Z4. Jahrgang. ♦ Nr. Z7 Seilage zum �Vorwärts" berliner Vt/ksblatt Klliiii�iM�MmWMW Serlin, Ib. September 1977 Die grauen unö öie Politik. Von Wally Zepler. Die Frauenwa hlrechtsbewegung schreitet in allen Kultur- ländern machtvoll vorwärts. Ohne viel Prophetengabe darf man heute voraussagen, daß in zwei Jahrzehnten die Mehr- zahl der Frauen bei den fortgeschritteneren Nationen politische Gleichberechtigung besitzen, das weibliche Geschlecht also für die Geschicke der Völker unmittelbar mitbestimniend sein dürfte. Für jeden an der Entwicklung der Frauen wie an der der Menichheit Interessierten erhebt sich damit eine bedeu- tungsvolle Frage, von deren Beantwortung Wert oder Iln- wert des politischen Wirkens der Frauen in hohem Maße ab- hängt. Freilich: die Frau hat unter allen Umständen ein Anrecht darauf, daß ihre Stimme im Staat nicht ungehört verhallt. Sie hat es einfach kraft ihrer Menschen- würde im selben Augenblick, da sie es fordert. Denn niemals wird der Mann sich anmaßen dürfen von der Frau die Erfüllung gesellschaftlicher Pflich- ten zu verlangen und ihr dennoch allein das Gesetz ihres Lebens vorzuschreiben, sobald sie sich des Nechtcs eigener Verantwortlichkeit bewußt wird. Dennoch bleibt jene Frage von höchstem Interesse. Sie lautet: Wird die Mitarbeit der Frau im politischen Leben schöpferisch sein, wird sie der Menschheit neue Zielrichtungen und neue Wege weisen? Im Grunde stehen wir hier nur vor einer Teilfrage des oft erörterten Problems: Besitzt das weibliche Geschlecht über- Haupt Schöpferkraft, liegt in dem Urkern seines Wesens nicht die bloße Rezeptivität beschlossen, die eS geistig so lange zum Sklaven des Mannes gemacht hat? Indes: Stellen wir die Frage hier einmal auf diesem einen beschränkten Gebiet, vielleicht wirft ihre Beantwortung auch auf das Gesamtproblem ein wenig Licht. Erfahrungen über die parlamentarische Tätig- k c i t von Frauen bestehen erst in geringem Maß. Die Zeit. in der sie eine solche ausüben dürfen, ist noch sehr kurz, die Zahl der Parlamentarierinnen äußerst klein. Der Weltbund für Frauenstimmrecht hat sich indes bemüht, schon die vorläufigen Ergebnisse dieser Tätigkeit zu sammeln. In einer Umfrage unter Parlamentariern und Staatsmännern der Frauen- iiimmrechtsländer wurden recht interessante Urteile über das Wirken der weiblichen Parlanientsmitglieder abgegeben. Aus Neuseeland wird berichtet, auffällig sei„der kühle, vernünftige gesunde Menschenverstand, mit dein sich die Frauen... be- mühen, ihre politischen Pflichten auszuüben. Sie tun es genau so wie es vernünftige Männer zu tun pflegen und haben hinsichtlich vieler Dinge die gleiche Auffassungsweise." Eine Resolution des australischen Bundesparlaments hebt hervor, daß das Frauenstinlmrccht zu einer erhöhten B e- rücksichtigung der Frauen und Kinder durch die Gesetzgebung geführt habe, die Frauen aber auch allen anderen Fragen, bis zu denen der Landesverteidigung, ihre Aufmerksamkeit gewidmet' hätten. Das gibt für unser Problem schon gewisse Anhaltspunkte. Der Ausbruch des Weltkriegs aber bot zu seinem Studium eine ganz besondere Gelegenheit. Denn wo konnte es sich schärfer zeigen, ob Frauen und Männer politisch verschieden denken und fühlen als hier? Man pflegt von jeher zu behaupten, das Empfinden der Frauen sei vor allein durch ihre„Mütterlichkeit" bestimmt: Menschenliebe, Mitleid mit allem Lebendigen zeichne sie da- Troubaöour. Wohl keiner, der je von euch soviel Liebe genoß/ hoch stand ich in eurer zärtlichen Gunst. Offen war mir so mancher Schoß, den ich besaß dann: selbst liebend— oder in Brunst... stets aber Flamme!— kennt ihr mein Lienen noch?! Weit nun von euch!— oder ich weiß: ihr ersehnt mich doch! Seht: nun steh ich im Land, zerrisine ktchder. zerfurchtes Gesicht. ohne das Lächeln, wie ihr mich kanntet—« mein Gewehr im Arm.— aber mein herz schlägt für euch wie ehf�nn so warm: und ich weih: ihr vergaßt mich nicht! heraus denn, treue Laute! auf cinsanrer Wacht sing ich ein neues Liebcslied in die 7/acht. Brausen nm mich... todesgrausend-s Flur... Ztber ich sing—: feldgrauer TrouUidour!...— Ihr süßen Frauen der Heimal— In Treuen gegrüßt! Kann, weiß ich noch, wie ein rotc/r Frauenmund küßt— kaum kenne ich noch den zärtliche� Druck von Frauenhand— vergaß fast durchNebler Äächte ädernden Brand— und dennoch: denk ich der heinwt— so denk ich euch... hart wie Stahl mein Gesicht— doch mein herz wird weich.. Nun weiß ich erst recht: das Schönste auf Erden seid ihr; ohne euch— zu höllcnqualm verdammt sind wir... O wißt, nun ist eure Liebe'mir wie ein Wärchenlicd, das träumend und sehnend die blaue Nacht durchzieht... man lauscht... weint zärtliche Tränen und weiß es kaum— weiß nur: es ist in blauer Nacht ein unwirklicher Traum... 0 ihr. die ihr lieblich« Grüßen aus Fernen seid, himmlisches harfenklwgen der Ewigkeit—: der Duft eures Haares ist süßer denn süßester Wein; zum Sterben berauschend müssen eure Lippen sein... Ich vergaß längst,, daß es Lüge und feile Liebe gibt— ich weiß nur das eine Selige: daß ihr liebt... Jeder von euch, der geringsten, geht heule mein Rufen zu: du Schönste— du Aeber-menschllche— o Madonna du... kling, meine'Laute, und trage mein herz in die Nacht hinein... — ihr süßen Frauen sollt selbst mir im Sterben gesegnet sein... Kurt Corrinth. her aus. Ist diese Behauptung richtig, was konnte dem Wesen deS weiblichen Geschlechts dann leidenschaftlicher wider- streben als daS millionenfache Morden dieses Krieges? Tatsächlich setzten auch bereits in der ersten KriegSzeit gewisse pazifistische Strömungen unter den Frauen ein. Es fand ein internationaler Kongreß statt, der die Friedensbestrebungen durch ein internationales Zusammen- wirken von Frauen fördern wollte. Die wenigen Parlamentarierinnen. die über Krieg oder Frieden mitzuentscheiden hatten, eine Amerikanerin und die australischen weiblichen Parlamentsmitglieder votierten ebenfalls im pazifistischen Sinn. Auch sonst hörte man oft genug sagen: die Frauen sollten sich zusaiiiineiischließen und unter allen kriegführenden Nationen für den Frieden agitieren, das allein sei ihres weiblichen Empfindens würdig. Tie große Mehrheit der Frauen aber sah die Ereignisse durchaus nicht von diesem „mütterlichen" Standpunkt. Sie ging mit den Mannen: ihres Votkcs oder besser ihres Lcbcnskreises mit, fühlte wie diese national oder auch chauvinistisch, zeigte sich wie sie von Machtstreben erfüllt oder trieb auch Antiknegspropaganda, aber auf einer ganz anderen Grundlage, der sozialistisch- internationaler Gesinnung. Das wäre also umgekehrt eine Bestätigung jener Erfahrungen aus den australischen und anderen Parlamenten. Was trifft nun den eigentlichen Kern deS weiblichen Wesens? Ist die Natur der Frauen im Innersten pazifistisch oder gleichen sie im Grunde im politischen Denken und Gc- fühl dem Manne? ES ist schwer, eine sichere Antwort darauf zu finden. Möglich, daß in der Frau in der Tat krast ihrer Mütterlich- keit" die Mitleidsinsttnkle besonders stark entwickelt smd. Andererseits zeigt nicht allein die Geschichte, sondern auch die einfachste Beobachtung des LcbenS, daß auch in ihr Macht- und Bcsitzhunger tvohncn und auch sie fähig ist, sich bis zu wildem Hassen, ja bis zur Vernichtung des Gegners für ihre Ziele einzusetzen. Warum also sollte sie die Machtkämpfe der Klassen und Völker, um die gegen- wärtig noch alle? politische Ringen sich dreht, nicht mit der gleichen Leidenschaft erfassen und durchfechten können wie der Mann? Wie dieser Krieg nur leider allzu deutlich zeigt, sind wir von der Erkenntnis friedlicher Ausgleichsmöglichkeiten der menschlichen Interessen noch weit entfernt: innen- wie außen- politisch ist ein rein friedliches Miteinanderschaffcn aller Gc- sellschasts- und Menschheitsglieder Porläufig bloße Zukunfts- Hoffnung: welcher wirklich politische Weg also bleibt gegenwärtig für die Frau außer dem männlichen? Sie glaubte zuweilen höher zu stehen als der kühl rech- nende Mann, wenn sie sich widerstandslos reinen Gefühls- wällungcn überließ. So wird berichtet, daß daS amerikanische Kongreßmitglied Miß Rankin bei der Kriegsabstimmung unter Tränen ausrief:„Ich will meinem Vaterlaude dienen, aber ich kann nicht für den Krieg stimmen", und gleich empfindende Frauen wollten darin ein Zeichen Weib- sicher lleberlegenheit sehen. Das dürfte ein sehr irriges U.r- teil sein. Miß RankinS Tränen sprächen nur dafür, daß sie die ihr gestellte politische Aufgabe durchaus noch nicht be- griffen hat. Eine Demonstration für den Frieden konnte politisch wirksan: nicht durch weibliche Erregung sein, sondern nur durch klare Abwägung der Gründe Für und Wider, zu denen der Abscheu vor dem Krieg sicher auch für jede« empfindenden mann- lichen Politiker zählt. Die harten Tatsachen lassen sich einmal nicht durch noch so edle Gefühle aus dem Felde schlagen. Werste bekämpfen will, muß von ihnen ausgehen, er muß andere Tatsachen schaffen, und das ist in der Politik nur in sehr realer politischer Arbeit zu erreichen. Auch die Frau kann bei ihrem Eintritt ins politische Leben nicht weite Stadien geschichtlicher Entwicklung einfach mit einem kühnen Sah überspringen, sie kann"nicht die Welt von einem Punkte Jim Zrieörich Engels' Tafelrunöe. Von Eduard Bern st«i n.*) Frankreich war zu meiner Zeit an Engels' Tisch mrr sparsam vertreten. Charles Longnet, der Gatte von Marx' ältester Tochter Fenny. Paul Lafargue, der Gatte von Marx' zweiter Tochter Laura, und diese letztere selbst kamen gelegentlich als Gäste von Paris herüber, und wenn Laura Lafargue mehr literarische Jntcr- essen hatte, so waren die beiden französischen Schwiegersöhne von Marx um so mehr politische Parteimänner. Dabei standen sie in getrennten Lagern. Charles Longuct, aus der Normandie stain- mend und Schüler Proudhon«, hatte sich der äußersten Linken der radikalen Partei angeschlossen, Paul Lafargue hatte zusammen mit liules Guesde die Partei begründet, deren offizieller Titel.Parti Ouvrier" war. und die ihre politische Doktrin von Marx ableitete. Das Wie der Ableitung war freilich schon zu Marx' Lebzeilen nicht immer nach dessen Geschmack, so daß er einmal zu Lafargue das berühmt gewordene Wort sprach:„Cc qu'il y a de cerlain, c'cst que moi je ne suis pas Marxiste"(soviel ist gewiß, ich bin kein Marxist). Auch in den klbhandlungen Lafargues, worin dieser den Marxschen GeschichtsnuitcrialiSmus auf die Geschichte der Mythen und Ideen und auf die geschichtliche Bedeutung dieser anwandte, laufen Beweisführungen unter, die Marx in ihrer Kühnheit schwerlich unterschrieben hätte. Aber bei alledem blieb Lafargue ein außerordentlich belesener und ideenreicher Mann, mit dem sich zu unterhalten ein Genuß war. Er ist der Verfasser von Satiren, die an die Meisterwerke dieses Zweiges der französischen Literatur heranreichen. Halb Satirc, halb ernstes Mahnwort ist seine kleine Broschüre„I.e droit ä la paressc", deutsch unter dem Titel„Das Recht auf Faulheit" erschienen. In der Polemik von ätzender Schärfe, hatte er im persönlichen Verkehr viele liebenswürdige Züge. Ter Materialist in der Theorie wurde in der Praxis Idealist vom reinsten Wasser, in viel höherem Grade Ideologe als der der Marrschen Theorie sich kritisch gegenüberstellende Charles Longuct. Auch dieser, der Vater des jetzigen sozialistischen Kammcrmit- Wir enlnehmen diese anregenden Plaudereien mit Erlaubnis des Verlages Erich Reiß Eduard Bernsteins Erinnerungen eines Sozialisten: Aus den Jahren meines Exils, worin er seine Erlebnisse und Eindrücke während des Sozialfftengesctzcs in Lugano, Zürich und London schildert. glicdes Jean Longuct, war ein Mann, den es zu kennen lohnte. Konnte der in Havana gciborenc Lafargue in seinem ganzen Wesen für einen Südfranzosen gelten, genialisch mit jenem Zug ins Bizarre, wie ihn Daudet im»Tartarin von Tarascon" so fein ironisiert hat, so war Charles Longuct zwar ein ungemein leb- ■haftet Debattierer, den der feurigste Südfranzose nicht an Rasch- heit der Intuition übertraf, aber im letzten Grunde seiner politi- schen Argumentation doch der klug überlegende Nordsranzose, der die realen Kräfte der Politik mit Sicherheit einzuschätzen weiß. Marx schreibt einmal— im Brief vom 11. November 1882— verdrossen über seine französischen Schwiegersöhne aus Paris an Engels:„Longuct als letzter Proudhonist und Lafargue als letzter Bakunist, que le diable les empörte!"(hol' sie der Teufel!) Aber die Grundidee dessen, was Marx als Bakumsmus bekämpfte, hat in Frankreich als revolutionärer Syndikalismus sich bis zum Kriegsausbruch am Leben erhalten, und Proudhon war mit alle:, seinen Mängeln als Theoretiker doch derjenige französische So- zialist, der die Seele der Demokratie seines Volkes besser verstand und wiedergab als die meisten Sozialisten seiner Zeit. Beide Schwiegersöhne haben übrigens in Aufsätzen über Marx dessen Charakterbild, wie es bis dahin bekannt war, sehr wertvoll ergänzt. Lafargue hat im Jahrgang 1890/!)! der„Neuen Zeit" allerhand über Marx' Arbeitsweise, literarische Werturteile und sein Privatleben veröffentlicht, was dem Leser den Denker Marx auch menschlich sehr viel näher bringt, und Longuet hat 1900 im Vorwort zu den von Marx verfaßten Ansprachen des Gcneralrats der Internationale über de» Deutsch-Franzöjischen Krieg von 1870 und die Pariser Kommune von 1871 bemerkenswerte Züge der Gefühlsseite des Politikers Marx bekanntgegeben. Die Jnvektiven, die Marx in der Schrift über die Kommune gegen deren mördc- tische Besicger geschleudert hat, haben, führt Longuet dort aus, mit den Jnvektiven der großen Pamphletisten der Weltliteratur die Eigenschaft gemein, daß sie der Ausdruck des Zorns über tief- empfundenes Unrecht waren. Und er fährt fort: „In diesem Tempel der materialistischen Geschichtsauffassung lebte man stets das hochherzigste, idealistische Leben, das einzige, das der Mühe lohnt, gelebt zu werden. Die Verbannten aller Er- Hebungen für die Volkssache wurden hier mit offenen Armen auf- genommen. Ohne Bedingungen und Verbehalte der Doktrin, ohne den geringsten Sektierergeist verschwendete man an sie Beweise herzlichster Gastfreundschaft,.., man verabscheute die Neutralität. Mit seinem Lieblingsdichter, dem unversöhnlichen Gibellinen (Dante), verbannte Marx die Neutralen an die Höllenpfarte in den gemeinen Haufen jener Engel, die gefallene Engel find, weil sie weder Rebellen gegen Gott, noch ihm treu, sondern alles nur für sich sind,— gefallene Engel nicht einer Auflehnung, sonder:: ihrer Feigheit wegen... Seme Philosophie war keine Kasirisrik. Sie hätte die klare und freimütige Theorie des Klassenkampfes niemals durch schielende Spitzfindigkeiten entehrt." Die beiden romanischen Schwesternationen Frankreichs, Italien und Spanien, waren zu meiner Zeit bei Engels nicht vertreten, ebensowenig der Balkan oder die Schweiz. Au» Skandinavien kam nur ganz ausnahmsweise einmal ein Besucher. Rußland dagegen war längere Zeit durch den Revolutionär Sergius Krawtschinsky vertreten, der in Westeuropa als Verfasser des Buches„DaS unterirdische Rußland" unter seinem Schriftstellernamen Stepniak be- kannt war. Ein kräftig gebauter Mann mit einem machtvolle:: Kopf, entsprach er in seinem Wesen ganz den: Bild, da» man sich bei uns vom Slawen macht. Er, der in Rußland Mann de» Aktion und an der Befreiung Peter Krapotkins aus dem Gefängnis sowie an dem geglückten Attentat auf den Petersburger Polizeidiktator Mesenzow hervorrage:� beteiligt gewesen, war stark träumerisch veranlagt und sehr gefühlsweich. Er war die Seele der in England gegründeten Bereinigung Free Russia, die sich die Sammlung von Untsrstützungsgeldern für russische Freiheitskämpfer zur Ausgabe gesetzt hatte. Für sie hat Stepniak wiederholt Voriragsreisen in England sowie auch eine Rundreise in Amerika gemacht, bei der ihm insbesondere der amerikanische Humorist Mark Twain sehr freundschaftlich entgegenkam. In bestimmten literarischen Kreisen England» nahm Stepniak, der sid) auch als Romanschriftsteller mit Erfolg betätigt hatte, eine geachtete Stellung ein. An der Engels- scher: Tafel wie überhaupt in Gesellschaft war er geivöhnlich ein stiller Gast, der fast nur sprach, wem: man sich unmittelbar an ihn wandte. Sliber man merkte ihm doch an, daß er gern zu Engels kam und auf die Freundschaft mit ihm großen Wert legte. Auch zwischen ihm und mir entwickelte sich ein recht freundschaftliches Verhältnis. Ein Streit der Free Russia-Leute mit polnischen Sozialisten, bei dem Engels und ich die Partei der lctzlen nahmen, führte jedoch im letzten Lebensjahr von Engels zu einer erregten Szene in dessen Hause, de- zur Folge hatte, daß Stepniak dieses nicht mehr auf- suchte, er und ich sahen un» nun nur noch in Versammlungen, wo wir einander zwar begrüßten, aber jede intimere Unterhaltung der-, außerhalb dieser Welt regieren. Sie muß mit festen Fiiß�r auf der Erde stehen, muß die Kräfte begreifen, von denen die Menschen umhcrgctrieben werden. Auch wo sie n e u e w , Helen nachstreben will, niuß sie sich also die Resultate und� Vlethoden der bisherigen männlichen Arbeit zuvörderst voll- kommen zu eigen machen. Heißt das nun unsere ursprüngliche Frage verneinen, die Möglichkeit einer spezifisch weiblichen politischen Stellung- nähme für alle Zukunft negieren? Durchaus nicht. Werden, wie heute anzunehmen ist, die Frauen bald in allen Gebieten menschlichen Wissens und Denkens mitarbeiten, werden sie sich aktiv ani politischen Leben beteiligen, eine größere Zahl von Sitzen in allen Ge- setzgebungs- und Verwaltungskörperschaften einnehmen, werden sie also die geistigen Durchschnittshöhen des männlichen Ge- schlechts erklommen haben, dann erst wird die Grund- läge gegeben sein, etwa vorhandene spezifisch Weib- liche Schöpferkraft zu entfalten. Dann ist es sehr wohl möglich, daß die sicherlich existierenden Eigen- tümlichkeiten der Frauennatur sich auch im politischen Leben besonderen Ausdruck schaffen, daß es den Frauen ge- lingt, neue Wege zu entdecken, die neben den männlichen oder zuweilen vielleicht auch gegen sie die Menschheit weiter- führen. Dann werden sie. tvie wir hoffen mögen, nicht nur im äußern Kampf der Völker, sondern auch in dem der Klassen und der einzelnen die Friedensbringer sein, nicht, indem sie die Augen vor dem harten Muß des Kampfes verschließen, sondern indem sie ihn zu höheren Daseinsformen fortent- wickeln. Bis dahin aber wird es noch langer und schwerer Geistesarbeit der Frauen bedürfen, eines ernsten, jeder Senti- Mentalität abholden Studiums der Dinge. Die Organisation öer Pilze. Möge niemand bei dieser Ueberschrift erschrecken: die Pilze sollen wirllich nicht im strengen Sinne des Wortes organisiert werden. ES bandelt sich hier nur um die Organisierung der Pilzerkennung, der Pilzeinsammlung und Pilzverwendung. Und wenn auch im all- gemeinen doS Wort Organffierung in Deutschland dank der Aus- ärtung ins Bureaulratische nicht mehr allzu hoch im Kurse steht, in diesem Falle kann nützliche Arbeit damit geleistet werden und ist es schon geworden. In, Mai veranstaltete die Reichssielle für Gemüse und Obst zwei Lehrgänge für die Sammlung und Verwertung der Wild- gemüse und Pilze— einen in Berlin, den andern in Bonn. Per- treter der Bundesstaaten und Regierungsbezirke waren dazu ge- laden: in Vorträgen, Vorführungen und freier Aussprache wurde olles behandelt, was hieriür in Frage kam. Inzwischen ist der da- mals ausgestreute Same überall aufgegangen. Die Verhandlungen selber sind jetzt auÄ— etwas spät— im Druck erschienen(Wild- qemüse und Pilze, ihre Einsammlung und Verwertung, Berlin. Verlag der Reichsstelle für Gemüse und Obst, zu beziehen durch Paul Paretz) und können nun auch einem größeren Kreise dienstbar gemacht werden. Zwar ist es für dieses Jahr mit der Ernte der Wildgemüse im allgemeinen zu spät, wenn auch Vogelmiere, Sauerampfer und Hederich immer noch nutzbar sind und auch die Wildfrüchte und ilaffee- und Teersatz gepflückt werden können. Aber die Pilze haben jetzt— bis in den Oktober hinein— noch ihre Saison und gerade für sie ergeben die Lehrgänge vielerlei nützliche Fingerzeige und prallische Handhabe. Wie Professor Nubner im einleitenden Vortrage ausführte, wird der Nährwert der Pilze ja vielfach überschätzt. Es kann keine Rede davon sein, daß sie der Fleisch- nahrung nahe sieben. Sie entfalten 83 Proz. Wasier und nur 12 Proz. Trockenmasse(darunter Eiweiß, Felt und zuckerartige Stoffe). Immerhin ist der Eiweißgehalt Verhältnis- mäßig hoch(frisch 5 Proz., im getrockneten Zustande 42 Proz.). Blanche Gemüse entsprechen hierin getrocknet den Pilzen, z. B. Spmat und Rosenkohl. Leider wird nun ein großer Teil der pilzlicheu Nährstoffe, da sie in Zellmembrane eingeschlossen und schwer aus- löslich sind, von uns nicht ausgenutzt(zirka 35 Proz.). Aber trotz- dem sind die Pilze ein beachtenswertes und vor allem wohl- schmeckendes Gericht. Die Hauptsache ist nun, ihre Kenntnis zu verbreiten. Dafür kann und muß nun noch viel mehr als bisher geleistet werden. Ein guter Anfang ist durch die Führung von Pilz- vereinen, durch Unterweisung der Schulkinder, durch Pilzausstellungen, mieden. Erst am Vorabend seines jähen Todes sollte sich das ändern. Ich war an jenem Abend zu dem englischen Historiker Professor Aorke Powell geladen, der ziemlich weit im Westeir von London seine Villa hatte, und auf Powells Anfrage, ob ich etwas dagegen habe, Stepniak bei ihm zu treffen und mit ihm die Friedenspfeife zu rauchen, hatte ich geantwortet, mir könne das nur recht fein, unser Streit sei kein persönlicher gewesen. �Wir waren dann an dem Abend sehr fröhlich beisammen gewesen; Step- niak hatte mir ein über das andere Mal feine Freude darüber bekundet, daß wir nun wieder wie in früheren Jahren oerkehren würden: in bester Stimmung waren wir geschieden, und— am übernächsten Morgen erfuhr ich m meinem Entsetzen aus der Zeitung, daß der Verfasser von.Underground Russia" am Tage vorher, also am Morgen nach jenem Zusammentreffen, beim lieberschreiten eines Eisenbahngleises von einem heransausenden Schnellzug erfaßt und getötet worden sei. Natürlich tauchte sofort das Gerücht auf, er habe Selbstmord begangen und sich mit Ab- ficht überfahren lassen. Aber alle von ihm getroffenen Verfügungen, wie auch Art und Ton unserer Unterhaltung am Abend vor- her sprachen dafür, daß lediglich ein Unglücksfall vorlag. Ohnehin leicht ganz von seinen Gedanken beherrscht und der Gewohnheit er- geben, auf dem Wege zu lesen, war Stepniak zweifelsohne vom Eiscnbahnzug überrascht worden. Seine Leiche ward im Krematorium bei Wecking eingeäschert, das von London nahezu eine Stunde Eisenbahn entfernt liegt. Es wurde daher bestimmt, daß der Trauerzug die Leiche nur bis zur Waterloo Station der Südwesteisenbahn begleiten solle. Es war ein trüber Tag, an dem die Bestattung vor sich ging, und nur gegen tausend Leidtragende, in ihrer großen Mehrheit russisch- jüdische Arbeiter, nahmen an dem Zuge teil. Von der Rampe des Zufahrtdammes zum Bahnhof herab wurden Ansprachen zu Ehren des Verstorbenen gehalten. Welcher englische Sozialift sprach, ist mir nicht mehr in Erinnerung. Für die deutschen Sozialisten sprach ich, für die Russen Peter Krapotkin, der offenbar sehr er- griffen war und auch überaus ergreifend sprach. Es tönte wie ein Klagelied, als der nrittelgroße, sich dem Greisenalter nähernde Gelehrte von dem Dahingeschiedenen wie von einem Sohn sprach, der in der Blüte seiner Jahre, in vollster Mcmneskraft, so grausam dahingerafft sei. Ich kann nicht an den Patriarchen des ruffischen Anarchismus denken, ohne daß mir das damalige Bild wieder vor die Augen träte. War die Szene doch auch sonst geeignet, sich tief dem Gedächtnis einzuprägen! Hier stand ein Mann von euro- päischem Ruf, ein Gelehrter von Bedeutung an der Bahre eines ebenfalls in allen Ländern gelesenen, ebenso mutigen wie treuen Kämpfers für die Freiheit seines Volkes wie für die Befreiung aller Unterdrückten, um sie gedrängt taufend der ärmsten Prole- tarier, die auf den Verstorbeiren als einen ihrer Vorkämpfer ge- blickt hatten, und an diesen Trauernden vorbei wälzte sich in nur enrigen Metern Entfernung die Waterloostraße entlang das Leben Beratungsstellen und populäre Literatur gemacht. Aber wie immer wieder vorkommende Vergiftungen beweisen, ist die Aufklärung noch keineswegs genügend. Die in dem Sammelbuch der Reichsstelle aufgenommenen Vor- träge sind recht geeignet, den, der nach Erlangung gewisser Vor- \kenntnisie tiefer i« die Pilzkunde eindringen will, zu beraten. Die unmittelbare Anschauung können sie natürlich aber keineswegs er- petzen. Insbesondere die Ausführungen des Dr. Dahsen können in der Unterscheidung und Bewertung gefährlicher und verdächtiger P.flze(so vor allem der Knollenblätterpilze, die die meisten Ver- gistungen verursachen) gute Anregung geben. Wie im Schul- unrvrricht an der Hand von Pilztafeln Pilzkenntnis zu betreiben ist, zeigt Rektor Lloch aus Essen. Einige seiner Merkverse mögen hier Platzt finden: Von Pilzen mit roten Stilen und Röhren Laß Dich nicht betören. Pilze mit Knollen und Hutlappen Geben einen bösen Happen. Von großer Bedeutung ist auch die Belehrung über die Sammel- und Konlervierungsmethoden, über die Dr. Ulbrich berichtet. Wie mancher Pilzsammler entdeckt zu Hause, daß er madiges, verdorbenes und daherz«ngenießbares Zeug mit nach Hanje gebracht hat— oder daß Ävsich an gute Pilze durch zu festes Einpacken zerdrückt oder in Zersetzung überführt hat. Der gesammelte Pilz will Luft zur Atmung haben(daher sind Körbe am besten). Bei reichlichem Er- trag ist es ratsam, einen Teil der Beute zu trocknen oder einzu- machen. Auch hierfür werden Anweisungen gegeben. Besondere Anleitung zur Bereitung von Pilzgerichten wird auch geboten(die Rezepte sind aber zum Teil zu kompliziert und zu teuer). Die Reichssielle für Gemüse und Obst hat sich die Organisation der Pilzerwerbung und Pilzverwertung besonders angelegen � sein lassen. Ob gerade für 60 Millionen Mark Pilze aus unseren Wäldern zu holen sind, ist schließlich nebensächlich. Das wesentliche? ist, daß die Naturgaben ausgenutzt werden. Wie- weit die von der R'eichsstells eingerichteten Sammelstellen Pilze in die Großstädte geschafft haben, entzieht sich unserer Beurteilung. Zu enräglichen Preisen sind jedenfalls in Berlin keine Pilze erhänlich. Es kann keine Siede davon sein, daß die Pilze auch nur entfernt einen Nährwert von 1,26— 1,60 M. im Pmnde— soviel kosten sie jetzt im Berlin— haben. Nürnberas Organisation scheint in diesem Punkt? weit umsassender und zweckmäßiger zu sein. Merkwürdig ist es auch, daß wir in Berlin noch inchr einmal eine Pilzberatungsstelle habeu. Bon dem Wirken des.Vereins für Pilze und Wildfrüchte* in Friedenau ist in der größeren Oeffentlichken auch nichts bekannt geworden. Die vielen Anregungen, die aus den Lehrgängen geschöpft werden können, können bis setzt nicht alle oufgeiübrt werden. Man findet z. B. Angaben über das Einsalzen der Pilze oder die Ge- winnung von Pilzexlrakt.'Nachahmenswert wäre vielleicht das Karlsruher Vorbild, in Warenhäusern Pilzaus st ellun- gen zu machen. Neben dem unmittelbaren Nutzen kann Pilzsammcln sich sörder- lich erweisen: es lockt aus der Großstadt auch m Jahreszeiten, die sonst nicht mehr zu Ausflügen benutzt werden, es macht mit der Natur vertraut und lehrt nach Goethe.sich in Natur, Natur in sich zu hegen.* « Einen bemerkenswerten Versuch, den Laien ohne weitere Pilz- kenntnis so zu beraten, daß er niemals gefährliche Pilze einsammelt, macht ein kleines Bücklein von W. T h. P r y m(untrüglicher Ratgeber für Pilze, Verlag i»on Oito Nemmich, München und Leipzig). Es leitet an, sich durch Sluge, Tast- und Geruchsinn führen zu lassen. Kleine Kostproben, die wieder ausgespuckt werden, sollen zunächst entscheiden, ob ein Pilz Sitter und ungenießbar ist. Dann aber treten— da gerade die giftigsten Pilze weder bitter sind noch sonst abschrecken— einige wenige kurze Regeln in Kraft. Man mißtraue allen Pilzen mit weißen Blättern (Lamellen) und büle sich vor Röhrlingen mit rotem Futter oder Rot am Stiele— und vor dem stiellosen Kartoffelbovist. Ob die kleine Schrift, an der allein der hohe Preis von 1,66 M. auszusetzen ist. allein genügt, um zum richtigen Pilz- sammeln zu erziehen, blelln fraglich. Wie denn aus Büchern allein schwerlich die rechte Pilzkennerschaft zu holen ist. Aber eS kann sicherlich jedem nicht ganz beschlagenen Sucher vor Schaden be- wahren und ibm das Gefühl der Sicherheit geben. Daß er dabei manchen genießbaren Pitz außer Acht läßt, schadet nicht. Auch in den Schulen begnügt man sich vielfach, nur 6—16 gute Pilze ein- zuprägen. Die guten farbigen Tafeln, besonders die der Knollen- blättcrpilze, werden auch dem schon besser Beschlagenen dienlich sein. der Wellstadt, gleichgültig, teilnahmlos, als ob von der Rampe herab irgendeine alltägliche Ware verhökert würde. Stepniak hatte in der russischon Emigration eine ähnliche Stellung eingenommen, wie Freiligrath in der zweiten Phase seiner Londoner Exilzeit. Er hatte dem Streit der Fraktionen sich ferngehalten, der Konflikt, der zum Bruch zwischen ihm und Engels führte, hatte mit theoretischen oder taktischen Parteiftagen nichts zu tun, er betraf nur eine Angelegenheit, die in das leidige Gebiet der Sicherung gegen politische Spionage gehört. Von den polnischen Sozialisten, mit denen die Free Russia- Leute jenen Streit führten, gehörten die zwei interessantesten Personen, das Ehepaar Mendels ohn-Jankow ska, das jetzt ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilt, gleichfalls zur Engelsschen Tafelrunde. Aus Anlaß des Attentats, das ein Mitglied ihrer Partei, W. Padlewski, auf den Leiter der russischen politischen Polizei in Paris, General Seliwerstoff, im Sommer 1896 mit Er- folg ausgeffihrt hatte, genötigt, Paris zu verlassen, waren Stanislaus Mendelsohn und Frau alsbald nach London über- siedelt und gehörten von da ab zu den fast regelmäßigen und von Engels sehr gern gesehenen Gästen feines Hauses. Angehöriger einer wohlhabenden Warschauer Bankiersam ilie, hatt sich Stanislaus Meudelsohn schon als Gymnasiast der sozia- listischen Bewegung zugewandt und war bald verfolgt worden. Ins Ausland gegangen, hatte«r in österreichischen Gefängnissen gesessen, lange Jahre in Genf und später in Paris schriftstellerisch und organisatorisch für die Bildung ei-ner polnischen sozialistischen Partei gewirkt, für welchen Zweck er neben der Zeitschrift „Przedswit"(Die Morgenröte) das Monatsblatt.Walka Klaß" (Der Klassenkampf) herausgab, und hatte unter Opferung erheblicher Mittel für die Errichtung und Erhalwng einer Druckerei Sorge getragen, in der diese Blätter sowie Flugschriften aller Art hergestellt wurden. Ein Versuch, auch im Poserffchen Sozialisten zu werben, brachte um das Jahr 1882 ihn und seinen damaligen Ge- Nossen K. Janiszewski auf 2th bzw. 3 Jahre, ihre mit ihnen wir- kende Parteigenossin, Frau Maria von Fankowffa, auf ein halbes Jahr ins Gefängnis. Maria von Jankowffa war ein Aristokraten- kmd, die Tochter eines Angehörigen des alten polnischen Adels, und mit einem wohlhabenden polnischen Gutsbesitzer verheiratet, aber so sehr der sozialistischen Sache ergeben, daß sie, ohne von ihrem Manne geschieden zu sein und mit seiner Zustimmung den größten Teil des Jahres der Tätigkeit ffir diese sich widmete. Sre hatte eine gute Erziehung genossen, schon im Hause der Eltern deutsche und ftanzösische Lehrer gehabt und war eine äußerst ge- winnende Erscheinung. Bedeutender als sie war jedoch der Mann, der nach dem Tode ihres ersten Gatten ihr Lebensgenosse wurde. Außerordentlich belesen und ein sehr kritischer Kopf, war Stanis- laus Mendelsohn für ein geistiges Symposium wie geschaffen. Leider halben allerhand trübe Erfahrungen seine Kritik allmählich in eine scharfe Skepsis ausarten lassen, von der hingerrssen er zu- Kmnmerspkele:«.MaSams d'Gra*. Drama von Johannes W. Jensen. Des phantasievollen Dänen Jensen Aufsehen machende Er- zählung„Madame d'Ora" erschien vor elf Jahren im„Vorwärts* und dürfte manchem Leser unseres Blattes noch in der Erinnerung sein. Der Roman hinterläßt den Eindruck eines verblüffend lebendigen, farbenreichen, vom Fluge seiner Eingebungen getragenen Talents, das durch den Glanz von immer neuen Bildern fortreißt — doch freilich ohne das Vermögen, das Zerstreute zu geschlossener, überzeugender Einheit zu verbinden. Nur um die Energie dem Im- Pressionen, nicht um die Widerspiegelung seelisch notwendiger Entwickelungen ist' es ihm zu tun. Er selber baut derartigen An- sprüchen schon in dem Vorwort bor. Kolportagehafte Abenteuer, sprunghafte Dunkelkeiten, ein Spiel mit mystisch-spiritistischcn Möglichkeiten und vagen wissenschaftlichen Zukunftsideen, an denen sich der Forscher Hall berauscht, wechseln mit Stellen von sprühend leibhaftiger Anschaulichkeit. Die Schilderung des von fiebernder Sonnenhitze durchgluteteu Newyork, seines Atem und Besinnung raubenden Brausens, der schwindelnden Riesenbauten, in deren einem hoch oben der einsame Grübler seinem chemisch physikalischen Wunderwerke nachsinnt— all das schafft einen wahlverwandtcn Stimmungshintergrund, die rechte Atmosphäre für die fremden, bunten, wie im Fiebertraum vorüberhuschenden Erscheinungen. Die Schwierigkeiten, die, wie so viele fehlgeschlagene Proh-n zeigen, jedem Versuche, einen Roman nachträglich für die Bühne umzuschmelzen, entgegenstehen, sind hier vollends unäberivindlich. Mit diesem die Einbildungskraft beschwingenden Hintergrund, den kein Theater wiedergeben kann, verliert die Dichwng notwendig Duft und Leben. Was bleibt, ist nur ein Haufe durcheinander- taumelnder Begebcnbeiren, die, in das enge szemsöhc Gefüg« eingespannt, durch grellen Widersinn und Willkür die Geduld er- müden. Der Reiz des Originals ist in der Bühireneinschlachtung gründlich ausgelöscht. Erfteulicherweise läßt sich konstatieren, daß das Publikum energisch streikte. Die Ablehnung war deutlich und der Schlußakt umschinte nur mit knapper Mühe die Gefahren eines Heiterkeitsffandals. Nicht einmal den Ansatz eines Versuches hcrt Jensen und sein Bearbeiter Vollmoeller unternommen, durch, Einführung neuer oder Umformung alter Momente etwas wie den Anschein von dra- malischer Handlung vorzutäuschen. Handwerksmäßig nüchtern folgt die Bearbeitung dem Faden des Romans. Der Verdacht, in den Hall gerät, an einer armen Londoner Prostituierten Lustmord ver- übt zu haben, der Anschlag des wirklichen Verbrechers, des Laien- Predigers Evanston, die Schuld aus ihn zu schieben, die Ausnutzung von spiritistischen Sitzungen für diesen Zweck, die Eifersucht von Halls Geliebter, Madame d'Ora, auf das Medium, ihre giftige mit Tollwut endende Verwundung, Halls Doppelvenkastung als Lust- mörder und Mörder der Gefährtin: zieht im Hexentcmze tollen Wirrwarrs auf den Brettern ohne Sinn vorüber. Auch die verblüffend glänzende Gestaltung der Titell, eidin durch Hermine Körner, die jeder Kenner des Romans bewundern wird, vermochte dafür nur teilweise zu entschädigen. Der angelegte seelische Gehalt tonnte sich in dem Gedränge grob turbulenter Sen- sationen nur hier und da in Augenblicken frei entfalten. Tie Stollen Halls, des Geistlichen und des Detektivs wuren durck die Herren Krauß, Jannings und Gülsdorffs gut vertreten. Doch zum Leben, zu irgendeinem Grad von Illusion ließ keiner all der Schatten sich erweck cm �t. Notkzen. — Das Gericht von Kurt Corrinkh entstammt seiner eben bei E. Diederich in Jena herausgekommenen Sammlung„Trau- badour auf Feldwacht*. — Theaterchronik. Die Erstaufführung des Schauspiels .Der Lebensschüler* im T r i a n o n- T h e a t e r ist auf Donnerstag. den 20. September, verschoben worden. Karten behalten ihre Gültigkeit. — Musikchronik. Am Mittwock, den 19., abends 8 Ndr, findet in der St. Georgen-Kirche ein Bach gewidmetes KriegSbilfc- Konzert des Organisten Arnold Dreher statt. Eintritt gegen Pro- gramm zu 26 Pf. — Inder Treptow-Sternwarte Sonntag, Mittwoch Sonnabend:„Graf Dohna und seine Möwe*. Dienstag, abends 7 Uhr, spricht Dr. Archenhold über.die Vielheit der Welten*. — Die Vortragsverzeichnisse der Urania für das erste Winterquartal sind an der Kaste Taubenstr. 48/49 unent- geltlich zu haben. Es werden Vorlesungsreihen über Optik lProf. Donath), Astronomie(Prof. Schwahn), Biologie(Dr. W. Berndl), Großeisenindustrie(Prof. Ketzner) abends 8 Uhr und Lehrkurse über Wechselstrom, Differential- und Integralrechnung und Metallkunde nachmittags 6 Uhr stattfinden. letzt der sozialistischen Bewegung den Rücken kehrte. Aber immer ist er ein wahrhaft guter Mensch geblieben, stets hilfsbereit und mit einem warmen Empfinden für alle Leidenden, seine Person- liehen Gegner nicht ausgenommen. Zu Engels' Zeit nun zeigte sich eine Skepsis nur in der ungemein witzigen Art der BeHand- lung der Zeitereignisse, und daß er. so kompromittiert er war, den Mut hatte, im Jahre 1893/94 eine geheime Organisationsreise durch Russisch-Polen mit Abstechern ins Altrussische zu unter- nehmen, trug ihm die besondere Freundschaft van Engels ein und trieb diesen dazu, im Konflikt Mendelssohns mit den Free Russia- Leuten fast leidenschaftlich für jenen Partei zu nehmen. In deu:- scher Sprache ist von Mendelsohn wenig erschienen, ein Nachwort aus seiner Feder zur Neuausgabe von Lissagarays„Geschichte der Pariser Kommune" kann jedoch als Probe seiner großen Begabung für die kritische Behandlung von Geschichtsereignissen bezeichnet werden. Ob die berühmte Mathematikerin Sophie Kowalewska jemals in London bei Marx oder Engels war, die sich ja gleichfalls stark mit mathematischen Problemen beschäftigten(Engels erzählte mir einmal, die einzigen Fragen, über die Marx und er ernsthaften Sfteit hatten, seien Fragen der Mathematik gewesen), weiß ich nicht; wohl aber war ihr Vetter, der Soziologe Maxim Kowalewski, der im vorigen Jahre als Mitglied des Rnfsischen Reichsrats ge- starben ist, oft bei ihnen. Er spielt in ihrem Briefwechsel eine Rolle, und ein paarmal gab er auch zu meiner Zeit an den Sonn- tagen bei Engels Gastrollen. Seltener erschienen bei Engels die beiden männlichen Begründer der marxistischen Sozialdemokratie Rußlands, Paul Axelrod und George Plechanow. Für sie war die Reise nach London zu dem verehrten Meister der Doktrin eine Art Wallfahrt. Die dritte Person in ihrem Bunde, die dem westlichen Europa gleichfalls durch ein Attentat bekannt gewordene Vera Sassuli sich, blieb dagegen über Jahr und Tag in London und war während dieser Zeit natürlich ein Mitglied der Tafelrunde. Ob- wohl sie aus wohlhabenden bürgerlichen Kreisen stammte, war sie in Erscheinung und Gebaren geradezu das Gegenteil von Maria Mendelsohn. Man konnte bei diesen beiden Frauen, die sich übrigens sehr freundschaftlich zueinander verhielten, an den Unter- schied zweier Zivilisationen denken: die eine, Maria Mendelsohn, ganz die feingebildete Weltdame Westeuropas, Vera Sassulitsch dagegen fast die Vertreterin bäuerlicher Halbkultur. Sie war eine außerordentlich fleißige Arbeiterin und von einer rührenden Be- scheidenheit, aber selbst in bezug auf die elementarsten Ansprüche der Aesthetik noch weit über Rousseau hinaus bedürfnislos. In ihrer Gleichgültigkeit gegen alles, was das Leben verschönt, verhielt sie, die in der Theorie des Sozialismus durchaus zur Auffassung der Westeuropäer sich bekannte, praktisch sich in ihrer Lebenshaltung, wie es der„Volkstümler* extremster Richtung nicht anders konnte. Es spricht indes für ihre Echtheit, daß alle, die sie näher kannten, .es gern übersahen.