55. Jahrgang« ♦ Nr. 15 Seilage zum„vorwärts* Serliner Volksblatt Serlin, 2S. �pri!?Y1S Sozialöemokraten. Sic m ü s s e n! Za, sie müssen. Darvm?— fie wGea'» kaum. Wohin?... Siegst du den Swrmwind, der brauset durch den Raum, Wozu? wohin?... Er prüfte die Eichen doch i« Yak» lind ließ dich ohne Antwort mit deiner Frag' alleia. Dein Fragen ist zu nichtig, sein Schwung dafür zu küha; Ihn treibt ein dunNes Wollen zu großen Taten hin; vom Urquell ist er kommen und kennt kein Matz der Zeit; Sein Ruf ist Werden! Wandeln!... fein Trieb die Ewigkeit. Sie müsien! 3a, sie müssen zerstören Mammons Turm; Ihr Kommen und ihr Branden drängt vorwärts wie der Sturm. Die alten Schranken fallen, dem Teufel zum Verdruß Vor diesem Götterwillen. Da» ist ein heilig Muß! Nudols Psiste«, Die Mordtat zweier Kinder. Von Wolfgang Heine. Tie Gerichtsverhandlung gegen die Knaben Rösch und Hasse, die wegen Ermordung eines Spielkameraden, des Lehr. lings Schellin, zu 10 bzw. 6 Jahren Gefängnis verurteilt worden sind, hat ein berechtigtes Interesse in der Oeffentlich- keit l>ervorgerufen und bietet auch kriminalistisch weit mehr des Wichtigen uno Belehrenden als die üblichen Sensationsfälle. Zwei Knaben, der eine noch Gemeindeschüler und eben cht Jahre alt geworden, der andere 17 Jahre, aber noch ganz kindlich in seinem Wesen, verbünden sich, um aus nichtiger Ursache einen guten Freund zu ermorden, und führen die Tat kaltblütig aus. Anreger und AneifererzumBer- brechen ist dabei der Jüngere, der geistig aktivere Hasse, Ausführer der körperlich kräftigere, aber geistig un- entwickelte und willensschwache ältere Rösch. Es liegt hier nicht einer der üblichen Fälle vor, wo die wirtschaftlichen Ver» Hältnisse der Eltern die Grundlage zu einer sittlichen Ver» Wahrlosung und damit zur Tat gebildet hätten. Beide Kinder leben in geordneten Familienverhältnissen, sind von ihren Eltern gilt erzogen, machen ihnen durch liebevolles Wesen ?vreude, sind weder verroht noch früh auf Abwege geraten, haben, wie man so sagt, ein„gutes Herz", und sind doch im- stände, einen so scheußlichen Mord zu begehen. Tie Umstände des Krieges könnten höchstens insoweit mitwirken, als der Vater des Rösch eingezogen ist. Dies hat ober den Knaben keineswegs zu Müßiggang und Laster ver- fuhrt; im Gegenteil, er vertritt, selbst noch Lehrling, den Stiefvater nn Barbiergeschäst. das er mit seiner Mutter ganz allein fuhrt, und bekommt von ihr das Zeugnis besten Pflicht- eifers. Er kneipt nicht, treibt sich trotz seiner 17 Jahre nicht mit Mädchen herum, sondern spielt in Mußestunden daheim mit seiner Eisenbahn oder auf dem Kohlenplatz mit sehr viel lungeren Schulkinderii, oder mit den Kaninchen, die er im Keller hält. Hasse ist ein guter Schüler, der von dem Lehrer ein vor- treffliches Zeugnis erhält, allerdings bereits in der Schule fein phantastisches, renommistisches Wesen aufgefallen ist, sich als Fuhrer seiner Mitschüler aufgespielt hat und diesen aufregende Geschichten zu erzählen pflegte. Er spricht»wie rn m™n merft' baß er viel gelesen hat und ganz in der Welt des Gelesenen lebt. Vor allem sind es D e t e k t i v- r o m a n e und eine Sammlung von Robinsonaden, die es ihm angetan haben. Schon als er noch viel kleiner war, hatte er ein ausfallendes und übertriebenes Interesse für jede Art von Waffen. Nach seiner Verhaftung setzt er dem Kriminal- kommriiar mit üherlegener Sachkunde die Unterschiede der verschiedenen Systeme von Brownings auseinander. Er hat früher für sich iind die anderen Schuljungen Waffen aus Holz hergestellt, dann hat er seinem Vater einen Browning heimlich weggenommen und tut damit vor Rösch groß. Charakteristisch für die Abhängigkeit des Rösch von dem sehr viel jüngeren Hasse ist der Beginn der verbrecherischen EntWickelung. In Rösch regt sich die Be- gierde, auch eine solche Waffe zu haben. Hasse sagt kurz und bestimmt:„Klau Dir eine, so hast Du eine", und dies genügt sur den Rösch, um ein Ladenfenster zu zertrümmern und aus -hmzwei Brownings mit Munition zu entwenden. Ein un- glücklicher Zufall halle frem Hasse einen Glaserd inmanlen in die Hand gespielt, der dem Rösch den Einbruch erleichterte. Schellin merkt zu seinem Verderben, daß Rösch zwei Pistolen besitzt und kauft ihm die eine ab. Nun haben alle drei Knaben ein solches begehrtes Instrument, sie be- 'chließen, sich als einen heimlichen„Bund" zu betrachten. nennen sich untereinander„Detektiv" und veranstalten Schießübungen auf dem Kohlenplatz. Bis hierher reicht die Kinderei, denn auch der Einbruch war noch nichts weiter. Durch Schellins Bruder wird der Polizei bekannt, daß der Junge eine Waffe besitzt, die sofort als aus dem Einbruch herrührend erkannt wird. Er wird mehrfach vernommen, der Beamte merkt, daß er schwerlich der Täter ist und verlangt von ihm die Angabe. Schellin teilt Rösch mit. daß er sich wohl genötigt sehen würde, ihn zu benennen. Rösch wendet sich in seiner Angst cm Hasse, und dieser gibt wieder, kurz und bestimmt den Rat, Rösch solle Schelliu„in den Wald locken und totschieße�". Der„Wald" ist mm aber die Hasenheide, ein anderer existiert für Berliner Jungen am Halleschen Tor nicht. So weit reicht Röschs ältere Erfahrung, sich zu sagen, daß dort militärische Posten stehen, und der Knall ihn verraten würde. Als er dies Be- denken dem Hasse mitteilt, überlegt sich dieser die Sache einen Tag und rät dann, Rösch solle den Schellin zur Besichtigung der Kaninchen in den Keller locken, sich in einer Nische auf- stellen und ihn mit einem Hammer hinterrücks erschlagen. Dann wollten beide das Pflaster des Kellers entfernen und den Schellin darunter verscharren. Und wiederum folgt Rösch widerspruchslos, schafft einen Hammer hinunter, und weil Hasse erklärt, einen Toten nicht ansehen zu können, Watte und einen Sandsack um das Gesicht des Erschlagenen zu verhüllen. Die Ausführung der Tat Wird noch einige Tage verzögert, als aber Schellin von neuem die Anzeige in Aussicht stellt, drängt Hasse den Rösch zur Ausfühning, und dieser begeht ohne weiteres Zaudern die furchtbare Tat. Hasse war- tet draußen, nicht um Posten zu stehen, sondern weil er sich nicht traut, dabei zu sein. Er bekommt auch ein Grauen, das ihn abhält, bei der Vergrabung der Leiche mit- zuhelfen. Er läuft zu seiner Mutter, trinkt ganz heiter Kaff« und vergißt über einem Besuch der Tante die ganze Sache. Erst in der Nacht fällt fie ihm wieder ein. Das Ge- heimniS läßt ihn keine Ruhe, er verttaut eS einem Schul- kameraden an, das Gerücht verbreitet sich in der Straße, und der Mord wird entdeckt. Bei der Vernehmung räumt Hasie mit einer renommisti- scheu Freudigkeit seine ganze Mitwirkung rückhaltlos ein, ist förmlich stolz darauf, der Anstifter des Planes zn sein, und beträgt sich so, daß der geübte und namentlich psychologisch viel erfahrene.Kriminalkommissar Dr. Kopp diesen Fall für den absonderlichsten erklären muß, der ihm je vor- gekommen ist. Hasse ist nicht ohne weiche Einpfindungen. Es hat ihm leid getan, daß der Kamerad tot war, aber lange nicht so leid, wie daß sein Meerschweinchen gestorben ist. Er hat gelesen, daß auf den einsamen Inseln die Wilden von den Weißen einfach weggeschossen werden, das scheint ihm auch hier eine ausreichende Rechtfertigung der Tat. Uebrigens kennt er natürlich das 5. Gebot und weiß ganz genau, daß bei uns die Tötung eines Menschen verboten ist. Dasselbe weiß Rösch, ttotzdem hat keiner gezögert, die Tat zu begehen. Der ganze Vorgang war so auffällig, daß die Gerichts- ärzte, die die Leichenöffnung vorgenommen hatten, selbst den Anttag stellten, beide Knaben auf ihren Geisteszustand z« untersuchen. Hier hat sich nun ergeben, daß Rösch von väterlicher Seite aus einer durch Trunk degenerier- ten Familie stammt, in der Generationen lang die Fort- Pflanzung außer der Ehe zu geschehen pflegte. Er ist auch von fein ein leiblichen Vater in der Trunkenheit schon als kleines Kind durch Schläge auf den Kopf schwer mißhandelt worden, hat erst mit drei Jahren gehen und sprechen gelernt und zeigt ein« Menge Merkmale von krankhaftem Jnfcmtilis- mus. Trotzdem können die Aerzte keine Anhaltspunkte dafür finden, daß er sich gerade zur Zeit der Tat in einem„die freie Willensbestimmung ausschließenden" Znstande befunden hätte. Noch mehr sagen sie das von Hasse, der scheinbar ganz gesund ist. dessen phantastische Anwandlungen und Groß- mannssucht sie auf geistige Verbildung durch ungeeignete Lettüre zurückführen. Der Nervenarzt Dr. Burchardt äußert allerdings die Vermutung, daß es sich hier um einen Fall sich vorbereitender dementia praecox(frühzeitiger Verblödung handeln) könne, wofür eine Menge der geistigen Symptome sprächen, die bei Hasse hervorttaten, und wogegen sein« gegenwärtige geistige Lebendigkeit keine Widerlegung wäre. Das Gericht hat«über die beantragte Erhebung eines Obergutachtens abgelehnt und auf Grund der abgegebenen Gutachten die Ueberzeugung gewonnen, daß die Knaben geistig zurechnungsfähig, wenn auch etwas mindcrwerttg seien, und auch die zur Erkenntnis der Strafbarkeit erfordcr- liche Einsicht gehabt hätten. Fragt man nach dem Grimde, der diese beiden Kinder zu dem Verbrechen veranlaßt hat, so scheidet das, woran man in der Kriegszeit zimächst denken könnte, die durch den Krieg verursacht« soziale Not und mangelhafte Aufsicht, die bei vielen anderen jugendlichen Verbrechern jetzt zweifellos mit- wirkt, in diesem Falle aus. Die Kinder litten keine Not, waren nicht frühzeitig ins Leben hinausgettieben worden, hatten so viel Aufficht, als vernünftige Eltern iiber ihre Kinder ausüben, die man doch nicht fortwährend an die Stube ketten kann. Auch die Lektüre allein kann nicht den Ausschlag gegeben haben Jndianergesrhichten und Robinsonaden haben wir alle gelesen und mögen davon zeitweilig auch etwas auf- geregt und verwirrt worden sein Kriminalromane liest der größte Teil der heutigen Jugend. Trotzdem steht ein solcher Fall glücklicherweise ganz vereinzelt da. Nicht völlig ausge- schlössen mag es sein, daß dieErlebnissedesKrieges das Gefühl für das Schreckliche der Tötung eines Mensche»? �bei den Kindern abgestumpft haben. Die täglichen Berichte über die massenhaften Tötungen, über nächtliche Patrouillen- gänge, Ueberfälle, Handgranatenwürfe und Bajonettstiche können auf einem dazu vorbereiteten seelischen Boden nicht nur eine gleichgültige Kälte gegen Blut, Leiden und Tod er- zeugen, sondern geradezu auf die Phantasie anreizend wirken. Ich bin sehr geneigt anzunehmen, daß hier ein Spezialfall der allgemeinen Kriegspsychose vorliegt. Aber auch hierdurch wäre das Verbrechen noch nicht zur Ausführung gekommen, ohne das unglückliche Zusammen- treffen des lebhasten und in seinen phantastischen Ideen ganz bestimmten Hasse mit dem geistig minderwertigen, willen- losen, aber durch sein Alter und seine Körperkräfte zu der Untat befähigten Rösch. Hqjs« ohne Rösch wäre ttotz aller Bücher nicht 5« einer solchen Tat gelangt. Rösch ohne Hasie ebensowenig, trotz seiner Angst vor Sttafe wegen des Em- bruches. Ich glaube nicht, daß trotz der Grausigkeit der Tat und allem Mitgefühl mit dem Opfer und dessen Eltern, viele Menschen eine Befriedigung dabei finden werden, wenn die beiden Knaben auf 10 und 6 Jahre dem Gefängnis über- cmtworttt werden. Beide müßten nicht bestraft, s o n- dein erzogen werden. Freilich nicht in einem der üblichen Korrektionshäuser, wo sie uicht weniger als im Ge- fängnis den gefährlichsten Einflüssen überantwortet und vor- aussichtlich ganz schematisch behandelt werden würden. Beide sind Kinder, für die Spiel und Ernst noch völlig durcheinander gehen und sind danach zu erziehen. Bei Rösch müßte ein« sehr taktvolle, wenn auch feste Erziehung bei verständiger Berück- sichtigung seiner psychischen Defekte die krankhafte Willens- sckfbäche, unter der er leidet, zu überwinden suchen. Hasses lebhafte Phantasie und Tätigkeitsdrang müßten eine Rich- tung auf gesunde und nützliche praktische Ziele enhalten, durch die sie sich ebenso befriedigt fühlen würden, und wodurch aus dem Jungen, wenn nicht die Voraussage des Herrn Dr. Burchardt Recht behält, vielleicht ein ganz nützliches Mitglied der Gesellschaft hätte werden können. Durch die Gefängnisstrafe sind beide ver- l o r e n. Kommen sie selbst körperlich gesund zurück, so wird Rösch nur noch willensschwächer und Hasse durch die Um- gebung, in der er gelebt hat. erst recht mit verbrecherischen Phantasien erfüllt sein. Das Gefängnis kann keine Schule zum Guten sein. Für die Gesetzgebung ergibt sich zunächst einmal die Erkenntnis, daß die von vielen Seiten, auch von der sozialdemokratischen Fraktion geforderte Hinauf- setzung des Alters der Straf Mündigkeit auf 14 Jahre in diesem Fall keinen Schutz für die angeklagten Kinder gegeben haben würde. Hasse war bei Verübung der Tat soeben 14 Jahre alt geworden. Rösch würde selbst bei einem Sttafmündigkeitsaltcr von 10 Jahren noch vor den Strafrichter gekommen sein. Es liegt in der Natur solcher Grenzen, daß sie äußerlich sind und immer an irgendeinem Punkte hart und ungerecht wirken müssen. Das beweist natürlich nichts für die Aufrechterhaltung der jetzigen Be- sfimmung. die Kinder schon von 12 Jahren an als strafmündig Ferner bestafigt dieser Fall die völlige Unzulänglichkeit der Formeln der§§ 51 und 56 des Strafgesetzbuches. § 51 des Strafgesetzbuches läßt nur den straffrei, der die Tut in einem Zustand von Bewußtlosigk�t oder krankhafter Störung der Geistestätigkeit begangen hat, durch welche seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen war. Minderungen der freien Willens bestimmung oder andere,� dem Willen eine krankhafte Richtung gebende Momente berücksichtigt das Ge- setz nicht. Ebenso läßt bei Jugendlichen{5 56 des Strafgesetzbuches nur den straffrei, der die zur Erkenntnis der Sttafbarkeit erforderliche Einsicht nicht besessen hat. Diese Ueberschätzung des Gelernten, des. rein Intellektuellen, ist hier der Grundfehler. Wissen wird schließlich jedes Kind vom 6. Lebensjahrs an. daß man Menschen nicht töten darf. Aber es kommt nicht auf dieses Wissen an, sondern auf die moralische Klarheit und Widerstandsfähigkeit gegen Jmchilse zur Zeit der Tat. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Reform des Strafgesetzbuches, die uns bevorsteht, diese verfehlten Grundlagen in der Beurteilung des Willens- Momentes bei der Tat zu reformieren. Die neue Cthik öes Gebens. Bon R. H. Francs- München. ®cm aufmerksamen Beobachter der Natur wird«S schon auf- gefallen sein, daß in diesem Jahr manche Frl1h!lngSpflan/,e früher blühte, als eS der hundertjährige Kalender der Beobachtungen für sie vermerkt. Und eS ist nicht schwer zu prophezeien, daß unS ein außergewöhnlich reiches Blütenjahr bevorsteht. Wer ganz scharfsichtig zusah, der bemerkte dabei auch noch fol- gendeS: Die wiedererwachende Flora bescherte unS das Grün weder früher noch reichlicher denn sonst, wohl aber die B l ü t e ir. Die Mandelpflaumen, die sonst als der holdseligste Lenzesbole der Großstadtgärten sich gleichzeitig mit grünen Blattspitzen und rosa Vllllenknospen bedeckten, waren in diesem Frühling in eine wunder« volle Festdekoration in lauter Rosa verwandelt. Blüte an Blüte reihte sich an den Zweigen und kaum sah man darunter eines der grünen Blättchen. Die Primeln verblühten in lauter Blumensträußen, die Märzveilchen, zu denen man in Deutschland eigentlich Maiveilchen sagen müßte, kamen dieS- mal wirtlich im März, verloren ihre Bescheidenheit und schmückten die Häng« mit tiefem, auffälligem Blau. Sie hatten kaum Biälter, aber viele und. große Blüten. Hinter all' diesen Erscheinungen steckt eine gemeinsame Ursache. Da? ist die LebenSnot. Der schneearme Winter versagte dem Boden die gewohnte nachhaltige Befeuchtung und die trockenen Vorfrühlingsmonate zwangen den FrühIingSflor zur Lebensweise der Steppenflora. Die aber ist tleinblätterig und blütenreich. Wir Mitteleuropäer wissen gar nicht, was Blütenschönheit ist. Das kennen nur die Steppenbewohner am Don, in der Ukraine, in Ungarn. Für sie verläuft der Winter regelmäßig so, wie der von tg17/l8 für uns. Mit sparsamer Schneedecke und nur kurzen und seltenen Frühlingsregen. Vom Mai ab jedoch wölbt sich Tag für Tag ein strahlender, im weißlichen Steppendunst verschwimmender Himmel über die unermeßliche» Flächen, und eine sengende, unbarmherzige Sonne läßt alles welken, was bis dorthin nicht seines Daseins Kreis vollendet hat. Deshalb blühen die Steppenblumen so früh- zeitig. Alle unsere Lenzesboten, so weit sie nicht heimisch sind, stammen eigentlich aus de» Osisteppen: die Tulpen. Anemonen. Hyacinthen, Narcissen, der Crocu», die Bijamhtzacinthe. die klei« BTauBIütige Szilla mit» diele ander«. Man hat fle Lei unS mir deshalb eingeführt, um unseren Frühling blütenreicher zu machen und früher beginnen zu lassen, die denn heimische Flora kennt dor Npril und Mai keine Blumen. So kommen wir einem tief versteckten und merkwürdigen Lebenögesetz auf die Spur: Trockenheit beschleunigt das Blühen, und Armut der Berhältnisse macht die Blüten größer und schöner I Man würde gerade das Gegenteil erwarten. Aber die Wissenschaft har unsere Beobachtung schon längst viclhundertfach bestätigt und zum Range eines durch die ganze Natur gehenden Gesetzes erhoben. Sic' nennt diese Erscheinung eine Regulation und erblickt in ihr eine der seltsamen Grundeigenschaften des Lebens, das in einer noch unerklärten Weise das Einzeldasein stets zurück- setzt hinter das Leben des, Volkes*. Kein Lebendiges ist Eins, immer ist'S ein Viele?. So eine FrühfahrSpflanze ist eine Vereinigung von vielen tausend lebendigen Einzelwesen, ein Zellenvolk wenn man es so nennen will. Sofort wenn wir daran denken, verstehen wir auch, was sich bei dem not- gedrungenen Frühblnhen eigentlich begiebt. Eine Umänderung des Staatshaushaltes, eine Bevorzugung jener, die dem Gesamtvolk dgs Bestehen sichern, vor allen übrigen. Mutterschutz in der Natur wird da getrieben. Die Zellen, von denen die Erhaltung des Ganzen abhängt, werden trotz der allgemeinen Not bester er- nährt, die Blüten werden nicht nur rascher ausgebildet, sondern sogar noch schöner und größer denn sonst. Zum Teil ist das ja optische Täuschung. An hungernden Pflanzen erscheinen die Blüten deshalb so auffällig, weil eben der Blattkörper kümmert, während djo Blumen gerade noch normal groß sind. Aber an der besteren Ernährung der.Mütter* läßt sich deswegen doch nicht zweifeln, und das Gesetz der Regulation besteht nach wie vor zu Recht. Mag nun auch die Ungunst der Verhältnisse eS in diesem Jahr hindern, daß so eine Pflanze zur vollen Entfallung ihrer Kräfte gelangt, sie ist darum doch nicht verloren. Durch ihre normal und fast vorzeitig gereifte Frucht hat sie sich die Möglichkeit gesichert, im kommenden Frühling unter vielleicht günstigeren Umständen den Versuch ausS neue zu wagen. Die Wohlfahrt des Volkes ist alles, die Einzelzelle nichts; die Pflanzenart muß am Leben bleiben, die Einzelpflanze mag verkümmern. So lautet daß RegulationSgesetz in der Botanik. Und im Wesen nicht anders im gesamten Bereich der Lebendigen. Die arterhaltenden Regulationen find nicht bloß eine Eigenheit der Pflanzen, sie gelten ebeni'o gut für die Tiere. In der Schmelzwasserpfvtze der FrühlingSwiese tummelt sich eine bunte und überaus anziehende Tierwelt. Hurtige, kleine Krebschen hüpfen in drolligen Sprüngen umher, grüne und blutrote Würmchen ziehen ihre Kreise, Taumelkäfer rasen auf dem glitzernden Wasserspiegel und langbeinige Milben schreiten bedächtig von Blatt zu Blatt auf der Jagd nach Infusorien. Da kommen die ersten heißen Tage; die Pfütze dertrocknet, die Idylle wird jäh zerstört. Sterben deshalb die tausend Tiere aus, die sie bevölkern? Keines- weg-?. Die einzelnen werden freilich alle dahingerafft, aber sie haben schon vorgesorgt durch vorzeilig« und anZgiebige Fortpflanzung, daß ihre Art nicht aussterbe. Sie haben es getan auf Kosten ihres eigenen Körperchens. So ein Hupferlingkrebschen ist selber kaum größer denn ein Floh, schleppt aber getreulich gleich vom ersten Tage seines Daseins zwei ebenso große Eierpakete mit sich, die zu ernähren und zu reifen fast alle seine Kräfte verschlingt. Auch hier ist wieder der einzelne nichts, seine Art, sein Volk alles. Im Bereich der Menschen kehren alle Gesetze der Natur wieder, nur haben sie andere Namen. Oder ist es nicht eine Regulation, wenn in der Brust des einzelnen der Gedanke erwacht, er müsse jcines egoistischen engen Kreises Wohlfahrt hintansetzen, um seiner Kinder willen? Wenn, wie wir so oft sehen, Vater und Mutter sich den Bissen am Munde sparen, ihres eigenen Daseins Grenzen enger und ärmlicher ziehen, um ihrer Kinder Leben reicher und er- füllter ausspannen zu können? Was find die tiefsten und heim- lichsten, dem einzelnen selbst unbewußte Motive all dieser dielen, täglich geübten Entsagungen, kleinen und großen Tragödien von Selbst- auiopferung anders wie das durchbrechende, in allem Leben waltende Gesetz, das den einzelnen sich hinzugeben heißt für seine Art? Kurzsichtig« klagten vor dem Kriege, daß unter dem zer- mürbenden Druck des Materialismus alle Ideale entschwanden, daß Selbstlosigkeit. Gemeingesühl, Hingabe für das Wohl des Ganzen Begriffe seien, die nur mehr in Schulbüchern zu finden sind. Und IvaL zeigte der große Krieg? Sofort verwandelten sich die in Kampf geratenen Staaten in Organismen, deren Einzelzellen dem Gesetz der Natur folgten. In einer wunderbaren Regulation ordneten sich die einzelnen Egoismen freiwillig dem Gesamtwohl unter und die Fälle von Hingabe, Aufopferung und Selbstentäußerung für den Staat find auch Anno 1914—18 nicht seltener gewesen als in allen Kriegen vordem— die daS Mark der Völker trafen. Denn,— und das gehört zu dem Wesen der Regulation; sie setzt nur dann und bei jenen Zellen ein, wenn wirklich die Gesamtheit bedroht ist und der einzelne sie retten helfen kann! Sonst treten überall die Sonderegoismen hervor, im Organismus so gut wie in per Menschen Gemeinschaft und der gegenseitige Kampf der Jnter- essen hebt wieder an, weil ohne ihn kein Organismus auf der Höhe bestehen könnte, die des Lebens Gesetze von ihm fordern. Von dieser großen Höhe der Naturgeseylichkeit aus betrachtet, schwinden die Widersprüche, die dem Ethiker der alten Schulen so unverständlich schienen. Der kategorische Imperativ erhält ebenso gut seinen natürlichen Platz in der natürlichen Weltordnung wie der krasse Egoismus; die schrankenlose Hingabe erscheint ebenso iiercchtigr im Lichte dieser objektiven Ethik wie die kleinlichste Selbstsucht— denn beide sind notwendig zu ihrer Zeit und an ihrem rechten Ort. Wie in den Theaterstücken der japanischen Dramatiker schlingen sich auf dem großen Theater de» Welt- geschehe»?, das die Pflanzen ebenso gut umfaßt wie die Menschen, Tragödien und Komödien, ständig durcheinander. Niemand vermag zu sagen, was absolut gut und böse, welches Ereignis unbedingt nützlich oder schädlich gewesen sei, denn immer wieder ereignet es sich, daß dies Zerbrechen des Einzelschicksals dem Ganzen zum Heile dient und daß alle zugrunde gehen würden, wenn nicht die ein- zclncn rücksichtslos ihr Ich durchsetzten. In den Frühlingsblumen spiegeln sich für den Besinnlich« die ganzen Rötselsragen des Menschenschicksals, und die Feinhörigen vernehmen den Donnergang der Weltgeschichte auch in der großen Stille der ihre Blüten erschließenden Lenzfluren. ßnf öe? Helö-?nfel. Eine symbolische volkswirtschaftliche Allegorie. Von Friedrich Karinthy. Ich aber, der Dichter und Scher, habe auf jener Geld-Infel gesessen, die mit anderem Namen auch Gehalt-Jnsel geheißen wird. ES war dies keine große Insel, aber ganz geräumig: ich konnte auf ihr meine Füße ausstrecken und wenn ich müde ward, mich auch niedersetzeu. Ringsum aber flössen Gewässer und auS den Gewässern ragten Felsen und Steine, mir anderen Worten auch der Dinge Preise benannt. Und auf diesen Steinen hockten kleine Tiere und Pflanzen, und ich warf von der Jnjel meine Angel auS, erwischte einige, deren ich eben bedurfte, einige jener Steine. die meiner Insel nahe waren und die ich mit meiner kleinen Angel erreichen konnte. Flache Landschaften breiteten sich vor mir aus. genügten aber meinem Herzen: des Brotpreises kleiner Stein war ganz nahe zu mir, etwas serner. aber noch erreichbar, des Fleischpreises Stein und mein LieblingSsteinchen, des Topfcnkuchenpreises Stein. Etwas ferner der Unterhaltungspreis, dar Bücherpreis, der Schuhe- und Kleiderpreis und sonstiges: wenn ich meine Angel sehr weit auswarf, konnte ich ab und zu auch von diesen einiges erwischen und lebte glücklich auf meiner Insel, mich ohne Neid an dem entlegenen Horizont ergötzend, wo blau und in fernem Glanz der Gummiradlerhügel, die Automobilspitze, die EckhauS-Bergkette, das Diamantbrustlnopf-Hochplateau und sonstiges prunkte, in wohl nicht meiner Hand, doch meinen Augen erreichbarer Weite. Vor vier Jahren haben jene Dinge ihren Anfang genommen, von denen ich berichten will. Eines Tages bemerkte ich, daß der Mehlpreis, der bisher links von meiner Insel in geringer Ferne im Wasser gehockt hatte, einige Spannen trefsr liegt. Als ich besser hinschaute, sah ich, daß er langsam, aber ständig aufwärts schwimmt. »Nona,* sagte ich,.sonderbar, ich glaubte bisher, daß dieser Stein im Flußbett verankert ist, doch scheine ich mich geirrt zu habm. DieS ist kein fixer Punkt, auf den man rechnen kann, der setzt sich ja in Bewegung und schwimmt, dies scheint sa gar kein Stein zu sein, sondern irgend ein Tier, oder ein Fisch, ich wußte das gar nicht; es tut aber nichts. Gewaltiger erschrak ich. als ich den nächsten Tag sah. daß der Fleischvreis, ein hübscher Strauch am Flußufer, in Schwung gerät und wie toll aufwärts zu rennen beginnt. Dies war schon ein größeres Unheil, ich warf ihm mein Lasso nach, und erwischte noch ein Stück; doch lief er immer rascher und befindet sich heute bereits irgendwo in der Nähe des Edelsteinberges, hinter sich das AnanaS- kap und den Chamgagnerfall zurücklasiend. .Na, sage ich zu mir, daS ist ein Pech, ich habe geglaubt, daß dies ein Strauch ist, doch nein, auch der hat von selbst Bewe be- kommen. Offenbar leben wir im Zeitalter der Wunder.* Jawohl, dachte ich dann, dies ist das Zeitalter der Wunder: die Wälder, Täler und Berge ringsum geraten in Bewegung und beginnen zu laufen: aufgebrochen find der Zuckerberg, der Gemüse- wald, der Schuhriemen und der Manschettenknopf. Alle sind sie ausgebrochen, plötzlich, und streben alle in die Höhe. Wunder, Wunder, aber sehr unangenehme Wunder, denn meine Insel der- bleibt auf ihrem Platz, und allmählich werde ich mit meiner Angel nichts erreichen. Als ich dann eines Morgens erwachte und von der Spitze meiner Insel Ausschau hielt, da sah ich, daß die ganze Umgebung nach oben rennt: der Dinge Preis jagt im widen Sturm in die Weite, die Landschaft hat keinen einzigen Punkt— sogar die Schuhwichse eingerechnet—, der auf seinem Platz verblieb«. Toll rennen die Preise und alle in einer Richtung: die mir näher find, rascher, die von mir weiter entfernten, langsamer. Und da schüttelte ich den Kopf und empfand wie KopernikuS, als es ihm zum erstenmal sonderbar schien, daß sich die Sonne, die Kometen und sämtliche Sterne des HimmelsystemS einmütig um die Erde drehen sollen, und ihm einfiel, ob eS nicht einfacher wäre, statt der unendlich vielen Bewegungen eine einzige Bewegung anzunehmen und alle anderen bloß als optische Täuschung zu be- trachten? Recht so, sagte ich und schlug mir auf die Stirn«, ist eS nicht einfacher, wenn ich statt der einmütigen, wundersamen Flucht der Berge, Täler und Flüsse annehme, daß die Geld-Jnsel in Bewegung geraten ist, aber nach rückwärts? Ich vermeinte auf dem Dach eines in die Erde gebauten Hauses zu fitzen, und es hat sich her- ausgestellt, daß es bloß ein stehender Zug war, der Zug des Geldes, der jetzt unter mir in Bewegung gerat« ist und nun hinabläust; ans dem Fenster des Zuges betrachtet, deucht es mich älich, als ob die Landschaft liefe— nach oben liefe. Oho, bleiben wir stehen, Herr Schaffner, ich steige aus diesem Zug. Ich habe in der entgegengesetzten Richtung zu tun, dort, wo sich der Dinge Preise befinden, die möchte ich erreichen. Nicht die Dinge find teurer geworden, unser Geld wurde billiger: spring« wir rasch ab, Freunde, wenn wir nicht wollen, Saß dieser Zug mit unS in die NichtS-Station einlaufe, wo man nicht einmal für dreißigtausend Gulden einen einziges Weizenkorn bekommt. (Uebersetzt von Sief. I. Klein.) Zehn �ahre öerttner Graphit. An dem grophtischen Kabinett von I. B. Nowimrwn sKuissürst«- dämm 232) soll gezoigt werden, was die Berliner Graphik«, die Radierer, Lichogvaphen, Holzschneider während der letzton zehn Jahre an künstlerischer Entwicklung geleistet haben. Einige hundert Blätter sind zu sehen; zwei weitere Ausstellung« werden folg«, und dann erst wird man einen vollkommenen Ueberblick haben. Aber schon heu-te darf man sag«, daß nicht nur die Arbeit, die so einmal im Ausammenhang geprüft- werden kann, daß mich das geistige Ergebnis, die Bereicherung um Fornwnwerte, jegliche Ach- tung verdi«t. Aber auch sin starkes Dankgefühl wird geweckt. Dank für das erkennende Verständnis und das empfindsame Mit- erleb«, mit denen dieser jnnge Liunsthändder rechtzeitig angefangen hat, die graphisch« Künste den Berlinern, die selbst heute noch die Kunst oft genug erst beim Oelbild beginnen lassen, nahezubringen. Ich erinnere mich sehr gut, wie er in einem klein« Lad« m der Nhland-Straße an ge fang« hat. Halb Amateur, halb Jahrmarkts- bude. Aber bei beidem sehr viel Geschmack, und darüber hinaus eine schöne menschliche Liebe für alles Echte, für alles Aufstrebende, auch für das Wagnis, selbst für den Irrtum, wenn ein ehrlicher Bursche dahinter stand. Diesmal sind zwei bis drei Dutzend Meister der Nadel, der Kreide und des Messers hier beieinander. Darunter alte Herren, die lÄ'.gst Klassiker genannt werden dürfen: Liebermann, Slevogt, Gaul, Corrnth. Ihre Blätter tragen alle Kennzeichen der Reife. Sie sind, wie das sich für gute Graphik gebührt, Extrakt- Minna- tnven: ans solch einem kleinen Blatt erkennt man das Wesenhaste seines Schöpfers oft weit besser, jedenfalls viel hestiger als aus großen, vom Schweiß des Handwerks belastet« Leinwanden. Das ist nämlich der besondere Reiz der Graphik, daß sie ein Stenogramm von der Eigenart ihrer Urheber gibt. Darum rst es so erfrischend, dicht nebeneinander Radierungen und Lithographi« verschiedener Hände zu sehen; man springt förmlich von einer Eigenart zur andern und erlebt im Um dreh« so und so viele m«schliche Größen, Angen, Hände, Tugenden, Laster, Weltanschauungen, Herkünfte und Ausblicke. Dabei gibt eS dann mannigiache Wertuirterschiedc festznstellen: geschickte, flinke Könner, gesellschaftlich gut gekleidet wie Ernst Oppler, ein wenig opevettenbaft kostümiert wie Hans Meid oder kokett aufdringlich mit Plakatschwung wie Kainer. Dann ehrsame Fachleute wie d« robust« Ziegenhirten Herstein, den Freund der Eick« und Gänse. Pottner, dessen Buntheit nicht immer farbig wirkt, den fleißig« Paeschke, der einer von d« wenig« Berlinern ist, die wirklich, wenigstens hier und da, sich an Berlin vergnügen. Aber zehn Jabre sind eine lange Zeit, und die Gegenwart hat heftiges Tempo. Darum ist es wicht verwunderlich, daß hier zu- gleich Dinge zu seh« sind, die mit dem bisher Betrachteten kaum in irgendein« Zusammenhang gebracht werden könn«. Impressionismus und Expressionismus; wir wiss«, daß es solcher Abgrenzung« und Paniere nicht wenige gibt. Freut euch des Lebend! Das Was und das Wie sind in der Kunst verhältnismäßig gkeichgüMg; auf die Kraft, mit der Programme durchgesetzt und Ziele erreicht werden, kommt es an. Solche Elastizität« sind fest» zustell«: Heikel, der auch die Landschaft als fleischlich« Traum empfindet; Kirchner, der, in Süßigkeit ertrinkend, sich sozusagen am eigen« Haarbeutel in die Sterne schleudert; Meidner vor allem, die Nervenbündel bösartiger Köpfe ausdeckend, Dentschädel linear zerfasernd und dann wieder durck» ein« Boxstoß zusammen- schweißend. Ter müde Otto Miiller ist da, dessen schimmernder MelanchoKe man es nicht zutrauen möchte, daß sie das Erträgnis eines Lebens voll bitterer Künstlernot ist. Schließlich Barbach, der Grübler und Wolkenseher, der den Beweis erbringt, daß man auch mitten in der Gefühllosigksit der groß« Stadt das Leid der Welt in Gesichten aufsteig« feh« kann. R. Br. Der Kemmelberg. Hoch und steil ragt der Kemme lberg über das niedrige Flach- llrnd � Flanderns hinaus; nur 133 Meier hoch ist dieser Berg, doch in diesem tellerflachen Gelände bildet er beveits eine bedeutende Erhebung, von deren Höhe aus der Blick weit über das flandrische Land schweift. In einer gebirgig« Gegend würde man von einer solchen Hohe gewiß kein Aiifheben» machen; hier, inmitten eines ausgeprägten Flachlandes, würdigt man auch schon einen Berg, selbst w«n er nur bis zur Höhe der Türme des Kölner Dome» emporragt. Neb« dem �Kemmel verschwindet beinahe der flache Höhenzug, dem er angehört, der im West« bei dem französisch«« Städtchen Cassel beginnt und sich längs Bailleul und Whtschaete las hinaus über Poelkapelle hinzieht. Dies« Höhenzug, in großem Maßstab dargestellt, ähnelt auffällig dem topograplrischen Bilde der Karte von Rumänien. Von seinem westlich« Abhang bis über d« Kemmelberg verfolgt der Zug die westöstliche Richtung/um dann nach Nordosten umzubiegen und etwa zwischen Hollebele und Gheliwelt die direkte Nordrichtung einzuschlagen. Wie ein Schutz- wrll umschließt der Höhenzug die unmittelbar seinem Ziordslügel vorgelagerte Stadt Apern; weiter westlich liegt, ebenfalls inmitten der flandrischen Eb«e, die Stadt Poveringhe. Inmitten dieses platt« Landes gibt es nur noch eine einzige, neben dem Kemme!- berg in Betracht kommende Erhebung, den Moni Saint Ändert, der 148 Meter hoch ist und nicht weit von Tournai liegt. Dereinst ragt« diese beid« Berge gleich vereinzelt« Inseln aus wsitem Meere heraus; denn die Zeit, da der größte Teil Flanderns, ja Belgiens überhaupt, vom Meere überflutet war, liegt noch keineswegs weit hinter uns. Sind doch erst 8000 Jahre verflossen, feit die britisch« Inseln vom westeuropäisch« Festlande losgeriss« ward« sind. Erst damals, etwa um das. Fahr 6000 v. Ehr., entstand der Nermelkanal; bis dahin«streckte sich auch östlich vom heutig« England das Festland noch weit hinaus in die Nordsee, und d« Rhein mündete damals in der(siegend der heuii* g« Doggerbcmk. Stech jenem furchtbaren Meere seiirbruch kam das ilbriggebliebene Land auf etwa 6 Jahrtaufende zur Nnbc. Die Ränder des übriggeblieb««, versumpften Gebiets vertorften; darüber bildete sich ein Dünenyürtel aus dem vom Meere heran- geschwemmt« Sande. Aber eine neue, gewalkige geologische Käta- strophe brach, nun bereits in ftiitorischcr Zeit, üb« das Land herein; zwisch« 300 und 350 it. Chr. überspülten mehrere furchtbare Sturmflut« das heutige Belgien, und bis dabin, wo heute Brüssel steht, ergoss« sich die Flut« des Meeres. Drei bis vi« Fahr- bundnte spät« war« die Waffer Wied« so weit zurückgetreten, daß sich Wied« Mensch« auf dem Polderlande anzusiedeln begann«; unt« dem Schutze tum d« Ansiedlern angelegt« Dickte nahm der Berlandungsprozeß ein« größeren Untfang an, doch neue Katastroph« kam« über das junge Gebiet, und das Meer vernichtete wiederum alles, was in mehr als einem halb« Jahr- tausend«fftanden war. ES war« die beid« Jahrhunderte von lOOO bis 1200, in denen die wütende Nordfee zum letzten Maie -ihren Tribut an Land und Menschen forderte. Mebr als 700 Jahre find seither Wied« verflofi«. und w«m das Meer in ber Zwischen- zeit auch unablässig das belgisch-niederländische Küstenland lwnagt hat. so sind doch seit dem Mittelalter ganz große Katastroph« nicht mehr hereingebroch«. veotjche Einheitstorzfchrist. Einem Vortrag Max Bäcklers, des Vorsitzenden der Schuli DtoltzeüZchrey, über die deutsche Einhsitskurzschrfft war zu ent- nehmen, daß gegenwärtig von d« 23 Mitglied«« des von der ReichSrogferung berufenen Sachverständigenau sschn sses nunmehr 17— alle bis auf die Gabelsbergerfch«— dem Entwurf der stein« Schulen zustimm«, dem besonders leicht« Erlernbarkeit nachgysagt wird. Auf dies« Umstand legte der Vortragende das größte Ge- wicht,«nmaffwey« der Jugend, der die Kurzschrift nach Festsetzung -des Einheitssystems in der Schule beigebracht werd« soll, dann ab« auch im Hinblick darauf, daß überhaupt unter d« wirffchaff- Rchcch Steiften nach dem Krieg für Alle Zeitersparnis ein ununi- gängliches Gebot sein wirb. Bayern halt allerdings an seinem Gabelsberg« fest und erst recht Oesterreich, wo mau nicht einmal die 1905«folgten Aenderu-ng« der Gabelsbergerschrist enge- nomm« hat. In beid« Staaten ist die Kurzschrift seit Jäte- zehnten UnterrichtsgegenstaNd auf den höher« Schulen. Es sei übrig«S erwähnt, daß bec Vortragende der GabelSbergerschvift viel Rühmendes nachsagte und ihr durchaus unbefangen gearnüber- steht.~-n. Notizen. — Rudolf P fister, mit dem wir heute uns«« Lef« be- kanut«ach«, ist ein jung« Bern« Dichter. In der Sammlung sein«»Gedichte*, die eb« bei A. Francke in Dem«schienen ist, ängt« srisch-innige Naturlied«, gibt auf d« Grenzwacbt tief- gefühlt« Heimatsiebe Ausdruck und schmiedet in d« Zeitgedichtc-, neue Schwerter stahlhart. — Theaterchronik. DaS Soldatenstück„D er H i a S* wird vom 1. Mai an im Palast-Theat« am Zoo wieder spielen. Bish« wurd« üb« 1 Million für KriegSwohlsahrtspflege damit «zielt. — Vorträge. In der Urania spricht Montag, Donners- tag, Sonnabend Hauptmann Heintz über„die deutschen Luft- it r e i t k r ä f t e*. Am Sonntag und Mittwoch:„Der Viertvald- stätter See und der Gotthard.* Dienstag und Freitag Dr. Pohle: .Das neue Finnland.*— In der Treptow-Sternwarte bricht Dienstag, 7 llbr, Dr. Archenhold üb«.Kometen und Sternschnuppen*. Mittwoch, 3 Uhr:.Das Bern« Oberland.*— Derenglische Anschlag auf Zeebrügg« und O st« n d e wird Dienstag, 8 Uhr, im Museum für Meeres- künde von Professor Stahlberg behandelt.— Grete M«i sel- Hetz hält am Mittwoch, 8 Uhr. im Schubertsaal, Jülowstr. 104, einen Vortrag üb« das Eheproblem.— Im Botanische': Museum(Dahlems spricht Mittwoch, 3 Uhr, Professor Gilg über Oelpftenzen. — Eine neu« Oper:. Die Gezeichneten* von Franz S ch r e k e r erzielte bei der Uraufführung im Frankfurt« Oper». Hauke eine starke Wirkung. DaS Textbuch, daS vom Komponisten elbft verkaßt ist, behandelt einen romantisch-poetifchen Stoff. Die Musik soll alles bish« Dagewesene an neuartigen Klangreizen uns dramatisch« Wucht überbieten. Eine deutsche Kunstausstellung in Sofia soll eine Ueberficht geben über das deutsche Kunstschaffen aller Richtungen. — Der Wagner-Herzog. Mit dem Herzog Leopold Friedrich II. von Anhalt, der in Dessau starb, ist ein warmer Kunstförderer dahingegangen. Während bei manchen anderen deutschen Fürsten, selbst solchen, die eine literarische Vergangenheit zu rcprä- sentieren hätten, nur eine besondere Jagdleidenschaft bemerkenswert ist fand dieser Herzog— wie der frühere Meiningerherzog— seine Aufgabe in der Thealerpflege. Der Oper, und zwar vorzüglich der Wagner-Oper, galr sein Streben. Große Mittel und Kräfte wandte er darauf, in Dessau eine mustergültige Bühne mit gutem Orchester zu unterhalten. Im Gegensatz zu der Theaterspielerei früherer Potentaten wird von Fachleuten anerkannt, daß dieser Herzog als Leiter und Regisseur seines Theaters feinen selbstgewählten Aufgaben gewachsen war,