SS-S»� a.»Ää Iiis AS. Jahrgang. ♦ Nr. 4 Seilage zum �vorwärts" Serliner Voltsblatt öerlin, 27. Januar Tantalus. Irischimfkend hing das Obst, verlockend, rofevfarben Zu seinem Aland herab, der nie die Frucht gench. Und seine breunendheiben Sippen mußten darben, Derweil die kühle Flut des Quelles um ihn floh. Aus seinen Augen brach verzehrende» Begehren. Um den verzerrten Alund stand Wut und weißer Schaum. Die Sonne brannte seinen Leib voll Blut und Schwären. Wild schlug er um sich wie in ew'gem Fiobertraum. Er fühlte heiße Gier scharf in die Seele schneiden. Und uie erfüllte Sehnsucht war seiu bittre» Teil-- Er war ganz Schmerz, ganz Fluch, ganz hoffnungslofes Leiden And stand, verschmachtend stet»— au einem Aleer von hell. Godsrted Hermans. Eine Milliarde für Menschen- glück i von Erich ituttner. ..Meine Herren, wer die Frage der allgemeinen AS- rüstung einmal sachlich und ernsthaft durchdenkt, bis in ihre letzten Konsequenzen durchdenkt, der muh zu der Ueber- zeugung kommen, daß sie unlösbar ist, solange die Menschen Menschen und die Staaten Staaten sind." So sprach in der Reichstagssitzung vom 30. März l911 der deutsche Reichskanzler Bethmann H o l l we g, und der.SimPlizisstmuL", damals noch ein Kampforgan für, nicht wie heute gegen MenfchheitSgedanken, verspottete diese Worte trefflich, indem er einen Kannibalenhäuptling im Rat semer Wikden tiefgründig sagen ließ:«Solange Menschen Menscheu sind, werden Menschen Menschen fressen!" Nach knappen sieben Jahren, mitten im Toben eines Weltkrieges, gibt abermals ein deutscher Reichskanzler vor dem Reichstag folgender Ueberzeugüng Ausdruck: Wie schon früher von uns erklärt wurde, ist der Gedanke einer Rüstungsbeschränkung durchaus diskutabel. Die Finanzlage samt« licher europäischer Staaten nach dem Kriege dürfte eiuer be« friedigeudeu Lösung den wirksamsten Vorschub leisten. Wir bedienen uns dieser Gegenüberstellung nicht, um t erkling vor Bethinann zu preisen. Denn sicher hat 1911 ertling wie damals Bethmann gedacht, und Bethmann sprach 1917 schon ähnlich wie heute tzertling. Unsere Gegenüber- siellung soll nur bezeugen, mit welcher Wucht die Tatsachen des Krieges dem AbrüstungSgedankeu Bahn gebrochen haben. Die Abrüstung, vor dem Kriege außerhalb der Sozial- demokratie und eines kleinen Häusleins bürgerlicher Pazifisten als Utopie belächelt, gehört heute auch für sie Regierung zu den„durchaus diSkutaöeln", im günstigen Sinne lösbaren Fragen, trotz des Weltkrieges— infolge des Weltkrieges! Diese Tatsache schafft der sozialdemokratischen Kulturpolitik eine ungeheure �ukunftS Möglichkeit, namentlich, wenn man sie im Zusammenhang mit einer zweiten betrachtet. Die Sorge aller ernsten Politiker dreht sich neben der Frage, wie den Zerstörungen des Weltkriegs baldigst Einhalt geboten werden kann, um den Wiederaufbau all dessen, was der Krieg verwüstet und vernichtet hat. Und hier steht allem voran die Heilung des aus tausend Wunden blutenden VolkskörperS selber. In der Tat. die Menschenverluste dieses Krieges sind so ungeheuer, daß ein einfaches Gehen- lassen die rein physische Fortentwicklung eines an sich gesundeu Volkes in Frage stellen kann. 1870/71 be- trug unser Verlust an Toten im Heere 28000, heute schreibt er sich siebenstellig. Hinzu kommt die allgemeine Minderung der Geburtenziffer durch("bisher!) ö'/j Jahre, die Erhöhung der Sterblichkeit, die Abnahme der Eheschließunge» und manches andere. Dabei hat der Krieg gleichzeitig mit der ganzen Ein- dringlichkeit seiner harten Tatsachenjprache die Erkenntnis zu Ehren gebracht, auf die sich die ganze sozialdemokratische Lehre gründet, daß die Arbeit und allein die A r b e i't die Erzeugerin aller Werte und Güter ist. Wenn wir von dem Fehlen der ausländischen Rohstoffe absehen, was ist der Mangel und die Teuerung aller Ve- darfsartikel biS hinunter zum Streichholz, Bindfaden oder Nähgarn anders als die Kehrseite davon, daß der l'e i st u n g s f ä h i g st e Teil der werktätigen Bevölkerung seit S'/j Jahren feiert?! Deshalb wird auch die Hebung unserer Produktion nach dem Kriege, unseres Exporthandels usf. anzufangen haben mit der Wiederkrästigung deS VolkSkörpers. Das Bevölkerungsproblem ist das Zentralproblem der gesamten Nachkriegswirtschaft. Uns Sozialdemokraten ist Bevölkerungspolitik uichis Neues. Wir sind vor dem Kriege fast ,hrs einzigen konsequenten Verfechter gewesen. Wir haben den Satz ver- treten, daß jede für Volksgesundheit und Volksertüchtigung ausgegebene Mark die rentabelste Ausgabe ist, die sich h o h e r v e r z i n st als das lukrativste Jndustrteuntsr- nehmen. Wir haben vorgerechnet, wie hoch ein kranker, invalider oder früh sterbender Mensch die GesamtvolkSwirt- fchafl belastet, und welch verhältnismäßig geringer Summen cS oft bedarf, um d e n selben Menschen zu einem schaffende und werterzeugenden Aktivposten der Volkswirtschaft umzugestalten. Meist haben wir tauben Ohren gepredigt. Wie lächerlich gering nehmen sich heute— an den Milliardenausgaben des Krieges gemessen— die einst von uns für bevölkerungspolitische Zwecke geforderten Summen aus. über die aber gleichwohl alle Finanzminister aufkreischten, als habe man den Bankerott des Reichs verlangt, und wegen derer unsere Gegner uns verdächtigten, wir trieben„reine Demon- stratwnspolitik!" Wird man heute überhaupt noch glauben wollen, daß im Jahre 1910 die großzügige, von uns geforderte reichsgesetzlicheGeburtshilfe neb st zwölf- wöchiger Stillgeldgewährung abgelehnt Wurde, weil beides zusammen jährlich 72 Millionen Mark erfordert hätte(die nicht einmal das Reich, sondern Arbeitgeber und-nehmer zu tragen gehabt hätten!). d. h. noch nicht einmal die Kosten eines einzigen Tages Krieg! Diese Forderung bildete nur einen Teil deS gewaltigen Reformprogramms, das die Sozialdemokratie damals zur ReichLversicherungsordnung aufge- stellt hatte, und das, um nur einiges herauszugreifen, den Versicherten bei Krankheit und Unfall den vollen entgangenen Arbeitsverdienst, den Hinterbliebenen der Unsallgclöteten ein Drittel, den Hinterbliebenen sonstiger Versicherter ein Fünftel des Arbeitsver- dien st es ihrer Ernährer sichern wollte. Dieses großartige Reform merk, das hier im einzelnen nicht dargestellt werden kann, glaubte aber der Staatssekretär der Finanzen allein damit widerlegen zu können, daß er vorrechnete, seine Durchführung würde ein Mehr von etwa sieben- hundert Millionen Mark im Jahr erfordern,— heute würden wir sagen: die Kosten einer Woche Krieg! Woran lag diese armselige Knickrigkeit bei Summen, au denen doch das Glück und die Gesundheit von Millionen hing? — Sie kam daher, daß die Rüstungsausgaben fast den ganzen Etat des Reiches auffraßen. Von 300 Millionen Mark im ersten Etatsjahre des Reiches waren sie auf nahezu zwei Milliarden vor Kriegsbeginn angewachsen. Neben diesem AuSgabenkoloß spielten die anderen Ausgaben kaum eine Rolle, nicht nur alls neueingeführten Steuern wurden von ihm aufgesaugt, nein auch das einstige Vermögen des Reiches hatten die Rüstungsausgaben verschlungen und an seilte Stelle eine schwere Schuldenlast gesetzt. Jetzt hat eine deutsche Regierung das Wort„Abrüstung" ausgesprochen. Wir müssen von den zwei Milliarden Rüstungs- ausgaben jährlich herunter. Was aber soll an ihre Stelle treten? Mindestens eine dieser zwei Milliarden müßte jährlich für Zwecke der Bevölkerunqspolitik, für Gesundheit, Kräftigung und Hebung des Volkes ausgegeben werden. Die Summe ist eigentlich noch klein im Verhältnis zu ihrem Zweck. Denn die Bevölkerungspolitik muß nach dem Kriege überall stehen: am Bett der Schwangeren und an der Wiege des Säuglings, bei dem spielenden Kind, bei dem heran- wachsenden Jungblut, bei dem arbeitenden Mann und der sorgenden Frau. Sie hat luft- und lichtlose Mietskasernen wie ländliche Wohnbaracken niederzureißen, um trauliche Heimstätten an ihre Stelle zu setzei?, sie hat die Steinwüsle der Städte mit grünen Oasen zu durchsetzeil. Sie muß in die Werkstätten und Fabriken dringen, den vergiftenden Staub kehren und die Maschinen anhalten, wenn sie den arbeitenden Menschen umzubringen drohen. Jeder Witlve und jeder Waise hat sie beizuspringen, dem Invaliden auf die Beine zu helfen und dem Krüppel eine Stütze zu biete, l. Heilstätten und Krankenhäuser statt Kasernen. Ferienreisen für Proletarier- kinder statt DreadnougthS, Milch für Säuglinge statt Kanonen. Schutz der ledigen Mütter statt Siegesfeiern, daS verstehen wir unter den beiden Worten: Abrüstung und Bevöltcrungs- Politik. Ja wirklich, die eine Milliarde im Jähre wird nicht reichen. Aber seien wir bescheiden für den Anfang, fordern wir alZ Frucht der Abrüstung zunächst nur diese eine K u l t u rmi l(a r d e. diese eine Milliarde für Glück, Gesundheit und Wachstum der Bevölkerung. Sagen wir uns dabei immer ivieder: sie ist da, sie ist leibhaftig vor- Händen, wenn nur d i e A b r ü st u n g z u r T a t w i r d. Und sagen wir denen, welche die Kraft eines Volkes nur in seinen Kanonen und Panzerschiffen erblicken, daß wir zum wahren Brun neu der Volkskraft hinabsteigen, zu jener lebendigen Kraft, die unverwüstlich und unausrottbar ist. wenn mai, sie pflogt anstatt sie zu verschleudern. Unser Weg bedeutet zugleich das Glück des einzelnen wie die Zuk u u f t deS Volkes, von der ein altes tiefes Wort 't: sie ruhe nicht in den Schwertern der Männer, sondern den Schöße il der Mütter. sagt: in Köalbert Stifter. Bon Franz Diederich. Im Flachslande des südlichen Böhmens war er geboren, seiu Leben ist innerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle verlaufen und auch sein Dichten hat sich treulich fast ganz an die österreichische Heimat gehalten. Aber welcher österreichische Poet ist so schnell ivie er durch ganz Deutschland gedrungen! Cr hat es wirklich zur BolkS- tstmlichkeit gebracht, und als vor nunmehr zwanzig Iahren die dreißigjährig« Schutzfrist abgelaufen war, machten sich alsbald Verleger und Leitungen über seine Erzählungen ber, und dies« Luft, ihn nachzudrucken, ist geblieben bis zum beutigen Tage, an dem fünfzig Jahre feit feinem Tode verstrichen find. Wie das kommen konnte? Er ist als Dichter keineswegs ein Gewalliger vor dem Herrn, aber fein dichterisches Antlitz ist voll Freundlichkeit. voll Gesundheit, voll Genießerlust, und diese? Wesen hat zugleich auch vieder so viel bescheidenes Selbstbefchränken. RichtS Titanisches ist an ihm. nicht einmal ein Empfinden für das Titanische. Die grollenden Stürmer und Grübler seinerzeit begreift er nicht, er setzt sich sogar prinzipiell gegen sie. Er ist im Grund ein zu- frieden« Mensch, der dem Glaubenssatz huldigt und ihm auch wirk- lich nachlebt: daß man aus der kleinsten Blüte Honig saugen könne. Also seine Zufriedenheit ist kein entartetes lächelnde» Verzichten auf Lebensfreud«, sondern will im Gegenteil überall auf daS Glück im Erkennen, Preisen und Verteidigen deS Schönen hinaus. Er will menschliche Klarheit und Vollkommenheit um sich sehen und würdigt alle« unter dem Gesichtswinkel einer Sittlichkeit, die ihm durch ewiges Weltgesetz festgelegt erscheint und zum Kern einer ehrlichen Religiosität wird..Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem hctteren. gelassenen Streben halte ich für groß; mächtige Bewegungen des Gemüts, furchtbar einherrollender Zorn, ein ent- zündet« Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft. halte ich nicht für großer, sondern kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringunge» einzelner und einseitiger Kräfte find wie Stürme. Erdbeben, feuerspeiende Berge. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Leben geleitet wird." So heißt eS im Vorwort zu den.Bunten Steinen", und aus diesen Zügen wird die große Volkstümlichkeit erklärlich, die er zu Lebzeiten genoß: er war der Typus des zufriedenen gebildeten Kleinbürgers der vor- und nachmärzlichen Zeit. Er ist nicht ein Bahnbrecher des Neuen, er ist ein Nachhall und Ausklang des Vergangenen. Klassik und Romantik zittern in sein Bedürfnis, zu ver- ehren, und in sein Schaffen hinein. Er ist ein Teil jener geistigen Unterströmung in den breiteren bürgerlichen Schichten, die die großen geistigen Bewegungen erst zu empfinden begannen, als sie geschichtlich bereits vorübergerauscht waren und nur noch traditionell ins Leben herüberwirkten. Der deutsche Kleinbürger deS vergangenen Jahrhunderts hat keine eigene, hervorstechende geistige Bedeutsamkeit; et hält am „guten Alten" fest und mischt die Element« diese».guten Alten' so zusammen, daß ei» Elixier herauskommt, wie«'S für sein konservativ ruheseligeZ Gemüt braucht. So lebt in Stifters Poesie der alte Schweizer Jdyllein'chwärmer und der naturkromme Ritzebütteler Amtmann BrockeS, der Dichter des vielbändigen»Irdischen Ver- gnügens in Gott"; und Jean Paul, der postkutschengemächliche Menschensteund und Naturempfinder, lebt darin, und von allem, was in Klassik und Romantik nicht düster und himmelstürmend war, hat er sein Teilchen Leben. So kommt es, daß er, der die kleine Wirklichkeit der Welt so gut zu sehen und künstlerisch zu würdigen und festzuhalten wußte. romantische und realistische Züge so innig in sich mischt, daß man ihn weder«inen Romantiker noch einen Realisten nennen kann. Er wußte sicher viel vom Menschen und hat Beweis« gegeben, daß er von Seelenkennnschäft etwa? verstand, ab« er war doch vor allem der Dichter der Natur, in dessen Werken der Mensch selber hinter dem. was er um sich her so scharf und farbig sah, schemenhaft zurücktrat. Er hat die Natur niit den Augen Ludwig Richters, des lieben Malers und Zeichner? der deutschen kleinbürger- licben Welt, geliebt, stand als Poet um ein beträchtliches Stück über seinem dorfgeschichtelnden Zeitgenossen Berthold Auerbach, aber über ihn selbst geht dann die Entwicklung der Literatur. den Menschen in der Natur erobernd, weiter und sie reift— fühl- bar auch durch den Einfluß Stisterschen Schaffens— Dichter w.e Storm und Rosegger. Das große dichterische Wollen und Stürmen, das neben dieser Linie die Zeit bewegte, hat Stifter nicht in seinen Kreis gezogen: es stieß ihn ab, ihn, dessen Leben auch keinen jungen Sturm und Drang kannte. Ein Wort von ihm lautet:.Ein Mann, der Gefühl hat, ist stark genug, nicht in das. wo er die Schönheit Gottes und der Welt darstellen will, seine Ansichten über den Zollverein einzumischen." Die Schriftsteller vom Jungen Deutschland der dreißiger Jahrn, die Gutzkow und Laube, mckchten solchermaßen absichtsvoll politische Erwägungen in ihre Romane. Dem wilden zügellosen Jungen Deutschland aber war Stifter von ganz« Seele abgeneigt, und so hat er nach dem Märzjahr auch für den Dichter der kleinbürgerlichen Lebenstragik, für Friedrich Hebbels gigantische Wucht, lein künstlerisches und auch kein menschliches Verständnis be- wiesen. An Stifters Haltung kann man geradezu lernen, weshalb jene Zeit der fünfziger und sechziger Jahre einen Hebbel bei Seite liegen ließ. Stifter steht immer ruhig auSgenießend zwischen de» Extremen; er lehnt hier den gcfühlssüßlich katholisierenden Amaranth-Dichter Redwitz und ebenso die verwaschene VolkSstückschreiberei ab, und verwirst dort den trockenen bürgerlichen Realisten Freytag, der ihm zu sehr Techniker»nd zu wenig Poet war und dessen Roman.Soll und Haben" ihm als.Leihbibliothelfutter" galt. Der kleinbürgerliche Dichter forderte Gefübl, aber er lehnte jede Ueberschwenglichkeit— er ipricht von pausbäckiger Poesie— unerbittlich ab: et mochte weder siedeheiß noch eiskalt leiden, und dazu und zu seinem klein- bürgerlichen SittlichkoitSideal insbesondere stimmt denn auch, daß er wohl die Antike, aber nicht deren Nacktheit liebte. So war er auch den politischen Ereignissen sein« Zeit gegen- über gestimmt. Pom prinzipiellen Liberalismus der vormärzlichen Zeit wollte er nichts wissen; der war ihm zu einseitig und ober- flächlich, und er stellte sich auf die Seite derer, die diesen Vormärz- ltche» Liberalismus für die achtundvierzig« Revolution, die ihnen gar nicht nach Geschmack war. verantwortlich machten und aus dem Scheitern der Revolution nichts als eine erbärmliche Blamage jener Richtmig cutnahmen. Er beteiligte sich nicht offen an der politischen Bewegung, aber daS bedeutete nicht, daß er mit dem Handeln des herrschenden Systems absolut einverstanden gewesen wäre. Er tadelte, aber nicht öffentlich, und wiederum stellte er sich andererseits gegen den proletarischen Schrecken. der ihn vor der Möglichkeit ein«? hereinbrechenden»andern Hunnen- zuge»" bangen ließ. Er war vom Schlags des honetten Bürger-?. der oppositionelle Gefühle spürt, aber in den Bürgerweyrrock schlüpft und vor der anrückenden Konterrevolution die Flnite präsentiert. Wer wie Stifter so sehr aus künstlerischem Prinzip gegen alles Laute, Große, Leidenschaftliche protestierte, konnte steilich auch kein Verständnis habe« für die geschichtliche vedeutmiff. M w der rrtoIitHonSren Wildheit verelendeter Proletarier und verelendender Kleinbürger zuckle. Solche Leute ,'nbeii eben nur eine kulturlose Masse und bangten um die geheiligte Kulturordnung. die in ihrcin Hirne spukte. Sie hatten kein Talent zur politischen Tätigkeit, und wo sie sich schon einmal nuss politische Gebiet wagten, ernteten sie nichts als Fiasko nach äugen und Lcbcnsverbitterung nach innen. Es war ganz logisch, dag diese vcrängsteten, idealgesinnten Elemente sich der Aufgabe der Volkserziehung zuwandten. So eben auch Adalbert Stifter. Man gab ihm— denn populäre Namen brauchte man— ein staatliches Anrt. Die Stelle als Gymnasialschulrat für Wien und Unterösterreich wurde ihm von obenher angetragen; er dankte, erklärte aber, die Inspektion der Volksschulen sei ihm lieber, und der Wunsch wurde ihm denn auch nach etlichem Zögern erfüllt(1850). Er nahm seine Sache sehr ernst. Ein paar Sätze beweisen das. Er schrieb 1319 in einem Briefe:„Jetzt nimmt man allerlei Anläufe, aber das oberste Prinzip steht noch nirgends fest, daß nämlich Erziehung die erste und heiligste Pflicht des Staates ist, denn darum haben wir ja den Staat, das; wir in ihm Menschen feien, und darum musz er uns zu Menschen machen, das; er Staatsbürger habe, und ein Staat sei keine Strafanstalt, in der man immer Kanonen braucht, datz die wilden Tiere nicht lo-Z- brechen." Und dann ein anderes Wort:„Die Natur erzieht und bildet den Menschen nicht durch Mohregeln, und wenn der Staat Menschen erziehen will, so kann er es auch nicht durch Mah» regeln, sondern nur durch Menschen, die schon etwas sind; dann muh er sie ober auch etwas gelten lassen." Der gute Stifter aber, der dem Ilebel so ehrlich zu Leibe wollte, erlebte das grade Gegen- teil. Das Elend der Landschulhäuser, das er so treulich geschildert bat, blieb; in einem fruchtlosen Arbeiten vergeudete sich seine Kraft Dummheit. Engherzigkeit und Kriecherei schwammen obenauf. Ein Lesebuch, das Stifter geschaffen, wurde, weil cS nicht in katholischem Geiste geschrieben sei sStifier war katholisch), ministeriell beseitigt. Grillparzer prägte das Epigramm: Hört ihr Leute, laht euch sagen: Der Kultus hat den Unterricht erschlagen T Und Stifter seufzte 1859:„Freiheit von amtlicher Zwangsarbeit wäre mir das ersehnteste Labsal; Zwangsarbeit aber nenne ich es, wenn ich klar Wahres verleugnen, dem Gegenteile mich schweigend sögen und eS fördern mutz." Er ertrug diesen Zustand freilich immer noch jahrelang; ein getreuer Untertan blieb er, und zum Politiker, der eine offene Tat wagte, machte ihn auch die Zwangs- läge nicht. Auch das gehört zum Bilde dieses Mannes, der für das geschichtliche Wesen der gesellschaftlichen Hemmnisse, die sich zwischen Ideal und Wirklichkeit drängten, so gänzlich blind war. Diese ge- sellschastlichen Verhältnisse entgingen seinem Auge, ivcil er den Blick von der Masse der unvollkommenen Menschen um sich her abwandt- und ehrfurchts- und sehnsuchtsvoll nur auf ein paar„einzelnstehende große und gute Menschen" einstellte. Und hier ist auch der Schlüssel zu einer wichtigen Seite seiner Dichtungen— der Erzählungen und Romane— gefunden: er liebte die Natur, deren begnadeter Dichter er war, und er sah in ihr die Menschen nicht als Gcsellschaflswesen, sondern als Naturwesen. Er sagte einmal, er wende sich an einfache Leute, weil sie der Natur näher stünden. Dieses Wort verrät eben, was er im Menschen dichterisch suchte und gestalten wollte. In seinen besten Arbeiten wachsen die Menschen, denen die größte Liebe seiner Arbeit gilt, wie die schönsten Blumen inmitten der waldigen und heidigen Welt. Man denkt an Waldbilder von Schwind, auf denen auch eine Genovefa. ein Einßedler zum Erzeugnis der Wald- und FelSlaudschaft wird, die sie umgibt. Hebbel, der von Stifter gesagt hat,„er möchte fich am liebsten in ein Lerchennest verkriechen", hat ein Epigramm ge- schrieben:„Die alten Naturdichter und die neuen"; es lautet: „Wißt ihr, warum euch die Käfer, die Butterblumen so glühen? Weil ihr die Menschen nicht kennt, weil ihr die Sterne nicht sebt! Schautet ihr tief in die Herzen, wie könntet ihr schwärmen für Käfer? Säht ihr das Sonnensystem, sagt doch, was wär' euch ein Strauß'k Aber das mutzte so sein; damit ihr das Kleine vortrefflich Liefertet, bat die Natur klug euch das Große entrückt.") Die Zdtmafthme. Van Friedrich K a r i n t h y. LuS dem Ungarischen von Stefan I. Klein. H. S. WellS ausgozeichnctc Entdeckung, die Zeitmaschine. hielt vor dem Hause an. Rasch sprang ich in den Wagen und schaltete den Motor nach rückwärts ein. Die Räder setzten sich surrend in Bewegung; die Luftschraube begann sich mit toller Geschwindigkeit zu drehen. Wir verharrten auf einem Platz, doch wußte ich, daß wir reisen: die zeitweil'snde Uhr klirrte beftig. Stunden und Tage liefen in einigen Augenblicken den Kreis ab: in einer Minute zeigte der Jahreszeiger 1916. in der nächsten 1915. Noch eine Windung des Steuerrades... 1914... Oktober... September... August... Juli... 28... 26... 24... stopp! Wir sind an Ort und Stelle. Ein Aechgen, die Maschine blieb stehen. Ich sprang aus dein Wagen und blickte mich um. Wir standen auf der gleichen Stelle wie vorher— doch welche Veränderung! Auf der Ringstraße brennen gleißend die Bogen- lampen, halbleere Trams sausen dahin. Aus dem Fenster eines Cafäs schaute mich neugierig ein Herr im Flancllanzng an: vor ihm auf dem Tisch eine Taste Kaffee mit Sahne, zwei Kaifersemmeln und ein Stück Kuchen— iner erinnert sich noch an Kuchen? Für einen Augenblick inard ich von' dem Schwall der auf mich niederstürzenden Erinnerungen betäubt— doch fiel mix dann ein, daß ich in dieses vergangene Reich der Zeit nicht gekommen sei, um zu träumen. Ich habe hier eine wich- tige und dringende Angelegenheit zu erledigen und muß in einer Stunde zurückfahren, denn ich bekam die Maschine bloß bis sechs geliehen. An die Arbeit also, rasch!. Keine Minute vertrödeln; jetzt beißt es tüchtig das Gehirn einspannen: wo mag jener Herr sein, den ich suche? Daheim schwerlich; es ist halb fünf — vor vier Jahren pflegte ich um diese Zeit in, Cafs Paris zu sitzen, hinten in einer Loge. Ich sprang aus die Tram und stieg in einigen Minuten ans. Meine Ahnung trog- mich nicht: ich erkannte mich be- rcits durchs Fenster. Ich saß auf meinem Stammplatz: mein Haar ist etwas dichter und mein Gesicht um zehn Jahre jünger. Ich schrieb gerade etwas. Keuchend stürzte ich hinein und setzte mich, mir gegenüber. an den Tisch. I ch aus dem Jahre 1918: Servus! Bitte, wundere Dich nicht lange, ich habe wenig Zeit. Muß mit Dir dringend sprechen. Das g!ng aucki aus Stifter, und Stifter selbst faßte in seinem breiten Romanwerk„Nachsommer" sein Programm in die Worte: „DaS Große ist mir klein, das Kleine ist mir groß." So aber ist es wirklich: seine Ausflüge auf das Gebiet des geschichtlichen Romans, die ins Große gehen sollten, sind künstlerisch nur klein geblieben. Die kleiner gefaßten Erzählungen, die man als„Studien"(1849) und„Bunte Steine" kennt, enthalten aber jene Stücke, die des Dichters ausdauernde Kunst verkörpern. Sie sind die Form, in der der garize Mensch Stifter mit seiner schönheitsfrohe» Naturseligleit aufgehen konnte, und die eben deshalb auch heute uoch wirken. Menschliche Echtheit ist der Magnet, der au-s ihnen wirkt. Stifters Ziel war:„guten Menschen eine gute Stunde zir bereiten.„Wer sehnt sich nicht nach solchen Stunden in unseres Lebens wirbelnder, tosender Unrast? Wir finden sie draußen vor den Stadtgrenzen in Feld und Wald. Nun, und auch Stifter, der Dichter seincr böhmischen Waldhcimat, führt uns hinein in diese grüne, heimliche reiche Welt, die so viel Genesungskräfte in sich birgt. Und wieder einmal mehr, als heute möglich ist, sie an uns erweisen wird. V' Volksbühne: Kleists»hermannschlacht". Keines feiner Dramen sah Heinrich von Kleist auf einer Bühne; auch nicht„Die Hermanuschlacht". Erst 67 Jahre nach Entstehung wurde dies Werk aufgeführt. Außer damals doch sehr schwer über- windbaren AufführungSschwicrigkeiten technischer Art hatte man noch schwcrerwiegendc Bedenken wegen politischer Anspielmrgen auf historische Vorgänge der Zci nach dem unglücklich verlaufenen Feld- zuge von 1866/7. Denn Kleist bat in einzelnen Fürsten Alt- Germaniens die Uneinigkeit aus egoistischen Beweggründen, ja selbst ein Beispiel erdärmlichstcr Verräterei an der deutschen Volkssache mit scharfen Worten gegeißelt. Eins ist sicher:Der feurige Atem der Sprache, der glühende Haß gegen alles, ivnS Usurpator heißt, und der hin- reißende Patriotismus machen daS EheruSker-Drama über seine Zeit hinaus lcbensstark. Die Wiederaufführung in der Volksbühne zeugte davon. Freilich: Max Reinhardt sieht dahinter. Was besage» will, daß Kleists gewaltige Dichtung im Geiste ihres genialen Schöpfers mit dem Hauche der Modernität erfüllt wurde. Selbst- verständlich erschauen loir da Bilder einer meisterhafte» Regiekunst im Kleinen und Großen, wie beispielsweise die Volksszenen. Gleichfalls bewundernswert ist das Tempo und der Rhythmus, in denen sich die Handlung einrollt. Aber was uns als das Merl- würdigste erscheint: alle„Mciningem", alle hoble Deklamation, aller verlogene JdealijieruiigS-KrimskramS ist gründlich abgetan. Vielleicht zum ersten Male sehen loir eine Germanin, TbuSnelda, ohne die traditionelle bis beinahe auf die Füße herabfallende stroh- gelbe Haannähne hoflhcatermäßigcr Heroinen. Und Auguste PünköSdy zeigt sich so. Ihr Austreten befremdet zunächst. Ihr Bestes hat sie von der wildherzigen Weib- natur in„Weh dem, der lügt" auf die ThuSuelda übertragen. Sie wirft am stärksten allemal da wo sie nur rasseweiblichen Instinkt und unbändige Leidenschast äußern darf. Prächtig war die Neckerei im zweiten Akt. Mehrfach aber vergriff sie sich. Nickt genug, daß ihr ungarisches Naturell und auch der ungarische Anlaut ziemlich weit weg vom CheruSlerlande führen. Wenn sie da im Schlußakt weinend und lamentierend um das Leben des Ventidius und Crassus bettelt, so wirkt das reckt unpsychologiich. Wäre Wort und Spiel mehr auf warmherzig abschmeichelnde Zurück- Haltung abgetönt, so würde das viel treffender zeichnen. Bruno D e c a r l i war ein guter Hermann; er charakterisierte aus der jeweiligen Situation heraus in Gebärde und Sprechweise. Noch einige vortrefflich gelungene Gestalten waren VentidiuS(Ernst Deutsch), OuintiliuS Varus(v. Wintersteiu), Marbod(Diegelmann), Theuthold(Werner Krauß). Die Vertreterin der Alraune aber gab eine theaterübliche Hexe, Zigeunerin oder dergleichen. Heber- haupi wird so mancher Mißilang erst noch zu beseitigen, so manche dichterische Feinheit erst noch herauszuholen sein. Ueber die kraffe Szene, wo Thusnelda den Ventidius herzlos durch die wildhungrige I ch a. d. I. 1914(Scharrt aus, ist etwas erstaunt, jedoch nicht schr): Ei... hm... wo habe ich Sie schon einmal gesehen? Ich a. d. I. 1918: Nirgends. Du kennst mich nicht, doch ich kenne Dich gut. Es ist aber jetzt nicht hiervon die Rede. I ch a. d. I. 1914(Zuckt die Achsel): Mir ists einerlei. Doch könntest Du vielleicht später kommen, denn ich arbeite jetzt, wie Tu siehst... Ich a. d. I. 1918: Was arbeitest Du, Unglücksmensch? Ich a. d. I. 1914: Ich schreibe ein humoristisches Kroki. Eine doll witzige Sache. Hör doch zu.(Lesend):„Im heurigen Winter gibt es so lvenig Kohle, daß ich einem Reichsratsab- geordneten begegnet bin, der selbst das Wäglein führte, um das Heizmaterial bestimmt in den Keller zu bekommen." (Gröhlend): Das ist doch gilt, was? Ich a. d. I. 1918(Erstaunt): Das soll ein Witz sein? Ich a. d. I. 1914: Das ist doch nichts weiter? Weiter unten schreibe ich, es sei dies nicht mehr auszuhalten, man verlange für eine Spule Zwirn zwölf Kronen.(Lachend): Das ist doch gut? Jch�a. d. I. 1918: Das soll humoristisch sein? Ich. a. d. I. 1914: Dann hör weiter. Am Schluß des Kroki tritt ein Jude auf, �als... hahaha... cchals... hö... hö... hö... als rusiffcher... ha... ha... hö... hahö... ach meine Seite... aah als russischer Mi- nisterpräfident...(Erstickt fast vor Lachen.) Ich a. d. I. 1918(Boll Mitleid): Na. mein Sohn, ich kann Dir sagen, ich habe mich binnen vier Jahren sehr entwickelt. Doch wollte ich Dir nicht dies mitteilen. Laß das Schreiben. Ich a. d. I. 1914: Aber! Ich a. d. I. 1918: Hast Du denn nichts von der Kriegs- erklärung gehört?! Ich o. d. I. 1914(Abwehrend): Doch! Wir marschieren in Serbien ein, und Schluß. In drei Wochen ist wieder alles in Ordnung. Ich a. d. I. 1918; Glaubst Tu? Ich bin anderer Mci- nung. I ch a. d. I. 1914: Laß Dich nicht auslachen! Du kannst Dir im zwanzigsten Jahrhundert einen Krieg vorstellen, der länger als zwei Monate dauert? Bei den heutigen Errungen- schaften der Technik? Im Zeitalter der Zweiundvierziger? (Uebevlegen): Uebrigens hält Europa den Krieg auch Wirt- schaftlich nicht länger als ein halbes Jahr aus. Ich a. d. I. 1918(Schlucke mächug): Na gut. Lassen wir vielleicht licbcr das Politisieren. Ich will Dir etwas Wichtigeres sagen: Kaufe Fett! Ich a. d. I. 1914(Mit weit rnrfeerissewm Augen): Bist Du verrückt geworden? Bärin zerreißen läßt, kommt hos Gefühl nicht ohne abwehrende Auflehnung hinaus. Man muß die Szene nehmen, wie sie gegeben ist. Sie bleibt ein peinlicher Knalleffekt. Daran kann keine Regie etwa? ändern. ek. Sprache unö Kultur Ser Weißrussen. Die Räteregieruug Rußlands hat auch den Weißrussen aus- drllcklich das Selbstbestimmungsrecht verliehen. Die weitzrusüsche Sprache, die sich vom Großrussischen in ähn- lichem Verhältnis unterscheidet wie das Däniilbc vom Schwedischen, nimm; gewisiermaßen eine Mitielstuie zwischen dem Ukrainischen und dem Großrussischen ein, nähert sich aber mehr dem letzteren. Die weißrussische Sprache war Amtssprache in Litauen während der Regierung des Großfürsten Olgerd(1311—1377) und blieb es auch nach der Errichtung der polnisäi-litauisSen Union bis zu Stepban Bathori(1576— 1586). In weißruisischer Sprache wurden die Gesetzbücher Litauens, die sogenannten„Statuten", herausgegeben. Die Berührung mit Polen war jedoch für die kulturelle Eni- Wicklung der weißrussischen Nation verhängnisvoll. Die Bolls- maiscn der Weißrussen bewahrten wobl ihre eigenartigen Sitten und Gebräuckie: ihre Sprache aber und ihre mündlich überlieferten Lieder und Mären verfielen, namentlich bei den höheren Klaffen, der Polonisierung. Als die Weißrussen dann unter russische Herr« schaft kamen, waren sie wieder der Russiftzicrung ausgesetzt. Die vom Ende des 16. und vom Anfang des 17. Jahrhunderts stamniende weißrussische Literatur wurde von der russischen Re- gierung verboten. Sogar Gebetbuch und Katechismus durften in der weißrussischen Sprache nicht mehr erscheinen. So wurde zum Beispiel der volkstümliche Dichter Franz Bokuszcwicz gezwungen, seine Gedichtsammlung, darunter auch die beliebteste, den«Weiß- russischen Dudelsack", im Auslande zu verlegen; von hier au? wurden die Dichtungen nach Weißrußland eingeschmuggelt. Erst als im Jahre 1962 in Petersburg zur Vorbereitung der weiß- russischen nationalen Wiedergeburt die„Weißrussische BolkSbildurigs« gescllschast" gegründet wurde, begann das gedruckte Wort feine Wirkung in Weißrußland ausznllben. Im Jahre 1963-bildete sich bereits der„Weißrussische sozio- listische Bund" als erste weißrussische revolulionäre Organisation, die schon damals u. a. die kulturelle Autonomie für Weißrußland verlangte. Während der ersten russischen Revolution vom Jahre 1965 bildete sich der„Weißrussische Bauernbund", der bereits von der ersten Reichsduma das Selbstbestimmungsrecht forderte. Im Jahre 1966 begann die erste in lateinischen und russischen Settern gedruckte, gesetzlich erlaubte weißrussische Zeitung„Rasza Dolo"(„Unser Los") in Wilna zu erscheinen; ihr folgte bald die Zeitung„Rasza Niwa"(„Unser Ackerfeld"). 1966 wurde in Peters- bürg auch ein weißrussischer Volksverlag gegründet.'der'eine Reihe kleiner Lehrbücher herausgab. Trotz der unterdessen eingetretenen Reaktion organisierten sich die weißruifischen Vollsschultehrer in einem„Weiß- russischen Lehrerverband". Und es wurde eine Reihe„halblegaler" Privotschulen mit weißruisischer Unterrichtssprache gegründet. Trotz der starken VerrussungSversuche schritt die weißrussische Kultur- bewegung immer kräftiger vorwärts. Es traten in der weiß- russischen Literatur immer neue Kräfte in den Bordergrund, von denen besonders die talentvollen Volksdichter Jakob KokaS, ein Volksschullehrer, und Janka Kupalä, ein einfacher Arbeiter, zu nennen sind. Ende 1916 verlangten die Weißrussen, daß ihnen ge- stattet werde, in Witebsi ein« eigene Universität zu gründen. Die Juden in Lettland. Zu dem Aufsatz„Lettland" von RigensiS (Nr. 1 des„Sonntag") werden wir durch verschiedene Zuschriften daraus aufmerksam gemacht, daß der von der Statlstik als„analpha- betisch" bezeichnete Teil der jüdischen Bevölkerung gleichfalls lesen und schreiben kann, nämlich in hebräischen Lettern. Notizen. — Deutsch eS Opernhaus. MeherbeerS„Hugenotten" werden nächsten Dienstag, abends 6'/„ Uhr, in neuer Einrichtung erstmals autgeführt. — Der heilige Antonius ans Reisen. Zum Schutz- vor den Fliegergerahren sind die Reliquien deS heiligen Antonius aus Padua nach Rom überführt worden. — Zufriedenheit. Eine neue Bestimmung dieses Be- griffs spendet Ernst Markwart in der neuesten Münchener „Jugend", nämlich: Zufriedenheit ist der Verdauungszustand einer Bestie. I ch a. d. I. 1918(Im Fieber): Kaufe Fett, zehn KUo, wenn nicht mehr, und hebe es auf! Kaufe Leder! Kaufe Zwirn! Kaufe Seife! Kauf, was Du willst, aber kauf! Kaufe Gummiarabikum! Kaufe Elsenschwarz! Ich a. d. I. 1914(Befremdet): Bist Du verrückt gewor- den? Laß mich in Ruhe! Ich a. d. I. 1918(Den Tränen nah«):£), Du Esel! Willst Tu mich denn nicht perstehen?! Kaufe Bahnen! Kaufe Zitronen! Kaufe Hufeisennägel! Ich a. d. I. 1914(Wütend): Aber jetzt scher Dich schon wirklich zum Teufel und laß mich arbeiten!(Nimmt die Feder in die Hand.) Ich a. d. I. 1918(Terzwei-fel-t, ihm das Papier unter der Hand fortreißend): Unglücklicher, willst Du mich zugrunde richten?! Beschreibe wenigstens dieses Papier nicht, sondern lege es beiseite, bebe es rein auf,— Du wirst damit, be- zichungSweise ich werde damit im Jahre 1918 mehr verdienen, als Du jetzt für das Kroki bekommen wirst! Ich o. d. I. 1914(Wütend): Ich empfehle mich!(Fährt von seinem Sitz auf und stürzt aus dem Cafe.) I ch a. d. I. 1918(Entsagend): Nun gut. Du Schuft! Hast Dich ja niemals um mich gekümmert! Ich kehre ins Jahr 1918 zurück— als armer Mann. Parabel. Ter eine hieß Bauer, der andere hieß Beck— Sie sagten zu allem:„'S hat ja doch keinen Zweck.- „Wozu fich ereifern!" belehrte m,ch Bauer. „Was Sinn und Verstand hat. ist niemals von Dauer. Zehn Meister mögen ein Werk Dir schweißen. E i n Eiel genügt, um eS niederzureißen. Denn nur um volle Krippen und Raufen Dreht fich die Welt und der große Haufen." „Ein Narr mag fich plagen I' verhöhnte mich Beck. „Du predigst den Tauben. Du kommst nicht vom Fleck Und wirst mit all Deinem Grübeln und Flennen Wohl auch kein Loch in den Himmel brennen.— Sieh den betrunkenen Fuhrmann dort! Die Zügel schleifen— so geht es fort. Da? blinde Schicksal hockt aus dem Bock. Wohin die Fahrt? Ueber Stein und Stock, Vielleicht in den Graben, vielleicht über Leichen; Am End liegt er selbst unter Husen und Speichen. Das ist- in Bild von der Welten Laus i.. Ich hatte kaum das Gefährt entdeckt, So lief ich und hielt die Rosse auf Und habe den trunkenen Lenker geweckt. Paul SU-