ZS. Jahrgang. ❖ Nr. s Seilage zum„vorwärts' Serliaer Volksblatt Serlia, 24. Februar Sitte. Yen glb wir einen Pflug in meine Hand! Latz liefe Furchen mich im Acker wühlen. Latz mich die Sonne überm Land And in dem Säen schon die Ernte fühle». Ich bin so müd, ewig Soldat zu sein, Ans fremder Länder Straße« zu marschieren, Aach Würfelspiel und Bin vnd Branntewein Zu schlafen in den wüsten Aachtquortineu. hen gib mir Arbeit, daß die Muskelu springen! Stell mich hinein ins Sausen der Alaschineu! Gib mir die Freude an dem wnkgeNngenl Laß in dn Arbeit mich der Aleuschheit dienen. _ Otto Schreiner. das Kommunistische Manifest. Zum siebzigsten Geburtstage seiner Ver- j öffentlichung. von Heinrich Cunow. Nicht nur Gelehrte und Staatsmänner. Staatsakte und wissenschaftliche Entdeckungen, auch Bücher und Schriften haben ihre Schicksale und ihre Gedenktage. Im Juli vorigen Jahres war ein halbe« Jahrhundert seit der Veröffentlichung de« ersten Bandes des Marxschen„Kapital" verflossen. und heute können wir den siebzigsten Geburtstag eines anderen wichtigen Dokuments der Entwicklung«- geschichte des Sozialismus feiern: des Kommunistischen ManifestS. Nachdem der kommunistische Bund der Ge- rechten bach und nach dazu gelangt war, seinen alten auf Rousseau- Weitlingschen Gerechtigkeitsideen fußenden GleichbeitSkommunismus abzustreifen, hatten sich im Frühsahr 1347 auf Betreiben deS Kölner Uhrmachers Joseph Moll, eineS der Hauptleiter des Bundes. Marx und Engels dem Bunde angeschlossen und in Brüssel eine Bundesgemeinde gegründet. Im Sommer 1847 hatte dann der Bund in London seinen ersten Bundeskongreß abgehalten und zugleich mit der Äenderung seines Namens— er nannte sich nun „Bund der Kommunisten"— eine Aenderung seiner Organi- satton und Statuten beschlossen, die, nachdem sie den einzelnen Gemeinden zur Prüfung vorgelegt worden war, auf einem zweiten Kongreß, der im November 1847 in London stattfand, endgültig angenommen wurde. Der Kongreß ging aber noch einen Schritt weiter. Er erkannte, daß zur Vereinheitlichung der vom Bund verfolgten Bestrebungen eine Art theoretisches Programm, eine.Bundeslehre", nötig sei. die zugleich die Stellung des Bundes zu anderen kommunistischen bezw. sozialistischen Vereinigungen darlege. Mit der Abfassung dieses Schriftstückes wurden Marx und Engels beauftragt, die sich alsbald an die Arbeit machten. Ende 1348(am 24. oder 26.) kamen die ersten Exemplare des Kommunistischen Mani» festes heraus, das bald ins Französische, Polnische, Englische, Dänische übersetzt wurde. Zuerst Ende Mai oder Anfang Juni 1848 ins Französische, darauf ins Polnische, während die erste englische Uebersetzung erst 18S0 im Londoner.Red Rcpublican"(Roter Republikaner) erschien. Seitdem ist daS Kommunistische Manifest in alle Kultur- sprachen übersetzt und zu einem der wichtigsten EntwicklungS- dokumente des Sozialismus geworden: eine Stellung, die es vor allem der Tatsache verdankt, daß eS, wie keine andere Schrift jener Zeit, mit dringendem, vorausschauendem Blick den Entwicklungsprozeß der kapitalistischen Gesellschaft erkennt und auf Grund dieser Erkenntnis der modernen sozialistischen Arbeiterbewegung die Richtlinien ihres politisch-taktischen Ver- Haltens gegenüber den auS dem sozialen Lebensprozeß auf- steigenden Problem angewiesen ist. Die Gesellschafts- und Geschichtsauffassung, die Marx sich in Anlehnung an Hegel gebildet hatte, kam in dem Manifest in knappster, pointierter Fassung zum Ausdruck: die Auffassung, daß der Wirtschaftsprozeß und die auS ihm sich ergebenden Wechselbeziehungen die Grundlage des gesamten GescllschaftS- lebens jeder Geschichtsepoche und damit auch ihreS politischen und geistigen Verlaufs bilden— daß demnach, seitdem sich im Fortschritt der Wirtschaftsentwicklung aus den Wechsel- bezichungen heraus Klassenschichtungen mit gegensätzlichen Interessen gebildet haben, die politische Geschichte zu einer „Geschichte von Klassenkämpfen" geworden ist— eines fortgesetzten Ringens zwischen den jeweils herrschenden und niedergehaltenen Klassen. Doch liegt darin nicht allein das Besondere der Marxschen Auffassung deS Ge- schichtsverlaufS im Vergleich zu der damals in sozialistischen Kreisen üblichen Art der Geschichtsbetrachtung. Marx faßt zu- gleich die ganze gesellschaftliche Vorwärtsbewegung als eine streng gesetzmäßige, sich in bestimmten Bahnen vollziehende Entwicklung auf, die mit derselben inneren Notwendigkeit, mit der einst auf die Feudalepoche die Herrschaftsepoche der Bourgeoisie gefolgt ist, dem Sozialismus entgegentreibt— der letztere also eine historische Notwendigkeit ist. Man hat die Neuheit dieser Auffassung für die damalige Zeit bestritten. Der russische Anarchist W. Tscherkesoff hat m einer Schrift, die von seinem Gesinnungsgenosse Pierre RamuS teilweise auch dem deutschen Lefepublikum zugänglich gemacht worden ist, nachzuweisen versucht, daß die Grund- gedanken deS Manifestes dem.dlmnlost« de la d&nocratio" von Victor' Considerant entlehnt sind. Tscherkesoff und seine Nachbeter haben damit nur bewiesen, daß sie Marxens Grundanschauungen und ihrem engen Zu- sammcnhang nnt der Engelschen RechtS- und Geschichtsphilosophie gar nicht erfaßt haben. Wohl läßt sich mit einiger Sicherheit nachweisen, daß Marx und Engel« das Manifest ConsiddrantS gekannt, zum Teil wohl auch dieses als Modell für ihr Manifest benutzt haben; aber jdie einzelnen Redewendungen. die sie dem demokratischen Manifest entlehnt haben sollen, sind ganz nebensächlicher, man kann im gewissen Sinne sagen, dekorativer Art, die sich in den verschiedenfarbigsten Varia- tionen nicht nur bei Marx und Considsrant, sondern auch bei mand)en anderen sozialistischen Autoren jener Zeit nach- weisen lassen: aber sie betreffen gar nicht die eigentlichen Grundgedanken de« Kommu- n i st i s ch e n Manifestes, die diesem sein besonderes theo- retisch-geschichtliches Gepräge geben. Diese Grundgedanken führen auf einen ganz anderen zurück al« auf den Fourieristen und Phalanstörengründer von Eondä-sur-Bögne und La Röunion, nämlich aus Hegel. Selbstverständlich hat heute nicht mehr jeder Satz de« Kommunistischen Manifestes seine Gültigkeit. Es ist ein lächer- sicher Scholasttzismus, zum Beweise für die Richtigkeit oder Verkehrtheit heutiger taktischer Fragen einzelne Sätze des Manifestes herauszulösen und als'Beweismittel zu präsentieren. Seit der Niederschrift des Manifestes sind siebzig Jahre vergangen, und in diesem Zeitraum hat sich eine voll- ständige gesellschaftliche Umwälzung vollzogen. Europa steht heute auf einer ganz anderen EntwicklungS- stufe wie im Jahre 1848. Die Wirtschaftsweise, die politischen Verhältnisse, die Klassenschichtung, die deutsche Ar- betterschaft haben sich geändert; und manche Darlegungen. die 1848 einen geradezu genialen Weitblik bekundeten, müssen heute als durch die neueren Entwicklungstatsachen überholt gelten. Wie jedes andere Geistesprodukt trägt naturgemäß auch daS Kommunistische Manifest den Stempel seiner Zeit. Be- sonders gilt das von jenen Teilen der Schrift, dte daS Ver- hältnis der Staatsordnung zur Gesellschaftsordnung, die Er- oberung der politischen Macht durch das Proletariat und die Anwendung dieser Macht zur Ucberführung der kapitalistischen in die sozialistische Produktionsweise sowie die Auflösung deS Staates betreffen. In diesen Fragen, in denen Marx sich In den Jahren 1847—52 unter dem Einfluß der damaligen revolutionären Strömung, vornehmlich französisch-sozialistischer Doktrinen, ziemlich weit von der Hegelschen Gesellschaftsauffassung ent- sernt hatte, hat er bald,>vie seine Artikel in der.New Aork Tribüne", seine Jnauguraladrefse der Internationale» Arbeiterassoziation und vor allem die beiden Adressen des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über die Pariser Kommune bekunden, wieder umgelernt. Er ist wieder zu seiner früheren Auffassung zurückgekehrt. Dieses Wiederumlernen haben Marx und Engels mit jenem Freimut, der sie gegenüber so manchem ihrer Epigonen auszeichnete, selbst in der von ihnen gemeinsam oerfaßten Vorrede zu der 1873 erschienenen neuen Ausgabe des Kommunistischen Mani- festes offen zugestanden.'Es heißt dort: .Wie sehr sich auch die Verhältnisse in den letzten fünfund« zwanzig Jahren geändert haben, die in diesem Manifest ent« wickelten allgemeinen Grundsätze behalten im ganzen und großen auch heut« noch ihre volle Richtigkeit. Einzelnes wäre hier und da zu bessern. Die praktische Anwendung dieser Grundsätze,«r« klärt da» Manifest selbst, wird überall und jederzeit von den geschichtlich vorliegenden Umständen abhängen, und wird deshalb durchaus kein besonderes Gewicht auf die am Ende von Abschnitt II vorgeschlagenen revolutionären Maßregeln gelegt. Dieser Passu« würde heute in vieler Beziehung ander» lauten. Gegenüber der immensen Fortentwicklung der großen Industrie ur den letzten 2S Jahreck, und der mit ihr fortschreitenden Parteiorganisation der Arbeiterklasse, gegenüber den praktischen Erfahrungen, zuerst der Februarrevolution und noch weit mehr der Pariser Kommune, wo das Proletariat zum erstenmal zwei Monate lang die politische Gewalt inne halte, isthewte die» Programm stellen« weise veraltet. Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, daß. die Arbeiterklasse nicht dte fertige StaatSmaschine einfach in Besitz nehme« und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setze» > kann". ?m Ringen. von Maurice Wullen». Meinem Bruder, dem ungenannten Württemberg!» schen Soldaten, der mir am 30. Dezember 1St4 im Wald von la Grurie großmütig da» Leben gerettet hat. Dem Ereund« Leonhard Helm, der mich im �iri�gsgefangenen- zarett von Darmstadt wie ein Vater gepflegt Hai, sowie den Kameraden ErHardt. Albert Kiefer und Karl Bu- singer, die zu mir wie Mensch zu Mensch sprachen, und den vielen anderen, deren Namen ich nicht kenn«, widme ich in aller Herzlichkeit dies« Zeilen. M. W. Pier Uhr morgen?. Die starke Hand des Korporals rüttelt mich auf; rascher erwache ich in der ledmig-schlammigen Höhlung, in der ich, aus gleicher Höhe mit der Wand des Grabens, meine erstarrten Glieder ausgerastet. Während er sich mit kleinen klappernden Schritten entfernt, steige ich hinab ins Wasser, um seinen Platz an der Schießscharte einzunehmen. Noch tanzen vor meinen Augen hartnäckig die wohlbekannten Schatten, die ich soeben verlassen. Die endlos« Nacht vergeht; unbestimmt, in der Fern«, ahnt man trotz der Nebel, trotz de» Regen», der allüberall einsickert, di« nahende Sonne. Nicht» regt sich in der Stille de» Morgens. Was tun wir den» hier? Welch entsetzlicher Traum? Da» Wasser? Der Schlamm? Ah jal da» ist der Krieg!... Ich bin allein in der halbgeschlossenen Schießscharte, di« der Lauf der Flinte verstopft; durch ein« Krümmung de» Grabens verborgen, liegt, wenig« Meter von mir entfernt, der Korporal.' Seit vorgestern abend sind wir die Berbindungsvosten der beiden. etwa fünfzig Meter vonemander entfernten Abteilungen. Ein «ingestürzter Graben, mit ungleicher, zerbeulter Brustwehr, halb angefüllt mit Wassir, Morast und Aesten verbindet diese� Hier und dort lassen Gitterwerk. abgehauene Aest« noch alt« Veneidi» gungen erkennen, hindern uns nun bei jeder Bewegung. sagt:„Schießen Sie nicht, wenn Sie nicht al» Antwort Granaten und Petarden erhalten wollen"; der Leutnant jedoch hat mir ge- sagt:„Schießen Sie von Zeit zu Zeit, um zu zeigen, daß wir wachen!" Und so schieße ich denn so selten, wie möglich, in langen Zwischenräumen, ohne jedoch etwas zu sehen. Könnte ich doch die beiden widersprechenden Befehle in Einklang bringen!... Furchtbar still ist der Morgen. Der wunde Wald erdrückt unZ mit seinen langen abgezehrten Armen. Der Mensch aber rächt sich. Beim aeringsten Windstoß durchtönt ein ohrenzerreihendcs Krach?» die Luft; von Kugeln durchlöcherte Acjte fallen, dem Rufe de» Winde» gehorchend, zur Erde. Dann wieder Stille, nur von einzelnen Gewehrschüssen nntec- brachen. Ich werde bald von meinem Posten abgelöst werde». » Siehe!... Da» Gewehrfeuer währt diesmal länger. Seit fünf Minuten ein ununterbrochene» Schietzen. Sollte«s ein An- griff sein? Aber wo bleibt die Artillerievorbereitung? Ein gedämpfte» Pfeifen bricht meine Betrachtungen ab. Zu meiner Rechten, wenige Meter entfernt, krepiert eine Granate. Unwillkürlich fahre ich auf— mein Herz klopft ungestüm— dann, blicke ich hin, von Neugier erfaßt. Rauch steigt langsam zum Himmel auf, dunkler, von kleinen schwarzen Punkten durchsäter Rauch, als käme er au» einem Kamin, in dem Papier verbrannt wird., Aber schon kommt ein« zweite Granate, diesmal an meiner linken Seite. Und bald ist eö ein wildes Durdkinander zornigen Knallens, vorne, hinten, recht», links, überall. Ein ununter- brochenc» Sausen, ein dumpfer, entsetzlich prasselnder Hagel, un» ermüdlich, bald ganz in der Nähe, bald sich entfernend, wie ein Gewitterregen, mit plötzlichem Nachlassen, dann noch wilder an- schwellend, ein unheilschwangeres Crescendo und Decrescendo. Während eines ruhigen Augenblicks kriecht der Korporal bis zu mir heran. Er geht den Leutnant suchen, um zu fragen, was geschehen soll. Ich bleibe allein, ganz allein, immer allein, unendlich allein. lind der furchtbare Niederschlag dauert an, die Erde dröhnt, auch der Regen beginnt von neuem zu fallen. Minuten vergehen, dann Stunden, lange Stunden, endlose Stunden. » Plötzlich verstummt alles. Das Schweigen umhüllt uns wie ein eisiger Mantel, noch erschreckender, noch grauenhafter, als der unaufhörliche Lärm. Der verrauchte Himmel klart sich, wird weit, aber dennoch krampst sich da» gepeinigte Herz zusammen. Stumme, milde Helle, schmerzliches Schweigen. Und immer allein. Was geht da vor? Ein lange» Schweigen... und plötzlich brechen auf allen Seiten rauhe Freudenrufe aus:„Hurra! Sieg! Sieg! Hurra!" Schmutzig graue Pakete wie ruseithafte zusammengerollte Hasen, prasseln heran, dicht wie Hagelkörner, rollen auf un» zu, wühlen sich in den Graben ein. Sie sind'»! Und die Kameraden? Ich wage, nun schon vorsichtig gewor- den, einen Blick. Fern, in ocm grauen, in Nebel gehüllten Wald schleichen blaue Gestalten, laufen hinter die Büsche, hinter die Baumstümpfe. Die Eingeweide der Erde speien«in« erschreckte Menge aus. Wie? Ist es denn möglich?... Man zieht sich zurück? Panik oder befohlener Rückzug? Ich weiß eS nicht.., Man zieht sich zurück. Was soll ich tun? Mich allein verieidigen?... Wahnsinn wäre es. Mich ergeben? O nein, ich will nicht sterben. Aber was dann?... Ich gehe den Leutnant suchen. Ich steige in die schlauchartige Rinne, die zu seinem Unter- stand führt. Komme nur langsam vorwärts, wate im Schmutz bis an die Schenkel. Eine Granate krepiert, wenige Schritt« von mir entfernt, wirft mich zu Boden: ich empfinde einen brennenden Schmerz im Schenkel, gehe immer weiter vor... O, sie haben mich erblickt! Die Kugeln pfeife», unheilvolle Töne: w« ein ver« wünschter Bienenschwarm umsummt e? meine Ohren. Tod Eine derselben berührt mich: ich verspüre ein Brennen unter dem Kinn, mein Rock färbt sich rot; ich gehe immer weiter vor... Ein Stoß m: meiner linken Hand: mein Zeigefinger hängt herab. jämmerlich, blutig. Ich gehe weiter, di« Biegung ist nahe, ich bin gerettet... Ein wuchtiger Knüttelschlag gegen mein linke» Bein. ich stürze erschüttert in? Wasser, in den Schlamm. Alle» wird wieder ruhig!... Der Lclrmntz verschlingt mich!... lieber mir schwebt der Tod!... Daö Schweigen... Der Tob!.., » Die Kälte des Wassers gibt mich der Wirklichkeit wieder. Die gutturalen Rufe halten an. Der Graben ist besetzt, der Feind bringt im Innern vor. Ich kann mich nicht bewegen. Ist daS der Tod?„Sieg! Hurra! Hurra! Sieg!" O, die Greueltaten der Deutsche», die entfesselten Bestien!... ich ahne abgeschnitteire Köpfe und Hände, gevierteilte Körper, ver- krampst« Leichen, seh« verstreut blutige Glieder, scheußlich« Schädel mit entsetzlichem Totengrinsen: all die Bisionen des Grauen», die überall abgebildet waren, sie werde ich jetzt in Wahrheit sehen. kennen lernen, an mir selbst!... Meine Augen schließen sich. Siehe, hier naht der Tod. Lebt wohl, Ihr alle, die ich liebet So gerne sähe ich Euch wieder, doch ach, ich kann«S nickt. Ich beeile mich Euer zu gedenken, gleich werde ich nicht mehr die Zeit dazu haben. Gestern da» Leben, nun der Tod! Lebt wohl. Ihr alle, die Ihr Sonne in mein Leben getragen, lebt noch einmal wohl, lebt wohl flu immer, hier ist der Tod!.,. Schritte plantschen im Schmutze. Ein Bajonett leuchtet auf. Ich wende den Kopf ab. Erwarte den Gnadenstoß: nur rasch, rasch, um Gotteöwillen rasch! Adieu..., Wenn aber anch einzelne Darlegungen des Kommumsti- scheu Manifestes durch die Entwicklung überholt sind und der Korrektur bedürfen: in seinen wichtigsten historischen Aus- führungen hat es durch die seit seiner Niederschrift der- gangenen sieben Jahrzehnte immer wieder Bestätigung ge- funden. Besonders kommt es als historisches Dokument in Betracht, als Wegweiser, der im Gewirr der abgelaufenen Entwicklung nicht nur den deutschen, sondern dem sozialisti- schen Proletariat der ganzen kapitalistischen Welt immer wieder die Bahn des Vorwärtsschreitens gewiesen und es seine historische Rolle ini kulturellen Werdegang verstehen ge- lernt hat— ein fester Leuchtturm im brandenden Gewoge der politischen Tagesmeinungen. Eine pflanzengemeinsihast. Von 25. Bölsche»). Jeder kennt die Flechte. In der Granitregion unseres Riesen- gebirgeS ist der Wanderer stundenlang schon mit ihr allein, wie sie als gelbe Krustenflechte den Stein bemalt; hier erscheint sie wirk- lich wie eine Urform des Lebens, die zuerst den ungefügen Fels benagt und anschmilzt, letzter Grundthp aller Urbarmachung dieser Erde. Als grauer Rübezahlbart hängt sie dann von den 2Letter- sichten,� sie färbt, wie den nackten Stein, so auch die trockenste Baumrinde, kriecht in scheinbarem Blatt- und Strauchwerk oder verkrumpelten Gallerthäufchen am Boden dahin; sie nährt als Renntierflechte in letzter dürrer Wiese noch das Polartier und macht damit seine Breite auch dem Menschen noch bewohnbar. Kaum ein Naturgebild von den kleinen der Erdlandschaft, das sich so fest, so allgegenwärtig uns von früh an einprägte. Hören wir aber, als was sich dem Botaniker solche Flechte entpuppen mutzte. Bon�den mehrtausend Arten der Flechten, Lichenen, wie das bo- taniiche Fremdwort sagt, lernte man lange in der Schule, datz sie eine besondere Kryptogamengruppe bildeten, die mit den Pilzen in der Fortpflanzung übereinstimmte, aber etwas besätze, das sonst den Pilzen absolut fremd ist. Der Pilz wird zwar zu den Pflan- zen gezählt, hat aber kein Chlorophyll, also nicht den bekannten wunderbaren»Kochtopf' der grünen Pflanze, mit dem sie im Licht aus anorganischem Stoff Lebenssubstanz kocht; er kann nur wie das Tier von schon vorgebildeter Substanz solcher Art leben, die er für gewöhnlich am Lebendigen und Toten zweiter Hand schmarotzend sich verschafsen mutz. In diesen Flechtenpilzen aber lagen autzerdem stets chloropbhllführende Zellmassen, die jene Kunst besahen und übten. Man fand im Flechtenkörper, dem „Thallus", wie man das nennt, stets zunächst verflochtene Zell- reihen, �(Fäden, Hyphen), die Sporensrüchte mit keimfähigen Sporen nach Pilzart trugen. Das waren offenbar echte Pilze, der bei unS gangbaren Form nach Schlauchpilze, also vom Mor- chel- oder Trüffelstamm. Aber was bedeuteten die chlorophhll- haltigen lebendigen Einlagen? Man nannte sie hergebracht die ..Gonidien' der Flechte, nahrn sie aber als Organe des Pilzes, die in diesem Falle grünen Algen ähnelten.„Flechte" war also ein algennaher, mit einer Art Metamorphose seines Wachstums in Algenthp übergehender Pilz, bei dem die Gonidien anscheinend als kleine Zweiglein aus den Pilzfäden selber hervorwuchsen. Doch schien die Fortpflanzung dunkel zu bleiben, die aus isolierten Sporen nur reine, stets rasch vergängliche Pilze ergab, während in anderen Fällen die Gonidien wie durch Hexerei hineingezaubert schienen. So sprach„auf Grund dieser und ähnlicher Bedenken" de B a r y 1866 aus, wenigstens einige Flechten möchten ans einer Vereinigung eines jedesmal bestimmten Pilzes mit einer echten Alge hervorgehen. Und das dehnte dann Schwenden« r, nach- dem man die Gonidien allenthalben. mit auch selbständig vor- kommenden Algen zu identifizieren begonnen, auf sämtliche Flech- len aus und entwickelte es zur festen Theorie, worauf es Reetz und dem hochverdienten Stahl gelang, durch Vereinigung solcher be- . stimmten, selbständig wachsenden Algen mit den geeigneten Pilzen einen Flech tenthallus absichtlich zustande zu bringen, also die Probe auf das Exempel zu geben. De Vary aber begründete mit 'dem ganzen enträtselten Sachverhalt die umfassende neue Lehre von der Macht der Symbiose(des Zusammenlebens), die hier einen chlorophyllosen Pilz mit einer chlorophyllführenden Alge bnchstäb- lich bis zur äusseren Unkenntlichkeit zu einer neuen Genossen- schaftseinheit verschweitze. Denn datz auch hier eine gegenseitige' Hilfe in glücklichstem Ausgleich vorliege, wurde schon de Bary selbst als eigentlichste Erklärung wahrscheinlich, und die Folge hat es auch nur bis zum äutzersten bestätigen können./ Die in den Pilz mehr oder minder wie eine oberflächliche Stickerei eingewebte grüne Alge kocht in ihrer Chlorophyllküche mit *) Aus dem KosmoÄhefte„Schutz- und Trutzbündnisse der Na- tur"(Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart). Lichtheizung nicht nur Leben Znahrung für sich, sondern sie erzeugt auch in der Fülle der Kraft Ueberschutz genug, den hungrigen Pilz mitzunähren, friedlich, ohne datz er selber an ihr fressen muh. Der Pilz aber, der gewissermatzen hier die Alge als Kochtopf aus seinen Händen sich vorhält, wt ihr dafiir den Gegendienst des umsichtigen Gärtners, der sein Bäumchen hegt, datz es für ihn fruchte, selbst kann er nicht an seine innere Kraft, wie ein Glückswunder auch für sich mutz er sie hinnehmen, wohl aber darf er der Wurzel den besten Stand geben, den Boden düngen und wässern, damit die Frucht so reichlich werde, datz er selber ohne Schaden dar Pflanze davon mitleben kann. So saugt auch der Pilz der Flechte Wasser samt den darin enthaltenen Mineralsalzen und leitet sie der Küche als Betriebsstoff zu, er kondensiert das Wölkchen noch am un- ftuchtbarsten Fels und Holz, und er gräbt selbst im härtesten Granit mit eigener ätzender Säure immer wieder ein Tröpfchen gleichsam aus, in dem das Ganze zwischen Himmel und Abgrund hasten mag. Datz solche genossenschaftliche Fabrik, wo die eine Partei, noch an den nacktesten Prometheusfelsen gekettet, aus Licht und Luft süsse Speise zu bereiten versteht und die andere dafür alle grobe Handlangerarbeit versteht, noch ausdauern kann, wo sonst Alge wie Pilz allein, ja jegliches bekannte Leben erlabmen mützte, begreift man,— bewundernd aber sieht man dabei auf die Symbiose hier als eine Mehrerin nicht bloss des Cinzelraumes einer Art, sondern des ganzen Lebens auf Erden, während man zugleich auch an eins gewisse geschichtliche Verkettung denkt, die wohl gerade in dieser Pilzsymbiose stecken könnte. Denn der Pilz, heute von der eigenen elementaren Bereitung des pflanzlichen LebenSbroteS abgeschnitten, ist, so darf man vermuten, selber doch wobl ursprünglich nur ein verlorener Sohn der Pflanzenwelt ge- Wesen, ein abgelenkter Zweig etwa der Algen selber, der diese Gabe nachträglich verloren hatte, weil er sich gewöhnt, in der licht- fernen Bodentiefe dem Abhub des Lebenstisches der andern bei Tod und Öerlvesung nachzugehen. Aus dieser Tiefe ist er aber dann doch wieder vielfältig als ein schlimmer Fresser und Pa- rafit auch am wirklich Lebendigen erstanden. Bis in solcher Sym- biosensorm abermals eine Art neuen Ausgleichs auch für ihn ein- trat, bei dem er friedlich von oben das verlorene Brot wieder be- kam, dafür aber jetzt seine als Bergmann und Schatzspürer in der Tiefe erworben« Kraft in den Dienst dessen stellte, der ihm dieses Brot gab, womit aus weitem Umweg der Natur etwas geschaffen war, das auch im ganzen da oben im Licht eine glückliche Neue- rung und Erweiterung darstellte. Nun aber sollte es noch etwas'ein, aus das ebenfalls bereits de Bary selbst hinweisen konnte. Grüne Einzelalgen sitzen auch auf dem Lande schon in Menge an Bäumen und Felsen allein, brauchen nicht allzu viel Feuchte und fliegen m ihrem eingetrock- neten und abgeblätterten Zellenmaterial weit mit dem Winde um- her. Ebenso aber fliegen Pilzsporen herum, der alte Kerner hat seinerzeit unübertrefflich geschildert, wie man bei der Schwärmerei sozusagen an aufgestellten Leimruten nachweisen kann, einfach, datz sie also gelegentlich sich immer wieder auch einten und die Flechte erzengten, wobei gewisse Pilzarten nur recht gediehen, wenn sie mit gewissen schon in altem Erbe prädisponierten Algen so zusammenträfen, wäbrend die Algen sich wablloser gäben, aber in bestimmten Arten schlietzlich doch auch des Pilzes nicht mehr. ganz entbehren möchten. Wo solches zusammenbestimmte Flechten- Volk von heute dann bereits in Kolonien beisammen fitzt, da wird ja durch Abstäuben gerade dieser Pilzspoven und Abschilfern dieser Algenzellchen auch der engere Bund immer wieder erleichtert wer- den. Und doch ist auch das noch nicht das Ganze. Gerade der letzteren Hilfe hat sich erst das vollkommenste Symbiosenwunder diesmal angeschlossen. Wo Alge und Pilz sich glücklich in be- stimmler Art zusammengefunden haben, wo sie in der Reife der Kraft lange schon genossenschaftlich gewirtschastet haben, da end- lich gelingt es ihnen, ihre Fortpflanzung wirklich zusammenzu- legen. Sie bringen sogenannte Soredien hervor. Soredcrn bedeutet im Griechischen etwas Gehäuftes. Nicht das einfache Häuf- chen ist aber hier das Bezeichnende, sondern entsprechend der Sym- biose das Zusammengehäufte, aus zwei Parteien zu gemeinsamem Zbeck Jneinandergehäufte. Aus der Oberfläche der Flechte er- wachsen, oft in besonderen Gärtchen, winzige Körperchen, ebenso lösbar und vom Winde verfübrbar wie der gewöhnliche Pilzstaub oder Algenschorf. Aber diese Soredien sind diesmal nicht blotz Pilz oder Alge. Sre sind schon saatreifc junge Neuflechten: Genossen- schaftsableger. In jedem sitzt eine gewisse kleine Zellprobe Alge, umsponnen von einem Fadenteil Pilz. Die Flechte, zum Zwei- seelenwesen geworden, entsendet ein siamesisches Zwillingspaar. Zwar ists auch in der geschicktesten Variante noch kein« eigentliche Ei-Verschmelzung, sondern hat stets mehr vom doppelten Ableger- Zwilling, aber wer will aus dieser Stufe des Liebeslebens das noch so scharf trennen? Grundlegend ist vom 2Lesen aller Fortpflan- zung aus jedenfalls, datz auch hier schon der Zufall der nachträg- lichen Begegnung ausgeschaltet wird: die Soredien müssen wieder neue Flechten der betreffenden Art erzcugon, wie nur irgend eine Froschart Frösche, eine Ääferart Käfer ihrer Art erzeugt. er lächelt, erstaunt, datz ich seinen köstlichen Schnaps nicht zu Ende trinke. Der höllische Lärm dauert weiter... Oben aber leuchtet die Sonne, die Wintersonne, überflutet alles mit ihrem milden Lichte. So gut ist es zu leben! Ich werde Euch alle wiedersehen, Ihr meine Geliebten!... » Die Schlacht entfernt sich, flaut ab. Meine beiden Schild- wachen scheinen nicht böse zu sein, datz sie nicht mehr daran teil- nehmen. Wir versuchen miteinander zu plaudern, aber mein süss- licheS Flämisch will- nicht zu ihrer rauhen Sprache passen. Und die Gebärden sind ausdrucksvoller denn die Worte... Plötzlich lächelt der eine rätselhaft, sagt einige Male:»Kaput! Kaput!" — zieht sein Bajonett heraus, macht Miene, mir die Kehle durch- zuschneiden. Ich rühre mich nicht, bin überzeugt, datz er nur scherzt, mir Angst einflössen will... Ein Schatten füllt die Oeffnung des Unterstandes aus. Eine heisere, rauhe, abgehackte Stimme ertönt. Beschämt steckt der'Sol- dat sein Bajonett zurück, geht, die Waffe in der Hand, dorthin, wo die Schlacht tobt. Der andere steht stramm, in ehrfurchtsvoller Haltung. Ein Offizier nähert sich:„Beruhigen Sie sich, mein Herr"— sagt er zu mir—„wir toten unsere Gefangenen nicht." Ich stammle einige verwirrte Worte, bin etwas beschämt. Wäh- rend er den anderen Soldaten beftagt, bemerke ich einige Bro- schüren, die aus semer Manteltasche Herauslugen: es sind etliche Hefte der„Humbles", die mir mein Bruder kürzlich geschickt. Ich hatte sie zusammen mit meinem Brotsack zurückgelassen; darunter einige mir werte Brief«. Da ich ihn so günstig gestimmt sehe, wage ich ihn um dieselben zu bitten. Er willigt gerne ein. Dann, da ich die begehrten Briefe an mich genommen—„Erlauben Sie"— fügt er hinzu—„datz ich die Broschüren zum Andenken behalte?" Ich gebe sie ihm zurück, zeige ihm einen Satz meines Freundes Jacques Froissart, der sich auf das Buch Henri Gmlbeaur bezieht: „Auch wir träumen von einem Bruderwege, der beide Völker der- einigen möge". Er lächelt traurig:„Sozialdemokrat"?— fragt er, und verlätzt uns, nachdem er mir noch die Hand gedrückt. « Der Abend kommt. Vier Krankenpfleger erscheinen mit einem Zelttuch mich abholen. Doch brülle ich bei der geringsten Beruh- rung wie ein Besessener auf. Da legen sie das Tuaj, ein wenig unter meinen Körper geschoben, vor mich hin und während sie phlegmatisch, mit gekreuzten Armen warrend, stehen, wälze ich mich langsam, mit vieler Anstrengung, selbst darauf. Ein knoti- ger Stock wird durch die Oeffnungen des Tuches geschoben.und wir machen uns ans den Weg. Durch die verwüsteten Gräben, im zerstörten Erdinnern gehen meine Träger ins feindliche Lager. In der Ferne erstirbt der Kanonendonner in der reinen Nachtluft. Und der Mond verbreitet sein fahles Licht. Der Krieg?.., Das war gestern! (Deutsch von H. von Zur MüZ!cu.). Europäische Sucher. Verlag: Max Rascher, Zürich ISIS. Diese geschmackvoll und bis jetzt sorgfältig ausgearbehew Sammlung soll, nach des Verlages eigener Ankündigung,„neben Romanen, Novellen und Essays auch die besten Biographien, Memoiren und Briefwechsel, die europäischen Wert besitzen, enthalten." Als erster Band erschien, von der Sckiweizerpresse begeistert empfangen, Andreas Latz kos stürmischer Novellenzyklus „Menschen im Krieg"— von demselben Latzko, der nach einer lebhaftes Aufsehen und Widerspruch erregenden Komödie „Apostel" 1913 einen schönen, nun bei Rascher lZürich) neu aus- gelegten Liebesroman„Der wilde Mann" herausgab. Der Verfasser, der monatelang an der österreichisch-italienischen Front stand, beweist auch in diesem Werk seine expressive, zwingende Kunst, die, zusammen mit einer leidenschaftlichen Menscbli-bteit. ein— leider in Deutschland verbotenes— Kriegsbuch geschaffen bat. da§ hoffentlich vielen die Augen weiten und das Herz öffnen wird. Künstlerich schwächer, aber von glutvollen Ideen getragen, ist Leonhard Franks Novellensammlung„Der Mensch ist gut"(man denkt dabei: aS. wäre er es doch auch l!). Frank bat sich bor Jahren mit seiner„Räuberbande" den FontanevreiS gebolt, um dann durch„Die Ursache" zu beweisen, datz sich die erboffle Läuterung in der Tat auch vollzogen hatte. Bei seinen Kriegs« Novellen ist eS ihm um Entladung seiner erregten politischen Ge- danken zu tun: wie Latzko läuft er Sturm gegen den Krieg und möchte, datz künftig die Liebe den europäischen Tbron besteigen würde. Bleibender als diese zwei bedeutungsvollen und neue Ideen tragende Bücher ist da? herrliche„Do kou"(Das Feuer) von Henri Barbusse. Hier ist endlich ein Buch entstanden, das nicht eher als die Erinnerung an diesen.Krieg untergehen wird: grötzer als ZolaS„Dsbücle"— ein wahrhaft europäisches Buch. Der Franzose weitz hier mit unheimlicher Plastik, die namentlich durch die rauhe, schwer verständliche Soldatensprache vertieft wird, ein erschütterndes Bild des leidenden Soldaten zu geben.„Wenn dieser Krieg den Fortschritt um eine Stufe weitergebracht hat, so wird sein Unglück und seine Schlächterei wenig zu bedeuten haben'— diese Worte eines schlichten Feldgrauen verkörpern fürwahr das Heldische unserer Generalion: für unsere Kinder, unsere Nachkommen zu kämpfen und zu sterben. Der Dichter L. v. Meyenburg besorgte von diesem Buch, da? man gern einmal zum„Volksbuch" erhoben sähe, eine fleitzige, die grotzen Schwierigkeiten freilich nicht ganz überwindende Uebersetzung. Die„Briefe eines Soldaten" besonders hervorzu- heben, scheint mir überflüssig, weil es in Deutschland mindestens so eindrucksvolle Briefwechsel— wir nennen etwa Witlops„Kriegs- briefe deutscher Studenten"— gibt. Kriegsrein ist bisher nur ein Buch dieser Sammlung: Romain Rolland S„Beethoven"- Biographie, von Frau Langueic. Hug in lesbarer deutscher, wenn auch nicht eben künstleri'che Ein- sührung verratender Uebersetzung dargeboten. Diese 1903 zum ersten- mal in den„Lattiers de la quinzaine" erschienene geniale Lebensbeschreibung, die zu RollandS bedeutendsten Werken zählt(wir möchten ihm selbst, dem edlen Menschenfreunde, auch einen so fein- sinnigen Biographen wünschen I), will nicht so sehr Beethoven den Künstler, als Beethoven den Menschen wiedergeben.„Wo der Charakter nicht grotz ist. kann eS der Mensch, kann eS der Künstler nicht sein".— Das zu beweisen, ist der Zweck dieses schönen BucheS. Hoffen wir, datz diesem Beethoven-Band bald noch die andern Biographien RollandS, diejenigen Tolstois und Michelangelos folgen! Sie sind in diesen sturmvollen, bitteren Tagen doppelt beglückend.__ Karl Seelig. Laute und Lieö. Die Laute ist wieder volkstümlich geworden wie«chemgls. Unsere neu« Jugend ist ohne Laute und Gitarre gar nicht mehr denkbar. Wie kaum ein anderes Instrument ist Laute und Gi- tarre die Begleiterin unserer Geselligkeit und Fröhlichkeit gewor- den. Nicht nur daheim und im Konzertsaal, wo der Lautensänger das einsach-schöne alte Volkslied mit all seiner Innigkeit und Heiterkeit zu neuem Ansehen und Würden erweckte, sondern auch drautzen über Berg und Tal ziehen sanges- und wandcrsrohe Men- schen mit Laute und Gitarre dahin. Auch in Arbeiterkreisen, wo die Musik von jeher eine gute Pflegschaft fand, weitz man die Vorzüge des handlichen Instruments zu schätzen und bedient sich seiner innner mehr, um der Ge- selligkeit und Fröhlichkeit aus einfache Weise musikalische Stimmung und Weihe zu verleihen. Die Technik des Instruments ist leicht erlernbar bei einiger musikalischen Veranlagung. Von einem unserer bewährten und besten Lautenspieler, Leonard Bulmans, ist kürzlich ein treffliches Lehrbüchlein erschienen, das jedem Lauten- und Gitarrefreund, der die Meisterschaft crftrebr, aestenS ev.psoaien werten kann. Aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen beraus hat der.Künstler das Buch verfatzt und zusammengestellt, das in leicht fatzlichcr Frrm und sehr anschaulich die Handhabung des Instruments und eine gründliche Notenkenntnis lehrt. Das Lehrbüchlein ist sowohl zum Selbstunterricht wie auch zum Gebrauch mit einem Lehrer, was empfehlenswerter ist, geeignet. Eine wertvolle Ergänzung erhält das Buch noch durch einen Anhang zahlreicher prächtiger Lieder für den praktischen Gebrauch. Unter ihnen sind gute eigene .Komposihonen des Verfassers(otote wertvolle Bearbeitungen geeigneter klassischer Lieder von Schumann, Schubert, Mendelssohn u. a., wie sie bisher noch wenig im Gebrauch waren, aber eine wertvolle Bereicherung für den Lautengesang bedeuten. Den grotzen Vorzug der Billigreit hat dos Büchlein autzerdem. Es kostet nur 3 M. und nennt sich: Praktische Lauten- und Gitrre schule von Leonard Bu l m a n s(Triumph-Verlag, Berlin),_ Notizen. — Borträge. In der Urania wird der Vortrag über die Ukraine Sonntag, Montag, Dienstag. Mittwoch und Sonnabend wiederbolt. Donnerstag spricht Prof. Spietz über Röntgen- dienst im Felde, Freitag Prof. Rölhe über Die Hermann« schlacht in der deutschen Dichtung.— Institut für Meereskunde. Dienstag Pastor Engelhardt: Hawaii.— In der Treptow-Slernwarte spricht Dienstag, 7 Uhr, Dr. Archenhold über Saturn und sein Ringsystem, Ntttt« woch, 8 Uhr, über die Bedeutung des Films für Wissen- schaft und Technik.— Ueber„Frauenhatz in Dichtung und Philosophie' spricht Dr. Koerbei im Bund für Mutler- schütz am 26. Februar, abends S1/» Uhr. im Weinhaus Rherngold, Potsdamer Str. 3. Eintritt frei. — Musikchronik. Lola Artot de Padilla fingt am Montag in dem 3. Sinfoniekonzert de» Blüthner-OrchesterS. LiSzl'S Dante-Sinionie steht autzerdem auf dem Programm. — D i e„Typographia" veranstaltet Sonntag, den 3. März, in der Hochschule für Musik ein Konzert unter Leitung ihres Chormeisters Weiubaum. Nutzer Männerchören und Lie- dern gelangen Violinstücke und das Sextett von Beethoven zum Vortrag. — Die deutsche Faserstoff-AuSstellung ht Berlin wird am 6. März eröffnet werden. — Die„Deutsche Buddha-Ges ellschaft." ersucht uns mitzuteilen, datz sie mit dem kürzlich an dieser Stelle erwähnten „Neubuddhistischen Berlage" nicht zusammenhänge. Sie gehe nicht daraus aus, ihre Mitglieder aus eine einseilige Richtung oder auf die Befolgung buddhistischer Vorschriften festzulegen. Ihr Bnrcau befindet fich Potsdamer Str. LL b. Ein Schlag auf die Schulter: rascher, um Gotteswillen! Ein stärker ausgeprägter Schlag. Ich wende erstaunt den Kopf um. Ein junger Bursche sieht mich an, streckt mir die Hand hin, lächelt. Ich zögere, ist dies dann möglich? Welch grauenvolle Falle stellt man mir da? „O, Kamerad! Wie geht's?" Und wie ich ihn noch immer benommen anstarre, murmelt er mit einer Stimme, die mich von himmlischer Harmonie deucht: „O Kameradi Ich bin gut!... Rein! Sie find noch nicht kaput! NernI... Wir werden gute Kameraden sein! Ja, ja, gute Kameraden!" Ich drücke ihm warm die Hand, begeistert von einem Gefühl unendlicher Dankbarkeit, milder Menschlichkeit. Ist er nicht in Wahrheit mein zweiter Vater? * Dann trägt er mich mit Hilfe eines herbeigerufenen Käme- raden in den verlassenen Unterstand des Majors. Während der Kamerad mich, die Waffe in der Hand, bewacht, geht er dem Doktor rufen, kommt alsbald mit einem kahlköpfigen, frisch ra- sierten Arzt zurück. Ich habe inzwischen meinen Finger, so gut es eben ging, mit meinem eigenen Verbandzeug ausgeflickt. Er verbindet mir das Bein. Da ich ihm durch Gebärden meine Angst ausdrücke, dieses armselige Stück Fleisch gänzlich amputieren lassen zu müssen, lächelt er.„Nein, nein, es heilt bald. Nach dem Krieg kehren Sie nach Frankreich zurück"— versichert er mir in einem fehlerhaften, kindlich lispelnden Französisch. Nachdem er mich mit einem gegen die Feuchtigkeit schützenden Zelttuch bedeckt hat, geht er weiter, die Leiden anderer Unglück- l-cher lindern— vielleicht Sterbenden, vom Glück weniger Be- günstigten als ich, den Tod erleichtern. » Die Schlacht dauert an: von neuem regnet es Granaten, ein rauher Hagel; das Gewehrfeuer beginnt abermals, die Kugel- spritzen prasseln. Und immer noch rücken die feindlichen Truppen box. Im nächsten Erdinnern drängt fich eine traurige Menschen- masse. Soldaten marschieren vorbei, treten an die Stelle toter Kameraden. Ich sehe sie, durch das halbgeöffnete Zelttuch spähend, vorüberziehen. Manchmal erblicken sie auch mich. Einige heben die Achseln, scheue Tränen im Auge, dann gehen sie weiter, ganz langsam.' Andere, überreizt, werfen mir einen hatzersüllten Blick zu. und die Flinten noch grimmiger, umspannend, eilen sie zu neuem Töten.„Also"— sage ich mir—„gehen die Menschen m den Krieg. Mit Bedauern sie einen, trunken die anderen"... „ Meine Wächter geben mir Wein und Kaffee, die sie im ver- lassenen Graben gefunden. Ein vorübergehender Soldat bleibt stehen, schraubt eine kleine Feldflasche, die er am Gürtel trägt, aus, reicht sie mir. Gierig tue ich ein paar Züge, ein scheußlicher Al- koho! vcrbreunt mir die Kehle. Mig gebe ich ihm sei» Gift zurück,