"•v öeilage zum.vorwärts" Serlincr Volksblatt öerliti, 26. August 1917 Wieöerkehr. Der Krieg hat sie von ihren Maschinen gerissen, aus Sälen, in denen sie werkend standen. Hobel und Hammer haben sie lasten müssen... Nun fahren sie in vollgepfropflea Zügen durch fremde Lande in sternendurchleuchleter Nacht. In ollen Menschen, und den Dingen die auf ihren wegen liegen sind bei ihrem Anblick Seufzen und heiste Wünsche erwacht. Daheim die verlastenen Maschinen harren mit rostgelrüblen Mienen auf das blaublusige Arbeilsheer..... And Plötzlich Ist eine wiederkehrt Datz die riesensätigen Bauten erdröhnen und aufjubeln die dumpfen Sirenen: »Kinder der Arbeit, seid ihr wieder hier!" Die greisen wieder in das Hebelgewirr und stehen bei ihren Maschine« vereint wider den alten, den gemeinsamen Feind! ü Lazarowitz. Staat und Gesellschaft nach Marxscher /iuffaftung. Von Heinrich Cunow. Der J�rieg erweist sich auch im Gedankenkreise der deutschen Sozialdemokratie als großer Revolutionär. Mancher. der sich vor wenigen Jahren noch als Marxist bekannte und unter Bezugnahme auf Marrschc Aussprüche von einer dem- nächstigen, durch eine proletarische Revolution herbeigeführten Abschaffung des Staates und seine Ersetzung durch die„sozialistische Gesellschaftsordnung" sprach, steht heute der ganzen Marrschen Staats- und Gescllschaftslehrc miß- trauisch gegenüber: nicht wenige haben sich sogar zu liberal- individualistischen Staatstheorien zurückgefunden. Was heute vielfach als Marrsche Staats- und Gesellschafts- auffassung gilt, hat freilich meist mit Marxens Lehre wenig zu tun. Mehr noch als von anderen sozialphilosophischen Theorien unseres Altmeisters gilt von seiner Staatsauffassung, daß sie nicht in ihrem Originalgehalt, sondern in einer dem politischen Tagesbedarf angepaßten Vereinfachung, in einer schlagwortähnlichcn Zustutzung in der deutfchen Sozialdemo- kratie Aufnahme gefunden hat. Marx steht mit seiner Staatstheoretik auf den schultern von Hegel und manche seiner Ausführungen ßftd ohne genaue Kenntnis der Hegelschen Philosophie kaum zu verstehen— gerade die Hegelsche Philosophie hat aber unter den heutigen Marxisten nur wenige Freunde gefunden. So ist es denn gekommen, daß wir in dem landläufigen Vulgärmarxismus, wie er sich seit einigen Jahrzehnten in Deutschland entwickelt hat, nicht nur Anschauungen und An- sichten vorfinden, die zur Marxschcn Gesellschaftsauffassung in schärfstem Gegensatz stehen, sondern daß auch manche Grund- auffassungcn der Marxschen Staatstheorie, z. B. das Ver- hältnis des Staates zur Gesellschaft, der Staats- ordnung zur Gesellschaftsordnung, des staatlichen Rechts zum sozialen Recht, gar nicht erfaßt worden sind. Die ältere Staatstheoretik bis in den Beginn des neun- zehnten Jahrhunderts hinein, geht meist von dem i s o- lierten Individuum als Gesellschaftsstiftcr aus und basiert die Gesellschaftsentstchung auf die Vereinigung dieser Individuen unter Abschluß eines öffentlichen oder still- schweigenden Gesellschaftskontraktes. Durch ihre Einsicht lVernunst) oder den Zwang ihrer Lebensverhältnisse getrieben, vereinigen sich nach dieser Annahme die bisher isolierten Individuen oder Einzelfamilien zu einer Vielheit. Da nun aber ein Zusammenleben ohne eine gewisse Regelung des gegenseitigen Verhaltens nicht möglich ist, so geben sie sich eine Art Verfassung(natürlich zunächst keine geschriebene) und bestellen sich einen Regenten. So entsteht die Gesellschaft, die ohne weiteres mit d c m S t a a t i d e n ti f i- ziert wurde. Später, teilweise schon im 17. Jahrhundert, erkannten zwar manche Theoretiker, wie Montesquieu, Mably de Eon- dillac, William Temple, Bernhard de Mandeville, Anthony of Shaftesbury, David Hume, Adam Ferguson, Adam Smith usw., daß„Gesellschaft schon immer existiert" habe, wenn auch zunächst nur in der Form von Fpmilien- gemeinschastcn und Familienstämmen, aber in der Gesamt- auffassung wurde dadurch wenig geändert. Nur wurde jetzt meist angenommen, daß- die Gesellschaft im Laufe der Zeit ihre Formen verändert habe; der Staat vergegenwärtige die höchste Form. Von den früheren noch auf Verwandschafts- banden beruhenden-„Gesellschaften" wurde der Staat nun als ., politische Gesellschaft" unterschieden. Der erste, der begrifflich genau zwischen Gesellschaft und Staat unterscheidet, ist Hegel. Nach ihm beruht das Gesell- schaftsleben auf der Beftiedigung der menschlichen materiellen Bedürfnisse vermittelst des die einzelnen miteinander ver» bindenden und in Wechselbeziehung zueinander setzenden Wirt- schastsprozesses. Die aus diesem Prozeß der allgemeinen Unterhaltsbeschaffung sich ergebenden Wechselbeziehungen (Wirtschaftsbeziehungen) bilden die grundlegenden Gesell- schaftsbeziehungen. Die Gesellschaft ist denmach der Komplex aller solcher Personen, die zu einer gegebenen Zeit unmittel- bar oder mittelbar in solchen Wechselbeziehungen zu ein- ander stehen. Dagegen ist der Staat nach Hegel keine Gesell- schaft f sondern eine Gemeinschaft, eine Ver- fassungs- bezw. Rechtsgemcinschaft. die auf einer bestinunten sozialen Entwicklungsstufe aus der gesellschaftlichen Diffe- renzierung, der Standesschichtung(Hegel unterscheidet noch nicht zivischen Stand und Klasse und gebraucht daher das Wort „Stand", vielfach in demselben Sinne, wie Marx das Wort „Klasse") hervorgeht. Marx überninimt diese Unterscheidung von Hegel, hebt aber die konstituive Grundlage des Gesellschaftslebens, die Zusammenarbeit zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung, d. h. den Wirtschaftsprozeß, noch�schärfer hervor. Leider hat Marx seine Gesellschafts- und Staatsauffassung nicht in einem besonderen Werk systematisch entwickelt; doch läßt sich aus seinen Schriften, besonders aus dem fünften Kapitel des dritten Abschnittes des ersten Bandes seines„Kapitals" über den„Arbeitsprozeß und Verwertuugsprozeß" und aus dem zwölften Kapitel des vierten Abschnittes über die„Teilung der Arbeit und Manufaktur" die Marxsche Auffassung leicht rekonstruieren. Marx gilt der isolierte Mensch als ein Phantom, immer haben die Menschen schon in kleineren und größeren Gemein- schaften zusammengelebt, und bereits in der primitivsten dieser Gemeinschaften, der Horde, ist die Bedürfnisbeftiedi- gung eine„gesellschaftliche", geschieht sie im Zusammen- wirken der Hordenmitglieder miteinander, zum Beispiel bei der Nahrungssuche, Jagd, Fischfang usw. Aus solchem Zusammenwirken aber ergeben sich für die Be- tciligten tnannigfache Gcgcnscitigkcits- und Abhängigkeit?'- beziehungen. Die Gcsanitheit solcher verschiedenen Wechselbeziehungen bildet die Gesellschaftsstruktur, und alle in solchen Beziehungen zueinander stehenden Individuen bilden im sozio- logischen Sinne eine Gesellschaft. Die Formation jeder Gesellschaft wird also durch ihren der Bedürfnis- befriedigung dienenden Gcsamtarbeitsprozeß und den sich aus diesem ergehenden.wirtschaftlichen Wechselbeziehungen bestimmt, d u r ch ihre ö k o n o m i s ch c S tru k t u r. Als„Gefellschaft" im s o z i o l o g i s ch en Sinne gilt denn auch Marx in konsequenter Präzisierung der Hegelschen Auffassung nicht, wie dies so oft im gewöhnlichen Sprachgebrauch geschieht, schon jede beliebige Vereinigung oder Zusammen- Häufung von Individuen. Der„Gescllschaftsbegriff" ist kein einfacher Kollektivitätsbegriff. Eine Aktiengesellschaft ist ebensowenig wie eine Dorfschaft, eine Gelehrtenvereinigung ebensowenig wie ein Stamm eine„Gesellschaft". Eine „Gesellschaft" ist lediglich jener Kreis vo.n Personen, der unter den sich aus einer bestimmten Wirtschaftsweise er- gebenden Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen steht, dessen Mitglieder also durch bestimmte wirtschaftliche Lebens- Verhältnisse(aus denen sich als solche in weiterer Folge geistige Lebensverhältnisse ergeben) verbunden sind. Die Wirtschaftsweise ist also die Grundlage des Gesell- schaftslebens und bestimmt dessen Charakter, wie denn auch die nähere Bezeichnung einer Gesellschaftsformation meist, ohne daß die Sprechenden sich über den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Gesellschaft klar geworden sind— gewohnheitsmäßig nach der Wirtschaftsweise erfolgt. Man spricht allgemein in der Sozialwissenschaft(im Marx-Hegel- schen Sinne ist das begrifflich durchaus richtig) von einer kapitalistischen Gesellschaft(die älteren Sozialphilosophen sagten„bürgerliche" oder„zivile" Gesellschaft), einer feudalen Gesellschaft, einer Gesellschaft des Agrarkommunismus, des Frühkapitalismus, der handwerksmäßigen Pro- duktion usw. Etwas ganz anderes ist nach Marxens Auffassung der Staat. Er ist keine Gesellschaft, auch keine Gesellschafts- formation, sondern eine öffentliche Gemeinschaft oder, wie Marx sich selbst ausdrückt, ein politisches Gemeinwesen, eine Verfassungsorganisation. Der Staat ist demnach auch keine Unterabteilung der Gesellschaft, sondern Gesellschaft und Staat existieren nebeneinander als besondere, wenn auch in bestimmter Weiset miteinander zusammenhängende, Komplexe, die weder ihrem Umfange nach, noch mit ihren Grenzlinien, noch mit ihrem Lebensinhalt zusammenfallen. Am besten läßt sich der Unter- schied durch folgenden Vergleich veranschaulichen: die heutige bürgerliche oder kapitalistische Gesellschaft erstreckt sich über verschiedene Staaten, wie das Deutsche Reich, Frankreich, England, die nordischen Reiche usw.; aber deshalb sind diese Staaten keineswegs bloße Unterabteilungen der Gesellschaft, denn die Zugehörigkeit zu einer dieser Staatsgemeinschaftcn bedingt nicht auch zugleich die Zugehörigkeit zu einer be- stimmten Gesellschaftsformation. Es können vielmehr die Mitglieder eines Staates in materiellen Wechselbeziehungen zu einander stehen, die ganz verschiedenen Wirtschaftsweisen entspringen. Mit anderen Worten: es kann ein Teil der Staats- Mitglieder zur kapitalistischen Gesellschaft gehören, während ein anderer Teil noch in feudalen oder primitiv-naturalwirt- schastlichen Gesellschaftszuständen stecken geblieben ist. So ge- hören z. B. die schwedischen Lappen, weil sie zum kapitalistischen Staat gehören, deshalb noch keineswegs zur kapitalistischen Gesellschaft. Gesellschaft und Staat sind demnach etwas Verschiedenes und ebenso auch Gesellschaftsordnung und Staatsordnung, soziales und staatliches Gesetz. Wie die Gesellschaft früher da ist, als der Staat, so ist auch die Gesellschaftsordnung früher, als die Staatsordnung. In jeder Gesellschaft setzt sich als Folge deS wirtschaftlichen Lebensprozesses eine gewisse Regelung der sozialen Wechsel- beziehungen durch,, ohne die das Zusammenwirken der einzelnen gar nicht vor sich zu gehen vermag. Diese Regeln nebst den sich aus ihr ergebenden abgeleiteten Normen deS allgemeinen sozialen Verkehrs, auch soweit er sich über die Staatsgrenzen Jjinaus erstreckt, bilden die Gesellschaft?.- ordnung; die Staatsordnung besteht hingegen in den vom Staat zur Nachachtung für seine Mitglieder erlassenen, ihr gegenseitiges Verhalten zu einander regelnden, unter Zwang gestellten staatsbürgerlichen Gesetzen. Ebenso unterscheidet Marx zivischen sozialen und staat- lichen oder politischen Gesetzen. Als soziale Gesetze gelten ihm jene Normen des gesellschaftlichen Lebensprozesses, die sich in diesem von selbst durchsetzen, da sie Bedingung seiner Existenz und ständigen Erneuerung sind, wie z. B. das Bevölkerungsgesetz, das Wertgesetz, das Lohngesctz, das Preis- bildungsgesctz, die Gesetze des Anstandes usw. Ganz verschieden davon sind die staatlichen G c- setze. Sic sind gesetzte verbindende Normen des Verhaltens der Staatsmitgliedcr zueinander, zu den staatlichen Einrich- tungen oder zu fremden Staaten. Marx bezeichnet sie daher auch als„politische Rechte, die nur in Gemeinschaft mit andern ausgeübt werden" und deren eigentlicher Inhalt„die Teil- nähme aiu politischen Gemeinwesen, am Staatswesen" sei. In den vulgärmarxistischcn Schriften laufen diese begriff- lichcii Unterscheidungen vielfach bunt durcheinander," wie sicherlich kein Kenner dieser Literatur bestreiten wird. Man sehe sich nur daraufhin Kautskys kleine Schrift„Ethik und materialistische Geschichtsauffassung" an. Der schönste Wirrwarr. Genosse Karl Renner hat leider in seiner jüngst erschienenen Schrift„Marxismus, Krieg und Internationale" nur allzu recht, wenn er meint, daß es uns, obgleich sie ganz unentbehrlich sei, noch immer völlig an einer marxistischen Staats- und Rechtslehrc fehlt. Der Erzähler Karl Sternheim. Von Curt Morcck. In einer Zeit wie dieser kann der Dichter nicht mebr wie sein -schon fast mythisch gewordener AHN mit den sifußen auf'der Erda' und der-Stirn m ddn Wolken wandern. Er, der in einer ns.U, iwö anders organisierten Gesellschaft und-Welt mit den wirkenden Kräften lebt, kann sie in seinem Schaffen nicht übergehen. Seine Methode ist nicht mehr rein poetisch, sie ist auch wissenschaftlich; er ist Psychologe und Analytiker. ES darf ihm nicht genügen, in seinen Dichtungen schöne Träume zu bilden, weiche phantastisch minder Begabten ihre kümmerliche Alltäglichkeit ftir kurze Stunden vergessen machen; er findet seine Bevechtigung erst darin, datz der Wille, für die Menschheit zu wirken, in ihm schaffend wird. Mit seinem Werk die Umwandlung und Bervollkomnimmg ivr Wirklichkeit zu fördern, indem er ein Idealbild der Monschhcht zeigt, das Licht einer grohen reinen Idee in das fnrmpfc Dunkel■ der Massen flammen lätzt oder aber als Diagnostiker die wirkliche Welt in ihrer nackten Wahrheit enthüllt und, indem er so. das Vc'r- altete zerstört, den neuen Aufbau fördert und zu ihm aufruft— dies ist in einer Zeit wie der gegenwärtigen des Dichters Zweck, mag er selbst nicht bewußt auf ein politisches öder soziales Ziel gerichtet sein. Nicht im Sinne politischer Agitation oder moralischer Tendenz sind Sternheims Komödien, mögen sie nun szenisch entwickelt oder novellistisch konzentriert sein, Ausdruck sozialer Weltanschauung. Sie beruhen auf der Feststellung sozialer Erscheinungen, die im Kern ihres Wesens und in ihrer demaskierten Wahrhaftigkeit er» faßt werden, nicht sachlich und bejahend, sondern subjektiv und kritisch, ironisch und karikierend. Wenn andere Dichter begeistert noch die gewiß gewaltige und staunenswürdige Mechanisierung des Lebens bewundern und erleben, erkennt Sternheim schon; wie.das Geschaffene über den Schöpfer hinauswächst und zu einer Macht geworden ist, der die Menschen sich unterordnen, statt sie zu hc- herrschen. Sternheims kritisch eingestellter Geist, faßt die innere Wirklichkeit seiner aus dem bürgerlichen Loben erhaschten Mcu- scheu wie das.intensive Strahlenbündel der Röntgenlampe; er zieht von der Gesamtsumme den Schein, die Maske, die täuschende Außenseite ab, so datz das kümmerliche Skelett ihres Charakters übrigbleibt. Er zeigt mit brutaler Offenheit ihr inneres Nichts, und die Geste, mit der er dies tut, ist die sachliche des Wissenschaft- lichen Forschers. Er hat eine Distanz zum Objekt, die diese Fest- siellungen historisch macht, aber seine Entlarvungen sind restlos. Er erregt so der? gewollten Abscheu vor einem Bürgertum, das dumpf und träg, satt und verschlagen, verderbt und entgeistigt im Konservatismus seiner Existenz beharrt. Gruppiert er in den Dramen seine Typen zu Rede und Handlung, analysiert er in den Erzählungen die einzelne Erscheinung, legt den Typ eigentlich erst fest, indem er die Wesensseiten einer Gattung der sozialen Gemeinschaft zusammenschlveitzt zu einem Musterbeispiel der Art. So sind diese Novellen, gesammelt in den beiden prächtigen mit Ottomar Starkes Zeichnungen geschmückten Bänden„D r e i Er- Zählungen" und„M ä d ch e n"(bei Kurt Wolfs in Leipzig), monographische Darstellungen bürgerlicher Schicksale. Die charqk- teristischen Profile sind ins Groteske stilisiert, zum Zweck der Wir- kung übersteigert ins Karikaturenhafte; eine im Zeichnerischeu schon erprobte Formel der sozialen Kunst ist hier ins Literarische übertragen. In Einzelschicksalen gibt Sternheim die Wesenv- Verhältnisse einer ganzen sozialen Schicht; für Zeit und Zukunft ist durch den stahlfesten zusammenfassenden Griff des Künstlers der Typ festgehalten. So ist„B u s e k o w", die Geschichte des Schutzmanns, de» uniformierten Menschen, der innerlich der Beamtendisziplin ent- sprechend organisiert ist und der sein Loben steigert, indem es durch eine Leidenschaft fruchtbar wird. Aus dem mechanisch funk- tiomerenden Automaten staatlicher Gewalt entschält sich der Mensch und steigt zu einer höheren Stufe seines Daseins in der Berührung unbedingter Liebe, wird in ihr erlöst uon der Frön und fällt, stärksten Glückes erfüllt, unter die zermalmenden Räder eines Automobils. Vorgänge von banaler Alltäglichkeit werden, auf Zeilen verdichtet, monumentales Ereignis, das Ausmast der Gestalten ist zu Ueberlebensgrößc erweitert, die Menschen sind Denkmale des dargestellten Typs. Die Szene, wo Busekow, drän- gender Männlichkeit voll, hochgestrafft von Bewusttsein letzten Glückes und tiefer Seligkeit, sich vom Lager der Geliebten morgens erhebt, ans Klavier tritt und aus den Tasten den Hymnus„Heil dir im Siegerkranz" hervorpauki, findet in der Literatur unserer Zeit nicht ihresgleichen. Hier ist die Groteske erhaben. Die Erzählung„N a p o l c o ft" ist zunächst das Schicksal eines Kochs, der aus dem Unbekannten auftauchend Mittel der Macht , erkennt, Herrschaft gewinnt über die Genießenden. Durch die Mägen der Großen, von denen Leben, Politik und Freiheit ab- hängen, wirkend, steht er da als eigentlicher Lenker der Schicksale eines Volkes, durch Besitz eines bevorzugten WeibeS vollendet er sein Glück. Tie Gewalttaten hereinbrechenden Krieges, Kommune und Demokratie,.die mit der Weltanschauung der guten Ver- d-auung aufräumen, brechen seine Monarchie, iwr Verlust der geliebten Gefährtin uird der rohe'Matertalismus der Emporkömmlinge zer- stören sein Leben und werfen ihn an die einsame Stätte des Aus- gangs zurück. In absichtsvoller Parallele ist hier die Geschichte jenes größeren Napoleon mit feiner Ironie auf ein bürgerliches Fopmat gebracht, um so eindringlicher und sichtbarer zu werden, und der Wille zur Macht in seiner höchsten Steigerung durch das raffinierte Denken konnte nicht grausamer und schlagender paro- diert werden, als hier durch die kalte, objektive Ernsthaftigkeit SternhcimS. . In„Gchuhliii". der Monographie des schöpferischen Men- schen in seinem' Sonderfall als Komponist, verkörpert sich der selbst- verständliche/ notwendig-brutale Egoismus des Künstlers, der an- fangs in naiver Unbefangenheit die Opfer hingebender Menschen hinnimmt, dann in staunendem Erkennen seiner Wirkung be- wußtet seine parasitäre Existenz ausbaut und sein Leben ganz auf ' die Ausdeutung stellt. Ein(künstlerisches) Gottesgnadenwm ist hier das der Gemeinschaftlichkeit feindlich Entgegengesetzte, das antisoziale Element. SchMins wohlige Passivität und der demütige Wettbewerb der sklavisch Unterworfenen, Klara und Neander, ist tHipfel der Handlung. Die Triivgie der Männlichkeit ist auSgerundet und ihr als Gegensatz setzt Sternheim die Dveiheit der Mädchenschicksalc, als erstes„Sin na", den Typ des einfachen Menschen, opferbereit und gütig im Leben einer Familie, wo die Egoismen sich gegeneinander auswirken.. Sie, beseligt im stillen Lieben eines Mannes, der ihr Vorbild und Vollendung bedeutet, duldet ergeben und ftomm jede Forderung roher Selbstsucht wie eine demütige Magd, überwindet Enttäuschung des Gefühls und wird, verkörperte Hingabe, vom Manne gewählt und verworfen. Am Ende, vor neuer Wendung ihres Lebens Unbekanntem gegenüberstehend, bekümmert sie nur ..Gewißheit der Nutzlosigkeit aller in ihrem Leben bis heute ge- wesenen Anstrengung", uüd aus der Vergangenheit bleibt ihr nichts als„ein' Strauß vertrockneter Blumen und dieser Reisepaß, in dem die Behörde bescheinigt: Anna Kathbrina Palm, zweiundzwanzig Jahre alt, hat blaue Augen. � braunes Haar und sonst kein beson- dcrcs Merkmal, das sie aus der Masse der Gewöhnlichen heraus- hebt". Gleichsam im Querschnitt, durch Herz. Nerv und Nieren, wird ihr gretchenhaftes Weibtum so aufgewiesen. In ,.G c- s ch w i st e r S t o r ck" kämpft das vom Schicksal benachteiligte Mäd- che» Mstrtha verzweifelt gegest den drdhcndeu Einbruch des Mannes in bis geschwisterliche Gcmeinschäft mit der schötien Maria, scheut zur Erhaltung ihres Glückes"nicht körperliche Hingäbe' Md zör- bricht schließlich doch an der Pergcbiichteit des Opfer?, als über ihren egoistischen Einspruch hinweg die Natur ihr Recht vcrlangi. Zeugnis stärkerer Gestaltung ist„Mc ta", das aus dem durch- schnittlichen Leben der kleinen Stadt sich zu selbstbewußtem Individuum aufeutwickeludc Dienstmädchen der letzte» Novelle. In bescheidener Selbstgenügsamkeit erfüllt sie anfangs die Pflichten dienender Stellung, bis Aufruhr des bewegten Blutes, Bewußt- werden des Geschlechts die Porstellungen idealer Liebe beiseite rückt und dringend, doch vergeblich, Befriedigung fordert. Enttäuschung Die Guano-Reise runü um Deutsthlanö. Die Zeitsatire. Bon Maximilian Maul Becker. Punkt 4 Uhr 5 Minuten trat der Wagen Guano seine nachmalig so berühmt gewordene Reise rund um Deutsch- land an. Dauer: 24 Stunden. Abgangsstation und Endziel: Instcrburg. Punkt 4 Uhr L Minuten hatte Moritz Veilchenfeld, Lebensmittel- Grohhandelsgesellschaft m. b. H., Jnsterburg, Ärummestraße 8. eine Gesellschafterversammlung einberufen, d. h. Moritz als alleiniger Besitzer sämtlicher Anteilscheine der G. m. b. H. stellte sich vor den Spiegel und apostrophierte in sich die Gesellschaft folgendermaßen: „Moritz, wie haste das wieder gemacht?"— Diese Anrede zeigt, wie sehr Veilchenfeld mit sich und der G. m. b. H. zufrieden ivar. Worauf die innere Stimme eines Gesellschafters, der be- reits wußte, was jetzt kommen würde, prompt antivortete: „Einfach großartig!" Und richtig,— Moritz Veilchcnfeld fuhr bestätigend fort: „Jalvohl, großartig— meiner Ehr'! Da schau her— nebbich!—" damit hielt er seinem Spiegelbilde triuniphierend ein Telegramm bor die gemeinsame Gcsellschaftsnase von dementsprechcndem Umfang, Dicke und Länge, und trompetete >me ein Elefant:„Hier— hier ist das Telegramm der Firma Grotzkopf und Eo.—" „Eine solvente Firma, eine solide Firma, eine erst- klassige Firma," dröhnte es in seinem Hirnkasten wie mit ebensoviel Gesellschafterstimmen. „Ich weiß es— weiß es ganz genau. Nu. Gott der Gerechte, hätte Veilchenfeld, der kluge, tüchtige Vcilchenfeld, das Geschäft gemacht, wenw er nicht zuvor ganz genau ge- wüßt hätte, daß Großkopf und Eo., Mühlenfabrikate. Breslau, Mauritiusstraße 6, eine bcstrenommierte Firma sind, mit der man Geschäfte machen kann? Hier ist das Be- siätigungstclegramm: „Barkäufen offerierten Waggon Guano zum verlangten Preise von 15 Mark den Zentner.— Großkopf und Co." „Bedenken Sie, meine Herren", fuhr Moritz sich selbst zu erläutern fort,„das ist ein Getvinn von Zweifunfzig am Zentner!" Und der Uebcrglückliche machte einen so gewagten Luft- sprung, daß ihm fast die Hosennaht geplatzt wäre. Jedenfalls ivar ein dem ähnliches Geräusch ganz deutlich vernehmbar. Und die ganze würdige G. m. b. H. machte in vorbildlicher vergiftet Blut und Seele. Ausschweifend in Orgien des Gedankens, verderbt durch den Mangel natürlichen Glücke?, unterminiert sie Familienleben, intrigiert, unterwirft die Menschen ihrer Despotie, um in endlicher Katastrophe selbst gestürzt zu werden, ein Sinn- bild entarteten Machtwillens. Unverwüstlich aber und nach dem Erlebnis später Ehe erstarkt sie in der erfaßten Bedeutung ihrer Person und festigt sich in der Bewußtheit ihrer gottgewollten Existenz. Die Steruheimsche Novelle ist eine Form äußerster Konzen- tration, in der das Dargestellte nicht im Fortschreiten einer Hand- lung sich darbietet, noch an Geschehnissen aufgewiesen wird, die Gestalten ihr Denken und Meinen nicht im Dialog demonstrieren und breitere Schilderung keinen Raum si-ndet. Auf den knappsten Ausdruck ist alles zusammengepreßt, ohne daß dadurch das Tempo der Erzählung atemlos oder überstürzt würde. Sternheims Eigen- art ist verfolgbar bis in die Einzelheit seines Stils. Eine fast über- feinerte Empfindlichkeit seiner akustischen Organe läßt ihn den Rhythmus des Satzes so genau bestimmen und dem wesentlichsten Wort den Schiverpunkt der Betonung geben, wodurch zuweilen der Schein willkürlicher Sprachbehandluug erweckt wird, wo ein neues künstlerisches Gesetz in Erscheinung tritt. Jeder Satz ist gleichsam zugespitzt zu diesem einen bestimmenden Wort. In diesen Merk- malen bewußten Schaffens liegt aber auch die Möglichkeit, zu er- rechnen, welchen Anteil an Sternheims Werk die Intelligenz hat und wieviel' ein bewußtes, hochvermögendes Beherrschen künst- lerischcr Formen ihn produktiv macht. Wahlen in Japan. Das japanische Volk— so schreibt ein Mitarbeiter der in Tokio erscheinenden Zeitschrift„The Nttv East"— ist bei den allgemeinen Wahlen mehr Zuschauer als Teilnehmer. Eine andere Haltung ist auch kaum zu erwarten, wegen der wenigen Stimmberechtigten. Tokio beispielsweise mit seinen 2 033 320 Einwohnern hat nur 37 203 männliche Wahlberechtigt«. Von dieser kleinen Zahl halten sich außerdem noch 16 Proz. von der Abstimmung fern. Obwohl es vielleicht nicht gar so schlimm ist, wie ein japanischer Professor sagte, nämlich daß die Kandidaten nicht wissen, für was sie gewählt sind, und die Wähler nicht, warum sie stimmen, ist doch nicht zu leugnen, daß viele japanische Wähler keinen Begriff von dem Gewicht ihrer Stimme haben. Die Presse, die stets dem Volke ein wenig voraus ist, räumte den Wahlen einen großen Platz ein—„Jiji" erstieg mit zwei vollen Seiten Wahlterichte und Wahltratsch den Gipfel. Auffallend war die besondere Aufmerksamkeit, die den Ehefrauen der Kan- didaten und ihrem Wirken gewidmet war. Man sah sie als Stimmwerbcrinnen abgebildet, oder auch, wie sie die Wahlkorre- spondenz erledigten und mit den Wahlbureaus telephonierten. Mieden sie die Oefsentlichkeit, so wußte man wenigstens von ihnen zu vermelden, daß sie gute Mütter ihrer Kinder waren oder Pflicht- treue Hausfrauen, die ihren Gatten den Tisch bereiteten. Man sah auch mehr Bilder der Frauen der Kandidaten, als von diesen selbst ausgestellt. Versammlungen unter freiem Himmel fanden nicht viele statt. Dies und das Fehlen jeden Straßenumzuges, hat zur Folge, daß man von einer Wahl in Japan kaum etwas merkt. Dennoch wurde viel gearbeitet. Nach polizeilicher Schätzung gab es unge- fähr 7000 Stimmcnwerber oder 250 für jeden der Tokioter Kan- didaten. Die Zahl der Wahlbureaus wird mit 275 angegeben. Hinter dieser Organisation, die überall sonst in Japan in kleinem Maßstabe nachgemacht ist, steht die finanzielle Unterstützung der verschiedenen Parteien, die ihrerseits wiederum Hilfe seitens großer Unteruehmungen erhalten. Auch persönliche bedeutsame Zuweisungen sind nichts Seltenes, während auch die Kandidaten selbst ihre Wahl sich etwas kosten lassen müssen. Unter den Zu- Wendungen befand sich eine im Betrage von 300 000 Ucn seitens eines Reeders aus Kode an die Kokuminto, und von einem Ab- geordneten aus Nökohama sagt man, daß ihn seine Wahl aus 125 000 Ueii, und die einzelne Stimme auf 67 Ucn<1 Neu 2,10 Mark) zu stehen kain. Einer der Kandidaten in Tokio erklärt«, daß er von allen Kandidaten am wenigsten ausgegeben habe, näm- lich 2600 Ucn. Er wurde denn auch nicht gewählt. Eintracht die Verrücktheit, niik alleinigem Ausschluß des nicht ganz aufgeklärten Geräusches, im Spiegel mit. Fünfzehn Mark für den Zentner Guano ivar aber auch ein Preis, der sich hören lassen konnte. Fünfzehn Mark! Dafür war es aber auch ausländischer Guano. Da stinken unsere lieben deutschen Vögel noch dagegen. Leider Gottes! lind sie mögen lange strampeln, bis auch ihr Mist eine so schwindelnde, achtunggebietende Prcishöhc erklommen haben wird. Das Geschäft war also perfekt und der Waggon konnte zu jeder Minute rollen. Das tat er auch einerseits und andererseits tat er es wieder nicht. Und zivar aus guten Gründen. Es mochte ivohl zu unserer Väter Zeiten noch so Brauch geivesen sei», daß man hübsch bedächtig und vorsichtig das Eintreffen der empfangbaren Ware abwartete, sie dann getvissenhaft ans ihre Empfangbarkcit prüfte und behielt oder dem Absender wieder zur Verfügung stellte, sofern das Handels- gut nicht von der handelsgesetzlichen mittleren Art und Güte war. falls ini Vertrag über Güte der Ware nichts Näheres vereinbart gewesen. Wie umständlich! sagt dazu das Geschlecht von heute. Jetzt im Kriege— heute rot, morgen tot; heute Brot, morgen Not— sind diese Hemmungen kurzerhand über Bord gespült Ivordcn. Wozu so differenzierter llnterscheidungen Ivie: la Ware und prima Qualität und Mittelgut und Untcrdurch- schnittsivare und Ivie die klassenunterschiedlichen Knnstaus- drücke alle lauten mögen. Der Krieg ist nun einmal der große Gleichmacher. Das wissen wir heute alle. Ich kenne keine Qualitäten mehr, sagt sich der Erzeuger, bezw. Ver- käufer,— nur noch Ware. Ware schlechtweg. Ware an sich. Ware überhaupt. Soviel ivie nur inimer greifbar. Und der gar nicht mehr etepetete Verbraucher sagt sich erst recht so. Schmückt den neuen Warengrundsatz wohl auch etivas aus. Dann lautet er etiva so: Her damit— ganz gleich was es ist, ivcnn nur zum futtern!— Ueber dieser gottgefälligen Betrachtung ist unser Guano- Waggon(immer cinerseits-andererseits) nicht nur längst in Breslau angekommen, sondern rollt schon ivieder, schneller als der federfixe Chronist es beschreiben kann, zur schlesischen Güterhallc hinaus— in Richtung Leipzig. Die Firma Großkopf u. Co. hatte nämlich nicht sobald mit der Jnsterburger Lebensmittel- Großhandelsgcscllschaft m. b. H. abgeschlossen, als sich der sehr rührige Chef der großköpfischen Firma ohne Zeitverlust an die Telephonstrippe hing und seinem Leipziger Geschäftsfreund Konrad Pinscheber „aus reiner Erkenntlichkeit" den Guano zu 20 M. pro Zentner anbot. Wie das so seine Gewohnheit ist, bemängelte Herr Konrad Pinscheber zwar den Guano—„faule Sache, oberfaul" und was sein gediegenes Handwörterbuch des Kunden- Das Stimmenwerben geschieht durch persönliche lleberredung oder per Brief. Einer der erfolgreichsten Kandidaten Tokios saglc, daß er 44 Reden gehalten und 6000 Besuche gemacht habe. Ein anderer erledigte täglich 400 Besuche, seine Frau 350 und seine Tochter 250. Die Polizei sieht scharf zu, daß keine Bestechung stattfindet. Am 19. April, also am Tage vor der Wahl, waren 306 Fälle ge- meldet, bei denen 1432 Personen, darunter eine Frau, beteitigt waren. In Tokio befestigte die Polizei über den Eingang zu einem der Stimmbureaus eine Bekanntmachung, nach der ein Wähler in Haft genommen wurde, weil er sich von einem durch den Kandidaten bereitgestellten Wagen hatte„schleppen" lassen. Ob der Kandidat auch in Haft genommen wurde, stand nicht ver- merkt. Ein besonderer Fall von Käuflichkeit ereignete sich in der Uamagata-Präfektur. Ein Stimmenwerber klopft.« bei einem Wähler an und ersuchte um die Genehmigung, am Famiiicnaltar eine Huldigung darbringen zu dürfen. Nachdem er Weihrauch geopfert und gebetet hatte, legte er ein Stück Seide als Opfer fiir die Geister der Vorsahren des Wählers am Altar nieder. Er wurde wegen Bestechung verhaftet und es stellte sich heraus, daß er an allen Hausaltären des Distrikts die Runde gemacht und dasselbe Opfer überall gebracht hatte. Eine typische Vcrmengung von altem Glauben und neuer Po- litik ist der Bericht, daß einer der Abgeordneten seine Wahl dem Jnari San(dem Gott des Fuchses) verdanke. Er hatte als Advokat einer Frau, die sich von ihrem Manne scheiden lassen wollte, Geld geliehen, das sie aber nicht zurückzahlen konnte. Als sie hörte, daß er Parlamentskandidat sei, ging sie nach dem ihr geneigten Jnari- Altar, schlug die Trommel und bat den Fuchsgott, ihren Wohltäter zu unterstützen. Dann machte sie die Runde bei ihren Verwandten und Bekannten und bat diese, gleichfalls ihr Bestes zu tun, um den Fuchsgott ihrem Kandidaten günstig zu stimmen.... Es passiert jedoch nicht allen Kandidaten, daß für sie gebetet wird. Die Behörden bewachen nämlich sorgsam, fast vaterlich bedacht, jeden ihrer Schritte und so kam es wohl, daß den Tcehaus- und Rcstaurantinhabern die Pflicht auferlegt wurde, jedem, der nach mehr als zwei Geishas srug, die Visitenkarte abzufordern, um zu verhüten, daß die Kandidaten ihre künftigen Wähler bei einer Gcishapartie holten, unter dem Vorwand, daß sie von einem Picknik im Kirschbaumgarten zurückkehrten. Es gibt auch Wähler, die in großen Buchstaben über ihren Wohnungstürcn zu verstehen geben, daß sie dem Kandidaten ihre Stimme geben, dessen Agenten sie am wenigsten belästigen. Sobald der Wahltag herangekommen ist, werfen die Kandi- daten und ihre politischen Anhänger sich in Gala und fahren.n Mietautos durch die Straßen, in dem sicheren Bewußtsein, daß an diesem Tage die Augen der ganzen Welt auf sie gerichtet sind. Alte Häuser und Läden in der Umgebung des Wahlbureaus sind für den Wahltag gemietet. Dort wird Tee aufgetragen und die Wer- der haben da auch ihr Hauptquartier. Behänge in bunten Farben verdecken den Warenvorrat und auffällige Plakate verkünden den Namen des Kandidaten sowie seine Wahlparole. Hier sitzen auch die örtlichen politischen Größen und halten, die Zeit mit Rauchen vertreibend, ein wachsames Auge auf die Zelte der Gegner und deren Besucher. In einem der Lager sah man es mit scheelen Augen an, daß das des Gegners überfüllt war. Sofort wurde zu einem bekannten Boxer geschickt, der mit seinen 300 Pfund viel zur Füllung beitragen sollte. Der Mann konnte selbst nicht kommen und schickte seine zwei Zöglinge, die mit ihrem Riesenumsang fast den ganzen Raum in Beschlag nahmen. Der Gegner ließ daraus zwei weibliche Bedienstete vor das Hans treten, die es mit ihren schönen Augen leicht gegen die beiden Ringer aufnahmen. lieber den Wert der Abgeordneten vernimmt man sonderbare Bemerkungen. Nach den„Nichi Nicht" äußerte sich ein Beamter der kaiserlicheu Hoshaltung:„Die Mitnahme von Messern und Gabeln bei einem kaiserlichen Gartenfest ist nur eine kleine Per- fehlung, verglichen mit dem Tun mancher Parlamentarier, die ganze Champagnerflascheu in die Tasche stecken und mit nach Hause nehmen. Und doch wagen diese Gesetzmacher von id'en ehrlichen Stimmen zu schivatzen." Eine wenig angenehme Er- innerung an die Wahltage ivar es sür 14 Abgeordnete, daß zehn Tage nach ihrer Wahl ihr Eigentum lucgeit zur Zeit der Wahltage gemachter Schulden beschlagnahmt wurde... Verkehrs an Terminis sonst ttoch hergeben mochte—, sehr ausgiebig, doch zn Unrecht, beeilte sich aber, als der dick- köpfische Ehes in Firma Großkopf n. Co. anzuhängen drohte, und Pinscheber. vor Wut mit den Hauern fletschend, ein- sehen mußte, daß sich„die Schweinebande, die profitgierige" nicht mal einen bleiernen Pfennig abhandeln ließ, das An- gebot anzunehmen.„Ich verliere daran mehr als—" waren feine letzten verzweifelten Worte. Dann verhauchte sein Stöhnen im Schalltrichter ivie ein genäßter Wind. Herr Konrad Pinscheber dachte aber gar nicht daran, mit Verlust zu arbeiten, sondern offerierte, ehe der Schalltrichter »och recht trocken geworden, den erhandelten Guano brüh- warm, ivie man so zu sagen pflegt, der Münchener Feinkost- Handlung Maximilian Lcckerle, Hoflieferant Seiner Königlichen Hoheit usw. So unglaublich es klingt, es bleibt ivahr: die Münchener Feinkosthandlung akzeptierte den Guano ohne Feilschen zu 25 M. den Zentner. Aber nicht der hohe Preis ist das Unglaubliche, vielmehr ist es unerfindlich, ivas die deli- katc Leckerlesche Handlung mit dein Guano anfangen würde. Man bekommt ja jetzt allerhand aufs Brot gestrichen— aber Guano! Wennschon ausländischer—, Mist bleibt Mist. Sollte Leckerle etiva— entsetzlich! Ivo ist der Schlüssel?— den Guano als Kriegsmus in den Handel bringen»vollen? Das wäre doch ein zu starker Tobak. Auch als Kompott. Aber nein,— Maximilian Leckerle war gottseidank Hof- liefcrant genug, kein so ruchloses Koinpott-Attentat(Kompott mit zwei t und ohne s) auf den Zivölffingerdarm seiner Mit- menschen zu verüben. Wohl aber hatte er als weitblickender Geschäftsmann das unbestrittene Recht, den Guano, ehe ihn die fürchterliche Hitze verdarb, an die Straßburger Pasteten- sabrik E. Becker u. Sohn mit einem dem Kriegewngemessenen Preisaufschlag von nur 5 Märker auf den Zentner tveiter zn verkaufen., Die Pastetenbeckers ihrerseits fanden es vor- teilhaftcr, an eine Berivurstelung des Guano gar nicht erst heranzutreten, sondern boten ihn zum Vorzugspreis von 35 M. dem befreundeten Weinhaus I. Katzbach scl. Witwe, Frankfurt-Main, an. Die selige Witive befaßte sich mit dem Vogelmist auch nicht länger, als zur Erzielung eines kleinen Kriegsgewinnes unbedingt nötig war, und verhandelte stehenden Fußes den Guano für 40 M. den Zentner an die weltberühmte Kölner Schokoladenfabrik Felix Seimchen weiter. Man sollte nun meinen, daß die weltberühmte Schoko- ladenfabrik bei der gesteigerten Nachfrage und dem mangeln- den Angebot der süßen, braunen Götterspeise sich mit Feuer- eifer auf den Guano hätte stürzen müssen, um den ausländischen Mist auf chemischem Wege zu akklimatisieren und aus der neuen Masse beste Schokolade herzustellen. Damit wäre den leidigen Süßigkeitspolonäscn mit einem Schlage der Schwanz abgehackt Der Ausgang der Wahl brachte diesmal noch mehr Geschäfts- leutc als sonst. Von 381 neuen Parlamentariern sind 85 Ge- schästsleutc, bd Advokaten, 43 Journalisten, 33 Landwirte, 31 Grundbesitzer, 14 Bergbauinicressierte, 13 Aerzte, 15 Bankiers und Finaiizleute, S Schriststellcr und Lehrer, 6 aus dem Fischcrci- gcwerbe, 3 Seeleute und 84 ohne Beruf. Vom Stande der Par- teien wird nur gemeldet, dah kein Sozialist gewählt wurde. Es kandidierte ein Sozialist im ganzen Land, und zwar in Tokio. Er erhielt in seinem Bezirk ganz« 24 Stunmen und erklärte einem Berichterstatter, daß er erfreut sei, so viele Stinunen auf sich zu vereinigen, trotz der Schwierigkeiten der Polizei. Voller Opti- mismus rief er aus:„Früher uder später werde ich im Reichstage den Sozialismus vertreten!" Wunöergefthichten. Kulturhistorisches von Paul Enderling. In alten vergilbten, in Schweinsleder gebundenen Bänden stehen die'e Geschichlen, in denen, wie in der Zeit, in der sie er- standen, Glaube und Aberglaube, naive Kindlichteil und toller Wahn- witz ihren Reigen tanzen. Im 20. Kapitel des dritten Buches von Schott„pltysica ouriosa", einem dickleibigen, ehrwürdig dreinschauendeii Folianten, finden wir folgendes: Ein Priester reiste einmal nach Medien. Da er sich verirrt, mutzte er mit seinem Knaben die Nacht unter einem Baume zubringen. Unvermutet kommt ein Wolf zu ihnen, und als sie erschreckt fortlausen wollen, ruft er ihnen zu, sie sollten sich nicht fürchten, er hätte nur etwas mit ihnen zu sprechen.„Wir sind," fing der Wolf mit ernster Stimme an,„von dem Volk der Assyrer, und alle sieben Jahre müssen unserer zwei, ein Mann und eine Frau, auf die Bitte des heiligen Natalis aus unserem Lande fort und Wolfsgeftalt annehmen. Wer diese Prüfungszeit glücklich übersteht, wird von anderen abgelöst und kommt wieder in sein Vaterland. Meine eheliche Hanssrau und elende Gefährtin in der Wolfsslbaft liegt nicht wert von hier in den letzten Fügen, da sie sich an die Lebensart nicht gewöhnen konnte. Ich wollte dich als Priester Gottes bitte», ihr mit dem Trost der Kirche beizustehen." Filternd folgte der Priester dem Wolf zu einem hohlen Baum noch, wo er eine scheutzliche Wölfin antraf, die ganz menschlich stöhnte und seufzte. Räum erblickte sie den Priester. als sie mit heller Stimme Gott zu danken anfing, datz er sie nicht ohne geistlichen Zuspruch wollte sterben lassen. Der Priester betete mit ,hr und reichte ihr auch das Abendmahl. Der Wolf war sehr dankbar, führte den Priester auf dem nächsten Wege aus dem Walde hinaus, erzählte ihm, datz bereits zwei Drittel seiner Wolfszeit vor- über seien, nahm darauf beweglich Abschied und ging zu seiner kranken Gefährtin in den Wald zurück.— Wohlgemerkt, dies steht in keinem Märchenbuch, sondern in einem streng wissenschaftlich sich gebärdenden Werk! Uebrigens bringt dieselbe Geschichte auch der berühmte Niercmberg in seinem umfangreichen„Ds rnirabilibus Europae�. Ein frommer Mann, Superintendent Rimphof, erzählt in seinem .Drachenkönig", wie zu Gesicke ein Ehepaar ausging, Holz zu suchen. Bald habe sich der Mann absentieret und darauf in Ge- stall eines grausamen Wolfes sein eigen Weib angefallen, ihr aber nur den roten Rock zerrissen. Als er sich wieder in mensch« sicher Gestalt haben sehen lassen, habe er noch im Bart die Fäselein ihres roten Nockes gehabt(I), sei hieraufhin von seiner Frau ange- geben und justifiziert, d. h. verbrannt. Nach demselben Autor sind diese Wolfsverwandlungen in Asien zu jener Zeil sehr häufig gewesen. Als Soliman 1542 die Regie- ruug antrat, war Konstantinopel so voll Werwölfen, datz er mit einer kleinen Armee wider sie zu Felde ziehen mutzte. 150 wurden erlegt. Bei genauer Zählung zeigte es sich, datz akkurat 150 Bürger sehlten.... Der regierende Bürgermeister Hr. jur. Pelzer in Osnabrück sieht einmal in einer mondhellen Nacht zwei oder drei Katzen in seinem Hofe sich lustig machen. Er zweifelt keinen Augenblick daran, datz eS— Hexen sind, leitet den Prozetz ein; es werden viele Frauen und Mädchen eingezogen und auf die Ge- jtändnisse, die sie auf der Folter machen, hingerichtet! In Indien gab es Zauberer, die sich in Löwen und Tiger der- wandeln konnten. Zwei solche Zauberer, Juan Gomez und Sebastian worden. Auster den riesigen Gewinnen hätte man so auch noch ein vaterländisches Verdienst auf seinen Scheitel gehäuft. Aber nein, man wollte sich die meiste Firmenweste rein und unbefleckt mit Guano erhalten, gab dem mühelosen Spekulationsgewinn den Vorzug und leitete den Mist mit 50 Proz. Verdienst an eine Hamburger Hotcleinkaussgcnosscn- jchaft A.-G. telephonisch weiter. Die A.-G. kaufte den Guano und verkaufte ihn sofort einem hochwohllöblichen Magistrat einer mecklenburgischen Stadt für 50 M. den Zentner. Der Hochlvohllöbliche nahm in der ersten Freude dankbarst an. Hinterher stiegen ihm aber doch allerlei ernste Bedenken auf. Man liest nämlich auch in Mecklenburg, in beiden sogar, die Zeitungen, und da fiel es dem zweiten Bürgermeister und dann— welch eine Insubordination!— auch deni ersten Bürgermeister ein, dast in diesem Betreff schon die schwierigsten Sachen ohne Apparat gemacht ivorden seien; von erschrecklichen Schwindeleien erinnerte man sich jetzt gelesen zu haben, und kurz und gut: man wollte eine getreue Bürgerschaft gar nicht erst die fürivitzige Untertanen- nase— a u ch so ein Auswuchs der neuesten Zeit!— in den Waggon Vogelmist stecken lassen, so heilsam dieses Radikal- mittel zur Bekämpfung bürgerlichen Vorivitzes auch gewesen wäre, und war schliestlich heilfroh, als sich eine Berliner Markthallengesellschast, E. V., zur Uebernahme des Handels- gutes für 55 M. pro Zentner breitschlagen liest. Fünf vom Hundert war ein netter Gewinst bei einem Waggon von so- undsoviel Zentner Guano. Diesen— den Gewinn nämlich und nicht den Guano— liest man ungeschmälert in die Rote- Krcuz-Kasse fliesten. Fn Berlin ist man immer grostzügig. Die Markthallen- gcsellschaft konnte sich nicht darauf einlassen, den Guano etwa schöpfkellemveise zum Kleinverkauf zu bringen, bot vielmehr den ganzen Mist einem Berliner Warenhaus für 00 M.— das ist eine runde Summe— pro Zentner an. Hier wäre nun eigentlich die gegebene Stelle gewesen, von wo aus man den weitgereisten Guano endlich einmal dem kauflustigen Publikum hätte zugängig machen sollen. Aber weit gefehlt und leider Gottes! In den Warenhäusern ist es heute auch nicht mehr so wie früher, wo man im Er- frischungsraum für 25 deutsche Reichspfennige noch einen solchen Berg Schlagsahne vorgesetzt bekam, dast man ein richtiger Maulwurf sein mustte, um sich durch den Meisten Berg durchzuwühlen, bis man schliestlich beim hundertsten Löffel endlich auf des Tellers Grund stiest. Der Grund— jetzt nicht mehr der des Tellers, sondern vielmehr der eigent- liche Grund, weshalb sich das Warenhaus in den Verkauf des Guano nicht einliest, soll hier nicht aufgedeckt werden. Nur soviel sei ausgeplaudert: man hatte nun einmal die Nase voll von dem Guano und verkaufte den Zentner für Lopez, begegnete» ficb einmal in dieser Bestiengestalt und erkannten sich sofort. Eine Feindschaft batte sie lange entzweit, und so be- nutzten sie denn diese Gelegenheit, wütend über einander herzu- fallen. Nach blutigem Kampf ward Löwe Juan Gomez vom Tiger Sebastian Lopez so übel zugerichtet, datz er an der erhaltenen Wunde starb. Der„Tiger" wurde darauf unschädlich gemacht.— Thomas Gage, der dies im dritten Band seiner„Neisebeschreibungen" erzählt, sügt hinzu, datz er dem Verurteilten auf dem Wege zum Richtplatz beigestanden habe... Der berüchtigte Remigius sagt in seiner„Dämonolatrie"(erster Band):„Es ist kein Zweifel, datz solche Sache über allen mensch- lichen Verstand und Glauben bei vielen sein werden. Jedoch kann ich in Wahrheit sagen, datz mehr denn 280 Personen, die ich unter meinem Richteramt zum Feuer verdammt habe(!), selbst bekannt haben,„datz zu Zeiten die Hexen haufenweise zusammenkämen an einem Bach oder See. Daselbst schlagen sie so lange mit Gerten oder Ruten, die sie vom bösen Geist empfangen haben, in das Wasser, bis sich ein dicker Dunst und Nebel daraus erhebt und sie mit dem Nebel zugleich in die Höhe fahren. Die Dünste werden nachmalen zu schwarzen Wolken, in welchen sie mit den Geistern hin- und herfahren, wohin es sie gelüstet, auch endlich mit Hagel und Donner wieder aus die Erde nieder- kommen usw. Eine der Hexen, Barbara Rayel, sagte— doch wohl auf der Folter— aus, datz Zauberer und Hexen mit Hilfe der bösen Geister in den Wolken dicke Fässer überquer und durcheinander wälzen, solange, bis sie an den Ort gekommen, den sie zu verderben sich vorgenonimen.— Alsdann zersprängen besagte Fässer, und es kämen Steine, Hagel, Regen, Blitz und Donner heraus nnd ver- derbten alles... Die„Kernchronika" des Eberhard Werner HoppeluS vom Jahr 1665 enthält als Pendant hierzu folgende Geschichte:„Zu München war dies Jahr ein grohes, übernatürliches Donnerwetter. Als nun ein frommer Priester bemerkt, datz solches ein Teufelsdonnerwetter wäre, beschwor er es, wobei ein siebzigjähriger Erzzauberer ganz nackt auS den Wolken herabfiel und das Gewitter gleich aufhörte 1 Der Zauberer„bekannte" hernach, datz er solches Weitermachen nebst einigen 108 Gesellen an die 48 Jahre betrieben und an Menschen, Lieh, Früchten und Gebäuden grotzen Schaden getan hätte, tveShalb er mit glühenden Zangen gezogen und zu Asche verbrannt wurde." Datz es auch in diesen finsteren Zeiten nicht an Köpfen fehlte, die das Sinnlose dieser Theorien erlanntcn, ist selbstverständlich. So erzählt Schott in der vorher zitierten„Pb�sioa curiosa" von zwei Jesuiten, die an dem im Bolksmunde verrufenen Hexensee im Badischen gingen und dem Teufel und seinen Gesellen Hohn sprachen und lachend zur Stadt zurückkehrten. Aber der Teufel rächte sich! Die Nacht darauf entstand ein entsetzliches Gewitter mit Sturm und Platzrege». Dies währte einen Monat lang, und alle Badenser Bürger und Bauern glaubten nicht allein, datz der Teufel'dies Ge- witter gemacht, sondern hielten auch die Jesuiten für Mitschuldige des Teufels, wodurch die armen iiiischuldigen Patres in arge Be- drängnis gerieten... Wie lange dieser Glaube an die Möglichkeit einer Bändigung oder Entfesselung der Elemente durch Zauberhokuspoklis währte, lehrte die interessante Feuerverordnung, die zu Mecklenburg, das kulturell ja allezeit voran war, noch im Jahre 1742 erlassen wurde. Sie lautet:„Wir usw. sügen hiermit allen unseren nachgesetzten Beamten, adeligen Gerichtshaltern und Räten zu wissen und ist denselben schon bekannt, was wir aus landesväterlicher Sorgfalt alles, was zur Ztonservalion unserer Lande und getreuen Unter- tanen gereichen kann, sorgfältig verordnen. Da nun durch Brand- schaden viele bisher in grotzes Unglück geraten, befehlen wir, dergleichen Unglück in Zeit zu steuern, datz in einer jeden Stadt und Dorf verschiedene hölzerne Teller, worauf schon gegessen ge- wesen, mit den Figuren und Buchstaben, wie nnten beschrieben (eS ist das ein richtiges Beschwörungs-Abakadabra) des Freitags bei abnehmendem Lichte nachmittags zwischen 1t und 12 Uhr mit frischer Tinte und Feder geschrieben, vorrätig seien. Sodann aber, wenn eine Feuersbrunst wo vor Gott hiesige Lande in Gnade bewahren wolle, entstehen sollte, alsdann solchen bcinalten Teller mit den Worten: In Gottes Namen! ins Feuer geworfen und, woferne das Feuer wieder um sich greifen sollte, dreimal solches wiederholt werden, dadurch dann die Glut unfehlbar gedämpft wird. Dergleichen Teller nun haben die Bürgermeister in den Städten, auf dem Lande aber 05 M. an den bei der Landcsprodllktcnbörsc zitgelassenen Makler Markus Wucherpfennig weiter. Markus hatte für so etlvaS einen guten Riecher und akzeptierte unbesehen. Und eilte mangels eine Autos mit fliegcndcu Schlappen und lochenden Rockschöstcn nach einem Kaffeehaus in der Friedrichstraste. Man schrieb jetzt schon den anderen Tag, nachmittags 3 Uhr. Und jetzt erst kanl der Waggon Gnano so recht eigentlich ins Rollen. Von einem Bahnhof zum anderen wurde er verschoben. Es kann mitunter ein Vorteil sein, wenn eine Weltstadt statt nur des einen Zcntralbahnhofes mehrere Bahnhöfe hat. � Also Markus wandelte zwischen den Tischen hin und her, sondierte und liest sich dann an seineni Staninitisch mit dem Ausblick durch die Scheibe auf die belebte Bummelstraste nieder und leitete das groste Geschäft ein, indem er erstens nichts bestellte nnd zweitens unternehmend den Bleistift zückte. Dann gings los. Mit Volldampf. Der Waggon Guano wurde von einem Marmortisch zum anderen verschoben. Das ganze Kaffee ein einziger Rangicrbahnhof. Und mit jedem zurückgelegten Meter von Tischslation zu Tischstation nahm der Guano an Wert und der Preis an Höhe zu. Alles, ja sogar Damen, machte in Guano. Man raufte sich um Guano. Man schwelgte, man schwamm in Guano. Als es der Mist schliestlich bis auf 100 M. per Zentner gebracht hatte, passierte der Waggon Guano mit diesem Preis gerade wieder die Durchgangsstation Markus Wuchcrpfennig. Der ivar jetzt etwas vorsichtig geworden und wollte nicht mehr recht anbeisten. Guano—? nun ja. ganz gute Ware, schönes Geschäft— aber 100 M. pro Zentner. Das ist ein bistchcn happig. Er erbat sich also Bedenkzeit. Das war um 3 Uhr 30 Minuten. Wuchcrpfennigs Wiege hatte in Ostpreußen ge- standen. In diesem Oslpreuhcn liegt eine Stadt, die heißt Jnsterburg. Und in Jnstcrburg hat Moritz einen guten Ge- schäftsfreund(waren früher sogar Schulkameraden gewesen; so eine Erinnerung hält fürs ganze spätere feindliche Leben vor) zu wohnen. Dieser hieß Moritz Veilchenfeld, jetzt Lebcns- mittel-Grosthandelsgcsellschaft m. b. H. Wenn einer den Guano gebrauchen konnte, dann Veilchen- feld. Moritz Veilchenfeld macht alles. Gedacht, vollbracht! Wucherpfennig offerierte also aus alter Freundschaft dem Veilchenfeld den Waggon Guano auf telephonischem Wege zu 110 Mark per Zentner. „Mensch, Markus, bistc mcschuggc!" schrie Veilchenfeld, als er den Preis hörte. „Jnivicfernc denn „Nun, nix für ungut", lenkte Veilchenfeld ein.„Aber ich will Dir aus alter Freundschaft verraten, daß Du hier in die Schultheitze und GerichiShalten in Verwahrung aufzubehalten und bei entstehender Feuersglut, da Gott für sei, beschriebener Matzen zu gebrauchen, hiernächst aber, weil solches jedem Bürger und Bauer zu wissen nicht nötig ist, solches bei sich zu bc- hallen. Hierin vollbringen diese unseren gnädigsten Willen. Gegeben den 24. Dezember 1742. Es war ein hübsches Weihnachtsgeschenk, das Serenissimus dort seinen Untertanen gab. Nur schade, datz nirgends erwähnt wird, wie es sich bewährte. Stockholm. Uns gilt's. Europa wachzurütteln, schon blinzelt es ins Morgenrot. Vernunft und Freiheit bringt man nicht mit Knütteln, geschweige denn mit großen Mäulern tot. Ihr ahnt Gefahr für euer vlutgeschäst. Das macht erregt und reichlich unbescheiden... Un» tröstet Goethe: Daß die Meute kläfft, ist der Lewei« nur dafür, daßwirreiten! z. deutsches Opernhaus:„Orpheus in öer UnterweK". Mit seinem„Orpheus" leitete O s f c n b a ch eine neue Galtung ein: die parodistisch-satirische Operette, deren einziger, wavrdasl klassischer Meister er vis beule geblieben ist. Datz dies neue Wesen von den Parisern vorerst nicht begriffen wurde und datz der „OrpbeuS" demzuiolge Fiasko machte, wird man jetzt kaum glauben. Hernach freilich brachte er Gold in Hülle und Fülle. Ja. er ist trotz aller Zeitwandlungen eigentlich das lebensfähigste Werk von allen geblieben, denn die Musik ist unverwüstlich. Wie manches andere bat auch„Orpheus" schon des öfteren den Weg von der Operettenbühne— wohin er streng genommen ge- bört— zum Opernhaus gesunden. Solche Verpflanzung Hai nalür» lich eine Aenderung des Stils im Gefolge. Aber man laiin nicht gerade behaupten, datz damit immer dem Werk gedient ivurdc. Auch diesmal wird man geteilter Meinung sei». Dekorativ nnd szenisch ist manches Schöne geleistet worden: es werde» prächtig arrangierte Einzel- und Gruppenbilder geboten. Ai» wenigsten kann ich mich mit der„gereinigten" Handlung einverstanden erklären. Es wurde da ehedem gewitz viel und fürchicrtimer operettenhaster Schnickschnack hineingewerkelt. Dennoch erinnere ich mich der srühercn Aufführungen am Münchener Gärtiicrptatz-Thealcr mit besonderem Bergnügen: da war Humor drin. Das tifi;: sich von der Aufführung im Deutschen Opernhaus noch nicht sagen. Man wünscht den Darstellern eine verstärkte Dvsis jener ungenierten, ja frechen Beweglichkeit, die die Musik und auch die jeweilige Silualion ihrem Geiste nach ganz von selber notwendig hat. Das Ballett brachte schon etwas von dem tollen Wirbel, beispielsweise im Eancan, zur Geltung. In gesanglicher Beziehung ivird man da- gegen sehr zufriedengestellt. Harry Steier ist ein guter Orpheus. Hertha Stolzenberg wird manchem als Eurydice von der ehemals Komischen Oper her jedenfalls»och in besserer Erinnerung haften. Auch die Vertreter der übrigen Rollen verdienen Lob. Desgteichcn die Spiel- und Musikleitung. Datz die Tempi hier und da noch lebendiger genommen werden könnten, soll nicht verschwiegen sein. sie. Notizen. — Vorträge. Dienstag, abends 7 llhr, findet in der Treptow- Stern warte ein astronomischer Vortrag mit zahlreichen Lichtbildern„Gibt es ein Leben auf dem Monde?" stall.— Im Lessing-Museum spricht Donnerstag 8 llhr Merbach über„Lessiugö Hamburgische Dramaturgie und ihre Enlstehung vor 158 Jahren". — Eduard Buchner. der im Jahre 1387 durch den Nobel- preis ausgczeichnele Ehemiker, ist an den Folgen im Felde eriruener Wunden im 58. Lebensjahre gestorben. Büchner wirkte auch längere Jahre als Professor an der Berliner landwirlschasilichen Hochschule. Sein vorzügliches Arbeitsgebiet war die Chemie der Gärung. Es gelang ihni. die bisherige Lehre von der Hefewirkung, als aus Lebens- Vorgängen beruhend, zu stürzen. Er stellte unter starten, Druck und Verreibung aus der Hefe die Zymose her, die kein Leben mehr aus- lveist und doch Gärkraft besitzt. Jnsterburg Guano in jeder geivünschtcn Menge zu irnr fuffzig Mark den Zentner haben kannst." „Wieviel Mark?" „Fünfzig, Markus. F wie Franz— u wie U-Boot n wie nebbich—"— „Mensch, Moritz", unterbrach und brüllte der elektrisierte Wuchcrpfennig zurück, halt ihn fest! halt ihn fest! den Mist, bis ich komme. Komme sofort, Zahle jeden Preis. Bar. Das heißt nur bis zu allerhöchstens fünfzig Mark per Zentner. Abgemacht? Schluß!" Als Moritz den Tclcphonhörcr anhakte, zeigte die Uhr über dem Büfett gerade auf 4 Uhr. Der Schieber, der zuletzt den Guano für 100 Mark dem Wucherpfennig offeriert hatte, ivünschtc zu wissen, wie die Aktien stünden. „Lassen Sie sich einbalsamieren niit Ihrem Guano zu 100 Emni per Zentner", schnaubte Moritz.„Daß ich nicht lache— für so ein Mist 100 Emm— hahaha!" Dann war Moritz auch schon durch die Tür verschlvunden. Fünf Minuten später schiffte er sich schweißgebadet auf dem Bahnhof Friedrichstraßc nach Jnsterburg in Ostpreußen ein, wo es den guten, billigen Guano gibt. Und richtig!— iii Jnsterburg stand tatsächlich, auf ein totes Gleis geschoben, der Waggon Gnano, der in 24 Stunden eine Blitztour rund um Deutschland gemacht hatte, ohne von dem Jnsterburger Gleis hcruntcrgcschoben worden zu sein. Und dann die Preise— wie die sich erst mit BlitzzugS- geschwindigkeit gejagt hatten! Fabelhaft! Was so ein Waggon Guano nicht alles erlebt. Guano? l- 4j-- G___ Sonderlinge. Ss gibt unter«len IZi»m'r»cl»n immer nocb Sonclerling«, Die Klopfen von den HuebriCcrn feindlicher Sr»n»ten die Kupfcrringe. Der Ring feil sieh»l» Hrrnband für ein deutsches Rädchen umarbeiten lassen. Ein anderer soll als Rahmen da» Bild eine» gefallenen -freunde» f äffen. Ich finde das mehr als sonderbar. Mißt Ihr, wie nahe gerade diele Granate euren liebsten filenfeben mal war? Alfred R i ch. Meyer. Oentsches Töcater. Letzte seoh« Aufführ. 8 Uhr: Max Pallenberg in Hör kleine IVapoIeon. Heute letzte Xachmittags- Wrstellung 3 Uhr; Kamille Mchlmek mit Max Pallenberg. Pofiualtend Eröffnungs-Vor- steUunsr d. Spielzeit 1917/18. 7 Uhr: Faust I. Kamm erspiele. Letzte sechs Auffuhr. 8 Uhr: Hans WaBmann u. Ida Wüst in (>«l Nollendoifplatz 5 MW» Reute l Vorstellungen l Eachm. S1/. Uhr kl. Preise, Kinder die Hälfte, abends 7'/, Uhr. Her erfolgreiche Spielplan. Dazu: 9 Uhr abends Pantomime in 12 Bildern von Karl Vollmoeller Zirkus i. Schumann. Bahnhof Friedrichstraße. Rauchen gestattet. 2 Vorstellungen 2 Nachm. 31/. u. abds. 8 Uhr. Nachm. 1 Kind frei unt. 12 J. und Gratis-Pony-Reiten für Kinder v.Logen-b. Mittelbalkon-B esuchem, ii. a. Classons neuartige Leistungen. 3 Meinickes nervenkitzelnder Akt usw. Halali Parforce- I Idldll. Sehnitzeljagd. Rose-Theater. W, Uhr: Die Stunde deö Bertrauens. Gartcnb.: Seemannsliebehen. Veilchen Nr. 4 Lustspiel in 3 Akten. In der Hauptrolle; ArnoldRiecK DasBuch desLasters Schauspiel in 4'Akten. Beginn: 3 Uhr. Reiclishallen-Theater Stettiner Sänger. Anfang T'/j Uhr. Nächsten Sonntag, 2. 9.: Erste Nachmittagsvorstellung z. ermaß. Pr.l Reichshallen-Garten u. Saal; Blüthgen-Konzert. Anf. 8 Uhr, Sonnt. 6 Uhr. • 3. äditager• JCap/ilpskiidamm-JtollendorfphJz. � JZepinn S und f'A llAr*s Königliche-Der tanzende BetHeP* Top- Rtgv* O�matd. tnit SP-ii lande* Oer lajvundcJh*• mü Scsangspoptt* ' 2. 5chlagei? iTMedpiehstp- Unter d ftndi ){e Rache'BallzaubeP( KeiÄvenapi'us. un /u&ptei \xa it /ölte Tttumann, Regie: Zkarni/ ytaden, Vhte' 3. Schlager- TPeiniergirDeg- XiexanJec/eatz- •Der tanzende'Meistep Top* Spitzbube raiit Pöilanda* mit Jolaacs ' 2)CP tanz ende. Jbr*• ü�gai Dorste! Lungen tun bUh*und ÖUAe mit Sesangooptpag. (ffi © © •3. Schlager V�jrflzplatz,*• /lasenhdde Dea Dep VfeFepzu&: © •3 Schlager• 'dhiehendorfcrite-SchönebepgAzi, rDehPpahuPdtopi«Hotel Tochter/ und-fbpadfeb •DepRei'segnhel l" g• ■Die linKischeaiü © ?Jlnnd' URANIA Sonntag 4Uhr(halbe Preise); Tirol etnHt und Jetzt. Sonntag 8 Uhr: Die Befreiung Ostgaliziens und der Bukowina. 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