Z5. Jahrgang. ♦ Nr. IS Heilage Zum �vorWärts" Herliner Volksblatt Serlin, 21. Tlpril 1918 Totenfrühling. Gesponnen mit feuchten, Segnenden Aingern Hat nächtlich der Frühling Schimmernder Schleier Lichtgrünes Gespinst. Run zittern die Zweige Don zartem Gewebe, Und über die schwarzen, Safischweren Aeste Fließt hauchfeiner Flor... Der Mord und Gemetzel Läßt triefen auf Erden, Der Krankheit und Kummer Den Menschen verhangt— Der Kronen zersplittert Und Keime verschleudert, Der ewige Weber Webt bräutliche Zier. Tod ist gekommen, Teures genommen, Liebende herzen Geschieden in Qual: Nimmer sich freuen Am sprießenden Neue« Können die Toten, Nimmer sich wärmen am sonnige« Strahl. Allesdurchdringer, Sprengst du den Zwinger, Tauchst die verloschenen Auge« w Licht? Wandelst Begrabene, Schwebend Erhabene— Wir nur trauern in bltterm Verzicht...7 Sari H tndtlL Kriegskost und Gesundheit. Von Dr. med. Max VlUftein. Die Unterernährung, unter der wir jetzt sett längerer Zeit leiden, hat manche medizinische Autoritäten veranlaßt. ihrer Ansicht über die Wirkung dieser Kost auf die Gesundheit öffentlich Ausdruck zu verleihen, offenbar in der löblichen Absicht, den Willen der Bevölkerung zum weiteren Durchhalten zu stärken. Aber diese Aeußerungen find alle derartig, daß sie eher geeignet erscheinen, daS Publikum aufzuregen als zu beruhigen, denn sie stehen mit den täg- lichen Beobachtungen in kraffem Widerspruch. Da behauptet eine akademische Größe, daß die schmale Kost, auf die wir jetzt.angewiesen sind, für unsere Gesundheit nicht nur nickt schädlich ist, sondern im Gegenteil dazu bei- trägt, sie zu verbessern. Wir hätten in Friedenszeiten viel zu viel gegessen, geradezu geschlemmt, so daß die verminderte Nahrungszufuhr eine heilsame Entziehungskur für den Volkskörper darstelle, welche dem allgemeinen Gesund- heitszustande sogar förderlich sei. Ein anderer Profeffor hat seit der Rationierung des Fleisches— sein Herz für den Vegetaris- mus entdeckt, den die medizinische Schule früher auf Grund des Baues unseres Gebisses und der Anatomie unseres Verdauungschlauche» nicht nur als verkehrte Ernährung?- theorie bekämpfte, sondern geradezu als Ausgeburt fanatischer Naturheilapostel verspottete.— Ein dritter Autor wieder sucht auf Grund der Statistik zu beweisen, daß gewisse Krankheiten wie z. B. die Blinddarmentzündung und auch die Eclampsie, jenes gefährliche Leiden der Erstgeschwängerten, welches das Leben sowohl der Mutter wie der Frucht bedroht, wfolge der jetzigen Kost sehr selten geworden sind. Ferner wird der Kriegskost nachgerühmt, daß die Zuckertranken sich bei ihr viel wohler fühlen als im Frieden, daß gewisse Hautkrank- heiten, wie z. B. die Schuppenflechte sich vermindert haben und endlich, daß die Gichtiker und Rheumatiker jetzt viel seltener von akuten Anfällen heimgesucht werden, als bei der Ernährung im Frieden. Diese Tatsachen sollen nicht bestritten werden, aber dieser Autor scheint ganz zu vergessen, daß die Nahrungsmenge, die uns von den Behörden zuge- wiesen wiesen, nicht für Kranke, sondern für gesunde und an- geswengt arbeitende Menschen bestimmt ist. Das Tollste aber leistet sich ein Pros. Sch. in einer viel zelesenenen täglichen Zeitung. Dieser stellt nämlich das Schwächegefühl infolge der mangelhaften Sättigung, das Knurren unseres hungrigen Magens und die dadurch bedingte hochgradige Nervosität der Hevölkerung in Parallele mit den Abstinenzerscheinungen des Morphinisten und Alkoholikers.— Wie jenem nicht wohl ist, wenn er nicht sein tägliches Quantum Morphium erhält, und dieser schlapp macht, wenn er nicht seine diversen Schnäpse intus hat, so fühlt sich ein großer Teil der Bevölkerung nur des- halb krank und gebärde sich unzufrieden und gereizt, weil er sich einbildet, nicht genug Nahrung und in dieser nicht genug Fleisch zu bekommen. Dieser Autor versprach, daß er in einem zweiten Artikel diesen merkwürdigen Einfall noch näher erläutern werde. Dieser Artikel ist aber nicht er- schienen, obgleich schon mehrere Wochen seit seiner Ankündi- gung verstrichen sind. Es scheint, daß der Redaktion jenes Tageblattes doch einige Bedenken gegen solche Publizistik auf- gestiegen sind, und darum wollen wir über die Entgleisung dieses Herren, die einer Verhöhnung unserer schwer leidenden Volksgenossen gleicht, wie ein faules Ei dem andern, den Mantel der Nächstenliebe decken.— Von Liebig über Voit bis zu Rubner hat man uns gelehrt, daß an Nahrungs- substanzen eine Menge notwendig ist, welche entspricht: für den ruhenden Menschen von 2600, für den mittelschwer arbeitenden von 3100 und für den Schwerarbeiter von zirka 3800 Kalorien.*) Außerdem ist die Menge der Nahrung abhängig von der Schwere des Körpergewichts; je schwerer ein Körper ist, desto mehr Nahrung braucht er. Auf 1 Pfund Körpergewicht kommt also an Nahrungssubstanz für obige 3 Kategorien 35 Kalorien, 45 Kalorien und 53 Kalorien. Nun kommt es bei der Ernährung nicht bloß darauf an, wieviel an Nahrungssubstanz eingeführt wird, sondern wie- viel der Körper von dieser Nahrung ausnutzt. Der Teil der Nahrung, welcher im Körper nicht ausgenützt wird, geht mit dem Kot ungenützt ab. Es hat sich nun gezeigt, daß die tierische Nahrung vom Körper viel inten- *) Ilm sämtliche Nahrungsmittel auf einen Nenner zu bringen, hat man ihren Nährwert nach der Wärmemenge bestimmt, welche sie liefern, wenn man sie vollständig verbrennt. Diese Wärme- mengen bezeichnet man mit Kalorien, und eine Kalorie ist diejenige Menge von Wärme, welche notwendig ist, um 1 Gramm Wasser von Null auf 1 Grad Wärme zu erhohen. So entspricht 1 Piund Kartoffeln 300 Kalorien, 1 Ei 73 Kalorien, 1 Piund Ochsenfleisch f500 Kalorien. 1 Pfund Kohlrüben 380 Kalorien usw. Werkmeister Kalinkowski. Von Julie Jolowicz. Er hatte sich spät von der Heimat losgerissen.-- Als er Abschied nahm, stand seine Mutter, eine starke, derb- knochige Bäuerin, kopfschüttelnd in der Tür ihres Hauses und syh ihm zweifelnd nach. Sie war weder gerührt, noch traurig oder gar erbittert über sein Fortgehen. Sie wunderte sich nur... Hatte er über dreißig Jahre in der Luft seines Geburts- ortes atmen können, so dürfte es ihm wohl weiterhin in dieser Umgebung behaglich sein, meinte sie. Und die Nach- barn gaben ihr recht. Aber weder sie noch ein anderer brauchte ihn und darum machte niemand den Versuch, ihn zurückzuhalten. Wcmv man der Bäuerin Arme und Hände sah, so glaubte man ihr ohne weitere Versicherungen, daß sie sich in der Wirtschaft auf ihre eigene Kraft verließ. Eine Liebste aber hatte Paul Kalinkowski nicht, die sich an ihn hängen und ihn in die Fron des mütterlichen Regimentes zurückzerren könnte. So durfte er ungehindert sein Bündel schnüren und zum Bahnhof des nächsten Städtchens wandern, um von dort nach Berlin zu reisen. Er hatte keine besonderen Pläne und Hoffnungen, er machte sich nicht einmal ein festes Bild von dem. was er in der großen Stadt beginnen wollte. Er würde Arbeit suchen und finden, dessen war er gewiß, in allem Uebrigen Neß er den Zufall walten. Unterwegs sah er zum Fenster hinaus oder nickte im Halbschlaf vor sich hin; während der langen Fahrt hatte er mit keinem Reisegefährten ein Wort gewechselt und sich mft bäurischem Mißtrauen von aller Gemeinsamkeit ferngehalten. So war er allein, unerfahren und ahnungslos, als er im Wirbel der Großstadt einer der Körper wurde, die, von allen denkbaren Zufällen geschleudert, manchmal an die Oberfläche getrieben und manchmal in den Schlamm hinunter gespült werden, allem guten Willen zum Trotz und vielleicht aller Ge- schicklichkeit zum Hohn, die ihnen den Halt des kunstgerechten Schwimmers gewährleisten sollte. Paul Kalinkowski war nicht unter denen, die für den Untergang bestimmt wurden. Er fand einen Herrn, der ihm Arbeit gab und er wurde, weil das in seiner Art lag, sein Knecht. Sein ergebener Knecht... Der Mann, der ihn beschäftigte, stand am Beginn seiner neuen Laufbahn wie er selbst, nur mit anderen Kampfmitteln ausgestattet: er hatte Geld und Bildung und die nötige Klugheit, sie an der rechten Stelle einzusetzen. Er fand in Kalinkowski die Ergänzung seiner Kraft, und er schaltete mit der Leistungsfähigkeit seines Angestellten wie mit der eigenen, ohne den geringsten Wider- stand zu finden. So vergingen ein paar Jahre, in denen das Geschäft sich vergrößerte und Paul Kalinkowski einige Kollegen bekam, die zwar ihre Pflickt taten, aber dabei ihre Interessen nicht aus den Augen verloren. Ein schärferer Beobachter als Kalinkowski hätte wohl bemerkt, daß der Fabrikbesitzer auch das wie etwas Selbstverständliches hinnahm und er hätte sich zu Gedanken hinüberleiten lassen, die ihm den Aufschluß brachten, daß der Brotgeber sich hüten würde, das zu tun, wenn die Andern nicht recht hätten. Aber Paul Kalinkowskis Hirn bedrängten keinerlei rebellische Ideen. Er arbeitete nach wie vor gleich einem Lasttier und vermied jede Berührung mit den Genossen, die ihn nach einigen ftuchtlosen Versuchen ausgaben, als sie einsahen, daß er für ihre Be- strebungen verloren sei. So blieb er auch jetzt wieder allein. um so mehr, da er inzwischen zur Rangstufe eines Werk- meisters aufgerückt war, und man fühlte, daß er als Zwischen- glied dem Fabrikanten näher war als den Arbeiter«. Eine rechte Freude an dieser Ernennung hatte übrigens nur die Fvau gehabt, mit der er eine Vernunftehe ein- gegangen war und die ihn nun feit Jahren zu Hause zum Essen erwartete, zusammen mit den beiden Kindern, die sie ihm geboren hatte. Diese Frau hatte ihm nicht nur einen reichlichen Notgroschen zugebracht, sie war ihm an geistiger Beweglichkeit und Lebenserfahrung Iveit überlegen, und er war es zufrieden, wenn sie ihm alle Uuzuträglichkeiten des siver ausgenutzt wird als die pflanzliche, weil bei der letzteren die Nahrungssubstanz in Zellulosehüllen eingeschlossen ist, die den Verdauungssäften einen großen Widerstand entgegensetzen. Andererseits hat die Erfahrung gelehrt, daß zu große Mengen tterischer Nahrung sowohl in gesundheitlicher wie in ökonomischer Beziehung jür die Er- nährung unzweckmäßig sind. Wird zuviel animalische Substanz in der Ernährung ge- braucht, dann bilden sich viele Säuren im Blut, speziell die Harnsäure, welche den Boden für die Entwicklung zahlreicher Erkrankungen abgeben. In ökonomischer Beziehung ist es wichtig, da�j die pflanzliche Nahrung, welche im Tierkörper zur animalischen umgewandelt wird, auf den 4. Teil ihres Nährwertes sinkt und darum außerordentlich verteuert wird. AuS dieser Betrachtung ergibt sich, daß die gemischte Kost die zweckmäßigste ist, in welcher die pflanzlichen Nahrungsmittel überwiegen. Betrachten wir nun, was die Bevölkerung cm ratio- n i e r t e r Nahrung erhält, um festzustellen, ob sie den ge- sundheitlichen Anforderungen entspricht? Wir bekommen pro Woche 1950 Gramm Roggenbrot, das entspricht abgerundet 4000 Kalorien, dann 70 Gramm Fett= 225 Kalorien, 250 Gramm Fleisch---- 250 Kalorien, 7 Pfund Kartoffeln— 2100 Kalorien, 190 Gramm Zucker= 730 Kalorien. Außerdem erhalten wir hin und wieder 100 Gramm Teigwaren oder Grieß oder Sago oder 1I2 Pfund Kunsthonig oder 1 Pfund Marmelade, was auch mit zirka 200 Kalorien pro Woche be- wertet werden soll. Das macht zusammen 7505 oder pro Tag und Kopf 1072. Wir wollen die Schwer- arbeitcr, welche die Hindenburgzulage erhalten, obgleich diese auch sehr unregelmäßig fließt, aus unserer Berech- nung ausscheiden und ebenso die Säuglinge und Kinder bis zu 6 Jahren, welche gleichfalls Zusatznahrung erhalten. Da die Nahrungsmenge sich auch nach dem Körpergewicht richtet, so ist das Durchschnittskörpergewicht der Bevölkerung festzustellen. Dieses ist, wenn man das Kindergewicht mit in Betracht zieht, nach der letzten Statistik bei uns auf 46 Kilo- gramm festgestellt worden. Nach unseren obigen Angaben braucht also jeder mittelschwer arbeitende 46X45 Kalorien— 2070 Kalorien. Man sieht, wir bekommen also gerade die Häl'fte von dem was wir wirklich zur Erhaltung unserer Gesundheit und Leistungsfähigkeit brauchen. Den Nest muß sich die Bevölkerung aus den Nahrungsmitteln besorgen, welche sich noch im freien Verkehr befinden, das sind eigentlich nur Kohlrüben und zur Ergänzung würden 3 Psimd davon notwendig sein. Bei dem großen Anteil pflanzlicher Kost in der Nahrung ist die Ernährung aber als eine durchaus mangel- hafte zu bezeichnen und die Folgen davon machen sich für den Arzt sehr deutlich bemerkbar. Ihrem Gehalt nach zerfallen unsere Nahrungsmittel in Eiweißstoffe, Fette und stärkehaltige Substanzen. Damit die Nahrung unseren Bedürfnissen entspricht, wurde früher an- genommen, daß mindestens 120 Gramm Eiweiß dann enthalten sein müssen. Später hat man zugegeben, daß der Körper auch mit 90 Gramm Eiweiß auskommt und nach neueren Forschern wie Chittenden und Hinderhedt sollen auch 50 bis 60 Gramm noch genügen, um im Körpergleichgewicht zu bleiben, vorausgesetzt, daß genügend Fett in der Nahrung enthalten ist. Auch aus dieser Aufstellung ergibt sich, daß die Nahrungsmenge und das Nahrungsgemisch, welches wir gegenwärtig erhalten, durchaus unzureichend ist. Wohl jedem Arzt kommen jetzt Fälle in der Sprechstunde vor, welche über allgemeine Mattigkeit, Ohnmachtsanfälle und Schwarzwcrdcn Alltags ordnend abnahm und ihm die Hingebung an seine Arbeit und das Geschäft des Brotherrn nicht verübelte. Man kann nicht sagen, daß Paul Kalinkowski seine Familie nicht liebte. Was ihm an Zeit und Kraft übrig blieb, gab er gern an Frau und Kinder ab, nur blieb wenig Platz in seinem Leben für sie; denn der Moloch, der ihm Gefühl und Mark als Opfer abnahm, war die Fabrik. In den Arbeitssälen, mit ihren gradlinigen Fenstern, die unter der Einivirkung des Geräusches stampfender Maschinen stets leise klirrten, spielten noch seine Träume, und die Rad- speichen der Mühle, die das Material zur Verarbeitung vor- bereitete, schienen ihm kosende Finger, wenn sie beim Kreisen die Luft verdrängten und sie ihm zu den schon ergrauten Schläfen führten. Er hatte von der Fabrik innerlich Besitz ergriffen, als wenn sie ihm gehöre, er war niit ihr verwachsen wie die Schnecke mit ihrem Hause, das sie unabwendbar auf dem Rücken dulden muß. Er bekam geringeren Lohn als ihn gleichwertige Berufsgenosscn einstreichen dursten— er merkte es nicht einmal. Er arbeitete und die Jahre verstrichen. Die Zeit aber ging weder an dem Unternehmen noch an ihm ohne Einwirkung vorüber. Nur vertrug die Fabrik das Altern besser als er. Nach 25 Jahren rastlosen Fleißes war sie gewachsen und hatte sich ausgebreitet, Paul Kalinkowski indes begann zu kränkeln: allerlei. Uebel fraßen sich in seine müden Knochen ein. Die Frau hatte ihn schon manchmal mißtrauisch angesehen, sie wurde bedenklich, wenn sie der Zu- kunft dachte, und es fiel ihr aufs Herz, daß sie nichts hatten sparen können, weil der Mann ihren Bitten gegenüber, höhere Bezahlung zu fordern, unempfindlich blieb. Die Arbeitcr in der Fabrik fragten Kalinkoivski immer öfter nach seinem Be- finde«, und wenn er ht den Spiegel sah, mnßbe er zugeben, daß sie einen Grnnd zu dieser Nachforschung in seinem AuS- sehen wohl finden konnten. Er ritz sich zusammen und gab nicht nach, der Bauernttotz seiner Vorsahren richtete sich in seinem Gemüte auf und ließ ihn nur um so zäher an seiner Stellung festhalten, jemehr ihm die Leichtigkeit ab- Händen kam, sein Tun zu meistern. Dieses ständige bor den Augen Sagen, bei denen man nicht? andere? fest- stellen kann, als � einen Zustand schwerer Erschöpfung. Alle geben an. daß sie an Gewicht stark abgenommen haben. manche bis zu 90 Pfd. und noch mehr. Es fragt sich nun, ob gegen diesen allgemeinen Er- schöpfungszustand irgend etwas getan werden kann. Wir sahen schon, daß die Natur sich insofern selber hilft, als das Körpergewicht zurückgeht; denn bei geringerem Körpergewicht kommen wir auch mir geringerer Nahrungszufuhr aus. Der einzelne kann sich ferner dadurch helfen, daß er die ihm zur Verfügung stehende Nahrungsmenge möglichst gründlich aus- nutzt. Dies geschieht wegen des Ueberwiegcns der Pflanzen- kost durch einen sehr sorgfältigen Koch- oder richtiger D u n st p r o z e ß. der am intensivsten in der Koch- kiste geleistet wird, die aber so sorgfältig hergestellt sein muß, daß die Töpfe beim Herausnehmen fast noch ebenso heiß sind wie beim Hineinsetzen. Dadurch wird die Zellulosefaser gründlich aufgelockert resp. zerstört und die in ihr enthaltene Nahrungssubstanz kann vom Verdauungsapparat möglichst vollkommen aufgesogen werden. Sodann ist langes und sehr sorgfältiges Kauen zu empfehlen, wie es uns durch den Flctschcrismus bekannt geworden ist. Der Ameri- kancr Flctscher, welcher wegen eines Magenleidens nur sehr wenig Nahrung zu sich nehmen durfte, konnte an sich fest- stellen, daß er durch sehr langes und sorgfältiges Kauen, bei welchem die Nahrung so verflüssigt wurde, daß sie ohne Schluckakt in die Speiseröhre hinunterrann, sich mit einem Minimum von Nahrung im Körpergleichgewicht erhalten konnte. Ferner ist von Wichtigkeit eine Einschränkung der KraftauSgabe, d. h. eine Reduzierung der Arbeitszeit, and endlich sorgfältiges Vermeiden von Wärmeverlust. Denn je mehr ein Mensch arbeitet und je mehr Wärme er abgibt, desto größer mutz aturgemäß der Ersatz durch Nahrung sein. Viel wesentlicher aber ist die Hilfe, welche die Behörden liefern können. Diese müssen unter allen Umständen der- hüten, daß mehr Pflanzliche Nahrungsmittel verfüttert werden als zur Erhaltung unserer Viehzucht absolut notwendig ist. Denn der Nährwert der verfütterten Substanz geht zu drei Vierteln im Tierk?"per verloren. AuS der Tatsache ferner, daß fast alle Nahrungsmittel, Fleisch, Eier, Butter, Kartoffeln, Speck usw. in genügender Menge beim Schleichhändler zu haben sind, wenn man nur über daS nötige Großgeld verfügt. geht mit Deutlichkeit hervor, daß die Nahrungsmittel»och immer nicht in genügender Weise beim Produzente« ersaßt lverden oder an jenen Stellen, welche sie in' wucherischer Ab- ficht zusammenkaufen. Die Verschärfung der Gesetze gegen den Schleichhandel nützt der Bevölkerung gar nichts. Sie er- höht nur die Risikoprämie, verteuert noch mehr die Ware und engt den Kreis jener Leute immer mehr ein, welche sich aus jenen Waren ihre Nahrung ergänzen konnten. Die er- höhten Preise werden von den Kriegsgewinnlern aber dennoch bezahlt und der Schleichhandel blüht weiter. Bei der großen Macht, welche die Regierung durch das Gesetz des Belagernngs- zustandcs hat, sollte es ihr doch gelingen, die Nahrungsmittel restlos zu erfassen._ /lnton wklögans. von Srwi« H. Rai»alter. 5515 Anton WildganS vor fast einem Jahrzehnt mit feinem ersten schmächtigen Gedichtbande vor die Oeffentlichkeit hintrat, da war er in technischer und formaler Hinficht ein Fertiger. Daß ein Aniänger sein Handwerkszeug mit so vollkommener Sicherheit de- herrscht, wie wir es bei diesem jungen Wiener beobachten durften, kommt sicher nicht allzu oft vor. und man kann flu diese frühe, im gewisien Sinne«ntwicklungSlose Meisterschaft vielleicht nur Lilien cro» zum vergleiche heranziehe», der gleichfalls schon mit seinen.Adjutantenritten' bewies, datz er eigentlich nicht« mehr hinzuzulernen hatte. Freilich kann ein« so bald er- langte Reife verderblich und ungesund sein, sofern fie einem Autor eignet, dessen bauptsächltchste Vorzüge lediglich in der Glätte, Schönheit mtd AuSgeglichenhett seiner Form beschloffen liegen; bei einem Dichter indes, der, wie WildganS, jede» seiner schwerblütigen, in schmerzlicher Schöpfergual entstandene«, so gar nicht wienerisch leicht beschwingten Gedicht« bis zum Rande mit tiesslem Erleben füllt, ist diese frühzeitige fichere Beherrschung des Technischen von größter Bedeutung, weil mit dem Abschluß der äußeren, formalen Entwicklung die stärksten Hemmnisse beseitigt erscheinen, die fich dem vollen Ausströme» de« Menschlichen ent- gegenstellen. Dieser bedeutsame menschliche und ethische Gehalt mm ist e«, der den spärlichen Bänden, die Wildgan« uns bisher schenkte, ihren großen Wert zuweist, und man kann vielleicht sagen, daß auf Posten stehen feiner Schwäche gegenüber, dieser sieglose Kampf erbitterten ihn und machten ihn mürrisch; er vertrug sich nicht mehr mit den Kollegen und der Familie, weil er ihnen eine Schuld zuschob, die das Geschick. seiner Meinung nach, gegen ihn hatte, die er böswillig nicht einlösen wollte. Wenn ihm jemand gesagt hätte, daß er mit Geld für seine Leistung diese langen Jahre hindurch abgefunden worden sei und keinen weiteren rechtlichen An- spruch habe, so hätte er ihm als Schwätzer oder Verleumder kühl den Rücken gewendet. Seine Empfindung überwog so sehr seine Denkfähigkeit, daß eS seine wenig entwickelte Intelligenz wie eine Schlingpflanze überwucherte. Und eines Morgens war Paul Kalinkowski noch ein neuer Feind erstanden, mit dem er sich außerhalb setneS Körpers herumschlagen mußte, der ihm mehr zu schaffen machte, als seine Hinfälligkeit. ES war in die Fabrik ein Teilhaber eingetreten, hatte sich mit bedeutendem Kapital- zuschuß eine Stimme gesichert, die nicht überhört werden durste und meinte, mit Aenderungen nnd Personalver- Schiebungen seine Tüchtigkeit erweisen zu muffen. Er trat dein alternden Werkmeister ohne Voraussetzungen gegenüber und hatte für den Jnventarwert seiner Persönlichkeit »oenig Verständnis. Zuerst wollte er ihm weder Wohl noch übel und verlangte nur, daß Kalinkowski sich seinen Weisungen gleich den anderen füge. Aber durch die Störttgkeit KalinkowskiS, der jede bestehende Einttchtung in seiner ge» liebten Fabrik als unantastbares Gut mit passivem Wider» stände verteidigte, schärfte sich seine Aufinerksamkeit, und er sah den Aufrührerischen mit mißvergnügten Augen an. Es war selbstverständlich, daß in diesem Zwiste Paul Kalinkowski unterliegen mußte. Nach 25 Jahren konnte er, infolge eineS erzürnten Wort- Wechsels seine Kündigung in ein paar knappen Sätzen nach Hause tragen. Zwar glaubte er nicht an den Ernst dieser und erwartete mit großer Selbstverständlichkeit, man werde ihn ins Bureau rufen und ihn bitten, daß er bleiben möge; es erbitterte ihn nur, daß man es überhaupt wagen durfte, ihm eine solche Kränkung zu bieten. Erst als eine Woche nach der andern verstrich und niemand die Hand rührte, ihn zu halten, kroch langsam die Ahnung der Wahrheit in sein Herz und krampste es in schwerer Angst er unter de» flmgen Dichtern«der ketztrn Seneraffon derfenige ist, der in der Lyrik am bewußtesten und ieidettschafllichsten die hetlömm- lichen Pfade meidet. Der Achiundzwanztgjäyrige, der uns den .Herbstirllhling' darbot, stellte sich mt« als ein Grübler, als ein inbrünstig Ringender dar, der kein Erlebnis als eine persönliche Sacke hinnahm, der vielmebr stets die verborgenen Fäden auideckte, die vom Sonderfall zum Allgemeinen führen, völlig in seiner Zeit, in seiner Umwelt verankert, fühlte er fich als ein eng verbundenes Glied jener Gesellschaft, die sich in der Bahn selbstgewählter Gesetze bewegt und durch eben diese Gesetze daS Einzelwesen in strengste Sbbängigleii zwingt. Diese Stellungnahme führt zu einem mitleidsvollen Altruismus, der in der eigenen Brust die Leiden und die ewig ungestillte Sehnsucht der ganzen Menschheit erstehen läßt, und fie mußte zumal bei WildganS dazu führen, den das Schicksal in eine moderne Großstadt mit all ihrem ungeheuren Elend, ihrer krasien Not, ihren trüben Lastern hineinversetzt hatte. Jenes frohfinnige, üppige Wien AnatolS, das ehedem in graziösen Romanen so liebenswürdig geschildert wnrde, mied er; ihn trieb es in die Fabrikvorstädte hinaus, die bisweilen sogar den Wienern fremd find, in diese engen, verräucherten Gassen, die den meiancho- tischen Rahmen kleiner, armseliger Schicksale darstellen. Strophen voll stärlster Ergriffenheit widmet er etwa den Dienstmädchen, deren Los das einer steten Selbstentäußerung ist; es wtder- fährt ihm, daß er einer Dirne begegnet und au« ihrem müden Antlitz eine traurige Geschichte irregeführter Leidenschast. nie er- löichter Scham, stumpfer Resignation abliest; und in einem ZyfluS .vom kleinen Alllag' gestaltet er daS lichtlose Dasein des groß- städtischen Proletariat«, blasser Frauen und schlaffer Männer, mit seinen kargen Freuden mtd herben Enttäuschungen. Diese Stadt mit ihrem krassen Nebeneinander von Glanz und Elend vermag ihm nichts Frohe« zu erzählen; und doch gehört ihr seine Lieb« um ihres Reichtums willen, um der vielfachen bunten, tiefen Eindrücke willen, die fie vermittelt, und er, der.wie ein Kreuz der Mensch- heit Leid auf seine» Liedes starke Schultern laden' will, findet für dies Häusermeer, das Menschen verschlingt, aufbraucht, in drückenden Fron zwingt. Wotte innigster Zugehörigkeit:.In meine Spiele rauschten freilich keine Wälder. Da scbüitetten die Pflastersteine... und bist mir doch ei« Lied, dn liebe Stadt...' In dieser Stellung zur menschlichen Gesellschaft, die i» den ersten Gedichtbänden Ausdruck findet, tritt späterhin immerhin eine Wandlung ein, die zu schärferer LoSlösung, zu größerer Betonung des PersönltchkeitSwerteS führt, ohne das starke Gemetngefühl des Dichters zn beeiitträchttgen. In den.Sonetten an Ead' wird die Liebe zum Problem, in 80 einzelnen Stücken durchrast der Liebende alle Stadien der Lust, um fich schließlich an ihrer Schal- heit zu reinerem Genießen zu läutern; und in der Dramatik, der er fich mehr»nd mehr in leidenschaftlichem Ringen zuwendet, schildert er. der bislang die Abhängigkeit des Einzelnen von der Gesamtheit darzustellen liebte, vornehmlich eigen» willige, zukunftsreiche Menschen, die an der Konventton. an der Ge- sellschaft mtd den Gesetzen, welche fie dorschreibt, zu zerbreche» mtd zu verderben drohen. Da« neu«, gewichtige Motiv de« Kampfe«, de» Sich-Ausbäumen«, da« hier in nachhaltigster Weise in den Ge- staltungSkreiZ WildganSscher Kunst einrntt, erklärt hinlänglich daS Zuwenden zur dramatischen DichtungSform. die fich für die Gegen- überftellungen gegensätzlicher Weltanschauungen am frefflichften eignet. Freilich darf man in WildganS keinen Dramatiker im landläufigen Sinne erblicken; noch ringt er mit dieser Form, die ihm ihr Wesen nicht so willig wie die lyrische erschloß, sein starkes Pathos, das schon in der Wahl der Stoffe begründet liegt, läßt ihn oft die Forderungen der Bühne gänzlich übersehen und beiseite schieben, das Problemattsche wird so sehr Selbstzweck, daß eS selten in klare, übersichtliche Handlung auf- gelöst erscheint. Wenn diese Dramen, die nur ia williger, liebevoller Hingabe verstanden und in ihren verborgenen Schönheiten gewürdigt werden lönnen, trotzdem über alle bedeutenden Bühne« gingen und große Erfolg« errangen, so mag dies als Beweis für die suggestive Stärke der WildganSschen Dichtkunst nnd für die Allgemeingülttgkeit und Tiefe der Stoffe undProbleme, dieerauftollt, dienen. Sein Schaffen gilt den Leiden und Krisen unserer Zeit, einer rückfichtslosen, unpersönlichen Zeit, die den einzelnen zum Sklaven ihrer Ideen macht mtd mit- letdSloS über Leichen hinweg fernen, großen Zielen entgegenschreitet. einer Zeit, die nur den S'.arken, den Brutalen gehört,»nd die jede», der ihr nicht zu folgen vermag, am WcgeSrand« z« rückläßt. Die grenzenlose Einsamkeit de«".wdernen Mensche» inmitte« der verwirrenden, flimmernden Fülle gegenwärtigen Leben« ist da« Hauptthema diese« DichterS. Daß sein« Kunst zum Sprachrohr vieler wurden da» bewies die liefe Wirkung, die seine Bücher übten. « Di« Drunten;.Aiinntt,.Liebe'..I» GwigWi. Amen' sowie die.Sonette an Ead' und die Gedichtsammlung.Mittag' erschienen bei L. Staackmann. Leipzig..Herbstfrühling',.Und hätte der Liebe nicht' verlegte Axel Juncker, Berlin. Theater mtS Staat. Neider diese« zeitgemäß« Thema sprach am Frefluguveud im Rakha-us« Herr Dr. Ludwig S« e l i g- Mannherm im Austra« de« .Bvrbande» gm Förderung deutscher Thcaterkulttrr'. Er stellte al« zusammen. WaS sollte er mit seinem Leben anfangen, wenn man ihn von der Stätte verbannte, die es ihm begehrenswert machte? Was mit dem Reste setner Kraft, wenn er ihn nicht seinem Werke gönnen durfte, das sein Stolz war? Die Frau drängte immer erregter, er möge sich eine neue Stellung suchen, sie wolle nicht mit den Kindern am Hunger- tuche nagen oder den Notgroschen aufessen. Er sah das ein, aber er rührte sich nicht. Wenn er nach Hause kam, saß er dumpf und stumpf da und grübelte. Sein Sinnen kreiste immer um einen Punkt... WaS gab diesen Menschen daS Recht, ihm so einfach zu nehmen, was sein war; ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen«nd ihn um die Ernte zu betrügen, da er ein Menschenalter lang gearbeitet hatte, die Frucht in die Scheuer zu bringen?-- Er wurde ganz wirr von diesen qualvollen Gedanken, die stets schwerer und beherrschender auf sein Hirn einhämmerten. faul Kalinkowski wurde unter dem Drucke seiner Angst erzensnot unzugänglich wie ein Eremit, und wenn die Frau ihn aus seiner Dumpfheit aufpeitschen wollte, hielt er sie mit drohenden Gebärden vom Leibe. Sie flüchtete mit ihrer Mitteilsamkeit zu den Nachbarn, nnd die wußten es längst, daß sie ihre Kinder Abschied nehmen und den Un- leidlichen bei nächster Gelegenheit Verlasien wollte. Sie kam nicht dazu, diesen Vorsatz auszuführen.... Man nahm in der Fabrik an, daß Paul Kalinkowski am Entlaffungstage vergessen hatte, seine Papiere zu fordern und rechnete es zu seinen früheren Unfreundlichkeiten, daß er fich von keinem Menschen an seiner Arbeitsstätte verabschiedet hatte. Er war gegangen, als ob er am nächsten Morgen wiederkommen wollte. Und das tat er auch. Der Nachfolger, dem Kalinkowskis Amt übertragen war, gab ihm eine derbe Abfertigung und blieb breitspurig an seinem Platz. Die Kollegen fanden nur die äußere Komik der Situation heraus und lachten offen oder versteckt. Da brach der Groll und die Erregung der letzten Wochen in wilder Krankheit aus dem zerbrochenen Gehäuse, in dem sich eine müde Seele nutz- los gegen die Zerstörung gewehrt hatte. Man konnte Ka- linkowski mühsam von dem Manne losreißen, auf den er sich in einem Tobsuchtsanfall gestürzt hatte. Am Tage darauf fand man ihn in einer Zelle des Irrenhauses erhängt. erste« den veberzettgttngSsatz«es, daß der Gkaai am Theater'o wenig vorübergeben kann, als utngekehrt das Theater zur Er- reichung seiner vollen Kulturhöh« dt« Hilf« d«S Staates entbehren körnite. Für die Richtigkeit feiner Annahme zog er Meinungsäuße- rnngen der führenden Geister und der Tbeaterfachleute der Berga:.- genheit und der Gegenwart hinzu. Di« Fruchtbarkeit der Beziehungen zwischen Staat und Theater setzen auf der einen Seite den VollSstaat voraus, um anderersttis zum wahre» Nationaltheater zu kommen.(.DaS ist das gute Thea- ter, dem ganzen Volke zugänglich!') Diesem Jdealzustande der Theaterkultur waren wir, wie der Redner geschichtlich nachzuweisen versuchte, immer fern, auch in den Blütezeiten der Literatur, aus- genommen vielleicht in den Zeiten der antiken Demokratien. Die Ablösung deS Fürstentheaters, dessen Tiefstand ein allgemeiner war, durch das Kapitalstheater, bedeutete einen geringen Fortschritt, da sich daS Kapital bald zum Herrscher der Kunst auf- schwang. Die Einstellung auf den Profit— daS ist die fckiefe Eben« deS Theaters. Die Entwicklung zum reinen ErwerbSbetrieb fetzt fich immer stärker durch nnd schließt selbst die Hof- und Stadt- theater nicht aus, wie die immer mehr einreißende Opevettenwirt- schast beweist. Dringlicher wird darum mit jedem Tage die Notwendigkeit der Verstaatlichung. Ein bedeutender Schritt hierzu ist die Stellung unter städttfche Eigenregi«, wie sie in mehreren Städten sich durch- gesetzt hat(Mannheim, Hamburg, Bielefeld, Chemnitz u. a.). DaS«intrittsgeldfreie Theater ist leider noch eine Utopie. Der Einheitspreis hat sich gut bewährt, zum Teil sind die guten Er- folge bei derarttgen Vorstellungen freilich der oryanisawri sehen Er- sassung der Besucher durch die Gewerkschaften und durch Verein« zuzuschreiben. Am KunsshedürfmS de« Volkes ist nicht zu zweifeln. DaS Wirt- schaftliche Leben der Kleinstadt- und Vorftadttheater ist ein Chaos, das einen ungewöhnlichen künstlerischen Tiefitand zur Folge hat und nach StaatShilfe direkt schreit. Auch die Ausbildung der Kunst» fräste kann staatlicher Miiwirkung und Regelung nicht enttaten. StaatShilfe darf aber nicht Bevormundung bedeuten; dem Theater muß wie den Kommunen Selbstverwaltung eingeräumt werden, die von der Künstlergenoffenschast ausgeübt wird. Der Staat hat sich nicht nur mit der Macht, sonder» auch mit Kultur und ihrer Ausübung zu befassen. Selbsweifftändlich ist, daß da« Theater heraus muß au? der Bevormundung durch die Polizei- itrstanzen— wie überhaupt der jetzige cbrigkeitsstaat mit seinen starken Mängeln ein« restlose Durchführung dieser Ausgabe« nicht erwarten läßt. Leider konnte wegen der vorgeschritten« Zeit eine Debatte, die bei den stark gegensätzlichen Auffassungen über die vom Redner be- handelte Frage sehr interessant hätte werden könuen. nicht statt- finden. Der Vorsitzend«, Reichstagsabgeordneter Schulz, sagte aber die baldig« Veranstaltung ein«? ganze« ErörterungSabend« zu. ver Schweizerische Naturschutzpark. «ohl z« den großartigsten Erfolge» der Naturichutzbewegung in Europa gehött der Naturschutzpatt, den fich die Schweiz ge- schaffen hat. Der Park ist im unteren Engadin in der Ostichweiz gelegen. Er besteht au? drei von einander getrennten Gebieten, von denen das eine 07 Ouadratkilometer. die anderen 10 bezw. 82 Ouadratkilometer umfassen. ES handelt fich um Gebiete, die in den Gemeinden Zernez, ScanfS und Schuls gelegen sind und von diesen auf 00 bezw. 2S Jahre gepachtet wurden. Die Mittel, die zur Unterhaltung de« ParkS nötig find, werden zum Teil durch einen Beitrag der eidgenösfischen Regierung, zum Teil durch die Mitgliederbeiträge deS Schwetzerifchen Naturschutzbundes bestritten. Die Zahl der Mitglieder beträgt etwa 80 000. Der Naturschutzpark ist in der alpinen Hochregio« gelegen. Der Nationalpark ist als eine Stätte gedacht, in der fich die Pflanzen- und Tierwelt der Alpen, vom Menschen nicht gestött, wieder« herstellen und weiterentwickeln soll, als eine Zufluchtsstätte flu die Pflanzen- nnd Tierwelt der Alpen, die überall in der Schweiz durch den Menschen und durch seine Kultur bedroht ist und zu verichwinden droht. Der Naturpark soll aber nicht nur den Naturfreund erfreuen. er soll auch der Wissenschaft dienen. ES handelt fich hier, wie Pank Sarafin gesagt hat, um ein großartiges Experiment, um die Schaffung einer Tier- und Pflanzengemrinschaft. wie fie in den Alpen vor Ankunft de« Menschen bestanden hat. Um den Natur- sckutzpatt für die Wiffenschaft dienlich zu machen, hat die Schweiz«- riiche Namrsorschend« Gesellschaft die der Naturichutzbewegung in der Schweiz da« größte Interesse entgegengebracht und sie stets unterstützt hat. eine wissenschaftliche Parkkommission ernannt. Wenn zunächst auch mit nur geringe« Mitteln, ist die Kommiiston schon daran gegangen, botanische, zoologisch« und meteorologische Studien im Naturschutzpark auszuführen. ES ist beabsichtigt, die ganze Tier- und Pflanzenwelt, der Reservation auch die mikroskopische Lebewelt, gewissermaßen zu invenlarifieren. Derselbe Standort soll dann wiederholt untersucht werden, um die allmählichen Veränderungen der Pflanzen« und Tiergemeinschaften unter dem Einfluß der äußeren Lebenöbedtngungen genau erforsche» zu können. Da« große Jntereste, das die wissenschaftlichen Kreise der Schweiz, die Schweizerische Naiurforscher-Gesellschast und die Schweizerische Regieruna für den Naturschutzpark zeigen, läßt hoffen. daß der Schweizeriiche Naturschutzpark fich in einer für alle anderen Staaten nachahmenswerten Weise entwickeln wird. Die führenden Kreise der Naturschutzbewegung in der Schweiz tragen fich mit der Absicht, später den Naturschutzpark nock> zu vergrößern. So sollen die von etnander getrennten drei Gebiete im unteren Engadin später durch Hinzuziehung von zwischen ihnen gelegenem Land ,u einem Ganzen oereinigt werden. Auch soll ein zweiter großer Naturschutzpark tu der fianzösijchcn Schweiz geschr.ffen werden. A. U Neue Sterne. Wenn ein Stern als»neu' bezeichnet wird, so ist damit durch« au» ntchi getagt, daß er plötzlich aus dem Nicht« entstanden sei, auch handelt«S fich nicht um Kometen, die tmierem Sonnensystem eine Gastrolle geben, oder um neueiitdeckte kleine Planeten, sondern um eine gewisse Art der veränderlichen Fixsterne. Sie ist da- durch gekennzeichnet, daß ihr Gianz plötzlich außerordentlich viel heller wird. Zu den schönsten Erscheinungen dieser Att gehörte, wie.Prome- theuS' ausführt, die.Nova Persei', die im Februar 1001 beobachtet werden konnte. Ein«tentchen dreizehnter Größe, das also nur in starken Fernrohren fichtbar war, wuchs in kurzer Zeit btS zur Größe 0, war also heller al« jeder Fixstern des nördlichen Himmels außer dem Sirius, seine Sichtfülle war IVOOOOmal so stark wie vorder. Derattige Borgänge kann man nur durch gewaltige Katastrophen erklären, wie das Eindringen in eine kosmisckie Staubwolle, wobei infolge der Reibung eine ungeheuere Menge kinetischer Energie sich in thermische umsetzt. Bald nachdem die erwähnte Helligkeit er- reicht war. sank da« Licht des neuen Stern« unter periobückeu Schwankungen, um endlich 13. Größe zu bleiben. Nach einer Mit- teilung der Kieler Zentralstelle für astronomische Telegramme wurde kürzlich wieder eine plötzliche Zunahme um etwa 1'/, Giößenllasien gemeldet, die Helligkeit wuchs um das Biersacke. Für Amateur- astronomen wird die wettere Beobachtung eine lohnende Aufgabe sein._ Notizen. — Die Deutsche F o r s ch u n g S a n st a l t für Psychiatrie in München, für die voriges Jahr ein Spender 1700 000 M. stiftete, wurde eröffnet. — Vorträge. Urania: Montag, Dienstag, Donnerstag Vortrag.Der Vierwald st ättersee und der Gott- Harb'. Mittwoch, Freitag spricht Dr. Pohle über.DaS neue Finnland', Sonnabend Dr. Meißner.Aus der Welt des Films', Donnerstag G. Hallama aus Breslau über.Breslau'. — Lesstng- Museum: Dienstag: Lichtbildervortrag.Britisch- Jndien", Donnerstag:.BoikSdichiung und Volks- fl e s«» g