S4. Jahrgang.« Nr. 47 öeilage zum»vorwärts" berliner Volksblatt Serlin, 25. November 1417 Heimkehr. Du Ucgff unruhig, horchst.— Rimmt die Nacht denn kein Ende? DciNcu holbsck�af durchwandelt das Ticken der Ahr. Dir ist, als tasteleu Schattenhäude an den glinsternden Scheiben, und still.— Sbcrm Flur,— gsdömpfke Geräusche, die hausture gehl. es ist. als müßte sich mühsam was schleppen. ganz leise, leise knarzen die Treppen. es weint, wie wenn einer um Einlaß fleht,— oder ist's nur der wind, der am Schtagladea weht? Du träumst, du schläfst ein. Der Kerze Geschwele hängt dünn wie ein Schleier im dämmrigen Raum. Gcraune im Zimmer, aufschrickt deine Seele, du murmelst Verworrenes tief im Traum.— Wer siht dort am Bette?—.Lieb Brüderleiu. du!"— Kalter hauch weht dich an. Gestalten im Dunteln. tote Augen, tote Hände, dumpf trauriges Munkeln:— »Lieb Bruder, wir finden im Grabe nicht Ruh'. uufre Wunden, die brennen immerzu, immerzu. .Wir find gar zu viele, wir Toten, wir Armen, und allzu lebendig war unser Sein. Dir haben keine Stätte, o Hab' ein Erbarmen. vorm Nordwinde schüttelt sich unser Gebein. O laß uns still Hausen avhier diese Nacht,— klirrt leise ein Sporn, scheuern Knöchel am Säbel, raucht Fluch und Verwünschung wie Pulvernebel,— erschrick nicht! Ans zermalmte die mördrische Schlacht. wir haben drei Jahre vorm Feinde gewacht!"... Du fährst empor, horchst!— Nimmt die Nacht denn kein End«? Deinen Halbschlaf durchwandelt da» Ticke« der Ahr. Dir ist. als tastete« Schattenhände an den glinsternden Scheiben, und sttll,— überm Flur,— gedämpfte Geräusche,— die Haustür gehl.— es ist. als müßte sich mühsam was schleppen,— ganz leise, leise knarzen die Treppen.— es ist, wie wenn einer um Einlaß fleht.-- — oder ist's nur der wind, der am Schlagladen weht? Otto ZSohlgemuth. Zur Krage öer militärischen Iugenöerziehung. Von Richard Weimann. Ueber die Frage der militärischen Jugend« erziehung ist eS recht still geworden. Dem Begeiste- rungSrausch der ersten Kriegsmonate folgte auch hier sehr bald die Ernüchterung. DaS Interesse der Jugend an den mili- tärischen Hebungen flaute ab, ehe man sichs versah. Auch die darauf folgenden Versuche, hier und dort durch Aufnahme der Hebungen in den Fortbildungsschullehrplan oder durch andere Mittel die durch den bekannten preußischen Ministerial- erlaß vom 16. August 1314 ausdrücklich betonte Freiwillig« kcit zum Zwang zu machen, vermochten nicht, dieses Interesse zu beleben. Die Praxis selbst hat bewiesen, daß die militärische Jugenderziehung ein pädagogischer Fehlgriff war! Weit gefehlt aber, hieraus die einzig möglichen Schluß- solgerungen zu ziehen, erhoben einflußreiche Kreise den Ruf nach einem Jugendwchrgesetz, nach einer zwangS- weisen Einführung der milstärischen Jugenderziehung. Und wenn auch die Gefahr, daß uns noch während deS Krieges ein solches Gesetz beschert werden würde, vorüber zu sein scheint, so besteht sie doch für die Zukunft unvermindert fort. Da erscheint zur rechten Zeit ein Buch'). daS sich in gründlicher und selten sachkundiger Weise mit der angeregten Frage beschäftigt. Namhafte Persönlichkeiten kommen zum Wort, die als berufene Fachleute ihr Urteil in die Wagschale werfen. Der Pädagoge, der Arzt, die Frau und Mutter, der im Felde stehende milttärische Fachmann, Prakttkcr der bürgerlichen und proletarischen Jugendbewegung— sie alle äußern sich über die militärische Jugenderziehung, beleuchten diese Frage nach den verschiedensten Gesichtspunkten— und kommen übcrein stimmend zu ihrer Ablehnung. Diese seltene Einmütigkeit verdient wie überhaupt daS ganze Buch mit seinen vortrefflichen und treffenden Argumenten die Beachtung weitester Kreise. ..Die militärische Jugenderziehung ist nicht eine Frage für sich, fondern muß im Zusammenhang mit der allgemeinen Jugenderziehung betrachtet werden. Die Frage der all- gemeinen Jugenderziehung aber und ihre zukünftige Lösung ist eng verbunden mit dem gegenwärtigen Weltgeschehen und der künftigen Gestaltung der Welt- und Völkerordnung. Nach den entsetzlichen Schrecken dieses Krieges, der die menschliche Kultur und Gesittung an den Rand des Abgrunds geführt hat, darf keine Rede mehr sein vom wahnsinnigen Wettrüsten und der dauernden Kriegsbereitschaft der Völker. Eine neue *) Tos ReühSjugeildwehrgeieH. Von ßz. SS. Foerster u. Llexander Gltichen-Swßwurtn.(Verlag Raturwiffenschastw T. rn. b- H.» Leipzig.) Zeit kündigt sich an, in der die Völker sich von der Dunst- sphäre des Hasses und der Mißverständnisse befreien und statt dessen in friedlichem Wettbewerb einträchtig nebencin- ander leben wollen. Dieser Gedanke leuchtet aus fast allen Aufsätzen des Buches hervor und führt die Verfasser zu entsprechenden pädagogischen Schlußfolgerungen. Mit besonderer Schärfe geschieht dies durch Prof. W. Förster:„Die koinmende Pädagogik mutz sich vor Augen halten, daß wir nicht ein Soldatenvolk zu erziehen haben, sondern Männer, die hohe Kulturtradittonen zu venoolten haben." Und weiter heißt es:„Die wirkliche Wehrkraft eines Staatswesens d. h. seine Kraft, feindliche Angriffe fernzuhalten, beruht nicht nur auf feiner Waffentüchtigkeit, sondern auch auf seiner ehrlichen Friedensliebe, d. h. auf dem konsequenten Willen zur Ver- ständigung und Selbstzucht, der in Wort und Schrift jedes einzelnen Bürgers zum Ausdruck kommt." Die militärische Jugenderziehung, die naturgemäß die kriegerischen Instinkte deS Menschen herauszukehren sucht, ver- trägt sich nicht mit der Erziehung zur Selbzuchr und fried- lichen Gesinnung, zur wahren Menschenliebe. In besonders warmherziger Weise— als Frau und Mutter— spricht sich Frau Minna S p e ch t für die letztere Erziehung aus. Sie erblickt eine große ethische Aufgabe gerade der Frau dann, für den Frieden zu wirken. Die Frau müsse auS ihrer Ohnmacht. zu der sie der Krieg verurteilte, erwachen und zur tatenfrohen Helferin werden, um die Jugend in dem Gedanken der Verständigung der Völker heranzubilden, und im Wettbewerb mit dem Manne an der Erhaltung und Verbreitung der Kulturgüter arbeiten. Darum äußert sie auch schwere Bedenken gegen die militärische Jugendvorbereitung, weil sie— und wohl auch mit Recht— annimmt, daß dieses gemeinsame Zusammen- wirken von Mann und Frau durch die pädagogische Betonung deS militärischen Ideals, die den Mann in erster Linie zum Soldaten macht, stark gefährdet werden könne, und daß ferner, wenn die Wehrkraft des Staates in Zukunft wieder einsettig in der militärischen Bereitschaft gefunden würde, die Frau als Jugendbildnerin in den Hintergrund treten müßte. In den Aufsätzen von Leonard Nelson, Professor Förster und anderen tvird überzeugend dargelegt, daß der milttärische Drill und Zwang. sowie der blinde Gehorsam nicht geeignet sind. die. Charakterbildung deS Jugendlichen zu fördern, die sich nur von innen, durch die freie Entfaltung der seelischen und moralischen Kräfte voll- ziehen kann. Außerordentlich beachtenswert erscheint. waS Professor Dr. Nicolai voin ärztlichen Standpunkt aus gegen die militärischen Uebungcn einzuwenden hat. Er räumt auf mit der oberflächlichen Ansicht, daß die körperliche Gesundhett der Jugend dadurch unter allen Umständen gefördert werde. Er weist nach, daß der größere Teil der Uebungcn, ferner auch der schematische, für alle Beteiligten unterschiedslose Charakter der militärischen Ausbildung für junge, uncr- Wachsens Menschen schädlich, zum mindesten aber g e f ä h r- l i ch ist. Ohne weiteres verdienen die bekannten volkstüm- lichen, in jahrzehntelanger Praxis erprobten und bewährten Jugendsptele und Turnübungen den Vorzug, da hierbei auf die verschiedenartige körperliche Leistungsfähigkeit der Jugend Rücksicht genommen werden kann. Prof. Dr. Nicolai weist ferner treffend darauf hin, daß unser pädagogisches Ideal nicht ein vorwiegend körperlich rüstiger Mensch sein kann, sondern daß zum Begriff der mo kernen Tüchtigkeit auch ein hohes Maß intellettueller und ethischer Gesundheit gehört. Unser Ziel muß der h a r- manisch durchgebildete Mensch sein. Dieses Ziel läßt sich aber nur erreichen, wenn die körperliche und geistige Erziehung der Jugend in einer Hand liegen. Eine von der allgemeinen Erziehung getrennte militärische Ausbildung der Jugend müsse daher der gewissenhafte Arzt, der den Menschen als Ganzes betrachtet, von vornherein zurück weisen. Dieser Standpunkt hcS ArzteS deckt sich mit dem der pädagogischen und sonstigen Mttarbeitcr deS Buches. Mit der gleichen Einmüttgkett, mtt der sie die besondere militärische Jugenderziehung ablehnen, fordern sie eine harmonische geistig-körperliche Ausbildung der Jugend und Hand in Hand damit eine Umgestaltung des gesamten ErziehungSwescnS, eine Reform der Schule an Haupt und Gliedern. Der Wehr- kraft des Voltes würde damit am besten gedient. Wie Julius P h i l i p p s o n auf Grund seiner Beoabchtungen im Felde ausführt, ist der gedrillte Soldat, dem der Gehorsam nur eingebläut ist. durchaus nicht der beste. Der Krieg verlangt nicht bestimmte militärische Eigenschaften des Menschen, son- dern geistige, sittliche und körperliche. So haben sich politisch geschulte Arbeiter, die einstigen„Vaterlandsverräter", nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im Felde als am zuver- lässigsten erwiesen. Wir als Sozialisten lehnen die militärische Jugenderziehung ebenso ab, wie wir das militärische Wettrüsten und das ganze heuttge Militärsystem des Staates ablehnen. Unser Ziel ist die Demokratisierung des HeereSwefenS, die Einführung der Volkswehr und in Verbindung damit auch die Erziehung zur Wehrhastigkett. Auch für uns kann die Erziehung zur Wehrhaftigkeir nnr ein Teil der allgemeinen Erziehung sein. Für sie gilt lediglich der allgemeine Zweck der Erziehung: die harmonische Entwickelung aller körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte der Jugend. Freilich, wir schürfen tiefer und fassen daS Problem weiter als die bürgerlichen Autoren. Wir verlangen nicht nur eine gründliche Erziehungs- und Schulreform, sondern in Ver- bindung damtt durchgreifende sozialpolitische Maßnahmen zugunsten der Mütter, Kinder und Jugend- lichen. Ausreichende Schwangeren-, Wöchnerinnen- und Säug- lingssürsorge. durchgreifender Kinder- und Jugendschutz sind die Voraussetzungen für alle Erziehungsmaßnahmen. Zu diesem wichtigen Problem nimmt von den bürgerlichen Autoren nur Philippson Stellung. Er weist darauf hin, daß die Forderungen zur Erhöhung der Wehrberett- schast auf dem Gebiete der staatlichen Schulerziehung und der sozialen Frage liegen.„WaS nützt eine pflichtmätzige militärische Jugendvorbereitung bei den Jünglingen der arbei- tendcn Volksschichten, wenn sie von kranken Eltern stammen. in ungesunden Zimmern Hausen, in ungesunden Betrieben arbeiten müssen?" Den Standpunkt der Arbeiterschaft vertrttt der Genosse Karl Vetter, der die soziale Seite des Problems beleuchtet und die Forderungen begründet, die wir zur„körperlichen und inoralsichen Ertüchtigung der Jugend" stellen. Man wird ihm auch zustimmen, wenn er ausführt, daß wenn der Staat der Erfüllung unserer sozialen Forderungen auS dem Wege geht. eS mit der Ernsthaftigkeit zur wirklichen Ertüchtigung der Jugend nicht sehr weit her sein kann. Lei der großen und freiheitlichen Neuordnung unserer inneren Verhältnisse, die wir von der Zukunft erhoffen, wird die Frage der Heranbildung einer geistig und körperlich tüchtigen Jugend mit an erster Stelle stehen. In dem Kampfe, den wir dann auch gegen die militärische Jugend- erziehung und für die Jugend zu führen haben, wird uns das besprochene Buch, auS dessen Aufsätzen man die Sorge um das Wohl der Jugend förmlich herausliest, eine wirksame Hilfe sein._ vie/lufgaben öer volkstümlichen Sücherei Nirgends scheint die Frage noch den Aufgabe» von vornherein klarer beantwortet zu sein als bei der volkstümlichen Bücherei. Sie soll«in« Vermittlung sein zwischen dem Volk und den Bücher». Aber hinter dieser einfachen Zweckbestimmung verbirgt sich ein« Fülle von Problemen, die mit der Mannigfaltigkeit der Beziehung«» zwischen Volk und Buch eng zusammenhängen. Der Charakter, der Bücherei, ihre finanziellen und räumlichen Verhältnisse setzen diesen Beziehungen gewrsie Schränken, indem sie ihre Wirksamkeil auf eine gewisse Meng« von Büchern begrenzen, wie auch andererseits da» .Volk" nur als eine Mmderheil von.Benutzern" an sie herantritt. Diesen Umständen muß schon bei der«ufftellung der Bücherbestände Rechnung getragen werden. Die Bücherei ist vor die Frage gestellt, nach welchen Grundsätzen au» dem CöaoS der erzeugte» Büchermassen die notwendige Auswahl getroffen und den» sehr mannigfaltig ausgebildeten Leiebedürfni« einer nach Alter. Geschlecht. sozialer Lage, geistiger Aufnahmefähigkeit, Neigungen durchaus unterschiedlich gerichteten venutzerschaft entsprochen werden soll. Nach allgemeiner Anschauung erscheint dieser Zwiespalt gelöst durch die Forderung, daß die Bücherei nur.gute" Bücher darreiche» soll. Nun ist daS aber ein recht schwankender und dehnbarer Begriff. WaS dein frommen Katholiken als gut erscheint, kann der Atheist als blanken Aberglauben erklären, und eine Schrift, die dem Sozialisten als die gediegenste ihrer Gattung dünkt, kann dem Konservativen al» höchst verdammenSwert erscheinen. Aber selbst, wenn man religiöse und politische Vorurteile ausscheidet, bleiben noch genug Meinungsverschiedenheiten über ein.gute»" oder.schlechtes" Buch. Im allgemeinen entscheidet sich die AuS- wähl der Bestände nach den Absichten, die mit der Bücherei verfolgt werden, und daran? geht klar hervor, welche Be- deutnng die Frage nach den Aufgaben der Volksbücherei hat. Die ältere Volksbibliothek rn Deutschland verfolgte überhaupt keine BildungSaukgaben. Sie wandte sich zunächst auch nicht an da» ganze Volk, sondern nnr an die unteren Schichten, deren Be- dürfnis nach harmloser Unterhaltung und elementarer Belehrung st« zu genügen trachtete. Obwohl ihr kein Bildungsideal vorschwebte. wurde sie doch von der ganz bestimmten Absicht getrogen, erzieherisch auf das.niedere voll" einzuwirken, da» sie mit ihren geistigen Almosen im Geiste.guter Gesinnung" und.christlicher Anschauung" führen wollt«. An dieser Absicht mußte sie scheitern, zumal ihr« Wirksamkeit in die Zeit fiel, da daS untere Volk— d. h. die arbei- tende Klaffe— sich von der Bevormundung durch den Staat und die bürgerlichen Parteien erfolgreich freunachte. Al» Rückwirkung gegen diese Bolksbibliotheke» entstehen die Büchereien der Arbeiter- Organisation«». Unter dem Einfluß der wirtschaftlichen Entwicklung und der Er- gebniffe der neueren Büchereibewegung in den Bereimgteu Staaten von Amerika und in England faßte dann eine neue Bewegung Platz. die au» der Volksbücherei eine neue BildungSansialt für alle«Schichten und Gruppen des Volkes machen wollte..Sie will— schreibt N ö r r e n b c r g(im Handwörterbuch der GtaatSw'ffenschaften)—, die Schule(niedere wie höhere) ergänzend, die geistige Bildung in universeller Weise fördern: sie will selbständig« Persönlichkeiten und Charaktere bilden helfen, soweit Lektüre da» kann. Ueber den Par- teien stehend, sammelt sie au» allen Literaturgattungen da» Werlvollo und sucht jedem Leser das darzureichen, wa» gerade ihm gemäß und sörderlich ist. Sie bietet behagliche Unterhaltung und Erquickung dem. der sich von harter TageSarbeit erholen will; fie erzieht den literarischen Geschmack, und soweit ihre Hilfsmittel reichen, den künstlerischen: sie fährt in die Element« der Wiffenschast ein und so hoch in denselben hinauf, als der Leser e» verlangt: nur die eigentliche Fachwiffenschaft überläßt sie den ge- lehrten und Kachbibliotheken: fie bringt den Leser vorwärts in seinem Berus, fie belehrt ihn al« Staatsbürger, und indem sie ihn mit vaterländischen Dingen vertraut macht, stärkt sie sein politische» und Staatsbewußtsein." Hier haben wir es also bereit» mit weit- gesteckten Bildungszielen zu tun. die. vorurteilsfrei durchgeführt, die Bücherei um ein bedeutende» über die alte Volksbibliothek erheben. Hier wird auf die Beeinfluffung des Lesers in bestimmter Richtung verzichtet und seine Förderung in de» Mittelpunkt der Bücherei« aufgaben gestellt. Wie die alte Volksbibliothek ihre bevormundende Erziehung auf die untere» Schichten beschränkte, so wendet sich die neu« Volks- bücherei ihrem Ziele nach an die geistig Regsamen in allen Teilen des Volkes. In beiden Fällen ist also der Büchereizweck nicht aus die VoliSgesamiheit. fondern nur aus einen Teil von ihr gerichtet. Demgegenüber vertritt die sog. realistische Richtung in d« Büchcreibewegung die Aufsaffung, daß die au» Mitteln der All« gemeinheit errichtete öffentliche Bücherei dem g a u z e« volle dien« wüsse.©te fordert zu diesem Aweck«in« Zweiieilunfl in eine all- gemeine öffentliche Bücherei(als lieberbau tür entwickeltere Jnter« essen) und die Volksbücherei für.die groffe Masse*. Drei« Richtung glaubt nicht an die Empfänglichkeit der Masse �»für die wunderbare Schönheit der Schöpfungen unserer großen Dichter*. Andererseits erklärt sie, daß die Volksbücherei auf keinen Leser verzichten könne, selbst wenn er mit den geringwertigsten Am'prüchen an sie herantritt..Es geht wirklich zu weit, die Leute auS dem Hause zu jagen, weil sie Franz Hoffmann. Elisabeth Werner und Marlilt lesen*.(Ladewig, Politik der Bücherei.) Diese Auffassung führt dahin, auch das seichte UnterhaltungsbedürfniS zu befriedigen, den Leser mir der„albernen Mache Karl Mans*(Ladewig) zu packen, nur um ibn nicht zu verlieren. Ist thm doch die Möglichkeit gegeben, sich bis zu den wertvolleren Schriften durch- zulescn..Die Bücherei für das Bolk hat eben nicht mit geweckten Interessen zu tun, sie will erst welwe wecken.*(Ladewiz.) Dieser Standpunkt des Rechtsanspruches jeden Lesers auf.sein* Buch, der meist sozial verbrämt vertreten und offenbar durch die preußische Regierung lebhast gefördert wird, bat seinen organimiori- schen Stützpunkt im„Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht* (Berlin). Er wird mit Recht stark angefochten. Wenn schon einmal die volkstümliche Bücherei allen L-seinteressen dienen soll, dann ist nicht einzusehen, warum sie bei Karl May, der Werner und Marlitt stehen bleibt und nicht auch dem zweifellos stark vor» bandenen Bedürfnis nach Nick Carter und anderer Hintertreppen- literamr entspricht. Wenn man auf keinen Leser verzichten zu können glaubt, dann müßte doch gerade die starke Lesergemeinde der Schiindliteratur gepackt und der Bibliothek gewonnen werden. Aber vor dieser Konsequenz scheut man zurück. Andererseits ist nicht ein- zusehen, wieso der verdorbene oder verbildete Geschmack geläutert werden soll, solange ihm ausreichende Gelegenheit gegeben ist, die ihm vor allem zusagende Geisteskost zu genießen. Wenn die Volks- tümliche Bücherei eine B i l d u n g S Veranstaltung sein will, so kann sie unmöglich jedem Lesebedürfnis gerecht werden. Das Programm klingt gewiß sehr demokratisch. Aber eine andere Frage ist eS, ob öffentliche Gelder dafür aufgewendet werden müssen, um die Ansprüche auf sensationellen Sinnen- und Gaumenkitzel zu be- friedigen. Zweifellos kommt dieses Bedürfnis nach plattester Sen- sation in der Lektüre auch beute schon nicht zu kurz, es beftiedigt sich selbst, so daß es eine Verschwendung öffentlicher Gelder wäre, eS auf Kosten der Steuerzahler noch einmal zu befriedigen. Bei der Feststellung ihrer BildungSausgaben kann sich die Bücherei also nicht auf daS Volksganze stützen. Sie muß sich an die Benutzerschaft halten, deren Zahl in den günstigsten Fällen auf 20 Proz. der Bevölkerung ermittelt worden ist. Bei der Mehrzahl aller Voltsbüchereien ist sie aber noch erbeblich geringer; der Leiter der städtischen Bücherhallen in Leipzig, Walter H o f m a n n, be- rechnet sie auf 6—7 Proz. In ihnen darf man die.Biblio- thekreifen* erblicken, in denen die Bildungskräfte des Buches auch wirklich lebendig und fruchtbar werden. Auf ihnen baut die neuere Richtung in der Volksbüchereibewegung, die in der Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen (Leipzig) organisiert ist, die BildungSausgaben der Volksbücherei auf. Sie lehnt die Massenverbreitung von Büchern schlechthin als Bibliotheksideal ebenso ab wie die Auffassung der Bücherei als eines Verkehrsinstituts. Dem Kultus der Quantität gegenüber be- kennt sie sich zur Qualitätsarbeit. Der mechanischen BolkSbildungsarbeit lpird als höheres und in sich wahreres Prinzip die d y n a m i s ch e VolkSbildungSarbeit entgegengestellt. Mag auch � die Empfänglichkeit je nach Art der BildungSmittel verschieden groß sein, to kann es sich immer— daS ist ihr Grundgedanke—.nur darum handeln, mit dem spezifischen BildungSmittel nur den KreiS der jeweils Empfänglichen zu treffen. Ist dieser KreiS nur ein Teil des Volkes, so soll dafür die Zuführung deS Bildung?- mittels... um so sorgfältiger, um so planmäßiger und inniger Meichehen, damit die wenigen Betroffenen dann wirklich Geförderte '»«lieft. Die Wirkung aber für das Ganze soll darin bestehen, daß diese wenigen Geförderten in die.Massen* der Bielen hineingestellt MerGkN, um von hier auS auf ihre Umwelt zu wirken. Da« heißt freilich nicht, daß nun etwa diese Empfänglichen und Geförderten in ihren Kreisen bewußtalS kleine BolkSerzieher, also etwa als Erzieher zum guten Buch auftreten sollen... Sondern so soll eS sein, daß die ethischen und geistigen Kräfte, die im Buche aufgespeichert sind und die im Empfänglichen lebendig werden, nun in ihrer natürlichen Form, als erhöhtes und geklärtes, als vertieftes und verfeinertes seelisches und geistiges Leben von den Vermittlern auf ihre Umwelt ausstrahlen, daß Frau und Kind, der Freund und der Nachbar, der Umkreis aus der heutigen und die Heranwachsenden aus der kom- wenden Generation teilhaftig dieses Lebens werden/(Hofmann, Buch, Bolk und die volkstümliche Bücherei.— Th. Thomas Lerlaz, Leipzig.) ES bedarf keiner weiteren Begründung, daß die dynamische VolkShildungSarbeit ihr Ziel nur erreichen kann, wenn sie mit BUdungSmillcln und Bildungsgütern arbeitet, die selbst ein Ausdruck der bildenden Kräfte der mensckilichen Natur sind. Dieser Grundsatz von der.Reinlichkeit der BildungSmittel* löst gleichzeitig die schwierige Frage der BücherauSwahl, da hier aus- drücklich abgelehnt wird, dem schlechten, verdorbenen Geschmack in der wenig sicheren Erwartung entgegenzukommen, ihn zu verbessern. Die volkstümliche Bücherei wendet sich an die dafür Emviangllchen mit dem ech.cn Schrifttum, das im Gegensatz steht zum Afterichrift- tum und der Pieudoliterntur,.in der sich nicht Leben gestaltet in dem Mittel der Sprache, iondern die daZ Mittel der Sprache be- nutzt, um Reizungen verschiedenster Art auf den Leser ouSzu- üben." Wesentlich für die Erfüllung der in der dynamiichen Volksbildungsarbeit begründeten Aufgaben ist die Gestaltung de? Ans- leihdiensteS der Volksbücherei, in der ohnehin das Schwergewicht jeder Büchereitäiigkeit liegt. Sie muß von allem SchemaliSmuS und Mechanismus befreit werden und ein intimes Verhältnis zwischen Leier und Bibliothekar herstellen. Solange die Bücherei nicht? als Vermittlung anstrebt, kann sie ihren BildungSausgaben auch nicht gerecht werden._ E. M. Kammerspiele:„Nora" von?bsea. Immer wieder, wenn eins der großen Meisterwerke auS der Höhenzeit von Ibsens Schaffen über die Bühne zieht, erfaßt den Zuschauer von neuem die Bewunderung vor der Fülle lebensvoll bedeutsamer Beziehungen, die des Dichters intuitive Einbildungskraft und rostlo'er Grübelsinn da in den engen Rahmen eine? geschlossenen szenischen Gefüges vcrwoben hat. Bis in letzte Verästelungen reicht diese Arbeit intensiv beseelender Durchbildung. Die ausgezeichnete Besetzung der beiden männlichen Episodenrollen— deS vom geraden Wege abgedrängten, mit Mitteln des Erpressertums um seine Rehabilitierung kämpfenden Krogstadt durch I a n n i n g S und deS Rückenmärkers, des armen Doktor Rank durch Waßmann— ließ das umgebende Nebenwerk in echtem Jbienglanze schimmern. Der Abschied, der lange Blick, in dem er. als Nora ihm Feuer reicht für die Z'garre, daS Bild der heißgeliebten Züge zum letzten Male trinkt, ergriff mit zwingender Gewalt. Lucie Höflich, die die Titelrolle spielte, war in der programmatischen Auseinandersetzung de« Schlußaktes, wo die kleine Nora nach ihres Schöpfers Willen zur Künderin eines neuen freien Frauengeistes wird, für mein Gefühl am stärksten. Grad' in der unpathetischen und resignierten Einfackiheit tam die Entschlossenheit am üherzeugendsten zum Ausdruck. Wer die.Lerche*. daS.Vögelchen* blieb sie zum Teile! schuldig. Gestalt und Antlitz haben einen Zug von troumloS realisti-- scher Selbstsscherheit, der zu dem Spielerischen von Noras Puppenheim nicht passen will. Dem Helmer gab Otto Gebühr schon in den ersten Akten einen Einschlag von leicht Karikaturistischem, der den Absichten de? Dichters wohl nicht ganz entsprach, aber die moralische Demaskierung deS selbstgefälligen Eheherrn und daS völlig« Erlöschen von Noras Liebe wirksam vorbereitete. Die Angst, daß Noras Opfertat»hu selber kompromiliere, der Zorn, die Vorwürfe— all diese am Ende doch verständlichen Aeußerungen der Schwäche er- hielten dann in weilerer Steigerung die Färbung so kindisch halt- loser und lächerlicher Erbärmlichkeit, daß die Kluft auch den Zu« schauer unübei brückbor dünkt. Die Leistung war nicht nur originell. sie konnte, auch wo sie von dem gewohnter HelmertypuS abwich, gewichtige Gründe dafür geltend machen. ckt. Die merkwürdige Wanderung einer Schrapnellkugel. Im Verlaufe des Krieges wurde bereits über zahlreiche sonder- bare Verletzungen und ihre Folgen berichtet, und man weiß, daß manches Projektil im menschlichen Körper geradezu verblüffende Lageveränderungen vorzunehmen vermag. Einen besonders merk- würdigen Weg aber legte eine Sckrapnellkugel zurück, die man ganz überraschenderweffe bei einer Blinddormoperation entdeckte. Ein Zvjähriger Landwehrmann, so erzählt Dr. Claus HarmS in der .Münwener Medizinischen Wochenschrift*, wurde in ein Lazarett mit Erkrankungserscheinungen eingeliefert, auf Grund deren man Blinddarmentzündung annehmen mußte. Als der Patient, nachdem sein Befinden sich verschlechtert hatte, am elften KrankbeitStage der üblichen Blinddarmoperation unterzogen Tagebuchblätter von Arbeitersekretär Otto Thomas. Glück. Es gibt eine Jugendzeit in unserm Leben, da wir ganz Plötz- lich aus dem dunklen Tal deS grauen Alltags auf lichte Höhen ge- raten und uns bewußt werden, daß unser Leben ein Ziel haben muß, daß es große Ziele der Menschheit gibt und daß eS das Höchst» deS einzelnen sei, an ihrem Aufstieg rastlos mitzuarbeiten. In solchen Zeiten der Erkenntnis dünkt uns alles im Leben eine Form zu haben, eine Rundung, oder doch am Anfang der Vollkommenheit zu stehen, an deren Vollendung wir zu arbeiten haben. Dann verklärt sich unser ganzes Leben, und alles, was uns entgegentritt, erscheint unS als Treppenstufe zukünftiger Größe und Vollendung. In solchen Zeiten ist man dann gefragt worden, wa» ist Glück? Ist Glück ein Ziel, daS man erreichen kann? Und man beantwortete dann die Frage dahin, daß Glück Sehnsucht sei, Sehnsucht nach dem Unendlichen, geschöpft aus dem Dorn unserer eigenen Seele, fruchtbar werdend unter den Mensche», um zum Höchsten in ihnen dia Sehnsucht zu wecken. DaS ist die Zeit, da in unseren Träumen Bilder blonder oder brauner Frauen lieblich spielen, da unS ein« blonde heilige Magda- lena in der Musik HaydnS und Beethovens erscheint und da sie uns formen, die Frauen, mit Mitteln gütiger, verstehender Menschlichkeit. ©o standen im Maienmonat auf meinem©chreihtisch einst blutrote Nelken. An einem sonnigen Morgen hatte sie eine blond: Frau in drei Bündeln gruppiert— zum Andenken an die Püffe und Stöße, die wir bei d:n letzten großen WahlrcchtSdemon» strationen davongetragen. Und an diesem Tage hatte ich in einer Armensache zu tun. Seit Wochen und Monaten schleppte sich die Sache durch meine Akten, diese wunderlichen Bündel von Menschenschicksalen/ Es war eine alte Frau mit weißen Haaren, mit Falten und Runzeln im Gesicht und mit zittrigen Händen. Oft war sie schon bei mir gewesen, jetzt sollt« ich ihr Helsen, in einem Asyl unter- zukommen, auf daß ,hr Lebensabend ohne Sorgen zu beschließen fei. Sie saß vor mir und blickte sinnend auf die roten Netten, und ein freundliches Erinnern huscht« über ihr Gesicht. Dann erzählt: sie von ihrem Leben. Sie war Dienstmädchen bei einem gräfliche» Geschlecht gewesen. Irgendwo in einer großen Stadt SüdwestdeutschlandS liegt jstzt ein großes neues Stadtviertel mit großen sonnigen Villen inmitten von Gärten. Das war früher ein einziger großer Park, in dessen Mitte da» herrschaftliche Hau« lag. Im Maienmonat ists gewesen, rote Nelken blühten draußen im Garten. Abend« ist sie durch die dunklen Laubgänge gehuscht zum großen Nelkenbeet und bat dort ihren Liebsten erwartet, der sie im nächsten Jahre, wiederum im Mai, zu seinem Weibe nahm. Boller Sehnsucht nack der Un- endlichkeit und Einzigkeit, der Liebe gingen sie Axm in Arm durch die dunZleu Laubgänge.»Dir waren/ so sagta sie,»unendlich ftffilfsirfj/' Nach vielen Jahren starb ihr Mann, und wiederum nach langen Jahren heiratete sie zum zweitenmal..Ich hatte Kinder und brauchte eine Existenz. Er war nicht wie mein erster Mann, trotz- dem war ich glücklich. Glücklich in der stillen Resignation in die Notwendigkeiieit des Daseins. ES war ein bescheidenes Glück, aber ohne Sehnsucht und Hoffnungen. Dann starb auch er, und nun stehe ich allein. Meine Kinder sind in der Welt verstreut, ich höre selten von ihnen und weih nichts von ihrer Seele.-- Wer ich bin doch glücklich, glücklich in der Erinnerung. Wenn ich an jene Zeiten denke, da ich Arm in Arm mit ihm durch den Garten wandelte, das Herz voller Sehnsucht, dann scheint doch noch ein Sirahl der Sonne in mein Alter, und ich bin glücklich.* Sie stand auf ihren alten Schirm gestützt vor mir. Es war ein alter Männerschirm mit grauem Tuch und einem Griff auS Elfenbein. Aus Elfenbein trug sie auch eine alte Brosche. Es waren Andenken an ihren ersten Mann, Erinnerungen an ihr erstes und größtes Glück. Aus jeder Vase nahm ich eine bluttote Nelke und heftete sie an ihre Brust. Einmal noch sollst du geschmückt sein wie eine Braut, weun du auch eine Braut bist in weißem Silberhaar. Gebückt und gestützt auf den alten Schirm verließ sie mein Zimmer. Irgendwo am Rhein hat sie ihre letzten Tage zu- gebracht. Glück? Ist Glück Sehnsucht oder ist eS Erfüllung? Besteht Glück nicht eigentlich nur aus Momenten in unserem Dasein, Momenten, in denen unser ganzes Leben, Vergangenheit und Zu- kunft, in einer einzigen großen Empfindung in unserer Seele zusammenströmt und sich zu-einer ttcfen Harmonie gestaltet? Der große« Harmonie deS Möllens und Vollbringens an uns und am Ganzen? Gepriesen sei der Mensch, der eS vermag, in sich und andern diese Harmonie zu wecken, denn er weckt daS Glück, welches Leben ist. Und Leben ist Arbeit an der Zukunft. Die Liebe höret nimmer auf. Er war ein Arbeiter aus dem badischen Schwarzwald, vom Stamme der Alemannen. Seine Hände waren schwielig, seine Augen tränten, sein Rock war abgenutzt. Er hatte einen struppigen Bart, und seine Haare waren nicht gepflegt. Sein Gesicht hatte Falten und Striche wie eine Landkarte. In der einen Ecke seines Mundes hing eine ganz kurze, abgegriffene Pfeife, die nie kalt wurde, solange er wachte. Er hatte vor Jahren einen Unfall er- litten und war von der BerufSgenossenschast manchmal böS ge- drängt worden. Und nun hatte sie ihm wieder einen Bescheid er- teilt, daß seine Rente um die Hälfte gekürzt werden sollte. Ich machte die Berufung, und er ging selbst in den Termin. Er verlor den Prozeß und kam wieder zu mir und hatte sein wenige? Vcr- trauen ganz verloren. Aber ihm war heiß geworden, und inner- lich bewegt stand er da und brauchte jemand, zu dem er reden konnte, der ihn anhörte und ihm glaubte. Und da fing er an zu erzählen, von seinem Leben auf dem Schwarzwalh in der Jugend, vom Läbe» auäj draußvl in dgr wurde, gelangte man zn verblüffenden Ergebnisse«. Es stellte sich heraus, daß der Wurmiorlsotz keinerlei front- hafte Beiänderungen zeigt« hingegen fand man eine sich vom Blinddarm ,um Ney ziehende scklauchariige Lerwachlung von un- qefäbr S Zentimeter Länge, in deren Innern ein harter runder Gegenstand ftüblbar wurde. Man brachte den Fremdkörper herairS und erblickte eine Schrapnellkugel. Nun wurde nachträglich fest« gestellt, daß der Patient im August 1914 verwundet worden war; er hatte einen Einschuß an der rechten Halsseite erhalten, doch war kein Ausschuß vorhanden. Bei deti Röntgen- aufnahmen hatte man damals trotz genauester Untersuchung kein Geschoß entdecken können, und zwar, weil die Bauchhöhle wegen rrankhaster Erscheinungen nicht durchleuchtet werden durfte. Der Soldat wurde nach zehnwöchigem Aufenthalt im Lazarett wieder zu seinem Truppenteil entlassen und hatte von da ab bis »um Beginn der jetzigen Erkrankung nicht die geringsten Beschwerden. Die Schrapnellkugel aber war in den 2Vj Jähren durch die Hals« Muskulatur gewandert, sie hatte die rechte Lunge in ihrer Längs- richtung durchschlac.en. dann da« Zwerchfell und die Leber durch- bohrt und war schließlich, ohne eine Darmverletzung zu verursachen, in die freie Bauchhöhle gelangt, wo sie dann liegen blieb. Notizen. — Vorträge. In der Urania spricht Dienstag(im Wissen» schaftlichen Verein) Prof. d. Heß über»den Farben sinn der Tiere*. Mittwoch: Prost Hoeysch über die. r u i s i s ch e Revo- lution*. An den andern Tagen:»Tier und Mensch ür der Wildnis*.— Institut für Meereskunde. Dienstag: Prof. Kuno Meyer: Die Stellung Irlands in der Well- g e s ch l ch l e; Freitag: Prof. Svieß: Deutsches Wesen im Spiegel der englischen Presse.— In der Treptow- sternwarte Dienstag 7 Uhr: Dr. Archenhold: Sternhaufen, veränderliche und neue©terne: Mittwoch 8 Uhr: Prof. Bafchiu: Kampf um Nordpol und Südpol. — Musikchronik. Zur großen Musikaufführung im Zirkus Schumann findet eine öffentliche Hauptprobe Sonntag, den 2. Dezember, mittags 11'/, Uhr, zu halben Preisen statt. — Der Sänger-Chor»Weddinq* bringt am Sonntag. den 2. Dezember, mit dem Frauen- und Mädchenchör.Norden* und dem Berliner Sinfonie-Orchester u. a. dos Melodrama»Ko- l u m b u s* zur Ausführung. — D i e Sammlung v. Kaufmann, die im Dezember bersteigert werden soll, ist im früheren Gebäude der Sezession Kurfürstendamm 208 diese Woche ausgestellt(Sonntags 10— 2, wochentags 10— 5). Die Sammlung gehört zu den reichsten und schönsten in Deutschland. Insbesondere bat sie auf dem Gebiete der frühen italienischen und deutsch-niederländischen Malerei kaum ihresgleichen. Hoffentlich gelingt eS. die wertvollsten Stücke für Deutschland zu retten und sie vor allem unseren staatlichen Museen zuzuführen. — Die Wissenschaft des TageS. Die norwegisch« FriedenSvereinignng hat sich an den©torthing mit dem Anttoge ge- wandt, an der Universität Kristiania eine Professur in.Friedens- Wissenschaft* zu errichten. —»Da« junge Deutschland', die von Max Reinhardt inS Leben gerufene Gesellschaft zur Pflege junger Dichtung, hat sich nun endgültig konstituiert. Dem Vorstand gehören an: Gerharl Hauptmann. Wolsgang Heine. Harry Graf Keßler, Walther Ratbenou. Max Reinhardt. Rene©chickele, Wilhelm Schmidtbonn, Nikolaus Gras Seebach. Frank Wedekind. Franz Werfet, Theodor Wolff und Heinrich Wölfflin. Die Reibe der Sondervorstellungen wird Anfang Dezember durch die Uraufführung de« DramaS»Der Bettler* von Reinhard Sorge eröffnet. Anträge auf Ausnabme in die Gesellschaft find an daö General« sekreiariat Berlin NW 6, Schumannstr. 14, zu richten. v — Der tüchtige Anwalt. Privatier Huber wird vom Hund deS Apothekers gebissen. Klage auf Schmerzensgeld und Schadenersaü. Gerichtsverhandlung. Roch der Verhandlung treffe ich Herrn Huber. Er ist in gedrückter Stimmung. .Run. wie ist die Verhandlung ausgegangen, Herr Huber?* .Man möchlS nicht glauben! Meine Klag' i« abgewiesen worden. Der Apotheker bot so einen guten Anwalt gehabt: der hat nachgewiesen, daß ich den Hund gebissen Hab'.*(.Jugend.*) Welt, denn er war weit umher gekommen. Er konnte ein Lied singezt�vom Leben. Nicht von dem großen. daS jeder sieht, aber von dem kleinen, voll von Schicksalen und Erlebnissen. Ich dachte dabei an'den alten HanSjakob und den Peter Rosegger und sah Bilder der eigenen Heimat, längstvergangener Jugcndtage. Er sprach auch von seiner Ehe. Er war siebenundzwanzig Jahre verheiratete und mit seiner Frau überall draußen herumgekommen. Sie war aus seinem Heimatdorf ihm gefolgt in die große Stadt oben an der Ostsee. Ein Jahr lang hatte sie mit ihm alle Freuden jungen Eheglücks genossen, hatte ihn abends erwartet und ihm rote Blumen zum Empfange auf das Fensterbrett gestellt. Dann wurde sie geisteS- krank. In einer Irrenanstalt nahe bei Hamburg würbe sie ein Jahr lang gepflegt und dann ungeheilt entlasse». Sie lebte mit ihm in der Ehe, gebar ihm Kinder, machte die Hausarbeit. Aber sie blieb geistesgestört. Er hat in all den 2b Jahren nicht mit ihr reden können über irgendein Gefühl in seiner Brust. Da sagte ich ihm, daß er sich doch vielleicht habe scheiden lassen können nach diesem oder jenem Paragraphen de« Bürgerlichen Gesetzbuches. Und ich dachte dabei, daß er arm fein müsse an Gefühlen und arm an Seele. Er aber sah mich an und sprach in seinem alemannischen Dialekt: „Nein, nie hätte ich da? getan. Ich habe mein« Frau heute noch lieb-- sie war das schönste Mädchen im Dorf!* Ich sah ihn an und in seinen kleinen grauen Seugleitl funkelte etwas. Vor mir tauchte ein kleine» Schwarz walddorf auf; draußen am Ende steht die alte Dorffchmiede und«och weiter draußen ein kleine« Häuschen mit Efeu umrankt. AuS seinem Fenster schaut ein liebliches Mädchengesicht nach einem kernigen©chmiedegesellen in der Schmied«. ES wird Abend, und leise geht ein Paar unter hohen Kastanienbäumen entlang, hinaus wo die Linden blühen und ein weicher Duft sich auf den Abend niederläßt. Und ein seliges Gefühl schwingt sich um beide, und die FrühlingSnacht trägt einen Klang in ihre Seele von Zukunftssehnsucht und Hoff- nungen und Wünschen. Und unter der größten Linde steht eine Bank, dort haben sie gesessen und haben geträumt, dort haben sie sich daS Versprechen für» Leben gegeben. Und dieser Klang, der in einer FrühlingSnacht in die Seelen zweier junger Menschen rauschte, blieb ein schweres mühselige? Leben lang lebendig, überdauerte die Not und da« Unglück, trug den kämpfenden ringenden Mann über alle Schwer« de» Dasein» hinweg. War so stark, daß eS auch nach siebenundzwcmzig Jahren noch glüht« in einer Seele, was er einst unter der blühenden Linde erlebt und versprochen. Er zehrte daran in bitteren©tunden. Und strahlte bei seinen Worten nicht noch ein Funke von diesem Jugend- glück in seinen grauen Augen? ES war«in Geschenk, daS er mir mackte. in seinem Glauben und seiner Wahrhaftigkeit. Wie stark ist doch die Erinnerung an einen Augenblick unsere» Lebens, wenn sein Rachhall nach so vielen Jahren noch durch unsere Seele zichi. Jetzt noch denke ich Alit Freude an dich, Gawsse au» dem szchwcrgwM.