Z4. Jahrgang. ❖ Nr.ZS Heiiags AUW„DorWZrLs* Hsrline? vslksblatt Hrrlin, 2Z. September 1917 Die Mutter sinnt bei öer Wiege. i. O iiefes Wunder, dah in dir Wein Leben Kraft geworden ist, 2a5 du so ganz Erfüllung mir Und Antwort meinem Wesen bist.— Daß mein verschwiegnes frühstes Leid Stumm weikerklagt in deinem Blut. Vergchne Freude fernster Zeit Als Glanz in deiner Seele ruht! Daß heiß dein herz in meinem schlug. Daß dein Geschick in meinem schlief. So lange, eh mein Schoß dich trug. And eh ich dich bei Hamen rief... 2. 3ch bin dir nie so nah als nachts. Wenn rings um uns das Dunkel schweigt. Geheimnisvoll lebendig nur Dein Atem fällt, dein Atem steigt. 'ich denke jener holden Zeit, Da du in mir versenkt geruht. Da unser Atem einer war. Dewegk von eines Lehens Flut. Üch denke einer- fernen Zeit, Wenn uns die stumme Hacht umgibt: Einst ruhn wir wieder ganz vereint ZNit allem, was wir je geliebt. _ Ina Seidel. An? Jugenöftage. Bon Artur Z i ck l e r. Auch die Organisation der arbeitenden Jugend hat sich der zersetzenden Wirkung des Weltkrieges nicht zu entziehen vermocht. Wenn auch nicht zu verkennen ist, daß die um geheure industrielle Inanspruchnahme der Jugendlichen einen Hauptgrund mit für den gegenwärtigen Mißstand bildet, so ist doch, dessen Wirksamkeit mit der Dauer des gegenwärtigen Ausnahmezustandes begrenzt, während dem Tieferschürfenden Jehler unserer Arbeit zutage treten, deren Vermeidung erst künftige Erfolge ermöglicht. Die geistige und organisatorische Selbständigkeit, deren jich unsere Jugendorganisationen im Gegensatze zu den gleichen Unternehmungen des Bürgertums erfreuten, stellten eine weit unsichere Grundlage der Bestandserhaltung dar, als man es sich zum Teil noch bis heute zugestehen will. Mit der Einsicht, daß die Formen unserer Jugendarbeit in höchstem Grade unzulänglich waren, tauchte die Frage stellung„J u g.e n d p f l e g e oder Jugendbewegung" in den Erörterungen derParteipressewie der beteiligten Instanzen auf; und die Ersahrungen, die man machte, schienen der Auf fassung recht zu geben, die sich für eine straff disziplinierende Jugend pflege entschied. Das wird noch durch die Tatsache bestätigt, daß die Jugendbewegung dort, wo ihre Verwaltung in den Händen gewerkschaftlicher Instanzen oder erwachsener Parteigenossen liegt, noch die verhältnismäßig günstigste Bilanz aufzuweisen hat. In den Bezirken dagegen, wo die Gestaltung ihrer Geschicke fast ganz auf den eigenen Willen der Jugendlichen gestellt war, hat das System einerseits durch die Einziehung der reiferen Jugendgenossen, andererseits durch das Hineintragen der Parteikonflikte in das geistige Leben der Bewegung zumeist einen Zusammenbruch erlitten. Das leidenschaftliche, leicht zu mißbrauchende politische Interesse der jungen Arbeiter ist somit für die gesunde Zu- kunst der Sache eine Gefahr, der nur durch Leitung des- selben, jedoch niemals durch Unterdrückimg begegnet werden kann. Diese Erkenntnis führt aber unbedingt zu dem Zwange, von einer Stellungnahme zu einer der- beiden Extreme abzu- sehen und die Notwendigkeit einer pädagogisch-orga- n i s a tw r i s ch e n Komplizierung der Frage zu schlußfolgern. Die Entwicklung des Proletarierhirns von der Schule bis zur Kaserne stellt einen Sturmlauf dar, auf den entscheidenden Einfluß zu. gewinnen nicht nur Sache kluger Zweckmäßigkeit in Hinsicht auch die weltenwendenden Ziele des Sozialismus ist, sondern auf die Befriedigung höchst lohnenden Ehrgeizes. Die Beschäftigung mit der Jugend sollten sich die B e st e n aus unseren Reihen angelegen sein lassen; es sollte mit dem häufigen Gebrauche aufgeräumt werden, daß Leuten in Ermangelung anderer Betätigungs- fähigkeit das unterschätzte Ressort eines Jugendbeirates zu- gewiesen wird. Der Verfasser würde sich vicht zu diesem Vorwurfe versucht fühlen, wenn nicht reichliche praktische Er- fahrungcn denselben rechtfertigten. Mit der Geste des Diktators, mit dem deutlichen Hinweis auf die finanzielle Abhängigkeit etwa vom Gewerkschaftskartell als letzten Trumpf bei der Entscheidung von Streitfragen ist nichts geschafft, da- durch werden nur unerquickliche Situationen geschaffen, die einen günstigen Nährboden für Verwirrungen bilden, wie sie gegenwärtig den Bestand der in einem Jahrzehnt mühevoll aufgebauten Organisation bedrohen. Die frühe wirtschaftliche Selbständigkeit gibt dem jungen Arbeiter ew hoihes Maß von Eigenmächtigkeit und Verant- wortungsbedürstigkeit, die verstanden und geleitet werden will, aber nicht unterdrückt und gemaßregelt werden kann. Also Erzieher, d. h. in diesem Falle Männer und Frauen des arbeitend«» Volkes, die ihr— wohl durch Alter und Erfahrung zur Nüchternheit gereift— den Ueberschwang und die radikale Tatenlust der Jugend zu würdigen und zu leiten versteht und sellber mit der Jugend jung zu sein wißt, a n die Front! Eine der betrübendstcn Feststellungen ist ferner die des großen Wechfels der Mitglieder; der Grund ist in einem der Hauptfehler des bisherigen Systems zu suchen. Versetzen wir uns einmail in die Psyche eines jungen Proletariers, der am Tage nach seiner Schulentlassung in die Reihen der freien Jugend tritt. Ein Jahr lang läßt er die— selten methodische— Reihenfolge der Vorträge und Ver- emstaltungen über sich ergehen, dann kommen die neuen Kon- firmanden, an die wieder mit denselben Voraussetzungen heran- getreten werden muß— er ist fertig! Er, desien Vor- stckllungswelt sich kaum von der in der Volksschule eingepaukten losgelöst hat, der über die knappe Weisheit einiger Flug- bläÄcr und Broschüren noch nicht hinaus ist, wird der agita- toristhen uud verwaltenden Tätigkeit eingereiht(die übrigens unteif Hintanstellung der eigentlichen Bildungsauf gabew einen viel zu großen Raunr einnimmt) und geht ün derselben fast bald vollständig auf. Wird er nicht einer von denen, die die Regeln der parlamen tarische« Geschäftsordnung mit virtuoser Leidenschaftlichkeit handhatben und mit den bunten Bällen der Schlagworte in jeder Versammlung jonglieren, so wendet er bald der Jugend den Rücken, taucht im Chaos bürgerlicher Bestrebungen unter oder begnügt sich mit achselzuckender Gleichgültigkeit. Es sei denn, da!ß ihn die Wandersröhlichkeit oder die Anwesenheit des anderem Geschlechts in unseren Reihen hält, aber selbst für diese Migungen wird er anderwärts die Gelegenheit aus- giebigerer Barätigung finden. Als dringendste Forderung ergibt sich aus diesen Er fahrungen dick G l i c d e r u n g der örtlichen Jugendbewegung in A l t e r sff e k t i o n e n. Etlva: 1. Sektion der Schulentlassenen. Leiter derselben sirrd vom Jugendausschuß gewählte erwachsene Genossen beAv. Genossinnen. Ihr Zweck ist Pflege edler Geselligkeit. Erweckung proletarischen Solidaritätsgefühls, Erziehung zu? eigenem Denken, hygienische und sittliche Auf- klärung, Gescttmacksbildmlg, Einführung in die Grundbegriffe der Wissenschaften. II. Sektion der 16— 18 j ä h ri g e n. Sie würde sich unter eigener- Erledigung ihrer Geschäfte und Vertretung ihrer Meinung im tJugendausschuß mit der politischen und Wirt- schaftlichen(Ar z i e h u n g ihrer Mitglieder befassen, durch Diskussiarnsabende eine Orientierung in alle« wissenschaftlichen und kulturellen Fragen vermitteln und vor allem durch Kurse und Vorträge eine tiefergehende m e t h o d i s ch e Bildung ihrer Mitglieder erstreben. Die Sektipn der 18—23 jährigen Parteigenossen schließlich dürfte als geistige Zusammenfassung im Rahmen der Partei durch ihre bildende und disziplinierende Tätigkeit am tauglichsten Objekt einen Sauerteig darstellen, der für die Durchdringung der organisierten Arbeitcrmassen mit sozia- listischer Kultur von Jahr zu Jahr an unschätzbarer Bedeutung gewinnen wücke. Selbstverjständlich schließt eine derartige Gliederung das JneinanderarÄeiten der einzelnen Sektionen so wenig wie die Gemeinsamkeil gewisser(künstlerischer, sportlicher) Veran- staltungen auK- Auch den beruflichen Vildungsbestrebungen der Gewerkschaften soll nicht ihre Berechtigung abgesprochen werden, aber damit hat sich auch ihr Zweck erschöpft und gegen die Absicht einer rein gewerkschaftlichen Jugendbewegung muß entschieden Front gemacht werden. Somit würde die Bcschlußkraft von der Generalversamm- lung auf den Jugendausschuß übergehen, die einzige Folge- rung, die maw aus dem Fiasko der bisherigen �Selbständig- keit" ziehen kann. DaS ist eigentlich nur der Vollzug einer Selbstverständlichkeit; weniger noch wie etwa die Frauen- bewegung kann sich die Jugendbewegung selbständig politisch auswirken, sie bedarf dazu der Instrumente der Arbeiterschaft: der Partei, der. Gewerkschaften und ihrer Macht. Der Ring öer Jahreszeiten. Wohl noch me seitdem die malte Bauernwissenschaft der Wetter« künde sich zum.modernen Prachtbau* der Aleteorologie geweitet hat, ist diese Wisjlenschaft so volkstümlich gewesen wie in den letzten zwei Jahren, da Millionen besorgter oder freudiger Augen jedes Wölkchen auf seine Beziehungen zur Lebensmittelkarte hin prüften und wir Städter» auch einmal etwas von der Gebundenheit und den tiefen Wurzelgeßihlen des von seiner Scholle abhängigen Bauern empfanden, für den jeder aufziehende Morgen ein Wort eines Schicksalsspruches ist, den er nicht abändern kann. Wie ein Ring des Schicksals ist über ihn die ewig sich drehende Ketle von Tagen gespannt, von denen keiner sich gleicht, so sehr auch unser kurzlebiges Empfinden sich in der gegenteiligen Enttäuschung wiegt. DaS veränderliche Klima unseres Himmels« triches, von dem man mit Recht gesagt hat, eS ändere sich unter deutschem Himmel alle drei Tage daS Wetter, es macht weidlich Anstrengungen, uns über daS eherne Gleichmaß der Jahreszeiten hinwegzutäuschen. Rasch aufeinander folgende Störungen rütteln ununterbrochen an dem Eindruck, es sei jetzt.just das richtige Wetter*, und Wetterumschläge, Sturm« und Kälteeinbrüche, vorzeitige oder ungewohnte Hitzeperioden versetzen namentlich scheinbar die Grenz- keine von Frühling, Sommer und Herbst. Und so kommt es, daß die Behauptung von der vollkommenen Gleichmäßigkeit unseres Klimas erst Beweise braucht, um Glauben zu finden. Ihr Beweis liegt in der Geduld der Beobachtung und wird glänzend erbracht, wenn wir die Wetterbeobachtung nur genügend weit ausdehnen und genügend lang fortsetzen. Schon dem nicht fachgemäß Forschenden wird es aufgefallen sein, daß bereits inner« halb eines Jahres eine Regelung aller auffälligen Abweichungen vom Normalkliina des gleichen Ortes einzutreten pflegt. Wenn die Niederschlagsmenge eines Ortes jährlich 6 Millimeter, die Jahres« durchschnittstemperatur 9 Grad Celsius beträgt, so wird eine solche Rechnung etwa nach folgendem Schema ver- laufen. Wenn das Frühjahr zu trocken war und bis zum Ende der ersten Jahreshälfte um 200 Millimeter Regen gefallen ist, kann man fast mit Sicherheit annehmen, daß die andere Hälfte um so niederschlagsreicher sein wird. Wurde im trockenen Halb- jähr die jeweilige Durchschnittstemperatur der Jahreszeit um 1 bis 2 Grad Celsius überschritten ist, ist anzu« nehmen, daß der Umschwung länger andauerndes Kühlwettec mir fich bringen wird. Erfahrene wissen längst, daß man einen zu warmen Sommee mit einem kalten Winter zu bezahlen pflegt und einen warmen Winter mit vielen trüben Sommertagen, wobei sich das.Jahr' des Ausgleiches weniger nach dem Kalendermann und seinem Jahresende, wie vielmehr nach dein Jahreszyllus des alten Rom, das am 1. März Neujahr feierte, zu richten scheint. Immerhin gibt es gegen diese Regel noch erheblich viele AuS« nahmen, und eine Periode trockener Jahr« oder kalter Winter geHort für jedermann zu den geläufigen Ermnuerungen, aber man wird. wenn man sie genau prüft, finden, daß dabei häufig eine psycho« logische Schwäche mit unterläuft. Unser Gedächtnis hat nun einmal die Neigung, nur das ganz Außergewöhnliche aufzubewahren. Wenn also— um bei dem vorigen Beispiel zu bleiben— in einem JahreszykluS der landwirtschaftlich wichtige April aller Niederschläge enlbehrte, dadurch ein« Mißernte begünstigt wurde, wird die Bauernschaft deS ganzen Landes dieses Jahr als Trockenjahr im Gedächtnis behalten, auch dann, wenn der im April entstandene Ausfall von etwa 100 Millimeter Regen in den nachfolgenden Herbstmonden etwa im Berlauf von fünf Monaten wieder herein- gebracht und die jährlichen 000 Millimeter dadurch sogar etwas überschritten wurden. Trotzdem zeigt sich, wenn man JahreSzeitenkurven desselben Landstriches prüft, die eigentümliche und noch ganz unerklärte Neigung, daß drei, fünf oder sieben Jahre lang ein ähnlicher Jahreszeitenablauf herrscht, was sich übrigens gerade jetzt in den drei vielbeachteten Kriegsjahren auch gezeigt hat. Die uralte Er- fahrung deS Volkes hat das bemerkt, und nicht nur in der Bibel, sondern auch in vielen deutschen Sagen und Märckcn lehrt der Begriff von sieben bösen oder sieben guten Jabren wieder. Man kann aber mit Sicherheit darauf rechnen, daß die einer Periode folgenden Jahre den Ausgleich bringen, daß also, um mit dem Märchen zu reden, auf die sieben mageren Jahre wirklich sieben fette zu folgen pflegen. Und ganz sicher stellt fich der Ausgleich in noch längeren Zeit- räumen ein. Im besonderen entsteht der Eindruck, als verwischte der Ablauf von 70 Jahren schon vollständig die Ausweichungen der geraden Linie. Ganz sicher ist dies mit dem Säkulum(Jahrhundert) eingetreten, und so schlummert im ganz Verborgenen«ine gewiss« Berechtigung auch sür den vielgclästerten oder noch mehr geschätzte» hundertjährigen Kalender. Schon diese Beobachtungen gebe» Anhaltspunkte zur Be- urteilung kommender Jahrs und Jahreszeiten. Jedes Jahr bringt eine Erbschaft mit, nämlich die Tendenz zum Ausgleich. Nachdem in dem achten und neunten Jahrzehnt deS vergangenen Jahrhunderts die Zahl der überfeuchten und zu kühlen Jahre größer war, mutz das Ausgleichspendel im ersten und zweilen Jahrzehnt des gegenwärtigen SäkulumZ nach der anderen Richtung schwingen. Innerhalb dieser allgemeinen Tendenz aber stecken wir mit 191.7 in einem Jahrsiebent der„mageren Jahre*. Dagegen muß. da der entsprechende Jahresdurchschnitt mit den ersten 7 Monaten deS JahreS noch unterboten ist, der Rest mehr Niederschläge bringen als sonst. was im August mit seinen häufigen Regengüssen im größten Teile Deutschlands schon begonnen hat. Diese Prognose ist natürlich jeweils durch dal lokale Klima beeinflußt. Norddeutschland hat einen anderen Ring der JahreS« zeiten als München, und Posen erlebt daS ganze Jahr anders als Düsseldorf. In München regnet es auch in einem trockenen Jahre durchschnittlich an 20 Tagen öfter als in Berlin. Im allgemeinen stellt aber Mitteleuropa so ziemlich eine.gemeinsam schwankende* Einheit dar, und man unterscheidet eigentlich in Europa von je nur drei große Typen von Witterung: daS feuchtwarme Westwetter, das trockeukühle Ostwetter und das echte deutsche Wetter, von dem man mit bedachtsamem Scherz gesagt hat, eS drohe bei Sonnenschein stets mit Regen, und kühle sich ab, wenn es warm wird. Nimmt man ganz Europa in Bedacht, so verschwinden auch die jahreSzeit- licheu Schwingungen in bemerkenswerter Weise, und es ist schon oft genug der Fall, daß man einer südwestdeutschen Schlechtwetter« Periode in Ostpreußen oder Schlesien entgehen kann. Auf der ganzen Erde herrscht strengstes Gleichmatz, und über fie geht Jahr um Jahr genau dieselbe Menge Regen, das gleiche Maß von Sonnenwärme nieder. Was uns als JahreSzeit und Wetterlaune erscheint, ist nur die Verschiebung der einzelnen Münzen, auS denen dieses Kapital auf dem Rechenbrett der Welt besteht. ES gibt keine Trockenperiode, die gleichzeitig auf der ganzen Erde dauert und keine Sintflut, in der alles ertrinken könnte. Sondern die Regenmenge, die irgendwo fällt, geht anderswo ab, und die Wärme, die uns gespendet wird von unserem himmlischen Wohltäter, bleibt sich zu alle» Jahren gleich. Nicht einmal die vielberufenen Sonnenflecken beeinflussen sie irgendwie merkbar, seitdem wir Menschen ein Wissen davon besitzen. Wie kommt man zn solchen kategorischen Behauptungen? Es gibt auf Erden einen historischen Kalender der Jahreszeiten und Jahre, der sie seit Jahrmillionen mir niminerwankender Genauigkeit registriert und auch die kleinste Abweichung aufzeichnet. DaS ist die Pflanzenwelt. Sie ist auf Sonnenschein und Regen aufgekauf, lebt don Licht. Wärme und Wasser und hat sich so peinlich genau danach ein« gerichtet, datz man einen regnerischen Sommer noch nach einem Jahrhundert im Walde erkennt. Woran? An dem Zuwachsring der Holzgewächse, der stärker ist in einem feuchtwarmen Sommer, dünner in den trockenen Jahren. Die Pflanzen find jede in ihrer Art an ein gewisses Klima, einen bestimmten Durchschnitt der Temperatur und Niederschläge, eine gewisse Regelmäßigkeit der Per- iciluug von fall und warin, feucht und trocken angepaßt und siedeln sich Überall an, wo ihr„Exisjenzanspruch' verwirklicht ist. So genau ausbalanziert ist dieser Anspruch, daß sie alle Te- biete besiedelt haben, wo ihr Daseinsminimuin verwirklicht ist, und sofort zu Grniide gehen müssen, wenn auch nur die leiseste Aende- rnng des Äliinas eintritt. An den.Grenzen� ihrer BerbreitungS« zone merken sie schon eine Temperaturänderung von einem halben Grad und noch weniger. Ein, zwei Dutzend Jahre, bei Bäumen auch ein paar Jahrhunderte lang, kämpfen sie noch mit der Ungunst des Schicksals, dann weichen sie zurück. An den Orten, wo sich die Lebensverhältnisse verschlechtert haben, sterben sie aus. Man kann daher, wenn man alte Baumstumpfe in einem Boden stecken sieht, wo jetzt kein Wald mehr hochkommt, zuverlässig auf ein Trockener- oder Kühlerwerden des Klimas schließen. Das weiß die wissenschaftliche Forschung schon längst, und alle ihre Angaben Über Klimaänderungen der Vorzeit beruhen auf Funden vorwelUicher Lebewesen, die auf«in anderes Klima an- gewiesen sind, als später an dem betreffenden Ort geboten wurde. Der Ring der Jahreszeiten bleibt also nicht ewig unveränderlich, sondern— in sehr langen Zeiträumen zwar— spannt sich immer wieder anders über de» Erdball. Da mag es uns denn besonders wunderlich erscheinen, daß Deutschland gerade gegenwärtig mitten in einer Klimaänderung begriffen istl Diese.Gegenwart' umspannt freilich eine runde Summe von Jahrhunderten, fällt aber immerhin noch in die historische Zeit. Die klassischen Zeugen hierfür sind die Verbreiwng der Haselnuß und das Vordringen der Fichte. Die Haselnuß reicht gegen Norden Über die Grenze» des Reiches hinaus und war noch im Mittelalter im nördlichen Schweden heimisch. Wie nun der schwedische Botaniker Gumnar Anders son festgestellt hat, kämpsr sie gegenwärtig bereits in Südschweden mit dem Klima. Dieses mutz also seit 1000 Jahren in Schweden rauher geworden sein. Daß diese Verschlechterung aber nicht ohne Rückwirkung auf die südlicheren Länder blieb, wird auch bei uns genügsam bezeugt. Deutschland galt den Römern als Eichenland, während eS heute diese» Charakter nicht mehr besitzt, sondern ein ausgesprochenes Kiefern- und Fichtenland ist. Sogar die Buche, welche noch zu An- fang des neunzehnten Jahrhunderts der Charakterbaum vieler deutscher Mittelgebirge war, weicht seit einem Jahrhundert rapid der einförmigen Fichte. Der erste Gedanke, daß sich hierin Menschenwillkür ausspricht, weicht bald besserer Einsicht, wenn man es sich Überlegt, warum der Förster heute allenthalben die Fichte bei der Neuaufforstung vor- zieht. Weil sie raschwüchsiger ist und damit rentabler. Warum aber wächst sie so rasch, warum ist sie widerstandsfähiger als die Buche oder gar Eiche? Weil ihr das Klima behagt, jenen aber nicht. Sie ist eben anspruchsloser, die Buchen und Eichen dagegen brauchen wärmeres Klima, als ihnen jetzt in den meisten Teilen Deutschlands geboten wird. Die Praxis des Forstmannes paßt sich nur dem an, was die Natur auch ohne ihn tun würde. Dies sieht man an den urwaldähnlichen Naturwäldern der deutschen Alpen, in denen auch ahne des Menschen Zutun die Fichte fichtbar an Raum gewinnt und die Eichen deutlich aussterben. Der Vorgang ist in den Zeiten seit dem dreißigjährigen Krieg merkbarer als vordem, und man hat mit voller Bestimmtheit aus ihm auf eine Klimaschwankung geschlossen, wie ihrer auch früher viele da waren, und die bei einer Senkung des Jahresdurchschnittes um 3— S Grad Cels. eine Wiederkehr der Vergletscherung weiter Teile deutschen Bodens zur Folge haben müßte. Davon aber sind wir noch weit entfernt. Nur daran können wir nicht mehr zweifeln, daß der geheimnisvolle Ring der Jahreszeiten noch vieles in sich birgt, dessen Zusammenhänge, so fühlbar unser Leben auch daran hängt, dem menschlichen Wissen noch und vielleicht für immer ver- borgen bleiben, weil sie in große Zeiträume und ins ganze Weltall hinaus weisen und nicht von einem Punkt der Erde aus erkannt werden können.__ wo bleiben öie neuen Dramatiker! Von Adolf Behne. Die Berliner Bühnen beginnen ihre neue Spielzeit. Das ist die Gelegenheit, zu erinnern an eine Reihe von Forderungen, die schon seit Jahren immer und immer wieder erhoben werden müssen, weil sie Bisher nur in ganz ungenügendem Matze zur Verwirk- lickrnng gebracht worden sind. Wir wollen gewitz gern abwarten, was die Herren Direktoren für uns einstudieren werden, wollen aber schon jetzt zu Protokoll geben, was wir von ihnen unbedingt erwarien müssen. Unser Theater ist ja in einem merkwürdigen Zustand. Es geht ihm eigentlich recht gut. Große pekuniäre Erträge machen es tech« nisch und darstellerisch sehr leistungsfähig. Di« Gunst des Publikums, Voraussetzung diese« materiellen Gedeihens, gibt ihm eine nicht geringe kulturelle Würde, die nur von einigen ein wenig zu absichtlich vorgestellt wird. Jedensfalls: ganz ungewöhnlich viel Wohlwollen wird dem Theater geschenkt. Aber es ist auf dem so strahlenden Repräsentationsschild be« harrlich e i n dunkles Fleckchen. Es finden sich immer Leute, und zwar sonst durchaus wohlwollende Leute, keine Theatergegner. sondern eher das Gegenteil von solchen, die am modernen Theater eines schmerzlich vermissen: das kühne Einsetzen der materiellen und künstlerischen Kräfte für die zeitgenössische Bühnen« literatur, für die lebenden jungen Dichter. Fast alles wäre in schönster Ordnung, wenn dieser Einwand nicht wäre. Er macht allen am Theater Interessierten das Herz schwer: den Direktoren, den Dichtern, den Kritikern, den Schau« spielern und dem Publikum. Sofort wäre allseitige Zufriedenheit erreicht, wenn das moderne Theater sich erinnern wollte, daß doch einmal Schillers.Räuber', Goethes.Götz', Lessings.Minna' und Grillparzers.Ahnfrau' auf deutschen Bühnen zur Erstausführung gekommen sind— zu Lebzeiten ihrer Dichter I Was wäre die Vergangenheil der deutschen Bühne ohne das unvergängliche Ver- dienst solcher Pflichterfüllung an den Lebenden? Und was wäre die heutige Bühne, könnte sie ihren sonstigen rein darstellerischen Verdiensten ein solches lebendiges, im höchsten Sinne i ü n st- erisches und kulturelles Verdienst hinzufügen? Und doch machen wir jahraus jahrein die immer wiederholte Erfahrung, daß die Herren Direktoren unter enormen Kosten das buntscheckigste Programm verwirklichen— an den neuen, neues wagenden, Neues bringenden Dramatikern aber achtlos vorüber- gehen. Ueberlegen wir unS nun, wo die Schuld an dieser Erscheinung stecken mag, so ist zunächst klar, daß die Bühne keine neuen Dichter auWhreu kann, wenn keme da sind. Aber diesen Einwand kann kein Direktor, kein Dramaturg im Ernste«ach«», Mang« tt nicht zum mindesten diese Dichter aufgeführt hätte: Hermann Essig, Else Lasker-Schüler, Arno. Holz, Reinhold Sorge. Diese Dichter sind mit den Mitteln der heutigen Bühne aufzuführen. Man wird aber doch schon bei Aufführung dieser Dichter entdecken, daß eine Notwendigkeit der Erneuerung unserer gesamten Bühnenkunst erforderlich ist, und auch das haben uns bereits einige Dichter ge- zeigt, welcher Art diese Erneuerung sein mutz: die Dichter Paul Claudel, Paul Scheerbart und August Stramm. Von ihnen allen scheint in dieser Spielzeit Hermann Essig endlich zur mehrfachen Aufführung zu kommen, nachdem er mehr als ein Dutzend köstlicher Bühnenwerke durch lange Jahre allen deutschen Bühnen angeboten hat l � Die anderen aber hat auch für diesen Winter noch kein Direktor uns zu versprechen sich gedrungen gefühlt. Nun wird von den Direktoren und ihren Dramaturgen gern das Publikum als der Sündenbock für die Mängel unserer Bühnenkultur hingestellt. Das große Publikum, von dessen Wohl- wollen die Theater schließlich existierten, sei zu anspruchslos, als daß den Theaterleitern die � Lust zur Aufführung noch nicht sicherer Autoren nicht vergehen sollte. Die Menge ströme in jene Schaustätten, die fragwürdige, minderwertige, billige, seichte Dutzendware spielten. Die Kritiker der Presse dagegen verleideten ihren Wagemut den Direktoren und umgekehrt durch die Verstiegen- heit ihrer Forderungen, weil sie an allem Neuen instinktiv nur Schwächen konstatieren wollten, für die Vorzüge aber keinen Blick hätten. Mag sein, daß einige Berechtigung in der zweiten Behaup- tung steckt, so glaube ich doch, daß der erste Teil dieser Anklage nicht ohne weiteres zu Recht besieht. Gewiß, ein nicht geringer Teil des Publikums bevorzugt Kino oder Tingeltangel und ist von ihm nicht wegzubringen. Aber haben wir nicht Erfahrungen genug, daß sich selbst für sehr anspruchsvolle Kunst ein ausreichendes, die Sache tragendes und stützendes Publikum finden läßt? Wahre Kunst findet ein Echo, wenn sie nur in sich selbst nichts Ausschließendes, Isolierendes, Vorrechte Beanspruchendes enthält— wo aber täte das wahre Kunst? Sicher ist mir jedenfalls, daß; man ganz allgemein mit viel höheren Ansprüchen an das Publikum herantreten sollte, als so gemeinhin, nicht ohne Hochmut ob de» eigenen Vollkommenheit, angenommen wird. Wer hätte zum Be!« spiel gedacht, daß sich für die strenge, unerbittliche, das Letzte an Hingabe verlangende Dichtung Strindbergs(.Ostern',.Rausch', .Traumspiel') ein so andächtiges, dankbar verstehendes großes Publikum finden würde, wie es jenes Theater seit Jahr und Tag füllt, das zuerst den Mut hatte, Slrindberg, den späten großen Strindberg, zu spielen. Alles in allem: auch am Publikum liegt die Schuld fllr das Ausbleiben von Aufführungen neuer deutscher und fremder Bühnen- dichter nicht! Nein, die Dichter find da, und das Publikmn wäre da... wie steht es aber mit den Theatern? Die Schuld, scheint mir, bleibt an den Theatern hängen. Es ist ein in der Osffentlichzeit von.Fachleuten' ranz offen diskutierter Zustand, daß die Direktoren Werke von möglicherweise aussichtsreichen Dichtern annehmen— nicht jedoch, um sie in ab- sehbarer Zeit aufzuführen, sondern um sie für die Zukunft, wenn der Dichter nunmehr ein Geschäft zu werden verspricht, den anderen Bühnen fortgeschnappt zu haben. Aufführen werden sie den be- treffenden Dichter erst, wenn er kein Risiko mehr ist, sondern eine gemachte Sache.— Ist dieses Vorgehen nicht lmjßerordentlich traurig? Es beweist, daß der Mut bei den Direktoren mangelt. Diese denken gar nicht daran, für den Dichter, vor dessen künstlerischer Qualität sie doch durch Annahme seines Stückes den Hut zogen, durch eigene Leistung etwas zu tun. Sie warten, bis andere ihm den Weg bereiter haben. Wenn die Mehrzahl der Theaterleiter s o denkt, dann hat man allerdings die Begriffe .Theater' und.Kultur' nicht mehr in einem Atem zu nennen. Sie denken aber notwendig so, weil über sie letzten Endes kapi- talistische Interessen cnrscheiden, oder, was auf dasselbe hinaus- läuft, weil sie nicht der Kultur de- Ganzen dienen/ sondern der Unterhaltung der.Gesellschaft'. Sie werden also ein gesellschaft- liches Ideal verfolgen. Das Ideal der Gesellschaft aber ist das .Geistreiche'. Wahre Kunst jedoch ist niemals geistreich, weder Tolstoj, noch Strindberg. noch Dostojewski, weder Scheerbart, noch Eichendorff oder Kleist..Geistreich' find jene Schützlinge der Salons, die Sternheim, Kaiser, und diese find es denn auch, die, wenn überhaupt einmal neuere Autoren zur Aufführung kommen, dem Publikum vorgesetzt werden. So entsteht dann, jener Zustand, den für die französischen Verhälinisse Lndrö Gide sehr richtig formuliert hat:.Wir haben im Grunde genommen zwei verschiedene Theater: ein wichtiges, das geschrieben ist und nicht gespielt wird, und ein gespieltes Theater, das. gar nicht sehr wichtig ist!' Ganz ebenso ist es bei uns, und sckon diese Uebereinstimmung beweist, daß die Ursachen tiefer liegen müssen als in'der mangelnden Einficht einiger weniger Personen. Machen wir uns aber einmal klar, was jener Zustand, von dem wir oben sprachen, bedeutet: Der produktive Mensch, der Dichter, sagen wir ein junger, neuer Kleist, ist das tote Spekulationsobjekt eines Menschen geworden, der, obwohl selbst nur Mittler, ihn bindet und an der Entfaltung hindert. Ist ein solcher Zustand nicht ge- radezu unsittlich? Ueberdenken wir noch einmal den Zusammenhang, so wollen wir nicht leugnen, daß ein Teil des Publikums zu gewinnen sein wird, daß ein Teil der Kritik vor Wagnissen abickireckt. Aber der weitaus größte Teil der Schuld bleibt an den Theaternleitern hängen, die mehr und mehr den Zusammenhang mit der Entwicklung unserer Kultur verlieren. Und die Dichter haben es auszukosten, die besten bis auf den bitteren Rest..Wo bleiben die neuen Dramatiker?' — Im Tischkasten der Herren Dramaturgen. Zugleich aber scheint mir, daß hier der Punkt ist, wo der neue .Verband zur Förderung der deutschen Thealerkultur' seine Kraft einsetzen sollte: Alle akademischen Erörterungen werden hinfällig und überflüssig, sobald eine Tat möglich ist. die das Zehnfache wiegt und wirkt. Diese Tat ist: setzt die Aufführung der jungen Dramatiker durch I_ Herbstanfang. Am Sonntag, den 23. September, um 4 Uhr nachmittags, Über- ichreitet die Sonne in ihrer scheinbaren Jahresbahn wieder den Aequator, um bis zum 21. März 1S13 südlich von ihm zu bleiben. Damit beginnt in astronomischem Sinne der Herbst, dessen Nahen sich ja bereits in den letzten Wochen unverkennbar bemerkbar ge- macht hat. Er folgt in diesem Jahre auf einen Sommer, der hin- sichtlich seiner andauernden Wörme und Beständigkeit seit Jahr- zehnten seinesgleichen nicht hatte, wenigstens so weit ein großer Teil Mitteleuropas, namentlich Mittel- und Norddeutschland, in Be« tracht kommt. Dieser>L>ommer bot in jeder Hinsicht dem Meteorologen viel Bemerkenswertes. Völlig ungewöhnlich war vor allem sein Beginn, der sich unmittelbar und ohne jeden srühlingshaften Uebergang von längerer Dauer an den ausnehmend langen und strengen Winter anschloß. Dieser Winter dauerte, ohne daß irgendwie der Frühling sich merkbar regte, bis zum 30. April; infolgedessen war bei Beginn warmer und sonniger Witterung am 1. Mai die Vegetation im ganzen Lande noch völlig unentwickelt. Schon nach wenigen Tagen wurden aber überall 2S Grad Wärme überschritten; einige verftieBcleiii Elewkkter» den» am 6. Mai sehr empfindlich war, war«« aber»icht va« Dawer, da schon nach ein oder zwei Tage« Überall wieder war»«» Seiirr ei»« trat. Am 18. Mai kamen in SÜddeuffchland, tag« dara»f«ach in Hannover, zum erstenmal 30 Grad Wärme vor; Magdeburg«r- reichte am 14. Mai schon 82 Grad CelfinS. Während der nächsten vier Wochen herrschte, nur don ganz vorübergehend«»«ud«nweseni- lichen Rückschlägen unterbrochen, dauernd heitere»«nd sommerlich warmes Wetter, worauf am 12. Juni die heißeste Zeit de« Jahres begann, die tn° gegen Ende des Monats dauerte. Am 20. wurden in Berlin, llöagdeburg und Königsberg 3S Grad Wärm« erreicht, worauf die Hitze wieder nachließ, ohne daß aber der dmchawS hoch- sommerliche Chatakler der Witterung verloren ging. Mit der langen Wärmeperiode im Mai nnd Juni war in Nord« denischland- eine Periode fast völliger Dürre verbunden, während der Süden und Südwesten deS Landes unbeschadet sommerlicher Witterung, ausreichende, sogar recht ergiebige Niederschläge hatte, die in Begleitung sehr zahlreicher Gewitter fielen. Ueberhaupt war der Sommer gewitierreich, insbesondere im Süden»nd Süd- Westen� Deutschland», nächstdem im Westen deS Landes, während in den nördlichen und östlichen Landesteilen die Zahl der elektrischen EntladtDtgen sich in mäßigen Grenzen hielt. Jn-manchen Gegenden blieben die Gewitter sogar hinter der normalen Zahl zurück. Mit dem Bieginn deS Monats Juli wurde die Witterung zwar veränder« licher, der Charakter eines schönen und warmen SommeiS blieb aber trotzdem in den meisten LandeSteilen unbeeinträchtigt, und im AuguLt kam es sogar nochmals zu sehr großer Hitze. Es bleibt für daS künstige Wetter zn berücksichttgen, daß die Sonnenlätigkeit nach wie vor sehr stark ist und daß in den Zeilen des SonnenfleckenmoximumS eine ausgesprochene Neigung zu Wilterungs- extremen besteht. Demgemäß muß man daraus gefaßt sein, daß der Winter früher oder später auch wieder strenge Kälte bringt; ebenso jmntz mit der Möglichkeit eines sehr regenreichen Herbstes gerechnet ! werden, zumal seit dem Beginn des Jahres die Niederschläge im allgemeinen sich unter dem langjährigen Durchschnitt gehalten haben. Darauf folgt früher oder später immer wieder ein Ausgleich durch besonderen Niederschlagreichtum, und dieser Ausgleich kann nach leiner so langen Periode des Regenmangels nicht mehr fern sein. NesiSenz-Theater:»vpckerpotts Erben''. Komödie von Robert Grötzsch. Wie im Dresden« Hoftheater, wo diese von einem Redakteur unseres Dresden« Parteiblattes verfertigte Komödie zum ersten Male über die Szene ging, ward ihr auch hier sehr freundliche Auf- nähme zuteil. Berichte aus Dresden hatten sogar von einem Seitenstuck zu des Genossen Rosenow Kater Lampe-Lustspiel ge- sprachen. Das freilich mußte falsche Vorstellungen erwecken. De Verwandtschaft beschränkt sich einfach darauf, daß in beiden Stücken Vierfüßler unsichtbar als dramatische Helden figurieren, um deren Taten und Leiden � sich die Handlung dreht. Di« respektlosen Streiche des Katers, für den der gutmütige Drechslergeselle der Ro- senowschen Komödie feinen Kauipf ums Recht führt, spielen da eine ähnliche Rolle, wie die bissige Menschenfeindschaft des wilden Köters Strupp, den seiner verstorben« Gebieter Thckerpott ausersehen hat, die lieben Anverwandten nach seinem Tode noch zu ärgern. Aber während sich um den Kater eine kleine Welt gruppiert, die die soziale» Schichtungen und Kämpfe der Gesellschaft ergötzlich humo- ristisch widerspiegeln und das Gepräg« einfacher Menschenmöglich- keit überall bewahrt, ist von der Weite eines solchen Ausblicks wie von dein realistischen Sinn in„Dyckerpotts Erben' nichts zu spüren. Die Satire, zu der der hühsche Einfall ausgesponnen wird, arbeitet allzusehr mit Wiederholungen und gleichzeitig mit jenen Farben greller Uebertreibung, wie sie heute, wo Stcrnheini als eine Leuchte der Komödiendichtung gilt, noch mehr vielleicht wie früher gang und gäbe sind. Das Drollige des Motivs ist eigentlich im ersten Akt schon aus- geschöpft. Die Dhckerpottschen Verwandten, habgierige, dumme, heuchlerische Spießer, die die Dupierung gern und gut verdienen, harren im Hause des Verschiedenen, der es in Am«ika zum Millio- när gebracht, bösartig klatschend der Testamentsttöffnung. Har- manisch klingt von draußen das Gekläffe des unverschämten, �Allen grünolich verhaßten Hundeviehs in das Gespräch der edlen Sippe. Grausame Enttäuschung steht ihr bevor. Dyckerpott hat seinen Diener und einen geleh rie n.Tie r sch u tzen thu si a st« n zu Vormündern Strupps bestellt, die für den Hund gls llniversalerben, so lange das Tier auf Süden wandelt, das hinterlassen« Vermögen verwalten sollen. Nach dessen Tod erst könnten die Verwandten dann an die Reihe kommen, soweit sie sich nicht etwa zu gehässigen Kränkungen Strupps hätten hinreißen lassen. Jeder beteuert fein« Neigung zu dem lieben Tiere. Am Tage hofiert man's und trachtet nächtlicher Weile mit Rattengift ihm schnöde nach dem Leben. Umsonst! Erst ein leichtsinniger Neffe, der dic'Wettkriccberei nicht mitgemacht, bringt das freche Scheusal, das ihm nicht Ruhe läßt, im K-nnvf mtt einem wohlgezielten Hieb zur ewigen Ruhe. Triumph der Anderen. D« dann bei der Eröffnung der geheimen Zusatzklausel abermaliger, noch schlimm«« Enttäuschung weicht. Der Erblasser verfügt darin, daß, falls einer d« Verwandten in offenem Aufruhr gegen Stvuppfche Tyrannei den Hund erschlägt, dieser Mutige das ganze Geld bekommen soll. Die Darstellung, auf resoluten Posten- stil gestellt, derhalf den Szenen, der Breiten ungeachtet, zu einem lauten Heiterkeitserfolg. In erster Reihe standen Herr Falken- stein als spindeldürrer Kohlenhändler und Rosa V a l« t t i als schwerhörige und immer aufgeregt« Tante. 6t. veutjches Opernhaus:»Das golöne kreuz". Von allen Musikwerken für die Bühne, die der mährische Klavier- virtuose Jgnaz Brüll einst geschrieben hat. vermochte sich eigentlich nur diese 1874 entstandene Spieloper bis heute, vorzugsweise' in der Gunst des Provinztheater-Publikums, zu behaupten. Der Weltkrieg bringt sie uns wieder nah. Und das ist begreiflich. Spielt doch die vom Direktor Hartmann auf die Gegenwart zurechlgempdelre Geschichte zur Zeit des deutschen Freiheitskrieges. Es ist also eine nationaivatrioiische Oper mit deutschen Soldaten, die, unter klingendem Spiel nach Frankreich hineinmarschieren, oder einzeln, wie der adlige Hauptmann Anken und der Feldwebel Bombart. in die Handlung eingreifen. Dies Element bestimmt auch zu einem Teil den Charakter der Musik. Militärische Marschrhythmen und Chjorlieder wirken noch heute erfrischend. Den Gegenpart bilden äußerst melo- diöse Arien und humoristisch gefärbte Volksgesänqe: alle� hübich instrumentierl— eben eine Svieloper nach altem Zutchnitl. Manche Partie scheint sich doch schon überlebt zu haben— sie wirkt etwas einfchläfernd-langweilig. trotz der Bemühungen, die die Spielleitung und Kapellmeister Krasielt darauf Verwendelen. Die Rheiitlandichaft ist entzückend, die Volksszenen sind annehmbar arrangieut. Julius vom Scheidt gab den Feldwebel im ersten Akt stimmlich und dar- stellerisch hinreißend. Hernach trug er ttemolierend dem trampelnden Kriegsindaiiden Rechnung. Lulu Kaesier(Christine), scknusvielerifch ohne Belang, sang dafür sehr schön. Rudolf Laubenthal iGunttam von Anken) desgleichen. Frisch war, wie immer, Elfriebe Dorp als Therese._ ck. Notizen. — Ina Seidels innigwarmes Mutterlied steht in der an weichen Tönen reichen Sammlung ihrer.Gedichste', die bei E. Fleischet u. Co. erschien. — Vorträge. In d« Urania wiederholt Dr. Pohle seinen Vortrag über.Die Einnahme von Riga' am Montag, Mm« woch und Freitag. Am Sonntag, Dienstag, Donneckstag und Sonn« abend»Das Oberengadm und der Splügen'.— Treptow- Sternwarte. Dienstag, 7 Uhr, Dr. Arcbenholb:»Saturn und sein Ringsystem'. Mittwoch, 8 Uhr, Jens Lützen: Meuere Ansichten über Eiszeit und Sintflut'. — Die Pockenausstellung im Kaiserin-Friedrich-HauZ (Luisenplatz 2-— 1) wird vom Montag, den 24., an, dem Publikum zugänglich sein. Vorträge mit Führung finden am 24. und 28. Sep- teizcher, abends 7 Uhr, statt.