Z4. Jahrgang. ❖ Nr. 40 Leilage Zum �vorwärts" berliner Volksblatt öerlin, 7. Oktober 1017 Lichthunger. Arbeiterjugend, hungrig aufgeschossen, — Kartosselkeimen dunkler Keller gleich— Lichlhunger in den groften Augen.— irahnsinnig diirslet Licht ihr heri. das uuierm blauen Flicken ihrer Dlusc nach Tag gewaltsam schrie. And liefen mit den schwielenharten Fäusten. dte sonst den Hammer nur geklammert hielten,— und wuchsen groß in Gräben auf, und tranken alle Brüste voll von Licht, und vahmens trunkenselig heim,— und trugen jeder brennend Kränze um die Stirn. Äts wieder Räder sinnverwirrend Lieder sangen und Körbe hastig nicderzuckten in die Grubennacht.— glomm plöhlich Licht in sie hinein (irres Gedenken eines Hellern Tags). und tränkte hämmernd in ihr Blut dos Eisen, das einmal zuckend unter ihren Fäusten sprang. 2S. C". P e« ck c r i. Brentanos „Elsasser Erinnerungen". HermannWendel. �, Ais man in dem Strasburg nach der Annexion daran ging, die alte deutsche Hochschule wieder zu neuem Leben zu erwecken und durch Ansammlung der besten Köpfe der Profcssorenschaft mit besonderer Anziehungskraft auszustatten, berief man auch den Nationalökonvmen Liijo Brentano an die elsässische Universität. Was er ans diesem heißen Boden ivährend sechs Jahren, von 188L bis 1888, gesehen. gehört und erlebt hat, darüber berichtet er jetzt in einem schmächtigen, aber anschaulich geschriebenen Bündchen'), daS neben- und nacheinander Persönliches und Politisches, Staats- rechtliches und(LcsellschastlicheS. Nachdenkliches und Heiteres cmhälr. Wo er uns allerdings politisch-historisch kommt, hat er nicht immer(Tmc glückliche Hand. So übernimmt er sich ganz entschieden, wenn er die Annexion Glsaß-Loth- rmgens nn Jahre ISli von dem gleichzeitig individuali- siischSn und demokratischen Grundsatz aus zu rechtfertigen unternimmt, wonach das größtmögliche Glück der größten Zahl in der Politik den Ausschlag geben soll. Dem Willen der damals 15-19 738 Einwohner Elsaß-Lothringens, bei Frankreich zu bleiben, stellt er nämlich das Bedürfnis von 39 569 05-1 Deutschen gegenüber, sich durch Angliederung Elsaß-Lothringens vor Wiederkehr der so oft erlebten französischen Angriffe zu sichern. DaS würde auch dann noch eine sehr ivackligc Geschichte sein, wenn man* die 39'/z Millionen Deutscher durch Volksabstimmung über die Annexion Elsaß- Lothringens ausdrücklich befragt hätte, denn mit solcher Anwendung des Mehrheits- prinzips ließe sich natürlich jede Vergewaltigung eines kleinen durch einen großen Staat„demokratisch" verbrämen, und hundert gegen eins steht zu wetten, daß schleunigst die Alldeutschen aus dieser Blüte Honig saugen und daS Recht der sieben Millionen Belgier auf Selbständigkeit mit dem„Recht" der 70 Millionen Dcutsl�cr auf„Sicherung" überstimmen werden. Weniger auf schwankendem Boden stehen die Betrachtungen Brentanos über die Fichlcr der deutschen Lerwaltungs- politik im Rcichsland, durch die eine Annäherung der Elsässer und Lothringer an das Deutschtum außerordentlich erschwert wurde. Ganz abgesehen davon, daß der Elsässer und Lothringer, an den ausgedehnten Entlvicklung?'- und Nahrnngs- spielrauin Frankreichs gewöhnt, sich in den engen Grenzen seiner Heimat nicht gerade'behaglich fühlen mußte, fand er an der neuen Obrigkeit die Erkenntnis allzu sehr vcrnach lässigt, daß er durch die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit von' 1789 zum guten Franzosen gemacht tvorden war und jetzt nicht durch» das Gegenteil, durch Unfreiheit und Ungleichheit, zum guten Deutschen zu machen»var. Nach Brentanos Ansicht hätte sich eine kluge Politik aus die breite» Massen des elsässischen Volks stützen müssen, die am meisten deutsch geblieben, am Ivenigsten französisch geworden»varcn.„DaS aber stand mit der ganzen Geistesrichtung der deutschen Regierung in Widerspruch. Regierte»nan doch in Alt Teutschland, indem man die Jnter- c en der höheren Klassen-gegen die der unteren wahrnahm. In Preußen»var der Junker niaßgebcnd! im Reiche herrschte man mit Hilfe voi» Ansnahmegeietzcn gegen Geistliche und Sozialisten." Bei den namentlich ans Norddeutschland stammenden Beamten und Offizieren walteten vielfach Anschauungen ob, die zu dem dcinokratischeir Beioußtsein des Elsässer wie die Faust ausS Auge paßten: Brentano erwähnt eine Aeußerung des Obersten von Reuter Zaberner Angedenkens,„man könne mit dem Kreis- direkter von Zabern gesellschaftlich nicht»veitcr verkehren, weil er. ein �ltt-Elsäsfer, der die Tochter eines steinreichen •j Lust, Brentano, Elsässer Erinnerungen. Erich Reiß' Verlag. Berlin 1V17. Bauern geheiratet hatte, an einem Sonntag niit seiner zum Besuch gekommenen Schwiegermutter, welche die schöne Tracht der elsässischen Bäucrinneir trug, das schlvarze schwcrscidene Kleid mit der breiten Elsässer Schleife, spazieren gegangen sei". So stützte sich denn die deutsche Verwaltung auf die Notabcln gegen die breiten Volksmasscn, ohne dabei»vescnt- lichc Vorteile einzuheimsen, denn sie stieß die Massen ab und geivann die Notabeln doch nicht auf die Dauer, die sich»chon deshalb unzuverlässig zeigte»», um immer aufs neue durch Gunstbelveisc der Rcgierui.g gekauft zu werden. Ter klassischste Vertreter dieser Art Politik»var der erste Statthalter M a n t c u f f c l, der Brentano sofort nach dessen Ankunft zu sich bitten ließ und ihm freimütig sein Herz über den Arnim Prozeß und gegen Bismarck ausschüttete. Auch sonst»var dieser Vertreter des achtzehnten Jahrhunderts und des aufgeklärten Despotismus von einer erfrischenden Offen- Herzigkeit und niachte u. a. nie ein Hehl daraus, daß er die geistige Begabung Wilhelms l.»veit unter die »'eu»eS verstorbenen Bruders Friedrich Wilhelms IV. stellte. Manteuffcl rühmte sich auch Brentano gegenüber, daß er das jährliche StcucrbctvilligungSrecht des preußischen Landtags verhindert habe:„Als die Charte Waldcck oktrotffcrt»verdcn sollte, hatten der König und mein Vetter Manteuffcl, der Minister, keine Ahnung,»vas das Stcucrbcivilligungsrecht bedeute; ich aber hatte durch den Umgang mit meinem Freund Leopold Ranke so viel ans der Geschichte gelernt, daß ich wußte, daß das die Hauptsache sei, und auf mein Drängen ist dann der Paragraph über die Forterhcbnng der Steuern in die allgemeinen Bestinimnngcn der Verfassung aufgenommen »vordcn." Ebenso verbreitet sich Brcntanojibcr die elsässische Geistlichkeit niit ihrem Obcrhirtcn, dem Straßburger Bischof Roß an der Spitze, berührt Hochschulfragcn,»vciß von Althofs, den» späteren allinächtigen Gebieter � im preußischen Kultusministerium, damals Professor in Elraßbiirg, Ergötzliches und »nindcr Ergötzliches zu erzählen, schildert den Wettbeiverb und Streit zwischen dein neugegründetci» Deutschen 5tunstvcrcin und der einheimischen Societö des ajnis des arts und erzählt, daß er Heinrich H e r k n c r zu seiner verdienstvollen Untersuchung über die obcrclsässische Bailmivollcn- industric und ihre Arbeiter angespornt habe, dannt die»vcit- verbreitete Legende von der Harmonie zivischen Kapital und Arbeit im Wirtschaftsleben des Elsasses gründlich zerstört »vurde. Seinen Eindruck von der Stimmung iin Elsaß faßt Brentano, gc»viß ein unvoreingenommener Betrachter der Dinge, dahin zusammen:„Man empfindet Furcht und Schrecken vor Deutschland und betrachtet Frankreich mit �»vchmütiger Geringschätzung." Auch sieht er für die Zeit nach Friedens- schluß eine großs Ausivandekung aus dem Elsaß, gerade aus den Kreisen der Bourgeoisie, voraus. Aber er glaubt, daß sich alls den Reihen der kleinen Leute neue Ztapitalisten emporarbeiten werden:„Es»verde» neue höhere Klassen entstehen. Unsere Aufgabe»vird sein, sie für Deutschland zi» geivinncn. Aber auf welche Weise?" Darauf hat Brentano, unter entschlossener Abivehr aller anderen Pläne, nur die eine entschiedene Antlvort:„Selbst» ständigkeit Elsaß-Lothringens als dciltschcr Bundesstaat!" Das ist um so bemerkenswerter, als ihin 1871 die Einverleibung Elsaß-Lothringens in Preußen als glücklichste Lösung des ProbleinS erschienen wäre. Aber»vas 1871 möglich»var, ist es 1917 nicht mehr. Vie Ueberwinöung öes Krieges• üurch Sie Höherentwicklung üer Menschheit. Gedanken KantS. Di« furchtbar« Katastrophe der Menschheit treM zur 'inbahnenden Verwirklichung der größten Kulturidee: der Uebenvindung des Krieges. Kant, dem all« hoh:n Mcnschheitsidcal« Ziele seiner Philosophie waren, hat sie niit unermüdlichem Eifer gepflegt, lind er verdient es, daß»vir uns heute seiner erinnern. Tr. W. Moog hat ,Ka»ts Ansichten über Krieg und Frieden" in Übersicht- licher Weise zusammengestellt(Falten-Vcrlag, Darm- stadt). Wir geben einen Auszug.daraus. Immer hat der Krieg vom Gesichtspunkt des Adeals aus etwas Barbarisches an sich, und Kant zieht auch recht wohl die Schreckeu und Uebcl des Krieges in Betracht. Seine Baechtigung kann nur ein« relative sein, sofern er»ein unentbehrliches Mittel" für den Fortschritt aus einer bestimmten Kulturstufe ist, aber eben nur auf dieser Stufe. Für den Gesänchisphilosophen. der die Höherentwicklung der Menschheit bis zu dem idealen Ziel betrachten will, ergibr sich daher mich das wichtige Problem der Uedermindung des Krieges. Kant stimmt nicht in das Loblied des Krieges ein, das manche Philosophen seit Hcraklit gesungen haben und das nach Kant etwa noch Nietzsche hat erlönen lassen, er ist nicht der Meinung, daß der Krieg an sich wertvoll sei und eine gewisse„Veredlung der Mensch- lstit" bedeute, sondern er erinnert daran, daß die Summe des Hebels wäckst, indem der Krieg„mehr böse Leute macht als er deren wognimmt". Darum finden»vir bei Kant auch eine Reibe von Aeußerungcn, die eine scharfe Vevurleiluiig des Krieges in. sich enthalten. So sieht er den Krieg als„eine Art von Rohigkeit, Ungezogenheit, Barbarismus, wie unter Wilden-statt d�r Arguments Schläge", ja als den„Quell aller Uebel und Verderbnis der Sitten", als die„Geißel des menschlichten Geschlechts",„den Zerstörer alles Guten",„das größte Hindernis des Moralischen". Er fragt nach den PNKhologischeu Wurzeln des KriegstriebcS:..Lb die Kriegs- neigung Bosheit und Menschenhaß anzeige oder mehr Eitclkci. und Herrschsucht." Ter Krieg ebenso»vic der Nationallvahn beruhen auf menschlichen Instinkten, sie sind nicht auf Vernunft begründet. Triebe und Leidenschaften aber müssen bezwungen werden, die Vernunft allein kann moralische Gesetze geben. Sie offenbart uns..das Gesetz, daß, weil Justin ite blind sind, sie die Tierhcit an uns zwar dirigieren, aber durch Maximen der Vernunft müssen ersetzt»ver- den. Um destvillen ist dieser Nationalloahn auszurotten, an dessen Stelle Patriotismus und KosmopolitiLmus treten muß." Die blinde darbariswc Tugend, der die vernunftgemäße Allgemein- gültigkeit fehlt, muß durch die disziplinierte, gesetzmäßige ersetz« »verdcn,»velchc allein moralische Pflicht enthalten kann. Tic Frei- heil, welche mit dein Ilcbergang aus dem naturliaften Zustand in den klltivicrten verbunden war, ist doch»nieder zu einer Ar» unmoralischen ZivangcS gclvorden und hat die bösen Neigungen der Menschen kcincStvcgS unterdrückt. Tic Kultivierung erstreckte sich zunächst nur auf daS Acußcrc, sie war bloßV Zivilisierung. Nun aber ist die Ivichtige Philosoph» s仫 Frage:»vie eine gesetzmäßige. uro ral ische Freiheit möglich wird,»vie die EntwiMung aus dem Zustand der bloßen Zivilisicrung Iveitergehen kann zu dein einer inneren Moralisicrung. So muß sich noüvendig eine Reaktion gegen die bisherige Enilvifklung ergeben, aber diese Reaktion folgt unmiticlbar und notlvcndig aus dem gegenivärtigen Zustand her- aus. Mit der Errichtung von Staaten, lvclche die Freiheit des Einzelnen als gesetzmäßige sicherstellen, kann die Entivicklung noch nicht abgeschlossen sein. So Iieißt cS in einer Reflexion, die ctlva in der Zeit von 177ü bis 1870 entstanden ist:„Wenn in einem Volke erstlich die Freiheit unter Gesetze mit kleiner Gewalt kommt und dies sich nur in Proportion(Verhältnis).mst dein Gesetz und Freiheit vergrößert, so steigt das gemeine Wesen zur größten Voll- kommenheit. DaS Naturrecht wird realisiert. Auswirkung aller Talente(Griechen, Römer, germanische Völker, Asiaten). Wenn Völkerschaften unter sich ein Gesetz und gemeinschaftlkchc Gcloalt aründen, so errichtet sick» änßcre Sicherheit. Völkerbund. St. Pierre." Hier deutet Kant an. in»velchcr Richtung sich die künftige Entwicklung der Menschheit belvegen soll, und er nennt zugleich den Mann, der einen flcivünschtcn Jdealzustand bereits konstruiert hat und in dieser Hinsicht neben Rousseau von entscheidendem Einfluß auf Kants Ideen geivcsen ist. Ii» der„Idee zu cincr allgemeinen Geschichte in»vcltbürgcrlicher Absicht" sind Kants Gedanken schon näher ausgcfnhr�. Die Naillr„treibt durch die Kriege, durch die überspannende und niemals nachlassende Zurüstung zu denselben, durch die Rot, die dadurch endlich ein jeder Staat jelbst inüteu im Frieden innerlich fühlen muß, zu anfänglich unvollkommenen Ver- suchen, endlich aber nach vielen Verwüstungen. Umkippungen und selbst durchgängiger innerlicher Erschöpfung ihrer Kräfte zu den-.' »vas ihnen die Vernunft auch ohne so viel traurige Erfahrung hätte sagen können, nämlich: aus dem gesetzlosen Zustand der Wilden hinauszugehen und in einen Völkerbund zu treten; Ivo jeder auch der kleinste Staat seine Sicherheit und Rechte nicht von eigener Macht oder eigener rechtlicher Beurteilung, sondern allein von diesem großen Völkerbünde, von einer vereinigten Macht und von der Eirtschcidung nach Gesetzen des vereinigten Willens erlvarten könnte. So schwönncrisch diese Idee auch zu sein scheint und als eine solche von einem Nbb6 vvn St. Pierre oder Rousseau verlacht worden(vielleicht weil sie solche in der Ausführung zu nahe glaubten): so ist cS doch der unvc-rmcidliche Ausgang der Not, Ivo- rein sich Menschen einander»»ersetzen, die die Siaatcn zu cbeu der Entschließung(so schwer cS ihnen auch eingnjt) zwingen mutz, wozu der»vildc Mensch ebenso ungern gezwungen ward, näml'ch: seine brutale Freiheit aufzugeben und in einer gesetzmäßigen Ver- sassung Ruhe und Sicherheit zu suchen." Kant vertritt also im Anschluß an St. Pierre und Rousseau die Idee eines Völkerbundes, aber diese Idee ist cur ihn kein leeres Ideal, sonderifein« notwendige Ausgabe, die in der bisherigen Entwicklung selbst begründet ist. Wie die Entwicklung aus d«n Naturzustand der Einzelnen zur Staatcndildung hin-- gedrängt hat, so geht sie auch über die einzelnen Staaten hinaus, die in einem ungeordneten Nebeneinander existieren und sick--»o in einem gegenseitigen Verhältnis befinden, das ganz dem Nalur zustand der Einzelnen entspricht und davum ebenso wie dieser überwunden»verden muß. Bor der Errichtung cincr Staatcnver- bin du»ig in Form eines Pölkerbuirdcs sind die Staaten noch im Zustand einer gesetzlosen Freiheit, die„unter dem betrüglichen An- schein äußerer Woblsahrt" die schwersten Nebel in sich birgt und darum erst gesetzmäßig gemacht»verden mutz. Läßt man d.'s iehlc Glied der Entwicklung weg, dann fehlt allerdings der richtige Sinn der Entwicklung, und das Ziel der Menschheit wird in keiner Weise erreicht, so daß man dann, wie Kant meint, in der Tat das pcnii- mistisckie Urteil RousieauS über die Gegenivart gutheißen und den primitiven Naturzustand der Kuliur vorziehen»nüßtxk Unserer Kultur fehlt noch die innere Moralisicrung.„Wiriind im hoben Grade durcb Kunst und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivili- sicrt bis zum Ueberlästigen zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisiert zu Halle», dai«n fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört nocb zur Kultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Einen. ähnliche in der Ebrliebc und der äußeren Anständigkeit hinaus� läuft, macht bloß die Zivilisierung aus. E�ne Besserung.ist nur zu erwarten,»vcnn das Menschen« gcschlecht sich„ans dem chaotischen Zustand seiner Staatsverhält- nisse herausgearbeitet bat. Erst durch den Hinblick auf den Ideal- zustand gewinnt die gegenwärtige Entwicklung ihren Sinn, und die llcbel wie der Krieg sind nur berechtigt,»nenn sie überwunden »verden können. Tek Mensch muß aus dem.Stadium der äußeren Kultur in das 1Kr moraliichen Vergeistigung cinjrcten. in d-n, nicht mehr Triebe und Leidenschaften herrschen und die Interessen der Einzelnen sich befehden, sondern allein die Vernunft allgemein- gültige Maximen gibt. Dazu muß eine systematische Aufklärung bie Menschheit erhellen, c:nc Aufklärung nicht bloß des Verstau- des. sondern auch des Gefühls.„Diese Ausllärung» aber und mit »hr auch ein gewisser Herzcnsanteil, den der«ifgeklärtc Mensch inn Gulcii, das er vollkommen begreift, z»t.nehmen nicht vermeiden Imti, tnuß ned) und nach bis zu den Tchronen hinaufgehen und I�dft auf»hre Regl-rungsgrundsätze Einfluß haben." Wenn fie a idf langsam durchdringt, so wird sie doch sich geltend machen und cnic allmähliche Besserung zur Folge haben. Jetzt herrscht noch„inwendig: obrigkeitliche Gewalt; aus- Worts: verteidigende Macht. Der gesetzliche sobrigteitlichc) Zwang I.'fördert die Entwicklung der Talente in dem Eharakter, aber bessert es nicht, sondern verfeinert, daher Tugend und Laster stei- g'n. Es wird daher zur letzten Bestimmung der Menschen der moralische Zwang gehören, da ncunlich niemand Ehre, Um- gcng, Amt, ja sogar ein Weib erlangen wird ohne Rechtfertigung i.nd Merkmale guter Gesinnung. Diese Verordnung ist der mensch- l-chet, Ratur gemäß, und der Keim dazu liegt in ihr; denn wir sind schon dazu geneigt zu Ivünschen, daß dem Laster mehr in den A«g gelegt würde." Tie Besserung wird nicht bewerkstelligt durch eine philanthropische Methode, welche in dem Predigen der Moral, also bloßer Belehrung bestünde, sondern durch die kosmopolitische Methode, die in der Stiftung gesetzmäßiger Gemeinschaften ihre "tufgabe sieht und auf diese zwar umständlichere, aber sicherere Bkise dal Ziel zu erlangen strebt. ölant erstrebt zunächst wie St. Pierre und Rousseau einen europäischen Staatenbund. Damit glaubt er, die Eilt- Wicklung der Menschheit auf eine höhere Stufe zu bringen und dem idealen Ziel näherzukommen: Es muß eine Vernunft im Leben der menschlichen Gattung walten, die Menschheitsgeschichte muß teleologisch scincm Endzweck zustrebend) begriffen werden, �aS ist Kants innerste Ilebcrzeugung.„Man kami die Geschichte der Mcnschcngattung als die Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur ansehen, um c:ne innerlich— und zu diesem Zwecke auch äußerlich— vollkommene StaalSvcrsassuiig zustande zu bringen, als den einzigen Zustand, rn welchem sie alle ihre Anlage» in der Menschheit völlig entwickeln kann. Das einzelne Jndividuuift kann da* Ideal in seinem Leben nicht verwirklichen, aber der Gattung mutz es als regulatives Prinzip, als eine notwendige, wenn auch vielleicht nie völlig auflösbare Aufgabe vorschweben. Die Höherentwicklung ist notwendig im Wesen des Menschen selbst begründet. Es besteht„eine m Malische Anlage", die vernunftgemäß begründet isc und infolge deren man die Menschheit nicht als böse betrachten inuß. sondern„als eine ans dem Bösen zum Guten in beständigem Fortschreiten'unter Hindernissen emporstrebende Gattung vcr- nünstiger Wesen". Nur so ergibt sich ein steter Fortschritt in auf- steigender Linie. Erst durch die Idee der Entwicklung der Mensch- !>cit erhält die Geschichte ihren Sinn imd wird eine philosophische Geschichtswissenschaft möglich. Denn diese Idee bildet allein den festen Punkt, nach dem die Wissenschaft ihre mannigfacheil Pro- Lieme orientieren kann.„In der Historie ist nichts BlekbcndeS, was eine Idee von dem Veränderlichen an die Hcmd geben könnte :is die Idee der Entwicklung der Menschheit, und zwar nach dem, WCS die größte Vereinigung ihrer Kräfte ausmacht, nämlich bür- �rliche und Völker-Einheit, und zwar wie sie mit allen ihren HTsSmittcln und Wirkungen sich fortpflanzen, wodurch Menschen nach und nach aufgeklärt werden." Wenn Kant so der Entwicklung der Menschheit ein Ziel bor- schreibt, so. will er damit kein utopische- Ideal aufstellen, sondern eine Idee als Ausgabe bestimmen. Wohl hegt er die optimistische Ansicht, daß die Entwicklung der Menschheit notwendigerweise ei» Ausstieg zum Guten sein müsse, daß sie einen vernunftgemäßen Plan in sich enthalte und einem Zustand der Glückseligkeit zustrebe, wenn dieser in der empirischen Wirklichkeit auch niemals erreicht werden sollte. Aber„der Begriff der Glückseligkeit ist nicht ein solcher, den der Mensch etwa von seinen Instinkten abstrahiert und :6 aus der Ticrheit in ihm selbst heririmmt; sondern ist eine Idee". Ausdrücklich weist Kant die Staatsutspicn ab wi« sie seit PlatonS Äflantis geschaffen worden sind. Sofern sie unendliche Aufgaben bezeichnen, behalten die Utopien ihren Werk. „AIS das einzige Wesen auf Erden, welche? Verstand, mithin ru Vermögen hat, sich selbst willkürliche Zwecke zu setzen, ist er zwar betitelter Herr der Natur und, wenn man diese als ein teleologische- System ansieht, seiner Bestimmung nach der letzte Zweck der Natur; aber immer nur bedingt, nämlich daß er es verstehe und den Willen habe, dieser und ihm selbst eine solche Zwcckbeztchung zu geben, die unabhängig von der Natur sich selbst genug, mitbin Endzweck sein könne, der aber in der Natur gar nicht gesucht werden muß." So steht über der Natur die Kultur, und die Erreichung der Kultur kann nur auf Gvund der Vernunft und der Freiheit geschehen. Erst am Ende der Entwicklung regiert da» geläuterte Gute allein.„Die Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt(folglich in seiner Freiheit) ist die Kultur. Also kann nur die. Kultur der letzte Zweck sei«, den man der Natur in Ansehung der Menschen- gattung beizulegen Ursach« hat." Das Ziel der Entwicklung hat für Kant einen moralischen, ja sogar religiösen Charakter. Mit religiöser Wendung spricht er davon, daß die Menschen zunächst in einer„unsichtbaren Kirche" leben und daß die Herstellung des Reichs GottcS ihre Aufgabe ist. „Das Reich GotteS auf Erden, das.ist die letzte Bestimmung; des Menschen Wunsch(dein Reich komme). Christus hat cS herMi- gerückt; aber man hat ihn nicht verstanden und da» Reich der Priester errichtet, nicht das Gottes in unS." wiüer öen„UTakel* öer unehelichen Geburt. Von Stadtv. Dr. Engel, Berlin-Schönebcrg. Die Verhandlungen im Preußischen Abgeordnetenhaus« vom lö. Februar d. I. über die Grundsragen unserer Bevölkerungs- polttik haben bisher in der Oessentlichkeit leider nur geringen Nach- hall gefunden; sie erfolgten ja im Hause selbst vor leeren Bänken und teilten so auch äußerlich das regelmäßige Schicksal sozial- politischer Erörterungen. Trotzdem find die Verhandlungen nicht lediglich bewegte Luft. Die beteiligten sozialpolitischen Kreise werden noch oft auf sie zurückgreifen, wenn auch bisweilen nur, um die sozialpolitischen Taten der einzelnen Parteien an den Reden ihrer Vertreter nachzuprüfen. >» Die erschreckende Tatsache, daß von 1000 uneheliche ri Kindern nur 136 das IS. Lebensjahr erreichen gegenüber 312 ehelichen Kindern, wird für die weite Oeffcntlichkeit eine Eröffnung bleiben, über die fie nicht mit einer leichten Hand- bewegung zur Tagesordnung übergehen kann. Die Sterbeziffer be- deutet eine schwere Anklage, die sich mit der Gewalt, die in ihr liegt, in das Gedächtnis unseres Volkes hineinhämrnern und immer von neuem um dringende Hilfe bitten wird, ja sie' fordern kann. Die Vorkämpfer für eine Besserung der Lage der ledigen Mütter und der unehelichen Kinder brauchen in Zukunft ihre Forderungen nicht mehr besonders zu begründen und deswegen sogar für ihren eigenen Ruf zu fürchten. Die Totenziffer der un- ehelichen Kinder ist die nachhaltigste und eindringlichste Begründung, die nicht nur unser Herz bewegt, sondern unS auch überzeugt. Seit Monaten kämpfe ich, aus dem Felde, für die Schaffung eines einheitlichen Geburtsscheins für alle Kinder, dre vorehelichen und unehelichen Kinder nicht mehr wie bisher von ihrem Eintritt in das Leben bis zu ihrem Tode und noch darüber hinaus bloßstellt und kennzeichnet als Kinder einer ledigen Mutter. Ick weiß wohl, daß mit dem weißen Luartblatt des farblosen' Geburtsscheines erst wenig getan ist. Wenn wir indes die geradezu grauenerregende Sterblichkeit der unehelichen Kinder herabmindern wollen,. dann müssen wir bei der Geburt de- Kindes beginnen und vor allem auch der ledigen Mutter ihren Kreuzweg erleichtern. Heute sucht sich die ledige Mutler oft schnell von ibrein Kinde zu trennen. Uneheliche Kinder sind ebeir eine gesellschastlichc Last und— solange unsrce heutigen Werturteile bestehen— eine dauernde unerträg- liche Erinnerung für die ledige Mutter. Uns allen gilt die Forderung und Mahnung, die ledigen Mütter in ihrer Not nicht von un- zu weisen, ihnen vielmehr nicht aus Gnade und Mitleid sondern um der Gerechtigkeit und unsere» Volke- willen die Hand zu bieten. Die Krieg-zeit ist für die ledigen Mütter wegen der schweren Leben-mittelbeschaffung aus Karlen besonders hart; sie wird oft geradezu eine Folter. Jeder Weg nach einer Brot-, Zucker-, Milch-, Kartoffel- usw. Karte führt über Dornen und bringt neue De- mütigungen und Erniedrigungen. Immer wieder muß die ledige Mutier bei der Kartenausgabestelle und in den Läden in die Zwangsbeichtc und bekennen. Man folge dem Vorbild Badens und Sachsens, die den Bräuten gefallener Krieger, namentlich den ledigen Müttern unter ihnen, auf Antrag den Fraucntitel verleihen, erhebe aber die Ausnahme zur Regel und gebe allen ledigen Müllern ohne Antrag allgemein und ausnahmslos die Berechtigung zur Führung des Titels.Frau". Damit wäre der ledigen Mutter in der Oeffcntlichkeit und namentlich in ihrem wirk schaftlichen Fprikonnnen manche- Hindernis und vor allem viele seeliscbe Oual genommen. Meine Vorschläge auf Schaffung eine- neuen Geburtsschein und auf Verleihung des Fraucntitel- an die ledige Mutter sind kleine, aber deshalb nicht unwirksame Mittel im 5kampfe gegen die Sterblichkeit der unehelichen Kinder; sie sollen schwere Schalten in unseren Lebensformen beseitigen. Beide Mittel — Geburtsschein und Frauentitel— sind keine Allheilmittel, wie ja auf diesem schweren sozialen Arbeitsfeld. leider große und um wälzende Heilerfolge unmöglich sind. Die große Zahl der ledigen Mütter— fast 200 000 im Jahr, ein Zehntel aller Mütter— beweist die sittliche Gesundheit unseres Volkes. So widerspruchsvoll es klingen mag: viele unehelichen Kinder sind auch ein Maßstab für' die Sittlichkeit eine- Volke». Sie zeigen, daß bis in die großen Volksschichten doch noch nicht die Gedanken der Geburtenvcrhindcrung eingedrungen sind, deren Be- läntpfung uns der Krieg als ganz besonder- ernste Aufgabe ans Herz gelegt hat. Tie deutschen Bundesstaaten ordnen alle Kulturfragen selb- ständig. Sollte cS ein zu hoher Wunsch sein, daß ein größerer Bundesstaat ii« dieser Formenregelüng, die auch von weittragender wirtschaftlicher Bedeutung ist. die Führung und Wegweisung über» nimmt und durch die Uebcrwindung von schwere» gefährdenden Vor- urteilen gesundem, zukunstgebendcm Leben zur vollen Entfaltung und Eniloicklung hilft? Neue Entdeckungen in öer heimischen Tierweit. Daß in unserer heimischen Tierwelt noch wilbttgc Entdeckungen zu machen seien, kling: von vornherein wenig wahricheinlich, wenn man dedentt, wieviele Gelehrte und wieviele Jäger seit Jahrzehnten auch die kleinste Kleinigkeit beobachten.und veröffentlichen. Durch die Erfindung eines sehr sinnreichen Hilfsmittels zur Beohachtung von Tieren im Freien ist r- nun dem ausgezerchneten Waidmanne und Naturforscher Hegendorf gelungen, eine Reihe wichtiger Entdeckungen über die Lebensführung von einheimischen Tieren zu machen, die bislang als recht gut erforscht galten. Dieses Hilfs- mittel, das er in mebrsäyriger Anwendung durchgebildet und auf eine hohe Hinfe der VoUtoinmenbeil gebracht hat. bezeichnet er als .T e r r a g r ap h"; es ist eine Einrichtung, die init Hilfe der Eick- trizilät genaue Aufzeichnungen darüber macht, wann ein Tier seinen Bau, sein Nsst usw. aufsucht oder wieder verläßt. Hegendorf ver- öffentlicht im Verlage von Theodor. ThomaS in Leipzig unter dem Titel„Der Terrograph" fein Buch, in dem er die Einrichtung des Terragrapbcn und seine Anwendung, auch in Gemeinschaft init der photographischen Kammer, darstellt und an einer Reihe ausführlicher Beiipiele schildert, was er mit seinem Hilfsmittel entdeckt. Hält der Dachs einen Winterschlaf? Namhafte Jagdzoologen be- sahen diese Frage, doch ist es sicher, daß viele Jäger dein Dach- im Winter, selbst bei Schnecwetter, begegnet sind oder frische Spuren von ihm gesunden haben. Hegcndors hat diese Frage nun mit Hilfe seines Terragraphen in Angriff genonimen und dabei einen treff- lichen Einblick in das Leben des Dachses gewonnen. Danach steht es fest, daß der DachS nicht etwa, wie e- in einem neueren Jagd- werke heißt,„im Herbste MooS und Laub in den Bau führt, sich ein bequemes Winterlager zurechtmacht und sich zum Winterfchlafe einkugeft.". Seine winterliche Einlagerung hängl von den Witlerungöverhältnissen ab; je gelinder der Winter, desto häufiger läßt er sich spüren; nur wenn Wald und Feld mit hohem«chnee bedeckt sind, schwinden für den Dach- die letzten Hoffnungen, irgend- etwas an Nahrung zu finden. 67tägige ununterbrochene Be- obachtung am Dachsbau hat eindeutig ergeben, daß von einem Winterfchlafe wirklich nicht die Rede sein kann; der Dachs verläßt den Bau nur um so seltener, sc schlechter die Witterung ist. Ein ganz unerwartetes Ergebnis hat Hegendorf bei der Be- obachtung wilder Kaninchen mit dem Terragraphen gewonnen, wobei ihm freilich der Zufall sehr günstig war. Eine» Tages entdeckte er nämlich auf einer Wiese einen großen kahlen Fleck, auf dem jeden Morgen frische Kaninchenlosung zu finden war. Mit dem Terragraphen. der uutr dort lunstgerecht angebracht wurde, erzielte er jedoch zunächst kein Ergebnis, denn am Morgen fand er die Batterie aufgebraucht. Tics wiederholte sich, und Hegcndorf konnle das Rätsel nur dadurch losen, daß er mehrmals nachtS feinen Terra- graphen besichtigte. Da fand er denn über einer Konlaktstellung eine ziemliche Menge Erde angehäuft und davor führte ein Loch in den Boden. Er ging in den folgenden Wochen dem rätselhaften Sackivcrhalte nach und die Lösung war, daß er hier das Wochenbett eines Kaninchens aufgesiinden hatte. Die Häsin gräbt an einem un- auffälligen Platze einen Notbau tief in die Erde, wo die Jungen vergraben bleiben. Tagsüber bleibt die Alte von den Jungen fern, abends erscheint sie, prüft und sichert, ob alles in Ordnung ist, legt'den Eingang frei, um zu ihren Jungen zu gelangen, bei denen sie die Nacht verbringt, gräbt morgens den Lau wieder zu und kommt erst am nächsten Abend wieder zurück. Erstaunlichertveise stellte Hegendorf fest, daß ein solches Wochenbett von einer Häsin volle sechs Tage hinterein- ander nicht besucht wurde. Er grub die Jungen au», fand sie korper- lich etwas abgekommen, jedoch sonst noch munter, und deswegen schloß er den Bau wieder. In den folgenden Tagen kam die Häsin wieder und besuchte ihre Jungen I Die Anwendung des Terragraphen zur Beobachtung der Vogel- weit hat ein paar schlagende Beispiele iür den großen Nutzen ge- liefert, den manche Vogel durch die Verrilgung von Insekten er- weisen. Die Aufzeichnungen eines Terragraphen an einem S ch w a n z in e i s e n n e st e, das eine ganze Maiwoche hin- durch beobachtet wurde, ergaben, daß die Alten täglich � rund 500 mal ihre Jungen fütterten. Sie brachten dabei stet» zwei oder mehr Raupen, so daß sich eine TageSmenge von 1000 Stück ergibt, und da sie sicher selbst ebenso viele verzehrten, muß man annehmen. daß die ganze Sckwonzameisenfamilie täglich 2000 Raupen ver« nichtete. Es bandelte sich dabei um die Raupen de» Eichenwicklers. und zwar war e? einziger Eichbaum, von dem sie ihre Beule ab« lasen. Aehnliche Zahlen hat Hegendors mit dem TerragrapbeM an einem s ch w a l b e n n e st e ermittelt. Danach begannen die schwalben um vier Uhr morgens mit dem Herbeischleppen von FuNer, setzten c» den ganzen Tag über mit kurzen Unterbrechungen fort und borten regelmäßig um halb sieben Uhr abendsauf. Durch- schnittljch sültertcn sie bOOmal ain Tage; jedesmal brachten sie zwei oder mehr Insekten, und wenn maii auf die Eltern ebenso viele Insekten zur Nahrung rechnet, wie auf die Jungen,>o vertilgt ein- einzige Schwalbenfamilie täglich 3200 Insekten/ im Mvnal also rund 100 000!___ Zortjchritte öer Srotbereitung. Eine der cinschncidendstsn Maßnabmen unserer Kriegswirtschaft ist die Vorschrift, da» Korn in viel höherer Weise, als es bis dahin üblich war. in den Mühlen auszumahlcn,»ild zwar bis zu 01 Prvz. Dadurch ist zwar das feine weiße Mehl der Friedenszeit ver- schwunden. aber die Mehkvorräte sind dafür ganz bedeutend gestreckt worden, denn die früher ausgemerzte Kleie ist zum größten Teil nun in, Mehl geblieben, daS dadurch die dunklere Färbung erhalten hat. Der Zusatz der Kleie zum Mehl hat zwet Folgen. Die Kleie enthält viel Eilveißstoffe und Nähr- salze, die von großer Wichtigkeit find und deshalb das Brot nahr- haftcr machen, ober andererseits hat die Kleie auch sehr viele Holzfaserteile, die unverdaulich sind, so daß sie von den Organen der Ernährung als Ballast ausgenommen werden müssen, der Er- krankuiigen hervorrufen kann. Die gute und schlechte Eigenschaft der Kleie standen und stehen in einen: Gegensatz zueinander, dessen Kosten der Mensch zu tragen halle. Wenn die Kleie zum größten Teil unverdaulich ist, so liegt daS daran, daß der nahr- hafte Zelleninhalt den VerdanungSorgonen unzugänglich bleibt, da dicselbeii nicht imstande sind, die Zellwände aüszulösen und den Inhalt freizulegen. Alle unsere Mahlverfahren, die alten Mühlsteine sowohl wie die neuen Walzen au- Porzellan und Stahl zermahlen zwar den stärkehaltigen Inhalt de» Getreidekorns zu sehr seinem Bichl, sie trennen auch die winzigen Zellen der Kleie voneinander, aber die Zellen selbst zertrümmern sie nicht, die lassen sie meist un- verschrt, und dadurch sind sie dem Verdaulwerden entzogen. Es ist nun schon seit Jahren da» Bestreben der Wissenschaft und Technik gewesen, im Mahlprozeß auch diese Zellen zu zerkleinern, und eS ist vielfach Brot hergestellt worden aus Mehl, in welchem dies mehr oder ivenigcr gelungen sein soll. Bei deni bekannten Schlüterbrot wird dies dadurch zu cr- reichen gesucht, daß die Kleie für sich zu einem Teig geknetet wird, der erhitzt und dann nochmals zu Mehl vermählen ivitd, da» dem weißen Mehl zugefügt wird. Bei dem ein ähnliches Brov liefernden Finalmehl wird die abgesonderte Kleie untdr Zusatz von Wasser ebenfalls zerrieben und dann erst dem Mehl wieder zugesetzt. DaS Simonsbrot wird aus ähnliche Weise gewonnen, und bei dem neuerdings hergestellten Grovitl- oder Vollbrot wird die Zer- trümmerung der Zellen dadurch herbeigeführt, daß da» eingeweichte und enthüllste Korn zwischen verschiedenen Walzen zu eruem Teig zerquetscht wird. Dies Verfahren hat günstige Ergebnisse gc- habt, aber neuerdings hat Dr. Klopfer in Dresden eine Methode erfunden, die auf die bisher beste Weise die Kleiezcllen zerilört, so daß ihr Inhalt den Magensäften zugänglich wird. Nach dieser Methode wird das scharf getrocknete Korn in Schleudcrmühlen gebracht, die es gegen seine Siebe mit großer Kraft schleudern, so daß da» Korn zerkleinert und zertrümmert wird. Durch eine mehrfache Wiederholung dieses Lerfahrcus wird schließlich ein außerordentlich feines Mehl gewonnen, in dem auch die Zellen der Kleie zersprengt sind. Ein au» diesem Mehl gebackene» Brot ist da» denkbar verdaulichste und nahrhafteste. cS ist Vollkornbrot im besten Sinne de» Wortes, und es wird hoffentlich in Zukunft das Brot werden, das allgemein zu unserer Ernährung verwendet wird.____ ,Kristallsee!en�,£cnjl haeckels neuestes werk. Im Verlage von Alfred Kroener, Stuttgart, erscheint in Kurze daS jüngste Werk des Vicrundachtzigjährigen, das zu vollenden er sich eben anschickt. Die Kristalle galten noch bi» zu Anfang unsere» Jahrhunderts als starre, leblose Naturgebilde. Die Wissenschaft, die sich mit ihnen beschäftigt, die Kristallographie, ist daher eine„exalte", anorgauischs Naturwissenschaft, die sich ihre Gesetze von der Mathematik vor- schreiben läßt, und mit dem Leben nichts zu tun zu haben schien. Die Disziplin aber, die sich mit dem Wesen der beseelten Naturlorpcr beschäftigt, die Psychologie, ist ein Teil der organischen Nalnrwisfen- 'chaftcn, der Bilologie. Eine tiefe Kluft schied da» Gebier beider. Da erschien das Werl Orto Lehmanns(Eßlingen 1007) über" „flüssige, also scheinbar lebende Kristalle", das un- mir der erstaun- lichen Eigenschaft mancher Kristallgebilde bekannt macht, Funktionen auszuüben, die wir bisher nur dein beseelten Leben zuzuschreiben gewohnt waren. Gleichzeitig erhielt die Lehre von dem Seelenleben der Pflanzen ihre feste, experimentelle Begründung durch den Berliner Haberlandt sowie durch Nemec und Francs. Der Münchener Richard Scmon stellte das unbewußte Erinnerungs- vermögen, die„MnorrxL', als da» Dauernde im Wechsel deS organischen Geschehens hin. In zusammenfassender Verwertung aller dieser neuesten Forschungsergebnisse und gestützt auf langjährige eigene Unter» uchungen sieht sich Hacckel veranlaßt, den Grundriß etiler neuen „Biologischen Philosophie' aufzustellen. In diesem spricht der greise Gelehrte die Ileberzeugmig von der Einheit aller Natur- crscheinungen aus. wie sie im Begriff des Monismus ihren treffend» ten Ausdruck gesunden hat. Die Scheidewand zwischen rotem anor-, panischen und beseeltem organischen Dasein ist gefallen. Alle Sub- 'tanz besitzt„seelisches Leben". Mögen wir wohl noch zweifelnd vor dem ungewohnten Neuen dieses Problems stehen, vor der Geistesschärfe des Hochbetagleu. der es aufzustellen gewagt hat, werden wir uns in bewundernder Ehr- urcht neigen._ l?r. M. K. Notizen. — Die Theaterzcnsur gegen den Burgfrieden. Da quälen sich nun, die Zeitungen, den unausgeführten Dramatikerri den Weg zur Bühne gegen die Trägheit der Direk:orcn zu er- schließeS. Und gelingt es schließlich einem, an die Ställe zu ge< langen, wo allein über seine Bedeutung entschieden werden kann. ö macht die Zensur einen Strich durch die lange Vorarbeit und verbietet die Aufführung. So ist eS Hermann E s s i g mit seinem Drama„Ihr stilleS Glück' am Lessing-Theaier ergangen. Mir diesex Entdeckung von Ilnsittlichkeit scheint unS die Zensur den Burg- rieben nicht zu befördern. — Vorträge. Urania. Mittwoch und Freitag. Dr. Prcyer: Auf den Spuren deutscher Au-landSarbeii(von New jlchii nach Jerusalem und in die Wüste 1911—1916)'. Sonntag. Dienstag, Donnerstag:„Da? Obcrengadin und der Splügen.' Montag. Dir. Goerke:„Die Besreiung Ostpreußens." Sonnabend. Pros. Wedding:.Wie erspart man Elektrizität und Gas."— In der Treptow-Stern warte spricht Dienstag 7 Uhr Dr. Archenhold über„die Orientierung am Sternhimmel".— Wolsgang Heine spricht Freitag 8 Uhr in der Philharmonie über„ein neues Deutschland'. — G e in a ß r e g e l t e Professoren. Wegen ihrer Tätig« keit für Volk-versländigung wurden zwei Professoren an der Columbia- Universität in R e lv Jork ohne Kündigung clulasien. Die Freiheit der Wissenschast hat im„freien' Amerika freilich nie weiter gereicht, als eS den privaten Geldgebern der Universitäten paßte. — Eisen gelb auch in Dänemark. Die dänische Scheidemünze, insbesondere das Kupfergeld, ist seit kurzer Zeit dem alkgemeinen Umlauf entzogen worden. Die Nationalbank versucht nun. wie aus Kopenhagen gemeldet wird, so schnell wie möglich Eisen anS Schweden hereinzubekommen, um mit der Prägung von Kleingeld aus Eisen beginnen zu können.