34. Jahrgang. ♦ Nr. 2S Heilage zum �vorwärts" Herliner Volksblatt Serlw, 15. Jull Das Äeö öer Sttaße 1g7Z. Bon Jakob Andorf. .Das freie Wahlrecht ist das Zeichea, in dem wir siegen":— nun wohlan! Nicht predigen wir hast den Reichen, nur gleiches Recht für jedermann. Die Lieb soll uns zusammenketten, wir strecken ans die Bruderhand, aus geist'ger Schmach das Vaterland, das Volk vom Elend zu erretten! von uns wird einst die Nachwelt zeugen; schon blickt auf uns die Gegenwart. Frisch auf! beginnen wir den Reigen, ist auch der Boden rauh und hart. Schlicht die Phalanx in dichten Reihen! je höher uns umrauscht die Flut, je mehr mit der Legeistrung Glut dem heiLgen Kampfe uns zu weihen! Auf denn Gchnnungskameradea, bekräftigt heul aufs neu den Bund, daß nicht die grünen hoffnnngsfaaten gehu vor dem Erntefest zu Grund. Ist auch der Sämiann gefallen, in guten Loden fiel die Saat: Ans aber bleibt die kühne Tat. heil'ges Vermächtnis fei sie allen! Einem Sieger aufs Grab. Von Friedrich Stampfer. .In Preußen wird es nicht anders, solange eS nicht Tote gibt!- Unvergeßlich bleibt mir die Szene: Es war ein kleines Cafo in Schöneberg, mir gegenüber saß auf dem rotbraunen Plüschsofa, der so sprach: Theodor Barth! Nie hatte ich erwartet, aus dem Munde eines fortschritt- lichen Parteiführers— Barth war damals noch Mitglied der freisinnigen Vereinigung— ein solches Bekenntnis zu der- nehmen, dessen leidenschaftliche Offenheit mich um fo tiefer crfchütlerte, als ich den Sprecher damals erst seit wenigen Wochen persönlich kannte. Wie war es gekommen? In stundenlangem Gespräch hatten wir die Frage aller Fragen, wie Preußen-Deutschland vom Dreiklassenwahlrecht befreit werden könnte/ noch einmal durchwühlt, und immer wieder waren unsere Gedanken an unübersteigbare Mauern angelaufen. Es gab keine Lösung oder doch nur eine. Barth sprach sie in tiefer Erregung aus. Nie hat sich eine Prophezeiung furchtbarer erfüllt als diese.„In Preußen wird es nicht anders, solange eS nicht Tote gibt I" Es hat Tote gegeben, und es wird in Preußen anders. Barth aber hatte nicht an 5krieg gedacht. Einer, der für das preußische Wahlrecht in den Tod ging, war Ludwig Frank. Nach seinem tragischen Ende ist viel darüber geredet und geschrieben worden, was ihn als Kriegsfreiwilligen hinaus- getrieben hat. Blasse Schwärmer, die den Entschluß zu einer starken Tat nicht verstehen können, sprachen von der Kriegs- Psychose eines Umlerners. Alldeutsche Patrioten meinten ge- rührt, Frank habe die Sünden, die er mit seiner sozialdemo- kratischen Kritik am Vaterland begangen hatte, wieder gut» machen wollen. Kleine Schmocks deuteten„diskret", wie sie nun einmal sind, als geheime Triebfeder seines Handelns die Sehnsucht nach dem Leutnantspatent an. Ein Filmdichter erfand schließlich die blonde Generalstochter und ihren adels- stolzen Papa, dessen Jawort sich der rote Rechtsanwalt draußen als braver Musketier erkämpfen wollte. Ich, der ich das Glück hatte, diesem wundervollen Menschen in jahrelanger Freundschaft nahezustehen, weiß, daß Frank für das preußische Wahlrecht in den Tod gegangen ist. Ich weiß es aus seinem Munde, und ich weiß, daß sein Entschluß nichts anderes war als eine blitzschnelle Einstellung auf den Barthschen Satz:„In Preußen wird es nicht anders, solange es nicht Tote gibt." Der Gedanke, daß es in Deutschland keine Möglichkest des Fortschritts gibt, so lange nicht das preußische Dreiklassen- Wahlrecht durch das allgemeine, gleiche ersetzt sei, hatte vor Kriegsausbruch Hunderttausende ergriffen. Nirgends aber brannte er lebendiger als in einem engeren Kreis von Politikern, dem Frank als hervorragendes Mitglied an- gehörte. Verständigung mit Frankreich und Demo- kratie in Preußen, das waren die beiden Leit- gedanken. Frank suchte nach einer Methode, das schwere Problem zu bewältigen. Er glaubte sie gefunden zu haben in der „Großblockpolitik" seines engeren Heimatlandes Baden, die er darum auf Preußen und auf das Reich zu übertragen wünschte. Als alle Versuche in dieser Richtung sich als der- geblich erwiesen, wandte sich seine Taktik zu schärferem Ra- dikalismus.„Ihr habt ja keine Ahnung, was Preußen ist, Ihr kennt nicht die Macht dieses Staates," rief uns Bebel warnend entgegen, als wir ihm die Notwendigkeit einer Preußenpolitik auseinandersetzten, die aufs Biegen oder Brechen eingestellt war. Frank ckber ging seinen Weg weiter und wurde ein Apostel des Wahlrechts-Massenstreiks. Viele lverden sich noch des tiefen Eindrucks erinnern, den es aus die ganze po- litische Welt niachte, als der„so gemäßigte" Sozialdemokrat in einer Volksversaimulung in Wilmersdorf den Massenstreik für das preußische Wahlrecht ausrief. Der sollte— das war Franks besondere Idee— nicht auf einmal ausbrechen, um nicht mit einemnial erstickt werden zu können, sondern er sollte „wie ein fliegendes Feuer" von einer Stadt zur anderen, von einer Provinz auf die andere überspringen und so das Wort wahr machen:„Keine Ruhe in Preußen, solange nicht das gleiche Wahlrecht erobert ist." Franks Gedanken gingen weiter. Er dachte— oft und oft haben wir darüber diskutiert— an die Bildung eines Freiwilligenkorps im Wahlrechtskampfe, dessm Auf- gäbe es gewesen wäre, die Massen in den Endkamps fortzu- reißen und persönlich vor keiner Konsequenz zurückzuschrecken. Das tvar durchaus keine vereinzelte Stimmung. Und es war auch nicht bloß Stimmung, es war der Blick des Politi- kers, der die tiefe Gärung in den Massen erkannte. 110 Abgeordnete im Reichstag, und doch, sozusagen, in ein politisches Getto gesperrt I Die stärkste Partei im Reiche, und doch ohne ernsten Einfluß, verfolgt und drangsaliert von dein kleinsten Polizeikommissar, mit sittlicher Entrüstung und unnahbarem Hochmut vom kleinsten Regierungsassessor über die Achsel an- gesehen— das war kein Zustand, der sich auf die Dauer er, tragen ließ! Mit jedenrmal hatten die Straßende monstratro» nen in Berlin und anderen Städten an Umfang und Leb- bafttgkeit zugenommen. Unser Eugen E r n st. der Hinden- bürg des roten Berlin, gewann über die blauen Jagow- Preußen seine lachenden Siege. Aber auch dieses Mittel der- fing nicht, die Arbeiter bekamen es satt, wehrlos vor klappern- den Pferdehufen und geschwungenen Klingen davonzulaufen. Wie ein Lauffeuer ging die Parole durch die Zahlabeude: Entweder das nächstemal Widerstand leisten oder überhaupt nicht wieder I In einer großen Stadt des Westens wollten die Genossen bewaffnet zur Demonstration antreten, und die Per- trauensmänner hatten die größte Mühe, sie von diesem Vor- haben zurückzuhalten. Das waren Anfänge und Vorzeichen. Die Atmosphäre war mit Elektrizität geladen. Da kam der Krieg! Frank, der mit dem jetzigen französischen Mimitions- ininister Thomas zusammen die Seele der Berner interparla- mentarischen Konferenzen war, sah das Werk seiner auswärti- gen Friedenspolitik zusammenbrechen. Aber in demselben Augenblick erkannte er, daß die Katastrophe des Krieges eine breite Bresche in die Mauer schlug, an der wir jahrelang zähuc- knirschend gestanden hatten. Der W c g z u r D e m o k r a t i e wurde ftei. Frank sprang vor. Als Kriegsfreiwilliger— und fiel! Hat er recht getan? Ich will eS nicht entscheiden! Ich wollte nur erzählen, warum er es getan hdL Der glückliche Optimismus, der ihm zu eigen war, hat d i e s e Greuel des Krieges gewiß nicht vorausgesellen. Unendlich höher als er es ahnte, sind die Leichenbergc getürmt worden, über die der Weg zu dem neuen Preußen-Deutschland ging. Und c r mußte unter den ersten sein, dann kanren die cuedcru, die uu- zähligeu... Es hat viel gekostet, bevor eS in Preußen anders Wardt Das allgemeine Stimmrecht. ... Mit dieser erfolgreichen Benutzung des allgemeinen Stimmrechts war aber eine ganz neue Kampftvcise des Prole- tariats in Wirksamkeit getreten, und diese bildete sich rasch weiter aus. Man fand, daß die Staatseinrichtungen, in denen die Herr- schoft der Bourgeoisie sich organisiert, noch weitere Handhaben bieten, vermittelst deren die Arbeiterklasse diese selben Staatsein- richtungen bekämpfen lann. Man beteiligte sich an den Wahlen für Einzellandtage, Gemcinderäte, Gewcrbegerichte, man machte der Bourgeoisie jeden Posten streitig, bei dessen Besetzung ein genügender Teil des Proletariats mitsprach- Und so geschah es, daß Bourgeoisie und Regierung dahin kamen, sich weit mehr zu fürchten vor der gesetzlichen als vor der ungesetzlichen Aktion der Arbeiterpartei, vor den Erfolgen der Wahl als vor denen der Rc- belliom ... Was aber auch in anderen Ländern geschehen möge, die deutsche Sozialdemokratie hat eine besondere Stellung und damit wenigstens zunächst auch eine desondere Aufgabe. Di« zwei Millio- Die rote Sonne. Von Aage von Kohl. Sutorifierte Uebertragung von Neil Walden. Die Brauen des Generals Noku lagen, dicke weiße Schrägstriche, über seinen Augen. Es bildete sich immerzu ein kleiner Knoten in seiner Kinnlade, wenn er die Zähne zusammenbiß. Ab und zu riß er unbewußt an dem Zügel. Das Pferd kaute immerfort den Zaum und scharrte mit dem rechten Fuß in der Erde, daß daL Gras herumflog und schwarze Erdstreifen bloßlagen. „Jetzt sind sie am Hügel angelangt!" sagte der General mit scharfer Stimme, die man immer deutlich hörte, auch * wenn er leise sprach. Mit seiner Rechten hielt er das Fern- glas vor die Augen, das schwarze dreieckige Rohr bedeckte bei- nahe das ganze Gesicht. Ein blankes Stück Lcder, das am Fernrohr festhing, lag über Mund und Kinn. „Ja, da sind sie, gleich da unten!" antwortete einer der Offiziere, in unbewußter Höflichkeit gegen den Chef. Der General starrte nur. Seine Füße in den Steig- bügeln bewegten sich unaufhörlich, seine Schenkel hatten die Haut auf den Seiten des Pferdes in Teppiche verwandelt. Die Offiziere hielten in einer Gruppe hinter ihm. Es klirrte immerzu von ihren Säbeln und Steigbügeln, wenn die Pferde sich bewegten oder auf dem Zaum kauten. Alle, alle starrten sie durch die Fernrohre wie der General— ein Anblick wie von einer Gruppe Maskierter— alle sahen sie hin zu jener kleinen viereckigen Schanze, das Ziel des Kampfes. Sie lag, in dieser Entfernung, als wäre sie mit einem Finger in losen Sand gezeichnet. Ein bißchen vorgeschoben mitten in der bauchigen Linie der russischen Stellung, eine Nase im Gesicht. Es führte ein weißer gerader Weg— wie eine Rampe— hinaus zur Vorderseite der Schanze, setzte sich hinten fort und verschwand in dem Schießgraben. Die beiden Seiten der Rampe: steile beinahe senkrechte Abhänge. Als wäre diese Schanze ein Tisch, iu die Mitte der russischen Stellung gebaut. Ein Stückchen unten, am Fuß der Rampe, schob sich eine lange Wellenlinie vor. Sie machte Hall, wurde ein bißchen flacher und breiter, weil die Mannschaft sich auf die Erde niederwarf, und kleine weiße Rauchwolken stiegen auf: es waren zwei neue Kompagnien, die die Schanze nehmen mutzten. Sie nehmen mußten, weil sie die Tür zu der ganzen russischen Stellung war. Sie nehmen mußten— koste es was es wolle— weil das Vorwärtsdringen der ganzen Monate darauf gerichtet war, daß dieses Tages Kampf zum Siege führe. Sie nehmen mußten, aber noch nichts erreicht hatten, obgleich der General Mal auf Mal neue Abteilungen hingeschickt hatte. Die Rampe hatte nur Platz für ein paar hundert An- greiser, immerfort versuchten die Soldaten heranzukommen, vergebens. Dreimal schon hatte General Noku Order gegeben, daß die Schanze genommen werden sollte. Dreimal hatten ein paar hundert Mann, rasend verzweifelt, zum Aeußersten ge- hetzt, versucht, seine Order auszuführen. Dreimal schon waren sie zurückgetrieben. Weil ein vierzehn Meter langer Stachelgürtel, ganz oben auf dem Abhang, jedesmal die Kompagnien zum Halten brachte: dann guckten die Köpfe der Russen über die Brust- mauer der Schanze hervor, und ein Sturm von Stahl ging verheerend über die Angreifer. Ein paar Minuten und nur die Hälfte war noch lebend, sie stürzte sich zuletzt Hals über Kopf in wahnwitziger Eile den Abhang herunter. So mußte die Artillerie einen neuen Angriff vorbereiten. Und von achtzig Kanonen flog das Feuer, wie ein Vulkan, über die kleine Schanze, aber die Russen verschwanden hinter den hohen deckenden Mauern von Erde, die vor der Brüstung ge- graben waren. Schon dreimal hatte der General versucht, die Schanze zu bekommen— und kein einziges Mal kam der Angriff weiter als bis zu diesem Stachelgürtel. Aber davor lagen Haufen auf Haufen Tote und Sterbende; und immerzu drang von diesen Massen ein furchtbares flüsterndes Klagen, das hing in der Luft wie meilenweit? angstvolle Musik. Der Laut füllte das Ohr und bemächtigte sich aller Nerven. Es ging wie tausend schnelle Stiche durch das Herz, es stiegen die Haare, kalte Spitzen, auf dem Kopf. Zum drittenmal war der Angriff zurückgeschlagen, der General hob eine Sekunde mit der zitternden Hand das Fernrohr, aber seine Augen ivaren geschlossen und die Lide zuckten, während das Fernrohr sie verdeckte. „Leutnant Futo I" sagte er kurz darauf mit schneller heißer Stimme— es gab einen Ruck in den Offizieren, als sie sie hörten. Er starrte immer noch auf die Schanze, seine Lippen wurden ganz dünn und die Winkel zogen sich hin- unter vor Energie. Futo bog sich nach vorn, während er die Sporen in die Seiten des Pferdes begrub. Das Pferd tanzte auf allen vier Beinen— wie berauscht von dieser Schmerzmusik, die die Lust füllte. Futo zwang das Tier zur linken Seite des Generals. „Oberst Katama wird noch zwei Kompagnien gegen diese Schanze setzen. Aber schnell I" sagte der General, und seine Stimme war wieder ganz natürlich— so wie immer— während er jetzt mit zehn Worten, zum viertcnmal in zwei Stunden, auf diesem Platz dreihundert Mann in den Tod sandte. „Jawohl, Herr General!"— Futo grüßte. Das Pferd hob die Vorderbeine, als er die Zügel nahm, es wieherte und ein weißer Strich Schaum flog aus dem Munde. Leutnant Futo bog seinen Körper über zur linken Seite des Pferdes, drehte das Tier herum, gab ihm lose Zügel und mit einem gewaltigen Ruck sauste das Pferd davon, den Abhang hinunter und vcr- schwand, man hörte nur eine Sekunde das schnelle, harte Dunk-Dunk der Füße. Aber im Gesicht des Generals wurden die Züge plötzlich ganz scharf. Er schien mir einmal tödlich mager. Man sah die Schatten und die Umrisse der Zähne auf der Oberhaut. Kapitän Noku, der Sohn des Generals— er war gestern Kapitän geworden und heute zum Stab des Generals der- setzt— bog seinen Nacken zurück und versuchte einen Seufzer zu unterdrücken, er merkte nicht, daß auch alle Kameraden es machten, um ihre Unruhe und Angst zu verbergen. Es war ja nicht nur ein Kampf ihrer Brigade. Nein, die ganze Armee, die weit, weit rechts kämpfte— der Laut der Kanonen ging wie ein Erzgesang durch die Luft— diese Armee hatte ihre Brigade ausgesandt, um die kleine befestigte Schanze zu nehmen. Alles hing davon ab, das kleine befestigte Fleckchen Erde war die Entscheidung des genzen Krieges. neit WiMer. die sie an die Urne schickt, nebst den jungen Männern und den Jrauen, die als Richtwähler hinter ihr stehen, bilden die zahlreichste, kompakteste Masse, den entscheidenden„Gewalthaufen' der internationalen proletarischen Armee. Diese Masse liefert schon jetzt über ein Viertel der abgegebenen Stimmen; und wie die Einzclwahl für den Reichstag, die einzclstaatlichen LandtagSwahlcn� die Gemeinderatt« und GewerbegerichtSwahlen beweisen, nimmt sie unablässig zu. Ihr Wachstum geht so spontan, so stetig, so unauf« haltsam und gleichzeitig so ruhig vor sich wie ein Naturprozeh, Alle Regierungteingriffe haben sich ohnmächtig dagegen erwiesen. Auf 2% Millionen Wähler können wir schon heute rechnen. Geht da» so voran, so erobern wir biS Ende de» Jahrhundert» den größeren Teil der Mittelsckiichten der Gesellschaft, Kleinbürger wie Klein dauern, und wachsen au» zu der entscheidenden Macht im Lairde, vor der all« anderen Mächte sich beugen müssen, ob sie e» wollen oder nicht. Friedrich Engel». Vorrede zu Marx»Die Klassen- kämpf« in Frankreich"'. die Konservativen unö öas gleiche Wahlrecht. von Heinrich Tu now. Der Erlaß vom 11. d. M„ der die baldige Einbringung em«S preußischen Gesetzentwurfs auf der Grundlage des all- gemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts ver- kündet, hat in der konservativen Presse starke Verstimmung und Wehklagen ausgelöst. In verschrobenen Redensarten, die sich im konservativen Jargon eines recht ehrwürdigen Zklterö erfreuen und größtenteils schon aitS dem„tollen Jahr" 18.18 und der ihm folgenden Reaktionöperiode herstammen, wird von der Bernichtung der preußisch- in on- archischen Autorität, der �ertrüninierung der histori- schen Grundlage oder auch der historisch-organischen Gliedc- rung Preußens, von der Unterbrechung der Kontinuität des preußischen Staatsrechts usw. gesprochen. Für iden. der einigermiaßen die alten Jahrgänge der ehr- samen..Kreuzzeitung, die StaatSrechtSsophistik des seligen Herrn Friedrich Julius Stahl und die Memoiren konserva- tiver Größen, wie z. B. die Tagebücher des bekannten einsti- genKreuzzeitungS-Rundschauers, des Herrn Ernst Ludwig von G c r I a ch, kennt, altvcrtrautc Klänge, die keineswegs wie so manche Weinsorten durch ihr Alter an Güte gewonnen haben. So erklärt z. B. die in der„Kreuzzeitung" vcröffent- lichte Protestresolution des konservativen Parteivorstandes. das gleiche Wahlrecht entspräche„nicht der Eigenart und der historischen Vergangenheit des preußischen Staates" und sei geeignet,„das feste Gefüge Preußens zu erschüttern", wäh- rcnd gleichzeitig die geistesverwandte„Deutsche Tageszeitung" durch die Einfühmig des gleichen Wahlrechts die ganze Grundlage der Autorität vernichtet findet, durch die Preußen „auf unvergleichlich erfolgreick)er Bahn zur Höhe geschritten und uns den neuen deutflfym Staat geschaffen hat". Solchem Gerede von organisch-historischer Gliederung und Wahrung der histarisrhen Rechtskontinuität gegeniiber muß betont werden, daß das preußische Dreiklassewvahlrecht weder aus der alten organisch-historischen Gliederung Preußens I/erausgowallstHN, noch unter Wahrung der Rechts� kontinnität entstanden ist, sondern seine Entstehung einfach einem Gewaltakt verdankt. Nachdem die Sieger deö 18. März den, Romantiker Frie- brich Wilhelm IV., der bis dabin, beherrscht von der absolu- tistischen Idee, nickt gewollt hatte, daß„ein Blatt Papier sich zwischen ihn und sein Volk dränge", das Zugeständnis des gleichen Stimmrechts abgerungen hatten, ging die konstituie- renden Nationalversammlung des Jahres 1848, die an die Stelle des auS den Provinziallandtagen zusammengesetzten Landtages trat, aus allgemeinen, gleichen und ge- Heimen, wenn auch indirekten Wahlen hervor. Doch nicht lange sollte sich Preußen dieses Wahlrechts erfreuen. Schon Ende November verlegte das Ministerium Brandenburg die Nationalversammlung von Berlin nach Brandenburg, und wenige Tage darauf, am ö. Dezember, erfolgte die Auflösung der Versammlung. Gleichzeitig oktroyierte das Ministerium eine neue Verfassung, durch die mit einem Schlage alle söge- nannten„unselbständigen" preußischen Wähler, ungefähr 7 000 an der Zahl, ihres Wahlrechts verlustig gingen. Aber auch die auf Grund dieser dem preußischen Volk aufgezwunge- nen Verfassung neugewählte Kammer schien der Regierung nicht gefügig genug. Auch die neue„Volksvertretung" verfiel daher am 27. April 1849 der Auflösung; und nun hob die Re- gierung kurzweg auf Grund des sogenannten Notstands- artikels, der der Krone das Recht zusprach, in Abwesenheit der Kammern dringende Gesetze zu erlassen, daS gleiche und ge- Heime Wahlrecht aus und oktroyierte durch eine Verordnung vom 30. Mai 1849 daS Dreiklasfenwahlrscht— jedoch nur als vorläufiges Recht. daS laut VersafsungSartikel 115 nur so lange in Kraft bleiben sollte, bi« daS im Artikel 72 vorge- sehene Wahlgesetz eingeführt sei. Es ist diesen Tatsachen gegenüber geradezu lächerlich, von einer organischchistorischen Grundlage des Dreiklossenwahl« rechts, von strenger Wahrung der Rechtskontinuität usw. zu reden. DaS jetzige preußische Wahlrecht verdankt vielmehr der Geivalt sein Entstehen. ES ist ein oktroyiertes interimistisches Recht; das ebenso wenig„organisch" erwachsen ist, wie z. B. daS von dm Konservativm so hoch ge- schätzte Herrenhaus. Zunächst wurde das Dreiklassmwahlrecht auch in den seudalkonservativcn Kreisen vielfach nur als eine Art Not- standsgesetz betrachtet. AIS eS dann aber der feudalen Raak- tion die Ooerhand verschaffte, fand man sich vergnügt mit ihm ab. Diese Vorliebe dauerte jedoch nur so lange, als es dem konservativen Machtstreben diente. Sobald auf Grund des Dreiklassenwahlrecksts der Liberalismus das Ueberge- wicht im preußischen Abgeordnetenhause gewann, schlug die Stinimung bei den Feudalkonservativen um. Nun wurde eL als plutokratisch. geldaristokratisch, grob-materiolistisch. als politisches Repräsentationssystem des schachernden Geldkapi- tais usw. verschrien, besonders nachdem die 1861 gegründete Deutsche Fortschrittspartei bei den Wahlen am 6. Dezmber 1861 die Mehrheit im Abgeordnetenhaus erlangt nnb nach dessen Auflösung am 11. März 1862 mit stattlicher Majorität zurückgekehrt war und nun alsbald mit dem an die Spitze des preußischen Ministeriums getretenen Bismarck in Konflikt ge- riet, und zwar war es gerade die extrem feudalkonservative Richtung, die Kveuzzeitungspartei. die nun am heftigsten daS Dreiklassenwahlrecht angriff und sich für die Einführung deö allgemvmen gleichen und direkten Wahlrechts in Preußm aus- prach. Vor allom kommt der Leitartikel der„Kreuzzeitung" vom 18. April 1866 in Betracht, der, von Bismarcks AdjunktuS Hermann Wagener verfaßt, genau Bismarcks eigene Auf- fasfung und die seiner nächsten Parteifreunde wiedergibt. In diesem Artikel erklärte sich zwar das feudalkonscrvatwe Blatt für eine„der natürlichm Gliederung des Volkes entsprechende ständische Grundlage der Wahlen", vertrat dann aber die An- ficht,„daß nichts weiter ab von einer ständi- schen Vertretung liegt, alsdasgegenwärtige Zensuswahlsystem mit Wahlmännern", denn dieses System sei nichts anderes,„als die Repräsen- tation des Geldkapital» mit dem lügneri- schen Schein, daß«S eine Vertretung de» ganzen Volkes wär e". ES begünstige lediglich den gemeinsten MaterialiSmu«...Einem so traurigen System gegenüber halten wi r". heißt«S wörtlich in dem Artikel.„daS allgemeine Wahlrecht für einen wirklichen Fortschritt". In der Begründung dieser Ansicht meint bo« Blatt, daß gegenüber der allgemeinen Militärpflicht daS allgemeine Stimmrecht als ein schwer abzuweisendes Korrelat erscheint, und daß jedenfalls, um die bekannten Aus- drücke zu wiederholen, die Blutsteuer ebenso schwer wiegen sollte, als die Gewerbesteuer", zudem sei, da eine wirklich ständische Vertretung sich nicht schaffen lasse,„das a l l g c- meine Stimmrecht das einzige, das Logik und Prinzip enthäl t". Dagegen sei das preußische Wahlrecht eine Verhöhnung der Bürger dritter Klasse und leide überdies an dem Grundfehler, daß es die Volksvertre» tung aus„ausgesprochenen Minoritätswahlen" hervorgehen lasse. Deshalb müsse ein Mittel gefunden werden,„dos Wahlrecht der Masse der Bevölkerung wertvoll und, soweit möglich, auch zu einer Wahlpflicht zu machen und einen Wahl- modus zu etablieren, welcher Minoritätswahlen von 11 Proz. der Bevölkerung für die Folge unmöglich macht". Bekanntlich hat Bismarck im nächsten Jahre diese Aus- füihnmgen seines Bertrauten dadurch bestätigt, baß er daS preußische Dreiklassenwahlsystem als das widersinnigste und elendeste aller Wahlsysteme bezeichnete. Als dann auf Grund des Dreiklassenwahlrechts die Kon- servatwen wieder die herrschende Stellung im Ad- geordnefenhause gewannen, änderte sich freilich damit auch wieder ihre Ansicht über den Wert dieses„aller Logik ent- kehrenden" Wahlrechts. Es wurde nun in der konservativen Presse wieder zu einem höchst wertvollen System, das als Gegengewicht gegen das angeblich grod-materielle Reichstags- Wahlrecht unbedingt erhalten bleiben müsse. Wie über so viele andere staatliche Institutionen haben auch über das Drei- klassenwahlrecht die Ansichten der Konservativen sich immer nach den Vorteilen gerichtet, die es ihnen für die Durchsetzung ihrer Machtansprüche bot. Das Bemerkenswerteste aber ist, daß sich damals Bis- marck und ein Teil seiner Gesinnungsgenossen tatsächlich mit dem Gedanken trugen, d a S allgemeine Stimmrecht auf dem sogenannten Verordnungswege in Preußen wiederherzustellen, das heißt es kurzweg zu oktroyieren. Die schon erwähnten Tagebücher Ludwig von Gerlachs liefern dafür schöne Beweise, tvenn er auch selbst die Oktroyierungspläne der Konservativen nicht billigte. So ver- merkt v. Gerlach über eine Unterredung mit Bismarck, die am 4. März 1863 stattfand, daß der Ministerpräsident nötigen- falls eine Beseitigung des Dreiklassenlvahlrechts projektiere. Und am 16. März, nach einem Gespräch mit Moritz von Blau- kenburg über den damaligen Konflikt zwischen der Fort- schrittspartei und Bismarck schreibt er:„Alles drängt auf Taten, sonst werde es immer ärger— so Bernd. Moritz. Senfft-Sandow— und versteht unter Taten: Ok- troyierung von Preß- und Wahlgesetze n". Auch in einem Brief vom 23. Februar 1866 an Frau v. Bismarck rät v. Gerlach dringend von allen Oktroyicrungs- planen ab, und in einem weiteren Brief vom 22. März 1866, der ebenfalls an Frau v. Bismarck gerichtet, aber für ihren Gatten bestimmt war, heißt es erneut:„Setzen Siekeine Oktroyierungsgedanken in Kur s." Wer sich alle diese Vorgänge ins Gedächtnis zurückruft, den kann es nur heiter stimmen, tvenn heute feudalkonscrvativc Blätter den Untergang Preußens nebst aller organisckeu Glic- derung und Rechtskontinuität verkünden und eine Oktroyie- rung des gleichen Stimmrechts als eine gegen alle heiligen Grundsätze des Staatslebens gerichtete Gewalttätigkeit he- zeichnen. Die Erfahrung lehrt, daß solche Grundsätze immer für sie nur so lange Gültigkeit hatten, als ihr politisches Interesse das erforderte. Die Sta'el in Weimar. Da« gab kein« gering« Aufregung in der Weimarer Gesellschaft. als es gewitz ward, datz Frau von Staöl Weimar besuchen werde. Etwa» Abwechslung konnte man in der kleinen Residenz ja immer brauchen— und nun gar eine so vielversprechende Abwechslung I War doch die GtaSl eine der berühmtesten Persönlichkeiten in der europäischen Gesellschaft jener Zeit, und vielen galt sie al« die geist- reichste aller damal» lebenden Frauen. Auch die Großen von Wei« mar, denen die Französin durch den gemeinsamen Freund Wilbelm Ein bißchen nach rechts sah man Leutnant Futo. in einem Bruchteil einer Sekunde, wie eine Welle, über den Hügel reiten. Kurz danach konnte man hören, daß die Artillerie Order erhielt, zum vierten Mal den Angriff des Fußvolks durch mächtige Salven vorzubereite». Solange die Schanze mit Feuer befpritzeu, bis man riskierte, die eigenen angreifenden Soldaten zu treffen. Die Artillerie war hinten rechts gesammelt. Hinter dem Hügel, wo der General mit seinem Stab stand. Der dünne grau« Rauch ging in Kiffen. Strichen und Windungen nach allen Seiten, man sah die Mannschaft wie durch mattes Glas. Plötzlich wurde eS still: die Kanonen schwiegen, als wollten sie aufatmen und Kräfte sammeln. Alle Stabsoffiziere hoben ihre Fernrohre. Das Fußvolk � die zwei neuen Kompagnien— gingen wieder vorwärts. Die dunkle Linie glitt, wie eine Welle, schnell den Abhang vorwärts. Jetzt ivaren sie am Stachel Jürtel angekommen, und im selben Augenblick sah man die öpfe der Russen wie eine dunkle Botte auf der Brüstung und die Kugeln der Flinten fuhren durch die Massen. Ein paar Minuten ein wilder vcrnunftloser Wirrwarr, in dem Fernrohr sah eL auS wie riesengroße Spinnweben. Die vordersten Soldaten lagen oder hingen in Mengen über den Spitzen deL Stachelgürtels. Die Nachkommenden suchten Deckung durch die Leichen, oder liefen herauf und versuchten auf die Weise durch das Gitter zu drängen. Aber daS Feuer der Russen fuhr unter die Menschen- lagen. Weniger und weniger bewegten sich— und der zitternde Schmerzenslaut drang wieder— gemischt mit hohen scharfen Schreien— wie die Stimmen der Solisten in einem Chor— durch die Luft. Und der General verstand, daß eS auch diesmal umsonst war. Er sank zurück in den Sattel, seine Hände zitterten wie im Fieber. Die Gesichtszüge waren auseinandergefallen und um seinen Mund lag Angst und Grauen— in dem Augenblick geboren, als er sah, wie die letzten Soldaten über die Leichen ihrer Soldaten krochen, um über den Stachel- gürtel zu kommen. Wie mit einem Messer geschnitten hatte sich dies häßliche Grauenhafte in seiner Seele festge- graben. Er hörte nicht, daß die Batterie hinter ihm im tierischen Geheul wieder Feuer gab. Er hörte nicht die Schmerzens- lautc und daS Stöhnen der Offiziere hinter ihm. Und er sah nicht, daß ein Regenschauer vorüberging wie ein grauer metallglänzender Teppich von Perlen. Er fühlte nicht, wie seine Kleider durchnäßt wurden, schwer und klebttg. Eine Granate schlug in die Erde vor seinen Füßen. Mit einem Sausen. Wie ein großer Vogel. Mit Dröhnen barst die Erde, und die Granatstücke flogen summend durch die Lust. Ader im Gehirn des Generals saß nur das eine Bild und seine Lippen wiederholten immerfort:„unmöglich. UN- möglich, unmöglich!" Er hob daS Haupt und wollte einen Ordonnanzoffizier rufen. Aber da ttitt ein ganz junger Leutnant vom siebzehnten Regiment an ihn heran. ..Wa» wollen Sic V" Der General fragte so schnell, al» wäre nur eine Silbe in dem Satz. Der Leutnant bog sich vor, sein Gesicht war von Eifer ganz unbeherrscht: „Ich melde vom siebzehnten Regiment: eS sind vier- hundert Freiwillige. Sie wollen versuchen. Gegen die Schanze!"— Seine schmale Brust, worauf die schwere Bronzemedaille hing, hob sich heftig von dem schnellen Reiten. „Vierhundert Freiwillige!" wiederholte er, ohne eS zu wissen. Die Mütze hatte er verloren, er merkte eS nicht, und hielt fest seine Rechte am Ohr. General Noku starrte inS Ferne. Wieder wirbelte eS in seinem Gehirn: unmöglich, aber eS mutz gemacht werden. Unmöglich, aber er will eS machen I Der lange Leutnant Hinto hob sich in den Steigbügeln und zeigte über Kapitän NokuS Schulter: „Adjutant vom Generalleutnant!" Nach einer Sekunde war der Adjutant da. Sein Pferd, schweiß- und schaumbedeckt, stellte sich auf die Hinterbeine. eS sah aus, als wollte das Tier die Vorderbeine in den Rücken des jungen Leutnants vergraben. „Die Brigade muß vorwärts. Gleich! Der General kann nicht darauf warten, daß Sie Ihre Pflicht tun. General Noku l' schrie der Adjutant, und seine Hände saßen wie Stahlklammern um die Zügel des Pferdes, dessen Maul weit offen stand. Noku starrte in die Ferne: alS wäre er blind, oder sahen seine Augen vielleicht nur dieS BUd von Sterbenden, die über Tote kriechen. Dann mit einmal nickte er. Der junge Leutnant wiederholte zum drittenmal, ganz heiser vor Eifer»— seine junge Stimme stolperte: „Vierhundert Freiwillige, dürfen sie herangehen?* Der General drehte seinen Kopf, langsam, und sah sich die Offiziere an. Langsam, langsam glitt sein Blick über sie, und ein hartes, eigentümliches Lächeln lag um seine Lippen. Er hatte ein Mittel gefunden, die Schanze zu nehmen, aber welches, das wußten sie nicht. „Ja!" sagte er, und sah sich nochmals die Offiziere an. feine Stimme war ganz trocken. Die Offiziere verstanden, daß die Idee sein ganzes Blut vertrieben hatte. :lic Freiwillige»— Lmrtea vielleicht, wenn sie—— k" Und er schwieg, als wäre sein Plan so, daß er nicht wagle, ihn zu sagen. Kapitän Noku begegnete dem Blick seines VaterS, und es ging ein hastiges Lächeln über fein blasses schmales Gesicht; „Ja I" sagte er mit seiner Stimme, die kaum glauben ließ, daß er dreiundzwanzig Jahre war,„Ja, allein auf diese Weise ginge es. Vater!" Er hatte vergessen, daß er zu dem General sprach. Auch in ihm saß dies furchtbare Bild des letzten Angriffs— und er hatte gleich beim Lächeln des Generals verstanden, waS für einen Plan der Vater hatte, der ihm das Gesicht mit einmal ganz grau machte. Noku nickte. Er winkte mit der Hand dem Adjutanten des Oberkommandanten zu und seine Augen ruhten auf dem Sohn:„Ja. du führst die Freiwilligen!" Der Kapitän legte seine Hand an die Mütze. Die Offiziere atmeten ganz kurz. Ihre Augen gingen vom General zum Kapitän. Aber Noku hob sich halb im Sattel. er neigte sich zu dem Sohn. „Sag eS ihnen, sag eS den Freiwilligen, daß du mein einziger Sohn bist, sag eS ihnen, daß der Kaiser dich Held genannt hat, daß er dich gestern zum Kapitän gemacht hat, dreiundzwanzig Jahre alt I Aber dich gebe ich, weil du ihnen zeigen mußt, wie sie ihre Pflicht tun sollen. Geh!" „Geh I"-- rief er, hob sich in den Steigbügeln und ritz die Mütze von seinem Kopf. „Geh, und zeige ihnen, wie sie für ihr Land sterben sollen!" Und alle Offiziere rissen unbewußt die Mützen von den Köpfen und hielten sie in den Händen, die Arme gerade an den Seiten, Kapitän Noku ritt fort in fliegendem Galopp, um den Freiwilligen zu zeigen, wie man die Schanze nur nehmen könnte. Der fremde Adjutant und der kleine Leutnant waren weggeritten. DaS Gesicht des Generals Noku war ganz anders geworden, ganz ruhig. Ein sicheres, siegesbewußtes Lächeln zeigte sich um seinen Mund. „Was'meint der General?"— der lange Leutnant Hinto neigte sich zu seinem Seitenkameraden und sprach so still, daß eS kaum zu hören war. Er wollte nicht daran glauben, was er gehört hatte, er wollte es nicht glauben.—„WaS meinte er wohl damit, daß es nur ein Mittel gäbe, diese Schanze zu nehmen?" Leutnant Guji sah immerfort auf sein linkes Knie, er glättete mit der Hand darauf, als wäre da etwas weg- zuwifchen—:„Ich weiß nicht!* antwottete er unwillig— „ich kann es mir doch nicht denken---" Er schwieg mit offenem Mund und schwarzen Augen— und Leutnant Hinto verstand, daß auch er es wußte, aber eL nicht zu wiffen wagte. Die ander» Offiziere hatten auch denselben angstvolle» don Humboldt wiederholt und berständniSboll empfohlen worden war, halten sich mit der Persönlichkeit und den Werken der merk« würdigen und ungewöhnlichen Frau mehrfach eingehend beschäfligt und waren von aufrichtigem Anteil für sie und für ihr Schaffen erfüllt. Nur— sie hatte keine günstige Zeit für ihren Besuch gewählt. Dieser Winter von 1803 auf 1804 war recht trübe. Klopstock war eben gestorben, Herder lag in den letzlen Zügen. Schiller kämpfie schwer mit seiner Krankheit, der er mit übermächtiger Geisteskraft den.Tell' abrang, und Goethe, mit mannigfachen Geschäften be« lastel. von der schlechten Jahreszeit bedrückt, hatte sich nach Jena zurückgezogen. Weder er noch Schiller waren eigentlich in der Stimmung, gerade jetzt die Staöl zu empfangen, und beide sahen dem berühmten Besuche mit einiger Sorge entgegen. Besonders aber Schiller, desien Französisch nicht im besten Stande war und der sich daher vor der Zungengeläufigkeit der Staöl einigermaßen sürchtele. Endlich kam sie. Es war am 13. Dezember des Abend», und schon am nächsten Tage speiste sie bei Hofe. Dort hatte sie einen großen Erfolg. Eine Schönheit war die Stabl wohl nicht; ihre mittelgroße Figur war etwas ins Dickliche geraten, und ihr Gesicht hatte, wie Henrielte Knebel berichtet, etwas Mohrenartiges. Den- noch war sie eine anziehende Erscheinung: gut gekleidet, mit schwarzen Augen und Haaren, und die Augen waren schön, vor allem aber unendlich lebhaft und geistreich. Sie hatte nichts Ge« fpreiztes und Gezierte», nicht« lleberspannteS und Halb- reife«, sondern erschien„bei aller ihrer Feinheit gesund". Was der bedächtigen Weimaraner Gesellschaft an dem fremden tesucher aber vor allem aufsiel, daS war ihre Sprachgeläufigkeit. ie sprach unermeßlich schnell und unermeßlich viel. Sie ermüdete nie, zu fragen, zu plaudern, zu erzählen und wieder zu fragen, und sie setzte vorau», daß auch die anderen darin nie ermüdeten. An diesem Abend lernte sie auch Schiller kennen. Er trug beim Tee der Herzogin die Hofuniform, und sie hielt den steifen langen Mann zuerst für einen— General, lieber ihren Irrtum aufgeklärt, trat sie alsbald in das lebhafteste Gespräch über Dichtung und Philo« sophie mit ihm ein und demonstrierte dem deutschen Dramatiker straks die unbedingte Ueberlegenheit de? französischen DramaS vor. lind Schiller— diese lautere Seele: in seinem mühsamen Französisch antwortete er ihr langsam, ernsthaft, eingehend; er ließ sich nicht verdrießen, nicht verblüffen und nicht ermüden, und so hohen Ein- druck machte der ernste deutsche Dichter aus die quecksilbrige Fron« zösin, daß sie später bei der Erinnerung an ihn begeistert ausrief: .ES ist eine schöne Sache um die Unschuld im Genie und die Lauterkeit in der Kraft." Bald wirbelte sie überall herum: bei Hofe, beim alten Wieland, den sie entzückte, bei Schiller, der, je länger er mit dieser unbesieg« baren Lebhastigkeit zu tun hatte, um so bedenklicher wurde. Aber Goethe I Er ließ sich nicht aus seinem Jena herbeilocken; und als er schließlich herüberkam, da wa er erst krank, und dann nicht immer zu haben. Die Stail war nicht ganz damit zufrieden, daß Goethe ihr nicht zu jeder Zeit zur Verfügung stand. Immerhin haben sie wiederholt Besuche ausgetauscht und sind sich auch sonst in der Gesellschaft begegnet. Wie ging cS zwischen ihnen her? Goethe war für die Reize de» französischen Besuche» nicht gleich« gültig und den Geist der Staöl wußte er wohl zu schätzen. Allein sie beging eine Unvorsichtigkeit, indem sie andeutete, sie würde ihre Unterhaltungen mit ihm drucken lassen. Grund genug für Goethe, den» Gaste gegenüber doppelt vor-� sichtig zu sein: und so fand Frau von Staöl den Dichter des leidenschaftlichen Werther nicht seilen kühler und zugeknöpfter, als sie sich ihn vorgestellt hatte. Im übrigen nahm Goethe die unermüdlich fragende und redende Französin nicht ganz so ernst. wie der biedere Schiller. Er pflegte ihr zunächst immer mit einein Späßchen zu antworten; und wenn sie sich dabei nicht beruhigte, so trieb er mit ihr ein wenig Katze-und«MauS-Spiel. Er hat da« selber drollig geschildert..Ich treibe sie in die Enge, wenn sie »äsonniert. Erst vermauere ich sie auf dieser Seite, dann auf jener. Dann will sie entfliehen, und kann nicht vor« noch rückwärts. Sie gibt sich einen eSort, schwingt sich in die Höhe und macht'S wie der Flußgott AchelonS: sie entflieht in einer fremden Gestalt." Man fühlt diesen Worten bereits eine leichte Ungeduld über den etwas anspruchsvollen Gast an. Und nun entschloß sich die Staöl gar, ihren Ausenthalt in Weimar zu verlängern, besonder» weil sie die deutsche Philosophie hier, soweit es ihr möglich war, au» dem Grunde kennen lernen wollte. Das wurde den Dichterfreunden allmählich zu viel. Woran sie mit der Staöl seien, da» war ihnen längst klar: sie schätzten ihren echten Geist, ihren.schönen Verstand, ihre Liberalität und vielseitige Empsänglichkeit", aber sie hatten bald begriffen, daß von dem, waS sie beide unter Poesie verstanden, die Französin keine Ahnung halte, zu schweigen von den labyrinthischen Gefilden der Philosophie, auf denen die Stasi sich gern mit Eifer tummelte, um sich jedoch nur gänzlich zu verwirren. Schon mußt» Goethe ge- stehen, es käme ihm fast unmöglich vor, jemals wieder solche DiS« kurse zu führen; schon murrte er:.Man begeht doch eigentlich eine Sünde wider den heiligen Geist, wenn man ihr auch nur im mindesten nach dem Maul redet"; und Schiller benierkte zur Ant- Wort spitz, man muffe wissen, zur rechten Zeit zu gehen. Ueber alledem wurde es März, ehe sich die Staöl entschloß, Weimar zu verlassen. Die beiden Dichterfreunde atmeten aus; Schiller war es. wie er gestand, nicht ander» zu Mute, als hätte er eine große Krankheit ausgestanden. Aber die Hofgesellschaft, die ihr viele gute Stunden verdankte, be- wahrte der lebenS- und geistvollen Frau ein freundliche« Angedenken, und die Herzogin Luise blieb ihr zeitleben» eine Freundin. Und die Staöl selbst? Welchen Eindruck nahm sie aus dieser merkwürdigsten aller Residenzen mit sich? Der Eindruck der Kleinstädtischkelt war doch stark, und die Männerwelt hatte ihr gar nicht imponiert..Sie sehen alle wie noch nicht geboren au»," warf sie einmal hin. Die Damenwelt fand mehr Gnade vor ihren Augen; und wa» ihr tiefen Eindruck machte, war die Genügsamkeit und Einfachheit, mit der die ersten Größen Deutschlands sich hier zufriedengaben und lebten. Vor allem aber prägte sich ihr daS Bild der beiden Dichtergenossen tief und für immer ein. Sie hat sie nicht ganz verstanden, nicht verstehen können— aber sie hatte den richtigen, den seinen Instinkt für die Größe ihrer Persönlichkeiten und ihres Menschentum», und sie hatte die Fähigkeit und die Ehrlichkeit, diesen Eindruck zu be- kennen. In Weimar ist ihr Deutschland» Seele erschloffen worden, soweit sie sich ihr überhaupt erschließen tonnte. veutjches Theater. Sommergaftfpiel. „Napoleon der Kleine", Schwank von Robert Misch und Hranz Cornelius. Ein Schwank von ganz besonders salzloser Verdrießlichkeit, der aber einen großen Teil des Publi- tum» darum nicht weniger zu vergnügen schien. Die äußerst billigen parodistischen Einfälle, durch P a l l« n b er g» burlesk ge- lenke? Spiel soweit als möglich aufgemuntert, erregten nie er- müdendes Gelächter. Ein Haufe von Enthusiasten gefiel sich gar am Schlüsse darin, den Sport spektakelnder Beifallsstürme, mit denen sonst große Reinhacdtsche Inszenierungen geehrt wurden, hier noch zu übertrumpfen. Als der eiserne Vorhang schon gv- schloffen war, dauerten die schrillen Rufe nach Pallenbecg von der Galerie noch lang« an. Gegen die Idee, die berühmten Posen des grohen französischen Welteroberers im Bühnenrahmen einmal zu persifilieren, wäre im allgemeinen nichts zu sagen. Nur daß ein solcher Versuch, wenn cc, wie dieser, just in der Zeit de? Weltkriegs unternommen wird, sich dem Verdacht de? SpekuliereuS auf chauvinistische Instinkte aus- setzt. Daß die Verfasser hierin Grenzen halten, den Ungeschmack nicht so weit steigern, dem dünnen Ulke überdies noch patriotisch« Tiraden wider den räuberischen Korsen einzuflicken, kann man, wenn man so will, al» mildernde Umstände buchen. Wie niedrig das Niveau des Spaßes, tritt bei einer Vergleichting mit dem feinen Geist, in weichem Hermann BahrS Komödie„Josefine" jenes Motiv der Napoleon-Persiflage streifte, um so krasser hervor. So weit der Bahrsche Bonaparte sich vom historischen entfernen mag, die Art, wie der Dichter den erst so blind in seine jung« Frau verliebten Helden dann später unier Aufgebot neueinstudierter imposanter Gesten vor seiner respektlosen Ehehälfte Ehrfurcht gebietend para- diei�n und abfallen läßt, erhebt das Karikaturistische zugleich in eine Sphäre freien»ncnschlichcn Humors. Tic dort in« Innere ge. kehrte Parodie greift hier nach äußerlichsten Mitteln. P a l l c»,. berg hat abwechselnd den Kaiser und einen gerissenen jüdischen Armeelieferanten zu mimen, der, Napoleon ähnelnd, in einer Hecks- brccherisch unwahrscheinlichen Intrige verkleidet, den großen Doppcl-. gänger markieren soll und dabei ein Gemisch von Imperatoren- Phrasen und Kontorjargon zutage fördert. Das wiederholt sich ohne Steigerung der Pointen durch das ganze Stück. Den Erfolg entschied mit Pallcnberg zusammen Maria F e i n s äußerst temperamentvolle Darstellung der Fürstin Pauline, der leichtlebigen kompromittierten Lieblingsschwester Napoleons. In kleineren Rollen wirkten Fräulein Rühmkocf und die Herren Krauß und R i e m a n n.«Zt. Mjchieü. Sie sprachen kein Wort mrteinander, die Beiden, die ich»mir- genS um fünf Uhr im Schalterraum des Bahnhofs sah. Sie, eine großgewachsene Fünfunddreitzigjährige, im dunkel- grünen Lodenkleid der Straßenbahnführcrin, die Mutze aufS Haar testeckt, stand an den Stufen der breiten zum Bahnsteig führenden 'reppe. Ein starkes Weib, dem die als Gattin Mitmühende und -darbende anzusehen war. Ein wehfrohes Lächeln um die Züge, wie«S die Liebste wohl lächelt, wenn der Bursch auf Wanderschaft geht. Er, einen Kopf höher als sein Weib, kam vom Militärfahr- kartenschalter, ein Landwehrmann, die Züge zerfurcht, verbrannt und auSgefroren. Er mochte so alt sein wie sie; doch wie der Krieg am Manne, und sei«r«in Hüne, zerren kann, man sahs an ihm. Er war bepackt bis obenauf.: ... Fragt nicht, tvo es hingeht in solcher Frühe,»venn der bis zur Stummheit überwältigende Schmerz sein Haupt mit den Menschen erhebt! Sie blieb stehen, da? Gesicht in die Richtung des Fahrkartenschalters gewandt. Er ging an ihr vorbei. Beider Rechten faßten sich kurz. Ihre Blick« trafen sich kurz. Und er stieg die Treppe hinan, stockte auf der dritten Stufe, gleich als ob er sich umwenden und noch ein Wort sagen wollte. Er tat es nicht und betrat den Bahnsteig. Als ich mich auf der letzten Treppenstufe umdreht«, sah ich sein Weib von danneu gehen. So»vie er. Er«in herber Daseinskämpfer. sie eine herbe Daseinskämpfer, n. Und beide— dafür möchte ich meine Hand ins Feuer legen— von ehrlichem Herzschlag zueinander. Fragt nicht, wo es hingeht in solcher Frühe..■! A. G. Notizen. — Von Aage von Kohl, dem Verfasser der Erzählung„Tie rote Sonne", sind im Verlag Der Sturm(als Heft 6, 9 und 10 der Sturm-Bücher) erschienen:„Die Hängematte des R i u g e",„Die rote Sonn e" und„D e r t i e r i s ch e A u g e n- b I i ck�.(Preis bei Heftes 60 Pf.) — D i e Urania-Sternioarte in der Invalide n- st r a ß e(Uebungssternwarte der Universität) ist an klaren Abenden am Sonntag, Dienstag und Freitag von 8 bis Vill Uhr abends für das Publikum geöffnet. Beobachtet können jetzt sehr gut werden die Venus und Toppclsterne. Die Urania in der T a u b c n st r a ß c ist bis zum LS. Juli geschlossen. — Treptow- Stern warte. Der Marinefilm„Graf Dohna und seine Möwe" mit erlänieliidem Vortrag von Direlior Dr. Archenhold wird noch während dieser Woche Sonntag 3. d und 7 Uhr und Montag, Mittwoch und Tonnabend um 6 und 8 Uhr vorgesührl. Dienstag, 17. Jnli, abends 7 Uhr. spricht Direlior Dr. Archenhoid„Ueber die iotale Mondfinsternis am 4. Juli 191," unter Vorführung seiner eigenen zahlreichen Aufnahmen. Mit dem großen Fernrohr werde» am Tage gewallige Donnenfleckengruppe», die sich gebildet haben, und abends Doppelsierne. der berühmte Ringnebel in der Leier u. a. gezeigt. Das Institut ist von 2 bis 11 Uhr abends geöffnet. — Die längste Telcphonleitnng der Wel't. Die bisher längste Tclepbonlinic, die von New York nach San Fränc>»co. ist nunmehr durch die Linie Montreal— Vancouvcr, die genau 6783 Kilometer lang ist, überholt worden. — Sommernacht in Frankreich. Die Sommernacht schlägt da» wundergroße Sternlegendenbuch am Himmel auf. Der Wind blättert darin und die Finger de? lieben Gotte«. Der silberweiße Mond drückt sich als Buchzeichen herum.-- -- Plötzlich, wie ein böser Tintenklex. den der Teufel in« Sternlegendenbnch gemacht hat. taucht drohend schwarz ein Flieger auf.--- Max Jnngnickei. Ausdruck in ihren Gesichtern. Ab und zu flüsterten sie mit einander— aber sie sahen unaufhörltch auf die kleine Schanze dahinten, keiner lvagte den andern anzusehen. Die vierzig Kanonen hatten lvieder ihr Feuer gegen die Schanze gerichtet. In dem Fernrohr konnte nian sehen, wie die Granaten die Erde auffliegen ließen. In großen, schwarzen Klumpen flog es gegen die Brüstung. Es war nichts Lebendes zu sehen. Plötzlich hörte daS Feuer auf. Im selben Moment waren alle BrüstungSmauern voll- besetzt von Soldaten. Dann gingen die Kanonen wieder los. ES war nur ein Manöver, um die Verteidiger herauszulocken, zu töten, zu ermüden. Und als die Besatzung noch scheller sich wieder zurück- gezogen hatte, sah Noku, daß ungefähr auf zwanzig Stellen. kleine schwarze Striche oder Punkte lagen, wo die Schüffe ge- troffen hatten. Noch einmal hörte die Artillerie auf. aber diesmal sandten die Russen nur einen Mann, um über die Brüstung zu sehen die Kriegslist nützte nicht mehr. Und niit größerer und größerer Gewalt gingen die stählernen Untiere über dieses Fleckchen Erde nieder. Die dunklen Punkte, die da lagen, wurden hoch in die Lust ge- worfen, zerstückelt oder ganz»nit Erde bedeckt. Der General ließ die Hand mit dein Fernglas smken und schaute über das Hirsenfeld, daS ganz zertrampelt war. Aber die Oßiziere sahen nur gegen die Schanze, als warteten sie, voller Angst— auf irgend etwas, was geschehen sollte— und selbst dieses Warten war so voll Angst und Schmerz, daß sie ihre Augen von dem Platz nicht abwenden konnten. Aber die Blicke des Generals glitten ruhig und klar hin und her, alles ruhig abwägend was geschehen sollte. Einige hundert Meter vorwärts zu beiden Seiten, ein graues schmales Band, das sich unaufhörlich bewegte. Es waren die Schießketten. Dahinter gingen die Kompagnie- reserven in doppelten Reihen, wie breite kurze Klumpen. Ungefähr in der Mitte marschierten die BataillonLreserven. Leutnant Guji. zeigte plötzlich, seine Hand zitterte, tod- müde—:„Da kommen die Freiwilligen!"— sagte er, niit seiner jungen Stimme, als könnte sie nicht die Wichtigkeit dessen ausdrücken, was sie von dem Plan der Freiwilligen verstanden h«tten. Der General und die Offiziere ritten instinktiv zwimzig Schritte vorwärts zur Böschung, da wo die feindlichen Granaten mal auf mal niederschlugen. Sie hoben sich in den Steigbügeln und streckten die Hälse, um besser sehen zu können. Zimschcn zwei Gruppen Bäumen kamen die Freiwilligen hervor. Sie liefen im Schritt, es sah aus als bewegte sich ein Riesenkörpcr. Als wären sie ein Wesen. Es ging eiu Ruf von den Offizieren—; „Sie haben ja keine Flinten, die Leute I"— sagte Leutnant Hinto, ganz aschgrau im Gesicht und wußte jetzt, daß er ihn richtig erraten hatte, diesen fürchterlichen Plan. Aber kein Offizier antwortete ihn». Sie starrten nur alle auf die Laufenden, als gälte cS ihr eigenes Leben. Ihre Augen waren groß und heiß geworden. ES sprangen Zuckungen um ihre Münder, deren Lippen alleö Rot verloren batte. Alle, alle starrten sie auf diese Truppe, deren erste Hälfte ohne Waffen marschierte. Und an der Spitze lief Kapitän Noku seinen Säbel schwingend, fließendes Gold in der Sonne. Dann waren die vierhundert vorbei, und man konnte sie von diesem Platz nicht mehr sehen. General Noku saß so rank im Sattel, und seine Augen gingen ruhig und aufmerksam herum— von Schießketten zu Kompagniereservon uud zu Bataillonsrcserven. „Nein, sie hatten wirklich keine Waffen!" sagte der kleine Leutnant Guji plötzlich—„und es ist sein einziger Sohn I" Sie hörten mit einmal einen schwachen Ruf. weit von vorn. Die Offiziere vcrsuchteu krampfhaft zu sehen. Sie drückten mit den zitternden Händen die Fernrohre gegen die Augen. Die Artillerie schwieg— die Kanonen sahen aus wie große, graue, brünstige Tiere, die mit den Beinen zum Sprung gesammelt nur auf eine Betvegung warteten, um ihre Stahlzähne in Knochen und Fleisch des Feindes zu de« graben. Jetzt konnte man wieder die Freiwilligen sehen. Sie waren an der Rampe angelangt. Zuerst lief ein einzelner kleiner Punkt. Und alle wußten es war Noku. Der dreiund- zwanzigjährige Kapitän. Der einzige Sohn dcS Generals. Sein einziges Kind. Und hinter ihm kam eine Reihe von vierzig Mann, schnell liefen sie. ohne Waffen. Hinter ihnen wieder eine Reihe. Und nochmals eine. Und eine vierte, und eine fünfte. Jede»nit vierzig Mann. Aber fünfzig Schritte hinter der letzten Reihe kam die Schießkette, die letzten zweihundert Freiwilligen der siebzehnten Kompagnie. Es ging ein Sturm über die Offiziere da oben auf dem tügcl. Ihre Gestalten wendeten und drehten sich. Und ihre ände, die die Fernrohre umfaßten, zitterten und bohrten die Instrumente in die Augen. Leutnant Guji, der kaum achtzehn Jahre alt war, fiel mit einem Seufzer vorwärts. Seine Hände bewegten sich in der Luft, das Fernglas fiel mit einem dumpfen Laut zur Erde. Sein weißes Gesicht leuchtete, und die Hände wurden unbeweglich. Jetzt war Kapitän Noku nur zehn Schritte entfernt von dem Stachelgürtel. Noch sah man keinen Russen an der Brüstung, die hundertsünfzig Ellen von dem Stachelgürtel entfernt lag. In dem Fernglas konnten sie beobachten, wie der Kapi-- tän schneller zulief, er drehte seinen Kopf um zu den Leuten. eine Sekunde, und sprang, einen Moment schivebte er in der Luft über dem Stachclgürtcl. So hob er die Arme und ließ sich mit seinem ganzen Gc>l«,t über die Spitzen fallen. ES ging ein Stöhnen durch den Stab. Als fühlten sie selbst die Hunderte von Spitzen, die sich in den Körper des Kapitäns gruben. Premierleutnant Aroko gab einen Schrei von sich wie ein Tier, und es spritzte ein Strahl Blut von seiner Unterlippe. in die er gebissen hatte, ohne es zu wissen. Leutnant Hinto warf seinen Kopf zur Seite und erbrach sich mit einem stöhncii- den Laut wie ein Schluchzen. Aber draußen am Stachel- gürtcl war die erste Reihe nach den» Kapitän angelangt. Sic sprangen, ihre Körper gingen wie Striche durch die Luft,»lnd fielen dann in voller Länge herunter auf die scharfen Spitzen. Die nächste Reihe war schon da. Sie setzen die Füße aiif die Körper der Kameraden, springen auch und bedecken mit ihren Körpern noch ein Stück dieser Spitzen mit ihrem Fleisch. Dritte, vierte, fünfte Reihe folgen, in einer Minute ist der ganze Gürtel bedeckt mit einer beweglichen grauen Masse, wie mit einem Teppich. Aber jetzt ist auch die schwarze Borte auf der Brüstung, und auf einmal schießen sie alle los auf diese lebende Decke. Noch eine Sekunde ist ein fürchterliches, grausames Leben auf diesen Spitzen— als wären diese ziveihundcrt Menschen zusammen ein einziges vierhundcrtarmigeS Wesen, daS draußen liegt, gespießt, durchbohrt, aufgerissen, sterbend. einen unsagbar schmerzvollen Tod sterbend. Die nächste Salve der Russen, und es wurde still da oben. Nicht eine Bewegung. Doch—: ein Mann hob den Oberkörper, fuchtelte mit den Armen und fiel wieder vornüber. Lange nachher klang sein Schrei da oben auf dem Hügel, wo der Stab hielt. Aber in diesem Moment kam es dem General vor. als würde über die Rampe in zwanzig Ellen Breite ein goldeircr, leuchtender Purpurteppich gespannt. Eine mächtige Fahne, die sich lebend bis ganz oben.an die Schanze gelegt hatte. Die Schießkette war heran. Springend, stolpernd, gleitend kamen sie. Schreiend vor Grauen und Energie stürmten sie vorwärts. Die Sticfclhacken in die blutnasscn Wundeil der Kameraden, vorwärts zuin Sonncnbanner, das über dem Stachelgürtel ausgebreitet lag. Das Fernglas des Generals glitt von feinen Augen. Als hätte der rote goldene Schein da oben seine Augen gc- blendet. Aber um seinen Mund stand ein ruhiges, festes Lächeln: die Schanze war erobert, Japan hatte den Krieg gewonnen. » Weißwaren Matrosen-Kragen«la-batlst mv Kapnziner-Krage«°u-«la-batist m» � Epachtel-Einsatz..................... � Valenc.-Emsatz........... � U-Boot-Kragen aus Glasbatist mit F i l e t- K ragen in großer.£7* B«e.-Gns«ch und................ � Auswahl.................. � und D Bluse— 1 Q75 Kapuziner- Kragen m» Tl-Sbatist mtt �25 Valene.-Antertaille mit Lelnea Aerm�n, w Bluse—«-tchl-w- 1-75» Stickerei-Borderteil..».» Vale»c.-Emseiden- Kleider in vielen Farben 4900 5900 5900 3900 Seiden-!Maniel gut imprägniert 89°° 115°° 125°° 135°° Seiden-Paleiois sehr fesche Formen 85°° 98°° 135°° 150°° Lacken-Kteider aus Seidenstoffen 98°° 115°° 135°° 150°° Oamen-Blufen BluseN an» weiße« Schleierstoff. mit. 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Uhr: Künstlerische TSnze. .Ahschiedssouper"., Literatur*. Komödienhaus 8 Uhr; Wie tessle ich meinen Mann? Berliner Theater T�Uhr: Pie tolle Komteß. Walhalla-Theater. uhr'tl Zigeuner. Garteubüline: Voritelluug. RosesTheater. Die Stunde des Ifertrauens (Kartenh.: Berlin, wie es liebt u. haBl Tägl. 73/4 Sonnt. 3'/, tu 7s/4 R. Steidl. A. Müller-Lincke, Gertr. Gräbner, B. Lehnhoff in„Der Herr ohne Wohnung". Dazu: Afra, die Seltsame naw. ZirkusA, Schumann. Rauchen gestattet. Kühler Aufenthalt. 2 Große Vorstellungen 2 Nachm. 31/« u. abends H Uhr. Nachm. 1 Kind frei unt. 12 Jahren sowie Gralis-Pony-Reiten für Kinder v.Logen- b. Mittelbalk.- Besuchern. Ä Zirkus-fmetß-grpa£n. U. a.: Auf der Alm. Doley und Partner.— Borkums. Halali �orforce- naiaift Lohnitzel-Jagd. Reiebshallen-Theater. Stettiner Sänger. Cabaret „Feldgrau" Ansang 71/, Uhr. Theater für Sonntag, den 15, Juli. Dent.cbes Opernhaus u.: Holfmanns Erzällunp. Frledrich-Wilhelmsfädf. Theater. 3 Uhr: Ein Maskenball(Amelia). vuvhr: Das Dreimäderliiaus. Gebr. Herrnfeld-Theater. Operetten-Gastspiel 7?. u.; Die ledige Ehefrau. Kleines Theater S'/j Uhr: Am Tectiseh. s uhr: im Bahnwärterbaus. Komische Oper 3I48 Uhr: Die Dose Sr. Majestät. Lustspielhaus 7,/4Uhr: Die blonden Zlädels vom liindcnhof. 3>/4 Uhr: In Vertretung. Metropol-Theater u/, uhr: Die Czardasfürstin. Neues Operetteahaus SchiSbd. 4a. Kassentel. Nord. 281 ■lv.xj.: Der Soldat der Marie. Kcsidenz-Theater ti. uhr: Der Weg zur Hölle. Schlller-TheateF O 3 Uhr: Der Waffen schmled. 7'/, Uhr: DIB JOdlü. Schiller-Th. Charlottenb. vw- All-Heidelberg. Thalia-Theater 3 Uhr: Henaissance. 7'/. uhr: Sonnwendzauber. Theater am A'ollendortpl. 31/, Uhr: Immer feste druff! 7 6 Militär-irmbandulir sgut.Uhrmacherwerk), foweitVorrat mit Radium-Leuchtkraft 8,40 M. mit•„ Leuchfzahlen 9,85 M. Unzerbrechliche Gläser, starkes Schutzgehänse 1 M. — Reelle schristliche Garantie.— E. 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