35. Jahrgang. ♦ Nr. Z5 Beilage zum �vorwärts" berliner Volksblatt Serlm, 15. September 191 S Eugens. Ach, unsre Juxend scheint uns wie ein See, der kaum das erste Morgenrot gespiegelt, von schwär»!» Wetterwolken überflügelt Trubwcllen treibt: der Menschheit großes Weh. Den grünen Wipfel, der»um Licht gestrebt, hat längst der Sturmwind bodenzu gebogen: der Aogcl Sehnsucht, de? ihn überflogen, klagt um die Freude, die uns nicht mehr lebt. Wir sind wie Gras, von Heister Luft verbrannt, uns ist der Erde Bitterkeit gegeben, der Zwang,»u fein und dennoch nicht zu leben... der Zukunft tief und unlösbar verwandt. Wir find die Saat, die aus den Furchen springt, bald steht das Feld voll feuerwilder Blumen. Bald weht ihr Duft au» allen Ackerkrumen. die Frevel einst mit Menschenblul gedüngt. Wir sind das Meer, da» sich zu Tale bäumt— die Wälder und die Berge werden lauschen. wenn einmal unsre Schäpserflulcn rauschen, von Weitgeburt, die unsre Seele träumt! ____« r t u r Z i ck I e r. was will Wilson? Von Adolf Werner. Don der Parteien Hast und Gunst verwirrt, schwankt daS Vild des amerikanischen Präsidenten im Urteil der Gegenwart: Von den Einen als Pazifist, alS Vorkämpfer einer internatio- nalen Äcltordmmg gefeiert, von den Andern als gerissener Denngoge und skrupelloser GcschäftSanwalt verflucht. Wilson ist der Diktator der stärksten Macht unter den Feinden Deutschlands. Ihre wirtschaftlichen Kampfmittel sind ungeheuer, die militärischen werden mit ungeahnter Energie entu klelt. Die Kriegs- und Friedenspolitik Deutschlands ist in hohem Grad mitbestimmt, wenn nicht geradezu abhängig von deni, waS der Führer der stärksten Feindcsmacht will. Darum ist der Versuch M. I. Bonns, eine Analyse der Wilsonschen Politik zu geben, sehr dankenswert.') Zum erstenmal in der Geschichte sind die Vereinigten Staaten als Welt macht aufgetreten. Bis Kriegsausbruch warm sie mit ihrer eigenen Politik und der Erschließung ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten voll beschäftigt, wenn sich auch be- rcits seit etwa zwei Jahrzehnten ein aggressiver Aug verriet, dosten Träger die Republikaner unter MacKinley und Roosevelt waren, und der im Kriege mit Spanien, dem Raub der Panamaenge, und einem rücksichtslosen Protektionismus ihren äußeren Ausdruck fand. Aber diese Strömungen hatten noch *) M. I. Bonn:»Was will Wilson?" Münster bei Georg Müller. nicht Oberwasser, die imperialistischen Kernsprüche waren noch nicht unbestritten. Mit Wilson kamen die Demokraten ans Ruder, die die Schutzzollmauer abbauten, den Pazifismus zur Staatsmaxime erhoben, Schiedsgerichtsvorträge schlössen und— was mehr gilt— ein praktisches Beispiel ihrer fr.ed- lichen Gesinnung gaben, indem sie während des Konflikts mit Mexiko eine Intervention vermieden. Präsident Wilson ist der Führer einer Partei, die geradezu den Spruch zu ihrem Leit- gedanken erkoren zu haben schien:„Bleibe im Lande und nähre dich redlich!" Sie war damit die Bewahreritt der alten ameri- kanischen Politik, die in der Isolierung von den europäischen Händeln die Sicherung der eigenen Entwicklung erblickte. Von dieser historischen Tatsache muß jede Darstellung aus- gehen, die Wilsons Ziele skizzieren und der Wahrheit ohne pole- mische Seitengedanken dienen will. ES ist daher auch falsch, wenn nicht lächerlich, hinter Wilsons Politik jämmerliche oder kleinliche Motive zu suchen. So die groteske Idee, Wilson, der Sohn einer englischen Mutter, empfände aar nicht ancerikanisch, sondern englisch und mißbrauche eigentlich seine Präsidentschaft zu einem Verrat an den Vereinigten Staaten zugunsten Eng- lands: oder gar die kühne Behauptung, Wilson habe den amerikanischen Schutzzoll nur deshalb ermäßigt, um die stagnie- rende Wirtschaft seines lieben Englands zu fördern; und endlich das oft wiederholte Diktum.Wilson habe den Krieg nur im In- tercsse der amerikanischen Lieferanten Englands und zur Sichc- rung ihrer Außenstände unternommen. Man mag Wilson für einen sehr dummen Menschen halten, aber für so dumm kann er doch wohl nicht angesehen werden, daß er schlechtem Gelde gutes nachwirft, daß er um die lumpigen paar Milliarden ungedeckter amerikanischer Außenstände in den Ententeländern zu retten, eine zehnmal größere Kriegsschuld kontrahiert, die Wirt- schaftlichen Vorteile der Neutralität leichtsinnig aus der Hand gibt, Millionen Amerikaner dem Kasernenzwang unterwirft und dem Tode aussetzt. Die kapitalistische Versippnng mit den Ententeländern mag die Agitation für den Krieg gefördert haben, zur Kriegserklärung zu führen, war sie zu schwach. Was also hat den Präsidenten in den Krieg getrieben und auf seine ehrenvolle Rolle als FriedenSverimttler verzichten lassen? Die Gefährdung der neutralen Schiffahrt durch den U-Boot-Krieg, der unglückliche Licbeshandel des Staatssekretärs Ziminermann mit dem mexikanischen Präsidenten und schließlich die Furcht vor einem Siege des„preußischen Militarismus", der auch die Vereinigten Staaten in das Joch des Wettrüstens zwingen wurde! Ja. so antworten die Zweifler an Wilsons Ehrlichkeit, hat Deutschland zuerst die neutrale Schiffahrt lalnu gelegt? Oder ist es nicht England gewesen, das zum Hohn gegen alles moderne Rechtsempfinden die brutalsten Sätze seiner alten See- volizei neu zu Geltung brachte und den Hungerkrieg gegen Deutschlands Frauen und Kinder eröffnete? Und hat nicht Präsident Wilson dazu fein säuberlich geschwiegen, oder wenig- stens nichts Rechtschaffendes unternommen? Präsident Wilson hat sich in der Tat zu allgemeiner Enttäuschung und Erbitte- rung in Deutschland mit einem kraft- und saftlosen Protest begnügt, Englands Blockadeministern aber praktisch freie Hand gelassen. Bonn weiß diesen Widerspruch mit einer sehr präzisen Formel zu lösen: „So einfach liegen indes die Dinge nicht. Amerika hat keine Schritte getan, um die Freiheit der Meere zu erzwingen, weil eS keine Maßnahmen ergriffen hatte, um die Verlehung der belgischen! Ncntralität zu verhindern. Immer und immer wieder ist den Amerikanern betont worden, daß man unmöglich wegen der Bcr- letzung einiger Handclsinteressen politische Schritte tun dürfe, nachdem man solche unterlassen habe, alS die Neutralität Belgiens auf dem Spiele gestanden sct.. Tie belgische Frage ist von so beherrschender Wichtig- keit, weil sie als Probe gilt, ob internationale Verträge, auf�die gerade die Demokraten in den Vereinigten Staaten ihre Politik gebaut hatten, gehalten werden und ihre Verletzung unter Strafe steht: Ein derartiges System(von internationalen Verträgen) ist aber nur gesichert, wenn die Grundlage, auf der es steht, der inter- nationale Vertrag, heilig ist. Solange die Auffassung besteht, intcr- nationale Verträge könnten einseitig aufgehoben werden, solange hängt der Völkerbund in der Luft. Die Lösung der belgischen Frage ist daher für die Neuordnung der Welt von bestimmender Bedeu- iung. Wenn Teutschland nicht durch Wiedergutmachung der begangenen Vertragsverletzung zeige, daß«S die Absicht habe, zur Vertragstreue zurückzukehren, sei aus seine Teilnahme an einem Völkerbunde nicht zu rechnen. Es bat nach der naiven amerikani- sehen Auffassung den Vertragsbruch in die Welt gebracht; es muß ihn wieder ungeschehen machen, wenn es der Völkerliga beitreten will Solange eS als Sicherheit gegen einen englischen Aufmarsch in Belgien noch besondere teeeitoriole Abmachungen suche, solange zeige es selbst, daß es an den Bestnud einer besseren Ordnung nicht glaube. Und solange derjenige Staat, der als Erster das internationale Recht gebrochen habe und immer wieder den Nachweis zu sühren suche, daß er dazu ein Recht gehabt habe, einer reinlichen Lösung der belgischen Frage widerstrebe, solange sei der Glaube au die Heiligkeit der Verträge nicht wiederhergestellt.... Tie deutsche Kritik an Wilson scheint deshalb von falschen Voratissetzungen auszugehen, indem sie ihn recht primitiv als Bösewicht abmalt. Das Zeugnis einer solchen Äufsassung war eine vor kurzem erschienene Karikatur der„Berliner illustrier- teil Zeitung", die den amerikanischen Präsidenten als Talmi- Gentleman darstellt, den Dolch in der Hand, um den ahnungslos daher schwebenden Friedensengel abzustechen. Das Schlimmste, das von solchen Produktionen gesagt werden kann, ist, daß sie das Entzücken der Urtetlslosen im eigenen Land und das Aergernis aller Urteilsfähigen bei Freund und Feind ist. Es ist nicht nötig zu lügen, um Wilson zu kritisieren! Viel wirksamer ist ein Vergleich zwischen seinen angestrebten Zielen und den wirklichen Folgen seiner Methoden. Er will den Völkerfrieden, die Achtung jeder nationalen Individualität, die Freiheit der Meere, Teilnahme aller Völker zu billigen Bedin- gungen an den wirtschaftlichen Erwerbsmöglichkciten der Welt, selbstverständlich unter Einschluß des deutschen Volkes, wenn es mit Gleichberechtigung zufrieden ist und nicht die Vorherrschaft erstrebt. Tatsächlich hat aber Wilson, der Demokrat und Pazifist, der so standhaft allen mexikanischen Versuchen widerstrebte, die imperia- listischen Instinkte seines Volkes geweckt und zu hellen Flammen angeblasen. Schon interpretiert L o d g e, der Vorsitzende des Senatausschusses für auswärtige Angelegenheiten, die Wilson- schen Kriegsziele in einer Weise, daß sich die schlimmsten fran- fischen Chauvinisten vor Entzücken nicht zu fassen vermögen. Wilson selbst, der die Einmischung in die innere Politik der Der Seeigel. Von Erich Kuttner. Tief im Innern eines Kreidefelsens lag, wenige Kilo- ineter hinter der Front, die gewaltige Höhle, in der der Feldherr der großen Armee arbeitete. Abgeschnitten von allen Geräuschen der Welt und gleichzeitig durch hundert Meter dicke Felsenschichten gegen die Einschläge auch der schwersten Ar- tillerie gedeckt, grübelte er hier Tag und Nacht über Land- karten und Berichten und entwarf jene gewaltigen Pläne, deren Ausführung jedesmal die Welt in Erstaunen und die Gegner in Schrecken setzte. Der größte Teil des unregelmäßi- gen Raumes war in Finsternis gehüllt, nur über dem mit Karten bedeckten Tisch verbreitete eine Glühlampe helles Licht. Ein einziger, schnurgerade durch den Fels gehauener Gang führte zum Tageslicht, und die Ordonnanz, die jetzt die Höhle verließ, erschien wie ein Insekt, das durch einen Gewehrlauf krabbelt. Als die Schritte verhall! waren, herrschte Totenstille. Ab und zu tickte ein herabfallender Tropfen. Der große Feldherr aber saß unbeweglich und der Blick des kantigen Gesichts, aus dem noch niemand eine Gefühlsregung hatte herauslesen können,- haftete minutenlang auf dem Schreiben, das ihm soeben über- geben worden war. Keine Falte verzog sich in dieser hart- gemeißelten Maske, nur ein ganz feines Vibrieren der Nasen- flüget kündete, daß in den Zügen Leben war. Tcr Brief war ein persönliches Handschreiben des Mon- archen. Der König machte seinein Oberbefehlshaber eine fol- gmichwere und bochbedeutsame Eröffnung: Die Feinde hatten den Frieden angeboten. Das Angebot war über alle Erwar- tungen günstig.' Nur in einem Punkte hatte man Bedenken: Ter Feind forderte unbedingt die vollkommene Räumung des jetzt von der eigenen Armee besetzten Teils seines Gebietes. Jin Ministerrat waren die Ansichten hierüber geteilt gewesen, jwd es war zu heftigen Zusammenstößen gekommen. Der König verlangte den Rat und die Meinung seines ruhmgekrönten Fcldberrn zu hören. Einen Augenblick schien es, als ob die zusammengepreßten Lippen sich ganz wenig nach unten verzogen. Ein Lächeln ivar über das hagere Gesicht gehuscht, ein Lächeln, vor dem man sich fürchten konnte. Gab eS denn hier noch Rat und Meinung? Er, der Feldherr, hatte seit dem ersten Kriegstage nur einen Gedanken gehabt. Er wußte bereits, als er den ersten Marsch- befehl unterzeichnete, daß es nur ein Ziel gab: die Besetzung dieses Landstreifens. Diese Höhenzüge mit ihren tiefeinge- schnittenen, verschluchteten Tälscharten, sie waren die natürliche Burg, die der Herrgott selbst wie zum Schutze deS Vaterlandes aufgerichtet hatte. Nur kurzsichtige frühere Geschlechter konnten dies übersehen, und gerade diese Gebietsteile beim letzten Frie- denSschluß dem Feind gegen wertlose Kompensationen überlassen. Ob je das Geschick noch zum zweiten Male dem Lande diesen Schutzwall in die Faust geben würde? Man durfte es nicht zum Ztoeitenmal herausfordern. Noch Kinder und Kindes- kinder sollten, durch das eroberte Land geschützt, ungestört in Frieden leben, sein Besitz sollte die Gewähr bieten, daß in Ewig- keit der Feind keinen Angriff niehr wagen würde. Der General ergriff den Sprechtrichter des neben ihm stehenden Parlographen und diktierte mit einer Stimme hinein. der niemand irgendeine Erregung hätte anmerken können:„Das Land, das mit dem Blute von Hundertwusend unserer besten Söhne erkauft worden ist, darf nicht wieder herausgegeben wer- den, es niuß mit dem Vaterland verbunden bleiben vis in alle Ewigkeit." Er wiederholte noch einmal die letzten Worte:„Bis in alle Ewigkeit." Dann beugte er sich wieder über die Karte und fuhr fort, das Projekt des nächsten großen Angriffs auszuarbeiten. Er rechnete:„Der Angriff an dieser Stelle kann ups bis zehn- tausend Tote kosten. Aber wenn die Artillerie leistet, was ich erwarte, und der Flankenangriff von Höhe 45G gelingt, so hat der Feind die doppelte Einbuße, und außerdem verliert er die für ihn sehr vorteilhafte Stellung längs des Flußrandes. Unser Angriff muß am ersten Tage durchstoßen bis...", und er setzte die Zirkelspitze auf der Karte ein. Er stutzte. Ein heftiger Schlag traf seine.Hand, wie von einem kleinen Hammer geführt, sodaß der Zirkel fiel und die Spitze abbrach. Im nächsten Augenblick war sich der Feld- Herr über die Ursache im klaren: Von der Decke des Gewölbes hatte sich ein Stein gelöst. Das kam öfter vor. Mit einer Handbewegung wollte der Feldherr den Klumpen von der Karte entfernen, aber plötzlich hielt er inne, nahm den Stein in die Hand und betrachtete ihn aufmerksam von allen Seiten. Der Stein hatte eine seltsam regelmäßige Gestalt, er glich etwa einem Spielkreisel, wie ihn die Kinder tanzen lassen. Von der kreisrunden Grundfläche nach der Spitze aber liefen in gleichen Abständen punktierte Doppellinien, die ihn in fünf Keile zerlegten. Ein paar Sekunden dachte der General über diese seltsame Erscheinung nach. Dann brach eine Erinnerung sich � in ihm bahn: Was er hier in der Hand hielt, war eine Versteinerung, ein Seeigel. Kein Wunder, denn die Höhle lag ja mitten in der Kreide, also war hier früher einmal Meer gewesen. Und nun geschah das Seltsame: Ter Feldherr, den noch niemand hatte erschrecken sehen, der keine Miene verzog, wenn von der Kampffront die kritischsten Nachrichten einliefen, fuhr niit der Hand nach der Brust, als habe ihm jemand niit einer Nadel durchs Herz gestochen. Ihm war zumute, wie einem Menschen, der plötzlich den Boden verliert und in die Tiefe stürzt, und tatsächlich mußte er gestürzt sein, denn er wurde sich be- wüßt, daß er auf seinem Stuhle saß, während er bis dahin gestanden hatte. Hier war das Meer.--- Er versuchte sich zu erheben, seine Gedanken wieder aus den Schlachtolan zu konzentrieren, aber es gelang ihm� nicht, Er horte, wie die Wassertropsen von der Decke herabtickten: Hier— war— das— Meer. Mechanisch verschloß er die Ohren, indem er sie mit den Händen bedeckte. i Aber nun war es sein eigenes Blut, das durch die Schläfen tickte und pochte: „Hier— war— das— Meer...." Das Meer— was wollte es hier? Dieser Punkt lag zweihundert, nein, fast dreihundert Kilometer von der nach- sten Küste entfernt. Die durchschnittliche Höhe der Kreide- felsen betrug drei- bis fünfhundert Meter. Diese Höhle lag 3Yst Meter über dein Nullpunkt. Und trotzdem: Hier war das Meer----- Freilich, das war vielleicht länger her, als es Menschen gibt. Aber was war, kommt wieder. Ja, es stand zum Er- schrecken deutlich vor ihm: einstmals würde das Meer wieder- kommen und hole, was ihm gehört hatte. Hunderttausend Mann hatte er geopfert, hunderttausend Frauen zu Witwcrt werden lassen, hunderttausend Mütter ihrer Söhne beraubt, um dieses Land zu erobern. Gegen wen? Gegen jenes Nachbarvolk, das noch. nickt einmal die Spitze irgendeines Berges abgetragen hätte! Und nunIwo er es in der Hand hielt, kam plötzlich ein ganz anderer Gegner und machte ihm das Land streitig, das er auf ewig mit dem Vaterlande zrx fricgfüfjrenbcn Staaten atZ einen kriegsverlängernden Faktor erkannt hat. sah sich dnrch die Znxingsläufigkeit der Kriegstat- lachen zur Beteiligung an der sibirischen„Aktion" und zur An- crkennung der Tschechoslowaken veranlaßt. Er muß jetzt am e-genen Leibe erfahren, daß der Pazifist immer das Spiel ver- liert, wenn er den Krieg durch den Krieg aus der Welt schaffen will. Sein ehemaliger Staatssekretär Bryan, der starre Wider- sacher der Kriegserklärimg, war der Klügere. M? öie �nternatio�QZe öss mensthlichen Geistes» Von Romain Rollan d.") Wenn es Menschen gibt, denen Bescheidenheit zukommt, so sind es die Intellektuellen. Sie laben ein schreckliches Amt in diesem 5i.riche gehabt; man wird es ihnen nicht verzeihen können. Nicht allein daß sie nichts getan haben, um die wechselseitige Verständnis- losigkeit zu mindern und dem Haß Grenzen zu setzen, haben sie noch — abgesehen von wenigen Ausnahmen— alles getan, um ihn zu verbreiten und aufzureizen. Tiefer Krieg ist zum Teil ihr Krieg gewesen. Sie haben mit ihren mörderischen Begrisfslebren Tausende von Gehirnen vergiftet. Mit softem Willen, hochmütig, unversöhn- lieh, haben sie Millsomn junger Leben dem Siegeszug ihrer Geistes- Phantasien geovfert. Die Geschichte wird das nie vergehen. Gerard Gran, der hervorragend? norwegische Schriftsteller, fürchtet, daß noch nach Iahren ein persönliches Zusammenwirken zwischen Intellektuellen der kriegführenden Länder kaum möglich sein wird. Soweit es sich um die Fünfzigjährigen handelt und die Generation, die hinter der Front in den Akademien, den Uni- versiläten und den Ncdaktionssälen den Krieg in Worten führt, so glaub: ich. täuscht sich Gerard Gran nicht. Es ist wenig wahrschein- ilch, daß sich diese Intellektuellen einander wieder nähern. Ich würde sogar sagen, daß nicht einer da ist— wenn ich nicht die er- staunliche Fähigkeit des menschlichen Gehirns, zu vergessen, kennte, jene wohltätig« und heilsame Schwäche, die zwar keinen Reiz übt, die aber dazu nützt, das Dasein fortzuführen. In di.sem Falle wird das Vergessen schwer sein. Die Intellektuellen haben selbst ihre Schiffe hinter sich verbrannt. Zu Anfaug des Krieges konnte man noch hoffen, daß ein Teil derer, die in den ersten Tagen von blin- den Leidenschaften verwirrt waren, ihre Fehler aufrichtig bekennen würden. Sie haben eS nicht gewollt. Weder von der einen noch von der anderen Seite hat jemand nachgegeben. Im Gegenteil: Je mehr sich die schrecklickwn Folgen für�die europäische Bevölkerung entwickeln, um so mehr tun die, die über diese Zivilisation wachen und auf sich selbst einen Teil der Vcrant- wortlichkeit dafür lasten fühlen, alles, um in ihrer Verblendung weiter zu vernichten, anstatt den Fehler zu erkennen und sich zu- rückzuhaltcn. Wie läßt sich also hoffen, daß bei Kriegsende, wenn alle seine Schrecken geprüft worden sind, der intellektuelle Stolz sich entscheiden könnte, zu sagen:„Habe ich mich geirrt?" Das wäre zu viel verlangt. Diese Generation ist, fürchte ich, dazu verdammt, ihre Krankheit des Geistes und der Hartnäckigkeit bis in die Tiefe hinter sich hcrzuschlcppen. Von dsseser Seite her ist wenig Hoffnung; es bleibt nichts anderes übrig, als das Ende abzuwarten. Wer davon träumt, die Beziehungen zwischen den Völkern wieder anzuknüpfen, muß seine Hofsnungen der späteren Generation zuwenden: der, die in den Schützengräben blutet. Könnte sie er« halten bleiben! Schon zu sehr ist sie durch den Krieg gelichtet worden. Sie wäre in Gefahr, völlig vernichtet zu werdem wenn sich der Krieg hinzieht und weiter ausbreitet, was möglich ist— denn möglich ist alles! Die Menschheit befindet sich am Sche-ideweg wie Herkules; und eine der Siraßen, vor der sie zögert, führt iwenn Asien in das Spiel eintritt und wenn der Charakter der grausamen Zerstörung noch gewaltiger wird), diese eine Straße führt zum europäischen Harikiri. Aber in diesem Augenblick haben wir noch das Recht, zu hoffen, daß die Jugend Europas, die in den Schützengräben liegt, den Krieg überleben wird, um ihre Aufgabe nachher zu erfüllen. Ich kenne in beiden Gebieten zahlreiche unabhängige Geister, die beim Frie- densschluß diese Vcrstandesgcmcinschaft verwirklichen wollen. Aus- geschlossen bleiben bis jetzt nur jene, die, sei es in ihrem oder im feindlichen Lager, den Gedanken zum Werkzeug des Hasses ent- würdigt haben. Wenn ich an diese jungen Leute denke, habe ich die feste Ueberzeugung, daß sich die Geister aller Länder nach dem *) Wir entnehmen diesen Artikel des bekannten französischen Vorkämpfers einer Jntornationals des Geistes dem italienischen Parteiblatt„Avanti". Verbinden gedarbt hatte. Ein Gegrier, der nicht mit Kanonen und Gewehren kämpfte, sondern mit nichts als Millionen sol- chcr kleinen Tropfen, wie sie hier von der Tecke tickten. Ein Gegner, der mit einer unheimlichen, unfaßbaren Gewalt ar- dv'tete, gegen die alle Feuerschlünde der Welt machtlos waren. Wieder schrak er zusammen. Er borte plötzlich eine Stimme neben sich reden. Ohne es zu wissen, hatte er einen .Knopf des Parlographen berührt, die Walze drehte sich und gab seine eigenen Worte wieder. „Das Land, das mit dem Blute von hunderttausend un- serer besten Söhne erkauft worden ist, darf nicht wieder her- ausgegeben werden, es muß mit dem Baterlande verbunden bleiben bis in alle Ewigkeit, bis in alle Ewigkeit.._ Der Feldherr wollte lachen. Aber das Lachen würgte sich als ein Röcheln durch seine Kehle. Was war das: in alle Ewigkeit. Er sah das Wasser durch die Schluchten fluten, die Berge als Inseln über die Fläche ragen, sah die Inseln immer niedriger und kleiner werden, bis schließlich der blanke Spiegel eines unendlichen Meeres alles deckte. Und mitten in diesem Meere schwammen Seeigel, Seeigel von abenteuer- sicher Größe und Zahl, Schwärme von Seeigeln da, wo tief unten die Gebeine von hunderttausend seiner besten Soldaten ruhten. Es war ihm, als müßte er gegen die Ungeheuer an- kämpfen, die überall aus dem Schatten hervorbrachen, die ihre Stacheln gegen ihn ausreckten und mit ihrem Geflecht alles zu verfinstern drohten. Er stand auf, machte eine heftige Beweguna und faßte sich im letzten Augenblick. Bor ihm stand ein junger Offizier, aufgerichtet in strammer Galtung, und meldete, in geschäftsmäßigem Tone:„Gehorsamst, daß die 53. Division soeben zum Ausheben der befohlenen Schützengräben ausgerückt ist. Da geschah etwas, was der junge Leutnant noch nie erlebt hatte in den Jahren, in denen er das Amt eines persönlichen Adjutanten seines Fcldherrn bekleidete: Der General war geistesabwesend. Seine messerscharfen Züge, die der Leutnant oft im Stillen den funkelnden Kanten eines Brillanten verglichen hatte, schienen müde, welk und alt, und mit ganz fremder Stimme flüsterte er:„Keine Gräben,— sie sollen Dämme bauen." Und da der junge Offizier ihn fassungslos anblickte, wieder- holte er ein paarmal:„Dämme, Dämme— gegen das Meer." Als der Adjutant durch den langen Tunnel die Höhle ver- ließ, war er fest überzeugt, daß sein Cbef überarbeitet sei, und sann darüber nach, wie er ihn veranlassen könnte, sich einige Tage Erholung zu gönnen. Aber es kam nicht mehr dazu. Denn am nächsten Tage toube der Waffenstillstand geschlossen, dem der Frieden folgte. Kriege weit besser verstehen werden als früher: Die Völker, die gar nichts voneinander wußten oder sich nicht anders als durch verächt- liche Karikaturen sahen, haben seit vier Jahren im Schützengraben- schlämm, vom Tode umklammert, gelernt, daß sie vom selben leiden- den Fleische sind. Die Erfahrung ist für alle die gleiche; sie verbrüdern sich in dieser gemeinsamen Erfahrung Und daZ ist nicht alles. Denn wenn man sich vorzustellen sucht, welches nach dem Kriege die Ver- äuderungen der Beziehungen zwischen den Nationen sein werden, so bedenkt mern nicht genug, daß nach dem Kriege neue Umkehrun- gen kommen werden, die das Dasein der Nationen selbst verändern können. Wieviel Elend auch immer das unmittelbare Ergebnis mit sich bringen mag, das Vorbild des neuen Nußlands wird für die anderen Völker nicht verloren sein. In der Seele der Völker wird eine tiefe Einheit erstehen— wie riesenhafte Wurzeln sich unter der Erde ausbreiten, obne auf die Grenzen zu achten. Was die Intellektuellen angeht, die, vom Volke getrennt, nicht unmittelbar von diesem sozialen Ungestüm betroffen werden, so werden sie ihn aus Verständnis und Sympathie dulden. Trotz des seit vier Jahren angewendeten Systems, jeden Kon- takt zwischen den Schriftstellern beider Parteien abzuschneiden, weiß ich, daß am FriedenSmorgen auf beiden Gebieten internationale Nachprüfungs- und Aufrufsstellen erstehen werden. Mir ist manch einer von diesen Plänen bekannt, deren Urheber(gerade die scharf- sinnigsten Geister) junge Schriftsteller, Soldaten an der Front sind. Meine Generation ist so weit, unseren jüngeren Brüdern unum- schränkten Beistand zu leisten. Wir glauben dabei nicht allein die Sache der Menschlichkeit, sondern auch die unserer eigenen Länder wirksamer zu fördern, als es die schlechten Ratgeber tun, die ihnen bewaffnete Isolierung predigen. Das Land, das sich heute in sich selbst verschließt, ist zum Sterben verdammt. Die Zeit wird ver- gehen, in dor die jungen ungestümen Kräfte Europas es nötig haben, sich hinter Stacheldrähtcn einzuschließen, um sich zu entwickeln. Es sei mir erlaubt, an einige Worte von Johann Christoph(dem Hel- den in Romain Rollands gleichnamigem gewaltigen Roman) zu erinnern: „Ich fürchte den heutigen Nationalismus nicht. Er wird mit der Stunde vorschwinden, er geht vorbei, er ist vorüber. Er ist eine Stufe der Leiter... Jedes Volk Europas fühlt«(vor dem Krieg) die gebieterische Notwendigkeit, seine Kräfte zu vereinigen und zu wägen. Seit einem Jahrhundert haben sich unter dc-r Last deS Wissens und der Kenntnisse alle Begriffe verschoben, Moral, Wissen- scherst, Glaube mußten neu aufgebaut werden. Jeder mußte sein Gewissen prüfen und sich genau bewußt werden, wer er sei, bevor er mit den anderen in ein neues Zeitalter träte. ES kommt eine neue Zeit. Tie Menschbeit unterzeichnet einen neuen Vertrag mit dem Leben. Die Gesellschaft ersteht unter anderen Gesetzen. Mor- gen ist Sonntag; jeder macht seinen Wochenabschluß, jeder putzt seine Wohnung und will sein Haus rein haben, bevor er sich mit den anderen vor dem gemeinsamen Gott vereinigt, um mit ihm den neuen Bund zu schließen." Der Krieg wird(selllbst gegen unseren Willen) der Amboß sein, auf dem die Einheit der europäischen Seele geschmiedet wird. Ich wünfchte, daß diese VerstandeSgemeinschaft nicht auf die europäische Halbinsel begrenzt bleibe, sondern sich auf Asien aus- breite, auf Nord- und Südamerika und alle großen Inseln der Zivilisation, die über die Erdkugel verstreut sind. Es ist wahrhaft lächerlich, daß sich die Völker des europäischen Westens bemühen, zwischen sich so tiefe Abstände zu entdecken, zu derselben Stunde, in der eines dem anderen in seinen Eigenschaften und seinen Fehlern ähnelt wie nie vorher, zu derselben Zeit, in der ihre Gedanken und ihre Literatur so wenig Eharakteranterschicde zeigen, in der sich eine monotone Gleichmäßigkeit der Ansichten und der unschlüssigen, verbrauchten, ermüdeten Menschen zeigt. Ich wage zu behaupten, daß alle Intellektuellen zusammengeschüttet nicht genügen würden. um uns die Hoffnung auf ein Wiederaufleben des Geistes zu geben, auf das die Erde nach den furchtbaren Erschütterungen ein Recht hat. Man muß bis nach Rußland geben— diesem großen offenen Tore zur orientalischen Welt—. um den frischen Luftzug auf allen Feldern der Gedanken zu verspüren. Wir sollten den Begriff der Menschlichkeit erweitern, der unfern Vätern teuer war. In allen Zeiten haben die Staaten, die Uni- versitäten, die Akademien, alle bedachtsamen Kräfte des Geistes ver- sucht, daraus einen Deich gegen den Ansturm der neuen Seele in der Philosophie, der Moral und der Acsthetik aufzurichten. Der Deich wankt. Die Grundsteine einer bevorzugten Zivili- sation sind jetzt zertrümmert. Wir müssen heute die Menschlichkeit in ihrer ganzen Bedeutung nehmen, die alle geistigen Kräfte der ganzen Welt umfaßt: Allmenschlichkeitl Die tzanö öes Arbeiters. Von B e l a Revesz. Wie ergreifend ist es, des Arbeiters Handschlag zu fühlen. Mit welch anderem Gefühl nimmt dein« nicht arbeitentwöhnte, aber dennoch weiche, glatte Hand des Arbeiters Hand. Du kennst deS leutseliyen, offenen Menschen Händedruck; kennst die kühle, kurze Berührung, wenn des dünkelhaft Hoffärtigen Finger über deine Hand gleit«:; du schauderst zusammen und fühlst dich«inen Augenblick lang als nichtiger Mensch, wenn deines Stebenmenschen mattgrcifende Hand in deine Faust sinkt; du kennst den Handschlag der Frau, wenn sie mit ihren schlanken Fingern, dem zweiten, dem fünften, dem dritten deine Hand nimmt, mit tändelnder Langsam- keit ihr Tal, ihren Hügel bedeckt; des Arbeiters Handschlag ist anders. In deiner weichen, glatten Hand des Arbeiters Hand; schlicht, ruhig ist ihre Berührung, sonder Schmeichelei und Nebengedanke, gelassen liegt sie in deiner Hand, und du umklammerst den Hand- rücken, wie wir uns in unserem haschenden Leben der Sicherheit freuen. Erfaßt du das Gefühl, was es ist, was du da empfindest? wie dich leise Auftegnng durchzittert? denn darüber dir Rech- nung zu geben, vermagst du ja nicht, weißt nicht, was von der Hand des Arbeiters ausgehend auf deine Instinkte übergreift? Die erbeben bloß, eine warme Brise rüttelt sie aus ihrer schlummern- den Unwillkürlichkeit, und dein Geist, deine Phantasie schwellen vor nicht"erblühten Ahnungen. Erkenne doch dieses Gefühl... in deiner fremden Hand ruht die Hand des Arbeiters, ruht friedlich in der Tiefe dein« Hand und wie du sie so hältst, umklammerst, empfindest du, die? ist nicht der Handschlag, den du gelernt; es hat sich ein Gedanke in dir fest- gebissen und. du empfindest im Augenblick des Handschlages klar: diese feste, wortlose Hand wächst aus dem Gelenk, vom knochigen, harten Gelenk siihrt der Weg zu den eisenbrcchenden Armen, über den eisenbrechenden Armen sitzen die entschlossenen Schultern, unter denen ein stählerner Körper atmet; wenn du des Arbeiters Hand berührst, füblst du den ganzen Menschen... in einem Klumpen, einem Stück, und in deiner glatten, bewegten Hand, spricht der Gedanke weiter... Des Arbeiters schwielige, wundmalige, heilige Hand ruht zwischen deinen Fingern und du fühlst: diese unförmliche große Hand schwingt den Hammer, hebt den Kran, heizt den Schmelzofen... Fühlst in der Hand seine Arme: diese Arme zertrümmern Erze, schleppen die Mühsal, schmieden Lokomotiven, treiben Paläste gen Himmel... In deiner Hand wühlt der Gedanke und derweil du des Ar- bciters Hand hältst, fühlst du seinen Nacken: hier flutet Schweiß, hier rötet sich der Anstrengung Delirium, hier keucht das aufpeitschende, das aufzehrende Lebe»>,, i_. Tu fühlst seine Brust: dies ist der Blasebalg, der aus Quarz Glas macht, die? ist der Block, der im Toben der Flammen abzuwarten vermag, daß vorerst das Eisen schmelze... Wenn du des Arbeiters Hand umfängst, es ist dies ein andersgearteter Handschlag und durch deine Hand bebt der gc- klärte Gedanke; durch deine verängstete, glatte Hand grüßt dich stumm, beschwingt die Arbeit. Ich liebe die Hand des Arbeiters. Hatte einmal mit den Händen des Arbeiters eine erschütternde Begegnung. Ich nahm an einem Sommernachmittag an einer Arbeiterber- sammlung teil. Es wurde abend, die im Hofe versammelte Menge wurde zur Abstimmung aufgefordert. Das Dickickt geriet in Be- wegung, die Schatten hatten bereits die Kanten, Schärfen des Hofes abgebogen, im nebeligen Kessel rumorten die vielen Menschen. Tie kleinen Zwischenräume waren verwischt und die eifrige, lodernde Menge zu einem einzigen gewaltigen Körper geworden. Aus dem tiefen Braun erhoben sich Arme, als zeigten sich eines unsichtbaren Baumes ungeheure Aeste, an der Spitze wuchtiger Aeste tauchten Hände auf, ähnlich jungen Zweigen, die ein Orkan umbraust; von der schwarzen Erde bis zum Himmelssaum empor, wo unheilvolle Sterne funkeln, dunkelte die düstere Laubkrone allein, Raum, wo sonst Menschen leben, füllte bloß die Fruchtbarkeit, und meine Seekr rannte: Der Baum des Lebens... (Ber. Uebertragung aus dem Ungarischen von St. I. Klein.) Kleines Schauspielhaus:„Clavigo� von Goethe. Da die geplante Erweiterung der Reinbardtschen Theaterunternehmungen durch den Umbau des Zirkus Schumann sich für diese Spielzeit noch nicht bewerkstelligen ließ, dient die Hinzuziehung des kleinen Theatcrsaals der Charlottenburger Musikhochschule als vor- läufiger Ersatz:„Clarigo", neu inszeniert in glänzender Besetzung, eröffnete die Aufführungen. Ties bürgerliche Drama des jungen Goethe, das, im Laufe einer Woche hingaworsen, seinen Stoff einem aufsehenerregenden Memoire Beaumarchais entnahm, bietet dem heutigen Empfinden wenig. Ter Wankelmut des höfischen Strebers Clavigo ist da bis zu einem Grad getrieben, der den Hörer an die reuigen Gewissensregungen des Schwächlings kaum mehr glauben läßt. Nicht genug, daß er das Mädchen, dem er die Ehe versprach, verlassen hat, als er eine Erschwerimg seiner ehr. geizigen Pläne durch die Heirat befürchtete, er wiederholt dasselbe Spiel unter Bedingungen, die, es noch unvergleichlich ehrloser machen. Feige unter den Drohungen des als Rächer herbeige- rufencn Bruders sich zusammenduckend, erneut er seine Werbung in einem Rausche von schwärmereschen Selbstbetrugs, um dann abermals den Eid zu brechen. Kein Funke eigenen Willens setzt sich den Einflüsterungen des an seine Selbstsucht appellierenden Freundes entgegen. � Die Widersprüche in dem Charakter sind zu stärk, als daß das Spiel des besten Tarstellers sie überwinden könnte. Selbst M o i s s i gelang es nicht. Seine Kunst ist seit der Zeit, als er zum ersten Male den Clavigo gab, vielleicht noch gewachsen, und auch die Furchen, die Kriegsnot und Gefangenschaft ihm ins Gesicht ge- graben, haben der Erscheinung den Reiz nicht rauben können. Vorzüglich gelang nach den einleitenden Szenen befriedigter Eitel- keit der Zusammenbruch vor der stahlharten Festigkeit des Bruders, der verzückte Taumel, in dem Clavigo sich eine völlige Sinnes- änderung vortäuscht und im Gespräch mit dem skrupellosen Freunde dann die zunehmende� Erschlaffung jedes Widerstandes. Eben- bürtig stand ihm in dieser Rolle Wegener— ein Bild breitwurzelnden, entschlossenen, doch, wenn es die Wahl von Mitteln für erstrebte Ziele gilt, auch vor der ärgnen Schurkerei nicht zurück- scheuenden Willens— gegenüber. Helene T h i m i g war eine rührende, in Schmerzgefühlen aufgelöste verlassene Geliebte. D e c a r l i verhalff der Leidenschaft und konzentrierten Energie deS Bruders, der seine ganze Existenz anS Werk der Rache setzt, zu überraschend starkem Ausdruck. ät. , Hannerl. � (Im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater.) Des„DreimäderlbauseS" Fortsetzung oder zweiter Teil und Schluß— wie im Interesse des musikalisch auSgeschlachleten und geschundenen Schubert sowie aller Mitwirkender auf der Bühne zu wünschen ist. Schubert hat. da er unterdessen längst gestorben, nur mehr indirekt mit dieser zwar sehr wirksam auf die Tränen- drüsen zugeschnittenen, aus diesem Grunde aber.altweanerisch"- lawendelmusfigen Familiengeschichte zu schaffen. Alienfall« geht lein Schalten in Gestalt der nun bejahrten Baronin Schober, die ihn einst geliebt, doch nicht bekam, über die Breiter. DaS andere — ist eine mit Studenten verquickte LiebeScpisode. in die sich in geschickt von den Tcxtverfassern zugespitzten Rollen ihre Töchter .Hannerl" nebst einer spaniich-ungarisch-wild-temperamentvoll ge- ratenen Komteß.Aranka" teilen müssen. DaS Ganze wird musi- kaiisch natürlich von Franz Schubert bestritten. Die seinen Weisen untergelegten Texte sind freilich nicht immer geschmackvoll. Das Hauptinteresse konzentriert sich auf ein im Mittelakt recht geschickt in den Studentenball hineiniomponierte« Original- Singspiel von Franz von Schober mit Schubertscher Musik, betitelt: „DerHochzeitsbraten'. Zwar nur eine kurz gedrängte, dennoch dramatisch gehaltene Szene, die zwischen einem Lehramts- Kandidaten.Theobald', der sich zur Hochzeit den nötigen Lampe- braten besorgen will, seiner Braut und dem die«.Wilderer'-Pärchen in flagranti erwischende» Förster Caspar ausgetragen wird. Die blitzsaubere Aufführung zeugt für eine im Einzelnen und Ganzen sorgfältige Einstudierung und Inszenierung. Sensation macht, wie zu erwarten war. Joseph Josephi als jovialer, urwieuerischer.Christian Tschöll'. Und neben ihm— gleichfalls für die Spielzeit des.Hannerl'— als Gast Gustav Bergmann, der Schubert vom DreimädcrlhauS. Dustig-Iiebreüende Persönchen sind Margarete A lbreckt in der Titelrolle und Käthe Rimm ler (Helene). Fesch gibt sich Konstanze Reichert als.Aranka', originell Hans S w o b o d a als Polizeirat Nowotny. öle. Notizen. — Der Uraniavcrein. Die Urania bat eine Vereint- gung unter dem Namen Uraniaverein gegründet, dessen Zweck die Verbreitung und Vertiefung volkstümlicher Bildung, ins- besondere auf naturwissenschaftlichem und technischem Gebiete ist. Gegründet ist dieser Verein durch einen großen Teil der Aktionäre, die zu diesem Zweck ihr Aktienkapital in Höhe von zirka 150 000 M. zur Verfügung gestellt haben. Mitglied des Vereins kann jeder werden, der sich für die Bestrebungen der Urania interessiert. Den Mitgliedern wird für den Jahresbeitrag von 10 M. eine Reihe wesentlicher Vergünstigungen geboten, u. a. 12 kostenlose größere Vorträge im Jabr, ferner halbe Preise bei den Gelehrtenvorträgen und Vortragszyklen, Führungen, naturwissenschaftliche Ausflüge. astronomische Abende usw. Beitrittserklärungen sind an Direktor Franz Goerkc, Berlin W. 8, Taubenstr. 48/49, zu richten. — Maxi in G or k i. der sich den Bolschewik! genähert und seine Bereitwilligkeit erklärt hat, die Redigierung auserlesener Werke der fremden. Literatur für den Sowjetverlag zu übernehmen, stellt« alle seine eigenen bisher«rsckicnenen Werke zur Verfügung de» ZentraUomitecs dex kommunistischen Partei.