MaliofSlIblJil ZS. Jahrgang. ♦ Nr. 2S Settage zum �vorwärts" Berliner Volksblatt Serlw, 2S. Juli 1H1S Das Lieb vom Zrieöen. Flüstert das Laub, siugen alle Vögel, die noch im Lande ftnd: Menschen, seid ihr kaub und blind? Hört ihr nicht den Krieg, seht ihr nicht sein rasendes Leid und darüber den Sieg der Ewigkeit? Leben ist eine Flut von Glück und Licht, ihr berge! in Haß und Blut das Gesicht. Ihr preiset das Eisen. vergiftet das Brot, und eure friedsmnen Denker und Weisen sind tot! Nun sind wir es allem, Strauch, Vogel, Baum und Stein, die mitten im rauchenden Ringen, das Lied vom blühenden Frieden fingen. AlsonS Petzold. Zrauenbriefe. Von Maxim Gorki. Vor einigen Wochen erschien in .Nowaja Sbisn'' dieser Artikel. Jetzt ist das Blatt, wie wir schon meldeten, von der Bolschewiki« Regierung verboten worden! Red. des„Vorlv.* Die interessantesten Briefe, die an mich gelangen, stammen von Frauen her. Diese Briefe, dem Eindruck der stürmischen Gegenwart gewidmet, sind von Beklemmung, Groll. Ent- rüstung ersüllt, aber sie sind nicht so apathisch wie die der Männer— ein jeder Fraucnbrief ist ein Schrei einer lebendigen Seele, gemartert von den zahllosen äqualen der grausamen Zeit. Sie erwecken das Gefühl, als seien sie von einer einzigen Frau, von der Mutter des Lebens, geschrieben, von der- jenigen, die der Welt alle Rassen und Völker gegeben, von derjenigen, die alle Genies geboren hat und gebären wird, von derjenigen, die dem Mann geholfen, den groben tierischen Instinkt in die zarte Extase der Liebe zu verwandeln. Diese Briefe sind der Schrei cineS Wesens, das die Poesie ins Leben gerufen, die Kunst inspiriert hat und das immer von einem unauslöschlichen Durst nach Schönheit, Leben und Freude gequält ist.... Die Briese, auf die ich mich deziehe, sind voller Magen der Mütter über das Verderben der Menschen, darüber, daß sie grauiam, wild, gemein, unehrlich werden und daß die Moral verroht. Diese Briefe sind voller Flüche gegen die Bolschewiki, die Bauern, die Arbeiter, sie wünschen ihnen alle Strafen, alle Greuel, alle Martern.� „Alle aushängen, alle erschießen, alle vernichten�, das verlangen die Frauen, Mütter und Pflegerinnen, aller Helden und aller Heiligen, aller Genies, aller Verbrecher, aller Halunken und aller ehrlichen Menschen, die Mutter eines Christen wie eines Judas, Johann des Grausamen wie des schamlosen Macchiavelli. des zarten und lieben Franziscus von Assisi, des düstereu Feindes jeder Freude, Savano- rola, die Mutter Philipps II., der in seinem ganzen Leben nur einmal gelacht, als er die Nachricht von der Bavtholo- mäusnacht erhielt, vom größten Verbrechen der Katharina Medici, die auch Frau und Mutter war und auf ihre Art aufrichtig um das Wohl einer Anzahl von Menschen be- sorgt war. Tod, Vernichtung, Gewalttaten hassend, schreit die Mutter, die vom Manne bewunderte, ihn zu Großem und Schönem führende Frau, die Quelle des Lebens und der Poesie:„Totschlagen, aufhängen, füsilieren*. Da handelt es sich um einen schrecklichen und düsteren Widerspruch, der dazu angetan ist, den Heiligenschein zu zer- stören, niit dem die Geschichte die Frau umgeben hat. Ist das darauf zurückzuführen, daß die Frau sich von ihrer großen kulturellen Rolle keine Rechenschaft gibt, ihre jchöpferifche Kraft nicht spürt und sich zu sehr der Ver- zwsiflüng hingibt, die in ihrer Mutterscele durch das Chaos der revolutionären Tage hervorgerufen wird? Ich werde auf diese Frage nicht weiter eingehen, ich will nur folgendes bemerken. Ihr Frauen wißt sehr gut, daß die Geburt stets von Wehen begleitet ist, daß d c r neue Mensch im Blute geboren wird— so will es die böswillige Ironie der blinden Natur. Im Augenblicke der Niederkunst schreit Ihr wie Tiere, und lächelt mit dem seligen Lächeln der Madonna, wenn Ihr das neugeborene Kind an Euere Brust drückt. Ich will Euch Euer tierisches Geheul nicht vorwerfen, mir sind die unerträglichen Qualen verständlich, die diesen Schrei hervorrufen, bin ich doch selbst am Ersticken angesichts solcher Qualen, obwohl ich keinc�Frau bin. Und ich wünsche von ganzem Herzen, von ganzer Seele, Ihr sollt bald lächelnd mit dem Lächeln der Madonna, an Euer Herz den neu- geborenen Menschen Rußlands drücken.... Man muß sich erinnern, daß die Revolution nicht nur eine Reihe von Grausamkesten und Verbrechen darstellt, sondern auch eine Reihe Heldentaten der Tapferkeit, des Ehrgefühls. der Selbstlosigkeit, der Uneigennützigkeit. Seht Ihr das nicht? Kommt es vielleicht daher, daß Ihr durch Haß und Feind- seligkeit geblendet seid? Der vierzigjährige Bürgerkrieg des achtzehnten Jahr- Hunderts hatte in Frankreich eine abscheuerregende Verrohung hervorgerufen, eine prahlerische Grausamkeit, bedenkt man nur, welchen wohltuenden Einfluß eine Julie R e c a m i e r ausgeübt! Solcher Beispiele des Einflusses der Frau ans die Entwicklung der menschlichen Gefühle und Ideen gibt es in der Geschichte so manches. Euch Müttern geziemt eS, unmäßig in der Liebe zum Menschen zu sein, zurückhaltend im Haß ihm gegenüber. Bolschewiki? Ja, denkt nur— sie sind doch auch Men- scheu wie wir alle, sie sind von Müttern geboren und Tierisches haftet ihnen nicht mehr an als uns. Die besten unter ihnen sind a u s g ez e i ch net e L e u t e, auf welche die Geschichte Rußlands mit der Zeit stolz sein wird, während unsere Kinder und Enkel ihre Energie bewundern werden. Ihre Handlungen unterliegen der heftigsten Kritik, sogar boshaftem Hohn— das widor- fährt den Bolschewiki vielleicht in größerem Maße, als sie es verdient haben. Sie sind von einer erstickenden Atmosphäre des Hasses der Feinde umgeben, und, was vielleicht noch ge- fährlicher für sie. ist, von heuchlerischer, gemeinen Freundschaft derjenigen, die wie Füchse sich an die Macht heranmachen, um sie als Wölfe auszunützen, und die hoffentlich wie Hunde kre Pieren werden. Ich verteidige die Bolschewiki? Nein, ich kämpfe gegen sie— aber ich verteidige d i e Menschen, deren aufrichtige Ueberzeugung ich kenne, deren persönliche Ehrlichkeit mir bekannt ist. ebenso wie mir die Ehrlichkeit ihrer Hingabe für das Wohl des Volkes bekannt ist. Ich weiß, daß sie das grausamste wissen- schaftliche Experimen; am l e b e n d e n K ö r p e r Rußlands machen, ich verstehe zu hassen, ziehe es aber vor, gerecht zu sein. O ja, sie haben viele sehr grobe, düstere Fehler begangen.— Gott hat ebenfalls einen Fehler bc> gangen, als er uns dümmer gemacht hat, als wir sein sollten — die Natur hat sich in so manchem geirrt— wollen wir sie beurteilen vom Standpunkte unserer Wünsche, die ihren Zielen oder ihrer Zwscklosigkeit zuwiderlaufen? Wenn man will, kann man auch von den Bolschewikis etwas Gutes sagen. Ohne wissen zu können, zu welchen politischen Ergebnissen ihre Tätigkeit schließlich führen wird, be- Haupte ich, daß vom psychologischen Standpunkte aus die Bolschewiki bereits einen sehr großen Dienst dem russischen Volke erwiesen, indem sie in der Masse des russischen Volkes eine Teilnahme an den gegenwärtigen Ereignissen hervor gerufen, ohne die unser Land zugrunde gegangen wäre. Jetzt wird es nicht zugrunde gehen, da das Volk aus dem Schlafe zu neuem Leben erwacht ist, und in ihm reifen neue Kräfte, die sich weder vor dem Wahnsinn der Politischen Neuerer, noch vor der Gier fremdländischer Räuber, die ihrer Unbesiegbarkeit zu sicher sind, fürchten.--- Rußland kämpft krampfhaft unter schrecklichen Wehen der Entbindung.— wollt Ihr, daß sobald als möglich das neue, schöne, gute, menschliche Rußland ge- boren wird? Laßt Euch sagen, o Mütter, daß Groll und Haß schlechte Geburtshelfer sind.— Nietzsche unö wir. Eine Diskussion. Genosse A- G e r i s ch schreibt unä: Dackel- und Standgrtenträqer deS sozialistischen Proletariats? Das ist der höchste Ehrentitel, den wir von„unten Stammen- den" einem Menschen geben können. Weil dem so ist, deshalb sind wir auch in der Verleihung dieses Ehrentitels sin bißchen sehr zu- rückhaltcnd gewesen. Nur einigen wenigen AuSeuixihlten ist er nach stillschweigendem Uebereinkommen des sozialistischen Prole- tariats der ganzen Welt verdientermaßen zuteil getoorden. Aus» zeichnungen, mit denen nur so herumgeworfen wird, sinken im Wert und werden schließlich zum Kindergespött. Selbst ein Kämpe wie unser unvergeßlicher Wilhelm Liebknecht beanspruchte nur „Soldat", kein Standartenträger in den Kampsrcihen des sozialisti- scheu Proletariats zu sein. Mit großer Ueberraschung habe ich daher in der Nr. 26 der Sonntagsbeilage zum„Vorwärts" vom 14. Juli d. I. in dem Ar- tikcl„Wohin gehört Nietzsche?" die Einführung und Begrüßung Nietzsches„als einen unserer Fackel- und Standartenträger auf unserem Wege durch Nacht zum Licht" gelesen. Es ist selbstver- ständlich, daß, wenn jemand in unserem Zentrwlorgan austritt und sagt,„wir" begrüßen eine bestimmte Person als„unseren" Fackelträger, er damit nicht etwa im Namen eines Wanderklubs svricht, der eine Nachtpartie macht, sondern daß er dem Denken und Empfinden des sozialdemokratisch gesinnten Teiles des deutschen Volkes Ausdruck verleihen will. „Durch Nacht zum Licht geht unser Weg." Die„Nacht", das ist die im Interesse der Nutznießer der heutigen Welt geschrsfene und mit allen Mitteln der Macht, List und Verschlagenheit erhaltene Un- wisssnheit und Denkunfähigkeit der große« Volksmassen, die es Millionen so außerordentlich schwer macht, sich zu der Erkenntnis durchzuringen, daß nur die Uebernahme der gesamten Produktion s- mittel in den Besitz der nach demokratischen Grundsätzen geleiteten Gesellschaft zum Licht, d. h. zu einem schöneren, edleren Menschen- dasein führt. Hat nun Nietzsche diese Erkenntnis gefördert? Ist er für Sozialismus und Demokratie eingetreten? Um die Erörterung dieser Fragen rm engsten Rahmen zu halten, beschränke ich mich auf das, toaS in dem betreffenden Artikel selbst Wer Nietzsche ge- sagt wird. Da hören wir denn, daß„Nietzsche nie Demokrat oder Sozialist gewesen ist". Er ist nicht nur kein Sozialist gewesen, son- dern er hat noch obendrein den Sozialismus in denkbar schwerster Weis« diskreditiert,„als die zu Ende gedachte Tyrannei der Ge- ringsten und Dümmsten, d. h. der Oberflächlichen und Neidischen". lleber die Demokratie hat er noch wegwerfender geurteilt, sie ist m„Rechten und Nlarkten mit dem Gesindel". Man faßt sich an den Kopf: Ein Mann mit solchen Ansichten Fackel- und Standartenträger des sozialistischen Proletariats?! Doch halt! Der Versager des betreffenden Artikels bringt auch einige Aeußerungsn Nietzsches, die beweisen sollen, daß dieser doch auch Verständnis für die soziale Frage gezeigt habe. Nun ist sözia- listisches Denken als Ferment bereits derartig in das geistige Leben der Kulturvölker eingedrungen, daß es wenig Menschen geben wird, die nicht schon die eine oder andere Angelegenheit vom sozialistischen Standpunkt aus betrachtet haben. Selbst bei fanatischen Gegnern der Sozialdemokratie kann man das oft genug beobachten. Wer die Reden und Schriften des seligen Schulze aus Delitzsch, oder die der einstigen FortschrittSgröße Eugen Richter daraufhin durchsähe. würde zahlreiche Stellen finden, die noch mehr Verständnis für die scziale Frage' zeigen, als die beiden zitierten Aenßerungen Nietzsches. Wird aber«in Mensch mit fünf gesunden Sinnen die. Genannten deshalb als Fackel- und Standartenträger des sozialistischen Proletariats feiern? Wie lauten nun die beiden Aeußerungen Nietzsches? Die ein«: „Ganz anders als die Frage„Gott" interessiert mich eine Frage. an der mehr das Heil der Menschheit hing als an irgendeiner Theo« logenkuriosität: die Frage, der Ernährung." Die andere:„W e hast gerode du dich zu ernähren, um zu einem Maximum von Kraft, von moralinfreier Tugend zu kommen?" Himmel und die Welt! Welche Entdeckung! Also weil der aroße Philosoph und gewaltige Denker Nietzsche bis zu der haus- chackenhasten PhilisterweiSheit durchdrang, daß ein guter Happen, 'wie die Berliner sagen, für den Menschen allezeit die Hauptsache ist, deshalb war er, so wird uns versichert, gar nicht„so himmelweit von Marx entfernt". Danach bilden die klugen Leute, die in unseren Tagen den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und sich mit Hamsterware, Marke„Moralin frei", den Wanst füllen; gewisser- maßen eine große Gemeinde stiller Marxisten. Mein Lebtag hätte ich nicht geglaubt, daß man auf eine so einfache Weise Marx nahe kommen kann. Zu der Erkenntnis von der großen Bedeutung der Ernährung kam Nietzsche übrigens nicht wie gewöhnliche Sterbliche auf dem Wege der Erfahrung, durch die vortrefflichen Wirkungen, die ein supenbeS Diner auf Körper und Geist ausübt, sondern das sind bei ihm.Wahrheiten, die er mit goldener Angelrute fing". Wie sich doch bei den Philosophen alles so eigenartig und ganz anders als in anderen Menschenköpfen abspielt! Zur Erfassung von Wahrheilen kommt man nach allgemeinem Brauche durch ein- dringendes Denken, Forschen, Vergleichen. Experimentieren usw. In den meisten Fällen ist das eine langwierige und mühevolle Ar- be«. Von Nietzsche dagegen hören wir. daß er die tiefgründigsten Wahrheiten einfach cmgeüe, allerdings mit einer kostspieligen gol- denen Angelrute. Man könnte trotz der schweren Zeit, in der wir ledern unbändig lachen über die ganze Sache, wenn sie nicht eine ernste Seite hätte. die sich am besten an einem zurückliege ndn Vorgang, den ich als leidenschaftlicher junger Partei gäiiger in allem mit durchlebte, illu- stueren läßt: ich meine die Duhriug-Dewegnng in Berlin. Dühring stand irnS millionenmal näher als Nietzsche, und doch zogen Engels und Marx gegen ihn zu Felde. Als die beiden Alt- meister wahrnahmen, daß durch Dühring und seine Anhänger die Klarheit der sozialistischen Lehre getrübt, Verwirrung unter, die Arbeiter getrogen und dm sozialistische Bewegung dadurch gehemmt und geschädigt wurde, vollzogen sie da? bekannte Strafgericht an Dülnsing. Dem Bestreben der Anhänger Dühring», diesen zu einem Fackel- und Standartenträger des sozialistischen PreteürnatS zu machen, wurde damit ein für allemal ein Ende bereitet. Nun weiß ich recht gut. daß die Neigung gewisser Kreise in der Part«, den Herrenmenschen Nietzsche zu einer solchen Größe zu erheben, vorerst keine Bedeutung hat. Aber: wehre den Anfängen! Wir haben noch unermeßlich viel Aufklärungsarbeit unter den uns noch gleichgültig oder gar feindlich gegenüberstehenden Volksschichten zu leisten, unendlich viele Widerstande der herrschenden Gewalten bei dieser Tätigkeit m überwinden, und wir können diese Riesem ausgäbe nur löfen. wenn wir in unseren Reihen keine Konfusion aufkommen lasse»,«ufere Genossen in scharfem, logischem Denken schulen. Selbstverständlich fällt eS mir nicht im Traum ein, mich etwa den Engels und Marx gleichstellen zu wollen. Auch der geringste Parteigenosse, und als einen solchen habe ich mich stets nur be- trachtet, hat das Recht und die Pflicht darüber zu wachen, daß die Partei keinen Schaden erleidet. Und wenn im Zentralorgan der Partei ein Artikel wie der kritisierte, der gewiß auch gut gemeint trar, erscheint, dann mutz eben irgend jemand dazu Stellung neb- men, damit keine Verwirrung unter den Lesern einreißt. Genosse Gg. antwortet darauf:' Es ist schwer, bei einer solchen Gegenoffensive, wie sie der Genosse Gerisch gegen unfern Nietzscheartike!-losläßt, sich rein defensiv zu verhalten. Denn solch temperamentvolle Attacken bieten dem Gegner immer genug Blößen, die wieder zu Hieb und Stich reizen. Wer einmal kommt eS uns überhaupt nicht auf wohlfeile Augenblickserfolge an und zum andern will eS uns scheinen� ÄS hätte Genosse G. gegen jemand losgeschlagen, der in ihm alles andere, nur nicht einen Gegner sieht. Wie liegt denn die Seche? Nachdem in hundert und aber hundert Artikelchen rechtsstehende Zeitungen Nietzsche als den ihren reklamiert hatten, konstituiert sich eine Nietzschcgesellfchafi mit dem erwähnten Zveck: Nietzsche als Aushängeschild sur neue Kundschaft. Das hat sozialdemokratisches Denken bis dato ganz in Ordnung gefunden, und Genosse G. beweist nur, wie berechtigt es war, den vaterlandsparteilichen Annexionisten einmal auf die Finger zu pochen, um ihnen begreiflich zu machen, daß sie sich wieder mal in ihrer AnnexionSwut zu sehr hatten gehen lassen, daß Nietzsche viel eher uns als ihnen gehört. Genosse G. hätte das und nur das herauslesen müssen, wenn er, wie es scheint, nicht von vornherein etwas anderes hineinlesen wollte. Was er von der„Neigung gewisser Kreiie in der Partei" in punkto„Herrenmensch" zu wissen vorgibt, läßt verschiedenes ahnen, hat aber nicht daS geringste mit dem Artikel zu tu». Das heißt ihm vielmehr»he Gewalt antun. Es ist darin ganz klipp und TCar ausgesprochen, welche Stellung N. gegenüber Sozsakdemo- lratic und Sozaalisirtus eingenommen hat. Und auch die Aus- spräche üoer die Ernährung sollten nur die Fäden zeigen, die zu Marpens materialistischer Auffassung führten. Was uns an Nietzsche gehört, ist nicht der Mensch mit seinem Widerspruch, sondern der Denker, der als den Sinn der Mensch- hcitsentmicklung den Uebermenschen hingestellt hat, einen Menschen, der vollkommener, glücklicher und freier sein soll als wir, zu dem der Mensch eine Brücke ist, ein„Seil- geknüpft zwischen Tier und Uederineusch". Gewiss, insofern mag Genosse G. recht haben, das hat schliess- lich nichts mehr mit Parteipolitik zu tun. Und doch, es bleibt beim«Standartenträger". «Ich bin Dynamit", das hciht doch, ich bin revolntionär im tiefsten Sinne, ich fühle mich pcrwandt allem, was an der Gegen- wart leidet und schwer noch an der Bergangenheit trägt, und ich fühle mich euch am besten perwandt, die ihr eure Hoffnung aus eine höhere Menschenzutunft gesetzt habt. „Hoffnung", nein, das mag uns von Nietzsche unterscheiden, wir erhoffen nicht mehr bloss, heute s-hreiten wir den Weg dahin. Ein Blitz zuckte hinein ins dunkle Morgen der Menschheit: Nietzsche. Ein Weg ward sichtbar, je mehr es Tag wind: Marr. Und mag SJietziche auch in uns nichts anderes haben seben können, als die Schlechtwegg.üommenen, als die, die man im Fallen auch noch stoßen soll. Was kümmerts uns. Das Ziel aber, das er über die Menschheit hing, das lieben wir mit unserer jungen Liebe, das erstreben wir mit unserer alten Hoffnung. Was wir immer behaupteten, da? hat der Krieg bewiesen. Die Zukunft der Mensch- heit wächst nicht aus dem Bluie alter Herrengeschleckiter, sie blüht auf aus dem Heldentum ungezählter Massen. Der Krieg hat ein neues Heldentum in der Seele des Proletariats entzündet. An ibm, aus ihm wollen wir den neuen Menschen heranbilden, den Uebermenschen, den morgenrotumstrahlten Menschen der Zukunft. So grüßen wir Nietzsche als Lichtbringvr und glauben heute noch besser dazu berechtigt zu sein, als jenes entwicklungsfeindliche Häuschen der Vaterlandspartei. Und außerdem glauben wir, Genosse G., dcssz wir gar nicht so weit voneinander entfernt sind, wie Sie es sich und uns beweisen möchten. Ein Schauspielerleben. Vor Jahren hat der in Berlin Verstorbeue Schauspieler Albert Börse ein Unverdientermassen verschollenes Buch«Weil noch das Lämpchen glüht"... herausgebracht. Neben S Milderungen seiner Schmierenkomödiantenzeit leuchten da besonders die mit ergötzlichem Humor gezeichneten Profile jeglicher«Fächer" bis seitwärts zum „Stastengeist" und technischen Personal hervor. Dass bei vielen dieser honorigen Leutchen Eigendünkel und Prahlsucht eine nicht selten auf dem Kothurn der Lächerlichkeit stelzende Rolle spielen, erfährt man, wenn nirgend sonst, aus ihren Lebenserinnerungen. Von diesen Stbwäwen ist das Buch:«Ein Schauspielerleben" sVerlag Parcus u. Co., München) von Alois Wohlmuth ziem- lich unberührt geblieben. Es sind«ungeschminkte Selbstschilderungen". nicht mehr, nicht weniger. Seit 1883 gehört Wohlmuth dem Münchener Hof- und National- thcater als eine seiner Zierden an. Aber bis dahin halte ihn das Dasein in Harle Lehre genommen. Zn Brünn(Mähren) als Sohn eines Bierbrauers sozusagen zwischen Hopfensäcken und Maisch- battichen geboren, paarte er in seinem Wesen früh die Ab- neigung gegen alle" verstandesmäßige Schnllernen mit leidenschast- lichem Drang zum Theater. Statt Vokabeln, Mathematik und Physik zu pauken, deklamiert er die Traumerzählung Franz Moors. Pater Glatzel, einer seiner Lehrer, wird sein erster Hörer. Daß„aus dem Buben doch nichts anderes als ein Schauspieler wird", sieht bei ihm fest. Und so geschah's. Mit elf Jahren macht der sich heimlich fort, in einem fünf Meilen fernen Dorf ein— Theater zu gründen. Auch führt er zu Haufe mit seinen Geschwistern im Heuschober eine selbstverferngte Räubertragödie auf. Noch nicht dreizehnjährig brennt er nach Wien durch, um sich einen, Direktor anzubieten. Die Eltern protestieren zwar gegen seine schauspielerischen Ab- sichten, sind aber doch stolz darauf, einen solchen Sprossen zu haben. Als er fünfzehn zählte, fuhr der Vater mit ihm Musik. Von Otto Thomas. Ich wohne selbst in einer Grossstadt-Vorstadt. Da wo alles ungebundener ist als im Stadtinnern und wo die Dinge des inneren Menschen eine einfache Lösung finden, die uns grosse Konflikte bereiten. Ich kenne da draussen die Menschen, wie sie Neben und hassen, kenne ihre Freundschaft und Feindschaft, weiss, wie sie das Kostbarste ihres Lebens auf den Treppenstufen des All- tags ausbreiten und mit rohen Füssen darauf treten. Wie sie ehrlich sind und doch unehrlich, wie sie voll Misstrauen sind gegen jeden, der nicht ihre Sprache, ihren Ton, ihren Instinkt besitzt. Es gibt in der Grossstadt-Vorstädt unendlich viele Menschen, deren Seelen genau so dumpf und niedrig sind wie ihre un- gelüsteten Wohnungen. Und dennoch l An einem Tage kam ein junges blondes Borstadtmädchen zu mir. Sie hatte blinkeblanke Augen und ein feines liebes Gesicht. Sie sah furchtsam aus. wie jemand, der die innere Ruhe nicht hat, den etwas quält, was er nicht von sich ab- schütteln kann. Und sie wußte auch nicht recht, wie sie be- ginnen sollte, mir ihr Leid zu klagen. Sie war Binderin gewesen in einem Blumengeschäft in der Hauptstadt Württembergs. Schwanger sei sie im dritten Monat. Nun sei sie nach Hause gefahren. Aber ihr Vater sei ein Haustyrann, ein Mensch, den alles und der alles ärgert, was ihm in den Weg kommt. Wer kennt nicht diese Väter? Vor ihm hatte sie Angst. Und vor der Schande bei den Menschen der Vor- stadt, vor ihrem Gerede und vor der Zukunft und vor der Geburt des Kindes. Der Vater des Kindes war in der Schlacht an der Marne, in der vordersten Linie. Sie hatte ihn im Eisenbahn- zuge kennen gelernt, als er in Urlaub war und in einem Abteil mit ihr nach Stuttgart fuhr. Dann hatte er ihr das Paket zur Wohnung getragen und war mit ihr hinauf- gegangen und über Nacht dageblieben. Eigentlich hatte sie einen anderen lieb, aber der war in ihrer Heimatvorstadt. So war es gewesen. Ganz kurz die Freude. Ein Rausch. Vielleicht aus Sehnsucht oder Heimweh, und dem Bedürfnis nach liebevollen Worten. Nun wollte sie wissen, was sie tun solle, damit ihr Vater nichts erfahre, damit das Kind später zu leben habe, wenn etwa der Erzeuger nicht wieder zurück- komme und so. Und ich glaube, sie mußte sich einen Schutz suchen in ihrer Unsicherheit. Nachdenklich saß ich da und schaute in dieses junge Mädchengesicht. An allerhand dachte ich. Daran, dass ich vor Jahren in einer Grossstadt saß und Sehnsucht hatte nach den runden Schultern einer Frau. Und wie leicht es doch diesen Menschen geht. Ich dachte mir diese Liebe ohne Seele. Aber sie hatte«seele. Da sitzt sie jetzt vor mir und erzählt etwas schwermütig, wie sie schon stundenlang an einer stillen Stelle am Tegern- zu den Burgtheatergrößen Laroche, Förster imd Lölve, damit sie be- künden, od der Junge Tatenr habe oder kems. Dessen ungeachter soll er ein solides Handwerk erlernen. Geht's, meint der Vater, nicht mit der Kunst, so geht'S mit der— Runkelrübe. Er kommt nämlich in eine Zuckerfabrik. Dass er da die nackten Wände seiner Bude mit Dichter- und Denkcrporträts tapezierte, dass er ein mit Besen und Schaufeln gefülltes Magazin deS Abends zu einer Bühne umgestaltete und den Schlosser, Chemiker, Zuckermeister einlud, seinen Monologen aus„Faust" oder„Egmont" zu lauschen, daß er sogar den slawischen Feldarbeitern draußen beim«Ein- Prismen" der Rüben den Hamlet interpretierte— na ja, er war eben, wie einer seiner Prinzipales sagte,«total meschugge". Trotz- dem brachte er die ganze Wissenschaft der Zuckersiederei schon inner- halb sechs Monaten Himer sich. Jetzt aber war's? genug. So machte sich denn der„dramatische Handwerksbursch, arm am Beutel" auf die Wanderschaft;«Leisings Dramarturgie nebst ein paar Bänden Shakespeare im Ranzel." Nicht etwa Wien zu, nein stracks nach Berlin. Allein die Theater- agenten wollten hier don dem„länglichen Wunderknaben aus dem Lande der Ratzcfallen und Drahtbinder" nichts wissen: nur das Heldsche Vermittlungsbiirean. biß an. Held, der 1343 als gewaltiger Revoluzzer«Herrscherslühle stürzen und Kronen und Szepter zerbrechen wollte, hals nun ambulanten Bühnentyrannen Throns aufbauen, auf die er Kaiser und Fürsten der Schminke setzte, gebullt in Hermelin von Katzensellen!... Kurz— der siebzehnjährige Tragöde, lang und schlank gleich einer Fadennudel, stieg, ein seltsamer Anblick für Götter!, in Frack, Zylinder und Handschuhen ins erste„Engagement". Bei einem wandernden Thespiskarren zu Tanger Hütte... Und damit begann des werdenden Künstlers Erdenwallen. Wenige Wochen, oftmals Tage nur— dann hieß es: Weiter! Bellender Plagen, leere Taschen, nicht selten bloss ein paar belegte Skullen als„Gage"; zum Bette ein Bund Richrstroh, Perzweiflung bis zu Selbstmordgedanken, rosige Zulunftshoffnuugcn:— alle» m einem hin. Neben mancherlei traurigen Dingen begab sich freilich auch viel Komisches. So treffen wir Wohlmuth einmal in der Hamburger Schneider-Herberge, wohin ihn ein Fahrt- genösse im Glauben, er sei auch ein Ritter von Zwirn und Nadel, mitgenommen. Zuweilen halfen gutmütige Menschen über Notzeiten hinweg. Aber ob auch vereinzelte Engagements auf eine Spielzeit, beispielsweise am Schweriner Hoftheater, oder bei den Meiningern, oder gar eine Künstlerfahrt durch Amerika zum Abschluß kamen— es waren doch nur Lichtpunkte in einem Wanderleben, das sich zwischen unzähligen Dörfern und Städtchen vornehmlich der nieder- deutschen Tiefebene bis nach Galizicn hinein fast zwanzig Jahre lang abspielte. Wie der„Komödiant" zum Helden- und Charakterdarsteller von künstlerischem Schwergewicht heranreifte oder welche Erfolge er der« buchen konnte— von all dem erzählen diese Blätter herzlich wenig. Wo es einmal andeutungsweise geschieht, steht ein höherer Zweck dahinter. Ein Mensch mit seinen Fehlern und Gebresten, ein im Sinne Goethes Empor strebender und Kämpfeuder in seinem Verhältnis zur Umwelt tritt allenthalben znrage. Was er außer seinem Künstlerbernf tut und treibt: ob er dichterischer Produktion nachhängt, ob er Bildermuwen durchmustert, in Münchner Maler« atcliers aus- und eingeht, Vorträge literarischen und Wissenschaft- lichcn oder Versammlungen politischen Charakters besucht, schließlich, ob er bald längere, bald kürzere Wandergängs durch heimische oder fremdländische Gegenden unternimmt— unbezähmbarer Lerntrieb hat die Oberband. Alljährlich, wenn die vierwöchigen Tbeaterferien— mehr Er- holungszeit giebt's an der Münchner Hofbühne nicht— machte Wohlmuth, zumal in jüngeren Jahren, erlesene Touren nach ab- seitigen Erdenstücken. Ihn zog immer das Aparie, Urwüchsige an. Was er da sah: in England, Amerika, in altfranzösischen oder pyrenäischen Gebirgsstädlchen, in Norwegen oder Montenegro— in seinem Buche kann man's nacklesen. Scharfe Beobachtungsgabe, liebenswürdiger Humor, dem es doch auch nicht an Stacheln man- gelt, sind gewiß gute Würzen. Als der knapp Zwanzigjährige auch einmal«grotzherzoglich mecklenburgischer Hostchaustneler" war, spießte er so manchen resi- denzstädtischen Bonzen auf Epigramme, die sogar bei Fritz Reuters Verleger als Büchlein erschienen. Er„schoß auf Junker, Ritter, Höflinge, kurzum auf geheiligte Institutionen", mit dem Erfolg, daß der Intendant von„maßgebender Seite" einen Wink bekam: «Ueber die Grenze das infamichte Kirlchen!" An anderer Stelle gibt er später vom großherzogNch meiningenschen Kunstdilettantismus— mehr war es wohl auch nicht— ein ebenso ehrliches als belustigendes Konrerfsi. Ueberhaupt geht ein starker sozialer und demokratischer Zug durch lein Wesen. Schon von Jugend an. Immer stand Wohl- mmh aus Seite aller Armen und Bedrängten. Bezeichnend für ihn ist, daß er. förmlich gepreßt, schauspielerischen llnterrickit zu geben. sich seine Schülerinnen mitten aus dem Proletariat heraus er- spähte. Ohne viel nach Honorar zu fragen—„es waren fast aus- nahmSlos blinde Passagiere, die mitfuhren"— machte er eine ganze Anzahl junger Mädchen im Laufe der Jahre„zu Luisen, Julien, Rautendeleins". Nur zwei sollen darunter genannt sein: Centa Brs, einst Blumenmacherin, und besonders Jenny Rauch. Kellnerin in einem Münchener Weinkeller— zwei hell am Theaterhimmel strahlende Sterne.... Daß Wohlmuth, unter andern, auch im Leipziger Hause Wilhelm Liebknechts gern gesehen und beispielsweise auch zur „Taufe" seines Sohnes Karl geladen war, daß er dort Bebel kennen lernte, dem er ein paar Monate später im Gefängnis ein» „Anstandsvifite abstattete", erzählt er hier mit schlichter Offenheit. Wc� es nicht schon wußte, erfährt an dieser Stelle auch, auf welcher Linie sich dieses rechtschaffenen Künstlers und Menschen Anschauung von Welt und Zuständen bewegt hat. Ernst Kreowski. Eine gegossene Staöt. Die Frage, wie der Wohnungsnot zu steuern sei, wird überall erwogen. Aus welche Weise und aus welchen Baustoffen soll man die zahlreichen neuen Wohnhäuser errichten, die nach dem Kriege unbedingt nötig sind? Ein Münchcner Baumeister macht den Vor- schlag, in der Nahe des Münchener WalidftiedbofeS eine„gegossene � Stadt" zu schaffen. Er will Kleinhäuser herstellen, die einschliesslich Dachstuhl in Eisenbeton gegossen und aneinandergereiht, Rücken an Rücken, stehen, so daß jedes Haus einen Vorgarten bekommen ka,». 'Der„Prometheus" ist in der Lage, nähere Einzelheiten über diesen Plan mitzuteilen. Danach sollen die Kleinhäuser eine Breite von sieben Metern, eine Tiefe von sechs Metern und eine Höbe zwi- schon, sechs und sieben Metern haben. Bei voller Unterkellerung erhakten sie neben den Wohnräumen Waschküche, Bad und Vorrats- lager. Eine besondere Ersparnis besteht darin, daß die Leitungen für Wasser, Gas und Licht nicht in den Strassenkörper, sondern unter der Doppelreihe von Häusern in einen Kanal gelegt werden sollen, wodurch sämtliche Anschlußleitungen wegsallen. Der Vorschlag, gegossene Häuser, ja ganze gegossene Städte herzustellen, hat etwas Bestechendes. Ganz neu ist er freilich nicht. Bor einer Reihe von Jahren hat der amerikanische Erfinder Edison Versuchs mit gegossenen Häusern gemacht, die angeblich sehr be- friedigend ausgefallen sind. Nähere Einzelheiten über deren Ans- gang find freilich nicht bekannt geworden, doch kann die Möglichkeit kleine Wohnhäuser zu gießen, wohl nicht bezweifelt werden. Notizen. — In der Treptow-Sternwarte finden folgende Sondervorträge zu halben Kassenpreisen statt: Montag, 6 Uhr: „Bilder aus dem Harz, Thüringen und dem Riesengebirge", Dienstag, 7 Uhr:„Bewohnbarkeit der Welten", Mittwoch, 8 Uhr:„An den Ufern der Rheins", Donnerstag. 6 Uhr:„Gras Dohna und seine Möwe". — Ku n stchr on i k. Im Kupfer st ichka binett wird am 2g. Juli eine Ausstellung von Zeichnungen flämischer Meister aus dem 13., 16. und 17. Jahrhundert eröffnet.— Die Sommer- Ausstellung bei Paul Cassirer enthält Werke von Hans und Otto Faber du Fanr, Liebermann, Sievogt, Trübner, Thpnia, Münch u. a. — D i e D e n k m a l s ch m e l z e hat begonnen. Leere Sockel, die freilich manchmal monumentaler ohne die Figuren wirken, zeugen davon. In Berlin hat�die riesige Berolina, in Weimar der alte Wieland die gewohnte Stätte verlassen, um sich zu einem Dasein in neuer Form umgießen zu lassen.„Dauernder als Erz" kann man von unseren Denkmälern nun nicht mehr sagen.— Da» DutzendzeKg der Krieger- und Fürstendenkmäler scheint vorläufig noch unberrihrt zu bleiben. see gesessen und ins Wasser geschaut habe und dabei voll Sehnsucht an grosse Unendlichkeiten gedacht. Wie sie jetzt so gerne durch das raschelnde Herbstlaub gehe oder am Abend die wundervolle Mondlandschaft betrachte, da drüben an der großen Wiese, ausserhalb noch der Vorstadt. Ganz wunder- bar ist diese Mondlandschaft! Und wie sie die Musik so sehr gern habe. Den ganzen Tag möchte sie Musik hören. Sie spiele auch selbst Zither. Und das gebe ihr so viel inneres Gleichgewicht. Und da hatte sie einen Brief, den hatte er ihr gestern aus dem Felde geschickt. Er war ein braver Junge, der sie nicht bestehlen wollte. Sie gab ihn mir, und ich nahm ihn zögernd. Durste ich denn überhaupt? Und da stand mit guter Handschrift neben anderem auch dieses: „Ich kann dir jetzt nicht helfen in deiner schweren Not. Ich bin jetzt elf Tage im vordersten Graben gewesen, chabe jetzt vier Tage Ruhe und muß dann wieder acht Tage nach vorne. Du kannst dir denken, dass uns da nicht lustig zu- mute ist. Aber nun ist es doch wieder gut gegangen, und ich bin hier und denke an dich und an unser Kind. Tue nur viel Zither spielen und höre vir auch sonst Musik an. lind denke überhaupt nur Schönes und Gutes. Denn davon soll ein Kind ein gutes Gemüt bekommen und eine feine Seele. Und unser Kind soll eine feine Seele haben. Sei brav und bleibe nur treu, denn wenn nun ein Kind kommt, so will ich dich doch heiraten." Ich gab den Brief zurück. Und dachte an das Ver- borgene in einer Grossstadt-Vorstadt, in der so viele dumpfe Seelen leben und in der doch auch so blinkeblanke sind, wie diese beiden. Und dachte an den grossen Jungen draussen in der vor- bersten Linie an der Marne, der inmitten des grossen Völker- mordens an die werdende Seele dachte und an ihrem Werden mitwirkte. Und wünschte, daß solchen Menschen geHolsen werden könnte, daß sie aus dem geistigen Vorstadtleben zum geistigen Leben der Welt gelangen könnten. Und dann dachte ich an den vordersten Graben der Marne, wo sich Menschen mühen und Schrecken erleben, weil all unser geistiges Leben und unsere Kultur es nicht vermocht haben, ein solches Tun zu verhindern, Und doch! Es war ein Sonnentag, an dem ein Schleier sich hob und ich hinein sah in zwei Menschenseelen voller Musik._ Ordnung. Von Konstantin E r b e r g. Es war einmal eine schmutzige, verivahrloste Herberge, in der viele Leute lebten; kein Tag verging, an dem diese nicht miteinander Streit und Hader hatten. Und eines Tages kam ein Wesen daher, ein Mann, Herr Ordnung genannt, und ließ sich hier wohnlich nieder. Er war Kaufmann, ein Fremder und hatte scltsanie Gewohn- heiten. Allüberall nahm er ein Mass mit, sah auf alle und alles von oben herab und maß alles, was er auf seinem Wege fand. Er legte sein Mass an; was über sechzehn Werschock hinaus- ging, das feilte er ab und warf die überflüssigen Stücke fort. . Auch den �Leuten gegenüber benahm er sich seltsam; ver- �kehrte bloß mit den modisch gekleideten, geschniegelten und gebügelten; die anderen hätte er ebenfalls gerne abgeseilt und fortgetvorfen. Und jene Bewohner der Herberge, die sich zu ihm schlugen, wurden„ordentliche Leute" genannt. Und im Laufe der Zeit erlangte Herr Ordnung eine der- artige Macht in der Herberge, daß schliesslich ein jeder nach ihm geartet sein, seine Taten und Gefühle nach den seinen richten mußte. Nichts und niemand durfte das vorgeschriebene Mass überschreiten, weder Tische noch Stühle, weder Liebe noch Haß, noch Gott. Ruhe und Friede herrschte in der Herberge: ein schönes Leben. Wenn aber zufällig einer nicht ganz zustieden war (es etwa höchst langweilig fand), so tröstete er sich damit, daß wenigstens nichts die allgemeine Ruhe störe. Nun geschah es aber, dass einmal auf der Durchreise die Freiheit in diese Herberge gelangte;— sie hatte eine leichte Art, ihre Worte waren frei, ihre Gedanken kühn. Mit einem Wort, man merkte ihr sogleich an, dass sie nicht zu den ordentlichen Leuten gehört. Sic erschien, sah alles über die Achsel an und brach in Lachen aus. „Ach!"— schrie sie—„ich kann nicht mehr!"— und wälzte sich vor Lachen. „Oeffnet doch das Klappfensterchen und laßt frische Luft herein. Wer hat euch so eingeschlossen? Bringt mir doch rasch diesen Idioten her!" Herr Ordnung lag unterdessen mit seinem Maß auf dem Bett/war nicht tot, nicht lebendig. Mit Mühe brachten sie ihn aus seiner Kammer. Er dachte bei sich:„DieS bedeutet, dass eine neue Zeit kommt. Früher lief mir die ganze Herberge nach, nun aber muß ich vors Gericht." Man brachte ihn zur Freiheit, diese begann zu lachen. „Ach du!"— sagte sie,„du Ordnung, du Ucbcrordnuug! Alles hast du eingeschlossen, hast dich selbst und den Himmel vergessen. Ich werde dich gleich nach deiner- Art in Ordnung bringen... Dich nach deinem eigenen Mass messen." Sie ldzic an Herrn Ordnung das Mass an und schnitt ab, W«S ihr überflüssig schien und warf es weit fort. Und es blieben von der ganzen Ordnung bloß die Ab- sähe übrig. Als die Bewohner der Herberge dies sahen und das schallende Lachen der Freiheit vernahmen und ihre kühneu Worte, erlangten sie urplötzlich alles, was ihnen fehlte, in ihren Herzen flammten gewaltig menschliche Liebe und menschlicher Haß auf und sie erkannten in der Freiheit ihren Gott.(Aus dem Rujfifchen von H. z u r Mühlen.