3S. Jahrgang. ♦ Nr. 5 Seilage zum»vorwärts" berliner Volksblatt SerUn, Z. Februar 191S In allen Stürmen fest am Steuer! 3ü allen Stürmen fest am Steuer! Sewachfen aus öes öootes holz! In allem Tosen ungeheuer Eiserne Ruh See Zauste Stolz! Ohnmächtig brechen Wogenzangen, Sin spöttisch Lächeln streift öas Riff, Nnö immer wirkt üer flchre Griff» Die beste Stromkrast einzufangen. Srekthohe Segel brausen vor: Kein Tag sei, öen Pas Ziel verlor! Franz D i« d e r i ch. Zurück zum Sozialistengesetz! Bon Wilhelm B l o K. Jawohl— zurück zum Sozialistengesetz! Das ist der eigentliche Inhalt des ganzen Rummels, der unter dem Namen der„V a t e r I a n d s p a r t e i" gegenwärtig vor. sich geht. Die politischen Brandstifter, die jetzt überall zum Vorschein kommen, versuchen zwar die Komödie fortzusetzen. hinter der sie anfangs ihr Treiben verbargen und mit dem sie das gute deutsche Volk über.den eigentlichen Charakter und Zweck des ganzen Spektakels täuschen wollten. Sie reden immer noch davon, daH er mit innerpolitischen Angelegenheiten nichts zu tun hätte. Aber diese demagogischen Künste halten nicht mehr vor, und es wird offenbar, daß es sich weit weniger um die Zukunft von Mandern, Litauen, Kurland und Bolen handelt, als um einen Feldzug gegen die So» zialdemokratie. Die bisherigen Mißerfolge der Vater- landspartei, in der sich alle reaktionären Elemente Deutschlands„gesammelt" haben, und die Aussichtslosigkeit dieser neuen„Sannnelpolitik" haben die Heißsporne der Reaktion in eine solche Wut versetzt, daß sie schier platzen möchten. In Stuttgart brüllt in einer Versammlung der Daterlandspartci ein Ueberpatriot, man müsse die Reichstagsmehrheit aufhängen, und die Versammlung zollt ihm begeisterten Beifall: die ostelbischen Junker Wangenheiin und O l d c n- bürg, �anuschau reden öffentlich vom Erschießen der Elemente, die ihnen nicht gefallen, und die„K r e u z z e i t u n g" fordert in demselben Stil, wie sie 1849 das Blut Kinkels gefordert hat, das Blut von E b e r t und S ch e i d e m a n n. Wahrhaftig, so schlimm war es vor vierzig Jahren nicht, als man dem deutschen Volke vorgetäuscht hatte, die Sozialdemo- kratie habe die„moralische Verantwortlichkeit" für die beiden Attentate auf den alten Kaiser W i l h e l m I. zu trägem Tie „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schrieb damals:„Was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer!" Aber damit war auch der Höhepunkt des Rummels von damals erreicht. Zu Drohungen mit Erschießen und Aufhängen hat man sich damals kaum ver- stiegen. Aber um was handelt es sich denn? Allerdings um die ..heiligsten Güter" der Kraut- und Schlotjunker, um die Aus- beutungs- und Untcrdrückungsfreiheit. Das Dreiklassenwahl- gesetz soll abgeschafft werden, und es wird abgeschafft werden trotz aller Lerschleppungsversuche: der§ 153 der Gewerbeordnung soll fallen und er wird fallen. Diese Aussichten stei- gern die Wut der Reaktionäre zur Sinnlosigkeit. Zwar ist die Notwendigkeit der in Rede stehenden Reformen von oben herab zugestanden und dort ihre Durchführung in die Hand genommen worden. Aber wer da glaubt, das könnte das Re- formwerk bei Schlot- und Krautjunker sanktionieren, der be- findet sich in emem schweren Irrtum. In blinder Wut schlagen sie auf die Sozialdemokratie, weil diese das Reformwerk angeregt und gefördert hat: wen sie noch sonst damit treffen wollen, darüber wird kaum jemand im Zweifel sein. Die Sozialdemokratie, die im Kriege ihre volle Pflicht getan und heute noch am Standpunkt des 4. August 1914 festhält, wird des Vaterlandsverrats schuldig erklärt. Erschießen, erhängen, Sozialisten- gesetzl In diesen drei Worten konzentriert sich die ganze politische Weisheit der„Vaterlandspartei". Wären die Zeiten nicht so ernft, so würden wir uns darauf beschränken, über die Rodomontaden der Kraut- und Schloff»nker herzlich zu lachen. Denn nur darum wird das große Maul so voll genommen, weil sie wissen, daß sie nichts ausrichten können— im Ganzen genommen. Es ist die Wut der Ohnmacht. Sic wissen, daß sie die ungeheure Mehrheit des Volkes gegen sich haben, daher die Beschimpfung eben des Volkes:„Vax populi, vox Rindvieh!" Sie wissen auch, daß sie vergeblich nach einer Rückkehr zum Sozialistengesetz trach- ten. Denn nach den Erfahrungen, die man mit dem Sozia- lfftengesetz gemacht hat, wird es niemals mehr eine Regierung in Deutschland geben, die so dumm wäre, diese Erfahrungen nochmals machen zu wollen. Bismarck, der eben durch diese Ersahrungen erst belehrt werden mußte, würde sicherlich heute nicht mehr mit dem Sozialistengesetz operieren. Abgesehen davon, daß die Sozialdemokratie 1878 im Vergleich zu heute ein kleines Häuflein. bildete, das man leichter zum„Objekt" der Gesetzgebung machen konnte. Aber so sehr uns das Toben der ohnmächtigen Wut zum Lachen reizt, so hat die Sache doch auch ihre ernsteSeite. Wir wissen wohl, daß mit Intrigen, mit Verschleppung der Reformen und mit allerlei„Zwischenfällen" zu rechnen ist. Das Gespenst der Kamarilla in schwarzem Frack und weißem Sp'benunterrock schleicht immer noch über die Hintertreppen der Paläste. Aber das ist nicht die Hairptsache. Weit ernster wird uns zumute, wenn wir uns in die Empfindungen versetzen. welche das Treiben der Reaktionäre in der Seele der Landesvcrteidiger erregen mag. Wir wollen den Empfindungen nicht näher Ausdruck geben, welche die Seele derer bewegen, die ihre Freunde und Gesinnungsgenossen daheim so bedroht sehen und für sich selber das gleiche erwarten müßten, wenn die Wünsche der Reaktionäre in Erfüllung gehen würden. Es sei ferne von uns, angesichts des Feindes die Siedehitze der Leidenschaften noch steigern zu wollen. Aber wir können eS mitfühlen! wie in ihrer Seele der unerschütterliche Enff'chluß reift, nach der Heimkehr nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis der Wall der Vorrechte niedergelegt ist, hinter dem sich die Re- aktionäre auch für die Zukunft verschanzen wollen. Diese Reaktionäre vergessen nichts und lernen nichts. Sie kommen imnier wieder auf ihre alten Mittel zurück und denken gar nicht daran, daß diese in die von Grund aus ver- änderten Zeitverhältnisse nicht mehr hineinpassen können. Aber wir freuen uns, daß sie ihre' menschenfreundlichen Gedanken so ohne Rückhalt geoffenbart. Ten Weg zur Be- seitigung ihrer Vorrechte haben sie damit nicht wenig gedmet. Und so sind auch sie„ein Teil von jener Kraft, die stets das Höfe will und doch auch Gutes schafft", Trotzki. Von Paul Zifferer. In der Wiener„Revue d'Autriche". dieser französtsch geschriebenen Halbmonatsschrift, die voll Berständigunasgestt das menschlich Verbindende zwischen den Nationen sucht, gibt 'Paul Zifscrer aus Wiener Erinnerungen Züge zum Blldc Trotzkis.' Wir teilen den Aufsatz(mit einigen Abstrichen) deutsch übertragen mit. Die Völker wollen den Frieden, alle Völker— ausnahmslos. Die Seele ist müde von allzu starken Eindrücken und Gesichten: immer neue Gestalten tauchen auf, kommen aus dem Dunketz. werden groß, Namen, die wir gestern nicht kannten, sind heute be- rühmt und mit dem Geschehen dieser Jahre für alle Ewigkeit verbunden. Wie Schattenbilder auf einer weißen Leinwand werden später die Gestalten vorüberziehen, von Neigung oder Abneigung vergrößert oder verzerrt. Gestalten kommen zu uns Lebenden als Lebende und wir kennen sie nicht, wir wissen nicht, ob sie be- stimmt sind, die Ereignisse zu beherrschen oder von ihnen verschlungen zu werden. Die Ereignisse sind Scheinwerfer: wo sie hintzeuchten, da strahlt es in der Nacht. Aber man weiß nicht, ist es morsches Holz oder ein blühender Baum. So steht noch immer finster, undurchdringlich das große Rußland vor uns. steppentief, geheimnisvoll. Jetzt erst bemerke» wir, mit wieviel Zungen eZ redet. Zwei Namen leuchten auf: Lenin— Trotzii. Sind es Sternschnuppen, die schnell niedergehen, oder sind es wirklich Kometen, die ihren unerwarteten Weg mitten durch die hergebrachte Bahn nehmen. Es ist kein Zufall, daß die beiden Namen nur angenommen sind, nicht bürgerliche Namen, die in Registern eingetragen werden, wenn man zur Welt kommt, wenn man ein Weib freit und wenn man stirbt. Das Pseudonym dieser Namen macht eS deutlich, daß sie für eine unbürgerliche Masse stehen, die uns fremd ist, die selber anonym ist und die ihren eigenen Weg noch nicht kennt. Von Lenin wissen wir, daß er mit seinem wirklichen Namen Wladimir Jlitsch heißt; er soll aus einer altrussischen adeligen Lehrerfamilie stammen. Der Name Trotzki stieg zur Zeit der ersten russischen Revolution auf. Da stand Trotzti an der Spitze der Petersburger Arbeiierdeputierten. Beim Moskauer Aufstand wurde er verhaftet. Sein« leidenschaftliche Rede gegen den Zarismus verstummte hinter GcfängmStnauern, es kam der lange schweigende Weg nach Sibirien. Mittel? im nordischen Winter gelang eS Trotz! i zu entfliehen. Armselig, gehetzt, traf er' in Wien ein, um hier sieben lange Jahre freundliche Zuflucht zu finden. In der Rodlergasse hat er gewohnt, in der wienerischsten aller Vorstädte: Sievering. Seine Wohnung war bescheiden, doch mit allem Anstände eingerichtet. Wenn man sie betrat, überraschte nur, daß als einziger Wandschmuck eine große Landkarte diente: die Karte Rußlanos, die alle Orte, durch die er. von Häschern ge- folgt, geflohen war, in seinem Geiste deutlich sichtbar aufleben ließ, dte noch immer und trotz allem geliebte russische Erde, die unwirtlichen Flecken in Sibirien auch, wo er Freunde und Kampf- genossen in tiefster Erniedrigung schmachtend wußte. Links und rechts von der Landkarte gab eS umfangreiche Bücherkasten. Sie enthielten so ziemlich die ganze marxistische Literatur. In diesem Kreise ging das Leben Trotzkis während der sieben Jahre hin. die er in Wien weilte. Wie auf Dauer begründet nahm sich sein Heim aus. im stillen bescheidenen Famtlienglück Eine Zrau für 100 Kinder. Ein afrikanisches Märchen. Es war einmal ein Mann und eine Frau, und sie lebten diele Tage im Lande Pata, und sie bekamen einen Sohn. Und ihr Vermögen bestand auS 100 Rindern. Sie besaßen nickst ein einziges Kalb mehr, als diese Rinder, welche sie hatten. Und allmählich wuchs der Sohn heran und wurde ein großes Kind. Und als der Knabe 15 Jahre alt war, starb sein Vater. Und nach ewigen Jahren starb seine Mutter auch. So beerbte der Jüngling seine beiden Eltern, und er erbte die 100 Rinder, die man ihm hinterließ, und so blieb er und hielt die Trauerzeit für seine Eltern. Und als er ausgetrauert hatte, da verlangte ihn, nach einer Frau zu suchen, damit er sie heirate. Und er sagte zu sewcn Nachbare>t:„Ich möchte gern eine Frau heiraten, denn meine Eltern sind gestorben und jetzt bin ich ganz allein; ich kann nicht allein bleiben, sondern ich muß eine Frau heiraten." Seine Nachbaren sagten zu ihm:„Jawohl, heirate nur. denn du bist jetzt wirklich ganz allein und wir werden uns für dich umsehen, damit du eine Frau zu heiraten bekommst." Und er sagte:„Ja, so soll eS sein." Und er sagte:„Ich möchte gern, daß jemand hinginge und siw mich eine Frau suchte." Sie sagten:„Wenn Gott will!" So stand emer von den Nachbarn auf und ging hin pnd suchte nach einer Frau, die jener heiraten könnte, bis er eine fand. Und dann kam er und sagte zu ihm:„Ich habe eine Frau gefunden, wie du sie willst, aber sie ist nicht aus dieser, unserer Stadt." Er fragte:„Wo ist sie denn?" Er sagte:„In einer anderen Stadt, ziemlich ferne, ich denke, es sind acht Stunden Reifens von hier bis dort." Und er fragte ihn:„Wessen Tochter ist denn dieses Mädchen?" Er sagte ihm:„Es ist die Tochter Abdallahs, und ihr Vater ist sehr reich; diese Frau besitzt sechstaufend Rinder: und er hat kein Kind, als diese seine einzige Tochter." Als der Jüngling dieses hörte, war er ganz voll Der- laugen, diese Frau zu bekouuueu. und er sagte zu seutem Nachbarn:„Gehe doch morgen hin und überbringe dorthin meine Antwort, nämlich, daß ich einverstanden bin." Da sagte der Nachbar:„So Gott will, morgen werde ich hingehen, wenn Gott mir das Leben schenkt." Und als der Morgen graute, stand der Vermittler apf und ging, bis er zu dem alten Abdallah hinkam, und er überbrachte ihm die Botschaft jenes Jünglings, alleS, wie eS zugegangen war. Schließlich antwortete der Vater und sagte:„Ich habe deine Worte gehört, aber ich verlange, daß jeder, der meine Tochter heiraten will, mir hundert Rinder als Brautschatz geben muß; wenn er solchen Brautschatz gibt, so gebe ich ihm meine Tochter zur Frau." Der Vermittler sagte:„So Gott will, ich werde gehen und die Antwort überbringen." Er sagte ihm:„Jawohl, tue es l" Da stand der Vermittler auf und ging zurück und antwortete dem Jüngling alles,»vas dort verhandelt war. Und der Jüngling sagte:„Ich habe deine Worte gehört, aber er will als Brautschatz hundert Rinder, und ich habe nichts, als hundert Rinder; wenn jch sie ihm alle gegeben habe, wovon soll dann meine Frau leben, wenn sie zu mir kommt? Und ich habe doch kein anderes Ver- mögen, als diese hundert Rinder, die ich von meinem Vater ererbt habe." Schließlich sagte sein Nachbar zu ihm:„Nun, tvenn du sie nicht willst, so sage es mir, damit ich hingehe und Ant- wort bringe, oder, wenn du sie willst, so sage es mir endlich." Der Jüngling beugte sich nieder und dachte nach, und als er sich dann wieder aufrichtete: sagte er:„ES schadet nichts, gehe hin und sage: ich bin damit einverstanden, ich werde die hundert Rinder holen und sie ihm geben." So stand denn der Vermittler auf und-ging zu dem Vater hin und sagte ihm:„Der junge Mann hat darin eingewilligt, die hundert Rinder zu zahlen." Und der Vater sagte:„So bin ich damit zufrieden, daß er die Tochter nimmt." So besprachen sie sich die Einzelheiten, und jemand wurde ausgeschickt, um den jungen Mann zu rufen. Dieser kam und wurde freund» lich aufgenommen, und dann besprachen sie sich über die Heirat. Und er wurde getraut und zahlte die hundert Rinder und man hielt das Hochzeitsfest. Und dann nahm er seine Frau und zog heim. So blieben sie denn zunächst zehn Tage; und als der mit- gebrachte Vorrat zu Ende war, da hatte der junge Mann nichts zu essen für seine Frau. Und a sagte zu seiner Frau:„Liebe Frau, jetzt habe ich nichts zu essen mehr. Vorher hatte ich meine Rinder, die habe ich gemolken und so'meinen Unterhalt gehabt; aber heute habe ich alle meine Rinder für dich hingegeben, und so habe ich Nichts mehr. Liebe Frau, ich will nun zu meinen Nach- barn gehen und mir von denen, die Kühe haben, etwa« Milch einmelken lassen, wieviel es auch immer sei, damit wir etwas zu essen haben." Da sagte seine Frau zu ihm:„Jawohl, lieber Mann." Da stand der junge Mann auf und eS war nur dies sein Geschäft: alle Tage ging er hin und ließ sich die Kühe anderer Leute melken, damit er irgend etwas für sich und seine Frau zu essen bekam. So trieb er es jetzt alle Tage. Und eineL Tage? ging die Frau hinaus und stellte sich vor ihre Türe; da kam ein sehr schöner junger Mann dort an der Tür vorbei. Und als er die Frau an der Tür stehen sah. entbrannte er von Verlangen, sie zu verführen und so schickte er nachher seinen Kuppler zu jener Frau. Die Frau sagte:„So Gott will, ich habe die übersandte Botschaft gehört, aber warte nur noch ein wenig, dann werde ich dir meine Meinung sagen; jetzt kann ich es noch nicht." So stand denn der Kuppler auf und ging heim. Nach drei Monaten dachte der Vater der Frau:„Ich will einmal hingehen und meine Tochter bei ihrem Manne besuchen." So begab er sich auf die Reise und wanderte seines Weges, bis er bei seinem Schwiegersohn ankam, und er klopfte an die Tür. Die. Tochter stand auf und gab Antwort:„Wer bist du denn da?" Der Alte sagte:„Ich bin hier, der und der." Da stand seine Tochter auf und sagte zu ihm:„Tritt doch näher!" So ging er hinein und be- grüßte sich mit seiner Tochter, und sie nötigte ihn in die Hallo und der Alte setzte sich dort. Und der Vater fragte seine Tochter, wie es ihr gehe; und sie sagte:„Ganz gut, mein Vater." Schließlich' stand die Tochter auf und ging von dort fort, wo ihr Vater saß und ging in ihr Zimmer hinein und dachte nach und weinte sehr, weil im ganzen Hause auch nicht das geringste war, was sie ihrem Vater hätte kochea tömmu Hq fu«; tfiirt zur Seite'eine sehr hübsche tteije Fruu mit blondem Haar, sehr slawisch in ihren Gesichtszügen, sehr slawisch in ihrem Charakter auch, träumerisch und doch voll � Cnt- schloffenhcit. Ter Politik freilich wich sie geflissentlich aus. Sie vermied es, an einem Gespräch teilzunehmen, sobald es eine nuli- taute Wendung nahm, und spielte dann lieber mit ihren Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, die beide ihrem Vater sehr ähnlich sahen. Dein äußeren Ansehen nach floß also das Leben Trotzkis da- malo recht friedlich hin. Er lebte sehr zurückgezogen, verkehrte überbaupt nur mih seinen Landsleuten, die mitten in Wien sich zu ihrem politisch-geistigen Leben zusammenschlössen. Die Nach- mittage konnte man ihn zuweilen im Cafe Central sitzen sehen, über ein Schachbrett gebeugt, völlig scheinbar in das Spiel ver- funken, das den Krieg mit allen seinen Listen und Ränken un- blutig spiegelt. Und doch gab es auch damals in dem Leben Trotzkis genug Bewegung. Er galt als der Führer einer Partei, die sich mit aller Entschiedenheit gegen— Lenin stellte. Trotzki hatte es sich vorgesetzt, eine Einheitspartei zu bilden und die zersprungenen Fraktionen der Menschewiki mit den Bolschewiki wieder' zu ver- einen. Lenin aber weigert sich, auf solch ein Kompromiß einzu- gehen, und so kam auch die Einigung nicht zustande. Nur in einem Punkte begegneten sich Trotzki und Lenin schon zu jener Zeit. Es ist einer der wichtigsten Punkte ihres neuen Programms geworden: die Selbstbestimmung der Völker. Trotzki lebte damals von den bescheidenen Einkünften, die er als Berichterstatter des„Narod", des Blattes der bulgarischen Sozialdemokratie, bezog. Später gab er auch die..Prooda" heraus und gewann Kamenesf, der ihm heute als Unterhändler in Brest- LitlvoSk zur Seite steht, zum Mitarbeiter. Doch neue Spaltungen in der russischen Sozialdemokratie führten zur Einstellung dieser Zeitschrift und Trotzt! gründete den sogenannten Augustblock, der sich gegen die Bolschetvili kehrte. Doch in seinem Herzen war Trotzki Bolschewisi geblieben und er hatte der Einheitspartei nur aus taktikchen Gründen zugestinrmt. So konnte er sich in dem neuen Bund nicht halten, dessen Schöpfer er dock selber war. Er verließ den Block als ein ewig unsteter Wanderer im Geistigen und begrün- dete wieder eine neue Zeitschrift„Borba"(Der Kampf). Er war nun völlig vereinsamt in seinen Ideen wie in seinem Leben. Das beirrte ihn nicht. Er unternahm es ganz allein von der Ferne ans, das revolutionäre Rußland zu seinen Ideen zu bekehren. Seinen früheren Gegner, nun seinen Freund Lenin, hat er in einem einsamen Karpathendors, in der Nähe von Krakau, kennen gelernt, wo Lenin in sehr ärmlichen Verhältnissen sein Leben hin- brachte. Kurz vor dem Kriege gerieten die beiden noch einmal hart gsgenemander. Es gelang Trotzki, in Brüssel eine Emigungs- h userenz zu veranstalten, die aber schließlich von dem hartnäckigen Widerstand der Bolschewiki gesprengt wurde. Nun gründete Trotzki einen neuen Lerbar.o, den sogenannten Juliblock, in dem er bereits als Chef einer anerkannten Partei austrat. Da kam der Krieg. Trotzki wendete sich in der ersten Ver- wirrung nack Frankreich, wo er sogar kirrze Zeit als Kriegsbericht- statter tätig war. Bald aber zog er es vor, in Paris eine russische Zeitung herauszugeben, deren heftiger Ton sie in regierenden Kveiken schnell mißliebig machte. Trotzki mußte abermals fliehen � und diesmal wendete er sich nach Amerika. Seine weiteren Erleb- ntsse sind allgemein bekannt. Wie er beim Ausbruch der Revolution sich sogfeich»ach Rußland einschiffte und wie sein Dampfer von einem englischen Kriegsschiffe angehalten wurde, angeblich weil Trotzki deutsches Geld nach Petersburg mitbringe. Es ergab sich ober, daß dieses Geld nur ein paar hundert Dollar waren, die deutsche Braue veiarbeiter für die Opfer der russischen Revolution gesammelt hatten. So wurde Trotzki endlich aus dem englischen Gefängnis entlassen und traf in Petersburg gerade im Augenblick ein, als Lenin da? Axiom ausgestellt hatte:„Die Revolution mutz den Weltkrieg beenden, alles andere bliebe Waffenstillstand." Als ein Einsamer traf Trotzki in Rußland ein, von allen seinen Freun- den längst verlassen, die zum Teil für den Krieg eingetreten waren. Nun machte er feinen Frieden mit Lenin, trat zu gemeinsamer Arbeit a» seine Seite. Zu gemeinsamem Schicksal auck. Führt es in die Hohe, findet •8 kelbst den Frieden, wie es den Wcl: frieden bringt, oder zerstiebt es, im große», nimmer zu löschenden Brand? Es ist versucht worden, die äußern greifbaren Umrisse eines merkwürdigen Daseins nach den Erzählungen weniger Freunde festzuhalten. Aber was läßt sich greifen? Sieben Jahre lang hat ging sie denn aus der Hintertür hinaus, und wie sie hinter dem Hof war, bemerkte sie den jungen Mann, der sie ver- führen wollte, und er rief sie heran. Da ging die Frau zu ihm heran, und sie sagte zu ihm:„Wie geht es denn, mein Herr?" Er sagte:„Ich habe jemand zu dir geschickt, und du hast gesagt, daß du zu mir kommen willst, mich zu besuchen, aber du bist nicht gekommen: warum bist du so unbeständig? Und/ seitdem ich dich damals gesehen habe, wie du an der Tür standest bis jetzt, kann ich nicht mehr schlafen; wenn ich mich hinlege, träume ich nur alle Tage von dir in meinem Schlaf.' Da antwortete ihm die Frau und sagte:„So Gott will, will ich dich nicht mehr herumschleppen; wenn du nach mir verlangst, werde ich sogleich kommen; aber zunächst verschaffe mir ein Stück Fleisch, daß ich für meinem Gast etwas zu effen koche, hernach will ich kommen." Der junge Mann wagte sie:„Wen hast du denn zu Gast bekommen?" Die Frqu antwortete und sagte zu ihm:„Mein Vater ist es, der bei uns zu Gast ist." Da sagte er:„So Gott will, so warte hier, ich werde dir sogleich das Fleisch bringen." So stand er auf und ging seines Weges, und die Frau blieb dort stehen. Da kam der junge Mann auch schon mit einem Rindsviertet und sagte zu ihr:„Hier ist das Fleisch, aber nun halte mich auch nicht länger hin." Sie sagte:„So Gott will, ich werde dich nicht hinhalten." So streckte er die Hand aus und gab ihr das Fleisch, und die Frau nahm es und ging ins Haus hinein. Und der. der das Fleisch ge- stiftet hätte, ging draußen hin und her und wartete auf die Erfüllung des Versprechens, das ihm die Frau gegeben hatte. Und als die Frau hineingegangen war. nahm sie das Fleisch und zerschnitt es und tat es in den Topf. Als sie es kaum in den Topf gelegt hatte, kam� ihr Mann herbei und sqnd seinen Schwiegervater in der Halle sitzen. Und als er seinen Schwiegervater dort in der Halle sitzen sah, gerann ihm sein Blut; er fand kein Wort zu sagen, noch wußte er. was er tun sollte. Aber er kam doch näher, bis er dort an- kam, wo sein Schwiegervater saß. Und er grüßte ihn der Sitte gemäß und fragte ihn, wie es ihm ginge. Dann ging er zu seiner Frau hinein und fand sie bei dem Kochen des Fleisches und fragte sie:„Meine liebe Frau, was kochst du da?" Sie sagte �„Ich koche Fleisch." Er fragte:„Wo hast du denn das Fleisch herbekommen?" Sie sagte:„Ich habe es von den isiachbarn bekommen, die haben es mir gegeben." Als ihr Mann dies hörte, schwieg er still, und er tyurde betrübt, weil er so gar nichts hatte. Und er ! Trotzki hier im engen Ouartier die Fäden der rulsischen Revolution verknüpft gehalten. Wir selbst sind voll Erstannen. Niemand hat diesen Mann gekannt. Einige haben feine Gsberden im Gedächtnis behalten, das rein Zleußerliche, wie er sich in der Erregung mit der Hand durch das dichte krause! Haar fuhr. Seiri trotziges Spitz- bärtchem hat man gekannt, seine dunklen Augen hinter den scharren Glasern, Augen, müde vom vielen Wachen, seine Dialektik, seine Leidenschaft. Wie wenig wollen solche„greifbare" Konturen be- deuten in einer Zeit, die ollen bestimmten Linien abhold ist. Trotzki! Was verbringt sich hinter diesem Namen und hinter der anonymen Masse, die er vertritt. Geheimnisvoller denn je ist Rußland geworden/ einst dein Zaren aller Reußen Untertan— wie lang ist's her!— und nun auf einen neuen unbekannten Weg ge- wiesen, in einem Augenblick, da alle Lichter wie verlöscht scheinen. „ilnsere" Lerche. Von Friedrich Seel. Die durch einschlagende Granaten und Minen aufgeworfene zerfetzte Erde, die Pfähle des Drahtverhaus und die Leicken der Gefallenen. die hier und da verstreut im Vorield lagen, behinderten in keiner Weise den Ausblick. Durch den kleinen Scklitz der Schießscharte konnte man deutlich die Ileinen sckwarzen Löcher sehen. Jeder loußte eS: aus diesen kleinen Löchern dort sandte der Feind das tödliche Blei. In diesen Löchern steckte der Lauf seines Gewehres, dabei lauerte der Posten. Wehe dem, der den Kopf über den Grabenrand gesteckt hätte. Der Franzose beobachtet wacksom. Genau wie in unserem Graben, wo die Scharfschützen, den Kops lässig an die Schießscharte gedrückt, hinausspähten. Franzmann, nimm dich in acht! Hier und du fiel ein Schuß— hüben wie drüben. Nicht, daß es irgendwie ein Ziel gegeben hätte. Man wollte sich gegenseitig zeigen, daß man noch da war. Ab und zu blitzte es auf. Im Bois de Bouvigny oder hinter der Gieseler Höhe oder Gott weiß, wo die deutschen und französischen Batterien sich eingegraben hatten. Dann zog mit Zische� und Heulen eine Granate über uns hin- weg.— Irgendwo erzitterte die Erde, weit hinter oder vor uns. Eine suchte die andere Batterie, wollte die andere— dem Gegner seine— zum Schweigen bringen. UnS ließ man in Ruhe in unserem Graben. Nur an gewissen Tagen, dann kamen die heulenden Teufel von da drüben kürzer, dann merkte man sie erst, wenn sie da waren, wenn sie, laut berstend, unheimlich knurrend, die Deckung zerrissen oder im Borfeld den Schnee und Schlamm hochranzen ließe«. Eines Nachts war er gekommen, der Schnee. Wir Pioniere merkten nichts davon, als er niederfiel. Als wir in unsere Minen- gänge lies unter die Erde hinabstiegen, da war es eine Nacht wie jede andere der letzten Wochen. Die Luft war dick und neblig, und die aussteigenden Leuchtkugeln blinkten matt und düster. Und als der Morgen heraufstieg, da hatte die Erde ein weißeS, glitzerndes Leichentuch angelegt. Sticht lange,-da schmolz der Schnee wieder. Die Grabenwände wurden naß, klebrig, die schweren Stiefel zerstampften den Boden zu Brei. Und immer noch war die Luft dick und schwer. Doch der Frühling kam, und die Sonne siegte. Die Nebelwand verschwand, sank und tausend glitzernde Tropfen liefen den Leitungsdrähten entloiig. Jenen Drähten, die sich geheimnisvoll die Grabenwände entlangziehen, nach hinten, nach dem Kopfe, dem Hirn deS Kampfes. Da hinten hinaus war der Blick freier. Kein Abschluß wie da vorne, wo die ausgeworfene Erde des feindlichen Grabens den Horizont bildete, Ganz nahe da hinten starrten die Trümmer von Carcnch mit dem zerfetzteil Kirchturm, weüer links der sterbende Wald von Bouvigny. und ganz hinten, scharf umrissen, die steile Höhe von Notre Dame de Loretto. Und mit der Sonne, mit dem Frühling kam unsere Lerche. Eines Tages war sie da. Eines Morgens mit der Sonne stieg sie aus der Mttte deS neutralen Streifens zwischen den Gräben hoch. Irgendwo in einem Granatloch mochte ihr Unterschlupf sein. Genau in der Mitte zwischen uns und dem Franzmann. Wo- her kam sie so plötzlich? Ein Gruß der Heimat? Welch gütiges sagte zu seiner Frau:„Meine liebe Frau, was sollen wir anfangen, und nun haben wir auch noch einen Gast." Seine Fran antwortete und sagte zu ihm:„Ich weiß nicht, was wir tun sollen." Der Mann sagtE:„Ich will doch hinaus zu den Reichen gehen, bei welchen ich die Rinder melke und will ihnen sagen: „Ich habe jetzt einen Gast bei mir, nun möchte ich gern, daß ihr mir etwas, was es auch sei. gebet, daß ich eS für meinen Gast kochen kann." So stand er auf und ging zu den reichen Leuten, bei denen er arbeitete und teilte ihnen alles mit, wie es ihm gegangen war. Und diese reichen Leute nahmen es nicht übel auf und gaben ihm ein wenig Fleisch und ein wenig Milch.und er nahm es und ging damit weg. Und dort hatte die Frau unterdessen das Fleisch, das sie von dem Verführer erhalten hatte, fertig gekocht. Da kam denn auch ihr Mann niit etwas Fleisch wieder zum Vor- schein und die Frau streckte die Hand aus und nahm das Fleisch von ihrem Manne in Empfang und legte eS auf die Erde. Und dann stand ihr Mann auf und wusch sich die Hände und ging sogleich in die Halle. Und die Frau drinnen schöpfte das Fleisch aus dem Topf und legte es auf die Schüssel, von der man zu essen pflegte._ Ilnd der Verführer war an feiner Stelle geblieben und dort hin. njid her gegangen, bis er sah. daß die Zeit ver- gangen war, die er mit der Frau abgesprochen hatte. Und er sagte zu seinem Herzen:„Am besten ist es. ich geh vorne an der Tür vorbei und sehe einmal nach, vielleicht bekomme ich da die Frau zu sehen." So brach er auf und ging dort vorbei und traf den Mann der Frau und den Schwiegervater dort sitzen und sich etwas erzählen. Als das der Gottlose sah, grüßte er, und der Mann der Frau erwiderte den Gruß und bat ihn, näher zu treten, und der Gottlose kam und setzte sich, und der Mann der Frau wußte nichts davon, was jener für Pläne hatte, und was er eigentlich wollte. So unter- hielten sie sich miteinander, der Vater der Frau und der Mann der Frau und jener Schweinehund, welcher den Frieden im Hause des jungen Mannes stören wollte, und es waren also in Summa die drei Männer dort in der Halle. Und als die Frau drinnen das Fleisch auf die Schüssel gelegt hatte, brachte sie es in die Halle hinaus. Und als ihr Mann aufstand und das Fleisch in Empfang nahm, sagte die Frau:„So etzt nun, ihr drei Narren!" Da. erhob sich ihr Vater und sagte:„Ei, worin besteht denn meine Narr- heit?" Seine Tochter antwortete ihm und sprach:„Bitte, Vater,'iß nur Zuerst, hernach werde ich dir deine Narrheit Geschick sandte sie uns in unsere Grabeneinsamkeit? In die grau- sige Einsamkeit, wo einem jede kleine Abwechslung willkommen war; wo einem eine Richtigkeit andere Gedanken brachte. Andere Ge- danken als ewig an Gevatter„Tod", der lauernd, grinsend durch die Gräben schreitet. Unsere Lerche? Dem Franzmann seine? Was künnnerte sie der Deutsche, der Franzmann, wa? störte sie das Geknatter der Gewehre, das Dröhnen der Geschütze, die ganze grausame Symphonie deS Todes? Mit Jauchzen und Tirilieren— ein Symbol deS Frieden?— stieg sie höher, immer höher, bis sie nur noch als winziges Pünktchen erkennbar war. Und hunderte Augen folgten ihr! Hüben und drüben.— Und hunderte Gedanken schwebten mit enchor, flogen weiter. weit, weit über Berge, Wälder. Seen zur Heimat. Reisten ins weite Land der Erinnerungen. In jene Frühlingszeiten, wo man, daSHerz geschwellt, durch Felder und Auen streifte. Wenn sie dann wie ein fallender Stein wieder herabkam, wenn sie ihr Versteck aufsuchte, da draußen, dann freute sich jeder aus den nächsten Tag, auf das Erwachen der Sonne, auf den Auffticg unserer Lerche.— Dann kam die große SchlaöW.— Beim dämmernden Tage Huben sie an, die Batterien, spien aus Hunderten Schlünden Feuer und Entsetzen, Tod und Verderben. Trommelfeuer!— Und als sie dann ankamen, die Massen der Schwarzen au 5 Senegal, aus Marokko und Algerien, da mußte unser zusammen- geschmolzenes Häuflein der Uebermacht weichen. Ein Weniges nur— ein, zwei Kilometer. Tonn stand die Mauer wieder. Die Mauer aus Fleisch und Eisen. Ob sie jenen grausigen Morgen überlebt hat, unsere Lerche? Jenen Morgen, wo schwere, stampfende Schritte der schwarzen, be- zechten Horden über ihr Versteck hinwegstürmten, wo der Tod so reiche Ernte hielt?!—■ Nonzen. — Beethovens Neunte und der- Derlinl-r Volkschor. An der Aufführung von Beethovens 9. Symphonie, die am Deutschen Opernhaus am 17. Februar, mittags 12 Uhr, zu wohltätigem Zwecke stattfindet, nimmt auch der gesamte Berliner Volksckor Anteil. — Ter Physiologe Ewald Hering ist, 84 Jahre alt, in Leipzig gcslorben. Seit 18gö wirkte er an der dortigen Uni- vcrsität, nach einem Vierteljahrhundert des Schaffens und Lehrers rn Wien und Prag. In grundlegenden Forschungen baute er die Theorie der Sehvorstellungen physiologisch und pshchopbysisch au». Seine Farbentheorie setzte sich allgemein durch. Zu feinen bedeutsamen Leistungen gehört, daß er schon 187» auf die entwickln n gsgeschichtlichy Bedeutung des Gedächtnisses hinwies: in einer Wiener Festrede über das „Gedächtnis als einer allgemeinen Funktion der organisierten Materie". Er knüpfte an HoeckelS Lehre von dem Zusammenhäng der Enftvicklung der Einzelwesen mit der Stammesgeschichte de» gesamten Tierreichs( Oittogenie und Phylogenie) an, und Haecke! war der eiste, der seine Leistung freudig begrüßte. Die Tatsachen des ErinnernS wiederholen verkürzt vergangene Er- scheinungen unter veränderten, vereinsachten, ersetzten äußeren Bedingungen. Hering also begann die Arbeit an dem wicktigen Problem, das dann dreißig Jabre spater von Richard Semon in der M n e m c- Theorie sMneme ist da» chriechischc Wort für Gedächtnis) entscheidend' durchdacht wurde. — Deutsches Opernhaus. Die Erstaufführimg der neu einstudierten Oisenbachschen Operette:„Die Verlobung bei der Laterne" sindet am Dienstag, den 5. Februar, statt. —• I m Institut für Meereskunde, Geargenstr 34 bis 36, spricht am 5. Februar in der Reihe der öffentlichen Vyrträie mit Lichibildern Kapitänleutnant Doslein über die Arbeit der Minen suchslotillen, am S. Februar Fregattenkapitän Schnell über Wasserflugzeuge. Beginn 8 Ubr abends. — Eine Frau für hundert Rinder. Tie afrikani- ichen Erzähler lieben die breite Form und unterstützen ihre Rede durch eine lebhafte Gebärdensprache. Das charatterislische Stück ihrer Volkskunst, da» wir heute mitteilen, entstammt dem von Karl Mainhof herausgegebenen Buche„Afrikanische Märchen". dem jüngst erschienenen Bande der von Eugen Diederichs Verlag veranstalteten prächtigen Bibliothek der Märchenweltliteratur. mitteilen." Aber der Vater sagte:„Nein, ich effe nicht, sondern du sollst mir zunächst meine Narrheit ansagen, her- nach will ich essen." Da erhob sich die Tochter und sagte: „Mein Vater, du hast eine teure Sache für etwas Billiges verkaust." Ihr Vater sagte ihr:„WaS habe ich denn zu dillig verkaust?" Sie sagte:„Mich hast du, mein Vater, zu billig verkauft." Er sagte:„Wieso denn?" Sie sagte:„Vater, du hast keine Tochter und keinen Sohn. als nur mich allein; und du bist hingegangen und hast mich für hundert Rinder verkauft. Und du, Vater, hast doch sechs- tausend Rinder. Da hast du hundert Rinder für wertvoller, als mich gefunden; darum habe ich gesagt: /.Du hast etwas Teures für etwas Billiges hingegeben." Und der Vater sagte:„Das ist wahr, mein Sind, ich bin ein Narr gewesen." Da erhob sich ihr Mann und sagte:„Nun bitte, sage auch mir meine Narrheit an." Die Frau sagte zu ihm:„Du bist ein noch viel größerer Narr." Er sagte:„Wieso denn?" Sie sagte:„Du hast hundert Rinder von deinen Eltern ererbt, nicht ein Kalb hast du mehr ererbt. Da hast du nun sie alle genommen und mich dafür geherratet, für alle deine hundert Rinder; und da waren doch so viel Frauen in eurer Stadt, für deren Brautschatz nur zehn oder zwanzig verlangt wurden, aber du hast sie nicht angesehen, du bist gekommen und host mich für alle deine Rinder geheiratet; und nun hast du nichts, nicht einmal etwas zu effen für mich und dich, und bist ein Diener ftemder Leute geworden und gehst nun hin. und wenn du die Kühe fremder Leute melkst, dann bekommst du etwas zu effen; hättest du die Hälfte deiner Rinder behalten und für die Hälfte eine Frau geheiratet, dann hättest du etwas zu essen. Also das ist deine Narrheit, mein lieber Mann" Und da fragte auch jener Nichtsnutz:„Und worin besteht denn meine Narrheit? Sage es mir an!" Da erhob sich die Frau und sagte:„Du bist ein noch viel größerer Narr, als die andern beiden." Er sagte zu ihr:„Wieso denn?" Sff antwortete und sagte zu ihm:„Du wolltest etwas, was fiir hundert Rinder gekaust war. für ein einziges Rindsviertäl bekommen; bist du da nicht ein Narr?" Da sprang der aber auf und machte, daß er fort kam. Und ihr Vater blieb zwei Tage bei ihnen; am dritten Tage brach er auf und nahm seinen Abschied und ging heim. Und als er zu Hause angekommen war, machte er die Rinder los. die er von seinem Schwiegersohn bekommen haste und schickte sie ihm zurück, und er ging zu ihm mit noch anderen zweihundert. So konnte seine Tochter mit ihrem Mann viele Tage in guter Ruhe leben.