Der Strom. Von Jürgen B r a n ?lus meinem Fenster blicke ich hinab auf dtm Wescrsrrom, Ser, nur durch eine ichmale(hoffe von unierm Hause getrennt. s?me hochgehenden Fluten dort unten vorüberjagt. Zu anderer Zeit flieht er ruhig und friedlich dahin! aber jetzt liegt er im Kampf mit den Eisriesen. Gewaltige Schollen treiben auf seinem Rücken dem Meere zu. Nach abermals sechs Stunden. wenn die Flut einsetzt, werden sie zurückkehren: weiter oben werden sie sich zusammenschieben, aufstauen: der harte Frost wird sie aneinanoerschwcißen. Tonn heißt es: die Weser „steht". Aber noch ist es nicht soweit: noch ist zwischen den zahl- losen Schollen überall freies Wasser, und die bewegte Ober- fläche zeigt ein muncrsort wechselndes Bild, lieber dem Wasser schwebt eine Sturmmöwe: sie flattert ängstlich hin und her und sucht augenscheinlich einen Ruhepunkt auf einer treibenden Scholle. Aber in dem allgemeinen Aufruhr wagt sie nicht, sich niederzulassen. Woran erinnert mich dieses Bild? War es nicht Noah, der. während die Waffer der Sintflut über der Erde standen, eure Taube fliegen ließ?„Da aber die Taube nicht fand, da ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in den Kasten." � Weiter schweifen die Gedanken und heften sich fest in der aufgeregten Gegenwart. So flattert die Friedenstaube angst- i'ich über dem Strom unserer Zeit.„Und da sie nicht fand, da ihr Fuß ruhen konnte--" Zu jeder Stunde des TogeS und der Nacht laffen die i Menschenkinder Tauben ausfliegen. Das find ihre sehnsüch- tigen Wünsche nach Frieden. Aber immer können.sie noch nicht finden,„da ihr Fuß ruhen könnte"; und immer kehren sie zurück in das arme hofsende Herz. ■ixt Strom der Zeil wälzt brausend und schäumend seine Fluten vorüber. Aus seinem Rücken treiben Trümmer und Leichen. Die Deiche sind gebrochen. Die wilden Wogen sind über das Land gestürmt und haben die Saaten verwüstet, Wälder fortgerissen, di« Statten der Menschen zerstört und alles Lebendige in ihren Fluten begraben. In grauenvollem Durcheinander sehen wir alles vor unfern Blicken vorüber« ziehen: Hier schwimmen zert-rümmerte Möbelstücke, Stühle. Tische. Schränke: hier ein ganzes Hausdach: dort treibt sin furchtbar aufgeblulsivr Tierkadaver, ein Pferd, ein« Ziege: immer mehr, immer schrecklicher. Und dort, o grauenvoller Anblick, in der 9!ähe eines Balkens eine menschliche Gestalt, ein Weib! Ihr bleiches Gesicht starrt gen Himmel, mit ihren langen blonden Haaren spielen die tückischen Wogen. Jetzt trägt der Wirbel sie ganz nach oben und da sehe ich daS Schrecklichste: ihre toten Arme halten krampfhaft ein kleines Kind umschlungen. O Bild des Erbarmens, sie hat eS auch im Tode nicht von der treuen Brust gelassen. Vorüber, vor- über, ihr Bilder des Entsetzens.-- Und doch reicht die lebhafteste Phantasie nicht aus, um' auch nur bruchstückweise eine Darstellung zu vermitteln von dem unermeßlichen Elend, das der Strom unserer Zeit an unfern Augen vorübertreibt. Ja, u n s e r e r Zeit! Es sind unsere Väter und Mütter, unsere Brüder und Schwestern, die der Sturmflut des Krieges zum Opfer fielen: eS ist u n s e r Hab und Gut, die Arbeit eines fleißigen Lebens, was ihre gierigen Wogen zerstörten. Und wir stehen am Rande des reißenden Stromes, stumm und machtlos.-- Wie? Sind wir wirklich so machtlos?! Zwar der wilden Macht der entfesselten Wogen uns entgegenzuwerfen, es wäre Wahnsinn: sie würben auch uns zerschmettern. Aber wir können dennoch etwas anderes. Wirksameres tun. Die Deiche Weihnachten im Hujch. Opafrilattische Erinnkrungen von Julius Ligocki. Allein. Der nacb Afrika tzinauHzöge mir der Hoffnung auf ein faules Troxcnledcn, der diirfle iein blaues Wunder erleben. Zum iützen AichiSlun iil wenig Gelegenheil; am allerwenigsten für einen Bcr- inefier beim Bahnbau. Aach iaum einem Monat war unsere Aufgabe am Flitze deS Äilimandi'cbaro eriLlll, und io wird abgezogen- Unterwegs nötig: der Pangani nock ein wenig zum Verweilen zwecks Feststellung des BahnübergaygeS, dann gedt'S aber im beickleunigien Tempo beim- wärlS zur Bauleitung. CS sind noch achi Tage bis Weihnachten, als ich zu neuen Talen bereit stehe. Tiesmal heitzt eS. zum Hafenbau in Tonga an der Küste zu ziehen. Da es aber bald wieder Weiler geht, soll ich mich nicht häuslich niederlassen, sondern sozusagen auf dem Sprunge stehen. A-tte Weihnachteaussichten. Als Schmerzensgeld bekomme ich ein Pferdchen oder wenigstens ein Tier, das so älrn- lich ousfieiu, wepn es auch nur ein Maultier, genannt Jumdo, ist. TieSmol ziehe ich alio hoch zu Siotz in die Ferne. Zuerst ganz pols-pols(langsam. langsam), da meine eigentlichen Reitkennlnifie ein lleines Mcnichenalier zurückliegen und sich auf das Wiegenpferd befchränkien. Aber in Airita mutz man so vieles dazu lernen, und zwar rasch, so datz die Reiierei auch bald erfatzr ist. Im schlanken Trab sprengen wir gegen Abend auf unseren neuen Lagerplatz bei Tango, säst 80 Kilometer hinter Buiko.— Mit dem Weüerz>ebcn ist es doch nicht so brennend. Ter Meister hat ein Einsehet: und sende: noch eiuiaen Tagen den Auftrag, ein festes Lager' zu beziehen, alio ein Sirohbaus zu bguen. Aua wird Baumeister gespielt. Ein Erdschachl stellt 30 Mann, und gerade einen Tag vor Herlig- abend gebt die Sache loS. Vier Mann säubern den Platz von Dusch und Gras, die andern ziehen nach Holz. Der Baurlotz wird abgesteckt und fein eingeebnet, die Löcher für die Piosken, werden bcsiimrr.l. Es gibt eine einlache Strohbude, 3 Meier laug. 4 Meter breit. Für Tür und Fenster werden g:otze Oeffiiuiigen srelgelasien, die dann nachts in sehr einfacher Weise mit Säcken verhangen werden. Am WeihnachlSabend gegen 3 llhr ist das Hau? mir langem Gras eingedeckt; die neue Wohnung ist fertig. Es riecht zwar noch Stern öer Soldaten. Erblindet in dunkeln, engen Gelassen, in blutige Gassen des Todes verstrickt: hat lrösilick)es Dunkeln aus himmlischer Ferne, den schönsten der Sterne. das Auge erblickt. Wir wollen heraus aus Graben und Grab. Die Leben und Lust zur Erde gab. Maria, die Mutter, soll uns umarme«. Wir wollen in ihrer Liebe erwärmen. Geburt, Geburt nach so me! Sterben! Laßt uns die Liebe der Mutter erben! Wir wollen herein, wir müssen herein und Kinder sein. Sinder... Ein Sind geboren! O Wunder und Zeichen! Die blutende Welt voll Wunden und Leichen ein Sind, ein Sind... hörst du den Ton?... Maria weint über den lebenden Sohn. Sein Stern ist am Himmel aufgesprüht. Leben blüht. Liebe glüht, Himmel und Erde glänzt?» rein. Laßt uns Sinder sein. Erblindet in dunkeln, engen Gelassen, in blnlige Gossen des Todes verstrickt: ha! tröstliches Funkeln aus himmlischer Ferne, den schönsten der Skerne. dos Auge erblickk. Stern der Soldaten, zieh deine« Lauf! heraus! herauf! Kart B r ö g e r. sind gebrochen! Sie loareu zu schwach, um den zerstörenden Gewalten widerstehen zu können. Wohlan, laßt uns helfen, sie stärker zu bauen! Wir wären machtlos? So dachten jene Bewohner des friesischen Ortes Funnix nicht, als in der Weihnachtsnacht des Jahres 1717 die schrecklichste Sturmflut über sie hereinbrach. die an unserer Küste je erlebt wurde. Als alles zugrunde zu gehen drohte, sorgten sie zuerst für die Rettung ihrer Kinder, indem sie achtzig auf zwei Schiffen unterbrachten und die Schiffe treiben ließen. Tie Voter und Mütter, die diese heroische Tat vollbrachten, sind in jener Schreckensnocht zu- gründe gegangen: aber die beiden Schiffe mit den nackten und vungernden Kindern landeten bei Wittmund und waren ge- rettet. Woran dachten jene tapferen Friesen, als sie, den sicheren Tod vor Augen, ihre Kinder auf die einzigen beiden Schisse brachten? An die Zukunft dachten sie! Als die Kinder herangewachsen waren, haben sie mit starken Händen mäcvtig nach Neubau, d. h. das Gras duftet betäubend, aber aus Austrocknung können wir nicht warten. Außerdem ist der Palast io luftig, datz eine BeläubungSgcfahr nickt zu befürckten ist. In einer balben Stunde ist Haus und Platz blitzsauber gemacht, vom Zeltlager werden die Kisten und das fonstige Inventar herüber- geholt. Dann wird da» Zelt niedergelegt, da« grotze Sonnenscgel im Hau« unter das Dach gespannt und fertig ist die Laube. Inzwischen kommen drei von weinen Metzleuten an. die ich morgens zum drei Stunden entfernten Pangani schickte, und bringen Sirauckpalmen mit Wurzeln angeschleppt. Die gtotzen Löcher sind sind schon lange fertig, die Palmen werden eingesetzt und begossen. Ter FeieriagSgarten ist fertig und mutz den Chtistbaum ersetzen. Trotz des nahenden Abends brennt die Sonne noch barbnriich her« nieder, und i'o setze ich mich im Schatten meines neuen HauicS in meinem Palmenbain, um ein bitzchen zu venchnauken, ehe ich stier- liche» Einzug halte... Doch schon naht eilenden Laufes der Weihnachtsmann. Der sieht nun alletdingS anders aus wie zu Haust. Er ist weder alt. noch hat er einen langen Bart, dafür ist er ober hübick schwarz. Trotzdem er nun auch statt des Pelzes nur ein dünnes Hemdchen und kurze Khakihofe trägt, schwitzt er dock unbändig. Bielletckt sind an ferner erhöhten Temperatur auch das Dalli-Plätteistit und die Glühtohlen schuld, die das Paket birgt Beim Ocstnen wird aber auch mir warm und immer wärmer, denn eS war eine nette Bescherung. Die teure Gattin in der Heimai hatte zwar alles ouiö beste erledigt,— aber wie sah dst Geschichte aus. Tie neuen Schniicrstiestln, weitze Jacken, WSiche, Plättciien. Glühkoblen und— 200 Zigarren liegen wie Kraut und Rüden bunt durcheinander, wie zum Hohne umschlungen von den mitgeschickten bnnien Feicrtagsschärpen. Die Dcereiie und die Zolluntersuchung m Tango war dem Päckchen nicht gut bekommen.... Ich ziehe ein. in mein nene« Heim, und führe mir zum Fest- mahl eine gute Pulle zu Gemüt, die auch über den Schmerz hinweg- Helten mutz, datz.Mutter" immer noch in Berlin fitzt. Die trübsinnige Stimmung, die den Einiame« am Weihnacht«- abend in der Heimat sehr leicht überfällt, kommt hier drautzen aber nickt auf. Wahrscheinlich trägt die völlig veränderte Umgebung ihr Teil dazu bei. Meine schwarzen HauSlcute müssen mich erst an dst deutsche Sitte mahmen, datz etwas geschenkt wird. Und da sage noch einer, daß die Schwarzen nicht cmwicklungSfähig wären. und dankbaren Herzen machfigere Deiche gebaut, die das Evbe ihrer Väter zu schützen imstande waren. Auf. und laßt uns desgleichen tun! Auch unser« Zukunft, wir haben es oft gehört, ruht auf den Schultern unserer Jugend. Wohlan, laßt uns die Jugend aus die Schiffe bringen! Auch unser Erbe, das geistige Erbe der Arbeiter- klaffe� muß werterbestehen,„und wenn wir sterben müssen". Danrrt es loeiterbestehe und von dem kommenden Geschlecht nicht nur verwaltet, sondern auch vermehrt werden könne, ge- nüßt es freilich nicht, daß wir das Schiff der Jugend treibe» lasten in der Hoffnung, es werde an irgendeinem glücklickerea Strande landen. Nern, nicht treiben lassen, sondern tüchtig machen gilt es die Arbeiterjugend für die großen und schweren Aufgaben der Zukunft. Die Zerstreuten sammeln, organi- sieren, ibnen Kräfte und Mittel zur Verfügung stellen, damit sie wieder das Bewußtsein gleicher Interessen erhalten und damit die in ihnen ruhenden Kräfte geweckt und geübt werden. Ich weiß, ich weiß:.Jetzt wird man wieder das böse Wort von der Bevormundung der Jugend hervorholen. Das K so lange eine gewissenlose Demagogie, solange man nickt zugleich emen Weg bezeichnen kann, aus dem unsere Jugend völlig selbständig die ihrer harrenden Aufgaben zu lösen ver- mag. Die Spuren schrecken! So viel steht jedenfalls fest: Solange die. erwachsene organisierte Arbeiterschaft der Jugend Rückhalt und Hilfe bot, solange ging es mit unserer Jugendbewegung voran. Ader davon soll hier nicht geredet werden. Die Ausgabe dieser wenigen Zeilen soll es sein, auch an ihrem Teile der organisierten proletarischen Arbeiterschaft zuzurufen: Ver« säumt eure Jugend nicht! Scheut keine Opfer, und seien sie noch so schwer, für die Sammlung und Fortoildung eurer Jugend zu sorgen. Hier liegt eine eurer dringendsten Auf- gaben, deren Vernachlässigung sich bitter rächen würde. Lernt von euren Gegnern! Dort hat man die Bedeutung der Jugend für die Zukunft längst erkannt. Und wenn uns die gewaltigen Mittel, die jene answenden. auch so bald nicht zur Verfügung stehen, an Tatkraft und Opfersinn braucht sich die deutsche Arbeiterklasse von ihren bürgerlichen Gegnern nicht übertreffen zu lassen.—— , Der Stroin der Zeit wälzt brausend und schäumend seine Fluten vorüber. Wir stehen nicht machtlos an seinen Ufern. Air können die wilden Kräfte, die sich heute zerstörend frei- gemacht hoben, bändigen, indem wir sie in ihr geregeltes Bette leiten. Und ein Teil dieser Deichbanarbeit ist auch die Arbeit für unsere Jugend und an unserer Jugend. An die Riemen!—' SraurLubers ttot. Bon Wölfen und Russen v o n E g o n v o n K a p h e r r. ■ Schne ödend kalt saust der Nordost über dst Fläche, wirbelt Wolken mehligen Schnees auf, kreiselt und pfeift, zischt und braust um dst Büsche und zerrt an den schäbigen Wachotderbüschon, die einsam, wie Puppen, im grauweißen Einerlei stehen. Unten am AbHange liegt, ein« dunkle Masse, daS Torf. Rote Lichter flimmern herüber. Jagende Wölken werfen huschende Schatten über be- schneite Dächer, bleich lugt der Mond durch graue Fetzen und Schleier. In weitem Ring herum deS Woldes dunkle Mauer. Gelber Schein nn Westen, der versunlene Tag. Eisig« nordische Wruteruacht. Ein grauer Schatten gleitet durch die Büsche, huscht zwischen den Sträuchern, hinter den.Knick, taucht wieder aus— drüben am Gange. Grauräuber fft'S. der Wie. Und wieder huscht's im Gebüsch, und wieder gleitet's im Strauch— und oben am Hang« steht i»e Rotte grauzottiger Wrnv derer; lieber struppige Rücken webt der Stühm, bläst WS Haar, Ein Jahr später. Wenn daheim die ersten rauhen Lüfte wehen und der gemüt- lickste Aufenthalt in der Nähe deS gut ver'orgten Ofen« ist. längt „drüben* Mutter Sonne an. übergemütltch zu seugctt. Der Oktober läßt, an Hitze rein gar nicht« zu wünläen übrig, so datz die Arbeit im Freien und besonder« am Justtument haiifig wenig ersreulich ist. Ein Feld-Tagespeniüin liegt wieder cinmol hinter uns. In der lieblichsten Glut, gegen Eins, machen wir Schluß. Mit einem aus tiefstem Herzen kommenden„Gott sei Dank' schwing« ich mich auf megieri Jumbo und trabe ab. Im gleichmäßigen Wiegen fange ich bald an zu dösen: Jumbo findet ja allein seinen Weg zum beimischen Stall. Ein halbes Stündchen mag verflossen iein. als wir un« dem Lager eines unserer deul'chen Erdarbeitenunternehmer, des biederen Friesen Sckesiel nähern. Etwas ermnntert schaue ich um mich. Da— was ist das, dicht am Haupigebäudc lau« Slroh natürlich! sehe ich in einer llM' zäur.ung einen kleinen Biersüßler umherrennen. der mich die Augen weit ousreitzen läßt. Das sieht ja beinahe wie ein Schweinchen aus. So ein liebes Biech baben W» ja schon weit über ein Jahr nicht mebr zu Grsichl bekommen. In dem Augenblick tritt bana Sckessel selbst aus seinem Bau berons, um laut aufrulachen, als er mich voll starren Staunens das Ticrckcn belrochien sieht. ,M«n>ch. wo baben Sie denn das Ding her?"—„Ja, mein Lieber, das ist ein Palästina-Schwein." Nun bin ich im Bilde. Zwischen Kilimandscharo und Meru in der Nähe von Aruicha baben sich nämlich Palästma-Deutsche an- gesiedelt, die ollerband nützliches, bis dahin in unterem Strich wenig gefördertes Getier grotzziebcn, Gänse, Schweine usw. So erne» Ableger habe ich nun vor mir. Ich lade mich sofort zum Schweine- braten ein.„Wann wird geschlachtet?' .Zu Weihnachten/ heißt eS.—«ch herrje!— Schön, warte» wir also bis Weihnachten, wenn es nicht anders sein kann. In der nächsten Zeit reite ick nun noch einmal so gern durch SckcsiclS Lager, um zu sehen, was das kleine Borsten'ier macht. Ach. geht das langsam mu dem Wachten. Fressen rur das Ding unheimlich, aber_ wachsen will es anscheinend nicht entsprechend. Eicher ahnt es sein Schicksal wie Hänschcn im Kmiiper Häuschen. Allmählich runden sich aber doch scme Schenkel. Unser vor- geschmack wird immer saftiger. ftäufeß die Wolle, zaust an buschigen, cingeklemmken Ruken, Peitscht weißen Meblstaub an hartrippige, magere Flanken. Und unten liegt in weißer Wüste das Dorf. Rote Lichter blinzeln herüber... Unten im Dorfe bellt ein Hund— eS ift«in fremder, kalter !?on. die» heisere, furchtsame Kläffen. Grauräubors Gehöre Iwslen, der-spitze Windfang zuckt. Weit, weit kamen ste heute her. Ueber das große Moor, durch den Wald waren sie gewandert, hatten den Hofhund des Ansiedlers gerissen, hatten einen Schneehasen gefangen. Was war ixiZ für sechs Woife, die seit Togen Hunger litten... Hier unten gibt's Fraß. Das weiß Grauräubcr, der Alte. Hier ritz er im porigen Jahre den großen Haushund, hier fand die Rotte auf dem Schindanger fo manches Gute. Der Alte wittert, ichmatzt gierig, wäbrend fein Magen knurrt. Leise schleicht die Rotte zu Tal, Tapfen in Tapfen, sorgsam gereibt. Die spitzen Gehöre lauschen, die geschlitzten Seher blinzeln. Wieder kläfft ein Hund, ein zweiter schlägt an in der Dorfstraßc, ein>schlitten fährt läutend vorüber.— Horch— ging da nicht eine Tür? Wie gebannt steht die Rotte am Ünick— alle Köpfe drehen sich zur Seite. Aber eu ist nur der Sturm, der das Tor der alten leeren Scheune zu- wart. Rechts drüben, wo die kahlen Apfelbäume stehen, wohnt Schmul Jacobson, der To-rfsude. Der fährt im Spätherbst meilen- weit umher und den ganzen Winter über. Der lauft gefallenes Vieh auf. verhungerte Stücke, alte Pferde werden ihm hergebrocbi. denn er handelt mit Fellen. Und auf seinem Acker liegen hause,, weise die Kadaver, und am Tage raufen dort die Krähen und lrächzen die Raben und schimpfen die Slftern, und die Hunde zerren an den Knochen. Nachts aber schleicht Rotbeuter aus dem Walde herbei, wenn nicht gerade ein hungriger Dorfköter hier sich verspätete. Grauräuber kennt den Ort. Langsam schleicht er weiter. horchend, spähend, von seiner Familie gefolgt. Hui! wie hier der Nachtwind um die Gcke fegt, daß der Schnee wirbelt und an den Balken der Blockhütte anweht! Hier stinkt's am Zaun— lrei- gestühmt ist der Unrat— hart gefroren. Der Hunger würgt's her- unter. Endlich! Da ist der Anger..... Grauräuberö Lichter werden größer— denn dort, bei den starrenden Rippen des ge- fallenen Gaules, bewegte sich'S. Tie Ruten eingezogen, die Rücken gekrümmt, stehen zwei Hunde am AaS— zerren gefrorcnejSehnen von blassen Knochen, reißen harte Fetzen von magerer Schulter. Geduckt liegt die Rotte, kriecht auseinander..... ..Boschinka, gospodiu, welch ein Wetter!" Der alte Trolim betritt hüstelnd die Hütte. Er legt seine„Dubina". den Knüttel. auf die Bank am Ofen, bekreuzigt sich dreimal vor dem Heiligenbild- in der Ecke und läßt sich stöhnend am Tische nieder...Boschinka, boschinka!"„Man muß die Hunde hereinlassen," grunzt eine fette Stimme vom Ofen. Dann rumpelt es, ein Bein erscheint— ein zweites— und nach einiger Zeit unterscheidet man die hockende Gestalt eines Greises. Umständlich wickelt der alte Wassili'ans Zeitungspapier und„Machorka" eine„Paphros".„Ja— man kann die Hunde hereinlassen." Ein ältliches Weib stellt den damp- ienden Samovar auf den Tisch. Trofim bekreuzigt sich, gießt sich ein Glas voll, beißt ein Stück Zucker ab.„Ach— nein. Laß sie draußen, die ungelauften Tiere"— meinte die alte Anisja.„Ein ichlechier Winter"— grunzt Wassili.„Ja"— meint Trofim und schlürft seinen Tee—„kalt und böse ist's. Hast du gehört, Feodor Antipow hat gestern eine Wolfsspur gesehen."„Ja— die kommen jedes Jahr." � Der Alte hüstelt, kratzt sich den Kopf und kriecht vom Ofen herunter. „Batufebka, Batufchka— wo ist die Manja nur wieder?" „Wohl bei den Burschen"... „Ja— die Spinnstuben, die Spinnstuben. Nur Aerger hat man. Und geheiratet w,rd doch nicht."„Was für ein Wetter— .Boschinka, Boschinka"..... Und der Sturm heult, pfeift um die Ecken, rüttelt an Fenstern pud Firsten, stöbnt und kreischt und— übertönt das Klagen der Hunde auf Schmul Jacobsons Schinderangcr, ihren Todesschrei unter Grauräubers Zäbnen..... Leise gleiten die Schneeschuhe durch den weich« Schnee. Ein heller, klarer Wintertag. still und eisig, folgt« sausendem Siühm. Run ist auch der WeihnackiSabend heran und gegen Mcllag nah, der Bote des Heils mi: einer großen verdeckicn Schüssel, darauf ruhend ein prächtiges Slück des ScbweineleilS. an dein die Beine am dicksten sind. Das österliche Lamm ist im alten Palästina sicher nicht andächtiger begrüßt worden als hier un'er Schweinebraten. Nun dreht sich olles im Lager um das Festmahl. Denn auch Rar- loffelklöße(schlesische oder posenichc) und Sauerkraut flehen in Aussicht. Alles nimmt ein Ende. So auch die sesil,l?eu Zurüsiunaen. Punkt 6 naht die Rüchengarde mit einer slatlüchen Reihe Schimeln in unserem Speisezimmer.(In dem Abteil uniereS Strohhauies, der am Tage zum Aufenthalt als Bureau. Salon usw. dien,.) Aber gerade als die Taielei beginnen soll, gehl ein hmimliiches Festkonzert mit der großen Pauke los. Es beginnt zu regnen. Unser Haus, in zweimal zehn Stunden errichtet, bat kein weireriestes Dach. Nur der Schlafialon ist durch ein darüber gespanntes Segelleinen geschützt. Und so sängt es langsam in un'er Weihnachtsmahl hinein zu regnen. Prost Mahlzeit! Was bleibt übrig? Wir müsse» ziehen. Alle Mann fassen an. und wir wandern mit allem Schönen ins Schlafgemach. Jetzt lassen wir uns aber durch nichts mehr stören. Nur Bor. unser(anaeblick) schottischer Schäferhund, und Nimi, der Dackel-Teckel. sind nicht recht zufrieden. An iehr gute Behandlung mid reichlichen Flciichabsall gewöhnt, machen sie übiese Gcsickler. als es diesmal nur dürfiige Riiöchelchcn sür sie gibt. Es bleibt nicht viel nach. Und so setze ich mich flugs hin und ichreibe bona Schesicl einen heißen Danb Brief. Diesmal sende ich eine kleine WcihnachtSgabe mit. Ein nettes Päckchen voll allerhand Schleckereien. Merkil Du was? Er hat gemerkt! Der Bote kommt umgebend zurück und über- bringt noch ein— schönes Siückchen Karbonade. Ja, es gibt doch noch gute Menschen in— Airika. Jnzwiichen hat sich der Regen wieder'verzogen. Zur eigent- litfien Fcier können wir also in den„Salon" ziehen. Der von der Firma jedem Familienbaushalr mit sümttichem Zubehör gestiftete künstliche Weibnachisbaum ist schon längst auseinandergebogen und luiistgerccht aufgebont und behangen. Nun erstrahlt er im vollen Lichterglanz. Die schwarze Garde wird hereingerusen und mit oller- Hand Rlcinigkeitcn, darunter natürlich Taookpäckchen beschenkt. Auch eine bkanlc Rupie erhält jeder, um sich nachher im Dorfe einen mächtigen Topf Pomde(Hirsebierl zu Gemiite führen zu können. Die beiden Küchenjungen erhalten neue Wäsche und knallrote Westen. über die sie vor Freude strahlend ihr Mündchen bis zu den Ohren ou;reitf-.n. y.afch ist die Gesellschaft verabschiedet. Tür und Fenster werden obgedichtel, indem die Säcke vorgehangen und festgemacht werden. und nun feiern wir beide Großen unicr Weihnachten. Zu schenken haben wir uns nichts, da es ja an Gelegenheit zu Ueberraschungs- einläuren im Busch völlig mangelt, außerdem sind wir Buschleuie ja auch ziemlich bedürfnislos. Wir setzen uns zu unierm Weihnachtsbaum, schauen in das Flimmern der Lichter und— schweigen. Jeder tiäumt iür sich und hängt seinen Gedanken noch. Obne reichhaltigen Woiteausiaui» w sie» wir ja, daß w'r aui gleiche» Bahnen wandeln. Freude darüber, daß wir geiund sind, Tankbarkcil'ür unser anregendes, abwechiclungsreicheS Dasein in unserem Afrika, und— wie immer in derartigen Stimmungen, cui wcniq Sehnsucht nach der Heimat. Als die Lichter perlöicheii, lustwandeln wir noch ein langes beim Scheine der Sterne. Erst als der Himmelswagen seine Deichsel zur Erde senkt. Miuernacht also nahe ist, gehen wir— voll riefen Seelenftiedens— zur Ruhe. Ofstit liegt da? Weiße Buch des Jägers da— leicht zu entziffern sind Zeichen und Schrift dem Kundigen. Schrr, schrr, scher, scher____ Tie Männer dampfen trotz Frost und Schwee. Hier im Gehölz— am Zaun— hinein die Spur. Nur eine schbänt's zu seilt. Doch hier am alten Zaunpfosten teilt sich der Pfad sechsfach: genäßt ward hier. Schrr. schrr..... ein Mann nach rechts, einer nach links. Lautlose Stille ringsum— nur drüben heim Torte krächzt sin Rabe, fern drüben läutet ein Srhlirtcnglöckchen.„Tvinnen" ..... die Männer kommen zusammen, wischen sich die nassen Haare au? der Stirn, trennen sich wieder. Diesmal aber schleifen sie hinter sich lange Schnüre— rote und blaue, gelbe und streifige Fähnchen baumeln daran. Und überall an Busch und Zaun, an Pfosten und Baum machen sie Halt, binden sie's an— bis es überall rings flattert urnd slittert, leuchtet und grellt. Grauräuber liegt im Schnee— neben ihm die Getreuen. War das eine Mahlzeit gewesen! Zwei große Hunde hatten sie gefressen mit Haut und Haar— feine Lieblingsspcise. Lange Zeit zum Klagen Hattert die Armen nicht gehabt: von drei Seiten war die Rufenöe Nacht. Die Glockrn regen ihre erzenen Keulen. Ueber zitternde Brücken die Züge heulen. lauk rufen die Achsen: ..Es ist im Osten ein Tcmnbaum gewachsen; dran blühen die herzen, lauter leidenbleich stille, freudenbong flackernde Menschenherzen!" Die Glocken bäumen sich, stemmen sich ein: ..haltet ein. hallet ein! Ihr frachkel Toren, verblendet, verbannt— verlorene Wandrer im ewigen Sand!" ..Wir tragen fürbaß Schmerz, Kühnheit und haß. Aber nicht lange mehr und wir bringen demütige Sehnsucht daher, die Träume der Menschheit, zu einem verwachsen.. „W e l t w e i h n a ch f i" jauchzen die Achsen. A r t n r Z i ik l c r. «>!!!!>», Rotte drüber her gewesen. Und dann flogen die Fetzen. Und wer noch Hunger halte, fraß sich am roten Gaule voll und sali. Grau- räuberS Scher blinzeln, behaglich räkelt sich der mächtige Leib. Bald wird's Ranzzeit— lustige Zeit. Grauräuber leckt sich lüstern den Fang. Dann schielt er zu der kleinen Wölfin hinüber, die nebenan unterm Fichtenbusche schläft. Ach ja— so satt. Endlich. Nur Haare und die Hinterpfoten und eine große rote Lache hatten sie übriggelassen. Grauräuber duselt wieder ein.... Horch, welch ein Ton! Der Alte fährt in die Höhe. Unruhig «ender er den Kopf hin uno her, rv-ndet.„Poichoool!" Wieder der Ruf:„Poscho-o-o-l!" Tie ganze Rotte ist aus den Lauf«, säbrl durcheinander, rarlos, ängstlich. Grauräuber kennt den Ruf, der da drüben am Felde erklang. Ja— es ist derselbe wie damals, als es so knallte und gelb und rot flarierte, und als es so nach Menschen roch und nach vr-rbrannter Wolle. Langsam, vorsichtig schleichend, mit klopfendem Herzen, schiebt sich der Alte durch Busch und Gestrüpp. Tapfen in Tapsen folgt schleichend die Rotte. Gelb. rot. blau, c3 flattert— wie damals! Zurück? Sieh— hier scheint'S frei zu sein, am Zaun. Näher und näher kommt der entsetzliche Menschenlärm. Ein toeißer Hase saust vorüber— niemand achtet jetzt seiner. Birkhühner schwirren über die Wipfel. Jetzt wieder Der Sternsinger. Eine Titoler Geschichte von Rudolf Grein z. Wenn die Adventzeit gekommen ist. dann geben in de» Tiroler Bergen die Sternsine.er von Dorf zu Dorf und hoch empor bis zu den entlegensten Einödhöfen. Mitunter sind es ihrer drei, die heiligen drei Könige aus dem Morgenland darstellend. Es geht aber auch oft genug nur einer allein. Siels wird dabei ein blecherner Stern an einer boben Stange getragen, der den wunderiamen Stern vor- stellen ioll so dereinstmalen den Weisen aus dem Morgenland ihren Weg zur Weihnachtskrippe wies. Tie Sternsinper bringen die uralten Weihnachts- und Hirten- lieber zu Gehör. Von der heiligen Nacht, vom Ehcislkind im kransen Haar, von dem arauiamen König Hcrodes und seinem erschrecklichen Ende. Dann strömr alles, was im Haus ist, und auch die Nachbars- leule in die Stuben zuiammen, um zu horchen. Ein träsiiger Imbiß. Zelten(Frücbtenbrol). Geielchtes, Speck und obendrauf ein paar Stamperln echter Schnaps lohnen die Kunst der Sternsingcr. Auch bares Geld gibt eS da und dort. Ter Schweniberger Naz ging schon seit vielen Jahren Stern- singen. Dabei war er ein aller Kerl geworden, der jetzt als Ein- leger bei den Bauern lebie. Weihnachten war ieine schönste Zeit. Da gab es zu essen in Hülle und Fülle. Nainentlich zu trinken. Das war dem Naz eigentlich noch viel lieber als das Essen. Von de» Liedern haue der Naz leines vergessen. Da brouckne man ihn nur mit der richtigen Porüon Enzian zu schmieren, dann konnte er loslegen wie ein Oergele(kleine Orgel). Heute hatte der Naz schon verschiedene Einödhöfe abgeklapvert und sich zahlreiche Stamperln Enzian ciiiverleibt. Vor lauter Singen war er ganz heiser geworden. Draußeii herrichte ein Hinideweller. Es schneite riesige Leintücher vom Himmel herab. Dazwischen psiss der eisige scharfe Jockwind, daß eS einem durch Mark und Bern fuhr wie lauter Messerklingen. Der Naz kam gerade vom Doblhofbmiern, dessen Gut droben an der Bergschneide klebte, keck wie ein Schwalbennest. Für heute wollte es der Schweniberger Naz mit dem Singen bleiben lassen und trstchlen. daß er wieder ins Dorf hinunter kam. Beim Doblbofer war es boch hergegangen. Da waren junge lnslige Dirnen im Haus. Denen hatte der Naz auch noch andere Lieder und Schnadahüpfel» zum besten geben müssen, die mit der heiligen Weihnacht nicht das geringste zu tun hatten. Es dämmerte stark. Die Winternach! brach jäh herein. Der Raz smpite den eisigen stellen Bcrgsteig. der durch schüttere Waldbestäiide führte. abwärtS. In seiner rechten Faust irug er die Stange mit dem glitzernden Blechsiern an der Spitze. Die Stange konnte er prächtig als Bergstock brauchen. Es ging jedoch trotz dieier Stütze bald ziemlich mühselig und schwankend voiwäns. Der Naz hatte heute enlschiedcti etwas zu schwer geiaden und war jenes Geiste« voll, der mit dein heiligen Geis: der Ckristnacht nichl verwandt ist. Di« Fuß« waren idm schwer wie Blei. Dabei begann es ibn jämmerlich zu frieren. Es halte sich ein wahrer Schneesturm erhoben. Nur a bisiel rasten, dachte sich der Naz und bockte sich unter einer bochraaenden Fichte nieder, deren Aeste unter der Schneelast seui ien. Ah, daS war gut. Grad' a bissel ausstrecken für em paar Minuieu. Dann würde er gleich wieder bei Kräften sein. Der ver- fl.xie Enzian! Dem Naz wurde auf einmal ganz Wohl und behaglich. Es fror ihn auch nicht mehr so elendig wie beim Gehen. Er schloß unwillkürlich die Augen. Dann nß er sie wieder krampfhaft auf. der Lärm, der bcrhoßie Ruf:„Be-re-gitz!"— ganz wie damals, wie damals, als Grauräuber allein blieb..... In schleichender Kette zum Zaun. Hinüber. Einer in der Spur des anderen. Sing, sing, siß— paff! sitz— paff! Wild fährt die Rotte durcheinander, zurück. Grauräubcr fühlt einen stechenden Schmerz in der.Keule. Die Rute eingeklemmt, die Gehöre angelegt, rast er fort in wilder Haft. Hinter ihm rollt in den Schnee die kleine Wölfin, schlägt mit der Rute, zuckt..... Oben aui dem Hügel hält Grauräuber an. Ruckweises Änun- men. Würgen. Haare, Knochen: Ucberrefte des HunSes von gestern nach:. Erleichtert gcht's weiter. Hinten knallt's und knallt's. Wie damals. Weiter mit brennender Keule in eiligem Trott. Fort, nur fori..... Hier im Gestrüpp wartet die Alte, den ganzen Tag. Wartet, bis das Licht hinter den Hügeln schwand und die Krähen krächzend heimzogen. Er kühlt sich die wunde Keule im Schnee, lclki und leckt und harrt. Keiner kommt, keiner folgte. Er blieb allein— wie damals. Allein, krank und hungrig. Und weiter treibt der alte Wolf, den fernen Hügeln zu, von denen er kam..... Die Maöemie öee planesthmieöer. Von Jonathan Swift. Jonathan Swift, dessen Löst. Geburtstag wir kürz- !;ch begiiwen, ist mit seinem genialen Spott imm�r noch auicklebendig. Zumal in„Gullivers Reisen", das endlich als ein Buch für Erwachsene gewürdigr werden sollte. AuS dem dritten Teil geben wir ein Muitcrstiick Swift- schen Geistes. Sie steh: in der einzigen vollständigen Ausgabe, die wir F. P. Grebe verdanken. Sie ist ein Teil der pierbänd'gen Ausgabe von Swifts Prosaichristen. die bei Erich Reiß erschienen ist und auch einzeln als Feldausgabc zu baben. Diese Akademie besteht nicht aus einem einzigen zusammen- hängenden Bau, sondern aus einer Rothe mehrerer Häuser zu beiden Seiten einer Straße, die man, als sto verödete, anslaufte und zu diesem Zweck verwandie. Ich wurde von dem Vorsteher sehr freundlich ausgenommen und besuchte die Akademie viele Tage nacheinander. Jedes Zimmer enthält einen oder mehrere Pläneschmieder, und ich glaub: nick:, daß ich in weniger als fünfhundert Zimmern gewesen bin. Ter erste, den ich sab, war ein Mann von hagerer Erscheinung mit russigem Gesicht und Händen, langem Haar und einem Bart, der zerzaust und an vielen Stellen verseng! war. Seine Kleider, sein Hemd, seine Haut waren alle von gleicher Farbe. Seit acht Jahren war er mit dem Unternehmen beschäftigt, au? Gurken Sonnenstrahlen zu gewinnen; die wollte er dann in hermetisch verschlossene Flaschen tun und in rauhen, kalten Sommern frei- lassen, damit sie die Lust erwärmten. Er sagte mir, er zweifle nicht daran, daß er in weiteren acht Jahren imstande sein werde, zu mäßigem Preise die Gärten des Statthalters mit Sonnenschein zu versehen: er beklagte sich freilich, daß sein Kapital gering sei; und er flöhte mich an. ihm ern wenig als Ermutigung des Genies zu geben, zumal die Gurken in diesem Jahre sehr teuer gewesen seien. Ich gab tljm ein kleines Geschenk, denn der Graf hatte mich eigens mit Geld versehen, weil cr wußte, daß eS bei ihnen Brauch war, alle, die sie besuchten, anzubetteln. Ich ging in ein zweite? Zimmer, doch war ich bereit, mich eilends wieder zurückznziehcnZda mich ein furchtbarer Gestank fast überwältigt«. Mein Führer schob mich vorwärts, indem er unch flüsternd beschwor, keinen Anstoß zu erregen, denn man würde mir schwer grollen; und deshalb wagte ich nicht einmal, mir die Nase zu verstopfen. Ter Pläneschmieber dieser Zelle war der älteste G: lehrte dieser Akademie; sein Gesicht und sein Bart waren von blassem Gelb; seine Hände und Kleider mit Sehmutz beschmiert. Als ich ihm vorzestellt wurde, umarmte er mick herzlich(ein Kompli- mcktt, von dem ich ihn gern entbunden hätte). Seit seinem Ein- tritt in die Akademke war er damit beschäftigt, e:n Verfahren zu finden, um die menschlichen Exkremente wieder in die Ursprung- liche Nahrung zu verwandeln, indem er die verschiedenen Teile Er kämpfte mit dem Entschlüsse, sich cmporzurassen und seinen Weg weiter sortzuietzen. Aber es war zu fein da. Nur noch a bissel rasten. Ein paar Minuten. Und die Augen fielen ihm wieder zu. Diesmal öffnete er sie nicht mehr. Er schlief ein. Recht behaglich. Recht rubig. Es war Noctir geworden. Tlcic Wintcrnacht. Da rüttelte den Naz jemand an der Schulter. Der alte Sicrnsinger fuhr empor. Er rieb sich die Augen und starrte eine Weile verwirrt vor sich hin. Drei Männer standen vor ihm. Sie trugen schwere, gestickie, königliche Gewänder und in ihren Händen goldene Weibgeicheuke. ,.WaS gtbi'S denn trug der Naz. unwirich darüber, daß er auS seinem prächtigen Schlaf plötzlich aufgeweckt worden war. „Romme mir uns, den Heiland zu suchen'* sagte der erste der Männer. „Ha? Was 1" frug der Schwemberger Naz verständnislos. „Cbrisi ist geboren. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!" sprach der zweite der Männer. „Sell wol!" bestäiigte der?!az zuirieden und einverstanden und erhob sich langiam zu hockender Slcllung.„Wer seid's denn nachher ös?" srug er, indem er die Gruppe interessiert belrachlete. „Wir sind die heiligen drei Könige aus dem Morgenland l" entgegnete ihm der Dritte. „OeS lönirt's an andern für an Narren hallen l" riet der Naz völl!g erbost.„Die heilige drei König'! Daß r nir loch'! Do sein ja schon längst g'ftorben! Die Boaner davon habcn'S>n Nöln! So a Lug'!" „Wir sprechen die Wahrheirl" sagte der Erste ernst und feierlich. „Wir sind nicht gestorben. Wir leben in Ewigkeil wie alle Ge- rechten. Und wir steigen in jeder Weihnacht zur Erde nieder, sichl- bar nur denen, welche die Gnade haben." „Da möckn' i iatz do' wissen, wia i zu der merkwürdigen Gnad' komm'!" bemerkte der Schwemberger Naz spöttisch. „Deine Seele scheider von der Erde und gehet ein zu ihrer ewigen Heimat. Darum siehst du die Tinge zwi'ch.ii Himmel und Erde!" beschied ihn der zweite der drei Männer. Da ging ein liefer Schauer durch den Körper des Naz. und er glaubte ohne wettern Wideripru», waS sie ihm sagten. „Erbebe dich!" forderte ihn der Dritte aus.„Wir wollen zur Krippe pilgern, wo der Heiland aus dem Stroh liegt." Der Naz versuchte empor zu taumeln, sank ober gleich wieder zurück. „I Hab' ja an Rausch!" erklärte er kläglich.-„I kann nit mit «nk zum Kripperl. WaS täten denn Jesus, Maria und Joseph sagen. wenn i siockb'soffner daberkomm'!" Da griff ihm einer der Männer unier die Arme. Ter Schwem- berger Naz erhob sich plötzlich ganz leicht. Völlig junge Füße hatte er, und kräftig fühlte er sich, daß er gleich hätte anfangen können zu raimgeln. Ilnd er ging mir den Weiie» aus dem Morgenland hoch gegen den Berg hinauf. Mitten durch den Schnee. Vor ihnen am Himmel aber ssand ein leuchtender Stern. Der glänzte, daß der Schnee zu ihren Füßen und an der Ferne glitzerte wie laurer Kiistalle. Ss war eine herrliche Nacht. TliS und feierlich. Es schneite nicht mehr. Und der Wmd blies nicht mehr. In den Lünen aber ichwcble eS wie fernes, fernes Srngen. Es war ouÄ nicht mehr kalr. Fast lauwarm wie im Frühjahr. Ter Naz dachte gerade darüber nach, ob das Weller umgeschlagen habe oder ob ihn der Enzian noch so einwärme. Da bubcn die drei Könige zu singen an. Ein alles Lied, da? der Naz wohl lannle und selbst oft gelungen batre. Und cr sanz auS voller Kehle mit. Er war gar nicht mehr heiser.