ward bestrebt, dem Blatte eine besondere Note, die Feldnote, zu geben. Technisch besaßen diese eigentlich schon viele. Sie lag im Primitiven, in der mangelhaften Herstellung des Blattes. Lagen doch Schreibmaschine, Kopierstift und Hektographentinte und deren Hantierung manchem Heraus- geber entschieden näher als die Kunst Gutenbergs, zu der man außer der vorgefundenen, meist sehr beschädigten Druckereieinrichtung auch technisch geschultes Personal brauchte. Und gerade die technischen • � Mängel, die dazu noch die Freude an der eigenen Zeitung verraten, dünken mir etwas Schönes und Interessantes. Oder war's nicht interessant, wenn, wie geschehen, die„Kownoer Zeitung"(aller- dings keine Schützengrabenzeitung, sondern ein für die Bürger be- stimmte» Blatt) den vorhandenen Papierresten entsprechend, heute in grauem und morgen in grünem Gewand erschien? Die mannig- fachen Mängel sind auch heute vielfach noch nicht geschwunden. Sie abzustellen lag auch nicht immer in der Macht der Hersteller. Schon der aus den belgischen Setzkästen steigende Zwang, einzelne in diesen fehlende Umlaute durch zwei andere Buchstaben zu ersetzen, bedingt Unvollkommenes. Aber weniger diese technischen Unzulänglichkeiten als vielmehr der redaktionelle Gehalt der Feldzeitung soll uns hier beschäftigen. Die meisten Feldblätter wollen nichts weiter sein als bloße Unterhaltungsorgane. Sie wollen den Soldaten in das harte Kriegs- leben Zerstreuung und Heiterkeit bringen, pflegen für diesen Zweck einen gesunden Humor und geben auch der zeichnerischen Karikatur Raum.- Freilich, an geiftsprühenden Mitarbeitern haben manche Organe nicht gerade Uebeiskuß, und so geht es eben ohne Anleihen bei den aus der Heimat kommenden Witzblättern vielfach nicht ab. Ein Abonnement auf die„Jugend" oder den„Simpli" ersetzt die Kraft eines Redakteurs. Doch sei betont, daß manche Zeitungen für chre lustige Ecke einige flotte Talente gefunden haben, die dann in besonderer Rubrik meist als humoristisch-satirische Wochenschauer ihres nicht eben leichten Amtes walten. Ich denke dabei an die in dem Marineblatt„An Flanderns Küste" regelmäßig enthaltene Rubrik„Am Scherenfernrohr der Zeit", an den Horchpostenede der „Zeitung der 2. Armee", an den im gleichen Sinne tätige» Horch- postenaujust der«Zeitung der 7. Armee" und andere. sich auf manchevlsi Gebiete, dominiert aber doch nicht nach jener Zum humoristischen Text kommt die Karikatur. Sie erstreckt Seite, die man als Unbsfangener zuerst wähnt; feindliche Fürsten, Völker und Soldaten werden in den deutschen Feldzeitungen im allgemeinen nicht auf solch kindische Art zu veralbern gesucht, wie solches mit banaler Regelmäßigkeit in einigen heimatlichen Witz- blättern geschieht. Für eine solche Verzerrung tapferer Gegner hat der Frontsoldat wenig Sinn. Im Felde muß der deutsche Soldat vielfach selbst als Muster für den gesürchteten Stift des Karikatu- risten dienen. Nicht nur der Gemeine, zuweilen auch die Chargen. Der„Schützengraben in den Vogesen", der„Bayerische Landwehr- mann", der„Drahtverhau" und der„Meldereiter aus dem Sund- gau" und, nicht zu vergessen, die„Zeitung der 10. Armee" mit ihren originellen zeitgemäßen Illustrationen zu Zitaten aus Homer, haben da uurncherlei Fesselndes, Interessantes aus dem Feldlebeu festgehalten. Einige Blätter, so die„Vogesenwacht" und der„Horchposten", haben sich als Ziel gestellt, eine künstlerisch wertvolle Zeitung zu liefern. Gute Zeichnungen, auf die hier der Hauptwert gelegt wird, guter Text und auf gutem Papier eine gediegene technische Wiedergabe bilden hier die Erkennungsmerkmale. Natürlich läßt sich eine solche Herstellung nicht im Felde ermöglichen, sondern ge- schieht bei diesen Blättern in einer hierfür geeigneten heimatlichen Druckerei. Nur die geistige und künstlerische Arbeit wird im Bannkreis des Schützengrabens verrichtet. Und damit die feld- grauen Mitarbeiter nicht säumen, werden sie bei vielen Blättern in jeder Nummer ermahnt, den Kindern ihrer Muse uitd Muße schriftliches Geleit für den Weg in die Redaktion zu erwirken. Ja, der zuletzt gemuntte„Horchposten" macht sich anheischig, seinen künstle- risch strebenden Mitarbeitern Lithographie-Papier und Kreide zu liefern. Einige andere Blätter erlassen regelmäßige Preisaus- schreiben zur Erlangung besserer Zeichnungen. Denn wirklich gute Sachen aus dem Felde zu erhalten, ist eine ständige Sorge der Feldredaktionen. Zur Illustration sind übrigens heute alle Feld- blätter mehr oder weniger übergegangen. Einzelne pflegen dieses Gebiet auf die Weise, daß sie sich Reklamecliches aus der Heimat geben lassen. Andere, ich denke an die„Kriegszeitung der 4. Armse", sind, da sie in einem großen Etappenort hergestellt ioerden, im Be- sitz einer eigenen Clicheabteilung. Eine solche ermöglicht es dem genannten Blatt, regelmäßig in einer Beilage sehr gute klare Bilder zu bringen. Hier wechselt die Wiedergabe alter belgischer Architekturen mit Szenen aus dem Feldleben. Glück hat seiner- zeit die„Kriegszeitung des Korps Marschall". Ihr stellte der Worpsweder Maler H. Vogeler einige Originale zur Verfügung, die auf dem deutschen Vormarsch in den Karpathen entstanden waren. Etliche Blätter legen besonderen Wert auf ein möglichst litcra- risches Aussehen. Sie bringen neben politischen und Volkswirt- Zählungen, wie beispielsweise Gottfrieds Kellers„Fähnlein der sieben Aufrechten", und versäumt nicht, jeweils an den Kopf des ersten Wdrucks eine kleine Würdigung des Dichters zu setzen. Ja, sie bringt auch rein kritische Arbeiten über bedeutende Dichter und Dramatiker. Sicher ein löbliches Bestreben ihres Leiters, nur sind dieses durchaus keine Merkmale eine Feldblaties. Ms einziges Blatt unter den fünfzig heute existierenden Feldzeitungen pflegt die„Zeitung der 10. Armee" den Roman. Da sie jeden zweiten Tag erscheint, kann sie sich dieses am ehesten leisten. In dem Blatt steckt übrigens, wie auch im„Champagne-Kamerad" und der»Liller Kriegszeitung", viel selbständige Arbeit. Was an den Feldzeitungen, soweit sie nicht bloße Scherzblätter oder künstlerisch wirkende Organe, sondern gediegen« Unter halwngs- blätter sein wollen, am besten gefällt, das ist ihr lokaler Einschlag. Dieser äußert sich in geographischen und geschichtlichen Dar- stellungen über das Gebiet, auf dem der das Blatt verlegende Truppenteil zurzeit kämpft. Gut informierte und flott geschriebene Artikel über Land und Leute und deren Sprache, bildliche Wieder- gaben von Volkstypen usw. sind es, die den Aufgaben einer Feld- zeitung am nächsten liegen. Sie finden auch bei deu Soldaten das meiste Interesse, zumal die Heimatzeitung weder die geographische noch die geschichtliche und sprachliche Eigenart eines jeden von beut- schen Truppen besetzten Landes genügend berücksichtigen kann. Die „Zeitung der 4. Armee", unter der Redaktion des geistigen Leiters des Jnfelverlages, Professor Dr. Rippenberg, der als Hauptmann im Felde steht, hat in bezug auf Flandern in dieser Hinsicht sehr viel geleistet, ähnlich die„Zeitung der 9. Armee"(Falkenhayn), die Land und Verhältnisse Rumäniens und Siebenbürgens gelegent- lich des dortigen Vormarsches ins Herz Rumäniens zur Freude ihrer Leser recht eingehend behandelte. Für den Betrachter ragen also die beiden Pole: hier bloße Scherzzeitung, hier belehvendes Untierhaltungsblatt, in einer Anzahl von Gründungen aus dem Feldblätterwalde hervor. Daneben ober existiert manches Blättlein, was wohl einzelnen Lesern Freude macht, sonst jedoch weder/Irgend� welche Eigenart besitzt noch ein klares Ziel erkennen läßt. Ein häufig kundgegebener Wunsch vieler Feldzeitungen ist es, aus Soldatenkreisen Schilderungen von Kriegserlebnissen zu er- halten. Etlichen ist es auch gelungen, für diese Rubrik regelmäßig Beiträge von schreibgewandten Leuten zu bekommen, andere halfen sich damit, daß sie zeitweilig Schilderungen berufsmäßiger. Bericht- crstatter abdrucken. Erstere sind immerhin lebenstoahrer als die stilistisch frisierten der Berichterstatter. Die Zensur passieren sie beide. Das Bestreben, den aus ihren bürgerlichen Verhältnissen ge- rissene» Kriegsteilnehmern manche' innere Last abzunehmen, hat zur Errichtung von Rechtsauskunftsstellen im Felde geführt. Auch einige Feldzeiwngen haben für diesen Zweck eine ständige Rubrik (Brieftasten) eingerichtet. Wie die Blätter in der Heimat, sind auch die im Felde er- scheinenden ein Spiegel der Zeitereignisse. Doch durchaus von keiner politischen Sonderart. Wenn schon der Politik Raum ge- geben wird, dann nur im Sinne der überwiegenden Mehrheit der heimatlichen Organe. Wie wäre es auch anders möglich! Um so befremdlicher berührte es mich, als ich unlängst in einer sehr an- gesehenen literarischen Zeitschrift las, in der Feldzeitung sähen die Soldaten das Ideal einer Zeitung, sähen sie ein„von politischen und Verlegerinteressen unabhängiges Blatt, beseelt von einem Geist, den sie dann im Frieden auch von der Heimatpresse fordern wür- den". Diese Behauptung war ebenso unangebracht, wie die sich daran anschließende, daß die Feldzeitungen den Beweis erbracht hätten, daß man auch ohne das Annonceurückgrat eine gute Zeitung machen könne. Es genügt, wenn wir hierzu mitteilen, daß die hier in Frage kommenden größeren Blätter, die Armeezertungen, als offizielle Organe der einzelnen Armeeleitungen anzusehen sind, und daß sie ferner nicht nur kein Annoncenrückgrat besitzen, sondern an die Soldaten wöchentlich zwei- oder dreimal in zwanzig-, dreißig-, ja fünfzigtausend Exemplaren unentgeltlich abgegeben werden. Die finanziellen Mittel sind also da, aber sie fließen nicht aus der Abonnentenkasse. Denn bezahlen brauchen nur die Bezieher in der Heimat, Liebhaber, Sammler usw., was nicht allzuviel einbringt. Auch der Vergleich einzelner Feldzeitungen mit modernen Groß- stadtblättern, wie ich ihn neulich in einem Berliner Blatte fand, das in der Kenntnis militärischer Dinge den Vorrang innezuhaben glaubt, ist irreführend. Ist dem Frontsoldaten die unwahre Verzerrung des feindlichen Kriegers ein Greuel, so auch das übermäßige Pathos, für das er gleichfalls wenig übrig hat. Und sehr bezeichnend war es für mich, als vor einigen Wochen ein neues Feldblatt„Der Stoßtrupp" zu erscheinen begann und ich das Urteil der Kameraden über das neue Organ vernehmen konnte. Das Blatt hatte sich zwar einen sehr zeitgemäßen und sehr kriegerischen Namen zugelegt, ward aber gleich so pathetisch, daß es wenig Sympathie fand.— Eine gute Feldzeitung zu macheu, ist eben nicht so leicht. Uebrigens haben außer dem letztgenannten Blatt in diesem Frühjahr noch zwei weitere neue Feldzeitungen zu erscheinen begonnen, die«Somme- Wacht" und der„Feldbote". Eine besondere geistige Eigenart vermag ich bei der Feldpresse im Vergleiche zur Heimatpresse nicht zu entdecken. Das wäre unter den gegenwärtigen Zeitumständen auch schwer denkbar. Was eigen- artig und lieb von ihr ist, das ist das Technische. Und wer einmal ihre Geschichte schreibt, wird nicht vergessen dürfen, daß sie auf diesem Gebiet der UnVollkommenheiten mancherlei Berührungspunkte mit den Kindertagen der sozialdemokratischen Presse auf- weist. Die. Häuftntg einer Reihe von Aemtern— solchen des Kopfes und solchen der Hand— in einer Person, wie sie aus den bargeldlosen Au simgs tagen manchen Parteiblattes in wehmütig- schöner Erinnerung lebt, ist auch bei manchem kleinen, nur durch die' eigenen Bataillonskameraden begünstigten Schützengraben- blättchen zu verzeichnen. Klingt es doch idyllisch, wenn man er- fährt, daß die„Zeitung der 4. Armee" in ihren Jugendtagen(De- zember 1914) sechs Nummern lang auch einen vlämischen Teil für idie flandrische Zivilbevölkerung brachte, und daß dieser von den beiden Töchtern eines Druckereibesitzers in dem kleinen flandrischen Städtchen Thiclt gesetzt wurde. Oder daß die Herausgeber der Zeitung des Regiments Bremen„Hurrah" vor der Geburt einer 'jeden neuen Nummer einige kräftige Kameraden zum Drehen des widerspenstigen Schwungrades der etwas rückständigen Druck- Maschine suchten.„Hurrah" und ein Dutzend andere Fckdblätter Besonderes auf dem Hofe zu sehen, aber diese Winke und die kurzen Worte, die er ihnen folgen ließ, gaben den Dingen, die ich sah, eine ganz besondere Bedeutung, so daß sie sich mir fest und tief einprägten. Da lief zum Beispiel eine Katze über den Hof, blieb vor einer Pfütze stehen und betrachtete ihr Spiegelbild darin: sie hob ihre weiche Pfote auf, als wollte sie die„andere" schlagen, und„Schöne Sache" bemerkte leise: „Die Katzen sind stolze und mißtrauische Tiere." Oder der goldrote Hahn Mamaj flog auf den Garten- zäun, krallte sich oben fest, begann mit den Flügeln zu schlagen und wäre fast heruntergefallen— unwillig streckte er den Hals vor und brummte beleidigt; der Kostgänger aber meint: „Ein vornehmer General, doch nicht sehr klug." Dort patscht der plumpe Wales schwerfällig wie ein Pferd durch den Schmutz. Die starken Backenknochen geben seinem Gsicht etwas Geschwollenes; er blickt, die Augen zusammen- kneifend, zum Himmel empor, von wo ein herbstlich blasser Sonnenstrahl ihm gerade auf die Brust fällt, daß der Messingknopf an seiner Jacke hell erstrahlt. Der Tatar bleibt stehen, faßt niit den krummen Fingern nach dem Kopfe, und „Schöne Sache" sagt: „Wie er sich freut! Als wenn er eine Medaille bekommen hätte." Ich schloß mich bald sehr eng an ihn an, und er wurde mir in den Tagen des Kummers wie in den Stunden der Freude unentbehrlich. Er war selbst schweigsam, ließ mich aber über alles reden, was mir nur irgend in den Kopf kam, während der Großvater mir immer gleich den Mund verbot: „Schwatz' nicht, Plappermaul!" Die Großmutter wiederum war so voll von ihren eigenen Gedanken, daß sie für Fremdes gar nicht mehr empfänglich war und kein Ohr dafür hatte.„Schöne Sache" dagegen hörte stets mit Aufmerksamkeit auf mein Geschwätz und sagte häufig zu mir: „Na, mein Lieber, das stimmt doch wohl nicht, das hast du dir ausgedacht." Und jedesmal waren seine kurzen Bemerkungen am Platze und trafen den Nagel auf den Kopf. Er schien durch mich hindurchzuschauen und alles zu sehen, was in meinem Kopfe und in meinem Herzen vorging, und so manches überflüssige oder unrichtige Wort schnitt er mir, ehe ich es noch ausge- sprochen hatte, mit zwei Worten ab: „Schwindle nicht, mein Junge!" Im Hause aber konnte man„Schöne Sache" immer weniger leiden, selbst die zutrauliche Katze der munteren Dame aus der Vorderwohnung wollte nichts von ihm wissen, während sie sonst zu allen Leuten auf den Schoß kroch. Ich schlug sie deshalb, zauste sie bei deu Ohren und redete ihr fast Mtxx Träsea zu. doch vor fe keine Angst zu fribe«. j �Schöne Sache/ Von Maxim Gorki.*) Es war ein stiller, milder Abend, einer jener schwermütigen Abende des Altweibersommers, an denen alles rings-� um von Stunde zu Stunde bunter und blasser zugleich zu werden scheint, an denen die Erde, die im Sommer so mannig- fache, würzige Düste ausstrahlte, nur noch nach kühler Feuch- tigkeit riecht, und die Luft so seltsam durchsichtig scheint, und die Dohlen, die hastig am rötlichen Himmel hinfliegen, un- frohe Gedanken in der Seele wecken. In solchen Minuten tauchen ganz besonders reine, leichte Gedanken in der Seele auf— Gedanken, so fein und durch- fichtig lote Spinngetoebe und nicht in Worte zu fassen. Sie tauchen empor und verschwinden rasch wie Sternschnuppen, erregen die Schwermut in der Seele, liebkosen sie, wecken sie auf aus ihrer Ruhe— und eben da gerät sie in Wallung und schmilzt, nimmt ihre Form fürs ganze Leben, ihre besondere Physiognomie an. Ich schmiegte mich an den warmen Körper unseres Kost- Hängers—„Schöne Sache" nannten wir ihn nach seiner Lieb- lingsredensart— und blickte mit ihm zusammen durch das schwarze Geäst der Apfelbäinne nach dem roten Himmel, be- vbachtete den geschäftigen Flug der Hänflinge, sah zu, wie die Stieglitze die Blütenköpfe der trockenen Disteln zausten und den Samen herauspickten, wie vom Felde her zottige, blaugraue, rotgeränderte Wolken heranzogen, unter denen die Krähen schwerfällig zu ihren Nestern auf dem Kirchhof flogen. Alles das war so schön, so ganz anders als sonst, so Verständlich und traulich. Zuweilen fragte der Mann an meiner Seite tief auf- feufzend: „Prächtig ist das, nicht? Ist dir's nicht zu feucht oder zu kühl?" Und als der Himmel sich verdunkelte und alles ringsum Von der feuchten Dämmerung angeschwollen schien, sagte er: „Nun, jetzt ist's genug. Wir wollen gehen." An der Gartenpforte blieb er stehen und sagte leise: „Eme treffliche Frau, deine Großmutter... oh, was Dir ein Land!" Er schloß die Augen und wiederholte leise, doch klar der- yrehmlich, mit einem Lächeln: „Den»«ls Strafe ward dies über ihn verhängt, Weil er sich dem schlimmen Aufwag nicht entzog, Hinter einem fremden Gewissen sich versteckt'!" *) In den nächsten Tagen erscheint unter dem Titel„Meine Kindheit" die deutsche Ausgabe des ersten Teiles der Memoire» t»» Maxuu Gorli(Verlag Ullstein u. Co.). Wir brtugen eine der jKaecsfö MH» EpisadW ÄS Wo&S tsamS.| a L „Merk' dir das nur, mein Junge!" Und während er mich vorwärts schob, fragte er: „Kannst du schreiben?" „Nein." „Dann lerne es! Und wenn du es gelernt hast, dann schreib' auf, was deine Großmutter erzählt— es verlohnt sich.!" Wir wurden gute Freunde. Von diesem Tage an ging ich bei„Schöne Sache" nach Belieben aus und ein, saß in seinem Zimmer in einer mit Lumpen gefüllten Kiste und beobachtete ungehindert, wie er Blei schmolz, Kupfer zum Glühen brachte, eiserne Plättchen zur Rotglut erhitzte und mittels eines Hammers mit verziertem Griff auf einem niedlichen kleinen Amboß bearbeitete, wie er mtt Raspeln und Fellen, bis zu den allerfeinstcn, mit Schmirgel und sonstigem Zubehör han- tierte. Und alles wog er auf einer sehr feinen Messingtvage ab. Dann goß er wieder verschiedene Flüssigkeiten in die dicken weißen Schalen, sah.zu, wie der Dampf aufstieg, der im Zimmer einen ätzenden Geruch verbreitete, zog die Brauen zusammen, las in einem dicken Buche und brummte, an den roten Lippen kauend, oder sang leise, in langgezogenen Tönen, mtt seiner heiseren Sttmme: „Oh, Rose von Saron..." „Was machst du denn da?" fragte ich ihn. „Eine sehr kunswolle Sache, mein Lieber." „Was denn?" „Ja, siehst du— das kann ich nicht so ausdrücken, daß du es verstehst." „Der Großvater sagt, daß du vielleicht falsches Geld machst." „So, sagt er das? Hm... Dann sagt er eben Unsnm! Geld ist eine sehr überflüssige Sache, mein Lieber." „Und womit soll man das Brot bezahlen?" „Das Brot... ja, das muß allerdings bezahlt werden." „Siehst dul Und auch das Fleisch." „Ja. auch das Fleisch." Er lochte ganz leise, überaus lieb und herzlich, kraut mir wie einem jungen Hunde hinterm Ohr und sagt: „Mit dir darf ich mich wirklich auf keinen Streit ein- lassen, du widerlegst mich immer! Laß uns lieber schweigen!" Zuweilen unterbrach er die Arbeit und setzte sich neben mich, und nun sahen wir lange zum Fenster hinaus, wie der Regen auf die Dächer und den mit Gras bewachsenen Hof niedertroff und die Aepfelbäume immer kahler und kahler wurden.„Schöne Sache" kargte sehr mit Worten; was er iedoch sagte, hatte stets etwas Zwingendes, Ucberzeugendes. Wollte er meine Aufmerksamkeit auf etwas lenken, so be- gnügte er sich m der Regel damit, mich leicht anzustoßen und sttt mm m winken. Ich glaubte nichts smd bereits wieber verschollen. Dafür werben aber,. wie bereits erwähnt, immer noch neue geboren. Rühmenswert an der deutschen Feldpresse ist, daß sie nicht, wie teilweise die französische, ihre Erfolge auf dem Gebiet geschmack- loser Pikauterien oder der Aufpeitschung rohester Hatzinftinkte sucht, sondern durchweg ein sehr anständiges und humanes Niveau wahrt. Sexuelle Äitzeleien, ohne die eine Anzahl heimatlicher Witzblätter anscheinend nicht existieren kann, sind ihr völlig fremd. Und das .ist gut so.(z) Ueber künstliche Zwitterbilöung. Von Alexander Lipschütz, Bern. Es ist heute eine feststehende Tatsache geworden, dag die Ge- fchlechtsmerkmale von den Keimdrüsen abhängig sind. Die Keim- drusen modeln den Organismus und beeinflussen sein Nerven- shftem in der dem Geschlecht entsprechenden Weise geschlechtlich. Der Einfluß der Keimdrüsen auf Körper und Seele geht so weit, daß man durch Ueberpflanzung von Eierstöcken in jugendliche kastrierte Männchen und von Hoden in jugendliche kastrierte Weib- chen, wie es S t e i n a ch in Wien in seinen bekannten Versuchen an Ratten und Meerschweinchen getan hat, die Männchen„semi- riicrem"(weiblich umstimmen) und die Weibchen„maskulieren" (Männlich umbilden) kann. Das„verweiblichte" Männchen hat die schlankere Statur und das geringere Gewicht eines Weibchens, seine unausgbildeten Brustdrüsen kommen zur Entfaltung, so daß sie Milch geben köimen, und das„vevlveiblichte" Männchen kann Junge säugen. Von normalen Männchen wird das feminierte Männchen als ein Weibchen aufgefaßt und verfolgt. Das„vermännlichte" Weibchen dagegen hat die kräftigere Bildung und das Gelvicht eines Männchens/ wird beim Anblick von normalen Weibchen sexuell erregt, verfolgt diese und läßt dabei, wie ein normales Männchen. den charakteristischen gurgelnden Laut ertönen. Dank dem großen Entgegenkommen von Professor Steinach hatte ich selbst vor einem Jahre Gelegenheit, mir seine Versuchstiere genau anzusehen, und ich habe dabei feststellen können, daß bei den maskulierten Weibchen der weibliche Kitzler'sich in ein gliedähnliches Organ umgewandelt hatte. Es unterliegt heute auch keinem Zweifel mehr, daß die ge- stallenden Wirkungen der Keimdrüsen auf den Organismus nicht eine Wirkung desjenigen Teiles der Keimdrüse ist, der Samenzellen und Eizellen bildet, sondern daß diese gestaltenden Einflüsse auf Leib und Seele ausgehen von einem besonderen Teil der Keim- drüse, der Pubertätsdrüse, wie Steinach ihn benannt hat. In der männlichen und weiblichen Keimdrüse ist noch eine besondere Drüse enthalten, der die Aufgabe zukommt, den Organismus in der dem Geschlecht zukommenden Weise zu gestalten, ihn zur Reife, zur Pubertät zu bringen und ihn in dieser, beim Menschen für Jahrzehnte, zu erhalten. Run ist es bekannt, daß beim Menschen und bei Tieren Hermaphroditen oder Zwitter vorkommen, Individuen, in denen— gegen die allgemeine Regel bei der betreffenden Art— männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale miteinander vermengt sind. Es sei hier nur auf die auch dem Laien auffallenden Er- scheinungen hingewiesen: auf die tiefe Stimme und den Bart bei manchen Frauen, auf das bartlose Gesicht und das frauenhafte Wesen, wie es bei manchen Männern vorhanden ist. Auch Brüste und Glied können eine dem anderen Geschlecht entsprechende Ausbildung erfahren. Steinach hat sich die Frage gestellt, ob nicht die Vereinigung männlicher und werblicher Geschlechtsmerkmale in »einem Individuum darauf ziinickgeführt-werben konnte/ daß in diesem Individuum ausnahmsweise beiderlei Pubertätsdrüsen vorhanden seien. Er hat diese Vermutung in Versuchen an Meer- schweinchen geprüft und hat seine Vermutung in wirklich glänzen- der Weise bestätigen können. Er hat, mit anderen Worten, k ü n st- liche Zwitter erzeugt. Der Gedanke von Steinach war, in Männchen, die ihres Hodens nicht beraubt sind, Eierstöcke zu verpflanzen, so daß Tiere ent- stünden, die sowohl eine männliche als eine weibliche Pubertäts- drüse hätten. So ohne weiteres geht das nun nicht. Zwischen den beiden Keimdrüsen im Organismus kommt es gewissermaßen zu einem Kampf, aus dem die an der normalen Stelle sitzende als Siegerin hervorgeht, während die verpflanzte Keimdrüse unfehl- „Sic kommt nicht zu mir, weil meine Kleider nach Säure riechen," erklärte er mir. Ich wußte jedoch, daß alle anderen, selbst die Großmutter, die Sache anders deuteten, und zwar in einem dem Kostgänger ungünstigen, für ihn beleidigenden Sinne. „Was steckst du ewig bei ihm drin?" fragte die Groß- wutter ärgerlich.„Er wird dich noch böse Dinge lehren!" Der Großvater aber prügelte mich jedesmal, wenn er dahinterkam, daß ich wieder einmal bei dem Kostgänger ge- ivesen war. Ich jagte es diesem natürlich nicht, daß man mir den Umgang mit ihm verboten habe, erzählte ihm jedoch offen, wie man im Hause über ihn denke. „Die Großmutter fürchtet sich vor dir; sie sagt, du seist ein Schwarzkünstler, und der Großvater nennt dich einen Feind Gottes, der den Menschen gefährlich sei." Er zuckte mit dem Kopfe, als ob er Fliegen abwehrte; auf seinem kreideweißen Gesicht erschien ein rosiges Lächeln, das mir das Herz beklommen machte. „Ich sehe schon, mein Junge, wohin das zielt," sagte er leise.„Das ist traurig, wie?" ..Ja!" „Traurig ist's— ja, mein Junge." Und endlich wurde ihm der Stuhl vor die Türe geseht. Ich kam eines Tages nach dem Morgentee zu ihm und sah, wie er, auf deni Fußboden sitzend, seine Sachen in eine Kiste packte, wozu er leise das Lied von der„Rose von Saron" sang. „Nun, leb' wohl, mein Junge, ich zieh' aus." „Warum?" Er sah mich forschend an und sagte: „Weißt du es nicht? Das Zimmer wird für deine Mutter gebraucht." „Wer hat das gesagt?" „Dein Großvater." „Er hat gelogen!" „Schöne Sache" zog mich an der Hand zu sich bin, und als ich neben ihm auf dem Fußboden saß, sagte er leise: „Sei mir nicht böse, mein Junge: ich dachte, du wüßtest es und hättest es mir verschwiegen.„Das ist nicht schön von ihm", sagte ich mir." Seine Worte stimmten mich traurig und ärgerten mich zugleich. „Hör' einmal," fuhr er dann lächelnd, fast im Flüster- tone, fort,„erinnerst du dich noch, daß ich dir einmal sagte, du solltest mich nicht besuchen?" Ich nickte mit dem Kopfe. „Du warst damals beleidigt, nicht wahr?" bar zugrunde geht. Nun richtete Steinach seine Versuche so ein, daß er die Männchen zuerst kastrierte und dann sowohl einen Hoden als einen Eierstock dem kastrierten Tiere einpflanzte: beide Keimdrüsen sind dann in gleichen Existenzbedingungen, beide müssen an neuer Stelle Wurzel fassen und unter günstigen Um- ständen, in einem Fünftel aller Versuchstiere, heilten beide Keim- drüsen an. Es war also in diesen Fällen eine zwittrige Pubertätsdrüse vorhanden. Die Tiere mit zwittriger Pubertätsdrüse wurden nun einer sehr genaue» Beobachtung unterworfen. Sie, die ursprünglich Männchen waren, erreichten Größe und Gestalt von normalen Männchen. Aber ihre Brustdrüsen waren weiblich entwickelt: sie waren zu strotzenden weiblichen Brustdrüsen geworden und gaben sogar Milch. Auch das sexuelle Verhalten der Tiere zeigte sich zwittrig. Zuerst verhielten sich die Tiere wie normale Männchen: sie waren mutig, kämpften mit Rivalen und warben in der für Dieerschweinchen-Männchen üblichen Art um das Weibchen. Aber nach einigen Wochen zeigt dasselbe Tier ein ganz anderes Ver- haltendes ist scheu, stellt sich nicht zum Kampf, verfolgt nicht das Weibchen. Ja, es wird jetzt von normalen Männchen verfolgt und wehrt sich gegen deren Anfsprung in typischer weiblicher Art. Das Tier, das vor kurzem noch in männlicher Weise geschlechtlich war, ist jetzt weiblich gerichtet. Das dauert einige Wochen, bis wieder eine männliche Periode kommt, die iviederum durch eine weibliche abgelöst wird. In die Periode weiblicher Erotisierung fällt auch die Anschlvellung der Brüste und die Milchsekretion. In den Einzel- heilen kann das Verhalten der verschiedenen Versuchstiere von ein- ander abweichen. Be-i dem einen Tier ist der Uebergang von der Periode männlicher Geschlechtlichkeit in die weibliche weniger Plötz- lich als bei dem anderen, bei dem einen Tier tritt mehr ein Zwittertnm in den körperlichen Erscheinungen aus als in den seelischen. Daß dieses Zwittertnm der Versuchstiere allein durch die zwittrige Pubertätsdrüse bedingt Ivar, zeigte Steinach noch durch folgenden Versuch. Einem Zwittertier, das sich in der männlichen Periode befand, schnitt er den Eierstock heraus. Von nun an blieb das Tier ein Männchen: eine Periode mit weiblicher Erotisierung und mit Milchsekvetion kehrte nie wieder. Nach diesen Versuchen von Steinach unterliegt es gar keinem Zweifel mehr, daß die Fälle von Hermaphroditismus, die beim Menschen vorkommen, darauf beruhen, daß bei diesen Individuen weibliche und mann- liche Pubertätsdrüsenzellen vorhanden sind. Bon großem Interesse ist die Tatsache, daß beim Menschen und bei Tieren ein„Umschlag des Geschlechts" stattfinden kann. Richtiger würde es heißen: es treten bei einem eingefchlechtlichen Individuum mehr oder weniger plötzlich einzelne körperliche oder seelische Merkmale des anderen Geschlechts auf, wie weibliche Brüste und weibliches Wesen bei einem Manne, eine tiefe Stimme und ein Bart bei einer Frau. Auch das Austreten der gleichgeschlecht- liehen(homosexuellen) Neigung kann als ein solcher„Umschlag des Geschlechts" aufgefaßt werden. Bemerkenswert ist auch die von den Aerzten festgestellte Tatsache, daß die krankhafte Neigung zum gleichen Geschlecht bei den betreffenden Patienten und Patientinnen periodisch auftritt. Nun haben wir gesehen, daß auch bei den zwittrigen Versuchstieven von Steinach ein Wechsel der Geschlecht- lichkeit, ein„Umschlag des Geschlechts", und auch eine P e r i o d i- z i t ä t der Ge schlechter i ch tu ng vorhanden waren. Wir können nach Steinach alle diese Erscheinungen in einheitlicher Weise in dem Sinne deuten, daß bei diesen Patienten und Patientinnen von der Geburt an sowohl männliche als weibliche Puhertätsdrüsenzellen vorhanden sind, daß aber zunächst die eine Art von Pubertätsdrüsen- zellen die Oberhand hat, um dann im späteren Leben, aus uns einstweilen ganz unbekannten Gründen, an Aktivität zu verlieren und der anderen Art von Pubertätsdrüsenzellen den ersten Platz im Organismus einzuräumen. Bei manchen Individuen müßte, genau wie bei den Versuchstieven, ein periodischer Wechsel in der Aktivi- tät der männlichen und weiblichen Pubertätsdrüsenzellen ange- no mm en werden. Nach alledem müssen wir alle Individuen, bei denen das psycho- sexuelle Verhalten gleichgeschlechtliche Abweichungen vom normalen eingeschlechtlichen Typus auftveist— und die Zahl dieser Fälle ist sehr groß, viel größer, als im allgemeinen angenommen wird— als Patienten ansfassen, mit denen sich der Richter niemals „Nun, ich wollte dich nicht beleidigen. Ich wußte, daß deine Angehörigen dich schelten würden, wenn du dich mit mir befreundest, siehst du! Und so war's auch, nicht? Begreifst du nun, weshalb ich das damals sagte?" Er sprach zu mir wie ein kleiner Junge, ein Gleich- altriger, und ich freute inich tief innerlich über seine Worte. Ein unerträgliches Gefühl des Grams befiel mich. „Warum können sie dich alle hier nicht leiden?" fragte ich. Er schloß mich in seine Arme, drückte mich an sich und antwortete mit bedeutungsvollem Blinzeln: „Ich bin für sie ein-Fremder— verstanden? Darum ist's! Ich bin nicht so wie sie." Ich zupfte an seinem Rockärniel und wußte nicht, was ich sagen sollte. „Sei mir nicht böse," wiederholte er noch einmal und flüsterte mir dann ins Ohr:„Auch weinen darfst du nicht." Ihm selbst aber quollen die Augen unter den trüben Brillengläsern nur so von Tränen über. Dann saßen wir, wie immer, lange schweigend da und wechselten nur ab und zu ein kurzes Wort. Am Abend fuhr er davon, nachdem er sich von allen freundlich verabschiedet und nlich umarmt hatte. So endete meine Freundschaft mit dem ersten jener zahl- losen mir bekannt gewordenen Menschen, die, ihrem eigenen Heimatlande fremd, doch zu seinen besten Söhnen gehören. Der politische Dichter. Der Dichter träumt nicht mehr in blauen Buchten. Er sieht aus Höfen helle Schwärme reiten. Sem Fuß bedeckt die Leichen der Verruchten. Sein Haupt erhebt sich, Völker zu begleiten. Kongresse blühn. Nationen sich beschwingen., An weiten Meeren werden User, wohnen. Sie leben nicht, einander zu verschlingen: Verbrüdert ist ihr Herz in starren Zonen. Nicht mehr in Waffen siegt ein Volk, du weißt es; Denn keine Schlacht entscheidet seinen Lauf. So steige mit der Krone deines Geistes, Geliebte Schar, aus taubem Grabe auf! Walter Hase» clever. ohne Beihilfe des Arztes beschästigen darf oder, und da? wäre das einzig Richtige, über die allein der Arzt Richter sein sollte. Um so mehr, als unter diesen Kranken sich auch Menschen befinden, die in sozialer Beziehung sehr hochwertig sind. Die Freimaurerei in zwei Jahrhunderten. Die Geschichte der Freimaurerei ist lange ein Tummelplatz wilder Phautasien getveseu, denen das die Einrichtung umgebende Geheimnis so willig Tür und Tor öffnete, und besonders über ihre Ursprünge hat sich eine romanhafte Legende gebildet, die zäh- lebig in der Literatur gespukt hat. Die Wissenschaft mußte hier erst grüuoliäi durchforsten, um der nüchternen Wahrheit Lust und Licht zu schaffen. Heute wissen wir, daß die moderne Freimaurerei am 24. Juni des Jahres 1717 entstanden ist, als vier kurz zuvor zu einer Großloge, der ersten ihrer Art, vereinigte Londoner. Logen sich feierlich zusammentaten und den ersten Großmeister Wählte». In England höben die auf das mittelalterliche Hüttenwesen zurück- gehenden Steinmetzen- und Maurerzünste— wie übrigens auch bis ins 19. Jahrhundert hinein in Deutschland— noch lange ein Schein- leben weitergeführt, nachdem die Grundlage der Wertgemeinschast längst zermürbt war. Es gab keine Hütte und es gab das alte edle Steiumetzemoerk nicht mehr, allein es erhielt sich die sittlich- religiöse Ueberlieserung der Zünfte. Denn diese waren aus religiöser Grundlage errichtet worden und machten ihren Mitgliedern einen frommen, reinen Lebenswandel und brüderliche Hilfsgesinnung gegen die Zunstgenosseii zur Pflicht, llnter dem Einflüsse der aus- klärerischen Ideen trat dies mittelalterliche Ideal in neuer Form in Wirksamkeit. Die Verfassung der 1717 begründeten- Londviier Großloge ließ erkennen, daß der menschliche Brudergedanke darin herrsche, daß die Freimaurerei ein„Bund der Bünde" sein sollte, in dem die allgemeine Gemeinschaft der Menschheit über alle Ver- schiedenheiten der Völker, Rassen und Bekenntnisse hinaus zum Ausdruck kommen sollte. Dieser Gedanke fand im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung und des Geheimschwindels, sruchkbarsteii Boden. Bald sprang die Freimaurerei nach Deutschland und nach Frankreich hinüber— freilich nur, um bösen Mißbildungen zu verfallen. Das Geheimnis, das die alten Zünfte gewahrt hatten, um Unberufene fernzuhalten, das aber die moderne Freimaurerei kaum zu ihrem Glück von ihnen übernommen hat, bot anschlägigen Betrügern eine Haiidhabe, deren Wert sie alsbald erkannten. Der Graf von St.' Germain und noch mehr Cagliostro benutzten die Freimaurerei im größten Matzstabe zur Ausführung ihrer betrügerischen Pläne. Si- führten den Schwindel des Hochgradwesens ein. indem sie die nr- sprünglichen drei Grade des Maurertums auf 33 und schließlich aus drei mal dreißig steigerten. Das gab eine Fülle von Bändern, Ab- zeichen, Gebräuchen und Aemtern, durch die man die Köpfe de- nebeln und der Eitelkeit gründlich schmeicheln konnte. Das Ge- schäft ging glänzend. In Deutschland wurde die Lage dadurch noch verwickelter, daß die Freimaurerei sich mit dem Jlluminaten- und dem Rosenkreuzertume begegnete und teilweise vermischte. Die englischen Logen hatten sich von diesen Kinderkrankheiten verhältnismäßig am meisten freigehalten, aber die endgültige und griindlickie Läuterung erfolgte von Deutschland ans. Lessing stellt die idealen Grundgedanken des Freimaurertums zum ersten Male in seinen Gesprächen„Ernst und Falk" hell und rein ins' Licht. Da- mals brach die Blütezeit des Freimaurerwesens an. Irrig ist frei- lich, daß die Freimaurerei als die Geburtsstätte der Humanitäts- idee anzusehen, vielmehr haben Männer wie Herder und Goethe den Humanitätsgedanken in das Maurertum hineingetragen. ö> bleibt aber sein Verdienst, ihn aufgenommen und schwungvoll ge- pflegt zu haben. Von Hanse aus war das Freimaurertnm Weltbürger! ich gesinnt und gerichtet. Allein in wachsendem Maße hat es..sich im 19. Jahrhundert national gegliedert und geschieden. Die angel- sächsische Maurerei wurde eine große Wobltätigkeitsanstalt. die deutsche wurde philosophisch. Das fränzösisch-italieMPsh''. Frei- maurertum aber entwickelte sich ganz zum politischen Zweckvcr- bände. Die Logen wurden eine Art volitischer Camorra, eine Watte in der Hand politischer Parteien. Eine Freimaurerei als.einheit- lich organisierte Welte in richtung gibt es jetzt nicht mehr. Schuhsshlen mit Metallüberzug. Die durch den Krieg bedingte Lederknappheit hat dazu geführt, die Haltbarkeit der Schuhsohlen durch Benageln mit kleinen Fleck- chen aus Leder oder Metall zu erhöhen oder sie mit Nägeln zu beschlagen. Diese Hilfsmittel erfüllen zwar ihren Zweck recht gut, aber sie sind unbequem beim Gehen, und sie sind geradezu Verderb- lich für die Fußböden, Linoleumbeläge und Teppiche in den Woh- nungen. Es ist deshalb von Bedeutung, daß nach einer Mitteilung des„Prometheus" Versuche von M. U. Schoost in Zürich, mit Hilfe seines bekannten Metallspritzversahrens Schuhsohlen mit einem haltbaren Metallüberzug zu versehen, von Erfolg gewesen sind. Sohlen aus Leder, Holz und Pappe können mit einem sehr fest hastenden lleberzug aus Aluminium oder Eisen von etwa ein Hundertstel Millimeter Stärke bespritzt werden und sind dann natürlich viel haltbarer als sonst, aber auch wasserdicht, und haben von. ihrer Biegsamkeit und Geschmeidigkeit nichts eingebüßt. Das Gewicht solcher Sohlen ist auch nicht nennenswert gestiegen, und Fußböden und Teppiche leiden beim Begehen nicht mehr als von gewöhnlichen Ledersohlen auch. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß diese Neuerung für stxüer Bedeutung erlangen wird, da man Ledersohlcn eine dauernde Haltbarkeit wird verleihen können, wenn man sie von Zeit zu Zeit mit einem neuen Metallüberzug versieht. Die Schoopschen Metallspritzapparate sollen soweit verbessert sein, daß ihre Handhabung in der Schuhmacherwerkstatt kaum noch auf Schwierigkeiten stoßen dürste. Notizen. — Hasenclevers Gedicht, das hier stark gekürzt ge- geben wird, steht in seiner Sammlung neuer Gedichte: Tod und Auferstehung(erschienen bei Kurt Wolfs in Leipzig). — Vorträge. In der Urania gelangt der Vortrag„Die Insel Rügen" Sonntag, Montag, Mitttvoch und Donnerstag zur DarsteUung. Dienstag und Freitag hält Oberleutnant Kühl über die erste Kriegsfahrt der„Möwe" einen Lichtbildervortrag. Sonn- abend spricht Professor Schwahn über„die Erscheinungen auf der Sonne".— In der Treptow-Sternwarte wird weiter der Vtarinefilm„Graf Dohna und seine Möwe" vorgeführt. Dienstag, abends 7 Uhr, spricht Dr. Archcnhold über„die Sternbilder und praktische Anleitung zu ihrer Auffindung". — Gegen die Einschmelzung der Glocken spricht sich eine Eingabe süddeutscher Künstlergeseltschaftcn, darunter der Akademien zu Stuttgart und Karlsruhe, mls. Darin wird der Wunsch ausgesprochen, den Bedarf der Heeresvertvaltnng an, Metall womöglich durch Einschmelzung von nwdcrnen öffentlichen Bildwerken zu befriedigen, wobei einzelne ausgenommen tverden könn. ten, und wenigstens bloß diejenigen Glocken zu enteignen und ein- zuschmelzen, die überhaupt ohne wissenschaftlichen, geschichtlichen oder künstlerischen Wert find. — Der K l c e als K r i e g s g e m ü s c. Als Bereicherung der Nutzvftanzenslora empfiehlt ein Forscher neuerdings auch den Klee. Der Gehalt der Kleepslanze an Nährstoffen stellt sich, den jüngsten Untersuchungen nach, sehr hoch. Getrockneter Klee ent- hält etwa die Hälfte des Stickstoffs der Hülsenftüchte, während sein Gehalt an Kalzium und Phosphor fast dieselben Zahlen zeigt wie die Hülsenfrucht. Der Geschmack des richtig zubereiteten Klee- gemüses erinnert an Spinat oder auch an den feiner Schnittbohnen. Bei der Zubereitung muß daraus geachtet werden, daß der Klee nicht zu lange kocht, weil er sonst zu stark ausgelaugt und leicht schleimig wird. Frischer Klee soll gut zerkleinert werden, wa? am besten mit Hilfe einer Hackmaschmc geschieht. JE i a a ehr änke erstklassiges Fabrikat mit Zink ausgeschlagen oder mit Glas ausgelegt. Tafelgeschirr.CiL Speiseteller............... 35 vt Abendbrotteller.......,..25 vi Kompotteller............. 20 9!. Suppenschüssel m«».».l...... 2" Kartoffelschllssel»......... 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Montag 8 ü.: Die Inael Rtlgen. ollo AUabendlioh Vi. Uhr; Das vlelnelilge Tariett-Programm I Die Kasse Ist ab 10 Uhr i Theater für Sonntag, den 24. Juni. Dciitsches Opernhaas ö'/.u.: Parsifal. Friedricb-WIlbelmstSdt. Theater. Ii. Arbeiter-Vorstellung: 3 Uhr; Figaros Hochzeit. f'/fU.; Das Drelmttderlhaa«. Oebr. Herrnfeld-Theater. tu o-: Das Fensionsschwein. Kleines Theater ti, u.: Bans im Sebnakenloel!. 3'/, Uhr; Am Teetisch. Komische Oper �8vhr-Dl0 Dose Sr. Majestät. Lustspielhaus .'/.Uhr: Die blonden HiidelM vom Dlndenhof. Xachm. 3>/, Uhr: Unsere KUte. Neues Operettenhaus Schifft d. 4a. Kassentel. Nord, 281 vuv.-. Der Soldat der Marie. Metropol-Theater vi, Uhr: Die Czardastorstin. Residenz-Theater tu uhr: Der Leibgardist. Schiller-Theater O T/.u: Ail-Heidelberg. Schiller Th. Uharlottenb. 7'/. uhr: KaramermBsik. Thalia-Theater »'/.uhr: Sonnwendzaobir. 3 Uhr; DI« rlrtllohu Verwandten. Theater am«»Ilendarfpl. S'l, Uhr; Immer fette druff I vi, u.: Die Bulaschkanone. Theater des Westent Tuv.t stolze Thea. 3'/, Uhr; Hasemanns Tdchter. Trlanon-Theater TU Uhr: Der Star. a'/s Uhr; Sfora. NATION AL-THEATER KBpanfoker Btr. m. Ueber 190 Male! Stürmischer Erfolg! v vbr Was junge Mädchen träumen I Poase mit Gesang nnd Tanz. Mnsfk von Walter Bromiae. Sonntag 3'/,: Schmetlerlingstchlacht v. Südermann. Vorverk. ab 10 P. A r k %ARBÄ1Y; lilllli'H !!i� � � I I I llllllllllllllllliiilliillltiiiiiiiilllliiiiiiilim . IN ALTER \QU ALITAT Walhalla-Theater. ÄZnni 28. Male: Zigeuner. GareenbüHne-Borstcllung. Rose«Theater. 7'/. uv- Der Maöö seiner Frau. Gartenb.: Berlin wie et liebt u. habt. V oigt-Theater. Badstr. 58. Badttr. 58. Täglicii große Extravorsteliung. Pieper und Sperling Erstklassiges Svezialitliten-Programm. Anj. Sonntags 4, VBft. Berliner Praler-Thealer Kastanienallee 7—9. Heute: Aha— famos! Kroge ZluSstattungs- Operettenposse in 3 Akten mit Gesang und Tanz. Vorher das grobe Variettpregramm. Jtejang i'U Uhr. Admiralspalast. 2 Vorstellungen, 4 u. Tl, Uhr. Nachm. kleine Preise. Abrakadabra. Großes phantastisches Ballett auf dem Eiaa. Abd. Einlaß? U. Vorzgl. KOeha. Angenehmer kühler Aufenthalt Spezial-Jlrzt Dp. med. Hasche, Friedriclistr. 90 s,ää BehandL von Mj'phtlls, Haut-, Harn-,Fpauenleld.,(pcj.chioiT. Fälle. Ehrlich-Hata-Kuren, schmerzlose, kürzeste Behandlung ohne Be- j russstörung. Blutuntersuchnng. Mag. 1 Meise. Tellzahlung. Sprechstunden ViW.« Zirkus A. Schumann. Rauchen gett. Kühler Aufenthalt 2 Große Vorstellungen 2 Nachm. S1/. u. abends 8 Uhr. I Nachm. 1 Kind Ire! nnt. 12 Jahren I sowie Sratlt-Pon)r-Ralten für I Kinder v.Logen bis Mittelbalk. I In beiden Vorstellungen; I p�Müs-Varie�-grVmm.l Bayr.Alpen-Spieie.| peppos kern. Dressur-Akt. Halali I 300 Gr. Militär- Konzert. Xo* i. fifl Pf Kinder Aqua J® dieH&lfte Zoo ab 6 Uhr SO bzw.»5 PL _ Aquarlnm. MOZARTfAAl Nollandorfplatz 5 M kxßm mit Henny Porten Reiebshallen-Theater. Stettiner Sänger. „Cabaret Feldgrau". Anfang VI, Uhr. Pur nilltttr- perxonen an den Wochentagen vollkomm, freier Zutritt zu den Stettin. Sängern! Letzter Sonntag d. großen Juni-Programms 2 Vorstettmigen 2 >1/ Nachm. ied.Brwachs.«3/ / 2 1 Kind frei. i U Spezialarzt Dr. med. WockenfnB, Friedrichstr. 128(Oranienb. Tor), für Syphilis, Harn- u. Frauenleiden— Ihrlleh-Hata-Kor(Dauer 10 Tage), Blutuntersuchung. Sohnelle, eichere schmerzlose Heilung ohne Berufs- 215)10] Störung. Teilzahlung. MI.