mlnil liiiiUiIiiliiiiili liililiilfflÖii �>>7/«*..''///>'y///xr JCT�P A4. Jahrgang. ❖ Nr. 44 Seilage zum„vorwärts" Serlmer vslksblatt Serlin, 4. November 1917 /lntigones Klage. Arau! Du wirst ein Sind gebären. Wann trifft die Waffe fein unschuldige» Haupt? Wann ist die Stunde von Tod und Feindschaft? Für welchen neuen König säugst du es? Blondes Mädchen, du wirst einen Gatten wählen. Er löst die Arme von deinem Schlummer. Die Trompete tönt durch die Gaffen. Blut brennt auf den Türmen: Kampf! Ihr alle, die ihr sagt: Krieg, Feind, Ehre— Hört euer Herz, verschütiet im Staub Geplünderter Häuser, geschändeter Tempel. Euer Herz ist der Feind, wir alle find schuld! Bürger, bevor ihr mich zertretet, Wie euer Herr, der König, mit Recht befiehlt. Ich will euch nicht umstimmen— 3ch habe die meiste Schuld in Theben. Ich werde Strafe erleiden. Vergebt mir im Tod! Ich klage mich an, die niederste Magd von allen, Doh ich lebte und wuhte: rvir töten uns: Dafz keine Stimme von Gottes Himmel Mich erweckte als Retterin. 3ch klage mich an, daß in meine Sifien Nicht die Wunden eiterten hinein; Daß ich schwebte aus blühenden Girlanden, Solange ein Mensch noch hungrig war. Ich klage mich an— ich habe Gutes genofien, Doch nichts Gutes getan, sonst wären Menschen nicht feind. Rur die Liebe des Ungeheuern Leidens Stillt die Trane der Geknechteten. Walter Hasenclever. Anleihen. Bon Tr. Sln ton Hofrichter. Tie Geschichte des Geldes und der öffentlichen Anleihen ist ein imponierender Beweis für die ungeheure Kräftigung des Staatskrcdits im letzten Jahrhundert, deren Grundlage die Erstarkung und der Slusbau des Staats organisnius und der Wirtschaft in einer Weise ist, die in den Tagen, da Großvater die Großmutter nahm, noch als Zukunftsmärchen verlacht worden wäre. In der fran zösischen Revolution wurden Gutscheine' auf das eingezogene Kirchengut ausgestellt. Ihr Wert sank 98 Frank in Metall� geld im August 1789 auf 9,36 Frank im März 1796, obwohl der Kauf von Hartgeld mit Assignaten sehr schwer— mit sechs Jahren Kettenhast— und die Verweigerung der Annahme gar mit zwanzig Jahren Kettenhaft bestrast wurde. Aber selbst der Rubel, der auf Schatzwechsel der russischen Regie rung hin, also im Gegensatz zu den Assignaten auf Grund ihres allgemeinen Kredits ohne besondere Pfandunterlage aus gegeben wird, hat sich, obwohl er vorübergehend im Londoner freien Geldsortenhandel nur ein Viertel seines Wertes bedang, gegenüber dem Muster der berüchtigten Assignaten einfach fabelhaft gut gehalten. So groß in den letzten Jahrzehnten das Anwachsen der Rüstungslasten und der daraus hervorgehenden öffentlichen Ver schuldung auch war, viel umfassender und intensiver war doch noch die Ausbildung der staatlichen Tätigkeit in der inneren Verwaltung und in der Wohlfahrtspflege, wo bei der letzterwähnte Begriff nicht eng gefaßt werden darf. sondern jede Förderung der Gemein- und Einzelwirtschaft einschließt. Damit ist schon eine Grundeinteilung der Anleihen ge geben: in werbende oder produktive und in nicht werbende oder unproduktive. Ausgaben für Machtzwecke sind insoweit werbend, als die Ausübung der Macht ein wirk- sames Mittel der wirtschaftlichen Leistung sind. Das Ergebnis dieses Koalitionskrieges hat die bisherigen Rüstungsausgaben als nicht nur nicht werbend, sondern sogar als gerazü ver- hängnisvoll für die ruhige, ungestörte Entwicklung der Wirt- schaff erwiesen. Eng mit der Einteilung in werbende und nicht werbende Anleihen ist jene in untilgbare oder elvige und tilg- bare Anleihen. Eine werben!»e Anlage verzinst sich nicht nur im normalen Lauf der Dinge, sondern tilgt sich auch. So ist jede Iverbende Schuld ihrem Wesen nach befristet, der Gläubiger hat die Gewißheit, sein Kapital längstens bis zu eineni nieist bei der Austegung der Anleihe angegebenen Termin zurückgezahlt zu erhalten. Unproduktive Anleihen tragen in sich selbst nicht die Gewähr der Tilgung. Diese kann nur insoweit erfolgen, als die Einnahinen des Staates einen über die laufenden Ausgaben einschließlich des Zinsendienstes hinausgehenden Ueberschuß ergeben, was wieder durch die allgemeine politische und wirtschaftliche Entwicklung bedingt ist. Aber es kann sich aus dem Zwang der Um- stände ergeben, daß der Staat auch seine nicht tilgbare Anleihe tilgen muß. selbst wenn die Tilgung aus neuen Schulden erfolgt. Drückt eine große Masse verkäuflicher Sraatsschuldverschreibungen auf den Markt, ohne daß sie von Anlage suchendem Kapital aufgenommen werden— und das wird mit den Kriegsanleihen nach dem Kriege der Fall sein—. so muß die Regierung Not- oder Jnterventionskäufe vor- nehmen, um einen allzu empfindlichen Kursrückgang zu ver- meiden, der seinerseits wieder leicht eine Panik erzeugen, damit erst einen regelrechten Kurssturz herbeiführen, schließlich die 'Wirtschaft bis ins innerste Gefüge erschüttern und zu bedenk- lichen politischen Folgen hinleiten kann. Genügen die Schutzkäufe nicht, so empfiehlt sich an eine Tilgung zu denken, wobei es fürs erste gleichgültig ist, ob diese Tilgung aus Steuern oder neuen Schulden erfolgt. Die Tilgung dient dann nicht vorzüglich der Schuldabtragung, sondern stützt den Kurs, hebt den Staatskredit und erleichtert und verbilligt dadurch neue Emissionen. Die Wirkung der Tilgung auf den Kurs ist ganz unverhältnismäßig größer als die von Schutzkäufen. Der Besitzer überlegt es sich zehnmal. ob er seinen Besitz zu 90 Proz.' weggeben soll, wenn ihm die Hoffnung auf die Auslosung zu 100 Proz. blüht, und versucht sich, ehe er zum Verkauf schreitet, in allen denk- baren und undenkbaren Listen, auf andere Weise seinen Kapitalbedarf zu befriedigen. Nun hat die Regierung seit der 6. Kriegsanleihe einen Schatzanweisungs- typ geschaffen, der Auslosbarkeit in bestimmten Fristen zu steigenden Kursen vorsieht, und bei ä'/zprozentiger Verzinsung einen Auslosungsgewinn in Aussicht stellt. Den Besitzern ewiger, nicht fest tilgbarer Kriegsanleihe ist darauf ein beschränktes Um- tauschrecht gewährt. Durch die Auslosbarkeit der Schatzanwei- sungen wird den Gläubigern von vornherein eine sehr wertvolle KurSbürgschaft geboten. Von dem Umtauschrecht ist nur ein ge ringer Gebrauch gemacht worden, weil die augenblicklich enorme Geldflüssigkeit keine Sorgen um Kapitalbeschaffung aufkommen läßt und sich der fünfprozentige Anleihctyp nun einmal ausgezeichnet eingebürgert hat. Aber das enthebt die Regierung nicht der Sorge, im Interesse des Staats- kredits weitsichtiger als die Zeichner zu sein und auch für die Tilgung der großen Masse der fünfprozentigen, ewigen Kriegsanleihe vorzusorgeu. Aus diesem Grunde und weil die Schatzanweisungen bereits durch ihre Auslosbarkeit einen Kursschutz in sich tragen, würde sich vielleicht auch eine teilweise Beschränkung des Rechtes, gewisse Steuern in Kriegsanleihe zu zahlen, auf den fünfprozentigen Typ empfehlen. Dagegen ist es fraglich, ob es an Stelle einer planmäßigen Tilgung genügt, eine Konversion der fünf- prozentigen Anleihe in tilgbare Schatzanweisungen nach 1924 zu versprechen, bis zu welchem Jahr der Kriegsanleihe ein Zins von 5 Proz. verbürgt ist. Der große Ruhm der deutschen Kriegsfinan- z i e r u n g ist, daß die Anleihen zu einem sehr großen Teil in ewiger oder langfristiger Rente begeben sind, was das Gute an dem Ucbel des deutschen Warenausverkaufs und der über- mäßigen Kriegsgewinne ist. England, Frankreich, von den kleineren Göttern der Entente ganz zu schweigen, hinken weit nach und werden dann, wenn Handel und Gewerbe Geld für die Uebergangswirtschaft brancben, erst an die Umwandlung ihrer kurzfristigen, schwebenden Wechselschulden in ewige und langfristige Rente gehen können. Die Staaten, die ihre Kriegs- finanzierung auf schwebende Schulden bauen, sind einem Hausherrn vergleichbar, der sich wechselmäßig, nicht als Hypothckenschuldner verpflichtet und daher alle Augenblicke von einem neuen Fälligkeitstermin bedroht ist. Die freimütige Anerkennung der Vorteile der deutschen Reichsfinanzierung gibt auch das Recht zur freimütigen Auf- deckung ihrer Mängel und zu scharfem Tadel, wo ihre Nnzu- länglichkeiten aus Unverstand oder Schwäche beruhen. Hat das Deutsche Reich sehr viel weniger schwebende Schulden als England, so hat es für die steuerliche Deckung des Schuldendienstes sehr viel schlechter als England gesorgt. Kein ruhmrediges Wort schafft die peinliche Tatsache aus der Welt, daß die besitzenden Klassen Englands dieselben menschlichen, aber sehr viel größere steuerliche Opfer als die deutschen gebracht haben. Vor allem lohnt sich die Feststellung, daß das auf indirekten Steuern aufgebaute Finanz- Wesen des Reiches im Kriege schändlich versagt hat. Statt dem Bedürfnis nach höheren Einnahmen entgegenzu- kommen, sich elastisch zu erweisen, mußten die ertragreichsten Zölle von Kriegsbeginn an aufgehoben werden. Eine Reihe ergiebiger Steuern, wie die auf Branntwein, Zucker und Bier, verloren durch die bekannte Warenknappheit alle Bedeutung. Die neuen indirekten Steuern, wie Kohlen- und Verkehrs- steuern, sind lauterer Humbug, weil das Reich als größter Verbraucher mit dringlichem Kriegsbedarf den Erzeugern die Steuererhöhungen vergüten muß, wobei die Preise mit elegantem Schwung nach oben abgerundet iverden. In England ist der Gedanke einer großen Vermögens- abgäbe populär und wird von der Arbeiterpartei und den Gewerkschaften eifrig propagiert. Dieser Gedanke muß sich auch in Deutschland Bahn brechen, wollen wir nicht im Morast stecken bleiben. Und so sonderbar es klingt, niemand profitiert von einer gestaffelten, meinetwegen bis 40 oder 50 Prozent gehenden Vermögensabgabe mehr als der Kapitalist! Das ist keine Pbantasie, sondern nüchternstes Kalkül. Je kräftiger die Steuerschraube angezogen wird, desto rascher kann das Reich seine schwebende Wcchselschuld bei der Reichsbank abdecken, die für bei ihr eingereichte Wechsel bekanntlich unter Wahrung besonderer Vorschriften Noten ausgibt. Je schneller die Schuld des Reichs(und der Staaten eventuell auch der Gemeinden) bei der Reichsbank getilgt wird, desto früher kann sie Industriellen und Kaufleuten Kredit gewähren. Schon das ist ein ungeheurer Vorteil. Aber mit der Verringerung des Notenumlaufs und mit der ganzen Unistellung auf die Friedenswirtschaft kann die Reichs- dank auch an die Wiederaufnahme der Goldzahlungen denken, die Währung aus ihren alten Stand heben und dem Kapital im Verkehr mit dem Auslande volle Freizügigkeit gewähren. Wenn ich 100000 M. hätte, so wären sie heute in Schweizer Währung 65000 Franken wert; wenn mir der Staat 30000 M. nimmt, und diese Steuer zur Wiederherstellung der Währilng auf den alten Stand dient, so sind die 70000 M. nun 86 000 Franken wert! Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß, wenn eine für eine wesentliche Hebung der Wäh- rung genügende Steuer erhoben wird, der glückliche Steuer- träger am Tage nach der Zahlung reicher als vorher ist. Und nun zum Schluß noch eins: Graf Czernin hat auf die Unsinnigkeit des Wettrüstens im kommenden Frieden ver- tviesen, weil eine Rüstung nach Maßgabe der Vorkriegszeit eine kostspielige Unzulänglichkeit, eine Steigerung der Nüstnngslasien aber nicht zu ertragen wäre. Er hätte ebensogut sagen können, daß vor Wiederherstellung des Staatskredits in Europa, will sagen vor Verdauung der un- geheuren Rentenmengen oder Ueberwindung des hier und da drohenden Staatsbankrotts, jeder Staat wohlweislich vor dem gefährlichen Kriegsfeuer sich hüten wird. So fatal die Kriegs- schulden sind, sie sind eine starke Bürgschaft des künftigen Friedens. Der Kern öer Reformation. Ein Nachwort zum 31, Oktober. Bor nicht langem noch hat sich in einem Vortrag über die llr- fachen-der Reformation der konservative Geschichtsschreiber Georg v. B c l o iv gegen einen„falsch verstandenen Realismus" gewendet, der„mit mechanistischer, materialistischer, naturalistischer Betrach- tung" das Rätsel lölen wolle. Aber solch ein Rückfall in jene An- schauung, der schließlich die ganzen Reformationskämpse ein Mönchsaezänk sind, hat nicht übermäßig viel zu sagen, denn ganz allgemein erkennt die junkerlich und pfäffisch nicht gebundene Wissenschaft heute an, daß die Reformation als geistige Bewegung nur die Wiederstrahlung einer gewaltigen und tiefgreifenden öko- nomischen und sozialen Umwälzung ist. Grobklotzig und formel- Haft ausgedrückt: Luther gegen den Papst, Wittenberg gegen Rom, Protestantismus, gegen Katholizismus ist der Widerstreit zwischen Geldwirlschaft und Naturalwirtschaft, zwischen beweglichem und unbeweglichen: Eigentum, zwischen Kapitalismus und Feudalismus. In welchem Umfang die katholische Kirche in den Jahr- Hunderten vor der Reformation Macht über die Geister und Leiber der Gläubigen besaß, wird selbst den'Zeitgenossen der Weltkriegs� jähre schwer inne, die das Gingreifen des Staates in alle mensch- lichen Beziehungen erleben. Denn während der Staat doch nur äußere Dinge regelt und ordnet, wirkte die Kirche auch auf. das innere Leben nachhaltig ein. und so war alles, Staat, Voltswirt- schaft, Wissenschast, Beruf, Ehe katholisch, kirchlich durchtränkt. Dem entsprach im Rahmen des sehr lockeren Staaisgefüges die Bindung des Einzelnen innerhalb seines Standes, so daß von individueller Freiheit oder persönlicher Entwicklung im ganzen Mittelalter nirgends die Rede sein tonnte. Diese Gesellschaftsordnung erhob sich auf der Naturalwirtschaft, und iti der Tat war die römische Kirche eine Hüterin der Naturalwirtschaft und strebte ängstlich, vor allem durch das kanonische Zinsverbot, das Auskommen der Geld- Wirtschaft zu hindern. Aber die ökonomische Enüvicklung ging über ihre Verbole und Drohungen gleichmütig hinweg: in steigendem GRatze begann seit dem dreizehnten Jahrhundert das Wucher- und Kaufmannskapital die Vorbedingungen der feudalen Ordnung zu zersetzen und schuf vor allein in den Städten einen wohlhabenden und machtlüsternen Handelsstand, der seine Reichtümer im Weit- bewerb des Einzelnen mit dem Einzelnen zu mehren dachte und darum aus der Dumpfheit der ständischen Gebundenheit in die frische Luft hinaus wollte, wo das Individuum seine Muskeln spielen lassen konnte. Gleichzeitig trug aber die Verwandlung der Naturalwirtschaft in die Geldwirtsckiaft den Keim der Zersetzung in die römische Kirche selbst hinein, denn während sie bislang nur Liegenschaften von den Großen der Erde als Geschenke annehmen konnte und den kleinen Mann ungeschoren lassen mutzte, gewann sie jetzt die Möglichkeit, jedem Bürger und Bauer die Taschen auszu- fegen. Da der päpstliche Stuhl von Jahr zu Jahr gcldbedürstigcr und darum geldgieriger wurde, begann� er aus aller Christenheit durch Pfründenschacher, Ablaßkrämerei, Pcterspfcnnig und Bettelei die Heller und Dukaten zusammenzuscharren. Besonders war Deutschland die milchende Kuh für das Papsttum, da sich die Wirt- schaftlich entwickelteren und darum auch politisch fortgeschritteneren Länder Europas zum großen Teil schon seiner Ausbeutung ent- rafft hatten. In allen Klassen der deutschen Gesellschaft herrschte denn ein redlicher Haß gegen die römischen Aussauger, und alle Klassen standen zur Abschüttelung dieses Joches auf, als am 31. Ok- tobcr 1517 Martin Luther mit Anschlag seiner fünfundncun' zig Thesen an die Wittenberger Schloßkirche das Stichwort gab—• kennzeichnend genug galt sein erstes Auftreten einer Wirtschaft- lichen Tatsache: der Ausplünderung des deutschen Volkes durch die römischen Ablaßwuchcrer. Da alle Klassen Deutschlands an der Wschftttelung der päpstlichen Blutegel ein Interesse hatten und derart die ausgebeuteltcn Deutschen gegen die welschen Ausbeutler zusammenstanden, war d i e R c f o r m a t i o n in ihren Anfängen eine nationale Revolution. Luther selbst, der große Meister der deutschen Sprache, der erste volkstümliche Agitator der Deutschen, der ge- schickte Benutzer der eben aufgekommenen Buchdruckerkunst, tat alles, um dieses nationale Wesen der Beivegung zu unterstreichen und wies vorderhand auch keine der Klassen von seiner Schwelle, die in ihm just ihren Wortführer und Vorkämpfer gefunden zu haben glaubte. Anders, als die Reformation aus einer nationalen in eine soziale Revolution umschlug, in einen religiös ver- kleideten Klassenkampf. An dieser Zeitenwende, da Feudalismus und Kapitalismus, Mittelalter und Neuzeit widereinanderprallten, war die dumpfe Gärung der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten so groß, daß es nur eines Anlasses, wie es Luthers Auf- treten war. bedurfte, um die Flammen lichterloh emporschießen zu lassen. So standen jetzt die ihre volle Souveränität anstrebenden RerKsfursten gege« den Kaisee auf, die den dir«tuen Entwicklung beiseite geschleuderten Ritter gegen die Fürsten, die um Be- wsgungS- und Handelsfreilieit kämpfenden Stadtbürgcr gegen die Ritte, die geschundenen und geschorenen, leibeigenen oder hörigen Bauern gegen die Grundherren und die gleichfalls wirtschofllich schwer gedrückten Stadtpledejer gegen die patrizische„Ehrbarkeit". Nach einigem Zögern und Schwanken ergriff Luther in diesem Streit aller gegen alle entschieden Partei für die Schicht, deren LebcnSbodingungen seine Lehre auch sonst entsprach: für da? wohl- habende Bürgertum, das Träger des ÄaufmannSkapitalS war, und für die mittleren Reichsfürsten, die sich auf der Grundlage de» Handelskapitals zu selbständigen Landesherren zu erheben trachte- ten. Um den besten Teil seiner Volkstümlichkeit brachte er sich, als er während des Bauernkriegs die knietief im Blut der Bauern watenden Fürsten anstachelte, nicht innezuhalten:„Der hals- starrigen, verstockten, verblendeten Bauern erbarme sich nur Nie- mand, sondern haue, steche, würge, schlage drein, als unter die tollen Hunde, wer da kann und wie er kannl" Schon der rein oeligiösc Kern seiner Satzungen enthüllte, dast er der bürgerlichen Klasse ein unermüdlicher Wegbabner war. Sehr mit Recht haben durchaus unmaterialistisch« Beschreiber dieses Zeit- alters in der„Wiedergeburt und Verklärung des Individualismus aus dem Geiste des universellen Christentums" den Grundzug der reformatorischen Bewegung und die Bedeutung des evangelischen Glaubens darin gesehen,„daß durch ihn jede Einzelpersönlichkeit für sich und auf ihre Weise zum Re- präfemanten des göttlichen Denkens, WollenS und Handeln wird". Im Gegensatz zu der katholischen Shrche, die nicht Glauben, sondern Gehorsam forderte, die nicht die Anerkennung inneren Erleben?, son- dern die Fügsamkeit halb unbewußter Existenz wollte, die nicht auf Ueberzeugung, sondern auf Ruhe hielt, die keine Individuen, son- dern nur Massen kannte, forderte Luther an der Hand seiner RechtfertigungSlehre ein persönliches Verhältnis deS Einzelnen zu Gott. Nach ihm sollt«, mit F. I. S ch m i d t zu reden, der wahre Protestant„der individuelle Christen- oder Glaubcnsmensch" sein, das will sagen:„der Mensch, der auS sich selbst heraus seine individuelle Bestimmtheit in i n d i v i- d u« l l e r Weise zum Träger und Werkzeug des universell- christlichen Geistes macht". Ein klassisches Beispiel für diese durch Luther bewirkte Derpersönlichung des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch wurde twr Dichter Johann Christian Günther, in dessen geistlichen Liedern in jeder Strophe gleichsam das Individuum Günther dem Individuum Gott gegenübertritt. War Luther so aus der einen Seite der Enttctter der Per- sönlichkeit, der Entfehler deS Individuums und damit der Sprenger der ständischen Gebundenheit, so tvandte er auf der anderen Seite sein Gesicht wieder dem Mittelalter zu. Der Ackerbau war ihm ein göttlicher Beruf, da er die einzige Nahrung lieferte, die stracks vom Himmel kommr; aus seiner Abneigung gegen die schamlosen Aus- wüchse des patrizischen Handelsbetriebs machte er kein.Hehl; und, ganz im Gegensatz zu Calvin, dessen Lehre einer enttvickelteren Form des bürgerlichen Eigentums entsprach, erwärmte er sich sogar bis zu einem gewissen Grade für das kanonische Zinsverbot. Hin-- wiederum billigte er verständnisvoll das Werben des Kapitals als Handelskapital, und räumte vor allem dadurch der wirtsthaftlichen Entwicklung Steine aus dem Weg, daß er die Berusstätigkeit— wie auch die Ehe, die Wissenschast und den Staat— von der Vormundschaft der Kirche befreite und im Widerspruch zur katholischen Weltanschauung, der im Grunde die Arbeitslosigkeit, die Muhe im Aufschauen zu Gott, das Höchste war, die Arbeit beiligte. In diesem Sinne hat schon Hegel Luther als einen Schrittmacher der kapitalistischen Wirtschaftsweise erkannt, indem or ausführte, durch die Reformation feien Industrie und Gewerbe sittlich ge- worden und die ihnsTdurch die Kirche bereiteten Hindernisse der. fchwunden. In den Ländern Westeuropas, in denen die kapitalistische Eni- Wicklung früher eine höhere Stufe erklommen hatte als in Deutsch- land, kam es in dieser Zeitspann« zur Bildung zentralistischer Nationalstaaten; in dem zurückgebliebeneren Deutichland, da? wegen seiner geographischen Lage auch von den ungeheuren Vorteilen der neuen Seewege und Entdeckungen ausgeschlossen blieb, strebte die Entwicklung nur auf die Bildung von selbständigen Territorien innerhalb des zerfallenden Reiches hin. Dies« Eniwicklung bogün. stigte Luther, der sich mit zunehmendem Lebensalter immer entschlossener als Vorkämpfer, des staatlichen PartikulariSmuS und fürstlichen Absolutismus geberdete. „Der Esel will Schläge haben und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein," war sein Wort, und schließlich blieb von der viel- gerühmten„Freiheit«ine? Christenmenschen" nicht« als die sehr problematische innere Freiheit übrig, während die äußere Freiheit der Untertanen von dem Despotismus der lutherischen Mittel- und Kleinstaaten schier noch rücksichtsloser vergewaltigt wurde als ehedem von der römischen Hierarchie. hw. Luther-Epigramme. O Deutscher, willst du ihn in wahrem Sinne feiern: Du mußt mit Mut und Kraft zu neuen Zielen steuern! Ihr Herrn der Kirche klug den alten Luther lobt: Ich greif' den jung« u mir, der weidlich schimpft und tobt! Gutenberg und Luther. Du gabst dem Volk den Druck, und ewig ist dein Ruhm; Du schufst dar Luther schon der Laien Pliestertum.' Was heißt Gottesdienst? Wie neibr man Gottesdienst? Denn man mit höchster Kraft In der entmenschten Welt der Liebe Ordnung schafft! Den„leidenden Gehorsam" Soll ich von Luther lernen? Da müßt' von seinem Handeln Ich gründlich mich entfernen. WaS war denn Luther einst? der kühne Zukunfrsbahiier; Erstand' er heut« uns: er war' kein— Lutheraner! Salter Biel Haber. tzerbftbeftellung. AuS der Kleinarbeit für die Partei. Herbst! Kurz werden die Tage; dunkel ist'S, wenn ich auS der Fron der Arbeit heimkehre. Auch die Sonntage find kühl und zum Aufenthalt im Freien venig geeignet. Vom Felde, da» zur Sommers- zeit Arbeit in Hülle und Fülle bot. ist der oft so karg bemessene Ertrag in Küche und Keller überführt. Ruhig und still ruht eS nun wieder bis zum Frühjahr. Jetzt find die Hände frei geworden zu einer anderen Art Feldbestellung, die gar zu lange schon inmitten der Sorgen, der Arbeit deS Sommers vernachlässigt wurde. Es gilt nun, die langen Abende, die freien Sonntage auszunützen im Dienste der Arbeiterorganisation und zu sammeln. was durch die Einwirkungen des emsetzlichsn Weltkrieges und durch Bruderkampf leider zerrissen und in Trümmer geschlagen wurde. Zwar sind Mitgliederlisten und Kartothek- lartcn der politischen Organisation mit dem„unent- wegten" Leiter meines Bezirks in die Hände der abgesplitterten Organisation hinübergewandert, aber ich besitze anderes, wertvolles Adressenmaterial— die AbonnemenISIisten deS „Vorwärts". •» • Zum drittenmal steige ich die vier engen, ausgetretenen Treppen der Mietskaserne hinauf. Mein Besuch gilt einem M u n i t i o n S- a r b e i t e r mit wechselnden Arbeilsschichten, der deshalb nur schwer anzutreffen ist. Diesmal habe ich Glück. Ich treffe ihn zu Hause und erkenne in ihm einen mir von früher her dem Ansehen nach bekannten Genossen, der in Versammlungen und bei der Kleinarbeit stets leinen Mann gestanden. Topfer hat er feit einem Jahre den Bemühungen der„Unabhängigen" Widerstand geleistet und der alten Partei die Treue gewahrt. Angestrengte Arbeit verhinderte ihn, bisher irgendwelche Parteiveranstaltungen zu besuchen, und mit Freuden nimmt er die Gelegenheit wahr, durch Nachzahlung der restierenden Beiträge auch äußerlich wieder Anschluß zu finden. Sein feste« Versprechen, in Zukunft so weit als möglich wieder in alter Weise mit tätig zu sei», kann ich mit mir nehmen. Nach zwei vergeblichen Gängen beim drittenmal ein Erfolg! » .Vorwärtsabonnent? Wiste» Sie auch, daß ich dies fast als Beleidigung auffasse? Ich gehöre den Unabhängigen an!" so tönt es mir aufgeregt entgegen, als ich mich wie immer auf den .Vorwärts" berufe.„Früher war ich Abonnent, aber fetzt schon lange nicht mehr."— Und nun prasselt ein Hagel blöder Schimpfworte über„dieses Regierungsblatt",.diese» Reptil", „diese Redaktion von Regierungssozialisten", die„jedes proletarische Empfinden verloren" habe und täglich in jeder Nummer zum„Verräter an den Interessen der Ar- beiterklaffe" werde usw. auf mich nieder. Es bedarf für mich keines weiteren Beweises, daß zwischen meinem Unabhängigen und dem„Vorwärts" kein Verhältnis mehr be- sieht. S o schimpfen kann nur jemand, der ihn absolut nicht liest. Da fällt mein Blick auf den Tisch, an dem mein schimpf- gewaltiger Held eben lesend gesessen hatte, und ich erblicke auf- gebreitet— den„Lokal-Anzeiger". Nun gestatte ich mir die bescheidene Frage:„Halten Sie eS mit Ihrer Ueberzeugungstreue für vereinbar, Abonnent dieses halbamtlichen Blattes zu fein?" „Das ist meine Sache!' erhalte ich mit einer einladenden Hand- bewegung nach dem„Loche de« Zimmermanns" zur Antwort, und niedergedonnert von soviel Logik sage ich„Adieu!" Krachend wird hinter mir die Tür inS Schloß geworfen. » Zum zweiten Male besuche ich einen anderen„Unabhängigen". Bei meinem ersten Besuche war er unentschlossen. Durchaus nicht einverstanden mit der Politik der Unabhängigen Partei, zahlte er ihr doch feine Beiträge.„Es ist doch der alte Derein; ihr seid die Reuen!" war sein Entschuldigung. Den„Vorwärts" abzubestellen, hatte er entfcbieden abgelehnt und doch hält ihn eine gewisse Scheu ab. mit dem unabhängigen Kassierer zu brechen. Wir verbrachten da- malS eine halbe Stunde anregenden Gesprächs und heule soll eS sich entscheiden, wie die erbetene Bedenkzeit von ihm ausgenutzt worden ist.— Auch heule noch«ine gegenseitige kurzen Aussprache und— ich erhalte das MitgttedSbuch der alten Partei, daS aus zwei verschiedenen Stellen durch den blauen Stempel der unabhängigen Partei„verschönt" worden ist. zum Umtausch. Verflogen ist«die Scheu vor einer eventuellen„liebenswürdigen" Behandlung durch den unabhängigen Kassierer. Die gesunde Lernuntt deS von der Notwendigkeit einer einigen Arbeiterbewegung überzeugten Proletariers hat sie überwunden! » Ein Börderhaus. Teppichbelegte Treppen verraten beffersituierte Mieter, und ich selbst weiß, daß mein Abonnent ein gutgestellter Fabritbeamter ist. Meine Hoffnung steht eigentlich auf dem Null- punkt, aber da ich mir selbst daS Wort gegeben habe, auch nicht einen einzigen Abonnenten zu überschlagen, ziehe ich die Klingel- Und siehe da— die Berufung auf den„Vorwärts" öffnet mir auch hier die Tür. Sichtlich erfreut verwickelt mich der Besuchte i» ein Gespräch und ich erfahre, daß ich eS mit einem flüheren Gegner zu tun habe, der in bürgerlichen Anschauungen aufgewachsen, vor dem Kriege au» seiner Feindschaft gegen die umstürzlrrischen vaterlandslosen„Ballonmütze«" und.Sozi«" nie ein Hehl gemocht und selbstverständlich seine SlaatSbürgenechle stet» im Sinne der Belämpfung unserer Partei ausgeübt hat. Heute gesieht er mir freimütig, wie durch den Krieg diese seine Ansichten völlig umgestürzt worden sind. Aus dem Gegner der Partei ist ein Anhänger der von ihr vertretenen Ideen« weit geworden. Nachdem ich ihm Ausllärung gegeben, welche Pflichten er beiin Eintritt in die Partei zu übernehmen hat, fertigt er den Ausnahmeschein au«. Ich habe ein Mitglied gewonnen, da» auch die Kleinarbeit nicht scheuen will. « „Mein Mann ist doch im Felde. Warum handelt«» sich denn?" Wie oft schon hörte ich dies« Worte, wehmütig klingend von blassen Frauenlippen. Nachdem ich Auskunst gegeben, kam es wieder:„Ja, mein Mann war ja im Wahlderein. Er erhält auch den„Vor- wärt«' in« Feld. Auch ich selbst bin ja abonniert. Und wenn er wiederkommt, wird er natürlich auch wieder dem verein bei- trete». Nur wann— wann sagen Sie nur, wird eS wohl ein Ende hoben---- Auch diese Gänge sind mir keine verlorenen. Ich Hobe Adressen ür die Zukunft, die bei ständiger Verbindung wieder Erfolge ver- bürgen. *.* * Warum ich diese wenigen Beispiele au« der Praxis hier an« führe? Um zu zeigen, daß sich für die kommenden Wochen hier ein Arbeitsfeld öffnet, da» bei rechtzeitiger Bestellung gute Erträge zeitigt. Mühsam zwar ist die Arbeit, aber sind uns Sozial« demokraten die Mühen der Agitation für unser« Ziele denn jemals zu schwer geworden? Und wie sehr können sie erleichtert werden, wenn die noch Lauen und ob« wartend bei Seite Stehenden nicht erst ihren Besucher ab- warten, soüdern selbst schon den Anschluß suchen, den sie früher oder später ja doch finden wollen. Seien wir eingedenk dessen, daß der kommende Friede die Zusammenfassung aller Kräfte nötig macht. um der Arbeiterklasse aus der blutigen Saat des Weltkrieges die verdiente Ernte sprießen zu lassen. Nutzt die Zeit» bestellt das Feld!-ff- 6ocfcft öee fimeifeu. Die Ameisen sind jine Tierart, die gesellig mit einander lebt, sie brlden sogenannte Staaten, unter deren Bürgern eine ziemlich weitgehende ArbeitStetlmig herrscht. Eine Gruppe sorgt für den Bau, seine Instandhaltung und Sicherung, einer anderen liegt die Pflege der Nachkommenschast ob. während wieder eine andere die Nahrung zu beschaffen hat. Daß die Ameisen nicht dabei stehen ge- blieben sind, Nahrungsmittel zu sammeln und aufzuspeichern, wie dies manche andere Tiere auch tun, vielmehr dazu übergingen, be- stimmte Nahrungsmittel anzubauen, zu züchten, beweisen die Blatt- schneider- oder Saudaamerien im tropischen Amerila. Hier sind häufig Bäume und Slräucher zu finden, deren Blätter zerstört und zerstesien sind, so daß sie den Eindruck mawen. als müßten sie«ine dauernde Mailäser- oder Raupenplage über sich er« gehen lassen. Verursacht werden diese Verwüstungen von den gc- nannten Ameisen, die die Blätter abbeißen, in rhre bi« zu 30 Meter im Umfang messenden Bauten schleppen und zerkauen. Ueber den Zweck der Blatli'ckmeiderei herrschte lange Zeit Un« gcwißheil. Einige Forscher glaubten, daß die Blätter zu Bau« zwecken Verwendung finden, während andere der Ansicht waren, daß die abgeschnilleiien urd zerkauten Blätter der Nährboden für Pilze seien, von denen die Ameisen leben. Die Forschungen Aljred MöllerS. der in der Umgegend der deutschen Ansiedlung'Blumenau in Brasilien Beobachtungen an den Blaltschneiderameisen anstellte. führten zu dem Ergebnis, daß die letztere Ansicht die richtige ,sl, und die von den Ameisen zusammengetragenen Blattstücke tatsächlich zur Anlage von Pilzgärten dienen. In den Ameisenbauten werden die Pflanzenblattstücke zu formlosen, breiartigen Klümpchen zernagt, die die Ameisen aneinander reihen. In kurzer Zeit wird dies« Masse von unzähligen seinen Pilzkäben durchzogen, denen rundliche Körpcrchen entsprießen, die. durch die Lupe betrachtet, kleinen Koblrabihäufchen ähneln. Eben diese Kohlrabi Häuschen bilden nach MöllerS Beobachtung die au>?« schließlicke Nahrung der Blaltschneiderameisen. Tiere, die in Gefangen- schafl gehalten wurden und ihre Pilmahrung nicht bekamen, verhungerten eher, als daß sie andere Nahrung annahmen. Welcher Wert diesen Pilzgärten beigelegt wird, erhellt daraus, daß die Ameiscnkolonie bei Uebersieblung an einen anderen Ort die Pilzpflanzimg bis zum kleinsten Rest mit sich nimmt. Auch wenn von dem Pilzgarien nur ein kleines Stück fortgenommen und außer- halb deS Baues niedergelegt wird, so kommen sogleich einige Arbeiterameisen herbei und holen es in den Bau zur pilztragenden Masse zurück. Auch die junge, befruchtete Königin, die hinauswandert, um eine eigene Kolonie zu gründen, nimmt ein kleines, nur'/, Millimeter großes Klümpchen des kostbaren Saatguts mit sich. In ihrem Munde trägt sie das Kügelchen, das kaum die Größe des KopieS einer düniien Stecknadel aufweist, und bereitet ihm zuerst eine reinliche Höhle im Erdgeschoß, ehe sie an die Gründung deS Staates geht. Als Nahrungsipender kommt der sich entwickelnde Pilzgarien vorläufig noch nicht in Betracht. Um lein Eingehen zu verhüten. düngt ihn die Ameiienkönigin mit ihten Exlrementen. NlS Nahrung dient ihr sowie den inzwischen auZgeiSlllpsteir Larven ein Teil der Eier, die sie in großer Anzahl M't fich gebracht hat, Untersuchungen hrben ergeben, daß bis ,u neun Zehntel der abgelegten Eier solchermaßen als vorläufiges Futter verbraucht werden, während nur ein Zehntel als Brutmatertal dient. Eist ivenn die jungen Arbeiterameisen erwachsen genug sind, sich den Weg ins Freie gebahnt haben und nun ihre Blattschneiderei be- ginnen, bekommt der Pilzgarten Nährboden und vergrößert sich rasch, so daß bald die Kohlrabihäufchen sich in großen Mengen bilden,»im der Kolonie als Nahrungsmittel zu dienen. ver Maler üer deutschen Iöplle. Neulich sah ich in einer der Armeezeitungen, die jetzt mit löblichem Eiser auch böhere Güter pflegen, Bilder von S v i Y w r g. Ich ttoule zunächst meinen Augen nicht. Wie, hier in einer Umwelt des Schreckens und der stoblgepanzerten Brust war Gefallen an diesem iriedlichnen oller Künstler, an diesem Kleinmerster de« Behagen- und der Selbstzu'ciedenheii? Aber als ich darüber nachdachte, wurde e« mir klar, daß gerade heute draußen und daheim die Sehnsucht noch diesen fast verschollenen Welten lebendig werden muß. daß uns der Anblick dieser Blätter auts neue dem Leben verknüpft und frische Quellen in uns aufrieleln läßt. Ja, wir sehnen uns nach der geruhsamen Beschaulichkeit, nach den stillen, mit sich versenkender Liebe gesckauten und mit feinster maleriicher Kultur dargestellten Winkeln alrer Städtchen, wie sie Spitzweg unS erhalten Hot. Aus der höchsten Aktivität gelüstet es un« nach der Idylle, da wir halb träumend uns von den Reizen einer vergangenen(vielleicht nie so gewesenen) Welt einspinnen lasten und Märchenstimmtlng auS diesem alten romantischen Deutsch- land> schöpfen, in dem die Menschen wie die Pflanzen dahinzuleben scheinen. ES trirfl sich gut. daß im Verlag von Franz Hanfstaengl in München soeben«in Gpitzweg-Katalog<20 Ps.) erscheint, der un» in 47 kleinen, aber die Eigenart der Kunstwerk« gut verdeutlichenden Abbildungen des Meisters Lebenswerk voriührt. Wer Phantasie hat. kann an der Hand dieses Büchleins schwelgen und sich von den Bildchen zum Weiteispinnen der angeschlagenen Melodien anregen lassen. Der Katalog führt alle von Hanfstaengl vervielfältigten Werl« Spitzweg» an. Es gibt da zumeist Susführungen desselben Bilde« in Photographie. PhologravÜre. Handaquarell, Aquarelldruck. Die Aquarelldrucke geben szu dem billigen Preise von ö M.) wenigstens eine gute Vorstellung der Farbe, mit der Spitzweg so köstliche Wirkungen zu eWielrn wußte. Die Photographüren in gleicher Preislage geben die fein abgestusten Tonwerk« auf» beste wieder. Die reinen Natur« und Stimmungsbilder nicht minder wie die Idyllen auS dem Menschenleben werden in dieser Form Spitzweg in breiten Kreisen noch erst recht populär machen. Neben den kräftigeren farbigen Steindrucken werden die Spitzwegbilder einen VorzugSplatz an unseren Wänden verdienen. Es besteht ja ketne Geiahr, daß wir wieder vcrbiedermeiern— aber in der Farblosigkeit und Nüchternheil de« Lebens von heut« in seiner Ueberhailelhcit und Gespanntheit erstehen un» hier LedenSreize, die un« zu beschaulicher Andacht und stillem Genuß ltiicn.£. H. D. Notizen. — W. HasencleverS, de» mit dem Kleist-Prerie gekrönten Dichter», Drama„Antigone"•— auS dessen zweiten Akt Lnlizonos Klage wiedergegeben ist— ist Sri Paul Cassirer erschienen. — Vorträge. Am S. Nov. wiederholt in der Philharmonie Physiker Pauck feinen E�perimentalvortrag über da» Funkwesen. — In der Urania spricht am 7. Nov. Pros. LoaS über„Die Technik des U-BoolS".— Am S. Nov. beginnen die Vor« träge des In st»tut« für Meereskunde mir einem vortiag von Prof. A. Penck über„Deutsche Zukunft". — DaS Museum für Meereskunde ist bis auf weiteres Sonntags nur von 12—8 Uhr geöffnet. — Der Deutsche Schutzverband der S"ch w er« hörigen veranstaltet Dienstag. 6. Nov., abend» 8 Uhr. im Lehrer« vereinShaufe, Alexanderplatz, einen Vortrag über„den Existenz- kämpf der Schwerhörigen". Elektrisch« Vielhörer sind aus- gestellt. Gäste bei freiem Zutritt willkommen. — Die Genter Universität begeht am 8. November. daS bundertjährige Jubiläum ihres Bestehen».«>« war urtprüng- lich flämisch, aber nach dem Sufftand von 1SS0 erhielten die sran- zösischen Elemente die Oberhand und verwandelten sie in eine stan- zöfii'che. Erst die Besetzung Belgien» durch da« deutsche Heer der- half den Flamen zu ihrem Rechte und die Genter Hochschule wurde flamifiert.