iii.liiaii.iji Z4. Jahrgang. ♦ Nr. ZI Seilage zum„vorwärts" Serliner Volksblatt öerlln, S. Mgvsi 1417 Der neue Mensch. Tat ist in uns und loderndes Erfasten des Glücks, das unser Menschennnlle trägt, und grimmer hast dem Hassen und eust, dost unser Herz bis an die blaue hlmmelskuppel schlägt. Ich will nicht, dast die Müller weinen, weil eine Schlacht entbrennt, dah in den Schacht des Todes mit zugebund'nen Augen renn«, wer auf der Stirn, der reinen, den Kuh des Muttermundes trägt. Kraft ist in uns, wir selbst zu sein und Sterne in die duntte Aacht zu streuen! Uns zu befrei'n zum Glück und tausendfachen Freuen! Die Blumen blühn aus dunklem Erdengrund. die Seele blüht empor aus dunttem Menschenmund, Die Liebe blüht aus Hasses Saat... Aus Knechtschaft reist der freie Mensch zu sich und seiner guten Tat! Hans Ga thmann. Strafaussetzung oder Strafverfolgungsauf fchub. Von Rudolf Wissell. Das Problem der Kriminolttät der Jugendlichen ist während der Kriegszeit besonders akut geworden. Nicht nur bei»nS�ouch. autz. dest-�iAereni kriegführenden. Ländern,., ja auch' atts den neutralen Ländern, kommen die Klagen über die zunehmende Straffällrgkeit der Jugendlichen. Mehr denn je macht sich nun auch die Erkenntnis geltend, daß jedenfalls für die Jugend der Grundsah: Strafe bei Per- stoß gegen das Gesetz nicht am Platze ist, daß vielmehr E r- zrebung, die Schaffung der Einsicht in die Notwendigkeit der sür das soziale Zusam- m e n l e b e n der Menschen g e l t e n d e n.V o r s ch r i f- t e n, H e b u n g d e s g a n z e u M e n s ch e n, das Mittel ist, den einmal straffällig gewordenen Jugendlichen vor einem Nuckfall zu schützen. Auf die einfachste Formel gebracht heißt das: Erziehung statt Strafe. Eines der wichtigsten Erziehungsmittel, das wir in unserem Strafverfahren gegen Jugendliche besitzen, ist der Strafaufschub mit der Aussicht auf Begnadigung. Die diesen Strafaufschub regelirden Be> stimniungen sind in dcii einzelnen Bundesstaaten keineswegs einheitlich. Zwar sind schon seit dem Jahre 1902 durch Per- mittlung des Reichsjustizaints zwischen den Regierungen der eiiizelneii Bundesstaaten einheitliche Gruirdsätze über die Handhabung der Strafaussetzung aufgestellt worden. Aber zu diesen grundsätzlichen Bestimnmngeii ergingen fast gleich- zeitig iii den meisten Bundesstaaten besondere Ausführungs- bestimmungen. Tieie weichen nun inhaltlich voneinander ab. Der Zweck dieser Ausführungsbestim. Hungen ist, die Straf» verbüßung abhängig zu machen von einer zumeist zwei- bis vierjährigen Bewährungsfrist. Handelt es sich bei diesen Be- stimniungen über den Strafvollstreckungsaufschub auch nicht um Grundsätze, die ausschließlich für die Jugendlichen gelten, haben sie vielmehr nur ihren Ausgangspunkt gefunden in der Kriminalität dieser, so bilden doch die Jugendlichen die große Mehrzahl derjenigen, auf die Strafvollstreckungsaufschub üch erstreckt. Führt sich der Jugendliche in der ilim gestellten Bc- Währungsfrist so, daß kein Grund zur Klage vorliegt, wird endgültig die gegen ihn anhängige Strafe niedergeschlagen. Zumeist wird ihm in dieser Bewährungsfrist eine Schutz- aufficht beigegeben. Eine geeignete Person wird, namentlich durch die Vermittlung der sich fast überall gebildeten Jugend- gerichtshilfen, bestellt, und diese sucht nun dauernd einen cr°� ziehlichen Einfluß auf den Jugendlichen auszuüben. Noch in anderer Weise ist das Strafverfahren gegen Jugendliche im Laufe der Zeit einer Aenderung unterzogen worden. Das ist geschehen durch die Schaffung besonderer Jugendgerichte, durch die verhindert werden soll, daß der Jugendliche zusammen mit Erwachsenen vor den Strasrichtcr kommt und die der Psyche des Jugendlichen mehr Rechnung tragen können als die allgemeinen Gerichte. Die Einführung der Jugendgerichte hat sich überall bewährt, und seit langem gebt das Bestreben dahin, dieser Einrichtung nun auch eine gesetzliche Grundlage zu geben. Bisher handelt es sich bei ihnen lediglich um Venvaltungsmaßnahmen der Justizbehörden. Es fehlt auch für die Bestellung der Schutzaufsicht heute noch an einer für sie geltenden rechtlichen Grundlage. Mehr oder minder ist es immer etwas Freiwilliges, was hier sich für die Zeit der Bewährungsfrist und auch darüber hinaus in das Verfahren einschiebt. Ter im Jahre 1912 gemachte Versuch, das Verfahren gegen Jugendliche auf eine besondere gesetzliche Grundlage zu stellen, ist bisher erfolglos geblieben. Der in diesem Jabrc dem Reichstag vorgelegte Gesetzentwurf ist durch den Sessionsschlnß unter den Tisch gefallen. Tie Komnlissionsfassuug hatte den Widerstand der Regierung ge- funden, und zwar namentlich der Heraufsetzung'der Straf- Mündigkeit vom 12. auf das 11. Lebensjahr wegen. Die Re- gierung wollte diese Frage nicht gesondert behandelt wissen, sondern in: Zusammenhange mit der Neuregelung des Straf- Prozeßrechts überhaupt. Wahrscheinlich würden heute solche Bedenken nicht mehr erhoben werden. Endgültig können natürlich alle die hier in Betracht kommenden Fragen nur in eineni besonderen Jugendgesetz erledigt werden, das alle die verschiedenen, die Jugendlichen betreffenden Fragen zum Gegenstand einheitlicher Regelung macht. Schutz der Jugend- licheu und Erziehung sind es, die im wesentlichen den Inhalt eines solchen Gesetzes zu bilden haben würden. Was uns heute Anlaß gibt, diese Fragen anzuschneiden, das ist die Tatsache, daß in der„Deutschen Richterzeitung" der Amtsgerichtspräsident Dr. Becker-Dresden auf ein besonderes in Sachsen geübtes Verfahren hinweist, dessen Ausdehnung für. das Reich er dringend/ empfiehlt.. Er ist. der Meinung. daß aus-der Tatsache,. daß heute z. B. weit über 25 009 Jugendliche jährlich einen bedingten Strafvollstreckungsauf- schub erhalten, sich ergibt, daß eine Unsumme jugendlicher krimineller Bestrofnugen ohne Strafvollzug auf dem Wege innerer Sühne und Besserung zum Abschluß gebracht wird, und daß sich damit von selbst die Erwägung aufzwingt, ob nicht das. gleiche zu erreichen gewesen wäre, wenn die straf- befreiende Bewährungsfrist nicht an den Schluß, sondern an den Beginn des Strafverfahrens gestellt worden wäre. Nach der Verfassung Sachsens ist es nämlich möglich, unter den gleichen Voraussetzungen wie beim Straf v o l l st r e ck u n g s- aufschub auch den bedingten Strafverfolgungsaufschub eintreten zu lassen. Es braucht also gar nicht zu einer Ver- urteilung des Jugendlichen zu kommen. Bei andauernd guter Führung kann dann die Niederschlagung der Untersuchung erfolgen. Wenn sich auch der sächsische Versuch begreiflicher- weise in sehr bescheidenen Grenzen gehalten bat und ihm vor allen Dingen die deutsche Gemeinschastlichkeit fehlte, weil die Verfassung einer Reihe von Bundesstaaten die Möglichkeit eines solchen Vorgehens nimmt, so ist doch auf diesem Wege dem dort begonnenen Erziehungswerke die Gefährdung ge- nommen worden, die mit der Einleitung eines Strafprozesses sonst eingetreten wäre. Präsident Dr. Becker beklagt es an- gesichts der nunmehr einen Zeitraum von zwanzig Fahren umfassenden Erfahrungen aufs tiefste, daß die Reichsgesetz- gebung noch immer nickt die Wege gefunden hat, um ihrer- seits wirksam eingreifen zu. können. Niemand,"fo meint Becker, könne es verkennen, daß Warnung und Erziehungs- zwang weit wertvollere Imponderabilien für die sittliche Erstarkung unreifer Jugend in sich tragen, als der Vergeltungs- gedanke des Strafrechts. Wenn es noch irgend eines Be- Werses bedurft hätte, so babe ihn der bedingte Strafvollstreckungsaufschub mit der lapidaren Sprache der Statistik erbracht. Tausende und Abertausende von Jugendlichen haben jährlich Sühne und innere- Wandlung gewonnen, ohne daß die strafrechtliche Vergeltung einzusetzen brauchte, und der sächsische Strafverfolgungsaufschub dränge zu der Annahme. daß die Erreichung dessen auch ohne Strafprozeß durchaus möglich gewesen wäre. Vom Standpunkt autoritafivcr Volksfürsorge sei es da- her kaum verantwortlich, den jugendlichen Werdegang noch weiterhin schonungslos mit dem Fluche der Kriminalstrafe zu belasten, obsckon bei sachgemäßer Prüfung mit SOprozentiger Wahrscheinlichkeit auf die Strafvollstreckung verzichtet werden könne. Die ganze geivaltige Bedeutung dessen trete zutage, wenn man die Erschwernisse kennen' lernt, die sich dem bestraften Jugendlichen beim Eintritt in das sich vor ihm auftuende Leben,' Arbeit und Lehre, entgegenstellen.' Ten Stempel der Bestrafung, den das Strafverfahren ihm ausgedrückt habe, könnten auch Bewährungsfrist und Gnade bei dem bedingten Strafvollstreckungsaufschub nicht nehmen. Das jetzige Ver- fahren wirke um so bedenklicher, als trotz aller Belehrung der Jugendlichen fast durchgängig die B�üvährung als.Los- sprechung von der Strafe selbst verstehe. Durch den bedingten Strafverfolgungsaufschub auf Grund vollzogener Bewährung werde zugleich der ungünstige. Eindruck ausgeschaltet, den der Strafprozeß selbst auf die Psyche des Jugendlichen vielfach auslösen müsse, ischon die Erörterung i der Strafbarkeits- cinsicht sei in diesem Sinne zu werten. Noch mehr gelte dies, wenn bei Feststellung der Strafzumessungsgründe autoritative Erziehungsfehler, häusliche Mißstände und sonstige persön- liche Vorgänge dem jugendlichen Erkenntnisvermögen näher- gebracht würden. Das gleiche trete zutage, wenn das Ergeb- nis der Verhandlung durch llnerweisbarkeiten oder umgekehrt durch Beweisaufnahmen oder durch formale Bedingnisse beein- flußt werde, die in dem eigenen Wissen oder in dem Ge- dankenkreise des Jugendlichen keine Stütze fänden. Endlich verwerte der Strafverfolgungsaufschub den ge- wiß für das jugendliche Empfindungsvermögen zumeist wirk- saureren Druck einer ungewissen Strafhöhe an Stelle konkret abgestuften Strafmaßes. Ganz zu schweigen dessen, daß weitere Hemmungen künftigen Mißverhaltens nicht selten aus dem Gedankengang erwachsen würden, es könne die neue schuld- hafte Betätigung als Strafzumessungsgrund für die erste mit verwendet werden. In dem öffentlich-rechtlichen Anerkenntnis der Er- ziehungspflicht gegenüber heranwachsender Jugend liege zu- gleich die Verneinung ihrer schematischen Belastung mit straf- rechtlichem Anklagezivaug. Zeichen und Zeit drängten aber dazu, die Lösung der Er- ziehungsprvblemc für die deutsche Jugend als eine nationale Aufgabe in die Hand zu nehmen. Sei doch allein die Minder- zahl der im Kriege Geborenen' für Deutschland nach den Er- mittlungen des. königlich sächsischen. statistischen Amtes in Dresden auf über P/j Millionen zu schätzen. Es müsse daher alles daran gesetzt lverden, um in der heranwachsenden Jugend an Tüchfigkeit zu gewinnen, was ihr an Zahl verloren- gegangen ist. Denn das Volk, das komme, sei der Träger der Zukunft, für die unser Herzblut jetzt in Strömen dahinfließe. Diese Zukunft habe aber in sich deutsche Weltengeltung. Sie könne sich nur durchsetzen, wenn'sittliche Kraft und Stärke durch die Erziehung zu eineni Gemeingut der kommenden Generafionen geworden seien. Dies auch für denjenigen Bruchteil, dem jugendliche Unreife durch die Kriminalströfe das Leben zu beschatten gedroht habe. .Die Darlegungen Dr. Beckers haben uns durchaus sym- pathisch berührt. Wir wünschen nur, daß nicht im Wege der Gnade, wie in Sachsen, sondern im Wege Rechtens der Jugend wird, was ihr zukommt. Wir wollen hoffen, daß die Gesetz- gebung die Mittel und Wege hierzu finden möge—'im Jnter- esse gerade der Jugend. Zrauen-Toöesbataillone. Von Hermine Schmidt-Lahr. Deutsche Kriegsberichterstatter erwähnten dieser Tage zum ersten Male, daß an den Kampfhandlungen die russischen Frauen bataillone teilnahmen. Unter den„Todes- bataillonen", die, an den gefährlichsten Stellen vorgehend, sich opfern, befanden sich die neugebildetcn weiblichen Forma- tionen. Vor einigen Tagen erst waren die„Frauen-Todes- bataillone" in der Petersburger Kathedrale in feierlicher Messe geweiht worden. Der französische Bötschäster Francis, der italienische Botschafter Marchesc Carlöttt, die Militärattaches aller alliierten Länder nahmen an der Feier- lichkeit teil. Dann zog das erste weibliche Todesbatäillon'von der Kathedrale zum Moskauer Bahnhof, um nach der Front geschickt zu werden. Ein Heiligenbild wurde dem Zug vorangetragen. Die Bevölkerung überschüttete ihn mit Blumen. i Die großen Mächte der Vergangenheit, Kirche, Adel, Diplomatie vereinen sich, um Glanz und Weihe über diese unerhört neue Erscheinung. zu breiten. Denn wenn auch die englischen Suffragetten Bataillone nach Frank- reich entsandt haben, so ist doch aus den. Kreisen des englischen weiblichen Kriegsarbeitsamts oft genug in. der Presse auf die viel wichtigere Arbeit im Innern des Landes verwiesen und die spielerische. Abentouerlrfft der in Frankreich stationierten Frauenarmce dabei ins richtige Licht gesetzt worden, als baß man sie sehr ernst nehmen könnte. Und auch die amerikanische F r a u c n a r m e e, die in kleidsamen Uniformen> Umzüge zur Kriegsrcklame macht, ist in ihrem Sensation?- bedürsnis nicht mit den ernsten und entschlossenen Russinnen- in einem Atem zu nennen. Daß diese in todesmutiger Auf- opferung wirkliches rauhes Kriegswerk leisten, ist das neue. Die Revolution macht blutigen Ernst mit der Gleichstellung der Frauen. Kerenski regte die Bildung der Bataillone an. Und Frau Pankhurst, der die englische Regierung nur zu willig den Reisepaß verschaffte, damit sie in Rußland, das erlöschende Kriegsfeucr mit ihrem giftig hetzenden Atem neu entfacht, raste wie eine Megäre in jubelndem Triumph über 100 deutsche Gefangene, die von russischen Frauen- bataillonen gemacht worden sein sollen.' Uns hätte Frau Pankhursts Art der Diskussion und ihre ganze Haltung und Handlungsweise nie von der Sache des weiblichen Stimmrechts überzeugen können. Es stünde schlimm um unsere Sache, wenn nicht tieferliegende und gewichtigere Gründe für die Gleichberechtigung der Frauen im staatlichen Leben sprächen als ihr sportlich orientiertes Ucbcrtrumpsen- wollen der Männer in allem was männlich ist. Gerade, daß der Welt und den Staatenordnungen der weibliche Einfchlag fehlt, das'fühlen wir als tiefe und verpflichtende Forderung der Umgestaltung. Und hier ist auch der Punkt, von dem auS es erscheint, als ob dem Auszug der„Todesbataillone" die Symbole der alten Zeit weit eher entsprechen als die Fahne der Revolution. Hier wird neuer köstlicher Wein in alte Schläuche gefaßt. Denn erleben wir es doch als Tragik jeden Tag, daß schon der moderne V�nm den Krieg als Ueberblcibsel alter üöer« wundener Sitten empfindet und daß sich in allen Länder der Vorsatz durchringt, daß Mittel und Wege gesucht werden müssen, ihn fürderhiu unmöglich zu machen. Und- der Ge- danke, daß im kommenden Frieden eine weltumspannende Frauenorganisation mit in erster Linie berufen ist, die Grund- läge einer dauernden Verständigung der Völker zu. bilden, gewann mehr und mehr an Boden. Und in-diesem Moment bekennen'sich die russischen Frauen zur aktiven Beteiligung am Krieg! Hier ist nicht die Frage von mehr oder weniger Eignmig zu einer Arbeit, die nur Vorurteil bisher den Mäunern zu- schrieb. Hier geht die wirklich vorhandene Schei- du ii gs Ii nie der Geschlechter mitten hindurch. Es ist nicht nur ein Gemeinplatz, daß die Frauen dem Leben als solchem näher stehen als die Männer. Die Natur selbst hat durch die Zulveisung der Aufgabe an die Frauen, das keimende Leben zu hegen und das werdende zu pflegen, diesen Bund mit der Frau geschlossen, so daß weibliche Bataillone des Todes nicht als ein Fortschritt, sondern als eine Entartung erscheinen müssen. Bei aller Bewunderung der tapferen Selbstverleugnung und Aufopferungsfähigkeit, die die Russinnen immer auszeichnete, scheint doch hier eine Irre- leitung zum Teil den Pankhurstschen Einfluß vorzuliegen. Es ist ja auch ganz bezeichnend, daß bisher im Lauf des Krieges nur in den angelsächsischen Ländern sich die Frauen zum Kriegshandwerk drängten. Der französischen Frau, die man im allgemeinen doch ivohl nicht als den rückständigsten Typus bezeichnen kann, lag eine solche Bewegung eben so-je« rjie offenbar bisher den Russinnen. Sich gar im Lande der Mütterlichkeit, das nicht zufällig die schönsten Madonnenbilder hervorbrachte, in Italien, die Aufstellung von Frauenarmeen vorzustellen, ist ganz undenkbar. lind wir wünschen: Wäre es doch so weit, daß die Frauen als Hüterinnen des Lebens sich immer stärker und zum Wohl der Menschheit wirksamer zusammenschließen wollten, als die Vorkämpferinnen in den Bataillonen des Lebens! Die Malaria. Vnn Dr. O. Damm. Im Frieden kannte man die Malaria in Deutschland kaum. Sie kam nur in einigen Gebieten an der Nordsee vor, so z. B. in der Umgegend von Kuxhaven und Wilhelmshaven. Das Bild hat sich durch den Krieg wesentlich verändert. Zwar sind keine neuen Malariaherde in Teutschland entstanden; wohl aber finden wir gegenwärtig malariakranke Menschen über ganz Deutschland ver- streut. Es handelt sich dabei in erster Linie um unsere Feldgrauen, die die Krankheit von der Balkanhalbinsel und von anderen Teilen der Front mit in die Heimat gebracht haben, wo sie Genesung er- hoffen. Zu ihnen gesellen sich noch zahlreiche malariakranke Kriegsgefangene. Die Malaria, auch Wechselfieber und Sumpfficber genannt, ist eine sehr gefährliche Krankheit, lieber ihre Ursache wußte man bis in die neueste Zeit soviel wie nichts. Es war zwar schon lange aufgefallen, daß die Krankheit hauptsächlich da wütet, wo weitaus- gedehnte Sümpfe vorkommen(Sumpffieber): man wußte auch, daß sie der Mensch in den Stunden der Dämmerung erwirbt: eine wissenschaftlich begründete Erklärung hierfür vermochte aber nie- mand zu geben. Daher begnügte man sich mit der Annahme, daß am Abend bösartige Dünste, sogenannte Miasmen, aus den Sümp. emporsteigen und den Menschen, der sie atme, vergiften sollten. Diese Anschauung blieb bis gegen die 8l)er Jahre des vorigen Jahr- Hunderts die herrschende. Hieraus erklärt sich auch der Name Ma- laria, der aus dem Italienischen stammt und soviel wie schlechte Luft(mal'am) bedeutet. Da machte im Jahre 1880 der französische Forscher L a v e r a n die wichtige Entdeckung, daß die Malaria auf mikroskopisch kleine Tiere, sogenannte Urtiere, die in dem Blute des Menschen schmarotzen, zurückzuführen ist. Damit war das Signal zur weiteren Erforschung der Krankheit gegeben. Die Urtiere stellen die niedrigste Stufe tierischen Lebens daA Sie bestehen nur aus einer einzigen Zelle, d. h. aus einem Klümp- chen lebenden Eiweißes, dem Protoplasma mit dem Zellkern, und sie entbehren daher auch der Gewebe und Organe, die wir bei höher organisierten Tieren finden. Die eine Zelle betätigt alle Lebens- äußerungen: jede Teilung der Arbeit fehlt. Weil die Urtiere«in- zellig sind, lassen sie sich auch nur mit Hilfe des Mikroskops wahrnehmen. Das Urtierchen, das die Malaria hervorruft, besitzt die Fähig- keit, seine Gestalt ständig zu ändern. ES dringt in ein roteS Blut- körperchen ein und vergrößert sich auf dessen Kosten. Dann zerfällt es in eine Anzahl Teilstücke. Nachdem das Blutkörperchen auf- gezehrt ist, gelangen die einzelnen Stücke in die Blutflüssigkeit und suchen sich neue Blutkörperchen auf, in denen sie sich in der gleichen Weise vermehren wie da? Muttertier. Auf diese Weise wird das Blut in kurzer Zeit vollständig von dem Parasiten über- schwemmt. Di? Teilstücke dienen also der Vermehrung des Tieres. Sofort entsteht die wicbtige Frage, auf welche Weife der Ma- lariaparasit in das Blut eines gesunden Menschen gelangt. Antwort: durch eine Mücke, die einen malariakranken Menschen gestochen hat. Die Erklärung ist folgende: Wenn sich da? Urtierchen im Blute de? Menschen eine Zeitlang durck, Teilung vermehrt bat, treten regelmäßig Nachkommen auf, die sich nicht mehr zu teilen ver- mögen, sogenannte geschlechtliche Formen. Sie schwimmen unver- ändert im Blute umher. Soven sie sich weiter entwickeln, so müssen sie befruchtet werden. Der Befruchtungsvorgang vollzieht sich aber nicht im Blute des Menschen, sondern im Magen einer Mücke. ES ist äußerst kompliziert und kann in dieser kurzen Bc- trachtung nicht weiter verfolgt werden. AIS Produkt der Befruch- tung entstehen zahlreiche stäbchenförmige Vermehrungskörper oder Keime, die sich letzten Ende? in den mächtig entwickelten Speicheldrüsen der Mücke ansammeln. Wenn nun die Mücke einen gesun- den Menschen sticht, so gelangen mit dem Speichel Keime in das Blut- Dort dringen sie in die roten Blutkörperchen ein und das Der fette Richter. Von Desider KoSztolanhli. Elnzigautorisierte Uedertragung aus dem Magyarischen von S t e f a n I. K l e i n. In der glänzenden Mittagszeit zittert der Sonnenstich wie ein spitzer grausamer Pfeil aus Gold. Die kleine Stadt schläft. Ihre Häuser ringen mit der Ohn- macht, werden von der tödlichen Hitze in Agonie gestürzt, die Fen- ster blinken im grünen Licht— unfreundlich— im Dilirium des Glanzes, wie Augen von Säufern oder Wahnsinnigen, wenn sie in den weihen blendenden Staub starren und nichts sehen. Eine Reihe von Häusern schwankt vor unseren Augen. Etwas weiter dehnt sich die Reitschule der Husaren, deren Vordach ein klein wenig Schatten wirft, und ein Rasen, auf dem bunte Blumen blühen, von Bienen und Drohnen umschwirrt. Der Atem stockt, als kämen wir aus einem heißen Bad. Unsere Körper schwitzen, unsere Augen sehen unscharf, die Hände beben. Wir waren vier oder fünf— zehn- bis zwölfjährige Knaben— in Turnhemden, Turnschuhen, ungewaschen, schmutzig, kampfbereit und unser Opfer erwartend, den fetten Richter. Wir krankten an den Freuden der Hundstage und die ganze Welt war uns ein gelber Taumel. Unter dem Vordach der Reitschule steckten wir die Köpfe zu- sammen und harrten mit pochenden Schläfen. Sobald das Mittags- läuten ausklingt, wird sich unter dem kühlen Tor des Rathauses— pünktlich und verhängnisvoll— des fetten Richters Faßbauch her- vorwölben. Dann läßt einer von uns, meistens der schivarzvcrbrannte Paul Nagel, den Schlachtruf durch die Lust zittern: ..Der fette Richter kommt!" Wir pressen uns noch stärker unter dem Tor der Reitschule zu- sammen. In der Stille des Entsetzens ist nichts hörbar als das Klopfen unserer Herzen. Bald darauf erzittert der Asphalt, und dieS bedeutet, der fette Richter werde in Kürze an uns vorüber- kommen. Noch einen Augenblick, und er wird da sein. Er trägt einen erdfarbenen Anzug aus Rohseide, über den gewölbten Bauch hängt ihm eine dicke Goldkette hinab, auf dem Finger hat er einen grünen Siegelring und ein Rohrstäbchen in der Hand. Von seiner roten Stirne rinnt ihm in schmalen Bächlein der Schweiß. Seine winzigen Maulwurfsaugen zwischen den Fett- polstern blinzeln uns zu. In uns schäumt die Wut, doch wir siirchten Zerstörungswerk beginn! von neuem. Der Kreislauf der Entwicke- lung ist geschlossen. Hieraus folgt gleichzeitig, daß sich die Ueber- trogung der Malaria von einem kranken Menschen auf einen ge- sunden Menschen in ganz anderer Weise vollzieht als bei sogenann- tc» ansteckenden Krankheiten, wie z. B. beim Typhus und bei der Diphtherie. Seine Nahrung findet das Urtierchen hauptsächlich in dem Körper des Menschen. Der Mensch ist der Wirt, wie eS in der Sprache der Zoologen heißt, die Mücke, der der Parasit keinen nach- weisbaren Schaden zufügt, der Zwischenwirt. Gegenwärtig unterscheidet man drei Formen deS Malaria- Parasiten, von denen jede Form eine besondere Krankheit erzeugt: 1. den Tropica-Parasiten, 2. den Tevtiana-Parasiten, 8. den Ouar- tana-Parasiten. Der Tropica-Parasit gilt al« Urheber der gefährlichsten Malariakrankheiten, wie sie besonders in tropischen Ländern vorkommen, z. B. der Propica, der Perniciosa. Bei den Ter. tiana-Parasiten beträgt die Zeit, die von einem Teilungsakt in den Blutkörperchen des Menschen zum anderen verläuft, 48 Stunden. Infolgedessen entsteht das Fieber regelmäßig am dritten Tage, vom Ausgangspunkte der Krankheit an gerechnet, und es heißt daher Tertiana(tertiu5— der dritte). Da? Fieber ist in der Regel weniger gefährlich. Der Fieberanfall selbst kann bei allen Malariakrankheiten von verschiedener Dauer sein. Meist währt er jedoch nur einige Stun- den. Der Kranke hat also neben dem Fieber fieberfreie Zeiten. Hieran? erklärt sich der Name Wechselficber. In der sieberfreien Zeit kann sich der Kranke, abgesehen von Schwäche und Müdigkeit, verhältnismäßig wohl fühlen. Die Vermehrung der Ouartana-Parasiten erfordert eine Zeit von 72 Stunden. Man nennt daher die durch den Parasiten er- zeugte Malaria, die sich in der Regel am vierten Tage al« Fieber äußert, die Quartana(gusrtui der vierte). Hier folgen auf einen Tag mit Fieber stets zwei fieberfreie Tage. Die Mücke, die den Malariaparasiten überträgt gehört z« der Gattung Anopheleß, zu deutsch„der Nichtsnutzige". Die Mücken der Gattung Culex, die den Hauptbestandteil der unter dem Sam> melnamen Moskitos in den Tropen bekannten lästigen Mücken au?- machen, sind nach neueren Untersuchungen nicht imstande, die Krankheit zu verbreiten, da sich der Parasit in ihrem Körper nicht weiter enttvickelt. Man hat damit die interessante Tatsache fest- gestellt, daß von einer Gruppe ganz nahe verwandter Tiere nur eine bestimmte Gattung dem Krankheitserreger in ihrem Körper die nötigen Bedingungen zu geben vermag, die später eine Ueber- tragung möglich machen. Die AnopheleS-Arten unterscheiden sich von den Tulex-Arten sowohl durch den Bau als auch durch die Lebensweise. Schon bei oberflächlicher Betrachtung fällt auf, daß sie größer sind als die gewöhnlichen Stechmücken: außerdem besitzen sie deutlich gefleckte Flügel. In Europa hat man bisher vier verschieden« Arten als Ueberträger der Krankheit nachgewiesen. Die AnopheleS-Arten sind nächtliche Tiere. Sie stechen vorwiegend kurz nach Sonnen- Untergang und kurz vor Sonnenaufgang. Leicht sind die beiden Gattungen zu nnlerscheiden, wenn man die Tiere an senkrechten Gegenständen, z. B. an einer Wand, sitzend beobachten kann. Der Anopheles sitzt immer so, daß er sich„gerade hält". Kopf, Brust und Hinterleib bilden dabei ein« gerade Linie, so daß das Tier einer abgebrochenen, schräg in die Wand gesteckten Stahlfederspitze ähnelt. Den Kopf hält der Anophele» der Wand am nächsten; der Leib und. das letzte Beinpaar sind von der Wand entfernt. Demgegenüber sitzt der Culex„buckelig", d. h. die Achse des Hinterleibes und die Achse der vorderen Körperhälfte bilden einen stumpfen Winkel. Dabei steht der Hinterleib nicht von der Wand ab, sondern parallel zu ihr oder sogar ihr zugeneigt. Aus der Kenntnis von dem Bau und von dem Leben des Nr- tiers unb der Mücke hat man nun versucht, Maßnahnien zu treffen, um die Krankheit zu verhüten und zu heilen. ES ist daS ein Ge- biet, um das sich besonders der deutsche Forscher Robert Koch große Verdienste erworben hat. Der Kampf wird auf dreifache Weise geführt: I. durch Vertilgung der Mücken und ihrer Larven, 2. durch Schutzmahregeln gegen die Stiche der Mücken, 8. durch Mittel, die die EntWickelung des Parasiten im menschlichen Körper verhindern. Alle drei Methoden haben zu günstigen Resultaten geführt. Den Kampf gegen die Mücken führt man an zahlreichen Stellen in der Weise, daß man die Sümpfe, in die die Tiere ihre Eier legen und in denen ihre Larven leben, trocken legt. An anderen Stellen gießt man Petroleum auf das Wasser, um die Mücken- uns und unsere Kehlen pressen sich so zusammen, daß wir fast auf- schreien. Dock wir schreien erst, wenn er zehn od« zwanzig Schritte vor ums dahinpfailcht. Einer reißt einen Erdklumpen von der Erde. „Nachschleubern!" schreien wir und umringen instinktiv den Helden, um ihn anzueifern. .Erschlag ihn!' .Wirf! Wirf....!' Der Klumpen fliegt in hohem Bogen und verspritzt zermalmt zu feinem Staub. Der sommersprossig« Tordah, mit dem Spitz- namen.DaS Truthahnei", spannt seinen Schleuder und schickt dem fetten Richter zum Abschied einem bunten Kieselstein nach. Der Richter wendet sich um. Sein« Augen blinzeln im Sonnenschein, dann rollt er gemächlich weiter. Wir aber debattieren gröhlcnd und mit falschem Pathos weit«. .Kruzitürken", schäumte eS einem Turnhemdigen über die Lippen. .Dieses eine Mal ist er uns noch ausgekommen." „Aber nächstens", sagt der größere Tordah,.schlag ich ihm da- mit den Schädel ein." Im Sonnenschein blitzt der Eisengriff einer Pistole auf. Schauer erfaßt ums, wir freuen uns, sind glücklich und fühlen uns stark. Unsere Muskeln sind haßgestählt. Wir verlangen das Blut de? Richters. Denn wir hassen seine Häßlichkeit, verabscheuen seine krankhaft aufgedunsene Feiste, einfältig und blutrünstig— wie nur Kinder hassen können. Niemals noch hatten wir ein« solche menschliche Mißgestalt gesehen. Di« Füße trugen verdrießlich den feisten Schmerbauch, der Körper verschwand vollkommen unter dem strotzenden und üppigen Fett, aus dem bloß der jämmerlich kahle Kopf hervorlugte, ein« Fettkugel, die jeden Augenblick zu bersten droht. In der Mitte des Gesichte-: aber trauerte eine kleine Stumpf- nase und diese Nase— so schien es— klagte oft weinerlich die Natur am, die einen unglückseligen Menschen entsetzlich, boshaft. ohn« Erbarmen verunstaltete. Doch fühlten wir kein Mitleid. Kinder kennen das Mitleid nicht. Die Moral der Kinder heißt Schönheit und jeder, der schuldig oder unschuldig ihre primitive Moral beleidigt, fordert ihr« Rechte heraus und muß büßen. Wir haßten die harmlose Kröte ebenso wie den fetten Richter. Haßten sie, wie alles Absonderliche. Eines Nachmittages sprachen wir wieder über den fetten Richter. Der Streit galt der Frage, wovon der fette Richter so feist ge- worden sei. Paul Nagel erläuterte wichtigtuerisch: larben, die zum Atmen an die Oberfläche kommen müssen, zu er- sticken. Aber überall lassen sich diese Maßnahmen aus leicht be- greiflichen Gründen nicht durchführen. In Europa sind die als Malariaherde bekannten Sumpfgebiete zum Teil verschwunden und man betrachtet es z. B. nur als eine Frage der Zeit, daß die bc- rüchtigten Pontinischen Sümpfe bei Rom, Europas gefährlichster Malariaherd, trockengelegt Werdern Di« zweite Methode besteht darin, daß die Menschen nach Sonnenuntergang nicht ohne dichte Schleier und dicke Handschuhe ausgehen und daß man die Mücken von den Wohnungen durch feine, vor den Fenstern angebrachte Gitter fernzuhalten sucht. Am sichersten jedoch wirk: die dritte Methode. Die Behandlung erfolgt mit Chinin, einem Körper aus der Rinde des China- baumcs, der von alters her gegen Fieber benutzt wird. Das Chinin tötet die Parasiten. Man gibt eS bereits, wenn ein Mensch gestochen worden ist oder wenn die Möglichkeit eines Stiches vor- liegt. Dadurch wird der Ausbruch der Krankheit verhindert. Tann aber kann man mit Hilfe von Chinin auch Malariakranke heilen, vorausgesetzt allerdings, daß die Krankheit nicht zu weit fortge- schritten ist und daß weiter Infektionen unterbleiben. So steht zu hoffen, daß die Malaria mit der Zeit eine wesentliche Einschrän- kung erfahren wird. Von einer Ansteckungsgefahr kann bei uns nur in sehr bc- schränktem Maße die Rede sein. ES erklärt sich das einfach daraus. daß die in Frage kommende Mückenart in Teutschland ziemliä, selten ist. Bei uns wird die sogenannte Schnakenplage hauptsächlich durch Arien der Gattung Culex hervorgerufen. Zu irgend welcher Beunruhigung liegt also auch gegenwärtig, wo es verhältnismäßig viele Malariakranke gibt, durchaus kein Grund vor. In die Grupe der Malariakrankheiten gehört wahrscheinlich auch das äußerst gefährliche Schwarzwasserfiebcr. Ter Name rührt daher, daß die Kranken einen sckyvarzbraunen Harn ausscheide». Ueber das wahre Wesen der Krankheit streitet man sich noch. Fest- zustehen scheint jedoch, daß für das Zustandekommen d«S Schwarzwasserfiebers zwei Faktoren nötig sind: eine nicht ausgeheilte Malaria und zu. falscher Zeit oder in zu großer Menge genommenes Chinin. An ungelösten Problemen auf dem Gebiete der Malaria- forschung fehlt es also nicht. DaS zeigt sich auch sonst auf Schritt und Tritt. Auf dem ganzen Gebiete ist trotz der bisherigen tief- gehenden und wcitaiisgcdchntcn Forschung noch vieles zu leisten übrig. Die Chromosomenlehre. Ein Kapitel aus der Vererbungstheorie. Von Dr. L. Reinhardt. Schon lange weiß man, daß die Frau nicht nur in ihren Stoff- wcchselvorgängen und in ihrer ganzen Art leiblicher Existenz, in ihrem Blute, wie auch in allen ihren Säften und Geweben, sondern auch in ihrem Charakter und Wesen etwas ganz vom Manne Ver- schiedcnes darstellt. Worauf dies und zahlreiche Erfahrungstat- fachen der Heilkunde beruhen, das wußte man bis jetzt nicht oder doch wenigstens in höchst unvollständiger Weise. Nun ist aber mitten im Weltkrieg das Rätsel zum größten Teile gelöst loordcn, und zwar in sehr einfacher Weise. Bekanntlich ist der Mensch wie alle Tiere und Pflanzen aus winzigen Clementorganismen, sogenannten Zellen, die allerdings nur da« Mikroskop bei starker Vergrößerung sichtbar macht, aufgc- baut. DaS wichtigste, Leben und Vermehrung bedingende Element in diesen Elementorganismen ist der Zellkern. Es ist die« ein sehr komplizierte« Gebilde, daS sich durch reichen Gehalt an einem Stoffe auszeichnet, der Anilinfarbstoffe in stärkerem Maße als andere Gavebetcile aufnimmt und sich bald sehr intensiv färbt. Daher wird dieser wichtige Bestandteil des Zellkern« als Ehra- matin(von ebrom»=; Farbel bezeichnet. Bei der Zellvcrmchrung, die durch«ine Teilung des Zellkern« eingeleitet wird, spielen diese Ehromatin führenden Teile des Zell- kernS, die mit Recht als die Träger aller Ver«bung aufgefaßt wer- den, eine außerordentlich wichtige Rolle. Sie ordnen sich zu Schnüren, die zusammen einen Knäuel bilden und zerfallen dann in einzelne Teile von bestimmter Länge, die als C h r o m o so m e n oder Kernschleifen bezeichnet werden. Sie sind bei jedem Lebewesen in ganz bestimmter Zahl vorhanden. So hat der Pferdespulwurm deren nur 2 in der Kernteilungsspindel, bei anderen Würmern bilden sich 4 oder 8, bei Heuschrecken 12, bei der Weinbergschnecke, dem Salamander, der Forelle, der Maus, ebenso bei der Lilie, der Nieswurz 24, beim Menschen 48 usw.. bis schließlich bei einem Artemia genannten kleinen SalzwasserkrcbS gar 168. „Der fette Richter frißt Ochsen. Zu jedem Mittagessen«inen ganzen Ochsen. Den bratet ihm seine Mutt« am Spieß." Der starke Torday rief: „Das glaubt der Teufel....' lieber die Versamniluilg lief ein Murren des Zweifels. Keiner konnte sich vorstellen, daß der fette Nicht« überhaupt eine Mutt« habe. Paul fühlte sich in der Mitte beS Kreise? immer unbehaglicher und stammelte, vom der drohenden Schar umringt, ängstlich die Worte hervor. „Wenn ich's euch sage! Seine Mutter lebt noch. Sie wohnt mit ihm. Hier in der Feuerwehrgassc. Ich kenne sie...." „Paul!" schrie ihm der Vorturner unserer Klasse an und schlug zornig die Kappe zur Erde,«wenn du nicht sofort das Maul hältst...." „Hauen wir ihn", schrie es im Chor. Paul Nagel schaute uns mutig in die Augen: «Wenn ihr wollt, kann ich euch sofort hinführen." Das war ein gutes Wort! Sofort brachen wir auf und zogen auf das seltsam« Abenteuer aus. In Räubergeschichten hatten wir gelesen, daß die kühnen und edlen Recken den Feind im eigenen Heim aufsuchen, um mit ihm dort abzurechnen. Auch wir dachten an Aehnliches, während wir uns mit schwindligen Köpfen dem kleinen Haus näherten, dessen Fenster grüne Jalousien beschatteten. Paul wurde vorgeschickt. Nach einigen Minuten kehrte er mit triumphierendem Geficht zurück. „Kommt!" Wir gingen hinein. In» Hau» de» fetten Richters. Zuerst mußten wir den Weg über eine kühl« Terrasse nehmen, die vom Hos durch ein buntes Glastor getrennt war. Aus dem Hos saß im grünen Laub, zwischen Linden, Eschen und Jasmin, neben einer kleinen Kinderschaukel, eine mager« traurige alte Tante und strickte. Es war die Mutter deS fetten Richters. Anfangs juckte es uns noch tu den Kehlen und wir wollten lachen, aber das traurige alte Weibchen nahm uns sanft bei den Händen und wir küßten ihr die Hand, wie wir et unseren Müttern zu tun pflegten. Sie deckte sofort den Tisch, setzte uns auf tiefen, gold- ringigen Tellern Aepfel, honigsüße Trauben und Kuchen vor. Sie ließ uns auch auf der Schaukel sitzen. Dann begann sie zu er- zählen. Die Schaukel habe noch ihrem Sohne gehört; als er noch in die Schule ging, turnte er sehr gerne. Wie sie um ihren Sohn ge- fürchtet, auf ihn gewartet hatte, wenn er manchmal mit seinen Freunden fortging und erst nach der Torsperre heimkam, wie er als - Me Geschlechtszellen, die reife Eizelle, Wie die männlichen Samenzellen, enthalten nur die Hälfte der be- treffenden Chromosomenzahl, so daß die Nachkommen einer jeden Llri die Hälfte ihrer Chromosomen vom Vater und die andere Hälfte von der Mutter erhalten. Dadurch erst sind die Vererbungs- Möglichkeiten von beiden Seiten in richtiger Weise geordnet, ist eine normale EntWickelung des sich buch Verschmelzung des halben Kernes des Vaters und der Mutter aufbauenden jungen Lebe- Wesens ermöglicht. Nun aber hat der Mensch zur Normalzahl von 46 Chromosomen noch ein sogenanntes akzessorisches oder Geschlechts- ch r o m o s o m. Ein solches ist von verschiedenen Tieren bekannt und man weiß, daß es das Geschlecht bestimmt. ES ist nämlich bei den weiblichen Individuen doppelt, bei den männlichen aber nur in Einzahl vorhanden. So beträgt die Normalzahl der Chromosomen beim Manne 47 und beim Weibe 4 8. Durch die beiden Ge- schlechtSchromosomen ist das Weib gegenüber dem Manne viel weitergehend von ihrer Geschlechtlichkeit beeinflußt, ein ganz an- dcres Geschöpf der Gattung Mensch als der Mann, der durch den einzigen ihm zukommenden Geschlechtschromosom viel weniger als jenes bis in alle Tiefen seine« Sein» von der Geschlechtsfunktion beeinflußt wird. Der Mann ist gleichsam weniger ein Geschlechts- wesen als das Weib. Er ist in seinem körperlichen Befinden unab- bängizer von seiner Geschlechtsfunktion als jenes, damit auch geistig ' unabhängiger und regsamer. Da bei der Reifung der Geschlechtszellen die eine Hälfte der Cbromofonien entfernt wird, um eine ander« gleichwertige aufzu- nehmen und mit ihr zu einer neuen Einheit von derselben Chromo- somzahl zu verschmelzen, so hat das reife Ei stets ein Chromosom, die reife Samenzelle aber teils eines, teils keines, je nach der Richtung, in welcher beim Manne das eine vorhandene Chromosom wanderte. Eine Samen- zelle erstercr Art mit einer beliebigen Eizelle kopulierend, liefert ein männliches Kind, eine solche mit einem Chromosom aber ein we'blichcs, das in allen seinen Zellen ein Chromosom mehr ent- hält. Daher ist der geschlechtsbestimmende Einfluß eigentlich dem Zufall überlassen: doch mögen immerhin bestimmende Momente vorhanden sein, die nicht nur in einzelnen Ehen, sondern auch bei ein und derselben Ehe zu verschiedenen Zeiten und Alterszüständen der Ehegatten das Entstehen von Knaben mit nur 1 Geschlechts- «bromosom oder von Mädchen mit L GcschlechtSchromosomen begün- stigen. Tie Einzelheiten dabei sind für uns noch in volle? Dunkel gehüllt. Dadurch, daß das menschliche Weib stets ein GefchlechtSchromo- som mehr als der Mann hat(2 statt nur 1 wie dieser), lassen sich manche bisher rätselhafte Erscheinungen in der Pathologie auf sehr einfache Weise erklären. Dahin gehören vor allem die sogenante gcschlechtsbegrenzte Vererbung bei gewissen Krank- heiten. So kommen z. B. die Bluterkrankheit und eine Art der Farbenblindheit, nämlich die Grün-Rotblindheit. nur bei Männern vor, werden aber durch die Frauen vererbt. Diese? eigenartige und bisher unerklärte Verhalten läßt sich sofort ver- stehen durch diese neue Entdeckung vom einen Geschlechtschromosom des Mannes, das eben der Träger dieser Krankheiten ist. Die Krankheit geht ja von einem Manne au», bei dem da» einzige Geschlechtschromosom mit der betreffenden Krankheit belastet ist. Heiratet dieser Mann«ine gesunde Frau, so erhalten die Töchter ein belastetes Gcschlechtschroinosom vom Vater und ein unbelastetes von der Mutter. Anter solchen Umständen kommt die Krankheit nicht zum Ausbruck». Die Sohne aber erhalten nur ein einzige« Geschlechtschromosom, das entweder belastet oder frei ist. Im crstcren Fall tritt bei ihnen die Krankheit auf, im letzteren Falle dagegen nickt. Wodurch eine solche Anomalie erworben wird, ist unbekannt. Wie sie aber vererbt wird, da» ist uns jetzt klar. Eine Ausrottung der hockst unangenehmen und. was die Bluterkrankheit betrifft. überaus gefährlichen Anlage ist nur durch Ehehhgiene zu erreichen. Die Töchter aus Bluterstamm oder Grün-RotblindheitSstamm müssen chelos bleiben. Die Söhne aber müssen Gattinnen von möglichster Gesundheit Und Kraft wählen, so daß dieses eine krank- Haft veranlagte Geschlechtschromosom mit derzeit ausgemerzt wird. So zeigt sich auch hier wieder der große Wert der Chromo- iomenlehrc, die den bisher unerklärlichen und scheinbar launischen Gang der Vererbung in ganz gesetzmäßiger Weise zu erklären ver- mag. Tie Chromosomen sind eben als Träger der Vererbung von ausschlaggebender Bedeutung bei jeglicher Kernteilung, ebenso bei der Befruchtung. Letztere aber bezweckt in der Vereinigung von kleines Kind in den Sturm hinausrannte, wie er sang und tanzte, wenn sie sich an langen Herbstabenden langweilten; welch ein ge- schickter wackerer Bursche er gewesen sei und welch ausgezeichneter Tänzer. Auch erfuhren wir, c» habe weft und breit keinen besseren Vogelsteller gegeben. „Jawohl, meine Jungen»", wiederholte sie,„auch mein Sohn fing Vögel. Tagelang trieb er sich auf den Wiesen umher, auf den großen, großen Wiesen..... Wie doch die Zeit vergeht... Wenn ich bedenke, daß er damals auf? Haar genau so aussah wie ihr jetzt..." Die alte Frau blickt« verträumt bor sich hin. Sie dachte an ihren Sohn, der schon vierzig Jahre zählt und noch immer lebig ist. Mit dreißig Jahren hatte er ein« drollige Liebe gehabt und auch einen Ehering getragen: er hatte viel geweint und geseufzt und war flink zum Stelldichein geeilt, wie eine Dampfmaschine. In ein Konditoreifräulein war er verliebt gewesen, doch dieses fand feine Feistheit komisch. Er aber ging häufig in die Konditorei, aß vor Kummer die Hälfte des Vorrates auf, zahllose Schaumkrapfen und Cremeschnitte, die ihn noch feister machten. Wie andere sich dem Trunk ergeben, so aß er vor Liebeskummer, aß und aß, immer mehr und mehr. Ein Jahr lang trug er den Ehering, der dann bald von seinem dicken Finger verschwand. An dieses Ding mochte das Tantchen denken, denn ihre Augen füllten sich mit kleinen Tränentropfen. Wir aber betrachteten sie .... wir warteten noch immer auf den fetten Richter, um ihm einen höllischen Streich zu spielen, hier in seinem eigenen Heim; doch unsere Lust war schon merklich abgeflaut, e« ftöstelt« uns in der Hitze der Hundstag«. „Bitte, erzähle» Sie noch etwa»", bat Paul Nagel. „Erzählen Sie", baten wir gerührt. Der kleine Tordah schmiegte sich an da» Tantchen. Sie streichelte sein Haar und blickte ihm in die Augen. „Ei, mein Söhnchen", sagt« sie zärtlich,„hast du aber ein zer- risseneS Hemd. Wie kann man nur so herumgehen____" Dann ging sie in» Zimmer und brachte ein Päckchen, in dem Kleider waren. Kleine Schuhe, Röcke, Turnhemden; auch eine reichhaltige Käfersammlung. „Dies alles war sein", sagte die alte Frau,„auch dieses kleine Hemd. Schau, wie es dir paßt. Auch diese kleinen Schuh«. Auch die werden dir gut sein. Auch diese» Röckchen. Wer will e»? Die» alles war sein." „Auch das hier?" fragte Tori» ah stotternd und ungläubig und - hob ein grünes Schmetterlingsnetz vom Tisch. Ei- Und Samenzelle eine gegenseitig« Steigerung der LeienSenergi« in den zur Schaffung eine» neuen Wesen» bestimmten Kernen und damit auch Zellen und damit eine sehr ausgiebige Verjüngung. Dabei vollzieht sich gleichzeitig eine weitgehende Mischung der Eigenschaften zweier individuell verschiedener Lebewesen. Damit nun die einen EntwickelungSfortschritt bedingend« Mischung der Eigenschaften zweier Individuen mit vollkommen verschiedenen Anlagen ganz sicher zustande komme, haben deren Geschlechtszellen vollkommen darauf verzichtet, sich ohne einen äußeren Anstoß von sich aus teilen zu wollen. Durch die bei allen höheren Lebewesen bor sich gehend« Befruchtung vermischen sich zwei verschieden geartete Zellen mit ihren stet» etwa» ab- weichenden Eigenschaften aufS innigste, um au» ihrer gegen- seifigen Verschmelzung und Durchdringung ein neue» Wesen der- selbenArt, und doch wieder ganz verschieden, au« sich hervorgehen zu lassen. Durch eine solche Verbindung zweier immer etwas verschieden gearteter Zellindividuen wurde die Fähigkeit de? Sichverändern- könnenS möglichst gesteigert und die Anpassungsfähigkeit der In- dividuen an wechselnde Daseinsbedingungen in hohem Maße erhöht. Der Unterschied der Geschlechter der sich dann an den Trägern der betreffenden verschiedenartigen Peimzellen vollzog, war bloß eine sekundäre Erscheinung, einzig nur durch die Notwendigkeit bedingt und hervorgerufen, daß möglichst lebenskräftige neue Wesen daraus hervorgingen. „tin Mann gefallen../ ©in Gedächtnisblatt für Gustav Gack. An den Gräbern der Dichter, die da» Massensterben de« Welt- kricges zum Opfer gefordert, können wir nicht mit demselben Ge- fühl stehen, mit dem wir uns an den Tod eines Ewald von Kleist, eine» Theodor Körner erinnern. Es fehlt der verklärende Glanz der Einmaligkeit, der Ausnahme und der sich selbst erfüllenden Freiheit. Wo wir dort die reinen Heldenzüge sehen durften, fühlen wir hier zu stark ein Märtyrerhaftes, in das kein Sinn zu bringen ist. Diese Tod« sind rein ihrem Charakter nach ganz verschieden. Die Zahl aber belastet un» mit dem demütigenden Gefühl unersetz- barer, vielleicht weit in» Zukünftige greifender Wertzerstörnng. Setzen wir einmal 1776 statt 4914, und e» eröffnet sich un» eine Perspektive, aus der wir, ihrer Tragweite un» bewußt werdend, schnell den Blick zurücknehmen. Damals war der junge Goethe einundzwanzig Jahre alt. Diese ganze schmerzliche Ueberlegung wird in einem wach, wenn man jetzt da» Werk eine» Unbekannten liest, da» Han» W. Fischer der Vergessenheit zu entreißen sucht:„ein verbummelter Mudent" von Gustav Sack(S. Fischer Verlag, Berlin). Man würde vielleicht mit milderer Trauer die Dinge sehen, wenn man da» Gefühl hätte, nur vor einem Schrcibtalent zu stehen. Aber gerade Sack dünkt uns mehr. Man fühlt aus dem Embryonischen, Unausgegorenen der Dichtung reiche Strahlen werdender Bildung schießen. Man fühlt die Berührung einer genialischen Persönlichkeit. Sack ist nicht Literatur. Sein Wesen schwingt weiter, greift über das Werk hinaus, das ihm nur eine schmerzliche krisenhafte Entladung bedeutet. Man denkt an den jungen Büchner, an Conrad!. In seiner unruhigen Natur war vieles, das ihn der Gefahr des Ver- schäumen», de» Fragmentarische» nahebrachte, aber auch ein« Ge. sundheit des Willens und des Geistes, die ihn vielleicht darüber emporgerissen hätte. Vor allem aber lagen in ihm Keime zu einer Persönlichkeitsentfältuvg, deren Möglichkeiten sich bedeutend genug darstellen. Sacks Leben war unruhig, von Leidenschaften überstürmt. Die moralische Lage des verbummelten Studenten war die setnige. Die Bürger seiner niederrheinischen Heimai bekreuzten sich vor ihm. Gut, daß sie die Dämonen nickt sahen, die die Stürme erregten! Da? Erlebnis ist an sich nickt einmal so besonder». E» ist der er» kcnniniStheoretische Schiffbruch, den so viele Jünglinge erleben; da« alte„Habe nun, ach! Philosophie.. Da» Außergewöhnliche liegt in der persönlichen Färbung des Erlebnisses, in der grau- samcn Konsequenz. Was für andere mehr oder minder abstrakte Auseinandersetzung bleibt, wird hier zur Bedrohung de» Sein», weil nicht nur da? Hirn beteiligt ist, sondern da» ganze Wesen sich in den Gedanken verwühlt bat. Ein Gegenstück bieten die gewaltigen Erschütterungen, die Desorientierung de? ganzen J»di- viduums, die die Begegnung mit der Kanisckcn Philosopie in Heinrich Kleist hervorrief, so daß er in die Worte ausbrach:„Mein einzige?, mein böchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keine? mehr. Mick ekelt vor allem, was Wissen heißt." „Auch das." Das spöttische Johlen, daS uns noch unter dem Tor die Kehlen juckte, schlug jetzt in eine seltsame, nasenrümpfende Verwirrung um, die unsere Gesichter weinerlich, tölpelhaft, sahlblaß machte. „Auch da» hier?" fragten wir all« und reichten da» grüne Schmetterlingsnetz von Hand zu Hand. „Unsere Netze sind ebenso," l" Wir standen im Schatten der Bäum«. Einige stiegen auf die Schaukel, ließe»» noch einmal ihr scharfe» Gellen ertönen und ver- suchten, im Grase Purzelbäume zw schlagen. Aber wir fühlten un? nicht mehr recht behaglich. Ein« seltsame Neuigkeit würgte in dieser Abenddämmerung unsere Kehlen, wie wenn man zum ersten Mal wegen de» kranken unruhigen Fleischstücke» zwischen den Rippen nicht schlafen kann und bemerkt, daß diese» Fleischstück lebt und Schmerzen verursacht. Und in einem Nu fuhr es un? durch die Köpfe, daß der fett« Richter auch einmal«in Kind war,«in Kind wie wir, das den Vögeln nachjagt, sich schaukelt und mit dem grünen Netz Schmetterlinge fängt. Als wir diesen Gedanken zu Ende ge- dacht hatten, waren wir kein« Kinder mehr. Unsere Gesichter waren gealtert, die Augenlider zuckten un» nervös und in unseren ge- weiteten dunklen Augen glühten alle Tragödien und Mysterien de« Lebens. Demütig standen wir nebeneinander, traurig, besiegt und stumm. Später versuchten wir, die Fröhlid>Ieit zu erzwingen. Wir fingen zu singen an, verstummten aber sofort erschrocken, ohne jeden Grund. Musizierend« Käfer flogen an unser« Kappen, die Köpfe schmerzten un» vom Duft de» heißen Grase». Wir lehnten un» an die Mauer und schlössen die Augen. Alle sahen wir eine blaue Wiese, auf der«in kleiner ausgelassener Knabe — der fette Richter— herumtollt. Seine Lippen haben einen trau- rigen Zug nach unten, doch in seinen Augen glänzt da» kindliche Reich der Reinheit, Munterkeit und Fröhlichkeit, da« so bald vergehen muß. Einen schlanken Knaben sahen wir, barhäuptig und glücklich, mit dem grünen Schmetterlingsnetz nach«inem scheuen weißen Falter schlagen. Beschämt schlichen wir auf die Straß«, in die Nacht de» Hund»- tage?. Heiß und schwarz war die Nachi. An einer Ecke kam un» mit dröhnenden Schritten der fette Richter entgegen. „Guten Abend", sagten wir und lüfteten nach Gebühr die Kopfbedeckungen. �> Da» ErkennimSproRe« frntrüe für Sack zum Lebenproblem, und so wurde es zum Problem seines ersten Werke». Dieser Roman, heterogen und dissonierend wie die Jünglingsseele des Dichter?, trägt autobiographischen, bekenntnishaften Charakter. Alle? hat Sack hineingepackt, was ihn bewegt«: feine Extasen und feine Verzweiflungen, seine Himmclsfliige und sein« Höllenstürze. Die blaue Blume der Sehnsucht singt ihr altes, lockendes Lied. Aber es ist ein falsches Lied, das den jungen Wahrheitssucher vom Leben fortlockt und ihn zum Narren seines Erkenntnistriebes macht. DaS Schlußwort hat da? schrill«, vom Weinen durchsetzte Gelächter der Selbstzerstörung, das schauerlich über die Eisöde einer entgötterten Welt hingelli. Einmal blühte hier das Märchen der Liebe in Urweltlich nackter Schönheit und Reinheit, und die Träume schimmerten im Glänze überirdischer Paradiese. Aber der Gedanke, der sich nicht genügen wollte am schönen Schein, hat das Leben getötet, um ein paar Begriffe willen, die Marktschreier als den Schlüssel zu allen Geheimnissen anpreisen, als die Zauber- formeln, vor denen alle Riegel springen, und die in Wahrheit nichts sind als daß inhaltlose, aufgeblähte Abrakadabra einer unwissenden Mhstagogengild«. Den Schluß des Romans, wie er ist, mag man ablehnen. In seiner scheinbaren, allzu gewaltsamen Konsequenz ist er unreif, un- organisch, unerlebt. Sonst ist es gerade dies, was an dem Buche fesselt: es zuckt und glüht vor Erleben, und in dem grausam Aus- richtigen, Unerbittlichen des Bekennerischen erschüttert e?. Es ist nicht Literatur, e? ist ein Mensch, Und daß man diesen Menschen sieht, macht daS Werk zum Ereignis. Der tatsächliche Inhalt der Kämpfe interessiert nicht so sehr wie Form und Gestalt des Geistes, der hier mit den hart entgegengetürmten Gewalten des Seins ringt. Da» Ueberraschende aber ist die blühende Wildnis der Poesie, die in dem Buch« sich in freiem, wipfelweitem Wachstum entfaltet. Merkwürdig beieinandcrgelagert und doch eng verwachsen sind in Sack exafte Fähigkeiten und Kräfte der Phantasie. Er vermag das Leben eine» Insekts mit Genauigkeit zu beschreiben und sick zu- gleich mit der ganzen Seele so hineinzuversetzen, daß die Besckrci- bung zum Gedicht wird. Sein dichterisches Ingenium ist von ur- sprünglicher Selbständigkeit und jungem Reichtum, ob er Märchen träumt oder das Spiel des Windes im Efeubehang eines alten Schlosse? belauscht, ob er den Taumel der Liebe singt und die verflammende Schönheit de? Sonnenuntergang», oder ob er, hart, realistisch, daS Leben eines Bergwerks schildert. Alles ist neu er- lebt, zum erstenmal, mit einer ganz persönlichen Intensität des Sehen?. Sack fiel, einundbreitzigjährig,«in Unbekanter, Ende 1916 in Rumänien. HanS W. Fischer verspricht unS bald seinen ganzen Nachlaß: zlvei weitere Romane, ein Drama, Gedichte, Was er hätte werden können? Viele Möglichkeiten lagen in ihm; vielleickt auch viele Gefahren. Freunde mystischer Deutung könnten nach seinem ersten Buche etwas wie eine fatale Bestimmung in sein Ende hineindichten. Andererseits ist gerade das Fragezeichen ein starker Reiz seiner Persönlichkeit, der die Phantasie aufregt.... Setzen wir 1779 statt 1914. Damals war der junge Goethe einundzwanzig Jahre alt! Notizen. — Kwaß. das Volksgetränk der Russen. Wenn in Rußland jetzt alles drunter und' drüber geht, eins wird sich unper- ändert erhalten, der Kwaß. Diese» Getränk wird nach uralten lleberllefcriingen meist noch im einzelnen HauSbalt hergestellt. Nur in den Großstädten ist die Herstellung fabrikmäßig, und in den nissiscken Kasernen sind eigene Kwahköcke angestellt, die nach bc- hördlicken Vorschriften arbeiten. Der Kwaß ist ein bierähnlichcS Getränk, welches meisten? durch Vergärung von einer Würze aus Mehl, Malz und Brot gewonnen wird. An der Vergärung sind neben Hefen ähnlich wie bei Kefir nur Kwaß- Milchsäure- bakterie» hervorragend beteiligt. Diese geben dem Klvaß seinen säuerliche», erfrischenden Beigeschmack. Meist wird er»och mit Pfefferminze oder anderen Stoffen gewürzt, wie denn überhaupt der Zusay von Zucker und verschiedenen Obstsorten in den einzelnen LandeSteilen wechselt. Der eigentliche Brotkwaß de» armen Mannes wird direkt vom Faß getrunken, ist alkoholarm(nur O.S Proz.) und je älter um so saurer. Bessere Sorten werden auf Flaschen gefüllt; al» die feinsten gelten wohl Apfel« und Himbeerkwaß, die sehr wohl- schmeckend sind. Brot und Getreide sind zur Herstellung nicht un- bedingt erforderlich: daher lann der Kwaß in KriegSzeiten auch bei «in» al» ein gute« Ersatzgelränk für Bier gelten. Al» solche» wird er von Pros. Kobal in Rostock warm empsohlen, der auch ein Buch- lein mit zahlreichen Rezepten für die verschiedenen Sorten heraus- gegeben hat._ „Guten Abend", sagte der fette Richter lächelnd, unschuldig, wie ein kleines Brüderchen, und lüftete ebenfalls seinen Strohhut. Stumm gingen wir weiter. In dieser Nacht konnten wir in unseren Betten lange nicht ein- schlafen. Als e» endlich gelang, träumten wir, der fette Richter wein« in einer blaubebändertsn Wiege, ein arm«? pausbäckiges Baby, und schaue uns mit großen Augen an, traurig, sehr traurig. (Mit Genehmigung des Verlag?„Der Sturm".) Untergang. Und' wie über Trichter und Krater Zum Graben er mit uns schritt, Die pulsende Herzensader Ein Eisenstück ihm zerschnitt. iV Er preßte die blutigen Lippen Zum Kuß in das qualmende Land. Da stachen mit Spaten und Schippen Ein Grab wir ihm in den Sand. Und al» er versank in der Grube Umrauschte ihn flüsternd ein Wind: „Herzbruder in finsterer Stube, Du warst ein Messiaskind I Du hättest aus brennendem Leide Die Welt zur Versöhnung geführt! Du HStt'st einst die flammenden Scheite Zu Feuern der Liebe geschürt!" Als wir dann den Toten verscharrten, Der Wind in die Ferne sprang, An Gräbern und Haß und Standarten Und Mörsern und Minen entlang. HanS Lauer(Champagne). L-------- 7-7'-"-7- v-t-t------v-•.- 'gültig wie— geraten war und' aus 8er es nur 8uriH s i ch selb st gerettet werden konnte. Und wenn der Reichskanzler weiter die unversehrte Erhaltung des Vätererbes als das eigentliche deutsche Kriegsziel bezeichnete, so nannte er damit das Ziel, für dessen Erreichung sich auch jeder Sozialdemokrat auf Grund seines Programms ein- setzt. Wir kämpfen nicht, um den anderen etwas zu nehmen, sondern darum, daß man uns nichts nimmt. Auf die gewaltige Schwere dieses Kampfes hat der Chef des stellvertretenden Generalftabs, Frhr. v. Freytag-Lormg- Hoven, in einer Rede hingewiesen, die aufmerksam ge- lesen werden will. Als diese Rede gehalten wurde, traf die Nachricht ein, daß China an der Schwelle des vierten Kriegsjahres entschlossen sei, gleichfalls in den Krieg gegen Teutschland einzutreten...... Wenn trotzdem diese uner- hörten Erfolge, die in früheren Zeiten längst den Frieden herbeigeführt hätten, Erfolge, die ganze Königreiche über- rannt haben, uns noch nicht weitergebracht haben, so liegt das an der allgemeinen weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Lage, die allein zu- gunsten unserer Gegner arbeitet, die ihnen immer wieder neue Bundesgenossen zuführt und die allein es ihnen möglich macht, den Krieg bis auf den heutigen Tag zu führen. So ist es ge- komnien. daß die Soldaten eigentlich um die Früchte ihrer Siege betrogen worden sin d." Eine Gefahr, wie sie noch nie auf ein Volk hernieder- brach, eine Weltlage, wie sie noch nie erlebt worden ist! Die Arbeiterschaft ist sich dieser Gefahr und dieser Weltlage schon länger bewußt, als manche Politiker, die bis zum heutigen Tage zu einer klaren Erkenntnis so außerordentlicher Um- stände noch nicht herangereift sind. Solche klare Erkenntnis zwingt aber auch, über Aeußerlichkeiten einer ungewohnten Form auf die Sache selbst zu sehen. Stehen wir noch zur Politik des 4. August, so wie wir sie verstanden und von vorn- herein erklärt haben, oder nicht Treten wir für die Ver- teidigung unseres Landes gegen fremde Eroberungspläne ein oder nicht? Die Antwort auf diese Fragen kann keine andere sein als ein festes Ja! Wir wollen eine Politik, die zum Frieden führt. ?lber der Weg zum Frieden geht über die erfolgreiche Ver- teidigung des Reiches. Einen anderen gibt es nicht! Zugleich mit der Gedenkfeier im Reichstag, die den Cha- rakter dieses Krieges als eines deutschen Verteidi- gungskrieges zum Ausdruck brachte, hat in London eine Veranstaltung stattgefunden, die das genau entgegengesetzte Bild bot. Lloyd George schildert dort in krassen Farben das Schicksal, dem Europa zum Opfer gefallen wäre, wenn die a l l d e u t s ch e n T r ä u m e Verwirklichung gefunden hätten. Wir sind die letzten, die Gefährlichkeit dieser alldeutschen Träume zu bestreiten, sind aber freilich der Meinung, daß sie nur Deutschland s e l b st geschadet haben. Sie haben auf die deutsche Politik eine Zeitlang einen verderblichen Ein- fluß ausgeübt: aber sie haben sie niemals beherrscht und sie sind heute weiter davon entfernt, sie zu beherrschen, denn je. Sie sind heute weiter nichts als ein Popanz, dessen sich die feindlichen Staatsmänner nach Belieben bedienen, um den Haß und die Kampfeswut gegen das deutsche Volk anzu- stacheln. Je deutlicher die Welt erfährt, daß das deutische Volk von diesen Träumen nichts wissen will, desto rascher werden wir uns dem Ziel nähern, nach erfolgreicherSelbst- behauptung in eine Gemeinschaft der Völker einzutreten, deren Hauptziel es sein� muß, die Wiederholung der Gräuel zu verhindern, deren Stätte Europa nicht durch die Bosheit einzelner Menschen, sondern durch eine Verkettung tragischer Umstände geworden ist. Der 4. August in Lonöon. Reden Sonninos und Lloyd George. London, 4. August,(Reuter.) Lloyd George sprach heute nachmittag auf einer Versammlung des neuen Kriegsziel- komitees in der Queenshall. Lord Crewe, der den Vorfitz führte, sagte: Die allgemeinen Kriegsziele, wie sie ursprünglich von Asquith im November 1914 bezeichnet wurden, nämlich Wiederherstellung und Sicherheit, hätten sich nicht geändert. Die Berliner Aeußerungen hätten keine große Ermutigung für den Friedensgedanken enthalten. Es ist völlig klar, daß wir den Krieg fortsetzen müssen. Sonnino, der italienische Botschafter: Italien ist in den Krieg eingetreten zur Verteidigung seines guten Rechtes, als der Dreibundvcrtrag, der friedliebend und zur Verteidi- Die Spieluhr. Von Artur Zickler. „Hans, Hans!" Hans Onfreder ging ruhig. alS hätte er nichts gehört. weiter die Gasse hinauf. Da sich aber der Ruf wiederholte und er den mühseligen Schritt der alten Rasmussen hinter sich fühlte, wandte er sich unsicher um..Guten Tag. Mutter Rasmussen I" Sie war ganz außer Atem. „Willst mich nimmer kennen, HanS!' Ihre Stimme war so voll traurigen Vorwurfs, daß ihm sein Benehmen leid tat. „Das ist nicht schön von dir/' fuhr sie fort,„hast auch von meiner Brust getrunken, als deine Mutter starb." Ihr Blick hing mit mütterlicher Zärtlichkeit an dem wetterbraunen Gesicht des Infanteristen. Das weißblonde Bärtchen verdeckte schlecht das bittere Zucken seiner Mundwinkel. „Sechs Tage, Mutter— drei davon war ich in Ham- bürg und seit gestern bin ich hier. Morgen in der Frühe muß ich wieder weg nach Rußland." Verlegen und gerührt sah er von ihrem lieben Gesicht hinauf nach den abendschein- goldnen Giebeln. Der dicke Bäcker Hübner stand mit seiner Frau im Tor- weg, beide blinzelten interessiert herüber. „Komm mit rauf. Hans," bat die Alte und strich über seine großen Hände, die überflüssig am Koppel herumgriffen. Er überlegte zögernd.„Ist die... die Inge oben?" Auch über ihr Gesicht zog ein grauer Schatten.„Nee, sie ist in der Fabrik— hat immer"lange zu tun." Sie war froh, daß er nun endlich neben ihr hcrstapfte.„Was du groß und stark geworden bist, mein Junge, und einen Bart hast du auch und fühlst dich wohl wie'n ganzer Mann." So schwätzte sie die dunklen Stiegen hinauf. Er schwieg. Im Türrahmen blieb er stehen. Das Spätlicht strahlte durch die gebluniten Vorhänge in das saubere Stübchen, das mit seinen alten Möbeln eine traute Wohnlichkeit atmete. „Ganz wie— damals.. meinte Hans Onfreder, setzte sich auss Kanapee und streckte die Beine lang unterm Au n g bestimmt war, burikf ÖesterreiH mit EinverstänbniS Deutsch- lands verletzt worden war. Unsere Sonderziele, für die wir kämpfen, sind die Befreiung unserer Brüder von der Unterdrückung, unter der sie leiden, und zugleich die volle Sicherheit unserer Un- abhängigkeit zu Lande und zu Wasser, all das im Interesse der all- gemeinen Sache, damit die Genugtuung für alles von unseren Feinden uns zugefügte Unrecht gesichert wird. Lloyd George begrüßte zunächst Sonnino und fuhr dann fort: Ich begrüße ferner den verehrten und weisen Führer des serbischen Volkes(Paschitsch), des Opfers germanischer Bar- barei, das auf die Stunde der Befreiung und Genugtuung, welche sicher kommt, geduldig wartet und dafür hartnäckig und mutig kämpft. Dies ist der vierte Jahrestag des größten Krie- geS, den die Welt jemals gesehen hat. Wofür kämpfen wir? Um die gefährlichste Verschwörung zu besigen, die jemals gegen die Freiheit der Völker geschmiedet worden ist, die sorgfältig, geschickt, heimtückisch und heimlich mit rücksichtsloser, zynischer Entschioffenheit bis in alle Einzelheiten geplant worden war. Nur mit Schaudern kann man die neuerliche Enthüllung über die Berliner Versammlung wenige Wochen vor dem Krieg lesen. Es' war eine der schlimmsten Episoden in der ganzen Ge- schichte des menschlichen Räuberwesens. Sollte jemand in England wissen wollen, weshalb wir im Kriege sind, so lege er sich die Frage vor, was wäre aus Europa, was aus der Welt ge- worden, wenn wir nicht in den Krieg eingetreten wären. Verfolgen Sie die letzten drei Jahre und Sie sehen die Rechtfertigung unseres Eintritts in den Krieg. Sehen Sie, was über Europa herein- gebrochen ist, obwohl wir unsere Macht und alle unsere großen Heere und Flotten in den Kampf geworfen haben. Belgien, Serbien und Montenegro, einige der schönsten Provinzen Frankreichs und Rußlands, sind über den Haufen geworfen, verwüstet, gvdemütigt und versklavt worden. Bulgarien und die Türkei sind elende Vasallenstaaten. Das geschah, obwohl die ganze Macht des britischen Reiches in die Wagschale geworfen ist. Können Sie sich vorstellen, was geschehen wäre, wenn unsere große Flotte die Seeherrschaft nicht ausgeübt hätte? Wenn wir nicht große neue Armeen ausgerüstet und den preußischen Legionen entgegengestellt hätten? Rußland ist augenblicklich demoralisiert und in Auflösung begriffen. Diese Auflösung hat seine tapfere Armee an manchen Fronten unfähig gemacht. Das wäre schon früher eingetreten(hier fehlt offenbar der Satz: wenn England nicht in den Krieg eingegriffen hätte). Frankreich würde mit alt überlieferter Tapferkeit weitergekämpft haben; aber wenn ihm alle Zufuhren abgeschnitten worden wären, so hätte auch seine tapfere Armee überwältigt werden können. Wie würde dann Europa ausgesehen haben? Es wäre nicht ein Friede, sondern eine Eroberung und Unterjochung Europas gewesen. Europa wäre in Knechtschaft der Gnade einer großen beherrschen- den Macht und der schlimmsten Elemente dieser Macht preisgegeben gewesen. Wollen die, die noch immer zweifeln, ob wir vor drei Jahren in den Krieg eintreten sollten, sich ein Bild von Europa machen, w i e es heute sein würde, wenn wir nicht in den Krieg gezogen wären. Es würden viele Nationen sein, aber nur eine Großmacht, eine große Armee und zwei Flotten, die deutsche und die englische, wenigstens eine Zeitlang. Eine Zeitlang! Denn die Friedensbedingungen würden eine Kriegsentschädigung auf- erlegt haben, die die Form der Abtretung der russischen, der fran- zösischen, der griechischen, vielleicht der italienischen Flotte ange- nommen hätte. Europa wäre der Gnade dieser großen grausamen Macht ausgeliefert worden. Sie mögen sagen, daß das ein böser Traum wäre. Das ist nicht der Fall, es ist nur eine Beschreibung alldeutscher Träume. Was wäre in Amerika gewesen. Die Monroedoktrin wäre wie ein anderer Papierfetzen behandelt worden. Deutschland hatte die Doktrin nie unterschrieben. Aber wir kennen seine ehrgeizigen Pläne in Südamerika. Amerika wäre ein Jahr nach Abschluß dieses Friedens in einer hoffnungslosen Lage gewesen. Das ist die Gefahr, die wir in diesen drei Jahren zu verhüten strebten. Und nicht ohne Erfolg! Lassen Sie sich durch eine un- glückliche Episode nicht entmutigen. Machen Sie sich die Grund- tatsache klar, daß wir den ehrgeizigen Plänen DenffchlandS Einhalt getan haben. Gewisse Leute sagen, jetzt sei die Gefahr vorbei, also weshalb schließt Ihr nicht Frieden? Der Kaiser spricht jetzt anders. Wir hören jetzt niemals mehr tönende Phrasen von Deutschlands Weltmacht. Er spricht jetzt bescheidener über die Ver- teidigungdes deutschenBodens. Wer wollte in Deutsch- land einfallen? Wollte England mit seiner jämmerlichen kleinen Tisch. Die Bedrücktheit schien von ihm zu weichen, er lächelte sogar. Der Gaskocher sagte„Puff" und der Teetopf begann leise zu singen. Mutter Rasmussen redete in ihrer gemach heiteren und abgeklärten Art, die sie sich mit dem Alter er- lvorben hatte: Du darfst der Inge nicht so nachtragen, Hans. Drei Jahre fort warst Du in der Fremde; man soll so ein jung' Ding nicht zu lange allein lassen. Junges Ding will Freude haben, und der Peter Klemm— kennst ihn ja woll von der Schule her— war ein hübscher Bursch', ein bißchen eine leichte Haut vielleicht, aber keck und fröhlich genug, um so'n Deern den Kopf zu verdrehn. Das mit dem Kinde brauchte ja nicht zu kommen, aber kühl du mal heiße Köpfe! Peter wollte ja auch Inge heiraten, da kam der Krieg und er mußte sein Leben lassen; Inge dachte, du hattest sie längst vergessen; als dein Brief kam und war so voll bitterer Vorwürfe, hat sie bitterlich geweint." Ein klagendes Geräusch in der Kammer ließ sie ab- brechen. Sie öffnete die Tür einen Spalt und tröstete in singendem Tone: „Schlaf, mein lütt Jungchen, dein' Mutter kommt bald, ist nur für lütt Heiner nach Beeren in'n Wald!" Als Mutter Rasmussen den Tee in die Tasten füllte, knarrte die Stiege. Sie blickte ängstlich nach Hans, der preßte beklonimen die Lippen aufeinander und wurde rot bis unter den Schopf. Erregt sah er nach der Tür. bis Inge eintrat, schön wie einst. Glanz im Haar und wiegende Mädchen- hasttgkeit in der Bewegung. Sic war wenig bestürzt, eher lächelte sie wie einer, der im Schlafe liegt und schön träumt. „Sich da, Prinz Hans." Das gedämpfte Klingen ihrer Stimme rauschte in seinem Ohr. „Es wird Dir nicht recht sein, mich hier anzutreffen," sagte er und es war ihm, als wenn ein andrer die Worte gesprochen hätte und er sich darüber ärgern müßte. Sie sah ihn immerfort an mit Augen, die in der Dämmerung so selt- sam schimmerten. .Warst weit fort, HanS... und lange I". Armee in Deutschland einfallen, wollte es Rußland, das kein aus- reichendes Bahnsyftem hatte, um die eigenen Grenzen zu verteidi- gen? Hat sich Rußland auf einen Angriff vorbereitet, hat Frank- reich das getan, das offenbar nicht vorbereitet war, seine eigenen Grenzen zu schützen? Oder tat es Belgien? Oder wollte die ser- bische Armee nach Berlin marschieren? Der Kaiser muß wissen, daß er nicht deshalb in den Krieg zog, daß er sich auch jetzt nicht deshalb im Kriege befindet. Weder er noch sein neuer Kanzler sagen, daß er sich mit deutschem Boden zufrieden geben würde. Beide führen glatte Reden über den Frieden, aber sie stottern, sie stammeln, wenn es zu dem Worte Wiederherstellung kommt. Es kam noch nicht vollständig über ihre Lippen. Wir forderten sie dazu auf, aber sie können es nicht aussprechen. Ehe wir auf die Friedenskonferenz gehen, müssen sie lernen, zunächst jenes Wort auszusprechen. Die tapferen Jungen, von denen ich erfreulicherweise einige in dieser Versammlung sehe, heilen den Kaiser allmählich von seinem Stottern, bis er den ersten Buchstaben des Friedensalphabeis gelernt hat. Der erste Buchstabe ist Wiederherstellung. Dann werden wir reden. Der Krieg ist etwas Grausiges, aber er ist nicht so schrecklich als ein schlechter Friede. Der furchtbarste Krieg geht zu Ende, aber ein schlechter Friede geht immer weiter, er taumelt von Krieg zu Krieg. Was wollen sie, wollen sie Frieden, wenn sie davon reden? Tie Wahrheit ist, daß die preußischen Kriegsherren ihre ehrgeizigen Pläne noch nicht aufgegeben haben und nur die Verschiebung der Verwirflichung dieser Pläne erörtern. Unter ihnen herrscht richtige Verrücktheit. Glauben Sie mir, daß die Verschwörung diesmal mißlungen ist. Sie sagen ganz ehrlich, daß alles gut gegangen. wäre, wenn England nicht gewesen wäre. Das nächstemal wollen sie sichergehen. E s d a r f k e i n n ä chste s M a l g« b e n. Ein Mann in sehr hoher mächtiger Stellung in Deutschland hat gesagt, daß der Friede bald kommen, aber daß der Krieg in 19 Jahren wieder beginnen werde. Lloyd George führte dann den Gedanken näher aus, daß die deutschen Machthaber jetzt schon nur an eine bessere Vorberei- tung des nächsten Krieges dächten. Er kam dann auf den r u s s i- schen Zusammenbruch zu sprechen und tröstete seine Hörer mit dem Beispiel der französischen Revolution, die schnell zu militärischer Tüchtigkeit aufgestiegen sei. Dann wandte er sich gegen die Leute in England, die die Disziplin der Armee zer- setzen wollten. Aber in England bedürfe«s ketnes Arbeiter- und Soldatenrates, dieser sei hier das Unterhaus. Die Nation müsse als Ganzes den Krieg führen.„Wenn sie im Westen dem russischen Beispiel folgen würde! Wir haben nicht mehr als 199 Meilen zum Weglaufen, wir würden dann ins Meergcworfenwerden. Auf diese Weise sei der Frie- den ohne Annexionen und Entschädigungen nicht zu gewinnen." Ich sehe, daß die Deutschen mit der letzten Schlacht sehr zufrieden sind. Nun, das einzige, was ich sagen kann, ist, daß der ausgezeichnete Oberbefehlshaber unserer Armee an der Westfront gesagt hat, daß er alle seine Ziele in dieser Schlacht erreicht hat. Ich spreche nicht von etwas, was er mir nach dem Kampf gesagt hat. Er war gütig genug, uaS davon zu unterrichten, was diese Ziele waren. Und sie sind erreicht war- den. Aber der deutsche Bericht sagt, daß wir nur eine Trichter- lime besetzten und in Berlin wird geflaggt. Eine Trichterlinie! Wer hat die gemacht? Trotz der U-Boote, die, wie man uns vor etwa sechs Woche» erzählte, verhindern sollten, daß die britische Armee ihre Munition erhielt, hatten wir genug Geschütze und Munition, die gut ausgebaute Linie, die sie in drei Jahren mit freiwilliger und erzwungener Arbeit errichtet hatten, in eine Reihe von Trichtern zu verwandeln. Und der Kaiser hat den Armee- kommandanten zu seinen machtvollen Maßnahmen beglückwünscht und hat befohlen, in Berlin zu flaggen. Sie sind mit der Schlacht zufrieden und wir sind es auch. Nun, solch« Schlachten müssen wir haben, sie machen beiden Seiten Freude. Wir sind zwei Meilen weit gegangen. Uns gefällt es vorzugchen, ihnen, sich zurückzu- ziehen. Uns gefällt es, Gefangene zu machen, ihnen, sich zu er- geben. Uns gefällt es, ihre Gräben zu zerstören, und sie sind noch mehr entzückt. Nun lassen wir das zu unserer gegenseitigen Bc- ftiedigung so weitergehen! Jeder Rückzug, jede Preisgabe von Be- festigungen, deren Erbauung ihnen drei Jahre gekostet hat, wird des Kaisers Herz von neuem erfteuen, wird neue Glückwünsche an den Kronprinzen von Bayern bringen und mehr Fahnen in Berlin. Ich glaube, der Feldmarschall hat dieAbsicht, des KaisersHerz wieder und wieder zu erfteuen. Aber lassen Sie sich nicht durch diese deutschen Berichte irreführen. Es ist die britische Methode des Vor- gehens mit möglichst geringem Verlust an Menschenleben, indem man die deutschen Gräben und ihr Stacheldrähte und ihre Ma- Jäh wandte sie sich und ging in die Kammer. Mutter Rasmussen hatte sich ins Dunkel der Ofenbank gedrückt. Hans aber schüttelte die schwere Stille ab, straffte sich hoch und schnallte das Koppel um. Da sprang auf einmal das Schlagen einer kleinen Uhr ins Lautlose, das war wie ein helles silbernes Kichern. Hans ließ die Klinke wieder los. Das war ja die kleine Spieluhr, die er damals, kaum der Schule entwachsen, seiner lieben Spielgefährtin gekauft hatte. Wie sie Erinnerungen weckte, die kleine Melodie: Kling, Glöckchen, klingelingeling I Kling, Glöckchen, kling! Mach mir auf die Türe, Daß ich nicht erftiere... Süße Stunden strichen ihm mit feinen Fingern übers Saar, seiner Kindheit heiligste Träume raunten ihm zu: perr nicht mit engherzigem Grolle dein Glück! Mache die Tore deiner Seele weit auf und lasse die Liebe hinein! Da ging er hinein in die Kammer. Und als Mutter Rasmussen die Lampe anzündete und hinaustrug, hielt Hans Onfreder Inges Sohn auf dem Arme und lachte unter Tränen: „Was für ein kleiner Mensch! So ein kleiner dicker Mensch I" Das Feld der unbegrenzten Möglichkeiten. Grillparzer erzählt in seiner Selbstbiographie: Ich kam(aus einer Fahrt von Hietzing nach Wien) neben einen Hoftat der Zensur- hofstelle zu sitzen, der mir schon früher als Polizeidirektor in Venedig während meines dortigen Aufenthalts alle Freundlichkeiten er- wiesen hatte und mir bis auf diesen Augenblick immer zugetan ge- blieben ist. Er begann das Gespräch mit der damals in Wien stereotypen Frage, warum ich denn gar so wenig schriebe? Ich er- widerte ihm: er, als Beamter der Zensur, müsse den Grund wohl am besten wissen.„Ja," versetzte er,„so seid ihr Herren! Ihr denkt euch immer die Zensur als gegen euch verschworen. Als Ihr„Ottokar" zwei Jahre liegen blieb, glaubten Sie wahrscheinlich, ein erbitterter Feind verhindere die Aufführung. Wissen Sie, wer es zurückgehalten hat? Ich, der ich, weiß Gott, Ihr Feind nicht bin." „Aber, Herr Hoftat," versetzte ich,„was haben Sie denn an dem Stück Gefährliches gesu reden?"„Gar nichts", sagte er,„aber ich dachte mir, man kann doch nicht wissen—1"