A5. Jahrgang. ❖ Nr. Z7 Heilage zum„vorwärts" Serliner volksblatt Serlin, 29. September 1918 Sruöer Nenfch. Warum ich dich lieb«, Bruder, frage mich nicht. Du trägst, wenn du im Glück aufblühst, Gottes Angesicht. Du bist, wenn du stark bist, ein Aleer von Licht, und wen» dein Mund, Mund deines Herzens spricht, ist's ei»e heilige Jrdhdfsmusif. Aufhorche« die Sttave», die Ketten tragen, und hebe» gebeugte Häupter zum Himmel und fragen: ««ru« sie entsage». Ddn Glück ist. wenn du gut bist, der Menschen Glück, und ddn blutendes herz reißt die Armen aus ihrer Aot und hak heißes Erbarmen. Schöpfer du, erschaffe i« Mensche« die Well! Lichlbringer du. dnziger, der fehnenden Atems sich unter die blühenden Sterne stellt: Werde du! Aufbreche ddn Wille zur Herrlichkeit des Ichs und der Welt, die er braufend befrdt! H a n§(Satfjinann. Bulgariens Volkswirtschaft. S«* Adels Werner. ?Äs Friedensgesuch Ralinosfs hat die Augen ganz Teutsch- landß«us A u l g a r i e» gerichtet, das durch seine plötzliche Drehung allen seinen Freunden in Teutschland eine ernste Ent- täuschung bereitet hat. Indessen ist im Augenblicke noch nicht- entschieden. Deutsche Truppen sind in Sosia eingetrosfen. politisch wird entscheidend sein, ob die Eniente aus das bul- garische Angebot eingeht und durch weitreichende Zugeständnisse ZllalinoffS Vorgehen rechtfertigt; geschieht dies nicht— und die Entente scheint in der Tat die Rolle der Spröden spielen zu wollen—, so mutz der Ministerpräsident das Feld räumen. Allein auch in dem noch immer unsicheren Fall, daß sich olles zum Guten»endet, bleibt eine schmerzhafte Wunde zurück, deren Narbe noch lange sichtbar sein wird. � Bulgariens politische und wittschaftliche Bedeutung liegt in seinem Charakter als Turchgangsland, den die deutsche und österreichisch-ungarische Heeresleitung auch durch die schnelle und erhebliche Verstärkung der dort stehenden Armeen ge- würdigt hoben. Bulgariens wirtschaftliche Eigenbcdeutung ist nicht allzu grotz. Es ist ein K l e i n b a u e r n l a n d mit einer noch recht primitiven technischen und menschlichen Kultur. In gewissem Sinne ist der Krieg ein Kulturvermittler gewesen. Er hat Hunderttausende von Vulgaren aus ihrer bäuerlichen Abgc- schiedenheit herausgerissen, mit deutschen und österreichisch- ungarischen Wasiengesäbrten zusammengebracht, mit den tech- nischen Mitteln der modernen Kriegführung vertraut gemacht und dadurch sicher auch auf die Mentalität eingewirkt. Viel- > Hunderte von vulgaren sind nach Oesterreich und nach Teutsch- land gekommen und haben aus dem Vergleich mit dem, was sie hier gesehen und erlebt haben, und den zurückgebliebenen Verhältnissen ihrer Heimat starke reformatorischc Anregungen geschöpft.___ Tie Landwirtschaft beschäftigt etlva 8u P'wz. der ge- samten Einwohnerschaft. Tie ineisten Bauern besitzen nur etlva 3/2 bis 23/2 Hektar. Tie Fläche des ganzen Landes beträgt 9,6 Millionen Hektar. Hiervon werden 3,6 Millionen bebaut und etwas über 3 Millionen sind Waldungen. Gebaut werden besonders Weizen und Tabak. Ein Hauptansfuhrartikel des Landes ist das vielgenannte bulgarische Rosenöl. Entsprechend dem durchaus kleinbäuerlichen Charakter des Landes hat die Viehzucht und Geflügelhaltung ganz besondere Bedeutung. Wie in Teutschland das Schwein, so ist in Bul- garien das Schaf sür die Volksernährung von großer Wich- tigkeit. Ter E i e r e x p o r t war schon im Frieden in starker Entwicklung. Es herrscht die Naturalwirtschaft noch durckpus oor, in der die bäuerliche Familie ihren Bedarf selbst deckt. Der Marktverkehr, die Konnnerzialisiernng der Landwirtsck?aft ist»och wenig entwickelt. Vielfach weiß der Bulgare sogar die Erzeugnisse seines Bodens nicht zu verwerten. So gehen große Obstmengen alljährlich zugrunde, besonders Pflaumen, die nicht einmal zu Schnäpsen gebrannt werden. Die Bodenbestellung ist rückständig und geschieht mit den einfachsten Mitteln noch ganz in Altväterweiie. Der Einflntz der Witterung auf den Ernte- ertrag ist sehr stark. Leider ist der Ertrag der Ernte dieses Jahres infolge der großen Trockenheit arg zurück ge« blieben. Tie Preise, die durch den Zwischenhandel schon sehr stark getrieben worden sind, erfuhren dadurch eine weitere Erhöhung, so daß das allgemeine Preisniveau mindestens so hoch wie in Deutschland, vielfach aber noch höher ist. Bei dem naturalwirtschastlichen Charakter des Landes fällt es dem Städter natürlich sehr schwer, mit seinem Einkommen der Preissteigerung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, und dem Bauer, der der industriellen Produkte nachzukommen. Das hat sicherlich sehr viel zu der weitverbreiteten M i ß st i m- m u n g beigetragen, die der Hintergrund des Friedensgcsuches gewesen ist. Eine empfindliche Knappheit besteht nur an Körner- fruchten, die aber gerade deshalb von ausschlaggebender Be- deutnng ist, weil das Brot noch mehr als in anderen Ländern ein Hauptnahrnngsmittel ist. Fleisch und Eier sind dagegen reich- lich vorhanden, wenn auch zn hohen Preisen. Ter Preis der Eier, die noch in besonders großer Zahl erhältlich sind, in denen sich also noch so etwas wie freie Konkurrenz entwickeln kann, beträgt in Sofia ungefähr 50 Pf. für das Stück. Ganz ähnlich wie in Oesterreich hat man in Bulgarien behauptet, die Teuerung sei durch große Exporte nach Deutschland verschuldet. Daran ist kein Wort wahr. Teutschland hat aus Bulgarien niemals wesentliche Mengen landwirtschaftlicher Produkte bezogen. Wenn gelegentlich Er- Porte stattfanden, so geschahen sie aushilfsweise. Die sozusagen geliehenen Lebensmittel wurden nach der lieber- Windung der für ihren Transport verantwortlichen Schwierig- leiten prompt zuriickgeliefert oder kompensiert. Als Malinoff das Ministerium Radoslawow ablöste, glaubte er aber an die Volksstimmung Zugeständnisse machen zu müssen, erließ scharfe Aussiihrverbote und ordnete eine strenge Grenzüberwachung an. Der Zwischenhandel hat im Kriege in Bulgarien genau so wie in Deutschland gewaltige Verdienste eingeheimst. In Sofia, vor dem Kriege eine typische Balkanstadt mit un» gefähr 100 000 Einwohnern, werden 130 Kriegsmillionäre ge- zählt. Dieser Wandel der sozialen Schichtung' des Volkes scheint die Integrität des Beanitenstandes etwas erschutterb zu haben. Als Radoslawow abdankte, wurden gegen zahlrncha Beamte Strafverfahren eingeleitet, die teilweise zu empfind- lichen Verurteilungen geführt haben.� So wurde über den früheren Bürgermeister von Sofia eine längere Kerkerstrasy verhängt.,.„ fv co r ,• Die Industrie ist sehr wenig entwickelt, �m �zahrg 1906 wurde das insgesamt angelegte Kapital auf 30 Millionen Frank geschätzt, wovon fast die Hälfte auf die Verarbeitung von. Lebensmitteln und Getränken entfällt. Tie Zahl der bc- schäftigten Personen wurde mit ungefähr 7000 angegeben.� An Mineralien werden vorläufig nur Mangan, Kupfer, Kaolin und Kohle gewonnen. Auch der Kohlenabbau g>> schieht m durchaus rückständigen Prodnktionsformcn. Das aus- giebigste Kohlenbergwerk, das bei Pcrnik liegt, wird zetzt vom Staate betrieben. Später soll seine Ausbeutung durch die Bank für Bergbau und Industrie erfolgen, einer Gründung der Bul- garischen Kreditanstalt. Ter Staat wird an dem Gewinn de» teiligt sein. In neuestex-Zeit werden die Wasserkräfte aus ihre Verwendbarkeit geprüft. Bei den: relativen Maugd an Kohle liegt ihre Ausbeutung zur Gewinnung von Elektrizität sehr '"�Ächnlich wie in allen kriegführenden Ländern haben die großen Kriegsgewinne auch in Bulgarien die Ilnternehmnngs- lust gewaltig angestachelt, die sich in Tabakgeschäften und m Gründung von Banken austobt. Diese Banken besorgen aber nicht allein Geldgeschäste, sondern haben fast stets eine Warenabteilung angegliedert, die in vielen Fällen sogar die Hauptsache ist. Tie Preise sür Tabak wurden w un. geheuer getrieben, daß die Mittelmächte zertweiw ihre Em. kaufe einstellten... r, Vor dem Kriege spielte� im b n l g a r r s ch e n A u ß eu» Handel Oesterreich die erste Geige. Dentichland war rhm aber hart ans den Fersen und steigerte seine Einfuhr viel rascher als Oesterrcich-Ungarn, was in der verbündeten Donainnonarchie nicht eben freudig begrüßt wurde. Tie finanziellen Beziehungen Deutsch« landszu Bulgarien sind viel loser in»d unbedeutender. als etwa die zn Rumänien. Selbstverständlich hat das Deutsche Reich im Krieg bedeutende Aufwendungen für den Bundesgenossen übernommen. Private Geldinstitute sind da- durch nicht unmittelbar berührt._ Besonders rege Geschästsbezichungen zn Bulgarien hat die Di s k o n t o g e s e l l ich a f t unterhalten. Die bul- garische Kreditbank, die während des Krieges ihr Kapital aus 10 Millionen Frank erhöht hat, steht mit ihr in engem Zu� sammenhang. Sie ist aber eine Gesellschaft bulgarischen Rechtes und hat sehr erhebliche bulgarische Depositen. Wäh- rend des Krieges hat auch die D e u t s ch e B a n k eine Filiale in Sofia eröffnet. Bulgarien ist von der Natur nicht übermäßig reich be« dacht. In harter Arbeit müssen seine Söhne dem Boden ihr tägliches Brot abgewinnen. Die Zukunft seiner Volkswirt- schaft ist eng mit der Entscheidung darüber verknüpft, ob der Durchgangsverkehr von den Mittelmächten „Moppchen/ «»» e.». r r» j«». Sie hieß mit ihrem richtige» Name« Klsriede Hillger und war die Witwe eines im Kriege gefallenen Landwehrmannes, ober ihre Kolleginnen in der grotzen Druckerei nannten sie wegen ihres rund- lichen Aeutzeren und ihres freundlichen Wesens nicht anders als vloppchen. Und daS war ein Kose- und Ehrenwort zugleich, denn auch ihr verstorbener Mann hatte sie sa genannt. Moppchen war beliebt in der ganze» Druckerei. U« so mehr mußte man sich wundern, daß sie mit ihrem«»mittelbare» vorgesetzte», dem viich- bindermeister Gerber, sich durchaus»icht siele» konnte. Sie be- handelte ihn sehr»«»«be» herab, und er rächte sich, i»d«m er ihr n»ch die lleinste» u»d unbedeutendste» Verfehlungen s» laut und heftig wie»»glich»«rhielt. Der Saal VIll. in dem M»ppche» und der ihr ungünstig gesinnte Meister zusammen arbeiteten, kau»te daS verhältni« der beide» und sah eS nicht ungern, wenn das schlagfertige Weibche» dem»»rzelnde» Meister mit der rechten Ant- Wort diente. EineS TageS aber wurde es bitterer Ernst. Die Druckerei druckte Fleischlarten. Moppchen hatte, wie auch andere Kolleginnen, zu zählen und dann die fertig gezählten Stöße weiterzugeben. Es war gleich Mittagszeit, Moppchen halte ihren Stoß abgeliefert und näselte ein bißchen herum, um die letzten Minuten auszufüllen. Da kam aus der Packerei die Meldung: An dem letzten Pack fehlen die letzten drei Karten. Karten. Gerber fragte:„Wer hat zuletzt ab- geliefert?" Moppchen meldete sich.«Aha," sagte Gerber hoch- befriedigt, die Feindin einnial bei einem ganz schweren Vergehen abgefaßt zu haben und in der Hoffnung, sich ihrer nunmehr schnell entledigen zu können." da rücken Sie mal gefälligst mit den drei Karten raus, die Sie geklaut haben. Sie denken wohl, ick merk das nicht. Et kommt alles an den Dag. Also loS,«ich lange fackeln." Moppchen sah den erregten Mann kühl an:«SSat iS denn? Wal woll'n Sie schon wieder von mir? Sie können aber auch nich eine Minute Frieden halten. Zck habe nii'cht," damit wollte sie sich abwenden, denn die Glocke läutete zur MmagZzeit. Gerber aber sprang herzu und griff die Frau hart an;„Woll'n ®e nu sesälligst die geklauten Karlen herjeben, ja oder nein?". Die Frau riß sich lo«:„Drei Schritt vom Leibe, sonst.. Sie machte ei»e»icht mißzuversteh«»de vewegung mit der Hand. Gerder war wütend:„Schön, also Sie«olle»»ich. Denn werde ich dem Schess sagen, daß er LeibeSvintalSson vornehmen lößr. Sie verlassen nicht den Raum und den Platz, bis ich wieder- komme." Damit sprang er ab. Tie Kolleginnen umdrängten die Freundin. ES tat ihnen allen leid, daß gerade Moppchen so reinfiel. Während die Stimmen auf- geregt hin- und hergingen, kam ein Junge au? der Presserei und brachte die fehlenden drei Karle»; sie waren beim Abpressen an dem oberen Stempel kleben gebliebe». Alle" atmete auf, lachte und gratulierte Moppchen zu ihrer Ehrenrettung. Da kam Gerber, hochrot wie ein gesottener Krebs, angekeucht und schrie schon weitem: „Frau Hillger, sofort zum Chef kommen." «IS nich nötig, die Karten sind ja schon da," schrie eS ihm von allen Seiten entgegen. Moppchen stand gelassen in schöner Ruhe da und sah ihrem Widersacher spöttisch lächelnd an:„Na, Herr Gerber, was nu noch? Wolln Se mich noch leibeSvisetieren lassen. De« könnt Ihnen woll so passen, womöglich dabei sein und zu- sehen, nicb?" Der ganze Saal lachte und der Meister zog verblüfft, im Ant- litz verbissene Wut, ab, um dem Chef die Aufklärung der Sache zu berichten. Die Mittagszeit war vorüber. Saal VIII arbeitete wieder wie zuvor, nur daß die Stimmung äußerst angeregt war. Moppchen war der Gegenstand stiller und offener Huldigungen der Kolleginnen. Auch aus anderen Sälen kam dieser und jener und machte sich im Saal VHI Gewerbe, um mit Moppchen oder über sie zu sprechen, denn über Mittag hatte sich die Geschichte herumgeredet. Gerade stand die kleine Frau und plauderte ein bißche» mir einer iungen Frau auS Saal VII. da schrie Gerber durch den ganzer. Raum; Frau Hillger, nach Parajraf acht der Werkstältenordiiung darf wäh- rend der Arbeit nich jesprochen werden. Richten Se sich sesälligst danach. Aber dalli, sage ick". Die beiden Frauen lächelten sich vielsagend an und der- abschiedelen sick«. Moppchen arbeitete schweigend weiter. Aber ein jeder merlte. daß Gewitter in der Lust lag. Wann würde eS zur Entladung kommen? Nach etwa zebn Minuten kam der Maschinenmeister der Rotations- Maschine III und ließ sich mit Gerber in ein längeres Gespräch ein über Kaninchenzucht im allgemeinen und über die sonderbare Tat- iache im besonderen, daß die Karnickel in diesem Jahr io früh den Winterpelz bekommen. ES war also eine rein persönliche Be« sprechuug, die die beiden Männer hatten. Unter andern Umständen hätten die Insassen von Saal VIII nilbtS dabei gefunden, denn wenn der Meister fi-ii unterhielt, paßte er weniger ickarf auf, und die MädelS u»d die Frauen konnten mal einen Scherz riskieren! Diesmal war es anders, den» die private Unte»haliung gewann Beziehung zu der Rüge, die dem Moppchen >o schonungslos erteilt worden war. Moppchen ersah auch ihren Vorteil bald, und als sie in die Nähe des Meisters kam, da sagte sie laut, daß es der ganze Saal hören tonnte:«Ick denke, der Meister soll mit jutem Beispiel vorangehen." Wieder hatte sie, wie immer, die Lacher aus ihrer Seite. Aber diesmal ging die Sache nicht gut.auS. Gerber, rasend vor Wut, brüllte mit aller Kraft:«Halten Sie Ihre freche Schnauze, Sie Frauenzimmer..." Die Menschen im Saale hielten den Atem an. Aber ehe man recht wußte, was geschah und wie es geschah, hatte Moppchen eine ihr zur Hand liegende Latte crgrisfen und hieb sie dem Meister über den Kops. Kolleginnen sprangen herzu und rissen ihr die Latte auS der Hand. Der Meister hatte sich den Kops durch den vorgehaltenen Arm geschützt, aber er war bleich geworden.„Schön," sagte er heiser,„dat kost' JefängniS. Dat soll Ihnen nich geschenkt werden." Damit ging er hinunter inS Kontor. Moppchen fetzte sich auf einen Ballen. Langsam löste sich bis Spannung in ihrer Seele. Sie weinte leise:«Warum reizt er mir auch so immerzu". „Laß man Moppchen," trösteten die Kolleginnen,«wir halten zu Dir. Dir kann uiicht passiere»." Die Rechtslage wurde erregt erörtert.. Dann kam Gerber, die Papiere Moppcheus in der Hand: „So, hier... Sie verlassen sofort den Saal und das Haus. DaS andere wird sich finden..." „Ja, das andere wird sich finden." rief eine Stimme ans dem Hintergrund. Gerber achtete es nickt. Moppchen machte sich fertig zum Gehen. Eine der Arbeite» rinnen hatte den Saal verlassen, ohne daß Gerber es gewahr geworden. Eine seltsame Unruhe lag in der Luft. Gerber hatte nur Augen sür Moppchen. So sah er auch nicht, daß die Arbeiterin wiederkehrte, herumging und leise mit den Kolle- ginnen sprach. Plötzlich schrie er: Nanu. waS is denn los? Seid ihr verrückt geworden? LoS Arbeilen! Er sah nämlich, wie Re Mädchen und Frauen sich anschickten, die Arbeit liegen zu lassen und sich anzukleiden. Die Arbeiterinnen sagten gar nichts, sondern machten sich fertig zum weggehen. Nur die Frau, die vorher herausgegangen war, trat zu Gerber und sagte ruhig:«Wir er- klären uns solidarisch mit Moppchen. Wenn sie geht, gehen wir auch'." Gerber pfiff:«Achso.auS der Ecke weht den Wind. Na.wieihrwollt. Bis ick wiederkomme, verläßt keine den Saal." Spornstreicks rannte er fort, um im Kontor die Arbeitsniederlegung zu verkünden. Jndesien zogen sich die Arbeiterinnen ruhig weiter an und verließen einzeln oder in Gruppen den Saal, der bald leer lag. Während Gerber mit dem Chef sprach und zu seinem Verdruß heftige Vorwürfe einstecken mußte, kam der Meister von Saal VII und teilte mit, daß auch bei ihm die Frauen die Arbeit niederlegten. Als Grund wurde angegeben, die Kollegin Hillger sei erst beschul- digt worden, gestohlen zu haben, ohne daß man ihr, nackdem sich ihre Unschuld herausgestellt, Genugtuung gewährt habe. Weiterhin aber lasse das Benehmen de» Meisters Gerber jede Achtung des«. Yta cf) Vorüerasien von feindlichen Einflüssen bewahrt bleibt. Geschieht dies, so bleibt Bulgarien cm einer Hoch- stratze des Weltverkehrs. Wird die Verbindung zwischen Mitteleuropa und Vorderasien unterbrochen, so versinkt Bul- garien in seine frühere Bedeutungslosigkeit. Bulgarien selbst trägt sein Schicksal in seinen Händen. Grenzen Ses Lebens. Von Dr. P o p i tz. Alles Lebende trägt den Keim des Todes in sich. So lange der Mensch sich über sein Laben Rechenschaft gab und sein Augenmerk aus seine Umgebung lenkte, mutzte ihm diese Srfahrungstatsache überall entgegentreten. Was im FrühlingSsonnenschein blüht« und duftete, das reiste der Herbst und da? vernichtete des Winters rauhe Gewaltherrschaft. Wae in kräftiger Jugend erblühte, erstarkte als Mann, das vafste das Grcisenalter unfehlbar dahin, gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. Und doch liegt es in der Natur des Men- schcn, sich gegen den Tod zu wehren. Schon in uralten Zeiten fiel es ihm schwer, sich vorzustellen, datz eine Stunde kommen sollte, die all die Wünsche, all das Streben, all die Kraft des Lebens zum Stillstand bringen könnte. Der sehnsuchtentsprossene Glaube an die Unsterblichkeit ist aus diesem Nicki-verftehen-ckönnen eben so gut entsprungen wie der Glaube an die Geister, die nach dem Tode noch umgehen. Wenn wir Menschen von heute an die Fragen des Todes her- antreten, so verlangen wir Antworten von der Wissenschaft, der SehnsuchtSglanbe und die Geisterfurckt verfängt bei unS nickt mehr. Die Tatsache deS Erlöschens der Lebenserscheinungen ist die alte Erfabrung geblieben, aber wir fragen jetzt, warum muh daS Leben ein Ende haben? Wenn auf der Erde einmal zu irgend einer Zeit die Bedin- gungen gegeben waren, datz aus den einfachen Elementen, den Ur- stoffen, sich Berbindungsgruppen höherer Zusammensetzung bilden konnten, die daS Eiweitzteilchen umfaffen, so war damals die Mög- lichfoit gegeben, datz der Stoff auftrat, an den das Leben gebunden erscheint. Das Leben konnte auftreten, ja es m u tz t e auftreten. In welcher Form immer es zuerst in die Erscheinung trat, ab- hängvg war sein Bestehen von der Fontdauer der Bedingungen, die den Bestand der Elementarverbindung LebenSeiweitz gewähr» leisteten. Aenderten sich die Bedingungen, so war damit notwen- d ige r weise auch eine Aenderung der Zusammenfügung der Eiwettz- gruppe verbunden. Die AnpassungSbreitc dieses bevorzugten Stoffes mutzte die Grundbedingung fein für die Fortdauer der Erschei- nungen, die als Kennzeichen des Lebens gelten. Und da sind es denn eine ganze Anzahl Bedingungen, die beachtenswerte Folge- erfcheinungen mit ihren Aenderüngen hervorbringen. Von den gewaltsamen äußeren Einwirkungen, die gewiß ein« groß« Roll« für das Auftreten deS Todes spielen, wollen wir von vornherein absehen. Es ist klar, datz die Unterbindung der Zu- fuhr von Nahrungsstoffen den Fortbestand des Lebens ebenso gut aufhebt, wie die Entziehung von Wasser oder Sauerstoff. Unter den Lebensbedingungen stehen gleichfalls in erster Linie bestimmte Temperastrren, deren Ueberschteiten das Aufhören des Lebens bewirkt, es sei denn, datz der Scheintot kleinster Lebewesen bei tiefster Kälte doch noch zum Leben gerechnet wird, weil beim Aushören der Kältoeinwirkung da- Leben neu erwachen kann. Was bringt der H u ng c r im lebenden Organismus zustande? Eine zeitlang, bald länger, bald kürzer fristet das Lebewesen, ob Pflanze ob Tier, noch sein Dasein auf Gvund des Gehaltes feines Körpers an Baustoffen, deren Abbau die Aufwendungen decken muß die don den Arbeitsleistungen de? Körpers gefordert werden. Die Ausgaben an Energie müssen aber mit dc-r Abnahme der der- sügbaren Stoffe immer mehr eingeschränkt werden, und wenn nicht besondere Vorkehrungen getroffen werden, so verzehrt sich der Körper, daS Leben erlifckt. Nur da. wo die Verbrauchsmengen von Energie auf ein niedrigstes Matz herabgesetzt werden können, wie bei den Tieren, die einen Winterschlaf halten, und bei der großen Mehrzahlzmnsercr Pflanzen vermag die lebende Zelle eine geraume Zeit sich zu erhalten. Ja unter besonderen Umständen ist der Zeit- abllhnitt der Enthaltsamkeit von Nahrung sogar der Zeitabschnitt regster Stoffumwälzungen. Aus den aufgespeicherten Stoffen, die von der Raupe, der Fretzmaschine im Lebensgange des Schmetter- lings, der Puppe hinterlassen werden, bilden sich neue, andersartige Lebensstoffe, die ein ganz neues Wesen mit ganz anderen Eigen- schaften al- die Raupe hatte, entstehen lassen. Von diesen Aus- nahmen abgesehen, können wir erfahrungsgemäß sagen, datz die Her- obdrückung der Lebensvorgänge bis zum Erlöschen die Folge des Hungers sein mutz. Daß menschliche Hungerkünstler etwa einen Monat ohne Nahrung sein können, allerdings auch ohne körperliche und geistige Anstrengung, ist schon staunenswert. Di« meisten Men- fchen und vor allen Dingen die Werte schaffenden tätigen Men- ichen halten das nicht aus, während etwa eine Riesenschlange über ein halbes Jahr ohne Nahrung bleiben kann., misien, die einer ehrbaren und tüchtigen Arbeiterin zukomme. Es werde verlangr, datz Frau Hillger sofort wieder eingestellt oder aber datz auch Gerber entlassen werde. Der Chef geriet in Wut, im Grunde weit mehr über seinen ungeschickten Werkführer, als über die Arbeiterinnen, deren Ehren- empfinden ihm imponierte. Aber- da kam auch schon eine neue Hiobspost: der Meister von Saal VI teilte mit, daß der halbe Saal bereits feiere. .Gerber, sofort zum Arbeitsnachweis. Schnell! LvS doch I Nehmen Sie ein Auto! ES war schon zu spät. Als Gerber an- kam, wurde er frostig empfangen:.Es tut uns leid, Ihr Betrieb ist bereits gesperrt. Wir können Ihnen keine einzige Arbeiterin ab- geben." Gerber wußte, datz jetzt die Situation für ihn kritisch wurde. Ihm wurde schwül, und der Schweitz tropf ihm von der Stirn. DaS Telephon schrillte. Der Beamte nahm den Hörer, sah dann schnell zu Gerber und sagte in den Apparat:.Ja, er ist noch hier.... Herr Gerber, Sie möchten an den Apparat kommen l Der Chef war es:.Hören Sie. Gerber, die Sache wird brenzlig. Eben fragt die Fleischkartenkommission an. wann die Karten fertig find. Was machen wir dg. Haben Sie was erreicht 1" „Nei«," murmelte der Meister in den Apparat. .In deS Teufels Namen, dann sagen S i e gefälligst, was ich machen soll," schrie der Chef erbost in den Apparat..Sie wissen dock, datz man die Weiber wie ein rohes Ei anfasien mutz. Ich will Ihnen was sagen, Gerber, machen Sie die Sache kurz, denn ich möchte die Aufträge nicht verlieren. Wir werden die Hillger in «inen andern Saal tun, und Sie werden sich vorher bei ihr ent- schuldigen, während sie dann das Gleiche bei Ihnen tun kann... Gerber, sind Sie noch da?' Gerber war noch da, aber er wutzte nicht? auf den Vorschlag zu sagen. Er sollte sich vor all diesen Mädchen und Frauen ent- schuldigen? Aber der Chef drängte und so sagte er schlietzlich:„Na gut, ich bin einverstanden." Am andern Tag war dasselbe eifrige Leben und Arbeiten in den Sälen VI, VII und VlU wie nur je zuvor. Alles ging seinen steten ruhigen Gang. In der Frühstückspause kam der Chef selbst herauf, ging zum Meister Gerber und mit diesem zu Moppchen, bei der schon die Vertrauensperlon ihres Verbandes war. Gerber brachte in ungelenken und auch widerstrebenden Worten seine Ent- schuldigung vor. ES wurde ihm entsetzlich sauer. ,Na, und Sie, Frau Hillger?" fragte der Chef. .Ist ja'chon gut und erlcdiqr," sagte Moppchen, indem sie an Gerber vorbeisah.'„Morgen geh' ich ja schon zu Watzenborn u. Co., da hör' un setz' ich nischt mehr." Gertzer dachte, der Schlag müsse ihn rühren. Da IStzt er sich also erst zu einer Abbitte hervei, und dann versteht es diese Frau, sich um ihre Entschuldigung zu drücken. Das war d-nn doch... Moppchen hatte sich mit einem:„Ru kann ich wohl weiter früh- stücken" von dem Chef verabschiedet. ES war nur zu klar: Moppchen hatte auf der ganzen Linie gesiegt. Ganz ähnlich verhält sich das Lebewesen zum Sauerstoff, der für feine Atmung notwendig ist. Auch die Pflanze braucht unter allen Umständen Sauerstoff für ihre Lebensleistungen. Und doch gibt es niedere Lebewesen, die auch hier die Regel durchbrechen. Die Schwefelbakterien meiden nicht nur den Sauerstoff, sondern sie gedeihen und entwickeln sich in einer Umgebung von Schwefelwasser- stoff. der für die überwiegende Mehrzahl der Lebewesen ein aus- gesprochenes Gift ist.- Aber ebenso wie im Winterschlaf die Nah» rung verschmäht wird, sinkt bei den Winterschläfern auch das Saucrstoffbedürfms auf ein so niedriges Matz, daß die Atmung fast ganz aufhört. Und ein solcher Zustand kann gelegentlich Monate lang beibehalten werden, ohne datz das Leben zu erlöschen braucht. Nahrungscnthaltung und Atmungsunterdrückung spielt auch eine wesentliche Rolle bei den Lebewesen, die eine Trocken st arre durchmachen. D-ie Leistungen des lebenden Eiweißes sind cm die Ggenwart don Wasser gebunden, denn das Eiweiß ist ein flüssiger Stoff, wie uns jedes Hühnerei lehren kann. Wenn nun die Mög- l ich? est der Wasseraufnahme ausgeschaltet ist, in den trockenen heißen- Tropengegenden oder in den kalten Gegenden, wo im Winter das flüssige Wasser zu festem Gestein gefriert, so würde das Leben er- löschen müssen, wenn nicht Schutzanpassungen erworben wären. Die Samenkörner unserer Pflanzen, unser ganzes Getreide gehört zu diesen besonders angepaßten Lebewesen. Bei der Reifung ver- lieren die Körner daS ganze Wasser, das die lebenden Zellen wäh- rend des Wachstums nötig hatten und bleiben doch noch lebendig; in einem Teil«, dem Keime wird doch noch so viel Wasser ausge- spart, datz er nicht eintrocknen kann. Verliert auch er da- Wasser, so geht das Samenkorn unfehlbar zu Grunde. Auch im Tierreiche stoßen wir auf ähnliche Anpassungen. Selbst hoch entwickelte Tiere, der Molchfisch, die südamerikanische Riesenschlange Anaconda, das Krokodil verfallen regelmäßig oder gelegentlich in den Zustand der Trockenstarre in einem mehr oder weniger tiefen Erdbettc. Ganz eigenartig sind die Erscheinungen, die chemische Einwir- kungen auf daS Leben auslösen. Ein« Unzahl chemischer Stoffe dürfen wir einfach als Gifte ansehen, denn sie sind imstande, das Leben zu schädigen oder zu zerstören. Und doch ist der Begriff Gift nicht unter allen Umständen mit demselben chemischen Körper zu verbinden, wenigstens nicht im landläufigen Sinne. Denn es gibt unter diesen Giften auch Swfte, die in bestimmten Diengen geradezu das Leben anzuregen imstande sind. Die Wirkung als Gift ist eben abhängig von der Gabe, von der Menge, die dem Körper zu- geführt wird. Aber auch ausgesprochenen Giften gegenüber verhall das lebende Eiweiß sich verschieden. Es gibt Tiere, die mit be- sondcrem Genüsse Tollkirschen fressen oder von den giftigen Beeren des Seidelbastes sich nähren, ja die in ihrem Leibe eine Werkstätte zur Erzeugung außerordentlich scharfer Gifte beherbergen. Blau- säure. Ameisensäure, selbst Schweifelsäure findet sich da innerhalb deS Organismus, okm« ihm zu schaden. So mannigfallig nun auch diese äußeren Todesursachen sind und so verschieden ihre Wirkungen ausfallen mögen, sie reichen doch nicht hin, um die Gesamtzahl der Grenzen des Lebens aufzustellen. Die Forscher des vorigen Jahrhunderts, die von den ä u tz e- ren Todesursachen durchaus nicht befriedigt waren, suchten nach inneren Ursachen für das Ableben der Pflanzen und Tiere und insbesondere des Menschen. Noch heute gibt es Forscher, die ableugnen, datz es«ine Eigenschaft des LckbenSstoffes sei, nach bestimmter Zeit der Auflösung zu verfallen. Sie schreiben daS Ende des Lebens der Gesamtmenge kleinster unmerklicher Schädigungen zu, die im Laufe der Zeit den Aufbau des Organismus untergraben und zer- mürben und schließlich den Zusammenbruch herbeiführen sollten. Eine solche Auffassung hat viel Bestrickendes. Der bedeutsamste Ein- wand wurde schon von dem berühmten Physiologen Johanne? Müller in den vierziger Jahren des vorign JährhundevtS ausgesprochen: Wenn diese außerhalb des Organismus gelegenen Ein- Wirkungen das Leben aufreiben würden, dann müßte die organische Kraft vom Anfang eines lebenden Wesens schon abzunehmen be- ginnen. Ter Hinweis darauf, datz bestimmte Organe in einem gewissen Lebensalter zu schwinden pflegen, führt auf einen gangbaren Weg für die Erklärung. Beim Kinde ist die sogenannte Thymus- dvüfe, die im oberen Teile der Brusthöhle gelegen ist. einer alt- mählichen Vernichtung oder Aufsaugung unterworfen. Meist ist sie schon in den ersten Lebensjahren verschwunden, ohne datz irgend ein äußerer Anlatz vorgelegen hätte und ohne datz eine Störung der Gesundheit dabei einträte. Bei rüstigen Frauen tritt regelmäßig fast in der Mitte ihres Lebons«in Schwinden der Geschlechtsorgane oder ivemgstens ihrer wesentlichen Bestandteile ein, ohne datz das etwa den Tod herbeiführte. Diese zwei Beispiele zeigen, datz es in dem Eist- wicklungsgange der Organe liegt, daß die Altersvevänderungen das letzte Ende der Veränderungsreihe darstellen, die von den Organen durchlaufen werden mutz. Der Mensch ist in allen seinen Teilen von vorherein nicht ein fertiges Wesen, sondern ununterbrochener Umbildung ausgesetzte So mutz denn wohl diese Entwicklung? reihe vom Ei zum sterbenden Greis« in der Natur der Zelle, des lebenden Eiweißes, liegen als innere Bedingung, die jegliches Lebewesen als Mitgift mit auf den Lebensweg bekommen hat. Die anscheinende Gleichmäßigkeit des Zustandes im mittleren Lebensalter in der Vollblüte der Kraftentfaltung bedeutet nur, datz hier die wechselnden Veränderungen so klein sind, datz sie unserer Beobachtung tm allge- meinen entgehen. Reichen doch die Neubildungen im Körper, die an die Vorgänge der Zellteilung gebunden sind, bis in das Greisen- alter hinein; nur daS Zeittnatz ihres Auftretens hat sich verringerte Das Hinschwinden einzelner Organe im Körper kennzeichnet nachdrücklich den Weg des LebenSgangeS aller Organe. Früher oder später ergreifen solche Veränderungen jede zu einem Organ zusammengefaßte Zellengemeinschafte Dom Verbrauch an lebens- fähigem Stoffe, wie ihn die Organleistungen mit sich bringen, kann die Neubildung nicht mehr gerecht werden, und nun tritt das Auf- hören der Leistungen«in mft allen Folgen der störenden Einwirkung auf das Gesamtgetriebe. Versagt der Herzmuskel, so fließt das Blut nicht mehr zu den Organzellen, die alsbald von der Ernährung und Atmung ausgeschaltet auch ihrerseits autzerstande sind, weiterzuarbeiten. Das bedeutet aber den Stillstand aller Leistungen des lebenden Körpers, das 5tennzeichen des Todes. Wenn also der Mensch in seinem Sehnen nach der Unsterb- lickkeit alle? aufbietet, um die vor allen Augen deutlich erkennbaren äußeren Bedingimgen für den Zelltod zu überwinden, so ist ihm damit gleichwohl noch nicht daS feit ZllterS gesuchte LehenSelixier gegeben, das auch die in die Zellen selbst gelegten Bedingungen deS Absterben? au« dem Wege zu räu«n«>» vermöchte. Nicht einmal hoh»S Alter geftähr? eistet ihm die sorgsamste Beachtunz und Verhütung. aller Schädigungen. Wir müssen uns mit der von der Erfahrung immerwährend bestätigten Tatsache abfinden, daß dem Leben, selbst wenn ibm von außen keine Schädigungen beikommen könnten, naturgesetzliche Grenzen gezogen sind, die in den Eigenschaften der lebenden Sub- stanz selbst ruhen. Daß sie mit dem Chemismus des Leben-stoffeS in Zusammenhang stehen müssen, ist mehr als wahrscheinlich, aber auf der Bahn der Erforschung dieser äußerst feinen Verhältnisse haben wir erst noch manchen Schritt zurückzulegen, bevor wir zum Verständnis deS Lebens kommen können. Eins scheint mir freilich ausgeschlossen: daß wir auf diesem Wege die Grenzen des Lebens je aufheben könnten. Trotzdem gehört die Frage nach der Unsterblichkeit ebensosehr zu den Problemen des Leben? und des Todes, denn sie mutz sich eingehend mft den Bedingungen für die Veränderungen an dem lebenden Zellen beschäftigen. Mütterbriefe. Ich weiß nichts, was mich so ftef-innig berührt hat, wie die Briefe der Mütter. Nicht», was mir hier draußen zwischen Hassen und Sterben so de« Glauben an daö Leben gestärkt hat und den Glauben an eine bessere Zukunft. Da kenn« ich eine Mutter. Keine von jenen Auch-Müttern, die die leiblich« Pflege ihrer Kinder der Köchin, die geistige und seelische Erziehung dem Kindersräulein überlassen. Nein, eine jener Frauen, die den Begriff„Mutter" in seinem hehrsten und umfasserchstei; Sinn erfüllen. Wo diese Frau all ihre Kraft und ihren Mut hernimms, ist mir rätselhast. Vier Kinder hat sie. Im Alter von zwei bis acht Jahren. (Ihr Mann ist seit Kriegsbeginn Soldat.) Schon in Friedens-» zeiten stellen vier frische, gesunde Kinder die höchsten Ansprüche an die Kraft und die Nerven eines Menschen. Wieviel mehr erst jetzt, während des Krieges. Und wie weiß fie jedes Kind zu nehmen! Ihre Aelteste, der man nur mit Liebe und Güte beikommen kann, Das Jüngere, dessen Eigensinn mehr Energie erfordert als die drei andern zusammen. Wie sauber gehen sie stets gekleidet und wie prächtig sehen sie nock aus— trotz aller Nahrungsschwierigkeiten. Wer weiß, was das heißt: während des Krieges für vier Kinder sorgen zu müssen in einer norddeutschen Großstadt!? Wieviel mehr an Kraft und Ueberlegung beansprucht das heute gegen früher. Und vor allem: wieviel mehr an Zeit. Zeit! Ich glaube, der Tag dieser Frau zählt 48 Stunden. Findet sie nickt— neben der Ernährung, Bekleidung und Er» ztehung ihrer Kinder— noch Zeit für sich? Findet sie nicht noch hier und da ein Stündchen für ein gutes Buch, für ihre eigene. Bildung? Ihrem Mann draußen im Schützengraben schreibt sie inhaltreiche Briefe. Und was sind das für köstliche Briefe! Wieviel Wärme und Freude und Heiterkeit strahlen aus ihren Worten. Mit welcker Anschaulichkeit, mit welch sonnigem Humor weiß sie von ihrem Viergespan zu plaudern. Bon seinen Streichen und Ergötzlichkeitcn. Wie weiß sie unsere sehnsuchtskranken Sinne zu umzaubern, datz wir in blanke Kinderaugen zu sehen, ein helles Kinderlachen zu hören glauben. Uns ist, als ob ein roter Kindermund zu er» zählen anfängt. Und dazwischen weiche Frauenlippen, die locken: Seid Ihr denn noch nicht lang genug draußen? Kommt doch heim! Kommt heim zu uns.... Wieviel Sehnsucht nach Heimkehr und nach Frieden liegt in diesen Briefen. Ohne viel Worte. Zwischen den Zeilen liegt sie. Gleichsam der Hintergrund, von dem alles andere sich heraushebt. Ohne viel Worte. Denn sie wollen uns ja das Herz nichr schwer machen. Auch nicht mit Klagen und ihren Alltagssorgen. !Pir sollen uns keine Gedanken machen um unsere Lieben dabeim. Wir sollen den Kopf nur steif halten. Die zuhause werden schon durckhalten. Dabei klingt doch wieder eine leise Sorge heraus, ob sie auch alles recht macht, damit die Seele ihrer Kinder keinen Schaden nimmt. Datz ihre kindlicken Körper sich trotz der Unterernährung gesund und kräftig entwickeln. Bitterkeit klingt heraus: Könnte nicht so manches besser sein? Unmut, wenn die wenigen Nahrungsmittel, die es gibt, in schlechtem oder verdorbenem Zustand geliefert werden.. Wieviel praktischen Sinn, wieviel Sachverständnis haben diese Frauen. So mancher Volkswitt könnte von ihnen lernen. Und dann habe ich oft das Gefühl: Gewiß, diese Frauen, diese Mütter „gehören ins Haus". Aber welches Glück für uns alle wäre es, wenn eine solche Mutter mit fti der Regierung säße! Diese Frauen und Mütter, sie werden auch noch für die Politik Zeit finden. Und wer zweifelt, datz sie, di« mit soviel Klugheit und Verständnis in ihrem kleinen Kreis wirken, auch in einem größeren Kreis„ihren Mann" stellen würden? Auch einem große» ren Kreis eine Mutter sein könnten? Mit Kopfschütteln und Bedauern denke ich an all diese Kräfte. die noch brach liegen. Di« das VolkSganze so gut gebrauchen könnte und so bitter notwendig braucht.-- Freude und Anregung gehen von euch auS, ihr lieben Mütter» lbriefe. Und das Bewußtsein: ihr Frauen und Mütter, ihr braucht die Augen nicht niederzuschlagen vor uns, wenn wir heimkehren. Wohl haben wir jahrelang unser Leben eingesetzt, um euch und uns und unser Land zu erhalten. Doch unsere Arbeit war Vernichten und Zerstören. Die eure aber Erhalten und Schaffen und Auf- bauen. Euer Leben— nicht das unsere— führt zur Höhe. Und dankbar anerkenne ich's: Eure Taten waren die wertvotterca, K. H. Schillertheater:„der siebente Tag". Das vor Jahren im Komödienhaus aufgefühtte Stückchen van Rudolf Schanzer und Ernst Welisch wurde bei flotter Darstellung mit Beifall aufgenommen. Das Hin und Her der oft recht munter pointierten Reime, mit denen die Schlagsahne' der spielerisch erotischen Situationen garniert ist, hielt das Publikum trotz bedenklicher Länge bis zum Schluß in angeregter Laune. Auch die Kostüme(das Flibtettvochertthema ist in die Zee-t des alten Fritz zurückdatiett), in ihrem Putz zu dem der Verse stimmend, halten besin Erfolge mft. Ein etwas schwärmettsch angelegtes aristokratisches Dämchen hegt noch am Hochzeitstage Zweifel, ob der von ihr Erkorene auch dieses Glücks genügend würdig sei und legt ihm auf der Hochzefts- reise«ine sechstägige Probefrist auf, nach deven tadelloser Absol- Vierung erst der Examinand einer gnädigen Aufnahme in den Ehe- Himmel versichert ssin soll. Natürlich lauft die Sache so ab, datz der Gemahl, ein inS höflich Galante übersetzter Petruchio, unter dem Anschein, als fände er das alles ganz natürlich, die Rollen tauscht und gar nicht merken will, wie sie bald andern Sinnes wird und ibm die Wattezeft gern verkürzen möchte. Und um das Ende doppelt gut zu machen, erhält am siebenten Tag denn zugleich die Freundin, eine junge Witwe, den lang begehrten Bräutigam. Die weiblichen Figuren waren durch Gwstt Becker, Hanna Brohm und Else Wasa ansprechend und pikant vertreten und unter den männlichen standen Alfred BraunS, junger Ehemann, Karl E l z e r, gefoppter Anbeter der jungen Witwe, und Robert A tz m a n n, spindeldürrer nervöser Tanzmeister, an der Spitze. dt. Notizen. — Theaterchronik. Anton Tschechows dieraktiae Komödie Der Kirschgarten" wird demnächst in der VoliSbühns aufgeführt. Friedrich Kaytzler fühtt die Regie. -- Vorträge. In der Urania jede« Abend:„Auf Helao» land."— Di« Vortrag»«he«»e der Gesellschaft für VolkSbildn«, begi n««*; T hoaterfaal, Jnvalidenstr. 57: 2. Oktober, 8 Uhr; ftunftgeteerbeniuseum; S, Oktober, 8 Uhr; Aula Realschule Boddinstr. 34, Neukölln: 8. Okiober, Son»tag»ach«rittaz 8 Uhr. Vorttagspla«(tv Pf.) NW., Dünebuvger Str. Ll. — Der Verein von Freunden der Treptow» Sternwarte kann am 1. Oktober auf zwei Jahrzehnte seine? Arbeit zurückblicken. In dieser Jett find gegen 450 allgemeinverständliche Vorträge gehalten worden. Von der Zeftschttft„DaS Weltall", die den Mitgliedern ohne Nachzahlung geboten wird, liegt der 18. Jahrgang vor. Ueber eine Million Besucher haben in dieser Zeit die Sternwarte besucht. Der Jahresbeitrag beträgt 12 M. und gewähtt zu allen Veranstaltungen ZuWitt zu halbem Preis. — Die erste Eisenbahn auf Island. Zu den Ländern, die bisher noch von keinem Eisenbahnnetz durchquett wu>r- den, gehört Island. Seine 80 000 Bewohner besiedeln fast nur einen ganz schmalen Küstenstrich, und dev Verkehr wird an der Küste billiger und einfacher mit Schiffen vermittelt. Erst neue industrielle Pläne, die bereits zu der Gewinnung von Kohle ge- fühtt haben, legten den Plan eine? Eisenbahnbauss nahe. Die Bahn soll, wie der„Prometheus" mitteilt, Reykjavik mit dem im Inneren gelegenen Thingvallameer verbinden, dessen bedeutende Wasserkräfte zur Gewinnung von elektrischer Kraft ausgenutzt wer- den sollen. — Milchi«»löcken. Zur««rsentmng vs« Milch»ruf weite Strecken hat es sich al» gwkcknähig«rwieftm, etwa ein Drittel der Milch in Blöcken von 10 bi» 35 Kilogramm zu gefvienen. Mit diesen Blöcken werden die durch scklecktleitende Stoffe gegen Wärm« gesicherten Versandbehältcr von Schufen oder Eisenbahnwagen zu oincm Drittel beleg:; der übrige Raum wird mit keimfrei gemachter, auf 4 Grad gekühlter Milch aufgefüllt. De so behandelte Milch hält sich drei bis viar Wochen.>-